SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM

Zitat entfällt.

Sandokan, La Tigre Di Mompracem (Sandokan) ~ I/F/E 1963
Directed By: Umberto Lenzi

Malaysia im 19. Jahrhundert. Während die Briten ihre Kolonialherrschaft auf der Halbinsel mit eiserner Härte durchsetzen, schwelt unter den geknechteten Ureinwohnern das Verlangen nach Widerstand. Der ursprünglich aus adligem Hause stammende Pirat Sandokan (Steve Reeves) arbeitet mit wenigen engen Vertrauten und Guerilla-Methoden gegen die arroganten Eroberer, allen voran gegen den bösen Lord Guillonk (Leo Anchóriz), der droht, Sandokans Vater hinrichten zu lassen. Im Gegenzug entführt Sandokan Guillonks Nichte Mary Ann (Geneviève Grad), die sich bald in den stattlichen Malayen verliebt. Als Sandokan schließlich vom Tode seines Vaters erfährt, stellt er sich Guillonk.

Der Amerikaner Steve Reeves zählte zur Entstehungsperiode von „Sandokan, La Tigre Di Mompracem“, einem von mehreren Filmen, die Umbert Lenzi um diese Zeit im südostasiatischen Raum herstellte, zu den beliebtesten und kassenträchtigsten Stars in Europa. Nachdem ihm der ersehnte Erfolg in den Staaten verwehrt geblieben war, versuchte Reeves wie viele andere US-Schauspieler auch, sein Glück in Cinecittà, wo seine beeindruckende Bodybuilder-Physis und sein allgemein gutes Aussehen sich als hinlängliche Attribute erwiesen, um doch noch eine stattliche, wenn auch vergleichsweise kurzfristige Karriere hinzulegen. Während Reeves zunächst vornehmlich gewaltige Muskelhelden in Pepla spielte, also dem, was die Italiener in den fünfziger und sechziger Jahren in rauen Mengen als oftmals mit Fantasy-Elementen bestückte, vor antiker Kulisse spielende Sandalenfilme produzierten, ließ man ihn bald auch in anderen Abenteurerrollen auftreten, so eben als besonders mannhaften „Sandokan“, ursprünglich ein beliebter Romanheld aus der Feder des aus Verona stammenden Trivialliteraten Emilio Salgari. Die Abenteuer Sandokans, eines edlen, malayischen Rebellen im Widerstreit gegen die englischen Kolonialbesatzer, waren noch mehrfach Stoff für Verfilmungen, am populärsten im Rahmen einer von Sergio Sollima inszenierten TV-Mini-Serie aus den Siebzigern, die den Inder Kabir Bedi in der Titelrolle zum Star machte.
Lenzis Film, der noch eine direkte Fortsetzung nach sich zog, ist indes noch richtig pures Leinwandspektakel, breit, bunt und mit dem Anspruch, der übermächtigen Konkurrenz aus Übersee zu trotzen. Wie viel Budget der Produktion zur Verfügung stand, weiß ich nicht, aber zumindest das doch recht hohe Statistenkontingent, die hübschen Kostüme und Interieurs, bezeugen eine Zeit im italienischen Kino, in der noch Geld im Fluss war. So naiv und verspielt „Sandokan“ sich auch ausnehmen mag, es macht viel Freude, ihm beizuwohnen. Alles wirkt auf eine beinahe erhabene Weise von klassizistischem Abenteuer und veritablem Edelmut beseelt, Eindrücke also, die ein Film wie dieser ganz gezielt zu hinterlassen beabsichtigt. Insofern ist die entsprechende Mission absolut geglückt. Fein!

