THREADS

„They’ve done it… They’ve done it.“

Threads ~ UK/AU/USA 1984
Directed By: Mick Jackson

Während die ungeplant schwanger gewordene Ruth Beckett (Karen Meagher) und Jimmy Kemp (Reece Dinsdale), ein junges Paar aus Sheffield, mit ihrer – aus naheliegenden Gründen sanft erzwungenen – Familienplanung befasst sind, kommt es im Iran zu mehreren offenen Auseinandersetzungen zwischen den USA und der UdSSR. Während die Nachrichten täglich dringlicher werden und beginnen, vom Vorhalten im potenziellen „Ernstfall“ zu sprechen, richten Ruth und Jimmy ihre Wohnung an. Ein von den Amerikanern gestelltes Ultimatum an die Russen, sich aus der Risikoregion zurückzuziehen, verstreicht. Dann fallen die Atombomben. Eine erste explodiert über der Nordsee und vernichtet die gesamte örtliche Telekommunikation. Dann werden militärische und wirtschaftliche Ziele unter Beschuss genommen, unter anderem eine NATO-Basis in der Nähe Sheffields. Die Stadt ist dem Erdboden gleich. Den prompt ausgelöschten Millionen von Toten folgen kurz darauf die ersten Opfer von Verstrahlung und Fallout. Humanitäre Hilfestellung kann nicht geleistet werden, da weder Verpflegung noch Ressourcen vorhanden sind. Das für den Notfall eingerichtete Hilfsteam verendet selbst in seinem Schutzbunker. Vieh und Ernten sterben oder sind unbrauchbar, auf Jahre hinaus. Es folgt der Nukleare Winter. Die Atmosphäre verdunkelt sich durch die Legionen von Tonnen aufgewirbelten Staubs auf Jahre hinaus. Jimmy ist bereits bei der ersten Angriffswelle zu Tode gekommen. Ruth schleppt sich durch die verstrahlte Ödnis, ist jedoch noch zäh genug, ein gesundes Mädchen namens Jane zur Welt zu bringen und aller Widernisse zum Trotz die ersten Jahre lang großzuziehen, bis auch sie an den Folgen der Verseuchung stirbt. Die Welt ist zurück in die Steinzeit gefallen; es zählt nunmehr das nackte Überleben. Mit 13 wird Jane ( Victoria O’Keefe) selbst schwanger. Ihr eigenes Baby kommt als Missgeburt zur Welt.

