SEEKING JUSTICE

„The hungry rabbit jumps.“

Seeking Justice (Pakt der Rache) ~ USA 2011
Directed By: Roger Donaldson

Will Gerard (Nicolas Cage) ist Englischlehrer an der Rampart High in New Orleans und glücklich verheiratet mit der schönen Musikerin Laura (January Jones). Den fortschreitenden Absturz der schönen Stadt in die Kriminalität registriert Will eher beiläufig – bis zu dem schicksalhaften Abend, als Laura vergewaltigt und schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Dort taucht bald auch ein mysteriöser Unbekannter (Guy Pearce) auf, der sich Will als „Simon“ vorstellt und ihm das Angebot unterbreitet, den Missetäter (Alex Van) seiner privaten Justiz auszuliefern und diesen somit ohne den ordentlichen Rechtsweg kurzerhand zu exekutieren. Im Gegenzug würde Will irgendwann um einen kleineren Gefallen gebeten. Der emotional aufgewühlte Ehemann willigt zaghaft ein und erhält tatsächlich bald die Nachricht vom Tode des Vergewaltigers. Es dauert nicht lang, bis sich Simon wieder meldet und Will mit der Observierung und schließlich der Ermordung des angeblichen Kinderpornographen Alan Marsh (Jason Davis) zu beauftragen. Der verzweifelte Will weigert sich zunächst, doch Simons Mittel und Wege, sich Menschen gefügig zu machen sind überaus perfid. Als Will Marsh zu konfrontieren versucht, stirbt dieser durch einen selbstverursachten Unfall. Will findet heraus, dass Marsh mitnichten ein Krimineller war, sondern ein investigativer Journalist, der Simons Vigilantenzirkel auf die Spur gekommen ist…

Um es gleich vorwegzunehmen: „Seeking Justice“ empfand ich als die schwächsten Arbeit innerhalb meiner kleinen Roger-Donaldson-Werkschau. Zwar konnte der Filmemacher sich nunmehr rühmen, dass auch Nicolas Cage sich der stattlichen Galerie seiner vielen leading men anschloss, dass dieser aber um 2011 herum bereits längst sein letztes Karrierehoch hinter sich gelassen hatte und vornehmlich in eher halbseidenen Filmen auftrat, passt zugleich zum brüchigen Gesamteindruck des Werks. Darin spielt Cage eine Figur von klassisch-hitchcock’schem Format, einen aufrechten Bürger, der infolge eines moralischen Fehltritts im angreifbarsten aller Momente unversehens in ein Wespennest gerät, das schließlich ihn und seine gesamte Existenz zu verzehren droht. Die Grundkonstellation ist dabei ein wenig an die von „Strangers On A Train“ angelehnt, verlagert sich dann jedoch rasch auf den Topos der völlig entfesselten, übergebührlich agierenden Bürgerwehr, deren Initiator Eugene Cook alias „Simon“ auf seinem Feldzug längst der eigenen Hybris erlegen und zum Faschisten avanciert ist. Dies wiederum hat zur Folge, dass nicht nur durch die Maschen der Gerichtsbarkeit geschlüpfte Gewaltverbrecher sterben müssen, sondern jede/r, der Cooks Organisation durch Aufdeckung oder Verrat gefährlich werden könnte.
Die Idee einer sich auf verhängnisvolle Weise verselbstständigenden Parajustiz ist natürlich nicht neu und zieht sich auch nicht erst durch das Genre, seit Harry Callahan in „Magnum Force“ bereits 38 Jahre vor „Seeking Justice“ einigen metaexekutiv zu Werke gehenden Polizeikollegen die Leviten zu lesen hatte. Nun ist Will Gerard kein reaktionärer Cop, sondern ein Poesie und Grammatik zugetaner Feingeist, der sich und seine Frau aus der zumindest teilverschuldeten Schlinge retten muss. Dass die Tentakel von Cooks Vigilantenzirkel bereits wesentlich weiter greifen als es zunächst den Anschein hat, legt sich das Script von „Seeking Justice“ selbst als clevere Enthüllung im Stil von „Fight Club“ aus, nur dass sämtliche Beteiligten bzw. Eingeweihten statt eines blauen Auges die Kenntnis der Geheimparole vorweisen können. Damit – und nicht nur damit – schneidet sich der formal mit der üblichen Sorgfalt gestaltete und nichtmal unspannende Film jedoch tief ins eigene Fleisch und demontiert sein Konzept zu großen Teilen selbst. Durch die nämlich bis in höchste gesellschaftliche Institutionen fortgeschrittene Partizipierung hoher gesellschaftlicher Institutionen – ein Police-Lieutenant (Xander Berkeley) gehört dazu, ein Chefredakteur (Mike Pniewski) und sogar Wills bester Freund und Schulrektor Jimmy (Harold Perrineau) – hat sich die so bitter befürchtete Sicherheit von Cooks Geheimorganisation längst selbst rissig gemacht und führt sich der gesamte Film somit ad absurdum. Die Folge davon ist, dass „Seeking Justice“ sich den eigenen Teppich unter den Füßen wegreißt; eine empfindliche Störung jedweder Logik und Kausalität, die sich, gerade unter Inbetrachtziehung eines Regisseurs, der sehr genau weiß, was er wie zu inszenieren hat, auch nicht durch einen etwaig gewähnten Status als „Pocornkino“, „guilty pleasure“ oder Befleißigung ähnlichen Behelfsvokabulars apologisieren lässt.
„Seeking Justice“ wird für mich somit primär als redundante Verschwendung von Talent im Gedächtnis bleiben.

