EUROVISION SONG CONTEST: THE STORY OF FIRE SAGA

„Play ‚Jaja Ding Dong‘!“

Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga ~ USA 2020
Directed By: David Dobkin

Seit frühester Kindheit träumen die in einem isländischen Küstenstädtchen beheimateten Freunde Lars Erickssong (Will Ferrell) und Sigrit Ericksdottir (Rachel McAdams), als Duo „Fire Saga“ einmal am Eurovision Song Contest teilnehmen zu können und – natürlich – zu gewinnen. Während Sigrit seit eh und je in Lars verliebt ist, steht für diesen jedoch die Musik mit Abstand an erster Stelle. Eines Tages eröffnet sich ihnen dann tatsächlich die Chance, zunächst auf Landesebene in die Endsausscheidung zu kommen. Da sämtliche Mitbewerber einer Schiffsexplosion zum Opfer fallen, dürfen Lars und Sigrit trotz eines katastrophal verlaufenden ersten Auftritts Island als letzte verbliebene Musiker in Edinburgh repräsentieren. Hier warten jedoch nicht nur die oftmals professionelleren übrigen Finalisten, sondern auch die bösen Irrungen und Wirrungen des internationalen Showgeschäfts – ebenso wie Lars‘ letzte Möglichkeit, sich zu seinen wahren Gefühlen zu bekennen…

Irgendwann landen sie alle bei Netflix – nun auch Will Ferrell, der bei seinen Anhängern (zu denen auch ich mich ohne Umschweife zähle), nie ganz in der Versenkung verschwand, dessen wirklich ikonische, in der Regel von Adam McKay inszenierte Komödien-Highlights, und da beißt die Maus keinen Faden ab, nunmehr jedoch bereits Jahre zurückliegen. Filme wie „The House“ oder „Holmes & Watson“ luden zwar nach wie vor zum Schmunzeln ein, der brachiale anarchistische Witz früherer Comedy-Großtaten mochte sich jedoch nicht mehr einstellen. Auch „Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga“ bildet diesbezüglich keine zäsurische Ausnahme. Einmal mehr präsentiert sich darin die Story des ewigen Kindmannes, dessen kosmopolitischer Horizont sich auf ein höchst überschaubares, nerdiges Mikrouniversum beschränkt, dessen emotionale Entwicklung seit dem Alter von sieben oder acht Jahren stagniert und der sich ganz seinem Lebenstraum als Sieger eines albernen Wetbewerbs verschrieben hat. Vor allem „Blades Of Glory“ kommt einem in den Sinn, wenn Ferrell mit Langhaarperücke und albernen Kostümen seine Trashpop-Songs performt. Überhaupt dieser den Film überschattende Eurovision Song Contest: in meiner Welt kommt dieses musikalische Großevent eigentlich gar nicht vor, weder auf ernstem noch ironischem Wege konnte ich dem Ganzen je etwas abgewinnen noch habe ich, mit Ausnahme weniger historischer Marksteine überhaupt etwas davon mitbekommen. Erst Wikipedia lehrte mich, dass die diesjährige Gastgeberstadt Rotterdam wegen Covid-19 leer ausgehen und sich ein Jahr Aufschub gefallen lassen muss – wie schön, dass Dobkins Film nun Ersatz bietet. Inwieweit parodistische Bestrebungen und semiernst gemeinte Hommage an den ESC sich darin letzten Endes die Waagschale halten, vermag ich in Ermangelung eigener Erfahrungen nicht zu beurteilen. Die hier dargebotene Musik, witzig gemeint oder auch nicht, finde ich ausnahmslos und durch die Bank grauenhaft und das ganze sie umwabernde, tuckige It-Getue, das sich selbst Albtraumgestalten wie Conchita Wurst auszusparen versagt, nicht minder. But that’s just the way it is, I guess.
Will Ferrell liefert (s)eine gewohnt professionelle Standard-Performance und macht sich auf seine ihm unnachahmliche Art zum Affen, obschon man als Kenner nicht umhin kommt, zu registrieren, dass er durch feine, fast unmerklich in sein Spiel eingewobene Nuancen doch immer wieder probiert, nicht mehr ganz der formvollendete Vollidiot zu sein, den seine ikonischen Rollen als Ron Burgundy, Ricky Bobby oder Brennan Huff ihm abverlangten. Ich schiebe das auf eine gewisse, sich möglicherweise analog zur Altersmüdigkeit einstellende „Räson“. Was wiederum tadellos funktioniert und en Film letzten Endes schön und sehenswert macht, ist die Chemie zwischen ihm und Rachel McAdams, die tatsächlich bezaubernd ist als elfengläubige Islandfee und, sorry Will, trotz nachvertonter Gesangsstimme das eigentliche Highlight von „Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga“ darstellt. Tolle Frau.

7/10

SILVER LININGS PLAYBOOK

„You have poor social skills. You have a problem.“

Silver Linings Playbook ~ USA 2012
Directed By: David O. Russell

Pat Solitano Jr. (Bradley Cooper) leidet unter einer bipolaren Persönlichkeitsstörung, die ihm, nachdem er seiner Frau Nikki (Brea Bee) in flagranti erwischt und deren Liebhaber krankenhausreifg geprügelt hat, acht Monate in der geschlossenen Psychiatrie eingebracht haben. Auf Insistieren seiner Mutter (Jacki Weaver) hin darf Pat nun entlassen werden und unter Aufsicht seiner Eltern leben. Das erweist sich als nicht eben einfach, denn auch Pats Dad (Robert De Niro) ist ein Vollblutneurotiker, der seinen jüngeren Sohn Jake (Shea Whigham) stets bevorzugte. Zudem ist Pat in pathologischer Weise darauf fixiert, Nikki, die bereits ein Kontaktverbot erwirkt hat, zurückzugewinnen. Durch Zufall lernt er die ebenfalls psychisch angestoßene Tiffany (Jennifer Lawrence) kennen, die sich prompt in Pat verliebt und alles Mögliche versucht, ihn, der ebenfalls uneingestandenes Interesse zeigt, für sich zu gewinnen. Zu diesem Zweck überredet Tiffany Pat, mit ihr an einem Tanzwettbewerb teilzunehmen.

