THE ORGANIZATION

„God may help these poor bastards who did it.“

The Organization (Die Organisation) ~ USA 1971
Directed By: Don Medford

Detective Virgil Tibbs (Sidney Poitier) untersucht den Mord am Manager eines als Fassade für einen global operierenden Heroinvertriebsring fungierenden Teppich-Import-Unternehmens. Kaum dass er den Tatort begutachtet hat, nimmt eine mehrköpfige Gruppe junger Revoluzzer Kontakt zu Tibbs auf: Mit dem Tod des Geschäftsführers habe man nichts zu tun, dafür jedoch mehrere Kilo des Rauschgifts aus dem Firmensafe entwendet. Tibbs lässt sich entgegen seiner üblichen Vorgehensweise überreden, inoffiziell mit den jungen Leuten, die allesamt eine persönliche Agenda gegen den Drogenhandel vorschützen, zusammenarbeiten, um an die wahren Mörder zu kommen. Doch die mächtige Organisation hinter dem schmutzigen Geschäft kennt keinerlei Skrupel.

Sein dritter und letzter Kinofall führte Virgil Tibbs in die Halbwelt des drug traffic, in der jeder der Beteiligten sich sein eigenes Stück vom großen Opiatkuchen sichern möchte. Eher umständlich und emotional wenig involvierend erzählt, darf der Zuschauer den diesmal ausnahmsweise seine Kompetenzen überschreitenden Tibbs dabei begleiten, wie er sich nach und nach ein kompaktes Bild der gegnerischen Übermacht verschafft und am Ende scheitern muss – als kleiner Bulle aus San Francisco kann er nichts gegen das bestens vernetzte Kartell unternehmen, das sich sämtlicher empfindlicher Störfaktoren brutal und vor allem endgültig zu entledigen pflegt. Einen kleinen Fahndungserfolg, dem sogar eine zwischenzeitliche Suspendierung vorausgeht, kann Tibbs zwar verbuchen [er findet heraus, dass die Witwe (Sheree North) eines ermordeten Wachmanns (Charles H. Gray) als Verteilerin arbeitet und kann sie nötigen, die beiden Vertreter der Organisation vor Ort zu denunzieren], doch die hitmen des Kartells arbeiten gründlich. Schlussendlich steht Tibbs nurmehr mit Leichen da. Die bittere Erkenntnis, nichts wirklich Fruchtbares gegen organisierte Kriminalität ausrichten zu können, führt die Trilogie noch etwas tiefer in den nüchternen Fatalismus der frühen siebziger Jahre – im „Dirty Harry“-Jahr 1971 muss sich auch der üblicherweise unbeugsame Detective Tibbs eingestehen, dass jedweder persönlicher Idealismus nurmehr an den Mechanismen des internationalen Drogenhandels scheitern kann. Ein recht unbequemer Schlusspunkt für die kurze Leinwandkarriere von Poitiers liebenswerter Figur, wobei der sich parallel dazu einstellende, serielle Charakter von Medfords Inszenierung gleichfalls den Schluss zulässt, dass es fraglich ist, ob Tibbs‘ Typologie überhaupt noch hinreichendes Potential für weitere Fortsetzungen aufzuweisen gehabt hätte. Sein Sohn Andy (George Spell) ist mittlerweile Pfadfinder und somit wohl endgültig eingebordet im Sinne einer konservativen Erziehung und auch sonst gibt es aus Tibbs‘ Privat- und Familienleben kaum mehr Aufregendes zu berichten. „The Organization“ lässt sich, zumindest unter historischer Perspektive, zwar noch immer als solider Polizeifilm seiner Ära goutieren, nimmt sich jedoch vergleichsweise müde und desinteressiert aus. Routine, wie ein unauffälliger Tag im Polizeibüro.

5/10

THEY CALL ME MISTER TIBBS!

„A case is never solved until a judge says it is.“

They Call Me Mister Tibbs! (Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs) ~ USA 1970
Directed By: Gordon Douglas

Die junge Prostituierte Joy Sturges (Linda Towne) ist in ihrem Appartment erschlagen worden. Detective Virgil Tibbs (Sidney Poitier) vom SFPD wird mit dem Fall betraut. Ein anonymer Anrufer, hinter dessen Identität sich der schmierige, halbseidene Hausbewohner Rice Weedon (Anthony Zerbe) verbirgt, behauptet gegenüber der Polizei, Tibbs‘ Freund, den auch politisch engagierten, liberalen Reverend Logan Sharpe (Martin Landau) in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben. Dieser versichert Tibbs, mitten im Endspurt eines Wahlkampfes steckend, die Ermordete zwar gut gekannt, mit ihrem Tod jedoch nichts zu tun zu haben. Tibbs ermittelt dennoch in alle Richtungen, derweil ihm privat sein renitenter Sohn Andy (George Spell) zunehmende Sorgen bereitet…