Während die Amerikaner bereits 1983 Nicholas Meyers „The Day After“ als TV-Event lancierten (dem seinerzeit eine gewaltige globale Aufmerksamkeit zuteil und der vielerorts, so auch bei uns, im Kino gezeigt wurde), entließ die BBC ein knappes Jahr später ihren dramatisierten Beitrag zum Dritten Weltkrieg. „Threads“ von Mick Jackson kam in Deutschland leider nie zur Aufführung und dürfte auch sonst den Bekanntheitsgrad des starbesetzten „The Day After“ weit unterbieten. Dabei ist er der sehr viel nachhaltigere Film.
Ich bin einerseits froh, ihn überhaupt gesehen zu haben dürfen (auf der im letzten Jahr erschienen Blu-ray von Simple Media, leider nur als Import erhältlich), bin andererseits jedoch ebenso erleichtert, dass ich ihn nicht in zeitgenössischer Nähe zur Uraufführung habe durchleiden müssen. Als 76-er Jahrgang gehöre ich ja zu den Kindern der Friedensbewegung, mit den letzten wahrscheinlich, die den Kalten Krieg in den Achtzigern noch bewusst miterlebten. Ich erinnere mich noch daran, welche Wellen „The Day After“, der in aller Munde war und dessen Kinoplakat mit dem Atompilz am Ende eines langen Highways allgegenwärtig schien, schlug, weiß noch, dass wir als Grundschulkinder gegen „First Blood, Part II“ in seiner zersetzenden Funktion als imperialistisches, kriegstreiberisches Machwerk auf die Straße gingen und erinnere mich an meine alte Klassenlehrerin Frau Meyer, eine sehr liebenswerte Dame von altem Schrot und Korn, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, angesichts der soeben bekant gewordenen Tschernobyl-Katastrophe in Tränen ausbrach. Damals zählte Gudrun Pausewang zum verbindlichen Kanon der Kinder- und Jugendliteratur, „Die Wolke“ und vor allem „Die letzten Kinder von Schewenborn“ (dessen Ende, wohl eher zufällig, starke Parallelen zu dem von „Threads“ aufweist) wurden entweder in der Schule oder sonst bereitwillig privat gelesen. „Die letzten Kinder“ zählte bei uns zum Unterrichtsinhalt im Fach Deutsch der 7. Klasse und ich hatte noch Wochen später Albträume davon. Überhaupt war (und ist, vermutlich) eine meiner größten Existenzängste der Ausbruch und die Folgen eines Atomkriegs, weshalb ich für den emotionalen Impact einen Film wie „Threads“ auch überaus empfänglich bin. Filme über den Fall und das Zerstörungsausmaß der Atombombe gab es auch abseits der genannten damals einige, man denke an „Testament“, „Malevil“, „Pisma Myortvogo Cheloveka“ oder den ebenfalls englischen „When The Wind Blows“, allesamt, zumindest soweit bekannt, überaus respektable Schreckensvisionen vom Ende der Zivilisation. Ganz zu schweigen von den vielen Genrefilmen, von der „Mad Max“-Reihe über „The Terminator“ und all ihren mal mehr, mal weniger gelungenen Epigonen, die das nukleare Finale der Menschheit als motivarischen Hauptanlass für vortreffliche Science Fiction und Action nutzten.
Im Hinblick auf ihre zerstörerische Wirkung beim Zuschauer kommt keiner der genannten Titel „Threads“ auch nur ansatzweise gleich. Man wird, wenn man nur ein wenig sucht, beispielsweise auf Seiten wie „Taste of Cinema“, immer wieder Listen von Filmen ansichtig, die so schrecklich sind, dass man sie sich freiwillig nur einmal anschauen würde. Etliche selbsternannte Popanze lassen dort und anderswo ihren diesbezüglichen Senf ab. In der Regel sind stets dieselben fünf, sechs transgressiven Filme darunter, denen seit ihrem Erscheinen der skandalöse Ruch des „Unmöglichen“ anhaftet, des ästhetisch aufgebrachten „Pfui!