DER SANDMANN

„Du kannst mich auch küssen, wenn du willst…“

Der Sandmann ~ D 1995
Directed By: Nico Hofmann

Ina Littmann (Karoline Eichhorn), eine aufstrebende junge TV-Redakteurin, soll den umstrittenen Autor Henry Kupfer (Götz George) als möglichen Gast für die Privatsender-Talkshow „Auge in Auge“ abklopfen. Kupfer ist just dabei, sein neues Buch „Der Kannibale“ herauszubringen, das sich mit dem authentischen Fall eines zu Beginn des 20. Jahrhunderts umtriebigen Kindermörders befasst. Ein privater Besuch bei Kupfer, der mittlerweile im Haus seines jüngsten Recherche-Sujets wohnt, macht Ina nach anfänglicher Skepsis neugierig auf den etwas schmierig erscheinenden, nicht mehr ganz taufrischen Dandy mit seiner ominösen Vergangenheit: Nicht nur, dass der Mann wegen Totschlags an einer Prostituierten einst mehrere Jahre im Gefängnis verbracht hat, scheint ferner der einstige Suizid seiner Schwester tiefe seelische Narben bei Kupfer hinterlassen zu haben. Als sich zudem herauskristallisiert, dass ein Serienkiller, den die Polizei inoffiziell bereits als „Sandmann“ getauft hat, über die gesamte Republik verteilt Prostituierte ermordet, zieht Ina sich mehr und mehr verdichtende Schlüsse. Schließlich plant sie, extrem euphorisiert von ihrer „Enthüllungsgeschichte“, Kupfer im Zuge der Live-Aufnahme von „Auge in Auge“ in aller Öffentlichkeit als den Sandmann zu überführen…

Man mag es im Nachhinein kaum mehr glauben, aber die TV-Produktion „Der Sandmann“, mit Fug und Recht als veritabler Klassiker des Fernseh-Spielfilms zu bezeichnen, wurde vor 25 Jahren vom für sein Schmuddelimage berüchtigt gewordenen Fernsehsender RTL 2 produziert. Hofmanns Film flankierte wechselseitig den ebenfalls von Götz George in der Hauptrolle bespielten Haarmann-Film „Der Totmacher“, der praktisch parallel entstanden war und mit Jürgen Hentsch und Matthias Fuchs noch zwei weitere prominente Darsteller gemeinsam mit dem „Sandmann“ aufweist. Im Gegensatz zu dem von Romuald Kamarkar allerdings höchst hermetisch und konzentriert inszenierten Dialogstück gibt sich Hoffmanns Film deutlich zugänglicher und von zeitgenössisch vorgegebenen Spannungselementen getragen, die damals das neue, postgotische Serienkiller-Genre rund um David Finchers „Se7en“ vorexerzierte. Man kann die beiden George-Filme somit nicht nur revisionistisch durchaus als companion pieces erachten, die darüberhinaus die klassisch geprägten Status von Kino-und Fernsehfilm gewissermaßen austauschten; im Kino lief das kleine Nachtspiel, während das Privat-TV den prinzipiell absolut „kinotauglichen“ Thriller ausstrahlte. Und noch mehr ist, respektive hinsichtlich der Produktionsgeschichte, am darüberhinaus blendend gespielten und zumindest professionell, wenngleich – im Gegensatz zum „Totmacher“ – nicht ganz mit dem bonifizierenden Verdacht der Meisterschaft gefertigten „Sandmann“ interessant: auf sarkastische, beinahe zynische Weise nimmt das einigermaßen clevere Buch von Matthias Seelig den Sensationalismus und die Investigativ-Geilheit des Privatfernsehens aufs Korn. Ältere LeserInnen werden sich erinnern, dass Krawallformate wie „Explosiv – Der heiße Stuhl“ (RTL) oder „Einspruch!“ (Sat 1), die a priori dergestalt konzipiert waren, dass die nicht immer vollbemittelten, jedoch auf ausgesucht diametralen Standpunkten fußenden Diskuttanten sich früher oder später rigoros anbrüllten, zu Millionenrennern wurden. In den Prähistorie von Internet und Social Media boten diese Sendungen, die dann von den noch primitiveren (Nach-)Mittags-Talks abgelöst wurden, eine der willkommensten Gelegenheiten für Lieschen Müller, sich aufgepeitschte Verbalgladiatoren zu Gemüte zu führen. Auch „Der Sandmann“ spielt mit dieser Anordnung, wenngleich auf etwas subtilere Art: Den Versuch, einen kontrovers beäugten Öffentlichkeitsmenschen massenmedial bloßzustellen, nutzt dieser auf dreierlei Weise geschickt aus, indem er sich reinwaschen, eine millionenschwere Verleumdungsklage lancieren und ganz nebenbei sein Buch pushen kann. Das naive Blondchen vom Fernsehen wird dabei zwangsläufig mit ruinierter Karriere untergehen und der nach wie vor un „Sandmann“ fürs Erste in Ruhe weitermorden können, während der gescheite Henry Kupfer, der sich am Ende auf eine ganz andere, doch sehr viel charmantere Weise als bösartig entpuppt, denn man es gemeinsam mit der bedauernswerten Ina Littman zunächst annehmen musste, es sich unter der italienischen Sonne bequem machen darf. So gut war das wahre Leben zu den Legionen von Talkgästen der neunziger Jahre garantiert nie.

