BOMB CITY

„They’ve gone too far, man.“

Bomb City ~ USA 2017
Directed By: Jameson Brooks

Amarillo, Texas, 1997: Nach einem Trip an die Ostküste kehrt Punk Brian (Dave Davis) in seine Heimatstadt und zu seiner Familie zurück. Die Subkultur und seine alten Kumpels empfangen ihn mit offenen Armen, doch ein friedliches Auskommen ist Brian nicht vergönnt: die Jocks des lokalen High-School-Football-Teams, allen voran der latent aggressive Cody Cates (Luke Shelton) akzeptieren das unangepasste Auftreten und die Verweigerungshaltung der Punks nicht. Damit erfreuen sie sich immerhin der Sympathie der Polizei, die die beiden Cliquen mit höchst unterschiedlichen Handschuhen anfasst. Immer wieder kommt es zu sich intensivierenden Scharmützeln zwischen den jungen Leuten, bis Cody eine Sicherung reißt und die Katastrophe da ist.

Der Mord an Brian Deneke, einem neunzehnjährigen, ursprünglich aus Wichita stammenden Punk, bewegte und bewegt nicht nur die globale Szene der bunten Mohawks und abgewetzten Lederklamotten. Er ist ein bleibendes Beispiel dafür, mit welcher Bigotterie in den USA Minoritäten jedweder Kuleur behandelt und auch bestraft werden. Am 12. Dezember 1997 wurde Brian Deneke von dem zwei Jahre jüngeren Nachwuchs-Football-Star Dustin Camp nach einer Auseinandersetzung zwischen seinen und Brians Freunden gezielt überfahren. Vor, während und nach der Tat stieß Camp triumphierende Sprüche betreffs seiner Aktion aus, die mit ihm im Wagen sitzende Freunde gerichtlich bezeugten und die seine absichtsvolle Handlungsweise nachwiesen.
Jameson Brooks spinnt seine Geschichte um dieses erschütternde Ereignis und widmet sich dabei auch der nachfolgenden Gerichtsverhandlung und den sich daraus ergebenden Folgen für Dustin Camp, indem er die zu Brians Ermordung führenden Ereignisse in Rückblenden nacherzählt. Rasch wird eines offensichtlich: Camps Verteidigung bestand vor allem in der Strategie, Brian trotz seiner Ermordung nachträglich noch sozial zu diskreditieren, ihn aus Gründen der möglichen späteren Urteilsaufweichung unmöglich zu machen. Dieser Plan ging gründlich auf – Camp wurde wegen „Totschlags im Affekt“ zu einer lächerlich niedrigen Geldbuße und einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2001 verstieß er infolge von Alkoholkonsum als Minderjähriger gegen die Auflagen, wurde inhatiert und wiederum verfrüht aus der Haft entlassen.
Brooks‘ Hauptverdienst besteht, neben den Tatsachen, das spannende Portrait einer sich in widerborstigem Umfeld behauptenden Jugend-Subkultur geliefert und die ohnehin allzu spärlich besetzte Gattung der punk movies um einen eminenten Beitrag bereichert zu haben, darin, Brian Denekes Geschichte zwanzig Jahre nach ihrem traurigen Ende nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen, sondern sie in dieser besonders haltbaren Kunstform für künftige Generationen konserviert zu haben. Chapeau! dafür.

8/10

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GEGEN DIE WAND

„Keinen Stress machen drinne, ja?“

Gegen die Wand ~ D/TR 2004
Directed By: Fatih Akin

Cahit (Birol Ünel) ist Deutschtürke, 40 und Alkoholiker. Mit seiner türkischen Identität hat er gebrochen und verkehrt stattdessen lieber in der autonomen Szene Altonas. Als er mit dem Wagen frontal und ungebremst gegen eine Wand rauscht, landet er in der Psychiatrie. Dort lernt er die ebenfalls suizidale Sibel (Sibel Kekilli) kennen, die unbedingt der Zwingburg ihrer Familie entkommen will und Cahit bittet, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Nach erstem Unverständnis geht Cahit schließlich auf den Vorschlag ein, ohne realisieren zu können, dass er sich tatsächlich in Sibel verliebt hat. Unfähig, sie zu halten, geschweige denn eine funktionale Beziehungsbasis mit ihr errichten zu können, erschlägt Cahit eines Abends im eifersüchtigen Affekt einen von Sibels Liebhabern und geht dafür ins Gefängnis. Sibel reist in die Türkei, arbeitet dort und verfällt in Depressionen und alte Verhaltensmuster. Nachdem Cahit entlassen wird und Sibel, die mittlerweile Mutter einer kleinen Tochter ist, in Istanbul besucht, scheitert ein letzter Versuch, sich nochmal mit ihr zusammzuraufen. Beide gehen endgültig getrennte Wege.

