THE RITUAL

„If the shortcut was a shortcut, it wouldn’t be called a shortcut, it would be called a route.“

The Ritual ~ UK 2017
Directed By: David Bruckner

Eine Wanderung vierer Londoner Freunde (Rafe Spall, Sam Troughton, Robert James-Collier, Arsher Ali) durch die schwedische Bergwelt wird von einem finsteren Ereignis überschattet, das bereits einige Monate zurückliegt: Damals wurde ihr Kumpel Robert (Paul Reid) während des Überfalls zweier Krimineller (Matthew Needham, Jacob James Beswick) auf einen Getränkeladen erschlagen, ohne dass der ebenfalls anwesende Luke (Spall) das Unglück verhindert hätte. Luke leidet immens unter seinen Schuldgefühlen, was weder er noch einer der anderen zur Sprache bringt. Als Dom (Sam Troughton) sich ein Knie verstaucht, entschließt man sich, eine Abkürzung durch die Wälder zu nehmen – ein verhängnisvoller Fehler, denn nachdem sich das Quartett verlaufen hat, wird man gewahr, dass eine unheimliche, monströse Entität ihr Unwesen im Dickicht treibt…

„The Ritual“ zehrt, wie ja eigentlich jeder jüngere Horrorfilm, von etlichen Vorbildern, die das Genre teils bereits vor Jahrzehnten, aber auch erst vor deutlich kürzerer Zeit hervorgebracht hat. So lassen sich neben motivischen Versatzstücken aus „The Wicker Man“ oder „The Blair Witch Project“ auch jüngere Vorbilder wie „Trolljegeren“ und der wiederum bereits selbst an Robin Hardys Klassiker rekurrierende „Kill List“ wiederfinden. Dabei findet Bruckners im ungewöhnlichen 2,00:1-Bildkader gefilmte Netflix-Produktion ziemlich gemächlich und erst nach und nach zu sich sowie seinen zumindest ansatzweise vorhandenen Stärken, wenn nämlich nach dem üblichen Brimborium um die langsam um sich greifende Angst und damit verbundene Unruhe unter den Freunden, die langsame Erkenntnis der Ausweglosigkeit ihrer Situation und ihres Ausgeliefertseins sowie die erste Dezimierung der Gruppe gesetzt sind, die dramaturgischen Obligos also abgehakt sind und der eigentlichen Originalität Raum geschlagen werden kann. Diese formiert sich im letzten Drittel in Form eines heidnischen Kults, dessen Handvoll Anhänger versteckt in den Wäldern und offenbar seit Äonen ein gottähnliches Wesen, einen Jötunn, anbeten und ihm regelmäßig Opfer darbringen. Diesen Jötunn, so wie „The Ritual“ in visualisiert, muss man sich in etwa als eine Art gigantischen Elch mit skeletthaftem Äußeren und gestaltwandlerischen Fähigkeiten vorstellen, der sich grunzend und blökend durchs Gehölz pflügt. Seine Opfer spießt er wie Mahnmale an kahle Äste, wo sie dann verenden und vor sich hinhängen. Im Gegenzug für ihre Treue erhalten seine Anbeter offenbar eine verlängerte Lebensspanne. Für den schuldgeplagten Luke erweist sich der Jötunn am Ende natürlich als sehr viel mehr – ihm bietet sich durch die unausweichliche Konfrontation mit dem Biest nämlich die Möglichkeit zu symbolischer Wiedergutmachung; indem er das kleine Dorf der Paganisten niederbrennt, erfüllt er seinem kurz zuvor geopferten Freund Dom dessen letzten Wunsch. Auch erweist sich Luke als stark genug, dem Jötunn zu trotzen, nicht etwa, indem er ihn besiegt, sondern indem er ihm sich nicht als Opfer darbietet, sprich: Widerstand zeigt. Das ganze Abenteuer erweist sich für Luke also als eine Art Konfrontationstherapie – unter Einbeziehung der Tatsache, dass selbige jedoch auch seine drei letzten Freunde das Leben kostet, eine recht kostspielige Angelegenheit.

