PATERSON

„Poetry in translation is like taking a shower with a raincoat on.“

Paterson ~ USA/F/D 2016
Directed By: Jim Jarmusch

Paterson (Adam Driver), der Mann, der heißt, wie die Stadt in New Jersey, in der er lebt und als Busfahrer tagtäglich seine Runden zieht. Paterson, der Mann, ist verheiratet mit Laura (Golshifteh Farahani), die nicht ganz so gut backt und kocht, wie sie glaubt, was er ihr aber nie sagen würde. Laura liebt Paterson vor allem für seine Dichtkunst, die er jedoch lieber nicht zu veröffentlichen bevorzugt. Allabendlich trinkt Paterson ein Bier in seiner Stammkneipe, während Bulldogge Marvin draußen angebunden auf ihn wartet. Paterson liebt sein Leben, auch, wenn es gleichförmig und scheinbar ereignislos verläuft. Es sind die kleinen, kurzen Begegnungen und Episoden, die ihn glücklich stimmen: Die Leute, die mit dem Bus fahren, ein kleines Mädchen (Sterling Jeris), dass sich wie er selbst der Poesie verschrieben hat. Schießlich ein japanischer Dichter (Masatoshi Nagase), der ihm ein leeres Notizbuch schenkt.

Jim Jarmusch, unangefochtener amerikanischer Meister des stillen, kontemplativen Kinos, bleibt mit „Paterson“ seiner Linie nicht nur treu, sondern verlangsamt sein Tempo sogar nochmals, analog vielleicht zum eigenen Älterwerden. „Paterson“ erzählt den Abriss einer Woche im Leben des gleichnamigen Protagonisten in seiner gleichnamigen Stadt, die für ihre vergleichsweise bescheidene Größe eine erstaunliche Anzahl Prominenter und Kulturschaffender hervorgebracht und beherberht hat. Obwohl jene sieben Tage augenscheinlich wenige Höhepunkte vorweisen, geschehen für Paterson und seinen Lebensweg gleich mehrere elementare Begebenheiten, die ihn in allem, was er ist und was er sein will, bestätigen. Paterson hat seinen festen Platz in der Welt. Er ist ein heimlicher Intellektueller, ein Dienstleister, an den sehr heterogenen Menschen, denen er allenthalben begegnet und mit denen er täglich zu tun hat; sei es, indem er einen liebeskranken Kneipengast (William Jackson Harper) besänftigt, oder seine nervösen Fahrgäste angesichts einer Buspanne beruhigt. Sein Bücherregal ist nicht besonders groß, aber fein selektiert. William Carlos Williams steht darin, wie Paterson selbst ein schreibender Observierer, der einst eine Anthologie veröffentlicht hat, die – wie könnte es anders sein – den Namen „Paterson“ trägt. Äquivalenzen und Spiegelbilder ziehen sich leitmotivisch durch Patersons Alltag: Immer wieder und überall begegnet er Zwillingspärchen. Alles hat zwei Seiten. Als er einmal mit Laura ins Kino geht, um sich Erle C. Kentons Klassiker „Island Of Lost Souls“ anzuschauen, zerfetzt der eifersüchtige, alleingelassene Marvin sein Gedichtbuch derweil zu Haus Patersons handschriftlich geführten Gedichtband. Doch auch das wirft den Helden des Alltags nicht aus der Bahn. Dass es und alles, manchmal auf geradezu magische Weise, immer weitergeht, wird sich ihm kurz darauf offenbaren.

8/10

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IRON FIST: SEASON 1

„I am Danny Rand, the immortal Iron Fist, protector of K’un-Lun, sworn enemy of the Hand!“

Iron Fist: Season 1 ~ USA 2017
Directed By: John Dahl/Farren Blackburn/Uta Briesewitz/Deborah Chow/Andy Goddard/Peter Hoar/RZA/Miguel Sapochnik/Tom Shankland/Stephen Surijk/Kevin Tancharoen/Jet Wilkinson

