WOLF LAKE

„If  bullshit was music, you’d be a brass band.“

Wolf Lake (Amok-Jagd) ~ USA 1980
Directed By: Burt Kennedy

Kanada, 1976. Wie in jedem Spätsommer fährt der alternde Kriegsveteran Charlie (Rod Steiger) mit seinen drei Kumpels Wilbur (Jerry Hardin), George (Richard Herd) und Sweeney (Paul Mantee) zu einem entlegenen Chalet am Wolf Lake. Den neuen Hausmeister David (David Huffman) und dessen Freundin Linda (Robin Mattson) kennt Charlie allerdings noch nicht. Doch er hält sogleich wenig von dem bärtigen, jungen Mann, der hier in wilder Ehe fernab vom Schuss sein Auskommen macht. Als Charlie schließlich durch den neugierigen Wilbur, seit jeher sein Privatadlatus, erfährt, dass David ein flüchtiger Deserteur aus Oregon ist, entwickelt er einen unbändigen Hass auf ihn, zumal Charlies Sohn etwa im gleichen Alter wie David in Vietnam gefallen ist. Dass David zudem nur deshalb fahnenflüchtig wurde, weil er einst selbst in Südostasien miterleben musste, welche Gräuel die Army an der Zivilbevölkerung verübte, interessiert Charlie nicht. Er hetzt seine Freunde gegen David und Linda auf und es kommt zum offenen Kleinkrieg…

Puh, mit einem ganz schön harten Stück Knäckebrot läutete der doch eher für seine nicht unbedingt immer der Primärreihe zuzurechnenden Western und Westernkomödien bekannte Burt Kennedy die achtziger Jahre ein. Spürbar liebäugelnd mit dem kompromisslosen Terrorfilm der vorhergehenden Jahre, insbesondere mit Sam Peckinpahs „Straw Dogs“ und Peter Collinsons „Open Season“, dessen Schauplatz er zudem beinahe 1:1 übernimmt, entwirft Kennedy mit seinem in Mexiko gedrehten Spätwerk „Wolf Lake“ ein gleich von der ersten Minute an höchst unkomfortables Szenario, das sich vor dem vordergründigen Motiv des manhunt movie aus dem Generationskonflikt der stolzen Veteranen des Zweiten Weltkriegs und der national-sozialen Desillusionierung ihrer Vietnamnachwüchsler speist. Rod Steiger ist unglaublich gut hierin als verbitterter Offizier, der sein Wohl und Wehe dem US-Militär gewidmet hat und der spätestens seit dem (Kriegs-) Tode des eigenen Sohnes Staatsräson und Patriotismus nicht mehr auseinderhalten kann. Dem posttraumatisierten David schlägt somit Charlies ganzheitliche Verachtung entgegen und anstatt ihn und seine Gründe, Krieg und Tod den Rücken zu drehen, zumindest zu versuchen zu begreifen, wächst seine Aggression mit jeder Minute. Den Vollrausch seiner drei Miturlauber nutzt Charlie (dessen Name Kennedy offenbar ganz wohlweislich so gewählt hat) schließlich schamlos aus und treibt sie zur Gruppenvergewaltigung Lindas. Als der vorübergehend bewusstlos geschlagene David am nächsten Morgen erwacht und seine Freundin besudelt vorfindet, schießt er blind auf die Nachbarshütte und tötet dabei eher zufällig den im Weg stehenden Wilbur. Die von Charlie bewusst angestoßene Gewaltspirale schaukelt sich weiter hoch, bis es am Ende nurmehr einen, eher zufällig Überlebenden geben wird.
Der mir bislang völlig unbekannte „Wolf Lake“ genießt viele Qualitäten – er geriert sich als sehr rau konnotierter, filmischer Knüppel-aus-dem-Sack mitsamt Rape-&-Revenge-Bestandteilen und mag zudem als companion piece zu thematisch anverwandten Filmen seiner Zeit von „Rolling Thunder“ bis zu „The Exterminator“ gelten, in denen sich ja schlussendlich ebenfalls die psychisch zertrümmerte Heimkehrer-Generation Vietnam gegen das ihr zu Hause entgegenbrandende, allseitige Unverständnis der Gesellschaft aufzustehen und ihr jeweils mit einem finalen Akt entfesselter Gewalt zu begegnen gezwungen sieht. Kennedy inszeniert schmucklos und ohne die alte Hollywood-Grandezza, setzt berechtigtermaßen ebenso sehr auf sein fünfköpfiges Ensemble wie auf die Hermetik des Spielorts und kredenzt so erfolgreich seine intensive Eskalationsstudie. Zudem ist die (Münchener) Synchronfassung, zumal für ihren Status als Videopremieren-Vertonung, hier einmal wirklich ausnehmend gut gelungen.
Im Netz finden sich, abschließend erwähnt, widersprüchliche Angaben zum Entstehungs- und Uraufführungsjahr: Die ofdb und die englische Wikipedia listen 1978 [Release: 8. Februar 1978], die IMDB indes 1980 [Release (Mexiko): 8. Februar 1980]. Welche Quelle die authentische ist, lässt sich ohne Weiteres nicht verifizieren. Zudem soll es eine „Honor Guard“ betitelte, kürzere Alternativfassung mit anderem Ende geben, die auch im deutschen TV gelaufen sein muss, s. hier.
Ich für meinen Teil war mit der mir vorliegenden, sehr stimmigen Version rundum glücklich.

