THE PURGE: ELECTION YEAR

„Good night, blue cheese!“

The Purge: Election Year ~ USA/F 2016
Directed By: James DeMonaco

Es ist Wahljahr und die NFFA fürchtet vor Ort in Washington D.C. um ihre mittlerweile langjährige Vormachtsstellung. Senatorin Charlie Roan (Elizabeth Mitchell), auch aus höchst privaten Gründen eine entschiedene Gegnerin der alljährlich stattfindenden Purge-Nächte, will selbige im Falle einer Präsidentschaft umgehenden abschaffen. Die NFFA ist derweil nicht müde und hebt zur diesjährigen Purge kurzfristig die bis dato fest verankerte Immunität für Regierungsmitglieder und Politiker auf, um Roan ganz legal abservieren zu können. Ihr treuer Leibwächter, der Ex-Cop Leo Gordon (Frank Grillo), hat natürlich etwas dagegen, ebenso wie der im Untergrund arbeitende Anti-Purge-Vorkämpfer Dante Bishop (Edwin Hodge). Mit Unterstützung des Ladenbesitzers Joe (Mykelti Williamson) und seiner Ziehtochter Laney (Betty Gabriel) zieht man gegen die Schergen der NFFA ins Feld…

Der vierte „Purge“-Film ist bereits angekündigt, dabei hätte die vormalige Trilogie mit „Election Year“ doch einen halbwegs würdigen Abschluss finden können. Aber warum die Kuh schlachten, solang sie Milch gibt? Immerhin hält James DeMonaco, der den Nachfolger wohl nicht mehr selbst inszenieren wird, seine Schäfchen ordentlich zusammen und schließt Zirkel, wie es sich für einen kontinuitätsbewussten Märchenonkel gehört. Edwin Hodge, im ersten Film noch der flüchtige, namenlose Obdachlose, heißt jetzt Dante Bishop und hat sich zu einer führenden Figur der Widerstandsbewegung aufgeschwungen. Frank Grillo, bereits im unmittelbaren Vorgänger der wehrhafte Oberheld mit später Einsicht zum Thema Selbstjustiz, ist jetzt Secret-Service-Agent und darf als solcher wieder ungetrübt holzen, dass die Luzie kracht. das Konzept von Teil 2, mehrere Protagonisten durch „Zufallsbegegnungen“ zusammenzuführen, verfolgt DeMonaco hier weiter und abermals macht es sich dramaturgisch durchaus bezahlt. Auch in Bezug darauf, dass das etwas schale Konzept maßloser Wutschürung beim Publikum mit zur basalen Funktionalität des Gesamtkonstrukts gehört, ändert sich nichts. Jedenfalls genießt man es als Zuschauer unweigerlich, wie zwei durchgedrehte, völlig aus dem Ruder gelaufene Gören (Brittany Mirabile, Juani Feliz) in Schulmädchenuniformen und greller Maskerade rigoros von einem Kleinbus plattgefahren werden. Unser in punkto Suggestion bewusstermaßen nicht unbegabter auteur lässt aber auch überhaupt keinen Zweifel daran, dass ihnen dies absolut zu Recht widerfährt. Ich nehme an, wenn die NFFA wirklich mal die US-Wahlen gewinnt und das Purgen eingeführt wird, ist James DeMonaco der Erste, der sich heimlich eine bizarre Verkleidung überstreift und Schulmädchen jagt. Einfach, weil sie es nicht besser verdienen, diese frechen, kleinen Mistkäfer.

