ANNA KARENINA

„We’ll be punished because we’re happy.“

Anna Karenina ~ USA 1935
Directed By: Clarence Brown

Moskau, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die gesellschaftlich geachtete Beamtengattin Anna Karenina (Greta Garbo) kommt aus St. Petersburg, um die Ehe und Familie ihres Bruders, des spitzbübischen Stiva Oblonskij (Reginald Owen), zu retten, der einmal mehr seine Gattin Dolly (Phoebe Foster) betrogen hat. Dabei lernt sie Stivas Freund, den adligen Offizier Wronskij (Fredric March) kennen, der sich Hals über Kopf in Anna verliebt und im Gegenzug die wiederum ihn anhimmelnde Kitty (Maureen O’Sullivan), die jüngere Schwester Dollys, links liegen lässt. Wronskij folgt Anna nach St. Petersburg und macht ihr trotz allseitiger Warnrufe solange den Hof, bis auch sie ihm verfällt. Als Annas steifer Ehemann Karenin (Basil Rathbone) von der Affäre Wind bekommt, verlangt er von seiner Frau Contenance, ausschließlich um sein persönliches Renommee in Sorge. Eine Reise von Wronskij und Anna nach Venedig hat zur Folge, dass Karenin den Kontakt zwischen Anna und ihrem heißgeliebten Sohn Sergei (Freddie Bartholomew) einen endgültigen Riegel vorschiebt. Das Leben als öffentlich geächtete, untreue Ehefrau, die Schuld auf sich geladen hat, wird für Anna mehr und mehr zur Qual. Im Gegenzug wendet sich Wronskij langsam von ihr ab und meldet sich schließlich für einen Balkan-Feldzug. Anna sieht den letzten ihr verbleibenden Ausweg im Selbstmord.

Tolstois „Anna Karenina“, ein berühmtes Sittenbild des spätzaristischen Russland und zudem ein exemplarisches Stück zum allseits bemühten Epochensujet der nach einem erotischen Fehltritt in sozialen Zugzwang geratenden Heldin dürfte vermutlich einer der am häufigsten adaptierten Romane der Weltliteratur sein. Diese Hollywood-Verfilmung der MGM, damals Greta Garbos Vertragsgesellschaft, entstand zum Einen infolge von David O. Selznicks durch die Inaussichtstellung, mit der Garbo produzieren zu können, forcierten Wechsel von der RKO zum Löwenstudio und zum anderen durch Garbos persönliche Insistierung, in ihrem nächsten Film eine historische Rolle übernehmen zu dürfen. Die Wahl fiel auf „Anna Karenina“, eine Figur, die die Garbo bereits acht Jahre zuvor schon einmal unter der Regie von Edmund Goulding gespielt hatte. Erwartungsgemäß hatte das Projekt mit mehrerlei Unwägbarkeiten zu kämpfen: Als kurz nach dem Greifen des Hays Code angesetzte Produktion musste sich das Script allzu offensiver Schlüpfrigkeiten enthalten; zudem gebot das maßgebende 95-Minuten-Korsett noch eine relativ rücksichtlose Komplexitätsreduktion der Vorlage, die ja mehrere, parallel erzählte Handlungsstränge aufweist. So spart der Film etwa mit Annas zweiter Schwangerschaft nebst der Geburt ihrer und Wronskijs Tochter Annie sowie der anschließenden Wirrungen ein wichtiges inhaltliches Element komplett aus, ebenso wie die Beschreibung der krisengebeutelten Beziehung von Kitty und ihrem wankelmütigen Gatten Ljewin (Gyles Isham), dem im Film die Funktion eines eher unwesentlichen Nebencharakters zufällt. Wie so oft bei Literaturadaptionen sollte man demnach sein Hauptaugenmerk auf die rein filmischen Qualitäten richten, die selbiges in diesem Fall dann auch absolut rechtfertigen. Mit der Garbo und Fredric March gibt es zwei glamouröse Stars ihrer Tage zu bewundern, wobei besonders die inbrünstige Darastellung der Diva eigentlich den gesamten Film an sich reißt. „Anna Karenina“ bietet sich geradezu hervorragend an, um die ikonographische, bald ätherische Faszination, die die lediglich bis zu ihrem 36. Lebensjahr aktive Aktrice bis heute umweht, begreifen und nachvollziehen zu können. Mitreißend, wenn auch routiniert inszeniert, dürfte Ihre Interpretation der sich in ständischen Verfänglichkeiten verheddernden, tragischen Frauengestalt, die ihre Fehltritte mit tiefer Verzweiflung, seelischer Gesundheit und schließlich dem Freitod bezahlt und deren Leidensweg sie von einer lebensbejahenden Persönlichkeit zu einem traurigen Häuflein Elend degradiert, trotz aller Distanz zum prosaischen Vorbild die Essenz jener großen Figur beispielhaft einfangen. Dass eine solche Leistung nicht allein von Leinwandcharisma getragen werden kann, sondern ihr vor allem große Schauspielkunst vorausgeht, mag in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.

