GEGEN DIE WAND

„Keinen Stress machen drinne, ja?“

Gegen die Wand ~ D/TR 2004
Directed By: Fatih Akin

Cahit (Birol Ünel) ist Deutschtürke, 40 und Alkoholiker. Mit seiner türkischen Identität hat er gebrochen und verkehrt stattdessen lieber in der autonomen Szene Altonas. Als er mit dem Wagen frontal und ungebremst gegen eine Wand rauscht, landet er in der Psychiatrie. Dort lernt er die ebenfalls suizidale Sibel (Sibel Kekilli) kennen, die unbedingt der Zwingburg ihrer Familie entkommen will und Cahit bittet, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Nach erstem Unverständnis geht Cahit schließlich auf den Vorschlag ein, ohne realisieren zu können, dass er sich tatsächlich in Sibel verliebt hat. Unfähig, sie zu halten, geschweige denn eine funktionale Beziehungsbasis mit ihr errichten zu können, erschlägt Cahit eines Abends im eifersüchtigen Affekt einen von Sibels Liebhabern und geht dafür ins Gefängnis. Sibel reist in die Türkei, arbeitet dort und verfällt in Depressionen und alte Verhaltensmuster. Nachdem Cahit entlassen wird und Sibel, die mittlerweile Mutter einer kleinen Tochter ist, in Istanbul besucht, scheitert ein letzter Versuch, sich nochmal mit ihr zusammzuraufen. Beide gehen endgültig getrennte Wege.

„I Feel You“: Ein schmerzhaftes, tieftrauriges, packendes und abgründiges Meisterwerk ist Fatih Akin da geglückt, bewundernswert vor allem seines hellsichtigen, übergreifenden Facettenreichtums und seiner strengen, an der griechischen Tragödie orientierten Form wegen.
„Gegen die Wand“ ist durchzogen von etlichen Themenkomplexen, die den Filmemacher als Deutschtürken und „Wanderer zwischen den Kulturen“, der von beiden reichlich gekostet hat, bewegen: Zum Ersten wäre da die Divergenz und Unvereinbarkeit des türkischen Konservativismus, der in Deutschland, in Hamburg, auf pralle westliche Urbanität trifft und die, die in die entsprechenden Felsspalten rutschen, gnadenlos zermalmt. Für Cahit ist „das Türkische“ in ihm gerade noch durch die Beherrschung der Sprache existent. Ansonsten ist er das, was man landläufig als alternden Punk bezeichnen möchte: Zynisch, verlottert, versoffen, immer kurz vorm Boden und psychisch schwer gezeichnet von den schmerzlichen Erfahrungen einer ersten, tief in ihm vergrabenen Ehe. Sibel hingegen besitzt eine prototypische Borderline-Persönlichkeit: Sie verwechselt Freiheit und Glück mit Promiskuität und durchfeierten Nächten und wenn ihr etwas gegen den Strich geht, schneidet sie sich gewohnheitsmäßig die Pulsadern auf. Den einzigen Weg, sich die ersehnte Unabhängigkeit zu verschaffen, wähnt sie ausgerechnet in der Scheinehe mit dem überrumpelten Cahit. Diese beiden schwer fragilen und im Prinzip bereits zertrümmerten Seelen finden und fangen sich in einer hochtoxischen Beziehung, die sich wegen des Unverständnisses und der Verblendung von Sibels Familie dann auch umgehend legalisieren lässt, freilich, ohne dass einer der beiden Teilnehmer auch nur im Mindesten der auf sie wartenden Aufgabe gewachsen ist. Wechselseitig fügen sie sich immer tiefere psychische Wunden zu, bis jede/r von ihnen seinen ganz persönlichen Supergau erlebt – Cahit landet wegen seiner ungebremsten Wut im Knast, Sibel führt bewusst eine Vergewaltigung mit beinahe erfolgreichem Totschlag herbei. Gewissermaßen erfahren die Zwei dadurch eine lang ersehnte Form der Läuterung und zumindest Sibel auch das nötige Maß an Mündigkeit und Vernunft, Cahit endgültig zu ent- und einer tradierten, für sie jedoch einzig möglichen Form der Existenz zuzusagen, auch, um künftig für ihr Kind da sein zu können. Ob es auch für ihn noch eine Art von Erlösung geben kann, lässt der Film offen.

