OVERLORD

„Welcome to France, boys.“

Overlord (Operation: Overlord) ~ USA 2018
Directed By: Julius Avery

Am 5. Juni 1944, dem Vorabend des D-Day respektive der „Operation Overlord“, soll eine kleine Schar alliierter Fallschirmjäger den Sonderauftrag ausführen, einen deutschen Störsender auszuschalten, der sich in der Kirche eines kleinen Provinzdorfs befindet. Nachdem bereits die nächtliche Landung einige Opfer gekostet hat, gelingt es vier überlebenden Soldaten, Corporal Ford (Wyatt Russell) und den Privates Boyce (Jovan Adepo), Tibbet (John Magaro), Chase (Iain De Castecker) und Dawson (Jacob Anderson), Kontakt zu der jungen Französin Chloe (Mathilde Ollivier) aufzunehmen, die die Männer in ihrem Haus versteckt. Doch in dem Dörfchen und insbesondere der Kirche geht es nicht mit rechten Dingen zu, wie Boyce, dem es gelingt, in das Tunnelsystem unterhalb des Gotteshauses zu gelangen, bald herausfindet: Der Nazi-Wissenschaftler Schmidt (Erich Redman) ist dort auf eine teerartige Substanz im Erdreich gestoßen, die, mittlerweile diversen unfreiwilligen Versuchspersonen injiziert, Schmidts Probanden zu ebenso wahnsinnigen wie superstarken Zombies mutieren lässt. Boyce und die anderen haben bald alle Hände voll zu tun, die SS und ihre Nazimonster aufzuhalten…

Aus J.J. Abrams‘ „Bad Robot“-Manufaktur stammt dieser gelungene Ansatz, dem Naziploitation-Genre abermals neues Leben einzuhauchen. Hitler, dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich wurde in der Trivialkultur im Grunde bereits seit den Tagen ihrer kläglichen Existenz (man denke nur an das ikonische Cover der ersten „Captain America“- Ausgabe von Timely Comics im März 1941, das den patriotisch gewandeten Superhelden zeigt, wie er dem Führer persönlich einen kräftigen Kinnhaken verabreicht und dessen lustvolle Realitätsverzerrung auch „Overlord“ präserviert)  immer wieder versucht, durch popkulturelle Überhöhungen beizukommen. Dies geschah in mal mehr, mal weniger akzeptabler Form, wobei häufig mad scientists und Okkultismus eine bedeutsame Rolle bei den phantastischer geprägten Exkursen der Gattung spielten. So erinnert „Overlord“ nicht von ungefähr an den erst sechs Jahre alten „Frankenstein’s Army“, in dem niemand Geringerer als der Enkel Dr. Frankensteins Monstersoldaten für die darbende Wehrmacht der letzten Kriegstage erschafft. Ganz so grotesk nimmt sich Julius Averys Film zwar nicht aus, seine Fabulierfreude entpuppt sich aber als dennoch ansteckend, zumal es im Zusammenhang mit den entseelten Kreaturen auch zu mancherlei deftigen Aufzügen kommt.
Das Ganze ist bei allem geschmäcklerischen Wagemut (der freilich wiederum gar nichts ist im Vergleich zu den italienischen Kloppern aus den Siebzigern von Sergio Garrone, Bruno Mattei oder Mario Caiano) zudem überaus sauber und enthusiastisch gefertigt, so dass es bei einer gekonnt aufgerichteten Spannungskurve allenthalben für diverse kinetische, actionreiche Sequenzen reicht. Wenn Nazis plattgemacht werden, dann ist das ja sowieso immer was Schönes und Avery hat seine diesbezüglichen Lektionen ausgiebig gelernt.

