A CLASSIC HORROR STORY

„Stronzo.“

A Classic Horror Story ~ I 2021
Directed By: Roberto De Feo/Paolo Strippoli

Die ungewollt schwangere, kurz vor einer Abtreibung stehende Studentin Elisa (Matilda Lutz) nutzt eine von Filmbuff und Camperbesitzer Fabrizio (Francesco Russo) organisierte Fahrgemeinschaft nach Kalabrien. Mit an Bord sind noch der Arzt Riccardo (Peppino Mazzota) und das junge Traveler-Pärchen Mark (Will Merrick) und Sofia (Yuliia Sobol). In der Nacht setzt der angetrunkene Mark den Wagen mitten in den Wäldern vor einen Baum, nachdem Fabrizio ihm ins Steuer gegriffen hat um einem auf der Straße liegenden Reh auszuweichen. Als das verunfallte Quintett am nächsten Morgen erwacht, ist die Straße verschwunden, stattdessen befindet sich der Camper auf einer Lichtung, auf der auch ein mysteriöses, kleines Holzhaus steht. Bei diesem handelt es sich scheinbar um eine Art Kultstätte heidnischer Sektierer, die drei unheiligen, mittelalterlichen Heilsbringern Menschenopfer kredenzen. Gemeinsam mit einem gewaltsam seiner Zunge entledigten Mädchen (Alida Baldari Calabria), das sie im Haus entdecken, flieht die mittlerweile um Mark dezimierte Gruppe querfeldein, doch alle Entkommensversuche erweisen sich als sinnlos. Die besonders mitgenommene Elisa entdeckt schließlich, das nicht alles ist, wie es scheint…

Wenn zwei junge, von Netflix finanzierte, offenkundig genreaffine Nachwuchsfilmer ihr erstes gemeinsames Werk „A Classic Horror Story“ titulieren, dann zeugt dies wahlweise von besonderem Geisteswitz, mäßigem Humor oder egomanischem Größenwahn. Was davon am Ehesten auf De Feo und Strippoli zutrifft, vermag ich nicht recht zu konstatieren, aber zu ersterem tendiere ich am wenigsten. Der Name des Films ist insofern zutreffend, als dass das Duo sichtlich bemüht ist, möglichst viele der es umtreibenden Genremotive der letzten beiden Jahrzehnte in sein Script zu pfropfen und damit eine wie auch immer geartete Form von „Versiertheit“ zu demonstrieren. „How To Replicate A Dozen Or More Horror Clichés“ wäre insofern zumindest ein ehrlicherer Titel gewesen. Daraus, dass den Autoren im Besonderen daran gelegen ist, den Horrorfilm (zurück) nach Italien zu holen, machen sie im letzten Fünftel, dass natürlich der final girl revenge vorbehalten ist, keinen Hehl und das ist auch grundsätzlich absolut in Ordnung. Schade um die den Film in diesem Zusammenhang zumindest noch ein klein wenig ehrenrettende Matilda Lutz, der nach Coralie Forgeats „Revenge“ doch deutlich Ansprechenders gebührt hätte. Man sollte man doch bitte ein wenig Innovation wagen, denn so wird auch aus den hehrsten Zielen nichts, amici.
Als unausgegorenes Abfallprodukt zu (im Wesentlichen) Ari Asters „Midsommar“ lässt „A Classic Horror Story“ zumindest Erinnerungen an die frühere, kommerzielle Tradition des italienischen Kommerzplagiatismus aufkeimen – ich bezweifle aber, dass solcherlei wirklich im Sinne der Erfinder lag. Paganistische Hinterwäldlerkultisten in hirschartigen Holzmasken kann man nunmehr, zumal in derlei hilflos-unatmosphärische Korsettierungen gezwängt, jedenfalls kaum noch als erschröcklich bezeichnen – auch, wenn die „Auflösung“ sich dann in eine geflissentlich andere Richtung bewegt, Stichwort „’Ndrangheta“, nebst arrivierter Matriarchin (Cristina Donadio), die das professionell gefertigte Snuff Movie als neues, monetäres Mafia-Standbein etabliert. Das alles kommt im dazugehörigen Film mindestens so unausgegoren und dümmlich daher, wie es sich hier liest und ringt einem selbst als zumindest etwas begüterterem Genrefreund bereits ab einem frühen Zeitpunkt bloß noch permanentes Augenrollen ab. Ob der sich so selbstbewusst-breitärschig zwischen alle angebrachten Stühle setzende „A Classic Horror Story“ demzuzfolge überhaupt (s)ein Publikum finden wird, geschweige denn hat, würde mich da in letzter Instanz auch kaum mehr interessieren. Kann weg.