7/10

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PILGRIMAGE

„Do what you can.“

Pilgrimage (Gottes Wege sind blutig) ~ IE/BE/USA 2017
Directed By: Brendan Muldowney

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts kommt der Zisterzienser Geraldus (Stanley Weber) in ein entlegenes Kloster ganz im Westen der irischen Insel, um eine dort lagernde Reliquie, jenen Stein, der einst den Apostel Matthias (Nikos Karathanos) erschlug, zum Vatikan zu bringen, wo just ein neuer Kreuzzug erwogen wird. Mit einer kleinen Eskorte, darunter der junge Novize Diarmuid (Tom Holland) und ein stumme Hüne (Jon Bernthal), reist Geraldus quer über die Insel, stets bedroht von kriegerischen Kelten und dem verräterischen Normannenprinz Raymond De Merville (Richard Armitage), der das Artefakt für sich beansprucht.

Gut, dass mir bis dato ausnehmend positiv aufgefallene Ire Brendan Muldowney Nicolas Winding Refns „Valhalla Rising“ gesehen und sich zumindest für die Zeichnung des von Jon Bernthal mit einigem Körpereinsatz gegebenen, stummen Mönchs von diesem hat inspirieren lassen, sei einmal außer Frage gestellt. Das macht aber in Anbetracht des rundum gelungenen Resultats auch überhaupt nichts.
Wie Muldowney respektive sein Autor Jamie Hannigan den Wert der Kirche und ihrer Vorgehensweise in mittelalterlichen Tagen einschätzen, bleibt ferner angesichts des blutigen Verlaufs der Ereignisse kaum offen: Um einen großen Kreuzzug zu stützen wird gewissermaßen ein kleiner [oder eine „Pilgerfahrt“, um im (anti-)sakralen Duktus des Films zu bleiben] vorangestellt, der in Gewalt, Leid und Chaos endet. Besonders reizvoll erscheint innerhalb dieses von einer ausgezeichneten Bildsprache unterstützen, gräulichen Abenteuers die Konstellation der Heldenfiguren, die einen sich welterfahren wähnenden französischen Geistlichen sowie die aus beinahe atavistischem Lebensumfeld stammenden irischen Mönche miteinander koppelt. Der just als neuer „Punisher“ von sich reden machende Bernthal ist dabei als beinahe mythologisch konnotierter „Superheld“ von mysteriöser Herkunft zu sehen, dessen rohe, gewaltige Wehrhaftigkeit sich, einmal entfesselt, mit gewaltiger Wucht wider seine Gegner entlädt. Marvel ist zum Leidwesen vieler Zeitgenossen ja momentan ohnedies überall, insofern gibt es mit dem Nachwuchs-„Spider-Man“ Tom Holland gleich noch ein Mitglied aus dessen wachsender Filmfamilie zu beklatschen.
Für entpuppte sich der in zielsicher Ambivalenz ebenso kontemplative wie wuchtige Film über die dark ages als spätes Jahreshighlight und unbedingt sehenswertes Genrestück ganz nach meinem Gusto. Blut, Stahl und Barbarei, die haben es mir schon immer irgendwie angetan und „Pilgrimage“ bewies mir aufs Neuerliche eindrucksvoll, warum.

9/10

THE STRAIGHT STORY

„What do you need that grabber for, Alvin?“ – „Grabbin‘.“

The Straight Story ~ USA 1999
Directed By: David Lynch

Als der in Iowa lebende Senior Alvin Straight (Richard Farnsworth) erfährt, dass sein Bruder Lyle (Harry Dean Stanton) einen Schlaganfall erlitten hat, entschließt er sich, ihn im Nachbarstaat Wisconsin zu besuchen um einen seit zehn Jahren schwelenden Streit endlich beizulegen. Da Alvin wegen seiner kaputten Hüfte schlecht zu Fuß ist und keinen Führerschein hat, wählt er den Rasenmäher samt Anhänger als Transportmittel und tritt eine mehrwöchige Reise an, bei der die Langsamkeit und die Besinnlichkeit Trumpf sind.

