US

„Who are you people?“ – „We’re Americans.“

Us (Wir) ~ USA/J 2019
Directed By: Jordan Peele

Der Sommerurlaub der vierköpfigen Familie Wilson im kalifornischen Santa Cruz bedeutet für Mutter Adelaide (Lupita Nyong’o) zugleich die Rückkehr in ein altes Vergangenheitstrauma: im Mai 1986, zur Zeit des „Hands Across America“-Charity-Events, stieß Adelaide als Kind in einem Spiegelkabinett des Freizeitparks am Strand von Santa Cruz auf eine exakte Doppelgängerin ihrer selbst, ein Erlebnis, das sie über längere Zeit apathisch und stumm zurückließ und von dem sie sich nur schwer erholte. Umso unwohler fühlt sie sich nun, da sie hierher zurückkehrt und würde am liebsten gleich wieder umkehren. Ein neuerlicher Ausflug in den Themenpark kostet Adelaide wiederum einiges an Nerven, da sie ihren Sohn Jason (Evan Alex) bereits kurz entführt glaubt. Doch es kommt noch viel schlimmer: Am Abend tauchen vier physiognomische, jedoch psychisch und geistig offenbar derangierte Ebenbilder der Wilsons in der Einfahrt ihres Sommerhauses auf und demonstrieren bald ihre gewalttätigen Absichten. Die Wilsons können sich zur Wehr setzen, doch der Albtraum betrifft nicht nur sie: Landesweit erscheinen überall ebenso gewaltbereite wie wahnsinnige Doppelgänger, die ihre Gegenstücke attackieren und hernach eine riesige Menschenkette bilden…

Der gegenwärtige, dystopisch gefärbte (Mainstream-)Horrorfilm transportiert politische und sozialkritische Dimensionen in einer Form, die dem Genre (mit Ausnahme von einzelnen Blitzlichtern wie „They Live“) seit den Achtzigern weitgehend abhanden gekommen zu sein schienen. Tragfähige Exempel dafür sind mittlerweile Legion: Jennifer Kents „The Babadook“ untersucht die psychologischen Erfordernisse des modernen Mutterdaseins, Jeremy Saulniers „Green Room“ exerziert die Auswüchse provinziellen Rassismus‘ durch, Fede Alvarez‘ „Don’t Breathe“ geht in die sozial desolierten Vorstädte, und die „The Purge“-Serie nimmt sich auf wenig subtile Weise der unterschwelligen Gewaltbereitschaft der Wohlstandsgesellschaft an.
Jordan Peele, dessen „Get Out“ bereits eine treffende Reflexion darüber bot, wie rigoros das weiße WASP-Establishment die afroamerikanische Kulturkraft anzapft und damit eine ganz moderne Form des privilegierten, rassistischen Parasitarismus lanciert, verleiht nun in „Us“ dem Subprekariat ein buchstäbliches Kollektivantlitz. Seine wiederum symbolträchtige Geschichte entwirft diesmal die (nicht immer ganz ausgegoren wirkende) Prämisse eine Langzeitexperiments der US-Regierung, in dessen Zuge von sämtlichen Bürgern der Staaten jeweils Klone erstellt wurde, die in einem unterirdisch ausgebauten Tunnelsystem ihr Dasein isoliert, weithin sich selbst überlassen und unter anarchischen Zuständen zu fristen haben. Ohne Sonnenlicht schlafen die Klone in Sälen mit Etagenbetten, erhalten Einheitskleidung, Wasser und Nahrung, die einzig und allein aus lebenden Stallkaninchen besteht. Mit der unfälligen Begegnung der kleinen Adelaide mit ihrem Gegenstück wird jedoch eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die rund 33 Jahre später eskaliert: Die Klone finden ihren Weg ins Freie und fordern ihr Recht ein, sich an die Plätze ihrer „normal“ lebenden Ebenbilder zu setzen. Darin eingebettet präserviert Peele zunächst ein klassisches Home-Invasion-Szenario, das im weiteren Verlauf mit den Versatzstücken des Zombiefilms (Flucht vor den „Besessenen“) hantiert, um dann ein paar mehr oder weniger sinnstiftende twists zu liefern. Dabei füttert Peele sein von ihm als popkulturbeflissen und diesbezüglich mündig vorausgesetztes Publikum mit diversen in-jokes und Reminiszenzen, die passabel bei Laune halten und zieht die Gewaltschraube nicht weiter an als unbedingt nötig. Zudem installiert er unzweideutige narrative Widerhaken als Reminder für ein potenzielles Sequel oder gar für ein kommendes Franchise, was in Anbetracht der eigentlich doch hinreichend auserzählten Geschichte um Adelaide und ihren Widerpart wiederum recht fragwürdig erscheint. Als Nachfolger zu „Get Out“ enttäuscht „Us“ somit nicht, schafft es andererseits jedoch auch ebensowenig, die Jordans Kinoerstling umspielende, rotzige Keckheit zu revitalisieren. So oder so: man freut sich bereits auf kommende Attraktionen dieses vielversprechenden Genre-Auteurs.

