FREQUENCY

„I’m still here, Chief.“

Frequency ~ USA 2000
Directed By: Gregory Hoblit

Für den Polizisten John Sullivan (Jim Caviezel) ist das Leben nicht immer leicht. Just als seine Beziehung in eine heftige Krise gerät, entdeckt er gemeinsam mit seinem Kumpel Gordo (Noah Emmerich) das alte Funkgerät seines vor drei Jahrzehnten verstorbenen Vaters Frank (Dennis Quaid) wieder. Als er eher gelangweilt daran herumspielt, geschieht das Unglaubliche: John gerät auf die selbe Radiofrequenz, auf der exakt auf die Sekunde dreißig Jahre zuvor sein Vater funkt. Verantwortlich für diesen physikalischen Gesetzesbruch ist ein besonders starkes Aufkommen der Aurora Borealis, der Nordlichter, die zu beiden Zeitpunkten intensiv über Brooklyn flimmern. Nachdem sich Vater und Sohn über das Unmögliche klar geworden sind, wittert John die Chance, seinen Vater zu retten: Dieser, ehedem ein heroischer Feuerwehrmann, starb damals bei der Rettung eines Mädchens (Nicole Brier) aus einem brennenden Lagerhaus. Es gelingt John, Frank rechtzeitig zu warnen. Dieser überlebt, doch wird dadurch unbewusst eine Kette noch sehr viel schrecklicherer Ereignisse in Gang gesetzt, deren Verlauf Sullivan Senior und Junior nun wieder ändern müssen, solange ihnen noch die Zeit dazu bleibt…

So grundalbern die Prämisse von Gregory Hoblits drittem Film „Frequency“ sich auch ausnehmen mag – die Umsetzung lässt sich, aller Wahrscheinlichkeiten und Annahmen zum Trotze, umso gelungener an. Dafür verantwortlich sind vor allem die diversen Volten, die der Plot im Laufe der prall gefüllten Erzählzeit schlägt – mit jeder weiteren Kommunikation, die der Sohn der Gegenwart und der Vater der Vergangenheit miteinander begehen, bahnen sich weitere, unvorhersehbare Katastrophen an, die es wiederum auszuwetzen gilt. Dieses Schema des sich unbeabsichtigt auftürmenden Chaos, das aus dem ursprünglich überaus nachvollziehbaren Wunsch ersteht, unfair scheinende Lebensfügungen gewissermaßen geradezurücken, ist üblicherweise ein typischer Topos von Zeitreisefilmen wie Zemeckis‘ „Back To The Future“-Trilogie, in der das ewige Umherreisen des Protagonisten auf drei jeweils exakt dreißig Jahre (wie nebenbei auch in „Frequency“) auseinanderliegenden Zeitebenen einen raumzeitlichen Schmetterlingseffekt nach dem anderen auslösen und immer wieder für neue, empfindliche Störungen innerhalb der Biographie des Helden und seiner Familie sorgen. Jene gilt es wiederum zu tilgen, bis am Ende der (ursprünglich niemals so vom Schicksal intendierten) „Idealzustand“ erreicht wird, der sich durch materielle, physische und vor allem die psychische Gesundheit aller Beteiligten manifestiert. Im Gegensatz zum großen Vorbild aus den Achtzigern verzichtet „Frequency“ jedoch nahezu gänzlich auf (allzu offensichtliche) komödiantische Elemente, sondern webt einen handfesten Frauen- und Serienkillerplot mit in sein bei Licht besehen höchst wackliges Fundament ein. Dadurch, dass nämlich Frank Sullivan im Jahre 1969 dem Heldentod entgeht, überlebt in mittelbarer Folge auch der gesuchte „Nightingale-Killer“ Jack Shepard (Shawn Doyle), seines Zeichens zudem Polizist, der somit noch weitere dreißig Jahre lang sein Unwesen treiben kann und wiederum Franks Frau und Johns Mutter (Elizabeth Mitchell) töten wird. Es folgt eine fabulierfreudige Welle von weiteren Schicksalseingriffen, die John immer wieder aufs Neue vermittels seiner sich infolgedessen permanent veränderenden Gegenwart zu spüren bekommt. Am Ende sind sich Zemeckis und Hoblit dann [anders als der wiederum stark von beiden beeinflusste „The Butterfy Effect“, in dem sich nichts (mehr) retten lässt] wieder vollkommen traut und einig: Alles ist so gut, wie es nur sein kann.
Dass „Frequency“ dabei stets geradzu unwahrscheinlich fest an sich selbst glaubt und seine jedweder Logik sträubenden Episoden mit viel Verve, Spannung und gekonnter Publikumsinvolvierung zu berichten weiß, präserviert ihm seine ungebrochene Qualität. Schön!