8/10

VAMPIRE’S KISS

„I never misfiled anything!“

Vampire’s Kiss ~ USA 1988
Directed By: Robert Bierman

Peter Loew (Nicolas Cage) ist ein Protagonisten-Musterexempel der Ära Yuppie. Sein wohldotierter Job in einem New Yorker Verlagshaus verlangt von ihm bestenfalls oberflächliche Berufsqualitäten, die vor allem darin bestehen, seine Sekretärin Alva (Maria Conchita Alonso) zu drangsalieren. Nach Feierabend tingelt er durch die Szeneclubs und lässt seinen öligen Charme bei attraktiven one night stands spielen. Seine latente Einsamkeit offenbart er dann im Zuge wenig tiefschürfender Sitzungen seiner Analytikerin Dr. Glaser (Elizabeth Ashley). Nachdem sich eines Abends eine Fledermaus in sein Appartment verirrt, beginnt sich Peters angeschlagene Psyche noch weiter zu vernebeln. Rachel (Jennifer Beals), eine neue Damenbekanntschaft, entpuppt sich (möglicherweise nur in Peters Wahrnehmung) als Vampirin, die ihn in den Folgenächten genüsslich „melkt“. Peter meint derweil, immer mehr untrügliche Anzeichen dafür auszumachen, dass auch er sich nach und nach in ein Nachtwesen verwandelt, worunter wiederum besonders die arme Alva zu leiden hat…

Ich liebe unerwartet schöne Überraschungen beim Film.
Durch die Jahre dachte ich immer (überregional betrachtet eine letztlich wohl den allermeisten sogenannten Cine-Connaisseurs gemeine, arrogante und narzisstische Illusion) ich wäre wie mit so vielem auch wohlfeil mit Nicolas Cages Œuvre vertraut. Wer jedoch wie ich bis vor Kurzem „Vampire’s Kiss“ nicht gesehen hat, kann sich derlei Imagination ganz gepflegt schenken. So fand ich mich stets in der höchst irrigen Annahme, da gäbe es diese laue, romantisch angehauchte und geflissentlich zu ignorierende Vampirkomödie, die qualitativ, diegetisch und hermeneutisch irgendwo zwischen „Love At First Bite“ und „Vampire In Brooklyn“ anzusiedeln sei. Weit gefehlt. Robert Biermans von Joseph Minion („After Hours“) gescripteter Manhattan-Trip zählt in sämtlichen ihn betreffenden Belangen zum Besten seines Jahrzehnts. Da entpuppt sich Cages völlig entfesselte Interpretation der Hauptfigur, die einen in derselben Sekunde lachen, den Kopf schütteln und staunen lässt, nurmehr gar als Sahnehäubchen auf einem durchweg exquisit angerichteten Zeittableau. Viel Platz für Interpretation lassen Bierman/Minion dem überbügelten Betrachter nicht: Von Vampiren berichtet „Vampire’s Kiss“ mitnichten, er erzählt vielmehr auf zutiefst satirische Weise mit spitzer Feder vom tiefen Fall eines gelackten Yuppie, der in Anbetracht der Seelenlosigkeit seiner beruflichen wie privaten Existenz in Kombination mit ungezügeltem Alkohol- (und Drogen-?) Konsum unter die Räder gerät und auf ein letzten Endes durchaus irdisch bedingtes Ableben zusteuert. Als eine Art moderner Renfield, dessen Wahn im Wahn sich jedoch eher an Max Schreck alias Graf Orlok orientiert denn an dem devoten Insektenvertilger, geriert er, endgültig psychotisch geworden, zu all dem, was seine Persönlichkeitsstruktur ihm im Grunde längst vorzeichnet: einem misogynen, nutzlosen Hanswurst, der seine Unfähigkeit zu lieben und geliebt zu werden in einem bizarren Gewaltakt entlädt und dessen mutmaßliche Metamorphose sich dann gegen ihn selbst richtet. Vieles kommt einem da in den Sinn, die irrlichternden Hedonismuswelten von Bret Easton Ellis (der seinen thematisch und wesenhaft eng mit „Vampire’s Kiss“ verwandten „American Psycho“ erstaunlicherweise erst drei Jahre nach dessen Premiere veröffentlichen sollte) oder all die filmischen Porträts von vor urbaner Kulisse verrückt Werdenden. „Vampire’s Kiss“ lässt sich behende mit all diesen popkulturellen Spielarten verknüpfen und setzt ihnen ein echtes Juwel hinzu, das einen jeden, der es aus seinem unverdienten Schattendasein an die Oberfläche hievt, reichhaltig belohnt.

10/10           

GISAENGCHUNG

Zitat entfällt.

Gisaengchung (Parasite) ~ KR 2019
Directed By: Joon-ho Bong

Die vierköpfige Familie Kim wurschtelt sich wie selbstverständlich mit kleinen Neppereien durch ihren Alltag und fährt damit trotz stinkwanzenverseuchter Kellerwohnung immer noch geflissentlich besser als manche ihrer zurückhaltenderen Sozialgenossen. Als Sohn Ki-woo (Woo-sik Choi) von einem Freund zugleich einen Glücksstein und eine Stelle als Nachhilfelehrer für Englisch im Hause der superreichen Familie Park zugeschanzt bekommt, wendet sich das Blatt allmählich. Nach und nach schleusen sich auch Ki-woos Vater Ki-taek (Kang-ho Song) als Chauffeur, Schwester Ki-jung (So-dam Park) als Kunsttherapeutin und Mutter Chung-sook (Hye-jin Jang) als Hausverwalterin bei den neurotischen Parks ein, indem sie ihre VorgängerInnen zuvor jeweils durch hochstaplerische, gemeine Intrigen ausbooten, ohne die Parks allerdings wissen zu lassen, dass sie zueinander in familiären Verhältnissen stehen. Wie die Maden im Speck machen sich die Kims im luxuriösen Vorstadthaus der Parks breit, bis ihnen die vormalige Haushälterin Moon-gwang (Jeong-eun Lee) einen unvorhersehbaren Strich durch die Rechnung macht: Ohne dass die Parks davon wussten, hat Moon-gwang über Jahre hinweg ihren Ehemann Geun-se (Myeong-hoon Park) in einem bunkerartigen Kellerrraum versteckt gehalten und auf Kosten der Parks versorgt. Als eines Abends in deren Abwesenheit sämtliche Karten auf den Tisch gelegt werden, kommt es zum handgreiflichen Konflikt zwischen den beiden parasitären Parteien, der damit endet, dass die Kims Moon-gwang und Geun-se in den Buker zurückdrängen können, wobei Moon-gwang jedoch eine tödliche Kopfverletzung erleidet. Eine am Folgetag anberaumte Geburtstags-Überraschungsparty für Da-song (Hyeon-jun Jung), den Sohn der Parks, endet in einer Katastrophe.

