STAR WARS: THE LAST JEDI

„You are no Vader. You are just a child in a mask.“

Star Wars: The Last Jedi (Star Wars: Die letzten Jedi) ~ USA 2017
Directed By: Rian Johnson

Während die junge Rey (Daisy Ridley) und Chewbacca (Joonas Suotamo) Luke Skywalker (Mark Hamill) auf Ahch-To ausfindig gemacht haben und frustriert feststellen müssen, dass der letzte aller Jedi-Meister längst nichts mehr von den intergalaktischen Geschicken wissen, sondern eigentlich bloß noch in Ruhe sterben will, haben die Rebellenkämpfer Finn (John Boyega) und Poe Dameron (Oscar Isaac) ganz andere Probleme. Nur ein Hyperraum-Sprung rettet sie vor dem Zugriff der Neuen Ordnung, doch die Finsterlinge bleiben ihnen auch danach noch dicht auf den Fersen. Es gilt, ein Peilgerät an Bord des Sternenzerstörers von General Hux (Domhnall Gleeson) zu deaktivieren, was wiederum nur mithilfe eines speziellen Codeknackers möglich ist Finn und die tapfere Wartungsarbeiterin Rose (Kelly Marie Tran) begeben sich in die Casino-Stadt Canto Bight, um den Gesuchten anzuheuern. Sie müssen sich jedoch mit dem zwielichtigen DJ (Benicio Del Toro) begnügen, der ihnen aus vvorübergehender Gefangenschaft hilft. Unterdessen kehrt Rey allein zur Flotte zurück und stellt sich Kylo Ren (Adam Driver), in dem sie noch Reste des Guten vermutet. Doch weit gefehlt: Der machtbesessene Nachwuchs-Sith schickt sich nach seiner finalen Machtübernahme über die Neue Ordnung  an, den letzten Zufluchtsort der Rebellen auf dem Planeten Crait dem Erdboden gleichzumachen. Mit Einem rechnet er jedoch nicht…

Geschlossener und deutlich selbstvertrauter wirkend als „Episode VII“ kommt der von Rian Johnson inszenierte „The Last Jedi“ daher, der seinerseits zwar  noch immer nicht ganz ohne Recycling-Elemente der Ur-Trilogie auskommt, dessen Gesamtstruktur jedoch längst nicht mehr so an bedingungsloser Wiederverwertung interessiert ist wie der unmittelbare Vorgänger. Ingredienzien wie die an Bespin erinnernde Spielerstadt Canto Bight, das Exil des mittlerweile knarzigen, gealterten Luke Skywalker, das von der jungen Rey (girl power!) aufgesucht wird wie dereinst Dagobah und Yoda von Luke selbst und Poe Dameron als subordinationsrenitenter Han-Solo-Ersatz, das sind zwar unmisverständliche Anklänge an „The Empire Strike Back“, ein verklausuliertes Remake haben wir diesmal jedoch nicht. Die Aufsplittung der Narration zu mehreren verschiedenen Schauplätzen sorgt für gleichmäßiges Tempo und Spannung, liebenswerte neue Kreaturschöpfungen  und Schwenks zu alten Vertrauten wie etwa Yoda (Frank Oz), der in einem verblüffend gelungenen, schönen Auftritt aus dem Jenseits vorbeischaut, erzeugen die notwendigen, kleinen Gänsehautmomente. Die Raumschlachten und Duelle sind laut, dynamisch choreographiert und eine Augenweide zumindest für solchem Zugeneigte. Es gelingt „Episode VII“ sehr viel überzeugender als zuletzt, Brückenschläge zwischen der klassischen und der neuen Saga zu schaffen und den jungen Nachwuchs-Charakteren Profil zu verleihen, ohne die alten zu vernachlässigen oder gar zu denunzieren. Nach Harrison Ford darf sich nun auch Mark Hamill heldenhaft aus dem SW-Universum verabschieden, wobei ich sicher bin, dass zumindest seine jenseitige Aura sich mindestens einen Gastbesuch zu kommenden Gelegenheiten nicht wird nehmen lassen. Bleibt die berechtigte, große Frage, wie man ausgerechnet dem realen Ableben Carrie Fishers im nächsten Film Rechnung tragen wird und welche dramaturgische Bedeutung speziell der letzten Sequenz zukommt, in der ein kleiner Stalljunge aus Canto Bight binnen weniger Minuten noch flott zum Jedi-Nachfolger und damit kurzerhand zum Hoffnungsträger aufgebaut wird.
Alles in allem nach dem geflissentlich durchhängenden, etwas ideenarmen Vorgänger endlich wieder ein schönes, beseeltes SW-Abenteuer, das seinem Franchise vorbehaltlos Ehre erweist und gewiss viele alte wie neue Freunde zu begeistern wissen wird