8/10

SEVEN THIEVES

„So you’re American, aren’t you?“

Seven Thieves (Sieben Diebe) ~ USA 1960
Directed By: Henry Hathaway

Auf Einladung seines alten Freundes Theo Wilkins (Edward G. Robinson) hin kommt Ex-Con Paul Mason (Rod Steiger) nach Monte Carlo. Wilkins, genannt „Der Professor“, konfrontiert Mason ziemlich unmittelbar mit einem von ihm minutiös ausgetüftelten Plan – gemeinsam mit fünf Helfern (Joan Collins, Eli Wallach, Alexander Scourby, Michael Dante, Berry Kroeger) will er den Tresor eines mondänen Küstencasinos plündern. Nach einigem anfänglichen Zaudern erklärt sich Mason bereit, bei der Sache mitzumachen.

Ein formal eher routiniertes Werk von Regie-Allrounder Henry Hathaway, der eine Art Bindeglied zwischen den häufig fatalistisch endenden urban heist movies der orginären Noir-Welle wie „The Asphalt Jungle“ oder „The Killing“ und den flockigeren, oftmals mit komödiantischer Verve und exotischen Schauplätzen versetzten Vertretern der Sechziger Marke „Topkapi“ und „Ad Ogni Costo“ (in dem Robinson seine Rolle aus „Seven Thieves“ faktisch gleich noch einmal interpretiert). Hathaways Film trägt Merkmale beider Flügelspitzen in sich; er handelt einerseits mit tragischen, nicht per se durchsichtigen Charakteren, entwirft komplexe Beziehungsgeflechte zwischen ihnen, gefällt sich aber andererseits in seiner sonnigen, mediterranen Scope-Szenerie, die bereits immanent lebensbejahende Assoziationen zu evozieren scheint. So entlässt „Seven Thieves“ seinem aus den Turbulenzen gestärkt herausgehenden Liebespaar trotz aller vorausgehenden Dramatik in ein schönes, verdientes happy end, das nur zehn Jahre zuvor im Genre noch unmöglich hätte erscheinen müssen.
Beim Ensemble muss man ein paar Zugeständnisse machen; mit Ausnahme des wie immer göttlichen Edward G. Robinsons wirkt jeder der besetzten Darsteller, allen voran die üblicherweise höchst zuverlässigen Steiger und Wallach, wie Zweitgarnitur, was mir mancherlei Kopfzerbrechen hinsichtlich der alten Formel des „type casting“ bereitete. Über kurz oder lang gewöhnt man sich an die zunächst eher unpassend scheinende Besetzung, allerdings erst, nachdem es bereits beginnt, einem sowohl um die Figuren wie auch um die Akteure ein wenig leidzutun. Ob jener unweigerliche Reibungsfaktor „Seven Thieves“ letzten Endes schadete oder nicht, darüber bin ich mir selbst noch nicht recht im Klaren.

