O ANIMAL CORDIAL

Zitat entfällt.

O Animal Cordial (The Friendly Beast) ~ BR 2017
Directed By: Gabriela Amaral

Das gehobene Restaurant „La Barca“ des Gastronomen Inácio (Murilo Benício), kurz vorm allabendlichen Schließen: Ein angetrunkenes, wohlbetuchtes Pärchen (Camila Morgado, Jiddu Pinheiro) will zu dieser späten Stunde unbedingt noch ein üppiges Mahl zu sich nehmen, ganz zum Unwillen des feierabendbedürftigen Küchenpersonals, allen voran des enervierten, bisexuellen Chefkochs Djair (Irandhir Santos). Neben dem Paar nimmt soeben noch ein älterer Herr (Ernani Moraes) seinen letzten Drink. Da versuchen zwei schlecht vorbereitete Straßenganoven (Ariclenes Barroso, Eduardo Gomes), den Laden zu überfallen und die Kasse zu leeren. Sie rechnen jedoch nicht mit Inácio, dem eine Sicherung durchbrennt, und der, mit der Unterstützung seiner ihm ergebenen Wirtin Sara (Luciana Paes), den Spieß kurzerhand umdreht…

Ein intensiver, augenzwinkernder Terrorfilm aus Brasilien – nicht unbedingt das, was dem gemeinen Mitteleuropäer zur regelmäßigen cinephilen Goutierung a priori zur Verfügung steht. Umso erfreulicher, dass Ausnahmen die Regel bestätigen.
„O Animal Cordial“ („Das herzliche Tier“) markiert das wilde, triebaffine Langfilmdebüt der somit überaus vielversprechenden Regisseurin Gabriela Amaral. Für ihren deftigen Feature-Einstieg nahm sie sich, unter strikter inhaltlicher und inszenatorischer Beschränkung auf die Räume des Restaurants als singulären, hermetischen Spielort, gleich zwei miteinander verwobene, messerscharf ausgearbeitete Psychogramme vor – das des getriebenen Restaurantchefs Inácio und das seiner Oberkellnerin Sara, wobei insbesondere letzterer Amarals vordringliche Aufmerksamkeit gehört, von Frau zu Frau, sozusagen. In einer explosiven Nacht erleben die beiden sämtliche Höhen und Tiefen einer fatalistischen, toxischen Beziehung von A bis Z, das heißt, von Anfang bis Ende. Für Inácio nehmen die privaten Krisen in jüngster Zeit offenbar Überhand; schwelende Konflikte mit seiner Belegschaft, die Angst vor Kritikerbesuchen, Trubel mit der ihn telefonisch drangsalierenden Gattin – ansonsten gibt es keinerlei wirklich fassbare Erklärung für seine kurze, eskalative Reise in den anarchischen Atavismus. Der von vornherein kopflose, vergleichsweise pubertäre Überfall der beiden Kleingauner fungiert als finaler in einer vermutlich längeren Reihe psychischer Trigger, um ihn vom Sockel der Sozialisiertheit zu stoßen und in den kommenden Stunden ebenso lustvoll wie ausgiebig diverse zivilisatorische Tabus bis hin zum Kannibalismus genießen zu lassen. Dabei scheint von vornherein offensichtlich, dass jene barbarische, eben zum Scheitern verurteilte Reise durch die Nacht ebenso rasch beendet sein wird, wie sie beginnt. Sara, deren verzweifelter Ausbruch aus einer devoten Form patriarchalisch dominierter Weiblichkeit mit ebensolch fieberhafter Konsequenz abläuft, muss am Ende derweil erkennen, dass es ihr keinesfalls vergönnt ist, als Inácios vollwertiges feminines Pendant zu bestehen, obgleich es zwischenzeitlich kurz danach aussieht. Der zum maßlosen Morder gewordene Biedermann folgt schließlich doch nurmehr seinem chauvinistischen Naturell, die zwischenzeitlich gesponnen Pläne von einer gemeinsamen Existenz sind nicht mehr denn spannungslockernde Seifenblasen. Und die übrigen Beteiligten? Die sind kaum mehr denn Randfiguren, um Hass und Aggression zu kanalisieren und durchleiden umso furchtbarere Enden. Nur einer darf das buchstäbliche Schlachtfeld aufrecht und erhobenen Hauptes verlassen: Der um seine schönen, langen Haare erleichterte, aber nichtsdestotrotz durchweg stolz und integer gebliebene Djair. Allein für diese heroische Wahl gebührt „O Animal Cordial“ höchster Respekt.

