AIRPLANE!

„They bought their tickets, they knew what they were getting into. I say, let ‚em crash.“

Airplane! (Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug) ~ USA 1980
Directed By: David Zucker/Jim Abrahams/Jerry Zucker

Der kriegstraumatisierte Ex-Kampfpilot Ted Striker (Robert Hays) will unbedingt seine alte Flamme, die Stewardess Elaine Dickinson (Julie Hagerty), zurück. Leider hat diese Ted schon mehrfach unverständlich klar gemacht, dass sie nichts mehr von ihm wissen will – erfolglos. Doch Ted gibt nicht auf und nimmt daher einen Flug von Los Angeles nach Chicago, auf dem Elaine im Einsatz ist. Es soll sich als glückliche Fügung erweisen, denn nicht nur, dass O’Hare in dichtem Nebel liegt, ist binnen kürzester Zeit auch noch die gesamte Pilotenschaft an einer akuten Fischvergiftung erkrankt. Nun liegt alle Hoffnung auf dem schwitzenden Striker…

„Airplane!“ war nach dem von John Landis inszenierten „Kentucky Fried Movie“ das nächste von dem Anarcho-Humor-Ensemble Zucker/Abrahams/Zucker (kurz: ZAZ) initiierte Projekt, diesmal sogar unter der Studio-Ägide der Paramount, was unter anderem eine ordentliche Besetzung gewährleistete. Die wiederum von dezidiert jüdischem Witz geprägte Chaoskomik, die sich vor allem auf die Parodierung ohnehin alberner Trivialkultur-Klischees, gegenwärtig gängiger Narrations- und Genre-Schemata und atemlos vorgetragener, verbaler Albernheiten gründete. Dabei ließ sich ein überdeutliches Schielen auf den Kollegen und diesbezüglichen Humorpionier Mel Brooks, der bereits entsprechende Vorarbeit mit jeweils einer Western-, Horror- und Hitchcock-Parodie geleistet hatte. Allerdings zogen ZAZ im Vergleich zu Brooks das Tempo nochmals mächtig an und waren sich auch für noch so abgeschmackte und vulgäre Gags nicht zu schade, deren Grad an PUC zumindest noch 1980 deutlich über das hinausging, was man sich heute guten Gewissens leisten dürfte. Zudem bildete ihr abgewandeltes Konzept das Vorbild für eine bis heute nicht abreißen wollende Welle von Nachfolgern und Kopisten, die faktisch bereits seit den frühen Neunzigern jedoch, wenn überhaupt, nurmehr schale Schatten des einstmaligen Genius des Trios vorweisen können.
Natürlich plündert „Airplane!“ in allererster Linie die Mottenkiste des bereits deutlich angestaubten, besonders aus dem Dunstkreis von Irwin Allen stammenden Katastrophenfilms, der in den Siebzigern das Hauptantidot der ebenso verwirrten wie verzweifelten Studios gegen die New-Hollywood-Bewegung bildete und immerhin für mancherlei befreiend eskapistische Kinomomente sorgte. In ihnen war stets eine beachtliche Riege gealterter und häufig insgeheim abgemeldeter Altstars zu bewundern, die ihre erfahrenen und faltengemeißelten Gesichter in spektakulärem Kontext nochmal in die Kameras halten und sich davor die Klinke zur dramaturgischen Jenseitspforte in die Hand reichen durften. „Airplane!“ griff auch diesen Strukturteil auf und besorgte die graumelierten Häupter von Peter Graves, Lloyd Bridges, Robert Stack und Leslie Nielsen, die sich mit viel Liebe zum Detail dem ultimativen Blödsinn anheim stellen. Für Letzteren, der als zufällig an Bord anwesender Dr. Rumack eine Glanzvorstellung präsentiert, bedeutete sein Einsatz bekanntermaßen die Initiation eines zweiten Star-Frühlings als Filmkomiker mit sehr individueller Note, die sich besonders aus der himmelschreienden Divergenz seines äußeren Auftretens als wohlsituierter, selbstbewusster und stets gepflegter Herr Ende 50 mit einer zumeist von ausgestellter Vollidiotie geprägten Charakterzeichnung speiste.
Ganz gezielt wählten ZAZ hier zur Bildgestaltung eine abgenudelt wirkende TV-Optik nebst entsprechender Beleuchtung, Schnitte und Perspektiven, was dem Film den Look einer x-beliebigen Episode aus einer zeitgenössischen Serie verleiht und sein bereits umfangreiches Assoziationsangebot dadurch nochmals steigert.
Obschon ich feststellen muss, dass der Zahn der Zeit doch ein wenig an „Airplane!“ genagt hat – im Gegensatz zu den freilich überwiegend gelungenen wirken manche Witze heuer wirklich nur noch doof und flach und der eine oder andere running gag bei aller Liebe dann doch allzu überreizt (vielleicht ist diesem Empfinden die Tatsache auch nicht eben zuträglich, dass wir das Teil vor rund 25 Jahren im Freundeskreis via Dauerschleife geschaut haben) – zählt der Film noch immer zu den größten Lachschlagern, die ich kenne und ist somit ein immerwährender Garant für hemmungslose Heiterkeit.

