POPCORN UND PAPRIKA

„Iih, der riecht nach Alkohol!“

Popcorn und Paprika ~ BRD/HU 1984
Directed By: Sándor Szalkay

Im Sinne ost-westlicher Verständigung reist Schwimmtrainer Sigi (Siegfried Rauch) mit seiner Nachwuchs-Equipe nach Budapest, um sich dort gemeinsam mit dem ungarischen Team unter Trainerin Teri (Cecília Esztergályos) für die kommenden Meisterschaften vorzubereiten. Unter Sigis Stars befindet sich auch sein Sohnemann Peter (Jonny Jürgens). Alte Wunden brechen auf, als die lustige Truppe in ihrem Hotel ankommt: Sigi hat, als er zum letzten Mal vor 19 Jahren hier war, eine uneheliche Tochter gezeugt, von der er nichts weiß, außer, dass sie existiert. Als Peter davon hört, wird ihm bang: Könnte die schnieke Piroschka (Gabi Fon), Tochter des ungarischen Mannschaftsmanagers (Péter Haumann), in die er sich bodenlos verknallt hat, möglicherweise seine Halbschwester sein?

Weder nach Ibiza noch zum Wörthersee oder gar an den Kilimandscharo – nein, straight hinter den Eisernen Vorhang führte das Lisa-Publikum „Popcorn und Paprika“ (Titelsong von Gerhard Heinz: „Popcorn And Paprica“) mit dieser deutsch-ungarischen Coproduktion. Nicht nur im Sport, sondern auch in der Filmproduktion standen die Zeichen nunmehr also auf Entspannung, wobei Produzent Franz Antel und Kalli Spiehs sogar einen einheimischen Regisseur akzeptierten. Dass der Film politische Brisanzen auflöst, mag man ihm nun nicht eben unterstellen, eher vielleicht die rudimentäre Lebensweise „Titten statt Krieg“. Denn natürlich gehören zu einer Lisa-Produktion dieser Jahre diverse Besuche der Kamera in Damenduschen, Mädchenschlafsälen, Saunen oder was sonst noch als Alibikulisse für Entblätterungen taugt. Die Gags bemühen sich häufig, zu zünden, tun’s aber garantiert nicht, ebensowenig wie die etwas pikante Verwechslungsgeschichte, die natürlich ebenfalls ein unbedingtes Lisa-Obligatorium darstellt. Auch sonst hebt sich „Popcorn und Paprika“ nicht wesentlich von den anderen Werken seiner lustigen Provenienz ab. Gut, mit Siegfried Rauch und „Frau Wirtin“ Teri Torday als dessen gehörnter Gattin, die ihre berechtigte Eifersucht mal eben kurz mit ein paar Baracks wegtherapiert, gibt es vor der Kamera passables (wenngleich etwas unlustiges) Traditionspersonal. Ferner traten die beiden Udo-Kinder Jonny und Jenny (die sich am Ende natürlich als die „gesuchten“ Halbgeschwister entpuppen) hier einmalig zusammen an, wobei sich Jonny und der bebrillte, stets als nerdiger Trottel in Nöten besetzte Alexander Gittinger nach „Sunshine Reggae auf Ibiza“ nochmals in punkto darstellerisches Unvermögen gegenseitig das Wasser (sic!) abgraben dürfen. Am Thron dieses einsamen Highlights des grotesken Nachkriegskinos vermag „Popcorn und Paprika selbstredend nicht zu kratzen, dafür mangelt es ihm an, sagen wir, der notwendigen anarchischen Potenz. Dennoch: Lisa zwischen 75 und 88 bleibt, auch, wegen und trotz Filmen wie diesem, ein eminentes, prezioses Kapitel bundesdeutscher Kinotiefkultur.