3/10

BLOODLINE

„Remember, the cousins are just people.“ – „It’s just people that terrify me. Particularly cousins…“

Bloodline (Blutspur) ~ USA/D 1979
Directed By: Terence Young

Der steinreiche Pharmazeutik-Mogul Sam Roffe verunglückt beim Bergsteigen in den Schweizer Alpen. Rasch frohlocken seine Erben, die eine ordentliche Finanzspritze allesamt gut gebrauchen könnten: Sir Alec Nichols (James Mason), Attaché in London, hat infolge seines großspurigen Lebensstils Schulden bei unwirschen Unterweltlern, ebenso Charles Martin (Maurice Ronet), der Ehemann von Roffes in Paris lebender, arroganter Nichte Hélène (Romy Schneider). Ivo Palazzi (Omar Sharif) derweil wird in Rom als Bigamist von seiner „Nebenfrau“ Donatella (Claudia Mori) erpresst, die ihre überfälligen Alimente einfordert.
Roffes Tochter Elizabeth (Audrey Hepburn) weigert sich jedoch, den Plan ihrer Verwandten, aus dem Unternehmen eine offene Aktiengesellschaft zu machen und ihre Anteile zu verflüssigen, zuzustimmen und übernimmt stattdessen selbst den Firmenvorsitz. Unterstütz wird sie dabei von Roffes rechter Hand Rhys Williams (Ben Gazzara), einem ziemlichen Filou. Als der Genfer Inspektor Max Hornung (Gert Fröbe) dem Roffe-Clan eröffnet, das Sam tatsächlich ermordet wurde, kristallisiert sich bald heraus, dass der Täter ein Familienmitglied sein muss. Und dieses folgt noch ganz anderen, sehr viel finstereren Obsessionen…

Terence Youngs internationale Verfilmung eines Romans des Drehbuch- und Romanautoren Sidney Sheldon wäre lediglich ein durchschnittlicher, ziemlich ominöse Narrationsvolten schlagender Kriminalfilm im High-Snobiety-Milieu, wären da nicht ein paar Details, die ihn dann doch wieder sehr sehenswert machen: Am Hervorstechendsten ist da natürlich die astronomische Premiumbesetzung, die vom kleinen Europloitation-Sternchen bis hin zum großen US-Star eine fast beispiellose Zusammenstellung cineastischen Lieblingspersonals vereint und sozusagen Brücken von Edgar Wallace über Agatha Christie bis hin zu Jess Franco, den italienischen Genrefilm und den großen Studiofilmern schlägt. Die entsprechende Aufzählung führe man sich in den Tags oder über den obigen imdb-Link zu Gemüte und staune, wie auch ich aus dem Staunen kaum mehr herauskam. Terence Young hatte sich ja vormals vom Regisseur dreier vortrefflicher Bond-Filme (darunter den ersten beiden) zum lustvollen Sleaze-Filmer entwickelt, dessen „The Klansman“ bereits eine höchst liebenswerte Abseitigkeit darstellte. Mit der bis zum heutigen Tage kinohistorisch weiträumig ignorierten Koreakriegs-Absurdität „Inchon“, die ich unbedingt endlich einmal sehen möchte, landete er zwei Jahre nach „Bloodlines“ schließlich eine der berüchtigsten Finanzkarambolagen der gesamten Filmgeschichte. Audrey Hepburn, mit der Young zwölf Jahre zuvor bereits den durchaus starken Blinden-Thriller „Wait Until Dark“ gefertigt hatte, kehrte für einen ihrer spärlichen Spätkarrieren-Auftritte nochmal zu ihm zurück und übernahm die ihr scheinbar auf den knochigen Leib geschriebene Hauptrolle der rundum liebenswerten, zwar ebenso selbstbewussten wie in Anbetracht all der sie umgebenden, familiären Habgier aber doch fragilen Protagonistin, die am Ende sogar noch ein richtiges, kleines Terror-Szenario gegen den sich entpuppenden Strippenzieher durchzustehen hat.
Regelrecht bizarr, grotesk und dabei doch hübsch gialloesk mutet ein Nebenplot um einen Snuff-Movie-Produzenten an, der einen glatzöpfigen, nackten Mike Monty (!) hübsche Damen on camera strangulieren lässt. Bereits diese Schilderungen sollten hinreichend neugierig machen, wobei nicht verhehlt bleiben soll, dass Youngs Regie leider allzu häufig zwischen unbeteiligt und fernsehhaft changiert und Ennio Morricones pompöser Score im Verhältnis dazu wirkt, als habe Wagner eine „Dallas“-Episode vertont. In jedem Fall lohnt die Begegnung für Liebhaber von Camp und Apokryphem.