Wer meine nunmehr fünfzehn Jahre während Filmtagebuch- bzw. Blog-Tätigkeit ein wenig verfolgt, weiß, dass Filme aus dem ostasiatischen Raum relativ selten den Weg in mein Rezeptionsterrain finden. Dies liegt nicht an der Qualität der entsprechenden Werke, sondern an einer rein persönlichen Schwäche, der leidlichen Unfähigkeit meinerseits nämlich, mich in die Lebensweisen der dort ansässigen Kulturen und Künste hinreichend hineinversetzen zu können, um den dortigen Filmschaffenden den gebührenden Respekt zollen zu können. Ein zugegebenermaßen dummer Stolperstein, über den ich mich zumindest in unregelmäßig großen Abständen dann doch immer mal hinwegwage. Man möchte sich ja nicht nachsagen lassen, bei mangelnder interkultureller Empathie auch noch Ignorant zu sein. Nun kann „Gisaengchung“, die siebte Regiearbeit des immens anerkannten koreanischen Filmemachers Joon-ho Bong, sich noch des bislang einmaligen Renommees erfreuen, die erste nicht-anglophone Produktion zu sein, die die Academy mit einem Oscar für den besten Film des Jahres prämiert hat. Nicht, dass dieser Preis irgendetwas über den tatsächlichen Wert seines Trägerwerks aussagt, aber sein kommerzieller und filmhistorischer impact sind zumindest befristet und in oberflächlicher Art und Weise erstmal durchaus beachtlich, das kann niemand leugnen. Ich muss da auch zu mir selbst ganz ehrlich sein – ob ich mir „Gisaengchung“ ohne dieses Aufsehen zeitnah angeschaut hätte, weiß ich nicht. Bongs „Gwoemul“ hat mir damals eher nicht gefallen, eine retrospektive Betrachtung ziehe ich nunmehr jedoch durchaus in Betracht, ebenso wie ich mir seinen „Salinui Chueok“ wohl bald einmal zu Gemüte führen werde. Wenn es nichts hilft, so wird es zumindest nichts schaden, soviel ist sicher.
Der erlesen photographierte „Gisaengchung“ beginnt als Sozialsatire, die das brutale Gefälle zwischen wachsendem Prekariat und den paar verschwindenden Prozenten globalen Superreichtums mittels galligen Humors und multipler Symbolik auslotet und schlägt damit zunächst in eine ähnliche Kerbe wie der brillante „Borgman“ von Alex van Warmerdam. Dessen Lektion, dass immenser Reichtum zugleich immer auch abgehobene Weltentfremdung, Arroganz und Neurosen gebiert, beinhaltet auch Bongs Film, ebenso wie die sozialistische Grundannahme, dass die wenigen Kuchenkrumen für die vom (westlich vorgeprägten) Kapitalismus Abgehängten zwangsläufig deren Unzufriedenheit und Aggressionen schüren. Nun sind die Kims weder politisch aktive Anarchisten noch auf entsprechende Lektionserteilungen aus – sie wollen zunächst lediglich freies W-Lan und sich mit gutem Whiskey betrinken und werden zu diesem Zwecke, zumal in moralischen Bahnen, sanft kriminell. Die Parks verlangen gewissermaßen sogar nach den frechen Übervorteilungen, die die Kims sich zunutze machen. Dass sie bei ihrem Manöver allerdings einen entscheidenden Faktor übersehen – den nämlich, dass sie nicht die Einzigen sind, die sich am bornierten Euter der Oberklasse satttrinken wollen, führt schließlich geradewegs zu Mord und Totschlag. Die metahumane Gerechtigkeit macht am Ende vor niemandem Halt, das kündigt ein sintflutartiges Unwetter an, das die Kims nach ihrer Konfrontation mit der Parasitenkonkurrenz vorübergehend obdachlos werden lässt. Der nächste, sonnendurchflutete Tag, eigentlich als Kindergeburtstagsevent geplant, endet dann in einem blutigen, rachebeseelten Kleinkrieg der armen und des reichen Patriarchen mit mehreren Todesopfern. Gewinner gibt es keine. Die Villa der Parks geht in den Besitz einer reichen abendländischen (deutschen) Familie über, die über deren Vergangenheit nichts weiß. Der nach wie vor unbefriedigende status quo hat sich nicht geändert, lediglich leicht verschoben. Die Revolution hat kurz aufgeschnarcht und sich auf die Seite gedreht, schläft jedoch behaglich weiter. Nur: wie lange noch?

8/10

LA FOLIE DES GRANDEURS

Zitat entfällt.