8/10

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36.15 CODE PÈRE NOËL

Zitat entfällt.

36.15 Code Père Noël (Deadly Games) ~ F 1989
Directed By: René Manzor

Thomas de Frémont (Alain Lalanne) ist neun Jahre alt, liebt reaktionäre amerikanische Actionfilme, Spiele aller Art und betätigt sich bereits als Nachwuchsprogrammierer. Thomas‘ Mutter Julie (Brigitte Fossey) arbeitet als Kaufhausmanagerin und ist daher auch an Weihnachten noch schwer beschäftigt, sein Großvater (Louis Ducreux) kümmert sich jedoch rührend um den Jungen. Thomas‘ größte Herausforderung zum Fest der Liebe besteht darin, die Existenz des Weihnachtsmannes zu beweisen. Zu diesem Zweck hat der Tüftler die gesamte, heimische Provinzvilla mit Kameras versehen. Der Herr (Patrick Floersheim) jedoch, der im Nikolauskostüm durch den Kamin herabkommt, ist mitnichten der liebe „Père Noël“, sondern ein mörderischer Psychopath, der just zuvor wegen einer Übergriffigkeit von Julie entlassen wurde. Allein in dem riesigen Anwesen muss sich Thomas gegen den tödlichen Weihnachtsmann zur Wehr setzen…

