THE BALLAD OF LEFTY BROWN

„It’s the money. It makes whores of men.“

The Ballad Of Lefty Brown ~ USA 2017
Directed By: Jared Moshe

Montana, 1889. Der Rancher Edward Johnson (Peter Fonda) ist zwar noch einer vom alten Schlag, hat aber dennoch einen Senatorenposten in Washington ergattern können. Als kurz vor seinem Amtsantritt ein paar Viehdiebe auf seinem Land aufkreuzen, macht er sich mit seinem alten Kumpel und Vorarbeiter Lefty Brown (Bill Pullman) an deren Verfolgung – und wird hinterrücks erschossen. Johnsons bald auftauchende Bekannte, Gouverneur Bierce (Jim Caviezel) und Sheriff Harrah (Tommy Flanagan) kondolieren Johnsons trauernder Witwe Laura (Kathy Baker), derweil sich Lefty an die Verfolgung der Mörder macht. Unterwegs trifft er auf den Jungspund Noah DeBow (Stephen Alan Seder), der sich im anschließt, ebenso wie der bald hinzustoßende Harrah. Als Lefty schließlich die Übeltäter ausfindig macht, muss er erkennen, dass Johnson zum Opfer einer politischen Intrige wurde, die auch vor seiner Person nicht Halt macht.

Wie es sich für einen zünftigen Spätwestern gehört, verfügt auch „The Ballad Of Lefty Brown“ über ein Figureninventar, das damit zu kämpfen hat, aus der Zeit gefallen zu sein. Sowohl der designierte Senator Johnson als auch sein treuer Adlatus Lefty Brown sind Männer von gestern, die, wenn auch mitunter heimlich und ohne großes Aufsehen, noch die Law-&-Order-Mentalität praktizieren, mit der sie selbst groß geworden sind. Ihnen gegenüber steht der Fortschritt in der Person des aalglatten Bierce. Dieser ist daran interessiert, Stadt und Staat an die Zivilisation anzubinden. Investoren sollen her, die Eisenbahn und mehr Siedler. Doch die Zivilisation beherbergt auch Schattenseiten. Korruption, Übervorteilung, Intriganz, Hinterhältigkeit. Attribute, mit denen einer wie Lefty Brown zeitlebens nichts zu schaffen hatte. Umso überrumpelter wähnt sich der einfach gestrickte, alternde Kauz, als auf einmal er selbst als Hauptverdächtiger des Mordes an Johnson dasteht. Doch mit Leftys unverwüstlicher Zähigkeit rechnet niemand und so kann am Ende wenigstens der Moral des Atavismus Genüge getan werden.
„The Ballad Of Lefty Brown“ hätte vor knapp fünfzig Jahren auch einen hervorragenden New-Hollywood-Western abgegeben, dafür bürgt gewissermaßen bereits die wehnütig konnotierte Mitwirkung Peter Fondas. In den frühen Siebzigern wäre die Figur vielleicht von Slim Pickens oder Dub Taylor interpretiert worden und die inhärente Zivilisationskritik wesentlich deutlicher und schärfer ausgefallen. Die Bildsprache hätte vermutlich nicht den ästhetischen Hochglanz vermittelt, den ein Genrevertreter anno 2017 als beinahe standardisierten Ästhetikfaktor vor sich herträgt. Was Jared Moshe jedoch nahezu verlustfrei und in kongenialer Weise zu transponieren weiß, das sind Grundierung und Atmosphäre seiner selbsternannten Ballade. Die Elegie, die die Abenddämmerung jener schrecklich-schönen Ära mit sich bringt, lässt einen, so man sich ihr auf die eine oder andere Weise verbunden fühlt, auch heute noch schwerer atmen. Nein, der Western ist nicht tot. Mitnichten.

