PALM SPRINGS

„Its one of those infinite time loop situations you might have heard about.“

Palm Springs ~ USA/HK 2020
Directed By: Max Barbakow

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit ist Nyles (Andy Samberg) in einer Zeitschleife gefangenen, die dazu führt, dass er den 9. November bewusst immer wieder und wieder erleben muss. Dabei handelt es sich gleichfalls um den Hochzeitstag von Tala (Camila Mendes), der besten Freundin seiner enervierenden Partnerin Misty (Meredith Hagner), der in einem kleinen Hotel im sonnendurchfluteten Palm Springs stattfindet. Die Erklärung für die quantenphysische Extravaganz: In einem nahegelegenen Felsengebirge gibt es eine Höhle nebst mysteriösem Energiefeld, das jede Person, die sich ihm nähert, zu ebenjener Endlosrepetierung der immerselben letzten 24 Stunden verdammt. Nachdem Nyles bereits vor längerem während eines ausgiebigen, gemeinsamen Drogentrips den aus Irvine stammenden Hochzeitsgast Roy (J.K. Simmons) mit zur Höhle und somit in die Zeitschleife genommen hat, landet auch die Brautschwester Sarah (Cristin Milioti) eines Nachts versehentlich darin. Während für Nyles, der insgeheim schon seit längerem in Sarah verliebt ist, die unverhofft eingeweihte Begleitung eine willkommene Abwechslung vom alltäglichen Einerlei darstellt, mag sich seine neue Gespielin nie ganz mit der ausweglosen Situation abfinden. Zwar verliebt sich auch Sarah irgendwann in Nyles, doch gewisse Gründe veranlassen sie trotz ihrer Gefühle dazu, nach einer wissenschaftlich probaten Lösung für ihr Problem zu suchen…

Der Zeitschleifen-Topos stellt bereits länger, als man gemeinhin vermuten möchte, ein festes SciFi-Subgenre dar, dessen literarische und filmische Umsetzungen in der Regel noch eine zusätzliche, untergeordnete Erzählgattung bedienen, seien es die (romantische) Komödie, Thriller- und/oder Action-Storys. Weltberühmt wurde das Sujet natürlich endgültig durch Harold Ramis‘ unsterblichen Klassiker „Groundhog Day“, in dem es für Bill Murray als Hauptfigur Phil Connors gilt, über den Schatten seines unermüdlichen, lakonischen Zynismus‘ zu springen und jenen einen, ausnahmslos idealen Tag zu verbringen, um sich ins reale Morgen retten zu können. Derlei moralinsaure Metaphysik spielt in Max Barbakows „Palm Springs“ ebensowenig eine (allzu eminente) Rolle wie wahlweise die Aufklärung eines Kriminalfalles oder irgendwelche Mindfuck-Volten, wie sie andere Exempel vor ihm längst mit diesbezüglich deutlich intensiverem Interesse durchgespielt haben. „Palm Springs“, der mir mit etwas Sichtungsabstand etwas wie eine westgewandte, weniger kantige und weichere, philanthropischere Behauung der letzten beiden Korine-Filme vorkommt, könnte man vielmehr als postmodernistische time loop romcom bezeichnen: er wähnt seine mündige Zuschauerschaft als in bester Kenntnis befindlich um die zahllosen Möglichkeiten und Fallstricke, die das Erlebnis des sich permanent wiederholenden Tages beinhaltet und gibt sich erst gar keine Mühe damit, das, was Bill Murray einst noch als existenzielle Besonderheiten erlebte, auch nur im Mindesten sensationalistisch wieder aufzurollen. Dass jede noch so vermeintlich grenzwertige Aktion keinerlei nachhaltigen Effekt aufweist, da der nächste Morgen (im vorliegenden Fall) pünktlich um 9.01 a.m. wieder „auf Null“ schaltet, haben auch Nyles und der ihn völlig zu Recht als seine ultimative Nemesis wähnende Roy bereits zu Beginn des Films längst internalisiert.
Das Publikum derweil wird an die Seite der mit ihm frisch in der pikanten Situation befindlichen Sarah gestellt, einer sympathischen, aber etwas lose vor sich hin lebenden Mittdreißigerin, die, ebenso, wie der sich seiner besonderen Lage längst ergebende Nyles, bis dato noch nicht die wahre existenzielle Erfüllung gefunden hat. Am Ende rettet sie beide schließlich der unbedingte Wille zur Konsequenz und dazu, sich der persönlichen Zukunft emotional wohlgerüstet zu stellen, freilich mit Sarah als initiierendem Faktor. Zuvor gibt es allerlei Gelegenheiten sowohl zum aufrichtigen Verlieben als auch zu mal mehr, mal weniger schwarzem Humor mit – auch das freilich ein beliebtes traditionelles Element – multipler Todesfolge; mal mehr, mal weniger einkalkuliert. Besonders liebenswert daran sind die überaus schöne Paarung Samberg – Milioti, dazu passend einige typisch SNL-lastige Bonmots und eine exzellente Songauswahl. Könnte mit mehrfacher Betrachtung noch wachsen.