Drei Jahre nach Norman Jewisons ausgezeichnetem Südstaaten-Polizeifilm „In The Heat Of The Night“ schlüpfte Sidney Poitier erneut in die Rolle des so überaus nüchtern agierenden Ermittlers Virgil Tibbs. Das archaische Milieu des ewig gestrigen Südens hinter sich lassend, hat der stets besonnene Detective sein Einsatzgebiet nunmehr in der Westküsten-/Hippie-Metropole San Francisco, in der Rassismus und Segregation zumindest keine wesentliche Alltagsrolle mehr bekleiden. Analog dazu weicht Quincy Jones‘ vormals bluesige, schwitzige Musik zeitgenössischeren Funk- und Soul-Klängen. Zumindest Tibbs‘ unverwechselbarer Charakter wird jedoch aus dem Orginal mit herübergetragen; Professionalität und Ratio prägen nicht nur seinen beruflichen Werdegang, sondern erschweren ihm auch den Umgang mit den Wogen des Lebens. Filius Andy, just in einer unleidigen Sturm- und Drang-Phase, versucht mit allen Mitteln, sich von der elterlichen Autorität zu emanzipieren, was allenthalben zu scharfen Vater-/Sohn-Konflikten führt und Tibbs seine ohnehin schwierigen Untersuchungen nicht eben erleichtert. Bezeichnenderweise ist die dramaturgisch mit Abstand stärkste Szene jene, in der Tibbs zu einer drakonischen Erziehungsmaßnahme greift und daran selbst verzweifelt.
Der ein berühmtes Dialogzitat des Vorgängers titulär aufgreifende „They Call Me Mister Tibbs!“ hat trotz der versierten Inszenierung Gordon Douglas‘ nicht mehr den durchschlagenden Impact von „In The Heat Of The Night“, der seine historische Geltung nicht nur als wesentlicher Markstein des antirassistischen Films hält, sondern auch dem buddy movie unerlässliche Impulse verlieh. Douglas‘ gediegene Arbeit bietet derweil nicht mehr und nicht weniger als einen für seine Ära weitgehend repräsentativen Polizeifilm, der zwischen Peter Yates‘ „Bullitt“ und Don Siegels „Dirty Harry“ einen weiteren unbestechlichen San-Francisco-Cop bei der protagonistischen Arbeit zeigt, der im Vergleich zu seinen archetypischen „Kollegen“ allerdings eine weitaus ehernere Systemtreue an den Tag legt und – unverwechselbares Kennzeichen – eben Afroamerikaner ist. Das wichtigste Verdienst des Films liegt darin, ebendieses Faktum als völlig normal und gegeben hinzunehmen und keinerlei Aufhebens darum zu machen; anno 1970 leider noch keine Selbstverständlichkeit.

7/10

LETHAL WEAPON 4

„Flied lice? It’s fried rice, you plick.“

Lethal Weapon 4 ~ USA 1998
Directed By: Richard Donner

Im Zuge eines Einsatzes gegen einen verrückten Pyromanen verraten sich die beiden best buddies und LAPD-Sergeants Martin Riggs (Mel Gibson) und (Roger Murtaugh) gegenseitig, dass ersterer in Bälde Vater wird und letzter Großvater, wobei der Vater des Enkels noch unbekannt ist. Kurz vor der Niederkunft der werdenden Mütter bekommen die zwei Helden es mit einer Triade zu tun, die Menschenschmuggel betreibt, Blüten herstellt und gleich vier gefangenen Bossen aus Hong Kong zur Freiheit verhelfen will.

Ihr vierter und vorerst letzter gemeinsamer Einsatz vereint die zusehends größer werdende Freundesfamilie um die zwei Haudegen Riggs und Murtaugh zum ersten Mal gegen einen veritablen Superbösewicht, den Triadenboss Wah Sing Ku, gespielt vonChina-Haubitze Jet Li. Nachdem die uninteressante Figur ihres letzter Widersachers im dritten Teil des Franchise, ein recht profilloser und langweiliger Immobilienbetrüger, bereits den beständigen Wechsel der Filme hin vom harten Actionfilm zur Buddy-Komödie personell untermauerte, geht Donner diesmal zumindest wieder im knüppligen Showdown in die Vollen, der die beiden alternden Herren abermals nur via echtem Teamwork reüssieren lässt. Ansonsten setzt sich jedoch breitpfadig der bereits mit dem Erstsequel etablierte und manifestierte, überkandidelte Stil der Reihe fort: Der dauerquasselnde, von den zwei Protagonisten großherzig tolerierte, aber stets gefoppte Leo Getz (Joe Pesci) betätigt sich nunmehr als Privatdetektiv in spe, der wie gewohnt etwas anstrengende Chris Rock muss als zusätzliches comic relief herhalten und diverse, wie beiläufig erzählte Miniepisödchen aus der screwball facility, darunter die (späte) Eröffnung, dass Rogers Gatin Trish (Darlene Love) ein Vermögen als heimliche Kitschromancière verdient (die plötzliche Wohlfahrt der Familie legt man dem ehernen, sich wie üblich schämenden Bullen bereits als Korruption aus) und eine völlig entfesselte Zahnarztsequenz mit Lachgas-Impact, sorgen neben den abermals spektakulären Actionszenen für Tempo. Spielte der makellose Erstling noch periodisch in der Weihnachtszeit, ist „Lethal Weapon 4“ mit seinem ausgesprochenen Zuckerguss-Finale nebst Doppel-Baby-Bescherung und der choralen Versicherung „We are family!“ der eigentliche Weihnachtsfilm der Serie und als solcher zugleich ein wohlfeiler Abschluss. Mit Donners Tod im Sommer diesen Jahres sollte ein weiteres potenzielles, immer wieder diskutiertes Sequel eigentlich endgültig passé geworden sein, was der mit dem vorliegenden Film auf mehrerlei Ebenen vollendeten Tetralogie ihres bestehenden Gesamteindrucks betreffs vermutlich ohnehin zupass käme. Tatsächlich jedoch vermeldete Mel Gibson, wie ich just erfuhr, dass er die Regie einer weiteren Fortsetzung zu übernehmen trachte, abermals mit sich selbst (65) und Danny Glover (75) in ihren vielgeliebten Rollen.