8/10

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FALLEN

„Everything is personal – if you’re a person.“

Fallen (Dämon – Trau keiner Seele) ~ USA 1998
Directed By: Gregory Hoblit

Detective John Hobbes (Denzel Washington) vom Philadelphia P.D. muss sich schwer wundern. Obwohl er den Serienkiller Edgar Reese (Elias Koteas) dingfest machen und sogar dessen Hinrichtung beiwohnen konnte, geschehen weitere Morde, die genau Reeses Handschrift entsprechen. Die Trittbrett-Verbrecher scheinen sich darüberhinaus sogar gegenseitig umzubringen. Über einen kurz vor seinem Tod gemachten Hinweis von Reese stößt Hobbes schließlich auf Gretta Milano (Embeth Davidtz), die Tochter eines Kollegen, der vor Jahren, nachdem er des Mordes verdächtig wurde, Suizid begangen hat, sowie dessen okkulte Privatbibliothek. Gretta erklärt ihm, dass nicht Reese oder die anderen als solche vermuteten Killer, sondern der Dämon Azazel, der gestaltlos ist und in jeden beliebigen Körper springen kann, sein Unwesen in der Stadt treibt. Azazel hat sich Hobbes zum Privatgegner auserkoren und will ihn, wie einst Milano, öffentlich diskreditieren und in die Verzweiflung treiben. Doch Hobbes hat einen Plan, denn auch Dämonen kann man töten…

Manch einer von uns wird sich noch wohlfeil erinnern: Als Y2K sich näherte, war neben der massenmedial gehypten Euphorie auch die allgemeine, latente Besorgnis en vogue, dass mit dem Millenienwechsel auch die Erde ihrem Untergang geweiht sei. Biblische Endzeitszenarien, Johannes‘ Buch der Offenbarung, die vier Reiter und Luzifer mit seinen höllischen Horden wähnten die für derlei Spuk etwas anfälligeren Zeitgenossen allesamt schon um die nächste Hausecke, was selbstverständlich auch die Hollywood-Studios veranlasste, den Zeichen der Zeit Rechnung zu tragen. Nach (oftmals vorgeblich) hochkomplexen Schemata operierende, fanatische Serienkiller, infernalische Dämonen, Doomsday-Sekten und schließlich Mephistopheles selbst bevölkerten das apokalyptische Timbre etliche Filme jener Ära, so dass selbst hochrespektable Qualitätsakteure wie Denzel Washington als Vorsteher eines entsprechend erlesenen Ensembles sich plötzlich mit übernatürlichen Gegnern an der Schwelle zur Machtübernahme herumzuärgern hatten. Der Dämon Azazel, der auf eine lange, religiöse wie literarische Vorgeschichte und Tradition zurückblickt, ist einer der prominenteren Vertreter der „Gefallenen“, also jener Wesen, die wegen ihrer Verderbtheit von Gott des Himmels verwiesen wurden und seither ihr Dasein in der Unterwelt fristen müssen. Hoblits Film verzichtet (leider?) darauf, dem bocksbeinigen Gesellen eine konkrete Form zu verleihen. Stattdessen trittt er als unsichtbare, ätherische Kreatur an, die, soviel physikalische Erdung leistet sich das Werk dann doch, wenn nicht gleich durch direkte Berührung, so doch binnen einer bestimmten Frist in einem bestimmten Umkreis den Wirt wechseln kann. Nachdem er jenen dann wieder verlässt, kann der seelisch Missbrauchte sich, einem Blackout gleich, an nichts mehr erinnern. Um diese breit bepflügte Prämisse sowie um einen Stones-Klassiker herum baut das von Elia-Filius Nicholas Kazan ersonnene Script eine reichlich hanebüchene wie um den good will des Publikums buhlende Story zusammen, die, und darin liegt das ziemlich gewaltige Problem des Films, sich bei aller Stoffeligkeit bierernst nimmt. Der Regisseur macht einen sauberen Job, die Qualitätsdarsteller stehen in keinem Verhältnis zu dem eigentliche einer sehr viel unauffälligeren Genrearbeit gebührenden Plot. Aber auch darin stellt sich „Fallen“ sich den vielen erwähnten zeitgenössischen Gattungsproduktionen gleich – er zeigt, obschon auf rückblickend interessante Art und Weise, gewissermaßen exemplarisch auf, in welcher Sackgasse das Mainstream-Kino der späten Neunziger sich befand und, vor allem, wieviel besser das alles noch rund zwei Jahrzehnte zuvor funktioniert hatte.