8/10

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VENOM

„The way I see it… we can do whatever we want. Do we have a deal?“

Venom ~ USA/RC 2018
Directed By: Ruben Fleischer

Nachdem der in San Francisco tätige Enthüllungsjournalist Eddie Brock (Tom Hardy) es wagt, den Pharma-Magnat Carlton Drake (Riz Ahmed) auf dessen möglicherweise stattfindenden Versuche an unfreiwilligen menschlichen Probanden anzusprechen, ist er prompt Job, Wohnung und Freundin los. Brock ahnt nicht, dass Drake, der auch ein Weltraumprogramm finanziert, sogar außerirdische Parasiten in seinen Labors beherbergt, von denen einer bereits flüchten konnte. Nachdem Carltons Mitarbeiterin Dr. Skirth (Jenny Slate) das schlechte Gewissen umtreibt, wendet sie sich an Brock, der nachts in Carltons Firma eindringt und sich mit einem der Symbionten namens „Venom“ infiziert. Das aggressive und überaus hungrige Wesen verbindet sich mit Brocks Körper und verleiht ihm neben irrationalen Verhaltensweisen auch Superkräfte. „Riot“, der entflohene und noch sehr viel bösartigere und mächtigere Symbiont, kehrt derweil zu Carlton zurück und verbindet sich mit diesem. Es kommt zum Duell der Superwesen um keinen geringeren Preis als die Erde selbst.

Der abseits der MCU-Continuity bei Sony entstandene „Venom“ greift eine vor über dreißig Jahren einfgeführte Figur aus der „Spider-Man“-Serie auf, die ihr eigentliches Leinwanddebüt bereits im letzten Teil der Raimi-Trilogie erlebt hatte. Der mittlerweile wieder in Marvels Filmschoß zurückgekehrte Peter Parker kommt im neuen Film erwartungsgemäß nicht mehr vor, was zugleich auch eine modifizierte origin für Venom verlangt: Hier trifft der außerirdische Symbiont ohne Umwege auf seinen künftigen Wirt Eddie Brock. Es gilt, sich zunächst einander anzunähern, was freilich nicht ohne diverse Gewöhnungsturbulenzen von Statten geht. Der mit einigem Appetit auf menschliche Köpfe gesegnete Venom entpuppt sich nämlich nicht nur als ein ziemlich instinktgesteuerter Rüpel mit diversen unschönen Manieren, sondern zudem noch als ziemlich schlagfertig. Nach den üblichen Startschwierigkeiten ergeben Brock und sein innerer Partner wider Willen jedoch ein tatkräftiges Team, das auch mit unwägbarsten Schwierigkeiten fertig wird.
Dass eine Figur aus der dritten Reihe wie „Venom“, zudem eher ein Antiheld und eigentlich nicht auf Anhieb das, was dem unbedarften Superheldencomicapologeten als verfilmungstauglich in den Sinn käme, den großbudgetierten Sprung auf die Leinwand schaffte, ist ein Indiz für die Möglichkeiten, die die kommerziellen Erfolge des MCU mittlerweile eröffnen. Entsprechend der in der Regel grobschlächtigen Storys um das gezeichnete Vorbild ist Fleischers Film dann auch von eher schlichtem Gemüt; er begreift sich ganz als launiges Spaßprodukt ohne den Ballast ambitionierter Kontinuitätspflege und steht damit mental besehen eher in der preisgünstigen Sense-of-Wonder-Tradition der frühen bzw. kleineren Superheldenfilme im „Batman“-Nachhall der Frühneunziger, wie etwa Albert Pyuns „Captain America“.
Dass und ob Venom ein Marvel-Charakter ist, spielt im Grunde ferner keine eminente Rolle für den Film. Er begnügt sich mit seiner bewusst naiven Agenda, die eben vorsieht, dass gierige außerirdische Parasiten sich mit Menschen verbünden und ihre brachialen Streitigkeiten danach CGI-gespickt in und um San Francisco austragen. Das Ganze kostet entsprechend Holz und sieht in seiner rechnergenerierten Kinetik mal besser, mal weniger gut aus. Leider verdirbt das PG-13-Rating die schönen, durchaus blutigen Versprechungen, die der Plot immer mal wieder macht, aber dann nicht einlösen darf. Da waren die Jungs von der Fox schon mutiger.

