BLADE RUNNER 2049

„Things were simpler then.“

Blade Runner 2049 ~ USA/UK/CAN/HU 2017
Directed By: Denis Villeneuve

Los Angeles, 2049. Dreißig Jahre, nachdem Rick Deckard (Harrison Ford) und die Replikantin Rachael verschwunden sind, stößt der Blade Runner K (Ryan Gosling), selbst ein Replikant der neueren Bauart „Nexus 9“, nach der Stilllegung eines seiner flüchtigen Artgenossen (Dave Bautista), die sich als Renegaten selbstständig gemacht haben und verstecken, auf ein Grab, in dem sich die Überreste einer Replikantin befinden, die offenbar während einer Niederkunft gestorben ist. Der hochbrisante Fund, der beweist, dass die künstlichen Wesen zur Fortpflanzung fähig sind, unterliegt einerseits strengster Geheimhaltung – K erhält den Auftrag, sämtliche mögliche Mitwisser ebenfalls in den Ruhestand zu versetzen – und erregt andererseits das Interesse des Großindustriellen Niander Wallace (Jared Leto), der die frühere Tyrell Corporation übernommen hat und nunmehr führender Magnat auf dem Konstruktionssektor künstlicher Intelligenz ist. Wallace will unbedingt herausbekommen, welcher auslösende Faktor für die Fruchtbarkeit der Replikantin, bei der es sich um Rachael handelte, verantwortlich ist und wo sich ihres und Deckards Kind mittlerweile erwachsenes Kind befindet. Er lässt sowohl K als auch Deckard, den K sucht und schließlich im verlassenen Las Vegas ausfindig macht, jagen.