9/10

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INDEPENDENCE DAY: RESURGENCE

„Time to kick some serious alien ass.“

Independence Day: Resurgence (Independence Day – Wiederkehr) ~ USA 2016
Directed By: Roland Emmerich

Zwanzig Jahre nach dem katastrophalen Alien-Überfall hat die Welt sich nicht nur weitgehend erholt, sondern zudem die eigene Technologie mit der Außerirdischen angereichert. Mit deren Hilfe gelang es zudem, weiter in den Weltraum vorzustoßen. Just zum Jahrestag der Invasion erscheint dann ein fremdes, rundes Objekt im All, das vorsorglich, aber leider auch vorschnell abgeschossen wird. Dabei handelt es sich um den Abgesandten einer interstellaren Rebellenarmee, die die Menschheit vor dem nächsten Sturm der bereits bekannten Extraterrestrier warnen will. Da rauscht schon ein gewaltiges Schlachtschiff heran, auf dem sich diesmal eine Alien-Königin befindet, die den zweiten Angriff gegen die Erde höchstpersönlich anführt. Für David Levinson (Jeff Goldblum), den seit damals in psychiatrischer Verwahrung befindlichen Ex-Präsidenten Whitmore (Bill Pullman), der nach wie vor mentalen Kontakt zu den Fremden hat, den aus dem Koma erwachten Dr. Okun (Brent Spiner), Captain Hillers Sohn Dylan (Jessie T. Usher) und dessen Pilotenkumpel Jake Morrison (Liam Hemsworth) heißt es daher aufs Neue: Alienärsche treten.

Den ganz großen, gigantomanischen Irrsinn des Vorgängers kann „Independence Day: Resurgence“ in Zeiten, in denen Superhelden- und Effektkino Alltagsgeschehen sind, nicht mehr präservieren. Emmerich und Adlatus Dean Devlin, unterdessen zu alten, gewohnheitsmäßig umtriebigen Hasen im bombastischen Zerstörungs- und Katastrophen-Segment avanciert, wissen das ganz genau und brechen ihre neuerliche Invasions-Nabelschau auf ein kontenztrierteres Filtrat herunter, das sich vornehmlich aus breit angelegten Luft- und Raumkampfszenarien und einigen wenigen Plot-Füllseln, die offenkundig vor allem dazu dienen, den Stoff zum künftigen Franchise auszuweiten, zusammen setzen. Wie die Xenomorphe aus der „Alien“-Reihe erweisen sich die allermeisten All-Monster als Drohnen, die ihre Chefin bzw. Königin, die zehnfach größer in punkto Gestalt und Kampferprobtheit ist, umschwirren und mit ihr stehen und fallen. So wird „Resurgence“ gegen Ende noch flugs zum waschechten Monsterfilm, wenn es gilt, das durch die Wüste von Nevada flitzenden Tentakel-Ungetüm zu Fall zu bringen. Mir hat’s gefallen.
Dass Will Smith, im Original bereits Nervenstrapazierer über Gebühr, nicht mehr dabei ist, schadet dem Film überhaupt nicht; Herz und Zentrale auf dem schauspielerischen Sektor bilden ohnehin erneut der gewohnt lakonische Goldblum und der herzliche Judd Hirsch, von denen Emmerich stolz sein kann, sie zum wiederholten Auftritt überzeugt zu haben. Robert Loggia darf immerhin zweimal kurz in die Kamera linsen. Obendrauf gibt es als (komplett austauschbares und profilloses) Pseudo-Identifikationspersonal für Teens und Twens den Nachwuchs Hemsworth, Usher und Maika Monroe als Whitmores wehrhafte Tochter Patricia sowie William Fichtner als Präsidentennachwuchs, dem diesmal die (hübsch kurz geratene) Pathos-Rhetorik zur letzten Schlacht vorbehalten ist. Ob man mit weiteren „Indepence Day“-Beiträgen rechnen kann, wird sich wohl in Kürze zeigen; zumindest die Sterne stehen der Storyline ja jetzt ganz weit offen. Nach diesem dem Erstling summa summarum ebenbürtigen Sequel wäre ich wohl sogarbis auf Weiteres dabei.