La Folie Des Grandeurs (Die dummen Streiche der Reichen) ~ F/I/E/BRD 1971
Directed By: Gérard Oury

Spanien zur Zeit Karls II. (Alberto de Mendoza): Der überaus gierige und opportunistische Finanzminister Don Salluste (Louis De Funès) lebt bei Hofe in Saus und Braus. Nur sein wesentlich gerechtigkeitssensiblerer Diener Blasius (Yves Montand) sorgt allenthalben dafür, dass Sallustes Steuereintreibereien nicht allzu sehr über die Strenge schlagen. Hab, Gut und Titel gehen Salluste dennoch über alles, weswegen ihn eine ihn seines Amtes enthebende Intrige, derzufolge er ein uneheliches Kind gezeugt haben soll, umso mehr schmerzt. Doch im Ränkeschmieden ist auch Salluste ein Meister und so sprießen rasch Ideen, wie er sich zurück in des Königs Gunst schmeicheln könnte. Während Blasius als Don Cesar, angeblicher Neffe Sallustes, dessen Amt annimmt und anstelle der Armen lieber die Reichen schröpft, sieht Sallustes Plan sieht vor, die Infantin Dona Maria (Karin Schubert) in ein heimliches Tête-à-Tête zu verwickeln und sich selbst dann als großen Enthüller des Ganzen darzustellen…

Vergleichsweise selten setzte man Louis De Funès, der zur Entstehungszeit von „La Folie Des Grandeurs“ bereits seinen bis heute populären Rollentypus des hyperaktiven,  selbstherrlichen, aber gewitzten Cholerikers in die Perfektion überführt hatte, vor historischer Kulisse ein. Insofern bildet Ourys im 17. Jahrhundert in Spanien spielende Satire, zudem als internationale Coproduktion, durchaus eine Ausnahme im De Funèsschen Œuvre. Doch können weder die reichhaltig zelebrierte Kostümierung und Ausstattung noch einige Abenteuerelemente verhindern, dass der Akteur einmal mehr gänzlich in seinem Charakter aufgeht, ja, dass dieser ihm sogar wie gewohnt auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Als Don Salluste, eine Art „spanischer Sheriff von Nottingham“, ist De Funès ganz in seinem Element: Außer dem wohligen Geräusch klimpernder Golddukaten reizt ihn lediglich die Vermehrung seines persönlichen Luxus, freilich in Verbindung mit entsprechenden Maßnahmen, zu deren Durchsetzung Salluste keine Moral zu unantastbar und kein Mittel zu schäbig sind. Als er dann eines Tages selbst zum Opfer einer höfischen Intrige wird, ist damit gewissermaßen sein wahres Können als umtriebiger Strippenzieher gefragt – doch letzten Endes führen ihn, wie andere Granden aus dem Dunstkreise Karls II. ebenfalls, am Ende doch bloß in eine marokkanische Strafkolonie. Der größte Widerling, jener von Gottes Gnaden quasi, ist und bleibt schließlich doch wieder das Staatsoberhaupt.
Hinter dem oftmals lauten, nicht selten über Gebühr strapazierten Slapstickhumor, der unter anderem Ingredienzien wie eine notgeile Kammerzofe (Alice Sapritch), einen vertrottelten Bloodhound, oder einen sprechenden Papagei bemüht und der natürlich auch den grimassierenden Protagonisten häufig in Fettnäpfchen treten lässt, verbirgt sich, man ahnt es bald, ein klassisches Literaturstück: Victor Hugos „Ruy Blas“ von 1838, ursprünglich keineswegs als Komödie, sondern als romantisches Drama angelegt, lieferte die inhaltlichen Grundzüge für eine im Grunde zutiefst bittere Satire, deren trüber, existenzialistischer Konsequenz man infolge der zuweilen grellen Oberfläche man nicht zwingend gewahr wird. Ourys Inszenierung nimmt sich, aus welchen Gründen auch immer, deutlich weniger elegant aus als von dem Regisseur aus vormaligen Arbeiten wie „La Grande Vadrouille“ oder „Le Cerveau“ gewohnt. Vielmehr müht sich „La Folie Des Grandeurs“ beinahe vergebens, einen ungehinderten Fluss zu entwickeln. Seltsam wirkt auch Yves Montand in seinem eigentlich für den kurz vorm Dreh verstorbenen Bourvil avisierten Part als Blasius/Don Cesar: In einem raren komödiantischen Auftritt gibt Montand zwar sein Bestes, es fällt aber dennoch außerordentlich schwer, seinem bereits fünfzigjährigen, lebensgegerbten Antliz, das man üblicherweise mit existenzieller Verzweiflung und Melancholie assoziiert, die hier bedurften, eher juvenilen Facetten der Verliebtheit und basalen Charaktergüte abzuringen.
Witzig, selbst für gelegenheitsmäßige De-Funès-Chronologen sehenswert und von diesbezüglichen Connaisseurs sogar hoch geschätzt ist „La Folie Des Grandeurs“ nun gewiss; ich selbst jedoch vermochte mich nie ganz des latenten Eindrucks entledigen, dass hier eine bzw. die eigentlich notwendige Homogenität für das wahre Finish nicht erreicht wurde.

6/10

VICE

„It has been my honor to be your servant. You chose me. And I did what you asked.“

Vice ~ USA 2018
Directed By: Adam McKay

Nicht zuletzt durch die sukzessive Ausweitung der staatlichen Exekutivgewalt auf einen nahezu unbegrenzten Machtradius schafft es der beim gemeinen Volk eher unbeliebte republikanische Emporkömmling Dick Cheney (Christian Bale), als Vize-Präsident von George W. Bush (Sam Rockwell) die staatlichen Geschicke aus dem Hintergrund nachhaltiger zu lenken als der Präsident selbst. Für Cheney als CEO des Halliburton-Konzerns ist der Irak ein Dorn im Auge, also nutzt er die Terroranschläge vom 11. September medienwirksam gezielt, um Stimmung gegen Saddam Hussein zu machen und den folgenden Einmarsch der US-Truppen am Golf zu rechtfertigen. Auf lange Sicht popularisiert Cheney mit dieser Aktion den Terroristen Abu al-Zarqawi und verantwortet in diesem Zusammenhang unter anderem das Erstarken des IS im Nahen Osten sowie später Guantanamo und die Plame-Affäre mit, sorgt für Steuerleichterungen bei den Multis und Superreichen, schasst seinen ehemaligen Mentor Donald Rumsfeld (Steve Carrell) und setzt Außenminister Colin Powell (Tyler Perry) unter Druck. Dem Tod springt der herzkranke Cheney selbst diverse Male von der Schippe, unter anderem durch die Implantierung eines Spenderherzens.

