THE CUT

Zitat entfällt.

The Cut ~ D/F/I/RU/PL/CA/TR/JO 2014
Directed By: Fatih Akin

Acht Jahre, ein Weltkrieg, ein Genozid, vier Länder, zwei Kontinente und eine lange Reise.
Die Familie des in Mardin lebenden armenischen Schmieds Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) fällt wie viele andere 1915 den ethnischen Säuberungsaktionen der Türken zum Opfer. Nazaret wird von Frau Rakel (Hindi Zahra) sowie seinen kleinen Zwillingstöchtern Arsinée (Zein Fakhoury) und Lucinée (Dina Fakhoury) getrennt und als Zwangsarbeiter in die Wüste verschleppt. Dort wird er Zeuge des desolaten Schicksals vieler Armenier und Andersgläubiger, kommt fast um vor Hunger und Durst und soll schließlich von dem gefangenen türkischen Kleinkriminellen Mehmet (Bartu Küçükçağlayan) auf Anordnung einiger Soldaten hin die Kehle durchschnitten bekommen. Dieser bringt den Mord jedoch nicht fertig und zersticht stattdessen Nazarets Stimmbänder. Später rettet Mehmet den Schwerverletzten und bittet ihn um Vergebung. Nach langer Wanderung gelangt der nunmehr stumme Nazaret in ein unter entsetzlichen Bedingungen geführtes Flüchtlingslager vor Ra’s al-‚Ain, wo er seiner im Sterben liegenden Schwägerin (Arevik Martirosyan) wiederbegegnet, die ihn bittet, sie zu erlösen. Daraufhin gelangt Nazaret nach Aleppo und unter die Fittiche des Seifenmachers Nasreddin (Makram Khoury), der ihm Obdach und Arbeit gewährt. Nach Kriegsende erfährt Nazaret dann, dass seine beiden Töchter noch leben sollen. Die folgende Reise führt ihn über den Libanon bis nach Havanna und schließlich über Florida und Minnesota bis nach North Dakota, wo er Lucinée (Lara Heller) zu guter Letzt endlich wiedersieht.

Eine Migrantengeschichte von Hunderttausenden in den globalen Kriegsnachwehen bildet den Abschluss von Fatih Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Den für den Regisseur mit ungewohnt großem Aufwand und vergleichsweise gewaltiger Logistik entstandene Reisebericht darf man wohlfeil als „Weltkino“ bezeichnen, wobei andererseits die entbehrungs- und wendungsreiche Dramaturgie zu Lasten der vormals so intimen Figurenpsychologie verläuft. Während die Charaktere aus „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ und auch aus Akins früheren drei Filmen noch mit einem geradezu exemplarischen Persönlichkeitspolster versehen wurden und gerade ihre fein herausgeschliffenen Ecken und Kanten ihnen eine oftmals schon beängstigende Realitätsanbindung verlieh, hat derlei Intimität in „The Cut“ kaum mehr Platz. Natürlich steht der Protagonist Nazaret Manoogian im Zentrum des Geschehens und wird auch sorgsam motivatorisch unterfüttert, ihn überragt jedoch der gewaltige, teils schon monumental wirkende Charakter der historischen Einbettung. Das besonders von den Türken nach wie vor nur sehr vorsichtig und delikat angepackte Thema des systematisch durchgeführten Genozids der Osmanen an den Armeniern treibt Akin sehr viel mehr um als Hauptbelastungstopos, ebenso wie die daraus resultierenden Folgen der zwangsweisen Migration, der Flüchtlingsströme und der Versprengung und Zusammenführung von Familien. Um Zeit- und Lokalkolorit adäquat und kongenial zu präservieren, eine Herausforderung, an der der Filmemacher in formaler Hinsicht sichtlich wächst, musste Akin seine Perspektive zwangsläufig vom Individuum fort- und stattdessen zur Gesamterscheinung hinlenken, eine Gratwanderung, die sich interessant ausnimmt, ihm aber nicht immer zum Vorteil gereicht. „The Cut“ entfaltet seinen Sehenswert vor allem als historisches Kaleidoskop, das einem Vergleich etwa mit Elia Kazans Meisterwerk „America America“ allerdings nicht Stand zu halten vermag. Dabei ist er jedoch auch keinesfalls die große Enttäuschung, von der viele FeuilletonistInnen, vermutlich in Erwartung einer kammerspielartig-vollendeten Trilogieerfüllung, klagten: Fatih Akin zeigt im Gegenteil, dass er auch und selbst  in der Handhabung solch herausfordernder Projekte noch immer ein Regisseur von hohem internationalen Rang ist, wenngleich – soviel Ehrlichkeit muss dann bei aller berechtigten Schwärmerei doch sein – seine wahre Kraft an anderer Stelle reüssiert. In der vielleicht schönsten Sequenz in „The Cut“, einer sehr intimen zudem, besucht Nazaret kurz nach der Vertreibung der sieglosen Türken aus Aleppo zufällig eine Filmvorführung des mittlerweile vor Ort befindlichen Internationalen Roten Kreuzes. Projiziert an eine Hauswand und gänzlich ohne tonale Untermalung wird Chaplins „The Kid“ gezeigt. Erstmals verspürt hier ein verzweifelter Mann die Kraft der bewegten Bilder. Lachen und Weinen mit Chaplin als Tramp und Jackie Coogan als sein Adoptivsohn. Hier erfährt Nazaret auch vom Überleben seiner Töchter und schöpft somit neue Lebenskraft. Zeitlich betrachtet ist das eigentlich völlig unpassend, aber Akin konnte, vielleicht zurecht, der Versuchung nicht widerstehen. Das Kino ist frei und es darf (fast) alles.