5/10

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THE PURGE: ANARCHY

„Motherfuck the Purge!“

The Purge: Anarchy ~ USA/F 2014
Directed By: James DeMonaco

Es ist wieder Purge-Nacht in Amerika. Im Großraum Los Angeles bilden ein paar in den Strudel der mörderischen Ereignisse geratene Individuen eine kleine Zweckgemeinschaft: Die Kellnerin Eva (Carmen Ejogo) und ihre Tochter Cali (Zoë Soul), das Pärchen Shane (Zach Gilford) und Liz (Kiele Sanchez) und der Polizist Leo (Frank Grillo) raufen sich zusammen und fliehen vor ihren Häschern durch die Nacht. Nach diversen brenzligen Situationen, in die unter anderem der blutrünstige Big Daddy (Jack Conley) verwickelt ist, geraten sie in die Hände von Kopfjägern, die sie an eine Menschenauktionatorin (Judith McConnell) weiterverschachern. In einem eigens angelegten Indoor-Minipark muss das Quintett daraufhin vor reichen Sadisten fliehen, die auf Mord aus sind. Nachdem Leo mit unerwarteter Unterstützung des Rebellen Carmelo (Michael Kenneth Williams) und seiner Leute seine kombattanten Qualitäten ausgestellt hat, können die Überlebenden fliehen und Leo sich endlich seiner privaten Agenda widmen. Er hat noch eine ganz persönliche Rechnung offen mit dem Mann (Brandon Keener), der einst betrunken seinen kleinen Jungen überfahren hat und straffrei ausgegangen ist…

„Purgen“, das ist in der deutschen Synchronfassung als Neoanglizismus ein vielfach gebrauchtes Verb, in bemühter Angleichung an die Originalversion. Dass es etwas albern klingt, ergibt sich bereits aus dem geschriebenen Terminus, passt insofern aber zu DeMonacos Weiterspinnung seiner kleinen, verlogenen Moritat um die Entsetzlichkeit jener blutrünstigen Perversion namens „Purge“, die ein zukünftiges Albtraum-Amerika heimsucht. Nun bezieht die gesamte Reihe ihr hauptsächliches Spannungspotenzial daraus, dass man, nachdem diesbezüglich jeweils hinreichend Hass und Abscheu evoziert wurden, genüsslich der Exterminierung von Sadisten, Geisteskranken und anderem, üblen Gesindel, dass selbst mit Vorliebe purgt, beiwohnt, kommt einer saftigen Ad-Absurdum-Führung gleich – wer purgt, muss durchs Purgen sterben. Das ist nach DeMonacos simpler Logik nur recht und billig und prägt als hübsch perfides Paradoxon das Gesicht der recht hastig produzierten Serie. So verlogen die Moral des Ganzen, so abermals gelungen sein Tempo und die trotz des nächtlichen Settings gut ausgeleuchtete Balleraction. Zur Sache geht es hier im großen Stil und zumindest die Ausweitung auf das urbane, flächige Los Angeles und einen größeres Personen- und somit Motivations-Arsenal bekommt der gesamten Anordnung recht gut. Einen wirklich gelungenen Film sollte man jedoch auch diesmal nicht erwarten. Ist mehr was zum Durchlüften.

6/10

GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2

„You people have issues.“

Guardians Of The Galaxy Vol. 2 ~ USA/CA/NZ 2017
Directed By: James Gunn

Nachdem die Guardians im Austausch zu der von ihm gefangen Nebula (Karen Gillan) für das Volk der Sovereign ein paar wertvolle Batterien beschützt, lässt sich Rocket Racoon (Bradley Cooper) es sich nicht nehmen, heimlich ein paar davon in die eigene Tasche zu stecken. Als die Sovereign dies bemerken, schicken sie den Halbhelden eine ganze Zerstörungsflotte hinterher. Damit nicht genug der Probleme: Auch Peter Quills (Chris Pratt) mittlerweile wegen unlauterer Praktiken bei der Ravager-Gilde in Ungnade gefallener Ziehvater Yondu (Michael Rooker) wird von den Sovereign mit der Ergreifung  der Guardians beauftragt und Quills „biologischer“ Vater Ego (Kurt Russell) erscheint urplötzlich, um sich endlich seines Sohnes anzunehmen. Nach einem ersten Scharmützel mit den Sovereign trennen sich die Guardians; Drax (Dave Bautista) und Gamora (Zoe Saldana) begleiten Quill und Rocket und Baby Groot (Vin Diesel) bleiben beim Schiffswrack. Nachdem die beiden in Yondus Hände fallen, strebt die Hälfte von dessen Mannschaft unter dem bösen Taserface (Chris Sullivan) eine erfolgreiche Meuterei gegen ihren Kapitän an. Quill muss indes erfahren, dass sein Vater Ego mitnichten Gutes im Sinn hat, sondern ein wahnsinniger, uralter Gott und lebender Planet ist, der nichts anderes plant als die Auslöschung tausender interstellarer Lebewesen, die er als „unperfekt“ erachtet. Quill soll ihm dabei helfen, wendet sich jedoch gegen Ego. Gerade rechtzeitig treffen die mittlerweile wieder freien Yondu und Rocket ein, um ihren Freunden, mittlerweile verstärkt durch die Empathin Mantis (Pom Klementieff) gegen den allmächtigen Ego beizustehen…

