ONDSKAN

Zitat entfällt.

Ondskan (Evil) ~ S/DK 2003
Directed By: Mikael Håfström

Stockholm in den späten Fünfzigern. Der intelligente Teenager Erik Ponti (Andreas Wilson) fällt immer wieder durch brutale Schlägereien und andere kriminelle Aktionen auf, allesamt wohl umwegige Reaktionen auf die körperlichen Misshandlungen durch seinen gewalttätigen Stiefvater (Johan Rabaeus). Als er schließlich polternd der Schule verwiesen wird, sieht Eriks Mutter (Marie Richardson) die letzte Chance für ihren Filius, einen Abschluss zu bekommen, in einem Internatsplatz. Nachdem sie diverses Mobiliar veräußert hat, meldet sie Erik an der Eliteschule Stjärnsberg an. Dort herrscht eine traditionsreiche Hackordnung, die darin besteht, dass die Primaner die jüngeren Schüler mittels allerlei selbstherrlicher Regeln herumkommandieren, drangsalieren und erniedrigen. Erik verweigert jedoch jedweden Gehorsam und macht sich so zum obersten Hassobjekt des Schülersprechers Silverhielm (Gustaf Skarsgård) und seines Adlatus Dahlen (Jesper Salén). Deren Unterdrückungsversuche, die bald dazu dienen sollen, ihn aus der Reserve zu locken und ihn somit fliegen zu lassen, prallen samt und sonders an Erik ab, insbesondere, nachdem dieser die Schulmeisterschaft im Schwimmen gewinnt. So entwickelt man diverse alternative Strategien, darunter die, Eriks sanften Zimmergenossen Pierre (Henrik Lundström) zu tyrannisieren…

Der bereits 1981 erstveröffentlichte, autobiographische Roman „Ondskan“ des schwedischen Journalisten und Erfolgsautors Jan Guillou zählt zu den meistgelesenen muttersprachlichen Büchern im Land und erhielt auch Einzug in den deutschen Schulliteraturkanon. Bis zur weitestgehend kongenialen Filmadaption dauerte es dennoch einige Jahre, wobei die Wartezeit sich als lohnend erwies: Mikael Håfströms „Ondskan“ präsentiert sich als vielschichtiges Coming-of-Age-Drama, dessen diskursive Essenz sich vor allem auf den Topos „Selbstbehauptung innerhalb eines restriktiv-repressiven Systems“ kapriziert. Erik Ponti, „der Neue“, oder „die Ratte“, wie er von den Primanern um den sadistischen Silverhielm bald höhnisch gerufen wird, steckt nämlich in einem schweren Identitätsdilemma. Als durchaus selbst gewaltaffiner, erfahrener Schläger, dem es ein leichtes wäre, auch den älteren Fatzkes von Stjärnsberg unvergessliche Lektionen zu erteilen, darf er um keinen Preis zurückschlagen, denn das würde ihn den kostspieligen Schulplatz sowie den Abschluss kosten und seiner Mutter das Herz brechen. Es bedarf also anderer Mittel und Wege, um sich durchzusetzen, ohne zum Ausgestoßenen zu werden. Eriks nun folgender Weg gestaltet sich entsprechend mühsam und entbehrungsreich. Die Strafexerzizien von Silverhielm und seinem Gefolge werden zunehmend exzessiv und perfid, analog zu Eriks gleichbleibend stoischer Renitenz ihnen gegenüber. Der Lehrkörper indes schaut, obschon es durchaus liberal und fair denkende Didaktiker darunter gibt, gezielt weg und vertraut ganz auf das pädagogische Prinzip der „Selbsterziehung“ unter den Eleven – schließlich „funktioniert“ selbiges schon seit Jahrzehnten.
Allerdings ergibt sich aus Eriks stetig weiter kultiviertem Heldenstatus (und damit auch Guillaus Selbstbeweihräucherung) zugleich ein latentes Problem innerhalb des Narrativs, verfolgt es trotz aller treffender Anklagepunkte in Richtung Faschismus, Filz und Dünkelhaftigkeit doch eine unverhohlen darwinistische Denkweise. Erik kann am Ende nämlich nur reüssieren, weil er genügend Stärke, Cleverness und vor allem Resistenz besitzt, um sich durchzusetzen. Ein intellektuell geprägtes Individuum wie sein Freund Pierre Tanguy, Befürworter von Gandhis weg des gewaltfreien Widerstands oder Strindbergs Arbeiten, scheitert an den Repressalien der Älteren. Zu weich, zu verkopft – kurzum: zu schwach ist er, um Ungerechtigkeit und Despotismus langfristig ertragen zu können. Erik derweil macht aus seinen offenkundigen Vorbildern Elvis, Brando, Dean schon äußerlich keinen Hehl und wird wie sie schlussendlich rebellisch und findig genug sein, um den Spieß umdrehen zu können.
Man mag das mehr oder weniger genießbar finden – „Ondskan“ ist infolge diverser untadeliger Qualitätsmerkmale von der Inszenierung bis hin zu den darstellerischen Leistungen insgesamt ein starker Film, der zumindest zeigt, wie wichtig es vor allem für Heranwachsende ist, eine stabile moralische Agenda zu entwickeln.

