DARK PHOENIX

„I’ve seen evil… and I’m looking at it now.“

Dark Phoenix (X-Men: Dark Phoenix) ~ USA/CAN 2019
Directed By: Simon Kinberg

Die „neue Vergangenheit“, 1992: Ein Rettungseinsatz im All konfrontiert die X-Men mit einer gewaltigen außrirdischen Macht, die sich mit der Telepathin Jean Grey (Sophie Turner) verbindet. Zurück auf der Erde ergreift jene Entität mehr und mehr Besitz von der ohnehin mächtigen Mutantin, derweil Charles Xavier (James McAvoy) alles dafür tut, sie zu retten und das zuletzt durch sein Insistieren hart erarbeitete, positive Renommee des homo superior zu wahren. Als durch Jeans Verschulden jedoch die Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence) zu Tode kommt, geht ein Riss durch die X-Men – Hank McCoy (Nicholas Hoult) verbündet sich mit Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), die die immer wütendere Jean geneinsam aufhalten wollen. Doch sind da noch die D’Bari – Aliens, die der Jean inhärenten „Dark Phoenix“-Macht den Verlust ihres Heimatplaneten anlasten und sich nun mit dessen Hilfe auf der Erde ein neues Zuhause schaffen wollen. Dafür müssten Menschen und Mutanten jedoch aus dem Weg geräumt werden…

Um es kurz zu machen – „Dark Phoenix“, sowohl Sequel als auch Reboot, ist alles in allem der enttäuschendste aller bislang erschienen „X-Men“-Filme und unterbietet damit sogar noch Gavin Hoods erstes „Wolverine“-Solo. Bereits die Wahl des Regisseurs sät a priori berechtigte Zweifel am Gelingen des Projekts – mit Simon Kinberg entschied man sich für jemanden, der seit Brett Ratners „X-Men: The Last Stand“, also dem ursprünglich im Film erzählten Niedergang der damals noch von Famke Janssen gespielten Jean Grey, als Scriptautor und/oder Produzent an den meisten der seither erschienen Mutanten-Abenteuer beteiligt war, bis dato jedoch keinerlei inszenatorische Erfahrung aufwies. A posteriori zeigt sich bestätigend, dass ausgerechnet die von Kinberg geschriebenen X-Storys stets die schwächeren waren, was seiner Verpflichtung als Vorarbeiter ein nachgestelltes Stirnrunzeln abverlangt.
Ala Adaption der Comic-Original-Strecke von Chris Claremont und John Byrne, die zuerst 1980 in den Ausgaben 129 bis 138 der Serie „Uncanny X-Men“ erschien und seither als ewiger Klassiker zigmal neu ediert wurde, scheitert Kinberg jedenfalls nochmals genauso pompös wie bei seinem ersten Versuch mit „The Last Stand“. Auf wesentliche Elemente wie die Shi’ar und deren (mit Xavier nicht nur romantisch verbundenen) Herrscherin Lilandra Neramani oder das außerirdische Tribunal, dem sich Jean Grey und ihre Freunde stellen müssen, wurden aus Gründen der Komplexitätsreduktion verzichtet. Stattdessen bietet der Film vor allem seinen Stars Jennifer Lawrence, die (aus naheliegenden Gründen) offenbar keinen Bock mehr auf ihre „X-Men“-Beteiligung hatte und sich somit kurzerhand aus dem Franchise pfählen ließ sowie „Game-Of-Thrones“-Entdeckung Sophie Turner (die der charismatischen Janssen in keinster Weise das Wasser reichen kann) hinreichend Onscreen-Plattform und flicht außerdem noch den anscheinend zwingend zu beteiligenden Fassbender alias Magneto mit ein. Als wild fightender Wolverine-Ersatz muss im Showdown ausgerechnet der als höflich und liebenswert bekannte Kurt „Nightcrawler“ Wagner (Kodi Smit-McPhee) herhalten – eine wenig akzeptable Wendung für diese doch so konträr gelagerte Figur. Und die schöne Jessica Chastain? Die wird bloß unbekümmert verheizt.
Was ich mit alldem bereits zu verdeutlichen versuche, zeichnet sich anhand des gesamten Films ab – er wirkt von vorn bis hinten wie eine mühselige, für alle Beteiligten verpflichtende Plackerei, eine hochbudgetierte Pflichtübung, deren einziger Existenszweck ihre kommerzielle Spannweite zu sein scheint. Es gibt nur wenige schöne oder spannende Momente von der Art etwa, die Jean ihren (für sie überraschend überlebenden) Vater (Scott Shepherd) aufsuchen und zur Rede stellen lässt, sie bleiben Mangelware in diesem zwar professionell gefertigten, am Ende aber doch sich selbst und seinem Publikum gegenüber spürbar gleichgültig auftretenden, mediokrem Spektakel. Dass hier ein paasgetreuer Punkt erreicht wäre, um aufzuhören, wage ich in Anbetracht vieler schöner früherer Stunden mit den „X-Men“ nicht zu konstatieren; zudem ist „Dark Phoenix“ dafür doch noch nicht genug veritable Katastrophe. Ob die Super-Mutanten demnächst dann auch ihr eigenes „Homecoming“ in den Schoss des MCU erleben werden, mag sich ja ferner noch erweisen.

