LA POLIZIA HA LE MANI LEGATE

Zitat entfällt.

La Polizia Ha Le Mani Legate (Killer Cop) ~ I 1975
Directed By: Luciano Ercoli

Mitten in Rom explodiert im Zuge einer Vernissage für naive Kunst eine Bombe in einer Hotellobby. Commissario Matteo Rolandi (Claudio Cassinelli) vom Rauschgiftdezernat, rein zufällig vor Ort um einen Großdealer zu beschatten, wird Zeuge des viele, vor allem internationale Todesopfer fordernden Massakers. Während die Öffentlichkeit darüber streitet, ob nun die Faschisten oder die Roten Brigaden hinter dem Anschlag stecken, identifiziert Rolandis Freund und Kollege Balsamo (Franco Fabrizi) rein zufällig den nervösen Bombenleger, einen heroinsüchtigen Studenten namens Franco Ludovisi (Bruno Zanin), mitten auf der Straße, muss ihn jedoch laufen lassen, weil dieser eine Waffe zieht. Der ermittelnde Generalstaatsanwalt Di Federico (Arthur Kennedy) gewährt Balsamo als wichtigem, belastenden Zeugen Privatunterschlupf, kann aber trotzdem nicht verhindern, dass er von den Drahtziehern des Attentats ermordet wird. Für Rolandi bekommt die Angelegenheit nun noch eine zusätzliche private Dimension und er beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei stößt er auf ein Leck ausgerechnet im Büro der Staatsanwaltschaft…

„La Polizia Ha Le Mani Legate“ steht weniger im Kurs der damals soeben frisch installierten, reaktionären Ruppigkeit im Poliziottesco, sondern liebäugelt sehr viel akuter mit Damiani oder Rosi, indem er unter anderem die Verflechtung von organisiertem Verbrechen, radikalen Politaktivisten und Staatsapparat untersucht. Anders also als die vielen Genrevertreter um Maurizio Merli, Luc Merenda et al. schert sich Ercolis vorletzter Film (und einziger Poliziotto) nicht um exploitative Elemente, sondern um einen gemächlichen Spannungsaufbau, der dem Betrachter allenthalben diverse Verdachtsmomente beschert, die dann regelmäßig einer unerwarteten Auflösung zu weichen haben. Auch ein Grund, warum man den italienischen Polizeifilm dieser Ära lieben darf, kann oder gar muss: Man vermag nur überaus selten mit Gewissheit zu erahnen, was als Nächstes geschieht, auf Antizipation und Vermutungen ist kein Verlass! Selbst den Helden konnte es abschließend noch überraschend treffen, was bekanntermaßen noch nicht einmal eine Seltenheit darstellte, da er oftmals als letzte Bastion gegen die gewaltigen Windmühlen alles verschlingender Korruption anzutreten hatte.
Doch selbst diesbezüglich verwurzelt sich Ercoli, der sich einzig in Form ein paar geschickt eingeflochtener, dramaturgischer Achronismen ein wenig inszenatorische Spielerei gestattet, eher im bodenständigen Realismus; die geheimnisvollen, scheinbar allmächtigen Hintermänner seiner „Organisation“ haben es erst gar nicht nötig, ihr persönliches Antlitz in die öffentliche Waagschale zu werfen; sie sind und bleiben als graue Eminenz der Amoral wohlweislich im Hintergrund.
Mit Claudio Cassinelli, wie ich finde, ja immer ein wenig Stacy-Keach-Lookalike (umso kurioser ihr späterer gemeinsamer Auftritt in Martinos wüstem „La Montagna Del Dio Cannibale“) gibt es einen wie zumeist rundum sympathischen Protagonisten, der eine seiner zwei „Moby Dick“-Ausgaben permanent zur inspirierenden Pausenlektüre mit sich herumträgt, und auch Arthur Kennedy, zu jener Zeit wie viele seiner ebenfalls alternden Kollegen verlässliches Stammmitglied der römischen Hollywood-Enklave ist gewohnt sehenswert. Und dann wäre da noch Stelvio Ciprianis schmissiger Score, eine Zierde seiner Provenienz.
Eine rundum anständige, schnörkellose Arbeit somit.

