DON’T LOOK UP

„Shit’s all fucked up. Don’t forget to like and subscribe.“

Don’t Look Up ~ USA 2021
Directed By: Adam McKay

Durch Zufall entdecken die beiden Astronomen Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) und Randall Mindy (Leoardo DiCaprio) einen Kometen, der in rund sechs Monaten auf die Erde prallen und dessen Einschlag hier annäherend sämtliches Leben auslöschen wird. Die ebenso pr-geile wie intellektuell eingeschränkte US-Präsidentin Orlean (Meryl Streep) und ihr Stab zeigen sich von der apokalyptischen Hiobsbotschaft wenig beeindruckt, immerhin gilt es just, einen innerpersonellen Skandal auszubügeln. Auch der daraufhin eingeschlagene Weg, die Öffentlichkeit über eine populäre TV-Talkshow aufzurütteln, verpufft sang- und klanglos – die Leute interessieren sich sehr viel mehr für die Beziehungskrise eines prominenten Musikerpärchens (Ariana Grande, Kid Cudi). Als sich Wochen später die zerstörerische Existenz des mittlerweile nach seiner Erstsichterin Diabiasky getauften Kometen zumindest vulgärwissenschaftlich doch nicht mehr leugnen lässt, tut das Gros der Menschheit, was es eben so tut im Angesicht unverrückbarer Tatachen – leugnen, protestieren, ausweichen, verleumden, weg-, vor allem aber: bloß nicht nach oben sehen. Eine Zerstörungsmission wird im allerletzten Augenblick abgeblasen, denn Dibiasky besteht aus wertvollen Rohstoffen, die der Kommunikationselektronikindustrie ein Multibillionengeschäft bescheren würde. Leider misslingt ebenso der Alternativplan, den kosmischen Brocken in ungefährlichere Einzelteile aufzusprengen. Somit heißt es am Ende völlig zu Recht: Bye bye, humanity.

Die wirklich relevanten, bleibenden Filmsatiren bilden seit eh und je eines der geschmacksintensivsten Gewürze nicht allein im Comedysektor, zumal, wenn sie eine elementare gesellschaftspolitische Relevanz aufweisen. Man denke, um nur ein paar persönliche Lieblinge anzuführen, an Jahrhundertwerke wie „The Great Dictator“, „Dr. Strangelove“, „Network“, „Trading Places“ , „Natural Born Killers“ und „Fight Club“, allesamt bleibende Spiegelbilder besimmter Facetten der Verlorenheit ihrer jeweiligen Ära, allesamt brillant arrangiert, zutiefst gallig und doch urkomisch. „Don’t Look Up“ zieht nonchalant in jenen Olymp ein, er ist DER Film (zu) unserer Zeit. Und wie es sich für kontroverse Meisterwerke geziemt, ist das (angesichts der Verkaufsmechanismen und des gewaltigen Staraufgebots des Films bloß naturgemäße) Echo ein Panoptikum der Überforderung und bestätigt bloß, was McKay in seinem omnipotenten Rundumschlag wider ein Amerika des freidrehend pervertierten Wert- und Selbstverständnisses ohnehin zu jeder Sekunde durchblitzen lässt – unsere schöne Menschenwelt war und ist noch mehr eine der entgrenzten Borniertheit, der glattpolierten Oberflächenreize und der totalen Selbsträson. Zu uneingeschränkt positiven Stimmen zu McKays Königsgroteske mag sich scheibt’s keiner hinreißen lassen. Ein wenig Google spricht Bände: Die „Fans“ seien wütend, dass Matthew Perry herausgeschnitten wurde, dabei wäre dies doch sein überfälliges Comeback gewesen. Irrlichternde Parallelen zu Michael Bays „Armageddon“ (!) werden gezogen, und das nichtmal selten, der Klamauk moniert und die schlecht getimte Dramaturgie, die ihr Feuer ja allzu verfrüht verschieße. Die Realität habe den für einen früheren Starttermin und wegen Covid verschobenen „Don’t Look Up“ wiederholt und seine satirische Sprengkraft dadurch entscheidend entwertet.
Mir fällt in Anbetracht solcher völlig am Objekt vorbeischießender Aussagen (oder gehen sie alle vielleicht bloß McKay in die Falle?) nurmehr die Kinnlade herunter, aber bis auf den Boden, quasi Tex-Avery-mäßig. Tatsächlich liefert „Don’t Look Up“ nach meinem Dafürhalten nicht nur ein unfassbar passgenaues Zeitporträt, er ist vor allem auch ein formidabler Autorenfilm, mit dem Adam McKay endlich ganzheitlich zu sich selbst findet, nachdem er in den beiden hervorragenden Bale-Vehikeln „The Big Short“ und „Vice“ eine Abkehr von den Albernheiten seiner bis 2013 abgefeuerten Ferrell-Komödien hin zu mehr Respektabilität und vor allem Ernsthaftigkeit vollzogen hatte. „Don’t Look Up“ kombiniert gewissermaßen das Beste beider Welten – den anarchischen, genrebelassenen Humor der frühen Tage und die spätere, scharf sezierende Pespektivierung auf ein Amerika, das diesseits der Jahrtausendwende auch noch seinen letzten Rest Menschenverstand eingebüßt zu haben scheint. Dass dies nicht nur funktioniert, sondern sich vielmehr als überaus weise und durchaus ausgewogene Stilmixtur präsentiert, die auch mal den Mut zur Inkonsequenz aufweist, lässt sich anhand beinahe jeder Szene dieses unglaublich gelungenen Films ablesen. We’ll meet again…

10/10

EXPLORERS

„Shut up, Heinlein!“

Explorers ~ USA 1985
Directed By: Joe Dan
te

In einem verschlafenen Kleinstädtchen in Maryland finden sich drei Außenseiterjungs zusammen, um eine interstellare Reise zu unternehmen: Der aus behütetem Hause stammende Ben Crandall (Ethan Hawke) liebt neben der Schulschönheit Lori Swenson (Amanda Peterson) ganz besonders die Invasionsfilme der fünfziger Jahre und träumt eines nachts von einem Trip ins All. Sein bester Kumpel Wolfgang Müller (River Phoenix), ein präpubertärer Einstein und Computernerd, ist bestens dafür geeignet, Bens Visionen in handfeste Materie zu überführen. Der etwas verlotterte Darren Woods (Jason Presson) schließlich hat das Herz am rechten Fleck. Gemeinsam baut das Trio mit Schrottplatzutensilien ein kleines Raumschiff, das mithilfe einer aus dem All stammenden Energiekugel tatsächlich fliegen kann. Was die Freunde schließlich jenseits der Erdatmosphäre erleben, gestaltet sich recht unerwartet…