5/10

HELLBOY

„I’d appreciate a prophecy with more relatable stakes.“

Hellboy (Hellboy – Call Of Darkness) ~ UK/USA/BG 2019
Directed By: Neil Marshall

Nachdem Hellboy (David Harbour) für das B.P.R.D. seinen Kollegen Esteban Ruiz (Mario de la Rosa) in Tijuana ausfindig  macht und dessen überraschend erneuerte Existenz als Vampir eher versehentlich beendet, schickt sein Vormund Professor Bruttenholm (Ian McShane) ihn nach England, um den lokalen Dämonenjäger-Club Osiris dabei zu unterstützen, ein paar menschenfressenden Riesen den Garaus zu machen. Doch erweist sich Hellboy als Hauptziel von Osiris, die ihn für den Vorboten des Weltuntergangs halten. Zeitgleich hilft nämlich ein alter Gegner des Höllenknaben, der Gruagach, der Superhexe Nimue (Milla Jovovich) bei ihrer Wiederauferstehung. Nimue plant bereits, sich mit Hellboy zu vermählen, um die Menschheit in Blut und Chaos zu stoßen. Von Nimue beeinflusst gerät dieser tatsächlich in Gewissenskonflikte ob seines infernalischen Erbes und findet zudem die Wahrheit über seine Herkunft heraus. In seinen zwei neuen Partnern, der mächtigen Hellseherin Alice Monaghan (Sasha Lane) und dem M11-Agenten Ben Daimio (Daniel Dae Kim), findet Hellboy tatkräftige Unterstützung auf seinem jüngsten Feldzug gegen das Böse.