8/10

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THE PURGE: ELECTION YEAR

„Good night, blue cheese!“

The Purge: Election Year ~ USA/F 2016
Directed By: James DeMonaco

Es ist Wahljahr und die NFFA fürchtet vor Ort in Washington D.C. um ihre mittlerweile langjährige Vormachtsstellung. Senatorin Charlie Roan (Elizabeth Mitchell), auch aus höchst privaten Gründen eine entschiedene Gegnerin der alljährlich stattfindenden Purge-Nächte, will selbige im Falle einer Präsidentschaft umgehenden abschaffen. Die NFFA ist derweil nicht müde und hebt zur diesjährigen Purge kurzfristig die bis dato fest verankerte Immunität für Regierungsmitglieder und Politiker auf, um Roan ganz legal abservieren zu können. Ihr treuer Leibwächter, der Ex-Cop Leo Gordon (Frank Grillo), hat natürlich etwas dagegen, ebenso wie der im Untergrund arbeitende Anti-Purge-Vorkämpfer Dante Bishop (Edwin Hodge). Mit Unterstützung des Ladenbesitzers Joe (Mykelti Williamson) und seiner Ziehtochter Laney (Betty Gabriel) zieht man gegen die Schergen der NFFA ins Feld…

Der vierte „Purge“-Film ist bereits angekündigt, dabei hätte die vormalige Trilogie mit „Election Year“ doch einen halbwegs würdigen Abschluss finden können. Aber warum die Kuh schlachten, solang sie Milch gibt? Immerhin hält James DeMonaco, der den Nachfolger wohl nicht mehr selbst inszenieren wird, seine Schäfchen ordentlich zusammen und schließt Zirkel, wie es sich für einen kontinuitätsbewussten Märchenonkel gehört. Edwin Hodge, im ersten Film noch der flüchtige, namenlose Obdachlose, heißt jetzt Dante Bishop und hat sich zu einer führenden Figur der Widerstandsbewegung aufgeschwungen. Frank Grillo, bereits im unmittelbaren Vorgänger der wehrhafte Oberheld mit später Einsicht zum Thema Selbstjustiz, ist jetzt Secret-Service-Agent und darf als solcher wieder ungetrübt holzen, dass die Luzie kracht. das Konzept von Teil 2, mehrere Protagonisten durch „Zufallsbegegnungen“ zusammenzuführen, verfolgt DeMonaco hier weiter und abermals macht es sich dramaturgisch durchaus bezahlt. Auch in Bezug darauf, dass das etwas schale Konzept maßloser Wutschürung beim Publikum mit zur basalen Funktionalität des Gesamtkonstrukts gehört, ändert sich nichts. Jedenfalls genießt man es als Zuschauer unweigerlich, wie zwei durchgedrehte, völlig aus dem Ruder gelaufene Gören (Brittany Mirabile, Juani Feliz) in Schulmädchenuniformen und greller Maskerade rigoros von einem Kleinbus plattgefahren werden. Unser in punkto Suggestion bewusstermaßen nicht unbegabter auteur lässt aber auch überhaupt keinen Zweifel daran, dass ihnen dies absolut zu Recht widerfährt. Ich nehme an, wenn die NFFA wirklich mal die US-Wahlen gewinnt und das Purgen eingeführt wird, ist James DeMonaco der Erste, der sich heimlich eine bizarre Verkleidung überstreift und Schulmädchen jagt. Einfach, weil sie es nicht besser verdienen, diese frechen, kleinen Mistkäfer.