8/10

LET ME IN

„Can’t we just keep things the way they are?“

Let Me In ~ UK/USA ~ 2010
Directed By: Matt Reeves

Der zwölfjährige Owen (Kodi Smit-McPhee) hat alles andere als ein einfaches Leben. In einer freudlosen Mehrfamilienhaussiedlung in Los Alamos bei einer alleinerziehenden, dem Alkohol frönenden Mutter (Cara Buono) wohnend, muss der zarte Junge darüberhinaus in der Schule tagtäglich das quälende bullying des Schlägers Kenny (Dylan Minette) und seiner beiden Adlatusowie (Jimmy Jax Pinchak, Nicolai Dorian) ertragen. Als ein älterer Herr (Richard Jenkins) und die gleichaltrige Abby (Chloë Grace Moretz) neben ihm einziehen, hellt sich Owens spröder Alltag zumindest ein bisschen auf: Mit Abby, die viel Verständnis für ihn und seine Situation aufbringt, freundet er sich rasch an und beginnt auch zögerlich, hinter das Geheimnis des Mädchens zu kommen – dieses ist nämlich gar kein Mädchen, zumindest nicht im traditionellen Wortsinn…

Neuadaptionen und Remakes sind ja ebenso klassisches Kinotreibgut wie Sequels und Reboots. Ein klein wenig mehr Fragwürdigkeit mag sich in die Diskussion um das Für und Wider von ersteren einschleichen, wenn sie so zeitnah zum „Original“ entstehen wie „Let Me In“ nach Tomas Alfredsons „Låt Den Rätte Komma In“. Während der schwedische Regisseur, dem Recycling vorhandenen Materials nebenbei selbst keineswegs abgeneigt, wohl relativ erbost war über die Zweitverfilmung für den anglophonen Markt, zeigte sich dem Vernehmen nach zumindest John Ajvide Lindqvist, der Autor der Romanvorlage, zufrieden mit ihr.
Dem spricht grundsätzlich nichts zuwider, auch „Let Me In“ (die zweite namhafte Produktion des just wiedererweckten, englischen Traditionsstudios Hammer nach dem schönen „Wake Wood“), der auf Reeves‘ Found-Footage-Monsterepos „Cloverfield“ folgte, reüssiert als sehenswerter Gattungsbeitrag. Der Film greift die meisten Kerntropen, die auch „Låt Den Rätte Komma In“ auszeichnen, auf und schafft zudem eine kaum minder morbid-romantische Atmosphäre, die die beiden KinderdarstellerInnen vorzüglich auskleiden. Gewiss, die Zugeständnisse an die nunmehr wesentlich größere Rezipientenschaft sind unübersehbar; so gibt es hierin deutlich kinetischer inszenierte Sequenzen in Bezug auf die Attacken von Abby und vor allem die ihres namenlosen Renfield-Lakaien. Das Vampirmotiv scheint mir hinsichtlich seiner diversen filmischen und literarischen Wurzeln deutlich traditionsverbundener verhandelt, alles wirkt größer, teurer, mainstreamiger. Zudem reitet „Let Me In“, dafür sprechen die romantisierende Verwendung von Popkulturartefakten wie der Arcade oder der flotten Songkompilation, den mittlerweile ziemlich abgehalfterten Achtziger-Retro-Zossen in sehr viel nostalgieaffinerer Weise als „Låt Den Rätte Komma In“, in dem, zumal vor dem Hintergrund der unterkühlten Secret-Service-Songs, Zeit und Zeitkolorit noch eher wie schmucklose Gefängnisse ihrer TeilhaberInnen wirken. Den größtmöglichen Stolperstein entfernte man jedoch kurzerhand, in dem die Frage nach der Geschlechtsidentität des kindlichen Vampirs sich nicht länger akut stellen muss; obschon Abby mehrfach betont, dass sie „kein Mädchen“ sei, darf doch sicher davon ausgegangen werden, dass sie mal eines war (und kein kastrierter Junge, wie es der Roman eindeutig und die Erstverfilmung zumindest naheliegend formulieren). Die mehr und mehr florierende Romanze zwischen Owen und Abby gestaltet sich also, ganz im Sinne der rezeptorischen Massenkompatibilität, heteroclean und ohne „störende“ queere Implikationen. Abgesehen von diesen kleinen Reförmchen, die man als Verrat am Grundgerüst der Geschichte auslegen könnte oder auch nicht, gibt „Let Me In“ allerdings einen durchaus schönen Vampirfilm ab und ein Kleinod seines Subgenres. Bloß originell, das ist er leider weniger.

7/10

DRUK

Zitat entfällt.

Druk (Der Rausch) ~ DK/S/NL 2020
Directed By: Thomas Vinterberg

Vier Gymnasiallehrer und Freunde stehen an Wendepunkten ihrer jeweiligen Biographien. Ihnen allen gemein ist eine existenzielle Unzufriedenheit, die sich aus ganz unterschiedlichen, spezifischen Gründen niederschlägt und auch ihr Berufsengagement negativ beeinflusst. Martin (Mads Mikkelsen) etwa ist verheiratet und hat zwei Kinder im Teenageralter. Sein Familienleben ist von langweiliger Routine und Leidenschaftslosigkeit geprägt, was sich auch anhand des abweisenden Verhaltens seiner Frau Anika (Marie Bonnevie) manifestiert. Nikolaj (Magnus Millang), der Jüngste des Quartetts, zeigt sich derweil mit seinen drei quäkenden Kleinkindern überfordert, während Junggeselle Peter (Lars Ranthe) noch auf der Suche nach einer stabilen Beziehung ist. Sportlehrer Tommy (Thomas Bo Larsen), der Älteste, wirkt ebenfalls einsam und zudem ausgebrannt und leer. Bei einem Geburtstagsessen lenkt Nikolaj das Gespräch auf eine These des Psychiaters Finn Skårderud, der zufolge der Mensch ein permanentes Alkoholdefizit von 0,5 Promille aufweist, was seine soziale und psychische Funktionalität stark einschränke. Gemeinsam beschließen die vier Freunde, ein streng kontrolliertes und dokumentiertes Experiment zu wagen: Der Effekt eines Daueralkoholspiegels von besagtem Promillesatz und dessen Effekt auf Berufs- und Privatleben soll erforscht werden…