10/10

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THE HATE U GIVE

„How many more of us do you have to kill before you get it?“

The Hate U Give ~ USA 2018
Directed By: George Tillman Jr.

Starr Carter (Amandla Sternberg), eine sechzehnjährige, afroamerikanische Schülerin, lebt im von dunkelhäutigen Bürgern bevölkerten Vorort Garden Heights, geht wie ihr älterer Bruder (Lamar Johnson) jedoch auf die vornehmlich von Weißen frequentierte Privatschule Williamson Prep. im benachbarten Stadtteil. Seit früher Jugend ist Starr gewohnt, zwei Identitäten zu leben – die im Rahmen ihres „ethnischen Vorlebens“ mit ihren ebenfalls farbigen Freundinnen und ihrer Familie und die als gesellschaftlich etablierte Musterschülerin mitsamt weißem boyfriend (K.J. Apa) und bester weißer Freundin (Sabrina Carpenter), die im Rahmen ihrer behüteten bourgeoisen Verhältnisse schwarzes Kulturgut von Hip-Hop-Musik über teure Nikes zu adaptieren pflegen. Als eines Abends nach einer Party Starrs Sandkastenfreund Khalil (Algee Smith) im Zuge einer vermeintlich routinemäßigen Verkehrskontrolle von einem sich bedroht fühlenden, weißen Officer (Drew Starkey) erschossen wird, ändern sich Starrs Sicht der Dinge und ihr ganzes Leben Schlag auf Schlag: Erstmals begreift sie zur Gänze, dass der Kampf um die Gleichberechtigung aller Hautfarben noch längst nicht ausgefochten ist, dass impliziter Alltagsrassismus vor niemanden Halt macht und dass das Selbstbild vieler Afroamerikaner durch die unaufhörliche Bevormundung der WASP-Klasse bewusst beklagenswert gehalten wird.

„The Hate U Give“, das hat mich George Tillman jr.s Film gelehrt, ist Teil eines Akronyms, das auf eine kurzlebige Hip-Hop-Band um Tupac Shakur namens Thug Life zurückgeht. Deren Buchstaben ausformuliert bedeuten nämlich „The Hate U Give Little Infanfts Fucks Everybody“, was sich als allgemeingültiges Statement nicht über das wechselseitige Verhältnis von Schwarz und Weiß in den USA, sondern auch hinsichtlich der oftmals prekären Verhältnisse, unter denen junge Afroamerikaner in den Ghettos aufzuwachsen haben, lesen lässt. Für einen sich aufgeklärt wähnenden, ausdrücklich links vom Teller befindlichen Zentraleuropäer ist oftmals nicht nachvollziehbar, was sich da Tag für Tag im Land der Freiheit abspielt. Von (tödlicher) Polizeigewalt gegen Farbige, also just jener weiterhin autoritätsflankierte Missstand, an deren mit jedem weiteren diesbezüglichen Ereignis unfassbarer werdenden Unfassbarkeit sich die Story des auf einem Roman von Angie Thomas basierenden „The Hate U Give“ entzündet, bekommt man ja hier und da immer wieder etwas mit, und schiebt es dann kopfschüttelnd, in Anbetracht der regionalen Entfernung vielleicht doch allzu achselzuckend beiseite. Die Rechtfertigungen der Exekutive sind dann im Regelfall ebenso kleinlaut wie abwiegelnd und, letzten Endes, wohl auch bar jeder wirklich nachhaltigen Konsequenz.
„The Hate U Give“ zeigt das an seinem dramatischen Höhepunkt ganz vortrefflich: Ein nächtens fahrender Wagen mit zwei jungen, schwarzen Menschen wird von einem überforderten Schichtpolizisten angehalten, der insgeheim hinter jedem Gesicht dunkelhäutiger Personen einen potentiell verdächtigen Kriminellen vermutet. Der scheinbar willkürlich um Identifikation gebetene, junge Fahrer fühlt sich zurecht schikaniert und reagiert flapsig, womit er, ohne darüber nachzudenken, sein Leben gefährdet. Den weißen Bullen nämlich macht das respektlose Verhalten seiner uniformierten Person gegenüber noch aggressiver und, umso verhängnisvoller, noch nervöser. Was dann aus der Distanz für eine Schusswaffe gehalten wird, entpuppt sich im Nachhinein als Haarbürste. Doch da liegt der Fahrer bereits tot auf der Straße, erschossen von dem inkompetenten, übereifrigen, vielleicht rassistischen Polizisten, der, eine verhängnisvolle Schrecksekunde lang, Angst, Allmacht und Pflichtbewusstsein durcheinandergeworfen hat. Für das fassungslose Mädchen auf dem Beifahrersitz beginnt ein mittelschwerer Albtraum, der fortgesetzte Rekapitulationen des Ereignisses, den Verlust der vermeintlich besten Freundin, die Bedrohung der Familie und der eigenen Person und die Wut angesichts der sich aus der Verantwortung windenden Staatsmacht beinhaltet. Immerhin, am Ende steht eine am Schrecklichen gewachsene, starke junge, mündige und vor allem: selbstbewusste Frau, die ihre Lebenslektionen leider auf eine denkbar böse Weise zu erlernen hatte. So weit die inhaltliche Ebene.
Dann ist da noch der Film selbst, der seine eminente Botschaft leider auf vergleichsweise biederem Oberstufenniveau, quasi im abgesicherten Modus, verhandelt. Natürlich ist „The Hate U Give“ thematisch aller Ehren wert und richtig und wichtig, aber er ist zugleich auch sehr routiniert und unkomplex inszeniert, vermutlich, um vor allem eine juvenile Zielgruppe anzusprechen. Er wird dann vermutlich auch ganz gewiss irgendwann seinen Weg in die Bibliotheken aller Sozialkundelehrer dieser Welt finden und in den nächsten Jahren auf diversen Schulcurricula der Sekundarstufe I einen festen Platz bekleiden. Das ist auch ganz gewiss in Ordnung so, doch: aufregend im Sinne eines nachhaltigen Filmerlebnisses – das ist was anderes.