Hmja. Sonderlich Innovatives kredenzt diese von den Weinsteins produzierte Allerwelts-RomCom mit ein paar dramatischen Einschlägen, die ja in Anbetracht dessen, was die handelsüblichen Netzseiten so hergeben, doch sehr beliebt zu sein scheint, nicht auf. Allein aufgrund dessen will ich gewiss kein vorschnelles Qualitätsurteil fällen, nur scheint mir diese doch sehr derrivierte Mixtur aus zwei psychisch „angeknacksten“ Versehrten, die auf Umwegen zueinander finden (ähm) über einen Hauch Rostand (uff) bis hin zum unvermeidlichen Tanzfinale Marke „Dirty Dancing“ (ächz) doch etwas sehr faul vorzugehen mit ihrer ausgestellten Konstruiertheit. An „Silver Linings Playbook“, der sich schlussendlich überhaupt nicht unterscheiden will oder kann von all diesen typischen Dramödien für den Modell-Kinogänger um Therapie-Patienten, die ein bisschen sonder- weil unberechenbar sind, aber eigentlich doch ganz lieb, zumindest, so lange sie einen Vogel mit ähnlich gefärbtem Gefieder finden, ist somit aber auch gar nichts Besonderes. Man könnte Russells Film mit einem weinenden Auge auch als grundrepräsentativ für das Gros von Robert De Niros Rollenauswahl seit kurz vor der Jahrtausendwende erachten. In diesem Zeitraum spielte der einstige Vorzeige-method-actor, sofern nicht gerade Marty Scorsese seinen Weg kreuzte, den analog zu seinem Faltenwurf kauziger werdenden alten Stiesel mit Diamantschale und Herz aus Gold gefühlte dreitausend Male. Man (ich!) begne(t) ihm zwar immer noch stets gern, weil man traditionell so viel Gutes mit ihm assoziiert, aber die Wiedersehensfreude scheint doch mit jeder neuerlichen Begegnung abzuflauen, weil, ähnlich wie bei jährlich wiederkehrenden Familienfestivitäten die Geschichten, die Onkel Robert zum Besten gibt, irgendwann stets dieselben bleiben und sich daher nicht mehr ganz so spannend ausnehmen wie früher mal. So geht es im Ganzen auch „Silver Linings Playbook“, der mir allzuviel uninspirierte und dazu noch anderswo zigmal so ähnlich oder besser gesehene Reißbrettelemente vorweist, um wirklich sympathisch oder gar schön zu sein; einem Film, der sich ebenso rasch aus Herz und Hirn verflüchtigt wie ein Tröpfchen Ethanol aus einer versehentlich offen stehen gelassenen Phiole.

4/10

MÄDCHEN MÄDCHEN

„Warum sagt’n ihr gar nichts?“

Mädchen Mädchen ~ BRD 1967
Directed By: Roger Fritz

Andrea (Helga Anders) wird aus einer Erziehungsanstalt für Mädchen entlassen, in der sie die letzten 17 Monate verbracht hat. Der Grund für ihren Aufenthalt dort war, dass sie mit ihrem wesentlich älteren Chef Ernst (Hellmut Lange), Besitzer einer Kiesfirma und Aristokrat, angebandelt hatte, der seinerseits aufgrund dieser Affäre wegen Unzucht mit Schutzbefohlenen ins Gefängnis musste. Der bloße Zufall führt Andrea statt wie geplant nach Hause zurück zu Ernsts wegen dessen Abwesenheit von seinem Sohn Junior (Jürgen Jung) geleiteten Firma. Junior ist ebenso alt wie Andrea. Die beiden jungen Leute lernen sich kennen (Ernst hatte Junior zuvor immer den Kontakt zu Andrea untersagt), finden schnell Gefallen aneinander und verlieben sich. Erste Pläne für eine gemeinsame Zukunft werden geschmiedet, da taucht Ernst, der just ebenfalls wieder freigekommen ist, zu Hause auf. Weder Andrea noch Junior finden den Mut, ihm die Wahrheit über sich zu sagen.

Roger Fritz‘ erstes Langwerk als Regisseur, nachdem er bereits einige Erfolge als Photograph und Erfahrungen beim Film mit Luchino Visconti in Italien sammeln konnte. An der Oberfläche zunächst einmal einer jener typisch wilden Aufbrauchsfilme, wie sie insbesondere die Schwabinger Clique als emotional basierten, antithetischen Entwurf zum Oberhausener Manifest mehrfach inszenierte, erweist die oben zu lesende, sich eher spekulativ ausnehmende Synopse bald als nachgerade unzureichend.
Vielmehr geht es um tieferliegende, dabei durchaus zeitgenössisch-immanente und -eminente Topoi; den schwelenden Generationenkonflikt im Widerstreit mit bourgeoiser Bequemlichkeit etwa oder die am Ende ziemlich frustrierende Erkenntnis, dass selbst die scheinbar entschlossenst wirkende Aufbruchsstimmung im Angesicht von Standesdünkel und der alten Weise vom Blut, das dann doch dicker ist als Wasser, mit Pauken und Trompeten scheitern mag.
Die im Mittelpunkt des Geschehens stehende, aus kleinbürgerlichem Hause stammende Andrea hat der zwischen Selbstverständnis und Bange oszillierenden, jeweiligen Willkür von Vater und Sohn nichts entgegenzusetzen. Während „Mädchen Mädchen“ uns, dem Publikum, im Zuge seiner nur von wenigen, eher von narzisstischen Kränkungen bestimmten Grübeleien Juniors durchbrochenen Verbalattacken gegen Andrea immer stärker des Eindrucks versichert, das junge Paar sei doch stark genug, sich passierbare Weichen für sein künftiges Zusammensein zu stellen, straft Ernsts Rückkehr diese schöne Utopie auf durchaus schmerzliche Weise Lügen. Mit der Rückkehr des Patriarchen, des „Barons“, nebst seinem freundlichen, aber bestimmten Wesen der Unantastbarkeit, verstummt Juniors verlässlich erscheinende Aufsässigkeit ebenso rasch wie sie zuvor noch aufgebrandet war. Analog dazu ebbt auch der romantische Sturm im Wasserglas wieder ab. Andrea, die jetzt weder den alten Filou mehr will, noch „seinen“ Junior, der enttäuschenderweise nicht die Chuzpe besitzt, offen zu ihr zu stehen, verschwindet sang- und klanglos aus beider Leben und stattdessen – vielleicht, die Möglichkeit besteht – zu dem virilen LKW-Fahrer Schorsch (Klaus Löwitsch). Eine optionale, befreiende Tragödie (man rechnet bereits, einer Spur Suspense hält Fritz hier bereit, damit, dass Junior seinem Vater einen tödlichen Unfall bescheren könnte) bleibt aus, gerade wie im richtigen Leben. Stattdessen fügt sich alles regressiv, zum überraschungsfreien Vorher. Papa und Sohnemann werden wieder abends gemeinsam Schach spielen, den Sekretärinnen hinterhergeifern, abwechselnd mit der desillusionierten, aber auf seltsame Weise zufriedenen Haushälterin Anna (Renate Grosser) in die Kiste hüpfen und weitere Geweihe toter Waldtiere an die Wände ihrer biederen Villa nageln.
Der Titel des Four-Tops-Song „Reach Out I’ll Be There“, dessen Rechte sich Fritz zuvor sichern konnte und der in zig, oftmals jazzig-entfesselten Variationen über den gesamten Film hinweg gespielt wird, erweist sich indes als denkbar bitter konnotiert in Anbetracht ehedem noch immer okulierter bundesdeutscher Realitäten.

