BLOODLINE

„Remember, the cousins are just people.“ – „It’s just people that terrify me. Particularly cousins…“

Bloodline (Blutspur) ~ USA/D 1979
Directed By: Terence Young

Der steinreiche Pharmazeutik-Mogul Sam Roffe verunglückt beim Bergsteigen in den Schweizer Alpen. Rasch frohlocken seine Erben, die eine ordentliche Finanzspritze allesamt gut gebrauchen könnten: Sir Alec Nichols (James Mason), Attaché in London, hat infolge seines großspurigen Lebensstils Schulden bei unwirschen Unterweltlern, ebenso Charles Martin (Maurice Ronet), der Ehemann von Roffes in Paris lebender, arroganter Nichte Hélène (Romy Schneider). Ivo Palazzi (Omar Sharif) derweil wird in Rom als Bigamist von seiner „Nebenfrau“ Donatella (Claudia Mori) erpresst, die ihre überfälligen Alimente einfordert.
Roffes Tochter Elizabeth (Audrey Hepburn) weigert sich jedoch, den Plan ihrer Verwandten, aus dem Unternehmen eine offene Aktiengesellschaft zu machen und ihre Anteile zu verflüssigen, zuzustimmen und übernimmt stattdessen selbst den Firmenvorsitz. Unterstütz wird sie dabei von Roffes rechter Hand Rhys Williams (Ben Gazzara), einem ziemlichen Filou. Als der Genfer Inspektor Max Hornung (Gert Fröbe) dem Roffe-Clan eröffnet, das Sam tatsächlich ermordet wurde, kristallisiert sich bald heraus, dass der Täter ein Familienmitglied sein muss. Und dieses folgt noch ganz anderen, sehr viel finstereren Obsessionen…

Terence Youngs internationale Verfilmung eines Romans des Drehbuch- und Romanautoren Sidney Sheldon wäre lediglich ein durchschnittlicher, ziemlich ominöse Narrationsvolten schlagender Kriminalfilm im High-Snobiety-Milieu, wären da nicht ein paar Details, die ihn dann doch wieder sehr sehenswert machen: Am Hervorstechendsten ist da natürlich die astronomische Premiumbesetzung, die vom kleinen Europloitation-Sternchen bis hin zum großen US-Star eine fast beispiellose Zusammenstellung cineastischen Lieblingspersonals vereint und sozusagen Brücken von Edgar Wallace über Agatha Christie bis hin zu Jess Franco, den italienischen Genrefilm und den großen Studiofilmern schlägt. Die entsprechende Aufzählung führe man sich in den Tags oder über den obigen imdb-Link zu Gemüte und staune, wie auch ich aus dem Staunen kaum mehr herauskam. Terence Young hatte sich ja vormals vom Regisseur dreier vortrefflicher Bond-Filme (darunter den ersten beiden) zum lustvollen Sleaze-Filmer entwickelt, dessen „The Klansman“ bereits eine höchst liebenswerte Abseitigkeit darstellte. Mit der bis zum heutigen Tage kinohistorisch weiträumig ignorierten Koreakriegs-Absurdität „Inchon“, die ich unbedingt endlich einmal sehen möchte, landete er zwei Jahre nach „Bloodlines“ schließlich eine der berüchtigsten Finanzkarambolagen der gesamten Filmgeschichte. Audrey Hepburn, mit der Young zwölf Jahre zuvor bereits den durchaus starken Blinden-Thriller „Wait Until Dark“ gefertigt hatte, kehrte für einen ihrer spärlichen Spätkarrieren-Auftritte nochmal zu ihm zurück und übernahm die ihr scheinbar auf den knochigen Leib geschriebene Hauptrolle der rundum liebenswerten, zwar ebenso selbstbewussten wie in Anbetracht all der sie umgebenden, familiären Habgier aber doch fragilen Protagonistin, die am Ende sogar noch ein richtiges, kleines Terror-Szenario gegen den sich entpuppenden Strippenzieher durchzustehen hat.
Regelrecht bizarr, grotesk und dabei doch hübsch gialloesk mutet ein Nebenplot um einen Snuff-Movie-Produzenten an, der einen glatzöpfigen, nackten Mike Monty (!) hübsche Damen on camera strangulieren lässt. Bereits diese Schilderungen sollten hinreichend neugierig machen, wobei nicht verhehlt bleiben soll, dass Youngs Regie leider allzu häufig zwischen unbeteiligt und fernsehhaft changiert und Ennio Morricones pompöser Score im Verhältnis dazu wirkt, als habe Wagner eine „Dallas“-Episode vertont. In jedem Fall lohnt die Begegnung für Liebhaber von Camp und Apokryphem.