8/10

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ALLA RICERCA DEL PIACERE

Zitat entfällt.

Alla Ricerca Del Piacere (Haus der tödlichen Sünden) ~ I 1972
Directed By: Silvio Amadio

Die Londoner Sekretärin Greta Franklin (Barbara Bouchet) wird von ihrer Agentur an den exzentrischen Autoren Richard Stuart (Farley Granger) vermittelt, der eine feudale Villa auf einem kleinen Eiland nahe Venedig bewohnt. Greats Vorgängerin und Freundin Sally Reece (Patrizia Viotti), die ebenfalls für Stuart garbeitet hatte, ist derweil spurlos verschwunden. Kaum dass Greta die Bekanntschaft des egomanen Stuart und seiner nicht minder exaltierten Gattin Eleonora (Rosalba Neri) gemacht hat, beginnt sie den Verdacht zu hegen, dass die beiden wesentlich mehr über Sallys Verbleib wissen als sie zugeben möchten. Geschürt wird Gretas Verdacht noch durch diverse Indizien und Stuarts offen-ominöse Andeutungen in der Sache. Dass das Ehepaar zudem ein höchst lockeres bis befremdliches Sexualgebahren pflegt und Greta insgeheim bewusstseinstrübende Drogen verabreicht, steigert das Misstrauen der jungen Frau nochmals beträchtlich…

Von Silvio Amadio kenne ich bislang lediglich diesen Film, was mir, insbesondere angesichts späterer Arbeiten mit Früchtchen Gloria Guida, doch ein relatives Verlustgeschäft zu sein scheint und sich vielleicht demnächst ändert.
Auf der Habenseite des vorliegenden Werks gibt es eine ausgesprochen kostbare, hochästhetische Visualität, die die Lagunenstadt und ihre Umgebung, darunter die Insel mit der Villa und das Schilfmoor, in leuchtenden Farben und das Auge wunderprächtig verwöhnenden Scope-Bildern einfängt und bereits für sich stehend den angetanen Zuschauer bei der Stange hält. Barbara Bouchets um diese Zeit übliche Freizügigkeiten finden sich nicht minder ansprechend inszeniert und schließlich breitet sich die anrüchige, höchst triviale Atmosphäre um den spinnerten Intellektuellen und seine lüsterne Ehefrau und Hausmuse, die sich ganz nebenbei einen willfährigen Lustknaben (Dino Mele) halten, wie ein behaglich-luftiges Kolportagelaken über dem Rezipienten aus. Farley Granger ist als einnehmender Finsterling dementsprechend ebenso sehenswert wie die Neri als sein paraphiles Weib.
Dem gegenüber steht allerdings eine nunmal nicht ignorierbare, extrem sleazige Oberflächenabhandlung der Story auf wiederum unterem Groschenromanniveau, weshalb Stuarts/Grangers höhnische Anmerkung, er werde als nächstes einen Giallo schreiben, sich als durchaus arrogant begreifen lässt, auch von Seiten Amadios, der nicht umhin wollte, einen tumben Riesen als mörderisches Sexmonster und dabei unschuldigen Erfüllungsgehilfen als gewissermaßen entschlüsselndes Element in die Geschichte einzuweben. Rocco, wie der von dem etwas primatenhaft anzusehenden Peter Martinovitch gespielte, ungeschlachte Fischer heißt, hat nämlich das filminhärente Pech, in verhängnisvoller Ergänzung zu seinem massigen Körper einem genetisch bedingten Schwachsinn aufzusitzen, der ihn in Verbindung mit Alkohol und sexueller Erregung hübsche Damen erwürgen lässt, was das Ehepaar Stuart wiederum ziemlich geil findet. In Kombination mit Stuarts nietzsche’schem Übermenschengeschwafel zu Beginn des Films erhält dies ein gewisses, unangenehmes, ich nenne es mal: „Geschmäckle“, welches mich in derlei Fällen normalerweise wenig tangiert, dieses spezielle Exempel aber, ohne, dass ich genau sagen könnte, weshalb, zumindest gelinde abwertete.