5/10

GHOSTLAND

„Don’t leave me alone here, Beth!“

Ghostland ~ F/CAN 2018
Directed By: Pascal Laugier

Pauline (Mylène Farmer) und ihre beiden pubertierenden Töchter Beth (Emilia Jones) und Vera (Taylor Hickson) wollen irgendwo in der Provinz das Haus einer verstorbenen Tante beziehen. Noch am Abend ihrer Ankunft erfahren sie aus der Presse von einem bislang ungeklärten Fall von Massenmördern, die offenbar ganze Familien abschlachten. Der verwinkelte, leerstehende Bau voll von einer Unzahl von Puppen und anderem eigenartigen Sammelgut kommt den drei Frauen sogleich nicht geheuer vor. Doch haben sie ohnehin wenig Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn schon schlagen die zwei derangierten Gewaltverbrecher (Rob Archer, Kevin Power), die mit einem bizarren Süßigkeitenwagen unterwegs sind, zu. Nur ganz knapp gelingt es Pauline und Beth, mit den beiden Killern fertig zu werden. Sechzehn Jahre später ist Beth (Crystal Reed), die schon immer ein großer Fan von Lovecraft war, nunmehr selbst eine immens erfolgreiche Autorin von Horrorromanen, hat einen Mann (Adam Hurtig) und einen kleinen Sohn (Denis Cozzi) und lebt in der Großstadt. Ein verstörender Anruf von Vera (Anastasia Phillips) veranlasst sie, zu dem alten Haus zurückkehren, wo Pauline sich um die völlig psychotische Vera kümmert. Diese hat die Ereignisse von damals nie vergessen können und wird nun scheinbar von Geistern gequält, die das Haus heimsuchen…

