NON HO SONNO

Zitat entfällt.

Non Ho Sonno (Sleepless) ~ I 2001
Directed By: Dario Argento

Siebzehn Jahre nachdem in Turin der sogenannte „Zwergenkiller“ sein Unwesen trieb, der mehrere Frauen auf dem Gewissen hatte, beginnt eine neue Mordserie nach analogem Muster. Der mittlerweile retirierte Polizeibeamte Moretti (Max von Sydow), der den von ihm untersuchten, damaligen Fall abgeschlossen glaubte und mit einer beginnenden Demenz sowie Herzproblemen zu kämpfen hat, nimmt sich eher zum Unwohlsein der Offiziellen erneut an. Gemeinsam mit dem jungen Giacomo (Stefano Dionisi), dessen Mutter (Francesca Vittori) zu den einstigen Opfern des Mörders zählt, kommt er dem offenbar mitnichten toten Gewaltverbrecher immer dichter auf die Fersen.

Sein erster Film im neuen Jahrtausend führte Dario Argento wieder weg vom barocken Überschwang seiner zuletzt inszenierten Leroux-Verfilmung „Il Fantasme Dell’Opera“ und zurück zu alten Giallo-Leisten, wie sie ihm in den siebziger Jahren, so etwa im Zuge seiner „Tier-Trilogie“, seine mit erfolgreichsten Meriten eintrugen. Entsprechend vielleicht seiner eigenen, wachsenden Anzahl an Lebensjahren zentriert Argento als Haupthelden einen körperlich wie geistig etwas angeschlagenen Kriminaler, den Max von Sydow absolut maßgeschneidert als leicht kauzigen, grauen Fuchs mit Papagei als privatem Ansprechpartner und Lebensgefährten interpretiert. Das übrige Darstellerpersonal lässt sich derweil relativ problemlos vernachlässigen, wie auch die gewohntermaßen etwas umständliche (und, seien wir ehrlich: mäßig interessante) Auflösung, die von Sydows Charakter leider erst gar nicht mehr miterleben darf, kein unbedingtes Qualitätstopping markiert.
Doch, und auch das hat bei Argento Tradition, ist ohnedies der Weg das eigentliche Ziel: Der ruchlos-brutale Aktionismus des Killers, gleich mehrere psychologische Aufarbeitungen der Vergangenheit, ein zu Unrecht beschuldigter Haupttäter. Für das anno 01 im Vergleich zu den Siebzigern deutlich langweiliger ausfallende Zeitkolorit kann Signore Argento nichts, damit hat er sich ebenso zu arrangieren wie sein Publikum. Dass derweil zahlreiche seiner glühendsten Verehrer den Maestro nach „Non Ho Sonno“ bereits abzuschreiben gedachten, mag ich nicht begreifen. Urplötzlich erging man sich in akribischer Suche nach Logiklöchern, monierte Zähig- und Beliebigkeiten, als sei Argento in der Vergangenheit der ungeschlagene Schwergewichtsweltmeister plausibler Narration gewesen. Vor Meisterwerken wie „Tenebre“ müsse „Non Ho Sonno“ zu Staube kriechen, hieß es da etwa – was ich für keine faire Einordnung halte, sondern lediglich als einen weiteren Beweis dafür erachte, dass gerade die selbsternannten „größten Genrefans“ oftmals Ewiggestrige sind.

7/10

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LADY MACBETH

„Are you skirts in danger of falling down?“

Lady Macbeth ~ UK 2016
Directed By: William Oldroyd

England, 1865. Die freisinnige Katherine (Florence Pugh) geht eine arrangierte Hochzeit mit dem Neureichen-Spross Alexander (Paul Hilton) ein, dessen knorriger Vater Boris (Christopher Fairbank) vor allem den überfälligen Familienerben von ihr „erwartet“. Alexander jedoch, der weder zu zwischenmenschlicher noch zu körperlicher Liebe fähig ist, lässt ihr nur Verachtung und Widerwillen zuteil werden. In Alexanders Abwesenheit vernarrt sich Katherine in den virilen Stallknecht Sebastian (Cosmo Jarvis), mit dem sie eine innige Affäre beginnt. Als der alte Boris von dem Verhältnis Wind bekommt, lässt Katherine sich nicht beugen – sie tritt die Flucht nach vorn an und entfesselt einen Strudel der Gewalt.