Tja. Der großen Euphorie, die „Blade Runner 2049“ bei seiner Kinopremiere empfing, kann und mag ich micht nicht recht eingemeinden, letzlich aus primär subjektiven, stark emotional gefärbten Gründen, wie ich anschließen möchte. Vermutlich stellt Dennis Villeneuves Film die bestmögliche aller denkbaren Alternativen dar, nachdem man sich der zwangsläufigen Hypothese widmet, wie ein etwaiges Sequel, so man sich denn mit der Idee arrangiert, dass ein solches überhaupt eine Existenzberechtigung erhält, sonst noch ausgefallen sein könnte. Ich gelange im Zuge aller diesbezüglichen Überlegungen jedoch immer wieder in dieselbe gedankliche Sackgasse, die mich starken Zweifeln eben genau darüber aussetzt, ob eine Fortsetzung überhaupt nötig war und ist.
„Blade Runner“ ist für mich (ausschließlich eigenbiographisch betrachtet) das möglicherweise wichtigste Exponant der Siebenten Kunst überhaupt. In einigen der vulnerabelsten und sensibelsten Phasen meines Lebens hat Ridley Scotts unglaublich reichhaltiger Film mir elementare Antworten beschert und meiner Liebe zum Medium Film den unerschütterlichsten aller Sockel gegossen. Vielleicht gab es sogar Zeiten, in denen er mich buchstäblich gerettet hat. Wenn ich an meine Phase zwischen dem dreizehnten und zwanzigsten Lebensjahr zurückdenke, was grob der Spanne zwischen 1989 und 1996 entspricht, denke ich an viele wichtige charakteristische Ereignisse, unter denen die immer wieder erfolgenden, regelmäßigen Betrachtungen dieses Films auf den oberen Plätzen rangiert. Ich muss „Blade Runner“ damals gewiss um die fünfzig Male (oder öfter?) gesehen haben, in den unterschiedlichsten emotionalen, psychischen und Bewusstseinszuständen und habe ihn dabei so sehr durchdrungen und internalisiert, wie das bei und mit einem Film wohl überhaupt nur möglich ist.
Soviel zu der Frage, auf welchen Nährboden eine Fortsetzung in meinem Herzen und meinem Verstand stößt. Jener Nährboden ist über die Jahre kultiviert, beackert, zerfurcht wurden, hier und da zur Brache verödet, aber immer wieder zu neuer Blüte erwacht. „Blade Runner 2049“ hat insofern den ersten, nebligen Effekt auf mich, als versuchte jemand, mir den urplötzlich aufgetauchten Bruder eines immens wichtigen, alten, liebgewonnenen Freundes als gleichwertig vorzustellen und zu sagen: „Bitte, der ist jetzt da, finde ihn toll. Du kennst ihn zwar nicht, aber er kann und weiß alles, was dein Kumpel kann und weiß, ist aber viel jünger, jovialer und total selbstbewusst.“ Am Ende, nach einer gemeinsamen Kneipentour vielleicht, fand ich den Burschen eigentlich nicht mal unsympathisch, aber brüderliche Liebe? Von jetzt auf gleich noch dazu? Niemals.
Villeneuve spinnt also das originäre „Blade Runner“-Universum fort. Nicht das von Dick, sondern das von Scott, dezidiert das Kino-Universum. In der filmischen Realität ist etwas weniger Zeit vergangen als in der unsrigen, tatsächlichen, nämlich nur dreißig statt fünfunddreißig Jahren. L.A. ist noch immer ein gewaltiger, urbaner Moloch, mittlerweile so extrem vom Smog durchdrungen wie eine chinesische Großstadt bereits heute, dröhnen die Häuserschluchten nach wie vor vom cityspeak wieder. Die neueren Replikanten teilen sich ihren Status als künstlich intelligente, lebensechte Kreaturen mit holographischen Freunden und HausgenossInnen, die mögliche Einsamkeit kompensieren. Auch K gehört zu jener jüngeren Androidengeneration, die um ihre existzenziellen Wurzeln wissen und sich kritiklos mit ihnen abfinden können, um Rebellionen, wie es sie früher immer mal wieder unter ihren unzufriedenen Vorgängermodellen gab, vorzubeugen. K weiß, dass seine Kindheitserinnerungen artifizieller Natur sind. Sein Ich-Bild gerät zwar zwischenzeitlich zunehmend ins Wanken, rekonfiguriert sich jedoch nach der bitteren Desillusionierung, dass er doch nicht „mehr“ ist, als er kurzfristig zu sein glaubt.
Dennoch steht wie damals der große, philosophische Diskurs im Zentrum, was Menschlichkeit überhaupt ausmacht und ob sie sich zuverlässig definieren lässt. Die Antwort, die Villeneuves Film liefert, ist dabei sehr viel eindeutiger als damals die bei Scott. In einem Interview gab Villeneuve zum Besten, er „liebe Geheimnisse“. Dem trägt er dadurch Rechnung, dass die Frage nach Deckards Identität weiterhin unbeantwortet bleibt. Replikanten gibt es mittlerweile nämlich in den unterschiedlichsten Variationen. Manche, die mittlerweile als Fehlschlag kategorisiert sind und nach wie vor gejagt werden (warum K nebenbei nicht arbeitslos ist), haben eine unbeschränkte Lebensdauer, andere, wie K, sind zumindest augenscheinlich im Hinblick auf ihre reine Funktionalität hin, optimiert und problemlos, indem sie weder sich selbst, noch ihre Entstehung hinterfragen.
„How can it not know what it is?“ fragte Deckard den alten Tyrell einst, nachdem er die sich menschlich glaubende Rachael dem Voight-Kampff-Test unterzogen hatte und feststellte, dass sie künstlich sein muss. So tief geht „Blade Runner 2049“ nicht mehr. Die Revolte gegen ihre gottgleichen, menschlichen Schöpfer pflegt eine kleine Replikanten-Gruppe unter der geheimnisvollen Freysa (Hiam Abass), nun organisiert und aus dem Untergrund heraus. Eine vergleichsweise lose, inhaltliche Volte, die vornehmlich dazu dient, K, der mit Goslings schiefem Dackelblick immer konsequenter zum Humandasein schielt, gegen Ende doch noch den Boden unter der Füßen wegzuziehen. Ihm bleibt dann nur noch die überfällige Familienzusammenführung, bevor er zu Vangelis‘ Partitur (die jetzt von Hans Zimmer und Bejamin Wallfisch aufbereitet wird), im Schnee sitzt und (vermutlich) ausgeht, in den Ruhestand versetzt wird, sprich. Time to die. Again. Ob ich das sonderlich originell finden möchte, wie so viele andere Elemente, die Villeneuve siegesgewiss als genau das – nämlich originell – veräußert, kann ich noch immer nicht recht sagen.
„Blade Runner 2049“ ist gewiss kein schlechter Film. Er ist immer noch hinreichend visionär und von etlichen Meistern ihres Fachs in streckenweise gewiss bravourösem Zusammenspiel kreiert worden. Er macht seinem Vorbild keine Schande und erweist ihm seine Ehrerbietung, so gut es ihm möglich ist. Der göttliche Funke jedoch, jener manchmal winzig kleine Sprenkler, der schlussendlich veritables Genie vom zuverlässigen Gesellenstück abhebt, der fehlt.