8/10

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THE SHAPE OF WATER

„If we do nothing, neither are we.“

The Shape Of Water ~ USA 2017
Directed By: Guillermo del Toro

Baltimore, in den frühen 1960ern. Die stumme Elisa Esposito (Sally Hawkins), die in einer Laboreinrichtung der Regierung als Reinigungskraft arbeitet, pflegt einen streng durchgeplanten Tagesablauf. Dieser gerät ins Wanken, als ein am Amazonas gefangen genommener Amphibienmensch (Doug Jones) in einen der Untersuchungssäle gebracht und dort festgehalten wird. Während der finstere Agent Strickland (Michael Shannon) das angekettete Wesen mit Vorliebe quält und für seine baldige Sezierung eintritt, fühlt Elisa sich zu der Kreatur hingezogen und baut heimlich eine Beziehung zu ihm auf. Als der Amphibienmann dann tatsächlich der Forschung geopfert werden soll, befreit Elisa ihn mithilfe ihres Nachbarn Giles (Richard Jenkins) und ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer). Doch Strickland ist ihnen bereits auf den Fersen.

Man befleißige sich des Mythologiepools von Arnolds „The Creature From The Black Lagoon“, und Howards „Splash“, des philanthropischen savoir-vivre und der luftigen Audiovisualität von Jeunets „Le Fabuleux Destin D’Amélie Poulain“, ergänze es um eine kleine Prise „E.T.“, verquirle das Ganze und schon hat man den selten Fall eines „Best Picture“-Gewinners aus dem umfangreichen Genresegment „Phantastischer Film“! Hätte jemand vor Guillermo del Toro geahnt, dass es so einfach sein könnte, er hätte ihm die goldene Statuette sicher längst früher weggeschnappt. Doch im Ernst – natürlich ist „The Shape Of Water“ der erwartungsgemäß liebenswerte Film, als den man ihn einschätzen kann; tatsächlich entspricht er sogar ziemlich exakt der von mir im Vorhinein antizipierten Vorstellung von ihm. Del Toro geht seinen Kurs als Regisseur, mit dem zu rechnen sein muss, unbeirrt weiter: Er steckt jede Menge aufrichtiges Herzblut in seine Filme und das merkt man ihnen an. In „The Shape Of Water“ erweist er, neben vielen anderen Vintage-Elementen (das Kino in Elisas Haus zeigt Kosters semiprächtige Scope-Fabel „The Story Of Ruth“, Musical und Tanz sind allgegenwärtig) vor allem dem legendären Kiemenmann aus Universals „Creature“-Trilogie seine Eherbietung. Dass der Filmemacher sich gern mit Wasser-/Mensch-Hybriden beschäftigt, lässt sich zudem anhand seiner beiden „Hellboy“-Filme nachvollziehen, in denen ja die Figur des dem in „The Shape Of Water“ recht anverwandt erscheinenden Abe Sapien vorkommt. Wohl nicht ganz von ungefähr steckt in beiden Verkleidungen der hagere Darsteller Doug Jones, ein ähnlich zuverlässiger Typ für die Verkörperung phantastischer Filmwesen wie sein Kollege Andy Serkis.
Selbstredend hätte die Academy nicht einfach jeden Fantasy-Film zum Jahressieger gekürt, und mag er noch so reichhaltig inszeniert sein: Zentrales (und gleichfalls wichtiges wie aktuelles) Element von del Toros Film ist die unabdingbare Notwendigkeit von Toleranz und Akzeptanz. Sämtliche Sympathieträger der Geschichte repräsentieren gesellschaftliche Minoritäten. Elisa ist ein stummes (zu Beginn noch etwas verhuscht) wirkendes) Waisenkind, ihr bester Freund Giles ein alternder Homosexueller, Octavia eine Afroamerikanerin, der Elisa überraschend zur Hilfe kommende Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) ein sowjetischer Doppelagent, der genug hat vom Kalten Krieg. Sie alle müssen erniedrigende bis vernichtende Erfahrungen machen, hinter denen oftmals der staatstreue Strickland steckt, der sich recht bald als erbarmungswürdiger, nach oben buckelnder und nach unten tretender, sadistischer Psychopath ohne Lebensglück erweist. Inmitten dieser Ménagerie findet sich jenes übernatürliche Wasserwesen, hinter dessen nicht selten herausgekehrter Befremdlichkeit (er hat gewaltige Kräfte, macht merkwürdige Geräusche, frisst eine Katze und ist nur auf den zweiten oder dritten Blick schön) sich etwas ganz Besonderes verbirgt, ein Märchenprinz, vielleicht sogar eine elementare Gottheit. Die immergültige Lektion heißt, dass Ausgrenzung, Hass und Hetze zerstörerisch sind, Toleranz, Liebe und Courage indes das Leben erst lebenswert machen. Und weil man das nicht oft genug in die Welt hinausschreien kann, ist „The Shape Of Water“ genau das: Besonders wertvoll!