Nachdem Danny (Toby Nichols), der Sohn des New Yorker Firmengründers und Unternehmers Wendell Rand (David Furr), als einziger den Absturz dessen Privatjets im Himalaya überlebt, wird er von Mönchen der mystischen Klosterstadt K’un Lun gefunden und fünfzehn Jahre lang in deren Lehren unterwiesen, die unter anderem die Zerschlagung der kriminellen Geheimsekte „Die Hand“ vorsehen. Zudem erlangt Danny die Kraft, sein Chi zu konzentrieren und sich dadurch die gewaltige Kraft der „Iron Fist“ zunutze zu machen. Nach dieser Zeit verschwindet Danny (Finn Jones) unerlaubt aus K’un Lun und kehrt, mittlerweile erwachsen, zurück nach New York, wo er mit seinen Kindheitsfreunden Joy (Jesica Stroup) und Ward Meachum (Tom Pelphrey) konfrontiert wird, die mittlerweile die Firmengeschäfte von „Rand Enterprises“ leiten und Danny nach wie vor für tot und den bei ihnen Auftauchenden für einen Lügner halten. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie kann Danny zunächst zu der Kung-Fu-Lehrerin Colleen Wing (Jessica Henwick) fliehen und sich seinen Platz als rechtmäßiger Firmenerbe zurückerobern. Doch im Hintergrund zieht noch der ebenfalls totgeglaubte Kompagnon von Dannys Vater, Harold Meachum (David Wenham), die Fäden, der unselige Verbindungen zur „Hand“ pflegt, und auch Colleen ist nicht die, die zu sein sie vorgibt…

„Iron Fist“, die mittlerweile vierte Netflix-Installation eines Marvel-Serials, hatte und hat es immens schwer, sich selbst unter Fans und Geeks einen Leumund zu erstreiten, der seinen Vorgängern auch nur ansatzweise an die Kante reicht. De facto scheint die Reihe nur wenige echte Befürworter zu haben. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Der weltfremde, manchmal hinterwäldlerische Habitus Danny Rands, seine Unerfahrenheit und relative Jugend, liefern häufig Anlass zu mal mehr, mal weniger freiwilliger Komik; die street credibility von Matt Murdock, Jessica Jones und Luke Cage geht ihm, dem urplötzlichen Reichen mit dem goldenen Herzen und der goldenen Faust vollends ab, stattdessen pflegt er eine weltverbesserische, manchmal geradezu infantil anmutende Naivität, die zwar zu seiner Figur passt, ihn dabei jedoch nicht selten auf eher rührende Art und Weise an die Martial-Arts-Version eines Capra-Protagonisten erinnert. Hinzu kommt, dass „Iron Fist“ noch sehr viel mehr und direkter als die bisherigen Netflix-Marvels eindeutige Soap-Elemente integriert – die Intrigen und Hasslieben innerhalb der höchst dysfunktional agierenden Meachum-Familie, die gar Erinnerungen an „Dallas“ oder „Dynasty“ aufkommen lassen, tragen Sorge dafür. Anders als bis dato gepflegt, verfolgt „Iron Fist“ zudem keinen klar fixierten Inhaltsstrang; stattdessen finden sich gleich drei(einhalb) Bösewichte mit unterschiedlich geschickt umrissenen Zielsetzungen eingebaut, was relativ rasch offenbar werden lässt, dass nicht nur hier und da erzählerische Ratlosigkeit vorherrscht, sondern zudem eine Komprimierung der Story auf zehn statt dreizehn Episoden vermutlich nicht ganz ungeschickt gewesen wäre.
Ferner wirkt die Figur der von Rosario Dawson gespielten „Night Nurse“ Claire Temple, die als eine Art dramaturgischer Kleister unter den einzelnen Serien fungiert und die ich eigentlich immer sehr schätze, hier erstmals sehr willkürlich eingepasst.
Resümierend gefielen mir die ungezwungene Leichtigkeit, die die Comicwurzeln der Figur „Iron Fist“ – wenn auch ohne das schicke Kostüm – prononciert und sie von dem manchmal beschwerlichen Existenzialismus einer Jessica Jones abgrenzt, dann doch recht gut. Die Kämpfe sind ordentlich choreographiert und Dannys Romanze mit Colleen Wing findet sich recht hübsch in das Gesamtgeschehen eingeflochten. Zudem bekommt man mit David Wenham als immer wahnsinniger werdenden Harold Meachum wieder einen schönen villain vorgelegt. Gelangweilt habe ich mich jedenfalls nicht, auch wenn gewisse Entschlackungsmaßnahmen dem Ganzen wie bereits erwähnt gewiss zu größerem Erfolg gereicht hätten.