7/10

THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS

„How high can a bird count anyway?“

The Ballad Of Buster Scruggs ~ USA 2018
Directed By: Ethan Coen/Joel Coen

Sechs frontier tales berichten von den manchmal widersprüchlichen Lebenswendungen und Weisen, die der alte Westen für seine Teilhaber bereithielt:
Der Poker spielend, fein herausgeputzte, singende und stets gut aufgelegte Gunman Buster Scruggs (Tim Blake Nelson) wird mit jedem fertig – bis eines schönen Tages ein Besserer (Willie Watson) seine Pfade kreuzt und ihn zum Engel macht;
Einem Nachwuchsgangster (James Franco) kommt immer wieder der Zufall dabei zur Hilfe, dem dräuenden Sensenmann zu entweichen, bis er irgendwann unschuldig, aber dafür umso gelassener aufgeknöpft wird;
Ein abgewetzter, alter fahrender Schausteller (Liam Neeson) stellt allabendlich einen jungen Mann (Harry Melling) ohne Gliedmaßen aus und lässt ihn Bibelweisen und Verse englischer Dichter von Shakespeare bis Shelley aufsagen, bis er, in Erwartung besserer Einnahmen, seinen alten durch einen neuen, vielversprechenderen „Star“ austauscht: Ein zählendes Huhn;
Ein alter Prospektor (Tom Waits) findet ein unentdecktes, idyllisches Gebirgstal nebst Goldader und verteidigt seinen wertvollen Fund tapfer und zäh gegen einen brutalen Strolch (Sam Dillon);
Eine alleinstehende, junge und mittellose Dame (Zoe Kazan) lernt auf einem Siedlertreck nach Oregon den Treckführer (Bill Heck) kennen, der ihr einen unerwarteten Heiratsantrag macht. Während schon das familiäre Glück auf sie wartet, meint das Schicksal es jedoch anders mit ihr;
Fünf höchst unterschiedliche Reisende (Tyne Daly, Saul Rubinek, Chelcie Ross, Brendan Gleeson, Jonjo O’Neill) fahren, einige Grundsatzdiskussionen führend und mit einer Leiche auf dem Dach in einer Postkutsche durch die Abenddämmerung Richtung Fort Morgan, Colorado, wo sie schließlich in einem finsteren Hotel absteigen, derweil der Kutscher umdreht und ihr Gepäck wieder mitnimmt.

