DARK PHOENIX

„I’ve seen evil… and I’m looking at it now.“

Dark Phoenix (X-Men: Dark Phoenix) ~ USA/CAN 2019
Directed By: Simon Kinberg

Die „neue Vergangenheit“, 1992: Ein Rettungseinsatz im All konfrontiert die X-Men mit einer gewaltigen außrirdischen Macht, die sich mit der Telepathin Jean Grey (Sophie Turner) verbindet. Zurück auf der Erde ergreift jene Entität mehr und mehr Besitz von der ohnehin mächtigen Mutantin, derweil Charles Xavier (James McAvoy) alles dafür tut, sie zu retten und das zuletzt durch sein Insistieren hart erarbeitete, positive Renommee des homo superior zu wahren. Als durch Jeans Verschulden jedoch die Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence) zu Tode kommt, geht ein Riss durch die X-Men – Hank McCoy (Nicholas Hoult) verbündet sich mit Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), die die immer wütendere Jean geneinsam aufhalten wollen. Doch sind da noch die D’Bari – Aliens, die der Jean inhärenten „Dark Phoenix“-Macht den Verlust ihres Heimatplaneten anlasten und sich nun mit dessen Hilfe auf der Erde ein neues Zuhause schaffen wollen. Dafür müssten Menschen und Mutanten jedoch aus dem Weg geräumt werden…

Um es kurz zu machen – „Dark Phoenix“, sowohl Sequel als auch Reboot, ist alles in allem der enttäuschendste aller bislang erschienen „X-Men“-Filme und unterbietet damit sogar noch Gavin Hoods erstes „Wolverine“-Solo. Bereits die Wahl des Regisseurs sät a priori berechtigte Zweifel am Gelingen des Projekts – mit Simon Kinberg entschied man sich für jemanden, der seit Brett Ratners „X-Men: The Last Stand“, also dem ursprünglich im Film erzählten Niedergang der damals noch von Famke Janssen gespielten Jean Grey, als Scriptautor und/oder Produzent an den meisten der seither erschienen Mutanten-Abenteuer beteiligt war, bis dato jedoch keinerlei inszenatorische Erfahrung aufwies. A posteriori zeigt sich bestätigend, dass ausgerechnet die von Kinberg geschriebenen X-Storys stets die schwächeren waren, was seiner Verpflichtung als Vorarbeiter ein nachgestelltes Stirnrunzeln abverlangt.
Ala Adaption der Comic-Original-Strecke von Chris Claremont und John Byrne, die zuerst 1980 in den Ausgaben 129 bis 138 der Serie „Uncanny X-Men“ erschien und seither als ewiger Klassiker zigmal neu ediert wurde, scheitert Kinberg jedenfalls nochmals genauso pompös wie bei seinem ersten Versuch mit „The Last Stand“. Auf wesentliche Elemente wie die Shi’ar und deren (mit Xavier nicht nur romantisch verbundenen) Herrscherin Lilandra Neramani oder das außerirdische Tribunal, dem sich Jean Grey und ihre Freunde stellen müssen, wurden aus Gründen der Komplexitätsreduktion verzichtet. Stattdessen bietet der Film vor allem seinen Stars Jennifer Lawrence, die (aus naheliegenden Gründen) offenbar keinen Bock mehr auf ihre „X-Men“-Beteiligung hatte und sich somit kurzerhand aus dem Franchise pfählen ließ sowie „Game-Of-Thrones“-Entdeckung Sophie Turner (die der charismatischen Janssen in keinster Weise das Wasser reichen kann) hinreichend Onscreen-Plattform und flicht außerdem noch den anscheinend zwingend zu beteiligenden Fassbender alias Magneto mit ein. Als wild fightender Wolverine-Ersatz muss im Showdown ausgerechnet der als höflich und liebenswert bekannte Kurt „Nightcrawler“ Wagner (Kodi Smit-McPhee) herhalten – eine wenig akzeptable Wendung für diese doch so konträr gelagerte Figur. Und die schöne Jessica Chastain? Die wird bloß unbekümmert verheizt.
Was ich mit alldem bereits zu verdeutlichen versuche, zeichnet sich anhand des gesamten Films ab – er wirkt von vorn bis hinten wie eine mühselige, für alle Beteiligten verpflichtende Plackerei, eine hochbudgetierte Pflichtübung, deren einziger Existenszweck ihre kommerzielle Spannweite zu sein scheint. Es gibt nur wenige schöne oder spannende Momente von der Art etwa, die Jean ihren (für sie überraschend überlebenden) Vater (Scott Shepherd) aufsuchen und zur Rede stellen lässt, sie bleiben Mangelware in diesem zwar professionell gefertigten, am Ende aber doch sich selbst und seinem Publikum gegenüber spürbar gleichgültig auftretenden, mediokrem Spektakel. Dass hier ein paasgetreuer Punkt erreicht wäre, um aufzuhören, wage ich in Anbetracht vieler schöner früherer Stunden mit den „X-Men“ nicht zu konstatieren; zudem ist „Dark Phoenix“ dafür doch noch nicht genug veritable Katastrophe. Ob die Super-Mutanten demnächst dann auch ihr eigenes „Homecoming“ in den Schoss des MCU erleben werden, mag sich ja ferner noch erweisen.