7/10

AMERICAN GOTHIC

„I’m joining the clean plate club!“

American Gothic (Dark Paradise) ~ UK/CA 1988
Directed By: John Hough

Um die seit dem Tod ihres Babys schwer traumatisierte Cynthia (Sarah Torgov) auf andere Gedanken zu bringen, nehmen ihr Mann Jeff (Mark Erickson) und ein paar Freunde sie mit zu einem Campingtrip auf eine kleine Insel vor der Küste von Seattle. Doch das idyllische Eiland ist mitnichten unbewohnt; ein altes, strengchristliches Ehepaar (Yvonne De Carlo, Rod Steiger) lebt dort nicht weit vom Strand in einem kleinen Blockhaus. Wie sich umgehend herausstellt, hat dieses zudem drei erwachsene Kinder (Janet Wright, Michael J. Pollard, William Hootkins), die offenbar noch nie von der Insel weggekommen sind und sich nicht nur völlig infantil, sondern auch sonst sehr bizarr verhalten. Bald gibt es die ersten Verluste unter den Gästen zu beklagen und die ohnehin arg angegriffene Cynthia muss feststellen, dass die derangierte Familie buchstäblich noch mehr Leichen im Keller hat…

Das eine Zeichnung von Rod Steiger und Yvonne De Carlo zeigende Kinoplakat zu „American Gothic“ ist eine wunderbare Anlehnung an das berühmte, gleichnamige Gemälde von Grant Wood, das einen freudlosen Farmer mit Heugabel und eine Frau neben ihm zeigt, von der man nicht weiß, in welcher familiären Beziehung sie zu dem Mann steht. John Houghs Film wirkt wie eine bitterböse, schwarzhumorige Interpretation jenes Bildes, wobei auch dessen Geschichte nie die wahren verwandtschaftlichen Beziehungen der gesellschaftlich und auch technisch völlig isoliert lebenden Inselfamilie offenlegt. Es können jedoch kaum Zweifel daran bestehen, dass hier inzestuöse Kreuzverbindungen gepflegt werden. Höchstwahrscheinlich, jedenfalls ist eine solche „Erklärung“ für all die Seltsamkeiten rasch bei der Hand, sind „Ma“ und „Pa“, wie sie sich reduziert rufen, selbst Geschwister, die vor Jahrzehnten mit ihrer chaotischen Brut in dieses beschauliche Exil geflüchtet sind und aus Furcht vor Entdeckung jeden potenziellen Eindringling rigoros ausmerzen. Vor allem das mordlustige und zu noch ganz anderen Perversionen wie Nekrophilie neigende Nachwuchstrio spiegelt im Folgenden die zutiefst abartige Funktionalität wider, in der man sich hier ein einsames Sanktuarium vor der Zivilisation geschaffen hat: Seit jeher gehalten wie Kleinkinder und in Unkenntnis jedweder Moralbegriffe, begreifen die Drei ihre mörderischen Gewaltausbrüche wie lustige Streiche oder Spielchen, die Ma und Pa zudem noch gutheißen. Besonders Janet Wright, die ihr mumifiziertes Baby wie ein Püppchen überall mit hin schleppt, evoziert durch ihre wirklich grandiose Interpretation der komplett verrückten Fanny allerhöchsten Widerwillen beim Zuschauer.
Bemerkenswert an Houghs einnehmenden Film, einem genealogisch illegitimen Erben von Tobe Hoopers „The Texas Chain Saw Massacre“ nebenbei (wobei hierin wie vieles Andere auch das Kannibalismuselement in vager, mutmaßlicher Schwebe verbleibt) sind nicht nur seine inhaltliche und visuelle Kompromisslosigkeit, die sich in all ihrer unangenehmen Widerwärtigkeit geradezu lustvoll durchdekliniert finden, sondern in diesem Zusammenhang auch die Verpflichtung der zwei Weltklasse-Darsteller Steiger und De Carlo, die ihr Engagement einerseits und vermutlich in der Hauptsache wegen ihrer Gagen angenommen haben werden, andererseits jedoch all ihr Können in die Waagschale werfen und sich die dem Szenario akut innewohnende, bitterböse Komik vortrefflich zunutze machen.
Ein Juwel des Achtziger-Jahre-Horrorfilms.

8/10

LUCKY LUCIANO

Zitat entfällt.

