WONDER WOMAN 1984

„It’s all art.“

Wonder Woman 1984 ~ USA/UK/CA/MEX/E 2020
Directed By: Patty Jenkins

Die von der göttlichen Pardiesinsel Themyscira stammende Amazone Diana (Gal Gadot) lebt und arbeitet im Jahre 1984 unter dem „irdischen“ Namen Diana Prince in Washington D.C.. Wenn nötig, schmeißt sie sich auch kurzerhand in ihre Rüstung und wird als „Wonder Woman“ aktiv; ihre Rettungsaktionen bleiben jedoch stets inoffiziell und werden nie wirklich publik. In dem unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Aus stehenden Borrkonzessions-Makler Maxwell Lord (Pedro Pascal) und der sympathischen, aber schüchternen Barbara Minerva (Kristen Wiig) erwachsen ihr jedoch bald zwei ernstzunehmende Gegner: Über Umwege bringt sich Lord in den Besitz eines uralten, mystischen Artefakts, den einst der böse Gott Dolos erschuf. Dabei handelt es sich um einen Stein der jedem seiner wechselnden Besitzer einen innigen Wunsch erfüllt, jedoch stets um einen unwägbaren persönlichen Preis. Als Lord sich wünscht, mit dem Stein eins zu werden, setzt er eine Ereigniskette in Gang, die die im Kalten Krieg befindliche Welt endgültig an den Abgrund führt. Nur Diana und der durch ihren persönlichen Wunsch wieder ins Leben zurückgefundene Pilot Steve Trevor (Chris Pine) können Lord und die sich langsam in ein Monster verwandelende Barbara Minerva aufgehalten und der Dritte Weltkrieg abgewendet werden.

Groß angekündigt und dann irgendwie doch relativ sang- und klanglos in den Streaming-Weiten von HBOMAX verkluckt, muss „Wonder Woman 1984“ derzeit recht viel Schelte einkassieren. Zugegeben – das wiederum von Patty Jenkins inszenierte Sequel zum deutlich positiver aufgenommenen Original von vor drei Jahren macht es potenziellen Kritikern recht leicht, es zu zerrupfen. Der Film ist, ausgehend von einer halbwegs kommerziell tragfähigen Gestaltung eines potenziellen „Blockbusters“, für das, was er zu erzählen und zu bieten hat, vermutlich deutlich zu lang geraten, leistet sich allerlei kleine bis mittelschwer wiegende Unebenheiten [katastrophal schiefliegend und fremdschamgesäumt z.B. die Szenen mit Lords Sohn Alistair (Lucian Perez)] und pfeift das von Gald Gadot bis dato kultivierte Imaginat einer feministisch tragfähigen Vorzeigeprotagonistin im genderbezogen nach wie vor höchst ungleich gewichteten Superhelden-Makrokosmos zugunsten konservativer Geschlechterbilder zurück. Irgendwo habe ich etwa neulich gelesen, dass Dianas Wunsch, ihre große Lebensliebe Steve Trevor im Angesicht der angespannten globalen Lage anno 84 doch wohl ein völliger Schuss in den ideologischen Ofen sei und dass ihre Antagonistin Barbara Minerva alias „Cheetah“ sich insgeheim mittels hoffnungslos überkommener Geschlechterbilder definiere. Nun; das kann man dem von Jenkins und DC-Mastermind Geoff Johns ersonnenen Script gewiss zum Vorwurf machen – muss man aber nicht. Gald Gadots WW-Nimbus wird nach meinem Dafürhalten hier keinesfalls geschmälert, sondern vielmehr auf eine wohltuend romantische Weise durchaus humanisiert. Auch stahlharte Amazonen haben ein Recht auf Liebe, Privatheit und Träume, selbst, wenn Pentagon und Kreml der nukleare Finger bereits beträchtlich zuckt. So betrachtet es zumindest meine möglicherweise etwas tradierte Comicfantasie. Und dass die gute Barbara Minerva vor und nach ihrer Metamorphose von mancherlei Neurosen gepiesackt wird, ist nicht minder literary fact. Gal Gadot jedenfalls ist abermals über jeden Zweifel erhaben und erweist sich abermals als die wahrscheinlich bestmögliche Wonder Woman zu Zeit. Durch Johns‘ Scriptbeteiligung erwachen zudem einige Persönlichkeiten und kleine Facetten der 80er-Jahre-DC-Publikationen zum Leben – so der von seinem Erfinder Keith Giffen ursprünglich durchaus komisch angelegte Maxwell Lord, der übereifrige Magnat Simon Stagg, der fiktive Nahost-Terrorstaat Bialya oder WWs unsichtbarer Jet. Viel spaßiges Geek- und Fanfutter also, das mit dem Post-Credit-Gastauftritt der sich als Amazonenkriegerin offenbarenden TV-Original-Wonder-Woman die Ehre gebenden Lynda Carter. Alles soweit prima. Nun lehnt sich der reichlich comiceske Hauptplot um die große, alte Weise „be careful what you wish for“ natürlich auch recht deutlich an den kleine, aber feine Horrorsause „Wishmaster“ von 1997 an und zumindest meiner Wenigkeit rückte in Anbetracht des von seiner Macht zunehmend korrumpierten Max Lord respektive seinem Interpreten Pedro Pascal allenthalben Andrew Divoffs Djinn ins Gedächtnis. Eine recht trivialaffine Story ergo mit all ihren kleinen Fallschlingen. Dennoch hat mir „Wonder Woman 1984“ recht gut gemundet und ich fand ihn nur unwesentlich schwächer als den Erstling. Andersgläubige mögen mir das nachsehen oder auch nicht.