„The Big Short“ markierte bereits einen markanten Richtungswechsel im Œuvre Adam McKays, der sich damit inszenatorisch von den bereits als „klassisch“ zu bezeichnenden Spaßkomödien mit Will Ferrell divergierte und seither stattdessen als Chronist der vielen fauelen Eier, die die Globalmacht USA seit der Jahrtausendwende gelegt hat, zu etablieren scheint. Auch in Anbetracht von „Vice“ ist zu hoffen, dass McKay diesen Weg ebenso leidenschaftlich weiterverfolgt, wie er ihn bislang so vielversprechend eingeschlagen hat. Durch die nicht selten an die Montage in Scorseses „Goodfellas“ oder „Casino“ erinnernde, geschickte Spielfilmdramaturgie, die dem Rezipienten mit der Rasanz und Kinetik eines Actionfilms teils unerhörte Fakten in Stakkato um Augen und Ohren knallt, arbeiten McKays jüngere Filme oberflächlich dröges Finanzwelt- und Politikgeplänkel für jedermann gut les- und nachvollziehbar auf und machen sich so zu historisch vortrefflich eingebundenen und zugleich höchst spannenden Zeit- und Gesellschaftsportraits, deren aggressiver Gestus mit dem eines Michael Moore zu vergleichen ist, nur eben ohne dessen direkten dokumentarischen Anspruch.
Dabei ist sich der in Sachen Humor natürlich immens beflissene McKay stets darüber im Klaren, dass vom auteur hinzugesetzte Ironie und Sarkasmus, und mögen sie noch so bitter sein, jedwede harte Faktenlage sanft abzuschwächen angetan ist und ihr zugleich ein klares Meinungsbild verabreicht. McKays Dick Cheney behält man nach dem Filmgenuss als liebenden Familienvater in Erinnerung, aber auch als diabolischen Machtmenschen und Manipulator, der mit das Schlimmste personifiziert, für das die USA im globalen Gefüge stehen. Christian Bale und der übrige Tross stehen unter feister Maskerade in der Tradition der vielen großen Schauspieler, die irgendwann einmal US-Politiker zu spielen hatten und führt diesen genealogischen Strang sogar auf ein noch höheres Niveau als gewohnt. Als Cheney unterschiedlicher Gewichts- und Altersstufen mit perfektionistisch adaptierter Physiognomie und entsprechendem Gestus ist er dem Original teilweise zum Verwechseln ähnlich und präsentiert eine neue Stufe darstellerischer Mimikry. Sagenhaft.
„Vice“ ist somit jedem nahezulegen, der kritisches US-Politkino und filmische Konterfeis der diversen Oval-Office-Insassen und ihrer Trösse zu schätzen weiß.

8/10

SEVERANCE

„Are you still tripping?“

Severance ~ UK/D/HU 2006
Directed By: Christopher Smith

Eine siebenköpfige Gruppe der englischen Rüstungsfirma „Palisade Defence“ befindet sich auf dem Weg zu einer Teambildungsmaßnahme im ruralen Osteuropa. Statt in der als „luxuriös ausgestattet“ angekündigten Jagdhütte landet das Septett jedoch, nachdem der unwirsche Busfahrer (Sándor Boros) es mitten im Wald aussetzt, in einem abbruchreifen Gebäude unbekannter Provenienz. Bald wird auch dem letzten der Angestellten klar, dass sie nicht allein in der Gegend sind; vielmehr scheinen ein paar durchgedrehte, vetsteckt in der Gegend hausende Bürgerkriegsverbrecher größtes Interesse daran zu haben, dass ihr Überleben weiterhin geheim bleibt und knöpfen sich daher die überrumpelten Damen und Herren vor.

Christopher Smiths angenehm satirisch aufgezogene Splattergroteske tanzt gleich auf mehreren thematischen Hochzeiten und dies glücklicherweise weitgehend behende. Dabei muss man allerdings anmerken, dass das erste Drittel des Films, in dem die Firmenmitarbeiter mit all ihren bewusst einschlägige Klischees echoenden Charakteristika vorgestellt werden, zugleich den gelungensten Part des Films darstellt: Abteilungsleiter Richard (Tim McInnerny) hätte gern ein wesentliches autoritäreres Auftreten, wird von den Übrigen jedoch insgeheim bloß belächelt. Seine Nemesis ist der smarte Harris (Toby Stephens), ein kerniger Zyniker, der Richard allzeit spüren lässt, für was für ein Weichei er ihn hält. Auf die hübsche, anorexische Maggie (Laura Harris) sind sämtliche Männer der Gruppe scharf, obschon keiner von ihnen bei ihr landet. Die andere Dame der lustigen Equipe, die alternativ angehauchte, tierliebende Jill (Claudie Blakeley), könnte gar nichts Falscheres machen als für einen Waffenproduzenten zu arbeiten. Der etwas nervöse Gordon (Andy Nyman) ist Richards einziger echter Untergebener und tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste, derweil der rauschaffine Steve (Danny Dyer) sich zuallererst einmal folgenreich an einer Portion halluzinogener Pilze delektiert. Billy (Babou Ceesay), der Quotenfarbige, ist zugleich der Sympathischste und Vernünftigste im Team, der als Einziger den Überblick wahrt. Hinreichend Kanonenfutter also für die zahlreich vertretenen, blutrünstigen Veteranen, die sich über alles und jeden freuen, an denen sie ihre Kriegstraumata abreagieren können. Unnötig zu erwähnen, dass lediglich zwei der TeilnehmerInnen am Ende halbwegs ungeschoren davon kommen, zusammen mit zwei einheimischen Callgirls (Julianna Drajkó, Judit Viktor), die noch eher zufällig ins Geschehen gemischt werden.
Dass man sich besser nicht unbedarft hinter den nunmehr unsichtbaren, aber doch noch kopfpräsenten Eisernen Vorhang begeben sollte, weiß zumindest der Freund deftigerer Genrediät nicht erst seit Eli Roths „Hostel“-Filmen, „Ils“ oder dem später entstandenen „The Seasoning House“. Seien es machtvolle Verbrechersyndikate, pervertierte Oligarchen oder einfach nur desaströse humane Relikte der krisengeschüttelten, letzten Jahrzehnte: Mit der im Schatten florierenden Blutrunst der (Süd-)Ost(block)europäer ist, jene Erkenntnis lässt sich aus obigen medialsozialen Erfahrungen destillieren, garantiert nicht gut Kirschenessen. Auch „Severance“ greift dieses bärbeißig-lustige Westklischee abermals auf und spielt es mit einem genüsslichen Augenzwinkern aus.
Als weniger treffend empfand ich die auf die Waffenindustrie anspielende Satiredimension – dass ausgerechnet die Repräsentanten eines moralisch ohnehin letztklassigen Rüstungsunternehmens zu Opfern der eigenen Produkte werden, erscheint dann doch als eine etwas allzu offensichtlich gezogene Äquivalenz. Ebenso wäre zu bemäkeln, dass der erfrischend komische Tonus vom Beginn von „Severance“ zum Ende hin zugunsten hinlänglich bekannter Slasher- und Manhunt-Strukturen bis auf wenige Blitzlichter nahezu völlig mit Füßen getreten wird. Hier wäre gewiss mehr drin gewesen. Dennoch ein alles in allem überaus spaßiges Unterfangen.

