THE BROWNING VERSION

„Just once I’ll say ‚No‘.“

The Browning Version (Schrei in die Vergangenheit) ~ UK 1994
Directed By: Mike Figgis

Nach 18 Jahren im Schuldienst wird Andrew Crocker-Harris (Albert Finney), Lehrer für klassische Sprachen an einem altehrwürdigen englischen Internat für Jungen, von der Leitung geschasst, vorgeblich wegen seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung. Die wahren Gründe sind nicht ganz eindeutig, könnten aber vielerlei Natur sein. Crocker-Harris wird nebst seinem Unterrichtsfach vom zumeist deutlich jüngeren, sportlich aktiven Kollegium eher als trauriges Fossil betrachtet, seine Unter-Sekunda-Schüler mögen ihn nicht sonderlich und begegnen seiner trocken-resoluten, überstrengen Art mit einer Mischung aus Furcht und Respekt.
Crocker-Harris‘ deutlich jüngere Frau Laura (Greta Scacchi) erträgt indes das stets gefasste, kontrollierte Wesen ihres Gatten nicht und betrügt ihn, auch das ein mehr oder werniger offenes Geheimnis, mit Frank Hunter (Matthew Modine), einem amerikanischen Austauschlehrer für Chemie, der auch bei den Kids extrem beliebt ist.
Am Vortag seiner Verabschiedung erhält Crocker-Harris von Taplow (Ben Silverstone), einem der wenigen Schüler, die Sympathien für ihn hegen, eine antiquarische Ausgabe von Aischylos‘ „Agamemnon“ in der Übersetzung eines gewissen Robert Browning, mitsamt persönlicher Widmung des Jungen. Dieses Geschenk rührt Crocker-Harris zutiefst und zwingt ihn zur Reflexion.

„The Browning Version“ ist die neunte und bis dato jüngste von insgesamt neun filmischen Adaptionen des 1948 uraufgeführten Bühnenstücks nach Terence Rattigan. Zusammen mit der zeitgenössisch entstandenen 1951er-Version von Anthony Asquith dürfte Figgis‘ Arbeit zudem die populärste unter den zumeist fürs Fernsehen umgesetzten Verfilmungen bilden.
Da ich Asquiths Werk leider noch nicht kenne, kann ich diesbezügliche Vergleiche nicht anstellen, was Figgis und sein Autor Ronald Harwood jedoch aus Rattigans Vorlage herausholen, liefert in rund 90 Minuten eine ebenso messerscharfe wie vielschichtige Charakterisierung des Protagonisten. Andrew Crocker-Harris ist in vielerlei Hinsicht das, was man als „erhern britisch“ bezeichnen möchte: ein stets auf die Sekunde pünktlicher, steifer, immens pflichtbewusster Lehrer, der Emotionalität und vor allem deren Zurschaustellung verabscheut und die Widernisse seines Lebens an sich abperlen lässt wie ein Fels die Brandung. Seine Liebe zu latein und altgriechisch wirkt analog zu Crocker-Harris‘ ganzem Wesen aus der Zeit gefallen. Im Prinzip verkörpert er zwar genau jenen Ausbund an Tradition, für den seine Schule seit rund dreihundert Jahren steht, muss sich jedoch längst von der (post-)modernen Realität überholt wähnen (ein Faktum, das Figgis/Harwood besonders gut prononcieren, indem sie den mutigen Schritt gingen, die Geschichte kurzerhand in die Jetztzeit zu transponieren). Die „toten“ Sprachen und ihr rundum klassizistischer Impetus haben keinen Platz mehr in der Lebenswirklichkeit der Schüler, die jetzt viel lieber die jüngeren Kollegen anhimmeln, die erfolgreiche Cricket-Spieler sind, oder, wie Frank Hunter mit seinen chemikalischen „Zaubertricks“, zumindest Unterrichtsstoffe behandeln, die den Jungs etwas bedeuten. Crocker-Harris muss sich die bittere Wahrheit eingestehen, versagt zu haben. Nicht nur als Lehrer, der sowohl methodisch-didaktisch als auch erzieherisch seit Jahren an seinen Schülern „vorbeiunterrichtet“ hat, sondern zudem als Ehegatte, der stets, bewusst oder unbewusst, die Bedürfnisse seiner Frau überhörte und schließlich als Mann, der nicht die Integrität besitzt, sich gegen die Ungerechtigkeiten wider seine Person zu behaupten. Dennoch vollzieht Albert Finney das bravouröse Kunststück, diesem intellektuellen Lebensverlierer sämtliche Sympathien zufliegen zu lassen. Man spürt seine Traurigkeit und seine Enttäuschung mit jeder Faser und vergegenwärtigt sich gemeinsam mit ihm, dass individuelles Glück nicht in stoischer Verwegerungshaltung liegt, sondern darin, Liebe, Freundschaft und Sympathie zu geben und zu empfangen. Damit erzählt „The Browning Version“ zugleich weitaus mehr über den Lehrerberuf und seine persönliche Tragweite als es viele „aktuellere“ Stoffe vermögen.