8/10

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VICTOR CROWLEY

„We are so dead.“

Victor Crowley ~ USA 2017
Directed By: Adam Green

Nach Jahren der trügerischen Ruhe brodelt es wieder im Honey Island Swamp – ein dulles Trio von Amateurfilmern (Katie Booth, Chase Williamson, Laura Ortiz) sorgt durch seine Unachtsamkeit dafür, dass der mutierte Massenmörder Victor Crowley (Kane Hodder) die längste Zeit im Jenseits schlummerte. Zudem stürzt das Flugzeug eines Fernsehteams, das den damaligen Überlebenden Andrew Yong (Parry Shen) vor Ort interviewen möchte, vor Ort ab. Der alte Victor bekommt einiges zu tun…

Wie es sich für standesgemäße boogy men ziemt, war auch die Reaktivierung des Sumpfmonsters Victor Crowley, standesgemäß wieder von Kane Hodder interpretiert, bloß eine Frage der Zeit bis zur ohnehin überfälligen Rückkehr zum blutigen Aktionismus. Nachdem Kollege BJ McDonnell ihn im dritten Teil auf dem Regiestuhl ablöste, überraschte Adam Green seine Fangemeinde beim Frightfest UK im Herbst letzten Jahres mit der Eröffnung, dass ein neuer „Hatchet“ nicht nur in Planung, sondern bereits fertig sei und itzo auch gleich angeschaut werden könne. Die Reaktionen der Anwesenden sollen höchst euphorisch ausgefallen sein, was man ihnen angesichts der Überraschung kaum verdenken kann.
Nachdem bereits die Vorgänger keinen Hehl aus ihrer unbedingten Affinität zur Selbstironie und Transzendierung des gesamten Genres machten, ist „Victor Crowley“ nun endgültig reine Comedy, die sich jedoch durch dermaßen fiese (handgemachte!) Pampereien und matschiges Blutgesuhle angereichert findet, dass das Ganze natürlich trotzdem weiterhin seinem ganz exklusiven Publikum vorbehalten bleibt. Greens kernige Witze zünden zwar nicht immer, erweisen im besten Falle aber Humor-Großtätern wie Adam Sandler und Will Ferrell Reverenz, wobei die Rolle des schmierigen, am Ende aber doch aufopfernd-heldenhaften Touri-Führers Dillon (David Sheridan) besonders letzterem perfekt auf den Leib geschrieben gewesen wäre. Auch sonst ist Green ein ganzes Konglomerat aus Reminiszenzen und Hommages aus der Feder geflossen, die freilich auch wieder mit einigen netten cameos einhergeht.
Den Hut ziehen muss man diesmal ganz im Ernst vor der sich immer zeitgemäßer und liberaler gebenden FSK, die das gnadenlose Überspitzungspotenzial des Films völlig durchblickt und ihn ungeschnitten mit einer 18er-Freigabe durchgewunken hat. Vor dreißig Jahren wäre das Ding einkassiert worden, bevor der erste bundesdeutsche Filmvorführer auch nur ein Spitze von Victor Crowleys zauseligem Haupthaar zu Gesicht bekommen hätte. Humor muss man haben, dann klappt’s auch mit dieser Spaßgranate.