Das „Hellboy“-Reboot von Neil Marshall erwies sich nicht nur als ein gnadenloser Box-Office-Flop, auch das Feuilleton und eingefleische Fans zeigen ihm beständig großflächig die Rote Karte. Vor allem im Vergleich zu Guillermo del Toros vormaliger, sehr beliebter Dilogie mit Ron Perlman äußert sich ein Höchstmaß an Verächtlichkeiten. Diese sind zumindest teilweise auch gewiss berechtigt. Waren „Hellboy“ und sein Sequel „The Golden Army“ nämlich noch hochbudgetierte, visuell reiche Comicfantasy-Märchen mit weitgehend familienfreundlicher Agenda, die vor allem dank der reichaltigen und lustvollen Kreativität del Toros ihr ganz eigenes Kinouniversum schufen, kann der 19er-„Hellboy“ nichts von alledem mehr einlösen. Die Neuauflage bietet stattdessen flottes, lautes Konsumkino für Videospieler und Splatterkids, ist vulgär, blutig und manchmal widerlich, genreverbunden und leider nur überaus mäßig getrickst. Die oftmals unfertig und wie vor zwanzig Jahren entstanden wirkenden CGI finden sich ergo nicht unberechtigterweise ebenso im Fadenkreuz der scharfen Kritik.
Von der vormaligen, eigenwilligen Poesie, von inszenatorischer Eleganz oder Charme finden sich bei Marshall nunmehr tatsächlich kaum mehr Spuren; nach einer neunjährigen Kinounterbrechung (mit Ausnahme eines Episodenfilm-Beitrags) geht der Engländer viel lieber in die Vollen und macht aus David Harbours Hellboy ein prolliges, Sprüche klopfendes Großmaul ohne die meisten der melancholischen Zwischentöne, die Ron Perlman noch seiner sehr viel nuancierteren Charakterisierung angedeihen ließ. Der neuere Film-Hellboy wirkt im Gegenzug sehr viel leichter, unbedarfter und kinetischer und holzt sich mit sehr viel mehr aktionistischer Chuzpe durch die Reihen seiner dämonischen Gegner.
Mit etwaiger feingeistiger Erwartungshaltung sollte man, so überhaupt das Bedürfnis aufkeimt, sich Marshalls zudem noch dramaturgisch brüchig wirkendem (auf vier jüngeren Hellboy-Comic-Storys basierendem) Höllenritt nicht gegenübertreten. Wer indes allerdings das poppigere Tongue-in-cheek-Potenzial der Figur basal zu schätzen weiß und sich vielleicht auch sonst in bestimmten Fällen (sprich: schludrigen Comic-Adaptionen wie etwa David Ayers atmosphärisch nicht allzu unähnlichem „Suicide Squad“) genügsam wähnt, der mag es einmal mit „Hellboy“ 19 probieren. Allen anderen bleibt ja der große Bogen.
Ich selbst darf fazitär immerhin freigemut zugeben, dass ich trotz mancher Kopfschüttelei insgesamt recht viel – obschon gewiss flüchtigen – Spaß mit ihm hatte und sogar gern eine Fortsetzung gesehen hätte. Von dieser kann man sich ja aber nun wohl bis auf Weiteres verabschieden.

6/10

PUPPET MASTER: THE LITTLEST REICH

„Do you have a Menorah here?“

Puppet Master: The Littlest Reich ~ USA/UK 2018
Directed By: Sonny Laguna/Tommy Wiklund

Exakt dreißig Jahre nach einem mysteriösen Massaker, hinter dem der in Sachen Okkultismus bewanderte Puppenmacher und hingebungsvolle Altnazi André Toulon (Udo Kier) steckte, findet eine Fan-Convention statt, die diverse Besitzer der makabren Puppen aus aller Welt zu einer großen Auktion und einschlägig Interessierte zu Toulons mittlerweile als Museum fungierender Villa in Texas locken. Auch den kürzlich geschiedenen Comicautoren Edgar (Thomas Lennon), seine neue Freundin Ashley (Jenny Pellicer) sowie seinen Arbeitgeber und besten Kumpel Markowitz (Nelson Franklin) zieht es zu dem Event, nicht zuletzt, da Edgars eigene Vergangenheit direkt mit einer von Toulons Puppen verknüpft ist. Als die kleinen Kerle allesamt zeitgleich zu neuem, unheiligen Eigenleben erwachen, richten sie sogleich ein derbes Blutbad unter ihren gemeinsam in einem Hotel residierenden Besitzern an. Ist Toulon selbst am Ende gar nicht tot und zieht weiterhin die Fäden aus dem Hintergrund…?