8/10

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RED SPARROW

„You sent me to whore school!“

Red Sparrow ~ USA 2018
Directed By: Francis Lawrence

Die erfolgreiche Primaballerina Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) kann nach einem Unfall auf der Bühne nicht mehr tanzen. Um ihre kranke Mutter (Joely Richardson) weiter über die Runden bringen zu können, nimmt Dominka daher das Angebot ihres zwielichtigen Onkels Vanya (Matthias Schoenaerts) an, als Spionin zu arbeiten. Nach einem ersten Auftrag, der sie zugleich zur Mordzeugin macht, ist Dominika endgültig in Vanyas Hand. Sie wird ein „Red Sparrow“, eine Sonderagentin, deren Hauptaufgabenbereich in der Verführung und gezielten Verwirrung ihrer Opfer liegen. Zugleich wird der CIA-Mitarbeiter Nate Nash (Joel Edgerton) auf Dominika aufmerksam. Die beiden verlieben sich ineinander und Dominika versucht alles, Nate entgegen den Anweisungen ihrer Auftraggeber zu schonen, derweil ihr Hass auf Vanya immer größer wird.

Ich will es mal so sagen: Hätte Paul Verhoeven diesen Stoff inszeniert – und ich bin sicher, zumindest vor 15, 20 Jahren hätte es keinen treffenderen Regisseur gegeben – man hätte zur Feier des Tages noch ein paar Schamhaare obendrauf serviert bekommen. So bleibt ein aparter Wunschtraum davon, was der Niederländer mit diesem so nonchalant mit sex & crime hantierenden Spionagestoff, dessen Plot auf dem Mist des vormaligen CIA-Angestellten und heutigen Romanciers Jason Matthews gewachsen ist, angestellt hätte. Ich musste bei der Betrachtung von „Red Sparrow“ jedenfalls häufig an Verhoeven und seine früheren, lustvollen Attacken auf die Ästhetiktoleranz des Mainstream-Publikums denken. Potenzial dafür lässt Lawrences Film ja noch hinreichend durchscheinen, am Ende möchte er dann aber doch viel lieber ein klassisch konnotierter Spionage- und Romantikthriller mit viel „Ninotchka“ im Herzen sein, denn kerniger camp oder gar offensive Subversion, die ein NC-17-Rating riskiert. Das ist soweit ja auch in Ordnung, verlangt dann aber eben mancherlei Abzüge in der B-Note.
Zunächst einmal ist „Red Sparrow“ in Zeiten, in denen vermeintlich komplex aufbereitete Agentenfilme wieder an jeder Straßenecke stehen und seine in diesem Zusammenhang etwas schwächliche Geschichte unverschämt lang geraten. Nicht, dass er deswegen langweilig wäre, aber dreist nimmt seine gedehnte Narration sich doch aus. Dann wäre da die merkwürdige Geschichte mit der Sprache. Der Film lässt die Russen untereinander englisch mit russischem Akzent sprechen (bzw. analog dazu in der Synchronfassung deutsch mit russischem Akzent). Dass die Darsteller englisch statt russisch sprechen, ist ja nicht weiter wild und ohnehin gängige Praxis, aber wozu bitte den albernen Akzent? Dass die Grundzüge der Story zudem stark an Luc Bessons „La Femme Nikita“ gemahnen, lässt sich wiederum verschmerzen, vermiest „Red Sparrow“ aber auch den letzten Originalitätspreis. Jennifer Lawrence hat nach den „Hunger Games“-Filmen jedenfalls scheinbar ein neues Serien-Zuhause (in Romanform gibt es bereits zwei Fortsetzungen) gefunden, praktischerweise gleich mit demselben Regisseur von zuletzt im Schlepptau. Die Frau ist geschäftstüchtig, so viel ist sicher.