7/10

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THE NIGHT DIGGER

„I need help!“

The Night Digger (Das Haus der Schatten) ~ UK 1971
Directed By: Alastair Reid

Die altjüngferliche Krankenschwester Maura (Patricia Neal) lebt gemeinsam mit ihrer blinden Adoptivmutter Edith Prince (Pamela Brown) in deren marodem Herrenhaus in der englischen Provinz nahe Coventry. Die einsame Maura ist es gewohnt, sich tagtäglich von der herrischen Alten drangsalieren zu lassen und trägt ihr Los mit leicht deprimierter Fassung. Dies ändert sich, als der Tagelöhner und Herumtreiber Billy Jarvis (Nicholas Clay) bei den beiden Frauen auftaucht: Während Maura zunächst widerwillig auf seine Anwesenheit reagiert, bietet Edith ihm sogleich eine Stellung als Hausmeister nebst Kost und Logis an. Nach und nach entdeckt Maura Sympathien für den geheimnisvollen, offenbar nicht ganz ehrlichen jungen Mann, die sich bald in aufrichtige Zuneigung verwandeln und sogar von Billy erwidert werden. Doch dieser hat ein furchtbares Geheimnis: Er ist ein schizoider Serienmörder, der bereits sieben Frauen auf dem Gewissen hat. Dennoch wittert Maura in Bezug auf Billy die letzte Chance, sich von Edith zu emanzipieren…

Angereichert mit einer feisten Portion finsteren, englischen Humors serviert dieser von Roald Dahl co-gescriptete Drama-/Thriller-Hybrid seine markige Drei-Personen-Geschichte, in deren Zentrum Patricia Neal als pflichtbewusste Frau steht, die sich in ein verhängnisvolles Abhängigkeitsverhältnis gebracht hat: Ihre Adoptivmutter Edith weiß um die devote Persönlichkeit der nicht mehr ganz taufrischen Maura, die bereits vor Jahren den Quasi-Frondienst in jenem riesigen, verlotterten Haus ihrem persönlichen Glück vorgezogen hat und seither mehr und mehr dahinwelkt. Ausgerechnet in der Person des geisteskranken Frauenmörders Billy offeriert sich Maura der letzte Ausweg, den übermächtigen Fängen der alten Edith zu entkommen und doch noch ein selbstbestimmtes Leben anzufangen – zwei gebrochene Seelen, die sich möglicherweise heilen können. „The Night Digger“ macht sich dabei den Kunstgriff zunutze, Billy trotz seiner mörderischen Persönlichkeitsspaltung zum Sympathieträger avancieren zu lassen. Wenn er nicht gerade in verantwortungslosem Zustand junge Frauen meuchelt, ist er ein netter, patenter, obschon nicht sonderlich gebildeter junger Mann, den man durchaus gern haben kann und dessen unglückliche Biographie seinen Hass auf gleichaltrige Damen immerhin erklärt. Selbst als Maura von Billys obsessiver Schattenseite erfährt, ist sie noch bereit, mit ihm fortzugehen – hier präsentiert sich ihr ein Mensch, der eine sogar noch vernarbtere Persönlichkeit beinhaltet als sie selbst und der im Gegensatz zu der undankbaren, bigotten Edith sogar wirklich ihrer Zuneigung und Unterstützung bedarf.
Alastair Reid fängt dieses psychologisch grandios untermauerte Kammerspiel in den typisch bleichen Farben des britischen Frühsiebzigerkinos ein, lässt aber trotz dieser Kargheit häufig an Hitchcock denken, von dessen bevorzugten Topoi sich in „The Night Digger“ einige wiederfinden, seien es die matriarchalische Bevormundung durch eine entsetzliche Mutterfigur, die dysfunktionale, sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte zweier Verlorener oder eben das Gewaltverbrechen als Zwangshandlung. Passend dazu kredenzt Bernard Herrmann eine Musik, die seinem Chef D‘Œuvre sicher nur allzu gut gemundet hätte.