5/10

THE PURGE: ANARCHY

„Motherfuck the Purge!“

The Purge: Anarchy ~ USA/F 2014
Directed By: James DeMonaco

Es ist wieder Purge-Nacht in Amerika. Im Großraum Los Angeles bilden ein paar in den Strudel der mörderischen Ereignisse geratene Individuen eine kleine Zweckgemeinschaft: Die Kellnerin Eva (Carmen Ejogo) und ihre Tochter Cali (Zoë Soul), das Pärchen Shane (Zach Gilford) und Liz (Kiele Sanchez) und der Polizist Leo (Frank Grillo) raufen sich zusammen und fliehen vor ihren Häschern durch die Nacht. Nach diversen brenzligen Situationen, in die unter anderem der blutrünstige Big Daddy (Jack Conley) verwickelt ist, geraten sie in die Hände von Kopfjägern, die sie an eine Menschenauktionatorin (Judith McConnell) weiterverschachern. In einem eigens angelegten Indoor-Minipark muss das Quintett daraufhin vor reichen Sadisten fliehen, die auf Mord aus sind. Nachdem Leo mit unerwarteter Unterstützung des Rebellen Carmelo (Michael Kenneth Williams) und seiner Leute seine kombattanten Qualitäten ausgestellt hat, können die Überlebenden fliehen und Leo sich endlich seiner privaten Agenda widmen. Er hat noch eine ganz persönliche Rechnung offen mit dem Mann (Brandon Keener), der einst betrunken seinen kleinen Jungen überfahren hat und straffrei ausgegangen ist…

„Purgen“, das ist in der deutschen Synchronfassung als Neoanglizismus ein vielfach gebrauchtes Verb, in bemühter Angleichung an die Originalversion. Dass es etwas albern klingt, ergibt sich bereits aus dem geschriebenen Terminus, passt insofern aber zu DeMonacos Weiterspinnung seiner kleinen, verlogenen Moritat um die Entsetzlichkeit jener blutrünstigen Perversion namens „Purge“, die ein zukünftiges Albtraum-Amerika heimsucht. Nun bezieht die gesamte Reihe ihr hauptsächliches Spannungspotenzial daraus, dass man, nachdem diesbezüglich jeweils hinreichend Hass und Abscheu evoziert wurden, genüsslich der Exterminierung von Sadisten, Geisteskranken und anderem, üblen Gesindel, dass selbst mit Vorliebe purgt, beiwohnt, kommt einer saftigen Ad-Absurdum-Führung gleich – wer purgt, muss durchs Purgen sterben. Das ist nach DeMonacos simpler Logik nur recht und billig und prägt als hübsch perfides Paradoxon das Gesicht der recht hastig produzierten Serie. So verlogen die Moral des Ganzen, so abermals gelungen sein Tempo und die trotz des nächtlichen Settings gut ausgeleuchtete Balleraction. Zur Sache geht es hier im großen Stil und zumindest die Ausweitung auf das urbane, flächige Los Angeles und einen größeres Personen- und somit Motivations-Arsenal bekommt der gesamten Anordnung recht gut. Einen wirklich gelungenen Film sollte man jedoch auch diesmal nicht erwarten. Ist mehr was zum Durchlüften.