Lucky Luciano ~ I/USA/F 1973
Directed By: Francesco Rosi

Am 10. Januar 1946 muss der berüchtigte Gangsterboss Charles „Lucky“ Luciano (Gian Maria Volontè) die USA per Schiff Richtung Italien verlassen. Seine hohe Haftstrafe war zuvor unter der Bedingung verkürzt worden, dass Luciano sich zur Emigration bereit erklärt. Sein Einflussbereich bleibt nichtsdestrotz ungebrochen. Luciano hält Kontakt zu den New Yorker Familien und organisiert von Europa aus bald riesige Heroin-Lieferungen in die USA. Seine Widersacher von der US-Regierung, Commissioner Harry Anslinger (Edmond O’Brien) und Charles Siragusa (Charles Siragusa) können ihn trotz eifrigster Bemühungen nicht dingfest machen. Potenzielle Verräter und / oder Kronzeugen wie seinen Freund Eugenio „Gene“ Giannini (Rod Steiger) lässt Luciano über Umwege ermorden. Zwischenzeitliche Anklagen durch die Behörden verlaufen im Sande und Luciano stirbt schließlich in Freiheit mit 64 Jahren an einem Herzinfarkt.

Weniger ein ordinäres Biopic als vielmehr eine sich sehr sorgfältig ausnehmende Observierung der Funktionsweisen der großen amerikanischen Gangstersyndikate – exakt das also, was man in Anbetracht der Themenwahl von Francesco Rosi zu erwarten hat. Multiple Facetten bieten sich schwerpunktmäßig an, wenn es an einen Film über Lucky Luciano geht: Den ausgesprochenen, widersprüchlichen Kult um seine Person etwa; seine Verbindungen zu den vielen anderen Gangstergrößen seiner Ära, sein ausschweifendes Privatleben zum Beispiel. Rosi jedoch gewichtet anders: Ihn interessieren die Verstrickungen zwischen organisiertem Verbrechen und Regierungen. Die These etwa, dass immens wichtige strategische Militäraktionen während des Zweiten Weltkriegs wie die Landung der Alliierten auf Sizilien ohne die Hilfe der Cosa Nostra nicht möglich gewesen sei, stützt auch Rosi. Dem US-Offizier, Charles Poletti (Vincent Gardenia), Chef der Militärverwaltung in Neapel etwa, unterstellt er enge Kontakte zu Luciano, mit deren Hilfe erst ein erfolgreiches Engagement in der Region abgesichert werden konnte. Ansonsten mäandert „Lucky Luciano“ sich etwas unleidenschaftlich durch seine Spielzeit. Der ansonsten großartige Gian Maria Volontè spielt den gewaltigen Egomanen bewusst eher zurückhaltend und als zusehends verletzlichen Zweifler, was sicherlich ein interessanter Ansatz, dem Spannungsaufbau des Films jedoch kaum dienlich ist. Rod Steiger als leidlich asozialer Ganove, der seinen Freund Luciano an Charles Siragusa verschacherte, um seine eigene Haft in einem neapolitanischen Gefängnis zu verkürzen, erscheint mir da in diesem speziellen Falle doch als der deutlich nachhaltiger agierende Mann.

7/10

AL CAPONE

„Please don’t call me Scarface.“

Al Capone ~ USA 1959
Directed By: Richard Wilson

1919 kommt der Kleingangster Al Capone (Rod Steiger) von New York nach Chicago um für seinen alten Freund Johnny Torrio (Nehemiah Persoff) als dessen rechte Hand zu flankieren. Mit einigem Geschick arbeitet Capone sich in der kriminellen Hierarchie rasch nach oben, sorgt dafür, dass der alternde Boss Big Jim Colosimo (Joe De Santis) das Zeitliche segnet und übernimmt schließlich das Geschäft des sich nach einem Anschlag auf sein Leben zu Ruhe setzenden Torrio. Es gelingt ihm sogar, Maureen Flannery (Fay Spain), die Witwe eines durch Capones Schuld ermordeten Wachmannes, für sich einzunehmen. Capone setzt sich an die Spitze der Chicagoer Syndikate und profitiert als Alkoholschmuggler besonders von der Prohibition, den unbestechlichen Sergeant Schaefer (James Gregory) stets auf den Fersen. Selbst von seinem späteren Exil in Florida aus zieht Capone weiterhin sämtliche Fäden in Chicago, bis er infolge einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung nach Alcatraz geschickt wird.