7/10

HALLOWEEN KILLS

„Evil dies tonight!“

Halloween Kills ~ USA/UK 2021
Directed By: David Gordon Green

Dank der eilends eintreffenden Feuerwehr kann Michael Myers (Nick Castle/James Jude Courtney) seinem Kellergefängnis in Laurie Strodes (Jamie Lee Curtis) brennendem Haus entkommen, derweil Laurie, ihre Tochter Karen (Judy Greer) und ihre Enkelin Allyson (Andi Matchiak) auf dem Weg ins Krankenhaus sind. Nachdem Michael sämtliche vor Ort befindlichen Feuerwehrleute massakriert hat, tritt er seinen leichengesäumten Rückweg nach Haddonfield an, wo alte Bekannte, darunter Tommy Doyle (Anthony Michael Hall), Lindsey Wallace (Kyle Richards) und Michaels frühere Krankenschwester Marion (Nancy Stephens) den vierzigsten Jahrestag von Michaels erstem Wiederauftauchen memorieren. Als sie von seinem neuerlichem Amoklauf erfahren, bildet man eilends eine Bürgerwehr, die sich im Krankenhaus zu einem blindwütigen Lynchmob formiert. Diesem fällt der zuvor mit Michael geflohene Psychiatrieinsasse Lance Tovoli (Ross Bacon) zum Opfer, derweil Myers, nachdem er seine Blutspur verlustreich fortsetzt, in sein altes Familienhaus zurückkehrt…

David Gordon Green setzt den mit seiner jüngsten Revitalisierung des „Halloween“-Franchise installierten Wiederbeginn fort und legt damit gleichfalls den Mittelteil seiner als Trilogie konzipierten Sequel-Reihe vor. Diese ignoriert bekanntermaßen sämtliche Fortsetzungen und Reboots, die nach Carpenters 78er-Original entstanden waren und knüpft inhaltlich unmittelbar an den monolithischen Klassiker an. Einige noch schuldige Rückblenden, die sich aus diesem Ansatz ergeben, legt „Halloween Kills“ nun nach; unter anderem erfahren wir, dass auch der damals noch als unangenehmer Bully gezeichnete Lonnie Elam (Robert Longstreet) auf Michael getroffen war, und dass Officer Hawkins (Will Patton) sich unmittelbar vor Michaels Festnahme in jener Nacht eine schwere Blutschuld aufgeladen hat. Das Script müht sich also nach Kräften, sowohl personelle wie inhaltliche Verknüpfungen zu arrangieren als auch verbliebene lose Fäden zu fixieren und legt sein Augenmerk auf ein multiples Ensemble, was wiederum die Gestaltung diverser, voneinander losgelöster Szenarien gestattet. Michael Myers‘ Motivation und Charakterisierung, um die sich frühere Beiträge der Serie immer wieder mehr oder weniger zielführende Gedanken gemacht haben, bleiben indes nebulös; einzig sein Status als mysteriöse, nicht aufzuhaltende Entität des ultimativ Bösen findet sich weiter zementiert, ebenso wie sein verzweifeltes Streben nach der unverzichtbaren, da identitätsspendenden Maske. Der effektaffine Horrorfreund wird in „Halloween Kills“ durch Myers‘ qualitativ wie quantitativ gesteigert-rabiates Vorgehen beschwichtigt, denn so blutrünstig wie hier hat sich „The Shape“ noch durch keines seiner vormaligen Abenteuer gemetzelt. Tatsächlich rahmen gleich zwei opferintensive Massenmorde, wie man sie in solch effektiver Ausprägung von dem eigentlich eher als träge bekannten Myers noch nicht gesehen hat, sein Treiben in diesem elften Derivat ein.
Mit dem mittelteils eingeschobenen, tragisch endenden Lynch-Subplot, der wohl irgendwie nachvollziehbar demonstrieren soll, wie die mit Michaels Rückkehr einhergehende Aura des Bösen die gesamte Kleinstadtbevölkerung von Haddonfield erfasst und zu mittelbaren Handlangern avancieren lässt, verhebt sich Greens Film allerdings tüchtig. Jene Episode – so sie denn überhaupt notwendig ist – hätte man auch deutlich pointierter unterbringen mögen. Ansonsten hält „Halloween Kills“, seinem eindeutigen Repetitierungsstatus gemäß, zumindest das leicht überdurchschnittliche Niveau seines Vorgängers, was ja auch schon mal was ist.

6/10

CANDYMAN

„Black people don’t need to be summoning shit.“

Candyman ~ USA/CA/AU 2021
Directed By: Nia DaCosta

Der Chicagoer Maler Anthony McCoy (Yahya Abdul-Mateen II) steckt in einer mittelschweren Krise: Seine Freundin und Mäzenin Brianna (Teyonah Parris) hält ihn mehr oder weniger aus und von allen möglichen Seiten hagelt es Geringschätzigkeiten und bittere Kritik. Um sich Inspiration für ein neues Werk zu verschaffen, macht Anthony sich mit der Geschichte des nunmehr gentrifizierten, ehemaligen Minislums Cabrini Green vertraut und stößt dabei auch auf die Geschichte des mysteriösen „Candyman“, eines mit einer Hakenhand ausgestatteten, untoten Killers, der erscheint, sobald man seinen Namen fünfmal vor dem Spiegel ausspricht. Natürlich wagt Anthony das „Experiment“ und schon bald sterben in seinem Umfeld diverse Menschen eines blutigen Todes. Damit nicht genug, beginnt Anthony selbst sich in unappetitlicher Weise zu verändern…