5/10

LA RAGAZZA DAL PIGIAMA GIALLO

Zitat entfällt.

La Ragazza Dal Pigiama Giallo (Blutiger Zahltag) ~ I/E 1977
Directed By: Flavio Mogherini

Am Strand von Sydney wird in einem Autowrack die zum Teil verbrannte Leiche einer jungen Frau entdeckt. Obschon bereits pensioniert, beginnt der betagte Inspector Thompson (Ray Milland), ganz zum Leidwesen des ermittelnden Kriminalbeamten Ramsey (Ramiro Oliveros), sich in den Fall einzuschalten. Nach diversen Fehlverdächtigungen, falschen Spuren und Identifikationsversuchen, zu denen sogar eine öffentliche Zurschaustellung der Toten gehört, stößt Thompson endlich auf eine heiße Spur, die er mit dem Leben bezahlen muss…

Eine der vielleicht merkwürdigsten und doch schönsten Blüten des Giallo trieb Flavio Mogherini mit diesem wunderbaren Kriminaldramakleinod, dem zumindest auf nationaler Ebene eine ganz besondere Ausnahmestellung innerhalb der Gattung gebührt. Dass das italienische Genrefilm gern mal über den regionalen Tellerrand hinausschaute, kennt man bereits aus zig anderen Beispielen wie etwa „L’Iguana Dalla Lingua Di Fuoco“ oder „Una Magnum Special Per Tony Saitta“. Hier also führte die Reise einmal nach Australien (einige freilich leider allzu gut sichtbar eingeflochtene, daheim in Rom gedrehte Sequenzen inbegriffen). Der noch recht konventionelle Beginn konfrontiert den Zuschauer mit zwei parallelen Erzählsträngen, deren fataler Zusammenhang sich keinesfalls umgehend erschließt: da ist zum Einen der Mordfall um das unbekannte, verstümmelte Mädchen und zum anderen die bedrückende Geschichte der Exilniederländerin Glenda (Dalila Di Lazzaro), die sich zwischen drei Männern nicht entscheiden kann – der gesetzte, aber wesentlich ältere Professor Douglas (Mel Ferrer) fasziniert sie, für den athletischen, aber eher simpel gestrickten Roy (Howard Ross) spielt sie allenthalben das Betthäschen und dessen Freund Antonio (Michele Placido) heiratet sie schließlich. Dass die Ehe äußerst unglücklich verläuft (Glenda ist mit Antonios Kellnergehalt unzufrieden und es gibt eine prekäre Schwangerschaft), erfährt der Rezipient aus zwar chronologisch angeordneten, dafür jedoch durch größere Zeitsprünge gekennzeichnete, biographische Abrisse aus Glendas zunehmend chaotisch verlaufendem Leben. Spätestens am Ende ihres Weges, sie sucht einen klaren Kopf in der Einsamkeit des outback, offenbaren sich dann die Zusammenhänge zwischen den beiden Narrationspfaden.
Mogherinis Kunst oszilliert dabei überaus gekonnt zwischen Sleaze und Geschick, lässt hier und da ein wenig nackte Haut über die Leinwand huschen und verschafft sich inmitten des Ortolani-Scores nebst zwei sich zu rabiaten Ohrwürmern mausernden, von Amanda Lear gesungenen Discosongs immer wieder höchst bedrückende Augenblicke. Zu nennen wäre hier insbesondere die, wie der gesamte zugrunde liegende (tatsächlich allerdings unaufgeklärte) Fall  sich auf ein authentisches Vorbild aus den dreißiger Jahren berufende Szene, in der die (noch) anonyme Leiche von der hilflosen Polizei den Augen der Öffentlichkeit preisgegeben wird. Nackt schwimmt der einst schöne, nunmehr schwer geschändete und obduzierte Körper in einem Konservierungsbassin und wird vor den Augen einer sensationslüsternen, geifernden Menge seiner letzten Intimität beraubt. Diese Sequenz ist ebenso unangenehm poetisch wie zeitlos: Man stellt sich unwillkürlich vor, wie vierzig Jahre später ein Haufen Gaffer mit ihren Smartphones Selfies von sich und der Leiche knipst und veröffentlicht.
Der traurige, allumfassende Leidensweg Glendas – er endet noch längst nicht mit ihrem gewaltsamen Tod.