5/10

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THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP

„In Germany, the gangsters finally succeeded in putting the honest citizens in jail.“

The Life And Death Of Colonel Blimp (Leben und Sterben des Colonel Blimp) ~ UK 1943
Directed By: Michael Powell/Emeric Pressburger

England, in der Zeit nach dem „Blitz“: Anstatt sich an die Verabredung zu halten, das geplante Manöver betreffs eines deutschen Überfalls zeitlich planmäßig stattfinden zu lassen, setzt der junge Lieutenant Spud Wilson (James McKechnie) die Übung einfach um sechs Stunden früher an – die Wehrmacht, so meint er, würde ihre Attacken schließlich auch nicht minutiös ankündigen. Wilson und seine Männer geraten daraufhin in einem türkischen Bad an eine Gruppe älterer Offiziere, darunter den Major General Clive Wynne-Candy (Roger Livesey), der überhaupt nichts von der Eigenmächtigkeit Wilsons hält. Im Zuge eines folgenden, spontanen Zweikampfs Alt gegen Jung lernen wir Wynne-Candys Lebensgeschichte kennen.

Der Titel um „Colonel Blimp“, der zweiten, gemeinsamen Regiearbeit der beiden Freunde Michael Powell und Emeric Pressburger für ihre selbstgegründete Gesellschaft „The Archers“ und zugleich der erste Film ihres berühmten Technicolor-Zyklus, bezieht sich auf einen zu jener Zeit in England populären, satirisch geprägten Cartoon-Offizier, der als Klischeebündel die Steifheit und den unbeugsamen Selbsträsonismus britischer Militärvertreter karikierte. Obschon jener Colonel Blimp nicht nominell bei Powell/Pressburger auftritt, stellt deren Protagonist Clive Wynne-Candy – zumindest dessen zu Beginn des Films eingeführtes, altes Ich, eine eindeutige Entsprechung der Figur dar. Die Rahmenhandlung prononciert vor allem die Wehmut, mit der betagte englische Soldaten im Angesicht der „modernen Kriegsführung“ des Zweiten Weltkriegs auf ihre aussterbende Militärhistorie zurückblicken: In Indien, im Burenkrieg und selbst im Ersten Weltkrieg wurde noch fair gekämpft und gestorben; man verabredete sich quasi zum gegenseitigen Abschlachten und unkorrekte Übervorteilungen in Form unseliger Überfälle wie heuer durch die Nazis oder die Japaner gab es nicht. Männlicher Schneid und Galanterie prägten das Bild wahren Soldatentums – und nicht nur des englischen: Nach einem diplomatisch vergeigten Ausflug ins Berlin des Jahres 1902 und infolge eines schmerzhaften Fechtduells lernt Clive (seinerzeit noch) Candy den preußischen Offizier Theo Kretschmar-Schuldorff (Adolf Wohlbrück) kennen, – quasi seine deutsche Entsprechung. Die beiden Männer werden Freunde und auch, wenn Theo die ebenfalls von Clive begehrte Lehrerin Edith Hunter (Deborah Kerr) abbekommt, hat dies keinen Groll zur Folge. Sechzehn Jahre später ist das Kaiserreich just im Begriff, den Ersten Weltkrieg zu verlieren, als Clive in Frankreich die Krankenschwester Barbara Wynne (Deborah Kerr) – Ediths Ebenbild – kennenlernt und zur Frau nimmt. Dort begegnet er auch den in Gefangenschaft befindlichen Theo wieder, der ihn zunächst geflissentlich ignoriert, ihm dann aber seine Besorgnis hinsichtlich der Siegerdiktatur des Versailler Vertrags erläutert. Erst zu Beginn des nächsten großen Krieges begegnen sich die beiden alten Freunde wieder. Beide sind