7/10

PET SEMATARY 2

„No brain, no pain… think about it!“

Pet Sematary 2 (Friedhof der Kuscheltiere 2) ~ USA 1992
Directed By: Mary Lambert

Als seine Mutter (Darlanne Fluegel), eine bekannte Hollywood-Actrice, infolge eines von ihm miterlebten Unfalls am Set stirbt, ist der Teenager Jeff (Edward Furlong) am Boden zerstört, zumal sie sich möglicherweise bald wieder mit seinem Dad, dem Tierarzt Chase Matthews (Anthony Edwards), versöhnt hätte. Um seinen Filius auf andere Gedanken zu bringen, zieht Chase mit ihm in die Kleinstadt Ludlow in Maine, wo zudem einen vakante Praxis auf Chase wartet. Die örtlichen High-School-Bullys, allen voran der fiese Clyde Parker (Jared Rushton), machen es Jeff alles andere als leicht. Nur im fülligen Drew Gilbert (Jason McGuire) findet er einen Freund. Doch auch Drew hat schwer zu knabbern – an seinem Stiefvater Gus Gilbert (Clancy Brown) nämlich, einem Arschloch vor dem Herrn und dazu noch der hiesige Sheriff. Nachdem Gilbert eines Abends Drews geliebten Hund Zowie abknallt, bittet Drew seinen neuen Kumpel Jeff, das Tier mit ihm zu begraben – auf einem gewissen, im Wald verborgenen Indianerfriedhof, dem spezieller Eigenschaften zugeschrieben werden. Doch dies ist lediglich der Anfang einer Kette blutiger Ereignisse…

Zunächst einmal mutet es in Anbetracht des Scipts ein wenig bizarr an, dass Mary Lambert, die Regisseurin des ersten, beinahe makellos schönen „Pet Sematary“, sich bereit erklärte, auch dieses Sequel zu inszenieren, denn „Pet Sematary 2“ macht sich keinerlei Mühe, einen der King-Adaption in Atmosphäre oder Habitus auch nur im Ansatz ähnliches Werk zu präservieren. Wo dieses nämlich, zumindest auf dem damals eingeschränkten Feld des Mainstream-/Studio-Horror, eine der vordringlichsten und geschlossensten Arbeiten der Spätachtziger darstellt, spielt die Forsetzung mit einem gänzlich anders gearteten Blatt Mau-Mau statt Skat. Sie liebäugelt nämlich unverhohlen mit Drive-In, Camp und Grand Guignol, setzt über weite Strecken Kids in die treibenden Parts, um sich dann im letzten Drittel zu einer liebevoll übersteigerten Zombie-Mär aufzutürmen, die zumindest auf der reinen Mentalitätsebene wesentlich mehr mit O’Bannons „The Return Of The Living Dead“ und dem zum gegebenen Zeitpunkt zwar noch nicht existenten, aber in Teilen doch stark antizipierten „Braindead“ zu tun haben als mit dem eigentlichen Vorläufer. Zwar werden immer wieder kleine regionale und inhaltliche Bezugspunkte gesetzt, die eine Nachfolgeschaft zumindest offiziell kenntlich machen, dabei bleließ man es aber auch.
Entsprechend weitflächig bis universell war und ist die Ablehnung, die „Pet Sematary 2“ seit eh und je entgegenwogte, bis heute. Ich bin mal so kühn, zu behaupten, der Grund dafür sei rasch zur Hand: „Pet Sematary“, das Original, geht (auch) durch als ein Film für Menschen, die Stephen King im Urlaub am Strand lesen und die von Kino wenig mehr erhoffen oder erwarten denn abendfüllendes Amüsement. Sein Nachfolger indes ist eindeutig und mehr oder weniger explizit für dedizierte Horrorliebhaber gedacht und gemacht. Hier werden zudem die vordringlichen Topoi noch um einiges subtiler und gleichzeitig psychologisch fundierter bearbeitet. Es geht, und dies nicht unbedingt allzu offensichtlich, um Themen wie den frühen Verlust von Elternteilen,die daraus resultierende Sehnsucht nach deren Rück- (oder besser Wieder-) Kehr und den schwerigen Umgang mit ihrem Tod, die fehlende Akzeptanz für deren potenziellen Ersatz, aber auch um das Gefühl von Ablehnung in der Pubertät, dysfunktionale Familienstrukturen und Orientierungslosigkeit, kurz: ums stets präsente „coming of age“. Wo der erste Teil noch Louis Creed als mehrkanaligen Zerstörer seiner Familie zentriert, der durch seine ebenso unablässigen wie törichten Versuche, alles wieder geradezurücken, schließlich auch sich selbst und seinen letzten Freund ins Verderben reißt, übernehmen hier alsbald die untoten Wiedergänger, und das auf eine zunehmend abseitige Weise. Eine unglaubliche Szene und vielleicht die, die „Pet Sematary 2“ über alle Sphären hebt, zeigt den wiederauferstandenen Clancy Brown als Gus Gilbert, wie er mit seinem Stiefsohn Drew und dessen Kumpel Jeff beim Abendessen sitzt. Gus stellt widerliche Dinge mit der Nahrung (Kartoffelbrei und Erbsen) an, die er ja eigentlich gar nicht mehr benötigt, nur, um die Jungen zu ekeln und lacht sich selbst darüber schlapp. Erinnerungen an Clancy Browns nicht minder sagenhafte Kurgan-Interpretation in „Highlander“, die sich im Folgenden noch intensivieren, sind da bereits unvermeidlich und geben dann auch die vorherrschende Tonart an. Damit hatte der Film zumindest meine Wenigkeit komplett im Sack.
Die Zombies entwickeln im Sequel eine gemeinschaftliche Agenda, säen (noch mehr) Tod und Untergang, können sprechen, Auto fahren, und organisieren sich, mit dem ja bereits zu unseligen Lebzeiten bösartigen Gilbert als Anführer, sogar wider die Lebenden. Da ist dann richtig was los im Staate Maine. Und dann gibt es auf der Tonspur statt eines einzigen Ramones-Songs im Abspann diesmal noch eine ganze, modische Musikkompilation von Clip-Meisterin Lambert (u.a. mit The Jesus & Mary Chain, L7 und einer weiteren Ramones-Nummer).
Kein Wunder, dass His Majesty mit „Pet Sematary 2“ (im ersten hatte er sich noch ein Cameo als Priester gegönnt) am Ende nichts mehr zu tun haben wollte und seinen Namen komplett aus den credits streichen ließ. Derart kreuzsympathischer Überschwang war dann selbst einem Schreibkönig zuviel.

8/10

SIN CITY: A DAME TO KILL FOR

„This rotten town… it soils everybody.“

Sin City: A Dame To Kill For ~ USA 2014
Directed By: Robert Rodriguez/Frank Miller

Drei weitere Geschichten aus Basin „Sin“ City mit dem nicht klein zu kriegenden, kurzzeitamnesischen Eisenkinn Marv (Mickey Rourke) als narrativem Bindeglied: Der Zocker Johnny (Joseph Gordon-Levitt), ein uneheliches Kind des diabolischen Senators Roark (Powers Boothe), begeht den tödlichen Fehler, sich mit seinem Vater anzulegen; der Privatschnüffler Dwight McCarthy (Josh Brolin) wird zum Spielball seiner ihn als Mordwerkzeug benutzenden, ehemaligen Flamme Ava (Eva Green); die Stripperin Nancy (Jessica Alba) hat den Tod ihres Beschützers John Hartigan (Bruce Willis) auch Jahre später nicht überwunden und beweist Senator Roark, dass selbst er nicht allmächtig ist.

