FATAL GAMES

„You are hereby disqualified!“

Fatal Games (Killerspiele) ~ USA 1984
Directed By: Michael Elliot

Ein siebenköpfiges Team sportlich hochbegabter Kids wird an der „Falcon Athletic School“ für die kommenden Landesmeisterschaften nicht nur gedrillt bis dorthinaus, sondern auch noch fröhlich mit Doping-Hormonen versorgt. Bald verschwinden die Ersten von ihnen – ein unheimlicher Killer mit einem Sportspeer treibt sich nächtens in den Hallen der Sportschule herum…

Und noch’n Slasher, kann man ja nie genug von haben, gattungsimmanente Avancen wie üblich inbegriffen. Diesmal plünderte man schamlos Herb Freeds drei Jahre älteren „Graduation Day“, zu dem es geradezu unglaubliche Analogien gibt: Linnea Quigley im Vorzeigemodus, ferner eine Sportakademie, deren Schülerschaft zwar über kräftige Waden, aber dafür umso weniger Hirnschmalz verfügt. Jene sieht sich urplötzlich systematischer Dezimierung ausgesetzt. Das heißt – von Dezimierung ahnt man zunächst nichts, es verschwindet lediglich einer nach dem Anderen (zunächst) spurlos, der Rest wundert sich in Maßen und geht zur Tagesordnung über, die vornehmlich aus  Trainings-, Dusch- und Saunaaktivitäten besteht. Der Killer verbirgt derweil sein Antlitz unter einer Kapuze. Handelt es sich bei diesem möglicherweise um das ohnehin ziemlich verquere Speerwurf-Ass Joe (Nicholas Love)? Nein, kann nicht sein, der wird ja selbst schon an dritter Stelle durchbohrt. Wesentlich interessanter wird das Rätselraten nach dem whodunit dadurch auch nicht, man gibt sich stattdessen der gepflegten Zeitschindung hin, die das Subgenre wahrscheinlich so beliebt macht. Das uninteressante Alltagsleben amerikanischer Jugendlicher auf niederem Soap-Niveau nebst lesbischen Avancen, das man mit eher schläfrigen Augen verfolgt, bis die Kamera entweder das nächste (halb-)nackte Mädchen oder den nächsten, fliegenden Speer einfängt. Immerhin wird das Script durch die Mitwirkung von Buñuel-Filius Rafael geadelt. Ob der Papa sich darob im Grabe umgedreht hat, ist soviel ich weiß, nicht überliefert, nahe liegt es in jedem Fall.
Die Auflösung linst dann nochmal auf recht amüsante Weise zum „Sleepaway Camp“ hinüber und schon ist der Spuk auch wieder vorbei. Der tapfere Chronist kann derweil stolz das nächste Häkchen setzen.

5/10

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AMERICAN GOTHIC

„I’m joining the clean plate club!“

American Gothic (Dark Paradise) ~ UK/CA 1988
Directed By: John Hough

Um die seit dem Tod ihres Babys schwer traumatisierte Cynthia (Sarah Torgov) auf andere Gedanken zu bringen, nehmen ihr Mann Jeff (Mark Erickson) und ein paar Freunde sie mit zu einem Campingtrip auf eine kleine Insel vor der Küste von Seattle. Doch das idyllische Eiland ist mitnichten unbewohnt; ein altes, strengchristliches Ehepaar (Yvonne De Carlo, Rod Steiger) lebt dort nicht weit vom Strand in einem kleinen Blockhaus. Wie sich umgehend herausstellt, hat dieses zudem drei erwachsene Kinder (Janet Wright, Michael J. Pollard, William Hootkins), die offenbar noch nie von der Insel weggekommen sind und sich nicht nur völlig infantil, sondern auch sonst sehr bizarr verhalten. Bald gibt es die ersten Verluste unter den Gästen zu beklagen und die ohnehin arg angegriffene Cynthia muss feststellen, dass die derangierte Familie buchstäblich noch mehr Leichen im Keller hat…

