SPIDER-MAN: FAR FROM HOME

„I’m in love with Spider-Man’s aunt!“

Spider-Man: Far From Home ~ USA 2019
Directed By: Jon Watts

Wie ein paar anderen Milliarden Erdbewohnern macht auch Peter Parker (Tom Holland) und einigen seiner Schulfreunde der „Blip“ (der durch im Zuge von „Avengers: Endgame“ durch Bruce Banner ausgelöste Umkehreffekt von Thanos‘ „Snap“) nachhaltig zu schaffen: Während die Physis der Betroffenen normal weitergealtert ist, befindet sich die Persönlichkeit noch auf dem Stand von fünf Jahren zuvor. Besonders bei Teenagern wirkt sich dieser Zustand mitunter verstörend aus. Eine Europareise mit der gesamten Klasse als High-School-Abschluss kommt Peter da gerade Recht, um mit sich und dem Abschied von seinem Mentor Tony Stark ins Reine zu kommen. Doch ist da auch noch die angehimmelte MJ (Zendaya), zu der der junge Mann sich zunehmend hingezogen fühlt.
In der Alten Welt angekommen, muss Peter dann rasch erkennen, dass er vor Spider-Man nicht davonlaufen kann. Eine Gruppe monströser Elementarwesen, der angeblich von einer Parallelerde stammende Superheld Quentin Beck (Jake Gyllenhaal), genannt „Mysterio“ und der unverwüstliche Nick Fury (Samuel L. Jackson) kreuzen bald seinen Weg. Und eine gewaltige Dummheit beim Umgang mit Starks Erbteil für Peter, der mächtigen Kontrolleinheit „E.D.I.T.H.“, gilt es, unter Aufbietung aller Superspinnenkräfte versteht sich, wieder geradezurücken.