8/10

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UNDER THE SILVER LAKE

„Welcome to Purgatory.“

Under The Silver Lake ~ USA 2018
Directed By: David Robert Mitchell

Der in einem Appartmenthaus in East L.A. wohnende Sam (Andrew Garfield) gammelt vor sich hin und ist seit Ewigkeiten mit der Miete im Rückstand. Ansonsten nutzt er die Vorzüge, die die hedonistische Seite der Metropole einem libidinös aufgeladenen, gutaussehendem jungen Mann wie ihm zu bieten hat: Er schließt kurzlebige Damen-Bekanntschaften, geht auf Hipster-Partys und besucht Events der Kunstnachwuchsszene. Nachdem seine attraktive Nachbarin Sarah (Riley Keough) nebst ihren Mitbewohnerinnen (Stephanie Moore, Sibongile Mlambo) spurlos verschwindet, begibt Sam sich auf die Suche nach ihr. Ihn erwartet eine Odyssee, die ihn buchstäblich geradewegs in die Innereien der Stadt der Engel führt und ihn seine bisherige Realität als artifizielles Konstrukt erkennen lässt.

Meine erste Wahrnehmung von „Under The Silver Lake“ war die einer umfassenden „Best Of“-Reminszenz, in der David Robert Mitchell seinen Legionen von Vorbildern und praktisch dem gesamten populären historischen Kino-Segment, dass sich mit Los Angeles und/oder Hollywood befasst, seine ganz persönliche Ehrerbietung erweist. Entsprechend zahlreich sind die Verweise an Regisseure, Filme, Personen, allzu zahlreich, um sie an dieser Stelle gleichberechtigt aufzuzählen. Diese Mühe obliegt dann schon jedem, der sich diesem durchaus interessanten Werk zu widmen gedenkt.
Erst an zweiter Stelle folgte dann die erweiterte Perspektive auf die Gegenwart der Metropole und einen ironischen, oftmals ins Groteske, Surreale und Allegorische ab- oder auch entgleitenden Fokus darauf, was ihre lange Kulturhistorie als „Traumfabrik“ seit über einem Jahrhundert aus der Stadt hat werden lassen. Im Grunde entpuppt sie sich selbst infolge ihrer demokratisch geprägten Tradition und gesellschaftlichen Lichtblitzen wie der Diversität- und der MeToo-Bewegung als in Wahrheit keinen Deut gereift gegenüber der Frühzeit der Filmmogule und Studioregimes; noch immer laufen hier Äonen junger TräumerInnen dem Traum von Ruhm und Reichtum nach und dabei Gefahr, in die Fänge rücksichtsloser Raubtiere zu geraten, deren Geld, Macht und Einfluss sie zu willfährigen Werkzeugen ihrer pervertierten Bedürfnisse macht. Im Zuge seiner eher von Intuition und Assoziation geprägten Reise lernt Sam, dass alles hier auf unheilige Weise miteinander verworben ist und sich wechselseitig bedingt und bedient: diverse Formen bildender wie darstellender Kunst und die kommerziell orientierten Kulturen Film und Musik, Werbeindustrie und Literatur, Fast Food und Prostitution, selbst Hochfinanz und Prekariat, Mysterien und Paranoia. Sex entpuppt sich dabei als der primäre, alles miteinander verbindende Faktor, der sich seit eh und je durch mehr oder weniger sublime Botschaften überall eingefordert findet und entsprechend hinreichend bedient wird. Sonderbare, nicht eindeutig entschlüsselbare Personen und Ereignisse kreuzen (wiederholt) Sams investigativen Weg; tote und lebende Nagetiere, ein anonymer, sein Unwesen treibender Hundemörder, dem große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, der (vermeintliche) Tod des Superreichen Jefferson Severence (Chris Gann), dessen Tochter Millicent (Callie Hernandez), ein Comics (mit dem Titel des Films) entwerfender Verschwörungstheoretiker (Patrick Fischler), der „König der Landstreicher“ (David Yow), freiwillige und unfreiwillige Drogentrips, der androgyne Popstar Jesus (Luke Baines), der geheimnisvolle Songwriter (Jeremy Bobb), dem Sam, erbost ob dessen Entzauberungen seiner musikalischen Idole, den Schädel einschlägt, Kojoten sowie eine geheimnisvolle, nackte Eulenfrau, die ihre Opfer, darunter den „Comic-Mann“, im nächtlichen Schlaf meuchelt. Und immer wieder Trios von seltsamen It-Girls, wie sich zeigen wird, als jeweiliger, privater Mini-Harem je einem bestimmten Gönner zugehörig, die wiederum allesamt einer obskuren Erlösungssekte angehören.
Eine Menge von (zumindest auf den ersten Blick) nicht zwingend kausalitätsbezogen schlüssigem Stoff also, den Mitchell da in einer zugegebenermaßen exquitisten Inszenierung zusammenpfercht und der in jedem Falle die Beschäftigung mit ihm lohnt. Wirklich richtig mögen, zumindest so, wie ich’s vielleicht gern würde, kann ich „Under The Silver Lake“ allerdings zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht. Mag sein, dass sich das irgendwann ändert.

