THE SISTERS BROTHERS

„We have enough money to stop for good.“

The Sisters Brothers ~ F/E/RO/BE/USA 2018
Directed By: Jacques Audiard

Oregon, 1851. Die beiden Sisters-Brüder Eli (John C. Reilly) und Charlie (Joaquin Phoenix) betätigen sich als Laufburschen für den reichen Geschäftsmann „Commodore“ (Rutger Hauer), der sie stets dann mobilisiert, wenn es besonders dreckige Jobs ohne Nachfragen zu erledigen gilt. Aktuell sollen sie einen Chemiker namens Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed), der just auf dem Weg nach San Francisco ist, in die Zange nehmen. Der sich privat gern in melancholischer Schreiberei ergehende Privatdetektiv John Morris (Jake Gyllenhaal) wurde ebenfalls engagiert, um die Vorarbeit zu leisten, Warm also ausfindig zu machen und den Sisters seinen Aufenthaltsort zu übermitteln. Während die Brüder einen beschwerlichen Ritt voller Zwischenfälle in Richtung Kalifornien auf sich nehmen, schließen Warm und Morris Bekanntschaft und freunden sich an. Morris erfährt von Warm den tatsächlichen Grund für das Interesse des Commodore an seiner Person: Er hat eine stark ätzende Säure entwickelt, die Gold in Gewässern sichtbar macht. Warm ist jedoch mitnichten daran interessiert, sich mittels der Formel privat zu bereichern; sein eigentlicher Traum sieht vor, mit dem zu erwartenden Erlös in Texas eine Enklave zivilisierter Liberaler aufzubauen, die als Musterbeispiel für eine zukünftige Gesellschaftsform dienen könnte. Als die Sisters die beiden bereits auf Goldsuche befindlichen Partner treffen, lassen sie sich auf deren Seite ziehen und entscheiden sich gegen ihren vormaligen Auftraggeber. Der zögert nicht lange und hetzt ihnen seine Killer auf den Hals…

Internationaler als zuvor wurde Jacques Audiard bereits mit seiner letzten Regiearbeit „Dheepan“, in der es um tamilische Migranten in Frankreich ging. Für „The Sisters Brothers“, seinen achten Film und den ersten, dessen Script in englischer Sprache verfasst ist, konnte er nunmehr auf eine recht eindrucksvolle US-Besetzung zurückgreifen, mit der im Schlepptau er sich naheliegenderweise eines uramerikanischen Stoffes annahm – eines Western. Ausschließlich gedreht an europäischen Schauplätzen (wie es diverse kontinentale Regisseure auch in jüngerer Zeit, die sich dem Genre widmen, ebenfalls zu praktizieren pflegen), vornehmlich in Rumänien und Spanien, spiegelt „The Sisters Brothers“ dennoch diverse klassische Gattungstopoi in teils immens metaphorisierter Form wider. Allgegenwärtig zeichnet sich etwa der akuter werdende Konflikt ab zwischen dem abenteurlichen, maskulinen Hang, die atavistische Wildheit der frontier towns zu bewahren und dem der Zivilisation des Ostens entspringenden Bedürfnis, eine sichere Existenzgrundlage in Form einer streng demokratisch organisierten Gesellschaftsreform zu errichten. Hermann Kermit Warm, Wissenschaftler, Philosoph, Pazifist und Träumer, steht symbolisch für einen möglichen Aufbruch in eine solche Utopie. Er hat bereits konkrete Pläne entwickelt, wie diese zu realisieren wäre und dem eigenen Bekunden nach bereits eine umfassende Loge aus Geistesverwandten mobilisiert. Sein Schlüssel ist jene chemische Formel, um Gold zu finden, wohl eine Art Königswasser. Auf Warms Weg ins Sozialparadies liegen jedoch die unwägbaren Stolpersteine der von außen heranströmenden Gier und Gewalt; man will seiner Erfindung unter Anwendung von Gewalt zunächst habhaft werden und weiß später nicht, adäquat mit ihr Maß zu halten. Auftritt Sisters Brothers. Die beiden nicht gänzlich ungebildeten (sie sind immerhin alphabetisiert), aber doch recht tumben Brüder stecken voller psychischer Untiefen. Charlie hat einst den prügelnden, dauerbesoffenen Vater getötet und ist nun selbst halber Alkoholiker, dem Mord und Gewalt zur zweiten Natur wurden. Eli, der Ältere der beiden, einer verflossenen Liebe tief nachtrauernd, sehnt sich insgeheim nach Sesshaftwerdung und Bürgerlichkeit, fühlt sich jedoch für Charlie verantwortlich. Die Begegnung mit Warm und Morris, die bereits in langen Gesprächen ihrer mittlerweile gemeinsamen Vision nachhängen, wird für sie zu einer biographischen Zäsur. Tatsächlich entwickeln die Brüder Verständnis und Sympathie für die beiden Gewalt verabscheuenden Männer und sind bereit, zu ihren Gunsten der vormaligen Loyalität zu entsagen. Eine ganz wunderbare Szene zeigt Eli und Morris, wie sie sich bei der morgendlichen Zahnpflege begegnen. Eli hat seine Zahnbürste nebst Fluorpulver erst vor kurzem in einem Krämerladen erworben und ist noch ganz verzückt von der ungewohnten, neuen Oralhygiene. Seine Reaktion, als er Morris ebenfalls beim Zähneputzen erblickt, spricht Bände – er fühlt sich, überglücklich lächelnd, dem traurigen Poeten nun inniglich verbunden, während jener lediglich ein kurzes Kopfnicken für Eli erübrigt.
Charlies Gier durchkreuzt schließlich alle Träume und mündet in ein humanes und ökologisches Fiasko, als er die Indikatorsäure maßlos in das gestaute Flussbett kippt. Nach dieser schlimmen Schlappe bleiben zudem noch die Häscher des Commodore, die den Sisters keine ruhige Minute mehr lassen. Ironischerweise führt sie am Ende, nach getaner Arbeit, der Weg wieder zurück ins heimische Nest, zur Mutter (Carol Kane), wo ein letztes kleines Sanktuarium des Friedens und der Harmonie wartet.
So wandelt „The Sisters Brothers“ leicht, sanft ironisch und behende zwischen finsterem Humor und Tragödie, wenn er seine beiden liebens- zugleich aber zutiefst bemitleidenswerten Protagonisten durch eine mit Irrwegen gepflasterte Welt schickt, zu deren nachhaltiger Mitbestimmung sie trotz aller ungestümen Versuche keine noch so winzige Nuance beitragen können.