6/10

E TANTA PAURA

Zitat entfällt.

E Tanta Paura (Magnum 45) ~ I 1976
Directed By: Paolo Cavara

Gleich zwei Personen der höheren Mailänder Gesellschaft werden in kurzem Zeitabstand brutal ermordet aufgefunden, wobei an beiden Tatorten Illustrationen aus Heinrich Hoffmanns Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ hinterlassen sind. Für den ermittelnden Inspettore Lomenzo (Michele Placido) gilt es, dem Täter möglichst rasch auf die Spur zu kommen, bevor dieser wieder zuschlägt. Doch es geschehen bald weitere Verbrechen nach demselben Profil. Lomenzo findet mithilfe seiner leichtlebigen Nachbarin Jeanne (Corinne Cléry) heraus, dass sämtliche Opfer Mitglieder des Exklusivklubs „Freunde der Natur“ waren und einst im Hause des mittlerweile verstorbenen Gesellschaftslöwen Hoffmann (John Steiner) verkehrten, wo man nicht nur der gemeinsamen Liebe zu exotischen Tieren frönte, sondern auch der zu ausgefallenen Exzessen. Auch die in großem Stil zu Werke gehende Detektei des alternden Pietro Riccio (Eli Wallach) ist in die Ereignisse verwickelt…

Mit „E Tanta Paura“ reichte der vormalige „Mondo“-Urheber Paolo Cavara eine genreübergreifende Italo-Sleaze-Granate ersten Ranges, die Elemente des splattrigen Giallo, des Poliziottesco und sogar der Commedia Sexy vereinte und hernach zu einer ebenso wahnwitzigen wie lustvoll aufbereiteten Kinobreitseite melangierte. Die ProtagonistInnen des Films, selbst der von Michele Placido gespielte Inspektor, sind durch die Bank dem libertären Zeitgeist der Mittsiebziger verbunden, der einen nahezu rücksichtslosen Hedonismus präservierte. Man raucht, trinkt, nascht Konfekt und promiskuiert, was das Zeug hält, jede freie Minute dient sozusagen der reuelosen Lust zwischen Disco und Heia. Schöne Damen sind zumeist willige Fortomodels und grundsätzlich bisexuell, garantiert nichts brennt an. In einem derart aufzeizenden Makrokosmos muss es sogar Spaß machen, einen Serienmörder zu jagen, daran lässt „E Tanta Paura“ keinerlei Zweifel. Auch sonst hält Cavara sein Publikum bei der Stange, die etwas willkürlich eingeflochtenen Wendungen bis hin zu einem sich in seinen diversen twists selbst nicht mehr zurecht findenden Finale werden flankiert von regelmäßigen Nuditäten und einer vorbildlichen Verfolgungssequenz mit anschließender Prügelei. Hinzu kommt die großartig-eklektische Besetzung, in deren Reihen sich neben den Erwähnten auch Jacques Herlin sowie der damals kurzzeitig in Bella Italia befindliche Tom Skerritt (als Placidos Vorgesetzter) verirrten.
Sonderlich spannend, zumindest im Sinne klassischer Thrillerstrukturen, nimmt sich „E Tanta Paura“ dabei zugegebenermaßen nicht aus; er lebt vielmehr von der perlenartigen Aneinanderreihung all seiner vielen, kleinen Unfassbarkeiten (wie einer merkwürdigen Orgienszene in der Villa Hoffmann nebst Schimpanse und Tiger, in deren Zuge unter anderem auch eine bizarre Trickporno-Sequenz von Gibba prominiert), die dann am Ende doch noch eine erstaunlich funktionales Homogenitätsbild hinterlassen. Die deutsche (Video-) Vermarktung in den Achtzigern gab derweil ein hübsches Beispiel für die oftmalige Hilflosigkeit der diversen Kleinstlabel ab, ihre Medien an den Mann zu bringen: Weder „Ein Mann jagt das Gesetz!“ noch „Die letzte Chance eines Bullen“, wie das nach billigem Actionfach müffelnde VHS-Cover mit dem gänzlich unpassenden Titel „Magnum 45“ zuzusichern versuchte, markieren Versprechen, die der Film zu halten im Stande war. Im Gegenzug erhielt man dann aber eine ganz anders gepackte Wundertüte.
Obskur, bizarr, schön!