8/10

THE MIGHTY QUINN

„I put a curse on you!“ – „Believe me, I already got a curse on me.“

The Mighty Quinn (Big Bad Man) ~ USA 1989
Directed By: Carl Schenkel

Xavier Quinn (Denzel Washington), Polizeichef auf einer Karibikinsel, gerät in Anbetracht der ohnehin brüllend heißen Sommertemperaturen sogar noch mehr ins Schwitzen, als Maubee (Robert Townsend), sein bester Freund seit Kindertagen, des Mordes an dem übel zugerichteten Amerikaner Prater verdächtigt wird und seither auf der Flucht im Hinterland ist. Der englische Luxushotelier Thomas Elgin (James Fox) und der ihm hündisch ergebene Gouverneur Chalk (Norman Beaton) unterstützen den Verdacht bezüglich Maubee und wollen eine Obduktion Praters verhindern. Unbeeindruckt von dem politischen Klüngel setzt sich Quinn durch und kommt einer Verschwörung von US-Militärberatern auf die Spur, bei der Zehntausend-Dollar-Scheine, eine uneheliche Schwangerschaft, Giftschlangen und ein CIA-Profikiller (M. Emmet Walsh) jeweils tragende Rollen spielen.

Carl Schenkels erste Arbeit für das Hollywood-Kino (nach dem TV-Film „Bay Coven“) ist ein gut gelaunter, bunter neo noir vor Karibikkulisse, der das Allermeiste richtig macht. Obschon der Name der handlungsortspendenden Insel nicht genannt wird, handelt es sich unschwer erkennbar um Jamaika; nicht nur, dass der Dreh dort stattfand, sprechen auch die breit ausgestellte, spezifische Inselkultur mit diversen Reggae-Songs sowie die Commonwealth-Administration eine deutliche Sprache. Für Denzel Washington darf „The Mighty Quinn“, noch vor Zwicks „Glory“ und seinem ersten Einsatz bei Spike Lee als unverhohlenes Starvehikel gelten – sämtliche Attribute und Qualitäten, die Washingtons späteres stardom ausmachen, treten in diesem Film bereits deutlich zu Tage. In der Rolle des Chief Xavier Quinn ist der Akteur ein Übermann, der beinahe alles im Griff hat – bis auf sein Privatleben, das unter seiner beruflichen Emsigkeit leidet, das er am Ende aber natürlich auch wieder fixen kann. Er ist körperlich bestens in Schuss, bewandert in Capoeira, kann Klavier spielen und saufen, ist ein ebenso breit lächelnd-charmanter wie intelligenter, strikt unbestechlicher Polizist, der auf scheinheilige Autoritäten pfeift und dem schöne Frauen gleich welcher Hautfarbe scharenweise nachlaufen; er hat einen untrüglichen Sinn für die soziale Balance auf der Insel, für Gerechtigkeit und Schweinehundereien aller Art. Eigentlich ein Typ, der locker in Serie hätte gehen können, blieb es leider bei diesem einen Auftritt (zumal der bereits 1971 verstorbene Autor der Romanvorlage wohl nichts Weiteres zu Papier gebracht hatte). Die wenigen im Zuge des Plots auftretenden Weißen sind ausnehmend böse oder zumindest höchst unsympathisch, womit zugleich noch ein wenig verjährter Blaxploitation-Zauber beschworen wird. Auf der Tonspur sind mehrere modernisierte Coverversion von Bob-Marley-Klassikern zu hören sowie natürlich das ursprünglich von Bob Dylan stammende Titelstück in Offbeat-Bearbeitung mit weiblichem Gesang. Zudem gibt es noch eine hübsche, unschwer identifizierbare Hommage an „Dr. No“.