8/10

MULHOLLAND DR.

„No hay banda!“

Mulholland Dr. (Mulholland Drive – Straße der Finsternis) ~ USA/F 2001
Directed By: David Lynch

Das junge Provinzblümchen Betty (Naomi Watts) kommt nach Los Angeles, um als Schauspielerin in der Filmbranche Fuß zu fassen. Das entsprechende Karrieresprungbrett stellt ihre bereits im Business tätige Tante Ruth (Maya Bond), deren schickes Appartment sie in deren Abwesenheit auch nutzen darf. Doch schon bei ihrer Ankunft in selbigem findet Betty die unter Generalamnesie leidende „Rita“ (Laura Ellen Harring), die eine Handtasche voll mit Geld und einem seltsamen, blauen Schlüssel mit sich trägt. Betty und Rita machen sich daran, die im Trüben schlummernde Vergangenheit Ritas zu erhellen. Die Spur führt zum Mulholland Drive und einem dort geschehenen, mysteriösen Unfall…

Fear and Loathing in L.A.: Ursprünglich konzipiert und gefertigt als knapp eineinhalbstündiger Pilotfilm zu einem TV-Serial, sah Lynch sich gezwungen, seine finstere Hollywood-Satire „Mulholland Dr.“ nach deren Ablehnung durch ABC für das Kino aufzubereiten, indem er eine Stunde an Mehrmaterial nachfilmte und sich die notwendigen Kosten dafür bei dem Franzosen Studio Canal ertrommelte. Im Gegensatz zu den meisten seiner Langfilme (mit Aunahme von „Eraserhead“ und „Twin Peaks: Fire Walk With Me“) verzichtete Lynch hier folglich auf die Nutzung des Breitwandformats. Anders als der deutlich schwerer zu entschlüsselnde „Lost Highway“ lässt sich „Mulholland Dr.“ wenn schon nicht umstandslos analysieren, so zumindest interpretieren. Es handelt sich, auf den Punkt gebracht, um die in die Katastrophe mündende Geschichte der letzten Lebenstage der erfolglosen Hollywood-Kleindarstellerin Diane Selwyn (Watts), deren Freundin und Lebensgefährtin Camilla Rhodes (Harring) „entdeckt“ wird, zum Starlet aufsteigt und sowohl Diane als auch ihre Liebesbeziehung verrät, indem sie mit dem hippen Regisseur Adam Kesher (Justin Theroux) anbändelt. Diane erträgt diese zweifache Schmach nicht, engagiert aus Rache einen Auftragskiller (Mark Pellegrino) für Camilla und zerbricht danach aus Unbehagen über ihren eifersüchtigen, fatalen Aktionismus. Schließlich flüchtet sich ihr schlechtes Gewissen in wahnhafte Träumereien über eine in ihrem Sinne „gekittete“ Geschichte mitsamt Rollentausch und Objektverlagerungen, die wiederum zu vollendetem Wahnsinn und Suizid führen. Alles Umliegende lässt sich als finaler Bewusstseinsstrom Dianes deuten, kurz, bevor ihr die selbstverabreichte Kugel endgültig das Hirn zerfetzt. Doch auch diese finale Flucht des Unterbewussten in jene heimeligeren Sphären verläuft nicht komplikationslos: Der omnipräsente, blaue Schlüssel ist zugleich der symbolische Schlüssel zur unumgänglichen Wahrheit der realis. Andere Figuren wie ein angsterfüllter Träumer (Patrick Fischler), ein mafiöses Bruderpaar (Angelo Badalamenti, Dan Hedaya), ein mysteriöser Filmproduzent (Michael J. Anderson), ein nicht minder mysteriöser Cowboy (Monty Montgomery) und ein noch mysteriöserer Hinterhofpenner (ebenso markant wie später als böser Nonnendämon in „The Conjuring 2“: Bonnie Aarons) tragen wenig zum Kern des Ganzen bei, sind eher irrlichternde Nebenelemente, die wahlweise zur Verwirrung und zur Auflockerung beitragen oder eben schlicht (für den Kinofilm möglicherweise redundante?) Relikte des ursprünglichen Pilotfilms, deren Bedeutung sich möglicherweise im Zuge der eben nie realisierten Serie erweitert und/oder manifestiert hätte.
Oftmals gestaltet sich „Mulholland Dr.“ dabei urkomisch, etwa in den Gangsterkapriolen (wenn Badalamenti als einsilbiger Mafiosobruder den für ihn ungenießbaren Espresso ausrotzt, dann ist das einfach nur zum Schreien) oder in der Porträtierung des sich tierisch wichtig nehmenden Regisseurs Kesher, dessen Gernegroßtum ganz schnell endet, wenn er was auf die Fresse bekommt. Aber auch das ist ja typisch Lynch; die ironische Brechung, die insgeheime Versicherung, seinen Mystery-Schnack bloß nicht allzu ernst zu nehmen.

