SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS

„Welcome to the circus.“

Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings ~ USA/AUS 2021
Directed By: Destin Daniel Cretton

Wie seine jüngere Schwester Xialing (Meng’er Zhang) stammt Shang-Chi (Simu Liu) aus der märchenhaften Verbindung des uralten Eroberers und Meisters der Zehn Ringe, Xu Wenwu (Tony Leung), und der aus der magischen Zwischendimension Ta Lo stammenden Wächterin Li (Fala Chen). In San Franciscos Chinatown lebt Shang-Chi, seine Vergangenheit ignorierende, unter dem unverbindlichen Alias Shaun ein unspektakuläres Leben als Servicekraft – bis sich sein Vater auf brutale Weise zurück in seine Existenz mischt. Der trauernde Xu Wenwu glaubt, einen Hilferuf seiner bereits vor Jahren getöteten Li aus Ta Lo zu vernehmen. Dass sich dahinter tatsächlich ein weltenbedrohender Seelenfänger-Drache verbirgt, der mit Xu Wenwus Hilfe aus seinem Gefängnis entfliehen will, möchte dieser nicht wahrhaben. Es ist daher an Shang-Chi, seine beträchtlichen Fähigkeiten als Kung-Fu-Meister zu perfektionieren und seinem Vater gemeinsam mit seinen Verbündeten Einhalt zu gebieten, bevor der Seelenfresser den Weg in die Menschenwelt findet.

In der vierten MCU-Phase, die ja zu nicht unerheblichen Teilen auch von ihren bis dato durchweg gelungenen Serials zehrt und lebt, treten nunmehr auch weniger populäre HeldInnen in Aktion, darunter der 1973 debütierte „Master Of Kung Fu“ Shang-Chi. Dieser war, ähnlich wie zuvor Black Panther und Luke „Powerman“ Cage“ als Repräsentanten des new black consciousness, konzipiert als Comic-Antwort auf die vor allem durch Bruce Lee personifizierte Martial-Arts-Welle. Während damals noch diverse Verknüpfungen mit der Pulp-Figur Dr. Fu-Manchu, als dessen Sohn Shang-Chi vorgestellt wurde, in den Vordergrund gerückt wurden, hat der 25. MCU-Film derlei hausbackene Klischees nicht mehr nötig. Tatsächlich scheint man sich – soweit ich als diesbezüglicher Volllaie das beurteilen kann – um die eine oder andere ernstzunehmende Verbeugung vor der reichhaltigen chinesischen Mythologie bemüht zu haben und lässt dazu passend auch manch attraktives Wuxia-Element mit einfließen, freilich nicht, ohne die diversen obligatorischen Zwinkerer Richtung comicgeschultes Publikum zu vergessen. Ganz hübsch nehmen sich etwa die Reaktivierung des verschollen geglaubten Akteurs Trevor Slattery (Ben Kingsley) oder der überraschende Gastauftritt von Emil „Abomination“ Blonsky (Tim Roth) aus. Continuity wird weiterhin groß geschrieben im MCU, auch in der vermeintlichen Peripherie.
„Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings“ ist resümierend kein wirklich besonderer oder gar großartiger Film, er gefällt jedoch als farbenprächtiges und bildgewaltiges Fantasyspektakel, das auch Kindern Freude bereiten soll und dürfte. Ich persönlich hätte mir im Gegenzug vielleicht einen etwas erwachseneren, möglicherweise finstereren Ansatz gewünscht, aber man kann ja nicht alles haben.

7/10

THE SUICIDE SQUAD

„Nom-nom?“

The Suicide Squad ~ USA/CA/UK 2021
Directed By: James Gunn

Die aus im Gefängnis einsitzenden, kriminellen oder geistesgestörten Metawesen bestehende, von Agent Amanda Waller (Viola Davis) rekrutierte „Task Force X“ aka „Suicide Squad“ erhält in weitgehend neuer Zusammensetzung einen weiteren Auftrag: Die Truppe soll auf der von einer Militärjunta beherrschten Karibikinsel Corto Maltese einfallen und eine von Regierungstruppen schwer bewachte Festung namens „Jotunheim“ zerstören, in der ein mysteriöses Forschungsprojekt names „Starfish“ beheimatet ist. Die Suicide Squad landet in zwei Abteilungen an der Küste von Corto Maltese, wobei die erste, mit Ausnahme von Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) und der verrückten Harley Quinn (Margot Robbie), unmittelbar aufgerieben wird. Die kleinere, aber deutlich wehrhaftere Abordnung besteht aus dem Söldner Robert DuBois (Idris Elba) alias „Bloodsport“, dem selbsternannten „Peacemaker“ Christopher Smith (John Cena), dem irren Laborexperiment Abner Krill (David Dastmalchian) alias „Polka-Dot-Man“, dem maritimen Halbgott Nanaue (Sylvester Stallone) alias „King Shark“ und der mit absoluter Macht über Ratten ausgestatteten Cleo Cazo (Daniela Melchior) alias „Ratcatcher II“. Gemeinsam arbeitet sich das Team bis in die Hauptstadt vor, nimmt den Projektleiter Gaius Grieves (Peter Capaldi) alias „Thinker“ gefangen und gelangt mit dessen Hilfe in die Mauern von Jotunheim. Die ursprüngliche Mission kann unter Verlusten erfüllt werden, doch mit der Einebnung des Gebäudes wird zugleich eine neue, furchtbare Gefahr entfesselt. Von nun an muss die Suicide Squad auf eigene Rechnung arbeiten…