6/10

THE 27TH DAY

„People hate because they fear and they fear anything they don’t understand – which is almost everything.“

The 27th Day (Der 27. Tag) ~ USA 1957
Directed By: William Asher

Fünf Menschen aus unterschiedlichen Teilen der zivilisierten Welt werden von Aliens an Bord ihres Raumschiffs gebeamt und mit folgendem Los betraut: Jede(r) von ihnen erhält eine kleine Box mit drei Kapseln, die nur von ihrem jeweiligen Besitzer per Gedankenkraft geöffnet werden kann. Einmal aktiviert, sorgen die Kapseln dafür, dass sämtliches menschliche Leben in einem zuvor avisierten Radius ausgelöscht wird. Die Außerirdischen benötigen neuen Lebensraum, da ihr eigener Planet dem Untergang geweiht ist, sehen sich jedoch ethisch außer Stande, die Menschheit aktiv zu vernichten. Dies würde sie, so die perfide Annahme der Extratterestrier, in ihrem seit jeher kriegstreiberischen Gestus schon selbst besorgen. Binnen 27 Tagen werden die Kapseln unwirksam und die Aliens wären damit selbst zur Eradikation verdammt. Zurück auf der Erde, nehmen die Schicksale der fünf Todesagenten zügig ihren Lauf: Die Chinesin (Marie Tsin) nimmt sich sogleich das Leben, der brillante, deutsche (!) Wissenschaftler Professor Bechner (George Voskovec) fällt einem beinahe tödlichen Autounfall zum Opfer. Während der US-Reporter Clark (Gene Barry) und die naive Britin Eve (Valerie French) es derweil bevorzugen, sich für die knapp vierwöchige Frist versteckt zu halten, gerät der sowjetische Soldat (Azemat Janti) seinem bösen Vorgesetzten (Stefan Schnabel) in die Hände, der sogleich die Weltherrschaft anstrebt…

In der Tradition von Robert Wises „The Day The Earth Stood Still“ schob die Columbia ein paar Jahre später dieses weniger prominente, gleichsam kurzspännige und kurzweilige Genre-Musterbeispiel um Weltkriegsängste, Invasions- und Sowjet-Paranoia hinterdrein, das seine ungebrochen aktuelle Agenda bei einem Minimalbudget recht wirkungsvoll umzusetzen wusste. Die Aliens unbekannter Provenienz (man erfährt lediglich, dass sie aus einem anderen Sonnensystem stammen), die uns wie ihre diversen zeitgenössischen mit unserer vollständigen Ausrottung konfrontieren, sind uns diesmal allerdings nicht allein technisch, sondern auch moralisch um Lichtjahre voraus. Punktum hält ihr besonnen und eloquent auftretender Repräsentant (Arnold Moss) dem auf seinem Schiff befindlichen, humanen Stellvertreterquintett den denkbar hässlichsten aller Spiegel vor: „Euch aus der Schöpfung zu tilgen, das brauchen wir gar nicht, das besorgt ihr schon vortrefflich allein.“ könnte das etwas sarkastische Fazit seines Kurzvotrags lauten. Da die Zeit eben drängt, wartet man allerdings nicht etwa auf den ausstehenden Einsatz der Neutronenbombe, sondern gibt den Menschlein flugs alles Notwendige an die Hand – einen saubereren und endgültigeren Weg, sich des schlimmsten aller Raubtiere zu entledigen, wird man vor Ort schwerlich erfinden mögen. Um es den fünf Probanden nicht allzu leicht zu machen, verkünden die Außerirdischen auf sämtlichen Rundfunk-Frequenzen die Namen der überhaupt nicht müden Schläfer, was eine umgehend anberaumte Menschenjagd zur Folge hat. Natürlich entblödet „The 27th Day“, kleine US-Produktion, die er nunmal ist, sich nicht, den Russen den Schwarzen Peter des dräuenden Untergangs zuzuschieben, respektive einem machtbesessenen Kommi-Offizier, der den armen, kleinen Erfüllungsgenossen Ivan, der doch eigentlich gar nichts Böses will, sogleich einem zermürbenden Folterverhör unterzieht, auf dass dieser das Geheimnis der Kristallbox preisgebe. Die geniale Idee zur Abwendung der finalen Katastrophe wächst indes auf dem mentalen Mist des deutschen Professors, der es auf wundersame Weise hinbekommt, dass die omnipotente Superwaffe nur die bösen und durchtriebenen Menschen exterminiert. Die in der Folge deppert dastehenden Aliens tun derweil allen leid und werden zum Bleiben auf der Erde eingeladen, was sie dankend annehmen. Die Menschen dürfen sich derweil rühmen, in den erlauchten, stellaren Zyklus der „Geisteswesen“ aufgenommen zu werden. So wird aus der Dystopie eine Utopie mit einem ebenso zwingenden wie simplen Lösungsvorschlag: Rottet einfach alle Schweinhunde auf Erden aus und euer ist das Himmelreich! Wohlan.