8/10

DIE JÄGER

„Ein herzliches Waidmanns Dank.“

Die Jäger ~ BRD 1982
Directed By: Károly Makk

Der wohlhabende Diplomat Stephan Mathiesen (Mel Ferrer) reist mit seiner jungen Frau Daniela (Barbara Sukowa) auf ein kleines Jagdschloss jenseits des Eisernen Vorhangs in der herbstlichen Tatra, um dort ein paar Tage lang der waidmännischen Passion osteuropäischer Jagdtradition zu frönen. Besonders Bären haben es dem arrivierten Mathiesen als nervenkitzelnde Beute angetan. Erst nach und nach bemerkt Mathiesen, dass Daniela und der Jagdführer Boris (Helmut Berger) sich offensichtlich von früher kennen und ein unheiliges Geheimnis teilen, das auch den Verwaltern des Chalais (Karin Baal, Jozef Kroner) nachhaltiges Kopfzerbrechen bereitet…

Produziert von Dieter Geissler und inszeniert und geschrieben von dem ungarischen Filmemacher Károly Makk kam 1982 dieses behäbige Äquivalent zu einem Kitschroman in die bundesdeutschen Kinos. Zu bieder für ein ausgesprochenes Stück Kolportage reizt nunmehr lediglich die illustre Besetzung zu einer revisionistischen Beschau des zwischen Wildromanze und konsalikscher Dramaturgie eingerichteten Stücks, in dem, offensichtlich im Zuge einer echten Jagdsaison vor Ort, etliche kleine und größere Tiere abgeknallt werden in Bildern, die dem passionierten westdeutschen Nimrod anno dunnemals vermutlich die Freudentränen kullern ließen – und nicht nur diese.
Die zur Aufpeppung der gleichförmig-trägen Narration immer wieder bemühte On/Off-Affäre zwischen Berger und Sukowa, zu der standesgemäß auch ein lauwarmes  Techtelmechtel inmitten weißer Felle in einer abgelegenen Hütte gehört, lockt da wenig, zumal dem Zuschauer recht bald egal ist, wie das Dreieck der unseligen Lüste nun enden mag. Um meinen Beitrag auf Länge zu bringen, verrate ich’s trotzdem: Die Sukowa dreht durch, nachdem Berger sie mit ihrem gemeinsamen, alten Geheimnis (er hat sie einst per Meineid vor Gericht gedeckt, nachdem sie ihren grobschlächtigen, ersten Ehemann im Zuge eines angeblichen „Jagdunfalls“ erschossen hatte) erpresst, damit sie wieder zu ihm zurückkehrt und knallt nunmehr auch ihn ab. Danach ist sie reif für die Klappse und der sich über den gesamten Film ignorant gebende Ferrer steht mit einem Nervenwrack da. Hätte er nur zuvor auf sie gehört und wäre flugs wieder mit ihr abgereist – die ganze Unbill wäre ihm und ihr erspart geblieben. Gisela Hahn ist noch toll als versoffene, Ketten rauchende und um koitale Gefälligkeiten bettelnde Establishment-Schlampe und eigentlich das Beste am ganzen Film. Roland Baumgartners Musik wäre derweil dazu angetan, eine zeitgenössische „Traumschiff“-Folge zu veredeln, sonst gibt’s wie gesagt nicht viel zu holen. Für Komplettisten und Masochisten.

