VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

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THE CUT

Zitat entfällt.

The Cut ~ D/F/I/RU/PL/CA/TR/JO 2014
Directed By: Fatih Akin

Acht Jahre, ein Weltkrieg, ein Genozid, vier Länder, zwei Kontinente und eine lange Reise.
Die Familie des in Mardin lebenden armenischen Schmieds Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) fällt wie viele andere 1915 den ethnischen Säuberungsaktionen der Türken zum Opfer. Nazaret wird von Frau Rakel (Hindi Zahra) sowie seinen kleinen Zwillingstöchtern Arsinée (Zein Fakhoury) und Lucinée (Dina Fakhoury) getrennt und als Zwangsarbeiter in die Wüste verschleppt. Dort wird er Zeuge des desolaten Schicksals vieler Armenier und Andersgläubiger, kommt fast um vor Hunger und Durst und soll schließlich von dem gefangenen türkischen Kleinkriminellen Mehmet (Bartu Küçükçağlayan) auf Anordnung einiger Soldaten hin die Kehle durchschnitten bekommen. Dieser bringt den Mord jedoch nicht fertig und zersticht stattdessen Nazarets Stimmbänder. Später rettet Mehmet den Schwerverletzten und bittet ihn um Vergebung. Nach langer Wanderung gelangt der nunmehr stumme Nazaret in ein unter entsetzlichen Bedingungen geführtes Flüchtlingslager vor Ra’s al-‚Ain, wo er seiner im Sterben liegenden Schwägerin (Arevik Martirosyan) wiederbegegnet, die ihn bittet, sie zu erlösen. Daraufhin gelangt Nazaret nach Aleppo und unter die Fittiche des Seifenmachers Nasreddin (Makram Khoury), der ihm Obdach und Arbeit gewährt. Nach Kriegsende erfährt Nazaret dann, dass seine beiden Töchter noch leben sollen. Die folgende Reise führt ihn über den Libanon bis nach Havanna und schließlich über Florida und Minnesota bis nach North Dakota, wo er Lucinée (Lara Heller) zu guter Letzt endlich wiedersieht.

Eine Migrantengeschichte von Hunderttausenden in den globalen Kriegsnachwehen bildet den Abschluss von Fatih Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Den für den Regisseur mit ungewohnt großem Aufwand und vergleichsweise gewaltiger Logistik entstandene Reisebericht darf man wohlfeil als „Weltkino“ bezeichnen, wobei andererseits die entbehrungs- und wendungsreiche Dramaturgie zu Lasten der vormals so intimen Figurenpsychologie verläuft. Während die Charaktere aus „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ und auch aus Akins früheren drei Filmen noch mit einem geradezu exemplarischen Persönlichkeitspolster versehen wurden und gerade ihre fein herausgeschliffenen Ecken und Kanten ihnen eine oftmals schon beängstigende Realitätsanbindung verlieh, hat derlei Intimität in „The Cut“ kaum mehr Platz. Natürlich steht der Protagonist Nazaret Manoogian im Zentrum des Geschehens und wird auch sorgsam motivatorisch unterfüttert, ihn überragt jedoch der gewaltige, teils schon monumental wirkende Charakter der historischen Einbettung. Das besonders von den Türken nach wie vor nur sehr vorsichtig und delikat angepackte Thema des systematisch durchgeführten Genozids der Osmanen an den Armeniern treibt Akin sehr viel mehr um als Hauptbelastungstopos, ebenso wie die daraus resultierenden Folgen der zwangsweisen Migration, der Flüchtlingsströme und der Versprengung und Zusammenführung von Familien. Um Zeit- und Lokalkolorit adäquat und kongenial zu präservieren, eine Herausforderung, an der der Filmemacher in formaler Hinsicht sichtlich wächst, musste Akin seine Perspektive zwangsläufig vom Individuum fort- und stattdessen zur Gesamterscheinung hinlenken, eine Gratwanderung, die sich interessant ausnimmt, ihm aber nicht immer zum Vorteil gereicht. „The Cut“ entfaltet seinen Sehenswert vor allem als historisches Kaleidoskop, das einem Vergleich etwa mit Elia Kazans Meisterwerk „America America“ allerdings nicht Stand zu halten vermag. Dabei ist er jedoch auch keinesfalls die große Enttäuschung, von der viele FeuilletonistInnen, vermutlich in Erwartung einer kammerspielartig-vollendeten Trilogieerfüllung, klagten: Fatih Akin zeigt im Gegenteil, dass er auch und selbst  in der Handhabung solch herausfordernder Projekte noch immer ein Regisseur von hohem internationalen Rang ist, wenngleich – soviel Ehrlichkeit muss dann bei aller berechtigten Schwärmerei doch sein – seine wahre Kraft an anderer Stelle reüssiert. In der vielleicht schönsten Sequenz in „The Cut“, einer sehr intimen zudem, besucht Nazaret kurz nach der Vertreibung der sieglosen Türken aus Aleppo zufällig eine Filmvorführung des mittlerweile vor Ort befindlichen Internationalen Roten Kreuzes. Projiziert an eine Hauswand und gänzlich ohne tonale Untermalung wird Chaplins „The Kid“ gezeigt. Erstmals verspürt hier ein verzweifelter Mann die Kraft der bewegten Bilder. Lachen und Weinen mit Chaplin als Tramp und Jackie Coogan als sein Adoptivsohn. Hier erfährt Nazaret auch vom Überleben seiner Töchter und schöpft somit neue Lebenskraft. Zeitlich betrachtet ist das eigentlich völlig unpassend, aber Akin konnte, vielleicht zurecht, der Versuchung nicht widerstehen. Das Kino ist frei und es darf (fast) alles.