Eine – veritable – Sensation: „The Ballad Of Buster Scruggs“, ein ebenso lyrischer wie quertreiberischer Post-Postwestern und einer der wenigen Episodenfilme der Gattung (spontan fallen mir ansonsten lediglich das Cinerama-Vorzeigestück „How The West Was Won“ und Sam Pillburys noch etwas seltsamerer TV-Anthologie „Into The Badlands“ ein) ist nicht nur das veritable Meisterwerk der Coens, mit dem zumindest ich nicht mehr gerechnet hätte, sondern stellt den letzten mir noch fehlenden Beweis da, dass die welt- und zukunftsoffene Cinephilie mit von Netflix produzierten Filmen rechnen muss – unabhängig eben auch davon, welches Bildschirmformat sie nun letzten Endes ausfüllen. Ähnliche Hochgefühle hatte ich vor nicht allzu langer Zeit bereits angesichts Saulniers „Hold The Dark“, doch die Coen-Brüder liefern nochmals hochpromillierter ab. Umso schöner war meine beflügelnd-stimulierende, kleine Reise durch die sechs recht unterschiedlich gefassten, aber doch allesamt um das wesenhaft morbide Allthema „Tod“ kreisenden, eine wie die andere wunderbaren Vignetten (von denen sich eine, die mit Tom Waits, sogar auf Jack London beruft), weil ich mir von „The Ballad Of Buster Scruggs“ wenig bis gar nichts erwartet hatte.
Mit den Coens ist es bei mir so: Ihr (vierteiliges) Frühwerk bis einschließlich 1991 halte ich für ausnahmslos epochal, makellos und tief prägend für alles Weitere, dann erfolgen erste, immerhin noch völlig respektable Durchwüchse, aber auch weiterhin Bravouröses bis hin zu einer sich gemächlich ankündigen Talsohle nebst brutalem Tiefpunkt, nach dem es eigentlich nur mehr wieder aufwärts gehen konnte, über eine insgesamt ordentliche Dekade mit mal ordentlichen, mal guten, in jedem Falle aber zumindest stets interessanten Filmen. Eine andauernde qualitative Hochfrequenz erreichen die ja nun mal nicht jünger werdenden Herren vermutlich nicht mehr, so lange jedoch noch alle paar Jahre frequentiert ein formvollendetes Panoptikum wie dieses den einstmaligen Enthusiasten zu befrieden daherschwebt, ist mir aller Rest lieb.
Die Coens rekultivieren in „The Ballad Of Buster Scruggs“ ihre alten Stärken, indem sie es wie eben schon lang nicht mehr schaffen, Form und Inhalt zu gleichberechtigten Prallelen zu erheben, zutiefst abgründig zu sein ohne je zynisch zu werden, inmitten aller bärbeißigen Gewalttätigkeit immer wieder stille, berückende Momente der Poesie und aufrichtigen Philanthropie einzulassen und für den Helden oder die Heldin jedes Segments echte, schöpferische Liebe aufzubringen. Dass dabei nicht selten verquere Gestalten den Weg des Zuschauers kreuzen, kennt man, weiß man. Sehr liebevoll entwickelt findet sich außerdem die fein ziselierte Dialogsprache, die, wie schon in „True Grit“, überaus pittoresk und höchst berückend mit dem barocken Timbre der Vergangenheit kokettiert.
Endlich einmal wieder ein aktuelles Werk, das mich restlos begeistern konnte – dass es ausgerechnet bei Netflix debütierte, dafür kann ich nichts; dass die Namen der Coens darüberstehen, freut mich indes umso mehr. So oder so.