7/10

¡THREE AMIGOS!

„Do you have anything here besides Mexican food?“

¡Three Amigos! (Drei Amigos!) ~ USA 1986
Directed By: John Landis

Im Jahre 1916 stattet der gemeine Bandit El Guapo (Alfonso Arau) dem kleinen mexikanischen Dorf Santo Poco regelmäßige Besuche ab, um die dort lebenden Bauern zu terrorisieren und zu berauben. Die Farmerstochter Carmen sucht daher nach ein paar Revolverhelden, die El Guapo vertreiben sollen. In der Kirche sieht sie einen Stummfilm mit den „Drei Amigos“ (Chevy Chase, Steve Martin, Martin Short) und schickt ihnen ein Telegramm nach Hollywood. Da die drei just von ihrem Studioboss Harry Flugleman (Joe Mantegna) gefeuert wurden, kommt ihnen der Auftrag, den sie irrtümlicherweise für ein reines Entertainment-Engagement halten, gerade recht. In Mexiko angekommen, bemerkt man jedoch bald, dass die hiesige Luft mit echtem Blei gesäumt ist und will sich zunächst klammheimlich aus dem Staub machen. Doch nach kurzen Bedenken wird den Amigos klar: Ihre heroische Integrität darf kein Leinwandmythos bleiben.

Das war noch John Landis at his best. Für seinen Metafilm, der im Gewand einer Klamaukgeschichte von der Geschichte des Kinos selbst erzählt und von der Vermischung von Realitätsebenen, scheute sich der Regisseur keineswegs, neben überdeutlich verkitschten Sequenzen auch echte Genredramaturgie zu befleißigen. „¡Three Amigos!“ arbeitet auf multiplen Ebenen für die Rezipientenschaft und mit ihr, erfordert gewissermaßen mediale Kompetenzen und landissches Humorverständnis zugleich. Der Westernfreund lauscht begeistert den Klängen Elmer Bernstein, seines Zeichens bereits Komponist der unsterblichen Melodien aus „The Magnificent Seven“ (das Hauptinspirationsreservoir für die „Amigos“), für den Anhänger gepflegter Neo-Satire gibt es ein paar Songs von Randy Newman, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat (seine einzige Arbeit auf diesem Sektor). Kombiniert mit der Improvisationskunst dreier SNL-Genies kann dabei nur eine Komödie von edelstem Blute herauskommen. Und Landis als Regisseur schließlich verstand es, ein lupenreines Metaartefakt über die Traumfabrik zu liefern, das sich zur selben Zeit nicht scheut, die zuweilen schmierenkomödiantischen Wurzeln seiner Gattung hemmungslos offenzulegen. Die Musicalszene in der Pseudowüste, in der die Amigos – in einem mickrigen Studio hockend – „Blue Shadows“ (aus Newmans Feder) zum Besten geben, umringt von Pappkakteen, diversen Prärietieren und einer beispiellosen Sonnenuntergangskulisse, gehört in Landis‘ persönlichen Regieolymp, bringt sie doch „¡Three Amigos!“ wahrscheinlich am Stringesten auf den Punkt. Meisterwerk, punktum!

10/10

SUNTAN

Zitat entfällt.

Suntan (Nacktbaden – Manche bräunen, andere brennen) ~ GR/D 2016
Directed By: Argyris Papadimitropolous

Kostis (Makis Papadimitriou), der neue Allgemeinarzt der kleinen griechischen Urlaubsinsel Antiparos, hat Probleme. Er steht zwischenmenschlich völlig isoliert da, ist mit seinem etwas klobigen und unbehenden Auftreten so ziemlich das Gegenteil des mediterranen Salonlöwen und sehnt sich insgeheim nach Nähe und Zuwendung. Eine Tages lernt Kostis die nur halb so alte Anna (Elli Tringou) und ihre Clique, die ihren Sommer auf Antiparos verbringen, kennen. Von der Unbefangenheit der jungen Leute, die tagsüber ihre schönen Körper nackt am Strand präsentieren und nächtens Alkohol, Drogen und Disco durchexerzieren, ist Kostis bald gefangen, zumal von Anna, für die er bald eine regelrechte Besessenheit entwickelt. Er spendiert den Tweenies Drinks und hält sie aus, bis Anna ihm mit einem eindeutig pflichtbewusst durchgeführten Sexualakt den symbolischen Abschiedskuss zuwirft. Doch für Kostis, der über sein neues Lotterleben hinaus langsam vergisst, wer und was er eigentlich ist, ist die ganze Sache sehr viel ernster…