Das eine Zeichnung von Rod Steiger und Yvonne De Carlo zeigende Kinoplakat zu „American Gothic“ ist eine wunderbare Anlehnung an das berühmte, gleichnamige Gemälde von Grant Wood, das einen freudlosen Farmer mit Heugabel und eine Frau neben ihm zeigt, von der man nicht weiß, in welcher familiären Beziehung sie zu dem Mann steht. John Houghs Film wirkt wie eine bitterböse, schwarzhumorige Interpretation jenes Bildes, wobei auch dessen Geschichte nie die wahren verwandtschaftlichen Beziehungen der gesellschaftlich und auch technisch völlig isoliert lebenden Inselfamilie offenlegt. Es können jedoch kaum Zweifel daran bestehen, dass hier inzestuöse Kreuzverbindungen gepflegt werden. Höchstwahrscheinlich, jedenfalls ist eine solche „Erklärung“ für all die Seltsamkeiten rasch bei der Hand, sind „Ma“ und „Pa“, wie sie sich reduziert rufen, selbst Geschwister, die vor Jahrzehnten mit ihrer chaotischen Brut in dieses beschauliche Exil geflüchtet sind und aus Furcht vor Entdeckung jeden potenziellen Eindringling rigoros ausmerzen. Vor allem das mordlustige und zu noch ganz anderen Perversionen wie Nekrophilie neigende Nachwuchstrio spiegelt im Folgenden die zutiefst abartige Funktionalität wider, in der man sich hier ein einsames Sanktuarium vor der Zivilisation geschaffen hat: Seit jeher gehalten wie Kleinkinder und in Unkenntnis jedweder Moralbegriffe, begreifen die Drei ihre mörderischen Gewaltausbrüche wie lustige Streiche oder Spielchen, die Ma und Pa zudem noch gutheißen. Besonders Janet Wright, die ihr mumifiziertes Baby wie ein Püppchen überall mit hin schleppt, evoziert durch ihre wirklich grandiose Interpretation der komplett verrückten Fanny allerhöchsten Widerwillen beim Zuschauer.
Bemerkenswert an Houghs einnehmenden Film, einem genealogisch illegitimen Erben von Tobe Hoopers „The Texas Chain Saw Massacre“ nebenbei (wobei hierin wie vieles Andere auch das Kannibalismuselement in vager, mutmaßlicher Schwebe verbleibt) sind nicht nur seine inhaltliche und visuelle Kompromisslosigkeit, die sich in all ihrer unangenehmen Widerwärtigkeit geradezu lustvoll durchdekliniert finden, sondern in diesem Zusammenhang auch die Verpflichtung der zwei Weltklasse-Darsteller Steiger und De Carlo, die ihr Engagement einerseits und vermutlich in der Hauptsache wegen ihrer Gagen angenommen haben werden, andererseits jedoch all ihr Können in die Waagschale werfen und sich die dem Szenario akut innewohnende, bitterböse Komik vortrefflich zunutze machen.
Ein Juwel des Achtziger-Jahre-Horrorfilms.

8/10

BLOOD RAGE

„That’s not cranberry sauce.“

Blood Rage ~ USA 1987
Directed By: John Grissmer

Zwillinge; einer davon total total wahnsinnig, aber ausgerechnet nicht der, der in der Klapsmühle sitzt: Als Kind begeht Terry (Keith Hall) im Autokino einen blutigen Mord, den er kurzerhand seinem Bruder Todd (Ross Hall) anhängt, der dafür wiederum in die Geschlossene wandert. Als Erwachsener – Terry (Mark Soper) lebt jetzt mit seiner Mom Maddy (Louise Lasser) in der Appartmentanlage „Shadow Woods“ ihres Lebensgefährten Brad (William Fuller), sitzt Todd (Mark Soper) immer noch ein, erhält aber ab und zu Besuch von der ihn insgeheim verachtenden Mutter. Pünktlich zum Zehnjahres-Jubiläum des damaligen Mordes bricht Todd aus der Anstalt aus, um die Dinge endlich klarzustellen. Bei Terry, dem ohnehin nicht passt, dass Brad seiner Mutter just einen Heiratsantrag gemacht hat, brennen daraufhin auch die letzten Sicherungen durch und er greift zur Machete.