Als finsteres Märchen mit kindlichem Protagonisten, das sich dennoch an ein primär erwachsenes Publikum richtet, verortet sich „36.15 Code Père Noël“ irgendwo in der Genealogie zwischen Filmen wie „Night Of The Hunter“, „Something Wicked This Way Comes“, „Lady In White“ und „The Reflecting Skin“, in denen jeweils halbwüchsige Helden mit furchtbaren Erfahrungen und somit traumatischen Erkenntnissen über die Schattenseiten der Existenz konfrontiert werden. Auch Manzors Film, für dessen Genuss man als mündiger Zuschauer ein gerüttelt‘ Maß an Akzeptanzflexibilität aufbringen muss, gestattet sich dabei trotz aller Konsequenz immer wieder auch notwendige, ironische Brüche. Schon die Anfangssequenz, die mit einer abgewandelten Variation von „Eye Of The Tiger“ unterlegt ist, zeigt Thomas, wie er sich am Heiligmorgen martialisch ausstaffiert, um im Zuge eines seiner Kriegsspiele (die heimische Villa fungiert dabei für ihn wie ein gigantischer Abenteuerspielplatz) den Hund als Gegner zu jagen. Die Sequenz verbindet in einer Eins-zu-Eins-Montage einstellungsgetreu die beiden „Präparationsszenen“ aus „Rambo: First Blood Part II“ und „Commando“, in denen sich Stallone bzw. Schwarzenegger unter schwitzigem Muskelspiel waffenstarrend ausstaffieren, um sich hernach ihrer jeweiligen Mission widmen zu können. Zugleich ist Thomas bei aller technischen wie intellektuellen Hochbegabung jedoch auch noch ganz kleiner Junge, der sich den Zauber des Weihnachtsfests durch den festen Glauben an Père Noel, wie der Nikolaus in Frankreich gerufen wird, weiterhin präserviert. Sein ehrgeiziger Versuch, dessen Existenz zu beweisen, endet jedoch in der schlimmstmöglichen Bestrafung, die ein derartiger Frevel, also die radikale Konfrontation von Glauben und Vernunft, nach sich zu ziehen vermag: Die erste Handlung des eingedrungenen, psychotischen Weihnachtsmanns besteht darin, Thomas‘ Hund abzustechen. Was Manzor bereits zuvor als latente Bedrohlichkeit zeichnete, bricht sich hier endgültig Bahn; der Killer, der zu diesem Zeitpunkt bereits die Familie des Verwalters auf dem Gewissen hat, wird nicht davor zurückschrecken, in mörderischer Absicht auch auf Thomas und seinen halbblinden Großvater loszugehen. Einzig die Findigkeit des Jungen und seine wiederum kindlich bedingte Gabe, das Duell gegen den Irren wie eine seiner vielfach erprobten, kombattanten Spielsituationen zu begehen, helfen ihm, den Kampf erfolgreich durchzustehen. Wie und ob Thomas sich nach dieser gewaltsam-abrupten Negation aller infantilen Magie psychisch gesund weiterentwickeln soll, daran dürften nach Filmende berechtigte Zweifel bestehen.

7/10

GHOSTLAND

„Don’t leave me alone here, Beth!“

Ghostland ~ F/CAN 2018
Directed By: Pascal Laugier

Pauline (Mylène Farmer) und ihre beiden pubertierenden Töchter Beth (Emilia Jones) und Vera (Taylor Hickson) wollen irgendwo in der Provinz das Haus einer verstorbenen Tante beziehen. Noch am Abend ihrer Ankunft erfahren sie aus der Presse von einem bislang ungeklärten Fall von Massenmördern, die offenbar ganze Familien abschlachten. Der verwinkelte, leerstehende Bau voll von einer Unzahl von Puppen und anderem eigenartigen Sammelgut kommt den drei Frauen sogleich nicht geheuer vor. Doch haben sie ohnehin wenig Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn schon schlagen die zwei derangierten Gewaltverbrecher (Rob Archer, Kevin Power), die mit einem bizarren Süßigkeitenwagen unterwegs sind, zu. Nur ganz knapp gelingt es Pauline und Beth, mit den beiden Killern fertig zu werden. Sechzehn Jahre später ist Beth (Crystal Reed), die schon immer ein großer Fan von Lovecraft war, nunmehr selbst eine immens erfolgreiche Autorin von Horrorromanen, hat einen Mann (Adam Hurtig) und einen kleinen Sohn (Denis Cozzi) und lebt in der Großstadt. Ein verstörender Anruf von Vera (Anastasia Phillips) veranlasst sie, zu dem alten Haus zurückkehren, wo Pauline sich um die völlig psychotische Vera kümmert. Diese hat die Ereignisse von damals nie vergessen können und wird nun scheinbar von Geistern gequält, die das Haus heimsuchen…