Wie der „Guardians Of The Galaxy“-Betreuer James Gunn zu seinem Zwischenspiel beim DCEU kam, dürfte ja hinlänglich bewusst sein. Dass damit zugleich ein kleiner, kreativer Brückenschlag zwischen den beiden Comicfilm-Riesen vollzogen wurde, erweist sich als so gleichermaßen reizvoll wie schadenfreudig: Während Disney und MCU-Mastermind Kevin Feige Gunn vormals eher in weitgehend domestizierten Schranken arbeitenund seine bekanntermaßen im derberen Filmschaffen wurzelnde Kreativenergie sich in psychedelischen Space-Gags sublimieren ließen, konnte er bei DC zum ersten Mal seit seinem zweiten Film „Super“ wieder vollends die Sau durchs Dorf und es gerade so bunt treiben, wie ihm der freche Schnabel gewachsen ist. Das Resultat ist die erste echte splatter comedy im großbudgetierten High-End-Superheldenfilm, eine liebenswert-böshumorige Burleske, in der geholzt wird, dass die Schwarte kracht. Dabei wird die makrokosmische Anbindung an Zack Snyders DC-Trilogie aufrecht erhalten und es handelt sich tatsächlich auch nicht, wie gelegentlich aufzuschnappen war, um ein Reboot von David Ayers „Suicide Squad“, sondern um ein echtes Sequel, das zur gleichen Zeit allerdings eine umfassende Renovierung des Originals betreibt. Bekanntermaßen wurde Ayer damals gehörigst in die Schranken gewiesen und dazu angehalten, seine Vision dieses verlottertsten aller Heldenteams so jugendfrei als möglich abzuliefern. Die Gags darin nahmen sich dementsprechend eher durchgemangelt aus und der overfiend wenig denkwürdig. Mit all diesen kleinen und großen Faux-pas räumt Gunn in seiner sehr persönlich gefärbten Vision der Squad rigoros auf: Ihren selbstmörderischen Beinamen trägt die Task Force X nunmehr völlig zu Recht; unmittelbar zu Beginn wird der gewissermaßen zur Ablenkung der Kerngruppe dienenden Vorhut der Garaus gemacht, als gäbe es kein Morgen mehr und die Marschrichtung des Films damit auch gleich unumwunden vorgegeben. Der im Folgenden von Gunn ausgerollte Irrsinnsteppich besteht aus einem Füllhorn mitunter brillanter visueller Einfälle, kleinen, manchmal etwas überschmückt scheinenden Nebenepisödchen [über Wert und Nutzen der als Bypass eingeflochtenen Kurzromanze zwischen Harley Quinn und dem Inseldespoten Luna (Juan Diego Botto) ließe sich etwa diskutieren – zweifelsohne dient sie in erster Linie dazu, Robbie Screentime zu verschaffen] und natürlich dem famosen Endkampf gegen den klassischen JLA-Gegner Starro, einen gewaltigen, außerirdischen Seestern, der sich seine Untertanen mittels kleiner Versionen seiner selbst, die er auf deren Gesichter pflanzt, gefügig macht. Wenn man es recht bedenkt, konnte der in Gestalt und Ausprägung nicht mehr ganz zeitgemäße Starro auch nur von einem wie Gunn zum Leinwandleben erweckt werden, die meisten anderen Filmemacher hätten sich vermutlich bis auf die Knochen blamiert. Schließlich lassen sich Gebrauch und Kompilierung der Figuren als gehörig sarkastisches Statement begreifen – die zur neuen Suicide Squad zählenden Charaktere sind, natürlich mit Ausnahme von Fanliebling Harley Quinn, die, ohne allzu augenfällige Beschränkungen zu erfahren, im Prinzip das einzig greifbare räsonistische Bindeglied zwischen dem etablierten DCEU und Gunns abgefucktem Grand-Guignol-Zirkus darstellt, allesamt letztklassige Seitenfüller, an die sich in erster Linie wohl nur wandelnde Comic-Enzyklopädien erinnern werden. Dass es zugleich aber nur solche vergessenen TertiärschurkInnen sein können, mit denen Gunn ins Feld zieht, ist letzten Endes so evident wie eigentlich alles andere auch an diesem rüpelhaft-spaßigen Film.

8/10

BLACK WIDOW

„It still fits!“

Black Widow ~ USA 2021
Directed By: Cate Shortland

Während Black Widow Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) wegen ihrer Verstöße gegen das Sokovia-Abkommen weltweit von den US-Militärs gesucht wird und sich in Norwegen versteckt, spüt sie eine martialisch kostümierte, schwerbewaffnete Attentäterin namens „Taskmaster“ (Olga Kurylenko) auf, die ein unbewusst in Natashas Besitz befindliches Köfferchen sucht. Darin finden sich wiederum einige Phiolen mit einem roten Gas mysteriösen Ursprungs. Natasha kann Taskmaster mitsamt den Gasphiolen entkommen und reist nach Budapest, wo sie ihre vormalige „Pseudoschwester“ Yelena Belova (Florence Pugh) wiedertrifft, die von dem russischen General Dreykov (Ray Winstone) wie Natasha seit frühester Kindheit zu einer Superspionin ausgebildet wurde. Yelena klärt Natasha auf, dass der von ihr totgeglaubte Dreykov noch lebt und weiterhin rund um den Globus kleine Mädchen entführt, um sie in seinem geheimen „Red Room“ zu Widows der neuesten Generation heranzuzüchten. Dazu macht er sie mittels einer Suggestivchemikalie zunächst hörig und willenlos. Bei dem Gas in den Phiolen handelt es sich um ein Antidot, das den Mädchen, wie kurz zuvor auch Yelena, ihr eigentliches Bewusstsein zurückgibt. Gemeinsam mit zwei alten Bekannten, dem sowjetischen Captain-America-Gegenstück „Red Guardian“ Aleksej Shostakov (David Harbour) und der mit Dreykov zusammenarbeitenden Wissenschaftlerin und früheren Black Widow Melina Vostokoff (Rachel Weisz), infiltriert Natasha Dreykovs fliegende Festung.

