MOTHER NIGHT

„All the best writers are dead.“

Mother Night (Schatten der Schuld) ~ USA 1996
Directed By: Keith Gordon

Howard W. Campbell Jr. (Nick Nolte) sitzt in einem Jerusalemer Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, gleich in der Zelle über ihm den in derselben Situation befindlichen Adolf Eichmann. Campbell war während des Zweiten Weltkriegs als Schriftsteller und Dramatiker in Deutschland und dort für eine vielbeachtete Radiopropaganda-Reihe der NSDAP zuständig als Autor und Verleser antiamerikanischer und antisemitischer Essays. Was weder die Nazis noch irgendjemand sonst ahnen konnte: Campbell arbeitete, rekrutiert von dem geheimnisvollen Frank Wirtanen (John Goodman), im Auftrag des US-Geheimdienstes und brachte im Zuge seiner Radioauftritte verschlüsselte Geheimbotschaften in den Äther, die ihm jeweils vorab heimlich zugeschoben wurden. Campbells Spionagestatus wurde jedoch nie öffentlich gemacht und so gilt er auch nach Kriegsende und zurück in New York weiterhin als „Stimme der Nazis“. Seine geliebte Frau Helga (Sheryl Lee) kam noch während der Kriegswirren zu Tode und mit ihr der größte Teil von Campbells eigenem Lebenswillen. In Greenwich Village lernt er dann seinen Nachbarn George Kraft (Alan Arkin), einen nicht minder verzweifelten Maler, der zu Campbells bestem Freund wird. Später taucht Helgas kleine Schwester Resi (Sheryl Lee) auf, die, mittlerweile erwachsen, Helga wie aus dem Gesicht geschnitten ist und sich zunächst als die Verstorbene ausgibt. Auch ein verquerer, rassistischer Geheimbund tritt an ihn heran, der angeblich den entdeckungsgefährdeten Campbell, Kraft und Resi die Flucht nach Mexiko ermöglichen will. Was Campbell nicht ahnen kann: All diese merkwürdigen Fügungen geschehen keineswegs zufällig…

Keith Gordons (antizipierbar) kommerziell bös gefloppte Vonnegut-Adaption ergreift und transponiert den stets etwas mysteriösen Duktus des bedienten Autors auf brillante Art und Weise und macht daraus eine der vorrangigsten Literatur-Verfilmungen mindestens der neunziger Jahre. An „Mother Night“, dem Film, gibt es nichts, was nicht passgenau wäre; das gesamte Geschehen schwebt, es sich stets bequem machend auf einer leicht federnden Wolke aus Surrealismus und leiser Ironie, mit aller gebotenen Entschleunigung vor sich her. Nicht nur George Roy Hills brillanter „Slaughterhouse-Five“ blitzt durch seine nebulösen Astlöcher, auch den bitter-transzendenten, jüdischen Humor großer Comic-Autoren wie Will Eisner oder Art Spiegelman ist man versucht, nahezu pausenlos herauszuspüren. Als Soldat, Kriegsteilnehmer und Überlebender der Bombardierung von Dresden hatte Vonnegut es kaum nötig, über das Wesen des Krieges zu schreiben. In „Mother Night“ ging es ihm vielmehr um das nicht minder eigenartige Echo jener Weltzäsur und ebenso um das komplexe Verhältnis von Schuld, Geständigkeit, Reue und die nahezu aussichtslose Möglichkeit der Weiterexistenz mit alldem. Howard Campbell Jr. mag ein Spion sein; seiner Faszination für das nazifierte Deutschland, für Führerkult und Drittes Reich, das ihn als „Überläufer“ hofiert und ihm Zugang zur höchsten Systemspitze ermöglicht, tut dies keinen Abbruch. Möglicherweise ist sein geheimer Einsatz für die Alliierten auch bloß eine reine Kopfgeburt; eine dem intellektuellen Rest an Vernunft entstammende Rechtfertigung für die Gewissheit, als Adlatus des Grauens zu fungieren. Mit Glanz und Glamour ist es nach dem Krieg vorbei. Depressiv und sich nutzlos wähnend vegetiert Campbell einsam und verlassen in New York dahin. Seine Nachbarn sind neben Kraft zwei Auschwitz-Überlebende, Mutter (Anna Berger)  und Sohn (Arye Gross). Während die ältere Dame Campbell, der seinen Namen trotz seiner zweifelhaften Popularität nicht geändert hat, zu erkennen glaubt und ihm die Pest an den Hals wünscht, will ihr als Mediziner tätiger Sohn von dem Kapitel „Holocaust“ am liebsten gar nichts mehr wissen. Eine weitere der vielen Ambivalenzen, die sich durch „Mother Night“ ziehen und die ihren satirischen Höhepunkt gewissermaßen in einem verrückten, farbigen Nazi (Frankie Faison) finden, der die Gruppe von „white supremacists“ lauthals unterstützt. Schein und Sein bleiben in Vonneguts Welt nie ganz  säuberlich getrennt, einer permanenten Wellenbewegung gleich nähern sie sich immer wieder tangential an und stoßen sich dann mit umso kräftigerer Vehemenz wieder voneinander ab. Am Ende dann, als das Schicksal im Begriff ist, Campbell erneut einen Ausweg zu offerieren, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den der Selbstrichtung. Auch hier bleibt Gordons Regie noch meisterhaft und lässt und, gemeinsam mit der Kamera, wegsehen. Wie Campbell selbst bis zu diesem finalen Schuldeingeständnis Wegsehen und Ignoranz kultiviert hat, jahrzehntelang.