7/10

THE PREDATOR

„They’re large, they’re fast, and fucking you up is their idea of tourism.“

The Predator (Predator – Upgrade) ~ USA/CA 2018
Directed By: Shane Black

Während eines Einsatzes in Mexiko gerät Army-Sniper Quinn McKenna (Boyd Holbrook) an einen ebenfalls vor Ort befindlichen Predator. Mit mehr Glück als Verstand gelingt es McKenna, das Alien außer Gefecht zu setzen und ihm einige Ausrüstungsgegenstände abzunehmen. Diese verschickt McKenna in weiser Voraussicht an seine in einer US-Kleinstadt lebende Familie, Frau Emily (Yvonne Strahovski) und Sohnemann Rory (Jacob Tremblay), der gleichsam hochintelligent ist und unter dem Asperger Syndrom leidet. Derweil wird der eigens zur Predator-Beobachtung abgestellte Agent Will Traeger (Sterling K. Brown) auf McKenna und den von ihm kaltgestellten Fremden aufmerksam. Die eilends hinzugezogene Casey Brackett (Olivia Munn) kann ihr Glück, eine außerirdische Spezies untersuchen zu dürfen, kaum fassen. Während der flüchtige McKenna gefasst und mit einigen anderen Militärhäftlingen verlegt wird, kann der gefangene Predator fliehen. Es findet sich jedoch noch ein weiterer, durch Genmanipulation mutierter Außerirdischer ein, der seinen Artgenossen tötet und Jagd auf McKenna und Sohn Rory macht. Offenbar sind die beiden im Besitz von etwas, dessen sie nicht habhaft sein sollten…

Die sich nur anscheinend etwas kompliziert ausnehmende Synopsis von Shane Blacks jüngster Regiearbeit sollte keinen falschen Eindruck vermitteln: „The Predator“ dürfte einserseits zwar den bis dato blutigsten, andererseits allerdings zugleich den humorigsten Eintrag in dem bisher (zählt man die beiden Crossover mit) sechs Filme umfassenden Zyklus um die illustren außerirdischen Jäger abgeben. Wie es so des Regisseurs Art ist, besteht das von ihm selbst und Fred Dekker dem Film zugrunde gelegte Script gleichsam aus explosiven Actionsequenzen und einer selbst für Blacks zunehmend anarchische Verhältnisse rückhaltlosen Kaskade aus Sprüchen und Gags, von denen sich aber diverse leider auf halbgarer Ebene verflüchtigen. So nimmt sich „The Predator“ primär als ein weiterer Beitrag zur gegenwärtig angesagten Achtziger-Retro-Welle aus: Black, der ja bekanntlich einst selbst in John McTiernans maßgeblichem Original als Hawkins – Söldner, Lieferant schmutzig-misogyner Witzchen und erstes Opfer des Predator – auf der Seite der „Guten“ angetreten war und sich hernach vor allem als Drehbuchautor einen Namen machen konnte, arbeitete hier erstmals seit „The Monster Squad“ wieder mit seinem alten Kumpel Dekker zusammen. Offenbar haben die beiden Jungs noch einen ganz ähnlichen Schalk wie vor rund dreißig Jahren im Nacken, denn „The Predator“ dürfte vor allem Kids viel Freude bereiten oder noch viel mehr Solchen, die auch nach drei Dekaden noch umweglos ihre einstige Jungpersona zu reaktivieren vermögen. Als ernsthaftes Genrestück in der Tradition der ersten beiden „Predator“-Filme von McTiernan und Hopkins sollte man Blacks Schwank jedenfalls nicht in Empfang nehmen, sondern vielmehr als herzhaft-kurzweiligen Spaß, dessen R-Rating-Effekte abseits seines kindlichen (Mit-)Protagonisten, dem im späteren Plotverlauf eine unerwartete Zentralfunktion zukommt, recht genüsslich und in übertriebenem Maße zelebriert werden. Den Dreieinhalb-Meter-Super-Riesen-Predator und seine (in abgewandelter Form aus dem ’10er-Film von Nimród Antal bekannten) Schoßhunde als eminente Bedrohung ernstzunehmen, entbietet sich jedenfalls als nahezu unmöglich und auch die multipel eingestreuten, komisch konnotierten Reminiszenen an die bisherige Filmhistorie der Monster verhindern recht zielsicher, dass „The Predator“ sich jemals dem Verdacht etwaiger Ernsthaftigkeit aussetzen könnte. Er ist dann doch vielmehr ein grobschlächtiges Spaßprodukt, dem man aufgrund seiner deftigen, mit entwaffnendem Selbstverständnis zelebrierten Infantilität kaum ernsthaft böse sein mag.