Die erste große Spielfilmbiographie über den wohl berühmtesten und berüchtigsten aller großen Gangster des zwanzigsten Jahrhunderts profitiert besonders von zweierlei: Lucien Ballards tadelloser Photographie und Rod Steigers brachialem Spiel. Steiger, dessen Physiognomie der des realen Capone deutlich näher kam als die diverser anderer populärer Interpreten des Bosses aller Bosse (man denke etwa an Paul Muni als Quasi-Capone Tony Camonte, an Jason Robards, Ben Gazzara oder Robert De Niro), schaffte durch sein method acting ein ebenso authentisches wie nunanciertes Porträt; gewalttätig, grobschlächtig, clever, aber ungebildet, narzisstisch und opportunistisch ist sein Capone; einer, der die Regeln der Unterwelt blind beherrscht und seinen Weg unbeirrt meistert. Das blutige Valentinstags-Massaker in Chicago dirigiert er telefonisch von seiner Couch in Florida aus, während er sich mit einem unbeflissenen, gesetzten Hausgast bei Whiskey und Opernarien ein bombensicheres Alibi verschafft. Das sind Momente für die Ewigkeit, ebenso wie Martin Balsams Auftritte als kriecherischer, korrupter und wieselhafter Journalist / Berater Mac Keeley, dessen notorische Spielsucht ihn zum Verräter werden lässt. Für höchste emotionale Intensität sorgen die Sequenzen um Capone und Maureen, deren Zuneigung sich der vernarbte Gangsterboss unter allerlei Lügen und Gesäusele aufwändig erobert (und dabei tatsächlich so etwas wie Rührung für sich evozieren kann), nur um am Ende, als sie endlich die Wahrheit aus ihm herausquetscht, auch von ihr fallen gelassen zu werden. Es ist schließlich wie bei allen großen (Film-)Bösewichten: Der Aufstieg wird hart erwirtschaftet, der tiefe Fall gerät umso härter – in Alcatraz wird Capone von einer Reihe früherer Übervorteilter und Neider attackiert, was in Kombination mit anderen Leiden und Gebrechen den ehemals großen Verbrecher vollends, auch persönlich, entthront. Man hat da fast ein wenig Mitleid mit ihm.

8/10

STEINER – DAS EISERNE KREUZ, 2. TEIL

„Who ought to belive this anyway?“

Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil ~ BRD 1979
Directed By: Andrew V. McLaglen

Nach seinem desaströsen Einsatz in Russland wird Feldwebel Steiner (Richard Burton) flugs an die Westfront beordert, wo die Alliierten soeben dabei sind, die Operation Overlord einzuleiten. Auch Steiners alter Rivale von Stransky (Helmut Griem) ist wiederum nicht fern. Nach einem kurzen Fronturlaub in Paris muss Steiner zurück ins Kampfgebiet, um ein strategisch wichtiges Dörfchen in der Provinz zu verteidigen. Sein alter Freund General Hoffmann (Curd Jürgens) eröffnet ihm derweil insgeheim, dass einige hohe Offiziere der Wehrmacht eine Verschwörung gegen Hitler planen und Steiner dazu auserkoren ist, dem gegnerischen General Webster (Rod Steiger) diese Nachricht zukommen zu lassen, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Die US-Admiralität glaubt jedoch an eine Finte und schickt dennoch eine Panzerbrigade in das von den Deutschen gehaltene Dörfchen. Zeitgleich scheitert der Putsch und Hoffmann nimmt sich das Leben. Stransky, der von alldem nichts ahnt und nach wie vor ein Fanatiker ist, plant, die ganze Panzerdivision mittels unterirdischer Sprengladungen zu vernichten…

