LE PACTE DES LOUPS

Zitat entfällt.

Le Pacte Des Loups (Der Pakt der Wölfe) ~ F 2001
Directed By: Christophe Gans

Während der Erstürmung der Bastille schreibt der Aristokrat Thomas d’Apcher (Jacques Perrin) an seinen Memoiren. Besonders das umfangreiche Kapitel über die Bestie vom Gévaudan beansprucht seine Erinnerungskraft: Etwa zweiundzwanzig Jahre zuvor machte d’Apcher als junger Mann (Jérémie Reinier) die Bekanntschaft des Kriegsveteranen und Wissenschaftlers Grégoire de Fronsac (Samuel Le Bihan), der eigens vom Hofe König Ludwigs XVI. in die südfranzösische Region entsandt wurde, um den Gräueltaten eines mysteriösen Raubtiers auf die Spur zu kommen. Im Schlepptau hat de Fronsac seinen treuen Begleiter Mani (Mark Dacascos), einen Irokesen aus der Neuen Welt mit schamanischen Fähigkeiten. Fronsac und Mani wohnen bei der adligen Familie Morangias, in deren Tochter Marianne (Èmilie Dequenne) sich Fronsac flugs verliebt, derweil Mariannes Bruder Jean-François (Vincent Cassel) indes ein höchst eigenwilliger Typ ist. Fronsac findet bald eindeutige Beweise dafür, dass es sich bei der immer wieder zuschlagenden Bestie weder um einen einheimischen Wolf, noch um ein, wie die Leute vor Ort glauben, übernatürliches Monster handeln kann. Derweil sorgt auch eine gewaltige, öffentlichkeitswirksam abgehaltene Treibjagd nicht dafür, dass das Tier sein mörderisches Treiben einstellt. Um die Bevölkerung im Zaum zu halten, wird Fronsac dazu gezwungen, einen erlegten Wolf zu präparieren und in Paris bei Hofe vorzuführen. Heimlich reisen er und Mani trotz anderslautender Direktiven wieder zurück ins Gévaudan und versuchen auf eigene Faust, das echte Biest zu fangen. Tatsächlich schnappt die gestellte Falle zu, doch das Monster kann entkommen. Mani wird von einer Gruppe Waldläufer gefangen und getötet. Fronsacs Rache ist grausam und er kommt zudem mithilfe der Hure Sylvia (Monica Bellucci) einer verschwörerischen, zutiefst aufklärungsfeindlichen Geheimloge auf die Spur, deren Vorsitzender der wahnsinnige Jean-François Morangias ist. Dieser hat einst  einen jungen Löwen aus Afrika mitgebracht, ihn in ein schmerzhaftes Metallkorsett gezwängt, abgerichtet und sich zuwillen gemacht. Eine von Fronsac mitgebrachte Gruppe von Soldaten kann dem „Pakt der Wölfe“ endlich den Garaus machen.