6/10

THX 1138

„Work hard, increase production, prevent accidents and be happy.“

THX 1138 ~ USA 1971
Directed By: George Lucas

In der Zukunft: Die Menschen leben in einem straff organisierten, unterirdischen Gesellschaftssystem. Durch den gänzlichen Verzicht auf Kunst, Literatur und selbst auf identitätsstiftende Merkmale oder Persönlichkeitsentfaltung (jeder Name besteht aus drei Buchstaben und vier Ziffern) ist höchste Effizienz gewährleistet: Man existiert nurmehr, um zu funktionieren. Die Vergabe von Psychopharmaka stellt jedermann ruhig. Als der Arbeiter THX 1138 (Robert Duvall) sich in seine Wohngenossin LUH 3417 (Maggie McOmie) verliebt, wird er zum Sicherheitsrisiko. Man sperrt ihn, nachdem seine „Entrückung“ immer akuter wird, zu anderen „Unangepassten“. Gemeinsam mit SEN 5241 (Donald Pleasence), zuvor THX‘ Vorgesetzter und letztlich sein Denunziant, der wegen illegaler Systemmanipulation ebenfalls weggesperrt wurde, versucht THX der Haft zu entfliehen. Ein lebendig gewordenes Hologramm namens SRT (Don Pedro Colley) weist ihnen schließlich den Weg zum Ausgang aus der Sicherheitsquarantäne. Nach einer halsbrecherischen Flucht, in deren Verlauf SEN gefasst wird und THX erfährt, dass LUH tot ist, derweil ihr gemeinsam gezeugter Fötus unter strenger Beobachtung steht, gelingt es dem Flüchtigen, trotz aller Warnungen an die Oberfläche zu gelangen.

George Lucas‘ albtraumhafte Dystopie, so anders als seine spätere Affination für kommerzträchtige Pulpstoffe, markiert gleichermaßen sein Langfilmdebüt wie auch die zweite Produktion von von ihm selbst und Francis Ford Coppola gegründeten Studios American Zoetrope, eines wesentlichen Eckpfeilers von New Hollywood. Der Flop des in mancherlei Hinsicht durchaus sperrigen Werks an den Kinokassen veranlasste den zuvor ohnehin nur unter größten Komplikationen und mancherlei Finten gewonnenen Produktionspartner und Verleiher Warner Bros. hernach umgehend, den zuvor eingestielten Vertrag über mehrere Filme mit Zoetrope aufzukündigen. Auch für Lucas bedeutete diese Adaption seines eigenen, noch zu USSC-Zeiten entstandenen Kurzfilms  „Electronic Labyrinth: THX 1138 4EB“ eine kreative Zäsur: Der spätere Mogul musste auf recht harsche Weise lernen, dass schöpferische Eigenwilligkeit und finanzieller Erfolg nicht a priori einhergehen. Dabei ist „THX 1138“ ein in vielerlei Hinsicht wegweisender Film für sein (Sub-)Genre, nämlich das des dystopischen Science-Fiction-Films, und dessen mannigfaltige Auswüchse im Folgejahrzehnt. Hatte die Idee des totalitären Überwachungsstaats und der systematischen Entindividualisierung als grauenerregende Schreckensvisionen aus den weltgeschichtlichen Erfahrungen zwischen Kommunismus, Faschismus und Diktaturen heraus in der Literatur, so bei Orwell, Bradbury oder Huxley, bereits eine längere Tradition, verhielt sich dies auf Filmebene noch anders. Wenn hier von Zukunft berichtet wurde, dann in der Regel wahlweise in Form von utopischer technologischer Reife in der Weltraumfahrt oder von nuklearem Holocaust und verwüsteter Erde nebst Monstern und Mutanten, auf traditioneller B-Film-Ebene also. Ausnahmen bildeten die frühen Verfilmungen der erwähnten Romane.
Der wabernde, stellenweise bewusst unübersichtlich gestaltete und bewusstseinsverschleierte Duktus von „THX 1138“ jedoch wählte zumindest medienspezifisch betrachtet einen weithin innovativen Ansatz: Ob die Gesellschaft infolge eines weiteren Weltkriegs so lokal und existenziell eingeschränkt leben muss wie im Film, wird ebensowenig expliziert wie ein allgemeines „Warum“; allgemein ersichtlich ist lediglich, dass die furchtbar reduzierte Welt dieses Films, die nurmehr das bloße Überleben unserer Spezies unter streng funktionalistischen Konditionen und Prinzipien kennt, keinen reellen Lebenswert mehr beinhaltet. Flugs nachgeschobene Werke wie Michael Campus‘ „Z.P.G.“ oder Michael Andersons „Logan’s Run“ griffen den von Lucas wesentlich entwickelten Denkansatz auf und raffinierten ihn weiter, wahlweise in Richtung Bevölkerungskontrolle oder weltweiter Altersbeschränkung, Themen, die in der von der Energie- und Ressourcenkrise der siebziger Jahre durchgeschüttelten Welt unter höchster Besorgnis eruiert wurden. Lucas‘ wüstem, wütendem und zweifelsohne von dem unbändigen Hunger des Jungregisseurs profitierenden Achtungsstück kommt somit vor allem eine ganz wesentliche filmhistorische Dimension zu.