„I Feel You“: Ein schmerzhaftes, tieftrauriges, packendes und abgründiges Meisterwerk ist Fatih Akin da geglückt, bewundernswert vor allem seines hellsichtigen, übergreifenden Facettenreichtums und seiner strengen, an der griechischen Tragödie orientierten Form wegen.
„Gegen die Wand“ ist durchzogen von etlichen Themenkomplexen, die den Filmemacher als Deutschtürken und „Wanderer zwischen den Kulturen“, der von beiden reichlich gekostet hat, bewegen: Zum Ersten wäre da die Divergenz und Unvereinbarkeit des türkischen Konservativismus, der in Deutschland, in Hamburg, auf pralle westliche Urbanität trifft und die, die in die entsprechenden Felsspalten rutschen, gnadenlos zermalmt. Für Cahit ist „das Türkische“ in ihm gerade noch durch die Beherrschung der Sprache existent. Ansonsten ist er das, was man landläufig als alternden Punk bezeichnen möchte: Zynisch, verlottert, versoffen, immer kurz vorm Boden und psychisch schwer gezeichnet von den schmerzlichen Erfahrungen einer ersten, tief in ihm vergrabenen Ehe. Sibel hingegen besitzt eine prototypische Borderline-Persönlichkeit: Sie verwechselt Freiheit und Glück mit Promiskuität und durchfeierten Nächten und wenn ihr etwas gegen den Strich geht, schneidet sie sich gewohnheitsmäßig die Pulsadern auf. Den einzigen Weg, sich die ersehnte Unabhängigkeit zu verschaffen, wähnt sie ausgerechnet in der Scheinehe mit dem überrumpelten Cahit. Diese beiden schwer fragilen und im Prinzip bereits zertrümmerten Seelen finden und fangen sich in einer hochtoxischen Beziehung, die sich wegen des Unverständnisses und der Verblendung von Sibels Familie dann auch umgehend legalisieren lässt, freilich, ohne dass einer der beiden Teilnehmer auch nur im Mindesten der auf sie wartenden Aufgabe gewachsen ist. Wechselseitig fügen sie sich immer tiefere psychische Wunden zu, bis jede/r von ihnen seinen ganz persönlichen Supergau erlebt – Cahit landet wegen seiner ungebremsten Wut im Knast, Sibel führt bewusst eine Vergewaltigung mit beinahe erfolgreichem Totschlag herbei. Gewissermaßen erfahren die Zwei dadurch eine lang ersehnte Form der Läuterung und zumindest Sibel auch das nötige Maß an Mündigkeit und Vernunft, Cahit endgültig zu ent- und einer tradierten, für sie jedoch einzig möglichen Form der Existenz zuzusagen, auch, um künftig für ihr Kind da sein zu können. Ob es auch für ihn noch eine Art von Erlösung geben kann, lässt der Film offen.

10/10

MANDY

„I’m your God now.“

Mandy ~ USA/UK/B 2018
Directed By: Panos Cosmatos

1983, irgendwo abgeschlagen in einem parallelen Amerika. Eine Gruppe satanistischer LSD-Hippies unter dem Vorsitz des größenwahnsinnigen Jeremiah Sand (Linus Roache) entführt mithilfe einer Gruppe durch Drogenexperimente derangierter Motorradfreaks den Waldarbeiter Red Miller (Nicolas Cage) und seine Freundin Mandy (Andrea Riseborough). Letztere soll sich Sand sexuell gefügig machen, was jedoch völlig in die Hose geht. Aus verletzter Eitelkeit heraus lässt Sand Mandy bei lebendigem Leibe verbrennen und den vermeintlich tödlich verletzten Red dabei zusehen. Dieser kann sich jedoch befreien und begibt sich auf einen blutigen Rachefeldzug gegen die esoterische Brut.

