DER GOLDENE HANDSCHUH

„Stinke bei dir bis nix mehr geht!“

Der Goldene Handschuh ~ D/F 2019
Directed By: Fatih Akin

Hamburg, die frühen siebziger Jahre. Der Junggeselle und Schwerstalkoholiker Fritz Honka (Jonas Dassler), genannt „Fiete“, führt ein armseliges Leben in der Elbstadt. Seine Existenz pendelt zwischen seiner miefigen Mansardenwohnung in Altona, kärglichen Aushilfsjobs und der Absturzkneipe „Der Goldene Handschuh“ auf St. Pauli. Nicht allein infolge seines seit Kindheitstagen entstellten Gesichts mögen sich die meisten Damen nicht mit Honka abgeben. Lediglich die ganz unten Gestrandeten kann er mit einer Flasche Korn zu sich nach Hause locken. Nicht jede seiner Bekanntschaften überlebt diese Stelldicheins.

„Der Goldene Handschuh“ ist ein neuerlicher Beweis dafür, dass der Filmemacher und auteur Fatih Akin das deutsche Kino lebendig hält wie gegenwärtig nur wenige außer ihm. Der Romanvorlage von Heinz Strunk, mit der man Akins Adaption, ebenso wie jede andere Literaturverfilmung mit ihrem Ursprung, in Kenntnis beider zwangsläufig vergleicht, erweist das Werk nicht nur alle Ehre, gekonnt ergänzt, entschlackt, transponiert er sie. Die im Buch parallelisierte Geschichte des Patrizierenkels Wilhelm Heinrich von Dohren (Tristan Göbel) und dessen im Derangieren begriffene Familiendynastie reduziert das Script auf wenige Sequenzen, die, und darin liegt die einzige, kleine Schwäche des Films, letzten Endes ein reines Zugeständnis an die Kenner der Vorlage darstellen. Vielleicht hätte man Willi (oder WH3, wie Strunk ihn lakonisch abkürzt), schlichtweg komplett streichen sollen. Immerhin fungiert Willis Angebete Petra (Greta Sophie Schmidt) für den Rezipienten gewissermaßen als „Agentin der Normalität“ sowie gewissermaßen als personifizierte narrative Klammer, die auch für den Film-Honka zu einer Art Leitfigur wird.
Doch das sind Marginalitäten. In zweierlei weiterer Hinsicht entwickelt „Der goldene Handschuh“ jeweils außerordentliche Meisterschaft. Da wäre zum einen die kongeniale, bald dokumentarisch anmutende Porträtierung der bundesdeutschen Alkoholiker- und Kneipenszene der Ära Honka, für die der titelgebende „Goldene Handschuh“ letzten Endes einen Repräsentativstatus einnimmt. Heruntergekommene und in all ihrer Widerborstigkeit irgendwie doch stolze Spelunken wie diese gab und gibt es in jeder Stadt; Horte der Einsamen, Gestrandeten, Desillusionierten, Rentner, Verarmten, Gestörten, die hier ihren schalen und ironischerweise immens kontraproduktiven Ersatz für fehlende Zwischenmenschlichkeit suchen. Doch auch den filzigen Charme dieser Zeit macht Akin greifbar; die Jukebox spielt Bata Illic, Freddy Quinn und Michael Holm; Honkas auf Dauerrotation gedudeltes Lieblingsstück ist von Adamo. Die besoffenen, verbrauchten Huren heulen, wenn Heintje seine Mama bekniet, sie solle nicht weinen. Inmitten dieser seelischen Massenkarambolagen wirken selbst Honkas Bluttaten kaum mehr sonderlich exotisch. Womit der andere, große, natürlich offensichtlichste Komplex des Films bei der Hand wäre – das Psychogramm eines Serienmörders. Dieses erschließt sich im Falle Honka selbst für den Laien sehr rasch. Zeitlebens erfahrene Ablehnung und Gewalt sowie die ewige Vorenthaltung von Liebe und Zärtlichkeit entladen sich schließlich in akuter Misogynie sowie in einer grotesk gestörten Sexualität, die in Kombination mit Alkoholmissbrauch zuweilen in tödliche Raserei umschlägt. Die spätere Entsorgung der Leichen geschieht ebenso mechanisch wie unsinnig; Honka versteckt die Körperteile in einem unzureichend getarnten Hohlraum hinter der Wand. Aus dem Blick, aus dem Sinn. Wie in den meisten großen Serienkiller-Filmen scheint sich jedoch auch für Honka irgendwann kurzzeitig so etwas wie ein erlösendes Moment einzustellen. Nach einem Unfall und daran anschließender, erfolgreicher Selbstentgiftung erlangt er einen halbwegs stabilen Job als Nachtwächter und findet in dem Ehepaar Denningsen (Katja Studt, n.n.) so etwas wie oberflächliche Freunde. Doch der Schnaps kommt ihm wieder in die Quere und damit auch die Entgleisungen.
„Der goldene Handschuh“ hält insbesondere durch seine absolut zwingende, gradlinige Perspektivierung beinahe mühelos mit den großen amerikanischen Serienkiller-Klassikern von „The Boston Strangler“ bis „Henry: Portrait Of A Serial Killer“ Schritt und versetzt sie immer wieder mit dem lakonischen Säufergestus eines „Barfly“, wenn auch freilich ohne dessen liebenswerten Anarchoexistenzialismus. Damit wird er zu einem ungeheuer intensiven und auf heimischem Kinoacker einzigartigen Gewächs, einem instant classic gar, der neben „Gegen die Wand“ Fatih Akins bisheriges Werk krönt.