“ und des skandalösen Sensationalismus. Von „Threads“ habe ich vor einigen Jahren erstmals über eine dieser Listen etwas mitbekommen, eine Schande eigentlich. Nun ist „Threads“ kein Leinwand, sondern ein Fernsehfilm und dazu ein nicht sonderlich kostspielig produzierter. Und doch stellt Mick Jacksons Film in Bezug auf seine pure Wirkmacht (die natürlich stets ein reines Subjektivum ist) das Allermeiste an filmischem Schaffen in den Schatten. Ich habe mittlerweile von Menschen gelesen, die nach seiner Betrachtung in vorübergehende Angstzustände und depressive Episoden verfallen sind und von diversen, die ihn gar nicht bis zum Ende seiner eigentlich übersichtlichen 112 Minuten Laufzeit durchhalten konnten oder mochten. Für jeden von ihnen habe ich vollstes Verständnis. Sich „Threads“ in vollem Umfang auszuliefern kommt einem Anschlag auf sein Inneres, einer kulturmedialen Mutprobe gleich.
Warum ist „Threads“ kaum auszuhalten? Er verschwendet nur die notwendigste Zeit auf die Einführung seiner Protagonistin Ruth Beckett, die für den Rezipienten zum notwendigen, identifikatorischen Dreh- und Angelpunkt und narrativen Stellvertreter wird. Nach einem bereits kaum erträglichen Druckaufbau hinsichtlich der sich verschärfenden globalen Lage folgt dann der nukleare Holocaust. Von jetzt an gibt es nur noch Zerstörung, Leid, Schmerz und Tod, allumfassend, endgültig, in all ihren zerstörerischen Ausmaßen stets mittels sachlich fundierter Textafeln und ergänzender Off-Kommentare erläutert. „Threads“ veranschaulicht in diesem Zusammenhang auch trefflich die humane (und humanitäre) Vernetzung, die notwendig ist, um unsere Wohlstandexistenzen aufrecht zu erhalten. Sämtliche dieser buchstäblichen Fäden werden mit dem Fall der Bomben gekappt. Es gibt nichts mehr, kein soziales Gefüge, keine Nahrung, keinen Trost, keine Liebe, nurmehr den unbändigen, triebhaft reduzierten Willen des Individuums, die nächsten drei Stunden hinter sich zu bringen. Am allerwenigsten jedoch, und das ist vielleicht das Niederschmetterndste am Film, gibt es Hoffnung. Die Lage verschlimmert sich Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche. Die Erde wird dunkel, es wird kalt, alles fault, verwest, löst sich auf, zerfällt. Seuchen, Krankheiten, Schmutz und Hunger dezimieren die Menschheit weiter und weiter, ohne Unterlass. Es gibt kein Lächeln mehr, keine (emotionale) Wärme, nurmehr kurze funktionale Hilfsbeziehungen. Man kann nirgendwohin flüchten, denn überall auf der Welt ist es gleich. Und auch nach Jahren bessert sich nichts. Die ersten, kärglichen Geteideernten nachdem sie Sonne ihre UV-Strahlen wieder ungefiltert (die Ozonschicht ist irreparabel geschädigt) durchlässt, sind kaum zu gebrauchen. Die Nachgeborenen, so sie physisch gesund sind (wie – das einzige Wunder im allseitigen Nihilismus – Ruths Tochter Jane) erfahren keine tragfähige Bildung mehr und verständigen sich untereinander nurmehr in rudimentär gebabbelten Ein- bis Dreiwortsätzen. Und es wird nicht besser. Das Bild des in den Trümmern bei einem kurzen, spielerischen Akt mit einem Gleichaltrigen gezeugten Babys der dreizehnjährigen Jane enthält der Film uns vor. Es gibt keinen Laut von sich, vielleicht, hoffentlich, hat es die Gnade des Todes bereits ereilt. Janes entsetztes, zum horrifizierten Schreien ansetzendes Gesicht, als sie ihr Neugeborenes zum ersten Mal sieht, ist die letzte von vielen unvergesslichen Einstellungen.
Ich weiß nicht, warum „Threads“ so wenig bekannt ist. Was ich weiß, ist das sich das nicht nur ändern sollte, sondern muss. Jedem Regierungsbeamten weltweit sollte mit dem Tage der Gelobung seines Amtseides die Pflicht zuteil werden, sich diesen Film mindestens einmal pro Jahr anschauen zu müssen. Auch wenn sich dies für den Moment sehr blauäugig lesen mag: es würde unsere Welt, in der präsidiale Kraftmeierei en vogue ist wie seit 35 Jahren nicht mehr, vielleicht ein klein wenig sicherer machen.