7/10

TESIS

Zitat entfällt.

Tesis ~ E 1996
Directed By: Alejandro Amenábar

Die Madrider Filmstudentin Ángela (Ana Torrent) plant, ihre Magisterarbeit zum Thema „Gewalt im Film“ zu schreiben, einem Gebiet, mit dem sie bislang kaum Erfahrungen hat. Über ihren nerdigen Kommilitonen Chema (Fele Martínez), einen ausgewiesenen Splatter- und Horror-Aficionado, ergeben sich erste Berührungspunkte mit dem Sujet, doch Ángela will mehr. Ihre Recherchen führen sie ins Videoachiv der Universität, wo sie auf eine geheime Sektion mit speziellen Cassetten stößt. Darauf befinden sich offenbar Snufffilme, in denen verschwundene Studentinnen zu sehen sind. Gemeinsam mit Chema, der seinerseits nicht immer mit offenen Karten spielt, geht Ángela dem abseitigen Treiben auf die Spur. Der attraktive Bosco (Eduardo Noriega), in den sich Ángela verliebt, und auch ihr Professor Figueroa (Miguel Picazo) spielen darin entscheidende Rollen…

„Tesis“ hat viele Freunde und Anhänger und genießt seit seiner Premiere vor 22 Jahren ein stolzes Renommee. Ich selbst würde Amenábars Langfilmdebüt eher im oberdurchschnittlichen Qualitätssegment einordnen, da ich ihn zwar für grundsätzlich immer noch sehenswert halte (zumal als spanischen Genrefilm und gewiss sehr ambitioniertes Projekt eines erst 23-jährigen Nachwüchslers), er mich jedoch auch nach mehrfachen Betrachtungen nie wirklich da zu packen vermochte, wo ich es mir insgeheim gewünscht hätte. Wenn es im Kino um das Thema Snuff und Snuff-Filme geht, dann versuchen die entsprechenden Autoren und Regisseure immer wieder, jenen alten Underground-Mythos zur abartigsten und verruchtesten Perversionssparte der gesamten Menschheitsgeschichte zu deklarieren; etwas, dass es zwar gibt, über das aber niemand spricht, der nicht lebensmüde ist; etwas, über das sich allerhöchstens hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht werden darf; die magnetbandgewordene Hölle auf Erden quasi! Ich weiß nicht, ob ich mich für die Ausmaße meiner Phantasie entschuldigen muss, aber mir fallen da auf Anhieb diverse weitaus schrecklichere Dinge ein, die Menschen sich aus ganz anderen Gründen gegenseitig antun, und das unter oftmals rechtsstaatlicher oder religiöser Ägide. Im Grunde ist Snuff letzten Endes doch „auch bloß“ eine Spielart menschlichen Mordtreibens, wobei es dem Opfer schließlich egal sein kann, ob sein (mögliches) Martyrium von einem späteren Rezipienten zu wie auch immer gearteten Befriedigungszwecken herangezogen wird. Um es kurz zu machen: Was mich bei Filmen wie „Tesis“ implizit stört, ist der unbedingte, immanente Hang zum Sensationalismus. Ohne diesen bleibt, wie im vorliegenden Falle, spannendes, aber letztlich gängiges Handwerk, das für ein entsprechend sensibilisiertes Publikum funktionieren wird, aber eben nicht für jeden. In diesem Falle ist es außerdem deutlich zu spiellang und ausufernd geraten, nebst etlichen, unausgelassenen Fettnäpfchen logischer Ersparnisse.
Immerhin bleibt uns der heilige, amerikanische Zorn des gerecht wütenden Rächers, wie der von Nicolas Cage in „8MM“, erspart.