Thomas Vinterbergs jüngster, vom Unfalltode seiner neunzehnjährigen Tochter Ida überschatteter Film erhielt gewaltigen Kritikerzuspruch. Als sorgältig inszenierte und von großartigem Spiel getragene, berührende Tragikomödie in wohlfeil etablierter skandinavischer Tradition weiß „Druk“ tatsächlich weitgehend zu überzeugen – als fiktionalisierte Studie um das hochsensible Thema des Alkoholge- und -missbrauchs scheitert er allerdings, und zwar nachgerade kläglich. Die Plotprämisse nimmt sich rückblickend bereits als erstaunlich naiver Rohrkrepierer aus: Vier gestandenen, dem Bildungsbürgertum zuzurechnenden Männern mittleren und fortgeschrittenen Alters, einer davon Abstinenzler, dürften die Sucht- (und nicht nur solche) Gefahren infolge fortwährend praktizierten Alkoholkonsums durchaus bewusst sein, dennoch initiieren sie ein „Experiment“, das eher einem Initiationsritus für Burschenschaften gleicht. Die stilisierte Trunksucht bedeutsamer historischer Charaktere findet sich allenthalben erwähnt und umkränzt; Grant, der die Konföderierten besiegte, Hemingway, der große Literat, Churchill, der dem erklärten Gesundheitsmenschen Hitler die Stirn bot.
Als bilde Alkohol den Schlüssel zum Tor der sukzessiven Genialitätsentfesselung beginnen auch Nikolaj, Peter, Tommy und Martin, nunmehr unentwegt angeschickert, sich und ihre Qualitäten neu zu entdecken. Doch die Schattenseiten der freilich nur scheinbar kontrollierten Vergiftung von Körper und Seele gewinnen die erwartbare Übermacht. Der alles überflügelnde Pegel steigt und mit ihm der unwiderstehliche Hang zur egomanen Entgleisung und zum Exzess. Nikolaj und Martin grätscht der drohende – und schließlich vollkommene – Verlust der Familie zwischen die gummierten Beine, der Suff lässt Peter zum überaus fragwürdigen Lebensberater eines seiner Schüler avancieren und treibt den depressiven Tommy in den Selbstmord. Katastrophe statt Katharsis. Mit Wodka spielt man nicht, schon gar nicht mit russischem. Glücklicherweise rettet die analoge, rechtzeitige Erkenntnis den Rest der Freunde und versichert dem wahlweise erstaunten und/ oder möglicherweise auch erleichterten Publikum zum versöhnlichen Schlussvorhang: ab und zu einen zu trinken geht klar, aber den Kater am nächsten Tag muss man aushalten können.
„Druk“ behandelt diese Offenbarung und den beschwerlichen Weg dorthin mit dem sensationalistischenen Gestus der Entdeckung des Penicillins. Alkoholgenuss ist nicht für jede/n, die psychische Disposition ist entscheidend und nicht jede/r verträgt eben gleich viel. So kosmisch, wie Vinterberg und sein Koautor Tobias Lindholm uns ihre kleine Examinierung zu verkaufen trachten, ist all das mitnichten, es sei denn für ein handverlesenes, wohlsituiertes Programmkinopublikum, das sich hier und da mal ein Gläschen Riesling zur Forelle gönnt.
Über Alkohol, das Trinken, Sucht, Drogen und deren direkte (oder indirekte) Affizierung von Lebenswegen gibt es viele, wunderbare Filme. Ironischerweise zählt der sich zu deutsch so vielversprechend selbstbetitelnde „Der Rausch“ leider nicht dazu.

5/10

SEANCE

„That must be the ghost again.“

Seance ~ USA 2021
Directed By: Simon Barrett

Am exklusiven Edelvine-Internat für Mädchen treibt eine Clique unter der Führung von Oberbiest Alice (Inanna Sarkis) allerlei Schabernack. Eine Geisterbeschwörung mit inszenierter Pointe führt schließlich dazu, dass Kerrie (Megan Best), eine der Schülerinnen aus der Gruppe, aus ihrem Zimmerfenster in den Tod stürzt. Ihren nunmehr frei gewordenen Platz nimmt die resolute Camille (Suki Waterhouse) ein, die auf die Provokationen von Alice und ihrem Tross mit Gegenwehr reagiert und zumindest in der Schülersprecherin Helina (Ella-Rae Smith) eine aufrichtige Freundin erhält. Die Todesfälle reißen jedoch nicht ab; es verschwinden und sterben dabei ausschließlich Mädchen aus Alices Umfeld. Ist dafür gar der sagenumwobene Edelvine-Geist verantwortlich, der rachsüchtige Wiedergänger einer ehemaligen Schülerin (Alexis Erickson-Sliboda), oder doch ein höchst irdischer Verursacher?

Seine erste eigenen Regiearbeit, nachdem er einige Scripts für den mittlerweile in Hollywoods Blockbuster-Liga angekommenen Adam Wingard verfasst hatte, ist zugleich Hommage an und Reaktivierung des klassischen slasher movie, freilich nicht, ohne auf mancherlei, vielleicht ein wenig bemüht wirkende Wokeness-Ingredienzien zu verzichten. Setting und Sujet jedoch könnten, auf das Subgenre bezogen, traditionsverbundener kaum sein, was gleichfalls für die schlussendliche Entlarvung der Täter gilt, deren Motiv einmal mehr so albern wie üblich hanebüchen daherkommt. Der Titel „Seance“ stellt sich in diesem Zuge vielleicht als etwas hilflos gewählter Platzhalter heraus – es gibt zwar ein paar (Pseudo-)Beschwörungssequenzen und sogar ein übersinnliches Element in Form eines Geistes, das jedoch in recht unerwarteter und subtiler Form auftritt. Insgesamt und mit rückblickendem Abstand empfinde ich „Seance“ aber doch als ganz schönen und brauchbaren Film. Ein wenig erscheint er mir, zumal im Epilog, wie eine komplexitätsreduzierte Genrevariation von Emerald Fennells „Promising Young Woman“, freilich ohne dessen ganz große, sozialkritische Ambitionen zu verfolgen, geschweige denn, zu erreichen. Aber das vorliegende Sujet ist auch nur ein – wenn überhaupt – mittelbar feministisches.
Barrett beweist als Regisseur in jedem Falle Gespür für Ambiente und Atmosphäre. Das winterliche Internat in altehrwürdigen Mauern bildet einen trefflichen Schauplatz für sein murder mystery, das am Anfang recht harmlos zu Werke geht, im finalen, von selbstjustiziabler Rache motorisierten Duell dann aber noch gehörigst die Splatterkeule kreisen lässt. Und mir hat Suki Waterhouse als vergeltende leading lady außerordentlich gut gefallen.