David Schmoellers für Charles Bands Spielzeughorrorstudio Full Moon inszenierter „Puppet Master“ hat nunmehr genau drei Jahrzehnte auf dem Buckel. Dem Original wurde unterdessen viel liebevolles Expertenlob zuteil, derweil in den Folgejahren ganze zehn Sequels plus einem Crossover entstanden und das buchstäblich kleine Franchise damit zu einem der beständigsten Serials im Genre machten. Während die Horrorwurzeln zugunsten der den Thema ebenfalls inhärenten Fantasyelemente gelegentlich etwas in den Hintergrund gedrängt wurden, bildet die vorliegende, ganz postmodern als „Reboot“ zu kategorisierende, von Fangoria produzierte Neuinterpretation wohl die blutrünstigste der bisherigen Installationen.
Für die beiden schwedischen Genre-Aficionados und Regisseure Tommy Wiklund und Sonny Laguna bot sich mit „The Littlest Reich“ analog dazu die willkommene Gelegenheit, ein kleines event movie mit ein paar Gaststars und deutlich höherem Budget als bislang gewohnt zu inszenieren, dessen Script zudem vom derzeit selbst als Filmemacher reüssierenden S. Craig Zahler stammt. Wer Zahlers eigene Regiearbeit kennt, weiß, dass er von pointierter, heftig-metanaturalistischer Effektarbeit geradezu angezogen wird, eine Tatsache, die sich auch in „The Littlest Reich“ niederschlägt. So sind nicht allein die oftmals in groteske Gefilde abdriftenden, handgemachten Goresequenzen eklatante Merkmale seines Stils, sondern auch die gleichsam stark ironisierte wie bitterböse konnotierte Verwendung von Naziploitation als gattungsprägendem Merkmal – ein Kunstgriff, der nicht jedem Rezipienten umweglos munden dürfte, obschon Zahler ja höchstselbst jüdischstämmig ist.
Aus dem ehedem von William Hickey und später von Guy Rolfe gespielten, von den Nazis verfolgten André Toulon wurde in der modernisierten Variation unter dem unverwüstlichen Udo Kier selbst ein bösartiger Handlanger Hitlers und Befürworter der Herrenrassentheorie, dem nach Kriegsende die Flucht nach Amerika gelang und der alles, was vom nordischen Ideal des arischen Übermenschen abweicht (und sei es bereits durch die sexuelle Ausrichtung), gnadenlos durch seine dämonischen Helfershelfer auslöschen lässt (die gezeichnete Titelsequenz fasst dies in famoser Weise zusammen). Von den manchmal geradezu putzigen Sympathieträgern der früheren „Puppet Master“-Filme könnten die aktuellen Horrorpüppchen also kaum weiter entfernt sein. Die Voraussetzungen passen also, dennoch wirkt „The Littlest Reich“ für die meisten Minuten seiner kurzen Erzählzeit eher unbeteiligt-unterkühlt und infolge dessen zuweilen zynischer, als es ihm guttut. Möglicherweise ist es den Regisseuren anzulasten, dass der Film keine echte Homogenität entwickeln will; dass selbst die als Sympathieträger veräußerten Heldinnen und Helden und ihre Schicksale einem weitgehend gleichgültig bleiben und die biestigen Effekte ein wenig den Eindruck von gesetzten Häkchen auf einer minutiös vorausgeplanten Checkliste hinterlassen.
Ob die vielen losen inhaltlichen Enden und unbeantworteten Fragen dereinst nochmals aufgegriffen werden oder das bereits angedrohte Sequel das Potenzial dieser Neuausrichtung gewinnender zu nutzen vermag, wird die Zeit erweisen. Fürs Erste ist jetzt gut.

6/10

HALLOWEEN

„Say something!“

Halloween ~ USA 2018
Directed By: David Gordon Green

Exakt vierzig Jahre, nachdem der wahnsinnige Michael Myers (Nick Castle/James Jude Courtney) im Städtchen Haddonfield zu Halloween eine Mordserie zu verantworten hatte, soll er von seiner bisherigen Heimstatt Smith’s Grove in eine andere Psychiatrieklinik verlegt werden. Zwei Journalisten (Rhian Rees, Jefferson Hall), die den Fall nochmals aufrollen, konfrontieren kurz zuvor den inhaftierten Michael mit seiner damals identitätsstiftenden Maske, scheinbar ohne ersichtliche Reaktion. Die ebenfalls von den Reportern aufgesuchte Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), einzige Überlebende des einstigen Massakers und mittlerweile zweifach geschiedene Mutter und Großmutter, hat sich in ein festungsähnliches Haus mitsamt diversen Waffen und booby traps zurückgezogen, wo sie seit Jahr und Tag auf Myers‘ unausweichliche Rückkehr wartet. Es kommt, wie es kommen muss: Michael kann bei der Überführung fliehen und sucht umgehend seine frühere Wirkungsstätte, auf um dort erneut ein Blutbad anzurichten.