Joe Dante hat ja eigentlich ausschließlich echte Herzensfilme gemacht. Nach „Gremlins“ auf dem Höhepunkt seiner kommerziellen Auswertbarkeit angelangt, wählte der pulpkulturbeflissene Meister für seinen nächsten, bei Paramount entstandenen Film ein prototypisches Mittachtziger-Sujet, das ebensogut aus der Spielberg-Factory hätte stammen mögen und dann auch in zeitnaher Konkurrenz (mit fünf Wochen Abstand, um genau zu sein) zu Richard Donners „The Goonies“ gestartet wurde. Wo Donners Film letztlich reüssieren konnte, weil er mit viel Humor und Action ein breitgefächertes Publikum anzusprechen vermochte, blieb „Explorers“ eher eine wohlbehütete Preziose, ein Film primär von, über, mit und für Geeks. Wie gewohnt propfen Dante und Scriptautor Eric Luke ihre Geschichte voll mit Reminiszenzen an die gute alte Zeit der Drive-In-Kinos, Pulpcomics und SciFi-Klassiker und kombinieren diese mit den heimlichen Phantasmagorien der ersten Gamergeneration und dem Überfluss des in den USA bereits inflationären TV-Angebots. Folglich spielen der Computer, dazu passend computerbasierte Effekte und eben die zu jener Zeit quantitativ bereits beträchtliche Fernsehhistorie eine wesentliche Rolle innerhalb der von Dante porträtierten, popkulturellen Schnittmenge.
Ein wenig verliert man über diesen beinahe totalitären Referenzialitätscharakter des Ganzen das Innenleben der Protagonisten aus dem Blick – Ben, Wolfgang und Darren treiben natürlich nicht nur spaßbasierte Abenteuerlust um, sondern mindestens genau so sehr all die anderen Dinge, die Kids in ihrem Alter so beschäftigen, von der ersten großen Liebe über unverständige bis unfähige Eltern und gedankliche Instabilitäten bis hin zur ewigen Wegscheide des Coming of Age. Entsprechende inhaltliche Eckpunkte hätten sich angeboten, bleiben jedoch zumeist in den Startlöchern hängen. Man muss allerdings gleichsam hinzufügen, dass Dante nicht seine definitive Schnittfassung fertigstellen konnte, da das Studio hinsichtlich eine beschleunigten Release im Sommer insistierte und diverse eigentlich gefilmte Szenen außen vor bleiben mussten. Diese Inkonsistenz merkt man „Explorers“ nachhaltig an. Dennoch bleibt die conclusio – orientierungssuchende Teenager von unterschiedlichen Planeten mit ziemlich analogen Nöten und Träumen haben ein Meeting im All, werden Freunde und zeigen, dass vermeintliche Differenzen oftmals nur aus einem oberflächlichen Moment irriger Ersteindrücke resultieren – schlussendlich so charmant wie universell: Eine wohltuende Vorstellung, dass auch Aliens nur Menschen sind.

8/10

DUNE: PART ONE

„Dreams make good stories, but everything important happens when we’re awake.“

Dune: Part One ~ USA/CA 2021
Directed By: Denis
Villeneuve

In ferner Zukunft hat die Menschheit Teile des Weltalls besiedelt. Ein Feudalsystem, geführt von einem allmächtigen Imperator, vereint mehrere Adelshäuser und dienende Instanzen. Die wichtigste Wirtschaftsressource ist das „Spice“, das sowohl als gesundheitsspendes und bewusstseinserweiterndes Halluzinogen genutzt wird als auch als Grundelement für einen Antriebsstoff, der interstellare Raumfahrt ermöglicht. Spice kann ausschließlich auf dem Wüstenplaneten Arrakis gewonnen werden, einer unwirtlichen Welt, auf der neben riesigen Sandwürmern die Fremen leben, ein perfekt an die Bedingungen angepasstes Volk. Wer Arrakis kontrolliert, verfügt über gewaltigen Reichtum und damit über gewaltige Macht. Der Imperator beruft aus Gründen der Balance offiziell Herzog Leto Atreides (Oscar Isaac) und die Seinen nach Arrakis, um die dortige, Jahrzehnte währende Vorherrschaft durch das Haus Harkonnen abzulösen. Letos Sohn Paul (Timothée Chalamet), von dem man bereits munkelt, er sei ein lang erwartete Erlöser, der ein goldenes Zeitalter einleiten könnte, träumt derweil von seiner möglichen Zukunft bei den Fremen. Kaum auf Arrakis angekommen, muss Herzog Leto feststellen, dass er zum Opfer einer Intrige wurde: Mit dem Segen des Imperators und der Hilfe der kriegerischen Sardaukar überfallen die Truppen des Barons Harkonnen (Stellan Skarsgård) seinen Palast. Nur Paul und seine Mutter Jessica (Rebecca Ferguson) können dem Gemetzel entkommen und treffen in der Wüste auf den Fremenclan der Sietch Tabr, der sie als Flüchtlinge anerkennt und mit sich nimmt.