7/10

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HOSTILES

„If I did not have faith, what would I have?“

Hostiles (Feinde – Hostiles) ~ USA 2017
Directed By: Scott Cooper

New Mexico, 1892. Kurz vor seiner Retirierung erhält der Indianerhasser Captain Joseph Blocker (Christian Bale) den Auftrag, den sterbenden Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi) und seine Familie zu den heiligen Stammesgründen in Montana zu eskortieren. Höchst widerwillig nimmt Blocker die Mission an. In der Prärie stößt man auf die verstörte Rosalee Quaid (Rosamund Pike), die just ihre gesamte Familie durch einen Überfall von Komantschen verloren hat. Blocker nimmt sie mit sich. Die folgende Reise konfrontiert die ungleiche, zunehmend dezimierte Gruppe nicht nur mit den rachedürstigen Indianern, sondern zudem mit gesetzlosen Trappern, dem Familienschlächter Wills (Ben Foster), den Blocker überführen soll, und rassistischen Ranchern. Dennoch gelangt man gemeinsam ans Ziel und, gewissermaßen, sogar darüber hinaus.

Ganz abgesehen davon, dass „Hostiles“ ein wunderschöner Genrefilm geworden ist, verlangt er hinsichtlich der Glaubwürdigkeit seiner Figurenentwicklung vielleicht das eine oder andere Zugeständnis – im Kern geht es schließlich um die, vielleicht gezwungenermaßen etwas einfältige, Menschwerdung eines unverbesserlich scheinenden Veteranen und Rassisten; darum, dass sich manchmal auch nach noch so prägenden und furchtbaren Ereignissen ein Schritt in die sehr viel humanistischere Gegenrichtung lohnt, den süßen Taumel der Erlösung von Geist und Seele inbegriffen. Wie Captain Joseph Blocker in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mit seinen erklärten Widersachern, den amerikanischen Ureinwohnern, umgesprungen ist, lässt sich nur mutmaßen. Andeutungen und angerissene Anekdoten lassen jedoch darauf schließen, dass er seinem späteren Gefangenen Mills wenn überhaupt nur wenig nachstand. Dass Gewalt und Hass ihn zu allem anderen denn zu einem zufriedenen Menschen gemacht haben, lässt sich jedenfalls an seinem verhärmten Gesicht und seiner Reaktion auf den unliebsamen Geleitsauftrag ablesen. Doch selbst einer wie Blocker lernt noch dazu. Vergebung ist möglich, blindwütige Generalisierung kontraproduktiv, Integrität keine Frage von Herkunft oder Hautfarbe. Auch dass es moralische Konflikte geben kann und muss, wird der einstige, grantelnde Kommisskopf schließlich begreifen, wenn er ein letztes Mal die Waffe erhebt – diesmal gegen weiße Siedler und zum Schutze von Yellow Hawks Familie. Über den (trotz allem wahrscheinlich sehr viel ehrlicheren/authentischeren) Fatalismus eines „Ulzana’s Raid“ sind wir hier hinfort.
Mit „Hostiles“ wagt Scott Cooper neben der Ausleuchtung vieler anderer Gattungsexemplare auch eine Ehrerbietung an und für Ford, im Speziellen seinen „The Searchers“ und die Figur des Suchenden Ethan Edwards, der schließlich, am Ende seiner Suche und vor seiner Auflösung im Mythenpool des Westens, wenn vielleicht auch nur für einen kurzen Moment, das Licht findet. Kann auch einer wie Blocker, verblendet und verbohrt, über seinen Schatten springen? Wenn sich am Ende die letzte Tür schließt, weiß man diese Frage zu beantworten. Nur dass Joseph Blocker hineingeht und nicht, wie einst Ethan Edwards, heraus.

8/10

BRIMSTONE

„I am as God. He is as I am.“

Brimstone ~ USA/UK/NL/BE/F/S/D 2016
Directed By: Martin Koolhoven

Für die stumme Farmerfrau Liz (Dakota Fanning) kehrt ein längst begraben geglaubter Albtraum zurück, als ein neuer Prediger (Guy Pearce) in ihrem Heimatstädtchen auftaucht. Bei dem Fremden handelt es sich um Liz‘ Vater, einen wahnsinnigen Perversen und religiösen Fanatiker, vor dem sie seit ihrer Jugend auf der Flucht ist und der sie immer wieder aufspürt, um ihr das Leben aufs Neue zur Hölle zu machen.