9/10

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SNOWDEN

„Terrorism is just an excuse.“

Snowden ~ USA/D/F 2016
Directed By: Oliver Stone

Nachdem Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) im Sommer 2013 die USA endgültig verlassen hat, trifft er sich in Hong Kong mit der Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) und dem Journalisten Glenn Greenwald (Zachary Quinto), um ihnen zu eröffnen und zu beweisen, was er während seiner vormaligen Tätigkeit für die amerikanischen Geheimdienste in Erfahrung gebracht hat: NSA und CIA befleißigen global operierende Abhörprogramme, mittels derer sämtliche mediale Kommunikationswege ausgekundschaftet und die gewonnen Daten auf Vorrat gespeichert werden. Ob es sich dabei um tatsächlich verdächtige Staatsfeinde oder Kriminelle handelt, ist sekundär; prinzipiell wird jeder Bürger der freien Welt zunehmend gläsern. Sowohl private als auch berufliche Erlebnisse bringen Snowden dazu, sein Wissen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Damit macht er sich selbst zum gesuchten Spion, der seither gezwungen ist, im russischen Exil zu leben.

Die Geschichtes des nunmehr knapp 34-jährigen whistleblowers Edward Snowden ist ja wie gemacht für einen stoneschen Filmstoff; gäbe es das reale Vorbild und seine Tätigkeit nicht, Oliver Stone hätte es sich quasi ausdenken müssen. Die nach wie vor akute Brisanz und Aktualität des Falles machte sich bereits in der Vorproduktionsphase des Films bemerkbar – Stone fand bei den großen US-Studios niemanden, der bereit gewesen wäre, sein Projekt zu finanzieren, geschweige denn anderweitig zu unterstützen. Geldgeber fand er letzten Endes in Europa, unter anderem in Deutschland. Der finanzielle Flop von „Snowden“ an den Kinokassen ist insofern mehr denn bedauerlich, da es dem ehrgeizigen und immens wichtigen Werk unbedingt vergönnt gewesen wäre, wesentlich größere Popularitätskreise zu ziehen. Unabhängig von Snowdens ungeheuerlichen Aufdeckungen interessiert sich Stone, der sein Handwerk bekanntermaßen virtuos beherrscht, auch für den privaten Werdegang und die Persönlichkeit seines Titelhelden, was dem Film ein sich als unerlässlich erweisendes, emotionales Gewicht verleiht: Snowden ist weder strahlender Ritter, noch unkomplizierter Heros. Zunächst wähnt er sich als unbedingter, naiver Patriot, der seinem Land gern als Soldat diente, wegen seiner schwachen physischen Konstitution jedoch darauf verzichten muss. Die nächste Station ist dann die des IT-Experten im Staatsdienst, eine Position, in der er sich als hervorragend erweist. Umso rasanter sein Aufstieg innerhalb der Geheimdienst-Hierarchie und der Umfang seines Zugriffs auf vertrauliche Daten. Momente erschütternder Erkenntnisse folgen; das Vertrauen in Staatsräson und -führung schmilzt dahin; die Arbeit für die NSA wird zum psychisch fordernden Spießrutenlauf. Snowden leidet bald unter stressbedingten, epilleptischen Anfällen und ist auch sonst körperlich stark angegriffen. Die Beziehung zu seiner geliebten Lebensgefährtin Lindsay Mills (Shailene Woodley), die er wegen seiner Angst um ihre Sicherheit nicht in seine Geheimnisse einweiht, zeigt sich zunehmend bedroht. Stone gelingt es, die Ängste, Zweifel und Zwiespalte, denen Snowden sich mehr und mehr ausgesetzt sieht, ebenso nachvollziehbar und transparent zu machen wie sein erschüttertes Ethos, das sich schließlich in der Flucht nach vorn entlädt. Ebenso gerät „Snowden“ durch die nachgerade sympathischen Darstellungen von Poitras und Greenwald zum Hohelied auf eine freie, unabhängige Berichterstattung als Gegengewicht zur Regierungswahrheit. Und bezeichne sie sich auch als noch so „demokratisch“. Prädikat: unerlässlich.