10/10

Werbeanzeigen

O ANIMAL CORDIAL

Zitat entfällt.

O Animal Cordial (The Friendly Beast) ~ BR 2017
Directed By: Gabriela Amaral

Das gehobene Restaurant „La Barca“ des Gastronomen Inácio (Murilo Benício), kurz vorm allabendlichen Schließen: Ein angetrunkenes, wohlbetuchtes Pärchen (Camila Morgado, Jiddu Pinheiro) will zu dieser späten Stunde unbedingt noch ein üppiges Mahl zu sich nehmen, ganz zum Unwillen des feierabendbedürftigen Küchenpersonals, allen voran des enervierten, bisexuellen Chefkochs Djair (Irandhir Santos). Neben dem Paar nimmt soeben noch ein älterer Herr (Ernani Moraes) seinen letzten Drink. Da versuchen zwei schlecht vorbereitete Straßenganoven (Ariclenes Barroso, Eduardo Gomes), den Laden zu überfallen und die Kasse zu leeren. Sie rechnen jedoch nicht mit Inácio, dem eine Sicherung durchbrennt, und der, mit der Unterstützung seiner ihm ergebenen Wirtin Sara (Luciana Paes), den Spieß kurzerhand umdreht…

Ein intensiver, augenzwinkernder Terrorfilm aus Brasilien – nicht unbedingt das, was dem gemeinen Mitteleuropäer zur regelmäßigen cinephilen Goutierung a priori zur Verfügung steht. Umso erfreulicher, dass Ausnahmen die Regel bestätigen.
„O Animal Cordial“ („Das herzliche Tier“) markiert das wilde, triebaffine Langfilmdebüt der somit überaus vielversprechenden Regisseurin Gabriela Amaral. Für ihren deftigen Feature-Einstieg nahm sie sich, unter strikter inhaltlicher und inszenatorischer Beschränkung auf die Räume des Restaurants als singulären, hermetischen Spielort, gleich zwei miteinander verwobene, messerscharf ausgearbeitete Psychogramme vor – das des getriebenen Restaurantchefs Inácio und das seiner Oberkellnerin Sara, wobei insbesondere letzterer Amarals vordringliche Aufmerksamkeit gehört, von Frau zu Frau, sozusagen. In einer explosiven Nacht erleben die beiden sämtliche Höhen und Tiefen einer fatalistischen, toxischen Beziehung von A bis Z, das heißt, von Anfang bis Ende. Für Inácio nehmen die privaten Krisen in jüngster Zeit offenbar Überhand; schwelende Konflikte mit seiner Belegschaft, die Angst vor Kritikerbesuchen, Trubel mit der ihn telefonisch drangsalierenden Gattin – ansonsten gibt es keinerlei wirklich fassbare Erklärung für seine kurze, eskalative Reise in den anarchischen Atavismus. Der von vornherein kopflose, vergleichsweise pubertäre Überfall der beiden Kleingauner fungiert als finaler