mittlerweile Witwer, finden in der jungen Chauffeurin Angela (Deborah Kerr) jedoch neuerlich die physiognomische Entsprechung ihrer verstorbenen Frauen. Theo beobachtet die Entwicklung in Deutschland mit großer Sorge, seine Kinder sind beide zu überzeugten Nazis geworden. Clive muss auf unerfreuliche Weise lernen, dass Krieg mit solchen Gegnern wie Hitler nicht mehr das Gentleman-Geschäft darstellt, dass er selbst von der Pike auf gelernt hat. Er wird in den Ruhestand versetzt und tritt der British Home Guard bei. Sein Haus wird bei einem Bombenangriff zerstört und es entsteht an dessen Stelle eine Zisterne. Endlich begreift Clive, dass und wie die Zeiten sich geändert haben.
„The Life And Death Of Colonel Blimp“ kann filmhistorisch betrachtet durchaus dem Segment des antideutschen Propagandafilms zuaddiert werden, das in diesen Jahren vielfach von Hollywood und England aus bedient wurde. Powell und Pressburger geben sich allerdings im Gegensatz diverser sehr viel rüder agierender Kollegen keineswegs damit zufrieden, plumpe Ressentiments zu bedienen oder gar zu schüren, sondern wählen einen sehr viel differenzierteren Ansatz als Narrativ ihrer vierzig Jahre umfassenden Biographie. Besonders hervorstechend und bemerkenswert ist die latente Ironie, mit der sich der unbeirrbare Glaube an soldatische Tugenden und die (insbesondere England als vormals bedeutender Kolonialmacht zueigene) militärische Arroganz der Briten sanft persifliert finden – ; Entsprechung und Bedeutung des gewählten Titels. Ferner markiert Clive Wynne-Candy eine keinesfalls eindimensional gezeichnete Figur. Schon die Trümmer der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs rufen Zweifel in ihm hervor über den bedauernswerten, selbstzerstörerischen Weg, den die Menschheit im beginnenden Centennium eingeschlagen hat. Dann wäre da die Freundschaft zu seinem deutschen Berufspendant Theo, der vor allem in späteren Lebensjahren, den Zerfall des Kaiserreichs, das Chaos der Republik und schließlich die NS-Machtergreifung und den ideellen Verlust der Kinder, noch wesentlich herbere persönliche Verluste als Clive hinzunehmen hat. Hier sind sich die beiden klugen auteurs nicht zu schade, Hitler und seine Mörderbande keinesfalls zur (selbst-)erwählten Führerriege ausnahmslos aller Deutschen jener Tage zu deklarieren. Schließlich beeindruckt die ungewohnte Entscheidung, Deborah Kerr in einer Dreifachrolle zu besetzen, was dem Script gestattet, ihren Charakter über vier Dekaden quasi nicht altern zu lassen. Obschon sie drei unterschiedliche, englische Damen spielt, versinnbildlicht im Rahmen dieses figuralen Triptychons gewissermaßen das trotz ihres doppelten Verbleichens ewig jung bleibende frauliche Ideal des Protagonisten, dem sie durch ihr moralisches Engagement in drei kritischen Lebenslagen Kraft und Halt spendet.
Die Tatsache, dass „The Life And Death Of Colonel Blimp“ zudem ein frühes Musterbeispiel für die reichhaltige Effektivität des damals noch nicht alltäglichen, wunderschöne Bilder gestattenden Drei-Streifen-Technicolor ist, einer technischen Errungenschaft, für die in den folgenden Jahren vor allem Powell und Pressburger in der Kinogeschichte reüssieren konnten, perfektioniert diesen wunderbaren Film nochmals auf der formalen Ebene.