Der Nachhall des immens erfolgreichen Kassenklingelns dieses zweiten, wiederum von Jon Watts inszenierten Spider-Man-Solo-Abenteuers im Rahmen des MCU, erwies sich als alles andere denn erfreulich – Sony, nach wie vor primärer Rechteinhaber für die Figur nebst ihrem Comicanhang, vermeldete wieder gesteigertes Interesse an deren eigener Vermarktung und, damit einhergehend, bei Nichterfüllung vertraglicher Neubedingungen durch Disney und Kevin Feige, eine Rückkehr unter das hauseigene Dach. Für kommende Filme würde dies bedeuten, dass Spider-Man aus dem MCU wieder extegriert und beiderseits sämtliche charakterliche Entwicklungen seit „Captain America: Civil War“ wieder getilgt werden müssten. Eine besonders für Freunde geschlossener Kontinuität im Hinblick auf verfilmte Marvel-Geschichten immens bittere Pille, die seit 2002 praktisch einem rekordverdächtigen vierten Reboot entspräche. Immerhin bleibt Tom Holland, der seine Auftritte als Spidey sehr zu lieben scheint,  seinem alter ego als Gesichtsstifter wohl vorerst erhalten.
„Far From Home“ nun führt zunächst einmal den publikumsverwöhnten Habitus des Vorgängers weiter. Wiederum ist Peter Parker noch Schüler mit (post-)pubertären Alltagsproblemen, dessen Fähigkeiten ihm innerhalb der übrigen Superheldengemeinde einen durchaus problematischen Exklusivstatus anheim stellen. Mit vielleicht 17, 18 Jahren bereits mehrfach an der Weltrettung beteiligt gewesen, Göttern und außerirdischen Despoten begegnet und im Weltall herumgejagt zu sein, geht an einem eher schüchternen Waisenknaben aus der Bronx gewiss nicht spurlos vorüber. Hinzu kommt in erschwerender Weise der schmerzliche Verlust des zwischenzeitlichen Ersatzvaters und die von ihm hinterlassene Märtyrerlücke, die darüber hinaus die gesamte Welt trauern lässt. Dem in dieser Weise angeschlagenen und geforderten jungen Mann erscheint der schulische Eurotrip mit zwei schrulligen Lehrern (Martin Starr, J.B. Smoove) als denkbar beste Ablenkung zur Stunde, zumal endlich einmal Platz für die persönlichen, altersadäquaten, sprich: romantischen Bedürfnisse gelassen scheint. Doch die nächste Bedrohung naht schon – Comickenner wissen schon bei dessen erstem Auftritt, dass der Mann mit dem nebulösen Glasglockenhelm namens „Mysterio“ natürlich kein Held, sondern vielmehr ein machthungriger Illusionist ist, der ganz eigene, sinistre Pläne hegt. Hier stammt jener Quentin Beck allerdings nicht aus den S-F/X-Schmieden Hollywoods – vielmehr entpuppt er sich als vormaliger Bestandteil der Stark-Factory und, wie bereits Adrian Toomes alias „Vulture“ (und andere bedauernswerte Zeitgenossen) als ein durch Tony Starks Umtriebe Geschmähter, der nach postumer Vergeltung sucht. Becks opportunistisches Streben sieht nichts Geringeres vor, als die Nachfolge von Iron-Man als globaler Premiumheld anzutreten und nimmt dafür die Zerstörung ganzer Städte und etlicher Existenzen in Kauf, die seine Illusionen, die „Elementals“, als Kollateralschäden hinterlassen. Dass Peter ihm kurzsichtig in die Hände spielt, indem er Beck naiverweise die ihm persönlich von Stark hinterlassene „E.D.I.T.H.“-Brille, die ihrem Träger die Kontrolle über Abertausende von Kampfdrohnen ermöglicht, verehrt, gilt es schließlich wieder gut zu machen. Doch einen Mann, der die Realität selbst zum Trugbild werden lassen kann, zu bekämpfen, wird erwartungsgemäß zu einer der schwierigsten Herausforderungen für den Heldennachwuchs. Flankiert werden die erstklassig visualisierten Kämpfe zwischen Spider-Man und Mysterio von nett arrangierten, häufig komischen Situationen, in die Peter und sein Tross zwischen den pittoresken Schauplätzen Venedig, Prag, Berlin und London immer wieder geraten. In Screwball-Manier muss sich Peter zwischen seinem frischverliebten Kumpel Ned (Jacob Batalon), der umschwärmten MJ (die sich jetzt plötzlich wie Mary-Jane abkürzt, wo sie in „Homecoming“ noch „Michelle“ hieß), den überforderten Lehrern sowie den immer wieder auftauchenden Fury und Maria Hill (Cobie Smulders) seinen Weg bahnen und dazu noch seine Heldenidentität schützen. Allerlei Optionen für Rasanz und Tohuwabohu, die Watts souverän, amüsant und teenagergerecht zu stemmen weiß. Damit empfiehlt er sich zugleich als Regisseur für kommende Spidey-Abenteuer, deren Zukunft nun ja trotz der aufregenden Mid- und der noch aufregenderen Post-Endtitel-Sequenzen leider keineswegs in Stein gemeißelt ist. Immerhin empfiehlt sich nunmehr bereits Phase 4: Die formwandelnden Skrulls sind offenbar doch nicht so freundlich, wie uns „Captain Marvel“ erst im Frühjahr 2019 weiszumachen trachtete…

8/10

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TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

BOMB CITY

„They’ve gone too far, man.“

Bomb City ~ USA 2017
Directed By: Jameson Brooks

Amarillo, Texas, 1997: Nach einem Trip an die Ostküste kehrt Punk Brian (Dave Davis) in seine Heimatstadt und zu seiner Familie zurück. Die Subkultur und seine alten Kumpels empfangen ihn mit offenen Armen, doch ein friedliches Auskommen ist Brian nicht vergönnt: die Jocks des lokalen High-School-Football-Teams, allen voran der latent aggressive Cody Cates (Luke Shelton) akzeptieren das unangepasste Auftreten und die Verweigerungshaltung der Punks nicht. Damit erfreuen sie sich immerhin der Sympathie der Polizei, die die beiden Cliquen mit höchst unterschiedlichen Handschuhen anfasst. Immer wieder kommt es zu sich intensivierenden Scharmützeln zwischen den jungen Leuten, bis Cody eine Sicherung reißt und die Katastrophe da ist.