8/10

EXTRACTION

„You drown not by falling into the river, but by staying submerged in it.“

Extraction ~ USA 2020
Directed By: Sam Hargrave

Der Privatkrieg zwischen dem einsitzenden indischen Drogenbaron Ovi Mahajan (Pankaj Tripathi) und seinem in Dhaka wirkenden Intimfeind Amir Asif (Priyanshu Painyuli) erklimmt eine neue Stufe, als Asif Mahajans Sohn Ovi Jr. (Rudhraksh Jaiswal) kidnappen lässt. Da Mahajan Sr. die Verantwortung für die Geiselaffäre vornehmlich Ovis Leibwächter Saju Rav (Randepp Hooda) anlastet und nun seinerseits dessen Familie bedroht, muss sich Saju etwas einfallen lassen: Er lässt den Söldner Tyler Rake (Chris Hemsworth) rekrutieren, ohne ihn bezahlen zu können. In Dhaka angelangt, gelingt Rake zwar Ovis Befreiung, mit der massiven Gegenwehr Asifs, der den gesamten, korrupten Polizeiapparat in der Tasche hat, rechnet Rake allerdings nicht. Nachdem Rake sich mit seinem Schützling angefreundet und mit Saju verbündet hat, steht ihm ein letzter, gewaltiger Kampf bevor.

High Octane Action bietet das Regiedebüt des vormalig als stunt coordinator tätigen Sam Hargrave, der sein Können insbesondere für diverse Marvel-Produktionen unter Beweis stellen konnte. Die Hauptfigur des Films, Tyler Rake, sowie die Grundzüge der Story verdankt Hargrave der 2014 erschienenen Graphic Novel „Ciudad“, die neben Ande Parks auch die Russo-Brüder Joe und Anthony ersonnen haben. Darin muss Rake ein junges Mädchen aus der paraguayischen Ciudad del Este heraushauen. Den Reviews zum Comic lässt sich entnehmen, dass sich darin bereits diverse klare Bezüge und Avancen zu respektive für eine(r) mögliche(n) Filmadaption auftun, die ja nun tatsächlich existiert. Rake gesellt sich in typologischer Hinsicht zu den schießenden und prügelnden Kino-Killersupermännern der jüngeren Zeit, von Robert McCall über Jack Reacher und Christian Wolff bis hin zu John Wick, die die Genicke ihrer multipel einfallenden Gegnerschaften quasi im Vorbeigehen brechen und jede Feuerwaffe als naturgegebene Armprothese zu nutzen wissen. Chris Hemsworths beeindruckende Physis gemahnt wiederum stark an die körperbetonten Action-Heroen der Achtziger. Eine vielversprechende Mixtur, die sich dann auch tatsächlich als höchst funktional erweist. Anders als in der Vorlage die bezüglich der Beziehung der beiden Hauptcharaktere zueinander dem Vernehmen nach wiederum von Luc Bessons „Léon“ und insbesondere den beiden „Man On Fire“-Verfilmungen zehrt wurde nun aus dem Mädchen ein teenage boy und aus Südamerika Südasien, im Speziellen Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Dieser im Hinblick auf einen westlich produzierten Genrefilm doch recht ungewohnte Schauplatz erweist sich immer wieder als grandiose Kulisse für die brillant choreographierten Sequenzen in „Extraction“, in deren Zentrum neben dem bleihaltigen Finale auf einer der Brücken über den die Metropole flankierenden Dhaleshwari-Mündungsarm eine atemlos montierte Plansequenz von elfeinhalb Minuten Länge steht, die so geschickt geschnitten ist, dass selbst die wenigen cuts kaum auffallen, unter anderem eine Verfolgungsjagd im Auto und per pedes beinhaltet und die andererseits wesentlich bodenständiger inszeniert ist als die mich grundsätzlich enervierenden Zirkusnummern asiatischer Produktionen.
Man darf annehmen, dass dies trotz einiger physiologischer Entbehrungen seitens unseres neuen Helden nicht Tyler Rakes letzter Filmauftritt gewesen sein dürfte; darauf lässt einerseits die letzte, sich ein wenig eingmatisch ausnehmende aber doch erwartungsgemäße Einstellung schließen und andererseits die sich a priori seriell gestaltende Einführung und Kultivierung Rakes, der als „zeitgenössischer Rambo“ (auch dies ist hier und da immer mal wieder nachlesbar) für ein solitäres Abenteuer viel zu schade wäre. Ich bin jetzt schon bereit für alles, was da in der development pipeline liegen mag…