in einer vermutlich längeren Reihe psychischer Trigger, um ihn vom Sockel der Sozialisiertheit zu stoßen und in den kommenden Stunden ebenso lustvoll wie ausgiebig diverse zivilisatorische Tabus bis hin zum Kannibalismus genießen zu lassen. Dabei scheint von vornherein offensichtlich, dass jene barbarische, eben zum Scheitern verurteilte Reise durch die Nacht ebenso rasch beendet sein wird, wie sie beginnt. Sara, deren verzweifelter Ausbruch aus einer devoten Form patriarchalisch dominierter Weiblichkeit mit ebensolch fieberhafter Konsequenz abläuft, muss am Ende derweil erkennen, dass es ihr keinesfalls vergönnt ist, als Inácios vollwertiges feminines Pendant zu bestehen, obgleich es zwischenzeitlich kurz danach aussieht. Der zum maßlosen Morder gewordene Biedermann folgt schließlich doch nurmehr seinem chauvinistischen Naturell, die zwischenzeitlich gesponnen Pläne von einer gemeinsamen Existenz sind nicht mehr denn spannungslockernde Seifenblasen. Und die übrigen Beteiligten? Die sind kaum mehr denn Randfiguren, um Hass und Aggression zu kanalisieren und durchleiden umso furchtbarere Enden. Nur einer darf das buchstäbliche Schlachtfeld aufrecht und erhobenen Hauptes verlassen: Der um seine schönen, langen Haare erleichterte, aber nichtsdestotrotz durchweg stolz und integer gebliebene Djair. Allein für diese heroische Wahl gebührt „O Animal Cordial“ höchster Respekt.

8/10

KIND HEARTS AND CORONETS

„After using the silken rope… never again be content with hemp.“

Kind Hearts And Coronets (Adel verpflichtet) ~ UK 1949
Directed By: Robert Hamer

Weil seine Mutter (Audrey Fildes) einst einen nicht standesgemäßen, italienischen Tenor (Dennis Price) geheiratet hatte, muss Louis Mazzini (Dennis Price), Spross der adligen D’Ascoyne-Sippe, erleben, dass sie, ebenso wie er selbst, von dem Rest der Familie, allen voran von dem altehrwürdigen Duke (Alec Guinness), verstoßen wurde. Nicht mal eine Grabstätte in der Familiengruft billigt man Louis‘ Mutter zu, obschon dies ihrem letzten Wunsch entsprochen hätte. Dass dem als kleinen Miederwarenverkäufer arbeitenden Louis zudem auch seine Jugendliebe Sibella (Joan Greenwood) entsagt, bringt den jungen Mann noch mehr in distinguierte Rage. Er beschließt, sich für die erlittene Schmach an sämtlichen noch lebenden Mitgliedern der D’Ascoynes zu rächen, indem er sie einen nach dem anderen ermordet…