Ein sehr zweischneidiges Schwert, dieser neuerliche, (Tommy Lee Wallaces abtrünniges Zweitsequel sowie Remake und Fortsetzung inbegriffene) elfte, diesmal unter Blumhouse-Ägide entstandene Aufguss der Myers-Mär, von der bisher jeder weitere Film einen logischen Schlusspunkt hätte abgeben mögen. Da die mittlerweile in Ehren ergraute Curtis allerdings bereits zum zwanzigsten Jahrestag in einem ziemlich schwachen Reboot zurückkehrte, ließ sie es sich nunmehr nicht nehmen, jene Rolle, der ihre Karriere den vermutlich wesentlichsten Aufschwung verdankt, heuer aufs Neue (und somit zum fünften Mal) ihre Ehrerbietung zu erweisen. Dass man spätestens in zwei Jahrzehnten wiederum mit ihr rechnen sollte, ist insofern keineswegs ausgeschlossen.
Während Steven Miners „H20“ auf der reinen Handlungsebene seinerzeit jede Fortsetzung bis auf Rick Rosenthals Erstsequel, in dem wir den wesentlichen Grund für Michael Myers‘ Mordmotivation erfahren (nämlich den, dass Laurie in Wahrheit seine Schwester ist und er danach trachtet, sämtliche Familienmitglieder zu beseitigen), für null und nichtig deklarierte, geht der jüngste Beitrag, der sich verwirrenderweise nurmehr „Halloween“ tituliert, noch einen Schritt weiter und setzt, ganz offensichtlich aus rein logistischen Gründen (am Ende von „Halloween II“ ist deutlich zu sehen, dass Michael verbrennt) direkt nach Carpenters seit jeher unangetastetem Original an: Michael, der damals ja urplötzlich verschwunden schien, war, so erfahren wir bald, von einem umtriebigen Polizisten (Will Patton) in Gewahrsam genommen und wieder dingfest gemacht worden. Seither ist er zurück in Smith’s Grove, wo er nach dem Ableben von Dr. Loomis unter der Obhut von Loomis‘ Schüler Dr. Sartain (!) (Haluk Bilginer) steht. Die nachhaltig traumatisierte Laurie rechnet indes permanent mit einem weiteren Ausbruch ihrer Nemesis und widmet ihr gesamtes Leben der Erprobung des unvermeidbaren Ernstfalls. So weit die Prämisse, die dann mit Michaels jubilarischer Flucht ihre notwendige Sollbruchstelle erhält. Der Mann mit der Maske bekommt dann auch allerlei Gelegenheit für einen blutigen Feldzug, der ihn wiederum nach Haddonfield und unbeirrbar auf die Spur von Laurie und ihrer Familie führt. Worin diesmal die Beweggründe für sein durchaus gezieltes Vorgehen liegen (das Script versichert uns einmal per Dialog, dass Michael und Laurie nicht miteinander verwandt sind), bleibt diffus; die beste Erklärung ist wohl die, dass Michael es schlichtweg nicht leiden mag, wenn ihm jemand entkommt. Jedenfalls holzt der Gute mit einer Qualität und Quantität, die schon deutlich derber daherkommt als bislang gewohnt und die bei einer Sechzehner-FSK die Tatsache, dass „Halloween II“ in seiner ungekürzten Fassung bei uns noch immer beschlagnahmt ist, umso stirnrunzliger erscheinen lässt. Die rohe Brachialität von Michaels Werksgang erinnert dann auch vielmehr an die beiden Zombie-Filme, wobei auch dies zur basalen Konzeption von „Halloween (2018)“ gehört: An nahezu sämtliche bisherigen Beiträge zum Franchise gibt es Reverenzen, die natürlich jede für sich fluides Balsam für den akribisch-aufmerksamen Fan bilden. Als von klassischen bzw. traditionsverpflichteten Versatzstücken strotzender Slasher ist Greens Film nicht nur insofern gewiss gelungen. Es gibt eine Menge Tote, und garantiert keiner von ihnen klopft hübsch herausgeputzt an die Himmelspforte.
„Halloween (2018)“ ist aber leider auch ein ausgesprochen dämlicher Film, dessen Script und inhärente Dramaturgie selbst bei oberflächlichster Betrachtung mitunter schreiend löchrig wirken. Die Faux-pas‘ strotzen. Ich sehe es nun nicht als meine Aufgabe an, ebenjene zu benennen oder aufzulisten, aber sie sind, soviel sei gesagt, mehr denn augenfällig. Ebendiese Nachlässigkeiten versagen dem immerhin bahnbrechend erfolgreich gestarteten Werk, dass man es als uneingeschränkt erfreuliches reinstallment des Klassikers bezeichnen könnte; er erweist sich stattdessen immer wieder als wie erwähnt von entwaffender Dummheit beseelt. Da gewissermaßen auch das – oder sagen wir besser – eine gewisse, hirnerweichende Naivität, eines der ubiquitären Merkmale des Slasher-Subgenres ist, mag man in diesem Fall ein Nachsehen haben. Diebische Freude macht Greens „Halloween“ zumindest, soviel kann und darf man sagen.