„Ghostland“ oder „Incident In A Ghostland“, dessen alternativer (US-)Titel auf den jüngsten Roman der erfolgreichen Autorin Beth anspielt, gefällt mir von allen vier Filmen von Pascal Laugier, einem überaus zuverlässigen Genreregisseur und aufgrund seines semi-legendären Passions-Folterfilms „Martyrs“ einer der vordringlichsten Vertreter der französischen nouvelle vague d’horreur, bislang am Besten. Laugier erweist sich hier nicht nur als brillanter Geschichtenerzähler, indem er ein intelligentes Vexierspiel zur Diegese innerhalb der Gattung vorlegt. Erzählzeit und erzählte Zeit wirken zu Beginn verlässlich angeordnet. Verwendete Versatzstücke und deren Einbettung scheinen zunächst altbekannte, relativ simple Merkmale des klassischen Terrorfilms aufzugreifen, wie er seit Craven, Hooper, Schmoeller und all ihren Epigonen (vor allem Steinmanns „The Unseen“, an den einer der beiden verrückten Mörder mich allenthalben erinnerte) etabliert ist und in jüngeren Jahren, da sowieso wieder alles aus der Schatztruhe geholt, entstaubt und auf Hochglanz poliert wird, wieder an Boden gewann. Backwoods, Raumkonstrukt, Inventarisierung, home invasion, wahnsinnige und entstellte Schlächter, blutige Gegenwehr, zeitliche Zäsur. Dann plötzlich Besessenheit und Geisterfilm – und, nach dem radikal forcierten Zerfall der Innenwelt, wieder zurück auf Start. Zunächst triumphiert die narratologische Unzuverlässigkeit, bis alle noch offenen Fragezeichen auf überaus unerfreuliche Weise beantwortet sind. Dann gibt’s nochmal richtig auf die Zwölf und Laugier lässt, abgesehen von einer letzten kurzen Reise in die Realitätsnegation und den Nimbus falscher Hoffnung (gekrönt von einem Gastauftritt H.P. Lovecrafts persönlich), den Nihilismus endgültig Schlitten fahren. Den zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich umfassend bedienten Zuschauer erwartet jetzt noch ein Finale nach Maß, das zumindest im Hier und Jetzt verwurzelt scheint. Scheint, weil bis zum Ende und darüber hinaus (vgl. „Total Recall“), eigentlich stets die Option der Irrealis als Zufluchtsort offengehalten wird.

8/10

THE PURGE

„We’re gonna fight.“

The Purge ~ USA/F 2013
Directed By: James DeMonaco

Nachdem Amerika die neue Partei NFFA (New Founding Fathers of America) zur Regierungsadministration ernannt hat, ändern sich die Dinge im land of the free geflissentlich. So gibt es nun einmal im Jahr, am 21. März, die landesweite „Purge-Nacht“, während der zwölf Stunden lang jedwede Straftat einschließlich Mord und Totschlag erlaubt sind. Sämtliche Behörden und Dienstleister, einschließlich Polizei und Ärzten, sind derweil off duty. Was nun vorgeblich die Funktion hat, die Verbrechensraten zu senken und dem Bürger alle 12 Monate die Gelegenheit zu geben, die Sau und somit Aggressionsstau und Frust rauszulassen, dient in Wahrheit primär ökonomischen Interessen: Bei der Purge werden vor allem sozial schwach gestellte und wehrlose Menschen wie Obdachlose zu Opfern, was wiederum die staatlichen Sozialausgaben senkt, derweil die Waffenverkäufe sprießen wie ein Frühlingsbeet. Auch Familienvater James Sandin (Ethan Hawke) verdankt der Purge sein hübsches Auskommen – er verkauft Haussicherungssysteme und hat unter anderem die ganze, exklusive Nachbarschaft mit seinen Apparaturen versorgt. Als die diesjährige Purge-Nacht im Gange ist, lässt Sandins liberal gestrickter Sohnemann Charlie (Max Burkholder) einen um sein Leben laufenden, farbigen Obdachlosen (Edwin Hodge) ins Haus. Daraufhin versammeln sich dessen maskierte Verfolger – offenbar allesamt Kids aus reichen Elternhäusern – im Vorgarten der Sandins, verlangen die Herausgabe des Mannes und drohen mit der Erstürmung des Hauses. Und das ist noch nichteinmal das einzige Problem, dass die Sandins in dieser Nacht erwartet…