9/10

 

TARGET

  „A long time ago I worked for the CIA.“ – „Did you kill people?“

Target ~ USA 1985
Directed By: Arthur Penn

Als Donna (Gayle Hunnicutt), die Frau des Holzunternehmers Walter Lloyd (Gene Hackman) während eines Europatrips in Paris gekidnappt wird, reisen er und sein entsetzter Sohn Chris (Matt Dillon) unverzüglich auf den alten Kontinent, um vor Ort mehr über die Entführung zu erfahren. Im Zuge der aufregenden Reise muss Chris auf schonungslose Weise erfahren, dass die Biographie seiner Familie gefälscht und eine Lüge ist: Sein Dad war vor Jahren CIA-Agent, der sich seiner jungen Familie zurliebe zur Ruhe gesetzt und eine neue Identität angenommen hat. Jetzt will ihn offenbar jemand von der Gegenseite aus dem Weg haben, der noch eine alte Rechnung mit Walter, der eigentlich Duke Potter heißt, offen hat. Doch die Dinge sind nicht, wie sie scheinen; es gibt noch einen unbekannten Strippenzieher im Hintergrund.

„Target“ ist ein Vorzeigebeispiel für den künstlerischen Identitätsverlust, den zahlreiche Filmemacher der Ära New Hollywood durchleben mussten, nachdem die Studios sich wieder gefangen und den Blockbuster für sich entdeckt hatten. Arthur Penn, ohnehin ein vergleichsweise gealterter Protagonist der Bewegung und ohnehin von Haus aus spärlicher Arbeiter, hatte in den zehn Jahren zuvor lediglich drei Filme inszeniert, sollte sich bald dem Fernsehen zuwenden und dann ganz aus dem Geschäft zurückzuziehen. Wenngleich „Target“, seine dritte Zusammenarbeit mit Gene Hackman, jedem routinierten Genreregisseur zur Zierde gereichte, spürt man kaum mehr, hier der Arbeit eines Mannes ansichtig zu sein, der mit „Bonnie & Clyde“ oder „Little Big Man“ hinter eminenten Hauptwerken der gesamten amerikanischen Kinohistorie steht. „Target“ ist ein in seinem Timbre überdeutlich von seinen (mitteleuropäischen) Schauplätzen beeinflusster Cold-War-Thriller, dessen anfangs etwas verworren anmutender Plot sich irgendwann zu einer recht trivialen Auflösung vorarbeitet und den eigentlich doch so hübsch konfliktträchtigen, dramaturgisch vielversprechenden Vater-Sohn-Subplot irgendwann einfach beiseite drängt. Auf der Haben-Seite wären natürlich Hackman, der ja sowieso jeden Film bereits durch seine bloße Anwesenheit aus dem Mittelmaß katapultiert zu nennen, sowie eine ziemlich tolle Verfolgungsjagd  am Hamburger Hafen; Speicherstadt und Landungsbrücken inklusiv. Einen dialoglosen Miniauftritt  gönnte man übrigens noch Krauskopf Werner Pochath, der als Adlatus des (vermeintlichen) Bösewichts (Rollenbezeichnung: „Young Agent“) eine etwas obskure Rolle zu bekleiden hat. Immerhin ein erfrischender Lichtblick zwischendrin, während man gerade mal wieder dabei ist, erfolglos nach dem alten, inspirierteren Penn zu fahnden.