Mit den Miniserienformaten erschließen sich die Marvel Studios unter Disney just ja ganz neue Vertriebswege. Zumindest die ersten beiden Serials, „WandaVision“ und „The Falcon And The Winter Soldier“ („Loki“ sehe ich mir erst an, wenn die Verfügbarkeit komplett ist), weisen im Prinzip sämtliche Qualitäten der gelungeneren Kinowerke auf und gefallen selbst mir als weitgehendem Serienignoranten ausnehmend gut. Als erster Filmbeitrag zur Phase 4 im MCU bildet „Black Widow“ ergänzend dazu zugleich eine ökonomische Reaktion Disneys auf das globale Pandemiegeschehen und die damit verbundene Kinoregression: Cate Shortlands Werk startet zeitgleich im Stream und auf der Leinwand. Da die Figur der Natasha Romanoff sich in „Avengers: Endgame“ so tapfer anstelle von „Hawkeye“ Clint Barton geopfert hatte, konnte sie nurmehr im Zuge eines Prequels wiederauftreten und damit zugleich den Weg für ihre potenzielle Nachfolgerin Yelena Belova bereiten. Scarlett Johannson verleiht ihrer Titelrolle trotz deren tödlichen Aktionismus‘ wiederum jene entspannte, klug dosierte Sanftmut, die man von ihr seit ihrem charismatischen Debüt in „Iron Man 2“ kennt. Innerhalb der Filme stellte Natasha Romanoff als erste und weitgehend einzige Frau im Bunde stets das moralisch integre Rückgrat der Avengers dar, das wesentliche Stabilitätsgarant und gewissermaßen zugleich Mutter- und Schwesterfigur. Ihr „eigenes“ Abenteuer fungiert insofern auch als verspätet nachgereichte, psychologische Blaupause, in der Biographie, Motivations- und Emotions-Motoren zumindest grob skizziert werden. Die originäre Comicfigur war ein mäßig interessant eingeführtes Produkt des Kalten Krieges, das irgendwann von den Sowjets zu den Amerikanern (nominell S.H.I.E.L.D.) überlief und dann diversen Heldenteams zugehörig, ebenso häufig jedoch in solitären Abenteuern umtriebig war. Anders als im MCU verbindet sie darin elementare Liebesbeziehungen mit Clint Barton und vor allem „Daredevil“ Matt Murdock, mit dem sich ihre Wege immer wieder kreuzten. Ihr Film-Alias musste aus naheliegenden Gründen ja gezwungenermaßen umstrukturiert werden; so ist der Red Guardian (der in vorhandener Ausprägung auch gut von Will Ferrell hätte gespielt werden können) hier nicht wie ehedem Natashas Ehegatte, sondern ihr auf die dreijährige Zeit einer längewierige Spionagemission begrenzter Quasi-Adoptivvater. Unter anderem diese ungewöhnliche Konstellation nutzt „Black Widow“, um gezielt dem der Widow-Historie wesentlich inhärenten Pfad immer wieder aufploppender Melodramatik zu entsagen und stattdessen jenem eigenwilligen, manchmal gar ins Groteske abschweifenden Humors zu folgen. So kerntragisch sich die Schicksale der von Dreykov gekidnappten, gewaltsam ihren eigenen Vitae entledigten und zu bloßen Marionetten verformten Mädchen ausnehmen – wenn sich die zersprengte, vierköpfige Spionfamilie von einst wiedervereint, hat das annähernden Sitcom-Charakter und greift damit die unberechenbare, humorige Leichtigkeit von „WandaVision“ auf. Die Plotstruktur indes gleicht auffallend der von „The Falcon And The Winter Soldier“ – zwei dickköpfige PartnerInnen wider Willen raufen sich zusammen, um weltweit einem handlungsspendenden Macguffin nebst verdeckt operierendem Overfiend nachzujagen und ihre eigentlich doch offensichtliche Freundschaft zu kultivieren. Die gebürtige Australierin Shortland macht daraus in ihrem vierten Film den ersten zumindest annähernd feministischen Beitrag zum MCU und koppelt daran scriptbedingt zugleich klassische Pulpphantasien um Finsterlinge mit tödlichen Mädchenarmeen, wie sie der geneigte Filmhistorienwühler noch aus Mottenkugeln wie „Deadlier Than The Male“, den „Dr. Goldfoot“- oder den „Sumuru“-Filmen in Erinnerung haben mag. Auch der deutlich jüngere „Red Sparrow“ liegt als Inspirationsquell freilich nicht fern. Ein diesbezüglich hübsches Bonmot leistet sich „Black Widow“ zudem und spannt damit zugleich den Bogen zum Fallschirm-Showdown: Bei Natasha Romanovs augenscheinlichem Lieblingsfilm, den sie sogar auswendig mitsprechen kann, handelt es sich um keinen geringeren als den stets gern belächelten Bond-Querschläger „Moonraker“.

7/10

ZACK SNYDER’S JUSTICE LEAGUE

„I’m not broken. And I’m not alone.“

Zack Snyder’s Justice League ~ USA/UK 2021
Directed By: Zack Snyder

Steppenwolf (Ciarán Hinds), ein kriegerischer Halbgott von der dem puren Bösen anheim gefallenen Welt Apokolips, will sich nach früherer Verstoßung infolge allzu eigenmächtigen Verhaltens wieder bei seinem Herrn und Meister Darkseid (Ray Porter) einschmeicheln und fällt zu diesem Zwecke mit seinen fliegenden Paradämonen auf der Erde ein. Hier lagern nämlich seit Urzeiten drei Mutterboxen, lebende Computer, die sich nach äonenlangem Schlaf just reaktiviert haben und die den Schlüssel zur von Darkseid ersehnten „Anti-Lebens-Gleichung“ in sich tragen. Bruce Wayne (Ben Affleck) ahnt um die drohende Gefahr und schart mit der Amazon-Prinzessin Diana (Gal Gadot), dem Atlanter-/Mensch-Mischling Arthur Curry (Jason Momoa), dem superschnellen Barry Allen (Ezra Miller) und dem Cyborg Victor Stone (Ray Fisher) vier Mitstreiter um sich, die den einfallenden Horden die Stirn bieten und die Erde möglicherweise retten können. Schon bald wird dem ungleichen Quintett klar, dass selbst seine geballte Macht nicht gegen Steppenwolf ausreicht und die Idee reift, den im Kampf gegen Doomsday getöteten Kal-El (Henry Cavill) wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem der Plan gelingt und der zunächst amnesische, letzte Kryptonier wieder zu Sinnen gekommen ist, zieht man gemeinsam in die Schlacht gegen die bösen Aliens.

Ob die letzten Endes nun doch in Erfüllung gegangene Existenz von „Zack Snyder’s Justice League“ wirklich das Resultat unbeugsamen Fan-Engagements ist oder lediglich ein cleverer Schachzug von Warner und DC, deren noch jungen Bezahlsender HBO Max zu lancieren und die stiefmütterlich verschmähte, nach Snyders (durch bekannte, tragisch-persönliche Gründe erfolgtem) Ausscheiden von Joss Whedon fertiggestellte Kinoversion nachträglich zu amnestieren, wissen vermutlich nur die New Gods.
Wie dem auch sei, ich fand „Justice League“ nicht so übel, wie er allerorten gehandelt wurde, mir gefielen die kunterbunten, saturierten Leuchtfarben des vormaligen Finales durchaus, wenngleich die Zäsur zu den von Snyder ja auch als Vorbereitungsfilme inszenierten „Man Of Steel“ und „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ schon überdeutlich wurde. Dass Snyder bei seinen DC-Superhelden-Adaptionen eher auf Bierernst und existenzialistische Schwere setzt, war ja längst offenkundig und dazu mochte Whedons in der von ihm verantworteten Postproduktion umgepolter Karneval nicht wirklich passen. Nun also Snyders eigene, prononciert epische Version, die nicht nur für ein hörbares globales Aufatmen der dedizierten Fangemeindesorgte, sondern auch in manch anderer Hinsicht als große Wiedergutmachung gekränkter Befindlichkeiten fungiert (dafür, dass ich selbst zur zeitgenössisch sogar zweimal betrachteten Erstfassung keinen Text verfasste, gibt es übrigens keinen veritablen Grund außer mutmaßlich jenen, dass es mir an Zeit und/ oder Inspiration gefehlt haben wird). „Zack Snyder’s Justice League“ ist, alles andere zu behaupten wäre jawohl auch albern, tatsächlich besser als die von der naseweisen Netz-Intelligenzia abschätzig als „Josstice League“ bezeichnete Whedon-Version, aus naheliegenden Gründen. Nicht zuletzt die um das Doppelte verstärkte Erzählzeit gewährt dem Ganzen zunächst eine sehr viel komplexere und umfassendere Herangehensweise, was sich insbesondere in der Charakterisierung der Figuren niederschlägt. Die bislang ja ohne „eigene“ Filme auskommen müssenden Barry Allen und Victor Stone erhalten nun wesentlich plastischere Hintergründe, die jeweils in unterschiedlich geprägten Vater-/Sohn-Konflikten wurzeln und die ihnen inhärente Tragik (insbesondere im Falle des letzteren) deutlich nachvollziehbarer machen. Während vor allem Flash in Whedons Schnittfassung zu einem, um den unausweichlichen MCU-Vergleich zu ziehen, flapsig-spaßigen Spider-Man-Youngster frisiert wurde (nebenbei eine Wandlung, die zu seiner originären Comic-Persona als eher biederem Polizeiwissenschaftler überhaupt nicht passen wollte), gestattet der Snyder-Cut sich einige schöne bis nachgerade poetisch inszenierte Augenblicke um den Blitzflitzer. Mögliche künftige Helden wie der Martian Manhunter (Harry Lennix) oder Ryan „Atom“ Choi (Ryan Zheng) können eingeführt werden und Darkseid, der im DC-Universum das Gegenstück zu Marvels Thanos darstellt, erhält nun wesentlich mehr Raum. Ein neuer Score (von Junkie XL statt Danny Elfman) erklingt, diverse fomale (Kadrage-Verschmalung auf das 4:3-IMAX-Format, merkliche Ausdünnung der Farb- und Kontrastpalette) und kosmetische (Supermans Dress ist jetzt der schwarze aus der „Return“-Comic-Strecke von 1993) Modifikationen brechen sich Bahn. Zudem findet ein großzügiger Epilog Platz, der auf das hinweist, was Snyder für die zunächst geplanten „JL“-Sequels vorschwebte; Darkseids künftige Eroberung der Erde und Supermans Hinwendung zur Dunklen Seite, die, wie in einem wohlbewussten Vorbild, am Ende nurmehr durch eine Rückreise in der Zeit ungeschehen gemacht werden kann. Da ja irgendwie nun doch alles möglich ist, werden wir vielleicht in ein paar Jahren auch noch jener Vision(en) ansichtig. Das Durchhaltevermögen hartnäckiger Geeks stirbt zuletzt.

