ALL THE MONEY IN THE WORLD

„We look like you, but we’re not like you.“

All The Money In The World (Alles Geld der Welt) ~ USA/UK/I 2017
Directed By: Ridley Scott

1973 gilt der Ölmilliardär John Paul Getty (Christopher Plummer) als der reichste Mann der Welt. Während sein beinahe lebenslang von ihm vernachlässigter, zwischenzeitlich als europäischer Repräsentant der Dynastie eingesetzter Sohn (Andrew Buchan) seit ein paar Jahren im Drogenrausch vor sich hinvegetiert, lebt dessen geschiedene Frau Gail Harris (Michelle Williams) mit Gettys sechzehnjährigem Enkel (Charlie Plummer) in Rom. John Paul Getty III genießt das ausschweifende Nachtleben in der ewigen Stadt, bis er von der Mafia entführt wird. Da Gail völlig außer Stande ist, das Lösegeld in Millionenhöhe zu bezahlen, wendet sie sich an den alten Getty, der die Kidnapping-Geschichte für eine reine Erfindung hält, um ihm sein Bares aus der Tasche zu leiern und nicht auf die Forderungen eingeht. Es dauert ganze fünf Monate und kostet etliche Nerven und Schmerzen, bis sich der Magnat zu besonderen Konditionen auf die Zahlung einer wesentlich geringeren Summe als ursprünglich verlangt eringeht.

Der Kapitalismus fabriziert seine ihm eigenen Monster. Die spektakuläre Geschichte um die Entführung John Paul Gettys III beweist dies nachdrücklich. Sein Großvater war der erste Mensch, dessen Vermögen die Milliarden-Schallgrenze durchbrach, ein Geizkragen und Liebhaber von wertvollen Kunstgegenständen und allem, was sein ohnehin schier unmenschliches Vermögen noch vergrößerte. Mit der Affäre um die Entführung seines Enkelsohnes präsentierte er sich dann vor den Augen der Welt als ausgewiesener Misanthrop. Sämtliche Forderungen der Kidnapper ließ er unter einer Vielzahl an Ausflüchten an sich abprallen, so dass John Paul III fünf Monate in den Händen seiner Kidnapper, Mitgliedern der ‚Ndrangheta, unter höchst entbehrungsreichen Konditionen darben musste. Die Situation kulminierte schließlich in der Amputation eines Ohrs, das die Mafiosi dann einer römischen Tageszeitung zukommen ließen. Erst zu diesem Zeitpunkt ließ sich Getty überreden, das mittlerweile auf etwa ein Sechstel der ursprünglichen Forderung reduzierte Lösegeld zu bezahlen, jedoch unter den Bedingungen, dass Gail ihrem zu jenem Zeitpunkt psychisch derangierten Ex-Mann das Sorgerecht überschrieb, sowie den Betrag, der über den steuerlich absetzbaren Ablösungssatzatz hinausging, lediglich als verzinstes Darlehen zu stellen. Großvater und Enkel hatten nie wieder miteinander Kontakt; der alte Getty verstarb etwa zweienhalb Jahre später und John Paul III bekämpfte bald nach seiner Heirat (mit Gisela Zacher, des Exfrau von Rolf Zacher), der Geburt seines Sohnes Balthazar und dem Umzug der kleinen Familie nach Los Angeles mit den Auswirkungen seiner Traumata, die er mit allerlei Rauschmitteln bekämpfte. Ein daraus resultierender Schlaganfall machte ihn bis zu seinem Tode pflegebedürftig.
Ridley Scotts Faszination für das südliche Europa und seine landschaftlich bzw. architektonisch schönen Seiten kam bereits mehrfach in seiner Arbeit zum Tragen. Entsprechend lassen sich die bei aller erzählerischen Tragik überaus reizvollen Bilder Lazios, die Scotts aktueller Stamm-dp Dariusz Wolski für ihn bannte, erklären. Abgesehen davon, hervorragend auszusehen, reduziert sich die Nachhaltigkeit seines jüngsten Films allerdings auf einzelne Augenblicke, darstellerische Blitzlichter sowie jenen streitbaren Miniskandal, der die Produktion dazu veranlasste, den wegen sich verdichtender Missbrauchswürfe in die Negativschlagzeilen geratenen Kevin Spacey durch Christopher Plummer zu ersetzen. Dass Scott im Nachhinein meinte, Plummer sei ohnehin seine erste Besetzungswahl gewesen und er habe lediglich wegen Spaceys höheren Bekanntheitsgrades auf seinen Favoriten verzichten müssen, gereicht der ganzen eher unrühmlichen Geschichte nicht eben zum Vorteil. Unleugbar macht jedoch der noch immer bestens beschäftigte Kino-Grandseigneur eine grandiose Figur in seiner Rolle als bemitleidenswerter Geldadliger und trägt den Film auf seinen fast neunzigjährigen Schultern. Seine Szenen sind die mit Abstand stärksten des Films, da er die berüchtigte Mischung des Ölpatriarchen aus Narzissmus und notorischer Gefühlsarmut so brillant transportiert, wie es eben nur ein gestandener Akteur wie er vermag. Daneben einen doch recht limitierten Typen wie Mark Wahlberg zu besetzen, der als zweifelnder, langer Arm des Alten für ein wenig Kinetik innerhalb der sich mehr und mehr festfahrenden Situation zu sorgen, hat umso weniger von einem Coup. Auch den Sequenzen mit Charlie Plummer und seinen Entführern, allen voran Cinquanta (Romain Duris), der ein beinahe fürsorgliches Verhältnis zu John Paul III aufbaut, hat man in den etlichen um Kidnapping-Fälle kreisenden Filmen schon ähnlich tangiert, wenn nicht gar ergriffener, beiwohnen dürfen. Ridley Scott, mittlerweile selbst stolze 80, ist nach wie vor ein Garant für sehenswertes Kino. Dass er sich innerhalb jener doch sehr freigiebigen Bahnen mit der ihm eigenen Routine begnügt, sei ihm angesichts seiner früheren Sternstunden vergönnt.