„Sin City: A Dame To Kill For“ war der falsche Film zur falschen Zeit am falschen Platz. Nachdem ich mit dem immerhin neun Jahre älteren Vorgänger, zu dem es mich, aus mir unerfindlichen Gründen wieder und wieder hinzieht (scheinbar geht es mir da ähnlich wie Marv, der jeden Abend obsessiv zu Nancys Auftritten rennt), mittlerweile immer besser zurechtkomme, habe ich den Nachfolger nun mit einiger Verspätung erstmals geschaut. Durch die relative Zeitnähe zur „Sin City“-Betrachtung konnte ich mich an das nach wie vor konsequent durchgezogene Stil-Potpourri aus Colorkey-Technik, Greenscreen, Scherenschnitt und Brutalkontrastierung recht umweglos adaptieren und es durchaus genießen. Inhaltlich nicht mehr ganz so sleazig und kaltschnäuzig wie in den Episoden des Vorgängers nehmen sich die wahlweise als Pre- und/oder Sequel fungierenden Segmente in „A Dame To Kill For“ aus; Elemente wie Kannibalismus, Kindesmissbrauch und Folter werden, analog zu Frank Millers Vorlagen freilich, fallengelassen. Stattdessen findet sich eher der klassisch-/traditionelle Noir-Faktor genährt, was sich natürlich insbesondere in der titelgebenden Episode um Eva Green als teuflisch-verrückte, männerverschleißende femme fatale niederschlägt. Dass die korrekte Chronologisierung der Geschichten den Filmen beinahe schon aufreizend gleichgültig ist und sie stattdessen vollständig dem Rezipienten obliegt, ist ebenfalls Millers Phantasmagorien zuzuschreiben, deren Veröffentlichungen sich auch nie um zeitliche Konstanz scherten, sondern längst totgeglaubte Figuren stets wieder auftauchen ließen durch den „Kniff“, sich keiner Chronologie zu versklaven. So kann sich unter anderem Mickey Rourke trotz seiner Hinrichtung im Original auch im zweiten Teil noch als Marv durch die Reihen seiner Feinde holzen und so erklärt sich auch, warum Dwight hier zunächst aussieht wie Josh Brolin und nicht wie Clive Owen. Das Blut, das vor allem die Katana-Schwingerin Miho (Jamie Chung) beim höchst opferintensiven Angriff auf Avas Witwenvilla fließen lässt, spritzt zumeist in leuchtendem Weiß und hielt darob auch die Zensoren im Zaum; leider aber nicht nur diese. „A Dame To Kill For“ schmierte in kommerzieller Hinsicht recht gnadenlos ab; neun Jahre später war das formalistisch brillante, intellektuell dafür grenzdebil exekutierte, filmische Kunstkonzept „Sin City“ offenbar nicht mehr gefragt bzw. erwünscht. Dabei ergänzen sich beide Filme beinahe ohne jedwede Trennschärfe und bestätigen ihre jeweilige Qualitäten mittels einer sich beinahe völlig nahtlos abwickelnden Wechselwirksamkeit. Damit ist „A Dame To Kill For“ so funktional, wie es eine Fortsetzung überhaupt nur zu sein vermag – sie könnte mit „Sin City“ theoretisch sogar den Platz bzw. Status tauschen.

8/10

TAKEN 3

„Finish me! I deserve it!“ – „Yes. You do.“

Taken 3 (96 Hours – Tak3n) ~ F/USA/E 2014
Directed By: Olivier Megaton

Während Bryan Mills (Liam Neeson) noch ohne sein Wissen im Begriff ist, Großvater zu werden, nähert sich ihm seine Ex Lenore (Famke Janssen) wieder an, zumal dieser der Dauerstress mit ihrem zweiten Gatten, dem Geschätsmann Stuart St. John (Dougray Scott), ziemlich zu schaffen macht. Die Katastrophe stellt sich ein, als Bryan Lenore in seinem Appartment mit durchschnittener Kehle vorfindet und höchstselbst als Täter verdächtigt wird. Anstatt sich zu stellen, taucht er ab und knöpft sich die wahren Schuldigen selbst vor. Eine heiße Spur führt zum russischen Profikiller Oleg Malankov (Sam Spruell)…

Im dritten und wohl auch letzten Teil der kleinen „Taken“-Reihe muss Vollprofi Bryan Mills buchstäblich vor der eigenen Haustür kehren, nachdem er zuvor die Gesindelquote von Paris und Istanbul um gefühlte 80 Prozent dezimiert hat. Diesmal sieht sein Aktionsradius zudem zum ersten Mal keine Animositätsprophylaxe vor, sondern zutiefst persönliche Nachsorge, denn kurz, bevor er zu aller Zufriedenheit mit seiner „Lenny“ wieder zusammkommen kann, wird diese eiskalt ermordet. Das wiederum von Luc Besson verfasste Script nutzt diese Prämisse, um die erwartungsgemäß simple Rachestory mit offenkundigen „The Fugitive“-Anleihen zu versetzen, nur dass Forest Whitaker in einer gewohnt erratischen Rolle (nebst Schachfigürchen als Talisman) anstelle von Tommy Lee Jones zu sehen ist und Bryan Mills, der sich zudem der freundschaftlichen Unterstützung seiner drei „Personenschutz“-Kollegen (Leland Orser, David Warshofsky, Jon Gries) versichern kann, die Cops noch wesentlich gekonnter und gelassener neppt als jeder Dr. Kimble. Immerhin bringt Besson „seinen“ Film damit auf eine stattlichere Lauflänge als die beiden ersten Filme sie aufwiesen, wobei das „immerhin“ in diesem Satz sich nicht unbedingt ernst lesen sollte. Qualitativ setzt „Taken 3“ im Vorgleich zum direkten Vorgänger keinerlei innovative Impulse; vielmehr scheint er sich zu bemühen, den ansonsten ja wenig zimperlichen Bryan Mills ein wenig zu „rehumanisieren“. Oftmals sind dessen kombattante Gegner nunmehr (kalifornische) Polizisten, die aus den für sie wenig erfreulichen Begegnungen mit Mills zwar erwartungsgemäß samt und sonders mit gebrochenen Extremitäten oder Prellungen, aber doch zumindest mit dem nackten Leben hervorgehen; seine härtesten kriminellen Widersacher wählen indes den Frei- und somit Ehrentod oder bitten höflich um ihre Exekution. Der Oberhundsfott ist diesmal allerdings weder ein albanischer Mafiapatriarch noch ein fetter, pädophiler Scheich und selbst nicht der russische Auftragskiller (der wurde nämlich genauso gelinkt wie Mills himself), nein, Lenores neuer Ehemann ist’s, den wir bereits seit dem seligen Original kennen, wo er noch vergleichsweise sympathisch herüberkam, obwohl ihn seinerzeit sogar der eigentlich stets etwas etwas ominös umwehte, zudem deutlich ältere Xander Berkeley gab. Leider stand Berkeley hier aus welchen Gründen auch immer nicht mehr zur Verfügung, was ich angesichts Dougray Scotts eher profilloser Darstellung ziemlich schade finde. Es wird also alles etwas privater und häuslicher für Bryan Mills, wobei all das „Taken 3“ proportional um diverse potenzielle Punkte bringt, die Morels Erstling noch auszeichneten.
Mein ganz privates Resümee nimmt sich jedenfalls dergestalt aus, dass ich nach künftigen Betrachtungen des Originals die beiden Sequels nicht a priori mit in die Folgeselektion setzen werde müssen.