8/10

THE NEW MUTANTS

„All of you are dangerous. That’s why you’re here.“

The New Mutants ~ USA 2020
Directed By: Josh Boone

Nachdem das Reservatsdorf der jungen native Danielle Moonstar (Blu Hunt) von einer unerklärlichen, monströsen Katastrophe heimgesucht und alle Einwohner außer ihr selbst getötet werden, erwacht Dani in einer von der Außenwelt abgeschirmten Anstalt mitten im Nirgendwo. Ihre für eine mysteriöse Organisation tätige Therapeutin Dr. Reyes (Alice Braga) eröffnet Dani, dass sie eine Mutantin ist. Mit ihren vier MitinsassInnen Rahne Sinclair (Maisie Williams), Illyana Rasputin (Anna Taylor-Joy), Charlie Heaton (Sam Guthrie) und Roberto da Costa (Henry Zaga) ebenfalls MutantInnen in ihrem Alter, knüpft Dani nur zögerlichen Kontakt. Auch um deren Fähigkeiten und persönliche Traumata erfährt sie erst nach und nach. Die Jugendlichen raufen sich aber dennoch zusammen, um jener gewaltigen Bedrohung, die von niemand Geringerem ausgeht als Dani Moonstar selbst, gemeinsam entgenzutreten.

Mit der originalen 1982er Graphic Novel „The New Mutants“ von Chris Claremont, die die NachwuchsmutantInnen Psyche, Wolfsbane, Cannonball und Sunspot als X-Men-Youngsters als Nachfolger der mittlerweile selbst erwachsen gewordenen Originale einführte, sowie deren nachfolgender Serie, hat Josh Boones produktionsgebeutelte Adaption nicht mehr allzu viel zu tun. Die Anbindung an den X-Men-Kosmos ermangelt etwa den obligatorischen Mentor Charles Xavier und noch weitere handlungstragende Details, ebenso wie sie aus mir etwas unerfindlichen Gründen die eigentlich erst später hinzustoßende Colossus-Schwester Magik hinzusetzt, die in den Comics eigentlich etwas anders verangelt ist. Dennoch werden Geist und Atmosphäre der frühen „New Mutants“-Ausgaben recht adäquat eingefangen und wiedergegeben. Die zeitweilig von dem avantgardistischen Genie Bill Sinkiewicz gezeichnete Reihe verstand sich rasch als noir-affine teenage-angst-variation der klassischen Superheldentypologien wesentlich zugetaneren X-Men mit modernen Coming-of-Age- und Horror-Elementen sowie deutlich intimeren storylines. Auch der Film grenzt sich insoweit stark von den bisherigen „X-Men“-Kinoabenteuern ab, indem er sich auf ein überschaubares Figurenensemble von sechs annähernd gleichrangigen ProtagonistInnen stützt, entwicklungspsychologische Ansätze in den Vordergrund rückt und einen hermetisch begrenzten Schauplatz an die Stelle von gewaltigen Schlachten gegen Superschurkenarmeen setzt. Davon fühlte sich das von rauschenden CGI-Orgien verwöhnte, ordinäre Superheldenfilm-Krawall-Publikum erwartungsgemäß vergrätzt. „The New Mutants“ bietet dann auch tatsächlich recht verschrobenen, eigenwilligen Fantasy-Horror fürs Pubertier, mit einem aufgrund des limitierten Budgets in punkto Effektarbeit eher mäßig bebilderten Showdown und firmiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nach zigmal verschobenen Starts, wohl als das, was man gemeinhin als „Flop“ bezeichnet. Dass er nichtsdestotrotz um einiges beseelter, schöner und interesanter ausfällt als der zwar deutlich teurere, zugleich aber wesentlich flachere „Dark Phoenix“ spricht wiederum für ihn. Ob aus diesem stiefmütterlich behandelten „Corona-Opfer“ noch die ursprünglich geplante Trilogie wird, darf bezweifelt werden. Ich wäre jedoch an Bord.

7/10

WONDER WOMAN 1984

„It’s all art.“

Wonder Woman 1984 ~ USA/UK/CA/MEX/E 2020
Directed By: Patty Jenkins

Die von der göttlichen Pardiesinsel Themyscira stammende Amazone Diana (Gal Gadot) lebt und arbeitet im Jahre 1984 unter dem „irdischen“ Namen Diana Prince in Washington D.C.. Wenn nötig, schmeißt sie sich auch kurzerhand in ihre goldene Rüstung und wird als „Wonder Woman“ aktiv; ihre Rettungsaktionen bleiben jedoch stets inoffiziell und werden nie wirklich publik. In dem unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Aus stehenden Borrkonzessions-Makler Maxwell Lord (Pedro Pascal) und der sympathischen, aber schüchternen Barbara Minerva (Kristen Wiig) erwachsen ihr jedoch bald zwei ernstzunehmende Gegner: Über Umwege bringt sich Lord in den Besitz eines uralten, mystischen Artefakts, den einst der böse Gott Dolos erschuf. Dabei handelt es sich um einen Stein der jedem seiner wechselnden Besitzer einen innigen Wunsch erfüllt, jedoch stets um einen unwägbaren persönlichen Preis. Als Lord sich wünscht, mit dem Stein eins zu werden, setzt er eine Ereigniskette in Gang, die die im Kalten Krieg befindliche Welt endgültig an den Abgrund führt. Nur Diana und der durch ihren persönlichen Wunsch wieder ins Leben zurückgefundene Pilot Steve Trevor (Chris Pine) können Lord und die sich langsam in ein Monster verwandelnde Barbara Minerva aufgehalten und der Dritte Weltkrieg abgewendet werden.