10/10

VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

LA VÉRITÉ

Zitat entfällt.

La Vérité (Die Wahrheit) ~ F/I 1960
Directed By: Henri-Georges Clouzot

Die junge Dominique Marceau (Brigitte Bardot) steht vor Gericht. Sie hat den Dirigenten Gilbert Tellier (Sami Frey), ihren früheren Liebhaber und späteren Verlobten ihrer Schwester Annie (Marie-José Nat) erschossen. Der öffentlichkeitswirksame Prozess soll klären, welche Motivation Dominique zu der Tat getrieben haben mag und ob diese möglicherweise im Affekt verübt wurde. Im Laufe der Verhandlung wird Dominiques Lebensgeschichte aufgerollt und sie selbst durch die vielfachen Denunziationen ihrer Person mehr und mehr gedemütigt.

In seinem formal strengen Gerichtsdrama (das eigentlich sehr viel mehr als Porträt der Kollateralopfer einer verlorenen Generation gelten mag) inszeniert Henri-Georges Clouzot seinen Star Brigitte Bardot gerade so, wie das Kinopublikum sie vergötterte: Als promisk-verführerischen Sex-Maniac von stellarer Schönheit und Erotik, triebgesteuerte Nymphomanin und doch bedauernswertes Opfer ihrer Umstände. Doch halt – ganz so einfach macht es sich Clouzot dann doch wieder nicht. Vielmehr transzendiert er genau dieses öffentliche Image der Hauptdarstellerin, indem er unter der allseits begehrten und bewunderten Fassade einen schwachen Charakter herausschält, der Sex (stets verfügbar) mit Zuwendung (stets versagt) verwechselt und somit zu dem wird, was im neopsychiatrischen Jargon als „Borderline-Persönlichkeit“ bezeichnet wird. Dominiques Leben ist eine Ansammlung von – zumeist eher halbherzig und als Hilferuf inszenierten – Suizidversuchen. Von Familie und Pädagogen primär als zur Subordination unfähige, renitente Göre erlebt, zieht es das schöne Mädchen noch in den Teenagerjahren vom bürgerlichen Elternhaus in Rennes geradewegs in die verruchte Pariser Bohème, wo Studenten und Nachwuchsexistenzialisten sich im Quartier Latin die Nächte mit allem um die Ohren schlagen, was dazu angetan ist, die Bourgeoisie gegen sich aufzubringen. Die mit ihrer biederen, Musik am Konservatorium studierenden Schwester geteilte Wohnung verlässt sie, nachdem sie Annies Kommulitonen Gilbert kennenlernt, der ihrer offenen Verführungskunst mit Haut und Haaren verfällt. Die sich rasch entwickelnde Liaison erweist sich jedoch als höchst toxisch; während Dominique noch nicht bereit ist, ihr vormaliges Lotterleben einfach hinter sich zu lassen und eine nach klassischem Muster modulierte Beziehung einzugehen, erwartet Gilbert von ihr bedingungslose Treue, die er auf jede denkbare einzufordern versucht. Nachdem sie ihm jedoch immer wieder die kalte Schulter zeigt, löst er sich endgültig von ihr. Es kommt zur Gewalttat, einem Akt der Hilflosigkeit, der im Grunde Dominiques ganze soziale Unangepasstheit zur Kulmination führt. Das sich durchweg aus saturiertem Bürgertum zusammensetzende Gericht, allen voran der Anwalt der Nebenklage, Éparvier (Paul Meurisse), sieht in ihr nurmehr das Sinnbild einer undisziplinierten, verachtenswert aufmüpfigen Junggeneration, die aus dem Ruder zu laufen droht. Die Rekapitulation ihres Lebens, die unentwegte Konfrontation mit all ihren Fehlern, lässt Dominique das Ende der Verhandlung nicht mehr erleben – ihr letzter Selbstmordakt ist erfolgreich. Ihr Verteidiger Guérin (Charles Vanel) ist davon überraschend wenig affiziert. „Das sind die Schattenseiten unseres Berufs“, meint er zu Éparvier, mit dem er sich in den Tagen zuvor erbitterte Wortgefechte geliefert hat, und klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Gerade diese letzte Geste zeigt unmissverständlich, dass der ewig schwelende Generationskonflikt von einer Vehemenz ist, die sich kaum jemals endgültig lösen lassen wird.