8/10

CRITTERS

„We’re here for the crites.“

Critters ~ USA 1986
Directed By: Stephen Herek

Ein paar Crites, höchst gefräßige, kleine Aliens mit einigen gemeinen physischen Eigenschaften, fliehen aus der Quarantäne, kapern ein Raumschiff und setzen Kurs auf die Erde. Ihnen auf den Fersen sind zwei außerirdische Kopfgeldjäger mit der Fähigkeit zur Gestaltwandlung. Die Crites landen schließlich in Kansas, auf der Farm der Browns, wo sie sich zuallererst durch ein paar Rinder fressen. Ausgerechnet Brad (Scott Grimes), der lausbübische Filius der Browns, der ein Herz für allerlei Geschosse und Knallkörper hat, bewahrt den kühlsten Kopf und kann mit der etwas ungestümen Hilfe der beiden mittlerweile aufgetauchten und zu Menschen (Don Keith Opper, Terrence Mann) getunten Weltraumpistoleros (fast) alles zum Guten wenden.

Dieser kleine Evergreen aus der noch aufstrebenden New-Line-Schmiede hat sich nach einer viel zu langen Betrachtungspause wieder zielsicher sein Plätzchen in der mir besonders preziosen Nostalgiekammer meines Filmherzens zurückerobert. Ich weiß noch, dass „Critters“ damals relativ zügig nach seinem Kino- und Videoeinsatz auch im TV ausgestrahlt wurde, was eine Aufzeichnung und damit besonders viele Begegnungen nach sich zog. Warum, das ist noch heute so evident wie vor 33 Jahren: „Critters“ ist ein rundum liebevoll gefertigtes Genrestück, das besonders Kids anspricht, ohne in weichspülerische Spielberg-Sphären abzugleiten. Vielmehr zeigt es genau diesen den weit ausgestreckten Mittelfinger, atmet den Geist ironischer Connaisseure wie John Landis und Joe Dante, versteht sich gewissermaßen als optionaler Appetizer für zukünftige Fans deftiger Erwachsenenunterhaltung und ist damit ebenso witzig wie fies. Regisseur Stephen Herek spielt gekonnt mit diversen popkulturellen Zeitklischees und verarbeitet sie im besten Wissen, dass er deren kommerziellen Horizont ohnehin nie erreichen wird oder könnte. Stattdessen setzt er auf ein tolles Vorzugsensemble; Dee Wallace, M. Emmet Walsh oder Billy Green Bush stellen natürlich klingende Namen, die jedem etwas belichteteren Liebhaber des US-Kinos der siebziger und achtziger Jahre prompt ein wohliges Lächeln auf die Wangen zaubern dürften. Wie die übrigen Darsteller sind sie hier mit viel Spaß und offensichtlich im professionellen Wissen, etwas Bleibendes zu liefern, bei der Sache.
„Critters“ gehört zudem genau zu jenen unerlässlichen Artefakten, aus denen sich die seit einigen Jahren grassierende Retrowelle um „Stranger Things“ und ähnliche Derivate speist, nur dass man hier eben ein waschechtes Original statt Klonkalkül erhält.

8/10

I SEE YOU

„There is something strange about the house.“

I See You ~ USA 2019
Directed By: Adam Randall

Die dreiköpfige Kleinstadtfamilie Harper steckt in einer tiefen Krise, seit Ehefrau und Mutter Jackie (Helen Hunt), Psychologin von Beruf, ihren Gatten, den Police Detective Greg (Jon Tenney), betrogen hat. Auch der Teenager-Sohn Connor (Judah Lewis) weiß von der Affäre und lässt keine Gelegenheit aus, Jackie seine Verachtung spüren zu lassen.
Zeitgleich kommt es in der Gegend immer wieder zum Verschwinden von Jungen, die um die zehn Jahre alt sind. Diese Geschehnisse schließen an eine identisch ausgeprägte, Jahre zurückliegende Serie von Verbrechen an, die lediglich zwei der damaligen Opfer überlebten und für die der vermeintlich Verantwortliche seither einsitzt. Im Hause der Harpers scheint es derweil auch sonst nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Immer wieder kommt es zu sonderbaren Vorgängen, die darauf schließen lassen, dass die drei Familienmitglieder nicht allein in ihren vier Wänden sind.