„Ghostland“ oder „Incident In A Ghostland“, dessen alternativer (US-)Titel auf den jüngsten Roman der erfolgreichen Autorin Beth anspielt, gefällt mir von allen vier Filmen von Pascal Laugier, einem überaus zuverlässigen Genreregisseur und aufgrund seines semi-legendären Passions-Folterfilms „Martyrs“ einer der vordringlichsten Vertreter der französischen nouvelle vague d’horreur, bislang am Besten. Laugier erweist sich hier nicht nur als brillanter Geschichtenerzähler, indem er ein intelligentes Vexierspiel zur Diegese innerhalb der Gattung vorlegt. Erzählzeit und erzählte Zeit wirken zu Beginn verlässlich angeordnet. Verwendete Versatzstücke und deren Einbettung scheinen zunächst altbekannte, relativ simple Merkmale des klassischen Terrorfilms aufzugreifen, wie er seit Craven, Hooper, Schmoeller und all ihren Epigonen (vor allem Steinmanns „The Unseen“, an den einer der beiden verrückten Mörder mich allenthalben erinnerte) etabliert ist und in jüngeren Jahren, da sowieso wieder alles aus der Schatztruhe geholt, entstaubt und auf Hochglanz poliert wird, wieder an Boden gewann. Backwoods, Raumkonstrukt, Inventarisierung, home invasion, wahnsinnige und entstellte Schlächter, blutige Gegenwehr, zeitliche Zäsur. Dann plötzlich Besessenheit und Geisterfilm – und, nach dem radikal forcierten Zerfall der Innenwelt, wieder zurück auf Start. Zunächst triumphiert die narratologische Unzuverlässigkeit, bis alle noch offenen Fragezeichen auf überaus unerfreuliche Weise beantwortet sind. Dann gibt’s nochmal richtig auf die Zwölf und Laugier lässt, abgesehen von einer letzten kurzen Reise in die Realitätsnegation und den Nimbus falscher Hoffnung (gekrönt von einem Gastauftritt H.P. Lovecrafts persönlich), den Nihilismus endgültig Schlitten fahren. Den zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich umfassend bedienten Zuschauer erwartet jetzt noch ein Finale nach Maß, das zumindest im Hier und Jetzt verwurzelt scheint. Scheint, weil bis zum Ende und darüber hinaus (vgl. „Total Recall“), eigentlich stets die Option der Irrealis als Zufluchtsort offengehalten wird.

8/10

EXQUISITE TENDERNESS

„I think you’re nuts.“

Exquisite Tenderness ~ USA/UK/D 1995
Directed By: Carl Schenkel

Bevor die eifrige Chirurgin Theresa McCann (Isabel Glasser) ihrem mit unlauteren Heilmethoden experimentierendem Kollegen Dr. Stein (Malcom McDowell) ans Bein pinkeln kann, wird dieser auch schon brutal ermordet. Und es bleibt nicht bei diesem einen Opfer – der einst von McCann und Stein geschasste Dr. Julian Matar (Sean Haberle) dämmert mitnichten, wie allgemein vermutet, querschnittsgelähmt in einem Sanatorium in Colorado vor sich hin, sondern ist, mittlerweile körperlich wieder quietschfidel, aber geistig sogar noch zerrütteter als zuvor, an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt, um nicht nur blutige Rache zu üben, sondern zudem seine Zellerneuerungsversuche zu perfektionieren. Er benötigt zudem permanent ein frisch entnommenes Sekret aus der menschlichen Hypophyse, um fit bleiben zu können…

Was sich mit dem drei Jahre zuvor entstandenen „Knight Moves“ bereits andeutete, fand mit dem auch als „The Surgeon“ bekannten „Exquisite Tenderness“ (jener Begriff steht, wie uns der Film erläutert, im Ärztesprech für einen Zustand ganz besonders extremer Schmerzen beim Patienten) Carl Schenkels endgültige Hinwendung zu dem statt, was man landläufig als Kino der Kategorie B bezeichnen könnte. Vollzog der Plot des bereits stets eng an der Phantastik befindlichen und spätestens im Finale mit dem Horrorgenre liebäugelnden Vorgängers bereits einige höchst unglaubwürdige Volten, so wurde „Exquisite Tenderness“ schließlich ein lupenreiner Gattungsvertreter der zuletzt in den Achtzigern wohlfeil bedienten Subkategorie „Krankenhaus-Slasher“. Als mit einem völlig verrückten Weißkittel auf Metzeltour befindlichen Superbösewicht arbeitendes Werk erinnerte mich Schenkels ruppiger Film sogar ein wenig an Manny Cotos hübsch durchgemangelten „Dr. Giggles“, zu dem er wiederum einige mentale Parallelen aufweist. Interessanterweise strukturiert und komponiert Schenkel diese Arbeit ganz ähnlich wie seine letzte; es gibt zu Beginn beider Filme eine schwarzweiß bebilderte Rückblickssequenz, die jeweils die psychologische Disposition bzw. die Motivation des hier und dort aktiven Serienkillers erläutert, später wird aus der Identität des Mörders zunächst ein Geheimnis gemacht, derweil der Held bzw. die Heldin in Misskredit geraten. In beiden Filmen verbindet Killer und HeldIn eine gemeinsame Vergangenheit, in beiden Filmen ist Rache ein wesentlicher Antriebsfaktor für den Übeltäter. In beiden Filmen bildet sich ein Pärchen nach visuell anregend gestaltetem, koitalem Zwischenspiel und steht gemeinsam gegen den Bösewicht und beide Finalsequenzen kommen nicht ohne ein abermaliges, spektakuläres Wiederaufbäumen des Verbrechers aus, bevor dieser dann nochmal doppelt so blutig das Zeitliche zu segnen hat. Kurzum: „Exquisite Tenderness“ bildet gewissermaßen eine bucklige Alternativversion zu „Knight Moves“, mit Medizinern anstelle von Schachspielern, ohne die schöne Kameraarbeit eines Dietrich Lohmann, dafür deutlich deftiger, räudiger, zerlumpter und eigentlich auch ehrlicher zu allen Beteiligten als der Vorläufer. Der Spaßfaktor allerdings, der bleibt gleich hoch.