8/10

UNTAMED

„Why not Australia or America? Why South Africa?“

Untamed (Die Unzähmbaren) ~ USA 1955
Directed By: Henry King

Kapstadt, 1847: Im Zuge der großen Hungersnot in Irland migriert die Jungfamilie Kildare, Katie (Susan Hayward), Shawn (John Justin) und Söhnchen Terence, nach Südafrika, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Dabei hat Katie eine geheime, zusätzliche Motivation für die Einreise: Sie hofft, den Afrikaaner Paul Van Riebeck (Tyrone Power) wiederzusehen, mit dem sie einst bei dessen Besuch in Irland ein heftiges Techtelmechtel hatte. Die Kildares schließen sich einem Siedlertreck ins Landesinnere an und geraten mitten in einen Zulu-Aufstand. Shawn wird dabei getötet, während Paul und seine Rebellenmiliz den Eingeschlossenen zur Hilfe eilen. Die Liebe zwischen Katie und Paul entflammt aufs Neue, ganz zum Leidwesen des Treckvorreiters Kurt Hout (Richard Egan), eines Freundes von Paul, der selbst ein Auge auf Katie geworfen hat. Ein Peitschenduell entscheidet Paul für sich und gründet mit Katie eine Farm, nur um sie, in Unkenntnis ihrer zweiten Schwangerschaft, einige Wochen später wieder zu verlassen und zu seiner Truppe zurückzukehren. Auf die enttäuschte Katie warten Jahre der Entbehrung und des Glücksritterinnentums, das sie kurzweilig sogar zu einer reichen Frau werden lässt. Schließlich doch wieder verarmt, trifft Katie ein letztes Mal auf den nach wie vor gekränkten Kurt, der mittlerweile zum kriminellen Despoten geworden ist und wird von dem herbeieilenden Paul gerettet. Diesmal bleibt er bei seiner Familie.

Neben Gregory Peck war Tyrone Power der bevorzugte leading man des über 47 Jahre in Hollywood tätigen Regieprofis Henry King. Diverse Abenteuerfilme und Dramen realisierte das Duo zusammen, einer davon der eher auf dem Abstellgleis des cineastischen Kollektivgedächtnisses befindliche „Untamed“. Dieser bildete nach der Hemingway-Adaption „The Snows Of Kilimanjaro“ einen weiteren inszenatorischen Ausflug Kings auf den Schwarzen Kontinent und nach „King Of The Khyber Rifles“ seine zweite Arbeit im von seinem Hausstudio Fox frisch lancierten CinemaScope-Format. Entsprechend ausladend gestalten sich die Bildkompositionen, denen die jüngste Restauration nochmals sichtbar Ehre macht. Doch hat „Untamed“, abgesehen von seiner geringfügig betagt wirkenden Romantikerzählung, deren ausladende und überaus wendungsreiche Gestaltung ein wenig an die ebenfalls von historischen Schicksalsschlägen heimgesuchte On/Off-Beziehung von Scarlett O’Hara und Rhett Butler erinnert, seine kleinen Schwächen. Sei es der zwar aufwändig, aber wenig glaubhaft oder gar packend choreographierte Kampf gegen die Zulu (King war, das veranschaulicht er hier nur zu deutlich, alles, bloß kein Actionregisseur), sei es das zickige Kleinmädchengehabe von Haywards (an diverse Maureen O’Hara-Rollen erinnernde) Figur, die sich eine Menge Unbill durch einen kühleren Kopf ersparen könnte und daher nicht eben sympathisch anmutet oder einflach bloß das große Hauptproblem des gesamten Films: Der Schauplatz Südafrika trägt darin lediglich der Romanvorlage Rechnung, ansonsten ist „Untamed“ ein luprenreiner frontier western, der in etlichen kleinen und großen Details an diverse Beiträge zu jenem Genre gemahnt. Man könnte die meisten Einstellungen, ja, ganze Sequenzen, in denen nicht gerade typisch afrikanische Klischeerequisiten oder afrikanische Ureinwohner zu sehen sind, unverändert aus dem Kontext ziehen und sie als Fragmente eines x-beliebigen Siedlerwestern veräußern. Damit zählt „Untamed“ wohl zu den „unafrikanischsten“ Filmen aller Filme über Afrika, die ich kenne. Als etwas überteuertes, vergessenes Camp-Kleinod indes, etwas, was man mit diesem Regisseur a priori keinesfalls zu assoziieren geneigt wäre, lässt sich „Untamed“ aber noch recht unkompliziert goutieren.