5/10

TAKEN 2

„We will have our revenge.“

Taken 2 (96 Hours – Taken 2) ~ F/USA/TR 2012
Directed By: Olivier Megaton

Dafür, dass der retirierte Superagent Bryan Mills (Liam Neeson) die Albaner-Mafia in Paris aufgemischt hat, schwört ihm der Patriarch Murad Hoxha (Rade Serbedzija) mit seinem Clan blutige Rache. Ein Engagement, das Mills nach Istanbul führt, bietet Hoxha die willkommene Chance, seine Vendetta quasi gleich vor Ort durchzuführen. Mit einem ganzen Tross seiner Männer wartet der Alte auf Mills, der gleich noch Ex-Gattin Lenore (Famke Janssen) und Tochter Kim (Maggie Grace) zwecks idyllisch geplanten Familienurlaubs im Schlepptau hat, in der Bosporus-Metropole auf den Amerikaner. Nachdem es den Albanern gelungen ist, Mills zu überrumpeln und mitsamt Lenore in ihre Gewalt zu bringen, ist die noch freie Kim ihre letzte Chance. Mills kann sich mit Kims Hilfe befreien und beschert Hoxha einen weiteren veritablen Albtraum…

Rache für Rache – dass Blutfehde und Vergeltung nie Einbahnstraßen sind, lässt Bryan Mills seine Widersacher in diesem Erstsequel zu Pierre Morels „Taken“ (den ich zuvor gleich noch einmal einer persönlichen, durchaus befriedigend verlaufenen Revision unterzogen habe) auf äußerst intensive Weise spüren. Wer das Original gesehen hat, dessen Erfolg Hauptdarsteller Neeson einen zweiten Karrierefrühling als Actionthriller-Star bescherte, weiß, dass mit Bryan Mills nicht gut Kirschen ist, zumal, wenn es um seine Familie geht. Mit Rade Serbedzija, einem kroatischen Charakterdarsteller, der bereits seit den Neunzigern in Hollywood einer der bemühtesten Akteure für südosteuropäisches type casting ist, steht ihm diesmal sogar ein echter villain mit einigermaßen verständlicher Agenda gegenüber – immerhin hatte Mills im Vorgänger Hoxhas Sohn Marko mittels Stromstößen auf ziemlich üble Weise zu Tode gefoltert. Dass dieser sein gewalttätiges Ableben allerdings gewissermaßen „forciert“ hatte, indem er ausgerechnet die Tochter einer unerbittlichen, menschlichen (amerikanischen!) Zeitbombe kidnappte, bildete vordringlich das aus dem Walde zurückschallende Echo seiner niederträchtigen Menschenhandelsaktionen. Markos Altem ist das jedoch herzlich egal, er weiß nur, dass Mills „Söhne, Ehemänner und Väter“ auf dem Gewissen hat, und das lässt man im traditionsbewussten, ruralen Albanien nunmal nicht so ohne Weiteres auf sich sitzen. Fürderhin geht es also in Istanbul zur Sache, wo die anfängliche Siegesgewissheit Murad Hoxhas sich bald ins bittere Gegeteil verkehren soll.
Was die „Taken“-Trilogie und insbesondere die Charakterisierung des Protagonisten von den vielen ähnlichen gelagerten Film(reih)en und ihren Hauptfiguren unterscheidet, ist die seltsam aufreizend dargelegte Ambivalenz ihrer Persönlichkeit: Dass man mit Bryan Mills einen moralisch unbeflissenen Vollblutkiller präsentiert bekommt, der gegebenenfalls auch durchaus sadistische Tendenzen zur Schau stellt, erweist sich in Anbetracht all der anderen Vigilanten der (jüngeren) Kinogeschichte als nicht sonderlich ungewöhnlich; dass man ihm auf der anderen Seite den liebevollen und besorgten Familienvater und Freund, dessen empathisches, ganz selten einmal brummbäriges Wesen kaum mehr von dieser Welt zu sein scheint, abnehmen soll, als dafür umso lachhafter. Vor allem die letzteren beiden „Taken“-Filme, die von Olivier Megaton anstelle Pierre Morels inszeniert wurden, kokettieren förmlich mit dieser beinahe schon absurden Prämisse, die beim Betrachter die stillschweigende Akzeptanz eines willkürlich zwischen John Rambo und Charles Ingalls oszillierenden Helden blind voraussetzt. Vor allem in dieser, mit Fug und Recht als schizophren zu bezeichnenden Hinsicht scheint mir der eingeforderte good will des dargebotenen Handlungsuniversums annäherend grenzphantastisch, um nicht zu sagen albern, zumal „Taken 2“ nach dem diesbezüglich noch sehr viel ausdifferenzierterem Original nochmals forciert. Megaton liefert am Ende [das mit der per allgemeinem Gelächter quittierten, vorsichtigen Bitte Kims, ihr Dad möge den just kennengelernten boyfriend Jamie (Luke Grimes) doch bitte nicht sofort abknallen, mehr über den gesamten Film aussagt als tausend abgeknallte Albaner] also kaum mehr einen ernstzunehmenden Genrebeitrag, sondern recht oberflächliches Fortsetzungsmaterial, das mir zudem etwas unter einer allzu gut gemeinten, unübersichtlichen, seine Actionsequenzen oftmals verzerrenden Montage leidet.