5/10

KNIGHT MOVES

„Eventually revenge is carefully arranged.“

Knight Moves ~ USA/D 1992
Directed By: Car Schenkel

Der Schachgroßmeister Peter Sanderson (Christopher Lambert), verwitweter, alleinerziehender Vater einer kleinen Tochter (Katherine Isabelle), nimmt an einem Turnier an der Küste von Washington State teil. Zeitgleich mit ihm treibt auch ein brutaler, seriell vorgehender Frauenmörder sein Unwesen in der Gegend, der bald dafür sorgt, dass Peter selbst zum Hauptverdächtigen der Polizei wird. Während die beiden ermittelnden Cops Sedman (Tom Skerritt) und Wagner (Daniel Baldwin) nicht recht wissen, wem oder was sie eigentlich glauben sollen, hält die hinzugezogene Psychologin Kathy Sheppard (Diane Lane) Peter für unschuldig. Als die merkwürdigen Verbalhinweise des Killers endlich entschlüsselt werden, ist es beinahe schon zu spät.

Da der Schweizer Carl Schenkel als ausgewiesener Genrefilmer zu jener Zeit keine Chance im deutschsprachigen Europa hatte, setzte er seine Regietätigkeit in den USA fort – mit mittelprächtigem künstlerischen Erfolg, wie ich meine. Zumindest hätten ihm bessere Scripts zur Verfügung stehen dürfen, denn aus den sukzessive gröber und, Verzeihung, zunehmend dämlicher werdenden Bücher, die er in filmische Rahmen zu setzen hatte, hätte kein noch so brillanter Filmemacher wesentlich mehr herausholen können. Ironischerweise bildete „Knight Moves“, ein völlig typischer Hochglanzthriller seiner Entstehungsperiode, Schenkels größten kommerziellen Erfolg – in Deutschland wohlgemerkt. In den USA blieb er hinter den Einspielerwartungen zurück.
Ungewöhnlich an „Knight Moves“ ist lediglich das Milieu, in dem er angesiedelt ist – das der Schachspieler, der großen Strategen und Denker, eines, das, wie der Film uns mehrfach versichert, vor Spinnern, Gestörten und Neurotikern nur so wimmelt. Nicht nur Protagonist Sanderson (für den Lambert eine herrliche Fehlbesetzung abgibt) bedarf dringend therapeutischer Unterstützung, auch seinen Sportgenossen fehlt durchweg mindestens eine Dattel an der Palme. Immerhin gelingt es Schenkel und seinem Autor Brad Mirman auf diese Weise, beim Zuschauer regelmäßige Unsicherheit bezüglich Sandersons wahren Seelenzustands zu evozieren – vielleicht ist er ja doch der Mörder? Nein, natürlich wendet sich zumindest in dieser Hinsicht alles zu Guten, wenngleich der wahre Täter sich schließlich als so dermaßen jenseits von Gut und Böse entpuppt, dass man sich leicht verdutzt fragt, wie er überhaupt so lange unentdeckt durch die Weltgeschichte (und den Film) bummeln konnte. Von derlei Illogismen und Ungereimtheiten findet sich „Knight Moves“, dem kein Groschenromanklischee zu abgestanden ist und der weder mit zeitgemäßen erotic attempts noch mit hemmungslosem overacting (Baldwin!) geizt, jedoch randvoll durchsetzt, so dass die eine oder andere weitere ohnehin nicht explizit ins Auge fällt.
Highly campy stuff!