7/10

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L’ISTRUTTORIA È CHIUSA: DIMENTICHI

Zitat entfällt.

L’Istruttoria È Chiusa: Dimentichi (Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie’s!) ~ I/F 1971
Directed By: Damiano Damiani

Der römische Architekt Vanzi (Franco Nero) landet in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wird,  einen tödlich ausgegangenen Unfall verschuldet und Fahrerflucht begangen zu haben. Im Gefängnis legt man ihn in eine Zelle mit teilweise zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilten Kriminellen, vor denen der bourgeoise Vanzi sich bald in Todesangst ergeht. Um sich im Knast Privilegien zu verschaffen, schmiert er zunächst die korrupten Aufseher und lässt sich dann mit dem ebenfalls einsitzenden Paten Campoloni (Georges Wilson) ein. Dieser sorgt dafür, dass Vanzi mit dem schweigsamen Pesenti (Riccardo Cucciolla) zusammengelegt wird, der, wie sich herausstellt, als Kronzeuge in einem Mafiaprozess aussagen soll…

Mit dem etwas umständlich betitelten „L’Istruttoria È Chiusa: Dimentichi“ empfiehlt sich Damiano Damiani bereits recht früh als einer der führenden Regisseure des italienischen Politthrillers mit humanistischem Einschlag. Gern setzte Damiani Protagonisten ein, die im Angesicht des organisierten Verbrechens zu Spielbällen zwischen Mafia und korrupten Staatsdienern werden und denen eine besondere Funktion auferlegt wird, die sie nur mühevoll und unter permanenter Todesangst erfüllen. Von Anfang an hat der sozial wohlgestellte Vanzi, von Franco Nero eindrucksvoll verletzlich gespielt, unter den ihn förmlich aufsaugenden Umständen zu leiden. Bereits die ihm aufoktroyierte Untersuchungshaft tritt er als unschuldig Verdächtigter nur höchst widerwillig an und im festen Glauben, in Kürze wieder ungesiebte Luft zu atmen. Für die Mafia jedoch ist Vanzi ein – möglicherweise nicht ganz zufällig kriminalisierter – Glücksfall. Ein grundsätzlich geachteter, beleumundeter Bürger, wohlhabend, anerkannt, mit hochgestellten Politikern verbendelt: Der ideale „Zeuge“ für den augenscheinlichen Selbstmord eines unliebsamen Mitwissers. Ob Vanzis Gefängnisschicksal komplett von der Mafia konstruiert ist oder der Zufall der ehrenwerten Gesellschaft in die Karten spielt, lässt Damiani weithin offen; mutmaßen lässt sich jedoch Ersteres. Es lässt sich davon ausgehen, dass Vanzi eine strategisch wohlfeil eingesetzte Schachfigur darstellt; ein Bourgeois, der naiv genug ist, an unbelastete Verhältnisse zu glauben. Im Gefängnis offenbart sich ihm dann ein mikrokosmisches Abbild des wahren Lebens da draußen: Korrupte Vollzugsbeamte, feige Strohmänner, hofierte Verbrecher, linke Protestler ohne reelle Chance. Der Vanzi, der am Ende freigesprochen, aber verhuscht die Staatspension verlassen wird, ist ein anderer als jener, der sie einige Wochen zuvor unfreiwillig hat antreten müssen. Seinen Glauben an ein funktionierendes System hat er unwiederbringlich verloren und, was noch sehr viel schlimmer wiegt, seine persönliche Integrität. Während seine Freunde, mit denen er die wiedergewonnene Freiheit begießt, die Untersuchungshaft als kurzfristiges exotisches, sogar schickes Erlebnis abtun, muss der zum Zahnrädchen degradierte Vanzi Pesentis verzweifelter Tochter, die nicht an den Selbstmord ihres Vaters glaubt, ins Gesicht lügen. Vanzi hat sehr viel mehr verloren als nur ein paar Tage Freiheit.