„I See You“ hat, soviel vorweg, ein massives Problem: er stellt das unbedingte Bedürfnis danach, seinem Publikum durch naseweise twists Überraschungsjuchzer zu entlocken, über sämtliche übrigen Lehrbuchlektionen. Durch (scheinbare) Ellipsen, Chronolgieverschiebungen und einen herbeigezauberten, dramaturgischen Macguffin, das Phänomen des „phrogging“ nämlich (auf diese nach urbanem Slang korrekte Diktion ist strikt zu achten, „frogging“ bedeutet nämlich etwas anderes, wie ich just gelernt habe), oder anders formuliert: durch arge Konstruiertheiten und die Absicherung, dass der höchstwahrscheinlich durch viral verteilte Häppchen vorgeprägte Zuschauer besonders gewissenhaft auf alle Details achten wird, durch seinen Informationsnachteil aber gar nicht auf die Lösung kommen kann, erreicht „I See You“ sein mehr oder weniger erklärtes Ziel immerhin passgenau. Wer derlei oberflächliche Vexierspiele schätzt und großzügig übersieht, dass ein guter Film nicht allein von einer möglichst cleveren Conclusio getragen werden kann, kommt eventuell auf seine Kosten; mir selbst erschien das fraglos von strukturell ähnlichen Vorläufern wie „Prisoners“ oder „True Detective“ abgekupferte Ganze mit Ausnahme weniger gelungener Momente mittelmäßig und schlussendlich überschaubarer als es ihm oder seinen Ersinnern lieb sein dürfte. Tatsächlich empfand ich als nachhaltig unangenehmstes Moment des Ganzen das wächsern scheinende, merkwürdig unbeweglich gewordene Liftgesicht der entsetzlich gestrafften Helen Hunt, dessen allenthalbe Ablichtung um Einiges spookier war als jeder aufgesetzte Mystery-Mummenschanz es je sein könnte.

5/10

DARLIN‘

„There can be no after without a before.“

Darlin‘ ~ USA 2019
Directed By: Polyanna McIntosh

Jahre nachdem die kleine Darlin‘ Cleek den Klauen ihres perversen Vaters entkommen konnte und in der von ihm gekidnappten Frau (Polyanna McIntosh) aus den Wäldern ihre Ersatzmutter gefunden hat, wird sie, nunmehr selbst ein Teenager (Lauryn Canny), von der Frau zu einem Hospital geleitet. Dort kümmert sich zunächst der homosexuelle Krankenpfleger Tony (Cooper Andrews) rührend um das verwilderte Mädchen, muss seine wohlausgefüllte Verantwortung jedoch erzwungenermaßen bald an den eine katholische Mädchenschule namens ‚St. Philomena’s‘  leitenden Bischof (Bryan Batt) abgeben. Dieser verspricht sich von der (sorgsam dokumentierten) Resozialisierung Darlin’s eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit. Nach und nach adaptiert sich Darlin‘ an die strengen Erziehungsmethoden der Schule und des Bischofs, blickt jedoch alsbald hinter dessen saubere Fassade. Der daraus folgende, innere, seelische Widerstreit zwischen (forciertem) christlichem Gewissen und den blutigen Erinnerungsfetzen an das frühere Leben harrt seiner Entscheidung, derweil die Frau sich auf die Suche nach ihrer „verschleppten“ Darlin‘ macht…

„Darlin'“ bildet nach zehn Jahren den (vorläufigen) Abschluss einer Trilogie um eine aus einer verwilderten Kannibalensippe New Englands stammende, von Polyanna McIntosh gespielte Frau und ihre seltsamen Berührungspunkte mit einer hoffnungslos entmenschlichten „Zivilisation“. Die literarischen Wurzeln der Geschichte gehen auf den 1981 erstveröffentlichten Roman „Off Season“, das Debüt des vor rund zwei Jahren verstorbenen Horrorautors Dallas William Mayr alias Jack Ketchum, zurück. Darin wird eine Gruppe New Yorker Wochenenurlauber zu Opfern jenes in Maine beheimateten Kannibalenstamms. Ketchum schrieb bis 2010 noch zwei Fortsetzungen, „Offspring“ und „The Woman“, die im Gegensatz zum Auftaktroman beide 2009 bzw. 2011 adaptiert wurden. Letzterer der beiden Filme, inszeniert von Lucky McKee, avancierte zu einem Genre-Meisterwerk, einer tiefschwarzen, feministischen Groteske, einem buchstäblich wilden Pamphlet gegen das patriarchalische Selbstverständnis unserer gobalen Sozietät. Nachdem es nach dem recht zufriedenstellenden Showdown jenes wilden Ritts vorübergehend still um die titelgebende Frau und ihre neuadoptierte Familie wurde, nahm sich Polyanna McIntosh höchstselbst ein weiteres Mal ihres Erzählkosmos an und schrieb und inszenierte, unter produzierender Flankierung der früheren Mitstreiter Andrew van den Houten, McKee und Ketchum (dessen Andenken „Darlin'“ erwartungsgemäß gewidmet ist), ein Coming-of-Age-Drama. Vom letzthin übriggebliebenen Personal sind nurmehr die Frau und Darlin‘ übrig, letztere vor allem in der Funktion als Stammhalterin. Die junge Frau ist nämlich schwanger und dies zugleich der Grund, warum überhaupt die Geschichte um ihre Konfrontation mit der Kirche stattfinden kann. Das Baby soll nämlich unter sanitär-hospitalitären Umständen zur Welt kommen, aber dann verläuft alles doch ganz anders. Darlin‘ landet nämlich beim Bischof, einem weiteren Widerling maskuliner Austriebe, dem sein theologisches Gewissenspolster lediglich als Feigenblatt für die eigene, tiefverwurzelte Niedertracht fungiert. „Darlin'“ reitet also wiederum zu Kreuze, diesmal gegen den Klerus und sein (glücklicherweise) ohnehin im Bröckeln befindliches Antlitz. Das macht ihn schonmal nachgerade und wesentlich sympathisch. Die transgressive Kraft von „The Woman“ kann das Quasi-Sequel indes nicht mehr präservieren, daran ist ihm aber auch nicht gelegen. Der Plot dient McIntosh vielmehr dazu, ihre (ja nun doch sehr karriereeminenten) Geschichte als wilde Frau mit der ihr offenbar dräuenden Agenda der Kirchenkritik zu polstern. Das Resultat entspricht in etwa einer Melange aus „The Woman“ und Schraders „First Reformed“, der vor allem dem angemessen groben Finale bewusst oder unbewusst Pate steht. Als Regiedebüt beachtlich, solitär betrachtet sehens- und als conclusio seiner losen Trilogie anerkennswert.