6/10

NON HO SONNO

Zitat entfällt.

Non Ho Sonno (Sleepless) ~ I 2001
Directed By: Dario Argento

Siebzehn Jahre nachdem in Turin der sogenannte „Zwergenkiller“ sein Unwesen trieb, der mehrere Frauen auf dem Gewissen hatte, beginnt eine neue Mordserie nach analogem Muster. Der mittlerweile retirierte Polizeibeamte Moretti (Max von Sydow), der den von ihm untersuchten, damaligen Fall abgeschlossen glaubte und mit einer beginnenden Demenz sowie Herzproblemen zu kämpfen hat, nimmt sich eher zum Unwohlsein der Offiziellen erneut an. Gemeinsam mit dem jungen Giacomo (Stefano Dionisi), dessen Mutter (Francesca Vittori) zu den einstigen Opfern des Mörders zählt, kommt er dem offenbar mitnichten toten Gewaltverbrecher immer dichter auf die Fersen.

Sein erster Film im neuen Jahrtausend führte Dario Argento wieder weg vom barocken Überschwang seiner zuletzt inszenierten Leroux-Verfilmung „Il Fantasme Dell’Opera“ und zurück zu alten Giallo-Leisten, wie sie ihm in den siebziger Jahren, so etwa im Zuge seiner „Tier-Trilogie“, seine mit erfolgreichsten Meriten eintrugen. Entsprechend vielleicht seiner eigenen, wachsenden Anzahl an Lebensjahren zentriert Argento als Haupthelden einen körperlich wie geistig etwas angeschlagenen Kriminaler, den Max von Sydow absolut maßgeschneidert als leicht kauzigen, grauen Fuchs mit Papagei als privatem Ansprechpartner und Lebensgefährten interpretiert. Das übrige Darstellerpersonal lässt sich derweil relativ problemlos vernachlässigen, wie auch die gewohntermaßen etwas umständliche (und, seien wir ehrlich: mäßig interessante) Auflösung, die von Sydows Charakter leider erst gar nicht mehr miterleben darf, kein unbedingtes Qualitätstopping markiert.
Doch, und auch das hat bei Argento Tradition, ist ohnedies der Weg das eigentliche Ziel: Der ruchlos-brutale Aktionismus des Killers, gleich mehrere psychologische Aufarbeitungen der Vergangenheit, ein zu Unrecht beschuldigter Haupttäter. Für das anno 01 im Vergleich zu den Siebzigern deutlich langweiliger ausfallende Zeitkolorit kann Signore Argento nichts, damit hat er sich ebenso zu arrangieren wie sein Publikum. Dass derweil zahlreiche seiner glühendsten Verehrer den Maestro nach „Non Ho Sonno“ bereits abzuschreiben gedachten, mag ich nicht begreifen. Urplötzlich erging man sich in akribischer Suche nach Logiklöchern, monierte Zähig- und Beliebigkeiten, als sei Argento in der Vergangenheit der ungeschlagene Schwergewichtsweltmeister plausibler Narration gewesen. Vor Meisterwerken wie „Tenebre“ müsse „Non Ho Sonno“ zu Staube kriechen, hieß es da etwa – was ich für keine faire Einordnung halte, sondern lediglich als einen weiteren Beweis dafür erachte, dass gerade die selbsternannten „größten Genrefans“ oftmals Ewiggestrige sind.