Robert Hamers schwarze Komödie gilt als einer der besten und schönsten britischen Filme überhaupt und verzeichnet eine entsprechend große Zahl an Liebhabern – berechtigterweise, denn „Kind Hearts And Coronets“ kommt dem, was man als „perfekten Film“ zu bezeichnen geneigt ist, beträchtlich nahe. Bewundernswert elegant, konzentriert und voll von geistreichen AperçusParvenu berichtet Hamer Biographie und Werdegang des bereits zu Beginn der Geschichte in der Todeszelle sitzenden Louis Mazzini, gewandet in ein geschliffenes Memoiren-Voice-Over. Daran, dass Mazzini, der als Serienmörder eine stattliche Anzahl an Familienmitgliedern und Unbeteiligten mittels inszenierten Unfällen, Vergiftungen, Bombenattentaten und Erschießungen (zweimal kommt ihm der Zufall zur Hilfe) zu verzeichnen hat, in Kürze gerechtermaßen dem Scharfrichter (Miles Malleson) vorgeführt werden wird, hat der Zuschauer bereits nach dem ersten Akt keinen Zweifel mehr; dass er just für einen Tod, an dem er keine Schuld trägt und für den er lediglich infolge eifersüchtiger Intriganz verurteilt wurde, zieht einen aber dennoch auf seine Seite. Eine weitere brillante Geschicklichkeit: Price spielt Mazzini nämlich als einen überaus sympathischen, formvollendeten Gentleman voller noblesse oblige, dessen sich sukzessive steigernde Gier als Emporkömmling ein Widerhall des ihn seit Anbeginn seiner Geburt heimsuchenden Standesdünkels ist und somit zumindest in Ansätzen eine Art sozial gerechtfertigter Zorn. So sind die von ihm beseitigten, durch die Bank von Alec Guinness gespielten D’Ascoynes auf die eine oder andere Weise allesamt mehr oder weniger große Nervensägen und gewissermaßen von humanistischer Redundanz; eingebildete Filous, trinkende Pantoffelhelden, halbidiotische Geistliche, verkrachte Bonzen, radikale Suffragetten, eiserne Kommissköpfe oder schlicht arrogante Aristokraten finden sich darunter und der Tod jedes Einzelnen von ihnen markiert ein höchst vergnüglich inszeniertes Kabinnettstückchen. Wie bereits angedeutet, geht Hamer keineswegs so verlockend oberflächlich zu Werke, nicht auch seinem Protagonisten einen bitteren Spiegel vorzuhalten. Im Laufe seiner kriminellen Karriere entwickelt sich Mazzini selbst zu dem, was er zuvor so sehr verachtete – einem zynischen Snob und Parvenu, dem Geld und Stellung bald zumindest mit seiner vormaligen privaten Agenda gleichauf sind.
Ob er am Ende Engelchen oder Teufelchen wählt, die beide in einem Einspänner auf ihn warten, oder seine verschriftlichten Memoiren ihm doch noch den Strick drehen, überlässt „Kind Hearts And Coronets“ schließlich, ganz seiner übrigen Hellsichtigkeit entsprechend, der moralischen Sensitivität seines Publikums.

10/10

FANGO BOLLENTE

Zitat entfällt.

Fango Bollente (Die grausamen Drei) ~ I 1975
Directed By: Vittorio Salerno

Dem in einem Wissenschaftszentrum bei Turin angestellten Ovidio Mainardi (Joe Dallsandro) reißt eines Tages eine für das friedvolle soziale Miteinander unabdingbare Sicherung und er beginnt mit seinen zwei Kollegen Giacomo (Gianfranco De Grassi) und Peppe (Guido De Carli), seine tiefschlummernden Aggressionen rücksichtslos auszuleben. Nachdem das Trio eine Massenschlägerei im örtlichen Fußballstadion initiiert, kommt es erst recht auf den Geschmack: Mord und Vergewaltigung werden zur liebsten Freizeitbeschäftigung der grausamen Drei…