Nun habe ich mich dann auch einmal – gähn – durch James DeMonacos „Purge“-Trilogie gepflügt, die Kiste ist ja zum Glück relativ schnell abgefrühstückt. Zunächst einmal springt einem die ungeheure Einfalt dieser aus der Blumhouse-Factory stammenden, kleinen Reihe ins Auge – unter allen (Film-) Dystopien, die es im Laufe der letzten einhundert Jahre so gegeben hat, dürfte dies jedenfalls eine der mit Abstand dümmsten und undurchdachtesten sein. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, Warum-Fragen zu stellen oder nach Logiklöchern zu fahnden. Das überlasse ich lieber anderen. Dennoch trüben genau diese kleinen Juckstellen den ruhigen Fluss von „The Purge“ ganz immens und sollen insofern zumindest in ihrer evidenten Masse nicht unerwähnt bleiben.
Im Prinzip haben wir hier nichts Anderes als ein zigmal durchgespieltes Belagerungs- und Home-Invasion-Spiel, wie es spätestens seit „Rio Bravo“ ein Genrestandard ist. Der große böse Wolf sitzt vorm stabilen Gebäude und pustet emsig, derweil Familie Sandin und ihr flüchtiger „Hausgast“ in der Falle hocken. Das immerhin akkurat ausgearbeitete Actionszenario macht natürlich ganz bewusst jedwede Sozialsatire und/oder Gesellschaftskritik redundant, und das ganz bewusst. Immer wieder, wenn das Script sich Zeit für entsprechende Diskurse und Verhandlungen herausschlägt, wird es albern und schädlich. Es macht also durchaus Sinn, sich einzig und allein auf die Spannungsmomente und die sich gegen Ende hin endlich zuspitzenden, deftig inszenierten Konflikte und Duelle zu konzentrieren, im Zuge derer DeMonaco dann doch noch gewisse Stärken herausstellen kann. Nur das ganze Drumherum um eine scheindemokratische, reaktionäre Regierungsclique will einfach nicht recht reinlaufen. Dass sich damit der gesamte Film die Hälfte seines Wassers abgräbt, ist schade, aber nicht zu ändern.

6/10

HUSH

„I can get you, anytime I want.“

Hush ~ USA 2016
Directed By: Mike Flanagan

Die erfolgreiche Autorin und seit einer Hirnhautentzündung im Teenageralter taubstumme Maddie (Kate Siegel) arbeitet in einem abgelegenen Haus im Wald an ihrem nächsten Roman. Eines Abends wird sie von einem maskierten Mann (John Gallagher Jr.) mit einer Armbrust attackiert, der bereits Maddies Nachbarin Sarah (Samantha Sloyan) ermordet hat. Der Wahnsinnige beginnt ein grausames Katz- und Maus-Spiel mit Maddie, die im Laufe des Konflikts jedoch ungeahnte Kräfte mobilisiert…

Gehandicapte, zarte Frauen im Angesicht einer maskulinen home invasion: ein durchaus klassisches Genremotiv. Der gegenwärtig sehr emsige Mike Flanagan hat die Funktionsweise jener Subgattung erfolgreich studiert und durchblickt, wobei er die bereits mehrfach bemühte, blinde Protagonistin diesmal im Schrank lässt und stattdessen eine taubstumme, zur Wehrhaftigkeit genötigte Heldin zentriert. Hier und da tun sich unweigerlich Fragen hinsichtlich des logischen Fortlaufs des Ganzen auf, die man in mäßig befriedigendem Grade für sich mit der offenbaren Geistesstörung des Killers beantworten kann, sollte oder muss, wenn man die sonstigen Qualitäten von „Hush“ möglichst ungetrübt genießen will. Denn zumindest das Spiel auf der Suspense-Klaviatur beherrscht der Film durchaus virtuos. Er ist erfrischend konzentriert und pointiert geraten, meidet redundante Dehnungselemente und beschränkt sich auf eine heuer geradezu unüblich gewordene, kurze Erzählzeit, die sich jedoch völlig genügt.
Vielleicht nicht der ganz große Wurf, als nahrhaftes Appetithäppchen allerdings absolut delektabel.