In Kenntnis des ersten Teils (den ich kürzlich noch einmal auffrischen und diesmal etwas besser einordnen konnte) weiß man, was einen bei den „Guardians“ erwartet: Unfassbarer, artifizieller Überschwang und locker-flockige Weltraumaction, die einen ganz klar umrissenen Gegenentwurf zur bierernsten Düsternis bildet, wie sie etwa die jüngeren DC-Adaptionen vorschützt. Was James Gunn hier veranstaltet, ist vielmehr ein ebenso kinder- wie nerdfreundliches Spektakel; rasant, bunt, zum Teil wirklich wunderbar trippy und mit garantiert zwei bis drei (zumindest für Zeitgenossen jenseits des fünfzehnten Lebensjahrs) meist eher minder komischen Flachwitzchen pro Szene garniert, peitscht Gunn sein wachsendes Figurenensemble abermals durch über zwei atemlose Stunden Spielzeit, die dann auch entsprechend schnell vergehen. Gut gelaunte Cameos von Sylvester Stallone, Ving Rhames und Michelle Yeoh als Ravager-Kollegen Yondus zeigen, wie fest Gunn schon den ersten „Guardians“-Film im allgemeinen Popfundus verankern konnte; Sequenzen wie Stan Lees obligatorischen Gastauftritt, der diesmal mit Uralt-Anekdoten den Beobachter Uatu nervt, sind dann wieder eher was für Eingefleischte. Bewundernswert fand ich, wie scheinbar leicht Gunn diesen durchaus chaotischen Elemente in eine funktionale Anordnung fasst; obwohl da Dutzende von Dingen gleichzeitig passieren, sowohl inhaltlich wie auch formalistisch, behält „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ auf wundersame Weise Maß und Richtung. Die Musikauswahl ist wieder großartig (bei „Father & Son“ am Ende gab es kurz feuchte Augen) und steht wie gehabt in direktem, eklektischen (Miss-)Zusammenhang zu der Visualisierung des Films. Auch diesbezüglich wird wieder erstklassig gearbeitet.
Der einzige, dafür umso vehementere Kritikpunkt, liegt, um das nochmals zu betonen, in der inflationären Masse flauer Gags, die „GOTGV.2“ sogar noch näher bei Komödie und Parodistik verorten als den Vorgänger. Ist diese Dosis infantiler Komik ohnehin schon viel zu hoch angesetzt, darf noch mehr derlei Überdrusses auf keinen Fall sein, sonst bleibt der Rest vollends auf der Strecke. Hier ist künftig höchste Obacht gefragt. Dass die „Guardians“ es sich gefallen lassen müssen mittlerweile ohnehin als der lustige Ableger im MCU zu gelten, empfinde zumindest ich als ziemlich zweifelhafte Ehre, deren Beschaffenheit nicht noch weiter ausgereizt werden sollte. Das Ende der Fahnenstange wäre hiermit bitte erreicht. Bin gespannt, was passiert, wenn die Guardians in Kürze auf Thanos treffen. Ob sie dann noch immer so gut lachen haben?
Trotz allem leicht besser als das Original.