8/10

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RAVENOUS

„Bon appétit.“

Ravenous ~ UK/USA/CZ/MEX 1999
Directed By: Antonia Bird

Sierra Nevada, Kalifornien, 1847: Nach einer Auszeichnung, die Captain John Boyd (Guy Pearce) infolge einer eher unfällig vollzogenen Heldentat in den letzten Tagen des Amerikanisch-Mexikanischen Krieges zuteil wird, entsendet man ihn nach Fort Spencer, einen kleinen, militärischen Außenposten am Fuß des Gebirges, der von dem gesetzten, sympathischen Colonel Hart (Jeffrey Jones) kommandiert wird. Eines Abends taucht ein halberfrorener Fremder (Robert Carlyle) in Spencer auf, der sich als Siedler namens Colqhoun vorstellt und eine furchtbare Geschichte erzählt: Er sei mitsamt fünf Mitreisenden infolge eines Schneesturms wochenlang in einer Höhle in den Bergen gefangen gewesen, wo der Hunger sie schließlich in den Kannibalismus gedrängt hat. Colqhoun habe noch fliehen können, bevor der wahnsinnig gewordene Colonel Ives auch ihn hatte töten und verspeisen können. Ives und eine Witwe seien noch vor Ort. Eine kleine Abordnung macht sich auf den Weg, der Frau zur Hilfe zu eilen, doch in der Höhle finden sich nurmehr die abgenagten Gerippe von fünf Leichen. Colqhoun entpuppt sich als der Hauptübeltäter und tötet bis auf Boyd alle Soldaten. Boyd kann sich mit gebrochenem Bein verstecken und ist schließlich selbst zum Verzehr eines seiner toten Kameraden (Neal McDonough) gezwungen, um zu überleben. Wie durch ein Wunder meistert er den Weg zurück nach Fort Spencer, wo sich just ein neuer Kommandeur vorstellt: Colonel Ives alias Colqhoun…