7/10

THE BALLAD OF LEFTY BROWN

„It’s the money. It makes whores of men.“

The Ballad Of Lefty Brown ~ USA 2017
Directed By: Jared Moshe

Montana, 1889. Der Rancher Edward Johnson (Peter Fonda) ist zwar noch einer vom alten Schlag, hat aber dennoch einen Senatorenposten in Washington ergattern können. Als kurz vor seinem Amtsantritt ein paar Viehdiebe auf seinem Land aufkreuzen, macht er sich mit seinem alten Kumpel und Vorarbeiter Lefty Brown (Bill Pullman) an deren Verfolgung – und wird hinterrücks erschossen. Johnsons bald auftauchende Bekannte, Gouverneur Bierce (Jim Caviezel) und Sheriff Harrah (Tommy Flanagan) kondolieren Johnsons trauernder Witwe Laura (Kathy Baker), derweil sich Lefty an die Verfolgung der Mörder macht. Unterwegs trifft er auf den Jungspund Noah DeBow (Stephen Alan Seder), der sich im anschließt, ebenso wie der bald hinzustoßende Harrah. Als Lefty schließlich die Übeltäter ausfindig macht, muss er erkennen, dass Johnson zum Opfer einer politischen Intrige wurde, die auch vor seiner Person nicht Halt macht.

Wie es sich für einen zünftigen Spätwestern gehört, verfügt auch „The Ballad Of Lefty Brown“ über ein Figureninventar, das damit zu kämpfen hat, aus der Zeit gefallen zu sein. Sowohl der designierte Senator Johnson als auch sein treuer Adlatus Lefty Brown sind Männer von gestern, die, wenn auch mitunter heimlich und ohne großes Aufsehen, noch die Law-&-Order-Mentalität praktizieren, mit der sie selbst groß geworden sind. Ihnen gegenüber steht der Fortschritt in der Person des aalglatten Bierce. Dieser ist daran interessiert, Stadt und Staat an die Zivilisation anzubinden. Investoren sollen her, die Eisenbahn und mehr Siedler. Doch die Zivilisation beherbergt auch Schattenseiten. Korruption, Übervorteilung, Intriganz, Hinterhältigkeit. Attribute, mit denen einer wie Lefty Brown zeitlebens nichts zu schaffen hatte. Umso überrumpelter wähnt sich der einfach gestrickte, alternde Kauz, als auf einmal er selbst als Hauptverdächtiger des Mordes an Johnson dasteht. Doch mit Leftys unverwüstlicher Zähigkeit rechnet niemand und so kann am Ende wenigstens der Moral des Atavismus Genüge getan werden.
„The Ballad Of Lefty Brown“ hätte vor knapp fünfzig Jahren auch einen hervorragenden New-Hollywood-Western abgegeben, dafür bürgt gewissermaßen bereits die wehnütig konnotierte Mitwirkung Peter Fondas. In den frühen Siebzigern wäre die Figur vielleicht von Slim Pickens oder Dub Taylor interpretiert worden und die inhärente Zivilisationskritik wesentlich deutlicher und schärfer ausgefallen. Die Bildsprache hätte vermutlich nicht den ästhetischen Hochglanz vermittelt, den ein Genrevertreter anno 2017 als beinahe standardisierten Ästhetikfaktor vor sich herträgt. Was Jared Moshe jedoch nahezu verlustfrei und in kongenialer Weise zu transponieren weiß, das sind Grundierung und Atmosphäre seiner selbsternannten Ballade. Die Elegie, die die Abenddämmerung jener schrecklich-schönen Ära mit sich bringt, lässt einen, so man sich ihr auf die eine oder andere Weise verbunden fühlt, auch heute noch schwerer atmen. Nein, der Western ist nicht tot. Mitnichten.