7/10

K-19: THE WIDOWMAKER

„We deliver – or we drown.“

K-19: The Widowmaker (K-19 – Showdown in der Tiefe) ~ USA/CAN/UK/D 2002
Directed By: Kathryn Bigelow

Im Sommer 1961 wird der Marineoffizier Kapitän Vostrikov (Harrison Ford) mit dem Kommando über das Atom-U-Boot K-19 betraut, dem ganzen militärischen Stolz der sowjetischen Führungsclique. Vostrikov übernimmt von dem kurz zuvor degradierten Polenin (Liam Neeson), der als Erster Offizier an Boot des K-19 verbleibt. Die Mission des Schiffs sieht vor, bis zur Arktis vorzudringen und testweise eine der an Bord befindlichen Raketen zu starten. Natürlich dient die ganze Aktion vornehmlich als kriegerisches Muskelspiel gegenüber dem großen Feind USA. Bereits vor dem Stapellauf kommt es auf K-19 zu zahlreichen Pannen, die die Mannschaft um den Erfolg ihrer Fahrt bangen lassen. Und tatsächlich setzt sich die Unglücksserie auch auf See fort: Vostrikov erweist sich als linientreuer Kommisskopf, dem die Kreml-Anordnungen über jede Vernunft gehen und steht damit in direktem Konflikt zu Polenin, dem vor allem das Wohl seiner Mannschaft am Herzen liegt. Zwar gelingt der Raketenabschuss wie vorgesehen, doch das Glück bleibt den Männern abhold. Als in einem der Reaktoren ein Leck entsteht, droht der gesamten Besatzung der Strahlungstod, wenn nicht binnen kürzester Zeit eine Lösung gefunden wird…

Wenn es darum geht, Männer und den sie unter seine Knute zwängenden Druck im Kontext kombattanter und/oder militärischer Ausnahmesituationen zu zeigen, ist die großartige Kathryn Bigelow gegenwärtig vielleicht die beste Filmemacherin am Platze. Mit „K-19: The Widowmaker“, dem ersten ihrer Filme, der Testosteron und Uniform in parallelisiertem Zustand zeigt, erprobte sie diese von äonenlanger Historie geprägte Verhältnismäßigkeit erstmals. Dazu griff das Script einen authentischen Fall der sowjetischen Marinegeschichte auf, änderte jedoch diverse Details zu mehr oder weniger offensichtlichen Dramaturgisierungszwecken, was, wie zumeist in solchen Fällen, insofern völlig legitim erscheint, als dass ihr Film keinerlei Anspruch auf dokumentarische Genauigkeit legt. Bigelow fabriziert vielmehr seit jeher psychologisch traktiertes Genrekino und hat es darin längst zur Meisterschaft gebracht. Die Szenen um die notdürftige Flickung des lecken Kernreaktors zählen dabei zum Intensivsten, was man von der Regisseurin bis heuer zu sehen bekam.
„K-19“ begibt sich in die Hochphase des Kalten Krieges, in eine Ära, in der die gesamte Menschheit behende am Abgrund entlangtänzelte. Die im amerikanischen Film üblicherweise gewohnte US-Perspektive wird dabei (zumindest an der Oberfläche) um 180 Grad gedreht. Es geht in die tiefsten Niederungen jenseits des Eisernen Vorhangs, in eine Atmosphäre unbedingter Systemtreue, die zugleich auch stets einen Hauch von Verlogenheit, Betriebsblindheit und Sanktionsangst beinhaltete. Ein wenig fühlt man sich zunächst an McTiernans Clancy-Adaption „The Hunt For Red October“ erinnert, bekanntermaßen ja auch ein „U-Boot-Film“ mit einem russischen Helden, der allerdings ein von langer Hand geplantes Überlaufen zur Gegenseite realisiert. Von solch hasardierenden Aktivitäten sind die Männer in „K-19“ jedoch denkbar weit entfernt; hier geht es ums nackte Überleben vor der dräuenden Entscheidung, dem allmächtigen Mütterlein Staat als tote Helden zu dienen oder ihm im finalen Augenblick den blanken Hintern zu zeigen. Jenen bekommen am Ende aber dann doch die auf hoher See zur optionalen Rettung bereit stehenden Yankees zu sehen; K-19 kann, in letzter Sekunde sozusagen, vor der Versenkung geborgen werden. 28 Jahre später begegnen sich die Offiziere dann im Gedenken der heldenhaft gestorbenen Kameraden wieder; ihre körperliche Zähigkeit hat letztlich das System, dem sie einst bedingungslose Treue geschworen haben, überlebt – um einen allzu hohen Preis. Doch Kathryn Bigelow liegt es fern, rechtem Gedankengut Vorschub zu leisten oder Obrigkeitsgehorsam als maskuline Tugend zu verkaufen. Sie zeigt, was Krieg, und sei er auch noch so kalt, seinen Beteiligten am unteren Ende der Befehlskette antut.