8/10

VACANZE PER UN MASSACRO

Zitat entfällt.

Vacanze Per Un Massacro (Toy) ~ I 1980
Directed By: Fernando Di Leo

Der Bankräuber Joe Brezzi (Joe Dallesandro) flieht aus dem Knast um seine sorgsam versteckte Millionenbeute einzusacken und damit um die Welt zu tuckern. Die Lire befinden sich, eingemauert unterhalb eines Kamins, in einer kleinen Jagdhütte nördlich von Rom, die mittlerweile dem Ehepaar Sergio (Gianni Macchia) und Liliana (Patrizia Behn) gehört. Ausgerechnet als Joe vor Ort eintrifft, kommen auch Sergio und Liliana nebst deren verluderter Schwester Paola (Lorraine De Selle) an, um ihr Wochenende dort zu verbringen. Was die treue Liliana nicht weiß, hat der sich anfangs versteckt haltende Joe bereits nach wenigen Stunden spitz: Sergio und Paola setzen der Ahnungslosen Hörner auf, wie und wo es nur geht. Als Sergio zu einem Jagdausflug aufbricht, nutzt Joe die Gunst der Stunde und überwältigt die zurückgebliebenen Frauen nicht nur mit seinem räudigen Charme. Mit Sergios Rückkehr erhält die mittlerweile transparent gewordene Beziehungskonstellation nochmals eine weitere Brisanz. Wer überlebt den mörderischen Ringelreihen?

Joe Dallesandro, genannt „Little Joe“, ist schon eine Marke. Das als ausnehmend maskulin und viril gefeierte, kernige Idol der Warhol-Factory führte seine frühe Biographie als familiär entwurzelten, kriminellen jungen Mann von Florida nach New York und durch diverse Besserungsanstalten und Erziehungsheime, bis Andy Warhol und Paul Morrissey ihn zufällig entdeckten und kurz darauf bereits zum Star einer eigenen Filmtrilogie machten. Danach ging es nach Europa, wo Dallesandro zunächst weiter mit Morrissey arbeitete und dann, ganz ähnlich wie sein zweimaliger Partner Udo Kier oder Helmut Berger eine wechselvolle Karriere zwischen erbittertem Sleaze und hehrer Filmkunst beging, die ihn in die Arme kleiner Schundproduzenten ebenso trieb wie in die von ein paar der anerkanntesten Regisseure des letzten Jahrhunderts. Der 1980 entstande „Vacanze Per Un Massacro“ fällt natürlich in erstere Kategorie. Als „Terror“- und/oder „Home Invasion“-Film reiht sich Di Leos böses, kleines Schmierpsychogramm relativ nahtlos ein in eine kleine, zeitgenössische Phalanx ganz ähnlich gefärbter Werke wie Franco Prosperis „La Settima Donna“, Ferdinando Baldis „La Ragazza Del Vagone Letto“ oder Ruggero Deodatos „La Casa Sperduta Nel Parco“. All diesen Arbeiten ist neben ihrer grundsätzlichen atmosphärischen Nähe zum großen Vorbild „The Last House On The Left“ gemein, dass sie ein sehr pessimistisches, misanthropisches Bild eines funktionalen Zusammenlebens der Geschlechter entwerfen, harmonische Zweisamkeit vielleicht sogar als unerreichbare Utopie beschwören. So geht es auch in „Vacanze Per Un Massacro“ hauptsächlich um die Verlogenheit eines scheinbaren Eheidylls, das erst durch die Intervention eines primär instinktgesteuerten Gewaltverbrechers offengelegt und geradegerückt werden werden kann. Einzig die verblendete, brave Liliana geht in all ihrer vormaligen Naivität als unschuldiges Viertel des Quartetts durch, zumindest bis Joe ihr mit aller Härte einbläut, in welchem Vipernnest sie sich lange Zeit gut aufgehoben glaubte: Ihre Schwester Paola ist ein moralisch zutiefst verdorbenes, nymphomanes Früchtchen, das selbst seine (bewusst ausgestellte) Vergewaltigung durch Joe als beiläufigen, sogar gefälligen Akt abtut und den später wiederum durch Joe erzwungenen, öffentlichen Koitus mit ihrem Schwager wie dieser auch offenbar sehr genießt. Der armen Liliana offenbart sich dadurch, auf forciertem Wege und vermutlich nicht unbedingt zu ihrem psychischen Benefizium, binnen weniger Stunden die ganze Niedertracht des Menschengeschlechts, wofür auch sie am Ende ihre Rache einfordert. Wie es danach mit ihr weitergeht, lässt sich nur mutmaßen, aber es wäre wenig verwunderlich, wenn auch sie sich auf den verlockenden Pfad der Verlotterung begäbe, mit der Kohle durchbrennt und selbst zum Arschloch wird. Di Leo, der vor allem in späteren Karrierejahren die dem Gesellschaftsleben inhärente Schwärze abbildete, setzt hinsichtlich seiner Dramaturgie dabei weniger auf Gewalt denn auf Sexploitation. Behaglicher macht dies seinen rotzigen Film keineswegs.