8/10

AUF DER ANDEREN SEITE

„Das ist Deutschland.“

Auf der anderen Seite ~ D/TR/I 2007
Directed By: Fatih Akin

Zwei tote Frauen, drei mit ihnen verknüpfte Biographien:
Yeter (Nursel Köse) arbeitet in Bremen als Hure, sehr zum Unwillen der türkischstämmigen, religionstreuen Community. Einer ihrer Kunden, der alte Ali (Tuncel Kurtiz), bietet ihr an, ihn gegen entsprechendes Entgelt zu heiraten. Sie dürfe dann allerdings nurmehr mit ihm ins Bett gehen. Alis Sohn Nejat (Baki Davrak), Germanistikprofessor, akzeptiert die Entscheidung seines Vaters, der jedoch, mittlerweile genesen von einem schweren Herzinfarkt, nach einem Streit Yeter schlägt und damit unfällig ihren Tod verursacht. Während Ali ins Gefängnis geht, sagt Nejat sich von ihm los, geht nach Istanbul und übernimmt dort einen deutschen Buchladen.
Yeters Tochter Ayten (Nurgül Yesilçay) muss wegen ihrer linksaktivistischen Tätigkeit aus der Türkei nach Deutschland fliehen. Nach der vergeblichen Suche nach ihrer lange von ihr getrennten Mutter lernt sie die Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) kennen und kommt im Hause von deren Mutter Susanne (Hanna Schygulla) unter. Die beiden jungen Frauen verlieben sich ineinander, doch Ayten wird bald von der Polizei aufgegriffen, abgeschoben und in Istanbul in ein Gefängnis gesteckt. Lotte folgt Ayten und will sie um jeden Preis aus der Haft herausholen, doch Ayten missbraucht sie für politische Zwecke: Lotte soll eine einst von Ayten versteckte Pistole an deren Genossen übergeben, wird während der Aktion jedoch von einem Straßenjungen erschossen.
Susanne kommt nach Istanbul und kommt als Untermieterin bei Nejat unter, in jenem Zimmer, das zuvor auch Lotte bewohnt hatte. Die beiden „Hinterbliebenen“ lernen sich kennen und verstehen. Susanne nimmt Kontakt zu Ayten auf und Nejat entscheidet sich, die Beziehung zu seinem mittlerweile ebenfalls zurück in der Türkei befindlichen Vater ins Reine zu bringen.