7/10

BEAR ISLAND

„We have a murderer among us.“

Bear Island (Die Bäreninsel in der Hölle der Arktis) ~ UK/CA 1979
Directed By: Don Sharp

Ein multinationales Forscherteam soll für ein paar Monate auf einem Eiland in der Barentssee die Folgen der Gletscherschmelze für den Klimawandel beobachten. Tatsächlich interessieren sich jedoch einige der Mitreisenden, darunter eine Gruppe verdeckter Neonazis, keineswegs primär für ihr wissenschaftliches Sujet, sondern für einen alten U-Boot-Hafen der deutschen Kriegsmarine. Für den deutschstämmigen Amerikaner Dr. Lansing (Donald Sutherland) indes ist es eine Reise zu den eigenen Wurzeln, denn sein Vater war hier einst als Offizier stationiert und gilt seither als verschollen. Die Interessen des Teamleiters Gerran (Richard Widmark) oder des sowjetischen Teilnehmers Lechinski (Christopher Lee) derweil sind zunächst schleierhaft…

Dass die Zeit für die Reißer-Adaptionen nach dem „Herrenromancier“ Alistair MacLean irgendwann auch ihren Zenit erreicht hatte, zeigte der gepflegte Kasseneinbruch von „Bear Island“. Im Gegensatz zu früheren, gloriosen Kriegsabenteuern vermochte diese Spionagemär um Nazigold und Saboteure mit kleineren Bond-Anleihen hier und da keine Publikumsscharen zum Kassenhäuschen zu locken, ganz zur Enttäuschung von Produzent Peter Snell, der ehedem plante, „Bear Island“ zum Startschuss einer ganze Reihe von MacLean-Verfilmungen zu machen, deren Rechte er sich zuvor wohlweislich gesichert hatte. Was Don Sharp anbelangt, so assoziiere zumindest ich seinen Namen mit Beiträgen zur „Fu-Manchu“-Reihe mit Christopher Lee oder mit seinen Hammer-Filmen und weniger mit seinem übrigen output, der tatsächlich eher durchwachsen scheint. So ist „Bear Island“ insbesondere ein weiteres Beispiel für die besonders in den kommerziell orientierungslosen siebziger Jahren, ein tüchtiges Straufgebot für einen relativ lauen Filmstoff zu verheizen. Für den hier vorliegenden ergibt sich das Problem einer weitgehend uninteressanten Motivlage der breit gestreuten Protagonisten; wer da genau was plant und/oder vorhat, wird erst so spät vom Drehbuch veröffentlicht, dass es dem Rezipienten zu diesem Zeitpunkt auch schon wieder egal ist. Kinetisches Herz des ansonsten eher als bewegungsarm zu bezeichnenden Films ist eine Verfolgungsjagd zwischen Schnee-Scootern und Amphibienbooten, deren Rasanz beinahe schon unpassend wirkt angesichts des sonstigen Zeitlupentempos. Nichtsdestotrotz: Wer mich kennt, weiß, dass ich stets ein Herz hatte für betagte, vergessene bis scheiternde und stargesäumte Versuche, die nur scheinbar kalkulationsaffine Erfolgsklaviatur des Kinos zu bedienen. Daran zeigt sich zum Einen die Unkalkulierbarkeit der Publikumsgelüste und bildet sich zum anderen eine immer vollständiger werdende Chronik jener filmischen Seitenarme vor einem aus. Als „pars pro toto“ ist „Bear Island“ also auch heute noch von ganz speziellem, bleibendem Wert.