7/10

THE SPIRAL ROAD

„I believe in the strength of the human spirit.“

The Spiral Road (Am schwarzen Fluss) ~ USA 1962
Directed By: Robert Mulligan

1936 kommt der karrierebewusste, holländische Mediziner Anton Drager (Rock Hudson) nach Indonesien, um dort einige Zeit mit dem gesetzten Lepra-Experten Brits Jansen (Burl Ives) zusammenzuarbeiten und von dessen renommierten Studien und Erfahrungen zu profitieren. Dr. Jansen hat vor allem die hiesige Bevölkerung und ihre Art zu leben in vielen Jahren der Arbeit kennen und lieben gelernt und ist skeptisch, dass der geschniegelte Neuling seinen oft harten Aufgaben vor Ort gewachsen ist. Ein weiterer Konflikt ergibt sich durch Dragers unbedingten Atheismus, den Jansen immer wieder mit humanistischen Glaubenssätzen auszuhebeln versucht. Dennoch werden aus den beiden unterschiedlichen Männern Freunde, bis Drager durchblicken lässt, dass er weitaus weniger daran interessiert ist, den eingeborenen Patienten zu helfen, denn daran, sich zurück in der europäischen Heimat ein hohes Ansehen als Seuchenforscher zu erarbeiten. Es kommt zum Bruch zwischen den Ärzten und Drager begibt sich allein in den Dschungel, um es mit einem gefürchteten Schamanen (Reggie Nalder) aufzunehmen, dessen bedrohliche Praktiken er als reinen Blödsinn abtut…

Ein leicht zwiespältiges Abenteuerdrama, dessen aufwändige und epische Gestaltung zwar sehr gefallen, sich im Endeffekt jedoch an der christlich infizierten Botschaft messen lassen müssen, die am Ende, ganz nach „Ben-Hur“-Manier, natürlich doch noch greift und aus dem Saulus Rock Hudson einen gottesfürchtigen Paulus werden lässt.
Mir hat das ziemlich die zunächst noch sehr schmackhafte Petersilie verhagelt, nachdem ich mich zunächst ebenso sehr über Hudsons ungewohnt beeindruckende und sehr dedizierte Darstellung freute wie über den tollen Burl Ives, für den die Rolle des ginerprobten, schalkhaften Dr. Jansen eines der vielen Schauspielgeschenke seiner Laufbahn bot. Tatsächlich bildet Ives‘ liebenswerter Auftritt gewissermaßen das Herzstück von „The Spiral Road“, der im Laufe seiner Spielzeit mancherlei Haken schlägt. Neben seiner wohl eindeutigsten Zugehörigkeit zum Abenteuerfilm streift er auch Drama, Komödie, Romantik (mit seiner von Gena Rowlands gespielten Frau Els hat der gute Drager – wie auch mit sich selbst – etliche Höhen und Tiefen zu durchlaufen) und gegen Ende, als der unvergleichliche Reggie Nalder als einheimischer witch doctor Burubi auf den Plan tritt und dem ehrfurchtslosen Drager endlich mal zeigt, an welcher Fichte die Murmeln hängen, sogar das Horrorgenre. Diese nur scheinbare Orientierungslosigkeit tut dem Film tatsächlich sehr gut, da er dadurch die emotionalen Schlenker der Story angemessen involvierend nachvollziehbar macht. Das Spannungsfeld der Beziehung zwischen den beiden Ärzten findet sich ordentlich ausgearbeitet und es macht viel Freude, Hudson und Ives bei ihren Quasi-Vater-Sohn-Ersatzspielchen beizuwohnen. Hätte man diese ätzende Glaubenskiste weggelassen oder zumindest durch rein berufsethische bzw. kolonialpolitische Diskurse ersetzt – was „The Spiral Road“ nebenbei betrachtet wahrscheinlich ohnehin mit einem deutlich frischeren und nachhaltigeren Wind versorgt hätte, könnte man von einem annähernden Meisterstück sprechen. So aber gibt es leider (unnötige) Abzüge in der B-Note.