7/10

JIGSAW

„You have a choice. Scream or don’t.“

Jigsaw ~ USA/CAN 2017
Directed By: Michael Spierig/Peter Spierig

Ganze zehn Jahre nach dem Tod des Jigsaw-Killers John Kramer (Tobin Bell) beginnt ein Unbekannter, dessen etwas perverse Moralagenda aufs Neue in die Tat umzusetzen. Der hartgesottene Cop Halloran (Callum Keith Rennie) und seine Mitarbeiter, darunter der Kriminalpathologe Logan Nelson (Matt Passmore), setzen sich auf die Spur des Mörders und entwickeln Verdachtsmomente in ganz unterschiedliche Richtungen. Eine davon geht sogar so weit, in Erwägung zu ziehen, dass Kramer mitnichten in seinem Grab schlummert, sondern sein früheres Treiben auf wundersame Weise fortsetzt…

Sage und schreibe ganze sieben Jahre ist es nun schon her, dass mit „Saw 3D“ der bis dato letzte Beitrag zu der denkwürdig ausufernden Killerchronik erschienen war. Der damals so inflationär genutzte Terminus „torture porn“ hat sich analog zum Verschwinden der vormals so regelmäßig reüssierenden Reihe mittlerweile wieder weitgehend aus dem ohnehin unzulänglichen Definitionsvokabular vieler mehr oder minder empörter Betrachter verabschiedet. Doch gibt auch diese alte Kuh immer noch ordentlich fette Milch, wie die Spierig-Brüder mit „Jigsaw“, der nunmehr achten filmischen Installation um John Kramer und seine Epigonen sich anschickten unter Beweis zu stellen. Wer mit den früheren Serienbeiträgen sein persönliches Auskommen fand, der sollte zwangsläufig auch „Jigsaw“ zugeneigt sein; mit einem sich zum Ende hin  sturzbachartig entleerenden Füllhorn aus bis dato zurückgehaltenen Informationen findet der geneigte Rezipient sich wieder einmal vortrefflich verarscht und an der Nase herumgeführt – sämtliche zuvor gestreuten Indizien zur Schürung detektivischer Anstrengungen erweisen sich abermals als schmackhaft ausgelegte Attrappen zugunsten wirrer Volten. Doch ist man „Jigsaw“, zumal in traditioneller Kenntnis dieser bereits traditionellen Irrführungsnarration, diesbezüglich keinesfalls böse – dazu bleibt in Anbetracht des immens straffen Vortrags und der gewohnt sadistischen Einfälle (mein persönlicher Lieblingskill und zugleich einer der grandiosesten des gesamten Franchise ist natürlich der letzte) ohnehin kaum Zeit.
Das vormals etablierte Grundkonzept um den selbsternannten Scharfrichter, der am Ende dann doch zigmal abartiger ist als jedes seiner Opfer auch nur zu träumen wagt, bleibt bestehen, allerdings mit einem neuen Drahtzieher, der sich von Stund an anschicken darf, den losen Faden neu aufzunehmen. Mir soll’s recht sein, ich bin (und bleibe) dabei.

7/10

INDEPENDENCE DAY: RESURGENCE

„Time to kick some serious alien ass.“

Independence Day: Resurgence (Independence Day – Wiederkehr) ~ USA 2016
Directed By: Roland Emmerich

Zwanzig Jahre nach dem katastrophalen Alien-Überfall hat die Welt sich nicht nur weitgehend erholt, sondern zudem die eigene Technologie mit der Außerirdischen angereichert. Mit deren Hilfe gelang es zudem, weiter in den Weltraum vorzustoßen. Just zum Jahrestag der Invasion erscheint dann ein fremdes, rundes Objekt im All, das vorsorglich, aber leider auch vorschnell abgeschossen wird. Dabei handelt es sich um den Abgesandten einer interstellaren Rebellenarmee, die die Menschheit vor dem nächsten Sturm der bereits bekannten Extraterrestrier warnen will. Da rauscht schon ein gewaltiges Schlachtschiff heran, auf dem sich diesmal eine Alien-Königin befindet, die den zweiten Angriff gegen die Erde höchstpersönlich anführt. Für David Levinson (Jeff Goldblum), den seit damals in psychiatrischer Verwahrung befindlichen Ex-Präsidenten Whitmore (Bill Pullman), der nach wie vor mentalen Kontakt zu den Fremden hat, den aus dem Koma erwachten Dr. Okun (Brent Spiner), Captain Hillers Sohn Dylan (Jessie T. Usher) und dessen Pilotenkumpel Jake Morrison (Liam Hemsworth) heißt es daher aufs Neue: Alienärsche treten.