Was auf inhaltlicher Ebene nach viktorianischem Schicksalskitsch auf Groschenroman-Niveau duften mag, entpuppt sich bei der Betrachtung als kraftvolles, konzentriertes Drama um die (historische) Unmöglichkeit für eine junge, selbstbewusste Frau, ein erfülltes Leben zu führen und ihren anschließenden, versuchten Ausbruch aus der biographischen Fremdbestimmung. Katherine, wunderbar gespielt von Florence Pugh, ist zeitlebens ein Opfer von buchstäblichem Freiheitsentzug und charakterlicher Eingrenzung. Über ihr bisheriges Leben erfährt man wenig; obschon sich vermuten lässt, dass sie hinlänglich in gesellschaftlicher Etikette sowie in standesgemäßem Geschlechterverhalten geschult ist. „Lady Macbeth“ beginnt mit ihrem Einzug in das Anwesen des gräulichen Vater-Sohn-Gespanns, das auch sich selbst gegenüber ausschließlich Feindesligkeit, Hass und Argwohn pflegt. Gleich mit ihrer Ankunft findet sich Katherine als unverhohlene Gefangene im eigenen, neuen Hause wieder. Ihre Tage sollen fortan daraus bestehen, sich morgens ihr engkorsettiertes Kleid anzuziehen und die Stunden schweigend und andächtig im kargen Salon des Hauses zu verbringen. Vom Verlassen des Grundstücks rät ihr selbst das Hauspersonal vehement ab – sie könne sich verkühlen und krank werden. Dennoch dauert es nicht lang, bis Katherine die Bekanntschaft Sebastians macht, der alles an Männlichkeit personifiziert, was Katherine sich wünscht. Doch der Tribut, den sie zu entrichten hat, um mit ihrem Liebhaber zusammen zu sein, wird zunehmend blutiger. Am Ende verrät Katherine alles, wofür sie zuvor gekämpft hat, um dem Galgen zu entgehen. Von nun an ist sie wirklich eine Gefangene auf Lebenszeit, in ihrer (nun immerhin selbstherbeigeführten) Einsamkeit.
Aus der besonders im 19. Jahrhundert zu einigem Renommee gelangten literarischen Kategorie „Missratene Töchter“ stammt diese, einer Novelle des russischen Schriftstellers Nikolai Leskov zugrunde liegende und bereits mehrfach adaptierte Geschichte. Wo beispielsweise etwas später bei Fontane jedoch soziale Ächtung und der Kummertod stehen, ist die Katherine in Oldroyds Film weitaus unbeugsamer. Bei ihr manifestieren sich Ablehnung und Geschlechterdünkel zunächst im Widerstand gegen die Konventionen, um sich dann in mehrfachen Mordakten zu entladen, denen keinesfalls mit Gewissenbissen begegnet wird, sondern mit der genüsslichen Gewissheit, das Richtige getan zu haben.
Dass Oldroyd ein etwas eingeschränktes Budget zur Verfügung stand, kommt dem Endresultat nebenbei sehr zupass; so fokussieren sich sowohl die Inszenierung wie auch das Geschehen umso eindringlicher auf den moralischen Verfall seiner Protagonistin.

8/10

TESIS

Zitat entfällt.

Tesis ~ E 1996
Directed By: Alejandro Amenábar

Die Madrider Filmstudentin Ángela (Ana Torrent) plant, ihre Magisterarbeit zum Thema „Gewalt im Film“ zu schreiben, einem Gebiet, mit dem sie bislang kaum Erfahrungen hat. Über ihren nerdigen Kommilitonen Chema (Fele Martínez), einen ausgewiesenen Splatter- und Horror-Aficionado, ergeben sich erste Berührungspunkte mit dem Sujet, doch Ángela will mehr. Ihre Recherchen führen sie ins Videoachiv der Universität, wo sie auf eine geheime Sektion mit speziellen Cassetten stößt. Darauf befinden sich offenbar Snufffilme, in denen verschwundene Studentinnen zu sehen sind. Gemeinsam mit Chema, der seinerseits nicht immer mit offenen Karten spielt, geht Ángela dem abseitigen Treiben auf die Spur. Der attraktive Bosco (Eduardo Noriega), in den sich Ángela verliebt, und auch ihr Professor Figueroa (Miguel Picazo) spielen darin entscheidende Rollen…