It’s just a dirty black summer: Der mit zunehmender Spielzeit zunehmend unbequeme „Suntan“ kommt mir im Nachhinein vor wie ein Konglomerat verschiedenster literarischer Einflüsse von Carroll über Ende, von Kafka und Nabokov bis hin zu Houellebecq. Kostis, obschon bereits 42 Jahre und damit gewissermaßen physiologisch „überreif“, bewegt sich auf der emotionalen Ebene eines Pubertierenden, der zwei bis drei sexualpsychologische Entwicklungsstufen übersprungen hat. Obschon kein Versager im Rahmen seiner beruflichen Profession, fehlen ihm doch entscheidende Verhaltenskarten, um ein altersgemäßes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit dem Sommer, mit dem heißen Klima und den Touristen, speziell mit der hübschen, sexuell aktiven Anna, die Kostis‘ brüchige Persönlichkeitsstruktur zwar erkennt, aber, ihrem eigenen Alter entsprechend, völlig falsch interpretiert, wird der vermeintlich gesetzte Herr zum Spielball. Und warum nicht? Der unbedarfte Kostis ist in mancherlei Hinsicht mehr Kind als sie, und lustig in seiner dicklichen Tapsigkeit ist er außerdem. Er finanziert der ganzen Clique die Disco-Abende, übersieht dabei, dass sein Stoffwechsel keine 20 mehr ist und beginnt körperlich und seelisch zu verlottern. Dabei entwickelt Kostis jedoch eine gefährliche Obsession für Anna, die ihn nebst ihren Freunden irgendwann, nachdem sie den schlimmsten Fehler begangen und mit dem ihr sexuell natürlich überhaupt nicht gewachsenen Kostis geschlafen hat, wie ein ausgereiztes Spielzeug einfach entsorgen möchte. Kostis, dessen Verhalten nicht unbeobachtet bleibt und der nach einigen derben beruflichen Fehltritten auf Antiparos zur sozialen persona non grata wird, steht immer mehr mit dem Rücken zur Wand und lässt sich das nicht gefallen. Wie die Geschichte von Kostis und Anna letzten Endes ausgeht, bleibt offen, aber dass sie kein gutes Ende nehmen kann, enthält uns Papadimitropolous nicht vor.
Seine bewusst und inflationär mit den häufig besonders perfiden, dramaturgischen Mitteln der Fremdscham hantierende, zumindest in hypothetischer Hinsicht durchaus allgemeinwertgültige Tragödie des Mannes in mittleren Jahren, der sich verzweifelt dagegen wehrt, sich seinem Alter zu stellen und dabei sein Gesicht verliert, funktioniert auch ohne Darstellungen allzu grober Derbheiten als gemächlich schockierendes Porträt einer abgehängten Generation im psychischen Niemandsland.  Ein Film, der zielgenau dahin langt, wo’s richtig weh tut.

8/10

AMERICAN MADE

„I’m the gringo who always delivers.“

American Made (Barry Seal: Only In America) ~ USA/J 2017
Directed By: Doug Liman

Der etwas einfältige TWA-Pilot Barry Seal (Tom Cruise) wird in den frühen Achtzigern eines Tages überraschend von einem CIA-Agenten namens Monty Schafer (Domhnall Gleeson) rekrutiert. Seal soll heimlich illegale Erkundungsflüge über Nicaragua durchführen und dabei Fotos von Sandinisten-Camps schießen. Vor Ort kommt er bald in Kontakt mit dem Medellín-Kartell und lässt sich von diesem als Kokainschmuggler anheuern. Die CIA bekommt bald Wind von Seals Doppeltätigkeit. Anstatt ihn jedoch fallenzulassen, verschafft ihm die Behörde einen abgelegenen Flughafen in Arkansas, den Seal ganz bequem als Umschlags-Hauptquartier für Escobars Kokain nutzen kann. Im Gegenzug für seine Schmuggelaktivitäten muss Seal Contra-Guerilleros aus Nicaragua zur militärischen Ausbildung in die Staaten und danach wieder zurückbringen. Es dauert nicht lange, bis Seal und seine Familie im Geld schwimmen. Als das Weiße Haus vorschnell von Seal gemachte Photos veröffentlicht, die eine klare Verbindung zwischen Medellín-Kartell und den Contras offenlegen, steht der einstige Schmuggelkönig auf der Abschussliste von Escobar. Trotz zunächst erfolgreicher Fluchtmaßnahmen wird Seal bald aufgespürt…