7/10

DON’T BREATHE

„Get out of my house.“

Don’t Breathe ~ USA 2016
Directed By: Fede Alvarez

Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minnette) und Money (Daniel Zovatto) sind drei in Detroit lebende Kids, die sich ihren Weg aus der Spröderie des grauen Alltags mit Kleindiebstählen und Trickbetrügereien bahnen wollen. Durch den Job seines Dads hat Alex Zugang zu den Informationen einer Sicherheitsfirma. Er ermittelt die Adresse eines in einem ansonsten gänzlich verlassenen Vorort lebenden Golfkriegs-Veteranen (Stephen Lang), der seine Tochter bei einem Unfall verloren hat und in seinem Haus offenbar die Versicherungssumme für ihren Tod hortet. Gemeinsam bricht das Trio bei dem älteren Herrn ein, der sich zudem als blind herausstellt. Nachdem Herr und Hund betäubt sind, scheint die Sache schon zu einem profitablen Ende zu kommen, doch der Hausbesitzer erwacht sehr viel früher als erhofft. Nun müssen die Einbrecher nicht zur Kenntnis nehmen, dass der Ex-Soldat trotz seiner Behinderung noch brandgefährlich ist, sondern zudem, dass ihm sein trauriges Schicksal das Hirn verdreht hat…

„Don’t Breathe“ lief recht gut im Kino und hat bei einem relativ kleinen Budget ordentlich Umsatz gemacht. Dabei bietet Fede Alvarez‘ Zweiter letzten Endes bloß Solides. Die oftmals exerzierte Prämisse des „Home Invasion“-Konzepts findet sich darin quasi um 180 Grad gedreht, ähnlich wie in Marcus Dunstans „The Collector“. Hier sind, anders als üblich, die Einbrecher die Gelackmeierten, denn sie legen sich – ohne es im Vorhinein zu ahnen – mit einem Psychopathen an, der sich nicht nur gegen sie zu verteidigen, sondern zudem noch ein paar sprichwörtliche eigene Leichen im Keller hat und daher jedwede Aufmerksamkeit von außerhalb vermeiden möchte. Das bedeutet für die drei eher sanftkriminellen Kids [das Mädchen stammt – natürlich – aus prekären Verhältnissen und will ihrer kleinen Schwester (Emma Bercovici) mit dem ergaunerten Erlös ein besseres Leben an der kalifornischen Küste ermöglichen] zugleich, dass sie unerwünschte Zeugen einer sehr fiel finstereren Sache sind und daher flugs aus dem Weg müssen. Es geht also bald um nichts Geringeres denn ums nackte Überleben, und dass Stephen Lang ziemlich gut darin ist selbiges gegen allerlei Widerstände zu verteidigen, weiß man schon seit „Band Of The Hand“. So weit, so ordentlich. Nun ist Alvarez ein Nachwuchsregisseur der 184. Generation und zielt auf ein vornehmlich dem Alter seiner ProtagonistInnen entsprechendes Publikum ab, dass vielleicht noch auf keinen allzu ausgeweiteten filmischen Background zurückgreifen kann. Jüngere Mitmenschen dürften allenthalben also ihren Spaß haben an dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen jenem überaus zähen, blinden Hundsfott und seinen potenziellen Opfern. Der etwas (genre-)affinere und erfahrenere Zuschauer allerdings wird an dem mäßig spannenden, versatzstückhaft gefertigten „Don’t Breathe“ wenig Überraschendes oder gar Aufregendes finden und sich nach der halbwegs passabel vertriebenen Zeit, die er dem Film verdankt, relativ rasch wesentlicheren Dingen zuwenden.