Jahrelang führte „Blood Rage“ nur ein sehr stiefmütterliches Dasein. Bereits 1983 gedreht, erlebte er erst vier Jahre später ein eingeschränktes Leinwandrelease unter dem Titel „Nightmare At Shadow Woods“, stark heruntergekürzt und somit seiner wichtigsten Hauptmeriten, der blutigen Mordszenen nämlich, beraubt. Mittlerweile hat sich das geändert und Grissmers Film ist seit etwa zwei Jahren in seiner ungeschnitten Glorie und digital hochauflösend zu bestaunen. Dass ihn dies insgesamt nicht wesentlich aufwertet, schadet der Sache natürlich keineswegs, im Gegenteil: Die „Blood Rage“ zuteil gewordene Behandlung ist beispielhafter Liebhaberaktionismus, nichts weniger. Dem gegenüber steht ein Film, der in all seiner dämlichen Einfalt und der erschreckenden Inkompetenz der meisten Beteiligten das Herz des unerschrockenen Betrachters vor allem als Kuriosum erfreut. John Grissmer respektive sein dp Richard E. Brooks etwa haben zum Zeitpunkt des Drehs offenbar weder davon gehört, dass es so etwas wie eine Dolly gibt, noch dass auch handelsübliche 35mm-Kameras schwenkbar sind. Ab und zu spielt man ein wenig am Zoomregler, darin erschöpft sich aber auch schon die ganze bildliche „Bewegung“. Es gibt Sequenzen, die einem die Zehnägel hochbiegen, darunter eine, in der Todd ein kleines Mädchen (Dana Drescher), das im dunklen Wald nach seiner Katze sucht, vor seinem bösen Zwillingsbruder warnt, eine, in der eine ebenso bemitleidenswert alleinstehende wie geile Nachbarin (Jayne Bentzen) ihr schüchternes Date (Ed French) rumzukriegen versucht und – absoluter Höhepunkt – die, in der die mittlerweile völlig desorientierte Louise Lasser die Vermittlung anruft, um sich zu ihrem Galan durchstellen zu lassen. Freilich lassen sich diese Szenen nur in der Langfassung „bewundern“, die damit aber zugleich verpflichtend ist.
„Blood Rage“ ist ein Film, den man gesehen haben muss. Er könnte als blühendes Negativbeispiel an jeder Filmhochschule vorgeführt werden; bewegt sich technisch und formal mit Ausnahme der immerhin liebevoll gemachten SF/X unter aller Kanone, verfügt weder über ein halbwegs rationales Script, noch über ein auch nur minimal ausgereiftes, dramaturgisches pacing. Er ist einfach so richtig hübsch gaga und damit gleichfalls unbedingt sympathisch.

4/10

FINAL EXAM

„People are killed every day for no reason at all!“

Final Exam (Examen) ~ USA 1981
Directed By: Jimmy Huston

Am beschaulichen Lanier College stehen die Semesterferien ins Haus. Die Studierenden müssen die letzten, mühseligen Prüfungen über sich ergehen lassen, bevor sie endlich in den Sommer verduften können. Besonders die eher sportaffinen Herren der Verbindung „Gamma Delta“ lassen sich derweil einigen Schabernack einfallen, um nicht allzu viel unnützen Lernstoff unter die Cap-Krempe zwängen zu müssen. Während die meisten KommilitonInnen bereits ausgeflogen sind, sitzen zur Dämmerungszeit nur noch ein paar wenige Übrigbebliebene im Wohnheim, darunter die sympathische Courtney (Cecile Bagdadi), ihre leichtlebige Zimmergenossin Lisa (DeAnna Robbins) und der etwas streberhafte Radish (Joel S. Rice). Da schlägt ein ungeschlachter Killer (Timothy L. Raynor) zu, dessen einziges Tatmotiv darin besteht, möglichst viele Leute in möglichst kurzer Zeit zu beseitigen.