7/10

BANSHEE CHAPTER

„It will be an experience you won’t forget.“

Banshee Chapter ~ USA 2013
Directed By: Blair Erickson

Anne (Katia Winter) und James (Michal McMillian) sind dem Wahrheitsgehalt von Gerüchten um geheime Drogenexperimente auf der Spur, die die US-Regierung und die CIA über Jahre hinweg an mehr oder weniger freiwilligen Probanden durchgeführt haben soll. Nachdem James in einem Selbstversuch das geheimnisvolle Serum DMT-19 testet, verschwindet er bald darauf spurlos. Anne folgt James‘ Quelle und stößt auf den psychotischen Autor Thomas Blackburn (Ted Levine), der in Arizona lebt und Erfahrungen mit unterschiedlichsten Rauschmitteln hat. Gemeinsam stellen die ungleichen Partner fest, dass die Einnahme von DMT-19 die Wahrnehmungskanäle seiner Konsumenten erweitert und sie, ähnlich einem Radioempfänger, Frequenzen empfängen lässt, die den normalen Sinnen verborgen bleiben. Tatsächlich scheinen jedoch nicht nur die User des DMT-19 diese geheimnisvolle Sensibilisierung zu erfahren, sondern über kurz oder lang auch die Menschen, die mit ihnen in engem Kontakt stehen…

Daraus, dass „Banshee Chapter“ sich an H.P. Lovecrafts Idee zu der Kurzgeschichte „From Beyond“ orientiert, die ja von Stuart Gordon auch verfilmt wurde, macht er erst gar kein großes Mysterium, sondern gibt dies im letzten Drittel als Inhaltsbestandteil selbst preis. Die Kenntnis des entsprechenden Werks ist daher durchaus hilfreich, wenn es um das Verständnis des inhaltlich durchaus spannenden, formal jedoch etwas allzu wirr gewobenen „Banshee Chapter“ geht. In „From Beyond“ erfindet ein Wissenschaftler eine Maschine, die die Zirbeldrüse im menschlichen Gehirn aktiviert und den Empfänger damit in eine Art Paralleldimension versetzt, die von merkwürdigen Kreaturen bewohnt ist. Das in Ericksons Film als MacGuffin bemühte DMT-19 existiert indes tatsächlich – es handelt sich um ein synthetisierbares Halluzinogen, das, je nach Dosis, das visuelle Erleben des Konsumenten modifiziert. In „Banshee Chapter“, das decken Anna und James auf, wird in Geheimlabors die Droge aus der Zirbeldrüse menschlicher Leichen extrahiert und den Probanden dann injiziert, woraufhin diese zunächst Geräusche (eine Spieluhr, zählende Kinderstimmen, Radiorauschen) wahrnehmen, sodann die Annäherung irgendwelcher diffuser Kreaturen, um sich bald darauf selbst in gespenstische Zerrbilder zu verwandeln, die fortan in einer Art Zwischendimension umherirren.
Daraus spinnt der Film eine überaus interessante Verwurzelung im verschwörungstheoretischen Spektrum, die ergänzend recht geschickt in ein paar dokumentarische Interviewszenen eingebettet wird. Eine echte Schau ist der leider in den letzten Jahren etwas rar gewordene Ted Levine, der als unverhohlene Hunter-S.-Thompson-Hommage durch den Film wankt, stets Kippchen und Flachmann in Reichweite und oftmals unverständlich daherlallend. Levines Performance hebt den Film auf eine Ebene, die er als rein investigativ angelegtes Schauermärchen sonst nie erreicht hätte. Überhaupt muss man wie bereits erwähnt Ericksons Regie, die auf die Prononcierung von Wirrnis und Chaos setzt, statt etwas mehr Mut zur Stringenz zu zeigen, als hauptsächlichen Schwächefaktor von „Banshee Chapter“ identifizieren. Die jump scares sind schlecht inszeniert, die Kamera allzu vorsätzlich verwackelt und die viel zu vertrauensselig in diffusen Verhältnissen schwelgende Beleuchtung ist mithin eine Katastrophe. Hätte Ericksson sich hier und da etwas mehr Vertrauen in klassischere, dramaturgische Strukturen und schnörkellose Klarheit gestattet – „Banshee Chapter“ hätte das Zeug gehabt zu einem regelrechten Genre-Meilenstein. So aber langt es leider nur zur Mittelpracht.