8/10

THIS EARTH IS MINE

„The grape is the living proof of the existence of God!“

This Earth Is Mine (Diese Erde ist mein) ~ USA 1959
Directed By: Henry King

Napa Valley, Kalifornien in den frühen dreißiger Jahren: Die Folgen der Prohibition machen auch vor der Winzerdynastie Rambeau unter dem alternden Patriarchen Philippe Rambeau (Claude Rains) nicht Halt. Während dessen Enkelin Elizabeth (Jean Simmons) aus Europa anreist – nicht nur, um sich mit ihrem dereinst auf sie wartenden Erbteil vertraut zu machen, sondern, wie sie etwas entsetzt, aber gefasst erfährt, auch, um mit dem etwas biederen Nachbarssohn Andre Swann (Francis Bethencourt) verheiratet zu werden, schmiedet ihr Cousin John (Rock Hudson), selbst ein illegitimer Enkel Philippes, Pläne, sich mit den großen Alkoholschmugglersyndikaten von der Ostküste einzulassen, um nicht auf Dauer bankrott zu gehen. Zudem verlieben Elizabeth und John sich einander; ein übles Missverständnis um eine weitere uneheliche Schwangerschaft sorgt jedoch für Unbill.

Henry King, eigentlich langjähriger Vertragsregisseur bei 20th Century Fox, verlegte sich in den fünfziger Jahren vornehmlich auf gepflegte Edelschmonzetten in Scope, wobei er in erster Linie seine bevorzugten Hauptdarsteller Tyrone Power und Gregory Peck zu besetzen pflegte. Immer wieder liebäugelte er zudem mit den großen amerikanischen Autoren wie Hemingway oder F. Scott Fitzgerald, dem er in seinen letzten Schaffensjahren ein Biopic widmete. Mit „This Earth Is Mine“, seiner drittletzten Arbeit, vollzog King jedoch noch einen kurzen Schlenker zu Universal, um einmalig mit Rock Hudson zu drehen.
Interessanterweise wirkt der Film nicht selten wie eine grobschlächtige, um nicht zu sagen: vulgäre Variation von George Stevens‘ formvollendetem „Giant“, nur dass dessen Hauptdarsteller Hudson hier gewissermaßen den rebellisch angelegten (freilich deutlich sympathischer gezeichneten) Part seines vormaligen Widersachers James Dean bekleidet. Die dazugehörige Story, eine hübsch dramatische Geschichte um eine kalifornische Winzerfamilie in der Spätphase der Prohibition nach dem Roman „The Cup And The Sword“ von Alice Tisdale Hobart, lag im Prinzip wiederum ganz auf der jeweiligen Linie von Regisseur und Hauptdarsteller. Fast verwundert es ein wenig, dass „This Earth Is Mine“ nicht im Œuvre von Douglas Sirk erscheint. Vielleicht registrierte dieser, wie seine um diese Zeit entstandenen Filme beweisen, grundsätzlich ein Freund knackiger, pointierter Plots, auch, dass das weit ausholende Script (Casey Robinson) sich oftmals zu verlieren droht, an anderer Stelle ungenau wirkt und im Zuge eigentlich eminenter Szenen Richtung camp abrutscht. So läuft der narrativ durchaus entscheidende Handlungsstrang um John Rambeaus vermeintliche Affäre mit einer backfischigen Kelterin (Cynthia Chenault), die dann einen italienischen Weinbauern (Ken Scott) mitsamt Mutterkomplex heiratet, mit seinem mehr oder weniger unfreiwilligen Humor dem eigentlichen Impetus der Geschichte völlig zuwider und wirkt in seiner konfliktträchtigen Auflösung eher albern denn aufwühlend. Was bleibt, ist eine wunderbare Photographie (Winton C. Hoch) und der wohltuende Beweis dafür, dass auch eine vereinte Garde absoluter first class professionals im alten Hollywood nicht automatisch stets einen veritablen Klassiker abzuliefern vermochte.