In den letzten Monaten führte in den Reihen der Online-Cinephilie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Wahrnehmungsweg an „Mandy“ vorbei. Die zweite Regiearbeit von Panos Cosmatos, Sohn des 2005 verblichenen Filmemachers George Pan Cosmatos, wird von etlichen Filmfreunden allenthalben gralsartig vergöttert und verklärt. Dies sei Nicolas Cages großes Comeback nach einem langsam aber sicher besorgniserregenden Loch der DTV-Unebenheiten heißt es da, oder dass „Mandy“s wabernde Audiovisualität, die sich mit Nachdruck vor allem in seiner blutrotgefilterten Photographie und dem typisch dröhnenden Score des just verstorbenen, isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson expediert, bahnbrechend frisch und unverbraucht wirke.
Am Ende, das ist ja meistens so, kann die finale Begegnung der zuvor befeuerten, unbändigen Euphorie natürlich nicht das Wasser reichen. Das Meisterwerk, das manche in ihm sehen, dürfte „Mandy“ keineswegs sein, vielmehr eine in ihren tieferen Seelenebenen überaus schlichte Grindhouse-, Exploitation- und Zeithommage, ein (sehr vorsätzliches) trip movie, das Acidrausch und Wahnwitz kalkuliert verbindet und mich vornehmlich an Jason Eiseners ganz ähnlich getrimmten und gestimmten „Hobo With A Shotgun“ erinnerte. Cosmatos verquirlt alles Mögliche, was ihm in an Verquerem und Verrücktheiten in den Sinn kommt aus Comic, Musik, Film, Literatur und lässt seinen wild irrlichternden Metzger-Orpheus Nicolas Cage ins LSD-getränkte Schneekugel-Inferno abtauchen, ohne dass dieser je die Chance zu erlösender Glückseligkeit in Aussicht gestellt bekäme. Das ist natürlich alles von vergnüglicher Abseitigkeit, oftmals von grotesker Komik und entfaltet seine vermutlich größtmögliche Wirkung vor allem beim selbst intoxinierten Rezipienten. Dieser findet dann auch erstmal recht erschlagen von dem Frontalangriff auf Sinne und Impression, vermag die Quelle der Überwältigung tags darauf jedoch unter Umständen wie jede Art von Droge als dem Glück des Moments geschuldet einordnen.
„Mandy“ ist ein guter, ambitionierter, kleiner Schweinehund von einem Film, einer jedoch, dessen Bärbeißigkeit man nicht etwa den Fehler begehen sollte, als uneingeschränkt meisterlich einzuordnen. Einer solchen Qualitätsmaßgabe wird er auf lange Sicht nämlich nicht standhalten.

7/10

AMERICAN HISTORY X

„Has anything you’ve done made your life better?“

American History X ~ USA 1998
Directed By: Tony Kaye

Nazi-Skin Derek Vinyard (Edward Norton) genießt eine massive Reputation in der „Szene“. Diese wächst nochmals tüchtig an, als er einen farbigen Einbrecher auf offener Straße erschießt und noch einen weiteren per Bordsteinbiss hinrichtet, um daraufhin drei Jahre wegen Totschlags in Chino abzusitzen. Besonders sein heimlicher Mentor Cameron Alexander (Stacy Keach), ein Vertreiber von Nazi-Musik und -Memorabilia schätzt ihn ebenso als intelligenten, eloquenten Vertreter rassistischer Ideologien und Hassbotschaften wie als gewaltbereite rechte Hand. Doch die drei Jahre Gefängnis machen aus Derek einen anderen Menschen: Das große Swastika-Tattoo auf der linken Brust ist zwar noch da, doch die Haare sind länger, das Auftreten deutlich milder, gefasster und ruhiger. Derek musste am eigenen Leibe erfahren, wie weit her es ist mit der Aufrichtigkeit der weißen Rasse; wie diese sich im Knast willfährig weiter kriminalisiert, dealt, vergewaltigt. Dereks dringendstens Ziel ist es nun, seinen zu ihm aufsehenden, jüngeren Bruder Danny (Edward Furlong) aus Alexanders Fängen zu befreien. Doch Danny hat sich andernorts bereits Todfeinde gemacht…