Martin Koolhovens infernalische Passionsgeschichte um eine junge Frau, die den langen, unverwüstlich scheinenden Klauen ihres teuflischen Vaters allen Versuchen zum Trotze nicht entkommen kann, ist gewiss kein eitles Zuckerschlecken für den Rezipienten. Vielmehr findet sich dieser als hilfloser Zeuge eines streng in vier Akte unterteilten, rund zweieinhalbstündigen Höllenritts, der uns die Biographie einer Heldin darlegt, wie sie trauriger und erschütternder kaum sein könnte. Von frühester Kindheit an ist Liz, die eigentlich Joanna heißt und die Tochter niederländischer Emigranten ist, daran gewöhnt, dass ihre Mutter (Carice van Houten) unter den unerträglichen Züchtigungen und Erniedrigungen ihres erzpuritanischen Vaters zu leiden hat. Als ihre Mutter sich ihren „ehelichen Pflichten“ mehr und mehr entzieht und Joanna mit dreizehn Jahren das Pubrtätsalter erreicht, schickt sich der Prediger an, sich die eigene Tochter sexuell gefügig zu machen und später zu ehelichen. Joanna kann jedoch nach einer ersten Vergewaltigung fliehen und landet völlig erschöpft in der Prärie bei einer reisenden Chinesenfamilie, die sie in der nächsten Stadt an einen Bordellbetreiber (Paul Anderson) verschachert, unter dessen „Fittichen“ das Mädchen die nächsten Jahre verbringt. Doch der Prediger macht sie schließlich ausfindig und mithilfe ihrer schwesterlichen Freundin und Leidensgenossin Elizabeth (Carla Juri) kann Joanna dem Wahnsinnigen abermals entkommen. Joanna nimmt die Identität der getöteten Elizabeth an und heiratet, so, wie ihre Freundin es ursprünglich heimlich geplant hatte, den entfernt lebenden, verwitweten Farmer Eli (William Houston). Doch auch hierher folgt der Prediger ihr nach einiger Zeit, wobei die sich nun Liz nennende Joanna heuer nicht mehr allein um ihr eigenes  Leben fürchten muss, sondern auch um das ihrer kleinen Tochter Sam (Ivy George).
Gegenwart, Vergangenheit, Vorvergangenheit und Gegenwart: Koolhovens Erzählweise seines mit den abgründigen Schrecknissen der menschlichen Seele arbeitenden Dramas ist nicht nur inhaltlich von komplexer Morbidität. Vielmehr nutzt er das traditionelle Format des Westerngenres, um sein stark von Laughtons „Night Of The Hunter“, Campions „The Piano“ und einigen anderen Werken um Leidenswege und -geschichten zwischen zertrümmerter Unschuld, Angst, Flucht, Emanzipation und Blutrache beeinflusstes, kraftvolles Horrormärchen um Bigotterie und multiple Höllenkreise zu lancieren. Die immer wieder an Bruegel und Bosch erinnernden, krassen Naturalismus nicht scheuenden Bilder sind bestimmt nicht für jeden; Koolhovens derbe Visionen von einem toten Baby mit zertrümmertem Schädel über einen Stall voller abgeschlachteter Schafe, strangulierte Menschen, Misshandlung, Pädophilie, Feuer und Verdammnis machen es einem nicht eben leicht, die finstere Schönheit von „Brimstone“ einzuzingeln und herauszufiltern. Und dennoch ist er genau das: ein ebenso gewaltiges wie gewalttätiges Beispiel großer unbequemer Kinokunst, ein apokalyptisches Menetekel, dessen Wirkmacht einen auch nach Tagen noch verfolgt und nicht aus dem Griff entlässt.