7/10

CLIMAX

Zitat entfällt.

Climax ~ F/BE 2018
Directed By: Gaspar Noé

Um die Mitte der neunziger Jahre bereitet sich ein rund zwanzigköpfiges, vornehmlich aus jungen Französinnen und Franzosen bestehendes Tanzensemble unter der Choreographin Selva (Sofia Boutella) und dem auf Elektronisches spezialisierten DJ Daddy (Kiddy Smile) auf eine erfolgversprechende Tournee in den Staaten vor. Eine finale Probe findet in einem winterlichen, entlegenen Schullandheim statt, gefolgt von einer kleinen After-Party. Während die TänzerInnen noch im Bewegungsrausch sind, bemerken einige von ihnen, dass etwas nicht stimmt und ihre psychischen Aktionen und Reaktionen kollektiv beeinträchtigt. Die Ursache dafür ist bald gefunden: Jemand hat die Sangria mit LSD versetzt. Da nahezu jede/r der Anwesenden mehr oder weniger davon getrunken hat, verfallen bald alle in sich auf unterschiedlichste Arten kanalisierende Trips. Irrationalität, Paranoia, Aggressionen, Hemmungslosigkeiten brechen sich Bahn, bloße Instinktbedürfnisse übernehmen die Handlungsmotivation und es kommt inmitten des zusehends unübersichtlichen Chaos bald zu katastrophalen Ereignissen.