8/10

THE FLY II

„You can’t walk… and you’re getting worse…“ – „I’m getting… better!“

The Fly II (Die Fliege II – Die Geburt einer neuen Generation) ~ USA 1989
Directed By: Chris Walas

Als die Journalistin Veronica Quaife (Saffran Henderson) schließlich doch noch das Kind des auf fürchterliche Weise getöteten, mutierten Wissenschaftlers Seth Brundle zur Welt bringt, stirbt sie gleich nach der Geburt. Doch die scheinbare Monsterbrut entpuppt sich als sehr menschliches Kind, dass binnen fünf Jahren, abgeschottet von der Außenwelt und unter Laborbedingungen zu einem höchst intelligenten, jungen Mann namens Martin (Eric Stoltz) heranwächst. Doch Martin Brundles vermeintlich fürsorglicher Pflegevater, der Konzernchef Anton Bartok (Lee Richardson), hat nur den schnöden Profit im Sinn, den er sich von dem ungewöhnlichen Jungen und vor allem von dessen Weiterarbeit an den Teleportationsexperimenten seines Erzeugers verspricht. Als Martin sich in seine Mitarbeiterin Beth (Daphne Zuniga) verliebt und ihm bald der weitere Kontakt mit ihr verwehrt wird, deckt er endgültig Bartoks wahre Intentionen auf und eine wohlbekannte Verwandlung beginnt sich seiner zu bemächtigen.