Schade, Chance fahrlässig verschenkt. Da ich Clive Barkers short story sehr mag und Bernard Roses Adaption für einen der schönsten und wichtigsten Horrorfilme der neunziger Jahre halte, freute ich mich sehr auf die Neuinstallation, zumal das letzte Sequel ja nun bereits zweiundzwanzig Jahre zurückliegt. Nia DaCosta erweist sich als formidable, äußerst stilbewusste Regisseurin und auch die zugrundeliegende Idee, den urbanen Mythos des nach ewiger Gerechtigkeit suchenden Candyman als eine Art „konzeptionelle Antwort“ auf rassistisches Ungemach zu spezifizieren gefällt mir recht gut. Das dröge Script durchkreuzt diese von Grundauf positiven Ansätze und Impulse jedoch nachhaltig. Der 1992er „Candyman“ besaß Poesie und Herz, erzählte eine zutiefst morbide Romanze und von Feminismus und Identitätsverlust, ohne die genuinen Horrorwurzeln seiner Fabel je zu verraten. DaCostas Film wirkt im Direktvergleich oftmals wie eine mit dem fehlgeleiteten Mut der Verzweiflung arrangierte und somit erzwungene Revision des Stoffs. Virgina Madsen als die hierin vielzitierte Helen Lyle (die Darstellerin stellte für ein eingespieltes Tape sogar nochmal ihre Stimme zur Verfügung) gab dereinst eine wunderbar melancholische Heldin, Anthony McCoy ist im Vergleich dazu leider bloß ein unsympathisch gezeichnetes Substitut, was nicht minder für seine forcierte Verwandlung in die jüngste Inkarnation des Candyman gilt. Der gesamte Plot mit seinem fanatischen Adlatus (Colman Domingo) wirkt, obschon die inhaltliche Klammer zum Original sich immerhin recht geschickt vollzogen findet, ermüdend und wie mit der heißen Nadel gestrickt; schließlich vermisst man besonders Daniel Robitaille/Tony Todd, der dann leider nur ganz kurz in den letzten Sekunden in einem winzigen Gänsehaut-Auftritt zu sehen ist. Die im weiteren Verlaufe des Films vom Candyman umgebrachte Kunstkritikerin Finley Stephens (Rebecca Spence) bringt es recht früh auf den Punkt, als sie Anthony McCoy das Künstlerherz während einer Ausstellung kurzerhand bildhaft aus der Seele reißt: Die Gentrifizierung sei schuld daran, dass der rauen Urbanität ihre ursprüngliche, wilde Seele geraubt werde; der wohnflächesuchende Zustrom von Künstlern wie Anthony selbst, die die spottbilligen Appartments als ihre Ateliers mieten und die baufälligen Viertel damit um den Preis des Strukturwandels ihres maroden Charmes entledigten. Ein Schelm, wer diese Metapher auf DaCostas Film projiziert – doch genau das ist der Punkt. „Candyman“ 21 ist gewiss superschick, aber Barker hat er nicht verstanden.

5/10

SPIRAL: FROM THE BOOK OF SAW

„Wait, I thought the Jigsaw Killer was dead.“ – „He is.“

Spiral: From The Book Of Saw (Saw: Spiral) ~ USA/CA 2021
Directed By: Darren Lynn Bousman

Jahre nachdem John Kramer und seine Vasallen das Zeitlich gesegnet haben, beginnt ein weiterer Nachahmer, das grausame Werk des Serienmörders mit der moralisch verqueren Agenda wiederaufzunehmen. Die Opferschaft rekrutiert sich diesmal ausnahmslos aus der Abteilung des Polizisten Ezekiel „Zeke“ Banks (Chris Rock), der es als „ehrlicher“ Detective mit seinen korrupten und karrieregeilen Kolleginnen und Kollegen selbst nie einfach hatte. Als schließlich auch Banks‘ neuer Partner William Schenk (Max Minghella) tot aufgefunden wird und sein Vater (Samuel L. Jackson), ein renommierter Ex-Cop, verschwindet, nimmt der Fall zunehmend persönliche Züge für den Ermittler an.

Mit diesem erstmals seit dem dritten Sequel wieder von Darren Lynn Bousman inszenierten, mittlerweile neunten Zugang des „Saw“-Franchise, erhält selbiges seinen bislang zugleich schwächsten Beitrag. Die von James Wans Original einst quasi mitbegründete Welle des seinerzeit als so abschätzig wie hilflos bezeichneten „torture porn“ ist zumindest in ihrer originäen Ausprägung bereits seit längerer Zeit wieder abgeebbt, was zugleich auch die ausgeklügelten Folterfallen des Jigsaw-Killers gewissermßen zu einem Anachronismus macht. Dennoch bleiben diese in ihrer vergleichsweise raren Aussäung das interessanteste Element von „Spiral“, während die weiteren Versuche, der Reihe ein kleines Maß an Innovation zu verschaffen, ziemlich kläglich im Kielwasser der Bemühtheit verkluckern. Chris Rock als Heldenfigur und Antagonist des jüngsten Kramer-Schülers soll gleichfalls kecken Humor und innere Zerrissenheit vermitteln, ein Ansatz, der infolge der nunmehr jahrzehntelang kultivierten Selbsttypologie Rocks als Stand-up-Comedian frontal vor die Wand rauscht. Flotte Sprüche in Kombination mit einer inflationär mit Vier-Buchstaben-Wörtern gesäumten Sprache und Autorferenzen mögen Rocks gewünschter Signatur entsprechen, bremsen den ursprünglichen Charakter der Serie jedoch bloß in beschädigender Weise aus. Bousman müht sich zudem nach Kräften, dem gewohnt modrigen Industrial-Ambiente einen konträren Stil aus lichtdurchfluteter, grellgelber Urbanität entgegenzustellen, was am Ende als auch kaum mehr denn angestrengt im Gedächtnis bleibt. Schließlich entpuppt sich der sich clever wähnende twist, der natürlich um die wahre Identität des neuen Trittbrettfahrers kreist, als allzu offensichtlich bis nachlässig arrangiert. Ich war geradezu erleichtert, als der omnipräsente, personell scheinbar unverzichtbare Samuel L. Jackson im Finale von Kugeln durchsiebt wird – zumindest bleibt dieser somit einer eh kaum vermeidbaren, weiteren Fortsetzung erspart.
Wobei bei „Saw“ ja andererseits wiederum doch mit allem zu rechnen sein muss. Erstmals in den nunmehr siebzehn Jahren, in denen es nun heißt „I want to play a game“ spüre ich allmählich reelle Ermüdungserscheinungen. Kein gutes Zeichen…