9/10

MORTELLE RANDONNÉE

Zitat entfällt.

Mortelle Randonnée (Das Auge) ~ F 1983
Directed By: Claude Miller

Der einsam lebende belgische Privatdetektiv Beauvoir (Michel Serrault), genannt „Das Auge“, soll im Auftrag seiner Chefin (Geneviève Page) die junge Braut (Isabelle Adjani) eines Millionärssohnes beschatten, die von ihren Schwiegereltern für eine Heiratsschwindlerin gehalten wird. Tatsächlich beobachtet Beauvoir die Dame bei der Ermordung des Bedauernswerten. Anstatt sie zu verraten, heftet sich Beauvoir an die Fersen der Mörderin, in deren Person er mit zunehmender Obsession seine ihm stets unbekannt gebliebene Tochter projiziert, beginnt sogar, sie bei ihren verbrecherischen Reisen quer durch Europa heimlich zu unterstützen und ihr Schicksal maßgeblich zu beeinflussen.

Ich empfinde Millers „Mortelle Randonnée“ als eine durchaus elegante, rein formalästhetisch betrachtet sogar ziemlich exzellente Versuchsanordnung einer psychologischen Fallstudie, die mir auf emotionaler Ebene allerdings keinerlei Zugang bieten mag und mich auf eine begfremdliche Weise kaltgelassen hat wie schon lange kein Film mehr. Ich mache das retrospektiv an der bedingungslosen, allumfassenden Distanziertheit fest, mit der Miller sein Personal und seine Geschichte inszeniert: Man wird Zeuge der sich im Laufe der Jahre, die die erzählte Zeit des Films umfasst, zunehmend pathologisierenden, psychischen Verdrehung und Verkantung eines Mannes, dessen Ehe dereinst in die Brüche gegangen ist, der seine Tochter nie kennenlernen durfte und das aus mutmaßlich signifikanten Gründen. „Auge“ Beauvoir, der sich im Fortgang der Geschichte als eine Art französische, kriminalistisch angelegte Melange aus der Nabokov-Figur Humbert Humbert und dessen ewigem Widersacher und Verfolger Clare Quilty erweist, wird durch seine manipulatives und zugleich devotes Wesen recht früh als armseliger Verlorener charakterisiert, dem es auf seinen Irrwegen durch Südwesteuropa und denen in die eigene Psyche zu begleiten eben dezidiert wenig Vergnügen bereitet. Serrault spielt diesen Sklaven seiner Schuldkomplexe und Hirngespinste, die sich nach und nach in einer tief verwurzelten, inzestuös gefärbten Obsession kanalisieren, in zugegebenermaßen brillanter Weise zwischen Ironie und Bedauerungswürdigkeit. Isabelle Adjani, die in diesen Jahren bekanntermaßen ja beinahe ausschließlich auf die eine oder andere Weise entrückte, enigmatische Frauenfiguren gab, entwickelt sich unter Beauvoirs Observation (und parallel dazu natürlich auch der des Publikums) von der mörderischen femme fatale zu einem Opfer ihrer tatsächlich berechtigten Paranoia, die sie, sehr viel mehr noch als jede offene Attacke oder mögliche Denunziation Beauvoirs, angreifbar macht, zermürbt und schließlich in den Tod treibt. Damit verliert auch „Das Auge“ seinen letzten Existenzzweck.