5/10

THE RECRUIT

„Nothing is what it seems.“

The Recruit (Der Einsatz) ~ USA/CH 2003
Directed By: Roger Donaldson

Den junge Computer-Spezialisten James Douglas Clayton (Colin Farrell) treibt wenig um, mit Ausnahme des ungeklärten Todes seines Vaters vor dreizehn Jahren. Ansonsten lebt er in den Tag hinein und jobbt als Kellner, bis ihm eines Tages der mystrerlöse Walter Burke (Al Pacino) aus heiterem Himmel das Angebot unterbreitet, sich der CIA als Auszubildender anzufangen. Burke ködert den zunächst uninteressierten James mit der Eröffnung, dass möglicherweise auch sein Vater einst als Agent bei der Erfüllung seiner Dienstpflicht gestorben sei und diesbezügliche Geheiminformationen existierten. Also heuert James bei der „Firma“ an und wird gemeinsam mit seinen neuen Mit-Azubis auf die „Farm“ geschickt, eine Ausbildungsstätte für vielversprechenden Spionage-Nachwuchs unweit von Langley. Hier wird James, der sich rasch in seine Kommilitonin Layla (Bridget Moynahan) verguckt, von Burke an seine physischen und psychischen Obergrenzen getrieben, bevor dieser ihn offiziell aus dem Trainingsprogramm ausscheiden lässt und ihn statddessen als „NOC“, als verdeckt arbeitenden Sonderermittler, ins Feld schickt: Layla, so Burke, arbeite in Wahrheit für die Gegenseite und habe den Auftrag, ein Computervirus namens „ICE-9“ aus dem Hauptquartier zu stehlen…

„The Recruit“ erweist sich unversehens als eine relativ sichere Kiste für alle Beteiligten. Es gibt einen ordentlichen Thriller-Plot mit allerlei inhaltlichen Unwägbarkeiten und Twists, die der Zuschauer an der Seite des unsicheren Protagonisten James Clayton zu durchlaufen hat, diverse Inneneinblicke in die Ausbildungspraktiken und Arbeitsweise der nicht eben sympathisch dargestellten CIA, eine hübsche Romanze mitsamt einem intrigengespickten Katz-und-Maus-Spielchen, drei erstklassige HauptdarstellerInnen, und mit Donaldson einen Regisseur, der das Ganze so routiniert wie formal geschlossen in Szene setzt. Gewiss kommt man nicht umhin, das Ganze unter Voraussetzung entsprechender Kenntnis als eine irdische(re) Variation von Taylor Hackfords „The Devil’s Advocate“ wahrzunehmen, der Einfachheit halber wiederum mit Pacino als böser Spinne im Netz, die sich die Instabilität eines aufstrebenden Jünglings zunutze macht. Nun ist Pacino in diesem Fall bloß kein Höllenfürst, sondern ein ausgebrannter, abgelegter Scheinheld früherer Tage, bei dem sich, wie die Conclusio erweisen wird, infolge schlechter Bezahlung und ausbleibender Belobigung ein gewaltiger Frustrationsstau angesammelt hat und der sich deswegen vom Feind kaufen ließ. Sein als von ihm als Marionette herangezogenes Mündel erweist sich am Ende dann aber doch als allzu tefflicher Schüler und somit cleverer denn der falsche Mentor, woraufhin Pacino einen ähnlichen furiosen Abgang wie einst Tony Montana hinlegt. Im Alter, das muss man trotz der natürlich gewohnt exzellenten Leistung des großen Schauspielers sagen, ist auch ein Pacino nurmehr ein Opfer des type casting, was es ihm möglicherweise erleichtert, den traurigen Zynismus seiner Figur Walter Burke geradezu plastisch spürbar zu machen. „The Recruit“ ist auch ein Herbst-/Winter-Film; eine permanente Wolkendecke hängt grau und bleiern über Virginia und damit gleichermaßen den Machtzentren des Landes, was die Photographie (Stuart Dryburgh) zu monochromen, tristen Bildern hinreißt, die die von Misstrauen und Identitätssuche geprägte Atmosphäre des Ganzen nurmehr forciert. Dass am Ende dann doch noch aufrichtige Liebe und damit einhergehend der Keim eines stabilen Neuanfangs über das hinterhältige Ränkespiel der falschen Vaterfigur triumphieren, wirkt dann allerdings ein wenig zugestanden. Ein konsequent fataler Ausgang hätte da möglicherweise für mehr Nachhall gesorgt, aber die richtig große Packung Tristesse mutet Donaldson seinem Publikum ja eigentlich ohnehin nie zu.

7/10

OUT OF TIME

„485 grand… can I touch it?“

Out Of Time ~ USA 2003
Directed By: Carl Franklin

Matthias „Matt“ Whitlock (Denzel Washington) ist Police Chief von Banyan, einer der Florida Keys. Mit seiner Noch-Frau Alex (Eva Mendes), frisch zum Detective beim Morddezernat befördert, lebt er in Scheidung, derweil er eine größenteils von freundschaftlicher Fürsorge geprägte, verdeckte Affäre mit Ann Harrison (Sanaa Lathan) pflegt, deren Gatte Chris (Dean Cain) wiederum sie allenthalben verprügelt. Die ohnehin komplizierte Situation spitzt sich zu, als Matt erfährt, dass Ann Krebs im Endstadium hat und ihn als Begünstigten ihrer Lebensversicherungspolice einsetzt. Daraufhin trifft Matt die impulsive Entscheidung, sich mit Ann und einer knappen halben Million Dollar Drogengeld, die er als Beweisstück im Polizeisafe lagert, nacxh Europa abzusetzen. Noch in der Folgenacht brennt jedoch das Haus der Harrisons ab und zwei verkohlte Leichen – augenscheinlich die von Ann und Chris – werden in der Ruine entdeckt. Das Ganze stellt sich als Brandstiftung heraus und ausgerechnet Alex ermittelt im Folgenden wegen Mordes. Da zu allem Überfluss noch eine alte Dame (Evelyn Brooks) Matt kurz vor dem Feuer am Haus der Harrisons gesehen hat, wird er endgültig zum heimlichen Hauptverdächtigen und hat nunmehr alle Hände voll damit zu tun, Alex‘ Untersuchungen zu torpedieren…