6/10

AQUAMAN

„Trust me, I am no king.“

Aquaman ~ USA/AU 2018
Directed By: James Wan

Ein Jahr nachdem „Aquaman“ Arthur Curry (Jason Momoa) als Teil des von Batman gegründeten Superheldenteams „Justice League“ den dunklen Gott Steppenwolf besiegen konnte, muss er sich der eigenen Vergangenheit als atlantischer Thronfolger stellen: Die standesgemäß mit Arthurs intrigantem Halbbruder Orm (Patrick Wilson), dem „Ocean Master“, verlobte Mera (Amber Heard) bittet Arthur, den Magischen Dreizack von Atlan ausfindig zu machen, die wesentliche Insignie, um die Königswürde als Herr von Atlantis zu garantieren. Jener befindet sich im schützenden Besitz der unterseeischen Entität Karathen. Aquaman und der ihm behilflichen Mera gegenüber steht in erster Instanz Orm, der plant, einen Krieg gegen das Oberflächenvolk zu führen, unerstützt von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias „Black Manta“, der Arthur für den Tod seines Vaters (Michael Beach) verantwortlich macht und einer Schar amphibischer Monsterwesen, den Trench.

Ein farbenfrohes, bisweilen in halluzinogene Sphären abdriftendes DCEU-Superheldenspektakel tischt James Wan dem geneigten Freund entsprechender Zerstreuung mit diesem ersten Post-„Justice League“-Werk auf. Wie schon ansätzlich jenes Teamwerk und auch Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“ folgt der nächste Soloauftritt eines DC-Helden einem bunteren, atmosphärisch aufgelockerten Kurs, der der existenzialistisch-dramatischen Schwermut der ersten beiden Zack-Snyder-Epen weitgehend einen Riegel vorschiebt und zu den Golden-, Silver- und Bronze-Age- Wurzeln der Gattung zurückgreift: Mit einem Hochmaß an Fabulierfreude, lustvoll-campigen Ausfällen, leuchtender Neongrelle und guter Laune kredenzt „Aquaman“ ein zumindest in Bezug auf seine Narration sehr traditionelles Fantasy-Abenteuer, das mit Bruderzwist, Romantik, Rache und güldenem MacGuffin die so ziemlich obilgatorischsten Elemente klassischer Genreunterhaltung beinhaltet. Jason Momoa als moderne „King Arthur“-Variante ist dabei trotz seiner phantastischen Herkunft und Fähigkeiten ein so kerniger, bodenständiger Superheld, wie es schon lange keinen mehr gab; ein erfrischend menschlicher, beinahe proletarischer Hauch umweht ihn, die (verbotene) Liebesfrucht eines Leuchtturmwärters (Temuera Morrison) und einer atlantischen Adelsdame (Nicole Kidman). Arthur Curry säuft gern mal einen in verlotterten Hafenkneipen, liebt seine fischigen Kumpels und kommt, anders als ein gesellschaftsentfremdetes Individuum wie Bruce Wayne, auch bei lautstarken Rockergangs gut an. Es gibt tolle Monster in Legionenquantität und ein spaciges Untersee-Orakel, eine Herausforderung zum Duell, zerstörungsintensive Unter- und Oberwasserfights und, zu guter Letzt, die Wiedervereinigung eines ganz süßen Liebespaars, dargeboten von einer Spitzenbesetzung. Gewiss, „Aquaman“ darf auf keinen Originalitätspreis hoffen und er ist so ziemlich das filmgewordene Gegenteil von allem, was man landläufig als sophisticated bezeichnen möchte, aber er hat mir an Ort und Stelle ein verdammt großes Kontingent an realem, infantilen Spaß eingebracht. Mehr verlange ich nicht von ihm.