Was, wenn das Über-Ich plötzlich seinen Dienst versagt und das Es nebst Libido und Thantos die Herrschaft ergreift? Auftritt Joe Dallesandro, dem man seinen sukzessiven, mit seelenruhigem Gestus präservierten Amoklauf sowie seine höchst spezifische Auslegung des ohnehin diskutierbedürftigen Gesellschaftsmodells „Anarchie“ nur allzu gern abkauft. Niemand konnte so eiskalt lächeln, bitterböse agieren und dabei so gut aussehen wie er. Dies konnte Dallesandro im italienischen Genrekino jener Tage ja gleich mehrfach eindrucksvoll unter Beweis stellen, in „Fango Bollente“ jedoch trieb er jenes persönliche Spezialfach zu schweißtreibender Perfektion. Gemeinsam mit zwei nicht minder kurzluntig bestückten Adlati verabreicht er dem jüngst wieder in so traurige Mode gekommenen Terminus des „Wutbürgers“ eine gänzlich authentische Inkarnation, wenn er seinem ihm offenbar persönlichkeitsstrukturell innewohnenden Habitus des Sadisten freien Lauf lässt und in der Folge jedem einzelnen Provokateur seines Alltagsumfelds umgehend die wortwörtliche Rote Karte zeigt. Seien es ein frecher LKW-Fahrer, eine Hure und ihr messerschwingender Zuhälter, ein Taxi-Chauffeur, zwei Society-Schnepfen, ein Verkehrspolizist oder gar die eigene Gattin: Vor Ovidio Mainardi und seinen beiden Erfüllungsgehilfen ist fortan niemand mehr sicher.
Natürlich gibt es ein bereits dramaturgisch unabdingbares Gegenwicht in der Person des klugen, jedoch ebenfalls zur situativbedingten Aggression neigenden Polizisten Santagà (Enrico Maria Salerno), der hinter Mainardis stoisch-unterkühlter Fassade schon früh eine unheimliche Diabolik wittert und sich nach und nach an dessen Fersen haftet.
Salernos kleines Meisterwerk „Fango Bollente“ markiert eine innerhalb der Grenzen des Poliziottesco eher ungewöhnlich sozialkritische Studie, die von der Explosivität urbaner Einpferchung berichtet und zu dem ebenso erschreckenden wie einleuchtend-nüchternen Schluss kommt, dass eine wachsende Menschenansammlung einzelne Miglieder zwangsläufig über den schmalen Grat der Sozialräson stolpern lässt, je dichter sie nur besiedelt ist (parallel zu Mainardis kleinem Ad-Hoc-Experiment mit weißen Ratten zu Beginn der Geschichte).
Ein wenig erinnern der Film und seine beiden Antagonisten an Lenzis ein Jahr zuvor entstandenen  „Milano Odia: La Polizia Non Può Sparare“, in dem sich Henry Silva und Tomas Milian in analoger Konstellation gegenüber standen. Und auch, wenn Salerno diesen Vergleich nach eigenem Bekunden überhaupt nicht mochte (wer könnte es ihm verdenken?), kann „Fango Bollente“ zumindest eine prinzipielle Beeinflussung durch Kubricks Burgess-Adaption „A Clockwork Orange“ nicht fortleugnen, obschon sich im vorliegenden Falle kein dystopisches, sondern ein fatalistisches (wenngleich weithin entpolitisiertes) Gegenwartsbild der blutigen, italienischen anni di piombo gezeichnet findet.

8/10

BLOODLINE

„Remember, the cousins are just people.“ – „It’s just people that terrify me. Particularly cousins…“

Bloodline (Blutspur) ~ USA/D 1979
Directed By: Terence Young

Der steinreiche Pharmazeutik-Mogul Sam Roffe verunglückt beim Bergsteigen in den Schweizer Alpen. Rasch frohlocken seine Erben, die eine ordentliche Finanzspritze allesamt gut gebrauchen könnten: Sir Alec Nichols (James Mason), Attaché in London, hat infolge seines großspurigen Lebensstils Schulden bei unwirschen Unterweltlern, ebenso Charles Martin (Maurice Ronet), der Ehemann von Roffes in Paris lebender, arroganter Nichte Hélène (Romy Schneider). Ivo Palazzi (Omar Sharif) derweil wird in Rom als Bigamist von seiner „Nebenfrau“ Donatella (Claudia Mori) erpresst, die ihre überfälligen Alimente einfordert.
Roffes Tochter Elizabeth (Audrey Hepburn) weigert sich jedoch, den Plan ihrer Verwandten, aus dem Unternehmen eine offene Aktiengesellschaft zu machen und ihre Anteile zu verflüssigen, zuzustimmen und übernimmt stattdessen selbst den Firmenvorsitz. Unterstütz wird sie dabei von Roffes rechter Hand Rhys Williams (Ben Gazzara), einem ziemlichen Filou. Als der Genfer Inspektor Max Hornung (Gert Fröbe) dem Roffe-Clan eröffnet, das Sam tatsächlich ermordet wurde, kristallisiert sich bald heraus, dass der Täter ein Familienmitglied sein muss. Und dieses folgt noch ganz anderen, sehr viel finstereren Obsessionen…