6/10

VACATION

„The new vacation will stand on its own.“

Vacation ~ USA 2015
Directed By: John Francis Daley/Jonathan M. Goldstein

Ganze 32 Jahre nachdem die Reise mit seiner Familie quer durch die Staaten in einem mittleren Chaos gipfelte, beschließt der seinerzeit im Teenager-Alter befindliche und nun selbst zum gesetzten Familienvater avancierte Rusty Griswold (Ed Helms), eine Neuauflage der damaligen Fahrt in den kalifornischen Freizeitpark „Walley World“ zu unternehmen. Was Frau Debbie (Christina Applegate) und die beiden Söhne James (Skyler Gisondo) und Kevin (Steele Stebbins) gleich von Beginn an für eine dürftige Idee halten, entwickelt sich auch heuer zu einem mehr als denkwürdigen Roadtrip.

Unerwartet erfreulicher Neueintrag in das filmische Familienalbum der Griswolds, diesmal mit der Nachfolgegeneration, nominell dem seinem Vater Clark (Chevy Chse) in keiner seiner recht speziellen Charakterausprägungen nachstehenden Filius Rusty (in vierter und erwachsener Inkarnation treffend gespielt von Ed Helms). Da der aktuelle Film sich nicht nur als Sequel, sondern gewissermaßen auch als „Reboot“ begreift, müssen die Autoren Daley und Goldstein gewissermaßen mit dem Originalitätsfaktor um die Wette rudern, meistern diese Aufgabe jedoch recht souverän. Der Humor changiert zwischen Harold Ramis‘ „Original“ ebenbürtig geschmacklos bis grenzüberschreitend sowie geflissentlich vorhersehbar, kann am Ende jedoch bestimmt drei Viertel der Gags auf der Habenseite verbuchen. Jedoch leistet sich „Vacation“ ’15 auch einen kaum verzeihlichen Lapsus: wo im Original noch volblütige Rundumschlagssatire waltete, kommt man gegenwärtig nicht umhin, die amerikanische Familie ein weiteres Mal zur ehernen Institution hochzujubeln und sich unverfroren biederen Heile-Welt-Idealen hinzugeben. Bildete Ramis‘ Film noch einen Rundumschlag gegen die unter den aufblühenden Reagonomics ächzende Seeadler-Nation nebst ihrem völlig verqueres Selbstverständnis, so bleibt die Komik im zweifelnden, angsterfüllten Zeitalter Barack Obamas zwar goutierbar, aber gleichfalls privatsituativen Bahnen verhaftet. Reaktionär gesprochen könnte man die beiden „Vacation“s im Direktvergleich auch als Metapher für die Entwicklung der US-Mainstream-Komödie in drei Dekaden lesen: von der verschmitzten Scharfsinnigkeit führt der Weg hin zum reinem Entertainment verpflichteten Gebrauchsvehikel, von der Intelligenzia hin zur oberflächlichen Affektbefriedigung. Genau darum wird Daleys und Goldsteins „Vacation“ auch niemals den Status seines Vorbildes bekleiden, was allerdings keinen grundsätzlich Interessierten davon abhalten sollte, sich zumindest über die gegebenen neunzig Minuten lang köstlich mit ihm zu amüsieren.