5/10

DOCTOR SLEEP

„We’re all dying. The world’s just one big hospice with fresh air.“

Doctor Sleep (Doctor Sleeps Erwachen) ~ USA 2019
Directed By: Mike Flanagan

Rund 30 Jahre nach den schrecklichen Erlebnissen im Overlook-Hotel ist aus dem damals noch kleinen Danny Torrance (Roger Dale Floyd) ein Erwachsener (Ewan McGregor) mit diversen Problemen geworden. Die einstigen Ereignisse hat Danny nie ganz überwinden können und ist zum Alkoholiker geworden wie einst sein Vater Jack (Henry Thomas). Noch immer erscheint Danny an kritischen Wendepunkten seines Lebens der seinerzeit ermordete Hausmeister Hallorann (Carl Lumbly) und erteilt ihm weise Ratschläge. Aus zunächst unerfindlichen Gründen zieht es Danny nach New Hampshire, wo er Freundschaft mit Billy Freeman (Cliff Curtis) schließt. Weitere acht Jahre vergehen, in denen Danny mit Billys Hilfe seine Sucht erfolgreich überwinden kann und dabei immer wieder mentalen Kontakt mit einem einige Meilen entfernt lebenden Mädchen namens Abra Stone (Kyliegh Curran) pflegt, das wie er über das Shining verfügt. Eines Tages besucht Abra Danny persönlich, um ihn über einen kleinen Geheimzirkel, den „True Knot“ zu informieren. Bei diesem handelt es sich um eine Gruppe untoter Seelenvampire, die mit Campingwagen durch Amerika ziehen und sich von der Essenz von Kindern ernähren, die allesamt das Shining besitzen und auf die besonders starke Abra aufmerksam geworden sind. Nach anfänglichem Zögern verbündet sich Jack mit Abra. Gemeinsam können sie fast alle Mitglieder des True Knot ausschalten bis auf dessen Anführerin Rose The Hat (Rebecca Ferguson). Jack und Abra locken sie zum längst verlassenen Overlook Hotel, um ihr dort endgültig den Garaus zu machen.

Mike Flanagans im Director’s Cut immerhin dreistündiger Film bildet nach der Netflix-Produktion „Gerald’s Game“ die zweite King-Adaption des Regisseurs. Als Sequel zu Stanley Kubricks Meisterwerk „The Shining“ vollzieht „Doctor Sleep“ dabei immerhin das kleine Kunststück, sowohl King, der Kubricks Arbeit wie viele Fans seines Romans bekanntermaßen ablehnt, zu beschwichtigen, als auch „The Shining“, dem Film, vielfach Reverenz zu erweisen. „Immerhin“, weil „Doctor Sleep“ sich zwar im Ganzen nett ausnimmt, der monumentalen Kunst Kubricks aber in überhaupt keiner Weise das Wasser reichen kann. Dessen Film vermochte es, Wahnsinn als psychische Macht zu transzendieren und ihn auf vielen Ebenen spürbar zu machen – den Wahnsinn nicht nur seiner Hauptfigur, sondern auch den seines (filmischen) Schöpfers. Vielleicht ist genau dies einer der primären Gründe, warum King sich mit Kubricks epochalem Werk nie anfreunden mochte; weil er sich wie kein anderer Filmemacher von einer seiner Vorlagen emanzipieren konnte und etwas derart Eigenständiges schuf, dass der Roman nurmehr zum inhaltlichen Stichwortgeber anstelle einer kongenialen Inspirationsquelle degradiert wurde. Bei Flanagan, einem, soweit ich dies nach nunmehr vier gesehenen Filmen beurteilen kann, fleißigen, soliden Genreregisseur, der bis dato allerdings noch keine bedeutsame Signatur entwickeln konnte, kann von derlei Maßstabssetzendem nicht die Rede sein. Ich kenne das Buch, wie die allermeisten von King, nicht, weil ich die Prosa des Autors nie sonderlich mochte. Mit den allermeisten Adaptionen ergeht es mir da anders, diese pointieren seine ohnehin oftmals a priori kinoaffinen Ideen häufig und verdichten sie zu einer medial passgenauen Essenz. Wobei mir auch diesbezüglich auffällt, dass wirklich überragende Arbeiten, wie sie einst noch Usus waren, als Regisseure wie De Palma, Cronenberg, Carpenter oder Reiner sich Kings Literatur annahmen, de facto nicht mehr nachgereicht werden. Vielleicht liegt das ja nicht zuletzt auch an Kings höchsteigener Art der Verstofflichung seiner Imagination. Im Falle von „Doctor Sleep“ scheint mir dies durchaus signifikant: Hier haben wir keine Horrorgeschichte, die innere Welten nach außen kehrt, sondern vielmehr einen relativ ordinären Fantasyplot, der eben zufällig die Geschehnisse von „The Shining“ aufgreift und weiterspinnt. Selbiges vollzieht Flanagans Film auf eine rundum bequeme und versöhnliche Art. Die diversen Reminiszenen an das fast vier Dekaden alte, ungebrochen magische Vorbild sind ausnahmslos liebevoll gestaltet, die von neuen Darstellern besetzten Rollen finden sich so gut revisioniert, wie es eben möglich scheint. Doch dann gibt es da noch diese einfältige, narrative Kinderschreck-Ebene um die scheinbar aus Grimms Märchen entsprungenen (leider überhaupt nicht bedrohlich wirkenden) True-Knot-Gypsies, allen voran die leider nie wirklich unheimliche Rebbeca Ferguson, und die sich ihnen tapfer widersetzende, kleine Alba, in der Danny Torrance nebst seiner traumatischen Vorgeschichte zu einem relativ austauschbaren Sidekick-Element avanciert. Die Crux des Ganzen verdeutlicht sich vielleicht besonders in jener Szene, in der Danny und sein Kumpel Billy die Seelenvampire in einen Wald locken und nach und nach erledigen, wobei diese sich mittels mäßiger CGI in staubiges Wohlgefallen auflösen. Diese in dem ja doch recht ausufernden „Doctor Sleep“ einzige Sequenz, die mit ein wenig Kinetik aufwartet, liefert beinahe antiklimaktische Vampiraction, wie sie (ausgerechnet) seit „From Dusk Till Dawn“ doch längst visueller Usus ist.
„Doctor Sleep“ ist, und darin liegt vielleicht der größte Kritikpunkt, ein Film ohne echte Geheimnisse – und damit ganz gewiss denkbar weit entfernt von dem, was er, so nehme ich an, nur allzu gern wäre.