Den ganz großen, gigantomanischen Irrsinn des Vorgängers kann „Independence Day: Resurgence“ in Zeiten, in denen Superhelden- und Effektkino Alltagsgeschehen sind, nicht mehr präservieren. Emmerich und Adlatus Dean Devlin, unterdessen zu alten, gewohnheitsmäßig umtriebigen Hasen im bombastischen Zerstörungs- und Katastrophen-Segment avanciert, wissen das ganz genau und brechen ihre neuerliche Invasions-Nabelschau auf ein kontenztrierteres Filtrat herunter, das sich vornehmlich aus breit angelegten Luft- und Raumkampfszenarien und einigen wenigen Plot-Füllseln, die offenkundig vor allem dazu dienen, den Stoff zum künftigen Franchise auszuweiten, zusammen setzen. Wie die Xenomorphe aus der „Alien“-Reihe erweisen sich die allermeisten All-Monster als Drohnen, die ihre Chefin bzw. Königin, die zehnfach größer in punkto Gestalt und Kampferprobtheit ist, umschwirren und mit ihr stehen und fallen. So wird „Resurgence“ gegen Ende noch flugs zum waschechten Monsterfilm, wenn es gilt, das durch die Wüste von Nevada flitzenden Tentakel-Ungetüm zu Fall zu bringen. Mir hat’s gefallen.
Dass Will Smith, im Original bereits Nervenstrapazierer über Gebühr, nicht mehr dabei ist, schadet dem Film überhaupt nicht; Herz und Zentrale auf dem schauspielerischen Sektor bilden ohnehin erneut der gewohnt lakonische Goldblum und der herzliche Judd Hirsch, von denen Emmerich stolz sein kann, sie zum wiederholten Auftritt überzeugt zu haben. Robert Loggia darf immerhin zweimal kurz in die Kamera linsen. Obendrauf gibt es als (komplett austauschbares und profilloses) Pseudo-Identifikationspersonal für Teens und Twens den Nachwuchs Hemsworth, Usher und Maika Monroe als Whitmores wehrhafte Tochter Patricia sowie William Fichtner als Präsidentennachwuchs, dem diesmal die (hübsch kurz geratene) Pathos-Rhetorik zur letzten Schlacht vorbehalten ist. Ob man mit weiteren „Indepence Day“-Beiträgen rechnen kann, wird sich wohl in Kürze zeigen; zumindest die Sterne stehen der Storyline ja jetzt ganz weit offen. Nach diesem dem Erstling summa summarum ebenbürtigen Sequel wäre ich wohl sogarbis auf Weiteres dabei.

5/10

AVENGING ANGEL

„I ain’t no angel, pal.“

Avenging Angel (Angel kehrt zurück) ~ USA 1985
Directed By: Robert Vincent O’Neill

Nachdem Molly Stewart (Betsy Russell) von ihrem alten Beschützer Lieutenant Andrews (Robert F. Lyons) quasiadoptiert wurde und Jura studiert hat, liegt ihre Kiezvergangenheit weit hinter ihr. Als Andrews jedoch bei einem Einsatz auf dem Hollywood Boulevard ermordet wird, holt Molly die alten Stilletos und den Minirock aus dem Schrank und kehrt als „Angel“ zurück auf die Straße. Um die Mörder ihres väterlichen Freundes zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen, benötigt sie allerdings noch die Unterstützung ihrer früheren Freunde. Daher gilt es zunächst, den alten Kit (Rory Calhoun) aus dem Seniorenheim zu entführen…

