RED SPARROW

„You sent me to whore school!“

Red Sparrow ~ USA 2018
Directed By: Francis Lawrence

Die erfolgreiche Primaballerina Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) kann nach einem Unfall auf der Bühne nicht mehr tanzen. Um ihre kranke Mutter (Joely Richardson) weiter über die Runden bringen zu können, nimmt Dominka daher das Angebot ihres zwielichtigen Onkels Vanya (Matthias Schoenaerts) an, als Spionin zu arbeiten. Nach einem ersten Auftrag, der sie zugleich zur Mordzeugin macht, ist Dominika endgültig in Vanyas Hand. Sie wird ein „Red Sparrow“, eine Sonderagentin, deren Hauptaufgabenbereich in der Verführung und gezielten Verwirrung ihrer Opfer liegen. Zugleich wird der CIA-Mitarbeiter Nate Nash (Joel Edgerton) auf Dominika aufmerksam. Die beiden verlieben sich ineinander und Dominika versucht alles, Nate entgegen den Anweisungen ihrer Auftraggeber zu schonen, derweil ihr Hass auf Vanya immer größer wird.

Ich will es mal so sagen: Hätte Paul Verhoeven diesen Stoff inszeniert – und ich bin sicher, zumindest vor 15, 20 Jahren hätte es keinen treffenderen Regisseur gegeben – man hätte zur Feier des Tages noch ein paar Schamhaare obendrauf serviert bekommen. So bleibt ein aparter Wunschtraum davon, was der Niederländer mit diesem so nonchalant mit sex & crime hantierenden Spionagestoff, dessen Plot auf dem Mist des vormaligen CIA-Angestellten und heutigen Romanciers Jason Matthews gewachsen ist, angestellt hätte. Ich musste bei der Betrachtung von „Red Sparrow“ jedenfalls häufig an Verhoeven und seine früheren, lustvollen Attacken auf die Ästhetiktoleranz des Mainstream-Publikums denken. Potenzial dafür lässt Lawrences Film ja noch hinreichend durchscheinen, am Ende möchte er dann aber doch viel lieber ein klassisch konnotierter Spionage- und Romantikthriller mit viel „Ninotchka“ im Herzen sein, denn kerniger camp oder gar offensive Subversion, die ein NC-17-Rating riskiert. Das ist soweit ja auch in Ordnung, verlangt dann aber eben mancherlei Abzüge in der B-Note.
Zunächst einmal ist „Red Sparrow“ in Zeiten, in denen vermeintlich komplex aufbereitete Agentenfilme wieder an jeder Straßenecke stehen und seine in diesem Zusammenhang etwas schwächliche Geschichte unverschämt lang geraten. Nicht, dass er deswegen langweilig wäre, aber dreist nimmt seine gedehnte Narration sich doch aus. Dann wäre da die merkwürdige Geschichte mit der Sprache. Der Film lässt die Russen untereinander englisch mit russischem Akzent sprechen (bzw. analog dazu in der Synchronfassung deutsch mit russischem Akzent). Dass die Darsteller englisch statt russisch sprechen, ist ja nicht weiter wild und ohnehin gängige Praxis, aber wozu bitte den albernen Akzent? Dass die Grundzüge der Story zudem stark an Luc Bessons „La Femme Nikita“ gemahnen, lässt sich wiederum verschmerzen, vermiest „Red Sparrow“ aber auch den letzten Originalitätspreis. Jennifer Lawrence hat nach den „Hunger Games“-Filmen jedenfalls scheinbar ein neues Serien-Zuhause (in Romanform gibt es bereits zwei Fortsetzungen) gefunden, praktischerweise gleich mit demselben Regisseur von zuletzt im Schlepptau. Die Frau ist geschäftstüchtig, so viel ist sicher.