Die nunmehr rund fünf Jahrzehnte währende Geschichte der realisierten und nichtrealisierten Filmadaptionen von Frank Herberts berühmtem Science-Fiction-Epos schreibt mit der aktuellen Verfilmung durch Denis Villeneuve ihr jüngstes Kapitel. Da sein „Dune“, um der Komplexität der Vorlage annähernd Herr werden zu können, auf zwei Teile angelegt ist, fällt eine Beurteilung dieses ersten, bereits recht stattlich ausgefallenen Segments nicht eben leicht. Immerhin wird der Zuschauer quasi mitten im Geschehen im Stich gelassen, was andererseits jedoch im Zeitalter vieler auf mehrere Kapitel ausgedehnter Franchises kein Novum darstellt und gewissermaßen feste Rezeptionsprämisse sein sollte. Solitär betrachtet kann man sich „Dune“ also weniger fruchtbar auf inhaltlicher Ebene nähern, was Villeneuves Version ironischerweise trotz völlig anders gearteter Paradigmen mit David Lynchs 36 Jahre zurückliegender Adaption verbindet. Immerhin wird dessen chaotisch anmutende Narration hier in sehr viel greif- und konsumierbarere Bahnen gelenkt, was jedoch zugleich auf Kosten der spezifizierten Gesamtgestaltung geht. Lynchs Film war mit seiner sperrigen, unzugänglichen Form etwas Außergewöhnliches, Villeneuves Variante ist es nicht. Was man zu sehen bekommt, ist ohne Frage ein audiovisuell reizvolles, äußerlich perfekt gestaltetes Kinoabenteuer, dem man, wie etwa Armond White in seiner wie gewohnt recht tendenziösen Review, auf Verlangen allerlei polithistorische Implikationen entnehmen kann, das nach „Star Wars“, „Lord Of The Rings“ oder „Harry Potter“ – um nur die populärsten Beispiele zu nennen – jedoch keinen echten kulturellen Impact mehr aufweisen kann. Die im Nukleus stehende Geschichte eines jugendlichen Helden, der innerhalb eines phantastischen Kontexts seinen ihm vorgezeichneten, verlustreichen Weg zum Retter antritt, ist dafür, wenngleich in zeitlich und örtlich alternierenden Ausprägungen, allzu hinlänglich bekannt und vielfach durchexerziert worden. Dabei gilt es zu bedenken, dass gerade Pulp-Geschichten wie beispielsweise die einst von George Lucas erdachte, sich in weiten Teilen eklatant auf Herberts Geisteswelten beziehen; die omnimediale Geschichte von „Dune“ und seinen Verfilmungen reziproziert sich also kulturell betrachtet fortwährend und tut dies auch weiterhin. Nur hilft jenes Faktum Villeneuves sich hochernst nehmendem Werk auch nicht wesentlich weiter. Für den flüchtigen Augenblick seiner Betrachtung ist es hübsch anzuschauen und gliedert sich dem bisherigen Œuvre des Regisseurs ästhetisch nahtlos an – viel mehr bleibt gegenwärtig aber nicht.

7/10

NUEVO ORDEN

Zitat entfällt.

Nuevo Orden (New Order – Die neue Weltordnung) ~ MEX/F 2020
Directed By: Michel Franco

Just am Tage von Mariannes (Naian González Norvind) glamourös arrangierter Hochzeit probt das mexikanische Prekariat den landesweiten Aufstand: Schwer bewwaffnet und mit grüner Sprühfarbe ausgestattet greifen die Millionen von indigenen Armen die schwerreiche, vornehmlich europäischstämmige Oberschicht an, plündern und schrecken auch vor Mord nicht zurück. Das Militär nutzt derweil die Unruhen, um im Hintergrund kurzerhand eine Diktatur zu installieren, zu mordet und zu kidnappen. Ausgerechnet Mariannes soziales Gewissen wird ihr zum Verhängnis: Um der schwerkranken Frau (Analy Castro) ihres früheren Hausangestellten Rolando (Eligio Meléndez) eine lebensnotwendige Herzoperation zu ermöglichen, verlässt sie das Haus und gerät über Umwege in die Fänge der Junta. Mariannes mittlerweile in trügerischer Sicherheit befindliche, ahnungslose Familie erhält eine erpresserische Nachricht, zieht jedoch die völlig falschen Schlüsse…

Michel Francos dystopisches Drama rührte sein globales, vor allem jedoch das mexikanische Publikum in mannigfaltiger Weise an, wobei die ungerührt-trockene, teils dokumentarisch anmutende Inszenierung nicht selten für Verwirrung sorgte: Francos oberflächlich anmutender Verzicht auf jedweden politischen Kommentar riss diverse ZuschauerInnen dazu hin, „Nuevo Orden“ als neoliberales, rassistisches Manifest zu erachten, als warnenden Weckruf für die hellhäutigen Reichen, auf der Hut zu sein vor all dem, was im Lande außerhalb ihrer elitären alltäglichen Wahrnehmung so an Gefährdendem vor sich hin brodelt. Natürlich zielt eine derart plumpe Lesart im weiten Bogen an Francos tatsächlicher Agenda vorbei. Gewiss, sein von betonter narrativer Nüchternheit geprägter, bewusst spannungsarmer und dadurch doch nur umso realitätsnäherer Albtraum birgt tendenziöse Strickmuster, diese sind jedoch nicht mehr oder weniger als die unumwundene Spiegelung der realen Zustände. Der Mexiko prägende gesellschaftliche Separatismus indiziert einen immens fragilen sozialen Makrokosmos – eine „Mittelschicht“ ist dort noch weniger vorhanden als etwa in den Staaten der EU, Arm und Reich bilden klar voneinander abgegrenzte Fronten, die sich zudem durch ihre jeweilige ethnische Basis kennzeichnen. Hinzu kommen die organisierte Kriminalität mitsamt ihren filigran errichteten Hierarchien und ihrer immensen Gewaltbereitschaft sowie korrupte Staatsgewalten. Das von rund 130 Millionen Menschen bewohnte Land entspricht einem potenziellen Pulverfass und Michel Franco zeigt mittels knapper Erzählzeit lediglich eine mögliche Explosionsoption auf. Moralinsäure oder gar den erhobenen Zeigefinger erspart er sich dabei entgegen allen anderslautenden Unkenrufen; die in „Nuevo Orden“ geschilderten Ereignisse stehen vielmehr da als die grausigen, aber logischen Kausalauswüchse sich sukzessive selbst abschaffender sozialer Gerechtigkeit.