9/10

DUEL AT DIABLO

„I was better off with the Indians!“

Duel At Diablo (Duell in Diablo) ~ USA 1966
Directed By: Ralph Nelson

Der frühere Scout Jess Remsberg (James Garner) findet in der Wüste die von kriegerischen Apachen bedrohte Krämersfrau Ellen Grange (Bibi Andersson) und nimmt sie mit zur nächsten Stadt – ganz zu ihrem eigenen Unwillen und auch dem ihres Mannes Willard (Dennis Weaver), der sie eigentlich gar nicht mehr zurückhaben will. Remsberg erhält dort außerdem Kenntnis darüber, dass seine eigene Frau, eine Komantschin, von einem Unbekannten brutal ermordet wurde. Außer sich vor Rachedurst erfährt er, dass Marshall Clay Dean (John Crawford) in Fort Concho wohl mehr über die Bluttat weiß und macht sich auf den Weg durch die Wüste. Parallel dazu bricht auch ein kleiner Kavallerie-Trek nach Concho auf, den neben dem Ex-Sergeant und Pferdeexperten Toller (Sidney Poitier) auch Willard Grange zu Handelszwecken begleitet. Die Gruppe wird von den Apachen überfallen und sitzt fest. Remsberg, der zuvor die ausgerückte Ellen, die, wie sich herausstellt, ein Baby bei den Apachen hat, zurückholt und sich daraufhin allein nach Concho durchschlägt, ist die letzte Hoffnung der Belagerten.

Ralph Nelsons erster Western ist anders als der später entstandene, wütende „Soldier Blue“, noch ein sehr traditionsverhaftetes, klassisches Genrestück, dem es vor allem um Dynamik, Spannung und Action geht. Die thematischen Zwischennuancen bleiben eher in der zweiten Reihe haften: Die Unmöglichkeit von Rot und Weiß, eine funktionale Beziehung über die Schranken hinweg aufzubauen, etwa. Während Jess Remsbergs Frau ermordet und skalpiert wird, nur, weil sie eine Indianerin ist, hat sich Ellen Grange mit ihrem Schicksal, ursprünglich gewaltsam von den Apachen entführt und von einem der ihren zu seiner „Frau“ gemacht worden zu sein, schon deshalb verzweifelt arrangiert, weil ihr seither in der feinen, weißen Zivilisations-Gesellschaft niemand mehr über den Weg traut. Dass beide Schicksale, also die von Remsberg und Ellen, miteinander verwoben sind, behält der Film bis zum letzten Fünftel für sich und lässt dann sozusagen seinen göttlichen Zorn in Form böser Apachenfolter auf den enttarnten Mörder herabregnen.
Überaus interessant ist derweil, wie Poitiers Figur ins Narrativ integriert wird. Sein Status als Afro-Amerikaner spielt nämlich überhaupt keine Rolle für die Entwicklung des Films, als sei es im Westen der Zeit nach dem Sezessionskrieg respektive 1967 eine Selbstverständlichkeit, dass ein afroamerikanischer Dandy sämtliche im Film vorkommenden Weißen einschließlich des Haupthelden an Intelligenz, Können, Chuzpe, Stil, Selbstbewusstsein und Cleverness mühelos in den Schatten stellt. So etwas ging damals wohl auch nur mit Sidney Poitier, wobei man Nelson zu seinem Ansatz, ebenjene Tatsache erst gar nicht zum Thema zu machen, sondern sie schlicht als gegeben zu formulieren und ihr damit erst gar keine unnötige Brisanz zukommen zu lassen. Tatsächlich eine unbedingt probate Methode für einen Diskurs in Richtung Rassismus – man räumt ihm erst gar keinen Raum ein und erstickt ihn somit quasi vor der Geburt.
Der Rassismus in „Duel At Diablo“ ist ausschließlich ein Thema zwischen Indianern und Weißen und seine Natur nicht auf ethnischen oder genetischen Differenzen fußend, sondern eine reine Frage von unausgeglichenen Machtverhältnissen und Territorialität. Nelson schließt seinen Film mit dem Dialog „I wonder if they’ll stay on the reservation this time.“ – „Why should they?“ und macht damit seine heimlichen Sympathien deutlich. Dass diese nicht beim Büro für Indianerangelegenheiten liegen und auch nicht bei weißen Siedlern, Offizieren und Politikern, formulierte Nelson vier Jahre danach umso eindringlicher, mit Blut und Feuer.