6/10

L’ATTENTAT

Zitat entfällt.

L’Attentat (Das Attentat) ~ F/I/BRD 1972
Directed By: Yves Boisset

Der Pariser Journalist und Autor François Darien (Jean-Louis Trintignant) gilt in linksliberalen Kreisen als Salonkommunist – bei Bedarf stets mit einem flotten Kommentar zur Stelle, fühlt er sich im bourgeoisen Milieu dann doch am heimischsten. Da Darien gute Kontakte zu dem sozialistischen, nordafrikanischen Oppositionspolitiker Sadiel (Gian Maria Volonté) pflegt, missbraucht man ihn für ein komplex eingefädeltes Komplott: Darien wird zunächst bei einer Demonstration verhaftet, damit der zwielichtige Anwalt Lempereur (Michel Bouquet) Kontakt zu ihm aufnehmen kann. Dieser offeriert Darien dann die „Idee“, ein linkes TV-Format für einen Privatsender moderieren zu können. Im Zuge von dessen Vorbereitung soll Darien Sadiel aus dessen Genfer Exil nach Paris locken. Dort wartet bereits Sadiels ärgster Widersacher, der Diktator Kassar (Michel Piccoli), der Sadiel kidnappen lässt und ihn vor die Wahl stellt, entweder als Erfüllungsgehilfe für Kassar aufzutreten oder das Zeitliche segnen zu müssen. Bald durchschaut Darien die Verschwörung und begibt sich auf die Suche nach Sadiel.

Mit „L’Attentat“ hängte sich Yves Boisset recht erfolgreich an das damals durch Costa-Gavras in Umlauf gebrachte Politthriller- und Verschwörungsgenre, wobei er die wütende Leidenschaft, mit der der Meister die skrupellosen Methoden faschistischer und totalitär geprägter Drahtziehereien in aller Welt anzuprangern pflegte, zumindest in affektiver Hinsicht nicht nachvollzog. Wie Costa-Gavras‘ bis dato entstandenen Werke zum Thema liegt allerdings auch „L’Attentat“ ein authentischer Fall zugrunde, dessen umfassende Verwurzelung nie gänzlich aufgeklärt werden konnte: 1965 wurde der wegen eines in Marokko gegen ihn ausgesprochenen Todesurteils aufgrund von „Landesverrat“ im Exil lebende, marokkanische Linkspolitiker Ben Barka in Paris entführt und verschwand daraufhin spurlos. Barkas Ermordung zog einen langwierigen Gerichtsprozess nach sich, der unter anderem die Verwicklung des ehemaligen marokkanischen Innenminister Oufkir sowie Mitglieder des französischen Geheimdienstes und hochrangiger Mitglieder der Polizei offenlegte. Offiziell nicht bewiesenen, aber höchst wahrscheinlichen Spekulationen zufolge waren auch Mossad, CIA und deutscher Nachrichtendienst in Barkas Kidnapping verwickelt.
Wie gemeinhin üblich wurden für „L’Attentat“ Namen geändert und einzelne Abläufe modifiziert, ohne jedoch die realen Ereignisse je unkenntlich werden zu lassen. Boisset stand, auch das nicht zuletzt durch Costa-Gavras diesbezügliche Vorarbeit gewissermaßen obligatorisch, eine internationale Starbesetzung zur Verfügung, die dem Film bis heute einen zusätzlichen Glanz sichert. Dennoch muss man Boissets Inszenierung eine unübersehbare Umständlichkeit im Hinblick auf ihre Dramaturgie bescheinigen; dass der Plot sich etwa allzu stark auf den unentschlossenen Charakter des  François Darien fokussiert und dessen innere Konflikte oftmals nur sehr mühselig reflektiert, anstatt die Organisation von Dariens Liquidation etwas minutiöser herauszuarbeiten. Hier vermisst man wiederum die beinahe dokumentarisch geprägte Faktenaufarbeitung, die etwa „Z“ oder „État de Siège“ schlussendlich erst so ausgezeichnet und formvollendet macht. Dennoch hält sich „L’Attentat“ als ein gutes Beispiel für funktionales Politkino linker Prägung.