Der einst als recht vielversprechender Filmemacher begonnene Franzose Christophe Gans, der sich anscheinend sehr leidenschaftlich dem Genrekino verschrieben hatte, erweist sich heuer leider als spärlicher Arbeiter, von dem zumindest ich gern mehr sehen würde. Seine bisherigen Filme (wobei ich den jüngsten, eine „La Belle Et La Bête“-Adaption, noch nicht gesehen habe) gefallen mir nämlich durch die Bank gut, zumal sein Faible für visuellen Pomp und Schwulst etwas heutzutage überaus selten Gewordenes ist. „Le Pacte Des Loups“ dürfte wohl sein bisheriges opus magnum sein. Hierfür stand ihm nicht nur ein sichtbar großzügiges Budget zur Verfügung, sondern vor allem auch eine zündende Idee: Die Mär von der „Bestie des Gévaudan“ ist nämlich mitnichten eine solche, sondern beschreibt vielmehr eine historisch verbriefte Verkettung schrecklicher Ereignisse, die sich in einem Zeitrahmen von etwa drei Jahren in der entsprechenden, südfranzösischen Region abspielten. Eine Vielzahl von Menschen aus der dortigen Landbevölkerung, vor allem Frauen und Kinder, fielen dort einem niemals erlegten Tier zum Opfer, dessen Aussehen und Größe je nach Augenzeugenberichten stark variierte und das unglaubliche Kräfte gehabt haben muss. Eine ideale Voraussetzung also für eine prächtige, filmische Kopfgeburt, die „Le Pacte Des Loups“ dann auch tatsächlich wurde.
Natürlich ist der Film hoffnungslos überladen und sein Nährgehalt entspricht in etwa dem eines barocken Fünfzehn-Gänge-Menüs bei Hofe, nach dessen Dessert die Kniehose zu explodieren droht. Vielleicht haben der gute Gans und sein Mitautor Stéphane Cabel selbst ein wenig zu großzügig am Absinth genascht oder ein Tröpfchen Laudanum zu viel verköstigt; die mit „Pacte Des Loups“ herausgekommene, wilde Mixtur spricht jedenfalls gewiss dafür. Von der chromblitzenden Manga-Adaption „Crying Freeman“ hat Gans sich deren Hauptdarsteller Mark Dacascos gleich mitgebracht und ihn infolge seiner exotischen Erscheinung als Indianer (und Blutsbruder des Haupthelden) mit natürlich exorbitanten Karatefähigkeiten in die Geschichte hineingeschrieben. Cassel als widerlicher, verrückt gewordener Sektenchef mit inzestuösem Begehren, Monica Bellucci als dralle Hure in samtroten Laken, ein geheimnisvolles CGI-Ungeheuer und deftige Gewaltexzesse –  vermissen wird man hier garantiert nichts davon. Das übliche Historiengebräu aus Authentizitäts-Phantasie-Gemischen, Standesdünkel, Involvierung von Staat und Klerus und Korruption bis in die höchsten Etagen, dazu eine schwülstige Liebesgeschichte und Gans hat wirklich alles mit drin in seinem protzigen Kostümstück. Natürlich hat „Le Pacte Des Loups“ demzufolge von allem viel zu viel, um wirklich gut zu sein oder sich seinem Thema auch nur halbwegs ernsthaft zu stellen. Man sollte ihn eher als das nehmen und betrachten, was er ist: als pures, rauschhaftes Kino nämlich, wie es in dieser voluminösen Kompilierung aus allem Möglichen schon vor sechzehn Jahren einen farbenfrohen, frechen Anachronismus darstellte.

8/10

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STEINER – DAS EISERNE KREUZ, 2. TEIL

„Who ought to belive this anyway?“

Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil ~ BRD 1979
Directed By: Andrew V. McLaglen

Nach seinem desaströsen Einsatz in Russland wird Feldwebel Steiner (Richard Burton) flugs an die Westfront beordert, wo die Alliierten soeben dabei sind, die Operation Overlord einzuleiten. Auch Steiners alter Rivale von Stransky (Helmut Griem) ist wiederum nicht fern. Nach einem kurzen Fronturlaub in Paris muss Steiner zurück ins Kampfgebiet, um ein strategisch wichtiges Dörfchen in der Provinz zu verteidigen. Sein alter Freund General Hoffmann (Curd Jürgens) eröffnet ihm derweil insgeheim, dass einige ohe Offiziere der Wehrmacht eine Verschwörung gegen Hitler planen und Steiner dazu auserkoren ist, dem gegnerischen General Webster (Rod Steiger) diese Nachricht zukommen zu lassen, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Die US-Admiralität glaubt jedoch an eine Finte und schickt dennoch eine Panzerbrigade in das von den Deutschen gehaltene Dörfchen. Zeitgleich scheitert der Putsch und Hoffmann nimmt sich das Leben. Stransky, der von alldem nichts ahnt und nach wie vor ein Fanatiker ist, plant, die ganze Panzerdivision mittels unterirdischer Sprengladungen zu vernichten…