8/10

WILD AT HEART

„We got some dancin‘ to do.“

Wild At Heart ~ USA 1990
Directed By: David Lynch

Leben und Lieben könnten schön sein für Sailor Ripley (Nicolas Cage) und Lula Fortune (Laura Dern) – wäre da nicht Lulas böse, intrigante Mama Marietta (Diane Ladd) und ihre beständige Angst davor, dass Sailor einst mitbekam, wie sie gemeinsam mit dem Gangster Marcellos Santos (J.E. Freeman) ihre Gatten in Brand gesteckt hat. Nun sind Sailor und Lula auf der Flucht nach Kalifornien, ein paar gefährliche Auftragsmörder auf den Fersen.

Seinem damaligen Kunstideal, die amerikanische Kitschkultur zu redefinieren und ihr dann den Spiegel der eigenen Monstrosität vor Augen zu halten, kam David Lynch nie näher. Basierend auf einem für sein Vorhaben wie geschaffenen Roman von Barry Gifford ließ Lynch in sein exaltiertes Werk um ein nicht eben bildungsnahes, dafür aber umso emotionskräftigeres Liebespaar wider alle Schranken Sex, jeweils eine Menge Kettenrauchertum, Elviskult, irre Verbrecher und vor allem eine Menge „Wizard Of Oz“ einfließen. Seine beiden Protagonisten Sailor und Lula oszillieren dabei wild umher zwischen belustigender Einfalt, klebrigen Liebesbekenntnissen, erschreckender Gewaltbereitschaft und beneidenswert ekstatischem Sex. Ähnlich wie „Blue Velvet“ legt Lynch den Rahmen der Geschichte als Reise in ein finstereres Herz Amerikas an. Die konstitutionelle Vorgabe des road movie erlaubt ihm hier zudem, den gesamten Film als pathologische Americana zu gestalten, als verzerrtes Porträt einer Nation, aus deren bei aller inneren Verseuchung unerschütterlichem Selbstverständnis sich gleichermaßen Ekel und Faszination beziehen lassen. Dass Lynch es dabei nie wirklich ernst meint, zeigt seine konsequente Ironisierung der herben Gewaltspitzen: Nachdem Sailor gleich am Anfang einem von Marietta gezielt eingesetzten agent provocateur (Calvin Lockhart) das Gehirn aus dem Schädel geprügelt hat, steckt er sich erstmal eine postorgiasmische Zigarette an; zwei mit der Schrotflinte bearbeitete Bankangestellte krabbeln auf dem Boden herum, um die abgeschossene Hand eines der beiden zu suchen, mit der sich unterdessen ein fröhlich schwanzwedelnder Hund um die Ecke verdrückt. Am Ende kassiert dann auch der bis dahin zumeist in cooler Passivität verharrende Sailor endlich seine Tracht Prügel von ein paar wortkargen Straßenschlägern, die ihm die finale Erleuchtung beschert, kredenzt durch den längst überfälligen Auftritt einer guten Hexe (Sheryl Lee): „Don’t turn away from love, Sailor.“ Zeit für ein extrem überzuckertes happy end, das „Wild At Heart“ sich da schon längst verdient hat. Und umgekehrt.