„American Made“ lohnt sich vor allem im Doppelpack mit dem zuvor aufgefrischten „Blow“ von Ted Demme; die beiden Filme weisen nicht nur eine starke thematische Konnexion zueinander auf, sondern sind auch strukturell recht eng miteinander verwandt. Wie George Jung war auch Barry Seal nicht nur Familienvater, sondern auch einer der national erfolgreichsten Kokain-Importeure der frühen achtziger Jahre; wie Jung scheffelte Seal Millionen und Abermillionen, die er teils in Panama deponierte, teils bar zu Hause hortete und nach seiner Dingfestmachung verlor. Beide Filme funktionieren nach dem etablierten „Rise-&-Fall“-Prinzip; typische Handlungsraffungen und Überblendungssequenzen werden, auch das längst Standard, mit exquisit kompilierten, zeitgenössischen Musikstücken unterlegt und es bereitet natürlich insgeheim diebische Freude, den beiden Antihelden jeweils beim Scheffeln, Anhäufen und Ausgeben ihrer Koksmillionen zuzuschauen. Allerdings gibt es ebenso klare Unterschiede, die vor allem in der direkten Verwebung Seals in die illegalen Interventionsaktivitäten der Reagan-Administration liegen. Während Jung sich quasi völlig autark und aus eigenem Antrieb zum Koksbaron hochgearbeitet hatte, waren Seals Anstrengungen in diesem Metier nicht nur eine indirekte Folge seiner vom Geheimdienst eingeforderten Aufklärungsflüge, sondern wurden zudem noch geduldet und stellenweise sogar forciert. Dass Seal schließlich ein eher typisches zeitnahes, gewaltsames Ende erwartete, zeigt indes, wieviel Glück im Unglück sein „Kollege“ Jung eigentlich hatte.
Wie man es von Liman gewohnt ist, bereitet er seine stark satirisch gefärbte Geschichte ferner hübsch temporeich, angemessen poppig und mit hoher Schnittfrequenz auf. Seine zweite Kollaboration mit Scientology-Sunnyboy Cruise verzichtet demzufolge auf die „Blow“ inhärente Tragik des kriminellen Irrläufers wider Willen – Barry Seal hat keine Zeit zur Reue, er betrachtet sich selbst vielmehr als unkonventionellen Dienstleister in einer moralisch ohnehin übersättigten Welt. Da gibt es dann doch noch die nötige Trennschärfe, die Limans Werk ihren für einen wirklich durchweg sehenswerten Film notwendigen, unikalen Status sichert – zumindest, sofern man bereit ist, über die historisch nicht immer akkurate Legendenbildung, derer sich „American Made“ befleißigt, großzügig hinwegzusehen.

7/10

ANIMALYMPICS

„I am in training, always. In my life there is no time for women.“

Animalympics (Dschungel-Olympiade) ~ USA 1980
Directed By: Steven Lisberger

Die Tiere der Erde treffen sich erstmals zum friedlichen Sportwettkampf aller Arten und Kontinente. Ermöglicht wird das gigantische Spektakel vom Fernsehsender „ZOO“. Während die meisten verbissen um den Sieg kämpfen, findet Ski-Star Kurt Wuffner sein ganz persönliches „Dogri-La“ im Gebirge und bahnt sich zwischen den Marathon-Spitzenläufern Kitty Mambo und René Fromage allmählich eine unerwartete Liebelei an…

Ursprünglich als zweiteiliges Special des Senders NBC in Auftrag gegeben, erblickte infolge des von Jimmy Carter ausgerufenen US-Boykott der olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau (die Sowjets hatten kurz zuvor ihre Afghanistan-Invasion gestartet) zunächst nur das Wintersport-Segment die Bildschirme. Regisseur Lisberger und Produzent Donald Kushner bereiteten das Gesamtwerk daraufhin für einen internationalen Kinoeinsatz vor, mitsamt 35mm-Aufblähung und Dolby-Surround-Magnetton. Während das daraus resultierende Werk „Animalympics“ dann in den USA dennoch lediglich eine TV-Premiere via HBO erlebte, waren ihm in Europa recht ordentlich dotierte Kinoeinsätze beschieden.
Besonders in Verbindung mit der damals vorherrschenden, politischen Globalsituation besitzt „Animalympics“ bis heute einen gewaltigen Charme als gleichermaßen liebenswertes wie urkomisches und intelligentes Plädoyer für friedliche Co-Existenz. Die vermenschlichten Tiere wachsen durchweg über ihre „naturgegebenen“ Eigenschaften und Stärken hinaus, wobei viele von ihnen, zumeist natürlich die sympathisch gezeichneten, besondere Nehmer- und Gewinnerqualitäten an den Tag legen. Neben einigen klassischen Stücken von Mussorgsky, Berlioz und Brahms gibt es zehn von 10cc-Sänger und -Bassist Grahan Gouldman geschriebene und interpretierte Originalsongs, die, teils in voller Länge ausgespielt, jeweils mit videoclip-artigen Sequenzen unterlegt sind, deren Gestaltung mitunter stark psychedelische Züge annimmt. Jene Momente bilden die größte Stärke von „Animalympics“. In ihnen findet der Film ganz zu sich selbst in einer berührenden und sinnesaffizierenden, teilweise brillant arrangierten Mischung aus Bildern und Musik, die zweifelsohne auch eine Hommage an die klassische Disney-Phase darstellen und entsprechende Szenen aus „Dumbo“ oder „Fantasia“ Eherbietung erweisen. Vor allem die Stücke „Love’s Not For Me“, das den zermürbenden Ehrgeiz von Spitzensportlern karikiert, „Away From It All“ mit seiner Capra-Reverenz und das den Turmsprung des Schwimmasses Dean Wilson zu einem irrsinnigen visuellen Acid-Trip überhöhende „Underwater Fantasy“ sind unvergesslich.
Nun ist „Animalympics“ nicht durchweg perfekt. Die Begrenzung seiner Mittel kommt in der nicht immer detaillierten Gestaltung der Hintergründe oder der starr bis oberflächlich gezeichneten Zuschauermassen zum Ausdruck. Über die deutsche Vertonung, die (in Berlin) einerseits sehr kindgerecht arrangiert, dafür aber auch mit unnötigen Zusatzgeräuschen „angereichert“ wurde, lässt sich gewiss streiten. Insgesamt überwiegen jedoch deutlich die animatorischen Glanzstücke und vor allem die alles überlagernde Botschaft, die zum Schluss hin nochmal überdeutlich ausformuliert wird: Love conquers all. Wenn Ziegenbock René Fromage und Löwendame Kitty Mambo händchenhaltend Richtung gemeinsamem Happy End nebst romantischem Sonnenuntergang entjoggen, dann sollte die Lektion für die ganze Welt wahrlich hinreichend prägnant präsentiert sein.

8/10