7/10

EXPLORERS

„Shut up, Heinlein!“

Explorers ~ USA 1985
Directed By: Joe Dan
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In einem verschlafenen Kleinstädtchen in Maryland finden sich drei Außenseiterjungs zusammen, um eine interstellare Reise zu unternehmen: Der aus behütetem Hause stammende Ben Crandall (Ethan Hawke) liebt neben der Schulschönheit Lori Swenson (Amanda Peterson) ganz besonders die Invasionsfilme der fünfziger Jahre und träumt eines nachts von einem Trip ins All. Sein bester Kumpel Wolfgang Müller (River Phoenix), ein präpubertärer Einstein und Computernerd, ist bestens dafür geeignet, Bens Visionen in handfeste Materie zu überführen. Der etwas verlotterte Darren Woods (Jason Presson) schließlich hat das Herz am rechten Fleck. Gemeinsam baut das Trio mit Schrottplatzutensilien ein kleines Raumschiff, das mithilfe einer aus dem All stammenden Energiekugel tatsächlich fliegen kann. Was die Freunde schließlich jenseits der Erdatmosphäre erleben, gestaltet sich recht unerwartet…

Joe Dante hat ja eigentlich ausschließlich echte Herzensfilme gemacht. Nach „Gremlins“ auf dem Höhepunkt seiner kommerziellen Auswertbarkeit angelangt, wählte der pulpkulturbeflissene Meister für seinen nächsten, bei Paramount entstandenen Film ein prototypisches Mittachtziger-Sujet, das ebensogut aus der Spielberg-Factory hätte stammen mögen und dann auch in zeitnaher Konkurrenz (mit fünf Wochen Abstand, um genau zu sein) zu Richard Donners „The Goonies“ gestartet wurde. Wo Donners Film letztlich reüssieren konnte, weil er mit viel Humor und Action ein breitgefächertes Publikum anzusprechen vermochte, blieb „Explorers“ eher eine wohlbehütete Preziose, ein Film primär von, über, mit und für Geeks. Wie gewohnt propfen Dante und Scriptautor Eric Luke ihre Geschichte voll mit Reminiszenzen an die gute alte Zeit der Drive-In-Kinos, Pulpcomics und SciFi-Klassiker und kombinieren diese mit den heimlichen Phantasmagorien der ersten Gamergeneration und dem Überfluss des in den USA bereits inflationären TV-Angebots. Folglich spielen der Computer, dazu passend computerbasierte Effekte und eben die zu jener Zeit quantitativ bereits beträchtliche Fernsehhistorie eine wesentliche Rolle innerhalb der von Dante porträtierten, popkulturellen Schnittmenge.
Ein wenig verliert man über diesen beinahe totalitären Referenzialitätscharakter des Ganzen das Innenleben der Protagonisten aus dem Blick – Ben, Wolfgang und Darren treiben natürlich nicht nur spaßbasierte Abenteuerlust um, sondern mindestens genau so sehr all die anderen Dinge, die Kids in ihrem Alter so beschäftigen, von der ersten großen Liebe über unverständige bis unfähige Eltern und gedankliche Instabilitäten bis hin zur ewigen Wegscheide des Coming of Age. Entsprechende inhaltliche Eckpunkte hätten sich angeboten, bleiben jedoch zumeist in den Startlöchern hängen. Man muss allerdings gleichsam hinzufügen, dass Dante nicht seine definitive Schnittfassung fertigstellen konnte, da das Studio hinsichtlich eine beschleunigten Release im Sommer insistierte und diverse eigentlich gefilmte Szenen außen vor bleiben mussten. Diese Inkonsistenz merkt man „Explorers“ nachhaltig an. Dennoch bleibt die conclusio – orientierungssuchende Teenager von unterschiedlichen Planeten mit ziemlich analogen Nöten und Träumen haben ein Meeting im All, werden Freunde und zeigen, dass vermeintliche Differenzen oftmals nur aus einem oberflächlichen Moment irriger Ersteindrücke resultieren – schlussendlich so charmant wie universell: Eine wohltuende Vorstellung, dass auch Aliens nur Menschen sind.

8/10

SEEKING JUSTICE

„The hungry rabbit jumps.“

Seeking Justice (Pakt der Rache) ~ USA 2011
Directed By: Roger Donaldson

Will Gerard (Nicolas Cage) ist Englischlehrer an der Rampart High in New Orleans und glücklich verheiratet mit der schönen Musikerin Laura (January Jones). Den fortschreitenden Absturz der schönen Stadt in die Kriminalität registriert Will eher beiläufig – bis zu dem schicksalhaften Abend, als Laura vergewaltigt und schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Dort taucht bald auch ein mysteriöser Unbekannter (Guy Pearce) auf, der sich Will als „Simon“ vorstellt und ihm das Angebot unterbreitet, den Missetäter (Alex Van) seiner privaten Justiz auszuliefern und diesen somit ohne den ordentlichen Rechtsweg kurzerhand zu exekutieren. Im Gegenzug würde Will irgendwann um einen kleineren Gefallen gebeten. Der emotional aufgewühlte Ehemann willigt zaghaft ein und erhält tatsächlich bald die Nachricht vom Tode des Vergewaltigers. Es dauert nicht lang, bis sich Simon wieder meldet und Will mit der Observierung und schließlich der Ermordung des angeblichen Kinderpornographen Alan Marsh (Jason Davis) zu beauftragen. Der verzweifelte Will weigert sich zunächst, doch Simons Mittel und Wege, sich Menschen gefügig zu machen sind überaus perfid. Als Will Marsh zu konfrontieren versucht, stirbt dieser durch einen selbstverursachten Unfall. Will findet heraus, dass Marsh mitnichten ein Krimineller war, sondern ein investigativer Journalist, der Simons Vigilantenzirkel auf die Spur gekommen ist…