„Liebe, Tod und Teufel“ nennt Fatih Akin seine zwischen den Jahren 2004 und 2014 entstandene Trilogie um tragisch verlaufende Schicksale auf die eine oder Weise entwurzelter Menschen. Nach „Gegen die Wand“, vielleicht Akins bislang vollendetstem Meisterwerk, folgte mit „Crossing The Bridge“ zunächst eine Dokumentation über die vielgestaltige Musikszene Istanbuls (nebenbei jene Stadt, die beim Regisseur immer wieder selbst zu einem eminenten Narrativ wird) und dann mit „Auf der anderen Seite“ der mit „Tod“ überschriebene Mittelteil der späteren Anthologie.
In seinem insgesamt fünften Spielfilm entwirft der Altonaer wiederum ein in vielerlei Hinsicht komplexes Bild des auch seit Dekaden noch längst nicht ausgepegelten culture clash zwischen türkischen Migranten und Deutschstämmigen. Akins „Türken“ sind Wanderer zwischen den Welten, was auch den Titel des Films, der sich jeweils reziprok begreifen lässt, nachvollziehbar macht. Der Regisseur und Autor greift wiederum die Mehrakter-Struktur der griechischen Tragödie aus „Gegen die Wand“ auf, diesmal allerdings ohne musikalisch untermalenden Chor und „beschränkt“ auf drei, mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander stehende Segmente, von denen die ersten beiden die Geschichten (und Tode) Yeters und Lottes behandeln und das letzte, das schließlich den Filmtitel für sich beansprucht, den Überlebenden Verständnis und somit Erlösung gönnt. „Auf der anderen Seite“ erinnert nicht zuletzt durch die Mitwirkung einer ungebrochen starken Hanna Schygulla an die (zunehmend politisierte) Phase des Neuen Deutschen Film der Spätsiebziger und weniger an Akins oftmals ruppigeres, grelleres Vorwerk. Vor allem der sich a priori aufdrängende Vergleich zu „Gegen die Wand“ fällt signifikant aus, zumal die oftmals herausgeschrieenen, herzzereißenden emotionalen Spitzen des um zwei in absoluten psychischen Grenzzuständen befindliche Menschen kreisenden Vorgängers in dem weitaus stilleren, um nicht zu sagen kontemplativeren „Auf der anderen Seite“ vermutlich auch unpassend erschienen. Man könnte dies auch als ein leichtes Einknicken der jauchzenderen, vitaleren Seite Akins eruieren, wollte man dem Film einen Vorwurf machen. Ich empfinde die atmosphärische Kehrtwende zur Ruhe hin eher als den gelungenen Versuch, andere Dramatiken zu erkunden und auszuleuchten.

9/10

GEGEN DIE WAND

„Keinen Stress machen drinne, ja?“

Gegen die Wand ~ D/TR 2004
Directed By: Fatih Akin

Cahit (Birol Ünel) ist Deutschtürke, 40 und Alkoholiker. Mit seiner türkischen Identität hat er gebrochen und verkehrt stattdessen lieber in der autonomen Szene Altonas. Als er mit dem Wagen frontal und ungebremst gegen eine Wand rauscht, landet er in der Psychiatrie. Dort lernt er die ebenfalls suizidale Sibel (Sibel Kekilli) kennen, die unbedingt der Zwingburg ihrer Familie entkommen will und Cahit bittet, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Nach erstem Unverständnis geht Cahit schließlich auf den Vorschlag ein, ohne realisieren zu können, dass er sich tatsächlich in Sibel verliebt hat. Unfähig, sie zu halten, geschweige denn eine funktionale Beziehungsbasis mit ihr errichten zu können, erschlägt Cahit eines Abends im eifersüchtigen Affekt einen von Sibels Liebhabern und geht dafür ins Gefängnis. Sibel reist in die Türkei, arbeitet dort und verfällt in Depressionen und alte Verhaltensmuster. Nachdem Cahit entlassen wird und Sibel, die mittlerweile Mutter einer kleinen Tochter ist, in Istanbul besucht, scheitert ein letzter Versuch, sich nochmal mit ihr zusammzuraufen. Beide gehen endgültig getrennte Wege.