8/10

ENEMY AT THE GATES

„For us there is no land beyond the Volga.“

Enemy At The Gates (Duell – Enemy At The Gates) ~ USA/F/D/UK/IE 2001
Directed By: Jean-Jacques Annaud

Stalingrad im Herbst 1942: Der junge Russe Vassili Zaytsev (Jude Law) wird als Gefreiter der Roten Armee über die Wolga geschickt, um gegen die Wehrmacht zu kämpfen. Eher durch Zufall wird dem Politkommissar Danilov (Joseph Fiennes) im Kampf Vassilis ungeheure Schusspräzision gewahr. Mit Unterstützung von Chruschtschow (Bob Hoskins) baut Danilov den jetzt als Scharfschützen eingesetzten Vassili zu einem kleinen, propagandistischem Mythos auf, der zum einen die eigenen Soldaten befeuert und zu Anderen den Deutschen höllische Angst einjagt. Um Vassili kaltzustellen, lässt man eigens den als Meisterschützen gefürchteten Major Erwin König (Ed Harris) einfliegen, dessen Sohn bei der Panzerschlacht um die Stadt gefallen ist und der nun auch ein psychologisches Duell gegen Vassili entfesselt.

Anders als frühere Filme Annauds bleibt „Enemy At The Gates“ eher leidenschaftsloses Schaukino. Als Kriegsfilm passt er sich der damals grassierenden Mode an, setzt jedoch keine sonderlich individuellen Zeichen. Anders als Vilsmaiers „Stalingrad“, der es sehr viel besser verstand, das ohnehin nicht nachvollziehbare Leid der Soldaten und der Bevölkerung vor Ort zumindest ansatzweise transparent zu machen, gerät Annauds achter Spielfilm eher zu einem technisch zwar ehrgeizigen, anbetreffs seiner emotionalen Involvierung des Zuschauers jedoch wenig mitreißendes Ausstattungsstück. Natürlich muss auch eine (glücklich endende) Liebesgeschichte untergebracht werden, die – nicht minder konventionell – als Dreiecksromanze angelegt wird, aus der der sich heldenhaft opfernde Danilov als großer Verlierer hervorgeht. Ed Harris‘ Performance ist zwar gewohnt formidabel, die Entwicklung seines Charakters von einem erfreulich mehrdimensional angelegten Wehrmachtsoffizier hin zum funktionalen Nazi, der auch vor Kindsmord nicht zurückschreckt, enttäuscht jedoch und macht seine finale Hinrichtung durch Vassili zu einem eindeutig als befriedigend determinierten Erlebnis für den Zuschauer, das mit einiger Wahrscheinlichkeit symbolisch für den Sieg der Sovjets bei Stalingrad stehen soll. Zudem wirft die Geschichtsschreibung Annauds Aufarbeitung der Ereignisse um die authentische Figur des Snipers Vassili Zaytsev einiges an Klitterung vor, so etwa, dass es einen „Intimkonflikt“ mit eindem zudem vermutlich komplett fiktionalen deutschen Offizier überhaupt nicht gegeben habe. Nicht nur dies lässt „Enemy At The Gates“ eher als mäßig berührendes Actiondrama vor Kriegskulisse erscheinen. Dass für derlei Unterhaltungsstoff zudem ausgerechnet eines der schlimmsten historischen Fanale für sinnloses Massensterben im Zeichen des arroganten Schwanzvergleichs zweier größenwahnsinniger Diktatoren herhalten muss, stimmt nicht eben positiver. Was den Film letztlich noch akzeptabel macht, ist seine großartige, internationale Besetzung um einigen der besten Schauspieler überhaupt. Allein ihnen bei der kollektiven Ausübung ihrer Kunst zuschauen zu dürfen, bewegt hier wirklich etwas.