„Final Exam“ ist einer der vielen, kleinen Slasher, die nach dem gigantischen Erfolg von „Friday The 13th“ flutwellenartig die US-Kinos überströmten. Während in den meisten anderen Produktionen entsprechender Provenienz der Mörder jedoch zumindest einer klar umrissenen Agenda folgte, die sich in der Regel aus Rachegelüsten speiste, weil er bzw. sie in der Vergangenheit entweder zutiefst gedemütigt wurde, ein geliebtes Familienmitglied verlor, oder durch ein anderweitig traumatisches (oftmals sexuell konnotiertes) Erlebnis gequält wurde, reduziert sich „Final Exam“ auf die ebenfalls obligatorische, reaktionäre Ausprägung des Subgenres. Hier ist der eifrige Killer zwar gewohnheitsmäßig stumm, aber weder maskiert noch deformiert und hat offenbar bloß einen (wie man annehmen muss) irrationalen Hass auf College-Absolventen. Natürlich „verdienen“ seine Opfer, mit Ausnahme des ihn schließlich wie gehabt bezwingenden „final girl“, allesamt ihre Strafen, um nochmals das reaktionäre Element aufzugreifen. Sie nehmen oder verkaufen Drogen, trinken Alkohol, haben vorehelichen Sex oder zumindest schmutzige Fantasien, sind also im Sinne konservativ-gesellschaftlicher Konformität eindeutig schuldig.
Dass“Final Exam“ in den ersten drei Fünfteln eher mit Studentenklamauk Marke „Animal House“ hausieren geht, bevor er sich endlich ans Eingemachte begibt, der namenlose Killer also zu Werke geht und der Horrorliebhaber für sein Eintrittsgeld entlohnt wird, hat man Jimmy Hustons Film gleichermaßen angekreidet wie positiv ausgelegt. Einerseits nämlich trägt diese Geduldsprobe dazu bei, dass die kills vergleichsweise sehr lange auf sich warten lassen und allzu konzentriert (und dazu noch ziemlich unblutig) durchgespielt werden, andererseits bleibt das agierende Personal dem Vernehmen nach nicht ganz so farb- und gesichtslos wie sonst. Dass es, vornehmlich von Einmal-Darstellern gespielt, dennoch gewohnt stereotyp und klischeehaft daherkommt, gehört offenbar schlicht zum Wesen der Sache. So bleibt „Final Exam“ zumindest dem geneigten Chronisten als relativ exemplarischer Slasher seiner Tage als mäßig amüsant in Erinnerung, kann jedoch trotz seiner Zensurgeschichte in Großbritannien (wo er immerhin in der berüchtigten DPP-Section-3-Liste als video nasty aufgeführt wurde) nicht zu den unzweifelhaften Großwerken der Untergattung gezählt werden. Dazu ist er dann doch einfach zu ranzig.

4/10

GRAVE

Zitat entfällt.