10/10

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AQUAMAN

„Trust me, I am no king.“

Aquaman ~ USA/AU 2018
Directed By: James Wan

Ein Jahr nachdem „Aquaman“ Arthur Curry (Jason Momoa) als Teil des von Batman gegründeten Superheldenteams „Justice League“ den dunklen Gott Steppenwolf besiegen konnte, muss er sich der eigenen Vergangenheit als atlantischer Thronfolger stellen: Die standesgemäß mit Arthurs intrigantem Halbbruder Orm (Patrick Wilson), dem „Ocean Master“, verlobte Mera (Amber Heard) bittet Arthur, den Magischen Dreizack von Atlan ausfindig zu machen, die wesentliche Insignie, um die Königswürde als Herr von Atlantis zu garantieren. Jener befindet sich im schützenden Besitz der unterseeischen Entität Karathen. Aquaman und der ihm behilflichen Mera gegenüber steht in erster Instanz Orm, der plant, einen Krieg gegen das Oberflächenvolk zu führen, unerstützt von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias „Black Manta“, der Arthur für den Tod seines Vaters (Michael Beach) verantwortlich macht und einer Schar amphibischer Monsterwesen, den Trench.

Ein farbenfrohes, bisweilen in halluzinogene Sphären abdriftendes DCEU-Superheldenspektakel tischt James Wan dem geneigten Freund entsprechender Zerstreuung mit diesem ersten Post-„Justice League“-Werk auf. Wie schon ansätzlich jenes Teamwerk und auch Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“ folgt der nächste Soloauftritt eines DC-Helden einem bunteren, atmosphärisch aufgelockerten Kurs, der der existenzialistisch-dramatischen Schwermut der ersten beiden Zack-Snyder-Epen weitgehend einen Riegel vorschiebt und zu den Golden-, Silver- und Bronze-Age- Wurzeln der Gattung zurückgreift: Mit einem Hochmaß an Fabulierfreude, lustvoll-campigen Ausfällen, leuchtender Neongrelle und guter Laune kredenzt „Aquaman“ ein zumindest in Bezug auf seine Narration sehr traditionelles Fantasy-Abenteuer, das mit Bruderzwist, Romantik, Rache und güldenem MacGuffin die so ziemlich obilgatorischsten Elemente klassischer Genreunterhaltung beinhaltet. Jason Momoa als moderne „King Arthur“-Variante ist dabei trotz seiner phantastischen Herkunft und Fähigkeiten ein so kerniger, bodenständiger Superheld, wie es schon lange keinen mehr gab; ein erfrischend menschlicher, beinahe proletarischer Hauch umweht ihn, die (verbotene) Liebesfrucht eines Leuchtturmwärters (Temuera Morrison) und einer atlantischen Adelsdame (Nicole Kidman). Arthur Curry säuft gern mal einen in verlotterten Hafenkneipen, liebt seine fischigen Kumpels und kommt, anders als ein gesellschaftsentfremdetes Individuum wie Bruce Wayne, auch bei lautstarken Rockergangs gut an. Es gibt tolle Monster in Legionenquantität und ein spaciges Untersee-Orakel, eine Herausforderung zum Duell, zerstörungsintensive Unter- und Oberwasserfights und, zu guter Letzt, die Wiedervereinigung eines ganz süßen Liebespaars, dargeboten von einer Spitzenbesetzung. Gewiss, „Aquaman“ darf auf keinen Originalitätspreis hoffen und er ist so ziemlich das filmgewordene Gegenteil von allem, was man landläufig als sophisticated bezeichnen möchte, aber er hat mir an Ort und Stelle ein verdammt großes Kontingent an realem, infantilen Spaß eingebracht. Mehr verlange ich nicht von ihm.

8/10

FANTÔMAS

Zitat entfällt.

Fantômas ~ F/I 1964
Directed By: André Hunebelle

Der geniale, stets maskierte Superverbrecher Fantômas (Jean Marais) hat zwei erklärte Gegner: den ehrgeizigen, leider aber hoffnungslos überforderten Commissaire Juve (Louis de Funès) und den zynischen Journalisten Fandor (Jean Marais). An beiden rächt sich der brillante Erzschurke, indem er täuschend echte Masken ihrer Gesichter anfertigt und in diesen diverse Coups verübt. Erst als Juve und Fandor sich notgedrungen zusammenschließen, können sie Fantômas – vorübergehend – ins Schwitzen bringen.

Die Figur des „Fantômas“ geht zurück auf eine Serie von Trivialromanen der französischen Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain, die zunächst in den 1910er Jahren und später dann nochmal bis in die Sechziger hinein (von Souvestre allein verfasst) erschienen. Immer wieder wurde Fantômas im Kino und für das Fernsehen adaptiert, zuletzt 1980 als deutsch-französich coproduzierter TV-Vierteiler. Die möglicherweise populärste Version bildete zugleich die am wenigsten kongeniale: Zwischen 1964 und 1967 machte Fantômas im Zuge einer von André Hunebelle inszenierten Kriminalkomödien-Trilogie und als eine von Jean Marais in ikonischer blauer Maske gebener Art Kreuzung aus Dr. Mabuse und Bond-Überantagonist Louis de Funès das Leben schwer. Von den oftmals sadistischen Gewaltverbrechen des literarischen Vorbilds blieb hier faktisch nichts mehr übrig; vielmehr ging es um den kunterbunt und familiengerecht aufbereiteten Gegensatz des cholerischen Erzkomödianten und seiner Nemesis, die in ihrer lustvollen Überzeichnung eher etwas von den legionär erschienen, zeitgenössischen (Euro-)Spy-Filmen oder jenen pulpigen Schurkengeschichten, die der Brite Harry Alan Towers produzierte, mitbrachte. Natürlich muss ebenso Erwähnung finden, dass der ehedem höchst beliebte Abenteuerdarsteller Jean Marais stets in einer Doppelrolle antrat als Journalist Fandor und Fantômas, die immer wieder aneinandergeraten und sich bekriegen. De Funès fungierte (ebenso wie sein ebenfalls stets präsenter, vertrottelter Adlatus Jacques Dynam als Inspecteur Bertrand) eher als zusätzliches comic relief, das für nochmalige Auflockerung des ursprünglich finsteren Geschehens zu sorgen hatte. Kernstück dieses ersen „Fantômas“-Films von Hunebelle durfte, nach etwas gemächlichem Beginn, eine umfangreiche Verfolgungsjagd im Finaldrittel sein, in deren Zuge Fandor und Juve dem Tausendsassa-Ganoven per Auto, Motorrad, Zug und Rennboot stets dicht auf den Fersen sind, bis er ihnen doch noch entwischt (mit einem Mini-U-Boot). Ansonsten präserviert „Fantômas“ vor allem ein gepflegt-nostalgisches Amüsement, ohne, dass er je in den Verdacht geriete, sich zur Hochkultur aufzuschwingen. Als ob er das denn aber auch gewollt haben mochte.