Terence Youngs internationale Verfilmung eines Romans des Drehbuch- und Romanautoren Sidney Sheldon wäre lediglich ein durchschnittlicher, ziemlich ominöse Narrationsvolten schlagender Kriminalfilm im High-Snobiety-Milieu, wären da nicht ein paar Details, die ihn dann doch wieder sehr sehenswert machen: Am Hervorstechendsten ist da natürlich die astronomische Premiumbesetzung, die vom kleinen Europloitation-Sternchen bis hin zum großen US-Star eine fast beispiellose Zusammenstellung cineastischen Lieblingspersonals vereint und sozusagen Brücken von Edgar Wallace über Agatha Christie bis hin zu Jess Franco, den italienischen Genrefilm und den großen Studiofilmern schlägt. Die entsprechende Aufzählung führe man sich in den Tags oder über den obigen imdb-Link zu Gemüte und staune, wie auch ich aus dem Staunen kaum mehr herauskam. Terence Young hatte sich ja vormals vom Regisseur dreier vortrefflicher Bond-Filme (darunter den ersten beiden) zum lustvollen Sleaze-Filmer entwickelt, dessen „The Klansman“ bereits eine höchst liebenswerte Abseitigkeit darstellte. Mit der bis zum heutigen Tage kinohistorisch weiträumig ignorierten Koreakriegs-Absurdität „Inchon“, die ich unbedingt endlich einmal sehen möchte, landete er zwei Jahre nach „Bloodlines“ schließlich eine der berüchtigsten Finanzkarambolagen der gesamten Filmgeschichte. Audrey Hepburn, mit der Young zwölf Jahre zuvor bereits den durchaus starken Blinden-Thriller „Wait Until Dark“ gefertigt hatte, kehrte für einen ihrer spärlichen Spätkarrieren-Auftritte nochmal zu ihm zurück und übernahm die ihr scheinbar auf den knochigen Leib geschriebene Hauptrolle der rundum liebenswerten, zwar ebenso selbstbewussten wie in Anbetracht all der sie umgebenden, familiären Habgier aber doch fragilen Protagonistin, die am Ende sogar noch ein richtiges, kleines Terror-Szenario gegen den sich entpuppenden Strippenzieher durchzustehen hat.
Regelrecht bizarr, grotesk und dabei doch hübsch gialloesk mutet ein Nebenplot um einen Snuff-Movie-Produzenten an, der einen glatzöpfigen, nackten Mike Monty (!) hübsche Damen on camera strangulieren lässt. Bereits diese Schilderungen sollten hinreichend neugierig machen, wobei nicht verhehlt bleiben soll, dass Youngs Regie leider allzu häufig zwischen unbeteiligt und fernsehhaft changiert und Ennio Morricones pompöser Score im Verhältnis dazu wirkt, als habe Wagner eine „Dallas“-Episode vertont. In jedem Fall lohnt die Begegnung für Liebhaber von Camp und Apokryphem.

7/10

E TANTA PAURA

Zitat entfällt.