7/10

LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO

Zitat entfällt.

La Ragazza Che Sapeva Troppo (The Girl Who Knew Too Much) ~ I 1963
Directed By: Mario Bava

Die sich für schundige Kriminalromane begeisternde, junge US-Amerikanerin Nora Davis (Letícia Róman) kommt nach Rom, um ihre alte, kranke Tante Ethel (Chana Coubert) zu besuchen. Doch gleich Noras erster Nacht vor Ort segnet Tante Ethel das Zeitliche. Damit nicht genug wird das verstört aus dem Haus laufende Mädchen sogleich noch Opfer eines rabiaten Taschendiebs und Zeugin eines Mordes. Am nächsten Tag will ihr zunächst niemand glauben; zumindest in dem jungen Arzt Marcello Bassi (John Saxon), der auch Noras Tante behandelte, findet die junge Frau einen Vertrauten. Nachdem sich die mysteriösen Ereignisse mehren – eine Sammlung von Zeitungsausschnitten um den sein Unwesen treibenden „Alphabet-Killer“, ein bedrohlicher Telefonanruf, eine merkwürdige Einladung in eine leerstehende Wohnung, ein Tonbandgerät mit seltsamem Inhalt, schließlich die Bekanntschaft mit dem verängstigten Journalisen Landini (Dante DiPaolo) kann schließlich auch Bassi nicht länger behaupten, dass Nora lediglich unter einer überspannten Phantasie leidet…

Die historischen Meriten von und um „La Ragazza Che Sapeva Troppo“ dürften hinlänglich bekannt sein – Bavas von seinen diversen Aushilfs- und Kollaborationsengagements abgesehen vierte Regiearbeit (und seine letzte in schwarzweiß) darf sich nämlich rühmen, den Giallo aus der Taufe gehoben zu haben. Die enge Beziehung zum gleichnamigen, trivialen Kriminalroman pflegt der Film bereits in der Eingangsszene, der die Protagonistin im anreisenden Flugzeug bei der gespannten Lektüre just eines solchen literarischen Artefakts zeigt. Überhaupt kommen zumindest zu Beginn nicht selten auch beim Zuschauer berechtigte Bedenken auf, ob die putzige Nora nicht vielleicht einen oder zwei zuviel der entsprechenden Ergüsse aufgesogen hat. Unanhängig von der sich mehr oder weniger überraschend gestaltenden, finalen Auflösung der tatsächlichen Serienmörderidentitätsind ist es vor allem Bavas Bildsprache, die zu fesseln und zu begeistern vermögen. Der bei seinen Filmen auch immer wieder selbst als dp agierende Maestro erzählt seine Geschichte in formvollendeten Tableaus, die man in dieser Perfektion – zumal zur Entstehungszeit des Films – nicht zwangsläufig mit  einem Genrestück zu assoziieren geneigt war. Von dem gruseligen Ableben der alten Tante Ethel über die prominente Verwendung der Spanischen Treppe nebst der Piazza di Spagna als immer wiederkehrende visuelle Motive bis hin zur zur Gestaltung und Inszenierung der Innenräume lässt Bava eine Meisterschaft durchblicken, die den manch einen seiner vielen Connaisseure und Enthusiasten ihn im Nachhinein als italienisches Hitchcock-Pendant würdigen ließen.
Im Zuge des etwaigen Rezeptionswunschs gilt es allerdings darauf zu achten, die „korrekte“ Fassung zu bevorzugen, nämlich die unverfälschte, nicht von dem amerikanischen distributor AIP, die mittlerweile ohnehin eher einen exotischen „Komplettierungs-„Status genießt. Diese „The Evil Eye“ betitelte Fassung wurde an vielen Stellen, so etwa an jenen, die um Marihuana-Schmuggelei kreisen, geschnitten und stattdessen um mehrere romantisch-komödiantischen Szenen um Róman und Saxon „ergänzt“, die die kriminalistische Grundierung und Atmosphäre des Films erheblich stören. Zudem wurde der Jazz-Score durch einen alternativen Soundtrack von Les Baxter ersetzt. Zwar ist „The Evil Eye“ letzten Endes die etwas längere der beiden Versionen, für Nichthistoriker jedoch bildet sie die müßige.