Der Titel des neben „The Elephant Man“ bis heute linearsten aller Langfilme David Lynchs lässt sich gleich in zweifacher Weise auffassen und verstehen: Vor allem natürlich als biographische Momentaufnahme des gleichnamigen Protagonisten; wiederum jedoch auch als künstlerisches Statement eines eher weniger für seine ökonomische Narration bekannten Filmemachers, der hier  eine – nur exzeptionell der verschlungenen Irrpfade seines üblichen Schaffens müde – ganz allgemein, insbesondere jedoch für seine Verhältnisse buchstäblich „geradlinige Geschichte“ erzählt, so horizontal voraus wie die vielen Landstraßen, an deren rechten Rändern Alvin Straight mit seinem just gebraucht erworbenen John-Deere-Rasenmäher (der erste Reiseversuch mit dessen bejahrtem Vorgänger scheitert bereits nach den ersten Kilometern wegen technischer Altersschwäche) im Schritttempo entlangtuckert. Alvin Straights Reise führt ihn dabei freilich nicht nur zu seinem eigentlich über alles geliebten Bruder Lyle, sie verläuft zugleich auch introspektiv – der Grund, warum der alte Mann überhaupt jenes ungewöhnliche Fortbewegungsmittel gewählt hat, mit dem er für ein paar hundert Kilometer mehrere Wochen benötigt. Wer dieser Alvin Straight eigentlich ist, erfahren wir durch seine Gespräche mit zumeist jüngeren Menschen, denen er auf seinem Trip begegnet – mit einer schwangeren Ausreißerin (Anastasia Webb), einigen Teilnehmern einer Radrennfahrertruppe, einer aufgelösten Dame (Barbara Robertson), die einen Hirsch angefahren hat, einem freundlichen, hilfsbereiten Ehepaar (Sally Wingert, James Cada), zwei etwas beschränkten Mechaniker-Brüdern (Kevin P. Farley, John Farley), einem freundlichen Priester (John Lordan) und vor allem mit einem etwa gleichaltrigen Senioren (Wiley Harker), der wie Alvin ein Veteran des Zweiten Weltkriegs in Europa ist und das Schreckliche nie wirklich verarbeitet hat: ihr aufrichtiges Gespräch am Tresen einer Kleinstadtkneipe ist vielleicht die wichtigste Schlüsselsequenz des Films. Doch „The Straight Story“ ist noch sehr viel mehr; ein ultimatives road movie und eine Americana wie „Wild At Heart“, nur eben ganz anders und so ironiebefreit, wie es eben nur geht, ein formal absolut geschlossenes, makelloses Stück Film mit höchst ungewohnten Klängen von Angelo Badalamenti, eine Fanfare auf würdevolles Altern, eine große Liebeserklärung an den famosen Richard Farnsworth, großer Stuntman und zum Lebensherbst hin noch exzellenter Schauspieler; dazu herzenswarm und herzensgut. Bis auf wenige Leitmotive alles andere als traditionell lynchesk und dabei doch ein Meisterwerk.

10/10

SCHWARZER NERZ AUF ZARTER HAUT

„Jetzt aber raus!“

Schwarzer Nerz auf zarter Haut ~ BRD 1969
Directed By: Erwin C. Dietrich

Ein Geheimdienstmitarbeiter mit dem schönen Namen Professor Doktor Max Hergarten (Erwin Strahl) erhält den Auftrag, streng geheime Dokumente, die irgendwas mit Raketenantrieben zu tun haben, auf einem Kreuzfahrtschiff über den Atlantik in die Staaten zu schmuggeln. Auf der Überfahrt bekommt es Hergarten, ein waschechter Filou, nicht nur mit diversen ominösen Playern der Gegenseite zu tun, sondern auch mit allerlei willigem Weibsvolk.