6/10

BLAIR WITCH

„Don’t turn around.“

Blair Witch ~ USA 2016
Directed By: Adam Wingard

Ganze fünfzehn Jahre nach dem Verschwinden seiner Schwester Heather, die dokumentarisch einem Mythos um die Blair-Hexe in den Wäldern von Maryland nachgehen wollte, erhält James (James Allen McCune) ein mögliches Lebenszeichen von ihr: Auf einem online gestellten Video aus einer Ruine ist kurz ihr Spiegelbild zu sehen. Gemeinsam mit drei Freunden (Callie Hernandez, Corbin Reid, Brandon Scott) und den zwei Findern von Heathers Filmkamera (Wes Robinson, Valerie Curry) macht sich James in den bewussten Wald auf, um dort seine Schwester zu finden…

Das unter einigem Internet-Hype flankierte Sequel zu „The Blair Witch Project“ ist seiner Kreativköpfe Adam Wingard und Simon Barrett eigentlich nicht würdig. Nach allem, was die beiden bis dato vorgelegt haben, wäre ein vielversprechenderes Projekt von ihnen zu erwarten gewesen als diese tasächlich recht einfallslose Fortsetzung, die das effektive Original weitgehend kopiert und später vulgarisiert. Andererseits muss man feststellen, dass die Woge der sturen Ablehnung, die „Blair Witch“ im Nachhinein entgegenschlug, in dieser Vehemenz auch nicht gerechtfertigt ist, es handelt sich bei Licht und nüchtern betrachtet nämlich noch immer um einen unterhaltsamen Genrebeitrag mit einigen ungemütlichen Momenten, dem man sich am Besten möglichst vorurteilsfrei aussetzt.
Der basale Plot um die Suche nach einer seit fünfzehn Jahren vermissten (und nach rationalen Maßstäben längst verwesten) Person, die lediglich auf einer Sekundenaufnahme fußt, ist schonmal harter Tobak, den man kommentarlos zu schlucken gezwungen ist. Warum man nicht einfach eine Expedition auf die Suche nach der Expedition schickte, erscheint mir schleierhaft. Vermutlich hätte das Ganze dann noch mehr nach Remake gerochen als es das ohnehin schon tut. Weiter geht es mit der Hexe und ihren boshaften Ritualen, die jetzt zu einer weitaus präsenteren und konkreteren Gefahr werden als vermittels der noch recht diffusen Zeichen, die sie im Original hinterließ: Barrett und Wingard machen heuer bereits nach dem ersten Drittel des Films keinen Hehl mehr daraus, dass wir es hier mit einer mächtigen, dämonischen Entität zu tun haben, die Raum, Zeit und Wahrnehmung nach ihrem Gutdünken beeinflussen kann. Ironischerweise enthebt gerade diese Neuerung die Hexe eines Großteils ihrer vormaligen Bedrohlichkeit: Wenn das Ungetüm ohnehin sämtliche äußeren Bedingungen kontrollieren kann, die naiven Kids sozusagen nurmehr Gefangene in ihrem „Reich“ sind und zu reinen Spielbällen verkommen, dann verliert die optionale Frage nach ihrer Flucht komplett an Relevanz und damit einhergehend auch weithin sämtliche Spannung an Bedeutung. Nurmehr das „Wie“ bleibt bestehen; die Hexe selbst wird zur absoluten Herrin ihres parallelweltlichen Terrains, so wie Jason am Crystal Lake, wie Freddy im Traumreich oder Pinhead in der Sadohölle. Horror und Fantasy tauschen die Plätze. Myrick und Sánchez enthielten sich ehedem wohlweislich solcher genreevidenten Katalogisierungen und wählten stattdessen das unbekannte, unbehagliche Mysterium, was ihrem kleinen Film damals seine vordringlichste Stärke verlieh.
Bei Wingard nun kann man das Monster gegen Ende sogar zweimal ganz kurz im Bild erhaschen, bezeichnenderweise die gruseligsten Augenblicke des Films.

5/10