10/10

FRANKFURT KAISERSTRASSE

„Unter Freiheit hab‘ ich mir was anderes vorgestellt.“

Frankfurt Kaiserstraße ~ BRD 1981
Directed By: Roger Fritz

Um seinem dörflichen Provinzmief zu entgehen, haut das junge Paar Rolf (Dave Balko) und Susanne (Michaela Karger) ab in Richtung Großstadt, Destination Frankfurt. Während Rolf sowieso zum Bund muss und in Höchst kaserniert wird, kommt Susanne bei ihrem Onkel Ossi (Kurt Raab), Florist, schwul und Transvestit, unter. Onkel Ossi wohnt mit seinem Lebensgefährten Tonino (Gene Reed) an der Kaiserstraße, wo das Rotlichtmilieu schönste Blüten treibt. Die beiden Zuhälter Johnny Klewer (Hanno Pöschl) und Aldo (Michael Lewy) tragen ihre Revierstreitigkeiten aus, aus den Schatten gelenkt freilich von den großen Fischen aus dem hochhausgesäumten Bankenviertel.
Rolf hat täglich mit den disziplinatorischen Unertragbarkeiten beim Kommiss zu kämpfen, während Susanne kleine Kellnerinnenjobs annimmt. Als Rolf in all seinem Frust mit der Wirtin Molly (Nicole Dörfler) fremdgeht und Susanne davon Wind bekommt, ist fast Schluss und, schlimmer noch, droht Susanne in die öligen Fänge Johnny Klewers zu geraten…

Ganze elf Jahre nach seinem ziemlich umerfenden „Mädchen mit Gewalt“ bildete „Frankfurt Kaiserstraße“, von Karl Spiehs‘ Lisa-Film produziert, Roger Fritz‘ bis dato letzte Kinoregie. Wie bei der Lisa üblich hatte man keinerlei Scheu, die beiden tragenden Rollen mit zwei unausgebildeten Laien zu besetzen und den Film dann später in München nachsynchronisieren zu lassen. Dave Balko, ein hübscher junger Mann, der der Berliner NDW-Combo Tempo als Sänger vorstand und über den ansonsten wenig bekannt ist, spielte 1981 noch die Hauptrolle in Carl Schenkels ungleich besserem „Kalt wie Eis“ und war dann auch schon wieder von der Bildfläche verschwunden. Die Aufrichtigkeit muss ihm lassen, dass die Schauspielerei Balkos Metier ganz offensichtlich nicht war; seine stoische, überfordert wirkende Mimik passte zwar zu der anonymisierten Atmosphäre jener beiden Frühachtziger-Großstadtporträts, gab jedoch ansonsten nicht viel her. Gleiches gilt für die wohlgeformte Michaela Karger, ebenfalls eine Lisa-„Entdeckung“, deren sonstige Meriten wohl noch eine Fotostrecke im Playboy vorschützen. Interessanter gestaltet sich da schon der Blick in die Nebenrollen, die mit Kurt Raab und Revue-Choreograph Gene Reed als schwulem Pärchen, Roy-Black-Lookalike Hanno Pöschl als Zuhälter samt Wiener Schmier, Verzeihung, Schmäh oder Martin Semmelrogges just vom „Boot“ kommenden, jüngeren Bruder Joachim Bernhard ein wenig schillernd besetzt sind. Fritz‘ zurückhaltender Inszenierung kann man nichts Schlechtes nachsagen; das wie üblich heftigst vor sich hin kolportierende, garantiert kein Milieuklischee auslassende Drehbuch indes ist Lisa-typisches Zweckmittel: Nicht selten, wenn Kalli Spiehs sich mühte, Ernsthaftigkeit und/oder Sozialkritik walten zu lassen, wurde es haarsträubend. Davor ist auch „Frankfurt Kaiserstraße“ nicht gefeit. Vor allem die letzten Minuten der buchstäblichen Auflösung, in denen die überfahrene Susanne als unfreiwillige Mordzeugin beinahe selbst ermordet wird, die Kiezkarten kurzerhand neu gemischt werden und sich eine Versöhnung der Liebenden allein dadurch ergibt, dass ad hoc ihre (natürlich stets gern gesehenen) Brüste ausgepackt und betatscht werden (was sie mittels hysterischem Kichern honoriert), haben es in sich. Das Leben, es hat seine Lektionen. Lisa-Filme auch.

6/10

COLDBLOODED

„I’ve tried everything. Glug, glug, glug – that’s what works for me.“

Coldblooded ~ USA 1995
Directed By: Wallace Wolodarsky

Der einsame, etwas einfältige Cosmo Reif (Jason Priestley) arbeitet als treuer, kleiner Buchmacher für ein Gangstersyndikat. Als sein früherer Boss das Zeitliche segnet und mit dem arrivierten Gordon (Robert Loggia) eine neue Nummer 1 die Befehle gibt, wird Cosmo unversehens und zunächst wider Willen zum Auftragskiller „befördert“. Der erfahrene Steve (Peter Riegert) soll ihn anlernen, ist schon bald äußerst beeindruckt von Cosmos naturgegebenen Schießkünsten und wird von seinem Mündel im Gegenzug zu einer Art Ersatzvater gekürt. Da Steve seine wachsende Verzweiflung mehr und mehr in Alkohol ertränkt und somit unzuverlässig wird, steht auch er bald auf Gordons Abschussliste, derweil Cosmo den Auftrag durchführen soll und gleichsam Steves designierter Nachfolger ist. Doch der schüchterne Junge ist gleichsam frisch verliebt – in die Yogalehrerin Jasmine (Kimberly Williams)…