Man stelle sich den größtmöglichen Zelluloidblödsinn vor und subtrahiere dessen Intelligenzgrad um den Dremelfaktor 2000 – dann hat man eine ungefähre Vorstellung von der kognitiven Leistung, die die Betrachtung von „Schwarzer Nerz auf zarter Haut“, der auch unter dem kaum weniger irreführenden Titel „Mord an Bord“ veröffentlicht wurde, beansprucht. Diese offenbar als Bond-Spoof „konzipierte“, filmgewordene Vollidiotie stammt aus dem Hause Urania, einem kurzlebigen Baby des Schwyzers Erwin C. Dietrich, aus dem später die Elite-Film erwuchs und das in eingeweihten Kreisen verschmitzerdings als „Urinia“ verballhornt wird (okay, okay, Letzteres habe ich mir eben ausgedacht). Die Vorlage – tatsächlich, eine solche gibt es – stammt von Heinz G. Konsalik, der jenen Erguss seinerzeit unter dem Pseudonym „Jens Bekker“ als Fortsetzungsroman im Tittenblättchen „Neue Revue“ veröffentlichte. Erwin C. Dietrich, nicht minder umtriebig, was die Findung personaverschleiernder Aliasse anbelangt, reduzierte das letzte bisschen Komplexität des Krimis bis hin zur absoluten geistigen tabula rasa und verfilmte sein Script dann der Einfachheit halber gleich selbst. Das Endresultat, wie es sich noch heute von emsigen Konservenschatzfahndern und mentalen Elendstouristen begutachten lässt, ist von verblüffender, bald dadaistischer Frappanz. Im Grunde genommen gibt es im Rahmen des Films nichts, was dem Rezipienten jedwede weltliche Anhaltspunkte böte. Über eine etwaige Motivation der einzelnen Charaktere erfährt man null, sie sind einfach da und tun irgendwas oder bewegen sich von A nach B. Dennoch mag ein Jeder, der sich traut, seine persönliche Lieblingsfigur suchen und finden: In meinem Falle ist es der oberschmierige, von Elio Crovetto gespielte Schiffskapitän.
Montage und Szenenwechsel sind wiederum von einer Willkür, die man sonst nur in avantgardistischen Kurzfilmen vermuten würde. Kommt es zu einem dialogischen Austausch, bleibt dessen Inhalt trotz Bemühung der deutschen Sprache von sakrosankter Kryptik. Im Prinzip wäre es auch jederzeit möglich, dass ein Ufo ins Bild geflogen kommt oder der handlungsortspendende Ozeandampfer von einem urplötzlich auftauchenden Leviathan verschlungen wird – den sich nach einiger Kürze einpendelnden Verwunderungsfaktor des Betrachters könnte auch solcherlei nicht mehr steigern. Der ohnehin akuten Verwirrung nicht eben abträglich ist zudem das leider (nicht jedoch in der denkwürdigen Titelsequenz) falsche, gecroppte Seitenverhältnis der Pidax-DVD, das dafür sorgt, dass von sich an den Bildrändern gegenüber stehenden Personen (zumindest, bis jene sich näherkommen, harhar) oftmals nur Nasen oder Brustspitzen zu sehen sind. Ein weiterer, zusätzlicher Irritationsfaktor (hier täte dringend eine Restauration nebst neu abgetaster Blu-ray  und einer zweistündigen Herstellungsdoku von Laurent Bouzereau Not)!
Tatsächlich winkt am Ende die Freiheitsstatue und man darf sich überaus glücklich schätzen, wenn man „Schwarzer Nerz auf zarter Haut“ körperlich und vor allem psychisch wohlbehalten hinter sich gebracht hat. In Guantanamo soll übrigens ein Kopie lagern, die zwecks Gefangenenfolter und Gehirnwäsche missbraucht wird… (erwischt – auch das entspringt lediglich meiner diabolischen Phantasie. Man verzeihe mir Schelm. Und Erwin C. gleich mit.)

4/10

THE JOURNEY OF NATTY GANN

„You ain’t seen Chicago, you ain’t seen nothin‘.“

The Journey Of Natty Gann (Natty Ganns Reise ins Abenteuer) ~ USA 1985
Directed By: Jeremy Kagan

Chicago 1935, die Ära der Großen Depression. Dem alleinerziehenden Arbeiter Sol Gann (Ray Wise), Vater der Teenagerin Natty (Meredith Salenger), fällt es angesichts der Wirtschaftslage schwer, seine Tagelöhne einzuheimsen, zumal er als Unruhestifter mit kommunistischen Tendenzen gilt. Als er eines Tages Hals über Kopf eine Anstellung als Holzfäller im weit entfernten Seattle erhält, bleibt ihm nicht mal mehr die Zeit, Natty davon zu erzählen. Er hinterlässt ihr eine postalische Nachricht, die Hausverwalterin Connie (Lainie Kazan) würde sich zwischenzeitlich um sie kümmern und er Natty sobald als möglich nachkommen lassen. Das umtriebige Mädchen hält es jedoch nicht lange ohne seinen Vater aus und so macht es sich auf eigene Faust auf zur Westküste. Als Hobo entdeckt Natty Gann die dunklen Seiten des krisengeschüttelten Landes, erfährt jedoch auch die Freundschaft ihres Schicksalsgenossen Harry (John Cusack) sowie die eines wilden Wolfshundes.