Nach dem mittlerweile zum ungezählten Male wiederholten Hochgenuss von David Cronenbergs „The Fly“-Remake überkam mich die spontane Lust, mir nach bestimmt 25 Jahren einmal wieder Chris Walas‘ Sequel, die erste von zwei Regiearbeiten des brillanten S-F/X-Wiz, anzuschauen.
Zunächst lässt sich wohl festhalten, dass die Fortsetzung von der bloßen inhaltlichen Weiterspinnung in keiner Art und Weise an dem Vorbild und seiner hinlänglich bekannten, metaphilosophischen Meditationsebene messen lässt. Walas schwenkt vielmehr gleich zu Beginn radikal hinüber in Richtung hausbackenes Achtziger-Genrekino, das, von einigen Schrecksekunden zu Beginn abgesehen, im ersten Drittel wie ein zeitgemäßer SciFi-Film für ein eher junges Publikum wirkt und in di8esem Zusammenhang vornehmlich an Selbstfindungsgeschichten wie Simon Wincers „D.A.R.Y.L.“ erinnert. Dann folgt die bittere Zäsur, jener grausige Moment mit dem infolge eines missglückten Teleortationsversuchs furchtbar entstellten Laborhund, den Martin erst zwei Jahre später noch immer lebend vorfindet und von seinen Qualen erlösen muss. Diese eine Szenenklammer hatte schon damals und hat noch immer eine höchst transgressive, kaum erträgliche Wirkung auf mich und steht (befremdlicherweise) in keinem emotionalen Verhältnis zum Rest des Films. Vielleicht ist es gerade deshalb gut, dass es sie gibt – ich bin mir da nach wie vor nicht ganz schlüssig.
Gegen Ende jedenfalls dann, als Martins seit eh und je prognostizierte Mutation einsetzt und ihn nurmehr der Gedanke an Rache umtreibt, lässt Walas alle zuvor greifende Zurückhaltung fallen und holzt make-up-mäßig drauf los als gäbe es kein Morgen. Anders als ehedem bei Vater Seth, den mit dem Fliegengenom auch der animalische Wahnsinn befällt, ist Martins Agenda jedoch eine bestens nachvollziehbare und verständliche, wie auch sein trotz des monströsen Äußeren sehr gerissenes Kalkül beweist, das ihm selbst ein humanes Happy End und Hundsfott Bartok ein übles Schicksal als schleimiges Etwas (wie einst dem von ihm am Leben gehaltenen Hund) verheißt. Zuvor darf Brundlefliege junior jedoch noch einige von Bartoks Mitarbeitern aufs Übelste verunstalten, was Walas dann zu seinem wahren Leisten verhilft, obgleich auch die detailliert vorgeführten Splattersequenzen den Wirkungsgrad von jenen des „Originals“ völlig verfehlen.

6/10

IT COMES AT NIGHT

„You can’t trust anyone but family.“

It Comes At Night ~ USA 2017
Directed By: Trey Edward Shults

Nachdem die Menschheit von einer viralen Pandemie dezimiert wurde, verschanzen sich die Eheleute Paul (Joel Edgerton) und Sarah (Carmen Ejogo) gemeinsam mit Teenager-Sohnemann Travis (Kelvin Harrison Jr.) und Hund Stanley in einem sorgsam präparierten Haus im Wald. Sarahs Vater (David Pendleton), der sich infiziert hatte, musste just erlöst und verbrannt werden.
Als ein Fremder namens Will (Christopher Abbott) auf der Suche nach Vorräten auftaucht, gewährt Paul ihm, seiner Frau Kim (Riley Keough) und ihrem kleinen Sohn Andrew (Griffin Robert Faulkner) Unterschlupf. Nachdem die beiden Familien zunächst ein funktionales Miteinander aufbauen können, erwachsen dann doch Sorge und Misstrauen. Zunächst scheinen Wills Geschichten von „früher“ sich als Lügen herauszustellen, dann sieht Travis des Nachts, dass der schlafwandelnde Andrew den Sicherheitsbereich des Hauses verlassen und vermutlich Kontakt zum mittlerweile ebenfalls verseuchten Stanley hatte. Aus dem schwelenden Konflikt wird offene Feindschaft…