„Ravenous“, die vierte von bislang fünf Kino-Regiearbeiten der Londoner Filmemacherin Antonia Bird, könnte man als die groteske, mit Horrorelementen hybridisierte Paraphrase eines klassischen frontier western bezeichnen. Die Storyprämisse ist dieselbe wie sieben Jahre zuvor bei Kevin Costners Meisterwerk „Dances With Wolves“ – ein dem Tode geweihter Offizier rettet sich selbst durch einen mirakulösen Akt des Heldentums doch noch selbst das Leben, wird dafür perplexerweise ausgezeichnet und in westliches Niemandsland entsandt, wo er das Grauen einer barbarisierten Zivilisation erlebt. Indianische Kultur und Mystizismen nehmen in „Ravenous“ allerdings lediglich eine periphere Rolle ein: Boyd hört die Geschichte des „Wendigo“, eines gierigen Geistes, der, einmal dem Kannibalismus verfallen, einen unstillbaren, suchtartigen Hunger auf Menschenfleisch entwickelt, sich jeweils die Kraft des verzehrten Opfers aneignet und so selbst immer stärker wird. Jene Legende erweist sich im weiteren Verlauf als nur allzu zutreffend. Ives berichtet später, selbst von ihr gehört und sich hernach gezielt der Anthropophagie zugewandt zu haben, um seine Schwindsucht und seine Depressionen zu überwinden – höchst erfolgreich, wie er hinzufügt. Auch Boyd und Hart lernen die unheimliche, heilsame (und lebensspendende) Kraft kennen, die das Verspeisen von humanen Artgenossen mit sich bringt. Beiden gelingt es, dem sicheren Tod von der Schippe zu bringen. Ives hat derweil längst den Plan entwickelt, Fort Spencer zum Zentrum einer aus auserwählten (damit sind ranghohe Offiziere des Militärs gemeint) Mitgliedern bestehenden, kannibalischen Subkultur zu machen und sich dort künftig an Richtung Westen durchreisenden Siedlern zu delektieren. Die Symbolik dahinter ist so trefflich wie evident: Der Imperialismus frisst sich selbst. Den Wendigo könnte man ebensogut auch als Rachewerkzeug der im Rückzug befindlichen, indigenen Bevölkerung am Weißen Mann erachten; wenn schon die unrechtmäßige Landnahme stattfinden muss, dann zumindest nur unter grauenvollsten Entbehrungen. Den Kannibalismus schaltet Antonia Bird infolge dessen gewissermaßen gleich mit dem Vampirismus: Wie Blutsauger durch den Lebenssaft ihrer Opfer Unsterblichkeit und Unverletzlichkeit um den Preis der Entseelung erlangen, scheint auch die Anthropophagie (zumindest in den unerschlossenen Gefilden des amerikanischen Westens) einen ganz ähnlichen Effekt auf ihre Nutznießer auszuüben. Und doch lässt sich nicht abschließend klären, wo die Grenze zwischen Wahn und Spiritualität verläuft, denn gänzlich unsterblich, mit dieser beruhigenden Erkenntnis entlassen Antonia Bird und ihr Autor Ted Griffin uns aus ihrem ebenso schönen wie gewitzten Film, sind selbst Kannibalen nicht. Dafür können vermeintliche Feiglinge immer auch Helden sein.

8/10

THE PROFESSIONALS

„You bastard.“ – „Yes, Sir. In my case an accident of birth. But you, Sir, you’re a self-made man.“

The Professionals (Die gefürchteten Vier) ~ USA 1966
Directed By: Richard Brooks

Der reiche Rancher Grant (Ralph Bellamy) heuert vier Söldner unter dem Vorsitz des Strategen, ehemaligen Revolutionskämpfers und Villa-Sympathisanten Rico (Lee Marvin) an, seine gekidnappte Frau Maria (Claudia Cardinale) aus den Händen des mexikanischen Rebellen Jesus Raza (Jack Palance) zu befreien. Auch Ricos drei mit angeheuerte Kollegen sind jeweils Experten auf ihrem Gebiet: Für das Dynamit und seinen möglichst effektiven Gebrauch ist der charmante Lebemann und Womanizer Dolworth (Burt Lancaster) zuständig, der melancholische Ehrengart (Robert Ryan) ist Pferde-Profi und der wortkarge Sharp (Woody Strode) eine Koryphäeim Gebrauch von Waffen aller Art. Bis zu Razas Versteck, einer verfallen Hazienda jenseits der Grenze, dringen die Vier relativ problemlos vor – im Versteck des vermeintlichen Kidnappers angekommen, erleben sie jedoch eine unvorhersehbare Überraschung, die sie alle nach und nach die moralische Rechtmäßigkeit ihrer Mission überdenken lässt.