6/10

CRIMINAL

„You hurt me – I hurt you worse.“

Criminal (Das Jerico-Projekt – Im Kopf des Killers) ~ USA/UK 2016
Directed By: Ariel Vromen

Der Spion Bill Pope (Ryan Reynolds) wird ermordet, bevor er seinen letzten Auftrag erfolgeich zu Ende bringen kann. Jener sah vor, den Hacker Jan Strook (Michael Pitt), genannt „Dutchman“, der zuvor mit dem megareichen Anarcho-Terroristen Xavier Heimdahl (Jordi Mollà) zusammengearbeitet hatte, in Sicherheit zu bringen. Strook hat im Auftrag von Heimdahl ein Programm entwickelt, mit dem er sich in sämtliche militärischen Abwehrsysteme der Westmächte einloggen und diese nach Belieben steuern kann – für Heimdahl eine formidable Möglichkeit, die Weltgemeinde seinem Ansinnen gemäß auf Null zurückzuschleudern und neu beginnen zu lassen. Damit es trotz Popes Ableben nicht dazu kommt, zieht man den Gehirnexperten Dr. Franks (Tommy Lee Jones) hinzu, der einen Weg gefunden hat, die neuralen Muster einer Person auf die einer anderen zu übertragen, welche entsprechende physische Voraussetzungen mitbringt. Eine solche findet sich unfreiwilligerweise in dem asozialen Schwerverbrecher Jerico Stewart (Kevin Costner), der wegen einer spezifischen Hirnschädigung keine Emotionen oder Schuldschemata kennt. Nach der Operation kann Stewart fliehen, doch Popes Erinnerungen durchfluten bald ebenso seine Gedankenwelt wie die Gefühlswelt des Verstorbenen…

Ich hätte von Ariel Vromen nach dessen gelungenerem Vorgängerfilm „The Iceman“ ja ehrlich gesagt etwas mehr erwartet als diesen eher einfältig geratenen Espionage-Fiction-Schmarren, der seine Existenzberechtigung letztlich nur aus der einen Tatsache bezieht, dass seine unglaubliche Besetzung (neben Costner, Reynolds und Jones bekommt man Gary Oldman, Scott Adkins in einer leider viel zu kleinen Rolle und die neue „Wonder Woman“ Gal Gadot) sozusagen entgegengesetzt proportional zu seiner ziemlich dämlichen Geschichte arbeitet. Der Cast wird sicher auch einen Hauptgrund dafür gestellt haben, dass Vromen überhaupt Interesse daran hatte, „Criminal“ zu inszenieren; vermutlich würde jeder in Hollywood tätige Nachwuchsregisseur mit karrieristischen Aufstiegsambitionen sich einem Projekt mit einer derart prominenten Darstellerriege verschreiben. Dabei präsentiert der Film wenig anderes als eine hübsche Menagerie alter bis uralter Hüte: Die alte Mär vom Hirnpfusch mit einer Art mentalem Frankenstein-Monster zwecks Konservierung wichtiger Informationen, ein zunehmend reumütiger Hartarsch (Costners Performance lässt sich relativ umweglos als Reprise seines Butch Haynes aus Eastwoods „A Perfect World“ erkennen), die Geburt eines Superagenten, der seine Fähigkeiten daraus bezieht, plötzlich über zwei höchst diametrale Persönlichkeitsmuster zu verfügen, schließlich ein Bösewicht wie aus einem Bond-Film. In den Achtzigern hätte das als Pilotfilm für eine flotte TV-Serie hergehalten (die letzten Filmsekunden deuten sogar Entsprechendes an), in den Neunzigern wäre sowas noch bei Pepin/Merhi oder bei wirtschaftlich ähnlich aufgestellten Produzenten von etwas einfacheren filmischen Kurzwaren gelandet. Heute lässt sich ein mittelgroßes Studio einen solch albernen Spaß gut dreißig Millionen Dollar kosten und verwurstet dafür zudem noch eine Garde gestandener Akteure in der Hoffnung, mit diesem immerhin unterhaltsamen Blödsinn den großen Reibach zu machen. Die Quittung dafür war, dass „Criminal“ ziemlich bös gefloppt ist und es hierzulande noch nichtmal bis in die Kinos schaffte. Das ist wiederum schade, denn zumindest eine kleine Chance hätte ihm dann doch zugestanden. So bin ich großmütig bereit, dem Film seinen etwas infantilen Charakter nachzusehen und ihn zumindest okay zu finden. Warum auch nicht?