Acht Jahre nach dem schick ausgestatteten „Devil In A Blue Dress“ kamen dessen Regisseur Carl Franklin und Hauptdarsteller Denzel Washington abermals zusammen, um einen weiteren, auf verschlungenen Plotpfaden wandelnden film noir zu drehen. Diesmal handelte es sich allerdings nicht um ein in Los Angeles spielendes period piece, sondern um ein im Florida der Gegenwart angesiedeltes Kriminalstück, dessen Herz jedoch nicht minder im Takt klassischer Noir-Stoffe schlägt. In „Out Of Time“, den Franklin im karibischen Gestus sonniger Salsa-Rhythmen inszeniert, wird Denzel als reichlich narzisstischer, arroganter und vor allem impulsiver Polizist von einer seine naive Gutgläubigkeit ausnutzenden femme fatale gnadenlos aufs Kreuz gelegt, um ihm die sauer erbeutete Geldsumme aus einem öffentlichkeitswirksam gelösten Drogenfall abzuluchsen. Der clever arrangierte Plan gelingt zunächst auch; im Nachhinein retten dann allerdings Matts Hartnäckigkeit, vor allem jedoch diverse glückliche Zufälle und schließlich sowohl die jeweilige Liebe seiner Gattin als auch die seines treuen Adlatus‘ und besten Freundes (John Billingsley) ihm den Hals. Den Weg dorthin dirigiert Franklin, der leider nur wenige gute, dafür dann aber auch wirklich sehenswerte Filme gemacht hat, mit einer Menfe subtilen Humors, der das Katz-und-Maus-Spiel des Polizisten-Ehepaars zwischen Suspense und Slapstick ansiedelt. „Out Of Time“ geriert trotz seines dementsprechend verlockenden Sujets nie zum schweren Thriller. Statdessen verlagert er sich viel lieber auf sein grundierendes Sunshine-State-Flair und zieht den Rezipienten auf die tatsächlich gar nicht mal so sonderlich sympathische Seite seines sich immer weiter im Fangnetz verheddernden Protagonistenfisches. Hier und da muss man sowohl Franklins gelegentlich auf biederem TV-Serien-Niveau befindliche Regie sowie die sich mitunter doch etwas arg ausnehmenden Konstruiertheiten von David Collards Script in Kauf nehmen, um den Film halbwegs reuelos genießen zu können, was unter selbiger Voraussetzung dann aber auch recht gut funktioniert.
Der ganz große Wurf ist „Out Of Time“ sicherlich nicht, auch erreicht er kaum die elegante Qualität von Denzels und Franklins vormaliger, obig genannter Kollaboration, geschweige denn die des veritablen Meisterstücks „One False Move“, aber für die Ausstaffierung eines gediegenen Sommerabends langt es allemal.

7/10

IL DOLCE CORPORA DI DEBORAH

Zitat entfällt.

Il Dolce Corpora Di Deborah (Der schöne Körper der Deborah) ~ I/F 1968
Directed By: Romolo Guerrieri

Frisch vermählt kehrt Marcel (Jean Sorel) mit seiner wohlhabenden, aus Kalifornien stammenden Gattin Deborah (Carroll Baker) nach Europa zurück, um dort die gemeinsamen Flitterwochen zu verbringen. In Genf erfährt Deborah, dass Marcel zuvor mit einer anderen Schönheit liiert war, Suzanne (Evelyn Stewart), die sich offenbar aus Verzweiflung über Marcels Neuorientierung das Leben genommen hat. Dennoch scheint Suzanne noch über ihren Tod hinaus auf Marcel einzuwirken: In ihrer nunmehr leerstehenden Villa spielt das Klavier wie von selbst Suzannes Lieblingsstück, der einstmals ebenfalls in sie verliebte Philip (Luigi Pistilli) kreuzt allenthalben Deborahs und Marcels Wege, am anderen Ende eines eigentlich stillgelegten Telefons stößt jemand Todesdrohungen aus. Das irritierte Paar reist weiter nach Nizza, um dort ein mondänes Haus zu mieten, doch auch dort reißen die merkwürdigen Begebenheiten nicht ab.