E Tanta Paura (Magnum 45) ~ I 1976
Directed By: Paolo Cavara

Gleich zwei Personen der höheren Mailänder Gesellschaft werden in kurzem Zeitabstand brutal ermordet aufgefunden, wobei an beiden Tatorten Illustrationen aus Heinrich Hoffmanns Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ hinterlassen sind. Für den ermittelnden Inspettore Lomenzo (Michele Placido) gilt es, dem Täter möglichst rasch auf die Spur zu kommen, bevor dieser wieder zuschlägt. Doch es geschehen bald weitere Verbrechen nach demselben Profil. Lomenzo findet mithilfe seiner leichtlebigen Nachbarin Jeanne (Corinne Cléry) heraus, dass sämtliche Opfer Mitglieder des Exklusivklubs „Freunde der Natur“ waren und einst im Hause des mittlerweile verstorbenen Gesellschaftslöwen Hoffmann (John Steiner) verkehrten, wo man nicht nur der gemeinsamen Liebe zu exotischen Tieren frönte, sondern auch der zu ausgefallenen Exzessen. Auch die in großem Stil zu Werke gehende Detektei des alternden Pietro Riccio (Eli Wallach) ist in die Ereignisse verwickelt…

Mit „E Tanta Paura“ reichte der vormalige „Mondo“-Urheber Paolo Cavara eine genreübergreifende Italo-Sleaze-Granate ersten Ranges, die Elemente des splattrigen Giallo, des Poliziottesco und sogar der Commedia Sexy vereinte und hernach zu einer ebenso wahnwitzigen wie lustvoll aufbereiteten Kinobreitseite melangierte. Die ProtagonistInnen des Films, selbst der von Michele Placido gespielte Inspektor, sind durch die Bank dem libertären Zeitgeist der Mittsiebziger verbunden, der einen nahezu rücksichtslosen Hedonismus präservierte. Man raucht, trinkt, nascht Konfekt und promiskuiert, was das Zeug hält, jede freie Minute dient sozusagen der reuelosen Lust zwischen Disco und Heia. Schöne Damen sind zumeist willige Fortomodels und grundsätzlich bisexuell, garantiert nichts brennt an. In einem derart aufzeizenden Makrokosmos muss es sogar Spaß machen, einen Serienmörder zu jagen, daran lässt „E Tanta Paura“ keinerlei Zweifel. Auch sonst hält Cavara sein Publikum bei der Stange, die etwas willkürlich eingeflochtenen Wendungen bis hin zu einem sich in seinen diversen twists selbst nicht mehr zurecht findenden Finale werden flankiert von regelmäßigen Nuditäten und einer vorbildlichen Verfolgungssequenz mit anschließender Prügelei. Hinzu kommt die großartig-eklektische Besetzung, in deren Reihen sich neben den Erwähnten auch Jacques Herlin sowie der damals kurzzeitig in Bella Italia befindliche Tom Skerritt (als Placidos Vorgesetzter) verirrten.
Sonderlich spannend, zumindest im Sinne klassischer Thrillerstrukturen, nimmt sich „E Tanta Paura“ dabei zugegebenermaßen nicht aus; er lebt vielmehr von der perlenartigen Aneinanderreihung all seiner vielen, kleinen Unfassbarkeiten (wie einer merkwürdigen Orgienszene in der Villa Hoffmann nebst Schimpanse und Tiger, in deren Zuge unter anderem auch eine bizarre Trickporno-Sequenz von Gibba prominiert), die dann am Ende doch noch eine erstaunlich funktionales Homogenitätsbild hinterlassen. Die deutsche (Video-) Vermarktung in den Achtzigern gab derweil ein hübsches Beispiel für die oftmalige Hilflosigkeit der diversen Kleinstlabel ab, ihre Medien an den Mann zu bringen: Weder „Ein Mann jagt das Gesetz!“ noch „Die letzte Chance eines Bullen“, wie das nach billigem Actionfach müffelnde VHS-Cover mit dem gänzlich unpassenden Titel „Magnum 45“ zuzusichern versuchte, markieren Versprechen, die der Film zu halten im Stande war. Im Gegenzug erhielt man dann aber eine ganz anders gepackte Wundertüte.
Obskur, bizarr, schön!