8/10

POSSESSOR

„Pull me out.“

Possessor ~ CAN/UK/USA/AU 2020
Directed By: Brandon Cronenberg

Die Kanadierin Tasya Vos (Andrea Riseborough) hat einen ganz besonderen Job: Sie arbeitet für einen geheimen Übernahmekonzern als Auftragskillerin. Doch betätigt sie persönlich nie den Abzug oder vielmehr die Klinge – mittels einer Gedankenübertragungsmaschine kann sie ihren Geist vorübergehend in den Körper eines potenziellen Wirts übertragen, wobei dessen eigene Persönlichkeit, zur Untätigkeit verdammt, nurmehr passiv und hilflos in ihm schlummert. Der Wirt erledigt sodann unter Tasyas Führung ihren schmutzigen Auftrag und nimmt sich hernach stets selbst das Leben. Doch geht jene blutige Tätigkeit an Tasya keineswegs spurlos vorüber; sie erlebt zunehmend häufig Momente der Transzendenz und Deprivatisierung, verliert sich in fremden, bluttriefenden Gedanken und Flashbacks. Ihren nichtsahnenden Mann Michael (Rossif Sutherland) und ihren kleinen Sohn Ira (Gage Graham-Arbuthnot) jat Tasya um ihres schmutzigen Geschäfts Willen bereits verlassen, tendiert jedoch immer wieder zur Rückkehr, ganz zum Unwohlsein ihrer Chefin Girder (Jennifer Jason Leigh). Tasyas jüngster Auftrag erweist sich schließlich als ebenso heikel wie destruktiv: Sie soll im Körper des Yuppies Colin Tate (Christopher Abbott) dessen künftigen Schwiergervater, den superreichen CEO John Parse (Sean Bean) und dessen Tochter Reeta (Kaniethiio Horn) töten. Bevor Tate sich nach erfüllter Mission jedoch selbst ausschalten kann, übernimmt er wieder phasenweise die Kontrolle über sein Selbst. Tasya und Tate kämpfen nun in dessen Körper um die mentale Vorherrschaft…

Well done, Filius. David Cronenbergs Sohn Brandon hat seine Hausaufgaben zumindest im Falle von „Possessor“ mehr denn zufriedenstellend erledigt, denn sein zweiter Langfilm könnte prinzipiell auch als Frühwerk des brillanten Papas durchgehen. Was so gemeinhin gern als „body horror“ tituliert wird, also ein Potpourri an Topoi, die sich mit der Zweckentfremdung, Pervertierung, Verformung und dem forcierten Selbstbetrug von Körper und Geist befassen und die sich wie ein buchstäblicher roter Faden durch Cronenberg Sr.s Œuvre (mindestens, zumindest eindeutig nachvollziehbar) bis 1999 ziehen, greift auch der Junior auf. Vor allem das beängstigend zeitlose Meisterwerk „Videodrome“, in dem der Fernsehmacher Max Renn zum sich physisch und psychisch verformenden Attentäter wird, dürfte Brandon Cronenberg als entscheidende Inspirationsquelle gedient haben, wenngleich er von dem darin konsequent finalisierten Radikalismus seines Vaters dann doch noch ein wenig entfernt ist. Nichtsdestotrotz finden sich dessen Tropen um die in rückhaltlos in den Dienst des Kapitalismus bzw. Neoliberalismus gestellte und daraus resultierend zersplitternde Persönlichkeit auch in „Possessor“ wohlfeil ausformuliert: die sich äußerlich so sanft ausnehmende Tasya Vos wird zu einem mehr und mehr im Sinne ihrer „Erfinder“ agierenden Monster, das schlussendlich dazu getrieben wird, die letzten Verbindungen zur eigenen Humanität zu kappen, um weiterhin so effektiv wie möglich funktionieren zu können und sich mit seinem zerstörerischen Schicksal zu arrangieren. Den katastrophalen Pfad in diese endgültige Negierung alles vermeintlich Lebenswerten illustriert Cronenberg wiederum mit den ihm familiär anheim gestellten, transgressiven Mitteln; gewaltige Lachen von Blut, die aus Tasyas emsig durchgeführten Aktionen resultieren, überschwemmen oftmals den Boden, auf dem die Figuren stehen – im abjekten, wenngleich besonders poetisch arrangierten Finale vermischt sich schließlich der abermals gewaltsam extrahierte Lebenssaft einer ganzen Familie. Tasya Vos kann und wird künftig umso reueloser zur Tat schreiten.

8/10

THE SUICIDE SQUAD

„Nom-nom?“

The Suicide Squad ~ USA/CA/UK 2021
Directed By: James Gunn

Die aus im Gefängnis einsitzenden, kriminellen oder geistesgestörten Metawesen bestehende, von Agent Amanda Waller (Viola Davis) rekrutierte „Task Force X“ aka „Suicide Squad“ erhält in weitgehend neuer Zusammensetzung einen weiteren Auftrag: Die Truppe soll auf der von einer Militärjunta beherrschten Karibikinsel Corto Maltese einfallen und eine von Regierungstruppen schwer bewachte Festung namens „Jotunheim“ zerstören, in der ein mysteriöses Forschungsprojekt names „Starfish“ beheimatet ist. Die Suicide Squad landet in zwei Abteilungen an der Küste von Corto Maltese, wobei die erste, mit Ausnahme von Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) und der verrückten Harley Quinn (Margot Robbie), unmittelbar aufgerieben wird. Die kleinere, aber deutlich wehrhaftere Abordnung besteht aus dem Söldner Robert DuBois (Idris Elba) alias „Bloodsport“, dem selbsternannten „Peacemaker“ Christopher Smith (John Cena), dem irren Laborexperiment Abner Krill (David Dastmalchian) alias „Polka-Dot-Man“, dem maritimen Halbgott Nanaue (Sylvester Stallone) alias „King Shark“ und der mit absoluter Macht über Ratten ausgestatteten Cleo Cazo (Daniela Melchior) alias „Ratcatcher II“. Gemeinsam arbeitet sich das Team bis in die Hauptstadt vor, nimmt den Projektleiter Gaius Grieves (Peter Capaldi) alias „Thinker“ gefangen und gelangt mit dessen Hilfe in die Mauern von Jotunheim. Die ursprüngliche Mission kann unter Verlusten erfüllt werden, doch mit der Einebnung des Gebäudes wird zugleich eine neue, furchtbare Gefahr entfesselt. Von nun an muss die Suicide Squad auf eigene Rechnung arbeiten…