Um es gleich vorwegzunehmen: „Seeking Justice“ empfand ich als die schwächsten Arbeit innerhalb meiner kleinen Roger-Donaldson-Werkschau. Zwar konnte der Filmemacher sich nunmehr rühmen, dass auch Nicolas Cage sich der stattlichen Galerie seiner vielen leading men anschloss, dass dieser aber um 2011 herum bereits längst sein letztes Karrierehoch hinter sich gelassen hatte und vornehmlich in eher halbseidenen Filmen auftrat, passt zugleich zum brüchigen Gesamteindruck des Werks. Darin spielt Cage eine Figur von klassisch-hitchcock’schem Format, einen aufrechten Bürger, der infolge eines moralischen Fehltritts im angreifbarsten aller Momente unversehens in ein Wespennest gerät, das schließlich ihn und seine gesamte Existenz zu verzehren droht. Die Grundkonstellation ist dabei ein wenig an die von „Strangers On A Train“ angelehnt, verlagert sich dann jedoch rasch auf den Topos der völlig entfesselten, übergebührlich agierenden Bürgerwehr, deren Initiator Eugene Cook alias „Simon“ auf seinem Feldzug längst der eigenen Hybris erlegen und zum Faschisten avanciert ist. Dies wiederum hat zur Folge, dass nicht nur durch die Maschen der Gerichtsbarkeit geschlüpfte Gewaltverbrecher sterben müssen, sondern jede/r, der Cooks Organisation durch Aufdeckung oder Verrat gefährlich werden könnte.
Die Idee einer sich auf verhängnisvolle Weise verselbstständigenden Parajustiz ist natürlich nicht neu und zieht sich auch nicht erst durch das Genre, seit Harry Callahan in „Magnum Force“ bereits 38 Jahre vor „Seeking Justice“ einigen metaexekutiv zu Werke gehenden Polizeikollegen die Leviten zu lesen hatte. Nun ist Will Gerard kein reaktionärer Cop, sondern ein Poesie und Grammatik zugetaner Feingeist, der sich und seine Frau aus der zumindest teilverschuldeten Schlinge retten muss. Dass die Tentakel von Cooks Vigilantenzirkel bereits wesentlich weiter greifen als es zunächst den Anschein hat, legt sich das Script von „Seeking Justice“ selbst als clevere Enthüllung im Stil von „Fight Club“ aus, nur dass sämtliche Beteiligten bzw. Eingeweihten statt eines blauen Auges die Kenntnis der Geheimparole vorweisen können. Damit – und nicht nur damit – schneidet sich der formal mit der üblichen Sorgfalt gestaltete und nichtmal unspannende Film jedoch tief ins eigene Fleisch und demontiert sein Konzept zu großen Teilen selbst. Durch die nämlich bis in höchste gesellschaftliche Institutionen fortgeschrittene Partizipierung hoher gesellschaftlicher Institutionen – ein Police-Lieutenant (Xander Berkeley) gehört dazu, ein Chefredakteur (Mike Pniewski) und sogar Wills bester Freund und Schulrektor Jimmy (Harold Perrineau) – hat sich die so bitter befürchtete Sicherheit von Cooks Geheimorganisation längst selbst rissig gemacht und führt sich der gesamte Film somit ad absurdum. Die Folge davon ist, dass „Seeking Justice“ sich den eigenen Teppich unter den Füßen wegreißt; eine empfindliche Störung jedweder Logik und Kausalität, die sich, gerade unter Inbetrachtziehung eines Regisseurs, der sehr genau weiß, was er wie zu inszenieren hat, auch nicht durch einen etwaig gewähnten Status als „Pocornkino“, „guilty pleasure“ oder Befleißigung ähnlichen Behelfsvokabulars apologisieren lässt.
„Seeking Justice“ wird für mich somit primär als redundante Verschwendung von Talent im Gedächtnis bleiben.

5/10

RECKLESS

„I don’t want to calm down. I’m sick of calming down. I’m sick of everything being okay!“

Reckless (Jung und rücksichtslos) ~ USA 1984
Directed By: James Foley

Eine stinkende, grau in graue Schwerindustriestadt in Ohio: Zwei High-School-Teenager, der aus einer Arbeiterfamilie stammende Johnny Rourke (Aidan Quinn) und die Upper-Class-Schönheit Tracey Prescott (Daryl Hannah), verlieben sich heftig ineinander. Obwohl der allzeit omnipräsente Standesdünkel ihnen alle möglichen Steine in den Weg legt, gelingt ihnen nach allerlei Irrungen und Wirrungen doch noch die gemeinsame Flucht aus dem miefigen Kleinstadtmilieu.