8/10

AUF DER ANDEREN SEITE

„Das ist Deutschland.“

Auf der anderen Seite ~ D/TR/I 2007
Directed By: Fatih Akin

Zwei tote Frauen, drei mit ihnen verknüpfte Biographien:
Yeter (Nursel Köse) arbeitet in Bremen als Hure, sehr zum Unwillen der türkischstämmigen, religionstreuen Community. Einer ihrer Kunden, der alte Ali (Tuncel Kurtiz), bietet ihr an, ihn gegen entsprechendes Entgelt zu heiraten. Sie dürfe dann allerdings nurmehr mit ihm ins Bett gehen. Alis Sohn Nejat (Baki Davrak), Germanistikprofessor, akzeptiert die Entscheidung seines Vaters, der jedoch, mittlerweile genesen von einem schweren Herzinfarkt, nach einem Streit Yeter schlägt und damit unfällig ihren Tod verursacht. Während Ali ins Gefängnis geht, sagt Nejat sich von ihm los, geht nach Istanbul und übernimmt dort einen deutschen Buchladen.
Yeters Tochter Ayten (Nurgül Yesilçay) muss wegen ihrer linksaktivistischen Tätigkeit aus der Türkei nach Deutschland fliehen. Nach der vergeblichen Suche nach ihrer lange von ihr getrennten Mutter lernt sie die Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) kennen und kommt im Hause von deren Mutter Susanne (Hanna Schygulla) unter. Die beiden jungen Frauen verlieben sich ineinander, doch Ayten wird bald von der Polizei aufgegriffen, abgeschoben und in Istanbul in ein Gefängnis gesteckt. Lotte folgt Ayten und will sie um jeden Preis aus der Haft herausholen, doch Ayten missbraucht sie für politische Zwecke: Lotte soll eine einst von Ayten versteckte Pistole an deren Genossen übergeben, wird während der Aktion jedoch von einem Straßenjungen erschossen.
Susanne kommt nach Istanbul und kommt als Untermieterin bei Nejat unter, in jenem Zimmer, das zuvor auch Lotte bewohnt hatte. Die beiden „Hinterbliebenen“ lernen sich kennen und verstehen. Susanne nimmt Kontakt zu Ayten auf und Nejat entscheidet sich, die Beziehung zu seinem mittlerweile ebenfalls zurück in der Türkei befindlichen Vater ins Reine zu bringen.

„Liebe, Tod und Teufel“ nennt Fatih Akin seine zwischen den Jahren 2004 und 2014 entstandene Trilogie um tragisch verlaufende Schicksale auf die eine oder Weise entwurzelter Menschen. Nach „Gegen die Wand“, vielleicht Akins bislang vollendetstem Meisterwerk, folgte mit „Crossing The Bridge“ zunächst eine Dokumentation über die vielgestaltige Musikszene Istanbuls (nebenbei jene Stadt, die beim Regisseur immer wieder selbst zu einem eminenten Narrativ wird) und dann mit „Auf der anderen Seite“ der mit „Tod“ überschriebene Mittelteil der späteren Anthologie.
In seinem insgesamt fünften Spielfilm entwirft der Altonaer wiederum ein in vielerlei Hinsicht komplexes Bild des auch seit Dekaden noch längst nicht ausgepegelten culture clash zwischen türkischen Migranten und Deutschstämmigen. Akins „Türken“ sind Wanderer zwischen den Welten, was auch den Titel des Films, der sich jeweils reziprok begreifen lässt, nachvollziehbar macht. Der Regisseur und Autor greift wiederum die Mehrakter-Struktur der griechischen Tragödie aus „Gegen die Wand“ auf, diesmal allerdings ohne musikalisch untermalenden Chor und „beschränkt“ auf drei, mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander stehende Segmente, von denen die ersten beiden die Geschichten (und Tode) Yeters und Lottes behandeln und das letzte, das schließlich den Filmtitel für sich beansprucht, den Überlebenden Verständnis und somit Erlösung gönnt. „Auf der anderen Seite“ erinnert nicht zuletzt durch die Mitwirkung einer ungebrochen starken Hanna Schygulla an die (zunehmend politisierte) Phase des Neuen Deutschen Film der Spätsiebziger und weniger an Akins oftmals ruppigeres, grelleres Vorwerk. Vor allem der sich a priori aufdrängende Vergleich zu „Gegen die Wand“ fällt signifikant aus, zumal die oftmals herausgeschrieenen, herzzereißenden emotionalen Spitzen des um zwei in absoluten psychischen Grenzzuständen befindliche Menschen kreisenden Vorgängers in dem weitaus stilleren, um nicht zu sagen kontemplativeren „Auf der anderen Seite“ vermutlich auch unpassend erschienen. Man könnte dies auch als ein leichtes Einknicken der jauchzenderen, vitaleren Seite Akins eruieren, wollte man dem Film einen Vorwurf machen. Ich empfinde die atmosphärische Kehrtwende zur Ruhe hin eher als den gelungenen Versuch, andere Dramatiken zu erkunden und auszuleuchten.

9/10