Die psychisch und physisch unvergleichlich herausfordernde Extremsituation der in der jüngeren Popkultur mittlerweile so oft heraufbeschworenen Abenddämmerung der Menschheit infolge eines sie dahinraffenden Virus oder einer Seuche verschafft „It Comes At Night“ lediglich die äußere Prämisse für sein eigentliches Drama, den Konflikt zweier Familien, die um jeden Preis überleben möchten und darüberhinaus aller weiteren Menschlichkeit entsagen. Ich habe ein paar witzige User-Kommentare gelesen, die mit der vergleichsweise unkonventionellen Verhandlung des Topos überhaupt nicht zurechtgekommen sind. Was denn da wohl bitte in der Nacht käme wurde da gefragt und moniert, dass man weder Zombies noch verunstaltete Seuchenopfer zu sehen bekäme. Außer, dass die Opfer wohl nach und nach Verstand und Seele einbüßen sowie einen verklärten und Beulen bekommen, lässt sich dann auch nichts weiter sagen. Die Tatsache jedoch, dass sie durch vorm natürlichen Exitus per Kopfschuss getötet und hernach verbrannt werden, lässt recht eindeutige Rückschlüsse auf ihr postmortales Schicksal zu. Mehr will und muss „It Comes At Night“ dazu auch gar nicht sagen. Protagonist ist der intelligente und sensible Jugendliche Travis, phantastisch gespielt von einem sehr starken Kelvin Harrison Jr., der sich in seiner nicht nur lebens-, sondern vor allem auch altersfeindlichen Umwelt zurechtfinden muss. Unweigerlich gekettet an seine Eltern bleiben ihm die üblichen Vorzüge seiner Generation versagt, peer groups, Freunde, erste Romanzen, das Leben selbst – all das bleibt ihm versagt. Was ihm lieb und teuer ist, stirbt weg oder verlässt ihn; zunächst der Großvater, dann Hund Stanley. Albträume suchen ihn des Nachts heim, über die er sich mit keinem austauschen kann und auch seine geheimen, erotischen Sehnsüchte bleiben unerfüllt. Dass mit ihm am Ende auch der Lebenswillen seiner Eltern erlischt, macht den Film dann endgültig zu einem probaten, mentalen Nachfolger und Geistesbewahrer von Romeros „Day Of The Dead“: Es sind nicht etwa die Zombies, die das mikrokosmische Inferno entfachen, sondern die Lebenden, die der Existenz am Abgrund nicht gewachsen sind – oder ihm vielleicht gar nicht gewachsen sein wollen.

8/10

AVENGERS: INFINTY WAR

„You should have gone for the head.“

Avengers: Infinty War ~ USA 2018
Directed By: Anthony Russo/James Russo

Für seinen Infinity-Handschuh, der ihm vollbesetzt göttliche Allmacht verliehe und es ihm möglich machte, sein Vorhaben betreffs einer Sanierung des gesamten Universums zu realisieren, fehlen dem wahnsinnigen Titanen Thanos (Josh Brolin) noch vier der sechs Ewigkeitsjuwelen: Der Zeitstein, der im Besitz des Okkultisten Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ist, der Gedankenstein, der dem Androiden Vision (Paul Bettany) seine menschliche Seele und damit zugleich seine Existenz verleiht, der Realitätsstein, den der außerirdische Artefaktesammler Collector (Benicio Del Toro) verwahrt und schließlich der Seelenstein, den der auf dem Planeten Vormir gestrandete Red Skull (Ross Marquand) unter Bewachung hält. Gemeinsam mit seinen Vasallen, der „Black Order“, den monströsen Outriders, und seiner mit jedem eroberten Stein anwachsenden Macht über Raum, Zeit und Realität, gelingt es Thanos, trotz der vereinten Gegenwehr der Avengers und der Guardians Of The Galaxy, sämtliche Juwelen in seinen Besitz zu bringen und seinen irrwitzigen Plan, die Hälfte aller Lebewesen des Kosmos zu beseitigen, um diesen vor sich selbst zu schützen, in die Tat umzusetzen.