Für seinen jüngsten Film nahm Gaspar Noé sich ein über zwanzig Jahre zurückliegendes, authentisches Ereignis zur inhaltlichen Prämisse, bei dem sich tatsächlich eine Tanzgruppe unversehens unter LSD gesetzt fand, ohne dass die prekäre Situation der Anwesenden jedoch zu einem derart klaustrophobischen Schreckensszenario eskalierte, wie Noé es darstellt. Wie man es von dem Filmemacher erwarten darf, interessieren ihn stattdessen sehr viel mehr die (hypothetisch denkbaren) Auswirkungen einer entsprechenden „Versuchsanordnung“. Die Beteiligten mitsamt ihrer psychischen Grundkonstellationen, ihr soziales Netzwerk, die lokalen Bedingungen sowie der Raum selbst nebst seiner audiovisuellen Konstruktion, der spärlichen Beleuchtung und der unablässigen,  treibenden Musik werden zu unwägbaren Bestandteilen einer soziopsychologischen Experiments unter teils markerschütternden individuellen Auswirkungen. Diffuse Antipathien bis hin zu offenem Hass brechen sich Bahn, Verdachtsmomente, wer von den Beteiligten für den üblen Drogenscherz verantwortlich sein könnte, führen zu massenhysterischen, jedweder Logik entbehrenden Schlussfolgerungen. Einer der Tänzer (Adrien Sissoko) wird kurzerhand in die nächtliche Kälte ausgesperrt und dort vergessen; eine Mutter (Claude Gajan Maull) schließt ihren kleinen Sohn (Vince Galliot Cuman) zu dessen „Sicherheit“ in den Stromverteilerraum ein, verliert jedoch den Schlüssel und dreht vollends durch, als der zunächst panische Junge kein Lebenszeichen mehr von sich gibt; eine sich als schwanger outende Frau (Souheila Yacoub) wird misshandelt und verstümmelt sich dann selbst; die Haare einer anderen (Sarah Belala) fangen Feuer; ein eifersüchtiger Entfesselter (Taylor Kastle) vergewaltigt die eigene Schwester (Giselle Palmer).
Im Interview gab Noé zu Protokoll, er habe sich ein paar der megalomanischen Katastrophenfilme der siebziger Jahre angesehen, um sich von der atavistischen Anarchie der den Extremsituationen ausgesetzten Charaktere inspirieren zu lassen. Die Wahl seiner Form gestaltet sich wie üblich kongenial zum transgressiven Geschehen; zu Beginn etwa rollen die Endcredits in umgekehrter Folge durchs Bild, lange, durch ein Mindestmaß an Schnitten durchbrochene Einstellungen zeigen zunächst die ekstatische Tanzchoreographie und später dann die zunehmend infernalischen, immer irrealer anmutenden Wendungen innerhalb der bizarren Hermetik des Gebäudes als einen unablässigen Strom befremdlicher Eindrücke und Momentaufnahmen. Hier und da leistet sich Noé sogar (offenbar ironisierte) Godardismen, wenn er etwa urplötzliche, seltsame Titeleinblendungen liefert wie „un film français et fier de l’être“.
Als kultisch verehrtes und bemühtes trip movie etwa im Sinne von „Fear And Loathing In Las Vegas“ wird „Climax“ vermutlich nicht in die Annalen halluzinogener Kinokultur einziehen, dafür ist er schlicht zu unbequem und vermutlich auch allzu inkommensurabel; es gibt – im Sinne drogenaffiner Filmrezeption zumindest – gewiss zu wenig her, sich dem durchaus als „Horrortrip“ empfindbaren Werk zu widmen. Andererseits nimmt sich „Climax“ in seiner Gesamtgestaltung glücklicherweise als allzu komplex aus, um als stiefmütterliche Warnung vor freiwilligem und unfreiwilligem Rauschmittelmissbrauch durchzugehen – wenngleich niemand im direkten Anschluss an ihn den Drang verspüren wird, sich auf hofmannsche Reisen zu begeben.