7/10

LADY MACBETH

„Are you skirts in danger of falling down?“

Lady Macbeth ~ UK 2016
Directed By: William Oldroyd

England, 1865. Die freisinnige Katherine (Florence Pugh) geht eine arrangierte Hochzeit mit dem Neureichen-Spross Alexander (Paul Hilton) ein, dessen knorriger Vater Boris (Christopher Fairbank) vor allem den überfälligen Familienerben von ihr „erwartet“. Alexander jedoch, der weder zu zwischenmenschlicher noch zu körperlicher Liebe fähig ist, lässt ihr nur Verachtung und Widerwillen zuteil werden. In Alexanders Abwesenheit vernarrt sich Katherine in den virilen Stallknecht Sebastian (Cosmo Jarvis), mit dem sie eine innige Affäre beginnt. Als der alte Boris von dem Verhältnis Wind bekommt, lässt Katherine sich nicht beugen – sie tritt die Flucht nach vorn an und entfesselt einen Strudel der Gewalt.

Was auf inhaltlicher Ebene nach viktorianischem Schicksalskitsch auf Groschenroman-Niveau duften mag, entpuppt sich bei der Betrachtung als kraftvolles, konzentriertes Drama um die (historische) Unmöglichkeit für eine junge, selbstbewusste Frau, ein erfülltes Leben zu führen und ihren anschließenden, versuchten Ausbruch aus der biographischen Fremdbestimmung. Katherine, wunderbar gespielt von Florence Pugh, ist zeitlebens ein Opfer von buchstäblichem Freiheitsentzug und charakterlicher Eingrenzung. Über ihr bisheriges Leben erfährt man wenig; obschon sich vermuten lässt, dass sie hinlänglich in gesellschaftlicher Etikette sowie in standesgemäßem Geschlechterverhalten geschult ist. „Lady Macbeth“ beginnt mit ihrem Einzug in das Anwesen des gräulichen Vater-Sohn-Gespanns, das auch sich selbst gegenüber ausschließlich Feindesligkeit, Hass und Argwohn pflegt. Gleich mit ihrer Ankunft findet sich Katherine als unverhohlene Gefangene im eigenen, neuen Hause wieder. Ihre Tage sollen fortan daraus bestehen, sich morgens ihr engkorsettiertes Kleid anzuziehen und die Stunden schweigend und andächtig im kargen Salon des Hauses zu verbringen. Vom Verlassen des Grundstücks rät ihr selbst das Hauspersonal vehement ab – sie könne sich verkühlen und krank werden. Dennoch dauert es nicht lang, bis Katherine die Bekanntschaft Sebastians macht, der alles an Männlichkeit personifiziert, was Katherine sich wünscht. Doch der Tribut, den sie zu entrichten hat, um mit ihrem Liebhaber zusammen zu sein, wird zunehmend blutiger. Am Ende verrät Katherine alles, wofür sie zuvor gekämpft hat, um dem Galgen zu entgehen. Von nun an ist sie wirklich eine Gefangene auf Lebenszeit, in ihrer (nun immerhin selbstherbeigeführten) Einsamkeit.
Aus der besonders im 19. Jahrhundert zu einigem Renommee gelangten literarischen Kategorie „Missratene Töchter“ stammt diese, einer Novelle des russischen Schriftstellers Nikolai Leskov zugrunde liegende und bereits mehrfach adaptierte Geschichte. Wo beispielsweise etwas später bei Fontane jedoch soziale Ächtung und der Kummertod stehen, ist die Katherine in Oldroyds Film weitaus unbeugsamer. Bei ihr manifestieren sich Ablehnung und Geschlechterdünkel zunächst im Widerstand gegen die Konventionen, um sich dann in mehrfachen Mordakten zu entladen, denen keinesfalls mit Gewissenbissen begegnet wird, sondern mit der genüsslichen Gewissheit, das Richtige getan zu haben.
Dass Oldroyd ein etwas eingeschränktes Budget zur Verfügung stand, kommt dem Endresultat nebenbei sehr zupass; so fokussieren sich sowohl die Inszenierung wie auch das Geschehen umso eindringlicher auf den moralischen Verfall seiner Protagonistin.

8/10