Wie der „Guardians Of The Galaxy“-Betreuer James Gunn zu seinem Zwischenspiel beim DCEU kam, dürfte ja hinlänglich bewusst sein. Dass damit zugleich ein kleiner, kreativer Brückenschlag zwischen den beiden Comicfilm-Riesen vollzogen wurde, erweist sich als so gleichermaßen reizvoll wie schadenfreudig: Während Disney und MCU-Mastermind Kevin Feige Gunn vormals eher in weitgehend domestizierten Schranken arbeitenund seine bekanntermaßen im derberen Filmschaffen wurzelnde Kreativenergie sich in psychedelischen Space-Gags sublimieren ließen, konnte er bei DC zum ersten Mal seit seinem zweiten Film „Super“ wieder vollends die Sau durchs Dorf und es gerade so bunt treiben, wie ihm der freche Schnabel gewachsen ist. Das Resultat ist die erste echte splatter comedy im großbudgetierten High-End-Superheldenfilm, eine liebenswert-böshumorige Burleske, in der geholzt wird, dass die Schwarte kracht. Dabei wird die makrokosmische Anbindung an Zack Snyders DC-Trilogie aufrecht erhalten und es handelt sich tatsächlich auch nicht, wie gelegentlich aufzuschnappen war, um ein Reboot von David Ayers „Suicide Squad“, sondern um ein echtes Sequel, das zur gleichen Zeit allerdings eine umfassende Renovierung des Originals betreibt. Bekanntermaßen wurde Ayer damals gehörigst in die Schranken gewiesen und dazu angehalten, seine Vision dieses verlottertsten aller Heldenteams so jugendfrei als möglich abzuliefern. Die Gags darin nahmen sich dementsprechend eher durchgemangelt aus und der overfiend wenig denkwürdig. Mit all diesen kleinen und großen Faux-pas räumt Gunn in seiner sehr persönlich gefärbten Vision der Squad rigoros auf: Ihren selbstmörderischen Beinamen trägt die Task Force X nunmehr völlig zu Recht; unmittelbar zu Beginn wird der gewissermaßen zur Ablenkung der Kerngruppe dienenden Vorhut der Garaus gemacht, als gäbe es kein Morgen mehr und die Marschrichtung des Films damit auch gleich unumwunden vorgegeben. Der im Folgenden von Gunn ausgerollte Irrsinnsteppich besteht aus einem Füllhorn mitunter brillanter visueller Einfälle, kleinen, manchmal etwas überschmückt scheinenden Nebenepisödchen [über Wert und Nutzen der als Bypass eingeflochtenen Kurzromanze zwischen Harley Quinn und dem Inseldespoten Luna (Juan Diego Botto) ließe sich etwa diskutieren – zweifelsohne dient sie in erster Linie dazu, Robbie Screentime zu verschaffen] und natürlich dem famosen Endkampf gegen den klassischen JLA-Gegner Starro, einen gewaltigen, außerirdischen Seestern, der sich seine Untertanen mittels kleiner Versionen seiner selbst, die er auf deren Gesichter pflanzt, gefügig macht. Wenn man es recht bedenkt, konnte der in Gestalt und Ausprägung nicht mehr ganz zeitgemäße Starro auch nur von einem wie Gunn zum Leinwandleben erweckt werden, die meisten anderen Filmemacher hätten sich vermutlich bis auf die Knochen blamiert. Schließlich lassen sich Gebrauch und Kompilierung der Figuren als gehörig sarkastisches Statement begreifen – die zur neuen Suicide Squad zählenden Charaktere sind, natürlich mit Ausnahme von Fanliebling Harley Quinn, die, ohne allzu augenfällige Beschränkungen zu erfahren, im Prinzip das einzig greifbare räsonistische Bindeglied zwischen dem etablierten DCEU und Gunns abgefucktem Grand-Guignol-Zirkus darstellt, allesamt letztklassige Seitenfüller, an die sich in erster Linie wohl nur wandelnde Comic-Enzyklopädien erinnern werden. Dass es zugleich aber nur solche vergessenen TertiärschurkInnen sein können, mit denen Gunn ins Feld zieht, ist letzten Endes so evident wie eigentlich alles andere auch an diesem rüpelhaft-spaßigen Film.