Der Mord an Brian Deneke, einem neunzehnjährigen, ursprünglich aus Wichita stammenden Punk, bewegte und bewegt nicht nur die globale Szene der bunten Mohawks und abgewetzten Lederklamotten. Er ist ein bleibendes Beispiel dafür, mit welcher Bigotterie in den USA Minoritäten jedweder Kuleur behandelt und auch bestraft werden. Am 12. Dezember 1997 wurde Brian Deneke von dem zwei Jahre jüngeren Nachwuchs-Football-Star Dustin Camp nach einer Auseinandersetzung zwischen seinen und Brians Freunden gezielt überfahren. Vor, während und nach der Tat stieß Camp triumphierende Sprüche betreffs seiner Aktion aus, die mit ihm im Wagen sitzende Freunde gerichtlich bezeugten und die seine absichtsvolle Handlungsweise nachwiesen.
Jameson Brooks spinnt seine Geschichte um dieses erschütternde Ereignis und widmet sich dabei auch der nachfolgenden Gerichtsverhandlung und den sich daraus ergebenden Folgen für Dustin Camp, indem er die zu Brians Ermordung führenden Ereignisse in Rückblenden nacherzählt. Rasch wird eines offensichtlich: Camps Verteidigung bestand vor allem in der Strategie, Brian trotz seiner Ermordung nachträglich noch sozial zu diskreditieren, ihn aus Gründen der möglichen späteren Urteilsaufweichung unmöglich zu machen. Dieser Plan ging gründlich auf – Camp wurde wegen „Totschlags im Affekt“ zu einer lächerlich niedrigen Geldbuße und einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2001 verstieß er infolge von Alkoholkonsum als Minderjähriger gegen die Auflagen, wurde inhatiert und wiederum verfrüht aus der Haft entlassen.
Brooks‘ Hauptverdienst besteht, neben den Tatsachen, das spannende Portrait einer sich in widerborstigem Umfeld behauptenden Jugend-Subkultur geliefert und die ohnehin allzu spärlich besetzte Gattung der punk movies um einen eminenten Beitrag bereichert zu haben, darin, Brian Denekes Geschichte zwanzig Jahre nach ihrem traurigen Ende nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen, sondern sie in dieser besonders haltbaren Kunstform für künftige Generationen konserviert zu haben. Chapeau! dafür.

8/10

YOURS, MINE AND OURS

„It’s giving life that counts.“

Yours, Mine And Ours (Deine, meine, unsere) ~ USA 1968
Directed By: Melville Shavelson

Sowohl der Navy-Offizier Frank Beardsley (Henry Fonda) als auch die Militär-Krankenschwester Helen North (Lucille Ball) sind verwitwet und stehen jeweils mit ganzen zehn bzw. acht Kindern unterschiedlicher Altersklassen da. Als sie sich eines Tages per Zufall kennenlernen und zu einem ersten Date verabreden, ist rasch wahre Liebe im Spiel, die Vernunft angesichts der jeweiligen Beichte ihrer monströsen Anhänge obsiegt jedoch und man trennt sich gütlich. Franks Freund Darrel (Van Johnson) hat jedoch längst registriert, dass die beiden (nebst ihren Familien) füreinander bestimmt sind und verkuppelt sie dann doch erfolgreich mit anschließender Heirat. Jetzt heißt es, die Riesenbagage erfolgreich unter einen Hut zu bringen. Als sich schließlich ein erstes gemeinsames Baby ankündigt, wird das vorprogrammierte Chaos nicht kleiner…