Für Richard Brooks‘ besten, zweiten (und somit mittleren von insgesamt drei) Western „The Professionals“ gilt: nomen est omen. Durchweg exzellent in der Ausführung ist Brooks ein handwerlich perfekter Genrebeitrag vor dem in den späten Sechzigern auch infolge der italienischen Ableger beliebten Hintergrund der mexikanischen Revolution gelungen, der mit Fug und Recht zu seinen besten Regiearbeiten gezählt werden muss. Die Prämisse, vier absolute, nicht mehr ganz junge, einsame Profis, Söldner natürlich, denen mittlerweile nurmehr Geld das abgeklärte Leben verschönern kann, auf eine Reise zu schicken, an deren Ziel sie mit ihren vormaligen (falschen) Idealen gebrochen haben werden, ist motivgeschichtlich gewiss betagt, was aber nichts am herben, zuweilen rustikalen Charme dieses ausgesprochenen Männerfilms ändert. Speziell das Protagonisten-Quartett bürgt für höchste Einsatzfreude: Lancaster bleckt, trotz zwischenzeitlicher Visconti-Erfahrung und inmitten allerlei sehr existenschwer beladener Rollen, nochmal die Kauleisten wie zu seligen „Crimson Pirate“-Zeiten (freilich mit pausenlosem Rauchwerksgenuss), Marvin, der als Leiter und Anführer des Kommandounternehmens wie stets cool as cool can ist, der imposante, einmal mehr eine unglaubliche Dignität an den Tag legende Strode und schließlich der – gemessen an manch lauter und böser Schurkenrolle von einst („The Naked Spur“, „Bad Day At Black Rock“) – geradezu betreten leise Ryan bilden ein vorzügliches Action-Kleeblatt. Dazu die sepiafarbene Prärie in feinster Breitwand und Technicolor (Conrad Hall) voller magic hours, dusks und dawns und Maurice Jarres Klänge, die dem von den umliegenden Lean-Epen akustisch verwöhnten Betrachtergehör einige Déjà-écoutaits bescheren – alles von vorn bis hinten von einer traumwandlerischen Perfektion und cineastischem Hochgefühl, von Luxus und Erhabenheit gesäumt, wie man sie heute in solch altehrwürdiger Form nicht mehr antrifft.

10/10

¡THREE AMIGOS!

„Do you have anything here besides Mexican food?“

¡Three Amigos! (Drei Amigos!) ~ USA 1986
Directed By: John Landis

Im Jahre 1916 stattet der gemeine Bandit El Guapo (Alfonso Arau) dem kleinen mexikanischen Dorf Santo Poco regelmäßige Besuche ab, um die dort lebenden Bauern zu terrorisieren und zu berauben. Die Farmerstochter Carmen sucht daher nach ein paar Revolverhelden, die El Guapo vertreiben sollen. In der Kirche sieht sie einen Stummfilm mit den „Drei Amigos“ (Chevy Chase, Steve Martin, Martin Short) und schickt ihnen ein Telegramm nach Hollywood. Da die drei just von ihrem Studioboss Harry Flugleman (Joe Mantegna) gefeuert wurden, kommt ihnen der Auftrag, den sie irrtümlicherweise für ein reines Entertainment-Engagement halten, gerade recht. In Mexiko angekommen, bemerkt man jedoch bald, dass die hiesige Luft mit echtem Blei gesäumt ist und will sich zunächst klammheimlich aus dem Staub machen. Doch nach kurzen Bedenken wird den Amigos klar: Ihre heroische Integrität darf kein Leinwandmythos bleiben.