8/10

HANGAR 18

„As long as Hangar 18 exists, the problem exists.“

Hangar 18 (Geheimsache Hangar 18) ~ USA 1980
Directed By: James L. Conway

Nachdem die beiden Astronauten Steve Bancroft (Gary Collins) und Lew Price (James Hampton) im Orbit Zeuge einer Kollision wurden, die einen Kollegen das Leben kosten und an der offenbar ein UFO beteiligt ist, wundern sie sich bei ihrer Rückkehr zur Erde nicht schlecht, als die ganze Angelegenheit von höchster Stelle unter den Tisch gekehrt werden soll. Die Öffentlichkeit soll nichts erfahren von dem außerirdischen Flugobjekt, das mittlerweile über Arizona niedergegangen ist und in einer Air Force Base gelagert und untersucht wird. Hinweise innerhalb des UFOs ergeben nicht nur, dass die Aliens die Erde offenbar emsigst studiert haben, sondern, dass es irgendwo im All noch ein weit grö0ßeres Mutterschiff geben muss. Bancroft und Price versuchen indes, verfolgt von Killern der Regierung, auf eigene Faust zu dem ominösen „Hangar 18“ vorzudringen und dessen so penibel abgeschirmten Inhalt zu sehen. Der U.S.-Präsident (Robert Vaughn) trifft derweil eine verhängnisvolle Entscheidung…

Um den Hangar 18 der tatsächlich in Ohio situierten „Wright-Patterson Air Force Base“ ranken sich bereits seit etlichen Jahrzehnten Gerüchte um die Erforschung von Alien-Technologie und geheime UFO-Labore. Conways „Hangar 18“, ein mit relativ bescheidenem Budget hergestelltes, unabhängig produziertes Science-Fiction- und Verschwörungsdrama, machte sich dieses naseweise Blabla zunutze, um seiner Geschichte eine möglichst realitätsverbundene Prägung zu verschaffen; sprich: das Endprodukt durch vermeintliche Geltungsschübe gehörig aufzupeppen. Leider nutzte ihm das wenig; „Hangar 18“ ist ein auf TV-Film-Niveau inszeniertes, biederes Stück Film, das größere Vorbilder wie Peter Hyams‘ „Capricorn One“, wenngleich jener ganz ohne Aliens und UFOs auszukommen hatte, nicht das Wasser reichen kann. Im Prinzip erzählt der Film zwei parallel zulaufende Geschichten, zum einen die um die zwei Astronauten Bancroft und Price, die sich nicht mit billigen Ausflüchten und Abwinkversuchen ihrer Vorgesetzten betreffs der Ereignisse im All zufrieden geben wollen und daher unerlaubt selbstständige Recherchen anstellen und zum Anderen die der Wissenschaftler, die mit dem UFO befasst sind und das Innenleben des Raumschiffs erkunden. Während die Odyssee der zwei Helden wider Willen zumindest noch hier und da etwas Spannung zu evozieren vermag, krankt vor allem zweitere Erzählung an Einfalt und einer bald grassierenden, spürbaren Lustlosigkeit. Kein Wunder, dass „Hangar 18“ im gewaltigen Sternenfeuer der großen, spektakulären SciFi-Produktionen jener Jahre recht sang- und klanglos verglühen musste.

5/10