Melville Shavelson schrieb und inszenierte gern und zuverlässig familientaugliches Studiokino auf der sicheren, oder, bös formuliert, biederen Seite. „Yours, Mine And Ours“ ist ür Shavelsons Arbeitsweise ein Vorzeigeexempel; eine liebenswerte, mit drei sympathischen Stars besetzte Komödie mit ein paar gelungeneren und ein paar ziemlich farblosen Situationsgags sowie wenigen dramatischen Kerben, die, dessen ist man sich sehr bald gewiss, jedoch nie das frohe Gesamtbild ins Taumeln bringen. An „Yours, Mine And Ours“ ist alles hübsche Routine. Er zeigt sich beeinflusst von den damals noch recht frischen TV-Sitcom-Formaten rund um herzliche, bourgeoise Familien und deren unaufgeregt gewöhnliche Alltagsexistenzen, wobei selbst die Regie höchstens einmal stellenweise und dann unwesentlich bis kaum spürbar von jenen bombensicheren Gewöhnlichkeitspfaden abweicht. Ähnlich wie James Stewart (der ohne Schwierigkeiten auch Fondas Rolle hätte spielen können) in seinen drei ebenfalls um diese Zeit entstandenen Koster-Filmen bildet auch „Yours, Mine And Ours“ einen jener spießig kolorierten, dabei völlig hilflosen Altstar-Versuche, gegen die immer stärker grollenden New-Hollywood-Umtriebe Front zu machen. Während in Südostasien der mit Napalm bombardierte Dschungel lichterloh brannte, mühte man sich unter anderem auch in massenkompatiblen Filmen wie diesen verzweifelt, das US-Militär in gerade Lichtverhältnisse zurückzurücken und ihren Entscheidungsträgern aufrichtige humane Grundgesinnungen angedeihen zu lassen: Ein sympathischer Offizier wie Frank Beardsley, der für ganze 19 Kinder verantwortlich ist und dessen Ältester (Tim Matheson) am Ende stolz erhobenen Hauptes zu den Marines geht kann ja faktisch nur ein erklärter Philanthrop sein. Dass die Chancen indes gut standen, dass die Beardsleys schon bald um einen Sprössling erleichtert werden würden, behielten Shavelson und sein Film derweil lieber für sich.

6/10

HIGH SCHOOL CONFIDENTIAL!

„Tomorrow is a king-sized drag.“

High School Confidential! (Mit Siebzehn am Abgrund) ~ USA 1958
Directed By: Jack Arnold

Tony Baker (Russ Tamblyn) ist der Neue an der städtischen High School und er macht sogleich keinen Hehl daraus, was für ein Zahn er ist: Der Obermotz will er werden, der heißeste Typ der Schule und vor allem neuer Chef der hiesigen Gang „Wheelers & Dealers“, die mit allerlei krummen Aktionen wie etwa Drogenhandel ihr Taschengeld aufbessert. Tony kennt sich aus in der Szene. Wenn von „Gesundheitstee“, „Mary Jane“, einer „Fahrt ins Grüne“ oder „Erfischungsstäbchen“ die Rede ist, dann weiß er als Insider genau, wovon er spricht. Tatsächlich gelingt es Tony, der bei seiner ebenso üppig ausgestatteten wie nymphomanen Cousine Gwen (Mamie Van Doren) eingezogen ist, bald, Fuß in der Szene zu fassen. Er macht sich bei den Lehrern der Schule unmöglich und gewinnt damit den Respekt der anderen Kids, arrangiert sich mit seinem „Vorgänger“ J.I. (John Drew Barrymore), bendelt mit der marihuanasüchtigen Joan (Diane Jergens) an und knüpft bald Kontakt zum heimlichen Oberdealer Mr. A (Jackie Coogan) und dessen florierendem Heroingeschäft. Dass Tony in Wahrheit der Undercover-Cop Mike Wilson ist, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand…