7/10

SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK

„Stories hurt, stories heal.“

Scary Stories To Tell In the Dark ~ USA/CA 2019
Directed By: André Øvredal

Mill Valley, Pennsylvania 1968: Ein folgenreicher Halloween-Streich endet für die drei befreundeten Teenager und Horrorliebhaber Stella (Zoe Margaret Colletti), Auggie (Gabriel Rush) und Chuck (Austin Zajur) sowie den just dazugestoßenen Chicano Ramón (Michael Garza) im verlassenen Anwesen der Familie Bellows – einer einst wohlhabenden Dynastie von Textilunternehmern, der Mill Valley die Hauptursache seiner Existenz verdankt. Doch wie die meisten reichen Großfamilien umweht auch die Bellows‘ ein dunkles Geheimnis – einst wurde deren Tochter Sarah (Kathleen Pollard) zunächst von der Außenwelt isoliert und versteckt gehalten, um dann später in einer unweit entfernten Irrenanstalt mit Elektroschocks „therapiert“ zu werden. Sarah, die seit damals in dem alten Haus ihr gespenstisches Unwesen treiben soll, ist auch die Autorin eines seltsamen Geschichtenbuchs, das die von irrationalen Schuldgefühlen geplagte Stella findet und mit sich nimmt. Mit jenem Buch hat es Mysteriöses auf sich – es schreibt seine Gruselgeschichten selbst unumwunden mit blutiger Tinte, derweil das Niedergeschriebene sich parallel in der Realität abspielt und die jungen Leute ins Verderben reißt. Da das Buch sich nicht vernichten lässt, muss Stella nun seiner Autorin auf die Spur kommen…

„Scary Stories To Tell In The Dark“, inszeniert von dem vielversprechenden norwegischen Regisseur André Øvredal und produziert von Guillermo del Toro, basiert auf einer Serie von Gruselgeschichten-Anthologien, die der Autor Alvin Schwartz in den Achtzigern und Frühneunzigern speziell für eine jüngere Leserschaft verfasst und veröffentlicht hat. Mit dem verbindenden Plot der sich aus dem Jenseits rächenden Sarah Bellows fand der Film einen passenden narrativen Überbau, um seinen Episoden um einige, eine Teenagergruppe heimsuchende, grauslige Ereignisse inhaltliche Kohärenz zu verleihen und seine monströsen Gestalten und Segmente um die lebende Vogelscheuche Harold, einen Zombie auf der Suche nach einem fehlenden Zeh, eine fiese Spinnenschwangerschaft, die aufdringliche Pale Lady und den verwachsenen Jangly Man miteinander verquicken zu können. Dabei erweist sich der Release-Termin von „Scary Stories“ als nicht eben klug gewählt, um nicht zu sagen: ungünstig zu einer Zeit, in der Retro-Geschichten um juvenile Freunde in Kleinstädten beileibe kein innovatives Sujet mehr abgeben. Doch genau auf jenen inhaltlich ausgetrampelten Pfaden wandeln Øvredal und del Toro abermals, wenngleich sie immerhin bis in die Sechziger zurückblicken, die sich im Filmkontext allerdings bestenfalls durch spezifische Details wie etwa das in der Ferne spukende Vietnam von den in jener Subgattung üblicherweise abgefrühstückten achtziger Jahren unterscheiden. „Scary Stories“ greift als vergleichsweise harmlos gewebter PG-13-Halloween-Grusler auf einige hübsche Einfälle zurück, die im Ansatz den fruchtbaren Ideenpool seiner Kreativköpfe erahnen lässt, bleibt am Ende aber dann doch zu ordinär, vorhersehbar und beliebig für ein Publikum jenseits des fünfzehnten Lebensjahrs, das mit Episodenhorror und teenage angst seine hinlänglich lieben, langjährigen Erfahrungen sammeln konnte. Der bereits unzweideutig auf ein vorgeplantes Sequel verweisende Epilog versagt dann auch weitgehend in seinem Bestreben, diesbezügliche Neugier zu schüren. Nett, nicht mehr.