5/10

STALINGRAD

„Mein Eid hat für mich keine Bedeutung mehr.“

Stalingrad ~ D 1993
Directed By: Joseph Vilsmaier

Spätsommer 1942. Hitler lässt die Wehrmacht weiter nach Osten vorrücken. Eines seiner Ziele ist die Stadt Stalingrad, von deren Einnahme durch die 6. Armee der Diktator sich unter anderem die Blockade des Wasserverkehrswegs Wolga und sowie die psychologisch eminente Demoralisierung Stalins und der Roten Armee verspricht. Von Anfang an zeichnet die Operation sich als Debakel ab. Der Widerstand innerhalb der Stadt gerät unerwartet groß, die Soldaten sind Häuserschlachten nicht gewohnt. Die Versorgung sowohl mit Kriegsmaterial als auch mit Nahrungsmitteln wird zunehmend schwierig; zu weit entfernt liegt die Frontlinie. Im Dezember gelingt es den Sowjets endgültig, die am Ende völlig zerbombte Stadt und mit ihr rund 200.000 deutsche Soldaten einzukesseln und von jedwedem Nachschub abzuschneiden. Drei Landser, der unerfahrene Nachwuchsoffizier Witzland (Thomas Kretschmann) und die vormaligen Nordafrikakämpfer Reiser (Dominique Horwitz) und Rohleder (Jochen Nickel), erleben die eiskalte Hölle bis zu ihrem unausweichlichen Tode mit.