6/10

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KNIGHT MOVES

„Eventually revenge is carefully arranged.“

Knight Moves ~ USA/D 1992
Directed By: Car Schenkel

Der Schachgroßmeister Peter Sanderson (Christopher Lambert), verwitweter, alleinerziehender Vater einer kleinen Tochter (Katherine Isabelle), nimmt an einem Turnier an der Küste von Washington State teil. Zeitgleich mit ihm treibt auch ein brutaler, seriell vorgehender Frauenmörder sein Unwesen in der Gegend, der bald dafür sorgt, dass Peter selbst zum Hauptverdächtigen der Polizei wird. Während die beiden ermittelnden Cops Sedman (Tom Skerritt) und Wagner (Daniel Baldwin) nicht recht wissen, wem oder was sie eigentlich glauben sollen, hält die hinzugezogene Psychologin Kathy Sheppard (Diane Lane) Peter für unschuldig. Als die merkwürdigen Verbalhinweise des Killers endlich entschlüsselt werden, ist es beinahe schon zu spät.

Da der Schweizer Carl Schenkel als ausgewiesener Genrefilmer zu jener Zeit keine Chance im deutschsprachigen Europa hatte, setzte er seine Regietätigkeit in den USA fort – mit mittelprächtigem künstlerischen Erfolg, wie ich meine. Zumindest hätten ihm bessere Scripts zur Verfügung stehen dürfen, denn aus den sukzessive gröber und, Verzeihung, zunehmend dämlicher werdenden Bücher, die er in filmische Rahmen zu setzen hatte, hätte kein noch so brillanter Filmemacher wesentlich mehr herausholen können. Ironischerweise bildete „Knight Moves“, ein völlig typischer Hochglanzthriller seiner Entstehungsperiode, Schenkels größten kommerziellen Erfolg – in Deutschland wohlgemerkt. In den USA blieb er hinter den Einspielerwartungen zurück.
Ungewöhnlich an „Knight Moves“ ist lediglich das Milieu, in dem er angesiedelt ist – das der Schachspieler, der großen Strategen und Denker, eines, das, wie der Film uns mehrfach versichert, vor Spinnern, Gestörten und Neurotikern nur so wimmelt. Nicht nur Protagonist Sanderson (für den Lambert eine herrliche Fehlbesetzung abgibt) bedarf dringend therapeutischer Unterstützung, auch seinen Sportgenossen fehlt durchweg mindestens eine Dattel an der Palme. Immerhin gelingt es Schenkel und seinem Autor Brad Mirman auf diese Weise, beim Zuschauer regelmäßige Unsicherheit bezüglich Sandersons wahren Seelenzustands zu evozieren – vielleicht ist er ja doch der Mörder? Nein, natürlich wendet sich zumindest in dieser Hinsicht alles zu Guten, wenngleich der wahre Täter sich schließlich als so dermaßen jenseits von Gut und Böse entpuppt, dass man sich leicht verdutzt fragt, wie er überhaupt so lange unentdeckt durch die Weltgeschichte (und den Film) bummeln konnte. Von derlei Illogismen und Ungereimtheiten findet sich „Knight Moves“, dem kein Groschenromanklischee zu abgestanden ist und der weder mit zeitgemäßen erotic attempts noch mit hemmungslosem overacting (Baldwin!) geizt, jedoch randvoll durchsetzt, so dass die eine oder andere weitere ohnehin nicht explizit ins Auge fällt.
Highly campy stuff!

6/10

SUNTAN

Zitat entfällt.

Suntan (Nacktbaden – Manche bräunen, andere brennen) ~ GR/D 2016
Directed By: Argyris Papadimitropolous

Kostis (Makis Papadimitriou), der neue Allgemeinarzt der kleinen griechischen Urlaubsinsel Antiparos, hat Probleme. Er steht zwischenmenschlich völlig isoliert da, ist mit seinem etwas klobigen und unbehenden Auftreten so ziemlich das Gegenteil des mediterranen Salonlöwen und sehnt sich insgeheim nach Nähe und Zuwendung. Eine Tages lernt Kostis die nur halb so alte Anna (Elli Tringou) und ihre Clique, die ihren Sommer auf Antiparos verbringen, kennen. Von der Unbefangenheit der jungen Leute, die tagsüber ihre schönen Körper nackt am Strand präsentieren und nächtens Alkohol, Drogen und Disco durchexerzieren, ist Kostis bald gefangen, zumal von Anna, für die er bald eine regelrechte Besessenheit entwickelt. Er spendiert den Tweenies Drinks und hält sie aus, bis Anna ihm mit einem eindeutig pflichtbewusst durchgeführten Sexualakt den symbolischen Abschiedskuss zuwirft. Doch für Kostis, der über sein neues Lotterleben hinaus langsam vergisst, wer und was er eigentlich ist, ist die ganze Sache sehr viel ernster…