Unter all den jüngeren, sich (nicht nur) mit der Parallelkultur der (amerikanischen) Neonazis und rechtsextremen Skinheads befassenden Filmen genießt „American History X“ fraglos die größtflächige Beliebtheit. Die Userschaft der imdb sorgt dafür, dass er konstant unter den fünfzig renommiertesten Filmen verweilt und immer wieder ist er in Kanonisierungen zu finden, die sich mit Coming-of-Age-, Subkultur- oder ganz allgemein transgressivem Kino befassen. Dabei hatte Regisseur Tony Kaye schon während der Postproduktion die Schnauze gestrichen voll von „seinem“ Film und pausierte hernach erstmal neun Jahre, bevor er ein neues Kinoprojekt in Angriff nahm. Woher der Groll? Nachdem die Produktionsfirma New Line Kayes ursprüngliche Schnittfassung ablehnte, erstellte er eine extrem verkürzte Version, die wiederum schließlich von Hauptdarsteller Norton in ihre nunmehr bekannte Form gebracht wurde. Kaye lehnte und lehnt diese vehement ab, durfte nach Auflagen der DGA seinen Namen jedoch weder zurückzuziehen noch unkenntlich machen. Ob der von Kaye im Nachhinein veranstaltete Affenzirkus das ganze Drama um den Film in irgendeine positivere Richtung lenkte, darf bezweifelt werden. Dass er persönlich mit dem Thema noch nicht abgeschlossen hat, lässt sich einsichtsvoll an der Existenz der von ihm selbst erstellten, bisher jedoch noch nicht veröffentlichten Dokumentation „Humpty Dumpty“ festmachen.
Was bleibt unterm Strich? Der größte Verdienst von „American History X“ besteht darin, bei all dem Aufwerfen seiner komplexen Fragen keine billigen, moralinsauren Antworten zu liefern. Damit steht er am Ehesten in der Tradition von Spike Lees „Do The Right Thing“, der sich, obschon aus diametraler Perspektive heraus, zumindest ein wesentliches, finales Statement mit „American History X“ teilt: Gewalt ist keine Lösung.
„American History X“ ist kein pädagogischer und kein didaktischer Film. Er dürfte kaum dazu angetan sein, überzeugte Neonazis ad hoc zu leidenschaftlichen Aussteigern umzuerziehen, er erzählt lediglich eine – sehr tragisch und traurig verlaufende – Milieugeschichte mit einem konsequent offenen Ende. Eigentlich wäre zu erwarten, dass Derek Alexanders tumben Schlägern zum Opfer fällt und für seine Verfehlungen aus den eigenen Reihen heraus bestraft wird; stattdessen jedoch steht ein denkbar unschuldiges Opfer am Schluss – Danny, der sich bislang noch nicht offen kriminalisiert hat, wird ausgerechnet von einem afroamerikanischen Gangmitglied erschossen. Die Spirale findet kein Ende, sie dreht sich weiter, einem Perpetuum Mobile gleich, und wird dies vermutlich auch bis ans Ende aller Zeiten, weil Hass, Vorurteile und rassistisch motivierte Gewalt einer multikulturellen Gesellschaft wesentlich inhärent sind. Dieses doch sehr finstere conclusio gilt es zu schlucken, und sie erfüllt ihren Auftrag. Sie macht betroffen und schmerzt. Leider schafft es der Film bei all dieser unweigerlich ausgestellten streetwiseness nicht, gängige Klischees zu ignorieren. Nebenfiguren wie der gebildete, farbige Lehrer Bob Sweeney (Avery Brooks), der sich nebenbei als leidenschaftlicher Sozialarbeiter und bei allem Engagement zur Machtlosigkeit verdammter, sisyphosische Weltenretter hervortut, muss man ebenso in Kauf nehmen wie Elliot Gould als verprellten, jüdischstämmigen Freund der tuberkulösen und überforderten Familienmutter (Beverly D’Angelo) und wie, ganz besonders ärgerlich, Ethan Suplee als tumben, fetten Klischee-Skinhead Seth Ryan, der offenbar demonstrieren soll, in welchen sozialen Gewässern Nazi-Rattenfänger am Erfolgreichsten fischen können. Einem Typen wie Seth wäre ein Szeneausstieg nach dem Vorbild Derek Vinyards, zumindest suggeriert das der Film unweigerlich, erst gar nicht möglich. Dafür ist er letztlich zu hässlich, zu unsportlich, zu dick, zu dumm und infolge dessen zu stark fanatisiert. Aufgrund dieser Eigenschaften taugt Seth nicht zum Helden und damit auch nicht zur Identifikationsfigur und schon gar nicht zum Freidenker, anders als eben Vineyard, der im Gegenzug hinreichend „positive“ Qualitäten besitzt. An diesen Stellen erscheint „American History X“ mir nach wie vor verlogen und inkonsequent, weil er als Film, der sich genau dessen enthalten müsste, einen mehr oder weniger subtilen Persönlichkeits-, ja, Führerkult betreibt. Damit zerstört er sich nicht gleich, beschädigt sich jedoch irreparabel. Und das kann nicht im Sinne des Erfinders sein – abschließendes Lincoln-Zitat hin oder her.