Ob diese vergleichsweise eher ungemütliche Disney-Realfilmproduktion irgendwie in Zusammenhang steht mit einer das Studio kurzzeitig durchfegenden Tendenz zur Düsternis, die gleichfalls der in etwa parallel entstandene Fantasy-Animationsfilm „The Black Cauldron“ oder die herrliche Bradbury-Adaption „Something Wicked This Way Comes“ repräsentieren, mag ich nur mutmaßen. Die augenfällige Koinzidenz dieser Projekte veranlasst allerdings zu entsprechenden Annahmen. Im Vergleich zu den seichten Abenteuerfilmen der vorangegangenen Jahrzehnte mutet „The Journey Of Natty Gann“ jedenfalls durchaus an wie eine beinahe schon grobschlächtige Zäsur; wie eine Liebäugelei mit Steinbeck und Ford und ergo wie eine kleine Hommage an „The Grapes Of Wrath“. In einer Szene meint man sogar kurz, Natty, Harry und der Wolf, die auf einem Kleintransporter mitgenommen werden, überholten die mit einer Panne am Straßenrand stehende Familie Joad. Im Prinzip erinnern einzig das Prinzip der langen Reise (s. etwa das gleich zweimal verfilmte Hundeabenteuer „The Incredible Journey“) sowie das Motiv der Mensch-Tier-Freundschaft an die etablierten, ausgewalzten Studiotypismen der seichten Familienfreundlichkeit. Ansonsten kennzeichen „The Journey Of Natty Gann“ sein großartiges Ensemble und das vorzüglich eingefangene Zeitkolorit eines gar nicht mal so lange verjährten, „anderen Amerika“, in dem etliche Leute unterhalb der Armutsgrenze zu überleben suchten und ziellos durch die Weiten stromerten, in dem Existenzangst und Hunger das allmorgendliche Erwachen begleiteten wie das obligatorische Gähnen, in dem gierige Gewerkschaftler mafiöse Strukturen etablierten und selbsternannte Bürgermilizen Jagd auf Obdachlose machten. Als Hundefreund muss man zudem die eherne Freundschaft zwischen Natty und Wolf lieben, dieses funktionalen Teams, das sich im gegenseitigen Wechsel aus der Patsche hilft. Kagan, einem versierten Handwerker und Routinier, gelingt dabei eine ebenso intime wie breite Inszenierung seines Abenteuers, je nach Bedarfsmoment.
Ein schöner, aufrichtiger Film, in seiner Ernsthaftigkeit und ungewöhnlichen Genese so heute kaum mehr denkbar.

8/10

A ROOM WITH A VIEW

„A young girl, transfigured by Italy! And why shouldn’t she be transfigured?“

A Room With A View (Zimmer mit Aussicht) ~ UK 1985
Directed By: James Ivory

Auf einer Bildungsreise nach Florenz lernt die gutem Hause entstammende, junge Engländerin Lucy Honeychurch (Helena Bonham Carter) den libertinen Freigeist George Emerson (Julian Sands) kennen und verliebt sich in ihn. Ein leidenschaftlicher Kuss während eines Ausfluges in die Provinz wird jedoch als allseits unpassend erachtet, so dass Lucy George spätestens nach ihrer Heimreise nach Surrey dem Vergessen anheim stellt. Doch wie der Zufall es will, mietet Georges Vater (Denhom Elliott) ein leerstehendes Haus in der Nachbarschaft, so dass schon bald die schicksalhafte Wiederbegegnung folgt. Dabei hat Lucy bereits den weitaus standesgemäßeren Heiratsantrag des versnobten Cecil Vyse (Daniel Day-Lewis) angenommen…

James Ivorys E.M. Foster-Verfilmungen stehen schon seit langem auf meiner Wunschliste. „A Room With A View“ nun erfüllt meine Erwartungen an ihn überraschend exakt. In edwardianischem Ambiente spielend, ermöglicht er Ivory vor allem die ausufernd prächtig ausgestattete Inszenierung einer ehern traditionsverhafteten, strikt britischen Romanze, die es tatsächlich bewerkstelligt, sich wie ein Fenster in eine achtzig Jahre zurückliegende Ära auszunehmen. Aus heutiger Warte betrachtet wirken deren Protagonisten nurmehr wie bemitleidenswerte Sozialfossilien. Strengstmöglichem Standesdünkel unterworfen, negieren sie wie selbstverständlich Leidenschaft und Emotion, führen ein bis ins kleinste Detail durchkontrolliertes Leben zwischen Verhaltenskodex und Verklemmtheit. „A Room With A View“ berichtet nun von einer dringlichst notwendigen, sittlichen Zäsur, einem Aufbegehren gegen das zuvor stets Gehörige. DieLiebe zwischen Lucy und George scheint daher von vornherein zum Scheitern verurteilt; jener verschroben wirkende, junge Mann, der Leben und Freiheit bereitwillig in beide Arme schließt, kann für eine Dame von Miss Honeychurches Zuschnitt, die ihre dereinst zugeknöpfte Rolle als künftige Gattin eines „gleichwertigen“ Gentleman längst internalisiert hat, kaum der Richtige sein. So bedarf es erst vieler Lügen, Irrnisse, Wirrnisse und Zufallsmomente, um aus Lucy endlich den Part einer selbstbestimmten, dem Glück zugetanen Frau zu destillieren. Nicht ohne den für eine viele Dekaden später erfolgende Adaption gebührlichen, subtilen Humor nimmt sich Foster diese überaus umständliche Liebesgeschichte her und führt sie zu ihrem krönenden Abschluss, der endlich das entspannte Paar in glücklicher Zweisamkeit zeigt, für das seine Zeit eigentlich kein Verständnis gehabt hätte.