Das war noch John Landis at his best. Für seinen Metafilm, der im Gewand einer Klamaukgeschichte von der Geschichte des Kinos selbst erzählt und von der Vermischung von Realitätsebenen, scheute sich der Regisseur keineswegs, neben überdeutlich verkitschten Sequenzen auch echte Genredramaturgie zu befleißigen. „¡Three Amigos!“ arbeitet auf multiplen Ebenen für die Rezipientenschaft und mit ihr, erfordert gewissermaßen mediale Kompetenzen und landissches Humorverständnis zugleich. Der Westernfreund lauscht begeistert den Klängen Elmer Bernstein, seines Zeichens bereits Komponist der unsterblichen Melodien aus „The Magnificent Seven“ (das Hauptinspirationsreservoir für die „Amigos“), für den Anhänger gepflegter Neo-Satire gibt es ein paar Songs von Randy Newman, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat (seine einzige Arbeit auf diesem Sektor). Kombiniert mit der Improvisationskunst dreier SNL-Genies kann dabei nur eine Komödie von edelstem Blute herauskommen. Und Landis als Regisseur schließlich verstand es, ein lupenreines Metaartefakt über die Traumfabrik zu liefern, das sich zur selben Zeit nicht scheut, die zuweilen schmierenkomödiantischen Wurzeln seiner Gattung hemmungslos offenzulegen. Die Musicalszene in der Pseudowüste, in der die Amigos – in einem mickrigen Studio hockend – „Blue Shadows“ (aus Newmans Feder) zum Besten geben, umringt von Pappkakteen, diversen Prärietieren und einer beispiellosen Sonnenuntergangskulisse, gehört in Landis‘ persönlichen Regieolymp, bringt sie doch „¡Three Amigos!“ wahrscheinlich am Stringesten auf den Punkt. Meisterwerk, punktum!

10/10

THE MAGNIFICENT SEVEN

„We deal in lead.“

The Magnificent Seven (Die glorreichen Sieben) ~ USA 1960
Directed By: John Sturges

Ein mexikanisches Bauerndorf wird regelmäßig von dem Banditen Calvera (Eli Wallach) heimgesucht und um seine Ernte gebracht. Also engagiert man sieben Revolverhelden (Yul Brynner, Steve McQueen, Charles Bronson, Horst Buchholz, James Coburn, Robert Vaughn, Brad Dexter), die den Desperados vor Ort den Garaus machen sollen.

Obschon gewiss einer der populärsten und meistgesehenen Western überhaupt, hat John Sturges‘ beleumundeter Klassiker der Motivgeschichte des Genres im Wesentlichen kaum Neues hinzuzufügen. Als Remake des Kurosawa-Films um sieben Samurai bzw. Söldner (die selbe Geschichte wurde später noch mehrere Male im B-Film-Sektor variiert und Sturges‘ Western-Variante erhielt drei Sequels und wurde sogar von Antoine Fuqua neu verfilmt) ist „The Magnificent Seven“ vielmehr zum historisch gewandeten Actionfilm geraten. Als ein solcher allerdings ist er meisterlich. Selten zuvor war eine Inszenierung, die vornehmlich auf den Transport von kinetischer Aktion und die Erzeugung hautnah spürbarer Bleigefechte bedacht ist, derart dynamisch. Die Charakterzeichnung ist ungeheuer präzise und es gelingt dem Buch, jeden Einzelnen der sieben gunslinger [selbst die im Prinzip nur recht peripher vorgestellten Harry (Dexter) und Lee (Robert Vaughn)] eine mythifizierende Aura zu verleihen, was dann gewissermaßen doch die eigentlichen Gattungswurzeln bedient. Hinzu kommen etliche Szenen, Schnittfolgen und Dialoge, die bereits jede für sich berühmt und unvergesslich sind. Für Bernsteins später zum Zigarettenkitsch restverwerteten, sinfonischen Titelmusik gilt dies ohnehin.
Ein prachtvoller, perfekter Film, tatsächlich makellos und frei von jedweder Schwäche.