5/10

INDEPENDENCE DAY

„Let’s nuke the bastards.“

Independence Day ~ USA 1996
Directed By: Roland Emmerich

Kriegerische Aliens nehmen Kurs auf die Erde, um die Menschheit auszurotten und sich die Ressourcen unseres Planeten anzueignen. Nachdem es zunächst so aussieht, als habe man selbst mit der größten Feuerkraft keine Chance gegen die Außerirdischen, kommt dem wackeren TV-Techniker David Levinson (Jeff Goldblum) die zündende Idee…

Nachdem ich „Independence Day“ über die Jahre hinweg immer in den untersten Niederungen amerikanischen Blockbusterkinos angesiedelt habe, kann ich jetzt endlich Frieden schließen. Man muss dem Film schlicht und einfach seine grenzenlose Blödheit und seinen Kreativköpfen, allen voran freilich Emmerich und seinem Haus-und-Hof-Autor Dean Devlin, nachsehen, dass sie hier etwas geschaffen haben, das in etwa dem Äquivalent eines Multimillionendollar-Spielplatzes entspricht – megalomanisches Amüsement für infantile Gemüter. Emmerich und Devlin beweisen mit Nachdruck, dass sie das 70er-Jahre-Katastrophenkino eines Irwin Allen nahezu akribisch studiert haben, denn der gesamte dramaturgische und narrative Aufzug ihres Films entspricht selbigem bis aufs i-Tüpfelchen. Für eine Alien-Invasion Marke H.G. Wells fehlten ehedem schlicht die Mittel, sonst hätte Allen neben Schiffshavarien, brennenden Wolkenkratzern und Vulkanausbrüchen vermutlich auch das bereits an Ort und Stelle durchexerziert. So lag es eben an dem Schwaben und seinem treuen Gefolgsmann, jene Phantasmagorie mit aller gebührenden Naivität und triefendem Amerika-Pathos zeitreif angereichert in die Welt zu entlassen. Den ob ihres Engagements sicherlich sehr wohl im Bilde befindlichen Antlitzzeigern Goldblum und Hirsch als Vater und Sohn stehen ein bilderbuchhaft nervender, dümmliche Sprüche kloppender Will Smith, ein exemplarisch alberner Bill Pullman und die wie zumeist Zahnschmerzen verursachende Mary McDonnell als dessen das Zeitliche segnende Weibchen gegenüber, den sagenhaft inszenierten Luft- bzw. Raumkampfszenen und Explosionen ein stolz präsentiertes Nichts an figuraler und sophistischer Basis. Dass Großstädte und mit ihnen Millionen von Seelen eingeebnet werden, tangiert einen zu keiner Sekunde; Emmerich macht sein Publikum im Gegenteil zu willfährigen Voyeuren der Popcornapokalypse. Wo Burton aus dem lärmenden Pulp-Charakter des Stoffs kurz darauf einen liebevoll-satirischen Kinospiegel vorhielt und Spielberg sich neun Jahre später gleich den literarischen Wurzeln des Ganzen annahm und dann auch erfolgreich eine emotionale Involvierung seiner Zuschauer zu evozieren vermochte, baut „Independence Day“ oder „ID4“, wie er sich praktischerweise abkürzt, ein schickes, aufwändiges Riesengebäude aus Legosteinen, nur um es dann umgehend und umso lustvoller wieder kaputtzutreten.
Was mir noch immer und nach wie vor in Aug, Ohr und Schmalz springt, ist, wie sagenhaft dumm dieser Film ist und mit welch unglaublicher Chuzpe er diese Dummheit auch noch ausstellt.
Was ich mittlerweile dazu gelernt habe, ist, über all das hinwegzusehen, ja, es gar nicht mehr wichtig zu nehmen, und, anstatt mich uneffektiv zu ärgern, den Verstärker aufzudrehen und die vielen, farbenfrohen Explosionen zu genießen. Man entwickelt sich eben doch weiter mit dem Alter. Oder zurück, ganz nach Perspektive.