8/10

SLOW WEST

„There’s more to life than just surviving.“

Slow West ~ UK/NZ 2015
Directed By: John Maclean

Amerika in den 1870ern. Der junge schottische Emigrant Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee) sucht in Amerika nach seiner Geliebten Rose Ross (Caren Pistorius), die gemeinsam mit ihrem Vater (Rory McCann) aus der alten Heimat fliehen musste, weil sie dort in eine Totschlagsaffäre verwickelt waren. Mitten in der Wildnis begegnet Jay während seiner Reise dem einsamen Gunman Silas Selleck (Michael Fassbender), der sich ihm als Schutzengel andient. Jay ahnt nicht, dass Selleck in Wahrheit nur einer von vielen Kopfgeldjägern ist, die hinter Rose her sind, da sie mittlerweile auch in den Staaten gesucht wird. Die beiden ungleichen Männer freunden sich nach und nach an und bald ändert sich Sellecks einstige Wahrnehmung der Dinge. Schließlich wendet er sich sogar gegen seinen früheren Kumpanen Payne (Ben Mendelsohn) und dessen Bande.

Wenn Nicht-Amerikaner – wie in diesem Falle der Schotte John Maclean – sich eines Westernsujets annehmen, dann erwächst daraus im Regelfall ein die Gattung bereichernder, interessanter Perspektivwechsel, der den Grundfesten dieses typologisch betrachtet uramerikanischen Erzählungsnährbodens jedoch nichts Neues mehr abgewinnen kann. „Slow West“ bildet da keine Ausnahme. Es handelt sich um einen schönen, sehenswerten Film, der den Western dennoch nurmehr als schmackhafte Staffage bereichern kann. Was für die meisten Filmgenres Gültigkeit besitzt, darf insbesondere der Western längst für sich verfügen: jede seiner Geschichten ist irgendwann schon einmal erzählt worden; nunmehr können seine Topoi höchstens variiert, reanimiert, umgarderobiert werden. Die aktuelleren Western der letzten Jahre gleichen sich dabei vor allem in formaler Hinsicht auffallend. Sie präferieren einen ausgesucht gemächlichen Ansatz, der jeweils historische Akkuratesse mit trivialer Mythenbildung zu verknüpfen trachtet. Jeweils mit wenigen, aber derben Gewaltspitzen versehen, porträtieren sie die Zeit des alten Westens als eine ungemütliche Ära, die ihren Weg zwischen der elegischen Dämmerung des obsoleten Atavismus von einst und der sich breit machenden Einkehr der Zivilisation finden muss.
So zeigt „Slow West“ ein paar episodisch aufgezogene Lehrstunden für den hier völlig falsch aufgehobenen, sittlich-aufklärerisch erzogenen Jay Cavendish: Die Relikte des Sezessionskrieges präsentieren sich ihm in Person marodierender Veteranen, der überlebensnotwendige Opportunismus via eine zur Kriminalität gezwungene, hungernde Kleinfamilie, ein paar Ex-Sklaven, die als Symbol des ethnischen Durcheinanders mitten in der Prärie alte Stammesgesänge aufleben lassen oder durch einen fahrenden Historiker (Andrew Robertt), der Jay zunächst freundlich und standesgemäß behandelt, ihn im Schlaf jedoch rücksichtslos bestiehlt (und durch eine freche Botschaft verhöhnt). Am Ende, Jay hat sich trotz der gelernten Lektionen und im Gegensatz zu seiner bereits abgehärteten, großen Liebe Rose als inkompatibel mit dem Westen und seinen humanen Erfordernissen erwiesen, kann er zumindest mit dem guten Gewissen ins Jenseits entschwinden, als engelhafter Schicksalsstifter gedient zu haben.

8/10