8/10

VOLCANO

„Oh shit! I’m outta here!“

Volcano ~ USA 1997
Directed By: Mick Jackson

Nach einem Erdbeben in der City von Los Angeles dringt vulkanisches Magma durch die offenen Risse und bahnt sich seinen Weg an die Oberfläche. Binnen Stunden entweicht der Lavastrom durch die Teergruben von La Brea und fließt danach als zäher, alles vernichtender Fluss den Wilshire Boulevard hinab. Der zufällig vor Ort befindliche Katastrophenschutzbeauftragte Mike Roark (Tommy Lee Jones) und die Seismologin Amy Barnes (Anne Heche) haben alle Hände voll zu tun, Stadt und Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Wie dort angedroht, nun also auch die mit der Betrachtung von Donaldsons Vulkanausbruchs-Epos „Dante’s Peak“ inspirierte Revision von dessen Konkurrenzproduktion „Volcano“. Tatsächlich bildet das doppelt bediente Katastrophensujet nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Filmen – auch in „Volcano“ sorgt ein überfürsorgliches Kind, nämlich Roarks Tochter (Gaby Hoffman) für schicksalhafte Unwägbarkeiten, die damit enden, dass der Held am Ende verschüttet wird (hier aber sogar gänzlich unversorgt geborgen werden kann). Ein putziges Hundchen kann dem Inferno auch in „Volcano“ auf den letzten Drücker entwischen und natürlich, auch dies jedem echten disaster movie unbedingt inhärent, verhindern Unkenntnis und sorglose Fehldiagnosen auf Seite der Verantwortlichen ein rechtzeitigeres Insistieren. Die heiße Suppe muss also abermals bei voller Temperatur ausgelöffelt werden. Wenngleich Jacksons Film ebenfalls voll ist von schönen Camp-Momenten, die das Schreckensszenario immer wieder mehr oder wenig freiwillig komisch durchbrechen und gelegentlich sogar ins Selbstparodistische abdriften, verliert „Volcano“ im Direktvergleich mit „Dante’s Peak“ doch relativ eindeutig. Wo Jackson seine gewaltige Zerstörungsorgie nie recht in den Griff bekommt und mit nicht selten an TV-Film-Ästhetiken erinnernden Formalia versucht, eine halbwegs realistisch anmutende Basis zu evozieren, pfeift Donaldson passend zur freidrehenden Prämisse gleich auf jedwede Form von Glaubwürdigkeit und investiert seine inszenatorische Energie stattdessen in eine technisch wesentlich perfekter arrangierte Zerstörungsvision sowie Suspense-Momente, von deren Intensität „Volcano“ bloß träumen kann. Dessen Script legt stattdessen einen konstant besonderen Wert auf die urbane Gemeinschaft, die in Extremsituationen an einem Strang ziehen und wie eine große Familie agieren muss, um sich gegen den dräuenden Untergang zu behaupten, was sich immer wieder durch heldenhafte Einzelaktionen verschiedener Figuren, die sich dann mitunter auch zu opfern haben, untermauert findet. Wo sich in „Dante’s Peak“ letzten Endes lediglich eine Patchwork-Familie gegen die entfesselte Natur zu behaupten hat, ist es in „Volcano“ – analog natürlich auch zum Schauplatz – die zweitgrößte Stadt der USA. Man könnte es wie folgt subsummieren: Jacksons Film will mehr, erreicht dabei aber deutlich weniger als der von Donaldson. Dennoch lohnt auch „Volcano“ für den Katastrophen-Aficionado; allein jene hochdramatische und klimaktische Szene, in der John Carroll Lynch buchstäblich hinwegschmilzt, ist aller Ehren wert, ebenso wie der wunderhübsch eklektische Einsatz von Randy Newmans „I Love L.A.“ zu den end credits.

6/10

PALM SPRINGS

„Its one of those infinite time loop situations you might have heard about.“

Palm Springs ~ USA/HK 2020
Directed By: Max Barbakow

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit ist Nyles (Andy Samberg) in einer Zeitschleife gefangenen, die dazu führt, dass er den 9. November bewusst immer wieder und wieder erleben muss. Dabei handelt es sich gleichfalls um den Hochzeitstag von Tala (Camila Mendes), der besten Freundin seiner enervierenden Partnerin Misty (Meredith Hagner), der in einem kleinen Hotel im sonnendurchfluteten Palm Springs stattfindet. Die Erklärung für die quantenphysische Extravaganz: In einem nahegelegenen Felsengebirge gibt es eine Höhle nebst mysteriösem Energiefeld, das jede Person, die sich ihm nähert, zu ebenjener Endlosrepetierung der immerselben letzten 24 Stunden verdammt. Nachdem Nyles bereits vor längerem während eines ausgiebigen, gemeinsamen Drogentrips den aus Irvine stammenden Hochzeitsgast Roy (J.K. Simmons) mit zur Höhle und somit in die Zeitschleife genommen hat, landet auch die Brautschwester Sarah (Cristin Milioti) eines Nachts versehentlich darin. Während für Nyles, der insgeheim schon seit längerem in Sarah verliebt ist, die unverhofft eingeweihte Begleitung eine willkommene Abwechslung vom alltäglichen Einerlei darstellt, mag sich seine neue Gespielin nie ganz mit der ausweglosen Situation abfinden. Zwar verliebt sich auch Sarah irgendwann in Nyles, doch gewisse Gründe veranlassen sie trotz ihrer Gefühle dazu, nach einer wissenschaftlich probaten Lösung für ihr Problem zu suchen…

Der Zeitschleifen-Topos stellt bereits länger, als man gemeinhin vermuten möchte, ein festes SciFi-Subgenre dar, dessen literarische und filmische Umsetzungen in der Regel noch eine zusätzliche, untergeordnete Erzählgattung bedienen, seien es die (romantische) Komödie, Thriller- und/oder Action-Storys. Weltberühmt wurde das Sujet natürlich endgültig durch Harold Ramis‘ unsterblichen Klassiker „Groundhog Day“, in dem es für Bill Murray als Hauptfigur Phil Connors gilt, über den Schatten seines unermüdlichen, lakonischen Zynismus‘ zu springen und jenen einen, ausnahmslos idealen Tag zu verbringen, um sich ins reale Morgen retten zu können. Derlei moralinsaure Metaphysik spielt in Max Barbakows „Palm Springs“ ebensowenig eine (allzu eminente) Rolle wie wahlweise die Aufklärung eines Kriminalfalles oder irgendwelche Mindfuck-Volten, wie sie andere Exempel vor ihm längst mit diesbezüglich deutlich intensiverem Interesse durchgespielt haben. „Palm Springs“, der mir mit etwas Sichtungsabstand etwas wie eine westgewandte, weniger kantige und weichere, philanthropischere Behauung der letzten beiden Korine-Filme vorkommt, könnte man vielmehr als postmodernistische time loop romcom bezeichnen: er wähnt seine mündige Zuschauerschaft als in bester Kenntnis befindlich um die zahllosen Möglichkeiten und Fallstricke, die das Erlebnis des sich permanent wiederholenden Tages beinhaltet und gibt sich erst gar keine Mühe damit, das, was Bill Murray einst noch als existenzielle Besonderheiten erlebte, auch nur im Mindesten sensationalistisch wieder aufzurollen. Dass jede noch so vermeintlich grenzwertige Aktion keinerlei nachhaltigen Effekt aufweist, da der nächste Morgen (im vorliegenden Fall) pünktlich um 9.01 a.m. wieder „auf Null“ schaltet, haben auch Nyles und der ihn völlig zu Recht als seine ultimative Nemesis wähnende Roy bereits zu Beginn des Films längst internalisiert.
Das Publikum derweil wird an die Seite der mit ihm frisch in der pikanten Situation befindlichen Sarah gestellt, einer sympathischen, aber etwas lose vor sich hin lebenden Mittdreißigerin, die, ebenso, wie der sich seiner besonderen Lage längst ergebende Nyles, bis dato noch nicht die wahre existenzielle Erfüllung gefunden hat. Am Ende rettet sie beide schließlich der unbedingte Wille zur Konsequenz und dazu, sich der persönlichen Zukunft emotional wohlgerüstet zu stellen, freilich mit Sarah als initiierendem Faktor. Zuvor gibt es allerlei Gelegenheiten sowohl zum aufrichtigen Verlieben als auch zu mal mehr, mal weniger schwarzem Humor mit – auch das freilich ein beliebtes traditionelles Element – multipler Todesfolge; mal mehr, mal weniger einkalkuliert. Besonders liebenswert daran sind die überaus schöne Paarung Samberg – Milioti, dazu passend einige typisch SNL-lastige Bonmots und eine exzellente Songauswahl. Könnte mit mehrfacher Betrachtung noch wachsen.