„Tesis“ hat viele Freunde und Anhänger und genießt seit seiner Premiere vor 22 Jahren ein stolzes Renommee. Ich selbst würde Amenábars Langfilmdebüt eher im oberdurchschnittlichen Qualitätssegment einordnen, da ich ihn zwar für grundsätzlich immer noch sehenswert halte (zumal als spanischen Genrefilm und gewiss sehr ambitioniertes Projekt eines erst 23-jährigen Nachwüchslers), er mich jedoch auch nach mehrfachen Betrachtungen nie wirklich da zu packen vermochte, wo ich es mir insgeheim gewünscht hätte. Wenn es im Kino um das Thema Snuff und Snuff-Filme geht, dann versuchen die entsprechenden Autoren und Regisseure immer wieder, jenen alten Underground-Mythos zur abartigsten und verruchtesten Perversionssparte der gesamten Menschheitsgeschichte zu deklarieren; etwas, dass es zwar gibt, über das aber niemand spricht, der nicht lebensmüde ist; etwas, über das sich allerhöchstens hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht werden darf; die magnetbandgewordene Hölle auf Erden quasi! Ich weiß nicht, ob ich mich für die Ausmaße meiner Phantasie entschuldigen muss, aber mir fallen da auf Anhieb diverse weitaus schrecklichere Dinge ein, die Menschen sich aus ganz anderen Gründen gegenseitig antun, und das unter oftmals rechtsstaatlicher oder religiöser Ägide. Im Grunde ist Snuff letzten Endes doch „auch bloß“ eine Spielart menschlichen Mordtreibens, wobei es dem Opfer schließlich egal sein kann, ob sein (mögliches) Martyrium von einem späteren Rezipienten zu wie auch immer gearteten Befriedigungszwecken herangezogen wird. Um es kurz zu machen: Was mich bei Filmen wie „Tesis“ implizit stört, ist der unbedingte, immanente Hang zum Sensationalismus. Ohne diesen bleibt, wie im vorliegenden Falle, spannendes, aber letztlich gängiges Handwerk, das für ein entsprechend sensibilisiertes Publikum funktionieren wird, aber eben nicht für jeden. In diesem Falle ist es außerdem deutlich zu spiellang und ausufernd geraten, nebst etlichen, unausgelassenen Fettnäpfchen logischer Ersparnisse.
Immerhin bleibt uns der heilige, amerikanische Zorn des gerecht wütenden Rächers, wie der von Nicolas Cage in „8MM“, erspart.

6/10

TATTOO

„Sind Sie ein Sammler?“

Tattoo ~ D 2002
Directed By: Robert Schwentke

Der junge Berliner Kommissar Marc Schrader (August Diehl) muss gezwungenermaßen mit dem älteren Minks (Christian Redl) zusammenarbeiten. Diesem ist seine Tochter Maya (Nadeshda Brennicke) weggelaufen, die Minks nun im Rotlichtmilieu vermutet und verzweifelt sucht. Schrader und Minks‘ hochnotbrisanter Fall dreht sich derweil um einen Serienmörder, der seinen Opfern besondere Tätowierungen aus der Haut schneidet, um diese offenbar einer privaten Sammlung einzuverleiben. Die beiden ungleichen Ermittler stoßen auf immer mehr Leichen und Hinweise, derweil sich auch die Kreise um sie selbst immer enger ziehen, denn Maya, die Schrader bald ausfindig macht, ist auf ganz besondere Weise tätowiert…