6/10

SOLDIER OF FORTUNE

Zitat entfällt.

Soldier of Fortune (Running Hero) ~ I 1990
Directed By: Pierluigi Ciriaci

Nachdem er infolge seiner letzten Mission das Kurzzeitgedächtnis verloren hat, lässt sich Elitesoldat Miles (Daniel Greene) trotz anderslautender Vorsätze doch wieder für einen neuen Auftrag rekrutieren: Er soll den ausgeflippten Professor Rossi (George H. Thausanij), Experte für Flugantrienbssysteme, über die afghanische Grenze zur Abstutzstelle einer brandneuen MIG eskortieren, damit Rossi dort die Technik des Fliegers analysieren kann. Bald schon rasselt man vor Ort mit den Sowjets aneinander, derweil Miles‘ Auftrag von höherer Stelle gecancelt wird. Außerdem scheint sich nahe des MIG-Wracks in den mysteriösen Mondbergen noch ein viel größeres Geheimnis zu verbergen…

Pierluigi Ciriaci tut mir ein bisschen leid. Das, was ihm ganz offensichtlich vorschwebte, als er das Projekt „Soldier Of Fortune“ in Angriff nahm, war von Anfang an drei bis acht Nummern zu groß. Während man sich zunächst in einer Motivgemengelage zu befinden glaubt, die von Robert Ludlum über die beiden späteren „Rambo“-Filme bis hin zu „Indiana Jones“ einen ganzen Einkaufskorb voller abendländischer Genreeinflüsse verwurstet, kommt zum Schluss noch ein kräftiger Schuss SciFi hinzu, der den Film in seiner Gesamtheit endgültig so herrlich unplausibel macht, dass man ihn schon wieeder mögen muss. Daniel Greene, der trotz seiner sicherlich beeindruckenden Physis immer eher ein netter Strahlebär war denn ein glaubhafter Ballermann bleibt auch hier viel zu sympathisch, als dass man ihm den seiner Figur ins Drehbuch geschriebenen Zynismus abzunehmen bereit wäre. Da hilft es auch nichts, dass er sich (in den unpassendsten Momenten freilich) immer wieder arschcool ’ne Kippe anzündet. Doch, ich mag Ciriacis Film, obschon es dafür eigentlich überhaupt keinen vernünftigen Grund gibt. Das alte Problem, dass Schauplatz und Dreh-Location par tout keine Übereinstimmung vollziehen wollen, haben wir bei „Soldier Of Fortune“ einmal mehr. Was man uns hier als Hindukusch anzudrehen trachtet, sind nämlich in Wahrheit exakt dieselben jugoslawischen Kreidefelsen, durch die einst schon Pierre Brice und Lex Barker geritten sind. Der Amnesie-Nebenplot, ein abtrünniger Russe, der die Weltherrschaft anstrebt, Bo Svenson als einäugiger Kommisshaudegen, das damals mal ganz kurz angesagte Penthouse-Pet Danuta (Lato) in einer Nebenrolle, eine mysteriöse Schamanin im Hintergrund und schließlich eine aus dem All zurückgekehrte (und durch die Zeit gereiste!!!) Kugel – das ist für die schmalen Schultern dieses Films alles irgendwie ein bisschen viel. Kein Wunder also, dass die Story um jenes kreisrunde Artefakt quasi in zwei Nebensätzen während der letzten fünf Filmminuten abgehandelt wird. Und wenn das Kügelchen dann zum Abspann nochmal erwartungsvoll ins Bild rollt, um zu signalisieren, dass es immer noch da ist, dann beschleicht einen ganz kurz das Gefühl, Ciriaci habe hier eine verlorene Schnapswette einlösen müssen. Aber wirklich nur ganz kurz.