4/10

POPCORN UND PAPRIKA

„Iih, der riecht nach Alkohol!“

Popcorn und Paprika ~ BRD/HU 1984
Directed By: Sándor Szalkay

Im Sinne ost-westlicher Verständigung reist Schwimmtrainer Sigi (Siegfried Rauch) mit seiner Nachwuchs-Equipe nach Budapest, um sich dort gemeinsam mit dem ungarischen Team unter Trainerin Teri (Cecília Esztergályos) für die kommenden Meisterschaften vorzubereiten. Unter Sigis Stars befindet sich auch sein Sohnemann Peter (Jonny Jürgens). Alte Wunden brechen auf, als die lustige Truppe in ihrem Hotel ankommt: Sigi hat, als er zum letzten Mal vor 19 Jahren hier war, eine uneheliche Tochter gezeugt, von der er nichts weiß, außer, dass sie existiert. Als Peter davon hört, wird ihm bang: Könnte die schnieke Piroschka (Gabi Fon), Tochter des ungarischen Mannschaftsmanagers (Péter Haumann), in die er sich bodenlos verknallt hat, möglicherweise seine Halbschwester sein?

Weder nach Ibiza noch zum Wörthersee oder gar an den Kilimandscharo – nein, straight hinter den Eisernen Vorhang führte das Lisa-Publikum „Popcorn und Paprika“ (Titelsong von Gerhard Heinz: „Popcorn And Paprica“) mit dieser deutsch-ungarischen Coproduktion. Nicht nur im Sport, sondern auch in der Filmproduktion standen die Zeichen nunmehr also auf Entspannung, wobei Produzent Franz Antel und Kalli Spiehs sogar einen einheimischen Regisseur akzeptierten. Dass der Film politische Brisanzen auflöst, mag man ihm nun nicht eben unterstellen, eher vielleicht die rudimentäre Lebensweise „Titten statt Krieg“. Denn natürlich gehören zu einer Lisa-Produktion dieser Jahre diverse Besuche der Kamera in Damenduschen, Mädchenschlafsälen, Saunen oder was sonst noch als Alibikulisse für Entblätterungen taugt. Die Gags bemühen sich häufig, zu zünden, tun’s aber garantiert nicht, ebensowenig wie die etwas pikante Verwechslungsgeschichte, die natürlich ebenfalls ein unbedingtes Lisa-Obligatorium darstellt. Auch sonst hebt sich „Popcorn und Paprika“ nicht wesentlich von den anderen Werken seiner lustigen Provenienz ab. Gut, mit Siegfried Rauch und „Frau Wirtin“ Teri Torday als dessen gehörnter Gattin, die ihre berechtigte Eifersucht mal eben kurz mit ein paar Baracks wegtherapiert, gibt es vor der Kamera passables (wenngleich etwas unlustiges) Traditionspersonal. Ferner traten die beiden Udo-Kinder Jonny und Jenny (die sich am Ende natürlich als die „gesuchten“ Halbgeschwister entpuppen) hier einmalig zusammen an, wobei sich Jonny und der bebrillte, stets als nerdiger Trottel in Nöten besetzte Alexander Gittinger nach „Sunshine Reggae auf Ibiza“ nochmals in punkto darstellerisches Unvermögen gegenseitig das Wasser (sic!) abgraben dürfen. Am Thron dieses einsamen Highlights des grotesken Nachkriegskinos vermag „Popcorn und Paprika selbstredend nicht zu kratzen, dafür mangelt es ihm an, sagen wir, der notwendigen anarchischen Potenz. Dennoch: Lisa zwischen 75 und 88 bleibt, auch, wegen und trotz Filmen wie diesem, ein eminentes, prezioses Kapitel bundesdeutscher Kinotiefkultur.