8/10

UN POLIZIOTTO SCOMODO

Zitat entfällt.

Un Poliziotto Scomodo (Convoy Busters) ~ I 1978
Directed By: Stelvio Massi

Commissario Olmi (Maurizio Merli) vom römischen Morddezernat eckt seiner rüden Methoden wegen immer wieder bei Vorgesetzten und Staatsanwaltschaft an. Ist etwa ein wichtiger Zeuge, so der juvenile Fatzke Marcello Degan (Marco Gelardini), einmal weniger gesprächig als es ihm zukommt, setzt es Hiebe, bis die Zunge sich lockert – doch unter Zwang abgegebene Aussagen sind nichts wert, und wenn sie noch so sehr der Wahrheit entsprechen. Degan senior (Massimo Serrato), Zollbeamter, umtriebiger, Diamantenschmuggler, Mörder und Vater Marcellos, kann also weitermachen wie bisher, doch Olmi hat ohnehin bereits den großen Hintermann im Auge. Dieser sitzt in Person des nicht ganz so sauberen Geschäftsmannes Corchi (Mimmo Palmara) in unmittelbarer Küstennähe und betreibt dort einen florierenden Waffenschmuggel, der sich wohlfeil hinter einer Speditionsfirma und einem lokalen TV-Sender tarnt. Wie gut, dass Olmi just dorthin versetzt wird und mit der feschen Anna (Olga Karlatos) gleich noch eine nette Hupfdohle kennenlernt.

Und nocheinmal Maurizio Merli, der gutaussehende Mann mit blauem Schnäuz und blondem Auge und viel Haarlack, der Kämpfer für Witwen und Waisen, der garibaldische Patriot und Kommissar aus Eisen! Was ich letzthin schrieb, gilt in so ziemlich allen Belangen auch für „Un Poliziotto Scomodo“, nur, dass diesmal Stelvio Massi die Regie übernehmen durfte und mir die flötenbewährte Musik von Stelvio Cipriani besonders viel Freude bereitete.
Die böse Fügung, dass der Kommissar zwischendrin an so ziemlich allem scheitern muss; am eigenen Anspruch, an der Gewieftheit seiner Widersacher, vor allem aber an der Unflexibilität des Rechtsstaats, trifft auch den armen Olmi, als er hilflos zusehen muss, wie der üble Degan sich in letzter Minute mit einem Flieger in die höchst unverdiente Freiheit absetzen kann. Zäsur, Versetzung, Provinz. Die ansonsten stets locker sitzende Handfeuerwaffe landet zuallererst bedeutungsschwer in der Schublade, wo sie zunächst auch bleiben kann, denn hier an der See bekommt es Olmi bestenfalls mit ein paar großmäuligen Rüpeln zu tun, die auch im Sechserpack ganz schnell abgefertigt werden. Und doch – wo Olmi ist, da ist auch das organisierte Verbrechen nicht fern und es lauert , seelisch erstarkt durch freundliche Kollegen, wesentlich mehr Handlungsfreiheit und vor allem eine schnieke Dame im Bettchen, für Olmi die Gelegenheit, die letzte Schlappe wieder auszuwetzen. Sein neuer Gegner Corchi weiß nämlich nicht, mit wem er es hier zu tun bekommt.
Es ist zwar etwas Schade, dass Massimo Serrato, gerade, als man ihn als bösen Hundsfott so richtig ins Herz geschlossen hat, schon wieder so rasch aus dem Film verschwinden muss und mit Mimmo Palmara einen eher blassen Ersatz hinterlässt, doch „Un Poliziotto Scomodo“ liefert unter Aufendung der allseits gewohnten Meriten trotzdem die volle Merli-Dröhnung: Es gibt reichlich Action, Spaß und diesmal mehr Sätze heißer Ohren als Patronen, was aber auch in Ordnung geht. Olmi vor!