6/10

STAR WARS: THE RISE OF SKYWALKER

„These are you final steps, Rey. Rise and take them.“

Star Wars: The Rise Of Skywalker (Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers) ~ USA 2019
Directed By: J.J. Abrams

Wider allen Annahmen ist Imperator Palpatine (Ian McDiarmid) nach wie vor am Leben und versteckt sich mit seinen Sith-Untergebenen und einer gewaltigen Flotte von Sternenzerstörern auf dem entlegenen Planeten Exegol. Nachdem Kylo Ren (Adam Driver) ihn mithilfe eines so genannten „Sith-Wegfinders“ dort ausfindig gemacht hat, erfahren auch die Rebellen von einem jener Module, das ihnen ebenfalls den Weg zum möglichen Aufenthaltsort des Imperators weisen konnte. Die abenteuerliche Suche nach dem Artefakt führt Rey (Daisy Ridley), Finn (John Boyega), Poe Dameron (Oscar Isaac), Chewbacca (Joonas Suotamo) und den sich als unerwartet nützlich erweisenden C-3PO (Anthony Daniels) quer durch die Galaxis, derweil Kylo Ren immer wieder den geistigen Kontakt zu Rey sucht und so die Fährte der Widerständler zu halten vermag. Der diabolische Imperator reibt sich unterdessen die modrigen Klauen, denn er weiß um ein Geheimnis Reys, das sie, dessen ist er sich sicher, schlussendlich auf die Dunkle Seite ziehen und zur Leitfigur eines neuen Imperiums machen wird…

Ob es das jetzt wirklich war? Ich nehme keinerlei Wetten entgegen, bin ja nicht doof. Dass das „Star Wars“-Franchise in absehbarer Zeit keineswegs von der Bildfläche verschwinden wird, dafür bürgen, trotz des nunmehr nominellen Endes der dritten (und, so hat Mastermind George Lucas es seinerzeit ja zumindest angekündigt) letzten Trilogie um die Skywalker-Dynastie. Zwei Film-Spin-offs und die erste Disney+-Staffel einer neuen Serie bürgen derweil für das nichtabebben wollende Interesse der profitorientierten Produktionsgewaltigen, aber auch für das des Publikums, das seinen Helden tapfer auf allen noch so ausgetrampelten Pfaden weiterfolgen wird. Ich selbst kann mich da nicht ausnehmen, was wie bei vielen Menschen meiner Generation darauf zurückzuführen ist, dass der nostalgische Nachhall der ersten „Star Wars“-Filme (in Bezug auf deren chronologische Entstehung natürlich) mit wenig anderem denn „magisch“ umschrieben werden kann. Wer „Star Wars“, oder „Krieg der Sterne“, wie man es damals überwiegend noch (west)teutonisch bezeichnete, als Kind geliebt hat und mit der ehedem noch so wunderbar unübersättigten Beschränkung der drei Filme von Lucas, Kershner und Marquand aufgewachsen ist, der kann das begreifen, die meisten anderen nicht – und das völlig zu Recht. Der aktuellste Eintrag in den Kino-Bestand der Reihe bestätigt einmal mehr überdeutlich die Ambivalenz, die „Star Wars“ als Gesamtkonzept innewohnt: Eine tragfähige Geschichte, das also, was eigentlich im Kern eines ohnehin höchst trivialen Phantastikzyklus wie diesem stehen sollte, kann darin längst nicht mehr erzählt werden. Wie alle Filme beginnend mit Lucas“ eigener Reaktivierung „The Phantom Menace“ besteht auch Abrams‘ jüngstes Produkt aus einem audiovisuell lähmenden Gewirr aus Selbstreferenzen, Repetitierungen, getürkter Kinetik, MacGuffins, technischen Artifizialitäten und generationsübergreifender Fan-Anbiederung, deren letztes bisschen „Charme“ (wobei dieser Terminus mir bereits gewagt erscheint), wenn man ehrlich ist, sich nurmehr aus den Variationen von John Williams‘ nach wie vor majestätischer Musik evozieren lässt, die uns operant konditionierte Star-Wars-Kinder aus den Siebzigern nach wie vor unkontrolliert lossabbern lässt. So funktioniert auch „Episode IX“: Alle alten Helden geben sich nochmal die Ehre: Leia (Carrie Fisher), der nunmehr auch im Film das Zeitliche zu segnen vergönnt ist, Luke (Mark Hamill) als Jedi-Geist und Han Solo (Harrison Ford) als Traumbild, das seinen konvertierten Sohnemann zurück auf die gute Seite lotst, um wie weiland Anakin Skywalker am Ende und als Sühne für seine bösen Massenmörder-Aktivitäten den Helden- und Märtyrertod zu sterben. Auch Billy Dee Williams als Lando Calrissian gibt sich nochmal die Ehre – es wird den alten Herrn gefreut haben, ein bisschen Rentenzuschlag zu erhalten. Alles CGI, alles Papp, alles Plastik. Und gottverdammt, ich armer Tor, fand’s doch wieder so schön als wie zuvor.

8/10

TERMINATOR: DARK FATE

„I won’t be back.“

Terminator: Dark Fate ~ USA/E/HU/CN 2019
Directed By: Tim Miller

Nachdem Sarah Connor (Linda Hamilton) vor einigen Jahren das Schicksal der Menschheit ändern und den „Tag des Jüngsten Gerichts“ zunächst abwenden konnte, verlor sie ihren Sohn John durch einen abermals aus der Zukunft zurückgeschickten T-800 (Arnold Schwarzenegger). Seit jenem schicksalhaften Tag erhält sie verschlüsselte Nachrichten auf ihrem Handy, wann und wo als nächstes eine Maschine aus der Zukunft auftauchen wird und widmet ihre ganze Existenz der gezielten Vernichtung der Terminators. 2020 erscheinen erneut zwei zeitreisende Missionsträger in Mexiko: Der weibliche Cyborg Grace (Mackenzie Davis), eine umfunktionierte Widerstandskämpferin, sowie ein technologisch hochenentwickelter Terminator, der REV-9 (Gabriel Luna). Letzterer hat die Aufgabe, die zukünftige Resistance-Anführerin Dani Ramos (Natalie Reyes) zu töten, Grace indes soll sie beschützen. Natürlich ahnt die noch jugendliche Dani nichts von ihrem Schicksal und wird wie weiland die ebenfalls bald auftauchende Sarah Connor in den Strudel der schwer fassbaren Ereignisse gerissen. Es stellt sich heraus, dass Sarah ihre Messages von jenem T-800 erhält, der einst John ermordete. Dieser hat seitdem eine menschliche Persönlichkeit und ein Gewissen eintwickelt, nennt sich nunmehr „Carl“ und lebt in der Nähe der texanischen Grenze. Zum Quartett angewachsen, stellen sich die Helden gegen den unbesiegtbar scheinenden REV-900.