8/10

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THE PRODIGAL

„Sometimes, Asham, a man must make a little trouble.“

The Prodigal (Tempel der Versuchung) ~ USA 1955
Directed By: Richard Thorpe

Palästina, 70 Jahre vor Christi Geburt. Der stolze Hebräer Micah (Edmund Purdom) rettet dem fliehenden, stummen Sklaven Asham (James Mitchell) das Leben. Dessen früherer Herr Nahreeb (Louis Calhern), Religionsstifter in Damaskus, will diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen und macht Micah mit der Hohepriesterin Samarra (Lana Turner) bekannt. Micah verfällt der schönen Heidin vom Fleck weg, lässt sich vom protestierenden Vater (Walter Hampden) die Hälfte seines Erbteils auszahlen und reist gemeinsam mit Asham Samarra nach Damaskus hinterher. Dort wird er bald zum Spielball von Nahreebs intriganten Spielchen, endet schließlich als Sklave im Kerker und führt seine Leidensgenossen zu einer Revolte, die Nahreeb, Samarra und auch deren falsche Götzen Astarte und Baal entmachtet.

Klump im Quadrat, aber natürlich sehr sehenswerter! Wer sich für großkotziges Sandalen- und insbesondere Bibelkino made in Tinseltown begeistern kann, für den führt kein Weg an „The Prodigal“ vorbei. Das neutestamentarische „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ wurde hier von der MGM, ganz zeitgemäß, verwurstet, um dem hoffnungslos Ausgelieferten gleich mehrere der zehn Gebote, dringlichst formuliert in stolzem CinemaScope, zurück ins Gedächtnis zu rufen. Dazu bedurfte es natürlich einiger perfider Mittel. Für Edmund Purdom, dem es par tout nicht gelingen wollte, zum Star monumentaler Hollywood-Epen aufzusteigen und der in späteren Karrieretagen in allerlei kreuzberüchtigter Italo-Ware zu sehen sein sollte, bildete die Hauptrolle in Thorpes reißerischem Schmarren nur einen weiteren Pflasterstein über den Atlantik. Lana Tuner zeigt vor allem viel Bein, mag sich ansonsten aber nicht recht entscheiden, ob sie nun die verruchte Ränkeschmiedin oder doch eher die dümmliche Märtyrerin zum Besten gibt. Sehr viel vergnüglicher nehmen sich da die Auftritte der älteren Herrschaften aus, darunter Calhern, Francis L. Sullivan, Cecil Kellaway und Henry Daniell, die „The Prodigal“ dann doch noch das rechte Maß ironischer Distanz verabreichten, um ihn respektabel zu machen. Persönliche Höhepunkte bilden ansonsten eine spektakuläre Statue des Fruchtbarkeitsgottes Baal, die ihn aussehen lässt wie einen dämonischen Höllenbuddha, ein flammendes Loch im Tempelboden, aus dem jedesmal, wenn einer hereinplumpst, die fröhlich die Lohe schießt sowie ein Duell Purdoms mit einem künstlichen Geier, der denkt, er müsse ihn umgehend fressen, nur weil er in einer Grube mit Skeletten landet. Das spartakische Finale schließlich wirkt so aufgesetzt wie dümmlich, aber das tut diesem bunten Film dann doch wieder wohl – weil es ihm völlig gerecht wird.

6/10