Groß angekündigt und dann irgendwie doch relativ sang- und klanglos in den Streaming-Weiten von HBOMAX verkluckt, muss „Wonder Woman 1984“ derzeit recht viel Schelte einkassieren. Zugegeben – das wiederum von Patty Jenkins inszenierte Sequel zum deutlich positiver aufgenommenen Original von vor drei Jahren macht es potenziellen Kritikern recht leicht, es zu zerrupfen. Der Film ist, ausgehend von einer halbwegs kommerziell tragfähigen Gestaltung eines potenziellen „Blockbusters“, für das, was er zu erzählen und zu bieten hat, vermutlich deutlich zu lang geraten, leistet sich allerlei kleine bis mittelschwer wiegende Unebenheiten [katastrophal schiefliegend und fremdschamgesäumt z.B. die Szenen mit Lords Sohn Alistair (Lucian Perez)] und pfeift das von Gald Gadot bis dato kultivierte Imaginat einer feministisch tragfähigen Vorzeigeprotagonistin im genderbezogen nach wie vor höchst ungleich gewichteten Superhelden-Makrokosmos zugunsten konservativer Geschlechterbilder zurück. Irgendwo habe ich etwa neulich gelesen, dass Dianas Wunsch, ihre große Lebensliebe Steve Trevor im Angesicht der angespannten globalen Lage anno 84 doch wohl ein völliger Schuss in den ideologischen Ofen sei und dass ihre Antagonistin Barbara Minerva alias „Cheetah“ sich insgeheim mittels hoffnungslos überkommener Geschlechterbilder definiere. Nun; das kann man dem von Jenkins und DC-Mastermind Geoff Johns ersonnenen Script gewiss zum Vorwurf machen – muss man aber nicht. Gald Gadots WW-Nimbus wird nach meinem Dafürhalten hier keinesfalls geschmälert, sondern vielmehr auf eine wohltuend romantische Weise durchaus humanisiert. Auch stahlharte Amazonen haben ein Recht auf Liebe, Privatheit und Träume, selbst, wenn Pentagon und Kreml der nukleare Finger bereits beträchtlich zuckt. So betrachtet es zumindest meine möglicherweise etwas tradierte Comicfantasie. Und dass die gute Barbara Minerva vor und nach ihrer Metamorphose von mancherlei Neurosen gepiesackt wird, ist nicht minder literary fact. Gal Gadot jedenfalls ist abermals über jeden Zweifel erhaben und erweist sich abermals als die wahrscheinlich bestmögliche Wonder Woman zur Zeit. Durch Johns‘ Scriptbeteiligung erwachen zudem einige Persönlichkeiten und kleine Facetten der 80er-Jahre-DC-Publikationen zum Leben – so der von seinem Erfinder Keith Giffen ursprünglich durchaus komisch angelegte Maxwell Lord, der übereifrige Magnat Simon Stagg, der fiktive Nahost-Terrorstaat Bialya oder WWs unsichtbarer Jet. Viel spaßiges Geek- und Fanfutter also, insbesondere das mit dem Midpost-Credit-Gastauftritt der sich als Amazonenkriegerin Asteria offenbarenden TV-Original-Wonder-Woman Lynda Carter. Alles soweit prima. Nun lehnt sich der reichlich comiceske Hauptplot um die große, alte Weise „be careful what you wish for“ neben Jacobs‘ berühmter Kurzgeschichte „The Monkey’s Paw“ natürlich auch – ob zufällig oder nicht – recht deutlich an die kleine, aber feine Horrorsause „Wishmaster“ von 1997 an und zumindest meiner Wenigkeit rückte in Anbetracht des von seiner Macht zunehmend korrumpierten Max Lord respektive seinem Interpreten Pedro Pascal allenthalben Andrew Divoffs Djinn ins Gedächtnis. Eine recht kulturaffine Story ergo mit all ihren kleinen Fallschlingen. Dennoch hat mir „Wonder Woman 1984“ recht gut gemundet und ich fand ihn nur unwesentlich schwächer als den Erstling. Andersgläubige mögen mir das nachsehen oder auch nicht.

7/10

DARK PHOENIX

„I’ve seen evil… and I’m looking at it now.“

Dark Phoenix (X-Men: Dark Phoenix) ~ USA/CAN 2019
Directed By: Simon Kinberg

Die „neue Vergangenheit“, 1992: Ein Rettungseinsatz im All konfrontiert die X-Men mit einer gewaltigen außrirdischen Macht, die sich mit der Telepathin Jean Grey (Sophie Turner) verbindet. Zurück auf der Erde ergreift jene Entität mehr und mehr Besitz von der ohnehin mächtigen Mutantin, derweil Charles Xavier (James McAvoy) alles dafür tut, sie zu retten und das zuletzt durch sein Insistieren hart erarbeitete, positive Renommee des homo superior zu wahren. Als durch Jeans Verschulden jedoch die Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence) zu Tode kommt, geht ein Riss durch die X-Men – Hank McCoy (Nicholas Hoult) verbündet sich mit Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), die die immer wütendere Jean geneinsam aufhalten wollen. Doch sind da noch die D’Bari – Aliens, die der Jean inhärenten „Dark Phoenix“-Macht den Verlust ihres Heimatplaneten anlasten und sich nun mit dessen Hilfe auf der Erde ein neues Zuhause schaffen wollen. Dafür müssten Menschen und Mutanten jedoch aus dem Weg geräumt werden…