Dieses gewaltige filmlogistische Unterfangen, das gemeinsam mit seinem kommenden Nachfolger zugleich Höhepunkt und Abschluss der ersten, nunmehr dreizehn Jahre andauernden und zwanzig Kinofilme umfassenden MCU-Phase zugleich krönen und abschließen soll, erfüllt die vielerorts an es gestellte, hohe Erwartungshaltung durchaus behende. Die stille Prämisse, dass in dem Superhelden-Clash die meisten der bislang vorgestellten Charaktere ein Plätzchen bekommen, konnten die Russo-Brüder, die zuvor bereits mit zwei „Captain America“-Filmen unter Beweis stellen konnte, dass sie derart herausfordernde Unternehmungen zu stemmen im Stande sind, weitgehend einlösen. Da der jüngste „Ant-Man“-Film und die eigentliche MCU-Nr.-20 sich den Ereignissen in „Infinity War“ leider erst in den end credits untermengt, ist eben der Kontinuität geschuldet, hat allerdings zur Folge, dass Scott Lang und seine Freunde in diesem Film noch keinen Platz bekommen konnten. Umso bedauerlicher fand ich es, dass man nicht die sich bietende Chance genutzt und das street level der Web-Serials in „Infinity War“ berücksichtigt hat. Aber das bin nur ich. Wenn diese überkandierte, halluzinogene Wundertüte der Russos ein -vermeintliches – Problem hat, dann ist es ohnehin seine mehr oder weniger zwangsläufig in die Episodenhaftigkeit dividierende Struktur. Hätte sich überhaupt da noch eine weitere Ebene einflechten lassen, in der Netflix-Defenders räudige Monsteraliens vermöbeln? Der Film müsste dann mindestens noch eine halbe Stunde länger sein. Doch halt – genau so verfahren die klassischen Comics (und auf einem von denen basiert „Infinity War“ schließlich) ja auch: Kleinere Teamabspaltungen versuchen, Pars-Pro-Toto-Probleme an unterschiedlichen Orten zu lösen. So war das früher nunmal, als ausgeflippte, hippieeske Visionäre wie Jim Starlin noch ihre überbordende New-Age-Phantasie mit Superhelden-Universen kreuzen durften. Und wer dann noch bemängelt, dass der Film ja gar kein wirkliches Ende hat, sondern mittels eines cliffhangers auf seinen von Anfang an avisierten Nachfolger verweist, der hat sowieso nichts kapiert.
Ich habe als Filmfreund ja immer das – zugegebenermaßen leicht neurotisch angehauchte Problem, mich als ausgesprochener Liebhaber des MCU permanent rechtfertigen zu müssen; im Alltagsdialog, gegenüber Freunden, dem cinephilen Netzwerk auf Facebook, manchmal, in schwachen Momenten, sogar vor mir selbst. Wer das Kino liebt, der, so scheint mir, muss das MCU schon aus Prinzip belächeln, langweilig, einfallslos, infantil und dumm oder gar verwerflich finden, verachten, oder kurz: hassen. Es fällt selbst mir, dem Fels in der Brandung, tatsächlich leichter, gängige Negativattribute zu bfinden und aufzuzählen. Die Crux ist ja offensichtlich, immerhin walzt hier vor allem eine ungeheure Geldmaschinerie vor sich her, ein kommerzieller Fliegenvorhang, der der gesamten Mainstream-Kinolandschaft seinen unausweichlichen Stempel aufdrückt. Neue Franchises schießen überall wie Pilze aus dem Boden, auch andernorts werden Handlungsbögen gespannt, narrative Pseudo-Komplexitäten zwangsetabliert, die natürlich niemals auch nur annähernd den monströsen Background von sechs Jahrzehnten Comic- und, ja, Literaturhistorie aufwiegen könnten. Das kann kein „Star Trek“ und kein „Star Wars“ und auch nichts sonst. Und vor allem das DCEU versagt weiterhin kläglich und macht, zumindest, was seine ins Leere laufenden Bemühungen anbelangt, dem filmischen Ideenpool von Marvel das Wasser zu reichen, alles falsch, was man nur falsch machen kann. Das MCU jedoch stemmt sein Erbe ungebrochen weiter und gehört mit all seinen Ausläufern für mich, und jetzt apologisiere ich schon wieder fleißig, obwohl ich’s mir doch schenken wollte, weiterhin zum Schönsten, Strahlendsten und Erfreulichsten, was ich Zeit meines Lebens an filmischer Emission erleben durfte. Hier fühle ich mich immer wieder wie zu Hause und, was fast noch wichtiger ist, gut dort angekommen. Möge das MCU noch lange Bestand haben und weiterhin so bunte Blüten treiben. Ich werde mich ebenso tapfer an deren Liebreiz erfreuen, und wenn ich mich damit noch so wenig ernstgenommen fühlen muss.

9/10