5/10

ANNIHILATION

„You really have no idea what it was.“

Annihilation (Auslöschung) ~ UK/USA 2018
Directed By: Alex Garland

Eher infolge einer zufälligen Fügung – ihr lange vermisster Ehemann (Oscar Isaac) kehrte urplötzlich sehr verändert zu ihr zurück und kollabierte dann – nimmt die Biologin Lena (Natalie Portman) als letzte von fünf Frauen an einer streng geheimen Expedition teil. Ein ganzer Sumpflandstrich an der südlichen Atlantikküste der USA unterliegt einer seltsamen, sich ausbreitenden Anomalie, die die ratlosen Wissenschaftler und Militärs als „Schimmer“ bezeichnen. Umgeben von der streng abgeschotteten Zone „Area X“ ist das gesamte Gebiet, aus dem bisher noch niemand der zu Erforschungszwecken entsandten Soldaten zurückgekehrt ist, mittlerweile menschenleer. Lena, die Psychologin Ventress (Jennifer Jason Leigh), die Physikerin Radeck (Tessa Thompson), die Anthropologin Shepard (Tuva Novotny) und die Medizinerin Thorensen (Gina Rodriguez) betreten den Schimmer und stellen darin höchst Seltsames fest: Eine unbekannte Kraft, die die Atmosphäre in flimmernden Farben erleuchtet, hat begonnen, die Genpoole von Menschen, Tieren und Pflanzen zu vermischen und daraus chaotische, neue Spezies zu formen. Auch das Zeitempfinden und die Psyche der Frauen beginnt bald durcheinanderzugeraten. Ausgangspunkt der bizarren Vorkommnisse ist ein Leuchtturm an der Küste…

Keinesfalls von auch nur annähernd ähnlicher philosophischer oder formaler Grandezza wie das mutmaßliche Vorbild „2001: A Space Odyssey“ scheint mir „Annihilation“ dennoch seit längerem endlich mal wieder ein vorbehaltlos sehenswerter SciFi-Film zu sein. Nachdem mir auf jenem Sektor zuletzt nur noch mäßig einfallsreicher bis pathetischer Weltraumkrempel untergekommen ist (jedenfalls wirkt das gesammelte Konglomerat im oberflächlichen Rückblick genau so auf mich), finde ich es recht erfreulich, mal wieder eine rundum erwachsene, Story präsentiert zu bekommen, die noch einen gewissen Mystizismus zu präservieren weiß und nicht alles in Form eines ohnehin völlig willkürlich gewählten, pseudowissenschaftlichen Terminismus erläutern muss, die sich andererseits auch nicht allzu elliptischer Schwurbelei hingibt. „Annihilation“ erzählt alles Notwendige, behält jedoch manche Geheimnisse für sich. Die ihm inhärenten Horrorelemente sind gut austariert und gerade sorgfältig genug eingeflochten, um den Film weder zur einen noch zur anderen Seite kippen zu lassen, die Rückblenden, die der psychologischen Untermauerung der Protagonistin dienen, wirken halbwegs sinnstiftend, wie auch ihre Handlungsmotivation eine ordentlich Erläuterung erfährt. Die vielen Fallstricke, die ein Plot wie der in „Annihilation“ verhandelte a priori bereithält, umgeht Garland geschickt – man hätte auch eine gewaltige Monster- und Mutantenparade daraus machen können, was den Film ganz fix zu billigem Sideshow-Kino hätte verkommen lassen. So bleibt ein meditatives, fast kontemplatives Genrestück nebst offenkundig spürbarer Affinität zu bewusstseinserweiterndem Unterstützungsmaterial, das sich nicht scheut, die Intelligenz des Rezipienten auf unprätentiöse Weise zu beanspruchen. Sehr gut!