Obschon nur ein Jahr später entstanden, muss man als Kenner des Originals zunächst einige Zäsuren in Kauf nehmen – nicht nur, dass der zeitliche Abstand zu den Ereignissen im Vorgänger deutlich gedehnter ausfällt, wird die pfiffige Molly jetzt von Betsy Russell gespielt, die zwar vier Jahre jünger ist als ihre Vorgängerin Donna Wilkes, im Gegenzug jedoch auch vier Jahre älter aussieht. Auch Lt. Andrews, der als initiierendes Mordopfer ohnehin nur einen vergleichsweise kurzen Auftritt absolviert, unterliegt einem Personalwechsel. Was jedoch viel wichtiger ist – das liebgewonnene Kiezensemble, sprich Susan Tyrell, Rory Calhoun und Steven M. Porter, kehrt (natürlich mit Ausnahme des in „Angel“ heldenhaft geopferten Dick Shawn)  geschlossen zurück und unterstützt seine alte Freundin, die diesmal nur zum Schein auf den Strich geht, um ein Gangsternest auszuheben, hinter dem der reiche Geschäftsmann Gerrard (Paul Lambert) steht. Die alte Clique erweist sich als schlagfertiger denn je und greift Gerrards Männer mit ungewohnter Feuerkraft an. Doch auch die Helden haben eine Schwäche – ein verwaistes Baby, das Solly unter ihre Fittiche genommen hat und sich bestens als Kidnappingopfer eignet.
„Avenging Angel“ findet nach dem Original sehr viel flüssiger und vor allem umwegloser zu sich selbst. Schon die von Bronski Beat stampfend untermalte Eingangssequenz vergewissert sich eines ganz anderen formalen Qualitätsstandards, bevor das Sequel sich unter cleverer Verwendung des bereits etablierten Personal auf den Selbstjustiz- und Vigilanten-Konvoi der Achtziger schwingt, sehr viel gewaltigere Feuerkraft bemüht und dabei keine Scheu hat, bei stark angezogenem pacing immer wieder den Bogen hin zu lustvoll überdrehten Albernheiten zu überspannen. „Avenging Angel“ hat von allem etwas mehr: Action, Humor, Spannung, Übertreibungen, Exploitation, Entertainment. Außerdem gefällt mir Betsy Russell wesentlich besser als Donna Wilkes, die ich nebenbei schon seit „Jaws 2“ als schlimme, weil unsäglich kreischende Nervensäge im Hinterkopf habe. Ich dürfte ergo wohl ziemlich allein dastehen mit der Ansicht, dass „Avenging Angel“ zu den wenigen Forsetzungen gehört, die ihren Vorgänger vorbehaltlos übertreffen. Andererseits ist das ja nichts Schlimmes.

7/10

CHILDREN OF THE CORN III: URBAN HARVEST

„Let the harvest begin!“

Children Of The Corn III: Urban Harvest (Kinder des Zorns III – Das Chicago-Massaker) ~ USA 1995
Directed By: James D.R. Hickox

Zwei der überlebenden Gatlin-Kinder, Eli (Daniel Cerny) und sein älterer Stiefbruder Joshua (Ron Melendez), werden Hals über Kopf von dem kinderlosen Ehepaar Porter aus Chicago adoptiert. Während der weltoffene Joshua sich rasch an die juvenilen Gepflogenheiten der Großstadt anpasst und Freunde findet, pflegt Eli weiterhin die alten „Gewohnheiten“, zu denen auch der umgehend erfolgende Anbau einer Maiskultur auf einem leerstehenden, an den Familiengarten angrenzenden Fabrikgelände gehört. Während Amanda Porter (Nancy Lee Grahn) rasch Angst vor Elis auffälligem Verhalten bekommt, ist ihr Gatte William (Jim Metzler) höchst begeistert von dem widerstandsfähigen Getreide, das hinter seinem Haus wächst und stielt bereits einen Deal ein, selbiges in alle Welt zu verschiffen. Derweil schart Eli eine neue Kultgemeinde um sich und huldigt mit dieser dem bereits lauernden Maisdämon „Der, der hinter den Reihen wandelt“.