5/10

THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP

„In Germany, the gangsters finally succeeded in putting the honest citizens in jail.“

The Life And Death Of Colonel Blimp (Leben und Sterben des Colonel Blimp) ~ UK 1943
Directed By: Michael Powell/Emeric Pressburger

England, in der Zeit nach dem „Blitz“: Anstatt sich an die Verabredung zu halten, das geplante Manöver betreffs eines deutschen Überfalls zeitlich planmäßig stattfinden zu lassen, setzt der junge Lieutenant Spud Wilson (James McKechnie) die Übung einfach um sechs Stunden früher an – die Wehrmacht, so meint er, würde ihre Attacken schließlich auch nicht minutiös ankündigen. Wilson und seine Männer geraten daraufhin in einem türkischen Bad an eine Gruppe älterer Offiziere, darunter den Major General Clive Wynne-Candy (Roger Livesey), der überhaupt nichts von der Eigenmächtigkeit Wilsons hält. Im Zuge eines folgenden, spontanen Zweikampfs Alt gegen Jung lernen wir Wynne-Candys Lebensgeschichte kennen.

Der Titel um „Colonel Blimp“, der zweiten, gemeinsamen Regiearbeit der beiden Freunde Michael Powell und Emeric Pressburger für ihre selbstgegründete Gesellschaft „The Archers“ und zugleich der erste Film ihres berühmten Technicolor-Zyklus, bezieht sich auf einen zu jener Zeit in England populären, satirisch geprägten Cartoon-Offizier, der als Klischeebündel die Steifheit und den unbeugsamen Selbsträsonismus britischer Militärvertreter karikierte. Obschon jener Colonel Blimp nicht nominell bei Powell/Pressburger auftritt, stellt deren Protagonist Clive Wynne-Candy – zumindest dessen zu Beginn des Films eingeführtes, altes Ich, eine eindeutige Entsprechung der Figur dar. Die Rahmenhandlung prononciert vor allem die Wehmut, mit der betagte englische Soldaten im Angesicht der „modernen Kriegsführung“ des Zweiten Weltkriegs auf ihre aussterbende Militärhistorie zurückblicken: In Indien, im Burenkrieg und selbst im Ersten Weltkrieg wurde noch fair gekämpft und gestorben; man verabredete sich quasi zum gegenseitigen Abschlachten und unkorrekte Übervorteilungen in Form unseliger Überfälle wie heuer durch die Nazis oder die Japaner gab es nicht. Männlicher Schneid und Galanterie prägten das Bild wahren Soldatentums – und nicht nur des englischen: Nach einem diplomatisch vergeigten Ausflug ins Berlin des Jahres 1902 und infolge eines schmerzhaften Fechtduells lernt Clive (seinerzeit noch) Candy den preußischen Offizier Theo Kretschmar-Schuldorff (Adolf Wohlbrück) kennen, – quasi seine deutsche Entsprechung. Die beiden Männer werden Freunde und auch, wenn Theo die ebenfalls von Clive begehrte Lehrerin Edith Hunter (Deborah Kerr) abbekommt, hat dies keinen Groll zur Folge. Sechzehn Jahre später ist das Kaiserreich just im Begriff, den Ersten Weltkrieg zu verlieren, als Clive in Frankreich die Krankenschwester Barbara Wynne (Deborah Kerr) – Ediths Ebenbild – kennenlernt und zur Frau nimmt. Dort begegnet er auch den in Gefangenschaft befindlichen Theo wieder, der ihn zunächst geflissentlich ignoriert, ihm dann aber seine Besorgnis hinsichtlich der Siegerdiktatur des Versailler Vertrags erläutert. Erst zu Beginn des nächsten großen Krieges begegnen sich die beiden alten Freunde wieder. Beide sind mittlerweile Witwer, finden in der jungen Chauffeurin Angela (Deborah