Dass etliche männliche Hollywood-Darsteller sich infolge mangelnder heimischer Rollenangebote in Europa ein zweites Standbein errichteten, ist jedem nur halbwegs in kontinentaler Genrehistorie bewanderten Filmfreund wohlbekannt und die entsprechende Liste überaus umfangreich. Was die Damen anbelangt, so war das entsprechende Feld vergleichsweise dünn besiedelt, aus Gründen, die so offenkundig wie leidig sind. Die vermutlich wesentlichste Ausnahme bildete Carroll Baker, die auch mit Ende 30 und Anfang 40 noch attraktiv genug war, um gegenüber ihrer jüngeren einheimischen „Konkurrenz“ mühelos bestehen zu können und eine fruchtbare Folgekarriere vor allem im italienischen Thrillerkino zu bestreiten. Exemplarisch dafür stehen ihre vier in engem Abstand entstandenen, gemeinsamen Filme mit Umberto Lenzi; die eigentliche Initiallösung der noch diverse weitere Werke bis in die Mittsiebziger hinein umfassenden Reihe markiert jedoch Romolo Guerrieris „Il Dolce Corpora Di Deborah“. Darin formuliert sich bereits Bakers Rollentypologie nahezu der gesamten kommenden Phase: Als schöne, mit einer gehörigen Portion erotischer Verve begüterte Femme fatale stand sie jeweils im Mittelpunkt des oftmals gialloesk aufgeladenen Geschehens und entpuppte sich spätestens im Nachhinein als häufig aufgeklärter denn das längst noch im Rätseln befindliche Publikum. Als Amerikanerin Deborah scheint sie bei Guerrieri zunächst selbst Opfer eines perfid arrangierten Kabale zu sein, zeigt im Epilog jedoch, dass sie ihren AntagonistInnen längst eine Nasenlänge voraus war, um ihre eigene Agenda zu verfolgen. Genealogisch fällt „Il Dolce Corpora Di Deborah“ unmittelbar in das die Gattung damals dominierende Fach des Psycho-Intrigenspiels, innerhalb dessen eine mehr oder weniger labile, vor allem jedoch nichtsahnende Protagonistenfigur wahlweise in Wahnsinn oder Suizid getrieben werden sollte; notfalls, wie auch in Guerrieris Film, mittels tatkräftiger Nachhilfe der Strippenzieher.
Die zahlreichen logischen Schwächen des von Ernesto Gastaldi und Luciano Martino ersonnenen Scripts außer Acht lassend, bezeugt man mit „Deborah“ diesbezüglich nun weniger einen narrativ ausgefeilten, sondern vielmehr einen in Bezug auf sein Zeit- und Lokalkolorit formal beachtlichen Reißer, der die unselige, aber wiederum prototypischen Paarung Sorel/Baker nutzt, um aparte Jet-Set-Bilder und atmosphärische Dichte zu transportieren. Mit nur einer Leiche nimmt sich das Ganze am Ende dann allerdings eher als ebenso pulpiger wie wohlgesitteter Kriminalfilm aus, dessen Highlights eben vor allem visuell-mondäner Natur sind: feuerrote Cabriofahrten, Hotelzimmer, Carroll Bakers Kleider, der Besuch in einer Disco mit Comic-Thematik, ein Twister-Spiel im Villagarten bleiben da vornehmlich im Gedächtnis.

7/10

TOM CLANCY’S WITHOUT REMORSE

„You better hope he doesn’t survive.“

Tom Clancy’s Without Remorse (Tom Clancys Gnadenlos) ~ USA 2021
Directed By: Stefano Sollima

Ein Rettungsmission in Aleppo entwickelt sich ganz anders als die im Einsatz befindlichen Navy SEALs um Senior Chief John Kelly (Michael B. Jordan) vermuten: Hinter der betreffenden Kidnapping-Aktion stehen nämlich keineswegs syrische Paramilitärs, sondern brisanterweise russische Geheimdienstler.
Drei Monate später werden die an der Aktion beteiligten SEALs systematisch von FSS-Agenten ermordet. In Kellys Fall töten die Killer statt ihm selbst ausgerechnet seine hochschwangere Frau Pam (Lauren London) und verletzen Kelly dabei schwer. Nach seiner Regeneration stürzt sich der trauernde Soldat in einen unaufhaltsamen Rachefeldzug, der schließlich sogar von der CIA gedeckelt wird. Doch wiederum erweist sich alles nur als Mosaikstück einer großangelegten Verschwörung…

Sergio-Filius Stefano „Kannst stolz auf ihn sein, Papa“ Sollima inszeniert für Netflix eine von Taylor Sheridan gescriptete Tom-Clancy-Adaption – was sich in diesem Zuge ziemlich eklatant formelhaft liest, ist es am Ende auch. Der zugrunde liegende Roman ist bereits vor 28 Jahren erschienen und erzählt die origin story um den geschassten Superprofi John Kelly bzw. John Clark, den zuvor bereits Willem Dafoe in „Clear And Present Danger“ und Liev Schreiber in „The Sum Of All Fears“ jeweils als geheimnisumwobenen Adlatus des dortigen Protagonisten Jack Ryan gespielt haben. „Without Remorse“ verjüngt nun Kellys Figur nebst des kosmopolitischen Backgrounds, vor dem sie agiert.
Nachdem die Prämisse des Films zumindest meine Wenigkeit mehr oder weniger frappant an den alten Gassenhauer „Commando“ erinnerte, entbietet die Story im weiteren Verlauf dann doch ein klein wenig mehr an Komplexität, wobei der bis in höchste Regierungskreise reichende Verschwörungsplot dann nun auch nicht allzu immens überraschend daherkommt, wenn man Clancys ja stets stets leicht paranoid angehauchten, politfiktionalen Umgang mit den Globalmächten kennt. Allerdings findet sich dessen in den Frühsiebzigern vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs spielende Vorlage von Sheridan doch relativ stark modifiziert. En gros führt „Without Remorse“ jedoch eigentlich bloß die in den letzten zehn Jahren ja nun weitflächig etablierte Genretypologie des professionell ausgebildeten Superhelden fort, dessen gewissermaßen spezielle „metahumane“ Fertigkeiten und Fähigkeiten sich dergestalt präsentieren, dass ihre Inhaber sich als unaufhaltsame Überlebenskünstler durch mentalen Genius, strategische Brillanz und vor allem mannigfaltige Fertigkeiten im Ausschalten von Gegnern auszeichnen und wie sie Charaktere wie Ethan Hunt, Robert McCall, Jack Reacher, John Wick, die bereits hauseigene Netflix-Figur Tyler Rake et.al. in den letzten Jahren zigfach onscreen kultiviert haben. Wie all jene möchte man auch diesen knallharten John Kelly lieber nicht zum Feind haben und genau jener Tradition entsprechend gibt „Without Remorse“ ihm allerlei Gelegenheit, sich aus ausweglos scheinenden Situationen, die ihn schließlich geradewegs in die äußeren Herzregionen des Feindeslandes, nämlich ins westsibirische Murmansk, tragen und dort vor Ort wiederum hinreichenden Aktionsradius zur vendettenbeseelten Triebabfuhr. Die richtig große Erleuchtung wartet allerdings erst zurück in Amerika.
Obschon der neue Kalte Krieg im Fach politischer Analyse noch weitgehend theoretisch bleibt – in der Welt fiktionaler Helden wie John Kelly hat er längst Küchentemperatur erreicht.