Die Filmhistorie vergisst gern, dass der unverwüstliche Wolf C. Hartwig, der wusste, wie man eine Kuh adäquat bis auf den letzten Tropfen zu melken hat, seinem von Sam Peckinpah inszenierten Riesenerfolg „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ eine wiederum immens kostspielige Fortsetzung folgen ließ. Warum dieser amnesische Mantel? Darum: Nicht nur, dass „Steiner 2“ gnadenlos an den Kinokassen crashte, unterscheiden sich Original und Sequel hinsichtlich ihres Niveaus in etwa so, wie sich Peckinpah und McLaglen als Filmemacher unterscheiden. Eine philosophische Metaebene um preußische Arroganz und Gernegroßtum unter aristokratischen Wehrmachtsoffizieren, wie sie den Vorgänger auszeichnete, wird man hier vergeblich suchen. Vielmehr ist der zweite Teil, den nurmehr Klaus Löwitsch und Dieter Schidor in ihren vormaligen Rollen erlebten, nicht mehr oder weniger als ein kerniges Landser-Abenteuer, dass die schuldbelastete deutsche Seele  durch seine knuffigen Heldenakzente sogar ein klein wenig einzubalsamieren wusste. Mit Richard Burton, der im Prinzip viel eher seine Rolle als Söldner-Colonel Faulkner aus „The Wild Geese“ repetiert als auch nur im Mindesten den Versuch zu machen, seinen Vorgänger James Coburn anklingen zu lassen, stand McLaglen darüberhinaus nicht nur einer von mehreren vormaligen Kollaborateuren zur Seite. Ohnehin ist die Besetzung mindestens so erlesen und illuster wie die des Erstlings und rechtfertigt allein die Betrachtung des Films. Auch ist dieser keineswegs langweilig oder gar öde, obschon natürlich in seiner Struktur und Erzählweise überaus vorhersehbar und weitgehend überraschungsarm. Die düstere, bleierne, von latentem Wahnsinn infizierte Grundstimmung des Peckinpah-Films weicht hier eher der Betrachtung des Krieges als luftig-leichtes Männergeschäft, bei dem es auch mal was zu lachen gibt. Sicherlich zerfällt die Narration hier und da ins seltsam Episodische, was möglicherweise auf diverse Straffungen und/oder Kürzungen zurückzuführen ist, doch dies meinerseits rein mutmaßlich.
Als kleiner, aus dezidiert kinohistorischer Warte letzten Endes wohl tatsächlich „unbedeutender“ Beitrag zu der Gruppe vor allem in logistischer Hinsicht abenteuerlicher Filme über den Zweiten Weltkrieg kann sich, so mein Schärflein, „Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil“ dennoch durchaus sehen lassen.

7/10

DOCTOR ZHIVAGO

„How did you come to be lost?“

Doctor Zhivago (Doktor Schiwago) ~ USA/UK/I 1965
Directed By: David Lean

Russland, um 1950: Der KGB-Funktionär Yefgrav Zhivago (Alec Guinness) befragt die junge Arbeiterin Tanya Komarova (Rita Tushingham), die er mit einiger Sicherheit für seine unehelich geborene Nichte hält. Dann wäre sie das Kind von Yevgrafs Halbbruder Yuri Schiwago (Omar Sharif) und Larissa Antipova (Julie Christie), das ohne Erinnerungen an seine richtigen Eltern aufgewachsen wäre. Yefgrav erzählt Tanya die Lebensgeschichte ihres vermeintlichen Vaters: Mit 8 Jahren kommt Yuri (Tarek Sharif) als Waisenkind zu wohlhabenden Verwandten nach Moskau, den Gromekos (Ralph Richardson, Siobhan McKenna), die ihm eine Ausbildung als Mediziner ermöglichen. Yuris wahres Herz jedoch schlägt für die Poesie, an der er sich regelmäßig versucht. Er wird bald seine liebenswerte Stiefschwester Tonya (Geraldine Chaplin) heiraten und einen kleinen Sohn mit ihr haben. Immer wieder kreizen seine Wege sich zufällig mit denen der jungen Lara, die sich der opportunistische Lebemann Komarovsky (Rod Steiger) als Mätresse hält, derweil sie sich eigentlich längst dem Bolschewiken Pasha Antipov (Tom Courtenay) versprochen hat. Das Verhältnis zwischen Komarovsky und Lara endet mit einer Katastrophe. Kurz darauf bricht die Februarrevolution aus und verändert alles: Yuri und Lara begegnen sich als Arzt und Schwester an der Front und verlieren sich wieder. Nachdem die Rotgardisten sämtlichen Besitz in Moskau umverteilt haben, zieht Yuri mit seiner Familie aufs Land. Lara und ihre Tochter Katya (Lucy Westmore) leben im Nachbarort. Yuri und Lara beginnen eine Affäre, doch als Tonya kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes steht, bricht Yuri seine außereheliche Beziehung wieder ab. Er wird von Rotgardisten verschleppt und muss ihnen als Feldmediziner immer weiter nach Norden folgen. Als er sich endlich loseisen kann, begegnet er Lara wieder. Tonya und die anderen sind mittlerweile nach Westeuropa abgereist. Für Yuri und Lara beginnen noch ein paar romantische Wochen, bis Komarovsky, mittlerweile als Staatsminister eingesetzt, auftaucht und Lara mit nach Osten nimmt. Yuri sieht Lara nie wieder und stirbt irgendwann, zurück in Moskau, auf dem Straßenpflaster an einem Herzanfall.