8/10

THE NIGHT DIGGER

„I need help!“

The Night Digger (Das Haus der Schatten) ~ UK 1971
Directed By: Alastair Reid

Die altjüngferliche Krankenschwester Maura (Patricia Neal) lebt gemeinsam mit ihrer blinden Adoptivmutter Edith Prince (Pamela Brown) in deren marodem Herrenhaus in der englischen Provinz nahe Coventry. Die einsame Maura ist es gewohnt, sich tagtäglich von der herrischen Alten drangsalieren zu lassen und trägt ihr Los mit leicht deprimierter Fassung. Dies ändert sich, als der Tagelöhner und Herumtreiber Billy Jarvis (Nicholas Clay) bei den beiden Frauen auftaucht: Während Maura zunächst widerwillig auf seine Anwesenheit reagiert, bietet Edith ihm sogleich eine Stellung als Hausmeister nebst Kost und Logis an. Nach und nach entdeckt Maura Sympathien für den geheimnisvollen, offenbar nicht ganz ehrlichen jungen Mann, die sich bald in aufrichtige Zuneigung verwandeln und sogar von Billy erwidert werden. Doch dieser hat ein furchtbares Geheimnis: Er ist ein schizoider Serienmörder, der bereits sieben Frauen auf dem Gewissen hat. Dennoch wittert Maura in Bezug auf Billy die letzte Chance, sich von Edith zu emanzipieren…

Angereichert mit einer feisten Portion finsteren, englischen Humors serviert dieser von Roald Dahl co-gescriptete Drama-/Thriller-Hybrid seine markige Drei-Personen-Geschichte, in deren Zentrum Patricia Neal als pflichtbewusste Frau steht, die sich in ein verhängnisvolles Abhängigkeitsverhältnis gebracht hat: Ihre Adoptivmutter Edith weiß um die devote Persönlichkeit der nicht mehr ganz taufrischen Maura, die bereits vor Jahren den Quasi-Frondienst in jenem riesigen, verlotterten Haus ihrem persönlichen Glück vorgezogen hat und seither mehr und mehr dahinwelkt. Ausgerechnet in der Person des geisteskranken Frauenmörders Billy offeriert sich Maura der letzte Ausweg, den übermächtigen Fängen der alten Edith zu entkommen und doch noch ein selbstbestimmtes Leben anzufangen – zwei gebrochene Seelen, die sich möglicherweise heilen können. „The Night Digger“ macht sich dabei den Kunstgriff zunutze, Billy trotz seiner mörderischen Persönlichkeitsspaltung zum Sympathieträger avancieren zu lassen. Wenn er nicht gerade in verantwortungslosem Zustand junge Frauen meuchelt, ist er ein netter, patenter, obschon nicht sonderlich gebildeter junger Mann, den man durchaus gern haben kann und dessen unglückliche Biographie seinen Hass auf gleichaltrige Damen immerhin erklärt. Selbst als Maura von Billys obsessiver Schattenseite erfährt, ist sie noch bereit, mit ihm fortzugehen – hier präsentiert sich ihr ein Mensch, der eine sogar noch vernarbtere Persönlichkeit beinhaltet als sie selbst und der im Gegensatz zu der undankbaren, bigotten Edith sogar wirklich ihrer Zuneigung und Unterstützung bedarf.
Alastair Reid fängt dieses psychologisch grandios untermauerte Kammerspiel in den typisch bleichen Farben des britischen Frühsiebzigerkinos ein, lässt aber trotz dieser Kargheit häufig an Hitchcock denken, von dessen bevorzugten Topoi sich in „The Night Digger“ einige wiederfinden, seien es die matriarchalische Bevormundung durch eine entsetzliche Mutterfigur, die dysfunktionale, sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte zweier Verlorener oder eben das Gewaltverbrechen als Zwangshandlung. Passend dazu kredenzt Bernard Herrmann eine Musik, die seinem Chef D‘Œuvre sicher nur allzu gut gemundet hätte.

8/10