7/10

NICK OF TIME

„It’s loaded. It’s ready for the hunt. So are we.“

Nick Of Time (Gegen die Zeit) ~ USA 1995
Directed By: John Badham

Der alleinerziehende Buchalter Gene Watson (Johnny Depp) fährt mit seiner kleinen Tochter Lynn (Courtney Chase) in die L.A. Union Station ein. Kaum aus dem Zug gestiegen, werden die beiden von zwei mysteriösen Fremden, einem Mr. Smith (Christopher Walken) und einer Ms. Jones (Roma Maffia), abgepasst und zu deren Wagen gelotst. Ihre folgende Ansage ist kurz und bündig: Watson soll binnen der kommenden eineinviertel Stunden die Gouverneurin Eleanor Grant (Marsha Mason) erschießen, die sich mit ihrer gesamten Entourage gerade für eine Wahlkampfveranstaltung im Bonaventure Hotel befindet. Weigert er sich, muss Lynn sterben. Mit einer Waffe und einem Spenderausweis ausgestattet, wird der völlig überrumpelte Gene vor dem Hotel abgesetzt. Jeder Versuch, sich Hilfe zu verschaffen, endet für ihn zunächst in einem Fiasko – es stellt sich nämlich zunehmend heraus, dass selbst engste Vertraute von Governor Grant in das Mordkomplott verwickelt sind. Die Zeit wird derweil immer knapper…

„Nick Of Time“ firmiert rückblickend eher als kleine Fingerübung im Œuvre John Badhams und hat durch die Jahre vergleichsweise wenige Spuren hinterlassen. Als filmische Versuchsanordnung in Sachen Suspense, die sich offenkundig typische Noir- und Hitchcock-Topoi zum Vorbild nimmt, vermag der sich betont launig gebende Thriller tatsächlich auch nur in Teilen zu überzeugen. Das Script beschäftigt sich vorrangig mit der Verdichtung der Narration sowie deren Konzentration auf die Ort-/Zeit-Einheit und genehmigt sich dafür im Gegenzug immer wieder kleine, nebensächliche Schlampereien, die ein etwas präziser zu Werke gehender Autor möglicherweise umschifft oder zumindest eleganter aufgelöst hätte.
Die traditionsreiche Prämisse um den eher biederen, leicht gestressten, sich jedoch in weitgehender existenzieller Sicherheit wähnenden Bourgeois, der aus heiterem Himmel in eine kriminelle Affäre hineingerissen wird, sich innerhalb der veränderten Gegebenheiten zurechtfinden lernen muss, um dann am Ende über sein vormaliges bürgerliches Ich hinauszuwachsen, funktioniert indes auch in der vorliegenden Reprise noch recht gut. Deren, wohlbewusster, besonderer Reiz rekurriert primär aus der zu Beginn sehr rasch in Stellung gebrachten Antagonistenkonstellation Depp – Walken, beide just im Karrierehoch, die ihr Katz-und-Maus-Spiel mit geradezu diebischem Vergnügen ausagiert. Die zwei exzentrischen Herren scheinen mit ihrem jeweils ostentativen Habitus geradezu füreinander geboren, was die gemeinsamen Szenen zu kleinen Höhepunkten im sich ansonsten teils verlierenden Geschehen werden lässt.
Die Crux von „Nick Of Time“ besteht vor allem darin, dass sein vermeintlich so ausgeklügelter Plot förmlich dazu einlädt, nach möglichen Logiklöchern zu fanden und dass Badham ferner zu oberflächlich arbeitet, um diese mit seiner routinierten, nur wenige Glanzlichter setzenden Inszenierung stopfen zu können. Man sollte insofern bereit sein, neben der sich ohnehin günstig auswirkenden Sympathie für Regisseur und Hauptdarsteller viel Nachsehen und zugedrückte Hühneraugen mitzubringen – in diesem Falle lässt sich „Nick Of Time“ auch noch das eine oder andere abgewinnen.