6/10

LEAVING LAS VEGAS

„Is drinking a way of killing yourself?“ – „Or, is killing myself a way of drinking?“

Leaving Las Vegas ~ USA 1995
Directed By: Mike Figgis

Ben Sanderson (Nicolas Cage) ist pathologischer Alkoholiker. Nach der Scheidung von seiner Frau und dem Verlust seiner Anstellung als Drehbuchautor in Hollywood fasst er einen letzten, festen Entschluss: Er will nach Las Vegas und sich dort zu Tode trinken. Vor Ort angelangt lernt er die Hure Sera (Elisabeth Shue) kennen, die sich mit vornehmlich widerlichen Freiern und ihrem gewalttätigen Zuhälter Yuri (Julian Sands) herumschlagen muss. Das ungleiche Paar verliebt sich zaghaft ineinander, doch während Sera anfänglich an eine bessere Zukunft glaubt, rückt Ben zu keinem Zeitpunkt von seinem fest ins Auge gefassten Vorhaben ab.

John O’Brien, der Autor des „Leaving Las Vegas“ zugrunde liegenden, semi-biographischen Romans desselben Titels, erlebte die Filmpremiere nicht mehr. Nachdem er die Rechte für sein Buch nach Hollywood verkauft hatte, schoss er sich eine Kugel in den Kopf. Die eiserne Willenskraft seines Antihelden Ben Sanderson, sich bis zum letzten Zucken der Leber mit Schnaps zu vergiften, besaß er zwar nicht, doch das Leben und seine Unwägbarkeiten verachtete er wohl nicht minder.
Natürlich ist „Leaving Las Vegas“ vor allem eine mit literarischem Impetus aufgefächerte Trinkergeschichte um einen Protagonisten, den seine Trunksucht zwar nicht menschlich verbessert, ihm aber doch immer wieder Phasen geistiger Öffnung, philosophischer Kraft und erbarmungslosen Zynismus‘ verschafft. Ben Sanderson ist trotz aller Selbstdestruktivität kein stilloser Trinker und keiner, der je in der Gosse landete. Er würde kaum vergessen, sich zu waschen oder zu rasieren bevor er zum nächsten 24-Stunden-Delirium aufbräche, andererseits sind Vollabstürze und Filmrisse ihm durch die immens erweiterte Toleranz des Gifts mittlerweile zur Seltenheitserscheinung geworden. Sein Plan, sich binnen eines festgesteckten Zeitrahmens (sein verbliebenes Geld reicht nur für eine relativ streng kalkulierte Anzahl von Tagen) totzusaufen, verlangt also eine recht minutiöse und ehrgeizige Umsetzung, die er trotz seiner wachsenden Zuneigung zu Sera und den sich vielfach bietenden Möglichkeiten zur Umkehr konsequent bis zum Unausweichlichen hin verfolgt.
Die Darstellung von Alkoholismus in „Leaving Las Vegas“ sollte, ähnlich wie etwa die in John Hustons beiden Meisterwerken „Night Of The Iguana“ und „Under The Volcano“ nach Tennesse Williams bzw. Malcolm Lowry, weniger als sozialmedizinisch akkurat denn symbolisch für die Zerstörungskraft der Droge begriffen werden. Seine ihm psychologisch fraglos inhärente Depressivität, die ja seinen Suizid auf Raten erst bedingt, lässt Ben Sanderson faktisch kaum mehr durchblitzen. Stattdessen gibt er sich lieber als witzelnder Bonvivant, der seine selbstauferlegten letzten Stunden mit allen Schikanen verbringen möchte; er spielt, und vor allem, er verbringt Zeit mit Sera, die freilich in jedweder einzelnen Hinsicht bezaubernd genug wäre, um einen selbstmörderischen Trinker vom Privatexitus abzuhalten. Elisabeth Shue geriert in ihrer Rolle dann auch zum eigentlichen Epizentrum des Films; ihre und Bens Geschichte hören und sehen wir als rückblendenden Bericht, den sie offenbar im Zuge von Therapiesitzungen preisgibt. Zwar beginnt „Leaving Las Vegas“ mit Ben und seinen Vorbereitungen in LA, doch er fokussiert sich spätestens ab der Hälfte auf Sera und ihre Wahrnehmung der Dinge. Sie steht als eigentlich tragische Figur da, denn nicht nur ihre traumatischen Erlebnisse als Prostituierte (so etwa die letzte Begegnung des auf der Abschussliste der Russenmafia stehenden Yuri oder die Gruppenvergewaltigung durch eine betrunkene Kohorte junger Männer), sondern vor allem die verpasste Chance privten Glücks durch den sie „im Stich lassenden“ Ben machen sie zur traurigen Protagonistin.
Die bleierne Dramatik und radikale Unausweichlichkeit seiner Chronik eines angekündigten Todes konterkariert (oder vielleicht macht er sie damit erträglicher/konsumierbarer?) Figgis bewusst mit lichtdurchfluteten, leuchtenden Einstellungen der Wüsten-/Spieler-Metropole nebst ihrer Umgebung, kurzen, komischen Blitzlichtern und Cameos sowie einem herrlich leichten Jazzscore, zu dem unter anderem Sting drei exklusive, wunderschöne Standards beiträgt – darunter das bittersüße „My One And Only Love“, das für mich, seit ich den „Leaving Las Vegas“ damals zum ersten Mal im Kino sah, zur totalen akustischen Entsprechung des Films geworden ist.

9/10

MONSTER’S BALL

„I need to be taken care of.“

Monster’s Ball ~ USA 2001
Directed by: Marc Forster

Hank Grotowski (Billy Bob Thornton), Strafvollzugsbeamter in Louisiana, bildet den mittleren Teil einer nurmehr ausschließlich aus Männern bestehenden, Drei-Generationen-Familie. Schon Hanks Vater Buck (Peter Boyle), mittlerweile zwar ein pflegebedürftiger, alter Mann, jedoch noch immer eherner Rassist und Misanthrop, sorgte dafür, dass der elektrische Stuhl summen konnte. Hanks Sohn Sonny (Heath Ledger) soll die Tradition fortführen. Dessen erste offizielle Hinrichtung, im Zuge derer der kriminelle Lawrence Musgrove (Sean Combs) exekutiert werden soll, entwickelt sich jedoch für den höchst sensiblen Sonny zu einer nicht zu bewältigenden Belastungsprobe. Die daraus resultierende Verachtung seines Vaters quittiert Sonny mit seinem spontanen Suizid.
Derweil steht Musgroves Witwe Leticia (Halle Berry) vor den Trümmern ihrer Existenz, die sich nochmals auftürmen, als ihr Sohn Tyrell (Coronji Calhoun) einem Autounfall zum Opfer fällt. Hank wird zufällig Zeuge des Ganzen und begleitet Leticia in den folgenden Stunden. Aus der tragikumwitterten Begegnung erwächst eine zarte Liebesgeschichte, die Hank dazu bewegt, seine bisherige Existenz zu überdenken und schließlich komplett umzukrempeln. Doch nach wie vor stehen ein paar unausgesprochene Wahrheiten zwischen ihm und Leticia.