8/10

WINDTALKERS

„You think too much.“ – „First time I’ve ever been accused of that.“

Windtalkers ~ USA 2002
Directed By: John Woo

Nachdem Corporal Joe Enders (Nicolas Cage) als Squad Leader auf den Solomon Islands wegen sturer Befehlstreue die Aufreibung seiner gesamten Einheit mitverantwortet, landet er verletzt und traumatisiert in einem Veteranen-Hospital. Doch die zweite Chance wartet bereits: Enders soll an einer Spezialoperation im Pazifik teilnehmen, in deren Zuge Navajo-Indianer Funksprüche per Geheimcode übermitteln, die für den Feind undecodierbar sind. Enders wird der Navajo Ben Yahzee (Adam Beach) überantwortet, ein lebenslustiger Familienvater, der seinem Kriegseinsatz so naiv und frohgemut entgegensieht wie viele frisch angeworbene Jungsoldaten; Bens Stammespartner und väterlicher Freund Charlie Whitehorse (Roger Willie) steht unter dem Schutz von Enders‘ Regimentskollegen Henderson (Christian Slater). Zu Enders‘ und Hendersons Aufgabenbereich gehört es auch, die Navajo auf keinen Fall in die Hände der Japaner fallen zu lassen und sie gegebenfalls vorher zu töten. Während der Schlacht um die Insel Saipan erleben die Soldaten dann die Hölle auf Stelzen.

„Windtalkers“, auch der grundsätzlich zu bevorzugende, um zwanzig Minuten erweiterte Director’s Cut, macht es einem nicht leicht, ihn zu mögen. Wie nach seinem Fortgang nach Hollywood üblich, versucht John Woo, der authentischen Geschichte um die Navajo Code Talkers das ihm übliche Pathos um Freundschaft und Ehre, Schuld und Sühne zu verarbeiten und nutzt dazu die bewährten Mittel um exzessive Zeitlupeneinsätze, schmerzverzerrte Männergesichter etc. pp.. Was in seinen Hong-Kong-Produktionen der achtziger Jahre noch seine Berechtigung hatte und sich dem übrigen Filmfluss seiner Gangster- und Killer-Epen anpasste, hinterlässt bereits bei „Face/Off“ und auch bei „M:I-2“ (wovon mir vor allem Ersterer bei der letzten Betrachtung mittelschwer zugesetzt hat; mit Zweiterem konnte ich im Zuge der letzten „Mission: Impossible“-Gesamtrückschau zumindest meinen Frieden machen), keinen unbedingt positiven Eindruck mehr. Dabei erreicht Woos akute Sehnsucht nach der Inszenierung von heroic bloodshed und tränentriefender Männerliebe in „Windtalkers“ ihren finalen, amerikanischen Höhepunkt – nach einer weiteren, letzten Hollywood-Produktion ging er wieder zurück nach Asien. Nicolas Cage ist erneut erste Wahl als rigoroser Schmalztopfträger und interpretiert jene von ihm höchstpersönlich formvollendete Mixtur aus schuldbewusstem Trauerkloß und lebensmüden Beinaheirrsinn wie eben nur er das kann. Enders‘ Beziehung zu dem Navajo Ben Yahzee gestaltet sich – kontrastiert von der zwischen Henderson und Whitehorse, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit gemeinsam Musik machen – zunehmend komplex und kann am Ende natürlich nur darin ihre conclusio finden, dass er sich für das zwischenzeitlich selbst kurz vom Kriegswahn angenagte Unschuldslamm opfert. Dass Woo ganz allgemein ohnehin eher mit dem propagandistisch gefärbten US-Kriegsfilm der vierziger und fünfziger Jahre liebäugelt, sei ihm in diesem Zusammenhang verziehen.
Deutlich interessanter ist da der unfassbare, pyrotechnische Aufwand. „Windtalkers“ holt den Artillerie- und Infanteriekrieg im Pazifik wohl tatsächlich so feuerverliebt vor die Kamera wie keine Konkurrenzproduktion; was hier in die Luft gesprengt und an Munition verballert wird, das sucht verzweifelt seinesgleichen und findet es nicht. Ich schätze, zumindest in dieser Hinsicht verbleibt Woos Film als bis heute beispiellos und lädt nach wie vor zu ungläubigem Staunen ein. Ob man dabei dem kindlichen Hang zum Explosionsvoyeurismus nachgeben oder bloß den Kopf schütteln soll angesichts der Abermillionen von Dollars, die da vielgestalt ins Bild gesetzt in Rauch und Flammen aufgehen, das muss man mit sich selbst ausmachen. So oder so steht fest: Als anachronistischer, aus vielerlei Blickwinkeln betrachtet seltsam inadäquat wirkender, bildgewaltiger Kriegsfilm ist „Windtalkers“ zumindest das: einzigartig.