„Doctor Zhivago“ ist für mich ein tiefste Ehrfurcht gebietender Film. Viele sehen ihn als eines von Leans prachtvollen Epen, als romantisierendes Porträt des im Umsturz begriffenen Russlands während der Übergangsphasen oder einfach nur als flammende Liebensgeschichte. Sicherlich sind all diese Umschreibungen völlig zutreffend. Für mich jedoch war und wird „Doctor Zhivago“ jedoch und vor allem stets die repräsentative Geschichte eines idealistischen, pazifistischen Mannes sein, der in eine Zeit geboren wird, die in diametralem Widerspruch zu ihm und seinem gesamten inneren Wesen steht. Zwischen den Zaristen und den Bolschewiki ist Zhivago apolitisch, weil apolitisch zu sein den einzigen Weg bedeutet, in Phasen von sozialer Ungerechtigkeit, Rachsucht, Habgier und vor allem Machtstreben, kurz: Revolution und Krieg, seine Menschlichkeit zu bewahren. Bei allem, was der Film Zhivago während seiner langen Erzählzeit erdulden und erleiden lässt, sieht man ihn nie fassungslos, nie aufbrausend oder die Geduld verlierend. Natürlich ist auch er nicht unfehlbar: Er hintergeht Ehegattin und Familie, um eine Affäre mit der Frau zu pflegen, die er wirklich liebt. Am Ende ist ihm weder die eine noch die andere Erfüllung vergönnt. Die Wirren und Wogen von Revolution, Bürgerkrieg und Stalinismus treiben ihn solange hin und her, bis ihm am Ende nichts mehr bleibt und er einsam und an gebrochenem Herzen stirbt. Eine Leidensgeschichte, voll von Verlust und unfassbarer Traurigkeit, die mich jedesmal, da ich mich ihr aussetze, völlig zerschmettert zurücklässt. Ein Paradoxon, da ich mich ihr andererseits auch gern widme, denn „Zhivago“ kommt dem, was ich als ‚meinen perfekten Film‘ bezeichnen würde, so nahe wie sonst vielleicht nur zehn, fünfzehn andere. Bei all seiner epochalen Ausuferung, den gewaltigen Bildern von Landschaft und Interieurs, der liebevollen Detailgestaltung, dem Massenaufgebot und den sonstigen Oberflächenwerten behält Lean stets die Intimität im Blick, konzentriert sich auf das zentrale Beziehungsgeflecht zwischen den fünf Hauptpersonen und charakterisiert jede(n) Einzelne(n) von ihnen, wie es nur ein Meister filmischer Könnerschaft vermag. Farb- und Gegenstandssymbolik erhalten gewaltige Bedeutungsschwere und schlagen reziproke Brücken zur Weltliteratur (der ja auch Pasternaks Vorlage zuzurechnen ist), die Musik von Maurice Jarre und auch ihr dramaturgischer Einsatz sind beängstigende Blattschussattacken auf das Publikum. Nichts bleibt an irgendeiner Stelle dem Zufall überlassen und Fragen nur dann offen, wenn ihre Nichtbeantwortung der Atmosphäre des Films dienlich ist. „Zhivago“ lässt mich jedesmal, da ich ihm wiederbegegne, leiden, bangen hoffen und reißt mir spätestens ganz am Ende, nach dem kleinen, humanistischen Lichtblick, den der dann erstmals lächelnde Alec Guinness hinterlässt, mit einem letzten Ruck das Herz heraus. Der diesmalige Mitanlass für „Zhivago“ war freilich der tragische Tod von Omar Sharif, der sich in der Titelrolle eines der beeindruckendsten Manifeste schauspielerischer Bedeutsamkeit gesetzt hat. Ein weiterer Anlass für die Tränen, die „Zhivago“ mich heuer einmal mehr vergießen ließ.

10*/10