10/10

THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS

„How high can a bird count anyway?“

The Ballad Of Buster Scruggs ~ USA 2018
Directed By: Ethan Coen/Joel Coen

Sechs frontier tales berichten von den manchmal widersprüchlichen Lebenswendungen und Weisen, die der alte Westen für seine Teilhaber bereithielt:
Der Poker spielend, fein herausgeputzte, singende und stets gut aufgelegte Gunman Buster Scruggs (Tim Blake Nelson) wird mit jedem fertig – bis eines schönen Tages ein Besserer (Willie Watson) seine Pfade kreuzt und ihn zum Engel macht;
Einem Nachwuchsgangster (James Franco) kommt immer wieder der Zufall dabei zur Hilfe, dem dräuenden Sensenmann zu entweichen, bis er irgendwann unschuldig, aber dafür umso gelassener aufgeknöpft wird;
Ein abgewetzter, alter fahrender Schausteller (Liam Neeson) stellt allabendlich einen jungen Mann (Harry Melling) ohne Gliedmaßen aus und lässt ihn Bibelweisen und Verse englischer Dichter von Shakespeare bis Shelley aufsagen, bis er, in Erwartung besserer Einnahmen, seinen alten durch einen neuen, vielversprechenderen „Star“ austauscht: Ein zählendes Huhn;
Ein alter Prospektor (Tom Waits) findet ein unentdecktes, idyllisches Gebirgstal nebst Goldader und verteidigt seinen wertvollen Fund tapfer und zäh gegen einen brutalen Strolch (Sam Dillon);
Eine alleinstehende, junge und mittellose Dame (Zoe Kazan) lernt auf einem Siedlertreck nach Oregon den Treckführer (Bill Heck) kennen, der ihr einen unerwarteten Heiratsantrag macht. Während schon das familiäre Glück auf sie wartet, meint das Schicksal es jedoch anders mit ihr;
Fünf höchst unterschiedliche Reisende (Tyne Daly, Saul Rubinek, Chelcie Ross, Brendan Gleeson, Jonjo O’Neill) fahren, einige Grundsatzdiskussionen führend und mit einer Leiche auf dem Dach in einer Postkutsche durch die Abenddämmerung Richtung Fort Morgan, Colorado, wo sie schließlich in einem finsteren Hotel absteigen, derweil der Kutscher umdreht und ihr Gepäck wieder mitnimmt.

Eine – veritable – Sensation: „The Ballad Of Buster Scruggs“, ein ebenso lyrischer wie quertreiberischer Post-Postwestern und einer der wenigen Episodenfilme der Gattung (spontan fallen mir ansonsten lediglich das Cinerama-Vorzeigestück „How The West Was Won“ und Sam Pillburys noch etwas seltsamerer TV-Anthologie „Into The Badlands“ ein) ist nicht nur das veritable Meisterwerk der Coens, mit dem zumindest ich nicht mehr gerechnet hätte, sondern stellt den letzten mir noch fehlenden Beweis da, dass die welt- und zukunftsoffene Cinephilie mit von Netflix produzierten Filmen rechnen muss – unabhängig eben auch davon, welches Bildschirmformat sie nun letzten Endes ausfüllen. Ähnliche Hochgefühle hatte ich vor nicht allzu langer Zeit bereits angesichts Saulniers „Hold The Dark“, doch die Coen-Brüder liefern nochmals hochpromillierter ab. Umso schöner war meine beflügelnd-stimulierende, kleine Reise durch die sechs recht unterschiedlich gefassten, aber doch allesamt um das wesenhaft morbide Allthema „Tod“ kreisenden, eine wie die andere wunderbaren Vignetten (von denen sich eine, die mit Tom Waits, sogar auf Jack London beruft), weil ich mir von „The Ballad Of Buster Scruggs“ wenig bis gar nichts erwartet hatte.
Mit den Coens ist es bei mir so: Ihr (vierteiliges) Frühwerk bis einschließlich 1991 halte ich für ausnahmslos epochal, makellos und tief prägend für alles Weitere, dann erfolgen erste, immerhin noch völlig respektable Durchwüchse, aber auch weiterhin Bravouröses bis hin zu einer sich gemächlich ankündigen Talsohle nebst brutalem Tiefpunkt, nach dem es eigentlich nur mehr wieder aufwärts gehen konnte, über eine insgesamt ordentliche Dekade mit mal ordentlichen, mal guten, in jedem Falle aber zumindest stets interessanten Filmen. Eine andauernde qualitative Hochfrequenz erreichen die ja nun mal nicht jünger werdenden Herren vermutlich nicht mehr, so lange jedoch noch alle paar Jahre frequentiert ein formvollendetes Panoptikum wie dieses den einstmaligen Enthusiasten zu befrieden daherschwebt, ist mir aller Rest lieb.
Die Coens rekultivieren in „The Ballad Of Buster Scruggs“ ihre alten Stärken, indem sie es wie eben schon lang nicht mehr schaffen, Form und Inhalt zu gleichberechtigten Prallelen zu erheben, zutiefst abgründig zu sein ohne je zynisch zu werden, inmitten aller bärbeißigen Gewalttätigkeit immer wieder stille, berückende Momente der Poesie und aufrichtigen Philanthropie einzulassen und für den Helden oder die Heldin jedes Segments echte, schöpferische Liebe aufzubringen. Dass dabei nicht selten verquere Gestalten den Weg des Zuschauers kreuzen, kennt man, weiß man. Sehr liebevoll entwickelt findet sich außerdem die fein ziselierte Dialogsprache, die, wie schon in „True Grit“, überaus pittoresk und höchst berückend mit dem barocken Timbre der Vergangenheit kokettiert.
Endlich einmal wieder ein aktuelles Werk, das mich restlos begeistern konnte – dass es ausgerechnet bei Netflix debütierte, dafür kann ich nichts; dass die Namen der Coens darüberstehen, freut mich indes umso mehr. So oder so.