10/10

DER NACHTMAHR

„Was willst du von mir?“

Der Nachtmahr ~ D 2015
Directed By: Achim Bornhak

Eine Pille zuviel, und er ist da: Für Schülerin Tina (Carolyn Genzkow), Tochter aus wohlhabendem Hause, die ihr Heil bei auschweifenden Techno-Partys sucht und zumindest für den vergänglichen Rausch einer Nacht manchmal auch findet, manifestiert er sich als wulstiges, kleines, klapperndes Männchen mit Schlitzaugen und großem Appetit und Seelenverwandter, den es nach anfänglichen Angst- und Ekelgefühlen zu beschützen gilt wie einen aus der Art geschlagenen, kleinen Bruder. Oder ist das alles bloß eine letzte, drogeninduzierte Phantasie im Augenblick des Todes?

Ein bisschen rätselhaft, ein bisschen schön, ein bisschen fies und trotz offensichtlicher Vorbilder sehr ambitioniert: Das Beste an Achim Bornhaks Film, der das Kampfpseudonym AKIZ pflegt, ist, dass selbiger sein Projekt diverser Widerstände zum Trotz durchgeboxt und realisiert hat. Das Resultat ist, wie jedes mehr oder weniger maligne Kunstwerk, streitbar, und auch das ist gut so. „Der Nachtmahr“ ist ja zuallererst einmal entstanden aus einer bizarren Plastik des Künstlers, die quasi ganz am Anfang stand, noch bevor überhaupt die Idee erwuchs, ihn zur Titelfigur eines Spielfilms und einer entsprechend ausformulierten Geschichte zu machen. Der Rest kam dann peu à peu und mündete in der nun ansichtigen Form.
Ich sollte den Film eigentlich in Bälde nochmal schauen, weil ich bei der Erstbetrachtung, wie eigentlich immer vermehrter in solchen Fällen, unwillkürlich vor allem nach möglichen Vorbildern Ausschau hielt: Am Naheliegendsten ist da sicherlich Johann Heinrich Füsslis berühmtes, gleichnamiges schwarzromantisches und mehrfach variiertes Gemälde, dass einen kleinen Alb zeigt, der sich an den schrecklichen Visionen einer schlafenden Dame weidet. Zumindest eine geringfügige Familienähnlichkeit ist AKIZ‘ Nachtmahr nicht abzusprechen, obschon Haare, Ohren und Augen doch ziemlich different ausfallen. Doch auch manche Filme und / oder Texte um hässliche, kleine, (un-)geliebte Krüppelmonster, allen voran „E.T.: The Extraterrestrial“ und „Basket Case“ oder auch Doris Lessings – wundersamerweise noch immer nicht filmadaptierten – Roman „The Fifth Child“, zitiert AKIZ mehr oder weniger offensichtlich, nicht zu vergessen alles Mögliche von Cronenberg und Lynch sowie Hans Weingartners „Das weiße Rauschen“, in dem es ebenfalls um drogeninduzierte Psychosen geht. Eine ganze Latte an Reminiszenzen also, die leider einmal mehr offenbar macht, dass vollkommene Originalität im Genrekino trotz aller möglicher Bemühungen de facto nicht mehr möglich ist. Und dennoch berührt und fasziniert die Geschichte um die gründlich missverstandene Tina, ein vergessenes Kind der zum Sterben liegen gelassenen Oberflächlichkeit ihrer Generation, und ihren kleinen Zwillingsalb, wenngleich man gezwungen ist, sich mit dem Gedanken zu arrangieren, dass ein hübsches, junges Mädchen Wilson Gonzalez Ochsenknecht anhimmelt. Im Gegenzug gibt es dann wiederum Kim Gordon von Sonic Youth als Englischlehrerin. Vielleicht ein treffendes Symbol für die sich notwendigerweise stets einstellende Balance der Dinge.