8/10

THE WEEK OF

„Why the giggling?“

The Week Of ~ USA 2018
Directed By: Robert Smigel

Für den Familien- und Brautvater Kenny Lustig (Adam Sandler) wird’s eng: In einer knappen Woche steht die Hochzeit seiner Ältesten (Allison Strong) auf dem Plan. Bei dem Schwiegerpapa in spe handelt es sich um Kirby Cordice (Chris Rock), Promi-Chirurg und Societylöwe aus L.A. mit etwa dem hundertfachen Vermögen von Kenny, der dennoch darauf besteht, die Heirat, wie es die Tradition nunmal gebietet, selbst auszurichten. Bereits deren Prolog artet zum Riesendebakel aus: Weil das von Kenny ausgewählte Hotel alles andere als luxuriösen Ansprüchen genügt und dort zudem eine Panne nach der anderen um sich greift, muss Kenny sämtliche der von auswärts anreisenden Hochzeitsgäste in seinem doch recht beengten Haus unterbringen. Turbulenzen und Konflikte sind vorprogrammiert, zumal Kenny und Kirby sich ganz allmählich einen latenten Konkurrenzkampf zu liefern beginnen…

Des Sandmans neuester Netflix-Streich, der seine alten Eidgenossen Chris Rock und Steve Buscemi wieder ins Boot holt, fügt sich nicht nur völlig organisch und nahtlos in das mittlerweile wohl tatsächlich beispiellose Œuvre des Hauptdarstellers ein, sondern ist auch sonst eine formvollendete Komödie, die zu den besten Werken Sandlers zählt und ein veritables Geschenk für jeden erklärten Freund des Künstlers darstellt. Gut, als innovativ darf sich der Aufzug nicht eben bezeichnen, dafür sind die großen Vorbilder von Minnellis „Father Of The Bride“ bis hin zu Altmans „A Wedding“ dann doch zu präsent, und das nicht allein in ihrer inhaltlichen Grundierung. Man darf sich „A Week Of“ vielmehr so vorstellen, dass der entsprechende Inspirationsfundus kreativ genutzt wird, um sich in Sandlers seit eh und je etabliertes, amerikanisch-jüdisches Mittelklasse-Parallel-Universum zu assimilieren und gänzlich darin aufzugehen. Ein gewaltiges, liebenswertes Chaos mit etlichen, noch liebenswerteren Fremdschämmomenten entspinnt sich daraus, das zwar recht keck, aber niemals über Gebühr unappetitlich oder auch nur im Entferntesten misanthropisch daherkommt. Für jede einzelne Figur dieses an Charakteren alles andere als armen Kaleidoskops ist viel Liebe und/oder aufrichtige Sympathie vorhanden, die am Ende der Geschichte selbst noch die vermeintlichen Verlierer als Gewinner dastehen lässt. Die Gagdichte ist enorm und, was noch schöner ist, die allermeisten sitzen auch, und zwar am rechten Fleck.
Das Finale ist dann wie es sich ja letzten Endes ziemt, ein klein wenig weinerlich geraten – die zwei Antagonisten respektive (Schwieger-)Väter raufen sich zusammen und erkennen jeweils an, was der Konterpart dem Gegenüber voraus hat und dürfen die gewaltige Erkenntnis für sich in Anspruch nehmen, dass der materiell Unvermögendere keinesfalls der Ärmere der beiden ist. Diese kleine, nicht unbedingt weise umrahmte Sozialfabel gehört jedoch zwingend zum Gesamtbild, ebenso wie das in gegenwärtigen Zeiten scheinbar wieder nötige Versprechen von der interethnischen Verständigung. Dass ein weißes, jüdisches Mädchen den Spross eines reichen Afroamerikaners heiratet, sollte eigentlich längst eine Selbstverständlichkeit sein. Dass „The Week Of“ diese Kernprämisse als ebendies wahrnimmt, macht ihn nur noch schöner.