Love conquers all: James Foleys Regiedebüt lädt dazu ein, die vielversprechend anmutenden ersten Schritte eines jungen Filmemachers zu beobachten, der, ähnlich wie seine Protagonisten, einst eine Menge romantischer Wut im Bauch trägt. Im (amerikanischen) Teenager-Film des Jahrzehnts nimmt „Reckless“ dann auch eine vergleichsweise (obschon nicht solitäre) gesonderte Position ein: Nicht nur, dass komödiantische Elemente darin keinerlei Rolle spielen, geht es zwar auch hier um eine bestimmte Form des Sieges; diese formuliert sich allerdings nicht wie üblich in Form karrieristischer Bestrebungen und Gewinne oder gar einer Eingliederung in Establishment-Strukturen. Wo üblicherweise Sportevents, Schulabschlüsse oder Prüfungen, die Manifestierung von Individualität innerhalb einer bourgeois-gleichgeschalteten Jugend oder die umwegsgesäumte Erkenntnis der wahren Liebe im Vordergrund standen, sieht sich „Reckless“ eher als rückwärtsgewandte Hommage an die Juvenile-Delinquent-Dramen der fünfziger Jahre. So steht Aidan Quinns Figur nicht nur als Motorradliebhaber eindeutig in der Tradition der grenzverzweifelten angry young men, die Brando und Dean in jener Ära gaben, als Aufbegehrer gegen einen dem Suff und der Desillusionierung verfallenen Vater (Kenneth McMillan), dessen Malochertod schließlich die letzte noch existente Vernabelung zwischen Johnny und seiner Heimstatt kappt. Obwohl einem gänzlich diametralen Haushalt entstammend, erkennt durch seinen mittelbaren Einfluss auch Tracey, dass ihr ausschließlich aus zu befriedigenden Erwartungshaltungen bestehendes Erwachsenwerden sie alles andere als glücklich macht. Gegen alle Widerstände schafft das Paar es schließlich, sich nicht nur zusammenzuraufen, sondern auch den gemeinsamen Schritt in die Unabhängigkeit und weg von den Wurzeln zu meistern, ein verdientes, auch den Zuschauer glücklich stimmendes happy end inbegriffen.
Wie im Falle des Regisseurs bildet „Reckless“ zugleich ebenso die Leinwandpremiere Quinns wie auch das Scriptdebüt des späteren Spielberg-Adlatus und Familien-Mainstream-Regisseurs Chris Columbus, der nachträglich gegen den Foley wetterte, meinte, dieser habe sein Drehbuch massakriert und er selbst fände sich im fertigen Werk nicht mehr wieder. Über die Ausprägung Columbus‘ ursprünglicher Zeilen muss zumindest in der oberflächlichen Frage nach Gelungenheit allerdings kaum weiter nachgedacht werden, denn „Reckless“ ist auch ohnedies ein beachtliches, mitreißendes Coming-of-Age-Drama, dessen diverse Qualitätsfacetten – darunter Michael Ballhaus‘ exzellente Photographie, die hübsche Song-Zusammenstellung oder, ganz profan, Daryl Hannahs atemberaubende Sexyness zu einem durchaus geschlossenen Ganzen finden.

8/10

CUTTING CLASS

„I’m the custodian of your fucking lives!“

Cutting Class (Todesparty II) ~ USA 1989
Directed By: Rospo Pallenberg

Als der Teenager Brian Woods (Donovan Leitch) nach einem längeren Psychiatrie-Aufenthalt – er stand im Verdacht, etwas mit dem Unfalltod seines Vaters zu tun zu haben – wieder auf freiem Fuß und zurück in der Schule ist, verhält sich sein ehemals bester Kumpel Dwight (Brad Pitt) vornehmlich distanziert, zumal Brian ein Auge auf Dwights Gspusi Paula (Jill Schoelen) wirft. Deren Dad (Martin Mull), zugleich der Staatsanwalt, der Brians therapeutische Verwahrung verfügte, befindet sich derweil beim Angeln und wird von einem Bogenschützen attackiert. Weitere Gewalttaten geschehen und sowohl Brian als auch Dwight erweisen sich als jeweils höchst hauptverdächtig…

Es verwundert doch etwas, das für diesen ehedem als DTV-Premiere veröffentlichen, sich nicht recht zwischen Post-Slasher und Slasher-Spoof entscheiden könnenden, künstlerischen Klogriff eine durchaus ansehnliche Darstellerriege verheizt wurde. Sogar Brad Pitt ist in einer seiner ersten Hauptrollen zu sehen, was aber bitteschön nicht als Schauanreiz fungieren sollte – selbst bei der ihm noch so sehr hinterherschmachtenden Dame nicht. „Cutting Class“ ist nämlich am schräg gegenüberliegenden Qualitätsspektrum von „gut“ anzusiedeln; ein hoffnungslos verbauter und missgestalteter Film, der seine eigene Unfähigkeit, sich für einen konsequenten Weg zu entscheiden, auch noch stolz vor sich herzutragen scheint. Während die blödsinnig dargebrachte, kausalitätsentledigte Story mit Dialogen auf Pixibuch-Niveau ihre nicht nachvollziehbaren Volten vollführt, weiß Pallenberg (der vormals mehrfach als Scriptautor für John Boorman gearbeitet hatte und dessen einzige Regiearbeit „Cutting Class“ blieb) wie erwähnt nicht, ob er seinem Sujet nun ernsthaft und gattungsgemäß begegnen oder alberne (und dazu wirklich unwitzige) Komödieneinfälle aus dem ZAZ-Fundus bevorzugen soll – die unausgegorene Mixtur jedenfalls macht ratlos. Splattrige F/X, sonst ja zumindest das eine potenzielle, obschon matte Kronjuwel auf jedem noch so missratenen (High-School-)Slasher-Reichsapfel, werden komplett ausgespart. Eines der Opfer stirbt beispielsweise daran, dass man ihr Gesicht auf einen Lichtkopierer drückt. Da mag man sich doch rundheraus Spektakuläreres vorstellen.
Jill Schoelen und Roddy McDowall als hebephiler Schlüpferschieler schienen sich der geringen Glorie ihrer jeweiligen Engagements derweil völlig im Klaren zu sein und spielen entsprechend übertrieben bis halbgar. Immerhin signalisieren die ansonsten ja doch stets sehr sympathischen beiden damit via augenzwinkernder Ironie, dass sie ziemlich genau wussten, wesentliche Bestandteile einer ziemlich stark nach Fisch riechenden Veranstaltung geworden zu sein. Kann man wegtun.