6/10

VICTOR VICTORIA

„I don’t care if you are a man.“

Victor Victoria ~ USA 1982
Directed By: Blake Edwards

Paris, 1934. Die englischstämmige Sopranistin Victoria Grant (Julie Andrews) ist völlig abgebrannt. Selbst am Vaudeville gelingt es ihr nicht, ein Engagement zu bekommen. Da lernt sie durch Zufall den schwulen Musiker Toddy (Robert Preston) kennen und freundet sich mit an. Toddy hat die geniale Idee, dass die ohnehin etwas burschikose Victoria sich als Mann tarnen könne, der wiederum auf der Bühne in die Rolle einer Frau schlüpft. In dem Nachtclub-Chef Cassell (John Rhys-Davies) finden sie einen dankbaren Abnehmer dieses Konzepts. Bald feiert Victoria aka Victor riesige Erfolge. Auch der aus Chicago angereiste Unterweltler King Marchand (James Garner) ist schwer von Victoria angetan, stutzt jedoch ungläubig, als sie sich nach einem ihrer Auftritte als Mann zu erkennen gibt. Marchand glaubt seiner anderslautenden Intuition und verschafft sich kurzum auch den Beweis dafür. Die nun folgende Romanze ist von allerlei Wirrungen belastet: Victoria liebt Marchand, will aber ihr Rollenspiel nicht aufgeben; er wiederum möchte nicht, dass die Öffentlichkeit ihm nachsagt, er pflege Rendez-vous mit Männern. Victoria muss eine Entscheidung treffen.

„Victor Victoria“, eine Variation von Reinhold Schünzels 1933 für die UFA entstandener Komödie „Viktor & Viktoria“, gilt gemeinhin als einer von Blake Edwards‘ besten Filmen. Ich teile diese Einschätzung nicht ganz, aus mehrerlei Gründen. Zunächst einmal tangieren mich persönlich die vielfältig aufgegriffenen Themenkomplexe rund um Genderbilder und -krisen, Homosexualität und -phobie kaum, mögen sie werkimmanent auch noch so geschickt und klug aufbereitet sein. Edwards entwickelt viel Sympathie für seine Charaktere, die er in traditionsbeflissene Screwball-Szenarien setzt, nur eben, dass sich jetzt Dinge verdeutlichen und betonen lassen, für die man sich fünfzig Jahre zuvor noch vielerlei geschickt gewählter Symbole und Bilder zu befleißigen hatte. Gerade das ist ja eines der Geheimnisse der klassischen screwball comedy; dass darin eben romantische und erotische Topoi angesprochen wurden, ohne sie feierlich zu apostrophieren. „Victor Victoria“, wie viele seiner Filme dieser Ära zweifelsohne und vor allem als Geschenk an seine Gattin Julie Andrews gedacht, praktiziert jedoch genau dies und begeht damit ganz bewusst eine gezielte Form von Eklektizismus, die man, und dies durchaus berechtigt, als kreativen Radikalschluss bewerten kann, jedoch keinesfalls muss.
„Victor Victoria“ ist gewiss ein guter Film, das lässt sich überhaupt nicht leugnen. Edwards inszeniert wie immer mit gepflegter, leichter Hand, lässt jedweden Stress von sich abprallen und sich dabei alle Zeit der Welt für seine Geschichte. Sein Ensemble ist durchweg hervorragend, die (sichtbar künstlichen) Dekors sind liebevoll in den Plot eingebunden. Allein, sein Werk berührt mich diesmal nicht. Ich liebe Edwards‘ (zu Lebzeiten von Sellers entstandene) „Pink Panther“-Filme und halte „The Pink Panther Strikes Again“ für eine der besten Komödien aller Zeiten. So ziemlich alles, was er in den Sechzigern gemacht hat, ist makellos und auch seine späten Arbeiten um Männer in der midlife crisis hauen absolut hin. Edwards war ein brillanter Filmemacher. Nur hat mich sein sonst so zielsicherer Pfeil diesmal leider knapp verfehlt.