5/10

THE SUICIDE SQUAD

„Nom-nom?“

The Suicide Squad ~ USA/CA/UK 2021
Directed By: James Gunn

Die aus im Gefängnis einsitzenden, kriminellen oder geistesgestörten Metawesen bestehende, von Agent Amanda Waller (Viola Davis) rekrutierte „Task Force X“ aka „Suicide Squad“ erhält in weitgehend neuer Zusammensetzung einen weiteren Auftrag: Die Truppe soll auf der von einer Militärjunta beherrschten Karibikinsel Corto Maltese einfallen und eine von Regierungstruppen schwer bewachte Festung namens „Jotunheim“ zerstören, in der ein mysteriöses Forschungsprojekt names „Starfish“ beheimatet ist. Die Suicide Squad landet in zwei Abteilungen an der Küste von Corto Maltese, wobei die erste, mit Ausnahme von Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) und der verrückten Harley Quinn (Margot Robbie), unmittelbar aufgerieben wird. Die kleinere, aber deutlich wehrhaftere Abordnung besteht aus dem Söldner Robert DuBois (Idris Elba) alias „Bloodsport“, dem selbsternannten „Peacemaker“ Christopher Smith (John Cena), dem irren Laborexperiment Abner Krill (David Dastmalchian) alias „Polka-Dot-Man“, dem maritimen Halbgott Nanaue (Sylvester Stallone) alias „King Shark“ und der mit absoluter Macht über Ratten ausgestatteten Cleo Cazo (Daniela Melchior) alias „Ratcatcher II“. Gemeinsam arbeitet sich das Team bis in die Hauptstadt vor, nimmt den Projektleiter Gaius Grieves (Peter Capaldi) alias „Thinker“ gefangen und gelangt mit dessen Hilfe in die Mauern von Jotunheim. Die ursprüngliche Mission kann unter Verlusten erfüllt werden, doch mit der Einebnung des Gebäudes wird zugleich eine neue, furchtbare Gefahr entfesselt. Von nun an muss die Suicide Squad auf eigene Rechnung arbeiten…

Wie der „Guardians Of The Galaxy“-Betreuer James Gunn zu seinem Zwischenspiel beim DCEU kam, dürfte ja hinlänglich bewusst sein. Dass damit zugleich ein kleiner, kreativer Brückenschlag zwischen den beiden Comicfilm-Riesen vollzogen wurde, erweist sich als so gleichermaßen reizvoll wie schadenfreudig: Während Disney und MCU-Mastermind Kevin Feige Gunn vormals eher in weitgehend domestizierten Schranken arbeitenund seine bekanntermaßen im derberen Filmschaffen wurzelnde Kreativenergie sich in psychedelischen Space-Gags sublimieren ließen, konnte er bei DC zum ersten Mal seit seinem zweiten Film „Super“ wieder vollends die Sau durchs Dorf und es gerade so bunt treiben, wie ihm der freche Schnabel gewachsen ist. Das Resultat ist die erste echte splatter comedy im großbudgetierten High-End-Superheldenfilm, eine liebenswert-böshumorige Burleske, in der geholzt wird, dass die Schwarte kracht. Dabei wird die makrokosmische Anbindung an Zack Snyders DC-Trilogie aufrecht erhalten und es handelt sich tatsächlich auch nicht, wie gelegentlich aufzuschnappen war, um ein Reboot von David Ayers „Suicide Squad“, sondern um ein echtes Sequel, das zur gleichen Zeit allerdings eine umfassende Renovierung des Originals betreibt. Bekanntermaßen wurde Ayer damals gehörigst in die Schranken gewiesen und dazu angehalten, seine Vision dieses verlottertsten aller Heldenteams so jugendfrei als möglich abzuliefern. Die Gags darin nahmen sich dementsprechend eher durchgemangelt aus und der overfiend wenig denkwürdig. Mit all diesen kleinen und großen Faux-pas räumt Gunn in seiner sehr persönlich gefärbten Vision der Squad rigoros auf: Ihren selbstmörderischen Beinamen trägt die Task Force X nunmehr völlig zu Recht; unmittelbar zu Beginn wird der gewissermaßen zur Ablenkung der Kerngruppe dienenden Vorhut der Garaus gemacht, als gäbe es kein Morgen mehr und die Marschrichtung des Films damit auch gleich unumwunden vorgegeben. Der im Folgenden von Gunn ausgerollte Irrsinnsteppich besteht aus einem Füllhorn mitunter brillanter visueller Einfälle, kleinen, manchmal etwas überschmückt scheinenden Nebenepisödchen [über Wert und Nutzen der als Bypass eingeflochtenen Kurzromanze zwischen Harley Quinn und dem Inseldespoten Luna (Juan Diego Botto) ließe sich etwa diskutieren – zweifelsohne dient sie in erster Linie dazu, Robbie Screentime zu verschaffen] und natürlich dem famosen Endkampf gegen den klassischen JLA-Gegner Starro, einen gewaltigen, außerirdischen Seestern, der sich seine Untertanen mittels kleiner Versionen seiner selbst, die er auf deren Gesichter pflanzt, gefügig macht. Wenn man es recht bedenkt, konnte der in Gestalt und Ausprägung nicht mehr ganz zeitgemäße Starro auch nur von einem wie Gunn zum Leinwandleben erweckt werden, die meisten anderen Filmemacher hätten sich vermutlich bis auf die Knochen blamiert. Schließlich lassen sich Gebrauch und Kompilierung der Figuren als gehörig sarkastisches Statement begreifen – die zur neuen Suicide Squad zählenden Charaktere sind, natürlich mit Ausnahme von Fanliebling Harley Quinn, die, ohne allzu augenfällige Beschränkungen zu erfahren, im Prinzip das einzig greifbare räsonistische Bindeglied zwischen dem etablierten DCEU und Gunns abgefucktem Grand-Guignol-Zirkus darstellt, allesamt letztklassige Seitenfüller, an die sich in erster Linie wohl nur wandelnde Comic-Enzyklopädien erinnern werden. Dass es zugleich aber nur solche vergessenen TertiärschurkInnen sein können, mit denen Gunn ins Feld zieht, ist letzten Endes so evident wie eigentlich alles andere auch an diesem rüpelhaft-spaßigen Film.

