DON’T LOOK UP

„Shit’s all fucked up. Don’t forget to like and subscribe.“

Don’t Look Up ~ USA 2021
Directed By: Adam McKay

Durch Zufall entdecken die beiden Astronomen Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) und Randall Mindy (Leoardo DiCaprio) einen Kometen, der in rund sechs Monaten auf die Erde prallen und dessen Einschlag hier annäherend sämtliches Leben auslöschen wird. Die ebenso pr-geile wie intellektuell eingeschränkte US-Präsidentin Orlean (Meryl Streep) und ihr Stab zeigen sich von der apokalyptischen Hiobsbotschaft wenig beeindruckt, immerhin gilt es just, einen innerpersonellen Skandal auszubügeln. Auch der daraufhin eingeschlagene Weg, die Öffentlichkeit über eine populäre TV-Talkshow aufzurütteln, verpufft sang- und klanglos – die Leute interessieren sich sehr viel mehr für die Beziehungskrise eines prominenten Musikerpärchens (Ariana Grande, Kid Cudi). Als sich Wochen später die zerstörerische Existenz des mittlerweile nach seiner Erstsichterin Diabiasky getauften Kometen zumindest vulgärwissenschaftlich doch nicht mehr leugnen lässt, tut das Gros der Menschheit, was es eben so tut im Angesicht unverrückbarer Tatachen – leugnen, protestieren, ausweichen, verleumden, weg-, vor allem aber: bloß nicht nach oben sehen. Eine Zerstörungsmission wird im allerletzten Augenblick abgeblasen, denn Dibiasky besteht aus wertvollen Rohstoffen, die der Kommunikationselektronikindustrie ein Multibillionengeschäft bescheren würde. Leider misslingt ebenso der Alternativplan, den kosmischen Brocken in ungefährlichere Einzelteile aufzusprengen. Somit heißt es am Ende völlig zu Recht: Bye bye, humanity.

Die wirklich relevanten, bleibenden Filmsatiren bilden seit eh und je eines der geschmacksintensivsten Gewürze nicht allein im Comedysektor, zumal, wenn sie eine elementare gesellschaftspolitische Relevanz aufweisen. Man denke, um nur ein paar persönliche Lieblinge anzuführen, an Jahrhundertwerke wie „The Great Dictator“, „Dr. Strangelove“, „Network“, „Trading Places“ , „Natural Born Killers“ und „Fight Club“, allesamt bleibende Spiegelbilder besimmter Facetten der Verlorenheit ihrer jeweiligen Ära, allesamt brillant arrangiert, zutiefst gallig und doch urkomisch. „Don’t Look Up“ zieht nonchalant in jenen Olymp ein, er ist DER Film (zu) unserer Zeit. Und wie es sich für kontroverse Meisterwerke geziemt, ist das (angesichts der Verkaufsmechanismen und des gewaltigen Staraufgebots des Films bloß naturgemäße) Echo ein Panoptikum der Überforderung und bestätigt bloß, was McKay in seinem omnipotenten Rundumschlag wider ein Amerika des freidrehend pervertierten Wert- und Selbstverständnisses ohnehin zu jeder Sekunde durchblitzen lässt – unsere schöne Menschenwelt war und ist noch mehr eine der entgrenzten Borniertheit, der glattpolierten Oberflächenreize und der totalen Selbsträson. Zu uneingeschränkt positiven Stimmen zu McKays Königsgroteske mag sich scheibt’s keiner hinreißen lassen. Ein wenig Google spricht Bände: Die „Fans“ seien wütend, dass Matthew Perry herausgeschnitten wurde, dabei wäre dies doch sein überfälliges Comeback gewesen. Irrlichternde Parallelen zu Michael Bays „Armageddon“ (!) werden gezogen, und das nichtmal selten, der Klamauk moniert und die schlecht getimte Dramaturgie, die ihr Feuer ja allzu verfrüht verschieße. Die Realität habe den für einen früheren Starttermin und wegen Covid verschobenen „Don’t Look Up“ wiederholt und seine satirische Sprengkraft dadurch entscheidend entwertet.
Mir fällt in Anbetracht solcher völlig am Objekt vorbeischießender Aussagen (oder gehen sie alle vielleicht bloß McKay in die Falle?) nurmehr die Kinnlade herunter, aber bis auf den Boden, quasi Tex-Avery-mäßig. Tatsächlich liefert „Don’t Look Up“ nach meinem Dafürhalten nicht nur ein unfassbar passgenaues Zeitporträt, er ist vor allem auch ein formidabler Autorenfilm, mit dem Adam McKay endlich ganzheitlich zu sich selbst findet, nachdem er in den beiden hervorragenden Bale-Vehikeln „The Big Short“ und „Vice“ eine Abkehr von den Albernheiten seiner bis 2013 abgefeuerten Ferrell-Komödien hin zu mehr Respektabilität und vor allem Ernsthaftigkeit vollzogen hatte. „Don’t Look Up“ kombiniert gewissermaßen das Beste beider Welten – den anarchischen, genrebelassenen Humor der frühen Tage und die spätere, scharf sezierende Pespektivierung auf ein Amerika, das diesseits der Jahrtausendwende auch noch seinen letzten Rest Menschenverstand eingebüßt zu haben scheint. Dass dies nicht nur funktioniert, sondern sich vielmehr als überaus weise und durchaus ausgewogene Stilmixtur präsentiert, die auch mal den Mut zur Inkonsequenz aufweist, lässt sich anhand beinahe jeder Szene dieses unglaublich gelungenen Films ablesen. We’ll meet again…