8/10

BLACK WIDOW

„It still fits!“

Black Widow ~ USA 2021
Directed By: Cate Shortland

Während Black Widow Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) wegen ihrer Verstöße gegen das Sokovia-Abkommen weltweit von den US-Militärs gesucht wird und sich in Norwegen versteckt, spüt sie eine martialisch kostümierte, schwerbewaffnete Attentäterin namens „Taskmaster“ (Olga Kurylenko) auf, die ein unbewusst in Natashas Besitz befindliches Köfferchen sucht. Darin finden sich wiederum einige Phiolen mit einem roten Gas mysteriösen Ursprungs. Natasha kann Taskmaster mitsamt den Gasphiolen entkommen und reist nach Budapest, wo sie ihre vormalige „Pseudoschwester“ Yelena Belova (Florence Pugh) wiedertrifft, die von dem russischen General Dreykov (Ray Winstone) wie Natasha seit frühester Kindheit zu einer Superspionin ausgebildet wurde. Yelena klärt Natasha auf, dass der von ihr totgeglaubte Dreykov noch lebt und weiterhin rund um den Globus kleine Mädchen entführt, um sie in seinem geheimen „Red Room“ zu Widows der neuesten Generation heranzuzüchten. Dazu macht er sie mittels einer Suggestivchemikalie zunächst hörig und willenlos. Bei dem Gas in den Phiolen handelt es sich um ein Antidot, das den Mädchen, wie kurz zuvor auch Yelena, ihr eigentliches Bewusstsein zurückgibt. Gemeinsam mit zwei alten Bekannten, dem sowjetischen Captain-America-Gegenstück „Red Guardian“ Aleksej Shostakov (David Harbour) und der mit Dreykov zusammenarbeitenden Wissenschaftlerin und früheren Black Widow Melina Vostokoff (Rachel Weisz), infiltriert Natasha Dreykovs fliegende Festung.

Mit den Miniserienformaten erschließen sich die Marvel Studios unter Disney just ja ganz neue Vertriebswege. Zumindest die ersten beiden Serials, „WandaVision“ und „The Falcon And The Winter Soldier“ („Loki“ sehe ich mir erst an, wenn die Verfügbarkeit komplett ist), weisen im Prinzip sämtliche Qualitäten der gelungeneren Kinowerke auf und gefallen selbst mir als weitgehendem Serienignoranten ausnehmend gut. Als erster Filmbeitrag zur Phase 4 im MCU bildet „Black Widow“ ergänzend dazu zugleich eine ökonomische Reaktion Disneys auf das globale Pandemiegeschehen und die damit verbundene Kinoregression: Cate Shortlands Werk startet zeitgleich im Stream und auf der Leinwand. Da die Figur der Natasha Romanoff sich in „Avengers: Endgame“ so tapfer anstelle von „Hawkeye“ Clint Barton geopfert hatte, konnte sie nurmehr im Zuge eines Prequels wiederauftreten und damit zugleich den Weg für ihre potenzielle Nachfolgerin Yelena Belova bereiten. Scarlett Johannson verleiht ihrer Titelrolle trotz deren tödlichen Aktionismus‘ wiederum jene entspannte, klug dosierte Sanftmut, die man von ihr seit ihrem charismatischen Debüt in „Iron Man 2“ kennt. Innerhalb der Filme stellte Natasha Romanoff als erste und weitgehend einzige Frau im Bunde stets das moralisch integre Rückgrat der Avengers dar, das wesentliche Stabilitätsgarant und gewissermaßen zugleich Mutter- und Schwesterfigur. Ihr „eigenes“ Abenteuer fungiert insofern auch als verspätet nachgereichte, psychologische Blaupause, in der Biographie, Motivations- und Emotions-Motoren zumindest grob skizziert werden. Die originäre Comicfigur war ein mäßig interessant eingeführtes Produkt des Kalten Krieges, das irgendwann von den Sowjets zu den Amerikanern (nominell S.H.I.E.L.D.) überlief und dann diversen Heldenteams zugehörig, ebenso häufig jedoch in solitären Abenteuern umtriebig war. Anders als im MCU verbindet sie darin elementare Liebesbeziehungen mit Clint Barton und vor allem „Daredevil“ Matt Murdock, mit dem sich ihre Wege immer wieder kreuzten. Ihr Film-Alias musste aus naheliegenden Gründen ja gezwungenermaßen umstrukturiert werden; so ist der Red Guardian (der in vorhandener Ausprägung auch gut von Will Ferrell hätte gespielt werden können) hier nicht wie ehedem Natashas Ehegatte, sondern ihr auf die dreijährige Zeit einer längewierige Spionagemission begrenzter Quasi-Adoptivvater. Unter anderem diese ungewöhnliche Konstellation nutzt „Black Widow“, um gezielt dem der Widow-Historie wesentlich inhärenten Pfad immer wieder aufploppender Melodramatik zu entsagen und stattdessen jenem eigenwilligen, manchmal gar ins Groteske abschweifenden Humors zu folgen. So kerntragisch sich die Schicksale der von Dreykov gekidnappten, gewaltsam ihren eigenen Vitae entledigten und zu bloßen Marionetten verformten Mädchen ausnehmen – wenn sich die zersprengte, vierköpfige Spionfamilie von einst wiedervereint, hat das annähernden Sitcom-Charakter und greift damit die unberechenbare, humorige Leichtigkeit von „WandaVision“ auf. Die Plotstruktur indes gleicht auffallend der von „The Falcon And The Winter Soldier“ – zwei dickköpfige PartnerInnen wider Willen raufen sich zusammen, um weltweit einem handlungsspendenden Macguffin nebst verdeckt operierendem Overfiend nachzujagen und ihre eigentlich doch offensichtliche Freundschaft zu kultivieren. Die gebürtige Australierin Shortland macht daraus in ihrem vierten Film den ersten zumindest annähernd feministischen Beitrag zum MCU und koppelt daran scriptbedingt zugleich klassische Pulpphantasien um Finsterlinge mit tödlichen Mädchenarmeen, wie sie der geneigte Filmhistorienwühler noch aus Mottenkugeln wie „Deadlier Than The Male“, den „Dr. Goldfoot“- oder den „Sumuru“-Filmen in Erinnerung haben mag. Auch der deutlich jüngere „Red Sparrow“ liegt als Inspirationsquell freilich nicht fern. Ein diesbezüglich hübsches Bonmot leistet sich „Black Widow“ zudem und spannt damit zugleich den Bogen zum Fallschirm-Showdown: Bei Natasha Romanovs augenscheinlichem Lieblingsfilm, den sie sogar auswendig mitsprechen kann, handelt es sich um keinen geringeren als den stets gern belächelten Bond-Querschläger „Moonraker“.