6/10

THE PURGE

„We’re gonna fight.“

The Purge ~ USA/F 2013
Directed By: James DeMonaco

Nachdem Amerika die neue Partei NFFA (New Founding Fathers of America) zur Regierungsadministration ernannt hat, ändern sich die Dinge im land of the free geflissentlich. So gibt es nun einmal im Jahr, am 21. März, die landesweite „Purge-Nacht“, während der zwölf Stunden lang jedwede Straftat einschließlich Mord und Totschlag erlaubt sind. Sämtliche Behörden und Dienstleister, einschließlich Polizei und Ärzten, sind derweil off duty. Was nun vorgeblich die Funktion hat, die Verbrechensraten zu senken und dem Bürger alle 12 Monate die Gelegenheit zu geben, die Sau und somit Aggressionsstau und Frust rauszulassen, dient in Wahrheit primär ökonomischen Interessen: Bei der Purge werden vor allem sozial schwach gestellte und wehrlose Menschen wie Obdachlose zu Opfern, was wiederum die staatlichen Sozialausgaben senkt, derweil die Waffenverkäufe sprießen wie ein Frühlingsbeet. Auch Familienvater James Sandin (Ethan Hawke) verdankt der Purge sein hübsches Auskommen – er verkauft Haussicherungssysteme und hat unter anderem die ganze, exklusive Nachbarschaft mit seinen Apparaturen versorgt. Als die diesjährige Purge-Nacht im Gange ist, lässt Sandins liberal gestrickter Sohnemann Charlie (Max Burkholder) einen um sein Leben laufenden, farbigen Obdachlosen (Edwin Hodge) ins Haus. Daraufhin versammeln sich dessen maskierte Verfolger – offenbar allesamt Kids aus reichen Elternhäusern – im Vorgarten der Sandins, verlangen die Herausgabe des Mannes und drohen mit der Erstürmung des Hauses. Und das ist noch nichteinmal das einzige Problem, dass die Sandins in dieser Nacht erwartet…

Nun habe ich mich dann auch einmal – gähn – durch James DeMonacos „Purge“-Trilogie gepflügt, die Kiste ist ja zum Glück relativ schnell abgefrühstückt. Zunächst einmal springt einem die ungeheure Einfalt dieser aus der Blumhouse-Factory stammenden, kleinen Reihe ins Auge – unter allen (Film-) Dystopien, die es im Laufe der letzten einhundert Jahre so gegeben hat, dürfte dies jedenfalls eine der mit Abstand dümmsten und undurchdachtesten sein. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, Warum-Fragen zu stellen oder nach Logiklöchern zu fahnden. Das überlasse ich lieber anderen. Dennoch trüben genau diese kleinen Juckstellen den ruhigen Fluss von „The Purge“ ganz immens und sollen insofern zumindest in ihrer evidenten Masse nicht unerwähnt bleiben.
Im Prinzip haben wir hier nichts Anderes als ein zigmal durchgespieltes Belagerungs- und Home-Invasion-Spiel, wie es spätestens seit „Rio Bravo“ ein Genre-Standard ist. Der große böse Wolf sitzt vorm Haus und pustet, derweil Familie Sandin und ihr flüchtiger „Hausgast“ in der Falle hocken. Das immerhin akkurat ausgearbeitete Actionszenario macht natürlich ganz bewusst jedwede Sozialsatire und/oder Gesellschaftskritik redundant, und das ganz bewusst. Immer wieder, wenn das Script sich Zeit für entsprechende Diskurse und Verhandlungen herausschlägt, wird es albern und schädlich. Es macht also durchaus Sinn, sich einzig und allein auf die Spannungsmomente und die sich gegen Ende hin endlich zuspitzenden, deftig inszenierten Konflikte und Duelle zu konzentrieren, im Zuge derer DeMonaco dann doch noch gewisse Stärken herausstellen kann. Nur das ganze Drumherum um eine scheindemokratische, reaktionäre Regierungsclique will einfach nicht recht reinlaufen. Dass sich damit der gesamte Film die Hälfte seines Wassers abgräbt, ist schade, aber nicht zu ändern.

6/10

GRAVE

Zitat entfällt.