8/10

SMILLA’S SENSE OF SNOW

„The Devil assumes many forms.“

Smilla’s Sense Of Snow (Fräulein Smillas Gespür für Schnee) ~ D/DK/SW 1997
Directed By: Bille August

Die in Kopenhagen lebende Smilla Jaspersen (Julia Ormond) ist das, was man einen unbequemen Menschen nennen könnte: Als Tochter einer bereits vor längerer Zeit verstorbenen Inuit und eines renommierten dänischen Arztes (Robert Loggia) steckt sie nicht nur zwischen den Kulturen fest – sie schottet sich auch systematisch von ihren Mitmenschen ab, lässt keinerlei Gefühle, Nähe oder Wärme an sich heran und betrachtet die Welt durch beinahe autistisch-angewandte, zutiefst verhärtete Augen. Als ihr einziger Freund, der Nachbarsjunge Isaiah (Clipper Mirano), vom Hausdach in den Tod stürzt, glaubt Smilla nicht an einen Unfall. Sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln und stößt mithilfe ihres eigenbrötlerischen Nachbarn und den gesellschaftlichen Verbindungen ihres alten Herrn schließlich auf den Multi „Greenland Mining“ und dessen Chef Tork (Richard Harris), der im Begriff ist, eine mysteriöse Expedition in die Arktis durchzuführen…

„Smilla’s Sense Of Snow“, also der dem Film zugrunde liegende, gleichnamige Roman des Dänen Peter Høeg, zählte in den Früh- und Mittneunzigern zu jener Art Buch, die man in mutmaßlich jedem anderthalbsten europäischen Buchregal vorfinden konnte. Es lässt sich weiterhin annehmen, dass dessen Kriminalgeschichte mit leichtem SciFi-Einschlag nicht unwesentlich mitverantworlich zeichnet für den bis heute andauernden, skandinavischen Thriller-Boom sowohl auf dem Belletristik-, als auch dem Film- und TV-Sektor. Die eigenwillige Story um die gleichsam selbstbewusste und doch bindungsunfähige Privatdetektivin wider Willen bewegte und begeisterte jedenfalls ein literarisches Massenpublikum und wurde somit ganz schnell zu einem Fall für den umtriebigen Constantin-Chef Bernd Eichinger, der es wohl als eine seiner karrieristischen Hauptmissionen ansah, sich die Rechte für massive Bucherfolge zu sichern und diese dann mit internationalen Stäben und Besetzungen für das Kino aufbereiten zu lassen. Insofern lag der Fall betreffs „Fräulein Smilla“ relativ schnell klar und der Film, unglaublich toll gecastet und von Bille August zu einer schicken Augenweide mit nur allen denkbaren Weißabstufungen für die zig Sorten Eis und Schnee geformt, entspricht dann auch recht exakt jenem „Qualitätskino“-Schema, das Business und Kunst überdeutlich kombiniert und für etliche Filmliebhaber zum Ssynonym für Filme zum Abgewöhnen avancierte. Tatsächlich entdeckt man hinter Eichinger-Produktionen stets Eichinger, respektive spürt seine Gegenwart oder glaubt zumindest, sie zu spüren, während „seine“ Regisseure von Petersen, Edel und Annaud bis hin zu August eher wirken, als erfüllten sie vornehmlich repräsentatorische Statthalter-Funktionen. Ich muss zugeben, dass ich dennoch die meisten der entsprechenden Filme trotz breiter Vorwurfsbasis aus unterschiedlichen Gründen gern bis sehr gern mag; sie bildeten über zwei Jahrzehnte hinweg den kleinsten Nenner von Glamour und Megalomanie im deutschen Kino, schämten sich nicht für das, was sie repräsentierten und lieferten vor allem regelmäßig augenbezuckerndes Entertainment. Dass sie die literarischen Vorlagen häufig begradigten oder im schlimmsten Falle verwursteten und nicht selten Zeugnisse der multilpen Eitelkeiten ihres Produzenten wurden, gehörte zum Spiel.
Ich mag Smilla, auch und sogar besonders mit dem Gesicht von Julia Ormond, und würde gern mal mit ihr einen trinken. Wahrscheinlich söff sie mich unter’n Tisch.