10/10

THOSE WHO WISH ME DEAD

„No one makes it through that, baby.“

Those Who Wish Me Dead (They Want Me Dead) ~ CAN/USA 2021
Directed By: Taylor Sheridan

Als er bemerkt, dass ihm Auftragsmörder auf den Fersen sind, flüchtet der in eine Korruptionsaffäre verstrickte Buchhalter Owen (Jake Weber) mit seinem Sohn Connor (Finn Little) aus Florida zu seinem Schwager Ethan (Jon Bernthal), der als Sheriff in Montana arbeitet. Die beiden Killer Jack (Aidan Gillen) und Patrick (Nicholas Hoult) erwischen Owen vor Ort, verpassen jedoch Connor, dem, mittlerweile im Besitz eines brisanten Enthüllungsschreibens, die Flucht in die Wälder gelingt. Dort trifft er auf die seit einem missglückten Einsatz psychisch labile Ex-Feuerspringerin Hannah (Angelina Jolie), die sich des Jungen annimmt und ihn gegen das Killerpaar verteidigt.

In Anbetracht von „Those Who Wish Me Dead“ fällt es schwer zu glauben, dass dessen Regisseur und Co-Autor Taylor Sheridan einst so brillante Scripts wie die zu „Sicario“ und „Hell Or High Water“ verfasst haben soll. Die naheliegendste Erklärung wäre wohl, dass Sheridan die Konzentration auf reine Autorentätigkeit wesentlich besser und/oder näher liegt denn die komplexe Aufgabe der Inszenierung. Schon sein letzter Film „Wind River“ bekleidet diesbezüglich einen recht evidenten Status. Immerhin: den grundierenden Topos des frontier epic, der Sheridans kreativen Output nach wie vor umtreibt, beinhaltet zwar auch „Those Who Wish Me Dead“, dafür versagt er jedoch an diversen anderen, ebenso empfindlichen wie entscheidenden Stützpunkten.
Die Story, die auf einen noch recht jungen Roman von 2014 (Michael Koryta) zurückgeht, würde man eher in den Neunzigern verorten, als das zugrunde liegende Sujet, in dem urbane Kriminelle irgendwo in den Weiten der amerikanischen Wildnis ihr Unwesen treiben, ohne mit der Cleverness der regional ansässigen locals zu rechnen, noch schwer en vogue war und entsprechende Vertreter in schöner Regelmäßigkeit die Leinwände enterten. Auch der Plotbaustein des von Killern gejagten Kindes, das wahlweise als unerwünschter Zeuge oder als Besitzer hochsensibler Informationen sterben soll und von einer/einem mündigen HeldIn mit möglicherweise unfreiwilligen Ersatzeltern-Ambitionen beschützt wird, geht hauptsächlich auf jene filmhistorische Ära zurück. Während jedoch die retrospektiven Bestrebungen der Film- und Serienindustrie, nostalgische Stoffe aus den siebziger und achtziger Jahren zu bedienen und ihnen mannigfaltige Revivals zu spendieren, immer noch halbwegs aufgehen, bietet der kernmediokre Genremainstream der Neunziger derlei Anknüpfungspunkte in keinster Weise. Falls ein analoger Gedankengang Sheridan oder einen der übrigen Beteiligten umgetrieben haben sollte, muss sich über das enttäuschende Resultat niemand wundern. An „Those Who Wish Me Dead“ ist nichts, was man als rundheraus gelungen bezeichnen möchte. Das Buch klafft vor ebenso eklatanten wie redundanten Logiklöchern, die es paradoxerweise teilweise sogar selbst entlarvt. Die beiden Killer, augenscheinlich ein Bruderpaar, das immerhin auf ausgereifteste logistische Mittel zurückgreifen kann, stellen sich phasenweise so dämlich an, dass man sie nie als wirkliche Bedrohung empfindet, was wiederum das gesamte Konstrukt a priori atmosphärisch unterminiert. Mit Ausnahme ausgerechnet des vierzehnjährigen Australiers Finn Little, der überaus positiv heraussticht, befindet sich das komplette übrige, ja doch recht namhaft besetzte Ensemble (allen voran die Jolie) im tagträumerischen StandBy-Modus. Schließlich bestehen die immer wieder als gottgleiche Naturgewalt motivisch bedienten Flammensbrünste aus kläglichen CGIs, die somit auch keine echte Gefahr zu suggerieren vermögen. Was somit hier alles bereitwillig der offenen Verhunzung anheim gestellt wird, sucht schon seinesgleichen.