Kerr) jedoch neuerlich die physiognomische Entsprechung ihrer verstorbenen Frauen. Theo beobachtet die Entwicklung in Deutschland mit großer Sorge, seine Kinder sind beide zu überzeugten Nazis geworden. Clive muss auf unerfreuliche Weise lernen, dass Krieg mit solchen Gegnern wie Hitler nicht mehr das Gentleman-Geschäft darstellt, dass er selbst von der Pike auf gelernt hat. Er wird in den Ruhestand versetzt und tritt der British Home Guard bei. Sein Haus wird bei einem Bombenangriff zerstört und es entsteht an dessen Stelle eine Zisterne. Endlich begreift Clive, dass und wie die Zeiten sich geändert haben.
„The Life And Death Of Colonel Blimp“ kann filmhistorisch betrachtet durchaus dem Segment des antideutschen Propagandafilms zuaddiert werden, das in diesen Jahren vielfach von Hollywood und England aus bedient wurde. Powell und Pressburger geben sich allerdings im Gegensatz diverser sehr viel rüder agierender Kollegen keineswegs damit zufrieden, plumpe Ressentiments zu bedienen oder gar zu schüren, sondern wählen einen sehr viel differenzierteren Ansatz als Narrativ ihrer vierzig Jahre umfassenden Biographie. Besonders hervorstechend und bemerkenswert ist die latente Ironie, mit der sich der unbeirrbare Glaube an soldatische Tugenden und die (insbesondere England als vormals bedeutender Kolonialmacht zueigene) militärische Arroganz der Briten sanft persifliert finden – ; Entsprechung und Bedeutung des gewählten Titels. Ferner markiert Clive Wynne-Candy eine keinesfalls eindimensional gezeichnete Figur. Schon die Trümmer der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs rufen Zweifel in ihm hervor über den bedauernswerten, selbstzerstörerischen Weg, den die Menschheit im beginnenden Centennium eingeschlagen hat. Dann wäre da die Freundschaft zu seinem deutschen Berufspendant Theo, der vor allem in späteren Lebensjahren, den Zerfall des Kaiserreichs, das Chaos der Republik und schließlich die NS-Machtergreifung und den ideellen Verlust der Kinder, noch wesentlich herbere persönliche Verluste als Clive hinzunehmen hat. Hier sind sich die beiden klugen auteurs nicht zu schade, Hitler und seine Mörderbande keinesfalls zur (selbst-)erwählten Führerriege ausnahmslos aller Deutschen jener Tage zu deklarieren. Schließlich beeindruckt die ungewohnte Entscheidung, Deborah Kerr in einer Dreifachrolle zu besetzen, was dem Script gestattet, ihren Charakter über vier Dekaden quasi nicht altern zu lassen. Obschon sie drei unterschiedliche, englische Damen spielt, versinnbildlicht im Rahmen dieses figuralen Triptychons gewissermaßen das trotz ihres doppelten Verbleichens ewig jung bleibende frauliche Ideal des Protagonisten, dem sie durch ihr moralisches Engagement in drei kritischen Lebenslagen Kraft und Halt spendet.
Die Tatsache, dass „The Life And Death Of Colonel Blimp“ zudem ein frühes Musterbeispiel für die reichhaltige Effektivität des damals noch nicht alltäglichen, wunderschöne Bilder gestattenden Drei-Streifen-Technicolor ist, einer technischen Errungenschaft, für die in den folgenden Jahren vor allem Powell und Pressburger in der Kinogeschichte reüssieren konnten, perfektioniert diesen wunderbaren Film nochmals auf der formalen Ebene.

10/10

VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

LA VÉRITÉ

Zitat entfällt.