Die Schlacht von Stalingrad gilt als die furchtbarste und verlustreichste des Zweiten Weltkriegs. Rund ein halbes Jahr dauert der Kampf um die Stadt nebst all seinen Ausläufern, der ungezählte Menschenleben unter Soldaten und Zivilisten fordert. Hitler weigert sich vehement, eine offizielle Kapitulation seiner Truppen vor Ort zuzulassen, bis selbst die letzten Widerständler sich ausgemergelt in sowjetische Kriegsgefangenschaft begeben. Auch jene überleben nur rund fünf Prozent der Inhaftierten.
Stalingrad ist rückblickendvor allem ein Fanal für Hitlers größenwahnsinnige Art der Kriegsführung letzten Endes einer der eklatantesten historischen Belege für die narzisstische Überheblichkeit des armseligen kleinen Emporkömmlings. Allein die Arroganz, mit der er trotz etlicher Warnungen seitens des Generalstabs nie bereit war, den Soldaten den Rückzug oder gar die Aufgabe zu ermöglichen und so unter Umständen Hunderttausende von Leben zu schonen, zeigt exemplarisch den zunehmenden Größenwahn und Realitätsverlust des ohnehin längst vollends pathologischen Politmonsters. Wenn dieses beispiellose humanitäre Opfer überhaupt einen Zweck erfüllt, dann den, dem Dritten Reich bis in seine Grundfesten hinein eine erste empfindliche Niederlage beigebracht, den bereits aufkeimenden Mythos von Hitlers Unzerstörbarkeit demontiert zu haben. Zudem sorgte die sich klammheimlich entwickelnde, heimische Gewissheit der Ereignisse an der Ostfront, die trotz Feldpostzensur und geschönter Wochenschauen immer akuter wurde, für eine weitere Destablisierung im Inneren. Hitler war dabei, sich selbst zu entthronen.
Dass es über dieses finstere Kapitel Kriegsgeschichte nur wenige Spielfilmabhandlungen gibt, liegt sicherlich primär daran, dass es sich nicht um eine Schlacht alliierter Soldaten handelte. Wenn Hollywood sich an Kriegskino macht, dann unter Berücksichtigung hauseigener Beteiligungen oder Interventionen. Deutsche oder russische Produktionen sind im Falle Stalingrad also folgerichtig.
Vilsmaier stemmte das ehrgeizige Projekt, vermutlich noch immer der Film mit dem größten Nachhall zum Thema, bei aufwendiger Detailergebenheit. Wenngleich „Stalingrad“ das allumfassende Grauen nur bruchstückhaft, in Form weniger, prägnanter Eindrücke, die in einen gut zweistündigen Film gepresst werden können und anhand der Erlebnisse einiger beispielhafter Protagonisten beleuchtet, zementiert er sich doch stark in der Wahrnehmung des Rezipienten. Ich habe ihn jetzt das erste Mal seit dem Kino wiedergesehen und hatte noch etliche Szenen im Kopf. Auf Heroisierung oder Glorifizierung verzichtet Vilsmaier glücklicherweise. Seine „Helden“ sind arme Schweine, zum Verrecken im Namen eines irrlichternden Egomanen angetreten ihrem vorbestimmten Schicksal verzweifelnd entgegenmäandernd. Dass Vilsmaier, anders als etwa Spielberg, Malick oder Eastwood, stoisch jedweder einladenden Ästhetisierung entsagt und das Elend möglichst authentisch vorstellt, beeindruckt zudem.

8/10

CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR

„We fight.“

Captain America: Civil War (The First Avenger: Civil War) ~ USA/D 2016
Directed By: Anthony Russo/Joe Russo

Ein Einsatz der Avengers in Nigeria gegen den Terroristen Crossbone (Frank Grillo) endet abermals mit gewaltigen Zerstörern und etlichen toten Zivilisten – „Kollateralschäden“, wie sie der Diplomatenjargon zu bezeichnen pflegt. Grund genug für die UN, allen voran General Thunderbolt Ross (William Hurt), der Heldentruppe ein Dekret aufzuerlegen, dem zufolge sie ab sofort nurmehr in „offiziellem“ Auftrag, und nicht wie bisher nach eigenem Gutdünken agieren sollen. Jedes einzelne Avengers-Mitglied soll das durch seine Unterschrift bestätigen. Während jedoch Tony Stark (Robert Downey Jr.), noch immer bewegt von den Ereignissen in Sokovia, dem Erlass zustimmt, fühlt sich Steve Rogers (Chris Evans) durch ihn in seiner freien Entscheidungswahl eingeschränkt und fürchtet, zu einem weiteren Instrument militärischer Willkür degradiert zu werden. Parallel zu diesen Ereignissen intrigiert der rachsüchtige Baron Helmut Zemo (Daniel Brühl), der in Sokovia seine Familie verloren hat, gegen die ohnehin vom Bruch bedrohten Avengers, indem er einen alten HYDRA-Geheimbefehl, der Rogers‘ besten Freund Bucky (Sebastian Stan), alias „Winter Soldier“ als Attentäter reaktiviert, ausfindig macht und diesen bei einer Ratifizierungssitzung der UN in Wien zuschlagen lässt. Die Aktion entzweit Stark und Rogers endgültig und beide scharen eine Gruppe jeweils Gleichgesinnter um sich, um gegen den anderen vorzugehen. In Leipzig kommt es zur Konfrontation, die teils unentschieden, jedoch mit der Arretierung von Rogers‘ Kameraden ausgeht. Als Stark schließlich herausfindet, dass Bucky für die 25 Jahre zurückliegende Ermordung seiner Eltern verantwortlich ist, kommt es zum letzten Gefecht gegen Rogers.