Um es kurz zu machen – „Dark Phoenix“, sowohl Sequel als auch Reboot, ist alles in allem der enttäuschendste aller bislang erschienen „X-Men“-Filme und unterbietet damit sogar noch Gavin Hoods erstes „Wolverine“-Solo. Bereits die Wahl des Regisseurs sät a priori berechtigte Zweifel am Gelingen des Projekts – mit Simon Kinberg entschied man sich für jemanden, der seit Brett Ratners „X-Men: The Last Stand“, also dem ursprünglich im Film erzählten Niedergang der damals noch von Famke Janssen gespielten Jean Grey, als Scriptautor und/oder Produzent an den meisten der seither erschienen Mutanten-Abenteuer beteiligt war, bis dato jedoch keinerlei inszenatorische Erfahrung aufwies. A posteriori zeigt sich bestätigend, dass ausgerechnet die von Kinberg geschriebenen X-Storys stets die schwächeren waren, was seiner Verpflichtung als Vorarbeiter ein nachgestelltes Stirnrunzeln abverlangt.
Ala Adaption der Comic-Original-Strecke von Chris Claremont und John Byrne, die zuerst 1980 in den Ausgaben 129 bis 138 der Serie „Uncanny X-Men“ erschien und seither als ewiger Klassiker zigmal neu ediert wurde, scheitert Kinberg jedenfalls nochmals genauso pompös wie bei seinem ersten Versuch mit „The Last Stand“. Auf wesentliche Elemente wie die Shi’ar und deren (mit Xavier nicht nur romantisch verbundenen) Herrscherin Lilandra Neramani oder das außerirdische Tribunal, dem sich Jean Grey und ihre Freunde stellen müssen, wurden aus Gründen der Komplexitätsreduktion verzichtet. Stattdessen bietet der Film vor allem seinen Stars Jennifer Lawrence, die (aus naheliegenden Gründen) offenbar keinen Bock mehr auf ihre „X-Men“-Beteiligung hatte und sich somit kurzerhand aus dem Franchise pfählen ließ sowie „Game-Of-Thrones“-Entdeckung Sophie Turner (die der charismatischen Janssen in keinster Weise das Wasser reichen kann) hinreichend Onscreen-Plattform und flicht außerdem noch den anscheinend zwingend zu beteiligenden Fassbender alias Magneto mit ein. Als wild fightender Wolverine-Ersatz muss im Showdown ausgerechnet der als höflich und liebenswert bekannte Kurt „Nightcrawler“ Wagner (Kodi Smit-McPhee) herhalten – eine wenig akzeptable Wendung für diese doch so konträr gelagerte Figur. Und die schöne Jessica Chastain? Die wird bloß unbekümmert verheizt.
Was ich mit alldem bereits zu verdeutlichen versuche, zeichnet sich anhand des gesamten Films ab – er wirkt von vorn bis hinten wie eine mühselige, für alle Beteiligten verpflichtende Plackerei, eine hochbudgetierte Pflichtübung, deren einziger Existenszweck ihre kommerzielle Spannweite zu sein scheint. Es gibt nur wenige schöne oder spannende Momente von der Art etwa, die Jean ihren (für sie überraschend überlebenden) Vater (Scott Shepherd) aufsuchen und zur Rede stellen lässt, sie bleiben Mangelware in diesem zwar professionell gefertigten, am Ende aber doch sich selbst und seinem Publikum gegenüber spürbar gleichgültig auftretenden, mediokrem Spektakel. Dass hier ein paasgetreuer Punkt erreicht wäre, um aufzuhören, wage ich in Anbetracht vieler schöner früherer Stunden mit den „X-Men“ nicht zu konstatieren; zudem ist „Dark Phoenix“ dafür doch noch nicht genug veritable Katastrophe. Ob die Super-Mutanten demnächst dann auch ihr eigenes „Homecoming“ in den Schoss des MCU erleben werden, mag sich ja ferner noch erweisen.

5/10

SPIDER-MAN: FAR FROM HOME

„I’m in love with Spider-Man’s aunt!“

Spider-Man: Far From Home ~ USA 2019
Directed By: Jon Watts

Wie ein paar anderen Milliarden Erdbewohnern macht auch Peter Parker (Tom Holland) und einigen seiner Schulfreunde der „Blip“ (der durch im Zuge von „Avengers: Endgame“ durch Bruce Banner ausgelöste Umkehreffekt von Thanos‘ „Snap“) nachhaltig zu schaffen: Während die Physis der Betroffenen normal weitergealtert ist, befindet sich die Persönlichkeit noch auf dem Stand von fünf Jahren zuvor. Besonders bei Teenagern wirkt sich dieser Zustand mitunter verstörend aus. Eine Europareise mit der gesamten Klasse als High-School-Abschluss kommt Peter da gerade Recht, um mit sich und dem Abschied von seinem Mentor Tony Stark ins Reine zu kommen. Doch ist da auch noch die angehimmelte MJ (Zendaya), zu der der junge Mann sich zunehmend hingezogen fühlt.
In der Alten Welt angekommen, muss Peter dann rasch erkennen, dass er vor Spider-Man nicht davonlaufen kann. Eine Gruppe monströser Elementarwesen, der angeblich von einer Parallelerde stammende Superheld Quentin Beck (Jake Gyllenhaal), genannt „Mysterio“ und der unverwüstliche Nick Fury (Samuel L. Jackson) kreuzen bald seinen Weg. Und eine gewaltige Dummheit beim Umgang mit Starks Erbteil für Peter, der mächtigen Kontrolleinheit „E.D.I.T.H.“, gilt es, unter Aufbietung aller Superspinnenkräfte versteht sich, wieder geradezurücken.