8/10

A QUIET PLACE PART II

„Breathe.“

A Quiet Place Part II ~ USA 2020
Directed By: John Krasinski

Nach dem Opfertod ihres Mannes Lee (John Krasinski) macht sich Evelyn Abbott (Emily Blunt) gemeinsam mit ihren drei Kindern, der taubstummen Regan (Millicent Simmonds), dem etwas jüngeren Marcus (Noah Jupe) und dem Neugeborenen, auf eine Reise ins Ungewisse, stets auf der Flucht vor den blinden Monsteraliens. In den angrenzenden Bergen stoßen sie auf eine verlassene Stahlfabrik, in der sich Emmett (Cillian Murphy), ein früherer Freund der Abbotts, der seine gesamte Familie verloren hat, verschanzt hält. Durch Zufall empfängt Marcus ein Radiosignal, das den Oldie „Beyond The Sea“ in Dauerschleife ausstrahlt. Regan ahnt, dass sich dahinter Überlebende verbergen müssen, die den Song als Hinweis auf ein mögliches Inselrefugium vor der Küste senden. Auf eigene Faust macht sie sich heimlich auf, ihre Vermutung zu beweisen. Die darüber entsetzte Evelyn kann Emmett überreden, ihr zu folgen.

Sein Sequel zu dem erfolgreichen „A Quiet Place“ legt Regisseur und Autor Krasinski in dessen unmittelbare Chronologie. Die angeschlagene Familie Abbott verfolgt die Fortsetzung dabei weiter auf ihrem Weg durch das nunmehr hinlänglich etablierte Endzeit-Szenario und gibt einen etwas genaueren Überblick über die veränderten Zustände und Überlebensmodi innerhalb jener auf absolute Stille angewiesenen Albtraumrealität. Als (offenbar unerlässliches) männliches Substitut für Krasinskis heldenhaft gestorbenen Familienvater bemüht der Plot den von dem in punkto apokalyptische Sujets hinlänglich erfahrenen Cillian Murphy als psychisch angeschlagenen Emmett, dem im Laufe der Ereignisse eine zunehmend tragende Rolle zuteil wird. Ansonsten lernt und erfährt man noch einiges mehr über die invadierte Welt von „A Quiet Place“, wobei diese sich nicht wesentlich von hinlänglich bekannten, klassischen Vorbildern unterscheidet: Es gibt marodierende und plündernde Outlaws, deren regressive Atavismen sich bereits physisch manifestieren, derweil sich Regans Vermutung der eiländischen Flüchtlingsenklave als tatsächlich zutreffend erweist: Auf einer recht geräumigen Insel lebt eine Gruppe Überlebender unter der Führung eines weißbärtigen Patriarchen (Djimon Hounsou) ein zivilisatorisch relativ ungetrübtes, autarkes Idyll. man ist dort sicher, weil die Monster nicht schwimmen können. Mit Emmett und Regan kommt jedoch auch hierher der Tod – eine der Kreaturen befindet sich an Bord eines kleines Schiffes, das in eine der Inselbuchten getrieben wurde und beginnt vor Ort sogleich ihr blutiges Werk.
Bis hierher besitzt „A Quiet Place Part II“ seiner multipel ausgewalzten Elemente und Konstruiertheiten zum Trotz eine dem Original oftmals ebenbürtige Stringenz, die sich vor allem in Krasinskis unbestreitbarer Fähigkeit, formidable Suspense-Momente zu kreieren und zu forcieren, niederschlägt. Im als klimaktische Trias angelegten, extrem verdichteten Showdown, der mittels einer bravourös arrangierten Parallelmontage gleich drei zueinander in kausaler Abhängigkeit stehende Überlebenskämpfe zeigt, erreicht seine Mise-en-scène dann sogar annähernde Meisterschaft. Leider lassen Regisseur und Film unmittelbar hernach im Stich; der Film endet auf höchst unbefriedigende Weise mit losen Handlungsfäden, was in Zeiten des parforce kultivierten, seriellen Erzählens wohl am ehesten dem Cliffhanger am Ende irgendeiner halbgaren Reihenstaffel entspricht – ohne Ankündigung einer weiteren Fortsetzung wohlgemerkt. Auf die knappe Erzählzeit bezogen wäre da, mutmaßlich ebenso anbetreffs der monetären Mittel, gewiss durchaus noch Luft gewesen, so dass sich der Schluss als wahlweise unbefriedigendes oder gar manieristisches Nasedrehen ohne ersichtliche Ursache niederschlägt. Ein Spin-Off sei angekündigt, mit einer regulären Weiterführung des bereits als „Franchise“ gehandelten Epos frühestens in ein paar Jahren zu rechnen. Das muss man zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl nicht verstehen und beschränkt den potenziellen Wiederholungsgenuss bereits von vornherein empfindlich.