Grave (Raw) ~ F/BE/I 2016
Directed By: Julia Ducournau

Die behütete Justine (Garance Marillier), zeitlebens Vegetarierin, tritt in die Fußstapfen ihres Vaters (Laurent Lucas) und beginnt, wie ihre große Schwester Alexia (Ella Rumpf) zuvor, Veterinärmedizin zu studieren. Immerhin ist Alexias Anwesenheit vor Ort insofern hilfreich, als dass die albernen bis abartigen Initiationsriten der höheren Semester Justine nicht ganz unvorbereitet treffen. Überhaupt gestalten sich die ersten Tage an der Uni nicht eben einfach für die noch sehr mädchenhafte Justine. Einer der Professoren gibt ihr zu verstehen, dass er „Streberinnen wie sie“ verabscheue; Alkohol, Drogen und hemmungslose Promiskuität unter den KommilitonInnen sind ihr in solch farbenfroher Praxis unbekannt, ihren selbstbewussten, schwulen Mitbewohner Adrien (Rabah Nait Oufella) indes findet sie zunehmend anziehend. Als sie im Zuge einer der Radikalaktionen für die Neuankömmlinge gezwungen wird, rohe Kaninchennieren zu essen, reagiert ihr Körper zunächst höchst allergisch. Damit nicht genug, entwickelt Justine plötzlich ein inniges, suchtähnliches Verlangen nach rohem Fleisch und warmem Blut. Für Alexia sind derlei ungewöhnliche Triebe zu Justines Überraschung nichts Neues…

Dass „Grave“ einer der besten jüngeren Horrorfilme ist, lässt sich schon seit Längerem mehrerorts nachprüfen. Nach der Betrachtung kann ich diese Einschätzung nur nachdrücklich bekräftigen. Nicht nur, dass Julia Ducournaus intelligentes Kinodebüt von seiner dezidiert femininen Perspektivierung profitiert, verleiht es dem zuletzt ja wieder etwas revitalisierten Kannibalen-Topos im Genre neue Impulse und gibt berechtigte Hoffnung zu der Annahme, dass die belgofrankische Hardcore-Welle nach doch noch nicht ganz abgeebbt ist. Vor allem entpuppt sich „Grave“ sehr schnell als luzide Satire auf den Habitus der Generation der um zwanzigjährigen Studierenden „von heute“: Auf bekümmernde Weise entpolitisiert, hedonistisch bis ins Mark, instinktiv enthemmt bis zur Schmerzgrenze, führt uns Ducournau eine scheinliberale peer group junger Erwachsener vor, die Anarchie mit „Jackass“-Humor verwechselt und gesellschaftliche Rebellion mit unkontollierter Intoxinierung, dabei jedoch ganz im Gegensatz zu ihren phrasenhaften Dogmen bloß für eine gezielt uminterpretierte Form von Uniformiertheit und Gleichförmigmachung steht. Selbst Adriens stets wichtig-apostrophiert gelebte Homosexualität scheint vielmehr ein Ausdruck antibourgeoiser Revolte zu sein als eine echte Herzensangelegenheit. Sowohl von der gängigen Schönheitsnorm abweichende Mitmenschen als auch Verweigerer der gezielten Deprivation der Jungstudierenden landen ganz am unteren Ende der Hierarchie und sind somit gezwungen, ein langfristig freudloses Außenseiterdasein zu führen. Ein leicht übergewichtiges Mädchen (Danel Utegenova) gibt Justine auf der Damentoilette Tipps zum effektiveren Übergeben; die Justine wegen ihres Ausschlags behandelnde Ärztin (Marion Vernoux) erzählt ihr von dem schlimmen Los einer stark adipösen Kommilitonin. Da sind berüchtigte Kommissstrukturen nicht mehr weit – und dass innerhalb der selbsternannten intellektuellen Elite von morgen.
Es geht in dem nebenbei exzellent inszenierten „Grave“ also weniger um das zunächst Offensichtliche, – anthropophagische Gelüste also, – denn vielmehr um die alte, allgegenwärtige teenage angst, sich der Aufstellung normativer Maßregeln stellen zu müssen. Dass das Ganze einen dann doch noch geflissentlich mit der Phantastik liebäugelnden Abschluss erhält, der zudem nach einer potenziellen Fortsetzung schielt, sei Ducornau als kleines Zugeständnis an die Gattungsstrukturen nachgesehen.