3/10

PET SEMATARY 2

„No brain, no pain… think about it!“

Pet Sematary 2 (Friedhof der Kuscheltiere 2) ~ USA 1992
Directed By: Mary Lambert

Als seine Mutter (Darlanne Fluegel), eine bekannte Hollywood-Actrice, infolge eines von ihm miterlebten Unfalls am Set stirbt, ist der Teenager Jeff (Edward Furlong) am Boden zerstört, zumal sie sich möglicherweise bald wieder mit seinem Dad, dem Tierarzt Chase Matthews (Anthony Edwards), versöhnt hätte. Um seinen Filius auf andere Gedanken zu bringen, zieht Chase mit ihm in die Kleinstadt Ludlow in Maine, wo zudem einen vakante Praxis auf Chase wartet. Die örtlichen High-School-Bullys, allen voran der fiese Clyde Parker (Jared Rushton), machen es Jeff alles andere als leicht. Nur im fülligen Drew Gilbert (Jason McGuire) findet er einen Freund. Doch auch Drew hat schwer zu knabbern – an seinem Stiefvater Gus Gilbert (Clancy Brown) nämlich, einem Arschloch vor dem Herrn und dazu noch der hiesige Sheriff. Nachdem Gilbert eines Abends Drews geliebten Hund Zowie abknallt, bittet Drew seinen neuen Kumpel Jeff, das Tier mit ihm zu begraben – auf einem gewissen, im Wald verborgenen Indianerfriedhof, dem spezieller Eigenschaften zugeschrieben werden. Doch dies ist lediglich der Anfang einer Kette blutiger Ereignisse…

Zunächst einmal mutet es in Anbetracht des Scipts ein wenig bizarr an, dass Mary Lambert, die Regisseurin des ersten, beinahe makellos schönen „Pet Sematary“, sich bereit erklärte, auch dieses Sequel zu inszenieren, denn „Pet Sematary 2“ macht sich keinerlei Mühe, einen der King-Adaption in Atmosphäre oder Habitus auch nur im Ansatz ähnliches Werk zu präservieren. Wo dieses nämlich, zumindest auf dem damals eingeschränkten Feld des Mainstream-/Studio-Horror, eine der vordringlichsten und geschlossensten Arbeiten der Spätachtziger darstellt, spielt die Forsetzung mit einem gänzlich anders gearteten Blatt Mau-Mau statt Skat. Sie liebäugelt nämlich unverhohlen mit Drive-In, Camp und Grand Guignol, setzt über weite Strecken Kids in die treibenden Parts, um sich dann im letzten Drittel zu einer liebevoll übersteigerten Zombie-Mär aufzutürmen, die zumindest auf der reinen Mentalitätsebene wesentlich mehr mit O’Bannons „The Return Of The Living Dead“ und dem zum gegebenen Zeitpunkt zwar noch nicht existenten, aber in Teilen doch stark antizipierten „Braindead“ zu tun haben als mit dem eigentlichen Vorläufer. Zwar werden immer wieder kleine regionale und inhaltliche Bezugspunkte gesetzt, die eine Nachfolgeschaft zumindest offiziell kenntlich machen, dabei bleließ man es aber auch.
Entsprechend weitflächig bis universell war und ist die Ablehnung, die „Pet Sematary 2“ seit eh und je entgegenwogte, bis heute. Ich bin mal so kühn, zu behaupten, der Grund dafür sei rasch zur Hand: „Pet Sematary“, das Original, geht (auch) durch als ein Film für Menschen, die Stephen King im Urlaub am Strand lesen und die von Kino wenig mehr erhoffen oder erwarten denn abendfüllendes Amüsement. Sein Nachfolger indes ist eindeutig und mehr oder weniger explizit für dedizierte Horrorliebhaber gedacht und gemacht. Hier werden zudem die vordringlichen Topoi noch um einiges subtiler und gleichzeitig psychologisch fundierter bearbeitet. Es geht, und dies nicht unbedingt allzu offensichtlich, um Themen wie den frühen Verlust von Elternteilen,die daraus resultierende Sehnsucht nach deren Rück- (oder besser Wieder-) Kehr und den schwerigen Umgang mit ihrem Tod, die fehlende Akzeptanz für deren potenziellen Ersatz, aber auch um das Gefühl von Ablehnung in der Pubertät, dysfunktionale Familienstrukturen und Orientierungslosigkeit, kurz: ums stets präsente „coming of age“. Wo der erste Teil noch Louis Creed als mehrkanaligen Zerstörer seiner Familie zentriert, der durch seine ebenso unablässigen wie törichten Versuche, alles wieder geradezurücken, schließlich auch sich selbst und seinen letzten Freund ins Verderben reißt, übernehmen hier alsbald die untoten Wiedergänger, und das auf eine zunehmend abseitige Weise. Eine unglaubliche Szene und vielleicht die, die „Pet Sematary 2“ über alle Sphären hebt, zeigt den wiederauferstandenen Clancy Brown als Gus Gilbert, wie er mit seinem Stiefsohn Drew und dessen Kumpel Jeff beim Abendessen sitzt. Gus stellt widerliche Dinge mit der Nahrung (Kartoffelbrei und Erbsen) an, die er ja eigentlich gar nicht mehr benötigt, nur, um die Jungen zu ekeln und lacht sich selbst darüber schlapp. Erinnerungen an Clancy Browns nicht minder sagenhafte Kurgan-Interpretation in „Highlander“, die sich im Folgenden noch intensivieren, sind da bereits unvermeidlich und geben dann auch die vorherrschende Tonart an. Damit hatte der Film zumindest meine Wenigkeit komplett im Sack.
Die Zombies entwickeln im Sequel eine gemeinschaftliche Agenda, säen (noch mehr) Tod und Untergang, können sprechen, Auto fahren, und organisieren sich, mit dem ja bereits zu unseligen Lebzeiten bösartigen Gilbert als Anführer, sogar wider die Lebenden. Da ist dann richtig was los im Staate Maine. Und dann gibt es auf der Tonspur statt eines einzigen Ramones-Songs im Abspann diesmal noch eine ganze, modische Musikkompilation von Clip-Meisterin Lambert (u.a. mit The Jesus & Mary Chain, L7 und einer weiteren Ramones-Nummer).
Kein Wunder, dass His Majesty mit „Pet Sematary 2“ (im ersten hatte er sich noch ein Cameo als Priester gegönnt) am Ende nichts mehr zu tun haben wollte und seinen Namen komplett aus den credits streichen ließ. Derart kreuzsympathischer Überschwang war dann selbst einem Schreibkönig zuviel.