„I Feel You“: Ein schmerzhaftes, tieftrauriges, packendes und abgründiges Meisterwerk ist Fatih Akin da geglückt, bewundernswert vor allem seines hellsichtigen, übergreifenden Facettenreichtums und seiner strengen, an der griechischen Tragödie orientierten Form wegen.
„Gegen die Wand“ ist durchzogen von etlichen Themenkomplexen, die den Filmemacher als Deutschtürken und „Wanderer zwischen den Kulturen“, der von beiden reichlich gekostet hat, bewegen: Zum Ersten wäre da die Divergenz und Unvereinbarkeit des türkischen Konservativismus, der in Deutschland, in Hamburg, auf pralle westliche Urbanität trifft und die, die in die entsprechenden Felsspalten rutschen, gnadenlos zermalmt. Für Cahit ist „das Türkische“ in ihm gerade noch durch die Beherrschung der Sprache existent. Ansonsten ist er das, was man landläufig als alternden Punk bezeichnen möchte: Zynisch, verlottert, versoffen, immer kurz vorm Boden und psychisch schwer gezeichnet von den schmerzlichen Erfahrungen einer ersten, tief in ihm vergrabenen Ehe. Sibel hingegen besitzt eine prototypische Borderline-Persönlichkeit: Sie verwechselt Freiheit und Glück mit Promiskuität und durchfeierten Nächten und wenn ihr etwas gegen den Strich geht, schneidet sie sich gewohnheitsmäßig die Pulsadern auf. Den einzigen Weg, sich die ersehnte Unabhängigkeit zu verschaffen, wähnt sie ausgerechnet in der Scheinehe mit dem überrumpelten Cahit. Diese beiden schwer fragilen und im Prinzip bereits zertrümmerten Seelen finden und fangen sich in einer hochtoxischen Beziehung, die sich wegen des Unverständnisses und der Verblendung von Sibels Familie dann auch umgehend legalisieren lässt, freilich, ohne dass einer der beiden Teilnehmer auch nur im Mindesten der auf sie wartenden Aufgabe gewachsen ist. Wechselseitig fügen sie sich immer tiefere psychische Wunden zu, bis jede/r von ihnen seinen ganz persönlichen Supergau erlebt – Cahit landet wegen seiner ungebremsten Wut im Knast, Sibel führt bewusst eine Vergewaltigung mit beinahe erfolgreichem Totschlag herbei. Gewissermaßen erfahren die Zwei dadurch eine lang ersehnte Form der Läuterung und zumindest Sibel auch das nötige Maß an Mündigkeit und Vernunft, Cahit endgültig zu ent- und einer tradierten, für sie jedoch einzig möglichen Form der Existenz zuzusagen, auch, um künftig für ihr Kind da sein zu können. Ob es auch für ihn noch eine Art von Erlösung geben kann, lässt der Film offen.

10/10

BASKIN

Zitat entfällt.

Baskin ~ TR 2015
Directed By: Can Evrenol

Fünf Istanbuler Polizisten (Ergun Kuyucu, Muharrem Bayrak, Gorkem Kasal, Fatih Dokgöz, Sabahattin Yakut) verbringen ihre Spätschichtpause in einer kleinen Imbissstube, als sie ein Notruf aus dem abgelegenen Inceagac erreicht. Auf dem Weg dorthin kommt es zu einem Unfall mit einer mitten auf der Straße umherirrenden Person; der Kleinbus des Quintetts landet in einem Tümpel, der Angefahrene verschwindet derweil spurlos. Zu Fuß macht man sich auf das letzte Stück Weg Weg zum Zielgebäude, einer uralten, verlassenen Polizeistation aus den späten Tagen des Osmanischen Reichs, das offenbar bereits von ein paar unauffindbaren Kollegen aufgesucht wurde. Innerhalb des Hauses führen etliche Signale die Polizisten hinab in die Kellergewölbe, wo sie die Hölle selbst zu erwarten scheint…