9/10

FADE TO BLACK

„Snap out of it, Binford!“

Fade To Black (Die schönen Morde des Eric Binford) ~ USA 1980
Directed By: Vernon Zimmerman

Für einen Mann seiner jungen Jahre führt Eric Binford (Dennis Christopher) ein eher trauriges Leben. Er haust bei seiner im Rollstuhl sitzenden Tante Stella (Eve Brent), die ihm permanent Vorhaltungen macht, hat keine Freunde und kein Mädchen. Seine einzige große Liebe gilt dem klassischen amerikanischen Kino, dessen Fakten er in enzyklopädischer Qualität beherrscht. Entsprechend wichtig ist ihm sein Job bei einer Filmlagerungsagentur, von der er sich hier und da ein Schätzchen ausborgt, um es auf dem heimischen Projektor anzusehen. Als er die hübsche Marilyn (Linda Kerridge) die ihrem großen Vorbild Marilyn Monroe tatsächlich sehr ähnlich sieht, springt Eric über seinen Schatten und spricht sie an – mit augenscheinlichem Erfolg: Ein gemeinsames Date fürs Kino wird verabredet, dass Marilyn jedoch verschläft. Nun bricht latent Erics lauernder Wahnsinn durch. In wechselnden Masken seiner Lieblingsfilmhelden wird er zum Serienmörder.

Cosplayer des Grauens: wirklich innovativ ist an Vernon Zimmermans feiner, kleiner Mördermär eigentlich bloß die Idee, einen ausgemachten movie geek auf die Jagd zu schicken, und das immerhin zu einer Zeit, in der selbst der Videorecorder sich erst noch seinen Stammplatz in den Wohnzimmern der Welt zu erobern hatte. Ansonsten entspricht Erics charakteristische Grundierung etlichen ähnlich gelagerten Vorbildern, von Norman Bates über Willard Stiles bis hin zu Travis Bickle, bei leicht variierter Facettierung natürlich. Der einsame, schmächtige junge Mann, der wahlweise der häuslichen Isolation oder der urbanen Anonymität zum Opfer fällt, einen pathologischen Mutterkomplex pflegt (ein von Tim Thomerson gespielter, ihm nachsstellender Polizeipsychologe findet heraus, dass Erics vermeintliche Tante in Wahrheit seine Erzeugerin war), darüberhinaus eine extreme Persönlichkeitsstörung entwickelt und sich an seinem Umfeld rächt, das ist freilich ein altbekannter Motivkomplex im Genrefilm und ebenso wie der grimmige, schwarze Humor, der den zum Killer avancierenden Loner bei seinem regen Aktionismus begleitet, bereits 1980 ein standard. Zimmerman geht es aber auch gar nicht so sehr um das analytische „Warum“ wie anderen vor ihm; die psychologische Sektion überlässt er, so man sich überhaupt einer solchen zu befleißigen wünscht, ganz dem Publikum. Der im Film augenzwinkernd dargestellte Ermittler ist selbst ein gesellschaftlicher Außenseiter, der die ihm entgegenschlagende Ablehnung seines Chefs (James Luisi) mit Kokain und Sex kontrastiert. Hier hat „Fade To Black“ dann doch hinreichend Mut zur Exploitation, indem er nicht nur Erics Maskeraden und Identitätswechsel als (und zu) Tommy Udo, Dracula, Hopalong Cassidy und natürlich Cody Jarrett, sondern auch die vielen Reminiszenen an alte und neue Kinomythen insgeheim feiert und Eric Binford trotz seiner Blutrunst am Ende sogar zum tragischen Helden aller Kinoliebhaber dieser Welt deklariert. Dabei wollte er doch bloß einmal auf deren Gipfel, Ma.

8/10

MUSARAÑAS

Zitat entfällt.