It’s just a dirty black summer: Der mit zunehmender Spielzeit zunehmend unbequeme „Suntan“ kommt mir im Nachhinein vor wie ein Konglomerat verschiedenster literarischer Einflüsse von Carroll über Ende, von Kafka und Nabokov bis hin zu Houellebecq. Kostis, obschon bereits 42 Jahre und damit gewissermaßen physiologisch „überreif“, bewegt sich auf der emotionalen Ebene eines Pubertierenden, der zwei bis drei sexualpsychologische Entwicklungsstufen übersprungen hat. Obschon kein Versager im Rahmen seiner beruflichen Profession, fehlen ihm doch entscheidende Verhaltenskarten, um ein altersgemäßes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit dem Sommer, mit dem heißen Klima und den Touristen, speziell mit der hübschen, sexuell aktiven Anna, die Kostis‘ brüchige Persönlichkeitsstruktur zwar erkennt, aber, ihrem eigenen Alter entsprechend, völlig falsch interpretiert, wird der vermeintlich gesetzte Herr zum Spielball. Und warum nicht? Der unbedarfte Kostis ist in mancherlei Hinsicht mehr Kind als sie, und lustig in seiner dicklichen Tapsigkeit ist er außerdem. Er finanziert der ganzen Clique die Disco-Abende, übersieht dabei, dass sein Stoffwechsel keine 20 mehr ist und beginnt körperlich und seelisch zu verlottern. Dabei entwickelt Kostis jedoch eine gefährliche Obsession für Anna, die ihn nebst ihren Freunden irgendwann, nachdem sie den schlimmsten Fehler begangen und mit dem ihr sexuell natürlich überhaupt nicht gewachsenen Kostis geschlafen hat, wie ein ausgereiztes Spielzeug einfach entsorgen möchte. Kostis, dessen Verhalten nicht unbeobachtet bleibt und der nach einigen derben beruflichen Fehltritten auf Antiparos zur sozialen persona non grata wird, steht immer mehr mit dem Rücken zur Wand und lässt sich das nicht gefallen. Wie die Geschichte von Kostis und Anna letzten Endes ausgeht, bleibt offen, aber dass sie kein gutes Ende nehmen kann, enthält uns Papadimitropolous nicht vor.
Seine bewusst und inflationär mit den häufig besonders perfiden, dramaturgischen Mitteln der Fremdscham hantierende, zumindest in hypothetischer Hinsicht durchaus allgemeinwertgültige Tragödie des Mannes in mittleren Jahren, der sich verzweifelt dagegen wehrt, sich seinem Alter zu stellen und dabei sein Gesicht verliert, funktioniert auch ohne Darstellungen allzu grober Derbheiten als gemächlich schockierendes Porträt einer abgehängten Generation im psychischen Niemandsland.  Ein Film, der zielgenau dahin langt, wo’s richtig weh tut.

8/10

I WALK ALONE

„Every man has a girl who sings someplace in his life.“

I Walk Alone (14 Jahre Sing-Sing) ~ USA 1947
Directed By: Byron Haskin

Nachdem er eine Gefängnisstrafe von vierzehn Jahren für Alkoholschmuggel während der Prohibition verbüßt hat, kehrt Frankie Madison (Burt Lancaster) nach Manhattan zurück, um den seinerzeit mit seinem besten Freund und Kompagnon Dink Turner (Kirk Douglas) vereinbarten Anteil an dessen seither eingefahrenen Gewinnen zu fordern. Doch Dink, der mittlerweile einen neuen, immens erfolgreichen Nachtclub besitzt, weigert sich, Frankie mehr als ein allerhöchstens repräsentatives Pflichtteil auszubezahlen und tut alles dafür, den zunehmend ungehaltenen Ex-Sträfling loszuwerden. Als sich jedoch Dinks Geliebte Kay (Lizabeth Scott) auf Frankies Seite schlägt, wendet sich das von Dink sorgsam gezinkte Blatt allmählich…