7/10

I DRINK YOUR BLOOD

„I’m only a veterinarian, Pete. Your sister’s not an animal.“

I Drink Your Blood (Die Tollwütigen) ~ USA 1970
Directed By: David E. Durston

Der Teufelspriester Horace Bones (Bhaskar Roy Chowdhury) und seine Gruppe von Satanisten-Hippies fallen, nachdem sie die Teenagerin Sylvia (Iris Brooks), die sie bei einem ihrer nächtlichen Rituale beobachtet hat, vergewaltigen, in ein beschauliches Provinznest ein, um dort das zu tun, was sie am Besten beherrschen: die Bürger erschrecken. Man besetzt ein leerstehendes Haus, bettelt, was das Zeug hält und pfeift sich Gras und LSD bis zum Abwinken in die Windungen. Nachdem sie Sylvias erbosten Großvater Dr. Banner (Richard Bowler), der sich bei ihnen beschwert, kurzerhand unter Acid setzen, wird der kleine Pete (Riley Mills), Sylvias Bruder, grantig. Er erschießt einen tollwütigen Hund, zapft ihm Blut ab und mischt es den garstigen Brüdern und Schwestern unter ein paar Fleischpasteten. Die Satansbrut erlebt daraufhin den Trip ihres Lebens, verfällt durch die Bank der Tollwut und attackiert geifernd alles, was sich bewegt.

David E. Durstons rotznäsiger, kleiner Reißer bietet gleich mehrerlei an dickem Plus: er ist eine echte Wundertüte des apokryphen Frühsiebziger-Kinos, ein Inbegriff des Terminus „Exploitation“ und vor allem: ein ganz gewaltiger, unappetitlicher Spaß, der seinen Zuschauer auf eine Achterbahn der Unfassbarkeiten verfrachtet.
Der Satansanbeter Horace Bones, gespielt von dem indischstämmigen Maler und Tänzer Bhaskar Roy Chowdhury oder kurz Bhaskar, ist der Inbegriff der kleinbürgerlichen, amerikanischen Vorstellung von gesellschaftszersetzendem Abschaum – ein auf sämtliche Normen und Werte pfeifendes Subjekt von einem Gammler, dazu noch eine Art Nachwuchs-Manson. Fehlt quasi bloß noch das Bekenntnis zum Kommunismus, aber für ein solches müsste man ja Bücher lesen. In Ermangelung von heißen Motorrädern fallen Horace und seine Mädels und Jungs, die neben hochfrequentem Drogenkonsum auch noch wilde Promiskuität pflegen, also ausnahmsweise nicht unter das zu jener Zeit allseits beliebte Rocker-Stigma, sondern sind zunächst in einem psychdelisch bemalten Kleinbus unterwegs. Nachdem dieser den Geist aufgibt, sitzen sie also erstmal fest in unserer liebenswerten, repräsentativen Kleinstadt, machen sich es dort jedoch gleich mal, breitärschig, wie sie so sind, ordentlich bequem. Diese Bequemlichkeit geht natürlich schwer zu Lasten der nervlichen (und übrigen) Gesundheit der Einwohner, aber das gehört ja zum üblen Ton von derlei humanem Unrat. Zeit, dass auch ihnen mal einer einen Streich spielt und der (offenbar selbst nicht ganz dichte) Lausbub Pete kommt da gleich mit drakonischen Maßnahmen. Der vom Acid angefressene Cortex und die mit Tollwutbakterien kontaminierten Fleischpastetchen gehen eine unheilvolle Verbindung ein und schon hat man eine Horde sabbernder Wilder, die sich sogar noch irrationaler verhalten als vorher und gegen die nurmehr bloß noch mit Schusswaffe und Heugabel beikommen kann – und mit fließend Wasser natürlich, denn solches, das versichert Doc Banner, hat auf Rabiespatienten denselben Effekt wie geweihtes Nass auf den Gehörnten. Zumindest, was die Angst vor selbigem anbelangt.
Es gibt also eine ordentliche Menge Holz in diesem durchweg liebenswerten, weil nicht zuletzt gepflegt ironischem Aggroheimer von anno 70, der, so wahr ich dies hier tippe, ein legitimes Bindeglied zwischen den beiden Midnight Specials „Night Of The Living Dead“ und „The Last House On The Left“ bildet.
Ganz, ganz feiner Stoff und spitzenmäßig im Abgang!