8/10

SOLDIER IN THE RAIN

„Let me tell you something, my friend: being a fat narcissist isn’t easy.“

Soldier In The Rain (Ein Soldat steht im Regen) ~ USA 1963
Directed By: Ralph Nelson

Nur scheinbar eine oberflächliche Zweckfreundschaft, ist die Beziehung zwischen dem jungen, träumerisch veranlagten Sergeant Eustis Clay (Steve McQueen) und dem älteren, desillusionierten MasterSergeant Maxwell Slaughter (Jackie Gleason) insgeheim geprägt von tiefer Sympathie füreinander. Auf demselben Stützpunkt stationiert, versorgt man sich gegenseitig mit kleinen Annehmlichkeiten, führt die hiesigen Kommissköpfe an der Nase herum und fantasiert von einem Leben jenseits des Militärs auf einer polynesischen Insel. Um ihn zu etwas mehr Lebenslust und vielleicht sogar zum Ausstieg aus seiner ewigen Soldatenexistenz bewegen, macht Eustis seinen schwergewichtigen Freund mit der etwas einfältigen, aber reizenden Bobby Jo Pepperdine (Tuesday Weld) bekannt. Tatsächlich verliebt sich das ungleiche Paar ineinander, eine gemeinsame Zukunft ohne Offiziersstreifen lacht. Doch eine ordinäre Kneipenschlägerei macht ihnen einen Strich durch die Rechnung…

Zu einer tragikomischen, eher kleinformatig-intimen Fingerübung geriet Ralph Nelsons dritter Film, der seine Kinopremiere nur knapp zwei Monate nach dem Vorgänger „Lilies Of The Field“ erlebte, allerdings unter weitgehender Ignoranz des Publikums. Um die zentralisierte, von luziden Vater-Sohn-Elementen geprägte Freundschaft der beiden Helden, die auf ihre jeweilige Weise vom anderen profitieren, strickt das Script anfänglich noch ein paar nicht immer allzu brillante Soldaten-Juxereien. So etwa, wenn es darum geht, Clays etwas dümmlichen Kumpel Meltzer (Tony Bill) zum gewinneinsatzmaximierenden Meisterläufer zu formen oder darum, die beiden unsympathischen Betonbirnen Priest (Ed Nelson) und Lenahan (Lew Gallo) auszutricksen. Scheinbar unbedeutende Gebrauchsgegenstände wie ein Ventilator, ein Pepsi-Automat oder ein Stapel Matratzen erhalten ein geradezu ausnehmendes, inhaltliches Beimaß, was sich schließlich jedoch als wiederum als von einiger Notwendigkeit geprägt finden wird. Die Geschichte von Eustis und Maxwell  liegt nämlich, wie erst das trockene, bewusst unmelancholische und doch tieftraurige Ende zeigen wird, eigentlich bereits zu Beginn ihrer filmisch erzählten Zeit in ihren letzten Zügen: Nach einer bereits annähernd märchenhaften Wendung (allen äußeren Widerständen zum Trotz finden der adipöse, zynische, Soldat Slaughter und die bald dreißig Jahre jüngere, blonde Schönheit Bobby Jo zueinander), die aller realen Wahrscheinlichkeit trotzt, schlägt das Schicksal nämlich umso härter zurück. Im Zuge einer schlagkräftigen Hilfsaktion für seinen Kumpels Eustis, der von den verhassten Kontrahenten Priest und Lenahan in die Mangel genommen wird, erleidet Maxwell einen Herzanfall. Die Uniform wird er hernach nicht mehr in den Schrank hängen, ebensowenig wie Eustis, der nach dem bald erfolgten Tod seines Freundes die kindischen Träumereien vom Pazifik und dem großen Geld aufgibt und stattdessen seine Militärkarriere weiter verfolgt. Von welch bitterer Tragweite eine solche Entscheidung tatsächlich sein konnte, zeigte derweil, wenngleich ganz unbewusst, kontextuell das wahre Leben: Nur Tage vor dem Kinoeinsatz von „Soldier In The Rain“ wurde John F. Kennedy erschossen, der Zwischenfall im Golf von Tonkin lag nurmehr neun Monate in der Zukunft. Einmal mehr war er aus, der Traum vom lustigen Soldatenleben.