7/10

THE CONJURING: THE DEVIL MADE ME DO IT

„I don’t want to go down there.“

The Conjuring: The Devil Made Me Do It (Conjuring 3 – Im Bann des Teufels) ~ USA/UK 2021
Directed By: Michael Chaves

Im Jahre 1981 untersucht das Okkultisten-Paar Lorraine (Vera Farmiga) und Ed Warren (Patrick Wilson) den Fall des besessenen, elfjährigen David Glatzel (Julian Hilliard). Im Zuge des später anberaumten Exorzismus bietet sich Arne Johnson (Ruairi O’Connor), der Freund von Davids älterer Schwester Debbie (Sarah Catherine Hook), dem Dämon als Ersatzwirt an. Ed erleidet während der Ereignisse einen beinahe tödlichen Herzinfarkt. Zwar ist der kleine David hernach kuriert und auch sonst scheint zunächst alles in Ordnung, bis Arne einige Wochen später im Zuge scheinbarer geistiger Umnachtung seinen Vermieter Bruno Sauls (Ronnie Gene Blevins) ersticht. Nachdem Arne sich widerstandslos verhaften lässt und wegen Mordes angeklagt wird, findet Lorraine heraus, dass der Dämon noch immer latent mit Arne in Verbindung steht. Die Warrens entdecken einen satanistischen Fetisch unter dem Haus der Glatzels, der sie auf die Spur einer im Hintergrund agierenden, mächtigen Drahtzieherin (Eugenie Bondurant) setzt. Jene hatte den sinistren Dämon einst heraufbeschworen und trachtet nun wiederum mit dessen Hilfe Arnes Leben ein Ende zu setzen.

Im dritten Teil der mittlerweile ja recht fruchtbar unterverzweigten „Conjuring“-Reihe ermitteln die Warrens nach ihrem Abstecher nach London wieder in heimischen, neuenglischen Gestaden. James Wan, der ja mittlerweile wohl vornehmlich Projekte größeren Stils dirigiert, fungiert nurmehr als Produzent und Co-Autor, derweil „Llorona“-Regisseur Michael Chaves hier seine zweite Langfilm-Arbeit inszeniert. Die Story-Prämisse bildete diesmal der in den USA recht bekannte „Devil Made Me Do It“-Gerichtsprozess, in dessen Zuge Arne Cheyenne Johnson unter Berufung auf die Warrens beteuerte, während des ihm zur Last gelegten Gewaltaktes Opfer dämonischen Einflusses gewesen zu sein. Dass er der infolge eines Totschlags-Urteils der drohenden Todesstrafe entging und trotz einer wesentlich höheren Freiheitsstrafe bereits nach fünf Jahren wieder aus dem Gefängnis entlassen wurde, suggeriert der Film während des Abspanns noch als indirekten Effekt der warrenschen Insistierung, obschon dieser während des eigentlichen Prozesses keinerlei Evidenz zukam.
Man kann sich als Filmfreund glücklich schätzen, dass die echten Warrens mit Vera Farmiga und Patrick Wilson zwei recht sympathische filmische Stellvertreter erhalten haben, zeugen selbst oberflächichste Rechecherche nebst anhängenden Archivaufnahmen des Ehepaars doch von ausgesprochen wenig Vertrauen erweckenden Spinnern und/oder Scharlatanen, deren authentisches „Wirken“ im besten Falle tatsächlich ausschließlich als halbgare Kintopp-Inspiration dienen mag; von der immer wiederkehrenden Effektivität rein christlich basierter Gegenmaßnahmen im Zuge ihrer Aktionen einmal gar nicht zu reden.
Was Chaves‘ eigentlichen Film anbelangt, so bescheidet sich dieser mit einem biederen, überraschungsfreien und mit wenigen Ausnahmen annähernd spannungslosen Aufzug. Schöne, atmosphärisch angelegte Figuren wie der Valak oder der Crooked Man, die der letzte Teil noch aufzubieten wusste, fehlen faktisch gänzlich. Ein fetter, nackter Geist (Jay Peterson) und die strippenziehende Satanistin Isla (Bondurant) bieten da nur vergleichsweise schmalen Ersatz. Stattdessen gibt es gnadenlos kitschige Rückblicke auf die jugendliche Kennenlernzeit der Warrens, deren romantisches Band sich dann am Ende auch als funktionalste Waffe wider die Mächte des Bösen ausgestellt findet. Formal wie darstellerisch medioker scheint sich somit auch dieses Franchise allmählich der Ermüdung feilzubieten, wobei es noch einige Geschichten um die Warrens gibt, die erzählt werden könnten. Ob sie dies auch wirklich sollten, wird die Zukunft zu zeigen haben.