4/10

VICE

„It has been my honor to be your servant. You chose me. And I did what you asked.“

Vice ~ USA 2018
Directed By: Adam McKay

Nicht zuletzt durch die sukzessive Ausweitung der staatlichen Exekutivgewalt auf einen nahezu unbegrenzten Machtradius schafft es der beim gemeinen Volk eher unbeliebte republikanische Emporkömmling Dick Cheney (Christian Bale), als Vize-Präsident von George W. Bush (Sam Rockwell) die staatlichen Geschicke aus dem Hintergrund nachhaltiger zu lenken als der Präsident selbst. Für Cheney als CEO des Halliburton-Konzerns ist der Irak ein Dorn im Auge, also nutzt er die Terroranschläge vom 11. September medienwirksam gezielt, um Stimmung gegen Saddam Hussein zu machen und den folgenden Einmarsch der US-Truppen am Golf zu rechtfertigen. Auf lange Sicht popularisiert Cheney mit dieser Aktion den Terroristen Abu al-Zarqawi und verantwortet in diesem Zusammenhang unter anderem das Erstarken des IS im Nahen Osten sowie später Guantanamo und die Plame-Affäre mit, sorgt für Steuerleichterungen bei den Multis und Superreichen, schasst seinen ehemaligen Mentor Donald Rumsfeld (Steve Carrell) und setzt Außenminister Colin Powell (Tyler Perry) unter Druck. Dem Tod springt der herzkranke Cheney selbst diverse Male von der Schippe, unter anderem durch die Implantierung eines Spenderherzens.

„The Big Short“ markierte bereits einen markanten Richtungswechsel im Œuvre Adam McKays, der sich damit inszenatorisch von den bereits als „klassisch“ zu bezeichnenden Spaßkomödien mit Will Ferrell divergierte und seither stattdessen als Chronist der vielen fauelen Eier, die die Globalmacht USA seit der Jahrtausendwende gelegt hat, zu etablieren scheint. Auch in Anbetracht von „Vice“ ist zu hoffen, dass McKay diesen Weg ebenso leidenschaftlich weiterverfolgt, wie er ihn bislang so vielversprechend eingeschlagen hat. Durch die nicht selten an die Montage in Scorseses „Goodfellas“ oder „Casino“ erinnernde, geschickte Spielfilmdramaturgie, die dem Rezipienten mit der Rasanz und Kinetik eines Actionfilms teils unerhörte Fakten in Stakkato um Augen und Ohren knallt, arbeiten McKays jüngere Filme oberflächlich dröges Finanzwelt- und Politikgeplänkel für jedermann gut les- und nachvollziehbar auf und machen sich so zu historisch vortrefflich eingebundenen und zugleich höchst spannenden Zeit- und Gesellschaftsportraits, deren aggressiver Gestus mit dem eines Michael Moore zu vergleichen ist, nur eben ohne dessen direkten dokumentarischen Anspruch.
Dabei ist sich der in Sachen Humor natürlich immens beflissene McKay stets darüber im Klaren, dass vom auteur hinzugesetzte Ironie und Sarkasmus, und mögen sie noch so bitter sein, jedwede harte Faktenlage sanft abzuschwächen angetan ist und ihr zugleich ein klares Meinungsbild verabreicht. McKays Dick Cheney behält man nach dem Filmgenuss als liebenden Familienvater in Erinnerung, aber auch als diabolischen Machtmenschen und Manipulator, der mit das Schlimmste personifiziert, für das die USA im globalen Gefüge stehen. Christian Bale und der übrige Tross stehen unter feister Maskerade in der Tradition der vielen großen Schauspieler, die irgendwann einmal US-Politiker zu spielen hatten und führt diesen genealogischen Strang sogar auf ein noch höheres Niveau als gewohnt. Als Cheney unterschiedlicher Gewichts- und Altersstufen mit perfektionistisch adaptierter Physiognomie und entsprechendem Gestus ist er dem Original teilweise zum Verwechseln ähnlich und präsentiert eine neue Stufe darstellerischer Mimikry. Sagenhaft.
„Vice“ ist somit jedem nahezulegen, der kritisches US-Politkino und filmische Konterfeis der diversen Oval-Office-Insassen und ihrer Trösse zu schätzen weiß.

8/10