8/10

THE BROWNING VERSION

„Just once I’ll say ‚No‘.“

The Browning Version (Schrei in die Vergangenheit) ~ UK 1994
Directed By: Mike Figgis

Nach 18 Jahren im Schuldienst wird Andrew Crocker-Harris (Albert Finney), Lehrer für klassische Sprachen an einem altehrwürdigen englischen Internat für Jungen, von der Leitung geschasst, vorgeblich wegen seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung. Die wahren Gründe sind nicht ganz eindeutig, könnten aber vielerlei Natur sein. Crocker-Harris wird nebst seinem Unterrichtsfach vom zumeist deutlich jüngeren, sportlich aktiven Kollegium eher als trauriges Fossil betrachtet, seine Unter-Sekunda-Schüler mögen ihn nicht sonderlich und begegnen seiner trocken-resoluten, überstrengen Art mit einer Mischung aus Furcht und Respekt.
Crocker-Harris‘ deutlich jüngere Frau Laura (Greta Scacchi) erträgt indes das stets gefasste, kontrollierte Wesen ihres Gatten nicht und betrügt ihn, auch das ein mehr oder werniger offenes Geheimnis, mit Frank Hunter (Matthew Modine), einem amerikanischen Austauschlehrer für Chemie, der auch bei den Kids extrem beliebt ist.
Am Vortag seiner Verabschiedung erhält Crocker-Harris von Taplow (Ben Silverstone), einem der wenigen Schüler, die Sympathien für ihn hegen, eine antiquarische Ausgabe von Aischylos‘ „Agamemnon“ in der Übersetzung eines gewissen Robert Browning, mitsamt persönlicher Widmung des Jungen. Dieses Geschenk rührt Crocker-Harris zutiefst und zwingt ihn zur Reflexion.

„The Browning Version“ ist die neunte und bis dato jüngste von insgesamt neun filmischen Adaptionen des 1948 uraufgeführten Bühnenstücks nach Terence Rattigan. Zusammen mit der zeitgenössisch entstandenen 1951er-Version von Anthony Asquith dürfte Figgis‘ Arbeit zudem die populärste unter den zumeist fürs Fernsehen umgesetzten Verfilmungen bilden.
Da ich Asquiths Werk leider noch nicht kenne, kann ich diesbezügliche Vergleiche nicht anstellen, was Figgis und sein Autor Ronald Harwood jedoch aus Rattigans Vorlage herausholen, liefert in rund 90 Minuten eine ebenso messerscharfe wie vielschichtige Charakterisierung des Protagonisten. Andrew Crocker-Harris ist in vielerlei Hinsicht das, was man als „erhern britisch“ bezeichnen möchte: ein stets auf die Sekunde pünktlicher, steifer, immens pflichtbewusster Lehrer, der Emotionalität und vor allem deren Zurschaustellung verabscheut und die Widernisse seines Lebens an sich abperlen lässt wie ein Fels die Brandung. Seine Liebe zu latein und altgriechisch wirkt analog zu Crocker-Harris‘ ganzem Wesen aus der Zeit gefallen. Im Prinzip verkörpert er zwar genau jenen Ausbund an Tradition, für den seine Schule seit rund dreihundert Jahren steht, muss sich jedoch längst von der (post-)modernen Realität überholt wähnen (ein Faktum, das Figgis/Harwood besonders gut prononcieren, indem sie den mutigen Schritt gingen, die Geschichte kurzerhand in die Jetztzeit zu transponieren). Die „toten“ Sprachen und ihr rundum klassizistischer Impetus haben keinen Platz mehr in der Lebenswirklichkeit der Schüler, die jetzt viel lieber die jüngeren Kollegen anhimmeln, die erfolgreiche Cricket-Spieler sind, oder, wie Frank Hunter mit seinen chemikalischen „Zaubertricks“, zumindest Unterrichtsstoffe behandeln, die den Jungs etwas bedeuten. Crocker-Harris muss sich die bittere Wahrheit eingestehen, versagt zu haben. Nicht nur als Lehrer, der sowohl methodisch-didaktisch als auch erzieherisch seit Jahren an seinen Schülern „vorbeiunterrichtet“ hat, sondern zudem als Ehegatte, der stets, bewusst oder unbewusst, die Bedürfnisse seiner Frau überhörte und schließlich als Mann, der nicht die Integrität besitzt, sich gegen die Ungerechtigkeiten wider seine Person zu behaupten. Dennoch vollzieht Albert Finney das bravouröse Kunststück, diesem intellektuellen Lebensverlierer sämtliche Sympathien zufliegen zu lassen. Man spürt seine Traurigkeit und seine Enttäuschung mit jeder Faser und vergegenwärtigt sich gemeinsam mit ihm, dass individuelles Glück nicht in stoischer Verwegerungshaltung liegt, sondern darin, Liebe, Freundschaft und Sympathie zu geben und zu empfangen. Damit erzählt „The Browning Version“ zugleich weitaus mehr über den Lehrerberuf und seine persönliche Tragweite als es viele „aktuellere“ Stoffe vermögen.

8/10