Seinen gleichnamigen Kurzfilm „Baskin“ von 2013 hat der Nachwuchsregisseur und Genre-Aficionado Can Evrenol komplett ohne staatliche Subventionierungen auf abendfüllende Länge gebracht und damit unter einiger internationaler Beachtung sein Feature-Debüt vorgelegt. Leider muss man angesichts der dezeitigen, offenbar auf die strikte Tilgung jedweder „systemschädigenden“ Denkart abzielenden, politischen Lage in der Türkei nicht unbedingt davon ausgehen, dass mit „Baskin“ ein Saatkorn für die Entfaltung einer neuen Horrorfilm-Welle vom Bosporus gesetzt wurde, was in Anbetracht des hübsch entfesselten Wahnsinns dieses Werks durchaus schade ist. Evrenol geht nämlich ordentlich in die Vollen, wenn er seine fünf nicht eben besonders intelligenten (oder gar symathischen) Exekutiven auf ihre unerbittliche Höllenfahrt schickt. Immer mehr zerfasert die zu Beginn noch herkömmlich daherkommende Narration in Elipsen und Irrealismen, es gibt chronologische Sprünge, bis hin zur Exerzierung einer reinen Albtraumlogik und einer ganzen Phalanx von apokalyptischen Phantastereien, die auf Protagonisten und Publikum herniederregnet, gefärbt freilich in knalligem Blutrot. Wieder einmal haben wir es mit einer Endzeitsekte zu tun, diesmal offenbar direkt aus Şeytans Schoße. Es gibt einen Zeremonienmeister, „Baba“, der von dem tatsächlich an einer entstellenden Krankheit leidenden Mehmet Cerrahoglu gespielt wird und zum finsteren Zentrum des Films avanciert, glücklicherweise ohne dass Evrenol der Versuchung erläge, Cerrahoglu wegen seines Leidens zu denunzieren. Dass Baba indes vielleicht ein Stellvertreter Erdogans oder Yildirims sein könnte, das obliegt bloß einer persönlichen Mutmaßung meinerseits.
„Baskin“ ist nun gewiss kein perfekter Film und wenngleich Evrenol bereits jetzt ein guter Regisseur voller formidabler audiovisueller Ideen ist, hat er doch noch einiges aufzuholen was die Evozierung dramaturgisch wirklich zupackender Spannkraft anbelangt. Zum einen ist „Baskin“ nämlich deutlich zu lang geraten und verfällt hier und da allzu gern in völlig unsubstanzielle, tarantioneske Schwafeleien; zum anderen zeigt sich Evrenol hinsichtlich diverser Einzelszenen und Story-Volten wenig subtil beeinflusst von klassischen und jüngeren Vorbildern; seien es Argentos „Drei-Mütter-Trilogie“ oder Vigalondos „Los  Cronocrímenes“ , um nur die offensichtlichsten zu nennen. Dennoch ein kleines Schmuckstück, gerade angesichts seiner Herkunft und Produktionsbedingungen. Möge Evrenol in Zukunft noch Manches vollbringen, ich wäre gern dabei.

7/10

AMERICA AMERICA

„In America I will be washed clean.“

America America (Die Unbezwingbaren) ~ USA 1963
Directed By: Elia Kazan

Anatolien, kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende. Der junge Stavros (Stathis Giallelis), Sohn des kappadokischen Griechen Odysseus Topouzoglou (Salem Ludwig), beobachtet mit wachsender Sorge die imperialistischen Freiheiten, die die Türken sich gegenüber den armenischen und griechischen Minderheiten herausnehmen. Als Stavros‘ bester Freund, der Armenier Vartan (Frank Wolff) im Zuge eines Pogroms der Türken ermordet wird, ist Stavros endgültig klar: Befreiung von diesen Zuständen gibt es nur im fernen Amerika. Mit dem hart erworbenen Segen seines Vaters und dem gesamten Wertbestand der Familie, darunter ein Esel, macht sich Stavros auf den beschwerlichen Weg ins ferne Konstantinopel. Während der Reise lernt er den schlitzohrigen Türken Abdul (Lou Antonio) kennen, der sich zunächst bei Stavros anbiedert, um ihn dann auf tückische Weise um seine Habe zu erleichtern. Rachsüchtig ersticht Stavros den bösen Nepper. Völlig mittellos am Bosporus angelangt, setzt Stavros‘ Cousin Isaac (Harry Davis), ein armer Teppichhändler, den Jungen als Faktotum ein. Doch Stavros will schleunigst das Geld für die Überfahrt in die Neue Welt zusammenbringen und verdingt sich lieber als Tagelöhner – ohne Erfolg. Wegen seiner Träumereien verpasst ihm sein Freund Garabet (John Marley) den Spitznamen ‚America America‘. Nachdem er als vermeintlicher Untergrundkämpfer beinahe erschossen wird, hört Stavros endlich auf Isaacs Rat, sich bei dem reichen Teppichimporteur Aleko Simnikoglou (Paul Mann) anzubiedern, der dringend einen Schwiegersohn und Ehemann für seine älteste Tochter Thomna (Linda Marsh) sucht. Von der Mitgift plant Stavros das heißersehnte Ticket zu erwerben und sich aus dem Staube zu machen. Der liebenswerten Thomna kann er sein Vorhaben nicht verschweigen und sie unterstützt ihn dabei. Kurz vor der Passage lernt Stavros das reiche Ehepaar Kebabian kennen, das mit dem nächsten Schiff zurück in die Staaten will. Während der Überfahrt hält sich Mrs. Kebabian (Katharine Balfour) Stavros als Gigolo, doch als ihr Mann (Robert H. Harris) davon Wind bekommt, sorgt er dafür, dass Stavros die Einreise in die Staaten verweht wird. Jetzt kann ihn nur noch ein Wunder retten…