7/10

THE HUNT

„The jackrabbit always wins.“

The Hunt ~ USA/J 2020
Directed By: Craig Zobel

Eine Gruppe bunt zusammengewürfelter US-Bürger erwacht mitsamt versiegelten Mundknebeln irgendwo mitten in der Provinz, ohne zu wissen, wie sie überhaupt dorthin gelangt sein könnten. Nachdem man eine Kiste mit allerlei Waffen gefunden hat und die ersten Mitglieder der Gruppe von Heckenschützen abgeschossen wurden, kommt man auf die Idee, dass es sich hier um nichts Geringeres als die reale Umsetzung von „Manorgate“ handeln muss. Dieser rechtskonservativen Netz-Verschwörungstheorie zufolge verschleppen elitäre, reiche Deep-State-Repräsentanten „wohlinformierte“ Kleinbürger auf ein abgelegenes Terrain irgendwo in Arkansas und machen sie zur sportlichen Beute sadistischer Menschenjagden. Es dauert nicht lange, bis die meisten der Entführten auf oftmals blutige Weise das Zeitliche gesegnet haben. Nur die schweigsame Crystal (Betty Gilpin) nimmt sich deutlich wehrhafter aus, als ihre JägerInnen vermutet haben…

Die öffentlich diskutierte politische Kontroverse, die Craig Zobels (respektive Damon Lindelofs) „The Hunt“ im letzten Jahr ausgelöst hat, gibt bereits implizit eine Menge an Auskünften über die USA der Gegenwart und dürfte seiner vom Film so rundheraus wie selbstbewusst ausgestrahlten trickiness eine dufte PR beschert haben. Dabei entbietet „The Hunt“ kaum mehr denn ziemlich billig konstruierte Holzhammer-Satire, wie man sie von Blumhouse, die auch die ähnlich semigescheite, dystopische „Purge“-Reihe verantworteten, ohnehin erwarten kann. Jason Blum setzt ja gern auf modische Sozialkritik in Genregewändern, haut damit aber, von wenigen Ausnahmen wie Jordan Peeles „Get Out“ abgesehen, in der Regel ziemlich zielsicher daneben. „The Hunt“ nimmt sich nun immerhin naseweis genug aus, keine eindeutige Position zu beziehen; die QAnon-Fraktion bekommt ebenso ihr breites Scriptfett weg wie die reichen Salonlinken und Post-Preppies; red states vs. blue states etc. pp.chen. Im Prinzip eigentlich nicht der schlechteste Ansatz, um eine Wahljahr-Groteske vom Stapel zu lassen, mit dem leidlich kalkulierebaren Element des Humors, einer diesbezüglich jedoch verpflichtend tragfähigen Ingredienz, haut’s dann aber doch nicht so ganz hin. Dieser kapriziert sich nämlich auf vermeintliche Kabinettstückchen wie jenes, die zu Beginn zentrierten Figuren schnellst- und derbstmöglich wieder aus dem Plot zu reißen, indem sie explodieren oder ihnen die Köpfe weggeballert werden, was dann vor allem den eher juvenilen bis unbedarften gorelover zu Begeisterungsstürmen hinreißen wird. Auch dass die Lektüre von Orwell – obligatorischer Schulliteratur – als intellektuelles Maß aller Dinge herhalten muss, zeugt von einer gewissen zerebralen Bescheidenheit, die wahlweise den Autoren zuzuschreiben wäre oder auch ihrer Wahrnehmung des Zielpublikums. Beide Optionen nähmen sich letzten Endes wenig schmeichelhaft aus, wie ich meine. Auch die sich wiederum superschlau wähnende Auflösung, dass erst die Existenz des Mythos dessen anschließende Realisation bedingt, schafft da keine wirkliche Abhilfe. Dass sich im Finale nicht etwa reiche Demokratin und misstrauische Republikanerin gegenüberstehen, sondern irgendwie doch bloß wieder Lance Henriksen und Jean-Claude Van Damme in jeweils weiblicher Gestalt, zeugt abschließend abermals von der intellektuellen Inkonsequenz des ganzen Unterfangens.
Subtilität und wirkliche Cleverness bleiben demzufolge Mangelware in „The Hunt“, der sich zumindest als temporeicher Actionfilm in der langen und ungebrochenen Genealogielinie von „The Most Dangerous Game“ einigermaßen sehen lassen kann. Für seine eigentliche Agenda ist das allerdings deutlich zu wenig.

5/10

CAPTIVE STATE

„Noone gets taken alive.“

Captive State ~ USA 2019
Directed By: Rupert Wyatt

Zehn Jahre nachdem Aliens auf der Erde gelandet sind, hat sich der Zustand einzelner Regionen auf der Welt nachhaltig verändert. Unterhalb von Chicago etwa haben die Fremden, deren einziges Interesse an unserem Planeten darin besteht, dessen natürliche Ressourcen auszubeuten, tief in der Erde eine Basis errichten lassen, von der aus sie sämtliche politischen Geschicke der Metropole lenken. Dazu gehört auch, dass die als „Legislatoren“ bezeichneten Wesen Institutionen wie die Polizei kontrollieren. Die daraus resultierende, faschistoide Klassengesellschaft spaltet die Bevölkerung fortan noch mehr; den kopperativen, „nützlichen“ Menschen wird eine rosige Zukunft garantiert, während der funktionale Großteil als Arbeitsdrohnen zweckdienliche Aufgaben zu erfüllen hat. Totale Überwachung gehört zum Alltag, jedes Individuum hat einen Sender implantiert, der seinen Aufenthaltsort und seine Aktionen verrät. Dennoch schafft es eine revolutionäre Untergrundbewegung genannt „Phoenix“, weitgehend unerkannt und gegen die von ihnen als „Kakerlaken“ bezeichneten Außerirdischen zu operieren. Der junge Gabriel Drummond (Ashton Sanders), dessen Eltern einst bei einem Fluchtversuch von den Aliens getötet wurden und dessen älterer Bruder Rafe (Jonathan Majors) sich längst Phoenix angeschlossen hat, gerät zwischen die Fronten. Einerseits weiß er um die Aufenthaltsorte einiger Revolutionärer, andererseits sitzt ihm der Polizist Mulligan (John Goodman), der frühere Partner seines Vaters, im Nacken.