7/10

US

„Who are you people?“ – „We’re Americans.“

Us (Wir) ~ USA/J 2019
Directed By: Jordan Peele

Der Sommerurlaub der vierköpfigen Familie Wilson im kalifornischen Santa Cruz bedeutet für Mutter Adelaide (Lupita Nyong’o) zugleich die Rückkehr in ein altes Vergangenheitstrauma: im Mai 1986, zur Zeit des „Hands Across America“-Charity-Events, stieß Adelaide als Kind in einem Spiegelkabinett des Freizeitparks am Strand von Santa Cruz auf eine exakte Doppelgängerin ihrer selbst, ein Erlebnis, das sie über längere Zeit apathisch und stumm zurückließ und von dem sie sich nur schwer erholte. Umso unwohler fühlt sie sich nun, da sie hierher zurückkehrt und würde am liebsten gleich wieder umkehren. Ein neuerlicher Ausflug in den Themenpark kostet Adelaide wiederum einiges an Nerven, da sie ihren Sohn Jason (Evan Alex) bereits kurz entführt glaubt. Doch es kommt noch viel schlimmer: Am Abend tauchen vier physiognomische, jedoch psychisch und geistig offenbar derangierte Ebenbilder der Wilsons in der Einfahrt ihres Sommerhauses auf und demonstrieren bald ihre gewalttätigen Absichten. Die Wilsons können sich zur Wehr setzen, doch der Albtraum betrifft nicht nur sie: Landesweit erscheinen überall ebenso gewaltbereite wie wahnsinnige Doppelgänger, die ihre Gegenstücke attackieren und hernach eine riesige Menschenkette bilden…