Grave (Raw) ~ F/BE/I 2016
Directed By: Julia Ducournau

Die behütete Justine (Garance Marillier), zeitlebens Vegetarierin, tritt in die Fußstapfen ihres Vaters (Laurent Lucas) und beginnt, wie ihre große Schwester Alexia (Ella Rumpf) zuvor, Veterinärmedizin zu studieren. Immerhin ist Alexias Anwesenheit vor Ort insofern hilfreich, als dass die albernen bis abartigen Initiationsriten der höheren Semester Justine nicht ganz unvorbereitet treffen. Überhaupt gestalten sich die ersten Tage an der Uni nicht eben einfach für die noch sehr mädchenhafte Justine. Einer der Professoren gibt ihr zu verstehen, dass er „Streberinnen wie sie“ verabscheue; Alkohol, Drogen und hemmungslose Promiskuität unter den KommilitonInnen sind ihr in solch farbenfroher Praxis unbekannt, ihren selbstbewussten, schwulen Mitbewohner Adrien (Rabah Nait Oufella) indes findet sie zunehmend anziehend. Als sie im Zuge einer der Radikalaktionen für die Neuankömmlinge gezwungen wird, rohe Kaninchennieren zu essen, reagiert ihr Körper zunächst höchst allergisch. Damit nicht genug, entwickelt Justine plötzlich ein inniges, suchtähnliches Verlangen nach rohem Fleisch und warmem Blut. Für Alexia sind derlei ungewöhnliche Triebe zu Justines Überraschung nichts Neues…

Dass „Grave“ einer der besten jüngeren Horrorfilme ist, lässt sich schon seit Längerem mehrerorts nachprüfen. Nach der Betrachtung kann ich diese Einschätzung nur nachdrücklich bekräftigen. Nicht nur, dass Julia Ducournaus intelligentes Kinodebüt von seiner dezidiert femininen Perspektivierung profitiert, verleiht es dem zuletzt ja wieder etwas revitalisierten Kannibalen-Topos im Genre neue Impulse und gibt berechtigte Hoffnung zu der Annahme, dass die belgofrankische Hardcore-Welle nach doch noch nicht ganz abgeebbt ist. Vor allem entpuppt sich „Grave“ sehr schnell als luzide Satire auf den Habitus der Generation der um zwanzigjährigen Studierenden „von heute“: Auf bekümmernde Weise entpolitisiert, hedonistisch bis ins Mark, instinktiv enthemmt bis zur Schmerzgrenze, führt uns Ducournau eine scheinliberale peer group junger Erwachsener vor, die Anarchie mit „Jackass“-Humor verwechselt und gesellschaftliche Rebellion mit unkontollierter Intoxinierung, dabei jedoch ganz im Gegensatz zu ihren phrasenhaften Dogmen bloß für eine gezielt uminterpretierte Form von Uniformiertheit und Gleichförmigmachung steht. Selbst Adriens stets wichtig-apostrophiert gelebte Homosexualität scheint vielmehr ein Ausdruck antibourgeoiser Revolte zu sein als eine echte Herzensangelegenheit. Sowohl von der gängigen Schönheitsnorm abweichende Mitmenschen als auch Verweigerer der gezielten Deprivation der Jungstudierenden landen ganz am unteren Ende der Hierarchie und sind somit gezwungen, ein langfristig freudloses Außenseiterdasein zu führen. Ein leicht übergewichtiges Mädchen (Danel Utegenova) gibt Justine auf der Damentoilette Tipps zum effektiveren Übergeben; die Justine wegen ihres Ausschlags behandelnde Ärztin (Marion Vernoux) erzählt ihr von dem schlimmen Los einer stark adipösen Kommilitonin. Da sind berüchtigte Kommissstrukturen nicht mehr weit – und dass innerhalb der selbsternannten intellektuellen Elite von morgen.
Es geht in dem nebenbei exzellent inszenierten „Grave“ also weniger um das zunächst Offensichtliche, – anthropophagische Gelüste also, – denn vielmehr um die alte, allgegenwärtige teenage angst, sich der Aufstellung normativer Maßregeln stellen zu müssen. Dass das Ganze einen dann doch noch geflissentlich mit der Phantastik liebäugelnden Abschluss erhält, der zudem nach einer potenziellen Fortsetzung schielt, sei Ducornau als kleines Zugeständnis an die Gattungsstrukturen nachgesehen.