7/10

ITALIA A MANO ARMATA

Zitat entfällt.

Italia A Mano Armata (Cop Hunter) ~ I 1976
Directed By: Marino Girolami

Commissario Betti (Maurizio Merli) von der römischen Mordkommission sieht sich wie üblich mit einer Welle des Verbrechens konfrontiert, die von Albertelli (John Saxon), dem großen Boss im Hintergrund, geplant und koordiniert wird. Vor allem Banküberfälle mit Scheingeiselnahmen gehören zum Konzept seiner Gang. Dennoch bleiben Albertellis Hände stets blütenrein, so dass Betti, der genau Bescheid weiß, dem großen Hai nichts nachweisen kann. Als in Albertellis Auftrag eine Gruppe von Schulkindern entführt wird, eine Aktion, bei der ein kleiner Junge serben muss, ist Betti sowohl sich als auch Luisa (Mirella D’Angelo), der Schwester des Jungen, schuldig, Albertelli endgültig dingfest zu machen.

Nach Marino Girolamis „Roma Violenta“ und Umberto Lenzis „Napoli Violenta“ nahm abermals Signore Girolami das Heft zur Hand und inszenierte mit „Italia A Mano Armata“ den letzten Teil der binnen rund einem Jahr entstandenen Trilogie um das römische Callahan-Pendant Betti, einem Typen, der gern dazu neigt, weniger auf das hoffnungslos korrumpierte System, denn auf die eigene Schlagkraft und Rechtsprechung zu setzen. Ursprünglich war Merli als Franco-Nero-Substitut engagiert worden und „Roma Violenta“ als nachgeschobener Profiteur zu Enzo Castellaris höchst erfolgreichem „La Polizia Incrimina La Legge Assolve“ gedacht, der dem Poliziottesco seinerseits erst das rechte Maß an explosivem Zunder verliehen hatte. Bei Girolami und Merli wurde dann der Exploitationfaktor nochmal zünftig angeschraubt, die Schurken wesentlich roher und unmenschlicher und die Gewaltszenen intensiver, womit die Gattung dann ihre eigentliche, finale Form zuteil wurde, die dann neben Merli, dem ungekrönten König des Poliziottesco, noch weitere Protagonisten in Luc Merenda, Henry Silva oder Marcell Bozzuffi hervorbrachte. Ob Merli sich nun Betti, Tanzi oder Ferro nannte; er spielte im Prinzip die immerselbe Figur vor dem immerselben Konzept. Manchmal, wie auch in „Italio A Mano Armata“, musste seine Figur dann am Ende noch urplötzlich als großer Verlierer gegen die allumfassende Systemfäule dann doch noch überraschend den Löffel abgeben (auch das nach Nero-Vorbild) und der Zuschauer mit einem gehörigen Schreck das Kino verlassen.
So wenig vielgestaltig wie seine insgesamt elf Polizeifilme ist auch deren ihnen immanente Qualitätsspanne; wenn man sich einen Merli vornimmt, dann weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Das kommt einem mustergültigen Gütesiegel gleich, auf das man zählen kann und das keinen, der einmal seine Freude daran gefunden hat, je wirklich enttäuschen dürfte. „Italio A Amano Armata“ ist mit sorgsam verteilten, kernigen Actionszenen und etablierten Mustern nun weder der beste noch der schwächste Beitrag zu diesem insgesamt sehr schönen Zyklus. Man fühlt sich zu Hause in ihm und das ist gut.