7/10

CLASH BY NIGHT

„Home is where you come when you run out of places.“

Clash By Night (Vor dem neuen Tag) ~ USA 1952
Directed By: Fritz Lang

Nach Jahren kommt die selbstbewusste Mae (Barbara Stanwyck) zurück nach Monterey, um sich zeitweilig bei ihrem jüngeren Bruder Joe (Keith Andes), der am Hafen in einer kleinen Fischersiedlung wohnt, niederzulassen. Mae ist mittlerweile Witwe und mittellos, was den rustikalen Jerry D’Amato (Paul Douglas) überhaupt nicht stört: Im Gegenteil, vielmehr reizt den etwas einfachen, aber sehr bodenständigen Arbeiter Maes mondänes, realitätsverbundenes Wesen. Einen vorsichtigen Heiratsantrag Jerrys nimmt Mae erst nach längerem Überlegen und dann auch eher vernunfthalber an. Es könnte sich alles zum Guten wenden, wäre da nicht Jerrys Kumpel Earl Pfeiffer (Robert Ryan), der selbst ein Auge auf Mae geworfen hat und dessen offen ausgelebter Machismo Mae insgeheim höchst anziehend findet. Schließlich gibt Mae sich Earl hin, obwohl sie und Jerry mittlerweile Eltern eines kleinen Mädchens sind. Der gehörnte Jerry wankt zwischen Verzweiflung und Raserei, sieht jedoch schließlich ein, dass er Mae die Entscheidung über ihre Lebensgestaltung selbst überlassen muss…

Eine Frau kommt heim: Mit den Chiffren und Stilmitteln des film noir samt der schäumenden Pazifikbrandung als allenthalben bemühtes, leitmotivisches Bild für Gefühle in Aufruhr übersetzte Fritz Lang dieses existenzialistische Bühnenstück des Dramatikers Clifford Odets in ein aufwühlendes Filmdrama, dessen Gültigkeit wohl von ewigem Bestand ist. Barbara Stanwyck, wohl nicht die schönste oder aparteste, aber gewiss die mit Abstand feministischste aller Hollywood-Diven des Golden Age, betreibt hier aufs Neue ihre ganz private Auslese zwischen zwei geringfügig stereotyp gezeichneten Mannsbildern. Der eine – Jerry D’Amato, ist weder schön noch gebildet, dafür treuherzig, pflichtbewusst, fleißig und lebensfroh. Gar rührend kümmert er sich um seinen alten Vater (Silvio Minciotti) und nebenbei noch um seinen arbeitsscheuen, versoffenen Onkel (J. Carrol Naish) und ihren Männerhaushalt, während er Tag für Tag mit dem Kutter auf den Ozean hinausfährt und seine Fische einholt. Der andere – Earl Pfeiffer, von Beruf Filmvorführer (!), ist hingegen ein großmäuliger, kesser Frauenheld, gutaussehend und sich seiner Wirkung auf das andere Geschlecht auf das Arroganteste bewusst. Mae, die sich wider besserer Vernunft zeitlebens eher zu letzterem Typus hingezogen fühlte und die animalische Virilität des aktiven Liebhabers dem, wie sie es nennt, „häuslichen Teddybären“ zumindest instinktiv vorzieht, lässt sich mäßig überzeugt zu einer Vernunftehe mit Jerry ein, der leider allzu naiv ist, zu begreifen, dass Mae und Earl, die er immer wieder zusammenbringt, aufeinander reagieren wie Öl und Flamme. Als Jerry seine Dummheit bemerkt, ist es längst zu spät, der Schaden ist angerichtet, die Liebe seines Lebens ihm abhold. Letzten Endes ist es an Mae, den für sie besten Lebensweg zu küren – und an Film und Script, das moralische Moment zur Geltung kommen zu lassen. Als Mae feststellt, dass die Sache mit Earl keine Zukunft hat und haben kann, weil sie beide sind, wie sie sind, entscheidet sie sich für den Weg der Vernunft und kehrt zu Jerry und dem gemeinsamen Töchterchen Gloria zurück. Wenn sie schon auf ihr Liebesglück verzichten muss, so kann sie hier doch eine gute Mutter und Ehefrau sein und einem biederen Leben ohne besondere Höhen und Tiefen entgegensehen. Die Antwort auf die Frage, ob und inwieweit jene finale Entscheidung der Charakterstärke der Protagonistin entspricht und eine tragfähige Ausgangsbasis für sie beinhaltet, darf der Rezipient sich am Ende selbst geben. Wie würden Sie entscheiden…?