Der düstere bis apokalyptische, extrem durchstilisierte Serienkillerfilm erlebte in den Jahren nach Finchers „Se7en“ eine zuvor nie gekannte Blüte und Hochphase, die bis weit in den Mainstream hineinreichte und nicht nur im eigenen Lande, sondern auch international viele, viele Ableger fand. Besondere Kennzeichen jener Spielart bestanden vor allem darin, die jeweils zum ausweglosen Mikrokosmos heruntergebrochene Realität der Polizisten und Kriminellen zu einer höllischen Spielwiese bar jeder Ethik und Moral verkommen und die nicht selten genialisch charakterisierten Gewalttäter am Ende als überlegene, wahlweise heimliche Gewinner in einer infernalischen Welt am Abgrund dastehen zu lassen. Derlei begab sich abseits des „Tatort“ bald auch hierzulande, wo sich der erwartungsgemäß bald darauf in Hollywood tätige Robert Schwentke an dieser ganz speziellen Abseitigkeit mörderischer Bestrebungen versuchte.
Grundsätzlich ist hiesiges Genrekino, zunächst einmal immer zu begrüßen, und handele es sich lediglich um einen seriösen Versuch, Entsprechendes aufzuziehen. Nun ist jedoch ausgerechnet das Serienkillermotiv eines, das, zumal hinsichtlich Form und Atmosphäre, bereits 2002 im Prinzip erschöpfend durchprobiert und -exerziert worden war, was es „Tattoo“ nicht eben leicht machte. Die Pfade, auf denen Schwentke ergo zu wandeln hatte, waren bereits hinreichend ausgelatscht, was seinen Film somit a priori zum Mosaiksteinchen innerhalb einer ziemlich übermächtig bedienten Thriller-Spielart werden lässt. Vor allem an Fincher wird einmal mehr ordentlich Tribut bezahlt, wenn einer der Ermittler selbst zur Schachfigur des Mörders wird, sein Liebstes auf die denkbar brutalste Weise verloren erkennt und den Kampf gegen das übermächtige Böse daraufhin aufgibt.
Diese Einordnung außer Acht gelassen, bleibt eine insgesamt solide Arbeit, die zumindest halbwegs spannend über ihre Runden trägt und trotz des sich hier und da etwas albern gerierenden Leitfadens um prachtvolle Tätowierkunst (aus dem japanischen Raum vornehmlich; wohl, um das Ganze noch etwas exklusiver abzufassen) immer noch recht ordentlich deckt. Gute DarstellerInnen tragen neben Schwentkes ordentlichem Handwerk Sorge dafür. Ferner ein – wenn auch kleiner – Lichtblick im ewigen, immergleichen deutschen RomCom-Allerlei.

7/10

JIGSAW

„You have a choice. Scream or don’t.“

Jigsaw ~ USA/CAN 2017
Directed By: Michael Spierig/Peter Spierig

Ganze zehn Jahre nach dem Tod des Jigsaw-Killers John Kramer (Tobin Bell) beginnt ein Unbekannter, dessen etwas perverse Moralagenda aufs Neue in die Tat umzusetzen. Der hartgesottene Cop Halloran (Callum Keith Rennie) und seine Mitarbeiter, darunter der Kriminalpathologe Logan Nelson (Matt Passmore), setzen sich auf die Spur des Mörders und entwickeln Verdachtsmomente in ganz unterschiedliche Richtungen. Eine davon geht sogar so weit, in Erwägung zu ziehen, dass Kramer mitnichten in seinem Grab schlummert, sondern sein früheres Treiben auf wundersame Weise fortsetzt…