6/10

SPIDER-MAN: FAR FROM HOME

„I’m in love with Spider-Man’s aunt!“

Spider-Man: Far From Home ~ USA 2019
Directed By: Jon Watts

Wie ein paar anderen Milliarden Erdbewohnern macht auch Peter Parker (Tom Holland) und einigen seiner Schulfreunde der „Blip“ (der durch im Zuge von „Avengers: Endgame“ durch Bruce Banner ausgelöste Umkehreffekt von Thanos‘ „Snap“) nachhaltig zu schaffen: Während die Physis der Betroffenen normal weitergealtert ist, befindet sich die Persönlichkeit noch auf dem Stand von fünf Jahren zuvor. Besonders bei Teenagern wirkt sich dieser Zustand mitunter verstörend aus. Eine Europareise mit der gesamten Klasse als High-School-Abschluss kommt Peter da gerade Recht, um mit sich und dem Abschied von seinem Mentor Tony Stark ins Reine zu kommen. Doch ist da auch noch die angehimmelte MJ (Zendaya), zu der der junge Mann sich zunehmend hingezogen fühlt.
In der Alten Welt angekommen, muss Peter dann rasch erkennen, dass er vor Spider-Man nicht davonlaufen kann. Eine Gruppe monströser Elementarwesen, der angeblich von einer Parallelerde stammende Superheld Quentin Beck (Jake Gyllenhaal), genannt „Mysterio“ und der unverwüstliche Nick Fury (Samuel L. Jackson) kreuzen bald seinen Weg. Und eine gewaltige Dummheit beim Umgang mit Starks Erbteil für Peter, der mächtigen Kontrolleinheit „E.D.I.T.H.“, gilt es, unter Aufbietung aller Superspinnenkräfte versteht sich, wieder geradezurücken.