7/10

A QUIET PLACE PART II

„Breathe.“

A Quiet Place Part II ~ USA 2020
Directed By: John Krasinski

Nach dem Opfertod ihres Mannes Lee (John Krasinski) macht sich Evelyn Abbott (Emily Blunt) gemeinsam mit ihren drei Kindern, der taubstummen Regan (Millicent Simmonds), dem etwas jüngeren Marcus (Noah Jupe) und dem Neugeborenen, auf eine Reise ins Ungewisse, stets auf der Flucht vor den blinden Monsteraliens. In den angrenzenden Bergen stoßen sie auf eine verlassene Stahlfabrik, in der sich Emmett (Cillian Murphy), ein früherer Freund der Abbotts, der seine gesamte Familie verloren hat, verschanzt hält. Durch Zufall empfängt Marcus ein Radiosignal, das den Oldie „Beyond The Sea“ in Dauerschleife ausstrahlt. Regan ahnt, dass sich dahinter Überlebende verbergen müssen, die den Song als Hinweis auf ein mögliches Inselrefugium vor der Küste senden. Auf eigene Faust macht sie sich heimlich auf, ihre Vermutung zu beweisen. Die darüber entsetzte Evelyn kann Emmett überreden, ihr zu folgen.

Sein Sequel zu dem erfolgreichen „A Quiet Place“ legt Regisseur und Autor Krasinski in dessen unmittelbare Chronologie. Die angeschlagene Familie Abbott verfolgt die Fortsetzung dabei weiter auf ihrem Weg durch das nunmehr hinlänglich etablierte Endzeit-Szenario und gibt einen etwas genaueren Überblick über die veränderten Zustände und Überlebensmodi innerhalb jener auf absolute Stille angewiesenen Albtraumrealität. Als (offenbar unerlässliches) männliches Substitut für Krasinskis heldenhaft gestorbenen Familienvater bemüht der Plot den von dem in punkto apokalyptische Sujets hinlänglich erfahrenen Cillian Murphy als psychisch angeschlagenen Emmett, dem im Laufe der Ereignisse eine zunehmend tragende Rolle zuteil wird. Ansonsten lernt und erfährt man noch einiges mehr über die invadierte Welt von „A Quiet Place“, wobei diese sich nicht wesentlich von hinlänglich bekannten, klassischen Vorbildern unterscheidet: Es gibt marodierende und plündernde Outlaws, deren regressive Atavismen sich bereits physisch manifestieren, derweil sich Regans Vermutung der eiländischen Flüchtlingsenklave als tatsächlich zutreffend erweist: Auf einer recht geräumigen Insel lebt eine Gruppe Überlebender unter der Führung eines weißbärtigen Patriarchen (Djimon Hounsou) ein zivilisatorisch relativ ungetrübtes, autarkes Idyll. man ist dort sicher, weil die Monster nicht schwimmen können. Mit Emmett und Regan kommt jedoch auch hierher der Tod – eine der Kreaturen befindet sich an Bord eines kleines Schiffes, das in eine der Inselbuchten getrieben wurde und beginnt vor Ort sogleich ihr blutiges Werk.
Bis hierher besitzt „A Quiet Place Part II“ seiner multipel ausgewalzten Elemente und Konstruiertheiten zum Trotz eine dem Original oftmals ebenbürtige Stringenz, die sich vor allem in Krasinskis unbestreitbarer Fähigkeit, formidable Suspense-Momente zu kreieren und zu forcieren, niederschlägt. Im als klimaktische Trias angelegten, extrem verdichteten Showdown, der mittels einer bravourös arrangierten Parallelmontage gleich drei zueinander in kausaler Abhängigkeit stehende Überlebenskämpfe zeigt, erreicht seine Mise-en-scène dann sogar annähernde Meisterschaft. Leider lassen Regisseur und Film unmittelbar hernach im Stich; der Film endet auf höchst unbefriedigende Weise mit losen Handlungsfäden, was in Zeiten des parforce kultivierten, seriellen Erzählens wohl am ehesten dem Cliffhanger am Ende irgendeiner halbgaren Reihenstaffel entspricht – ohne Ankündigung einer weiteren Fortsetzung wohlgemerkt. Auf die knappe Erzählzeit bezogen wäre da, mutmaßlich ebenso anbetreffs der monetären Mittel, gewiss durchaus noch Luft gewesen, so dass sich der Schluss als wahlweise unbefriedigendes oder gar manieristisches Nasedrehen ohne ersichtliche Ursache niederschlägt. Ein Spin-Off sei angekündigt, mit einer regulären Weiterführung des bereits als „Franchise“ gehandelten Epos frühestens in ein paar Jahren zu rechnen. Das muss man zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl nicht verstehen und beschränkt den potenziellen Wiederholungsgenuss bereits von vornherein empfindlich.

7/10