7/10

ALIEN: COVENANT

„I think if we are kind, it will be a kind world.“

Alien: Covenant ~ USA/UK/AUS/NZ/CN 2017
Directed By: Ridley Scott

Im Jahre 2104 reist das Kolonistenschiff „Covenant“ zum Planeten Origae-6, auf dem es lebensfreundliche Bedingungen gibt. Ein Raumsturm sorgt schließlich dafür, dass einige Crewmitglieder aus dem Hyperschlaf geholt werden. An Bord befindet sich zudem der Android Walter (Michael Fassbender), seinem einstigen Vorbild David (Michael Fassbender) zumindest äußerlich stark nachempfunden. Ein zufällig aufgefangener Funkspruch lässt sie auf einen nicht allzu weit entfernten Planeten aufmerksam werden, der ebenfalls für die Besiedlung durch Menschen geeignet scheint. Ein dorthin entsandter Expeditionstrupp muss diesen Eindruck jedoch bald revidieren: Es gibt keinerlei Tiere; stattdessen findet sich das Wrack eines außerirdischen Raumschiffs, das Hinweise auf einen früheren Kontakt mit der zehn Jahre zuvor verschwundenen „Prometheus“ enthält. Der zunächst unbemerkte Kontakt mit Killersporen, die in den von ihnen befallenen Wirtskörpern eine Frühform der aggressiven Xenomorphe heranwachsen lassen, versetzt die Raumfahrer schließlich in Panik. Für eine Flucht ist es jedoch bereits zu spät. Stattdessen eilt ihnen der hier vor langem gestrandete David zur scheinbaren Hilfe, der jedoch weitaus finsterere Pläne hat, als es zunächst den Anschein hat.

Grundsätzlich finde ich einen neuen „Alien“ eigentlich immer begrüßenswert. Ich mag die Reihe seit jeher, finde die Monster genuin toll und schätze die mannigfaltigen Möglichkeiten, die sich hinter dem scheinbar simpel strukturierten Originalplot auftun. Ridley Scotts Originalfilm, den ich mittlerweile auswendig mitsprechen kann und allein in den letzten sechs Monaten zweimal gesehen habe, erfreut sich meiner persönlichen, ungebrochenen, eigentlich sogar stetig steigenden Beliebtheit. Seit Scott das Franchise mit dem Prequel „Prometheus“ quasi zurückerobert hat, droht er damit, dass er im Erfolgsfalle Ideen für etliche weitere Serienbeiträge im Ärmel hätte. Dieser Jüngste davon lässt angesichts solch hochtrabender Pläne allerdings nicht unbedingt frohlocken. Längst stehen die Xenomorphe überhaupt nicht mehr im Fokus, sondern bekleiden eher die Rolle bejubelnswerter Gaststars, angesichts deren rarer Auftritte man sich dann wohl noch erfreuen zeigen soll. Das Zentrum von „Alien: Covenant“ bildet vielmehr Michael Fassbender in seiner Doppelrolle als guter und als böser Androide mit leidlich genutztem Konfusionsfaktor.
Wenn man so will, vollzieht die Geschichte einen Brückenschlag zwischen dem „Alien“-Kosmos und Scotts anderer filmischen Großerrungenschaft, „Blade Runner“. Daran lässt bereits der Prolog keine Zweifel, der einen todkranken Peter Weyland (Guy Pearce) im prononciert „wagneresken“ Dialog mit seiner Großschöpfung David zeigt: Das ätherische, artifizielle Geschöpf hat seinen Vater an Perfektion längst übertroffen. Wie der weitere Verlauf zeigt, wird es darüberhinaus dereinst zum Wolf seiner Konstrukteure werden; es hat in einem Jahrzehnt des einsamen Sinnierens längst erkannt, dass der homo sapiens gewissermaßen „überholt“ ist, voll von Schwächen, und auf den Schrotthaufen der Evolution gehört. Die Aliens, wie wir sie seit anno ’79 (respektive die beängstigend pluralistische Ausprägung ihrer insektenatigen Organisation seit ’86) kennen, verdanken ihre endgültige Form als Waffe wider die Menschheit also einem von Menschen geschaffenen Androiden. Ob diese Kausalitätsenthüllung so brillant ist, wie Scott sie uns zu verkaufen trachtet, möchte ich dahingestellt lassen; immerhin war es einst ja gerade das die Xenomorphe umgebende, mysteriöse Element, das ihnen einen Großteil ihrer Originalität, Faszination und Bedrohlichkeit bescherte.
Da das Gegenwartskino sich aber nicht erst seit gestern innerhalb der gewaltigen Zwangsneurose bewegt, stets alles bis zum Erbrechen zu erklären und immer wieder aufs Neue durchdeklinieren zu müssen, sind Werke wie dieses wohl schlicht unvermeidbar. Immerhin ist „Covenant“ alles in allem kein dummer Film und hält zudem ein paar angemessen inszenierte Aktionsszenarien bereit. Doch reicht das?
Wie in vielen Präzdenzfällen, s. „Star Wars“, sollte man, so man sich „Covenant“ überhaupt ausliefern will, sich der Bereitschaft vergewissern, das Gestrige in Frieden ruhen zu lassen, die alte Weise, dass „früher sowieso alles besser“ war, geflissentlich beiseite schieben zu können und (vielleicht) zähneknirschend das fressen, was man vorgesetzt bekommt. Frei nach dem Motto: ein leerer Magen tut einem auch keinen Gefallen.