Die Filmhistorie vergisst gern, dass der unverwüstliche Wolf C. Hartwig, der wusste, wie man eine Kuh adäquat bis auf den letzten Tropfen zu melken hat, seinem von Sam Peckinpah inszenierten Riesenerfolg „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ eine wiederum immens kostspielige Fortsetzung folgen ließ. Warum dieser amnesische Mantel? Nicht nur, dass „Steiner 2“ gnadenlos an den Kinokassen crashte, unterscheiden sich Original und Sequel hinsichtlich ihres Niveaus in etwa so, wie sich Peckinpah und McLaglen als Filmemacher unterscheiden. Eine philosophische Metaebene um preußische Arroganz und Gernegroßtum unter aristokratischen Wehrmachtsoffizieren, wie sie den Vorgänger auszeichnete, wird man hier vergeblich suchen. Vielmehr ist der zweite Teil, den nurmehr Klaus Löwitsch und Dieter Schidor in ihren vormaligen Rollen erlebten, nicht mehr oder weniger als ein kerniges Landser-Abenteuer, dass die schuldbelastete deutsche Seele  durch seine knuffigen Heldenakzente sogar ein klein wenig einzubalsamieren wusste. Mit Richard Burton, der im Prinzip viel eher seine Rolle als Söldner-Colonel Faulkner aus „The Wild Geese“ repetiert als auch nur im Mindesten den Versuch zu machen, seinen Vorgänger James Coburn anklingen zu lassen, stand McLaglen nur einer von mehreren vormaligen Kollaborateuren zur Seite. Ohnehin ist die Besetzung mindestens so erlesen und illuster wie die des Erstlings und rechtfertigt allein die Betrachtung des Films. Auch ist dieser keineswegs langweilig oder gar öde, obschon natürlich in seiner Struktur und Erzählweise überaus vorhersehbar und weitgehend überraschungsarm. Die düstere, bleierne, vom Wahnsinn infizierte Grundstimmung des Peckinpah-Films weicht hier eher der Betrachtung des Krieges als luftig-leichtes Männergeschäft, bei dem es auch mal was zu lachen gibt. Sicherlich zerfällt die Narration hier und da ferner ins seltsam Episodische, was möglicherweise auf diverse Straffungen und/oder Kürzungen zurückzuführen ist, doch dies nur mutmaßlich.
Als kleiner, kinohistorisch letzten Endes wohl tatsächlich „unbedeutender“ Beitrag zu der Gruppe vor allem logistisch abenteuerlicher Filmen über den Zweiten Weltkrieg kann sich, so sehe ich das, „Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil“ dennoch durchaus sehen lassen.

7/10

IO HO PAURA

Zitat entfällt.

Io Ho Paura (Ich habe Angst) ~ I 1977
Directed By: Damiano Damiani

Ludovico Graziano (Gian Maria Volontè) ist als Brigadiere der römischen Polizei tätig und als solcher zuständig für den Personenschutz von Justizbeamten, die sich von politischen Extremisten wie etwa den Roten Brigaden bedroht sehen. Als er gemeinsam mit dem einsamen, linientreuen Richter Cancedda (Erland Josephson) einer obskuren Spur um einen ermordeten Wachmann nachgeht, hinter der sich wesentlich Brisanteres verbirgt als es zunächst den Anschein hat, stößt Graziano in ein Wespennest aus Verschwörung und Korruption.