Rupert Wyatts finsteres dystopische Allegorie fand dem Vernehmen nach wohl eher wenig Freunde, was einerseits schade ist, andererseits jedoch kaum verwundert. „Captive State“, vielleicht der politisch engagierteste Invasionsfilm seit Carpenters „They Live“, positioniert sich und seine Agenda extrem weit links; er wettert gegen die besorgniserregenden Entwicklungen, denen diverse Staatsregierungen respektive deren mehr oder minder rechtmäßig eingesetzte Repräsentanten nicht erst seit der Jahrtausendwende anheim gefallen sind – allen voran natürlichdie USA selbst unter der Regierung Trump. Es lässt sich eigentlich kaum darüber streiten, ob und in wieweit Wyatts Werk offenen bis terroristischen Widerstand gegen repressive Systeme befürwortet oder gar dazu aufruft; seine im Nukleus der Geschichte verortete Fabel um gewaltbereite antidiktatorische Rebellion zumindest lässt kaum diesbezügliche Zweifel aufkommen. Abgesehen von den selten im Bild erfassten Extraterrestriern und einem von ihnen herbestellten, wiederum aus Aliens bestehenden Killerkommando, das eine Phoenix-Gruppe liquidieren soll, verankert sich Wyatts visuelle Sprache durchaus im Gegenwärtigen. Chicago, sein ehemaliges Arbeiterviertel Pilsen oder das florierende Wicker Park, nimmt die Kamera vordringlich als graue Trümmer- und Schuttlandschaften war, in denen selbst kaum noch Platz für rosige Entkommensträume herrscht. Gabriel und seine Freundin (Madeline Brewer) wähnen eine hoffnungsvollere Zukunft „am anderen Ufer des Sees“, offenbar ein noch etwas freieres Fleckchen Erde. Ein Boot steht bereit, doch mehr als symbolisches Objekt des Ausbruchs. Die Fluchtpläne bleiben diffus. Allenthalben aufploppende Termini wie „Fracking“ veranschaulichen indes die de facto rein ökonomischen Pläne der nach Gewinn strebenden Kakerlaken, deren Unternehmung auch Exxon oder Chevron heißen könnte; weder geht es ihnen darum, unseren Planeten für sich ur- der bewohnbar zu machen, noch interessiert sie die Lebensform homo sapiens besonders. Es geht um die bloße Ausbeutung von Bodenschätzen, das Danach ist irrelevant. Hin, bohren und wieder weg. Welche Optionen bleiben uns im Angesicht des verordneten globalen Exitus? Die Antworten, die „Captive State“ gibt, sind so unbequem wie radikal und wohl ein wesentlicher Grund, was dem Film den Weg zu everybody’s darling unmöglich macht.

8/10

J’ACCUSE

Zitat entfällt.

J’Accuse (Intrige) ~ F/I 2019
Directed By: Roman Polanski

Frankreich, 1894. Der jüdischstämmige Hauptmann Albert Dreyfus (Louis Garrel) wird unehrenhaft aus der Armee entlassen und zu einer lebenslangen Exilstrafe auf der Teufelsinsel verurteilt, weil er für die Deutschen spioniert haben soll. Fast zeitgleich findet sich der Offizier Picquart (Jean Dujardin) zum Leiter der militärischen Spionageabwehr befördert. Nach und nach wird der durchaus systemtreue Picquart sich nicht nur der extrem dünkelhaften Arbeitsmethoden des „deuxième bureau“ und seiner Mitarbeiter bewusst, sondern auch der Tatsache, dass Dreyfus zum unschuldigen Opfer eines Komplotts geworden ist. Als Picquart beginnt, in der Sache Nachforschungen anzustellen und den Fall wieder aufrollen zu wollen, schmiedet man auf höchster Ebene und trotz prominenter liberaler Unterstützung auch gegen ihn finstere Ränke.

Mit der Lässigkeit des Altmeisters, der weder sich noch der Welt irgendetwas zu beweisen hat, adaptiert Polanski in seinem 22. Spielfilm den sich mit der authentischen Dreyfus-Affäre befassenden Historienroman von Robert Harris. „J’Accuse“, der ein ebenso eminentes wie bewegendes Thema aufgreift, nämlich den bereits zum fin de siècle eklatant überbordernden Antisemitismus in Europa, scheint Polanski so leicht und behende von der Hand gegangen zu sein wie eine Fingerübung. Nach seinen drei letzten, weniger allgemeintaugliche Sujets verhandelnden Arbeiten, wirkt sein jüngstes Werk so straight, geradeheraus und luzid wie zuletzt vielleicht noch die brillante Dickens-Verfilmung „Oliver Twist“ – für die beiden sich unweigerlich ergänzenden Geschichten um den entehrten Mustersoldaten Dreyfus und seinen „Erlöser“ Picquart wählt Polanski weder Schnörkel noch formale Spielereien, sondern berichtet stattdessen mit der Engelsgeduld des engagierten Chronisten. Gewiss interessiert ihn nicht zuletzt die Ursachenforschung nach der brutalen Schassung Dreyfus‘, die eben zu gewichtigen Anteilen auch auf antisemitische Motive zurückzuführen ist, er hebt sie jedoch nie in den Vordergrund. Vielmehr verweigert sich Polanski der Verlockung zur Spekulation, nimmt eher die Warte des sich zur nüchterner Sachlichkeit verpflichtenden Gerichtsprotokollanten ein und liefert einen wohltemperierten, nichtsdestotrotz von gebührlicher Spannung getragenen Abriss der historischen Tatsachen.
Dass Polanski dabei abermals großes Erzählkino und noch dazu seinen besten Film seit vierzehn Jahren abliefert, ist erfreulich. Dass weiterhin mit ihm, zeitlebens einer meiner Lieblingsregisseure, zu rechnen ist, finde ich aber noch sehr viel erfreulicher.