7/10

LOOKER

„The average American spends more than one and a half years of his life just watching television commercials. Now, that’s power.“

Looker (Kein Mord von der Stange) ~ USA 1981
Directed By: Michael Crichton

Eine Gruppe weiblicher Werbemodels lässt von dem renommierten Schönheitschirurgen Larry Roberts (Albert Finney) minimale Korrekturen an Gesicht und Körper vornehmen. Als kurz darauf zwei von ihnen in rascher Folge – angeblich durch Unfälle oder Suizid – zu Tode kommen, wird Roberts hellhörig und bei seinen nachfolgenden Untersuchungen sogar Zeuge der Ermordung eines dritten Mädchens. Roberts findet heraus, dass alle Opfer in Verbindung mit der Werbeagentur „Digital Matrix“ standen, die von dem öffentlichkeitsliebenden John Reston (James Coburn) geleitet wird. Um Cindy (Susan Dey), die vierte und letzte der von ihm behandelten Damen, zu beschützen, macht sich Roberts daran, gemeinsam mit ihr hinter die Kulissen von Digital Matrix zu blicken und fördert dabei Ungeheuerliches zu Tage…

Nachdem Michael Chrichton in seinen dystopischen Kino-Meditationen bereits die Zukunft der Freizeitunterhaltung („Westworld“) und der Organspende („Coma“) eruiert hatte, wandte er sich mit „Looker“ dem wachsenden Einfluss der Massenmedien auf unser alltägliches Sozial- und Konsumverhalten zu. Zunächst einmal nimmt es sich geflissentlich verblüffend aus, dass die Realität das, was vor rund 37 Jahren noch als zugespitzte Satire, Social Fiction und Zukunftsmusik veräußert wurde, längst überholt und in den Schatten gestellt hat. Noch vor „Tron“ entwarf „Looker“ dazu die filmische Einbindung völlig digitalisierter Umgebungen und Personen, die nach realem Abbild geformt, beliebig manipuliert, modifiziert und eingesetzt werden können. Heimlicher Star des Films und für Techniknerds besonders erquicklich ist dabei die so genannte „Looker Gun“, die die von Coburns Filmunternehmen geschaffene Erfindung in ein handliches Waffenformat bringt: Digital Matrix hat nämlich einen Weg gefunden, Menschen durch ein winziges optisches Signal für einen beliebig langen Zeitraum zu hypnotisieren und suggestionsempfänglich zu machen. Wie es sich für jeden sinistren High-Tech-Firmenchef gehört, beschäftigt natürlich auch Coburn/Weston einen stummen, folgsamen henchman (Tim Rossovich, von den credits geheimnisvoll, aber treffend als „Moustache Man“ ausgewiesen), der vor allem ein echtes Ass im Umgang mit der Looker Gun ist und hinreichend Anlässe für die notwendigerweise eingeflochtenen Actionsequenzen bietet, in denen der im Grunde wenig sympathisch gezeichnete Held Finney teils ordentlich Dresche bezieht. Fast zeitgleich mit Michael Radleighs meisterlichem „Wolfen“ entstanden, ergeben sich darüber hinaus hier und da augenfällige formale Analogien, die sich eben besonders durch Finneys Mitwirkung in beiden Filmen als verzahnend erweisen. Crichton allerdings lässt frühere Stärken hier und da etwas vermissen; wirklich bedrohlich wirkt seine Vision, schon infolge der oftmals augenzwinkernden Ausreißer und Seitenhiebe, im Direktvergleich zu seinen früheren Phantasmagorien nicht, obschon die markant vorgetragene Botschaft einen besonderen Stellenwert erhält.

6/10

THOR: RAGNAROK

„I have to get off this planet!“

Thor: Ragnarok (Thor – Tag der Entscheidung) ~ USA 2017
Directed By: Taika Waititi

Nach den Ereignissen um den mordenden Roboter Ultron und einer längeren, erfolglosen Suche nach den Infinity-Steinen kann der Donnergott Thor (Chris Hemsworth) den Feuerdämon Surtur besiegen. Derweil hat der altersmüde Odin (Anthony Hopkins) Asgard verlassen und Thors intriganter Halbbruder Loki (Tom Hiddleston) unerkannt die Identität des Göttervaters angenommen. Nach der Klärung der Situation verabschiedet sich Odin von seinen Söhnen gen Walhalla, derweil sein ältestes Kind, die aus ihrer Gefangenschaft entkommene Todesgöttin Hela (Cate Blanchett), nachdrücklich ankündigt, dass künftig sie über Asgard herrschen wird. Zuvor entledigt sie sich ihrer beiden Brüder, die auf Sakaar landen, dem derzeitigen Aufenthaltsort des „Grandmaster“ (Jeff Goldblum), einer der kosmischen Entitäten, der nichts mehr liebt als Schaukämpfe. Als sein derzeitiger Champion entpuppt sich der mittlerweile seit zwei Jahren pausenlos im monströsen Körper des Hulk gefangene Bruce Banner (Mark Ruffalo). Nach einem für Thor desaströs endenden Kampf in der Arena gelingt es dem Donnergott, Banners menschliches Ich zurückzuholen und gemeinsam mit ihm und der zwischenzeitlich abtrünnigen Walküre (Tessa Thompson) nach Asgard zu entkommen, um Hela ein für allemal zu stellen.