Eine der wenigen wirklich ordentlichen, im Tarantino-Fahrwasser entstandenen Killergrotesken der Mitt- und Spät-Neunziger ist dieses Kinodebüt des vormaligen und hauptberuflichen TV-Show-Produzenten Wallace Wolodarsky geworden. Mit leisem Humor, statischer Kamera und auf wenige Handlungsorte beschränkt, präserviert „Coldblooded“ einen verschrobenen Humor, der als gezielt eingesetztes Gegengewicht zu dem ansonsten recht gewalttätigen Gestus der Killerstory halbwegs elegant aushebelt.
Zentriert findet man den mit der Tennie-Soap „Beverly Hills, 90210“ zu Erfolg gekommenen Mädchenschwarm Jason Priestley in einer unerwartet nunancierten Darstellung als eine Art Simplicissimus des Profikiller-Subgenres. Cosmo Reif ist ein vermutlich unter dem Asperger Syndrom leidender Midtwen, dessen einziger körperlicher Kontakt zu einer in derselben „Firma“ wie er selbst beschäftigten Prostituierten (Janeane Garofalo) besteht, die wiederum zufällig in jenem Seniorenheim diverse Klienten bedient, in dessen kargem Keller Cosmo haust. Sein Alltag besteht aus leeren, öden Ritualen, bis er dann von jetzt auf gleich Leute erledigen soll. Damit erhält Fosmos Existenz eine Wende, der der durchaus sensible junge Mann emotional langfristig natürlich nicht gewachsen ist. Bis seine Erlösung wartet und seine eigentlich vorab zum Scheitern verurteilte Romanze durch eine ebenso unerwartete wie bizarre Wendung erblühen kann, gilt es zunächst jedoch, einen kleinen Leichenberg aufzutürmen – immerhin müssen sämtliche Spuren in diese merkwürdige biographische Episode Cosmos restlos verwischt werden.
Glücklicherweise sind die (von Wolodarsky selbst ersonnenen) Dialoge des Films ähnlich wortkarg und pointiert wie der langsame Habitus seines Protagonisten und erliegen nicht der Versuchung, die bekokste Geschwätzigkeit des hyperaktiven Vorbilds zu plagiieren. Dieser kluge Weg verhindert zwar nicht gänzlich die eindeutige Identifizierbarkeit der hauptsächlichen Einflussquelle von „Coldblooded“, lässt ihn jedoch eigenständig genug erscheinen, um innerhalb seiner eingeengten Laufbahn zu überzeugen.

8/10

OUTLAW/KING

„I’m done with running and I’m sick of hiding.“

Outlaw/King ~ UK/USA 2018
Directed By: David Mackenzie

England im Jahre 1302. Nachdem die schottischen Edelleute König Edward (Stephen Dillane) im Gegenzug für die Garantie, ihre Lehen behalten zu dürfen ihre Waffen zu Füßen gelegt und ihm Treue geschworen haben, soll der Frieden durch eine Heirat des Adligen Robert Bruce (Chris Pine) mit Edwards Patentochter Elizabeth Burgh (Florence Pugh) besiegelt werden. Doch die Waffenstille bleibt trügerisch: Als der Aufrührer William Wallace getötet und seine Leiche vöffentlich zur Schau gestellt wird, sieht sich Bruce gezwungen, eine neuerliche Revolte gegen die Engländer anzuzetteln. Nachdem er einige Vertraute von seinem Vorhaben überzeugen kann, wird er zum schottischen König gekrönt. Der mittlerweile todkranke Edward veranlasst seinen Sohn (Billy Howle), gegen die Rebellion vorzugehen, doch dieser wird Bruces nicht habhaft und kann stattdessen bloß Elizabeth und Marjorie (Josie O’Brien), Bruces Tochter aus erster Ehe in Geiselhaft nehmen. Derweil schart Bruce – mittlerweile als Guerillero unterwegs – immer mehr Gefolgsleute um sich und kann trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die Armee Edwards II in der Schlacht von Loudoun Hill vernichtend schlagen.