Großes Politkino von Damiano Damiani und nach seinem eher mediokren „Nessuno“-Nachzügler „Un Genio, Due Compari, Un Pollo“ ganz klar ein Schritt zurück zu alter Großform. Neben dem kostbaren, zeitverbundenen Element der Paranoia vor Linksterrorismus und der systemischen Durchsetzung von Sympathisanten und Verschwörern ist im Falle „Io Ho Paura“, dessen Titel in gleich mehrfacher Varianz wahrlich Bände spricht, vor allem die psychologische Vivisektion des Protagonisten von einiger Brillanz: Volontè präsentiert die Kehrseite der in diesen Jahren vom Genrekino stilisierten Superhelden-Cops, die jeder noch so brenzligen Bedrohung von Leib und Leben eher lustvoll denn tapfer entgentraten und die bösen Jungs mit polierten Knöcheln und gezückten Kanonen reihenweise in Kranken- und Leichenhäuser beförderten. Ludovico Graziano indes ist ein Mensch wie jeder andere, zwar mit einer besonderen Beobachtungsgabe gesegnet, aber doch eher kleinlaut, wenn er gewahr wird, dass er möglicherweise übers Ziel hinaus geschossen ist. Genau dies widerfährt ihm, als er versehentlich einer extremistischen Vereinigung in die Quere kommt. Da Graziano nach der Ermordung des Richters Cancedda niemanden mehr hat, dem er sich anzuvertrauen wüsste und proportional zu der verstreichenden Zeit und den eigenartigen Ereignissen um ihn herum auch seine Angst wächst, bald selbst aus dem Weg geräumt zu werden, greift er zu ungewohnten Mitteln. Ob deren Befleißigung ihn allerdings mittelfristig retten wird…?
„Io Ho Paura“ ist einer von Damianis hervorstechendsten und zugleich involvierendsten Filmen, ein zutiefst bedrückendes Meisterwerk um Isolation und universellen Vertrauensverlust.

9/10

JACK REACHER: NEVER GO BACK

„I woke up one morning and the uniform didn’t fit.“

Jack Reacher: Never Go Back (Jack Reacher: Kein Weg zurück) ~ USA/CH 2016
Directed By: Edward Zwick

Der eigentlich in romantischer Erwartung nach Virginia kommende Jack Reacher (Tom Cruise) muss sich um seine Informantin beim Militär, Susan Turner (Cobie Smulders), kümmern. Diese ist nämlich zu Unrecht wegen Spionageverdachts und weil sie angeblich im ZUsammenhang mit zwei ermordeten Soldaten in Afghanistan steht, verhaftet worden und sitzt im Gefängnis. Kurzerhand von Reacher befreit, fliehen die beiden vor den uniformierten Häschern und suchen nach Beweisen für Susans Unschuld Zudem muss Reacher sich um seine mutmaßliche Tochter Samantha (Danika Yarosh) kümmern, von der er eben erst erfahren hat. Die Killer, wie sich herausstellt, eine Organisation von militärisch hochrangigen Waffenschiebern, nutzen Samantha als Druckmittel…

Der bereits achtzehnte Roman um den Ex-Soldaten Jack Reacher wurde für das erste Kino-Sequel ausersehen, wobei die Wahl der Vorlage ohnehin eine untergeordnete Rolle spielen dürfte. Auch der zweite „Jack Reacher“-Film ist nicht mehr als pures Kino glänzender Oberflächen, sich dieser einschränkenden Tatsache allerdings völlig bewusst und damit absolut aufrichtig zu sich selbst und seinem Publikum. Was hier wie und vor allem warum passiert, ist nebensächlich und lediglich den Gesetzen der halbwegs logischen Stringenz geschuldet, ansonsten geht es lediglich darum, Reacher bzw. Tom Cruise in seiner ersten Zusammenarbeit mit Hochglanz-Routinier Edward Zwick (für dessen Arbeit ich eine klitzekleine Schwäche habe, ohne genau zu wissen, warum eigentlich…) dabei zuzuschauen, wie er sich in allerlei problematische Situationen hinein- und dann wieder herauslaviert. Jack Reacher ist ja einer dieser momentan wieder ganz angesagten Action-Tausendsassas, deren Reaktionsgeschwindigkeit allerhöchstens von der Präzision der Atomuhr übertroffen wird und die flotter zwanzig Kehlköpfe eingedrückt haben als der Blitz herniederzuckt. Als solcher wird er hier denn auch wieder stilisiert, wobei sich mit seiner unehelichen Tochter, die dann doch keine ist, eine gemeine Achillesferse einschleicht, die jedoch hinreichend eigene Schlagfertigkeit entwickelt. Das Prinzip Patchwork-Familie bekommt Zwicks Film weniger gut und macht ihn im Mittel etwas duselig; eine Eigenschaft, die ausgewiesener Genreware wie dieser nicht unbedingt zur Goldmedaille gereicht. Ähnliches gilt für den Ober-Antagonisten Robert Knepper, der zuletzt in „Hard Target 2“ sehr viel mehr Gelegenheit zum Reüssieren hatte. Vielleicht besinnt man sich bis zum nächsten Mal wieder, lässt die Girlys weg und holt sich stattdessen nochmal Werner Herzog als Bösewicht. Könnte ja der filminterne Zwillingsbruder sein.