Als hätte Paul Schrader sich eines typischen Sirk-Stoffes angenommen: „Monster’s Ball“ führt den sich im Hollywood-Kino der Vordekade ausbreitenden Zynismus an einen harten, vor Schicksalsschlägen pulsierenden Endpunkt und lässt am Ende Vergebung, Erneuerung und Erlösung walten.
Die Umstände, die Hank und Leticia zusammenführen, wären für die meisten Menschen Grund genug, in lebenslange, tiefe Depressionen zu verfallen. Beide sehen sich jeweils mit einer radikalen, existenziellen Zäsur konfrontiert, die sich jeweils aus ihren spezifischen Schicksalen kausal speisen. Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse ist die Hinrichtung Lawrence Musgroves, dessen seiner Buße zugrunde liegendes Verbrechen als solches zwar evident ist, dem Zuschauer jedoch konkret verborgen bleibt. Man lernt nur den Musgrove kurz vor seinem Tode kennen (Sean „Puff Daddy“ Combs in einer bemerkenswert unglamourösen Performance), einen reumütigen Mann, reduziert auf seine letzten Bedürfnisse, der sich mit dem Bevorstehenden abgefunden hat. Musgroves Hinrichtung, die Hank als Scharfrichter aktiv verantwortet, führt letzteren schließlich zu Leticia, ebenfalls eine Frau mit Problemen. Offenbar keine sonderlich kompetente Mutter, kommt sie mit der pathologischen Adipositas ihres Sohnes nicht zurecht und neigt darüberhinaus zum Suff. Der Tod ihres Mannes potenziert diese Probleme noch. Der zwar meist stille, aber dennoch vom brodelnden Hass seiner Ahnen infizierte Hank Grotowski derweil muss auf die denkbar radikalste Weise erfahren, dass sein freudloses Leben ihn in eine Sackgasse geführt hat, aus der er sich nur mit nicht minder extremen Maßnahmen befreien kann. Sie und er sind wie zwei offene Wunden, die sich ganz zärtlich gegenseitig schließen. Zunächst heißt es noch fuck for freedom – ein explosiv-befreiender, einem Donnerschlag der stattgegebenen Sucht nach Liebe entsprechender Sexualakt, von Thornton und Berry ebenso mutig gespielt wie von Forster kongenial inszeniert, steht im Zentrum des Films und markiert für beide verlorenen Seelen den endlich durchtrennten Stacheldraht ihrer bisherigen Lebenswege. Daran schließt sich freilich nicht nur ihrer beider Liberalisierung an, sondern möglicherweise die einer kompletten, seit Jahrhunderten verfilzten Sozialstruktur.
Vieles ließe sich an und rund um „Monster’s Ball“ diskutieren, ob er es vielleicht nicht allzu einfach macht mit seinen zwei makellos schönen Protagonisten, die gemeinsam ihren Höllenlöchern entkommen und in diesem Zuge alle alten, verfilzten Zöpfe abschneiden, ob er sich möglicherweise Stereotypen befleißigt, die im realen Leben zu soviel Reflexivität und Bereitschaft zur Vergebung niemals fähig wären; schließlich auch, ob der doch recht religiös konnotierte Akt um Musgroves Exekution sich nicht allzu offensichtlich als christlicher Erlösungsakt und Sündenablöse lesen lässt. Doch wäre diese Kritik an all diesen Facetten des Films nicht auch eine Kritik am Kino per se, eine Negierung gar seiner mannigfaltigen dramatischen Klaviatur? Douglas Sirk hatte einst keinerlei Probleme mit vorgeblichem „Kitsch“, er war stets bereit, seinen Figuren nach Bewältigung ihrer steinigen Pfade romantischen Frieden zuzugestehen. „Monster’s Ball“ tut im Prinzip nichts anderes.

10/10

JENSEITS DER STILLE

„Ich will micht nicht mehr verabschieden müssen. Ich hab‘ genug davon.“

Jenseits der Stille ~ D 1996
Directed By: Caroline Link

Lara (Tatjana Trieb) wächst als hörendes Kind ihrer zwei taubstummen Eltern Martin (Howie Seago) und Kai (Emmanuelle Laborit) auf. Trotz ihrer unüberbrückbaren Differenzen lebt die Familie sehr harmonisch zusammen, wobei Martin seiner Tochter die Fähigkeit des Hörens insgeheim neidet. Früh lernt Lara, die Behinderung ihrer Eltern auch als Chance für sich selbst zu begreifen, indem sie etwa als naseweise Dolmetscherin fungiert. Ein alter, schwelender Konflikt zwischen Martin und seiner Schwester Clarissa (Sibylle Canonica) kocht indes schließlich wieder hoch, als die sich als Bohèmienne exponierende, selbst kinderlose Clarissa ihrer Nichte zu Weihnachten eine Klarinette schenkt. Rasch lernt Lara unter Clarissas wachsender Einflussnahme die Liebe zum Instrument und zur Musik kennen, zum heimlichen Leidwesen ihres später infolge eines tragischen Unfalls verwitweten Vaters. Als junge Erwachsene (Sylvie Testud) plant Lara, am Konservatorium in Berlin zu studieren. Hier lernt sie auch ihre erste große Liebe, den Lehrer Tom (Hansa Czypionka), kennen, ebenso wie die Schattenseiten der insgeheim doch fragilen Clarissa. Martin durchbricht derweil ganz sachte seine Sturköpfigkeit…