Byron Haskins Bilderbuch-Noir lieferte die erste Gemeinschaftsarbeit von Burt Lancaster und Kirk Douglas, die im Laufe der kommenden vierzig Jahre noch in sechs weiteren Filmen gemeinsam auftreten sollten. 1947 standen beide mit Anfang bzw. Mitte 30 noch ganz am Beginn ihrer Karrieren und hatten jeweils bereits zwei mehr als respektable Auftritte in anderen films noirs vorgelegt, die sie für ein gemeinsames Engagement unbedingt empfahlen. Dabei wurde bereits geringfügig in beiden Fällen die für die damalige Studiopolitik obligatorische Typographie betrieben: Lancaster wurde mit Wuschelkopf, athletischem Raubritterkreuz und Pferdegebiss zum leicht einfältigen, aber irgendwo weit drinnen herzensguten Gerechtigkeitsliebhaber stilisiert, dem man lieber nicht übel mitspielen sollte, wenn einem die Gesundheit lieb war und Douglas, erlesen befrackt, hämisch grinsend und mit perfekt liegender Frisur zum öligen, aalglatten Lump, dessen schicke Bösewichte jedoch zugleich stets etwas tiefennunancierter auftraten als von anderen gewohnt. Perfekte Antipoden also gewissermaßen, von denen in dieser Adaption eines Stücks von Theodore Reeves die bloße Behauptung langen muss, dass sie dereinst beste Freunde waren. Lediglich einen Schlüsselrüblick gestattet uns Haskin, indem er nämlich zeigt, wie Frankie einst der Justiz ins Netz ging. Möglich, dass Dink ihn damals bereits gelinkt hatte, denn die Umstände um Frankies Verhaftung wirken doch etwas sehr zufällig und arrangiert. Diese letzte Wahrheit jedoch hält „I Walk Alone“ uns vor; wir werden stattdessen Zeuge der vollendeten Entwicklung jener beiden so ungleichen Männer, von denen der Eine ein eifrig scheffelnder Erfolgsmensch geworden ist und der andere ein zurecht frustrierter, beinahe ausgebrannter Zyniker. Dass letzterer am Ende nicht nur das moralische Recht, sondern angesichts Dinks panischem, sogar tödlichen Aktionismus auch jedes andere auf seiner Seite hat, ist Bestandteil der schlussendlich dringend notwendigen Luftreinigung. Fast ein wenig schade. Eine „What if…“-Variante, in der Dink Turner triumphiert, hätte dann eigentlich doch eine wesentlich realistischere conclusio geboten.

8/10

PHANTOM THREAD

„Maybe he is the most demanding man.“

Phantom Thread (Der seidene Faden) ~ UK/USA 2017
Directed By: Paul Thomas Anderson

London in den fünfziger Jahren: Der Designer und Schneider Reynolds Woodcock (Daniel Day Lewis) genießt einen exorbitanten Ruf als Meister seines Fachs und beliefert ausschließlich erlesenste Kundinnen in ganz Europa. Nähe und Vertrauen lässt der ebenso exzentrische wie narzisstische Junggeselle ausschließlich durch seine ältere Schwester Cyril (Lesley Manville) zu; andere Frauen hat er zwar um sich, hält sie jedoch als Zuarbeiterinnen stets auf Distanz. Als er eines Tages die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) kennenlernt, gerät Woodcocks sorgsam organisiertes Dasein nach und nach aus den streng gesetzten Fugen, zumal Alma alle Mittel Recht sind, um der harten Nuss Schale aufzubrechen…