Ein ordentlicher Schwung aufwärts gelang Anthony-Bruder und Douglas-Sohn James D.R. Hickox hinsichtlich des „Corn“-Serials nach David Prices eher unmotiviertem, müden Erstsequel mit dieser zweiten, um einiges spektakuläreren Fortsetzung. Die Grundidee, den Maiskult aus der ruralen Umgebung des Mittleren Westens in die Großstadt zu hieven, erweist sich als sinnstiftend und treffend und findet sich durch den Einfall, den Mais auf einer Industriebrache anzupflanzen, wiederum hübsch angereichert. Mit dem von dem dreizehnjährigen  Jungdarsteller Daniel Cerny angemessen diabolisch gespielten Eli gibt es einen würdigen Nachfolger zum seligen Isaac, dessen bösartiger Habitus hervorragend mit seinem netten Erscheinungsbild kontrastiert. Besonders der schwelende Konflikt zwischen Eli und dem Schulpfaffen Nolan (Michael Ensign), der ihn bald durchschaut und dessen Kirche Eli später übernimmt, weiß zu gefallen, bis es im Finale dann ordentlich kracht: Endlich bekommt man „Den, der hinter den Reihen wandelt“ zu Gesicht – ein gewiss nicht durchweg ganz reibungslos animiertes, aber vielleicht gerade deswegen besonders illustres, unförmiges Monster, das sich rigoros durch die Belegschaft seiner verblendeten Anhänger pflügt. Eine konkreter bebilderte Warnung vor kritiklosem Sektierertum wird man im Genrefilm schwerlich finden.

5/10

CHILDREN OF THE CORN II: THE FINAL SACRIFICE

„For everything, there is a season.“

Children Of The Corn II: The Final Sacrifice (Tödliche Ernte – Kinder des Zorns II) ~ USA 1992
Directed By: David Price

Die überlebenden Kinder aus Gatlin, Nebraska, Schauplatz eines im sektiererischen Wahn verübten Massenmords, werden von den Bewohnern des Nachbarorts Hemingford in Obhut genommen. Dem stehen ein paar Einwohner wie die alte Mrs. Burke (Marty Terry) überaus skeptisch gegenüber – machen sie doch eben die Gatlin-Kinder für die blutigen Geschehnisse verantwortlich. Der zufällig durchreisende Klatschreporter Garrett (Terence Knox) und sein ihn begleitender Sohn Danny (Paul Scherrer) werden mitten in die Ereignisse gezogen, die nicht nur die sinistren Halbwüchsigen, sondern auch einen Skandal um den Verkauf fauler Maiskolben beinhalten. Zudem ist „Der, der hinter den Reihen wandelt“ nicht weit…

Ganze acht Jahre nach der immerhin noch etwas stimmungsvoll gefertigten Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King machte sich das just gegründete, auf phantastische Stoffe abonnierte Weinstein-Studio Dimension daran, ein Franchise rund um die parareligiös verbrämten Satansblagen vom Stapel zu lassen. „Children Of The Corn II“ war zugleich auch der letzte Film der mittlerweile sieben Sequels und ein TV-Remake umfassenden Serie, dem ein Kinostart vergönnt wurde. Dabei fällt jene erste Fortsetzung gleich ziemlich albern aus: Um den sich als nicht sonderlich spannungsträchtig erweisenden Hauptplot um den infantilen Maiskult ein weiteres inhaltliches Mosaiksteinchen zuzusetzen, schrieben die Autoren ihm eine Geschichte um verschwörerische, kriminelle Landwirte nebenher, hinter denen sich die Stadtoberen von Hemingford verbergen. Die zu einem Quintett anwachsenden Helden bekommen es daher gleich mit zwei Übelswurzeln zu tun, was dennoch keinerlei Anlass zu visuellen Sensationen bietet. Abgesehen von ein paar wenigen netten Ideen und S-F/X bleibt alles so flach und dörr wie der Mittelwesten im Hochsommer. Die geflissentlich bedrohliche Atmosphäre des Originals weicht einem ordinären Slasherkonzept, das sich primär um den bösen Micah (Ryan Bollman) und seine ihm hörigen Jünger schart, wie sie sich ihrer unbequemen erwachsenen Gegner und Mitwisser entledigen. Ein altkluger Indianer (Ned Romero), der natürlich die übersinnliche Essenz hinter den Ereignissen durchblickt, darf dabei ebensowenig fehlen wie love interests für Vater und Sohn nebst den Zug sträflich ausbremsenden Romantikszenen.
Wer gern wissen möchte, warum die Neunziger im Genresektor vielerorts als „most boring deacde“ erachtet werden, der findet hier ein durchaus passendes Indiz. Kein Werk zum Blumentöpfe gewinnen.

3/10