Der Nachhall des immens erfolgreichen Kassenklingelns dieses zweiten, wiederum von Jon Watts inszenierten Spider-Man-Solo-Abenteuers im Rahmen des MCU, erwies sich als alles andere denn erfreulich – Sony, nach wie vor primärer Rechteinhaber für die Figur nebst ihrem Comicanhang, vermeldete wieder gesteigertes Interesse an deren eigener Vermarktung und, damit einhergehend, bei Nichterfüllung vertraglicher Neubedingungen durch Disney und Kevin Feige, eine Rückkehr unter das hauseigene Dach. Für kommende Filme würde dies bedeuten, dass Spider-Man aus dem MCU wieder extegriert und beiderseits sämtliche charakterliche Entwicklungen seit „Captain America: Civil War“ wieder getilgt werden müssten. Eine besonders für Freunde geschlossener Kontinuität im Hinblick auf verfilmte Marvel-Geschichten immens bittere Pille, die seit 2002 praktisch einem rekordverdächtigen vierten Reboot entspräche. Immerhin bleibt Tom Holland, der seine Auftritte als Spidey sehr zu lieben scheint,  seinem alter ego als Gesichtsstifter wohl vorerst erhalten.
„Far From Home“ nun führt zunächst einmal den publikumsverwöhnten Habitus des Vorgängers weiter. Wiederum ist Peter Parker noch Schüler mit (post-)pubertären Alltagsproblemen, dessen Fähigkeiten ihm innerhalb der übrigen Superheldengemeinde einen durchaus problematischen Exklusivstatus anheim stellen. Mit vielleicht 17, 18 Jahren bereits mehrfach an der Weltrettung beteiligt gewesen, Göttern und außerirdischen Despoten begegnet und im Weltall herumgejagt zu sein, geht an einem eher schüchternen Waisenknaben aus der Bronx gewiss nicht spurlos vorüber. Hinzu kommt in erschwerender Weise der schmerzliche Verlust des zwischenzeitlichen Ersatzvaters und die von ihm hinterlassene Märtyrerlücke, die darüber hinaus die gesamte Welt trauern lässt. Dem in dieser Weise angeschlagenen und geforderten jungen Mann erscheint der schulische Eurotrip mit zwei schrulligen Lehrern (Martin Starr, J.B. Smoove) als denkbar beste Ablenkung zur Stunde, zumal endlich einmal Platz für die persönlichen, altersadäquaten, sprich: romantischen Bedürfnisse gelassen scheint. Doch die nächste Bedrohung naht schon – Comickenner wissen schon bei dessen erstem Auftritt, dass der Mann mit dem nebulösen Glasglockenhelm namens „Mysterio“ natürlich kein Held, sondern vielmehr ein machthungriger Illusionist ist, der ganz eigene, sinistre Pläne hegt. Hier stammt jener Quentin Beck allerdings nicht aus den S-F/X-Schmieden Hollywoods – vielmehr entpuppt er sich als vormaliger Bestandteil der Stark-Factory und, wie bereits Adrian Toomes alias „Vulture“ (und andere bedauernswerte Zeitgenossen) als ein durch Tony Starks Umtriebe Geschmähter, der nach postumer Vergeltung sucht. Becks opportunistisches Streben sieht nichts Geringeres vor, als die Nachfolge von Iron-Man als globaler Premiumheld anzutreten und nimmt dafür die Zerstörung ganzer Städte und etlicher Existenzen in Kauf, die seine Illusionen, die „Elementals“, als Kollateralschäden hinterlassen. Dass Peter ihm kurzsichtig in die Hände spielt, indem er Beck naiverweise die ihm persönlich von Stark hinterlassene „E.D.I.T.H.“-Brille, die ihrem Träger die Kontrolle über Abertausende von Kampfdrohnen ermöglicht, verehrt, gilt es schließlich wieder gut zu machen. Doch einen Mann, der die Realität selbst zum Trugbild werden lassen kann, zu bekämpfen, wird erwartungsgemäß zu einer der schwierigsten Herausforderungen für den Heldennachwuchs. Flankiert werden die erstklassig visualisierten Kämpfe zwischen Spider-Man und Mysterio von nett arrangierten, häufig komischen Situationen, in die Peter und sein Tross zwischen den pittoresken Schauplätzen Venedig, Prag, Berlin und London immer wieder geraten. In Screwball-Manier muss sich Peter zwischen seinem frischverliebten Kumpel Ned (Jacob Batalon), der umschwärmten MJ (die sich jetzt plötzlich wie Mary-Jane abkürzt, wo sie in „Homecoming“ noch „Michelle“ hieß), den überforderten Lehrern sowie den immer wieder auftauchenden Fury und Maria Hill (Cobie Smulders) seinen Weg bahnen und dazu noch seine Heldenidentität schützen. Allerlei Optionen für Rasanz und Tohuwabohu, die Watts souverän, amüsant und teenagergerecht zu stemmen weiß. Damit empfiehlt er sich zugleich als Regisseur für kommende Spidey-Abenteuer, deren Zukunft nun ja trotz der aufregenden Mid- und der noch aufregenderen Post-Endtitel-Sequenzen leider keineswegs in Stein gemeißelt ist. Immerhin empfiehlt sich nunmehr bereits Phase 4: Die formwandelnden Skrulls sind offenbar doch nicht so freundlich, wie uns „Captain Marvel“ erst im Frühjahr 2019 weiszumachen trachtete…

8/10

TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

BOMB CITY

„They’ve gone too far, man.“

Bomb City ~ USA 2017
Directed By: Jameson Brooks

Amarillo, Texas, 1997: Nach einem Trip an die Ostküste kehrt Punk Brian (Dave Davis) in seine Heimatstadt und zu seiner Familie zurück. Die Subkultur und seine alten Kumpels empfangen ihn mit offenen Armen, doch ein friedliches Auskommen ist Brian nicht vergönnt: die Jocks des lokalen High-School-Football-Teams, allen voran der latent aggressive Cody Cates (Luke Shelton) akzeptieren das unangepasste Auftreten und die Verweigerungshaltung der Punks nicht. Damit erfreuen sie sich immerhin der Sympathie der Polizei, die die beiden Cliquen mit höchst unterschiedlichen Handschuhen anfasst. Immer wieder kommt es zu sich intensivierenden Scharmützeln zwischen den jungen Leuten, bis Cody eine Sicherung reißt und die Katastrophe da ist.