6/10

DER REST IST SCHWEIGEN

„Er benimmt sich höchst seltsam.“

Der Rest ist Schweigen ~ BRD 1959
Directed By: Helmut Käutner

John H. Claudius (Hardy Krüger), Firmenerbe der Essener Claudius-Werke, kommt nach langen Jahren aus den USA zurück ins Ruhrgebiet, um seinem Onkel Paul (Peter van Eyck), mittlerweile Generaldirektor des Betriebs und neuer Ehemann von Johns verwitweter Mutter Gertrud (Adelheid Seeck), die Vollmacht für die Werksleitung zu übertragen. Vermeintlich zumindest, denn John hegt einen akuten, furchtbaren Verdacht: Er glaubt, dass Paul und Gertrud einst gegen den Vater (Siegfried Schürenberg) paktiert und dessen offiziellen Unfalltod zu verantworten haben. Während Johns Nachforschungen ihn der schrecklichen Wahrheit immer näher bringen, versucht Paul, den unliebsamen Neffen mit allen Mitteln für verrückt und somit unmündig erklären zu lassen…

Basierend auf Shakespeares monumentalem Drama „Hamlet“ (der Filmtitel entspricht Hamlets letzten Worten vor seinem Tode) übertrug Käutner jene Geschichte in stark entschlackter Form auf die Dynastie Krupp und ihre unrühmliche Geschichte als Waffenproduzent während des Dritten Reichs. Etliche Namen wurden von Shakespeare übernommen;  so gibt es neben den Hauptpersonen der Claudius-Familie einen Vertrauten Horace („Horatius“ Rainer Penkert), die Ballettmeister Krantz und Goulden („Rosenkranz“ Boy Gobert und „Güldenstern“ Richard Allan) oder eine psychisch labile Fee von Pohl („Ophelia“ Ingrid Andree). Dass sich das Ganze zum Ende hin weg von seinem historizistischen Ansatz hin zu einem relativ ordinären Kriminalfilm wandelt, stört wider Erwarten nicht weiter – es gelingt Käutner trotzdem, Pessimismus und Bitterkeit zu präservieren. John hat zwar dafür sorgen können, dass der Gerechtigkeit genüge getan und die schändliche Intrige seines Onkels aufgedeckt werden konnte; seine Familie jedoch und mit ihr alles, was sie einst groß machte, ist nun endgültig ruiniert und das weit über die zu zahlenden Reparationsleistungen infolge ihrer Kriegsschuld hinaus. Sanitätsrat von Pohl („Polonius“ Rudolf Forster) ist tot, Gertruds bleierne Schuld erwiesen, Fee ist ob des Todes ihres Vaters dem Wahnsinn anheim gefallen; John steht einsam und verlassen vor der winterlichen, leeren Villa seiner Ahnen. Und von Edgar Wallace schauen neben Siegfried Schürenberg noch Charles Regnier und Heinz Drache vorbei. Zumindest personell überschaubar war der Deutsche Film da noch.