9/10

THE STRANGE DOOR

„I don’t know the pain of a conscience! My way’s clear!“

The Strange Door (Hinter den Mauern des Grauens) ~ USA 1951
Directed By: Joseph Pevney

Unweit von Paris bewohnt der sinistre Adlige Alain de Maletroit (Charles Laughton) ein feudales, von zahlreichen Gängen unterkellertes Schloss, gemeinsam mit seiner von ihm adoptierten Nichte Blanche (Sally Forrest) und einer ihm hündisch ergebenen Gefolgschaft von Galgenstricken, allen voran dem Opportunisten Corbeau (William Cottrell). Sein ganzes böses Leben hat Maletroit nur einem Zweck gewidmet: der Rache. Nachdem seine Zukünftige einst Alains Bruder Edmond (Paul Cavanagh) ihm vorgezogen hat – Blanche ist das Resultat jener Affäre-, schäumt Maletroit im unablässigen Drang nach Vergeltung. Blanches Mutter verstarb einst bei ihrer Geburt und der von Allen totgeglaubte Edmond fristet seit zwei Jahrzehnten ein Dasein als vermeintlich wahnsinniger Gefangener in einem geheimen Schlossverlies. Nun soll Maletroits Rache perfekt werden: Die ahnungslose Blanche wird von ihm dazu gezwungen, eine Zwangsheirat mit dem dahergelaufenen Filou Denis de Beaulieu (Richard Wyler) einzugehen, was Maletroit durch eine geschickte Intrige in die Wege leitet. Beaulieu entpuppt sich jedoch als mitnichten so boshaft, wie es Maletroit Recht wäre und entgegen all dessen Bestrebungen verliebt sich das junge Paar ineinander. Damit bricht zugleich das Ende von Maletroits Schreckensregime herein…

Der sich auf eine Kurzgeschichte von Robert Louis Stevenson berufende „The Strange Door“ fällt in eine Ära, in der das Kino weitestgehend horrorabsent war; der Zweite Weltkrieg hatte die Weltbevölkerung wahres Grauen gelehrt, die klassischen Universal-Monster hatten (mit einer Ausnahme) ihre letzten mash-ups nebst Abbott und Costello hinter sich gebracht und auch sonst tat sich in den neun Jahren zwischen 45 und 54 kaum Genrebewegendes, von den wenigen frühen SciFi-Gehversuchen, die wie etwa Hawks und Nybys „The Thing“ recht unzweideutige Horrorelemente verarbeiteten, abgesehen. Das maßstäbliche, gotische Element indes, das vor allem die Verknüpfung zwischen den Klassikern der schauerromantischen Literatur und den Horrorfilmen der zwanziger bis mittvierziger Jahre vitalisierte, fand sich recht rückstandslos eliminiert. „The Strange Door“ bildet, ebenso übrigens wie Nathan Jurans kurz darauf entstandener „The Black Castle“ diesbezüglich eine Ausnahme. So wurde etwa Boris Karloff von der Universal reaktiviert, um Edmonds leicht tumben, aber gutherzigen Adlatus Voltan zu spielen (eine Rolle, die eigentlich perfekt für Lon Chaney Jr. gewesen wäre), was ihm nach Laughton immerhin den zweiten Darstellercredit einbrachte. Die unschwer erkennbar nicht nur von Stevenson, sondern ebenso von Elementen nach Poe und Dumas durchdrungene, wildromantische Story siedelt sich entgegen der nominellen Vorlage eher im frühen 18. Jahrhundert denn zu Zeiten des Hundertjährigen Krieges an, was, ergänzend zum bitterbösen Familiendrama, kleinere Gelegenheiten zu Kostümauftragungen und Swashbuckeleien bietet. Richard Wyler spielt jenen Tunichtgut, der nicht nur ein offensichtliches Interesse für Wein und Damenröcke, sondern auch eines für Kampfkunst und Folterhistorie pflegt und somit dem einen oder anderen Hundsfott gekonnt Paroli bieten kann. Ein Errol Flynn oder Tyrone Power ist an ihm allerdings nicht verlorengegangen. Die hauptsächliche Show gehört fraglos ganz Charles Laughton, der sich mit seiner unnachahmlichen Art als feister, selbsttrunkener Bösewicht durch den gesamten Film despotiert und selbst minimalste Anflüge von emotionaler Wärme flugs im Keim erstickt. Allein Laughtons herzerfrischend boshafte Darstellung bestimmt einen Großteil der Qualität von „The Strange Door“, was die ansonsten eher unkonturierte Arbeit des routinierten Regisseurs Pevney allenthalben vergessen macht.

7/10