6/10

T2 TRAINSPOTTING

„World changes. Even if we don’t.“

T2 Trainspotting ~ UK 2017
Directed By: Danny Boyle

Über zwanzig Jahre, nachdem er einst seine Freunde über den Tisch gezogen hatte, kommt Mark Renton (Ewan McGregor) zurück nach Edinburgh. Zwischenzeitlich hat er in Amsterdam gelebt, eine Ehe in den Sand gesetzt und kürzlich einen Herzinfarkt überlebt. Immerhin den Drogen hat er seit Langem entsagt. Nun sind erwartungsgemäß weder Spud (Ewen Bremner), noch „Sick Boy“ Simon (Johnny Lee Miller) und schon gar nicht der just aus dem Knast geflohene Begbie (Robert Carlyle) gut auf Renton zu sprechen, ganz im Gegenteil. Zumindest Spud, noch immer Junkie und mittlerweile Vater, kann Renton vor dem Suizid retten. Simon hält es mittlerweile mit dem Kokain und sich selbst mit allerlei krummen, aber wenig erfolgreichen Geschäften über Wasser. Seine wesentlich jüngere Freundin Veronika (Anjela Neldyakova) indes gefällt auch Renton ganz gut. Begbie muss zu seinem Leidwesen erkennen, dass sein erwachsener Sohn (Scot Greenan) leider so gar nichts von der kriminellen Energie seines alten Herrn geerbt hat und hat schwer daran zu knabbern. Als dieser mitbekommt, dass Renton zurück in Leith ist, sinnt er auf tödliche Rache für die einstige Schmach.

Ein Film der gepflegten Resignation. So wie sich seit dem abrissbirnenartig-rasanten Original von 1995 die Außenwelt gewandelt hat, ist mit seinen Erfindern auch der Figurenkosmos von Irvine Welsh und Danny Boyle gealtert. Der relativ beliebige Effekt ist eine im Vergleich zur literarischen Fortschreibung leicht verjährte Fortsetzung, die eben so aussieht, wie sie jetzt aussieht, ebenso gut aber auch völlig anders hätte arten können – was man ihr, und darin liegt ein gewisser Knackpunkt, permanent anmerkt. Die einstige Wildheit, der Lebens- und Todeshunger, der ständige Tanz auf der Rasiermesserklinge mitsamt allerlei mehr oder weniger appetitlichen Fügungen, den schlimmen Verlusten und dem stampfenden Sound ist, analog zum fortgeschrittenen Alter der Protagonisten einer sehr viel gemächlicheren Gangart gewichen. So wie Renton nach seinem Herzinfarkt kürzer tritt, entschleunigt sich auch die „Trainspotting“-Realität, mit dem etwas leidigen Effekt der offensiv praktizierten Demystifizierung der „neuen Helden“. Der Nebenplot um einen von Simon geplanten Saunaclub, sprich, ein Bordell, der ihn und Renton mit der hiesigen Mafia konfrontiert, begleitet von einem allseitigen Dahinplätschern, wirkt da wie ein recht erzwungenes Füllsel. Die einstige, in ihrer Destruktivität immerhin konsequent gelebte Subkultur ist großen Fragezeichen des Wohins gewichen, einer etwas ziellosen Reise durch den biographischen Spätsommer gewissermaßen. Diese versöhnt eigentlich nur insofern, als dass man jetzt eben weiß wo es seit damals hingegangen ist mit Renton, Spud, Sick Boy und Begbie, deren Schicksale jetzt, auch das ein Nebeneffekt des Älterwerdens, nurmehr lose miteinander verbunden sind und dementsprechend sehr viel episodischer berichtet werden. Immerhin die Geschichte um Begbie, der als einziger der damaligen Clique seinen delinquenten, gewalttätigen Weg unbeirrt weiter gegangen ist, birgt noch emotionale Ankerhaken. Wie er sich völlig unfähig zeigt, zu akzeptieren, dass nicht nur er (zumindest körperlich), sondern auch die Zeiten sich geändert haben und dass sich selbst mit seinen hilflos-brachialen Lösungsversuchen diese Tatsachen nicht umstoßen lassen, das hat etwas zutiefst Rührendes, ebenso wie die als recht schöner Kreisschluss angelegte conclusio.