8/10

FATHER GOOSE

„How in English do you say „parachute“?“

Father Goose (Der große Wolf ruft) ~ USA 1964
Directed By: Ralph Nelson

Papua-Neuguinea, 1942: Der emeritierte Professor und Aussteiger Walter Eckland (Cary Grant) tuckert mit seinem Boot durch den Südpazifik, trinkt Scotch lässt den Krieg einen guten Mann sein und lebt so in den Tag. Sein alter Bekannter Frank Houghton (Trevor Howard) entscheidet sich, Walter kurzerhand als Inselwächter und Funker auf einem verlassenen Eiland zu verdingen und bedient sich dazu recht unfairer „Überredungskünste“.
Eines Tages evakuiert Walter mehr durch Zufall die Französischlehrin Catherine Freneau (Leslie Caron) und sieben ihrer Schülerinnen, die unfällig auf einer der Nachbarinseln gestrandet sind, und nimmt sie zähneknirschend bei sich auf. Nach einigen Reibereien verlieben sich die beiden ungleichen Zwangsgefährten ineinander.

„The African Queen“ und „Heaven Knows, Mr. Allison“, beide von John Huston, hatten es hinlänglich vorgemacht: Weltkriegskulisse, ein exotischer Schauplatz, ein versoffenes Raubein und eine zierliche Dame von gesteigerter Intelligenz ergeben stets eine fruchtbare Mischung, wenn es um die Ausarbeitung  einer Romanze vor Extremsituationen geht. „Father Goose“ erhöht den Comedy-Faktor der beiden, eher im tragikomischen Sektor anzusiedelnden Huston-Epen, indem er den Pazifikkrieg weitgehend zum Nebenschauplatz deklariert und sich ganz auf die obskure Konstellation Eckland/Freneau und natürlich die sieben Schulmädchen konzentriert. Die acht Damen bringen Cary Grant in seiner vorletzten Filmrolle schwer ins Schwitzen, da sie sich ebenso störrisch wie reizvoll in das vormals ob seiner Unordnung sorgsam durchdeklinierte Leben des versoffenen Aussteigers drängen. Nach anfänglicher Ablehnung der höchst eigensinnigen weiblichen Gesellschaft muss Eckland einsehen, dass er die Mädchen sehr gern hat und ihre Lehrerin sogar noch etwas lieber. Der bewschwerliche Weg der neun gestrandeten Menschlein beinhaltet einige Renitenzen durch die mit ihrer Situation verständlicherweise höchst unzufriedenen Schülerinnen, etliche, spritzige Wortgefechte zwischen Grant und Caron ganz nach klassischer Screwball-Manier, ein falscher Schlangenbiss, ein derbes Besäufnis und schließlich die entgegen aller Wahrscheinlichkeiten vollzogene Eheschließung des sich findenden Paars. Dass noch ein japanisches Aufklärungsschiff torpediert und versenkt wird, erinnert schlussendlich nochmal explosiv an den gewählten, historische Zeitrahmen.
Ein schöner, runder Sonntagnachmittagsspaß und ein exquisites Geschenk an seine beiden bezaubernden Hauptdarsteller.