Musarañas (Shrew’s Nest) ~ E/F 2014
Directed By: Juanfer Andrés/Esteban Roel

Madrid in den 1950ern. Die beiden Schwestern Montse (Macarena Gómez) und Nia (Nadia de Santiago) bewohnen ein hübsches Appartment in Madrid. Montse, die ältere der beiden, leidet unter schweren Neurosen, deren Ursprünge bis weit zurück in die Vergangenheit reichen und die sich in einer schweren Angststörung und Glaubensfanatismus manifestieren: Die als Auftragsschneiderin durchaus erfolgreich arbeitende Montse traut sich nicht, auch nur einen Fuß vor die Wohnungstür zu setzen, staffiert jedoch sämtliche Räume mit christlichen Symbolen aus. Jedwede „Außengeschäfte“ erledigt die jüngere Nia, deren romantischen Kontakt zu einem jungen Mann Montse eifersüchtig aus dem Fenster mitverfolgt und immer wieder durch aggressive Ausbrüche Nia gegenüber quittiert. Eine ihrer Kundinnen, Doña Puri (Gracia Olayo) versorgt Montse regelmäßig mit einem Opiat, von dem sie längst abhängig ist. Als ein junger Nachbar, Carlos (Hugo Silva), die Treppe im Haus herunterstürzt und sich das Bein bricht, quartiert Montse ihn im Gästezimmer ein. Da der junge Mann offenbar etwas zu verbergen hat, lässt er sich Montses Pflege zunächst bereitwillig gefallen, die heimliche Darreichung der Opiumtröpfchen inbegriffen. Als Nia begreift, dass Montse Carlos nicht mehr gehen lassen wird, ist es bereits zu spät: Der Wahnsinn ergreift endgültig Besitz von ihr.

Natürlich hat „Musarañas“ einige deutliche filmische Vorbilder, die bei entsprechender Kenntnis rasch offensichtlich werden. Vor allem aus Polasnskis „Repulsion“ und Rob Reiners King-Adaption „Misery“ bezieht das reichlich kompromisslose, komplexe Schwesterndrama einen Großteil seiner motivischen Inspiration, besitzt dabei jedoch immer noch genügend Eleganz und finster dräuende Schönheit, um sich von diesen hinreichend emanzipieren zu können. Was besonders an Andrés und Roels Film begeistert, ist dessen prononcierte Verweigerung, sich an aktuelle Techniken und Formalia zu assimilieren. In langen und konzentrierten Einstellungen verharrt die komplette Erzählzeit mit Ausnahme eines Ausflugs Nias in Carlos‘ Wohnung oberhalb und einigen der immer wieder eingeflochtenen Rückblinden strikt am selben Schauplatz, dem schwesterlichen Appartment nämlich. Hier bietet sich all der benötigte Raum für die sich schleichend zum völligen Irrsinn entwickelnde Geisteskrankheit der armen Montse, die dank Macarena Gómez‘ parallel dazu überaus zerbrechlich und nuanciert gestalteten Performance niemals zu der monströsen Killerin entwickelt, die andere Filme hinter ihrer sanften Fassade längst ausgemacht hätten. Zwar geht Montse, nachdem sie einmal die Grenze zur Gewalttäterin überschritten hat, mit zunehmend barbarischem Gestus zu Werke, wirkt jedoch nie wirklich bösartig, sondern stets pathologisch. Hierin verbirgt sich gleichfalls ein möglicher Ansatz zur Kritik: der Film lässt es sich im weiteren Verlauf nämlich nicht nehmen, Montses Attacken durch schwarzhumorige Reverenzen erträglicher werden zu lassen – ob es sich hierbei um Zugeständnisse an mögliche Zensurbefürchtungen oder gar an die Stabilität des Publikums handelt, müsste erörtert werden. Jedenfalls holt das (nichtsdestotrotz vorhersehbare) Ende nochmal den emotionalen Vorschlaghammer raus, schlägt kräftig zu damit und hinterlässt den Zuschauer mit der Gewissheit, einem in jeder Hinsicht lohnenswerten, prächtigem Filmerlebnis beigewohnt haben zu dürfen.

8/10