Beware the Reckless Youth! Noch vor seinem letzten phantastischen Universal-Film „Monster On The Campus“ inszenierte Akkordfilmer Jack Arnold dieses weniger bekannte Kleinod für Albert Zugsmith und die MGM. Darin greift er mit Unterstützung einer exemplarischen Besetzung den in jenen Tagen vor allem dem B-Film vorbehaltenen Themenkomplex der lotterlebigen juvenile delinquents auf, der zuvor vor allem von den notorischen Klassikern des Subgenres wie „Rebel Without A Cause“ oder „The Blackboard Jungle“ aus der Kinotaufe gehoben und bravourös kultiviert worden war. Jenes Filmsegment, zu dem entsprechend seiner Topoi unweigerlich auch der Schau- bzw. Kampfplatz „High School“ obligatorisch zählte, bot sich an, um einerseits die Kids in den Drive-In-Kinos jubeln und knutschen zu lassen und andererseits die Elterngeneration darüber aufzuklären, wie weit es mit ihren suf das Furchtbarste gefährdeten Sprösslingen bereits gekommen war. Dieser Zielpublikums-Maxime entsprechend bedient „High Schoolm Confidential!“ jeden einzelnen erforderlichen Stereotypen mit laut kolportierender Grandezza. Wir erleben sie alle: das noch nicht zur Gänze verlorene, Marihuana-Zigaretten rauchende Mädchen (Sterling) aus bourgeoisem Hause nebst ihrem verblendeten, gleichgültigen Vater (James Todd), den greisen, überforderten Schulrektor, die erziehungsberechtigte Sexbombe ohne Übersicht (Van Doren), den Schuldealer (Barrymore), den Möchtegern-Mitläufer (Michael Landon), den diffusen Boss (Coogan) und sogar die Vertreter der existenzialistischen Gegenkultur (u.a. Philippa Fallon), die moralisch entrückten Vorboten von sozialer Zersetzung und Gammlertum! Jerry Lee Lewis kommt persönlich mitsamt Piano vorbei, um das Titelstück zu schmettern und Russ Tamblyn überrascht im weiteren Verlauf als unvermuteter verdeckter Ermittler, der das ganze Wespennest von innen aushebt.
Es muss kaum extra erwähnt werden, dass ein schmissiges Camp-Spektakel das wohlschmeckende Resultat aus all dieser biederen Kleingeistigkeit ist, die die porträtierten Rauschmittel kaum besser denn vom Hörensagen kennt und in all den Klischees badet, denen man sechzig Jahre später nurmehr mit herzhaftem Gelächter zu begegnen angetan ist. Unbedingt hörenswert auch die (authentische) deutsche Kino-Synchronisation, die mit den Starsprechern der damaligen Zeit aufwartet und verkrampft versucht, alles Mögliche zu teutonisieren, um das Dargestellte mit bundesdeutschen Verhältnissen zu analogisieren. Da wird aus Tony Baker ein „Tony Becker“ und aus „Mr. A“ – natürlich – ein „Herr X“. Wirklich formidabelst, das alles.

7/10

POPCORN UND PAPRIKA

„Iih, der riecht nach Alkohol!“

Popcorn und Paprika ~ BRD/HU 1984
Directed By: Sándor Szalkay

Im Sinne ost-westlicher Verständigung reist Schwimmtrainer Sigi (Siegfried Rauch) mit seiner Nachwuchs-Equipe nach Budapest, um sich dort gemeinsam mit dem ungarischen Team unter Trainerin Teri (Cecília Esztergályos) für die kommenden Meisterschaften vorzubereiten. Unter Sigis Stars befindet sich auch sein Sohnemann Peter (Jonny Jürgens). Alte Wunden brechen auf, als die lustige Truppe in ihrem Hotel ankommt: Sigi hat, als er zum letzten Mal vor 19 Jahren hier war, eine uneheliche Tochter gezeugt, von der er nichts weiß, außer, dass sie existiert. Als Peter davon hört, wird ihm bang: Könnte die schnieke Piroschka (Gabi Fon), Tochter des ungarischen Mannschaftsmanagers (Péter Haumann), in die er sich bodenlos verknallt hat, möglicherweise seine Halbschwester sein?