7/10

JOHN WICK: CHAPTER 2

„You stabbed the devil in the back.“

John Wick: Chapter 2 (John Wick: Kapitel 2) ~ USA/HK/I/CAN 2017
Directed By: Chad Stahelski

Nachdem sich John Wick (Keanu Reeves) endlich seinen gestohlenen Ford Mustang zurückholen konnte – wenngleich unter mancherlei Blechblessuren – erhält er daheim Besuch von einem alten Bekannten: dem Mafiaboss Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio), dem John noch eine alte Gefälligkeit schuldet: Er soll D’Antonios Schwester Gianna (Claudia Gerini) in Rom ausschalten, damit der Syndikatschef zum Alleinherrscher aufsteigen kann. Als John sich zunächst weigert, jagt D’Antonio sein Haus in die Luft. John sieht ein, dass er seine Schuld abtragen muss und erledigt seine Mission gewohnt professionell. Um sich öffentlich reinzuwaschen, lässt D’Antonio daraufhin einen Mordauftrag gegen John ergehen, der sich das natürlich nicht gefallen lässt…

Das Sequel zu Chad Stahelskis bereits ziemlich spektakulär ausgefallenem Erstling nimmt sich in Bezug auf seine bombastische Gestaltung nochmals etwas großspuriger aus und lässt die Saga um den unbesiegbar scheinenden John Wick beinahe überproportional zu einer Art „James Bond des Auftragskillerfilms“ anwachsen. Wir tauchen noch tiefer ein in jene geheimnisvolle, global operierende Killer- und Gangsterloge, die überall auf der Welt Hotels bewirtschaftet und ihre ganz eigenen Symbole, Kodexe und Gesetze pflegt, von der die regulären Gewalten wahlweise keinen Schimmer haben oder sie respektvoll akzeptieren (dies wird in der Folge noch zu klären sein). Jene beinahe schon fantasyangebundene Koloratur relativiert wiederum das unglaublich hohe Gewaltlevel – die Leichenberge, die John Wick auf seinem Pfad durch diese zweite Geschichte auftürmt, scheinen im Vergleich zum Vorgänger nochmals anzuwachsen und sind wiederum von einer geradezu irrwitzigen Quantität. Eine Riege gestandener Gaststars – darunter Franco Nero – gibt sich die Ehre und durch das Klassentreffen von Reeves und Laurence Fishburne als patriarchalischer Gangsterkopf „Bowery King“ entsteht zugleich eine gewisse, kaum subtile Reverenz an die „Matrix“-Filme. Dass „John Wick: Chapter 2“ sich darüberhinaus als Mittelglied einer vorkonzipierten Serie versteht, verdeutlicht wiederum der offene Schluss: John Wick ist durch die Ermordung D’Antonios auf neutralem Boden nunmehr vogelfrei und damit offene Beute für jeden der Loge angeschlossenen Profikiller der ganzen Welt. Dies bedeutet einerseits, dass er sich demnächst nirgendwo mehr wird sicher wähnen können und andererseits, dass er im zweifellos nachfolgenden Film wiederum ordentlich zu tun bekommen wird.