7/10

SETTE ORCHIDEE MACCHIATE DI ROSSO

Zitat entfällt.

Sette Orchidee Macchiate Di Rosso (Das Rätsel des silbernen Halbmonds) ~ I/BRD 1972
Directed By: Umberto Lenzi

Ein irrer Frauenmörder, der in den Händen seiner Opfer jeweils ein silbernes Amulett in Form eines Halbmondes drapiert, macht Rom unsicher. Als der Unhold im Nachtzug auch Giulia (Uschi Glas), die frisch Angetraute des Modedesigners Mario (Antonio Sabato), attackiert, setzte dieser alles daran, den Killer dingfest zu machen. Während Giuila zu ihrem eigenen Schutz offiziell für tot erklärt wird, begibt sich Mario auf eigene Faust und toleriert von dem zunächst etwas misstrauischen Inspettore Vismara (Pier Paolo Capponi) auf die Suche. Dabei deckt er bald einige elementare Fakten auf, so zum Beispiel, dass sämtliche Opfer zwei Jahre zuvor zur selben Zeit im toskanischen Seehotel von Giulias Eltern residiert haben sowie dass der mutmaßliche Mörder ein regelmäßiger Kirchgänger sein soll. Außerdem scheint ein damals geschehener, schrecklicher Autounfall eine elemetare Rolle für das zu lösende Puzzle zu spielen…

In den letzten Jahren der wendlandtschen Wallace-Produktionen machte sich eine deutliche Abkehr vom ursprünglich etablierten Schema bemerkbar, die sich mit den letzten beiden Produktionen der Reihe, neben Lenzis „Sette Orchidee Macchiate Di Rosso“ war das „Cosa Avete Fatto A Solange?“ von Massimo Dallamano, zum Einen endgültig emanzipierte und zum Anderen zum grande finale der altehrwürdigen Serie läutete. So standen beide Filme trotz der Mitwirkung weniger deutscher Akteure und Aktricen fast gänzlich unter italienischer Kreativägide und waren im Prinzip wesentlich mehr Giallo denn Edgar Wallace. Dabei gab sich „Sette Orchidee“, zumal in Anbetracht Lenzis späterer, oftmals ausgelassener Blubäder noch halbwegs verhalten: Die Mordsequenzen, so sie denn überhaupt onscreen stattfinden, nehmen sich gemeinverträglich aus und die Mitwirkung von Uschi Glas bürgt gewissermaßen für ein gesundenes Vorhandensein ästhetischer Moderation. Dennoch schlägt man hier und da zumindest geflissentlich über die Stränge; der deutsche Dialog (Rainer Brandt) gestattet sich immer wieder leicht kalauernde Ausreißer, es gibt ein paar schlüpfrige Nacktaufnahmen und die Psychedelik des Giallo tastet sich gemächlich vor in Form der grandiosen Musik Riz Ortolanis, einem famosen Auge für geschmackvolle Innenarchitekturen und Sequenzen wie der in der Drogen- und Künstlerkommune des in den Fall verwickelten Heroinusers Barrett (Bruno Corazzari). Auch die verquaste bis umständliche Story, hinter der sich der völlig verplante (und angesichts dessen sonstigen Geschicks komplett unglaubwürdige) Racheakt eines verrückt gewordenen Bruders verbirgt, dient einzig und allein als Alibi für die unbändige Lust an Form und Atmosphäre, die diesen Film, wie viele andere Gialli auch, erst wirklich sehenswert werden lässt.