6/10

LILI MARLEEN

„So woll’n wir uns da wiederseh’n – bei der Laterne wollen wir steh’n…“

Lili Marleen ~ BRD 1981
Directed By: Rainer Werner Fassbinder

Während der letzten Tage vor Hitlers Überfall auf Polen pflegt die weder sonderlich begabte noch erfolgreiche Tingeltangelsängerin Willie Bunterberg (Hanna Schygulla) in der Schweiz eine Liebesbeziehung zu dem jüdischen Komponisten und Untergrundaktivisten Robert Mendelssohn (Giancarlo Giannini), was dessen Vater (Mel Ferrer) mit einigem Argwohn verfolgt. Er ist es schließlich auch, der das Paar durch seinen Einfluss auseinanderbringt. Willie wird derweil von dem Nazi-Offizier Henkel (Karl-Heinz von Hassel) „entdeckt“ und groß herausgebracht. Eine eilends konservierte Aufnahme der Kommisschnulze „Lili Marleen“, die von der unglücklichen Liebe eines kasernierten Gefreiten handelt, macht Willie zum Star, nachdem das Stück eher zufällig knapp zwei Jahre später via Radio Belgrad übertragen wird – mit gigantischem Erfolg. Von nun an wird Willie von nahezu jedem Deutschen hofiert, Hitler inbegriffen. Ihre Liebe zu Robert jedoch bleibt ungebrochen, ebenso wie die seine. Als die Gestapo Robert verhaftet, kann Willie unter Einsatz ihres Lebens seine Freilassung erwirken, indem sie seinem Vater kompromittierende Bilder von Konzentrationslagern zuspielt, wodurch dieser ein Druckmittel hat. Dennoch ist dem Paar kein glückliches Ende beschieden.

Fassbinders großer Brückenschlag zwischen den deutschen Kinoströmungen der Vorjahrzehnte wurde zugleich sein teuerstes Projekt, co-produziert von Luggi Waldleitner. Unübersehbar ist „Lili Marleen“ eine Aufbereitung der zwischenzeitlichen Biographie von Lale Andersen und beruft sich auch auf deren Buch „Der Himmel hat viele Farben“; ihrem letzten Ehemann Artur Beul zufolge versagte das Drehbuch jedoch darin, einen möglichst authentischen Abriss der realen Ereignisse zu liefern. Ob Fassbinder an einem solchen überhaupt interessiert war, lässt sich jedoch ohnehin bezweifeln. Vielmehr scheint besagte Schaffung einer stilistischen Schnittmenge sein kreativer Antrieb gewesen zu sein – Opas Schnulzenkino, eine vorsichtige, bewusst irreale Romantisierung der NS-Jahre, die unlängst im europäischen Ausland kultivierte Nazi-Kolportage, all das findet im Film zu einem eigenartigen, eklektischen und zugleich doch immens faszinierenden und spannenden Abriss. Das hohe Budget von über zehn Millionen Mark, die internationale Besetzung, die daraus resultierende Entscheidung, in englischer Sprache zu drehen, beeindruckende Massenszenen (darunter zwei als Führerpropaganda inszenierte Auftritte Willies) und vor allem der sich anschließende Kassenerfolg all das ließ spekulative Rückschlüsse auf Fassbinders mittelfristige Karriereplanung zu, dem man den Gang nach Hollywood nunmehr zumindest zuzutrauen bereit war. Ebenso bewies der Regisseur, dass er bereit und im Stande war, seinen signatorischen Stempel selbst einem „Fremdstoff“ aufzudrücken, das Ursprungsscript stammte nämlich von Manfred Purzer, dessen sonstige Arbeit von Fassbinder nicht erst bei näherer Beschau doch ziemlich weit entfernt anmutet. So verwundert es auch nicht weiter, dass die wenigen Frontszenen keinesfalls von Fassbinder selbst hergestellt, sondern ohne Umschweife aus Peckinpahs „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ entnommen wurden. Auch diese Arbeitweise, bereits konserviertes „Fremdmaterial“ in einen neuen künstlerischen Kontext zu setzen, kommt „Lili Marleen“ in seiner Gesamtheit noch zugute.
Zumindest Lale Andersen wird der Film bei aller sonstigen Qualität aber nicht gerecht. Gern hätte man mehr von ihrem knappen Überleben im Dritten Reich gesehen, wie es ihr, nachdem sie beim Führer in Ungnade gefallen war und beinahe in einem KZ gelandet wäre, weiter ergangen ist. Hier begnügt sich Fassbinder, ganz bei sich und bei seinen Vorstellungen der erzählten Zeit, mit der Konzentration auf jene unglückliche Liebesschmonzette und deren kurzen, unerklecklichen Ausgang.