8/10

ANIMALYMPICS

„I am in training, always. In my life, there is no time for women.“

Animalympics (Dschungel-Olympiade) ~ USA 1980
Directed By: Steven Lisberger

Die Tiere der Erde treffen sich erstmals zum friedlichen Sportwettkampf aller Arten und Kontinente. Ermöglicht wird das gigantische Spektakel vom Fernsehsender „ZOO“. Während die meisten verbissen um den Sieg kämpfen, findet Ski-Star Kurt Wuffner sein ganz persönliches „Dogri-La“ im Gebirge und bahnt sich zwischen den Marathon-Spitzenläufern Kitty Mambo und René Fromage allmählich eine unerwartete Liebelei an…

Ursprünglich als zweiteiliges Special des Senders NBC in Auftrag gegeben, erblickte infolge des von Jimmy Carter ausgerufenen US-Boykott der olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau (die Sowjets hatten kurz zuvor ihre Afghanistan-Invasion gestartet) zunächst nur das Wintersport-Segment die Bildschirme. Regisseur Lisberger und Produzent Donald Kushner bereiteten das Gesamtwerk daraufhin für einen internationalen Kinoeinsatz vor, mitsamt 35mm-Aufblähung und Dolby-Surround-Magnetton. Während das daraus resultierende Werk „Animalympics“ dann in den USA dennoch lediglich eine TV-Premiere via HBO erlebte, waren ihm in Europa recht ordentlich dotierte Kinoeinsätze beschieden.
Besonders in Verbindung mit der damals vorherrschenden, politischen Globalsituation besitzt „Animalympics“ bis heute einen gewaltigen Charme als gleichermaßen liebenswertes wie urkomisches und intelligentes Plädoyer für friedliche Co-Existenz. Die vermenschlichten Tiere wachsen durchweg über ihre „naturgegebenen“ Eigenschaften und Stärken hinaus, wobei viele von ihnen, zumeist natürlich die sympathisch gezeichneten, besondere Nehmer- und Gewinnerqualitäten an den Tag legen. Neben einigen klassischen Stücken von Mussorgsky, Berlioz und Brahms gibt es zehn von 10cc-Sänger und -Bassist Grahan Gouldman geschriebene und interpretierte Originalsongs, die, teils in voller Länge ausgespielt, jeweils mit videoclip-artigen Sequenzen unterlegt sind, deren Gestaltung mitunter stark psychedelische Züge annimmt. Jene Momente bilden die größte Stärke von „Animalympics“. In ihnen findet der Film ganz zu sich selbst in einer berührenden und sinnesaffizierenden, teilweise brillant arrangierten Mischung aus Bildern und Musik, die zweifelsohne auch eine Hommage an die klassische Disney-Phase darstellen und entsprechende Szenen aus „Dumbo“ oder „Fantasia“ Eherbietung erweisen. Vor allem die Stücke „Love’s Not For Me“, das den zermürbenden Ehrgeiz von Spitzensportlern karikiert, „Away From It All“ mit seiner Capra-Reverenz und „Underwater Fantasy“, das den Turmsprung des Schwimmasses Dean Wilson zu einem irrsinnigen Acid-Trip überhöht, sind unvergesslich.
Nun ist „Animalympics“ nicht durchweg perfekt. Die Begrenzung seiner Mittel kommt in der nicht immer detaillierten Gestaltung der Hintergründe oder der starr bis oberflächlich gezeichneten Zuschauermassen zum Ausdruck. Über die deutsche Vertonung, die (in Berlin) einerseits sehr kindgerecht arrangiert, dafür aber auch mit unnötigen Zusatzgeräuschen „angereichert“ wurde, lässt sich gewiss streiten. Insgesamt überwiegen jedoch deutlich die animatorischen Glanzstücke und vor allem die alles überlagernde Botschaft, die zum Schluss hin nochmal überdeutlich ausformuliert wird: Love conquers all. Wenn Ziegenbock René Fromage und Löwendame Kitty Mambo händchenhaltend Richtung gemeinsamem Happy End nebst romantischem Sonnenuntergang entjoggen, dann sollte die Lektion für die ganze Welt wahrlich hinreichend prägnant präsentiert sein.

8/10