9/10

ELLE

Zitat entfällt.

Elle ~ F/BE/D 2016
Directed By: Paul Verhoeven

Michèle Leblanc (Isabelle Huppert) ist um die 50, Managerin bei einem kleinen Computerspieleentwickler in Paris und scheint, abgesehen von einigen privaten Makeln, weitgehend zufrieden zu sein mit ihrem Leben. Als sie eines Tages in ihrer Wohnung von einem maskierten Mann überfallen und vergewaltigt wird, legt sie das Ereignis fast beiläufig ad acta. Zwar unternimmt sie ein paar prophylaktische Maßnahmen für den eventuellen Wiederholungsfall, belässt es ansonsten jedoch bei einem Bericht des Einbruchs gegenüber ihren engsten Freunden. Michèle möchte vor allem mediale Aufmerksamkeit vermeiden, die ihr bereits dadurch droht, dass ihr Vater, der vor Jahren einen religiös motivierten Massenmord begangen hat, aktuell ein neues Gnadengesuch einreicht. Auch sonst befasst sich Michèle unweigerlich mehr mit den kleinen Unannehmlichkeiten, die sie umgeben: Ihr Ex-Mann (Charles Berling) nimmt sich eine wesentlich jüngere Freundin (Virginie Efira), der gemeinsame Sohn (Jonas Bloquet) bekommt sein Leben nicht auf die Kette und schlittert stattdessen geradewegs in eine unmögliche Beziehung, was in ähnlicher Form auch für Michèles Mutter (Judith Magre) gilt. Der Einbrecher lässt Michèle derweil nicht in Ruhe; stattdessen entdeckt sie seine Identität, fühlt sich dadurch angeregt und betreibt fortan ein einvernehmliches Spiel mit ihm.

Wenn ich so nachschaue, für welche Preise Verhoevens jüngster Film im Rennen war und welche davon er abgeräumen konnte, denke ich etwas wehmütig an die Zeiten zurück, als er als europäisches enfant terrible in Hollywood wütete, dort mit den Konventionen spielte, sie auf den Kopf stellte und von Preisverleihern jedweder Couleur allerhöchstens mit der Kneifzange angefasst worden wäre. Diese Ära scheint mit „Elle“ nun endgültig und unwiderruflich beendet zu sein; Verhoevens dritter Film nach seiner Rückkehr in die alte Welt („Steekspel“ habe ich noch immer nicht gesehen) zeigt einen gesetzten, erwachsenen – böse Zungen würden sagen: domestizierten – Filmemacher, der stark auf die 80 zugeht und sich den einstmals betont exponierten Umgang mit Schamhaaren und Innereien nunmehr altersgemäß verkneift. Stattdessen liefert er eine, seinem nach wie vor makellosem Können entsprechend virtuos inszenierte, verschmitzte Dijan-Adaption, die als Porträt einer im besten Sinne „modernen“, selbstbewussten Frau in der Mitte ihres Lebens porträtiert. Michèle Leblanc, von einer Isabelle Huppert gespielt, die (ohne, dass man es ihr ansähe) tatsächlich rund 15 Jahre älter ist als ihre Figur, wird so ziemlich mit allem konfrontiert, was eine böse midlife crisis so begünstigen könnte: Vergangenheit und Gegenwart prügeln gleichermaßen stakkatoartig auf sie ein; ausnahmslos jeder Mensch aus ihrem beruflichen und privaten Umfeld trägt mittelschwere bis gewaltige Persönlichkeits-/und/oder Beziehungsprobleme vor sich her, vom nerdigen Software-Entwickler aus ihrer Firma über die Familienmitglieder bis hin zu ihrem Nachbarn Patrick, der sich sexuelle Befriedigung nur dadurch verschaffen kann, dass er Frauen „mit Gewalt nimmt“. Da sich Michèle glücklicherweise auch von Patrick angezogen fühlt, steht einem entsprechenden „Arrangement“ nach dessen Enttarnung nichts mehr im Wege, von der objektiven Außenwahrnehmung desselben abgesehen, wie sich gegen Ende zeigen soll. Michèle steht inmitten all dieser inneren und äußeren Konfliktsituation so lässig wie ein Fels in der Brandung, sie lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen und kommentiert die Geburt ihres „Enkels“, eines im wahrsten Sinne offensichtlichen Kuckuckseis mit aller gebotenen, urfranzösischen Lakonie. Ebenjene Lakonie ist wohl überhaupt die größte Stärke dieses Alterswerks eines Regisseurs, der eine Menge an tollwüstem Zeug gefilmt hat und es ganz zu Recht nicht mehr für notwendig befindet, sich oder gar sein Publikum unnötigen Aufregungen auszusetzen. Immerhin – ein ausgesprochener Moralapostel wird Verhoeven in diesem Leben wohl nicht mehr.