A bright fate. Dass innerhalb eigentlich auch inhaltlich etablierter Filmreihen Storylines ignoriert und bei geradezu ostentativem Selbstverständnis rebootet werden, ist de facto schon lange nichts Neues mehr. Bereits die „Highlander“-Fortsetzungen ignorierten in den Neunzigern regelmäßig ihre unmittelbaren Vorgänger, innerhalb der „Spider-Man“- und „Halloween“-Serials wurden bereits jeweils zweimal komplette Neuanknüpfungspunkte gesetzt. Dies erweist sich weitaus seltener als sinnstiftender Fan-Service denn als bloße kommerzielle Notwendigkeit, um sich zwecks Komplexitätsreduktion wahlweise intradiegetischen Ballasts zu entledigen oder um neue Zuschauergenerationen zu rekrutieren. Da mit „Dark Fate“ erstmals seit dem von ihm noch selbstinszenierten Erstsequel James Cameron wieder seine Signatur als Produzent zur Verfügung stellte und in diesem Zusammenhang auch Linda Hamilton zurück an Bord kam, wurden beginnend mit „Terminator 3: Rise Of The Machines“ sämtliche Fotsetzungen nebst ihrer Storys beiseite geschoben, um unmittelbar an die in „Terminator 2: Judgment Day“ geschilderten Ereignisse anknüpfen zu können. Die Qualität des weitestgehend belanglosen Resultats profitiert davon nicht in nennenswertem Maße. Der Film verharrt einiger netter Actionsequenzen zum Trotz im vorhersehbar mediokren Genresektor, also im Grunde dort, wo der höchst publikumsverwöhnte Cameron das von ihm selbst zum Multi-Millionen-Dollar-Franchise aufgeblähte, einmalige und unerreichbare Original vor knapp drei Dekaden höchstselbst hinführte. Die „Erfolgsprämisse“, jene schwarze, technophobische Quasi-Dystopie aus der Ära des Kalten Krieges in ein mit unangebrachtem Positivismus, familienfreundlichem Humor und den immergleichen, weil mit garantiertem Wiederekennungwsert selbst für Laien und somit hinlaänglich etablierten Floskeln „angereichertes“ Mainstream-Spektakel zu überführen, greift auch heuer noch. Oder zumindest rechnet man damit, dass siew greift. Daran ändern auch die ins Script eingepflegten, zwar zeitgemäßen, aber natürlich eiskalt kalkulierten Seitenhiebe auf die gegenwärtige Regierungspolitik der USA oder die zwangsläufig immer gläserner werdende Unfreiheit des Individuums kaum etwas. Aus „Skynet“ wird „Legion“, eine K.I. zur Cyber-Kriegsführung, die dereinst auf Knopfdruck alle Lichter ausgehen lassen wird. Der äußerlich gealterte Terminator Arnold ist jetzt noch liebenswerter, sympathischer und humaner als je zuvor und Linda Hamilton eine graubekoppte, zynische alte powerbitch. Die hero(in)e’s four bilden ein Paradebeispiel für zeitgenössische Diversifikation: zu drei Vierteln weiblich, zur Hälfte überreif, mitsamt Latina und körperbehindertem (aber nichtsdestotrotz augenschmeichelndem) Supergirl würden die drei Damen vom Stahlgrill vermutlich auch ohne den letztlich wie immer als Obendrein-Bonus beigesteuerten Schwarzenegger am Ende siegreich reüssiert haben. Der von Gabriel Luna gespielte böse Terminator REV-9 schließlich kann ales, was seine Vorgänger auch konnten und natürlich noch mehr, er ist nämlich in der Lage sein metallenes, schwarzes (!) Endoskelett von seiner Flüssigummantelung zu trennen und damit von zwei Seiten zugleich angreifen zu können. Ansonsten kann er, wie alle anderen Nachfolger auch, dem originalen 84er-Killer hinsichtlich seiner bedrohlichen Unbeiirbarkeit nicht das Wasser reichen. Es bleibt also alles beim Alten beim traditionsreichen Blick in unsere Schredderzukunft und dies ist auch der einzige Grund, sich neue „Terminator“-Filme überhaupt noch anzusehen- die liebgewonnene Sicherheit purer Mittelmäßigkeit und die kaum minder garantierte Gewissheit, sich ohnehin als Teil einer gläsernen Zuschauerschaft zu wähnen.

5/10

IRON WARRIOR

„Magic. And sorcery.“

Iron Warrior ~ I/NL 1987
Directed By: Alfonso Brescia

In einem Land vor unserer Zeit: Die gute Zauberin Deeva (Iris Peynado) und ihre verräterische Amtskollegin Phaedra (Elisabeth Kaza) stehen in ewigem Konflikt. Um den harmonischen Zustand, den Deeva just mit Mühe und Not herstellen konnte, zu bewahren, erschafft sie zwei zukünftige Krieger – Ator (Malcolm Borg) und Trogar (Conrad Borg), von denen Phaedra letzteren unter ihre bösen Fittiche nimmt. Als Erwachsener muss Ator (Miles O’Keeffe) dann der schönen Prinzessin Janna (Savina Gersak) beistehen, deren Königsvater (Tim Lane) von Phaedra und Trogar (Franco Daddi) ermordet wurde.