8/10

HER MIT DEN KLEINEN SCHWEINCHEN

„Früher hatte er einen Porschefimmel – jetzt hat er einen forschen Pimmel.“

Her mit den kleinen Schweinchen ~ BRD 1984
Directed By: Otto W. Retzer

Die Flucht von einem prekären Tête-à-Tête führt den splitternackten Freddy (Alexander Gittinger) geradewegs in die Villa eines betuchten Ehepaars, dessen weibliche Hälfte (Bea Fiedler) just dabei ist, ihrem Gatten Waldemar (Alexander Grill) Hörner aufzusetzen. Gemeinsam mit dem wiederum gestörten Galan (Franco Schick) muss Freddy schließlich die abrupte, feierliche Heimkehr Waldemars unter dem Bett harrend ertragen. Der irreversible Schock eines späteren Verhörs bei der Gendarmerie (Freddy ist immer noch komplett klamottenlos) sorgt dafür, dass der Gebeutelte nunmehr unaufhörlich stottert. Abhilfe dafür weiß Dr. Wiesinger (Franz Marischka), der eine Methode entwickelt hat, ebenjene logopädische Unebenheit durch eine chirurgische Verkürzung der Penislänge beim betroffenen Patienten einzugrenzen. Das von Freddy amputierte, gute Stück näht sich der Doktor kurzum selbst an – und erlangt somit die ersehnte, stotternde Omnipotenz. Seine Suche nach begattungswilligen Damen führt ihn zum Au-pair-Mädchen Evi (Susanne Bonneik), die mit ihren Verführungskünsten soeben die gesamte Familie Harting aus den trauten Angeln gehoben hat und sich jetzt als Callgirl selbstständig machen will. Einer ihrer ersten Jobs sorgt prompt für Verwirrung in der Nachbarschaft: Anstelle des angekündigten, um Beischlaf buhlenden Muttersöhnchens (Wolfgang Jansen) landet ein Laienschauspieler (n.n.) in ihrem Haus und der jungfräuliche Schwerenöter an dessen Statt in der gegenüber liegenden Immobilie der Heuers. Eva (Julia Kent), die Dame des Hauses, plant nämlich, ihre Rolle für ein neues Stück zu proben.
Wolfgang (Wolfgang Fierek) und sein bester Freund Egon (Günther Mayer) schließlich genießen den durch Egons neue, aber nicht eben hübsche Gattin Olga (Ellen Umlauf) in ihr Lotterleben Einzug haltenden Luxus. Eine ausgedehnte Faschingsfeier der beiden Stelzböcke sorgt jedoch für allerlei Verwirrung und Irrung, wobei besonders Evas gehörnter Mann (Peter Settgast) ziemlich ins Schwitzen gerät.

Otto W. Retzers dritte Regiearbeit für die Lisa ist als Episodenfilm mit vier inhaltlich lose verknüpften Kurzgeschichten angelegt, aus denen jeweils eine oder zwei Figuren stets ins nächste Segment überleiten. Erhellend-kommentierende Off-Erläuterungen im Stil des spitzfindigen, oben angeführten Zitats liefert allenthalben der Schauspieler und Synchronsprecher Reinhard Glemnitz. Ansonsten lässt sich „Her mit den kleinen Schweinchen“, der auf Video auch (und einmal mehr völlig unpassend) als „Dirndljagd am Wörthersee“ veröffentlicht wurde, wohl am Treffendsten als ein kleines „Worst Of…“ der jüngeren Lisa-Geschichte bezeichnen; dass Retzer, der hier selbst zwei kleine Auftritte als versoffener Pennbruder absolviert, durchaus mal etwas sleaziger zur Sache zu gehen wusste als seine Kollegen F.J. Gottlieb oder Sigi Rothemund, dürfte hinlänglich bekannt sein. Dementsprechend deftiger denn dorten seine Liebäugeleien mit zumeist nichtsdestotrotz klamaukig konnotierter Softsex-Erotik, sprich, der Spielzeitanteil nackter Tatsachen. Typen wie Bea Fiedler (bereits etwas moppeliger als gewohnt), die beiden Alexander(s) Gittinger und Grill, Wolfgang Fierek oder Peter Settgast und nicht zu vergessen der unvergessliche Werner Röglin, hier in seinem letzten Filmauftritt überhaupt in üblichem Parademaß als erzschwuler Streifenpolizist zu bewundern, den natürlich jede sich bietende Gelegenheit gleich zum Diebe macht, bieten in diesem Zusammenhang zudem den unverzichtbaren, personellen Kitt vor der Kamera, dem Retzer und sein Coautor Erich Tomek durch ein gewohnt letztklassiges Konsortium an lustvoll dargebotenen Scheißwitzen das obligatorische Finish verabreichen. Retzer machte dann erstmal vier Jahre Pause als Regisseur, bevor er mit dem sehr ähnlich konzipierten (aber familienkompatibleren) „Starke Zeiten“, der gewissermaßen den Schwanengesang der Lisa-Kino-Periode einläutete, zugleich auch sein eigenes Leinwandengagement abschloss. Mit „Ein Schloss am Wörthersee“ folgte dann der beinahe kongeniale Sprung ins TV. 