Der gegenwärtige, dystopisch gefärbte (Mainstream-)Horrorfilm transportiert politische und sozialkritische Dimensionen in einer Form, die dem Genre (mit Ausnahme von einzelnen Blitzlichtern wie „They Live“) seit den Achtzigern weitgehend abhanden gekommen zu sein schienen. Tragfähige Exempel dafür sind mittlerweile Legion: Jennifer Kents „The Babadook“ untersucht die psychologischen Erfordernisse des modernen Mutterdaseins, Jeremy Saulniers „Green Room“ exerziert die Auswüchse provinziellen Rassismus‘ durch, Fede Alvarez‘ „Don’t Breathe“ geht in die sozial desolierten Vorstädte, und die „The Purge“-Serie nimmt sich auf wenig subtile Weise der unterschwelligen Gewaltbereitschaft der Wohlstandsgesellschaft an.
Jordan Peele, dessen „Get Out“ bereits eine treffende Reflexion darüber bot, wie rigoros das weiße WASP-Establishment die afroamerikanische Kulturkraft anzapft und damit eine ganz moderne Form des privilegierten, rassistischen Parasitarismus lanciert, verleiht nun in „Us“ dem Subprekariat ein buchstäbliches Kollektivantlitz. Seine wiederum symbolträchtige Geschichte entwirft diesmal die (nicht immer ganz ausgegoren wirkende) Prämisse eine Langzeitexperiments der US-Regierung, in dessen Zuge von sämtlichen Bürgern der Staaten jeweils Klone erstellt wurde, die in einem unterirdisch ausgebauten Tunnelsystem ihr Dasein isoliert, weithin sich selbst überlassen und unter anarchischen Zuständen zu fristen haben. Ohne Sonnenlicht schlafen die Klone in Sälen mit Etagenbetten, erhalten Einheitskleidung, Wasser und Nahrung, die einzig und allein aus lebenden Stallkaninchen besteht. Mit der unfälligen Begegnung der kleinen Adelaide mit ihrem Gegenstück wird jedoch eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die rund 33 Jahre später eskaliert: Die Klone finden ihren Weg ins Freie und fordern ihr Recht ein, sich an die Plätze ihrer „normal“ lebenden Ebenbilder zu setzen. Darin eingebettet präserviert Peele zunächst ein klassisches Home-Invasion-Szenario, das im weiteren Verlauf mit den Versatzstücken des Zombiefilms (Flucht vor den „Besessenen“) hantiert, um dann ein paar mehr oder weniger sinnstiftende twists zu liefern. Dabei füttert Peele sein von ihm als popkulturbeflissen und diesbezüglich mündig vorausgesetztes Publikum mit diversen in-jokes und Reminiszenzen, die passabel bei Laune halten und zieht die Gewaltschraube nicht weiter an als unbedingt nötig. Zudem installiert er unzweideutige narrative Widerhaken als Reminder für ein potenzielles Sequel oder gar für ein kommendes Franchise, was in Anbetracht der eigentlich doch hinreichend auserzählten Geschichte um Adelaide und ihren Widerpart wiederum recht fragwürdig erscheint. Als Nachfolger zu „Get Out“ enttäuscht „Us“ somit nicht, schafft es andererseits jedoch auch ebensowenig, die Jordans Kinoerstling umspielende, rotzige Keckheit zu revitalisieren. So oder so: man freut sich bereits auf kommende Attraktionen dieses vielversprechenden Genre-Auteurs.

8/10

GLASS

„This was an origin story the whole time.“

Glass ~ USA 2019
Directed By: M. Night Shyamalan

Als der mittlerweile jahrelang incognito als „Overseer“ im Vigilantengeschäft tätige, mittlerweile verwitwete David Dunn (Bruce Willis), unterstützt von seinem Sohn Joseph (Spencer Treat Clark), auf den multipel gestörten Serienmörder Kevin Wendell Crumb (James MacAvoy) alias „The Horde“ aufmerksam wird und ihn kurz vor dessen nächster Schreckenstat stellt, werden beide gefasst, in in psychiatrische Sicherheitsverwahrung und dort unter die Obhut von Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) verfrachtet. Dort begegnet David auch seinem alten Widersacher Elijah „Mr.“ Glass (Samuel L. Jackson) wieder, der hier stark sediert und depressiv seine Tage fristet. Dr. Staple ist Expertin für scheinbar Größenwahnsinnige mit dem Hang, sich selbst als Superwesen oder Metamenschen zu betrachten und setzt sich zum Ziel, das Trio mithilfe gruppentherapeutischer Sitzungen vom Gegenteil zu überzeugen. Doch im brillanten Hirn hinter seinem nur vorgespielt lethargischen Blick gärt er bereits wieder bei Mr. Glass…