7/10

CLEOPATRA

„Caesar! Beware of the ides of March!“

Cleopatra ~ USA 1934
Directed By: Cecil B. DeMille

48 v.u.Z.: Nachdem die ägyptische Königin Cleopatra (Claudette Colbert) einer tödlichen Intrige ihres Bruders Ptolemäus und dessen Statthalters Pothinos (Leonard Mudie) entgehen kann, führt sie sich auf höchst ungewöhnliche Weise bei dem römischen Imperator Julius Caesar (Warren William) ein. Aus der sich alsbald ergebenden Liaison wird jedoch nicht mehr, da Caesar von den ihn ohnehin scharf beäugenden Republikverteidigern im Senat ermordet wird. Die am Boden zerstörte Cleopatra kehrt nach Ägypten zurück, auf Rache sinnend. Diese will sie an der Person des ihr eilends nachgesandten Feldherrn und Eroberers Marc Anton (Henry Wilcoxon), der sie zur Kapitualation zwingen soll, vollstrecken. Doch abermals schlägt Cupido zu und Marc Anton verfällt der schönen Königin vom Nil. Den sich nun entfesselnden Aufstand gegen Rom überleben die beiden Liebenden nicht

Der Hays-Code war noch nicht in seiner ganzen Ausprägung durchgestartet und die PCA erst seit wenigen Monaten spruchreif, da schickten die Paramount und ihr Kraftakteur Cecil B. DeMille ihre prestigträchtige „Cleopatra“ auf globalen Siegeszug (Deutschland sollte erst 19 Jahre später in den Genuss der hiesigen Premiere kommen). Hier vereinigen sich natürlich camp und pulp, dass es eine Lust ist; DeMille kocht ein delikates Monumentalsüppchen, in dem die exorbitante Verschwendungssucht des Filmemachers, ausstatterischer Pomp, historische Ungenauigkeiten und Mutmaßungen sowie scheinbar federleicht vulgarisierte Arrangements shakespearescher Verse eine rundum dekadente Konsoldierung eingehen, die man innerhalb der noch jungen Tonfilmära als Blaupause für den Antik- und Bibelfilm aus Hollywood der drei kommenden Jahrzehnte wähnen oder werten darf. Mit Joseph L. Mankiewicz‘ irrsinniger 62er-Version desselben Stoffs, der sich teilweise auch als Remake bezeichnen ließe, erreichte just diese Filmgattung dann ja wiederum ihre obszöne Klimax, was die Figur der legendären Königin Cleopatra VII gleichfalls gewissermaßen zu einer goldenen Klammer, zu einem spektakulären Dreh- und Angelpunkt jener maßlosen Ausprägung hollywoodscher Megalomanie macht.
Gegenüber Mankiewicz ist DeMilles „Cleopatra“ noch geradezu brav, domestiziert und charmant, man vergleiche nur die jeweilige Darstellung des pompösen Einzugs der ägyptischen Königin in Rom, der in der 34er-Version schon ziemlich toll daherkommt, den ohnehin bereits überlauenen Zuschauer 28 Jahre später jedoch geradewegs in ein fiebrig dräuendes Wachkoma versetzen sollte. Größtes Plus in DeMilles Film ist wahrscheinlich die tolle Claudette Colbert in der Titelrolle, die man ja sonst eher mit der screwball comedy assoziiert und die sich hier einige charmante Kabinettstückchen genehmigt, wie etwa eine Szene, in der sie nach übermäßigem Weingenuss einen Schluckauf bekommt und damit hadert, weil sich das für eine Königin nicht zieme.
Colbert gegenüber verblassen die (möglicherweise bewuust etwas langmütig besetzten) männlichen Co-Stars William und Wilcoxon beinahe bis hin zur Unbedeutsamkeit, wo dann später Harrison und Burton immerhin ein schönes Gegengewicht zur Taylor aufzubieten wussten.
In den Schlachtenszenen, die der Rebellion Marc Antons gegen Rom folgen, versagt der Film dann auch mal wohltuend; man bemerkt rundheraus, dass die Kinetik und Aktion, derer derlei Szenen im Kino bedürfen, um ihre Wirkung zu entfalten, im Kino jener Tage noch lange keine Selbstverständlichkeit waren. In einer kurzen, fünfminütigen Abfolge werden Kampfszenen auf dem Land und zur See unübersichtlich, unordentlich und beinahe desinteressiert aneinandermontiert und erweisen sich als eher der bloßen Notwendigkeit geschuldete, gelangweilt arrangierte, visuelle Stellvertreter der entsprechenden Begebenheiten. Diese Nachlässigkeit beschädigt das einmal gewonnene Gesamtbild des Films allerdings kaum, zumal die direkt darauffolgende Flamboyanz der beiden Selbstmordszenen von Marc Anton und Cleopatra sie beinahe durchweg wieder wettmachen.

8/10