5/10

ZACK SNYDER’S JUSTICE LEAGUE

„I’m not broken. And I’m not alone.“

Zack Snyder’s Justice League ~ USA/UK 2021
Directed By: Zack Snyder

Steppenwolf (Ciarán Hinds), ein kriegerischer Halbgott von der dem puren Bösen anheim gefallenen Welt Apokolips, will sich nach früherer Verstoßung infolge allzu eigenmächtigen Verhaltens wieder bei seinem Herrn und Meister Darkseid (Ray Porter) einschmeicheln und fällt zu diesem Zwecke mit seinen fliegenden Paradämonen auf der Erde ein. Hier lagern nämlich seit Urzeiten drei Mutterboxen, lebende Computer, die sich nach äonenlangem Schlaf just reaktiviert haben und die den Schlüssel zur von Darkseid ersehnten „Anti-Lebens-Gleichung“ in sich tragen. Bruce Wayne (Ben Affleck) ahnt um die drohende Gefahr und schart mit der Amazon-Prinzessin Diana (Gal Gadot), dem Atlanter-/Mensch-Mischling Arthur Curry (Jason Momoa), dem superschnellen Barry Allen (Ezra Miller) und dem Cyborg Victor Stone (Ray Fisher) vier Mitstreiter um sich, die den einfallenden Horden die Stirn bieten und die Erde möglicherweise retten können. Schon bald wird dem ungleichen Quintett klar, dass selbst seine geballte Macht nicht gegen Steppenwolf ausreicht und die Idee reift, den im Kampf gegen Doomsday getöteten Kal-El (Henry Cavill) wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem der Plan gelingt und der zunächst amnesische, letzte Kryptonier wieder zu Sinnen gekommen ist, zieht man gemeinsam in die Schlacht gegen die bösen Aliens.

Ob die letzten Endes nun doch in Erfüllung gegangene Existenz von „Zack Snyder’s Justice League“ wirklich das Resultat unbeugsamen Fan-Engagements ist oder lediglich ein cleverer Schachzug von Warner und DC, deren noch jungen Bezahlsender HBO Max zu lancieren und die stiefmütterlich verschmähte, nach Snyders (durch bekannte, tragisch-persönliche Gründe erfolgtem) Ausscheiden von Joss Whedon fertiggestellte Kinoversion nachträglich zu amnestieren, wissen vermutlich nur die New Gods.
Wie dem auch sei, ich fand „Justice League“ nicht so übel, wie er allerorten gehandelt wurde, mir gefielen die kunterbunten, saturierten Leuchtfarben des vormaligen Finales durchaus, wenngleich die Zäsur zu den von Snyder ja auch als Vorbereitungsfilme inszenierten „Man Of Steel“ und „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ schon überdeutlich wurde. Dass Snyder bei seinen DC-Superhelden-Adaptionen eher auf Bierernst und existenzialistische Schwere setzt, war ja längst offenkundig und dazu mochte Whedons in der von ihm verantworteten Postproduktion umgepolter Karneval nicht wirklich passen. Nun also Snyders eigene, prononciert epische Version, die nicht nur für ein hörbares globales Aufatmen der dedizierten Fangemeindesorgte, sondern auch in manch anderer Hinsicht als große Wiedergutmachung gekränkter Befindlichkeiten fungiert (dafür, dass ich selbst zur zeitgenössisch sogar zweimal betrachteten Erstfassung keinen Text verfasste, gibt es übrigens keinen veritablen Grund außer mutmaßlich jenen, dass es mir an Zeit und/ oder Inspiration gefehlt haben wird). „Zack Snyder’s Justice League“ ist, alles andere zu behaupten wäre jawohl auch albern, tatsächlich besser als die von der naseweisen Netz-Intelligenzia abschätzig als „Josstice League“ bezeichnete Whedon-Version, aus naheliegenden Gründen. Nicht zuletzt die um das Doppelte verstärkte Erzählzeit gewährt dem Ganzen zunächst eine sehr viel komplexere und umfassendere Herangehensweise, was sich insbesondere in der Charakterisierung der Figuren niederschlägt. Die bislang ja ohne „eigene“ Filme auskommen müssenden Barry Allen und Victor Stone erhalten nun wesentlich plastischere Hintergründe, die jeweils in unterschiedlich geprägten Vater-/Sohn-Konflikten wurzeln und die ihnen inhärente Tragik (insbesondere im Falle des letzteren) deutlich nachvollziehbarer machen. Während vor allem Flash in Whedons Schnittfassung zu einem, um den unausweichlichen MCU-Vergleich zu ziehen, flapsig-spaßigen Spider-Man-Youngster frisiert wurde (nebenbei eine Wandlung, die zu seiner originären Comic-Persona als eher biederem Polizeiwissenschaftler überhaupt nicht passen wollte), gestattet der Snyder-Cut sich einige schöne bis nachgerade poetisch inszenierte Augenblicke um den Blitzflitzer. Mögliche künftige Helden wie der Martian Manhunter (Harry Lennix) oder Ryan „Atom“ Choi (Ryan Zheng) können eingeführt werden und Darkseid, der im DC-Universum das Gegenstück zu Marvels Thanos darstellt, erhält nun wesentlich mehr Raum. Ein neuer Score (von Junkie XL statt Danny Elfman) erklingt, diverse fomale (Kadrage-Verschmalung auf das 4:3-IMAX-Format, merkliche Ausdünnung der Farb- und Kontrastpalette) und kosmetische (Supermans Dress ist jetzt der schwarze aus der „Return“-Comic-Strecke von 1993) Modifikationen brechen sich Bahn. Zudem findet ein großzügiger Epilog Platz, der auf das hinweist, was Snyder für die zunächst geplanten „JL“-Sequels vorschwebte; Darkseids künftige Eroberung der Erde und Supermans Hinwendung zur Dunklen Seite, die, wie in einem wohlbewussten Vorbild, am Ende nurmehr durch eine Rückreise in der Zeit ungeschehen gemacht werden kann. Da ja irgendwie nun doch alles möglich ist, werden wir vielleicht in ein paar Jahren auch noch jener Vision(en) ansichtig. Das Durchhaltevermögen hartnäckiger Geeks stirbt zuletzt.

8/10