Sage und schreibe ganze sieben Jahre ist es nun schon her, dass mit „Saw 3D“ der bis dato letzte Beitrag zu der denkwürdig ausufernden Killerchronik erschienen war. Der damals so inflationär genutzte Terminus „torture porn“ hat sich analog zum Verschwinden der vormals so regelmäßig reüssierenden Reihe mittlerweile wieder weitgehend aus dem ohnehin unzulänglichen Definitionsvokabular vieler mehr oder minder empörter Betrachter verabschiedet. Doch gibt auch diese alte Kuh immer noch ordentlich fette Milch, wie die Spierig-Brüder mit „Jigsaw“, der nunmehr achten filmischen Installation um John Kramer und seine Epigonen sich anschickten unter Beweis zu stellen. Wer mit den früheren Serienbeiträgen sein persönliches Auskommen fand, der sollte zwangsläufig auch „Jigsaw“ zugeneigt sein; mit einem sich zum Ende hin  sturzbachartig entleerenden Füllhorn aus bis dato zurückgehaltenen Informationen findet der geneigte Rezipient sich wieder einmal vortrefflich verarscht und an der Nase herumgeführt – sämtliche zuvor gestreuten Indizien zur Schürung detektivischer Anstrengungen erweisen sich abermals als schmackhaft ausgelegte Attrappen zugunsten wirrer Volten. Doch ist man „Jigsaw“, zumal in traditioneller Kenntnis dieser bereits traditionellen Irrführungsnarration, diesbezüglich keinesfalls böse – dazu bleibt in Anbetracht des immens straffen Vortrags und der gewohnt sadistischen Einfälle (mein persönlicher Lieblingskill und zugleich einer der grandiosesten des gesamten Franchise ist natürlich der letzte) ohnehin kaum Zeit.
Das vormals etablierte Grundkonzept um den selbsternannten Scharfrichter, der am Ende dann doch zigmal abartiger ist als jedes seiner Opfer auch nur zu träumen wagt, bleibt bestehen, allerdings mit einem neuen Drahtzieher, der sich von Stund an anschicken darf, den losen Faden neu aufzunehmen. Mir soll’s recht sein, ich bin (und bleibe) dabei.

7/10

ANGEL

„Give a man something to suck on and he’s happy.“

Angel ~ USA 1984
Directed By: Robert Vincent O’Neill

Tagsüber die gewissenhafte Schülerin, bei Nacht auf dem Strich unterwegs als „Angel“ – seit die fünfzehnjährige Molly Stewart (Donna Wilkes) bereits vor Jahren von ihren Eltern im Stich gelassen wurde, ist sie gezwungen, ihren Lebensunterhalt auf dem nächtlichen Hollywood Boulevard zu verdienen. Oder vielmehr, sie geht ihrem horizontalen Job recht freiwillig nach, denn Waisenhaus und Sozialunterstützung kommen für sie nicht in Frage. Mittlerweile sind all die durchgedrehten Kiez-Gestalten zu ihrer neuen Familie avanciert, allen voran Transe Mae (Dick Shawn) und der alte Filmcowboy Kit (Rory Calhoun). Als jedoch ein durchgedrehter Serienkiller (John Diehl) sein Unwesen auf dem Kiez zu treiben beginnt, wird es für Molly brenzlig. Gut, dass ihre Freunde und auch Cop Andrews (Cliff Gorman) sie nach Kräften schützen.

Was nach wilder Exploitation klingt, ist vergleichsweise harmloses, extrem zeitverhaftetes Schillerkino – Robert Vincent O’Neill umgeht jedes sich noch so weit auftuende Fettnäpfchen von Schlüpfrigkeit und inszeniert seine Coming-of-Age-Geschichte mit verhaltenem Bahnhofskino-Flair als liebenswertes Kiezmärchen, das auch in punkto Moralinsäure angenehm zurückhaltend bleibt. Der sich erst nach und nach Bahn brechende Killerplot wirkt diesbezüglich eher aufgesetzt und wurde offensichtlich vor allem deshalb eingeflochten, um der Blitzidee mit der doppellebigen Babyhure und ihrer episodisch angelegten Geschichte einen konkreten Genrekurs zu verleihen. Nicht von ungefähr erinnert dieser Teil der Story an Friedkins sehr viel angründigeren „Cruising“. Sehr viel mehr Wert legt O’Neill infolge dessen auf sein illustres Rotlicht-Ensemble, das in Kombination eine funktionale Familie von liebenswerten Außenseitern ergibt, die sich im Notfalle bestens zu helfen weiß. Neben Mae und Kit Carson sind das vor allem die kernige Susan Tyrell als exzentrische Künstlerin Solly Mosler oder der Jojo-Artist Charlie (Steven M.Porter), allesamt Gestrandete, die das Beste aus der Endstation Milieu und ihr Viertel zu einem quirligen Zuhause des respektablen sozialen Scheiterns machen. Natürlich sind Angel und ihre Kolleginnen (Donna McDaniel, Graem McGavin) nebenbei gewieft und wählerisch genug, sich die Rosinchen aus dem fetten Freierkuchen herauszupicken und die große Restmenge – etwa ein paar aufdringliche Schulkameraden von Molly – ganz cool abblitzen zu lassen. Der verbleibende, minimale „Skandalfaktor“ des Ganzen, so man überhaupt einen solchen herauszufiltern geneigt ist, liegt somit am Ehesten darin, das Prostitutionsgewerbe in einem verharmlosenden bis romantisierenden Licht erscheinen zu lassen – O’Neills märchenhaft verbrämte Kieznacht ist voll von lustigen Anarcho-Vögeln und existenzieller Autonomie und macht suggestiv sogar Spaß, wenn man sich in ihr bloß halbwegs zurecht findet. Außerdem sei ja eh alles bloß halb so schlimm, so lange man auf eigene Faust und ohne Freier arbeite und auf gute Freunde zählen könne. Ich glaube trotzdem nicht, dass „Angel“ in den 34 Jahren seit seiner Premiere irgendein Teenager-Mädchen auch nur implizit dazu angestiftet hat, auf den Strich zu gehen.