8/10

STEINER – DAS EISERNE KREUZ, 2. TEIL

„Who ought to belive this anyway?“

Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil ~ BRD 1979
Directed By: Andrew V. McLaglen

Nach seinem desaströsen Einsatz in Russland wird Feldwebel Steiner (Richard Burton) flugs an die Westfront beordert, wo die Alliierten soeben dabei sind, die Operation Overlord einzuleiten. Auch Steiners alter Rivale von Stransky (Helmut Griem) ist wiederum nicht fern. Nach einem kurzen Fronturlaub in Paris muss Steiner zurück ins Kampfgebiet, um ein strategisch wichtiges Dörfchen in der Provinz zu verteidigen. Sein alter Freund General Hoffmann (Curd Jürgens) eröffnet ihm derweil insgeheim, dass einige ohe Offiziere der Wehrmacht eine Verschwörung gegen Hitler planen und Steiner dazu auserkoren ist, dem gegnerischen General Webster (Rod Steiger) diese Nachricht zukommen zu lassen, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Die US-Admiralität glaubt jedoch an eine Finte und schickt dennoch eine Panzerbrigade in das von den Deutschen gehaltene Dörfchen. Zeitgleich scheitert der Putsch und Hoffmann nimmt sich das Leben. Stransky, der von alldem nichts ahnt und nach wie vor ein Fanatiker ist, plant, die ganze Panzerdivision mittels unterirdischer Sprengladungen zu vernichten…

Die Filmhistorie vergisst gern, dass der unverwüstliche Wolf C. Hartwig, der wusste, wie man eine Kuh adäquat bis auf den letzten Tropfen zu melken hat, seinem von Sam Peckinpah inszenierten Riesenerfolg „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ eine wiederum immens kostspielige Fortsetzung folgen ließ. Warum dieser amnesische Mantel? Nicht nur, dass „Steiner 2“ gnadenlos an den Kinokassen crashte, unterscheiden sich Original und Sequel hinsichtlich ihres Niveaus in etwa so, wie sich Peckinpah und McLaglen als Filmemacher unterscheiden. Eine philosophische Metaebene um preußische Arroganz und Gernegroßtum unter aristokratischen Wehrmachtsoffizieren, wie sie den Vorgänger auszeichnete, wird man hier vergeblich suchen. Vielmehr ist der zweite Teil, den nurmehr Klaus Löwitsch und Dieter Schidor in ihren vormaligen Rollen erlebten, nicht mehr oder weniger als ein kerniges Landser-Abenteuer, dass die schuldbelastete deutsche Seele  durch seine knuffigen Heldenakzente sogar ein klein wenig einzubalsamieren wusste. Mit Richard Burton, der im Prinzip viel eher seine Rolle als Söldner-Colonel Faulkner aus „The Wild Geese“ repetiert als auch nur im Mindesten den Versuch zu machen, seinen Vorgänger James Coburn anklingen zu lassen, stand McLaglen nur einer von mehreren vormaligen Kollaborateuren zur Seite. Ohnehin ist die Besetzung mindestens so erlesen und illuster wie die des Erstlings und rechtfertigt allein die Betrachtung des Films. Auch ist dieser keineswegs langweilig oder gar öde, obschon natürlich in seiner Struktur und Erzählweise überaus vorhersehbar und weitgehend überraschungsarm. Die düstere, bleierne, vom Wahnsinn infizierte Grundstimmung des Peckinpah-Films weicht hier eher der Betrachtung des Krieges als luftig-leichtes Männergeschäft, bei dem es auch mal was zu lachen gibt. Sicherlich zerfällt die Narration hier und da ferner ins seltsam Episodische, was möglicherweise auf diverse Straffungen und/oder Kürzungen zurückzuführen ist, doch dies nur mutmaßlich.
Als kleiner, kinohistorisch letzten Endes wohl tatsächlich „unbedeutender“ Beitrag zu der Gruppe vor allem logistisch abenteuerlicher Filmen über den Zweiten Weltkrieg kann sich, so sehe ich das, „Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil“ dennoch durchaus sehen lassen.

7/10