8/10

ANTEBELLUM

„The unresolved past can certainly wreak havoc on the present.“

Antebellum ~ USA 2020
Directed By: Gerard Bush/Christopher Renz

Die Sklavin Eden (Janelle Monáe) fristet ihr von Repression geprägtes Dasein auf einer von der Konföderierten-Armee geleiteten Baumwoll-Plantage irgendwo in Louisiana, die angeblich der Rehabilitation aufsässiger und wiedereingefangener Leibeigener dient. Die Gefangenen dürfen nur auf Aufforderung ihrer weißen, uniformierten Bewacher sprechen und erwarten bei Zuwiderhandlung harte Strafen. Zudem muss sich Eden dem Colonel (Eric Lange) stets zur sexuellen Verfügung halten. Doch da ist noch ein anderes Leben, in dem Eden Veronica Henley heißt, als promovierte und wohlhabende Soziologin und Familienmutter in der Gegenwart lebt und sich für vielerlei Formen von Diversität engagiert. Welcher dieser beiden Existenzen wird am Ende die Vormacht gebühren?

Dass das offensichtlich leider wohl niemals an gesellschaftspolitischer und somit auch kultureller Relevanz einbüßende Thema „Rassismus“ nicht a priori in melodramatischer fiktionalisierter Form aufgearbeitet werden muss, sondern sich in bildhafter Form auch für Genre- bzw. Exploitation-Entwürfe anbietet, bildet keinen unbekannten Kunstansatz. In den siebziger Jahren, bestärkt von black consciousness, begannen unter anderem Regisseure wie Russ Meyer oder Richard Fleischer, den Sklaverei-Topos in besonders ostentativer Weise aufzubereiten und verschafften ihm so einen zwar rüpelhaften, dafür aber umso wirksamere Rückkehr in das westliche Massenbewusstsein. Später nahmen TV-Serials wie „Roots“ und „North And South“ nebst Nachfolgern das Ganze neuerlich auf; in jener medialen Ausprägung stets ja auch ein Indiz für eine besonders großflächig erreichte Adressatenschaft. Art und Weise der entsprechenden Aufbereitung respektive deren diskursive Valenz lässt sich gewiss ausführlich eruieren, dass sie indes wenige Menschen emotional kalt ließen, scheint da schon unbestrittener.
In jüngerer Zeit gingen Tarantinos „Django Unchained“ und Steve McQueens „12 Years A Slave“ in medias res, wiederum mit ganz unterschiedlichem Ansatz. „Antebellum“ wählt gewissermaßen einen Mittelweg. Ohne den Tongue-in-cheek-Habitus des Kinorevisionisten einerseits und ohne die Bürde historischer Akkuratesse andererseits entwirft Bushs/Renz‘ Film einen relativ unbelasteten Genrezugang und geriert sich im letzten Jahr Trump als Horrorthriller mit wiederum berechtigt ausgestellter Wutagenda. Als solcher reüssiert er dann durchaus auch und subsummiert bildhaft zuletzt wieder aufflammende Empörungskausalitäten. Dass „Antebellum“ sich indes auch dramaturgisch als clever wähnt, ohne es je zu sein, mitsamt eingehendem Faulkner-Zitat, einem „Twist“, der kaum als solcher durchgehen mag, kokettiert und schließlich doch bloß eine in politisch korrektes Spotlight gerückte Rachegeschichte, wie sie ideologisch ebensogut auch vor 45 Jahren als AIP-Produktion hätte durchgehen mögen, präsentiert, weist ihn derweil in entschiedene Schranken. Gewiss, es tut auf katalytische wie katrhartische Weise gut, zu bezeugen, wie Janelle Monaé sich im Showdown über ihre uneingeschränkt hassenswerten Peiniger erhebt um hernach wie eine Reiterin des Jüngsten Gerichts mit gerechtem Zorn auf sie herniederzufahren – dass dabei allerdings unwesentlich mehr als regressive Instinkte walten, – und zwar sowohl auf als auch vor dem Bildschirm -, davon kann sich „Antebellum“ nicht freisprechen. Die Frage nach Intentionalität stellt sich mit etwas Abstand unweigerlich. Dennoch kann und darf der Film als reaktionäres, politisches Statement seine aktuelle Berechtigung verteidigen. Seine mangelnde Intelligenz bleibt jedoch kaum, minder evident.

7/10