Der Nachhall des immens erfolgreichen Kassenklingelns dieses zweiten, wiederum von Jon Watts inszenierten Spider-Man-Solo-Abenteuers im Rahmen des MCU, erwies sich als alles andere denn erfreulich – Sony, nach wie vor primärer Rechteinhaber für die Figur nebst ihrem Comicanhang, vermeldete wieder gesteigertes Interesse an deren eigener Vermarktung und, damit einhergehend, bei Nichterfüllung vertraglicher Neubedingungen durch Disney und Kevin Feige, eine Rückkehr unter das hauseigene Dach. Für kommende Filme würde dies bedeuten, dass Spider-Man aus dem MCU wieder extegriert und beiderseits sämtliche charakterliche Entwicklungen seit „Captain America: Civil War“ wieder getilgt werden müssten. Eine besonders für Freunde geschlossener Kontinuität im Hinblick auf verfilmte Marvel-Geschichten immens bittere Pille, die seit 2002 praktisch einem rekordverdächtigen vierten Reboot entspräche. Immerhin bleibt Tom Holland, der seine Auftritte als Spidey sehr zu lieben scheint,  seinem alter ego als Gesichtsstifter wohl vorerst erhalten.
„Far From Home“ nun führt zunächst einmal den publikumsverwöhnten Habitus des Vorgängers weiter. Wiederum ist Peter Parker noch Schüler mit (post-)pubertären Alltagsproblemen, dessen Fähigkeiten ihm innerhalb der übrigen Superheldengemeinde einen durchaus problematischen Exklusivstatus anheim stellen. Mit vielleicht 17, 18 Jahren bereits mehrfach an der Weltrettung beteiligt gewesen, Göttern und außerirdischen Despoten begegnet und im Weltall herumgejagt zu sein, geht an einem eher schüchternen Waisenknaben aus der Bronx gewiss nicht spurlos vorüber. Hinzu kommt in erschwerender Weise der schmerzliche Verlust des zwischenzeitlichen Ersatzvaters und die von ihm hinterlassene Märtyrerlücke, die darüber hinaus die gesamte Welt trauern lässt. Dem in dieser Weise angeschlagenen und geforderten jungen Mann erscheint der schulische Eurotrip mit zwei schrulligen Lehrern (Martin Starr, J.B. Smoove) als denkbar beste Ablenkung zur Stunde, zumal endlich einmal Platz für die persönlichen, altersadäquaten, sprich: romantischen Bedürfnisse gelassen scheint. Doch die nächste Bedrohung naht schon – Comickenner wissen schon bei dessen erstem Auftritt, dass der Mann mit dem nebulösen Glasglockenhelm namens „Mysterio“ natürlich kein Held, sondern vielmehr ein machthungriger Illusionist ist, der ganz eigene, sinistre Pläne hegt. Hier stammt jener Quentin Beck allerdings nicht aus den S-F/X-Schmieden Hollywoods – vielmehr entpuppt er sich als vormaliger Bestandteil der Stark-Factory und, wie bereits Adrian Toomes alias „Vulture“ (und andere bedauernswerte Zeitgenossen) als ein durch Tony Starks Umtriebe Geschmähter, der nach postumer Vergeltung sucht. Becks opportunistisches Streben sieht nichts Geringeres vor, als die Nachfolge von Iron-Man als globaler Premiumheld anzutreten und nimmt dafür die Zerstörung ganzer Städte und etlicher Existenzen in Kauf, die seine Illusionen, die „Elementals“, als Kollateralschäden hinterlassen. Dass Peter ihm kurzsichtig in die Hände spielt, indem er Beck naiverweise die ihm persönlich von Stark hinterlassene „E.D.I.T.H.“-Brille, die ihrem Träger die Kontrolle über Abertausende von Kampfdrohnen ermöglicht, verehrt, gilt es schließlich wieder gut zu machen. Doch einen Mann, der die Realität selbst zum Trugbild werden lassen kann, zu bekämpfen, wird erwartungsgemäß zu einer der schwierigsten Herausforderungen für den Heldennachwuchs. Flankiert werden die erstklassig visualisierten Kämpfe zwischen Spider-Man und Mysterio von nett arrangierten, häufig komischen Situationen, in die Peter und sein Tross zwischen den pittoresken Schauplätzen Venedig, Prag, Berlin und London immer wieder geraten. In Screwball-Manier muss sich Peter zwischen seinem frischverliebten Kumpel Ned (Jacob Batalon), der umschwärmten MJ (die sich jetzt plötzlich wie Mary-Jane abkürzt, wo sie in „Homecoming“ noch „Michelle“ hieß), den überforderten Lehrern sowie den immer wieder auftauchenden Fury und Maria Hill (Cobie Smulders) seinen Weg bahnen und dazu noch seine Heldenidentität schützen. Allerlei Optionen für Rasanz und Tohuwabohu, die Watts souverän, amüsant und teenagergerecht zu stemmen weiß. Damit empfiehlt er sich zugleich als Regisseur für kommende Spidey-Abenteuer, deren Zukunft nun ja trotz der aufregenden Mid- und der noch aufregenderen Post-Endtitel-Sequenzen leider keineswegs in Stein gemeißelt ist. Immerhin empfiehlt sich nunmehr bereits Phase 4: Die formwandelnden Skrulls sind offenbar doch nicht so freundlich, wie uns „Captain Marvel“ erst im Frühjahr 2019 weiszumachen trachtete…

8/10

HELLBOY

„I’d appreciate a prophecy with more relatable stakes.“

Hellboy (Hellboy – Call Of Darkness) ~ UK/USA/BG 2019
Directed By: Neil Marshall

Nachdem Hellboy (David Harbour) für das B.P.R.D. seinen Kollegen Esteban Ruiz (Mario de la Rosa) in Tijuana ausfindig  macht und dessen überraschend erneuerte Existenz als Vampir eher versehentlich beendet, schickt sein Vormund Professor Bruttenholm (Ian McShane) ihn nach England, um den lokalen Dämonenjäger-Club Osiris dabei zu unterstützen, ein paar menschenfressenden Riesen den Garaus zu machen. Doch erweist sich Hellboy als Hauptziel von Osiris, die ihn für den Vorboten des Weltuntergangs halten. Zeitgleich hilft nämlich ein alter Gegner des Höllenknaben, der Gruagach, der Superhexe Nimue (Milla Jovovich) bei ihrer Wiederauferstehung. Nimue plant bereits, sich mit Hellboy zu vermählen, um die Menschheit in Blut und Chaos zu stoßen. Von Nimue beeinflusst gerät dieser tatsächlich in Gewissenskonflikte ob seines infernalischen Erbes und findet zudem die Wahrheit über seine Herkunft heraus. In seinen zwei neuen Partnern, der mächtigen Hellseherin Alice Monaghan (Sasha Lane) und dem M11-Agenten Ben Daimio (Daniel Dae Kim), findet Hellboy tatkräftige Unterstützung auf seinem jüngsten Feldzug gegen das Böse.

Das „Hellboy“-Reboot von Neil Marshall erwies sich nicht nur als ein gnadenloser Box-Office-Flop, auch das Feuilleton und eingefleische Fans zeigen ihm beständig großflächig die Rote Karte. Vor allem im Vergleich zu Guillermo del Toros vormaliger, sehr beliebter Dilogie mit Ron Perlman äußert sich ein Höchstmaß an Verächtlichkeiten. Diese sind zumindest teilweise auch gewiss berechtigt. Waren „Hellboy“ und sein Sequel „The Golden Army“ nämlich noch hochbudgetierte, visuell reiche Comicfantasy-Märchen mit weitgehend familienfreundlicher Agenda, die vor allem dank der reichaltigen und lustvollen Kreativität del Toros ihr ganz eigenes Kinouniversum schufen, kann der 19er-„Hellboy“ nichts von alledem mehr einlösen. Die Neuauflage bietet stattdessen flottes, lautes Konsumkino für Videospieler und Splatterkids, ist vulgär, blutig und manchmal widerlich, genreverbunden und leider nur überaus mäßig getrickst. Die oftmals unfertig und wie vor zwanzig Jahren entstanden wirkenden CGI finden sich ergo nicht unberechtigterweise ebenso im Fadenkreuz der scharfen Kritik.
Von der vormaligen, eigenwilligen Poesie, von inszenatorischer Eleganz oder Charme finden sich bei Marshall nunmehr tatsächlich kaum mehr Spuren; nach einer neunjährigen Kinounterbrechung (mit Ausnahme eines Episodenfilm-Beitrags) geht der Engländer viel lieber in die Vollen und macht aus David Harbours Hellboy ein prolliges, Sprüche klopfendes Großmaul ohne die meisten der melancholischen Zwischentöne, die Ron Perlman noch seiner sehr viel nuancierteren Charakterisierung angedeihen ließ. Der neuere Film-Hellboy wirkt im Gegenzug sehr viel leichter, unbedarfter und kinetischer und holzt sich mit sehr viel mehr aktionistischer Chuzpe durch die Reihen seiner dämonischen Gegner.
Mit etwaiger feingeistiger Erwartungshaltung sollte man, so überhaupt das Bedürfnis aufkeimt, sich Marshalls zudem noch dramaturgisch brüchig wirkendem (auf vier jüngeren Hellboy-Comic-Storys basierendem) Höllenritt nicht gegenübertreten. Wer indes allerdings das poppigere Tongue-in-cheek-Potenzial der Figur basal zu schätzen weiß und sich vielleicht auch sonst in bestimmten Fällen (sprich: schludrigen Comic-Adaptionen wie etwa David Ayers atmosphärisch nicht allzu unähnlichem „Suicide Squad“) genügsam wähnt, der mag es einmal mit „Hellboy“ 19 probieren. Allen anderen bleibt ja der große Bogen.
Ich selbst darf fazitär immerhin freigemut zugeben, dass ich trotz mancher Kopfschüttelei insgesamt recht viel – obschon gewiss flüchtigen – Spaß mit ihm hatte und sogar gern eine Fortsetzung gesehen hätte. Von dieser kann man sich ja aber nun wohl bis auf Weiteres verabschieden.