„My name is Elia Kazan. I am a Greek by blood, a Turk by birth and an American because my uncle made a journey.“ So empfängt der höchstpersönlich eingesprochene Voiceover des Regisseurs das Publikum zu seinem intimsten (und liebsten, wenngleich nicht seinem „besten“, wie er selbst im Interview konstatiert) Film, der Geschichte seines eigenen Onkels und dessen Odyssee, die Kazan als kleinem Jungen schließlich selbst die Migration nach Amerika ermöglichte. Mit „America America“ emanzipiert der große Filmemacher sich endgültig als Künstler von kosmopolitischem Rang. Mit epischer Breite, großer Melancholie und emotional wuchtig erzählt, vor Ort gedreht, auf Stars und äußeren Pomp verzichtend und doch von einem Hollywood-Studio (Warner) flankiert, nimmt dieses Werk nicht nur in Kazans Œuvre eine Ausnahmestellung ein, sondern weist zudem bereits recht früh auf die sich gemächlich ändernde Windrichtung im vom Rost befallenen System der großen Filmmogule hin.
Die kreative Freiheit, die Kazan genießen durfte, sorgt dafür, dass „America America“ sich kaum mehr als Hollywood-Produktion identifizieren lässt, sondern wie Weltkino eines Filmemachers vom Schlage Pasolini oder Buñuel daherkommt. In einer längst der Farbe anheim gefallenen Filmwelt lässt Kazan seinen Einmal-dp Haskell Wexler, von dem er später sagen wird, es sei zwar der beste Kameramann, mit dem er je hat arbeiten dürfen aber zugleich auch der einzige, den er kein zweites Mal für eine Kollaboration akzeptiert hätte, ein expressionistisch-kontrastreiches Schwarzweiß-Bild entwerfen, das einen auf unglaublich empathischem Wege direkt hineinkatapultiert in Zeit und Region. Die unverbrauchten Darsteller – Stathis Giallelis‘ Gesicht nebst Mimik erinnert nebenbei vehement an das von Oliver Reed – sorgen außerdem für eine deutlich umweglosere Identifikation und für eine völlige Akzeptanz des Geschehens als Abbildung realer Vorkommnisse als es üblicherweise bei amerikanischen Filmen, und gerade solchen aus jener Filmperiode, der Fall ist. So entwickelt sich Stavros Topouzoglous Reise von seinem kleinen Bergdorf am Fuße des Erciyes bis nach Ellis Island, wo er seinen neuen, amerikanischen Namen Joe Arness erhalten wird, gleichfalls zu einer Expedition in die menschliche Seele. Von der Abgründigkeit bis hin zur Verzweiflung, von der Misanthropie bis hin zur bedingungslosen Liebe, vom besten Freund bis zum ärgsten Feind lernt Stavros etliche Facetten humaner Befindlichkeiten und Verortungen kennen. Aus dem naiven Bauernjungen wird ein Weltbürger. Und aus Kazan spätestens mit dieser Arbeit ein Hauptgott für den Kinoolymp.

10/10