Außergewöhnliche, abseits der Norm angesiedelte Liebesgeschichten lässt sich mittlerweile als basales Motiv im stachligen Œuvre Paul Thomas Andersons lokalisieren; sein „Punch Drunk Love“, in dem Emily Watson sich tapfer zum Herzen des grenzautistischen Adam Sandler vorarbeitet, steht in enger Verwandtschaft zu „Pantom Thread“. Obgleich diesem der sanfte Humor und  weitgehend auch die Herzlichkeit seines fünfzehn Jahre älteren Geschwisterkindes abgehen, sind einige erzählerische Parallelen unverkennbar. Auch „Phantom Thread“ stellt einen infolge zeitlebens erfahrener, weiblicher Dominanz (Mutter & Schwester) im engsten Familienkreise zur dauerhaften Beziehung unfähig gewordenen Egomanen als Protagonisten vor, der allerdings noch sehr viel unnahbarer und von sich zeitweilig aggressiv äußernden Sozialneurosen durchdrungen ist als Barry Egan seinerzeit. Umso bizarrer nimmt sich Almas finaler Pfad der Durchdringung aus: nachdem alles andere scheitert, bleibt nur eine Möglichkeit: Reynolds muss so krank, seine physische Konstitution so angegriffen sein, dass er ohne Almas aufopferungsvolle Pflege nicht mehr weiterleben könnte. Zu diesem Zwecke serviert ihm Alma aus letzter Verzweiflung eine Pfanne vergifteter Pilze, die Reynolds zwar nicht töten, aber doch für einige Tage schwer vergiften und ans Bett fesseln, derweil er, schwach und hilflos, Almas „lebensrettende“ Fürsorge genießt. Jene bewusst herbeigeführte Vergiftung und anschließende Kur werden zur funktionellen Coda für eine auf seltsame Weise erfüllte Beziehung, die paradoxerweise eine gesunde Beziehung durch ungesunde Aktion gewährleistet.
Unabhängig davon genießt Andersons es abermals sichtlich, sich in die Vergangenheit zu begeben und ein period piece vorzulegen – seit „Punch Drunk Love“ spielte wiederum keiner seiner Filme näher als vierzig Jahre an der Gegenwart. Diesmal führt die wie gewohnt exzellent arrangierte und abgefasste Zeitreise uns in ein emotional ohnehin stark hermetisiertes London der Nachkriegsjahre. Noch immer vom „Blitz“ traumatisiert und hinter der stolzen Fassade britischer Lebensart immens verletzlich symbolisiert Reynolds Woodcock nicht zuletzt auch das gesellschaftliche Befinden seiner Zeit. Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit und äußerste Hingabe stehen über allem und erst ein neuerlicher, sanfter Bruch machen jenen stählernen Panzer des Selbstschutzes erst wieder permeabel.
Gewiss erzählen Andersons Filme, wie es sich für außergewöhnliche Autoren geziemt, auch immer ein Stück über ihn selbst. In Falle „Phantom Thread“ möglicherweise ein größeres, als ihm lieb sein wird.

8/10

READY PLAYER ONE

„It’s fucking Chucky!“

Ready Player One ~ USA 2018
Directed By: Steven Spielberg

2045 ist die Erde für einen Großteil der Menschheit ein kaum mehr belebenswerter Ort – nicht so jedoch die „OASIS“, eine virtuelle Parallelelt mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, die dem gefrusteten Slumeinwohner von morgen nahezu sämtliche nur denkbaren Möglichkeiten der Entfaltung im eigenen Kopf offeriert. Die Grenze ist die individuelle Vorstellungskraft. Der vor fünf Jahren verstorbene Programmierer der OASIS, der exzentrische James Donovan Halliday (Mark Rylance), hat zudem ein spektakuläres Easter Egg in seinem Kunstuniversum hinterlassen: Drei Schlüssel gilt es zu finden, die ihrem Entdecker Hallidays Billionen-Vermögen ebenso zusichern wie die Kontrolle über die OASIS. Für den in prekären Verhältnissen lebenden jungen OASIS-Experten  Wade Owen Watts (Tye Sheridan) ein purer Pixeltraum, dem er in Form seines OASIS-Avatars Parzival tagtäglich nachjagt. Gemeinsam mit der Rebellin Samantha Evelyn Cook (Olivia Cooke), respektive deren VR-Pendant Art3mis, verbucht Parzival bald erste Erfolge auf der Suche nach Hallidays Schatz. Doch ihr Gegenspieler, der OASIS-Verwalter Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn), ist ebenfalls nicht faul und arbeitet zudem mit schäbigen Tricks.