6/10

BRIGHTBURN

„Who am I?“

Brightburn ~ USA 2019
Directed By: David Yarovesky

Tori (Elizabeth Banks) und Kyle Breyer (David Denman), ein kinderloses, braves Farmerehepaar aus dem Kleinstädtchen Brightburn in Kansas, ist selig, als eines Tages in Grundstücksnähe eine kleine Raumkapsel niedergeht, in der sich ein menschlich aussehendes Baby befindet. Der Kleine wird kurzerhand Brandon getauft und von den überglücklichen Breyers insgeheim an Kindesstatt angenommen. Der Bengel entpuppt sich als wonniges Wunderkind, das seinen terrestrischen Adoptiveltern viel Freude bereitet. Zwölf Jahre lang geht das Spiel gut, bis Brandon (Jackson A. Dunn) urplötzlich Stimmen hört, in fremden Zungen spricht und ungekannte Aggressionen an den Tag legt Darüberhinaus entwickelt er gewaltige, übermenschliche Fähigkeiten. Als Tori dem Jungen die wahren Umstände seiner Herkunft offenbart, reift in ihm endgültig die Erkenntnis, dass er zu weitaus Höherem bestimmt ist…

In den achtziger Jahren entwickelte DC Comics mit „Elseworlds“ ein außerserielles Format, das die beliebten Heldenfiguren aus dem gewohnten zeitlichen, gesellschaftlichen und/oder lokalen Kontext heraus und in eine bisweilen gänzlich ungewohnte Umgebung hineinkatapultierte. Wobei der Terminus „entwickelte“ nicht ganz passend ist, denn dem „Haus der Ideen“, Marvel, war dieselbe Idee bereits eine gute Dekade zuvor entsprungen und erlebte in Form der „What If…“- Reihe, die den Beobachter Oatu von alternativen Realitäten berichten ließ, einen mehrjährigen Lauf. Manchmal waren die jeweiligen  Modifikationen bloß geringfügig, manchmal gewaltig. Vor allem Superman erlebte in den Spätneunzigern und diesseits der Jahrtausendwende viele jener miniseriellen Umwälzungen, landete als Baby in seiner Rakete statt bei den Kents in Kansas bei den Amish, im mittelalterlichen England,  in einer sowjetischen Kolchose, bei Erzfeind Darkseid, den Waynes, oder wie einst Tarzan bei Affen im Dschungel. Immerhin liefen die Storys meist darauf hinaus, dass die Kal-Els all dieser mehr oder weniger phantasievollen Visionen irgendwann doch ihren klassischen Erlösernimbus fanden und ihre eherne ursprüngliche Bestimmung, für das Gute, die Menschheit sowie den Schutz der Erde einzutreten, wahrnahmen.
In anderen, in der Regel verlagsfremden Publikationen ging man indes soweit, Stellvertreter-Supermen zu kreieren, eindeutige Variationen des Originals, die mal moralisch flexibel, mal sozial unangepasst oder gleich von Grundauf böse waren.
Just diese ergo nicht mehr ganz frische Idee (eine Coming-of-age-Geschichte um einen bösen Super“helden“ hatten wir in nicht ganz unähnlicher Form vor ein paar Jahren schonmal in Josh Tranks „Chronicle“) griff nun der Gunn-Klan um den berühmtesten Familienvertreter James auf in Form von „Brightburn“. Der mehrdeutige Titel erweist sich als Substitut für das Örtchen Smallville, lokalisiert sich freilich in Kansas und bei Jonathan und Martha Kent quasi identisch paraphrasierten, braven amerikanischen Eheleuten. Über die wahre Herkunft ihres Ziehsohnes erfahren wir nur wenig, außer dass es sich bei ihm eben um ein humanoid wirkendes Alien handelt, das jedoch offenbar mit einer für uns Terrestrier recht unangenehmen Agenda geschickt wurde: „Take the world“ hämmert es mit beginnender Geschlechtsreife irgendwann unablässig in Brandons Kopf, zunächst in außerirdischer, dann in englischer Sprache. Dass der junge Brandon Breyer nun keine Naturkatastrophen abwendet oder schutzsuchenden Personen zur Hilfe eilt, sondern diese im höchst persönlichen Interesse strategischer Anonymität zu Hackfleisch macht, unterscheidet seine Persona eben deutlich vom großen rotblauen Vorbild.
Diese Idee im Film zu sehen, ist grundsätzlich reizvoll, hält jedoch nicht durchweg, was sie verspricht und schreit am Ende (möglicherweise wurde sie auch a priori so konzipiert?) geradezu nach unvermeidbaren Fortsetzungen, wobei sich der Epilog um Michael Rooker auch ebensogut als augenzwinkernder Gag in Richtung „Batman V Superman“ begreifen ließe.
Was mir nun insgesamt gefallen hat, wäre schonmal primär die Entscheidung, sich nach R-Rating-Vorgaben zu richten, so dass insbesondere die exploitativen Resultate von Brandons Attacken hübsch fies bis derb splattaterig dastehen. Hier und da wird’s für Sekundenbruchteile gar ein bisschen spannend und ein paar gelungene Einstellungen verankern sich positiv im Gedächtnis. Das verhältnismäßig kleine Budget wurde weithin ordentlich gesteckt und verplant, so dass man sich von etwaigen Albernheiten bei der Effektarbeit flächig verschont findet.
Weniger aufregend gestalten sich indes die sich alles andere als innovativ gerierende, stark generische Dröhnmusik (Tim Williams), die zunehmend hilflos inszeniert wirkenden, nach antiquierter Slashermanier eingeflochtenen Präludien vor Brandons spektakulären kills sowie die eine oder andere Regieschlamperei. Die Besetzung (nebenbei auch insgesamt leicht schludrig wirkend)  der mir persönlich sowieso kreuzunsympathischen Elizabeth Banks erweist sich zudem als verhängnisvoller Fehlentscheid, wo ihr Charakter doch eigentlich recht viel hergegeben hätte. Man stelle sich vor, was eine Jennifer Connelly aus dem Part hätte machen mögen. Aber das sind eh so Kleine-Jungs-Phantasien…

5/10