„Thor: Ragnarok“ nimmt denselben Weg wie James Gunns „Guardians Of The Galaxy“-Filme und wählt zur Dargabe seiner epischen Geschichte den Weg selbstironischer Comedy, gepaart mit gewaltigen, knallbunten, bewusst effektüberladenen Bildern und nostalgischen Pulp-/Camp-Elementen, die im Golden und Silver Age der Comics fußen und diesen liebevoll-komische Reminiszenz erweisen. Wie zuvor bereits „Captain America: Civil War“ fokussiert sich der Film trotz eindeutiger Namensgebung keinesfalls mehr allein auf die Titelfigur, sondern versteht sich, ganz im Sinne des event movies, das er eben ist, als Mash-Up – Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) liefert sich einen gepflegt redundanten Auftritt als Suchshelfer auf der Spur des verschollenen Göttervaters und auch das bislang offene, weitere Schicksal des Hulk klärt sich. Der grüne Goliath ist nun endlich seiner aus den klassischen Comics berüchtigten, artikel- und präpositionslosen Rudimentärsprache mächtig, was allerlei komische Anlässe zu Konflikten mit dem unterdessen seiner Zauselmähne entledigten Donnergotts bietet. Neue Charaktere wie die Walküre (im verjährten Print noch der Inbegriff arisch-nordischer Wagnerismen, jetzt Hollywoods neuer Farbenfreude gemäß eine afro-asische, saufende Rotzamazone), der verräterische Ase Skurge (Karl Urban) oder der superliebe, steinerne Gladiator Korg (mit der Stimme des Regisseurs „angereichert“ ein klarer Rekrutierungsfall für die Guardians) sorgen für frische Impulse. Led Zeppelins Wikingerstück „Immigrant Song“ erklingen zu lassen, ist ein etwas offensichtlicher, aber immer noch toller Einfall, der es jedoch als einmalig bemühtes Bonmot getan hätte.
Waititi kennt man nunmehr als einen sympathische Filmemacher mit wohlfeilem Humor, dessen Engagement ausgerechnet für einen „Thor“-Film man allerdings gut und gern zwischen den Kreativpolen „eklektisch“ und „widersinnig“ anordnen möchte. Göttliche Grandezza, pompöses Superheldenspektakel und fiebriges Pathos gehen bei erwartungsgemäß ihm auf Nulllinie. Nicht jedem Anhänger meternster, nordischer Sagen wird das munden. Wenn dann noch Jeff Goldblum den dereinst blauhäutigen, stets respekteinflößenden, kosmischen Schachspieler Grandmaster (der eigentlich in einer Liga mit Giganten wie dem Beobachter oder Galactus spielt) zu einem seiner ihm eigenen Exalthiert gemäß interpretierten, wirren, etwas tuckig angehauchtenen Flitter-Alien ummodelt, dann gilt es abermals, umzudenken.
Vom „alten“ Thor und seinem ihn geleitenden, umfangreichen Mythologiepool heißt es ferner radikal Abschied nehmen. Die drei Freunde Hogun (Tadanobu Asano), Fandral (Zachary Levy) und Volstagg (Ray Stevenson) werden flugs und ohne großes Aufheben aus den neun Welten getilgt, für Anthony Hopkins gibt es einen kaum minder überhasteten Abschied um am Ende geht auch Asgard selbst infolge der lang gefürchtete, göttliche Apokalypse verlustig, seine letzten überlebenden Exilanten auf großer Sternentour in großem Raumschiff. Ragnarök findet zu böser Letzt also tatsächlich noch statt, ein weiterer heroischer Verlust auf dem Weg zum in Kürze stattfindenden, alles involvierenden Infinty War. Ob und inwieweit die neue MCU-Spaßigkeit diesem noch adäquat zu Gesicht stehen wird, bleibt fürs Erste abzuwarten.

7/10