5/10

THE SALZBURG CONNECTION

„10 Minutes…“

The Salzburg Connection (Top Secret) ~ USA 1972
Directed By: Lee H. Katzin

Um eine ausbleibende Lieferung von Naturfotografien nachzuverfolgen, kommt der New Yorker Anwalt Bill Mathison (Barry Newman) nach Salzburg. Vor Ort muss er feststellen, dass der betreffende Künstler, Richard Bryant (Patrick Jordan), in eine Spionageaffäre geschlittert ist und von Unbekannten getötet wurde. Bryants Frau Anna (Anna Karina) und deren Bruder Johann (Klaus Maria Brandauer) wissen, worum es wirklich geht: Um eine Stahlkiste vom Grunde des unweit gelegenen Finstersees, die Kopien von Namenslisten um bislang unentdeckte Nazi-Kollaborateure enthält, die im Falle des Falles „reaktiviert“ werden könnten. Diese Kiste ist von einigem Wert – für die Altnazis selbst, für den Mossad, für den US-Geheimdienst und diverse andere Spione, die plötzlich in und um Salzburg herum auftauchen. Mathison hat alle Hände voll zu tun, die arme Anna und sich selbst zu beschützen.

Die Entlarvung von und die Jagd auf Altnazis war um die Spätsechziger und Frühsiebziger, nachdem Eichmann bereits 61 in Jerusalem der Prozess gemacht worden war und die Israelis sich weiter rege um die globale Ergreifung früherer NS-Funktionäre bemühten, auch Gegenstand diverser Spionagegeschichten. Wer eine rundum gelungene, spannende Romanadaption ums Thema sehen möchte, dem sei Ronald Neames drei Jahre später entstandener „The Odessa File“ nach Frederick Forsyth angeherzt, in dem sich Jon Voight als investigativer Journalist auf die Suche nach Sturmbannführern und ähnlich geartetem Gesocks begibt. „The Salzburg Connection“ nun geht zwar auch durchaus in Ordnung, kriegt die Kurve aber nicht so ganz. Auch hier haben wir, wie so häufig, einen Film, der am Ende nicht halten kann, was seine illustre Besetzung verspricht. Neben den Erwähnten darf man noch Wolfgang Preiss und Whit Bissell begrüßen; Udo Kier und Johann Buzalski geben sich nach „Hexen bis aufs Blut gequält“ einen neuerlichen, gemeinsamen Einstand – wenngleich sie leider keine Szene zusammen haben. Mein lang gehegten Verdacht allerdings, dass Lee H. Katzin dann doch besser beim Fernsehen aufgehoben war, bestätigt „The Salzburg Connection“ wieder einmal eindrucksvoll: Der Mann schafft es par tout nicht, die Dynamik einer handelsüblichen Episode jedweder x-beliebigen TV-Serie auf Leinwandformat auszuweiten; selbst eine potenziell aufregende Verfolgungsjagd durch Salzburg entlockt kaum mehr denn ein gutmütiges Lächeln. Wo ein kunterbunter Spionagezirkus, wie die Vorlage ihn offenbar entwirft, einen engagierten Regisseur zu einem atemlosen Ringelreihen animiert hätte, herrschen hier gleichmütige Gefälligkeit und Durchschnittsanspruch. Wäre die erstklassige Darstellerriege nicht, der längst bereitete Mantel des Vergessens verwunderte in diesem Falle sicher niemanden.

5/10