6/10

THE LIMEHOUSE GOLEM

„Here we are again!“

The Limehouse Golem ~ UK 2016
Directed By: Juan Carlos Medina

In der Ära der Viktorianischen Jahre geht im Londoner Viertel Limehouse ein Mörder um, den die zu Geschwätz und Aberglauben neigenden Einwohner bald als „Limehouse Golem“ bezeichnen. Die Spur führt den ermittelnden, stillen Inspector Kildare (Bill Nighy) zu der beliebten Sängerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), die des Mordes an ihrem Mann John verdächtig ist. Kildares Ermittlungen ergeben, dass etliche Indizien die Identität des Golem betreffend zur Person John Crees führen, allein der finale Beweis steht noch aus…

Ein Film wie „The Limehouse Golem“ hat ganz einfaches Spiel mit mir: Kostümkino, dazu noch angesiedelt im Viktorianischen London und, gewissermaßen als vollmundiges parfait, eine Mördergeschichte obendrauf – da bin ich stets gern dabei. Peter Ackroyds zugrunde liegender Roman spielt, ähnlich wie Alan Moores gewaltiges „From Hell“, abseits von seinem Kernplot um die Mordserie und deren Aufklärung, mit den Mythen, den multiplen kulturellen und ethnischen Facetten jener Periode, die weite Teile Londons zu einem multikulturellen Schmelztiegel machten. Insbesondere jedoch das Hafenviertel Limehouse im East End der Stadt, berüchtigt für seine Ansammlungen exotischer Halbweltler und deren hierher transferierte Lebensart, gilt als Inspiration für eine Vielzahl von Geschichten und Trivialabenteuern von Thomas Burke bis hin zu Sax Rohmer. Entsprechend reichhaltig der Inspirationsfundus. Dass sich bei Ackroyd, respektive der Adaption, noch Platz für historische Zeitgenossen findet, nominell den Schauspieler Dan Leno (Douglas Booth), den Autor George Gissing (Morgan Watkins) und Karl Marx (Henry Goodman), verleiht „The Limehouse Golem“ eine von mehreren interessanten Zusatznoten, zu denen ebenso die Einblicke in die frühe Musical-Theatre-Szene gehören. Als Genrestück hingegen nimmt sich Medinas zweiter Langfilm wohl weniger erwähnenswert aus; zwar spielt ihm eine gewisse, mit dem Stoff einhergehende Abgründigkeit in die Karten, wer jedoch explizit nach einem historisch aufgeladenem Spannungsstück sucht, könnte sich möglicher- und berechtigterweise enttäuscht finden.
Für mich ist „The Limehouse Golem“ insofern sehenswert, als dass es ihm vorzüglich gelingt, in die porträtierte Ära einzutauchen und mit seinen Querverweisen ein paar inspirierende und stimulierende Einblicke zu leisten.

7/10