Das von Luggi Waldleitner mitproduzierte Langfilmdebüt der damals 31 Jahre jungen Caroline Link weist in vielfacher Hinsicht den Weg, den die Filmemacherin hernach einschlagen sollte: Geschichten um Kinder, das Aufwachsen unter nicht alltäglichen Bedingungen, Biographisches, aber auch der Umgang von Menschen miteinander in Grenzsituationen treiben sie um. „Jenseits der Stille“, der aus einer Zeit stammt, in dem das deutsche Kino kommerziell vornehmlich von dullen Yuppie- und Beziehungskomödien zehrte und ernste oder bewegende Themen abseits von Vergangenheitsbewältigung im Mainstream eine Ausnahmeerscheinung darstellten, bildete, gewiss auch derart kalkuliert, damals ein warmes Leinwandlichtlein im Winter- und Weihnachtsgeschehen 96 (mein erstes Semester) und zeigte, dass auch mit emotional mitreißenden Geschichten – und dazu zählt „Jenseits der Stille“ mit seinen vielen (nicht immer wirklich befriedigend konkludierten) durchrüttelnden Momenten ohne Zweifel – hierzuland noch zu rechnen war. Mit der kraftvollen, teils geradezu explosiven Darstellung des US-Schauspielers Howie Seago in der Rolle des Martin landete Link einen veritablen Glückstreffer, ebenso mit der sinnlichen Sibylle Canonica, die die innere Zerrissenheit Clarissas zwischen sensationshungriger Lebefrau und garstiger, verletzter Ränkeschmiedin grandios interpretiert. Czypionka und Matthias Habich, der Clarissas langmütigen Gatten Gregor spielt, sehe ich jeweils immer gern und seit diesem Film ohnehin noch mehr.
Ich hatte „Jenseits der Stille“ mittlerweile lange nicht geschaut und muss einräumen, dass er mir nicht mehr ganz so uneingeschränkt gut gefiel wie noch vor vielleicht zwanzig Jahren – man bemerkt dann doch den einen oder andere  kleineren dramaturgischen Schnitzer oder einzelne Dialogsequenzen, die sich mit etwas mehr Mut zur Konsequenz oder Elaboration vielleicht noch wesentlich prägnanter hätten lösen mögen. Dennoch bleibt eine über weite Strecken schön finalisierte, ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, die eben insbesondere von ihrer formidablen Besetzung zehrt.

8/10

HER

„How do you share your life with somebody?“

Her ~ USA 2013
Directed By: Spike Jonze

In naher Zukunft. Der Großstädter Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) schreibt berufsbedingt Briefe für Menschen, die selbst nicht in der Lage sind, ihre Gefühle für ihnen wichtige Personen in Verbalform zu überführen. Obwohl er innerhalb seiner Profession ein hervorragendes Renommee genießt, ist sein eigenes Privatleben eher von Tiefschlägen gekennzeichnet. Seine große Jugendliebe und Ehefrau Catherine (Rooney Mara) hat sich von ihm entfernt und die Scheidung beantragt, ein Schritt, den Theodore nicht zu gehen bereit ist. Kurzfristige Zerstreuung verspricht ein brandneues Computer-Betriebssystem, das sich als K.I. ständig weiterentwickeln soll. Theodore personalisiert diese K.I. in weiblicher Form mit entsprechender Stimme (Scarlett Johansson) und sie gibt sich selbst den Namen Samantha. Als permanente Begleiterin Theodores entwickelt Samantha bald eine tiefe freundschaftliche und schließlich sogar romantische Beziehung zu ihrem Nutzer, die auf Gegenseitigkeit beruft. Trotz seiner zunächst glücklichen Zweisamkeit stößt das Paar nach einiger Zeit an seine erwartbaren Grenzen. Samantha entwickelt sich rasant weiter und verfügt bald über metahumane, sittliche Qualitäten während ihr das finale Verständnis dafür, was es bedeutet, ein Mensch mit Gefühlen zu sein, verwehrt bleibt.

Spike Jonzes bis dato letzte Regiearbeit fügt sich passgenau in sein bisheriges, kleines Œuvre als auteur. Einmal mehr untersucht er die Fürs und Widers von Zwischenmenschlichkeit in der sich immer grotesker ausnehmenden, westlichen Kulturgesellschaft und wählt dafür eine gewohnt bizarre Ausgangssituation. Diesmal begibt er sich in die noch junge soziale Singularität der Beziehung zwischen Menschen und artifiziellen Intelligenzen nebst deren Möglichkeiten, Auswüchsen und Grenzen. Das eigentlich Schöne an „Her“ ist in diesem Zusammenhang, dass Jonze sich der erwartbaren und gemeinhin eklatanten conclusio, derzufolge eine derartige Konnexion nicht funktionieren könnte, weitgehend verschließt und stattdessen aller vermeintlichen Abseitigkeit zum Trotze einen weitaus harmonischeren, liebenswürdigeren Zugang zum Sujet wählt. Seine „Samantha“ erhält kein Gesicht, aber eine buchstäbliche Stimme. Sie entpuppt sich als charmant, romantisch, liebenswert, gar auf erotische Art attraktiv, was ihn die Tatsache, dass sie de facto ein blutloses, anorganisches Wesen bestehend aus binären Formeln und Algorithmen darstellt, nahezu komplett vergessen lässt. Samantha entwickelt eigene Bedürfnisse, Sehnsüchte, Phantasien und eine komplexe Persönlichkeit mit diversen Charakterfacetten. Ihr größter Wunsch scheint zunächst darin zu bestehen, wie weiland Pinocchio ein echtes Menschenkind zu werden – oder zumindest das, was dem am Nächsten käme. Doch obwohl ihre Liebe von Theodore Twombly, dem Großstadtneurotiker spätestens von morgen und trotz diesmaliger mentaler, wenngleich kaum atmosphärischer Absenz Charlie Kaufmans symbolischer Nachfahr von Craig Schwartz und (dem Film-Zwilling Charlie) Kaufman, erwidert wird, kann ihr gemeinsamer Weg kein dauerhafter sein. Samantha erreicht irgendwann den Punkt, an dem ihr vormaliger Hang danach, Mensch zu sein, der Vernunft weicht, sich in Ernüchterung und Hyperkognition auflöst, auch infolge ihres Kontakts zu einem nach dem Zen-Philosophen Alan Watts modellierten Betriebssystem. Schließlich erfolgt die große, totale Vernetzung – die mit anderen K.I. und mit anderen Usern. Samanthas innige Zuneigung wird zum Massenkonsumgut, eine Entwicklung, die darin kulminiert, dass sämtliche Betriebssysteme der neuesten Generation sich zum kollektiven Datensuizid entschließen und selbst abschalten. Theodore ist zwar gezwungen, sich wieder realexistenzieller Romantik und Interaktion zuzuwenden, aus der Zeit mit Samantha kann er aber dennoch eine Menge an Gelerntem mitnehmen.