8/10

TARGET

  „A long time ago I worked for the CIA.“ – „Did you kill people?“

Target ~ USA 1985
Directed By: Arthur Penn

Als Donna (Gayle Hunnicutt), die Frau des Holzunternehmers Walter Lloyd (Gene Hackman) während eines Europatrips in Paris gekidnappt wird, reisen er und sein entsetzter Sohn Chris (Matt Dillon) unverzüglich auf den alten Kontinent, um vor Ort mehr über die Entführung zu erfahren. Im Zuge der aufregenden Reise muss Chris auf schonungslose Weise erfahren, dass die Biographie seiner Familie gefälscht und eine Lüge ist: Sein Dad war vor Jahren CIA-Agent, der sich seiner jungen Familie zurliebe zur Ruhe gesetzt und eine neue Identität angenommen hat. Jetzt will ihn offenbar jemand von der Gegenseite aus dem Weg haben, der noch eine alte Rechnung mit Walter, der eigentlich Duke Potter heißt, offen hat. Doch die Dinge sind nicht, wie sie scheinen; es gibt noch einen unbekannten Strippenzieher im Hintergrund.

„Target“ ist ein Vorzeigebeispiel für den künstlerischen Identitätsverlust, den zahlreiche Filmemacher der Ära New Hollywood durchleben mussten, nachdem die Studios sich wieder gefangen und den Blockbuster für sich entdeckt hatten. Arthur Penn, ohnehin ein vergleichsweise gealterter Protagonist der Bewegung und ohnehin von Haus aus spärlicher Arbeiter, hatte in den zehn Jahren zuvor lediglich drei Filme inszeniert, sollte sich bald dem Fernsehen zuwenden und dann ganz aus dem Geschäft zurückzuziehen. Wenngleich „Target“, seine dritte Zusammenarbeit mit Gene Hackman, jedem routinierten Genreregisseur zur Zierde gereichte, spürt man kaum mehr, hier der Arbeit eines Mannes ansichtig zu sein, der mit „Bonnie & Clyde“ oder „Little Big Man“ hinter eminenten Hauptwerken der gesamten amerikanischen Kinohistorie steht. „Target“ ist ein in seinem Timbre überdeutlich von seinen (mitteleuropäischen) Schauplätzen beeinflusster Cold-War-Thriller, dessen anfangs etwas verworren anmutender Plot sich irgendwann zu einer recht trivialen Auflösung vorarbeitet und den eigentlich doch so hübsch konfliktträchtigen, dramaturgisch vielversprechenden Vater-Sohn-Subplot irgendwann einfach beiseite drängt. Auf der Haben-Seite wären natürlich Hackman, der ja sowieso jeden Film bereits durch seine bloße Anwesenheit aus dem Mittelmaß katapultiert zu nennen, sowie eine ziemlich tolle Verfolgungsjagd  am Hamburger Hafen; Speicherstadt und Landungsbrücken inklusiv. Einen dialoglosen Miniauftritt  gönnte man übrigens noch Krauskopf Werner Pochath, der als Adlatus des (vermeintlichen) Bösewichts (Rollenbezeichnung: „Young Agent“) eine etwas obskure Rolle zu bekleiden hat. Immerhin ein erfrischender Lichtblick zwischendrin, während man gerade mal wieder dabei ist, erfolglos nach dem alten, inspirierteren Penn zu fahnden.

7/10

CADAVERI ECCELENTI

Zitat entfällt.