6/10

COLD IN JULY

„When a dog bites you, you can either chain him up… or shoot him.“

Cold In July ~ USA 2014
Directed By: Jim Mickle

Südtexas, 1989. Der Familienvater Richard Dane (Michael C. Hall) erschießt einen Nachts in seinem Wohnzimmer in Notwehr einen Einbrecher. Bei diesem handelte es sich offenbar um Freddy Russel, Sohn des kriminellen Koreaveteranen Ben Russel (Sam Shepard), der erst vor Kurzem aus dem Gefängnis entlassen wurde und mit der Situation alles andere als glücklich ist: er bedroht Richards Familie, zuvorderst dessen kleinen Sohn Jordan (Brogan Hall). Russel Sr. kann jedoch rechtzeitig geschnappt und dingfest gemacht werden. Als Richard Freddys Fahndungsfoto erblickt, ist er sich sicher, dass es sich bei dem Erschossenen nicht um den Gesuchten handelt und Ben somit keinen Grund hätte, sich an ihm zu rächen. Durch Zufall sieht er in der folgenden Nacht, dass der Sheriff (Nick Damici) Ben beiseite schaffen und von einem Zug überrollen lassen will. Kurzerhand befreit Richard Ben und macht sich zusammen mit ihm und mit der Unterstützung von Bens altem Kriegskumpel und jetzigem Privatschnüffler Jim Bob Luke (Don Johnson) auf die Suche nach der Wahrheit, die dem Trio alles andere als behagt: Der echte Freddy (Wyatt Russell) trat als Kronzeuge gegen die Dixie-Mafia auf, lebt nun unter einem neuen Namen und hat mit ein paar Kumpels einen florierenden Snuff-Movie-Ring aufgezogen, für den sie illegale Einwanderinnen aus Mexiko zu Tode quälen. Für Ben ist klar: Ein solcher Sohn gehört väterlicherseits aus der Welt getilgt.

Nach mehreren Arbeiten im Horrorgenre machte sich Jim Mickle an diesen finsteren, manchmal schwarzhumorigen post noir vor südstaatlichem Lokalkolorit, gleichfalls eine Romanadaption des in vielerlei Trivialkulturfächern umtriebigen Autors Joe R. Lansdale. Es erwies sich für mich als vorteilhaft, praktisch nichts über den Inhalt von „Cold In July“ zu wissen, so gerierten sich die Plotkapriolen, die den Film völlig anders enden lassen als er zu Beginn noch mutmaßen lässt, umso bizarrer und wirkungsvoller. Wo der Anfang, der Sam Shepard als mysteriösen, alten Rächer einführt, welcher das kleine Familienglück des eher einfältigen Bilderrahmenverkäufers Richard Dane bedroht, noch recht konventionell und vertraut erscheint – Werke wie „Cape Fear“ oder „A History Of Violence“ brechen sich Bahn zurück ins Rezpientenbewusstsein – zerfällt jener kammerspielartig bis psychologisch behauchter Ansatz nach rund einem Drittel und die beiden vormaligen Antagonisten stehen plötzlich auf derselben Seite. Ergänzt freilich durch einen dritten Charakter, der geradewegs aus dem Neunziger-Pulp-Universum von Tarantino, Rodriguez, den Coens und ihren vielen Nachzüglern hier hinein gepurzelt scheint: Don Johnson als Jim Bob Luke, Schweinefarmer und lustiger Detektiv mit flotter Lippe transportiert eine angesichts des späteren Sujets eklektische Komik, von der ich mich bislang nicht sich bin, ob ich sie als der Atmosphäre ab- oder zuträglich bewerten soll. Mit einer sich in den Untergrund der Snufffilmer begebenden Wendung rechnet man zunächst jedenfalls nicht, ebensowenig wie dem knüppelharten Showdown, in dem das seltsame Freundestrio über sich hinauswächst und die kleine Videomafia gnadenlos von der Bildfläche putzt.
Für Richard Dane als Protagonist und Publikumsagenten kommt sein Trip einer Mixtur aus einer Odyssee in eine bis dato unwahrgenommene Parallelwelt, aus einer Kurzreise in unvermutetes Heldentum und einem Wochenendausflug in die Hölle gleich: Im einen Moment noch biederer Verkäufer, steht er im nächsten einer Horde übelstem Gewaltverbrecherabschaum gegenüber, eine doppelläufige Schrotkanone in der Hand. Am Ende kehrt er zurück zu Frau und Kind, die von seiner Tour in die Schatten nichts ahnen und legt sich ebenso dankbar wie nachdenklich zu ihnen ins Bett. Körperlich bis auf eine abeschossene Ohrmuschel unversehrt, werden ihn die Erfahrungen der letzten Tage dennoch zu einem anderen Menschen machen.

7/10