La Vérité (Die Wahrheit) ~ F/I 1960
Directed By: Henri-Georges Clouzot

Die junge Dominique Marceau (Brigitte Bardot) steht vor Gericht. Sie hat den Dirigenten Gilbert Tellier (Sami Frey), ihren früheren Liebhaber und späteren Verlobten ihrer Schwester Annie (Marie-José Nat) erschossen. Der öffentlichkeitswirksame Prozess soll klären, welche Motivation Dominique zu der Tat getrieben haben mag und ob diese möglicherweise im Affekt verübt wurde. Im Laufe der Verhandlung wird Dominiques Lebensgeschichte aufgerollt und sie selbst durch die vielfachen Denunziationen ihrer Person mehr und mehr gedemütigt.

In seinem formal strengen Gerichtsdrama (das eigentlich sehr viel mehr als Porträt der Kollateralopfer einer verlorenen Generation gelten mag) inszeniert Henri-Georges Clouzot seinen Star Brigitte Bardot gerade so, wie das Kinopublikum sie vergötterte: Als promisk-verführerischen Sex-Maniac von stellarer Schönheit und Erotik, triebgesteuerte Nymphomanin und doch bedauernswertes Opfer ihrer Umstände. Doch halt – ganz so einfach macht es sich Clouzot dann doch wieder nicht. Vielmehr transzendiert er genau dieses öffentliche Image der Hauptdarstellerin, indem er unter der allseits begehrten und bewunderten Fassade einen schwachen Charakter herausschält, der Sex (stets verfügbar) mit Zuwendung (stets versagt) verwechselt und somit zu dem wird, was im neopsychiatrischen Jargon als „Borderline-Persönlichkeit“ bezeichnet wird. Dominiques Leben ist eine Ansammlung von – zumeist eher halbherzig und als Hilferuf inszenierten – Suizidversuchen. Von Familie und Pädagogen primär als zur Subordination unfähige, renitente Göre erlebt, zieht es das schöne Mädchen noch in den Teenagerjahren vom bürgerlichen Elternhaus in Rennes geradewegs in die verruchte Pariser Bohème, wo Studenten und Nachwuchsexistenzialisten sich im Quartier Latin die Nächte mit allem um die Ohren schlagen, was dazu angetan ist, die Bourgeoisie gegen sich aufzubringen. Die mit ihrer biederen, Musik am Konservatorium studierenden Schwester geteilte Wohnung verlässt sie, nachdem sie Annies Kommulitonen Gilbert kennenlernt, der ihrer offenen Verführungskunst mit Haut und Haaren verfällt. Die sich rasch entwickelnde Liaison erweist sich jedoch als höchst toxisch; während Dominique noch nicht bereit ist, ihr vormaliges Lotterleben einfach hinter sich zu lassen und eine nach klassischem Muster modulierte Beziehung einzugehen, erwartet Gilbert von ihr bedingungslose Treue, die er auf jede denkbare einzufordern versucht. Nachdem sie ihm jedoch immer wieder die kalte Schulter zeigt, löst er sich endgültig von ihr. Es kommt zur Gewalttat, einem Akt der Hilflosigkeit, der im Grunde Dominiques ganze soziale Unangepasstheit zur Kulmination führt. Das sich durchweg aus saturiertem Bürgertum zusammensetzende Gericht, allen voran der Anwalt der Nebenklage, Éparvier (Paul Meurisse), sieht in ihr nurmehr das Sinnbild einer undisziplinierten, verachtenswert aufmüpfigen Junggeneration, die aus dem Ruder zu laufen droht. Die Rekapitulation ihres Lebens, die unentwegte Konfrontation mit all ihren Fehlern, lässt Dominique das Ende der Verhandlung nicht mehr erleben – ihr letzter Selbstmordakt ist erfolgreich. Ihr Verteidiger Guérin (Charles Vanel) ist davon überraschend wenig affiziert. „Das sind die Schattenseiten unseres Berufs“, meint er zu Éparvier, mit dem er sich in den Tagen zuvor erbitterte Wortgefechte geliefert hat, und klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Gerade diese letzte Geste zeigt unmissverständlich, dass der ewig schwelende Generationskonflikt von einer Vehemenz ist, die sich kaum jemals endgültig lösen lassen wird.

8/10