Weder nach Ibiza noch zum Wörthersee oder gar an den Kilimandscharo – nein, straight hinter den Eisernen Vorhang führte das Lisa-Publikum „Popcorn und Paprika“ (Titelsong von Gerhard Heinz: „Popcorn And Paprica“) mit dieser deutsch-ungarischen Coproduktion. Nicht nur im Sport, sondern auch in der Filmproduktion standen die Zeichen nunmehr also auf Entspannung, wobei Produzent Franz Antel und Kalli Spiehs sogar einen einheimischen Regisseur akzeptierten. Dass der Film politische Brisanzen auflöst, mag man ihm nun nicht eben unterstellen, eher vielleicht die rudimentäre Lebensweise „Titten statt Krieg“. Denn natürlich gehören zu einer Lisa-Produktion dieser Jahre diverse Besuche der Kamera in Damenduschen, Mädchenschlafsälen, Saunen oder was sonst noch als Alibikulisse für Entblätterungen taugt. Die Gags bemühen sich häufig, zu zünden, tun’s aber garantiert nicht, ebensowenig wie die etwas pikante Verwechslungsgeschichte, die natürlich ebenfalls ein unbedingtes Lisa-Obligatorium darstellt. Auch sonst hebt sich „Popcorn und Paprika“ nicht wesentlich von den anderen Werken seiner lustigen Provenienz ab. Gut, mit Siegfried Rauch und „Frau Wirtin“ Teri Torday als dessen gehörnter Gattin, die ihre berechtigte Eifersucht mal eben kurz mit ein paar Baracks wegtherapiert, gibt es vor der Kamera passables (wenngleich etwas unlustiges) Traditionspersonal. Ferner traten die beiden Udo-Kinder Jonny und Jenny (die sich am Ende natürlich als die „gesuchten“ Halbgeschwister entpuppen) hier einmalig zusammen an, wobei sich Jonny und der bebrillte, stets als nerdiger Trottel in Nöten besetzte Alexander Gittinger nach „Sunshine Reggae auf Ibiza“ nochmals in punkto darstellerisches Unvermögen gegenseitig das Wasser (sic!) abgraben dürfen. Am Thron dieses einsamen Highlights des grotesken Nachkriegskinos vermag „Popcorn und Paprika selbstredend nicht zu kratzen, dafür mangelt es ihm an, sagen wir, der notwendigen anarchischen Potenz. Dennoch: Lisa zwischen 75 und 88 bleibt, auch, wegen und trotz Filmen wie diesem, ein eminentes, prezioses Kapitel bundesdeutscher Kinotiefkultur.

5/10

SUSPIRIA

„Are you this pale all the time?“

Suspiria ~ I/USA 2018
Directed By: Luca Guadagnino

Berlin, Herbst 1977. Während die junge Amerikanerin Patricia Hingle (Chloë Grace Moretz), Elevin der international renommierten Helena-Markos-Tanzakademie für Mädchen, spurlos verschwunden ist, kommt mit ihrer Landsmännin Susie Bannion (Dakota Johnson) just eine neue Schülerin dort an. Als Tochter einer mennonitischen Farmersfamilie aus Ohio hat sich Susie, die sich seit frühester Kindheit magisch von der Mauerstadt angezogen fühlt, ihren Weg hierher auf eigene Faust bewältigt. Madame Blanc (Tilda Swinton), die Leiterin der Akademie, ist von Susies Fähigkeiten begeistert und setzt sie schon bald für die Hauptrolle der geplanten Aufführung des Stücks „Volk“ ein. Susies Mitschülerin Sara (Mia Goth), die sich mit ihr rasch angefreundet hat, bemerkt derweil bald schon seltsame Wesensveränderungen bei der Neuen. Zudem nimmt der alte Psychiater Dr. Klemperer (Tilda Swinton), bei dem zuvor Patricia in Behandlung war und der sich um den Verbleib seiner Patientin sorgt, Kontakt zu Sara auf. Offenbar war Patricia der Meinung, die Belegschaft der Akademie bestünde aus einem Hexenzirkel, der einer uralten, dämonischen Entität, Mater Suspiriorum, oder auch der „Mutter der Seufzer“, huldigte. Unter den Lehrerinnen schwelt darüberhinaus ein Konflikt darum, wer künftig ihren Vorstand innehaben soll: Weiterhin die uralte Helena Markos (Tilda Swinton), die noch irgendwo in den Eingeweiden des labyrinthischen Gebäudes (dem „Mütterhaus“) verborgen lebt, oder doch die vitale Madame Blanc…