4/10     

POPCORN UND PAPRIKA

„Iih, der riecht nach Alkohol!“

Popcorn und Paprika ~ BRD/HU 1984
Directed By: Sándor Szalkay

Im Sinne ost-westlicher Verständigung reist Schwimmtrainer Sigi (Siegfried Rauch) mit seiner Nachwuchs-Equipe nach Budapest, um sich dort gemeinsam mit dem ungarischen Team unter Trainerin Teri (Cecília Esztergályos) für die kommenden Meisterschaften vorzubereiten. Unter Sigis Stars befindet sich auch sein Sohnemann Peter (Jonny Jürgens). Alte Wunden brechen auf, als die lustige Truppe in ihrem Hotel ankommt: Sigi hat, als er zum letzten Mal vor 19 Jahren hier war, eine uneheliche Tochter gezeugt, von der er nichts weiß, außer, dass sie existiert. Als Peter davon hört, wird ihm bang: Könnte die schnieke Piroschka (Gabi Fon), Tochter des ungarischen Mannschaftsmanagers (Péter Haumann), in die er sich bodenlos verknallt hat, möglicherweise seine Halbschwester sein?

Weder nach Ibiza noch zum Wörthersee oder gar an den Kilimandscharo – nein, straight hinter den Eisernen Vorhang führte das Lisa-Publikum „Popcorn und Paprika“ (Titelsong von Gerhard Heinz: „Popcorn And Paprica“) mit dieser deutsch-ungarischen Coproduktion. Nicht nur im Sport, sondern auch in der Filmproduktion standen die Zeichen nunmehr also auf Entspannung, wobei Produzent Franz Antel und Kalli Spiehs sogar einen einheimischen Regisseur akzeptierten. Dass der Film politische Brisanzen auflöst, mag man ihm nun nicht eben unterstellen, eher vielleicht die rudimentäre Lebensweise „Titten statt Krieg“. Denn natürlich gehören zu einer Lisa-Produktion dieser Jahre diverse Besuche der Kamera in Damenduschen, Mädchenschlafsälen, Saunen oder was sonst noch als Alibikulisse für Entblätterungen taugt. Die Gags bemühen sich häufig, zu zünden, tun’s aber garantiert nicht, ebensowenig wie die etwas pikante Verwechslungsgeschichte, die natürlich ebenfalls ein unbedingtes Lisa-Obligatorium darstellt. Auch sonst hebt sich „Popcorn und Paprika“ nicht wesentlich von den anderen Werken seiner lustigen Provenienz ab. Gut, mit Siegfried Rauch und „Frau Wirtin“ Teri Torday als dessen gehörnter Gattin, die ihre berechtigte Eifersucht mal eben kurz mit ein paar Baracks wegtherapiert, gibt es vor der Kamera passables (wenngleich etwas unlustiges) Traditionspersonal. Ferner traten die beiden Udo-Kinder Jonny und Jenny (die sich am Ende natürlich als die „gesuchten“ Halbgeschwister entpuppen) hier einmalig zusammen an, wobei sich Jonny und der bebrillte, stets als nerdiger Trottel in Nöten besetzte Alexander Gittinger nach „Sunshine Reggae auf Ibiza“ nochmals in punkto darstellerisches Unvermögen gegenseitig das Wasser (sic!) abgraben dürfen. Am Thron dieses einsamen Highlights des grotesken Nachkriegskinos vermag „Popcorn und Paprika selbstredend nicht zu kratzen, dafür mangelt es ihm an, sagen wir, der notwendigen anarchischen Potenz. Dennoch: Lisa zwischen 75 und 88 bleibt, auch, wegen und trotz Filmen wie diesem, ein eminentes, prezioses Kapitel bundesdeutscher Kinotiefkultur.

5/10