Man muss kein ausgesprochen historisch bewanderter Filmfreund sein, um sich den Namen „Robert Bruce“ oder auch „Robert The Bruce“ flugs ins Gedächtnis zu rufen: Der Figur des späteren schottischen Königs wurde bereits in Mel Gibsons (bekanntermaßen eine sehr unpopuläre Meinung in cinephilen Kreisen, aber ich bleibe, excusez-moi, tapferen Herzens dabei:) wunderbarem „Braveheart“ ein kleines Kinodenkmal gesetzt. Darin spielte Angus Mcfayden den schottischen Earl, dessen von seinem leprösen Vater gelenkte, staatsräsonistische Flatterhaftigkeit und verräterische Haltung schließlich das Ende des Titelhelden bedeuteten, nicht allerdings, um danach doch noch eine kleine Ehrenrettung für The Bruce bereitzuhalten, der dann wiederum gegen die Engländer ins Feld zieht. In seinem jüngsten, von Netflix produzierten Film nimmt sich nunmehr der schottische Filmemacher David Mackenzie der Figur des Robert Bruce an; freilich nicht mit der grobkantigen Wucht, Fabulierfreude und Flamboyanz eines Mel Gibson, aber doch auch zumindest ein wenig geschichtsklitternd. Dass sich historisch eingebundenes Genrekino jedoch Freiheiten erlaubt und unbedingt erlauben darf, gehört seit der Geburtsstunde des Films zu seinem basalen Wesen; dies ist allein auf die Unvereinbarkeit von Erzählzeit und erzählter Zeit zurückzuführen.
William Wallace nun bekommt man in „Outlaw/King“ nicht zu Gesicht und auch die Beziehung zwischen ihm und Robert Bruce bleibt weithin nebulös. Zudem hat letzterer hier auch indirekt nichts mit Wallaces Festsetzung und Hinrichtung zu tun; im Gegenteil ist die Rache für dessen unrühmlichen Tod eine Hauptantriebsfeder für Bruces finalen Entschluss, sich doch gegen König Edward zu stellen (das reale Vorbild unterwarf sich tatsächlich mehrmals, nur, um sich dann doch immer wieder aufs Neue seiner patriotischen Wurzeln zu besinnen). Mackenzie umgreift den Stoff in einer Mischung aus klassischem Mittelalter-Abenteuer und Gegenwartsstil. Sein von Chris Pine wohltuend gediegen interpretierter, jedoch durchweg edler Held passte charakterlich ebensogut in einen Ritterfilm der fünfziger Jahre, während die Abbildung der Ära des frühen 14. Jahrhunderts klar naturalistisch erfolgt. Diese Kombination funktioniert überraschend gut, wie auch die schöne Romanze zwischen Pine und Pugh sowie die Darstellung des ebenso schurkischen wie unfähigen Edward II, den Gibson durch Peter Hanly noch  höhnisch als tuckigen Firlefanz porträtiert hatte.
Als potenzielles aftermath zu „Braveheart“ (ein Wiedersehen mit James Cosmo gibt’s außerdem) für alle, die danach noch Luft und Lust haben, also eine schöne Ergänzung und ein durchaus ansehnlicher Film, wenngleich wie erwähnt ohne den lustvollen steinerweichenden Irrwitz eines Mel Gibson.

7/10

TWO WEEKS IN ANOTHER TOWN

„I don’t lie to the press! I never have.“ – „You lie to yourself, Mr. Kruger. That’s worse.“

Two Weeks In Another Town (Zwei Wochen in einer anderen Stadt) ~ USA 1962
Directed By: Vincente Minnelli