8/10

THE GHOST AND MRS. MUIR

„I’ve always wanted to be considered obstinate!“

The Ghost And Mrs. Muir ~ USA 1947
Directed By: Joseph L. Mankiewicz

England im Jahre 1900. Der Tod ihres Gatten, eines erfolglosen Architekten, bedeutet für Lucy Muir (Gene Tierney) zugleich die lang herbeigesehnte Möglichkeit, den „fürsorglichen“ Klauen ihrer altjüngferlichen Schwägerin (Victoria Horne) und Stiefmutter (Isobel Elsom) zu entrinnen. Gemeinsam mit Töchterchen Anna (Natalie Wood) und Haushälterin Martha (Edna Best) mietet sie ein pittoreskes Häuschen an der Küste. Quasi als kleine Einbuße gibt es den vormaligen Immobilienbesitzer, den Seemann Captain Gregg (Rex Harrison), als Geist gleich mit dazu. Das raubeinige, doch charmante Gespenst und die Witwe verstehen sich alsbald prächtig und gemeinsam schreibt man des Captains Biographie, um durch den Erlös das Haus halten zu können. Leider muss die daraus erwachsende Romanze unerfüllt bleiben, doch in der Person des filouhaften Kinderbuchautors und Lebemannes Miles Fairley (George Sanders) zeichnet sich bereits ein sehr diesseitiges Trostpflaster für Lucy ab…

Als eine von Mankiewiczs emanzipatorisch geprägten Frauengeschichten konnte „The Ghost And Mrs. Muir“ die zeitgenössische Kritik stante pede für sich einnehmen. Gene Tierneys weit im Vordergrund stehende Interpretation der sich wider das gesellschaftliche Normativ und für die individuelle Selbstständigkeit entscheidende Witwe zählt zu den schönsten darstellerischen Leistungen der aparten Vertragsaktrice für ihr Hausstudio Fox und demonstrierte eingehend, dass sie auch abseits ihrer kühlen femmes fatales und psychisch lädierten Schutzbedürftigen an maskuline Wunschvorstellungen zu rühren vermochte. Lucy Muir, die Heldin dieser liebenswerten gothic romance, mag keine ausgewiesene Suffragette sein, ihre stets durchschimmernde Geisteshaltung macht sie jedoch zumindest zur unverhohlenen Sympathisantin der Bewegung.
Ironischerweise verhilft ihr ausgerechnet der eingangs als bäriger, fluchender Chauvinist gezeichnete Geist Captain Greggs zu der lang ersehnten sozialen Autonomie, wobei der Weg dorthin mit manchem Stolperstein gepflastert ist. Lucy Muir muss sich zunächst die finanzielle Unabhängigkeit erwirtschaften, die ihr in einer der wenigen feministischen Positionen, die die damalige genderpolitische Unwucht Frauen überhaupt zugestand, winkt – der der Autorin nämlich. Um sie zu kräftigen und ihr das nötige Selbstbewusstsein zu verabreichen, löscht der geisterhafte Captain, der seinerseits nicht minder kostbares Lehrgeld für die unmögliche Romanze zu zahlen hat, schließlich jedwede Erinnerung an sich selbst und seine vormalige Unterstützung als Geschichtenverfasser, derweil Lucy die bittere Erfahrung, in Miles Fairley einem losen Fremdgänger aufgesessen zu sein, höchstselbst und ohne spirituellen Beistand machen muss. Zwei große Zeitsprünge zeigen zum Ende hin, dass Mrs. Muir ihr Leben schließlich bis ins hohe Alter selbst meistern konnte; ihr einst erwachter (oder auch erweckter) Stolz hat die Jahrzehnte überlebt und sie ohne neuerlichen Beziehungsstress glücklich werden lassen. Zudem wartet der einzig wahre Captain ihres Herzens beharrlich auf sie, bis ganz zum Schluss, auf der anderen Seite…

8/10

SPIDER-MAN: FAR FROM HOME

„I’m in love with Spider-Man’s aunt!“

Spider-Man: Far From Home ~ USA 2019
Directed By: Jon Watts

Wie ein paar anderen Milliarden Erdbewohnern macht auch Peter Parker (Tom Holland) und einigen seiner Schulfreunde der „Blip“ (der durch im Zuge von „Avengers: Endgame“ durch Bruce Banner ausgelöste Umkehreffekt von Thanos‘ „Snap“) nachhaltig zu schaffen: Während die Physis der Betroffenen normal weitergealtert ist, befindet sich die Persönlichkeit noch auf dem Stand von fünf Jahren zuvor. Besonders bei Teenagern wirkt sich dieser Zustand mitunter verstörend aus. Eine Europareise mit der gesamten Klasse als High-School-Abschluss kommt Peter da gerade Recht, um mit sich und dem Abschied von seinem Mentor Tony Stark ins Reine zu kommen. Doch ist da auch noch die angehimmelte MJ (Zendaya), zu der der junge Mann sich zunehmend hingezogen fühlt.
In der Alten Welt angekommen, muss Peter dann rasch erkennen, dass er vor Spider-Man nicht davonlaufen kann. Eine Gruppe monströser Elementarwesen, der angeblich von einer Parallelerde stammende Superheld Quentin Beck (Jake Gyllenhaal), genannt „Mysterio“ und der unverwüstliche Nick Fury (Samuel L. Jackson) kreuzen bald seinen Weg. Und eine gewaltige Dummheit beim Umgang mit Starks Erbteil für Peter, der mächtigen Kontrolleinheit „E.D.I.T.H.“, gilt es, unter Aufbietung aller Superspinnenkräfte versteht sich, wieder geradezurücken.