Der Mord an Brian Deneke, einem neunzehnjährigen, ursprünglich aus Wichita stammenden Punk, bewegte und bewegt nicht nur die globale Szene der bunten Mohawks und abgewetzten Lederklamotten. Er ist ein bleibendes Beispiel dafür, mit welcher Bigotterie in den USA Minoritäten jedweder Kuleur behandelt und auch bestraft werden. Am 12. Dezember 1997 wurde Brian Deneke von dem zwei Jahre jüngeren Nachwuchs-Football-Star Dustin Camp nach einer Auseinandersetzung zwischen seinen und Brians Freunden gezielt überfahren. Vor, während und nach der Tat stieß Camp triumphierende Sprüche betreffs seiner Aktion aus, die mit ihm im Wagen sitzende Freunde gerichtlich bezeugten und die seine absichtsvolle Handlungsweise nachwiesen.
Jameson Brooks spinnt seine Geschichte um dieses erschütternde Ereignis und widmet sich dabei auch der nachfolgenden Gerichtsverhandlung und den sich daraus ergebenden Folgen für Dustin Camp, indem er die zu Brians Ermordung führenden Ereignisse in Rückblenden nacherzählt. Rasch wird eines offensichtlich: Camps Verteidigung bestand vor allem in der Strategie, Brian trotz seiner Ermordung nachträglich noch sozial zu diskreditieren, ihn aus Gründen der möglichen späteren Urteilsaufweichung unmöglich zu machen. Dieser Plan ging gründlich auf – Camp wurde wegen „Totschlags im Affekt“ zu einer lächerlich niedrigen Geldbuße und einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2001 verstieß er infolge von Alkoholkonsum als Minderjähriger gegen die Auflagen, wurde inhatiert und wiederum verfrüht aus der Haft entlassen.
Brooks‘ Hauptverdienst besteht, neben den Tatsachen, das spannende Portrait einer sich in widerborstigem Umfeld behauptenden Jugend-Subkultur geliefert und die ohnehin allzu spärlich besetzte Gattung der punk movies um einen eminenten Beitrag bereichert zu haben, darin, Brian Denekes Geschichte zwanzig Jahre nach ihrem traurigen Ende nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen, sondern sie in dieser besonders haltbaren Kunstform für künftige Generationen konserviert zu haben. Chapeau! dafür.

8/10

YOURS, MINE AND OURS

„It’s giving life that counts.“

Yours, Mine And Ours (Deine, meine, unsere) ~ USA 1968
Directed By: Melville Shavelson

Sowohl der Navy-Offizier Frank Beardsley (Henry Fonda) als auch die Militär-Krankenschwester Helen North (Lucille Ball) sind verwitwet und stehen jeweils mit ganzen zehn bzw. acht Kindern unterschiedlicher Altersklassen da. Als sie sich eines Tages per Zufall kennenlernen und zu einem ersten Date verabreden, ist rasch wahre Liebe im Spiel, die Vernunft angesichts der jeweiligen Beichte ihrer monströsen Anhänge obsiegt jedoch und man trennt sich gütlich. Franks Freund Darrel (Van Johnson) hat jedoch längst registriert, dass die beiden (nebst ihren Familien) füreinander bestimmt sind und verkuppelt sie dann doch erfolgreich mit anschließender Heirat. Jetzt heißt es, die Riesenbagage erfolgreich unter einen Hut zu bringen. Als sich schließlich ein erstes gemeinsames Baby ankündigt, wird das vorprogrammierte Chaos nicht kleiner…

Melville Shavelson schrieb und inszenierte gern und zuverlässig familientaugliches Studiokino auf der sicheren, oder, bös formuliert, biederen Seite. „Yours, Mine And Ours“ ist ür Shavelsons Arbeitsweise ein Vorzeigeexempel; eine liebenswerte, mit drei sympathischen Stars besetzte Komödie mit ein paar gelungeneren und ein paar ziemlich farblosen Situationsgags sowie wenigen dramatischen Kerben, die, dessen ist man sich sehr bald gewiss, jedoch nie das frohe Gesamtbild ins Taumeln bringen. An „Yours, Mine And Ours“ ist alles hübsche Routine. Er zeigt sich beeinflusst von den damals noch recht frischen TV-Sitcom-Formaten rund um herzliche, bourgeoise Familien und deren unaufgeregt gewöhnliche Alltagsexistenzen, wobei selbst die Regie höchstens einmal stellenweise und dann unwesentlich bis kaum spürbar von jenen bombensicheren Gewöhnlichkeitspfaden abweicht. Ähnlich wie James Stewart (der ohne Schwierigkeiten auch Fondas Rolle hätte spielen können) in seinen drei ebenfalls um diese Zeit entstandenen Koster-Filmen bildet auch „Yours, Mine And Ours“ einen jener spießig kolorierten, dabei völlig hilflosen Altstar-Versuche, gegen die immer stärker grollenden New-Hollywood-Umtriebe Front zu machen. Während in Südostasien der mit Napalm bombardierte Dschungel lichterloh brannte, mühte man sich unter anderem auch in massenkompatiblen Filmen wie diesen verzweifelt, das US-Militär in gerade Lichtverhältnisse zurückzurücken und ihren Entscheidungsträgern aufrichtige humane Grundgesinnungen angedeihen zu lassen: Ein sympathischer Offizier wie Frank Beardsley, der für ganze 19 Kinder verantwortlich ist und dessen Ältester (Tim Matheson) am Ende stolz erhobenen Hauptes zu den Marines geht kann ja faktisch nur ein erklärter Philanthrop sein. Dass die Chancen indes gut standen, dass die Beardsleys schon bald um einen Sprössling erleichtert werden würden, behielten Shavelson und sein Film derweil lieber für sich.

6/10