Emotional aufgeladener und sehr viel involvierender als der letzte nominelle „Avengers“-Film ist die Bezeichnung von „Civil War“ als zweites Sequel der „Captain America“-Reihe und dreizehnter Beitrag zum MCU-Franchise eigentlich eher unglücklich. Zwar wird die Geschichte von Steve Rogers‘ ehemaligem Sidekick Bucky Barnes, der ja ein ziemlich unerfreuliches Schicksal als Schläfer für die Terrororganisation HYDRA führen musste, weitererzählt, andererseits bietet dieser jüngste Film der Gebrüder Russo allerdings ein solch gewaltiges Superheldenaufkommen auf, wie man es bisher im Kino nicht zu sehen bekam. Ganze zwölf Marvel-Helden treten zum Gefecht an, Caps Freundin Sharon Carter und den in den späteren Comics zum „Red Hulk“ mutierenden General Ross noch gar nicht mitgezählt. Ein feuchter Traum für jeden MCU-Apologeten. Mit der 2006 in Printform erschienenen „Vorlage“ von Mark Millar hält dieses Aufgebot fraglos nicht (ganz) mit. Darin ging es auch um etwas Geflissentliches Anderes; die stark unorganisiert arbeitende Superheldengemeinde sollte nämlich dazu angehalten werden, sich öffentlich zu demaskieren, beziehungsweise, so nicht längst geschehen, ihre jeweiligen Geheimidentitäten preiszugeben – ein nicht minder pikantes Problem; für das MCU jedoch, in dem zumindest für die Avengers das Problem des verborgenen Privatlebens wenn überhaupt einen zweit- bis drittrangigen Diskurs darstellt, im Prinzip keine Option. Die vielen anderen Helden, die Millars „Civil War“ involvierte, darunter freilich Daredevil, die Fantastic Four oder die X-Men, muss der Film aus den altbekannten Gründen ebenso verzichten wie auf einige wesentliche dramatische Wendungen, darunter einen der Identitätslüftung als Pionier vorreitenden Peter Parker, oder einen von Stark erschaffenen Thor-Klon, der den Helden Goliath tötet. Man sollte „Civil War“, den Film, demzufolge weniger als eine Adaption der Mini-Serie betrachten, denn als notdürftig umfunktionalisierte Variation, die sich den Gegebenheiten und Beschränkungen des Kino-Universums anzupassen hat. Als solche ist das Werk jedoch ganz großes, sich selbst zelebrierendes Spektakel, das die Arschwangen jedes Superheldenanhängers zum Leuchten bringen sollte. Scott Lang aka „Ant-Man“ (resp. „Giant-Man“) und T’Challa alias „Black Panther“ kommen in größerem Rahmen zum Einsatz und gewiss wird die Integration von „Spider-Man“ ins MCU, rückdatiert als geschwätziger, unreifer Teenager, ordentlich abgefeiert. Dass Spidey nochmals als Generikum aufgestellt wird, nachdem die Figur in den letzten sechzehn Jahren ja bereits ganze zwei  (und jeweils hinreichend umfassende) Kino-Exegesen nebst Origin erlebt hat, mag sich geflissentlich redundant auswirken, ist jedoch allemal besser als ein gänzlicher Verzicht auf den ikonischen Charakter. Thor und Hulk, die für ein ziemliches Ungleichgewicht der Kräfte gesorgt hätten, werden praxishalber ausgespart.
„Civil War“ transportiert auch ein bisschen was von der beliebten Phrase ’nomen est omen‘. Er wird einmal mehr all jenen reichlich Studentenfutter geben, die in den fraglos unmenschlich hoch budgetierten Geschäftemachereien des MCU die Vorboten eines massenkulturellen Armageddon wähnen und eine Privatprofession daraus machen, ihnen demonstrativ gelangweilt die zwischen enerviert und unterkühlt befindliche Schulter zu zeigen. Caps Fraktion quasi. Dann gibt es aber eben auch noch uns, die anlässlich eines jeden neuen Superheldenfilms bereitwillig in infantilisierte Regression verfallen und sich damit ein kleines Stück vom Glück erobern (so es sich dabei nicht gerade um „Deadpool“ handelt zumindest). Die, die die Scheiße an festlich gedeckter Tafel fressen und sich dabei auch noch vorkommen wie Gourmets. Die Iron Men. Oder auch die cineastischen small-timer, die Schmeißfliegen. Bin ich eben eine von denen. Dafür hatte ich knappe zweieinhalb großartige Stunden lang meinen Spaß, und das nicht zu knapp.

9/10