10/10

THE BALLAD OF LEFTY BROWN

„It’s the money. It makes whores of men.“

The Ballad Of Lefty Brown ~ USA 2017
Directed By: Jared Moshe

Montana, 1889. Der Rancher Edward Johnson (Peter Fonda) ist zwar noch einer vom alten Schlag, hat aber dennoch einen Senatorenposten in Washington ergattern können. Als kurz vor seinem Amtsantritt ein paar Viehdiebe auf seinem Land aufkreuzen, macht er sich mit seinem alten Kumpel und Vorarbeiter Lefty Brown (Bill Pullman) an deren Verfolgung – und wird hinterrücks erschossen. Johnsons bald auftauchende Bekannte, Gouverneur Bierce (Jim Caviezel) und Sheriff Harrah (Tommy Flanagan) kondolieren Johnsons trauernder Witwe Laura (Kathy Baker), derweil sich Lefty an die Verfolgung der Mörder macht. Unterwegs trifft er auf den Jungspund Noah DeBow (Stephen Alan Seder), der sich im anschließt, ebenso wie der bald hinzustoßende Harrah. Als Lefty schließlich die Übeltäter ausfindig macht, muss er erkennen, dass Johnson zum Opfer einer politischen Intrige wurde, die auch vor seiner Person nicht Halt macht.

Wie es sich für einen zünftigen Spätwestern gehört, verfügt auch „The Ballad Of Lefty Brown“ über ein Figureninventar, das damit zu kämpfen hat, aus der Zeit gefallen zu sein. Sowohl der designierte Senator Johnson als auch sein treuer Adlatus Lefty Brown sind Männer von gestern, die, wenn auch mitunter heimlich und ohne großes Aufsehen, noch die Law-&-Order-Mentalität praktizieren, mit der sie selbst groß geworden sind. Ihnen gegenüber steht der Fortschritt in der Person des aalglatten Bierce. Dieser ist daran interessiert, Stadt und Staat an die Zivilisation anzubinden. Investoren sollen her, die Eisenbahn und mehr Siedler. Doch die Zivilisation beherbergt auch Schattenseiten. Korruption, Übervorteilung, Intriganz, Hinterhältigkeit. Attribute, mit denen einer wie Lefty Brown zeitlebens nichts zu schaffen hatte. Umso überrumpelter wähnt sich der einfach gestrickte, alternde Kauz, als auf einmal er selbst als Hauptverdächtiger des Mordes an Johnson dasteht. Doch mit Leftys unverwüstlicher Zähigkeit rechnet niemand und so kann am Ende wenigstens der Moral des Atavismus Genüge getan werden.
„The Ballad Of Lefty Brown“ hätte vor knapp fünfzig Jahren auch einen hervorragenden New-Hollywood-Western abgegeben, dafür bürgt gewissermaßen bereits die wehnütig konnotierte Mitwirkung Peter Fondas. In den frühen Siebzigern wäre die Figur vielleicht von Slim Pickens oder Dub Taylor interpretiert worden und die inhärente Zivilisationskritik wesentlich deutlicher und schärfer ausgefallen. Die Bildsprache hätte vermutlich nicht den ästhetischen Hochglanz vermittelt, den ein Genrevertreter anno 2017 als beinahe standardisierten Ästhetikfaktor vor sich herträgt. Was Jared Moshe jedoch nahezu verlustfrei und in kongenialer Weise zu transponieren weiß, das sind Grundierung und Atmosphäre seiner selbsternannten Ballade. Die Elegie, die die Abenddämmerung jener schrecklich-schönen Ära mit sich bringt, lässt einen, so man sich ihr auf die eine oder andere Weise verbunden fühlt, auch heute noch schwerer atmen. Nein, der Western ist nicht tot. Mitnichten.

7/10