7/10

10 CLOVERFIELD LANE

„I’m sorry, but no one’s looking for you.“

10 Cloverfield Lane ~ USA 2016
Directed By: Dan Trachtenberg

Nach einem Streit mit ihrem Verlobten setzt Michelle (Mary Elizabeth Winstead) sich in ihren Wagen und verlässt New Orleans ohne rechtes Ziel vor Augen. Mitten in der nächtlichen Provinz hat sie einen Unfall und erwacht bald darauf in einem verschlossenen Kellerraum des mysteriösen Farmers Howard (John Goodman). Zunächst ist Michelle der festen Überzeugung, dass es sich bei Howard um einen Psychopathen handelt, zumal dieser ihr etwas von „Angriffen“ berichtet, die die Außenwelt angeblich verseucht und unbetretbar gemacht haben. Howards Keller erweist sich als Notfallbunker, in dem sich mit dem ebenfalls mehr oder weniger zufällig anwesenden Emmett (John Gallagher Jr.) noch ein weiterer Mensch befindet. Das ungleiche Trio bildet bald eine funktionale Gemeinschaft, bis Michelle untrügliche Hinweise daraufhin entdeckt, dass mit Howard doch etwas nicht stimmt. Und tatsächlich zeigt dieser bald sein wahres Gesicht. Das ändert jedoch nichts daran, dass er in einem Punkt Recht hatte: An der Oberfläche spielt sich tatsächlich buchstäblich Ungeheuerliches ab…

Die formale Experimentierfreude des bereits acht Jahre alten Vorgängers „Cloverfield“ ad acta legend, gleicht sich „10 Cloverfield Lane“ diesem zumindest in einer narrativen Manier an: Der Rezipient wird fest an die Wahrnehmungswelt der Protagonistin gekettet und durchlebt und durchleidet zusammen mit ihr eine ganze Palette an Ängsten, Ungewissheiten, Rätselraten und schließlich Überlebenswillen. Dabei zeichnet sich nunmehr recht eindeutig J.J. Abrams‘ Konzeption ab, das Ganze zu einer Fortsetzungsserie – filmökonomisch „Franchise“ tituliert – auszubauen. Michelle erweist sich im doppelten Showdown nämlich als überaus wehrhafte Frau, von der in der „Cloverfield“-Welt künftig vermutlich noch zu hören sein wird. Auch über die über die Welt hereinbrechenden Vorkommnisse erfahren wir jetzt etwas mehr: Das Monster aus „Cloverfield“ war Teil einer extraterrestrischen Invasion, die noch ganz andere Wesen mit sich führt. Diese zeigen sich erst gegen Ende als eine Art „Drohnen“, die in den ruraleren Gegenden Überwachungs- und Vernichtungstätigkeiten auszuführen haben. Michelle wird mit jenen Kreaturen konfrontiert und geht aus dieser Begegnung als wehrhafte Siegerin hervor. Das eigentliche Spannungsfeld des Films ist zu diesem Zeitpunkt ironischerweise längst abgearbeitet, daher auch die obige Rede vom „doppelten Showdown“. Herz und Hirn von Trachtenbergs Werk liegen nämlich in der ungewissen Position des paranoiden Bunkerbauers Howard. Dass der Mann mit seinen Verschwörungstheorien und Untergangsvisionen, die ihn sein unterirdisches Sanktuarium haben errichten lassen, nicht ganz falsch lag, kann ihm am Ende niemand (mehr) absprechen. Leider ändert dies nichts an seinem psychotischen Wesen, das sich, als er sein verlogenes, subterranes Idyll verraten und verkauft glaubt, in ganzer Härte präsentiert. Gelegenheit für John Goodman, abermals in der Rolle eines furchteinflößenden Maniac zu brillieren, wie er in seiner ihm eigenen Intensität nicht von ungefähr an den diabolischen Charlie Meadows / Carl Mundt erinnert. So prallt die kammerspielhafte Atmosphäre der ersten fünf Sechstel recht hart auf das genreüblichen Spektakel des letzten Teils und hinterlässt den nicht ganz glücklichen Beigeschmack einer Zäsur zugunsten handelsüblicher Alienaction. Ich kann nicht genau sagen, ob „10 Cloverfield Lane“ ohne jene letzten 15 Minuten und parallel dazu eben auch ohne Anbindung an ein größeres Ganzes wesentlich besser dran gewesen wäre, hege diesbezüglich aber gewisse Vermutungen. Höchstwahrscheinlich wird die Zukunft mehr darüber verraten.

8/10