„Iron Warrior“ oder auch „Ator, Il Guerriero Di Ferro“, der von Alfonso Brescia unter dem anglophonen Pseudonym „Al Bradley“ inszeniert wurde, ist ein besonders deliranter, flirrend-verrückter Auswuchs der zweiten italienischen Sword-&-Sorcery-Welle. Der völlig austauschbare Plot dient bestenfalls als dünner roter Faden, als apologetischer Aufhänger für eine wirre Gemengelage szenischer Akausalität, die das Ganze im Gegenzug interessanterweise zu einem pureren Regisseursfilm machen als es viele andere Plagiatswerke mediterraner Zunft jener Ära je sein durften. „Iron Warrior“ lebt einzig und allein von Brescias in visuelle Spasmen gegossener Fabulierfreude; das Was kriecht vor dem Wie zu Kreuze. Dem von Konfusion erdrückten und dafür von jedweder Logik entblößten Zuschauer bleibt nur, sich auf die Bilderflut einzulassen, um seine möglicherweise als etwas kärglich empfangene Entlohnung zu erhalten. Dass „Iron Warrior“ als dritter Teil der einst von Joe D’Amato ersonnenen Ator-Saga firmiert, spielt am Ende keine Rolle, denn mit Ausnahme der Tatsachen, dass der bewundernswert ausdruckslose, nichtsdestotrotz cinegene Miles O’Keeffe nochmals den gleichnamigen Titelrecken darbietet und dass irgendwie alle Filme dem Fantasygenre zuzurechnen sind, gibt es keinerlei inhaltliche oder formale Parallelen. Dieser Ator ist nicht mehr der Rächer (s)eines ausgelöschten Volkes, sondern ein künstlich geschaffener Kämpfer, dem die Rettung der Stabilität obliegt. Dafür muss er mit einer verwaisten Prinzessin (sehr hübsch: die Slovenin Savina Gersak, die kurz zuvor bereits mit O’Keeffe in Deodatos Endzeitabenteuer „Lone Runner“ zu sehen war und hernach eine kurze, aber hübsche Karriere im italienischen Genrefilm absolvierte) überland ziehen und sie vor den dauernden Zugriffen der bösen Phaedra (brillant überdrehte Knusperhexe: Elisabeth Kaza, die unter anderem auch bei Borowczyk, Losey, Delannoy, Brass und Ivory auftrat – um nur einige zu nennen) bewahren und eine als harbherziger Macguffin fungierende, goldene Truhe in Sicherheit bringen. Zwischendrin flitzen Ator und Janna durch die Ruinen des uralten Ġgantija-Tempels auf der maltesischen Insel Gozo, der im Film mindestens vier unterschiedliche Handlungsstationen abgeben soll, dabei jedoch sehr gut als ein- und derselbe erkennbar bleibt. O’Keeffe stand offenbar nicht für Nachdrehs zur Verfügung, denn in zwei vom Rest der Story unabhängigen Actionsequenzen wird er deutlich sichtbar von einem Ersatzakteur vertreten, dessen liderliche Camouflage lediglich aus einem Mundschutz besteht. Brescia machte da keinerlei Gefangene. Kino aus einer anderen Zeit, das eigentlich schon zu seiner Zeit Kino aus aus einer anderen Zeit war.

4/10

3 FROM HELL

„All hail the man behind the grease paint!“

3 From Hell ~ USA 2019
Directed By: Rob Zombie

Entgegen allen Erwartungen haben Baby Firefly (Sheri Moon Zombie), Otis Driftwood (Bill Moseley) und Captain Spaulding (Sid Haig) ihre bleihaltige Konfrontation mit den Staatsbediensteten überlebt und harren nunmehr im Gefängnis ihrer Todesstrafen. Nachdem einige Zeit später der Captain bereits auf dem Schmorstuhl gelandet ist, gelingt dem Halbbruder der beiden Verbliebenen, Winslow Foxworth „Foxy“ Coltrane (Richard Brake), auch „Midnight Wolfman“ genannt, die Befreiung Otis‘, die dieser gleich noch zur spontanen Rache an einem alten Erzfeind, dem ebenfalls einsitzenden Kopfgeldjäger Rondo (Danny Trejo), nutzt. Später pressen Otis und Foxy noch Baby frei. Gemeinsam flieht das Trio über die mexikanische Grenze, wo just der Día de Muertos begangen wird. Ein schmieriger, lokal ansässiger Kneipenwirt namens Carlos Perro (Richard Edlund) verpfeift derweil die Drei an Rondos vergeltungsbedürftigen Sohn Aquarius (Emilio Rivera), der mit diversen henchmen in Catchermasken und schwerem Geschütz anrückt, um die „3 from Hell“ in ihre nominelle Heimat zurückzuschicken.

Manche Toten sollte man besser ruhen lassen. Das gilt auch für die Firefly-Sippe, der Rob Zombie nach ihrem und seinem wüsten Filmdebüt „House Of 1000 Corpses“ im kurz darauf folgenden, herrlich garstigen Sequel „The Devil’s Rejects“ einen der denkwürdigsten Abgänge der Filmgeschichte verehrt hatte. Doch kennt Zombie, dessen Budgets beständig schmaler sowie Zuschauerzahlen beständig geringer werden und dessen Filme auch qualitativ einem sukzessiven Abwärtstrend zu folgen scheinen („31“ wartet bislang noch ungesehen in meinem Regal), kein Erbarmen – weder mit seinem Publikum noch mit den Fireflys. Andererseits scheint deren buchstäbliche Reanimation im Rahmen seines höchsteigenen Fanboy-Werks dann doch wiederum eine folgerichtige Entwicklung. Erwartungsgemäß mangelt es dem dritten Part der Redneck-Rampage-„Saga“ (weitere dürften folgen, daran lässt das Finale wenig Zweifel) an den herausragenden Qualitäten des Vorgängers. „3 From Hell“ ergeht sich in wenig gelungenen Selbstzitaten, rekapituliert Elemente wie das Home-Invasion-Szenario des Vorgängers nebst dessen Racheelement durch verärgerte Familienmitglieder und orientiert sich abermals deutlich am großen Vorbild „Natural Born Killers“, der neben wildwüchsigen Formalia auch durch einen sich um die Fireflys entspinnenden Medienkult rezitiert findet. Dabei mangelt es dem Film vor allem an schlüssigen Kausalitätsschemata; den Figuren wird anders als noch in „The Devil’s Rejects“ kaum Weiterentwicklung gegönnt. Dass sie sich als Antihelden durch eine ekelerregende Welt zu metzeln haben und sich dabei eher als lustige Psychopathen denn als beängstigende Naturgewalt in die Umarmung einer gezielt antizipierten Rezipientenschaft schmiegen, wird als naturgegeben vorausgesetzt. So dürfen sich die Drei aus der Hölle spätestens nach ihrer Ankunft in Mexiko und der zweiten, ein wenig an „The Wild Bunch“ angelehnten Hälfte des Films der nachgeraden Sympathie des Zuschauers erfreuen, der nur allzu gern vergessen darf, kann und soll, dass er es doch eigentlich mit Massen- und Serienmörderabschaum aus der untersten Schublade zu tun hat. Auch diese Ambivalenz hat Zombie im Vorgänger noch ganz wunderbar auzulösen verstanden, während er sich in „3 From Hell“, einem Durchschnittswerk in jedweder Hinsicht, eher auf einem faulen, trägen Narrativ ausruht, dessen exaltiert ausgestellte grindhouse motherfucker attitude irgendwie nicht mehr die rechte Zugkraft entwickeln mag.

5/10