Nachdem das „Suspiria“-Remake, nebenbei die erste Neuinterpretation eines Films von Dario Argento, bereits jahrelang in der Präproduktionsphase steckte, wurde es letzthin schlussendlich doch noch realisiert. Der Regisseur Luca Guadagnino schien dabei nicht unbedingt die offensichtlichste Wahl für einen Genrefilm zu sein, dessen Original sich allerorten nicht nur höchster Beliebtheit erfreut, sondern zudem einer vergleichsweise stark ergebenen Liebhaberschaft zu versichern weiß, deren wachsende Zahl sich über die Jahrzehnte immer tiefer und bis hinein in die sogenannte „anerkannte“ Filmkritik und unter renommierten Filmhistorikern und – Analytikern zu verwurzeln weiß.
Dass Argentos „Suspiria“ weit über das übliche horrornerd-fandom einen Status als immens einflussreiches Gesamtkunstwerk genießt, beweist auch Guadagninos Ansatz, den Stoff auf- und umzubereiten. Anders als ehedem Argento und seine Gattin Daria Nicolodi, deren Grundwerk sich als erster Teil einer (mittlerweile vollendeten) Trilogie um die „Drei Mütter“ begriff und das vor allem im Hinblick auf seine formale Ausgestaltung (saftige Primärfarbkompositionen, Architektur und Raumkonstruktion) sowie die Schaffung einer eher diffusen, kaum greifbaren Atmosphäre des Unheils und Schreckens reüssierte, setzt Guadagnino andere Schwerpunkte, die das Vorbild einerseits ergänzen, es andererseits aber auch bewusst diametralisieren. Dem trägt insbesondere die Entscheidung Rechnung, den neuen „Suspiria“ zur gleichen Zeit spielen zu lassen wie den alten, 1977 also, allerdings nicht im württembergischen Freiburg, sondern im geteilten Berlin, rückblickend die ultimative (gegen-)kulturelle Keimzelle der gesamten Republik. 1977, das war auch das Jahr des „Heißen Herbsts“, in dem die RAF implodierte, nachdem die zweite Generation Schleyer entführt, die sympathisierende PFLP die Landshut gehijackt und die in Stammheim einsitzende Führungsspitze Kollektivsuizid verübt hatte. Alle diese Ereignisse finden, mal am Rande, mal zentralisierter und gezeichnet in bleiernen Pastell- und Sepiatönen auch bei Guadagnino Platz (die verschwundene Patricia wird mehrfach als RAF-Sympathisantin exponiert). Nicht von ungefähr tauchen mit Angela Winkler und Ingrid Caven zwei wichtige Protagonistinnen des Neuen Deutschen Films als Hexen auf. Die Hexen, das sind in „Suspiria“ 2018 zugleich dedizierte Feministinnen; Frauen, die für Selbstbestimmung, die Abschottung vor dem Patriarchat und seinen politischen Auswüchsen stehen und die vor allem die Autonomie ihres Geschlechts zu stärken trachten. Doch gibt es freilich wie überall so auch hier den schwelenden Generationskonflikt, der sich schlussendlich im Duell entscheiden soll. Im Gegenzug findet sich ergänzend dazu die Schuldfrage der (maskulinen) Kriegsgeneration inhaltlich eingewoben in der Person des zwischen West- und Ost-Berlin umherpendelnden Dr. Klemperer, dessen Frau Anke (Jessica Harper) 1943 auf der Flucht von den Nazis gefasst und in Theresienstadt ermordet wurde und der am Ende, nach einem finalen Martyrium, endlich Freiheit und Erlösung vom lebenslangen Gram finden darf.
Der neue „Suspiria“ ist somit weniger Horrorfilm denn phantastisch konnotiertes Zeit- und Landes- (bzw- Stadt-) Porträt mit einigen gattungsgerechten Einsprengseln. Nicht jede inszenatorische Entscheidung wirkte dabei auf mich auf Anhieb zuträglich, so etwa die, Tilda Swinton in gleich drei Rollen auftreten zu lassen (wobei besonders die Maskerade als Dr. Klemperer, die ich ohne Vorwissen unmittelbar durchschaut habe und über deren vormaliges Verschleierungsgewese ich erst im Nachhinein las, mir künstlerisch missglückt erscheint). Dennoch scheint mir das Experiment als artifiziell potente Versuchsanordnung in seiner Gesamtheit durchaus gelungen und honorabel. Vor allem, zumal hier wirklich kreative Fruchtbarkeit zu spüren ist und nicht der bloße, öde Ansatz, einen populären Traditionstitel einer nachwachsenden Generation von leicht affizierbaren Popcornfressern konsumierbar zu machen.

8/10