Jede Generation von Kinogängern bekommt gewissermaßen ja nicht nur die Filme, nach denen sie verlangt, sondern schlussendlich auch jene, die sie verdient. Mit „Ready Player One“, der Adaption des gleichnamigen Romans von Ernest Cline, erreicht nun die von J.J. Abrams und von Netflix forcierte Retromanie ihren vorläufigen Höhepunkt. Wer die Heiligen Geekgrale der achtziger und neunziger Jahre nebst der vielen darüber hinaus reichenden Popkultur-Artefakte bestenfalls selbst miterlebt oder (beinahe ebensogut) zumindest emsig studiert hat, für den ist die Kopfgeburt James Donovan Hallidays, die OASIS, ein Paradies. Sämtliche nur denkbaren Film-, Comic-, Musik- und Videospielhelden und -Szenarien Jener Tage lassen sich in der OASIS auffinden, variieren und interaktiv ge- oder missbrauchen. Damit sich eine narrative Einbindung für dieses hochglänzende Reverenzkonglomerat ergab, konstruierte Cline eine wenig innovative Geschichte um eine kapitalistische Dystopie und eine damit verbundene Suche nach MacGuffins, die de facto nichts weniger denn die (virtuelle UND reale) Weltherrschaft offerieren, drumherum. Die megalomanische Überhöhung eines feuchten Nerdtraumes, in dem sich alles tummelt, alles kreucht und fleucht, was die Rechteverwertung eben so gerade zulässt. Sogar auf die traditionellen, getragenen Partituren John Williams‘ hat der Altmeister diesmal zugunsten der poppigeren Eighties-Dynamik eines Alan Silvestri verzichtet.
Man kann ein nettes Trinkspiel daraus machen: Wer einen Querverweis entdeckt, darf einen Hieb aus der Pulle nehmen. Die Einbindung mancher Ideen geriert sich hübsch, während andere schlicht um ihrer Selbst Willen abgehakt werden. Entsprechende Auflistungen verkneife ich mir an dieser Stelle; die ließen sich andernorts sicher ohnehin noch sehr viel akribischer studieren.
Formalästhetisch ist das wohl mit der gebührenden Perfektion verrichtet worden. An den realen Figuren, ihren Träumen, Emotionen und Geschicken verlor ich jedoch ziemlich rasch jedwedes Interesse. Dass Dreh- und Angelpunkt sämtlicher labyrinthischer Verzwickungen lediglich das einsame Los eines seiner verlorenen Liebe nachtrauernden Stubenhockers sind, passt nebenbei zum übrigen, recht einfältigen Konstrukt des Plots. Dass ich mit Computerspielen und insbesondere der suchtartigen Manie, die sie bei Konsumenten und Kultisten auszulösen vermögen, noch nie etwas anfangen konnte, war der Betrachtung von „Ready Player One“ natürlich alles andere als zweckdienlich. Vor allem in der ersten Hälfte hatte ich sehr oft das Bedürfnis, den Film abzubrechen und mich Trauterem zuzuwenden; irgendwie vermochte ich dann doch noch die letzten Respekts- und Höflichkeitsreserven zu aktivieren und es bis zum wenig überraschenden Ende nach einer gefühlten Ewigkeit zu schaffen. Spiel durchgezockt. Oder doch sehr viel eher: ohne größere Blessuren überstanden. Die spielbergsche Flamboyanz und das Brennen für seinen Stoff in allen Ehren, zumal er hier gewiss etwas geschaffen hat, das viele der erreichten Adepten nicht nur sehr zu schätzen wissen, sondern gar aufrichtig lieben werden, und das nicht einmal zu Unrecht. Für mich war’s über weite Strecken eine  kräftezehrende Tortur, der ich mich freiwillig vermutlich kein weiteres Mal aussetzen werde.