Nachdem M. Night Shyamalan mittels einem das Publikum aufjuchzen lassenden Epilog zuletzt bereits den Protagonisten seines nach wie vor schönsten Films „Unbreakable“ mit der Story von „Split“ koppelte, ließ sich bereits erahnen, was da kommen mochte. Nicht zuletzt die Tatsache, dass der im Jahr 2000 gestartete „Unbreakable“ die in den letzten zwei Dekaden zum maßgeblichen Blockbustersegment avancierte Superheldencomic-Adaption durch seine geschliffene Mythologiedialektik entscheidend vor- und mitbereitet hat, erschien ein Wiederaufgreifen des darin vorgestellten Ansatzes sinnvoll. In Kombination mit dem gegen Ende selbst phantastische Züge annehmenden „Split“ eine umso vielversprechendere Angelegenheit. Shyamalan feilt dann auch eifrig weiter an seinem ganz eigenen Superhelden-Universum und gibt Mittel und Wege für ein weiteres potenzielles Franchise vor, dessen serieller Charakter sich nach dem Ende von „Glass“ jedoch etwas fragwürdig gestaltet. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Geschichte abermals weitergehen kann und/oder wird. Der vorliegende Film begnügt sich indes (noch) damit, auf die gewaltigen CGI- und Materialschlachten aus MCU und DCEU zu verzichten. Kündigt sich durch Mr. Glass‘ massenmörderische Planungen bereits ein urbaner Showdown mit allerlei Kollateralschäden an, bleibt es dann doch bei einem einzigen aktionsbetonten Widerstreit der naturgewaltigen Übermenschen vor den Toren der psychiatrischen Klinik, an dem die jeweils wichtigsten Bezugspersonen der drei Antagonisten, also Dunns Sohn Joseph, die Crumb zuvor notgedrungen entkommene und nunmehr in bizarrer Beziehung zu ihm stehende Casey Cooke (Anna Taylor-Joy) und schließlich Elijahs Mutter (Charlayne Woodward), ebenso wie eine sich erst gegen Ende herausschälende, vierte Partei maßgeblich beteiligt sind. Zuvor nimmt sich Shyamalan abermals Muße und Gelegenheit, der kulturellen und literarischen Genealogie des Superheldencomics, seiner Wurzeln, Anfänge und Ausprägungen durch Glass‘ Analysen Raum zu geben und sich mit der (nur kurze Zweifel aufwerfenden) Frage nach dem Geisteszustand von Dunn, Crumb und Glass zu befassen. Ansonsten gehört dieser Film schon durch seine figuralen Erfordernisse eindeutig den „Bösen“, Bruce Willis/David Dunn ist eher Stichwortgeber und Nebenfigur, während MacAvoy abermals ausgiebig Gelegenheit erhält, seine multiplen Persönlichkeiten in oftmals rasanter Abfolge aufblitzen zu lassen und Jackson eben weiterhin den ebenso fragilen wie sinistren Strippenzieher zu geben hat.
Der Gesamteindruck ist durchaus gut, aber – leider? – nicht epochal.

7/10

ELIZABETH HARVEST

„We are, each of us, an eventual tragedy.“

Elizabeth Harvest ~ USA 2018
Directed By: Sebastian Guttierez

Henry (Ciarán Hinds) bringt seine junge, frisch geheiratete Ehefrau Elizabeth (Abbey Lee) zu seiner entlegenen, luxuriösen Villa. Die scheinbar recht simpel gestrickte Elizabeth fühlt sich von Henrys Intellekt, dem unübersichtlichen Haus und dem zweiköpfigen Personal, Haushälterin Claire (Carla Gugino) und dem blinden Oliver (Matthew Beard) gegenüber höchst befremdlich. Zudem erregt ein Kellerraum, dass sie nach Henrys Anweisungen keinesfalls betreten darf, ihr Misstrauen ebenso wie ihre Neugier. Als sie die Tür dann doch öffnet, beginnt ein alter Kreislauf aufs Neue…

Die mittlerweile siebente Regiearbeit des venezolanischen Filmemachers Sebastian Guttierez arbeitet mit kräftigen Primärfarben und sieht insofern besonders gut aus. Das Haus des geheimnisvollen Wissenschaftlers Henry, ein modernistisches, architektonisches Wunderwerk, das zudem als einziger Spielort fungiert, wird zudem als zusätzlicher Star inszeniert. Daraus lässt sich bereits schließen, dass „Elizabeth Harvest“ primär ein Film der Oberflächenreize ist, Zucker fürs Auge, im Gegenzug jedoch kaum emotional affizierend und den Zuschauer relativ gleichgültig auf Distanz haltend. Dabei glaube ich kaum, dass Gutierrez dies originär beabsichtigte; hinter dem ausgesprochenen, ästhetischen Chic seiner Regie probierte er als Autor ganz offensichtlich, eine mehrschichtige, symbolbeladene, existenzialistisch aufgefächerte Charakterstudie. Das eigentliche Wesen des Films jedoch, das im Kern eine wilde Melange darstellt aus Motiven des perraultschen „Blaubart“-Märchens, Shelleys „Frankenstein“, Redons „Les Yeux Sans Visage“ und so ziemlich allen Genrewerken, die um die verzweifelte Suche von Kunstmenschen nach ihrer Individualität kreisen, erscheint dafür allzu unverhältnismäßig campy und ausgefranst. Dieses doch sehr prägnante Ungleichgewicht verhindert, dass „Elizabeth Harvest“ ganzflächig überzeugt, obschon man ihm und seiner schönen Hauptdarstellerin durchaus gern zuschaut.