7/10

THE TOWN THAT DREADED SUNDOWN

„I just don’t understand why he thinks we deserve this.“

The Town That Dreaded Sundown (Warte, bis es dunkel wird) ~ USA 2014
Directed By: Alfonso Gomez-Rejon

2013 wird wie zu jedem Halloween in Texarkana Charles B. Pierces Film „The Town That Dreaded Sundown“ im hiesigen Autokino aufgeführt. Doch hat sich in diesem Jahr urplötzlich jemand dazu entschlossen, die alte Tradition der „Moonlight Murders“ wieder aufleben zu lassen und tötet, in exakter Manier des früheren Phantom-Killers, den sympathischen Schüler Corey (Spencer Treat Clark), der mit seiner Freundin Jami (Addison Timlin) zum Knutschen auf die örtliche Lover’s Lane gleich hinterm Kino gefahren ist. Jami kann entkommen. Bei diesem einen Mord bleibt es nicht. Ihm folgen bald diverse weitere Gewalttaten nach, die ihr Vorbild im Film und damit auch in der ursprünglichen Realität von vor 67 Jahren finden. Jami, die die erste Attacke des Killers ja hautnah miterleben musste, entschließt sich, in der Sache auf eigene Faust zu ermitteln, wobei ihr der schüchterne Nick (Travis Tope) zur Hand geht. Die beiden stoßen schließlich auf Charles B. Pierce jr. (Denis O’Hare), den Sohn des Regisseurs, der ihnen einen entscheidenden Hinweis für die Tätersuche liefert. Doch bevor Entscheidendes passieren kann, stellt sich Jami auf den Druck ihrer Großmutter hin der Realität: Sie ist in Kalifornien am College angenommen worden und will die Reise dorthin umgehend antreten. Der Phantom-Killer jedoch lässt sie nicht so einfach fort…

Welche Motivation Regisseur und Autor bewogen haben mag, Charles B. Pierces klassischem Slasher einen Neuanstrich zu verpassen und ihn einem solch alles andere als elaborierten Reverenzszenario auszusetzen, ist mir nach der eigentlich recht neugierig antizipierten Betrachtung nurmehr schleierhaft. Gut, die Idee, den Film selbst und auf etwas hanebüchen herbeigeführte Weise sogar einen der – allerdings von einem Schauspieler interpretierten – Söhne des damaligen Regisseurs eine Schlüsselrolle spielen zu lassen, mag in ihren Grundzügen ja durchaus nett sein; diese Art der Selbstreferenzialität ist jedoch spätestens seit Cravens „Scream“-Tetralogie, die eigentlich alles zum Thema gesagt hat, beileibe nicht mehr so innovativ, wie der Film sie gern verkaufte. Zudem scheitert Gomez-Rejon auf ganzer Linie darin, „The Town That Dreaded Sundown“ die vermutlich intendierte Frischzellenkur durch eine zeitgemäße, mediale Anbindung zu verabreichen. Die Morde fallen hier zwar um Einiges plastischer und blutiger aus, wo Pierce auf allzu grobe Details verzichtete, das lässt sie jedoch keinesfalls grausliger wirken. Zudem fälscht das Reboot ein entscheidendes, psychologisches Detail des Originals ab: Dieses untersuchte, passend zum Titel, die Auswirkungen der Serienmorde auf die Stimmung innerhalb der Stadtbevölkerung, die sich durch die scheinbar wahllosen Attacken des Killers extrem enervieren und terrorisieren ließ. Gomez-Rejons Fassung deklariert jenen Aspekt derweil zur Nebensächlichkeit und schrumpft stattdessen zum komplexitätsreduzierten Whodunit zusammen, der, wiederum ein Zugeständnis an konventionell- etablierten Subgenre-Strukturalismus, am Ende auch noch mittels haarsträubendster Wendungen aufgelöst wird. Anthony Anderson ist nebenbei ganz gewiss kein Ben Johnson, bei aller Liebe nicht. Hervorhebenswert sind einzig die einfallsreiche Visualisierung und manche inszenatorische Spielereien, die hier und da ein wenig von der von Redundanz geprägten Dramaturgie ablenken.
Summa summarum war mir das allerdings deutlich zu wenig.

4/10