8/10

LIVE BY NIGHT

„We’re all going to hell.“

Live By Night ~ USA 2016
Directed By: Ben Affleck

Boston, 1926. Seine blauäugige Affäre mit dem Gangsterliebchen Emma Gould (Sienna Miller) wird dem Ganoven Joe Coughlin (Ben Affleck) zum Verhängnis: Mafiaboss White (Robert Glenister) kommt hinter den Seitensprung seiner Mätresse und rächt sich, was Joe zwar nicht wie geplant das Leben, aber doch die Freiheit kostet – er landet nämlich im Gefängnis. Um sich an White zu rächen, läuft Joe zur italienischen Mafia über, deren Boss Pescatore (Remo Girone) ihn nach Tampa schickt, um dort die regionalen Geschäfte zu verwalten. Joe verliebt sich dort in die schöne Exilkubanerin Graciela Corrales (Zoe Saldana) und heiratet sie, derweil er zur lokalen Unterweltgröße aufsteigt und eigene Pläne für ein Casino entwickelt. Schwierigkeiten mit dem Ku-Klux-Klan und dem hiesigen Polizeichef Figgis (Chris Cooper) bringen Joe mehr und mehr in Bedrängnis, bis Boss Pescatore schließlich höchstselbst in Tampa erscheint und Joe mit einer unangenehmen Neuigkeit konfrontiert…

Ein wenig eitel geraten ist er wiederum schon, der aktuelle Affleck (damit meine ich ausdrücklich seine Regiearbeit), den er abermals kräftig um die eigene Person herum inszeniert. Dennoch darf man ihm durchaus bescheinigen, als Filmemacher mittlerweile ein wesentlich höheres  Niveau erreicht zu haben denn in seiner ursprünglichen Tätigkeit als Schauspieler. Damit wandelt er ein wenig auf den Spuren von Vorbildern wie Eastwood, Beatty oder Redford, die einst und bis heute ja höchst erfolgreich durchaus analoge Wege beschritten. Angesichts seiner bisherigen Ausbeute wünscht man Affleck durchaus, dass er in zwei Dekaden mal auf ganz ähnliche Meriten wird zurückblicken können.
„Live By Night“ liefert formelhaftes Gangsterkino der gehobenen Klasse, was sich bereits auf seine Darbietung als period piece zurückführen lässt: Die Prohibition bietet stets ein dankbares Zeitkolorit, die damit einhergehende Periode der Zwanziger entsprechend viele Möglichkeiten, Chic in der Wahl von Garderobe, Musik und Interieurs auszustellen. Audiovisuell geschmackvoll kommt Afflecks Film also ohne Frage daher, und die bislang eher selten geschilderte Konfrontation „Mafia vs. KKK“ gibt ihm gleichfalls inhaltlichen Auftrieb. Etwas blass dagegen bleibt – offensichtlich anderer Pläne zum Trotze – die Hauptfigur des Joe Coughlin. Seine phasenweise immer wieder hervortretenden Skrupel, die sich insbesondere in seiner Verbindung zu Figgis‘ gebeutelter Tochter Loretta (Elle Fanning) und den entsprechenden Szenen manifestieren, lenken ein klein wenig vom Wesen des Verbrechertums ab, das eben, um erfolgreich zu funktionieren, echte Schweinehunde benötigt. Vielleicht braucht Affleck noch ein paar Jahre, um sich selbst einmal als wirklich fiesen Patron ins Bild zu rücken. Auch das gehört gewissermaßen zur ganzheitlichen Emanzipation des veritablen actordirector.

7/10