6/10

OVERLORD

„Welcome to France, boys.“

Overlord (Operation: Overlord) ~ USA 2018
Directed By: Julius Avery

Am 5. Juni 1944, dem Vorabend des D-Day respektive der „Operation Overlord“, soll eine kleine Schar alliierter Fallschirmjäger den Sonderauftrag ausführen, einen deutschen Störsender auszuschalten, der sich in der Kirche eines kleinen Provinzdorfs in der Normandie befindet. Nachdem bereits die nächtliche Landung einige Opfer gekostet hat, gelingt es vier überlebenden Soldaten, Corporal Ford (Wyatt Russell) und den Privates Boyce (Jovan Adepo), Tibbet (John Magaro), Chase (Iain De Castecker) und Dawson (Jacob Anderson), Kontakt zu der jungen Französin Chloe (Mathilde Ollivier) aufzunehmen, die die Männer in ihrem Haus versteckt. Doch in dem Dörfchen und insbesondere der Kirche geht es nicht mit rechten Dingen zu, wie Boyce, dem es gelingt, in das Tunnelsystem unterhalb des Gotteshauses zu gelangen, bald herausfindet: Der Nazi-Wissenschaftler Schmidt (Erich Redman) ist dort auf eine teerartige Substanz im Erdreich gestoßen, die, mittlerweile diversen unfreiwilligen Versuchspersonen injiziert, Schmidts Probanden zu ebenso wahnsinnigen wie superstarken Zombies mutieren lässt. Boyce und die anderen haben bald alle Hände voll zu tun, die SS und ihre Nazimonster aufzuhalten…

Aus J.J. Abrams‘ „Bad Robot“-Manufaktur stammt dieser gelungene Ansatz, dem Naziploitation-Genre abermals neues Leben einzuhauchen. Hitler, dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich wurde in der Trivialkultur im Grunde bereits seit den Tagen ihrer kläglichen Existenz (man denke nur an das ikonische Cover der ersten „Captain America“- Ausgabe von Timely Comics im März 1941, das den patriotisch gewandeten Superhelden zeigt, wie er dem Führer persönlich einen kräftigen Kinnhaken verabreicht und dessen lustvolle Realitätsverzerrung auch „Overlord“ präserviert)  immer wieder versucht, durch popkulturelle Überhöhungen beizukommen. Dies geschah in mal mehr, mal weniger akzeptabler Form, wobei häufig mad scientists und Okkultismus eine bedeutsame Rolle bei den phantastischer geprägten Exkursen der Gattung spielten. So erinnert „Overlord“ nicht von ungefähr an den erst sechs Jahre alten „Frankenstein’s Army“, in dem niemand Geringerer als der Enkel Dr. Frankensteins Monstersoldaten für die darbende Wehrmacht der letzten Kriegstage erschafft. Ganz so inhaltlich grotesk nimmt sich Julius Averys Film zwar nicht aus, seine Fabulierfreude entpuppt sich aber als dennoch ansteckend, zumal es im Zusammenhang mit den entseelten Kreaturen auch zu mancherlei deftigen Aufzügen kommt.
Das Ganze ist bei allem geschmäcklerischen Wagemut (der freilich wiederum gar nichts ist im Vergleich zu den italienischen Kloppern aus den Siebzigern von Sergio Garrone, Bruno Mattei oder Mario Caiano) zudem überaus sauber und enthusiastisch gefertigt, so dass es bei einer gekonnt aufgerichteten Spannungskurve allenthalben für diverse kinetische, actionreiche Sequenzen reicht. Wenn Nazis plattgemacht werden, dann ist das ja sowieso immer was Schönes und Avery hat seine diesbezüglichen Lektionen ausgiebig gelernt.

8/10