3/10

LADY MACBETH

„Are you skirts in danger of falling down?“

Lady Macbeth ~ UK 2016
Directed By: William Oldroyd

England, 1865. Die freisinnige Katherine (Florence Pugh) geht eine arrangierte Hochzeit mit dem Neureichen-Spross Alexander (Paul Hilton) ein, dessen knorriger Vater Boris (Christopher Fairbank) vor allem den überfälligen Familienerben von ihr „erwartet“. Alexander jedoch, der weder zu zwischenmenschlicher noch zu körperlicher Liebe fähig ist, lässt ihr nur Verachtung und Widerwillen zuteil werden. In Alexanders Abwesenheit vernarrt sich Katherine in den virilen Stallknecht Sebastian (Cosmo Jarvis), mit dem sie eine innige Affäre beginnt. Als der alte Boris von dem Verhältnis Wind bekommt, lässt Katherine sich nicht beugen – sie tritt die Flucht nach vorn an und entfesselt einen Strudel der Gewalt.

Was auf inhaltlicher Ebene nach viktorianischem Schicksalskitsch auf Groschenroman-Niveau duften mag, entpuppt sich bei der Betrachtung als kraftvolles, konzentriertes Drama um die (historische) Unmöglichkeit für eine junge, selbstbewusste Frau, ein erfülltes Leben zu führen und ihren anschließenden, versuchten Ausbruch aus der biographischen Fremdbestimmung. Katherine, wunderbar gespielt von Florence Pugh, ist zeitlebens ein Opfer von buchstäblichem Freiheitsentzug und charakterlicher Eingrenzung. Über ihr bisheriges Leben erfährt man wenig; obschon sich vermuten lässt, dass sie hinlänglich in gesellschaftlicher Etikette sowie in standesgemäßem Geschlechterverhalten geschult ist. „Lady Macbeth“ beginnt mit ihrem Einzug in das Anwesen des gräulichen Vater-Sohn-Gespanns, das auch sich selbst gegenüber ausschließlich Feindesligkeit, Hass und Argwohn pflegt. Gleich mit ihrer Ankunft findet sich Katherine als unverhohlene Gefangene im eigenen, neuen Hause wieder. Ihre Tage sollen fortan daraus bestehen, sich morgens ihr engkorsettiertes Kleid anzuziehen und die Stunden schweigend und andächtig im kargen Salon des Hauses zu verbringen. Vom Verlassen des Grundstücks rät ihr selbst das Hauspersonal vehement ab – sie könne sich verkühlen und krank werden. Dennoch dauert es nicht lang, bis Katherine die Bekanntschaft Sebastians macht, der alles an Männlichkeit personifiziert, was Katherine sich wünscht. Doch der Tribut, den sie zu entrichten hat, um mit ihrem Liebhaber zusammen zu sein, wird zunehmend blutiger. Am Ende verrät Katherine alles, wofür sie zuvor gekämpft hat, um dem Galgen zu entgehen. Von nun an ist sie wirklich eine Gefangene auf Lebenszeit, in ihrer (nun immerhin selbstherbeigeführten) Einsamkeit.
Aus der besonders im 19. Jahrhundert zu einigem Renommee gelangten literarischen Kategorie „Missratene Töchter“ stammt diese, einer Novelle des russischen Schriftstellers Nikolai Leskov zugrunde liegende und bereits mehrfach adaptierte Geschichte. Wo beispielsweise etwas später bei Fontane jedoch soziale Ächtung und der Kummertod stehen, ist die Katherine in Oldroyds Film weitaus unbeugsamer. Bei ihr manifestieren sich Ablehnung und Geschlechterdünkel zunächst im Widerstand gegen die Konventionen, um sich dann in mehrfachen Mordakten zu entladen, denen keinesfalls mit Gewissenbissen begegnet wird, sondern mit der genüsslichen Gewissheit, das Richtige getan zu haben.
Dass Oldroyd ein etwas eingeschränktes Budget zur Verfügung stand, kommt dem Endresultat nebenbei sehr zupass; so fokussieren sich sowohl die Inszenierung wie auch das Geschehen umso eindringlicher auf den moralischen Verfall seiner Protagonistin.

8/10