8/10

SAVE THE TIGER

„The government has a word for survival. It’s called fraud.“

Save The Tiger (Rettet den Tiger) ~ USA 1973
Directed By: John G. Avildsen

Harry Stoner (Jack Lemmon), ein desillusionierter Mittvierziger, ist Manager einer kleinen Textilfirma in Los Angeles. Just während eines für sein Unternehmen immens wichtigen Präsentationswochendes wird er zum Opfer einer persönlichen Mittlebenskrise: Um die marode Firma zu retten, organisiert er, ganz zum Widerwillen seines gesetzten Seniorpartners Phil Greene (Jack Gilford), einen Versicherungsbetrug nebst Brandstiftung und versorgt einen soeben angereisten, unerlässlichen Abnehmer (Norman Burton) mit einer Prostituierten (Lara Parker), was dem gesetzten Herrn eine tödliche Herzattacke beschert. Eine gut besuchte Podiumsrede Harrys gerät schließlich zum Desaster, als ihn während des Sprechens Kriegserinnerungen übermannen. Harrys folgende, kurzfristige Flucht in die Arme jugendlicher Erotik beschert nicht die ersehnte Erlösung.

Diese kleine, intime Fallstudie um die allgemeine Krise des amerikanischen Bourgeois mittleren Alters, der, gefangen zwischen Kriegstraumata und den Anforderungen der Gegenwart, stets dem Zusammenbruch nahe steht, ist gewiss eine von Avildsens besten und ambitioniertesten Arbeiten. Jack Lemmon, der der Kinogeschichtsschreibung wohl vordringlich als mehrfacher leading man bei Wilder und Partner von Walter Matthau im Gedächtnis ist, war ja auch ein ganz exquisiter Darsteller dramatischer Rollen, was „Save The Tiger“ eindrucksvoll beweist. Dass sein Harry Stoner quasi ein „Mann der Probleme“ ist, kristallisiert sich schon zu Beginn heraus, als er seltsam verquast über Football sinniert und den Sport mit seiner eigenen Lebenssituation parallelisiert. Später erweist sich der Mannschaftssport als Harrys großes, inneres Sanktuarium; als Projektionsfläche seiner verlorenen Jugendträume. Mir gefällt der Gedanke, dass Harry Stoner ein paar Jahre nach seinem beruflichen und privaten Scheitern an der Ostküste als Immobilienmakler bei Premiere Properties angefangen hat, um dort als Shelley Levine in „Glengarry Glen Ross“ einem letzten großen Debakel entgegenzugehen. Beide Rollen haben wie auch beide Filme abseits ihrer zeitlichen Distanz eine Menge miteinander zu tun. Hier wie dort geht es um Druck, den albhaften Druck eines zunehmend aus den Fugen geratenden Kapitalismus, der zwangsläufig mit dem individuellen Überleben gleichzusetzen ist. Sowohl Harry Stoner als auch Shelley Levine sind jenem Druck beide nicht gewachsen, wenngleich aus geflissentlich unterschiedlichen Gründen, wobei der spezifische Background Harrys im Prinzip auch der von Shelley sein könnte. Um sich selbst zu retten, übertreten beide Grenzen; private und auch die des Legalen, jeweils um den hohen Preis der persönlichen Integrität. Am Ende bleibt ihnen jeweils nur die Konfrontation mit ihrem Scheitern, die Last der Träume.

8/10