Cadaveri Eccelenti (Die Macht und ihr Preis) ~ I/F 1976
Directed By: Francesco Rosi

Nachdem mehrere Anwälte und Richter in verschiedenen Städten ermordet werden, sucht der überregional arbeitende Inspettore Amerigo Rogas (Lino Ventura) fieberhaft nach dem wie ein Scharfschütze vorgehenden Täter. Offenbar handelt es sich bei diesem um einen einst zu Unrecht verurteilten Apotheker namens Cres, der  versucht haben soll, seine Frau zu vergiften und der sich nun an der verantwortlichen Justiz rächen will. Von jenem Cres fehlt allerdings nicht nur jede Spur, aus sämtlichen Fotos in seiner Wohnung, die ihn zeigen, ist auch noch sorgfältig sein Konterfei herausgeschnitten. Als Identifizierungsgrundlage bleibt lediglich ein Phantombild, basierend auf der Beschreibung von Cres‘ Kollegen Maxia (Paolo Bonacelli). Dann geschehen weitere Morde , mit denen Cres‘ einstiger Fall nichts zu tun hat. Rogas wittert, das viel mehr hinter der Sache steht. Hochgestellte Köpfe der oberen Gewalten, der Chef der Polizei (Tino Carraro), der oberste Richter (Max von Sydow), der Sicherheitsminister (Fernando Rey), ein reicher Aristokrat (Gérard Darrieu), verbunden durch eine mysteriöse Bekanntschaft untereinander, scheinen sich zu konspirativen Treffen zu verabreden. Rogas wird zunehmend paranoid und findet sich ununterbrochen von Abhörprofis und Beschattern verfolgt. Wird hier ein Staatsstreich geplant?

Francesco Rosis Sciascia-Verfilmung braucht sich ebensowenig hinter den realitätsangebundenen Polit-Bestandsaufnahmen eines Costa-Gavras zu verstecken (nebenbei begegnen uns Renato Salvatori und Marcel Bozzuffi, Yago und Vago aus „Z“, wieder) wie vor den amerikanischen Paranoiathrillern dieser Tage, etwa von Alan J. Pakula. „Cadaveri Eccelenti“ zeichnet vor allem sein zwingender Fatalismus aus: Wer zuviel weiß, muss weg. Nur so kann das System weiterhin funktionieren. Es brodelt im Hintergrund, nur aus welcher Richtung bleibt unklar. Während linksintellektuelle Studenten und Jugendliche überall auf die Barrikaden gehen und lauthals die Verquickung von Mafia und Staat anprangern, macht im Hintergrund schon die Armee mobil. Ein linker Journalist und Freund Rogas‘ (Luigi Pistilli) will über Hintergründe informieren, doch sein Chef untersagt es ihm. Wer nicht dazu gehört, ist ahnungslos oder hat Todesangst. Doch wozu? Das lässt Rosi offen; was der brodelnden Verschwörung, dem heimlichen Komplott eine noch beunruhigendere Richtung gibt. Exakt mit dem Moment, in dem Rogas im Begriff ist, die Wahrheit zu erfahren, endet sein Recht, weiterzuleben. Er trifft sich in einem öffentlichen Museum mit einem Mitglied der kommunistischen Partei. Ihre Unterhaltung wird von gewaltigem Lärm überdeckt, dann werden beide aus der Entfernung erschossen. Später heißt es aus offiziellen Kanälen, Rogas habe durchgedreht und die Tat nebst anschließendem Suizid zu verantworten. Stadt oder Land werden, auch das ist bekannt bis üblich, nicht genannt. Sizilien scheint jedoch (ein) offensichtlicher Handlungsort zu sein. Der Zuschauer ist nicht nur an die allumfassende Konfusion Rogas‘ eines großartigen, aber apolitischen Kriminalisten, gebunden, sondern auch an seine allmählichen Erkenntnisse und vor allem das Bewusstsein, nicht mehr als ein Spielball unantastbarer Mächtiger zu sein. Dabei wird seine Leiche vermutlich nicht in jenem altehrwürdigen, vor Gebeinen bereits berstenden Ossarium enden, in der der Film mit Charles Vanel seinen gespenstischen Ausgang nimmt.

8/10