8/10

THE DETECTIVE

„What does ‚Rainbow‘ stand for?“

The Detective (Der Detektiv) ~ USA 1968
Directed By: Gordon Douglas

Der New Yorker Detective Joe Leland (Frank Sinatra) ist ein Polizist nach Maß: Durchweg ehrlich, kultiviert und beseelt von einem geradezu ehernen Berufsethos ist sein Beruf alles, was er hat. Zumal er sich just von seiner großen Liebe Karen (Lee Remick) hat scheiden lassen müssen, da diese unter einer allzu gravierenden Borderline-Störung leidet, die sie zur pausenlosen Promiskuität zwingt. Nun hat Leland erstmal einen Fall zu klären, bei dem es um die brutale Ermordung des homosexuellen Sohns (James Inman) eines stadtbekannten Firmenbosses geht. Ein Verdächtiger – der flüchtige Untermieter (Tony Musante) des Toten – ist schnell zu Hand, ebenso wie dessen Schuldgeständnis nebst anschließender Hinrichtung. Für Leland bedeutet das die Beförderung zum Lieutenant, als ein weiterer Fall, der augenscheinliche Selbstmord eines Wirtschaftsprüfers (William Windom), nicht nur unheilvolle Immobilienklüngel zu Tage fördert, sondern auch noch Verbindungen zu dem vormaligen Schwulenmord aufweist…

Ol‘ Blue Eyes in einem letzten, verzweifelten Gegenentwurf zu seinen Cop-Genossen der nachfolgenden Dekade, von Harry Callahan über Popeye Doyle bis hin zu Frank Serpico. Sie alle könnten sich eine dicke Scheibe abschneiden von Joe Lelands Persona. Diese ist nämlich die eines Vorzeige-Großstadtpolizisten; von einem, der gepflegten Konservativismus mit liberalem Gedankengut kombiniert und vielleicht ebensogut Sozialarbeiter geworden wäre. Für Leland ist Justizia tatsächlich noch blind, unabhängig von Hautfarbe, sexueller Ausrichtung und gesellschaftlichem Status. Das Department geht ihm über alles, die Todesstrafe mag er nicht besonders, aber sie ist eben gesetzlich vorgeschrieben (eine bittere, private Lektion wird ihn später nochmal darüber nachdenken lassen), von bewusstseinserweiternden Drogen, Hipstertum und Psychiatern hält er derweil überhaupt nichts. Was Joe Leland jedoch wirklich anspitzt, ist die grassierende Korruption in den heiligen Hallen der Sozietät, vom Rathaus über den Klerus bis hin zur Hochfinanz. Hier würde er gern mal gehörig durchkehren und dafür sorgen, dass die Slums dichtgemacht werden zugunsten von ordentlichen Schulen und Krankenhäusern. Damit ist Joe Leland ein absoluter Loner, der am Ende frustriert den Dienst quittieren wird, weil er nicht länger Zahnrädchen eines von grundauf verlogenen und fehlgeleiteten Systems sein will. Dennoch ist er kein Verlierer. Seine schwachen, bestechlichen Kollegen bewundern ihn ob seiner Standfestigkeit, bei schönen Frauen hat er einen Stein im Brett. Für Callahan und Doyle dürfte er einerseits zu wenig fanatisch und andererseits nicht resignativ genug sein, für Serpico indes eine Art irrealer bis phantastischer Erlöserfigur. Lumets und Wambaughs spätere, messerscharfe Systemvivisektionen wird man hier jedenfalls noch vergeblich suchen.
Man lehnt sich jedoch nicht zuweit aus dem Fenster, wenn man Gordon Douglas‘ auf einer Romanvorlage von Roderick Thorp (deren Protagonist auch in ihrer literarischen Fortsetung, die später als „Die Hard“ adaptiert wurde, antritt) basierendes Werk als in seiner Ganzheit von einem geradezu beispiellosen Humanismus zumindest im ernsten Polizeifilm dieser Jahre beseelt findet (sicherlich auch ein Zugeständnis an die Errungenschaften von Bürgerrechts- und Friedensbewegung); zum Einen wahrt es die grundgute Naivität des uniformierten Heroen, zum Anderen besitzt es hinreichend Mut, an ehernen Institutionen zu rütteln. Obgleich „The Detective“ sich nie außerhalb der Grenzen schnörkelloser Trivialkunst bewegt. Aber gerade auf diesem Terrain liegt ja das echte Potenzial zu aufrichtiger Subversion.