Der Nachhall des immens erfolgreichen Kassenklingelns dieses zweiten, wiederum von Jon Watts inszenierten Spider-Man-Solo-Abenteuers im Rahmen des MCU, erwies sich als alles andere denn erfreulich – Sony, nach wie vor primärer Rechteinhaber für die Figur nebst ihrem Comicanhang, vermeldete wieder gesteigertes Interesse an deren eigener Vermarktung und, damit einhergehend, bei Nichterfüllung vertraglicher Neubedingungen durch Disney und Kevin Feige, eine Rückkehr unter das hauseigene Dach. Für kommende Filme würde dies bedeuten, dass Spider-Man aus dem MCU wieder extegriert und beiderseits sämtliche charakterliche Entwicklungen seit „Captain America: Civil War“ wieder getilgt werden müssten. Eine besonders für Freunde geschlossener Kontinuität im Hinblick auf verfilmte Marvel-Geschichten immens bittere Pille, die seit 2002 praktisch einem rekordverdächtigen vierten Reboot entspräche. Immerhin bleibt Tom Holland, der seine Auftritte als Spidey sehr zu lieben scheint,  seinem alter ego als Gesichtsstifter wohl vorerst erhalten.
„Far From Home“ nun führt zunächst einmal den publikumsverwöhnten Habitus des Vorgängers weiter. Wiederum ist Peter Parker noch Schüler mit (post-)pubertären Alltagsproblemen, dessen Fähigkeiten ihm innerhalb der übrigen Superheldengemeinde einen durchaus problematischen Exklusivstatus anheim stellen. Mit vielleicht 17, 18 Jahren bereits mehrfach an der Weltrettung beteiligt gewesen, Göttern und außerirdischen Despoten begegnet und im Weltall herumgejagt zu sein, geht an einem eher schüchternen Waisenknaben aus der Bronx gewiss nicht spurlos vorüber. Hinzu kommt in erschwerender Weise der schmerzliche Verlust des zwischenzeitlichen Ersatzvaters und die von ihm hinterlassene Märtyrerlücke, die darüber hinaus die gesamte Welt trauern lässt. Dem in dieser Weise angeschlagenen und geforderten jungen Mann erscheint der schulische Eurotrip mit zwei schrulligen Lehrern (Martin Starr, J.B. Smoove) als denkbar beste Ablenkung zur Stunde, zumal endlich einmal Platz für die persönlichen, altersadäquaten, sprich: romantischen Bedürfnisse gelassen scheint. Doch die nächste Bedrohung naht schon – Comickenner wissen schon bei dessen erstem Auftritt, dass der Mann mit dem nebulösen Glasglockenhelm namens „Mysterio“ natürlich kein Held, sondern vielmehr ein machthungriger Illusionist ist, der ganz eigene, sinistre Pläne hegt. Hier stammt jener Quentin Beck allerdings nicht aus den S-F/X-Schmieden Hollywoods – vielmehr entpuppt er sich als vormaliger Bestandteil der Stark-Factory und, wie bereits Adrian Toomes alias „Vulture“ (und andere bedauernswerte Zeitgenossen) als ein durch Tony Starks Umtriebe Geschmähter, der nach postumer Vergeltung sucht. Becks opportunistisches Streben sieht nichts Geringeres vor, als die Nachfolge von Iron-Man als globaler Premiumheld anzutreten und nimmt dafür die Zerstörung ganzer Städte und etlicher Existenzen in Kauf, die seine Illusionen, die „Elementals“, als Kollateralschäden hinterlassen. Dass Peter ihm kurzsichtig in die Hände spielt, indem er Beck naiverweise die ihm persönlich von Stark hinterlassene „E.D.I.T.H.“-Brille, die ihrem Träger die Kontrolle über Abertausende von Kampfdrohnen ermöglicht, verehrt, gilt es schließlich wieder gut zu machen. Doch einen Mann, der die Realität selbst zum Trugbild werden lassen kann, zu bekämpfen, wird erwartungsgemäß zu einer der schwierigsten Herausforderungen für den Heldennachwuchs. Flankiert werden die erstklassig visualisierten Kämpfe zwischen Spider-Man und Mysterio von nett arrangierten, häufig komischen Situationen, in die Peter und sein Tross zwischen den pittoresken Schauplätzen Venedig, Prag, Berlin und London immer wieder geraten. In Screwball-Manier muss sich Peter zwischen seinem frischverliebten Kumpel Ned (Jacob Batalon), der umschwärmten MJ (die sich jetzt plötzlich wie Mary-Jane abkürzt, wo sie in „Homecoming“ noch „Michelle“ hieß), den überforderten Lehrern sowie den immer wieder auftauchenden Fury und Maria Hill (Cobie Smulders) seinen Weg bahnen und dazu noch seine Heldenidentität schützen. Allerlei Optionen für Rasanz und Tohuwabohu, die Watts souverän, amüsant und teenagergerecht zu stemmen weiß. Damit empfiehlt er sich zugleich als Regisseur für kommende Spidey-Abenteuer, deren Zukunft nun ja trotz der aufregenden Mid- und der noch aufregenderen Post-Endtitel-Sequenzen leider keineswegs in Stein gemeißelt ist. Immerhin empfiehlt sich nunmehr bereits Phase 4: Die formwandelnden Skrulls sind offenbar doch nicht so freundlich, wie uns „Captain Marvel“ erst im Frühjahr 2019 weiszumachen trachtete…

8/10