Nach mehreren Jahren Aufenthalt in einem Sanatorium, in dem er sich wegen eines während einer Mischung aus Depressionen und Alkoholsucht verübten Suizidversuchs befindet, erhält der Hollywoodstar Jack Andrus (Kirk Douglas) eine postalische Offerte eines alten Freundes, des egozentrischen Regisseurs Maurice Kruger (Edward G. Robinson). Dieser dreht zur Zeit in Cinecittá einen europäischen Film mit dem Nachwuchsschauspieler Davie Drew (George Hamilton). Andrus soll gegen kleines Entgelt eine Nebenrolle übernehmen – ein möglicher Neuanfang. Zögerlich wagt Andrus den Ausflug nach Rom und wird prompt mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Seine Exfrau, die promiske Carlotta (Cyd Charisse), der Anlass für Andrus‘ miserables Los, ist ebenfalls in der Stadt. Kruger steht indes unter dem Druck des Produzenten (Mino Doro), keine Zeit für die Postsynchronisation aufwenden zu dürfen und überredet Andrus, die Arbeit daran für ihn zu übernehmen. Dieser findet derweil in der jungen Römerin Veronica (Daliah Lavi), eigentlich Drews Freundin, neuen Halt. Als Kruger einen fast tödlichen Herzinfarkt erleidet, bitter er Andrus, den Film für ihn zu übernehmen, doch der eigentlich im Aufwind befindliche Jack dreht eigenmächtig einige von Krugers Szenen nach, woraufhin dieser die Fassung verliert und Andrus feuern lässt. Abermals verzweifelt, trifft Andrus auf Carlotta…

Genau zehn Jahre nach ihrem gemeinsamen Hollywood-Drama „The Bad And The Beautiful“ fanden Vincente Minnelli und Kirk Douglas abermals zusammen, um sich neuerlich der zerstörerischen Seite des Filmbiz anzunehmen, diesmal natürlich in Scope und Farbe. Gab Douglas vormals mit dem schmierigen Jonathan Shields noch den opportunistischen Verführer, der seine Vasallen – sprich Darsteller – wie Schachfiguren nach Belieben zu manipulieren wusste, steht er nun auf der anderen Seite. Als psychisch schwer angegriffener, aber weitgehend austherapierter Ex-Star unterzieht er sich einer harten Konfrontationstherapie, die ihn nach einer abermaligen, schweren Krise aufrecht aus dem Ring steigen lässt. Interessant ist „Two Weeks In Another Town“ vor allem in seiner Funktion als Porträt der Ära „Hollywood On The Tiber“ der fünfziger und sechziger Jahre, die zahlreiche Filmschaffende aus den USA nach Cinecittá lotste, um dort unter europäischer Produktinsägide und mit internationalen Stäben und Besetzungen Kino zu machen. Den arrivierten Regisseur, der, freilich ohne es sich selbst eingestehen zu wollen, seinen kreativen Zenit hinter sich hat und daher mehr oder weniger gezwungen ist, in Rom zu arbeiten gibt Edward G. Robinson in einer makellosen Darbietung, die im Prinzip Douglas‘ Figur aus „The Bad And The Beautiful“ (der sogar einmal im Film vorgeführt wird) transzendiert. Als großer Betrüger und Egomane ist Kruger es gewohnt, nach eigenen Maßgaben zu arbeiten, beißt bei seinem italienischen Produzenten Tucino, der stattdessen die einheimische, launische Diva Barzelli (Rosanna Schiaffino) hofiert, jedoch auf Granit. Ausgerechnet Jack Andrus, in der Vergangenheit von Kruger stets ausgenutzt und im Gegenzug oftmals in den Staub getreten gestoßen, soll für ihn den Karren aus dem Dreck ziehen, ein Plan, der beinahe aufgeht, schließlich jedoch mit Krugers ungebrochener Selbstüberhöhung und der Unnachgiebigkeit seiner tief frustrierten Gattin Clara (Claire Trevor) kollidiert. Nichtsdestotrotz überlebt Andrus auch diese Krise und geht am Ende gestärkt und mit juveniler Unterstützung (in Veronica und dem nicht minder krisengeschüttelten Davie Drew findet er zwei neue Freunde und Unterstützer) zurück nach Hollywood, um dort eine zweite Karriere als Regisseur zu begehen. Minnelli frönt hier einem für seinen Dramen ungewöhnlichen Positivismus, der für seinen gebrochenen Helden am Ende Heilung und Salbung bereithält. Neben der liebevollen Photographie Roms und seiner prominenten Zentren ein weiterer, guter Grund, sich diesen manchmal geflissentlich blasiert wirkenden, insgesamt aber doch schönen Film anzusehen.

7/10