8/10

GREEN ROOM

„Whatever happens – this won’t end well.“

Green Room ~ USA 2015
Directed By: Jeremy Saulnier

Die Band „The Ain’t Rights“ lebt noch ganz den Geist des Punk – Kommerzialisierung oder Anbiederung jedweder Art liegt dem Quartett (Anton Yelchin, Alia Shawkat, Joe Cole, Callum Turner) fern und man ist froh, wenn man mit dem Salär für einen Gig die nächste Tankfüllung bezahlt bekommt. Ein eher notdürftig arrangierter Auftritt führt die vier jungen Leute in die Provinz um Portland, wo sie in einem abgelegenen Club auftreten. Schnell werden sie gewahr, dass sie in einem waschechten Skin-Schuppen spielen und ihr Publikum zum Großteil aus Neonazis besteht. Mit einer bewusst provokativ angesetzten Coverversion des Dead-Kennedys-Klassikers „Nazi Punks Fuck Off“ machen sie sich zwar wenig Freunde, schaffen es aber dennoch, das Publikum halbwegs zu überzeugen. Die eigentliche Tragödie ergibt sich, als sie im Backstage-Bereich zufällig des Mordes an Renee Emily (Taylor Tunes) durch einen der Nazi-Skins (Mark Webber) ansichtig werden: Der eilends herbeigerufene Darcy (Patrick Stewart), Besitzer der Location und eine Art regionaler „grand wizard“ beschließt kurzerhand, dass die unliebsamen Zeugen um die Ecke gebracht gehören. Diesen gelingt es zunächst samt Emilys Freundin Amber (Imogen Poots), sich im Green Room zu verschanzen, doch die Situation wird immer auswegloser…

Nicht ganz so einnehmend wie Saulniers mir zudem etwas geschlossener in Erinnerung befindlicher „Blue Ruin“, aber dennoch recht ansehnlich. Der Titel verrät bereits, dass Saulnier sich diesmal vor allem für die Verdichtung und Dekonstruktion des Raumes interessiert, denn die einzige Chance der festgesetzten Punkrocker liegt darin, sich durch Kenntnis der Lokalität strategische Vorteile gegen die nazifizierte Übermacht zu verschaffen. Diese wirkt leider weniger bedrohlich als ich mir zuvor erhofft hatte: Einen ziemlich belämmerten Haufen kahlgeschorener Idioten kredenzt uns das Script, deren Mastermind ausgerechnet Captain Picard sein muss. Auch sonst wird mit Klischees nur wenig gegeizt. Seinen Rockschuppen etwa betreibt der alternde Provinznazi natürlich vor allem, um eine im Keller eingerichtete Drogenküche zu tarnen. Wär‘ man nie drauf gekommen. Immerhin gerät die Porträtierung der Musiker noch ganz passabel, wobei es zu tiefer gehenden Identifikationsoptionen kaum reicht, da das Script ziemlich rasch kurze Fuffzehn mit den jungen Leuten macht: Drei von ihnen erleben bald einen jeweils recht horrenden Exitus, während der stille Pat (Yelchin), von dem man zu Beginn noch denkt, er halte am Kürzesten durch und die mittlerweile mit ihm alliierte Amber sich den Weg freikämpfen können. Die Freiheit, das heißt in diesem Falle das angrenzende Waldstück, bedeutet dann zugleich auch endlich Überlegenheit gegenüber dem durch Heimspielvorteile begünstigten Gegner. Wie die Charakterpräsentation wirkt auch die Darstellung der Gewaltmomente betont unbeteiligt und beiläufig, was wiederum dafür sorgt, dass Empathie- und Spannungsmomente es schwer haben in diesem Film, der alles daran setzt, bloß nicht ordinär zu sein und dessen einzige größere Schwäche ironischerweise just darin liegt, dass er für einen als solchen kreditierbaren Thriller einfach nicht hinreichend packend daherkommt.

7/10