8/10

RIDING SHOTGUN

„I didn’t want to draw, especially against the law, but nobody was taking my gun away from me.“

Riding Shotgun (Dieser Mann weiß zuviel) ~ USA 1954
Directed By: André De Toth

Gunman Larry Delong (Randolph Scott) arbeitet als Postkutschen-Eskorteur, sucht privat jedoch in erster Linie nach dem Mörder seiner Schwester und seines Neffen, dem Outlaw Dan Marady (James Millican), der sich mit seiner Gang im Hinterland versteckt. Als Maradys Leute just die Kutsche überfallen, die Delong momentan bewacht, den Fahrer töten und Delong gefangensetzen, gelingt es diesem zunächst zu entkommen. Im Städtchen Sweet Water ist man jedoch durchweg davon überzeugt, der Tote ginge auf Delongs Konto, wobei auch dessen eminenteste Beteuerungen, dass Marady plane, das örtliche Casino zu überfallen, die engstirnigen Bewohner nicht überzeugen können. Delong ist schließlich gezwungen, sich in einer kleinen Cantina zu verschanzen, während Marady in aller Seelenruhe das Casino ins Visier nehmen kann…

Im vorletzten Film seines sechsteiligen Westernzyklus mit und um Randy Scott griff Genre-Pro André De Toth das um die Zeit des McCarthyismus immer wieder beliebte und häufig bediente Motiv der in einer üblen Kombination aus Feigheit und Misstrauen gefangenen Kleinstädter auf, die den wahren Helden der Geschichte nicht nur verkennen, sondern ihm und seinem Gerechtigkeitspfad zudem noch gewaltige Steine in den Weg rollen und ihn gar abzuservieren trachten. Die vielsagend betitelte Stadt Sweet Water scheint voll von stieseligen, alten Männern, die ihr Hab und Gut in Gefahr sehen und deren faktisch grundloses Misstrauen gegen Larry Delong sich von Minute zu Minute mehr hochschaukelt, bis sie vereint zu offener Lynchjustiz bereit sind. Als problematisch für den zu Unrecht beschuldigten erweist sich zudem die Tatsache, dass der Sheriff der Stadt, ein Freund Delongs, mit einigen Männern unterwegs ist, um den Postkutschenüberfall vor Ort zu untersuchen und dieser daher nur auf eine verschwindend kleine Handvoll vernünftig bleibender Alliierter zählen kann.
Überhaupt liegt die große Stärke des Belagerungswesterns „Riding Shotgun“ in der sorgfältigen bis sanft ironischen Zeichnung seiner oftmals lustvoll unsympathischen Nebencharaktere; als da wären der hilflose, verfressene Deputy Murphy (Wayne Morris), dem es an der rechten Chuzpe mangelt, im entscheidenden Moment Vehemenz zu zeigen oder der kleingeistige, mexikanische Kneipier Fritz (Fritz Feld), dessen unendlicher Stolz einem ordinären Barspiegel gilt und der als beredter Opportunist selbst seine Mutter verraten würde. Auch Charles Bronson ist wieder an Bord als Bandit Pinto, der sich zu Delongs Glück zu dämlich anstellt, um diesen rechtzeitig aus dem Wege zu schaffen.
Dieses Panoptikon stetig nörgelnder, allzu impulsiver Dummköpfe, die den Revolver sehr viel lockerer sitzen haben als ihnen guttut, mag man durchaus als eine kleine, aber spitze Bestandsaufnahme quasi uramerikanischer Befindlichkeiten erachten, die sich auch heute noch, in Zeiten, in denen niemand Geringer denn der amtierende US-Präsident persönlich als repräsentstiver Bewohner Sweet Waters durchginge, ungebrochener Aktualität erfreut. Einziges Manko dieser ansonsten wiederum gelungenen De Toth/Scott-Kollaboration: Das ziemlich redundante, manchmal allzu geschwätzig wirkende voiceover des Helden, das de facto niemand braucht – am Wenigsten der Film selbst.

8/10

THE LAST HARD MEN

„I’m not dead. I’m retired.“

The Last Hard Men (Der Letzte der harten Männer) ~ USA 1976
Directed By: Andrew V. McLaglen

Der in Yuma einsitzende Mestize Zach Provo (James Coburn)  macht den retirierten Ranger Sam Burgade (Charlton Heston) für den Tod seiner Frau verantwortlich und sinnt auf Rache. Gemeinsam mit fünf Mitinsassen gelingt Provo eines Tages die Flucht aus dem Strafvollzug und er beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem zwar älter gewordenen, aber keinesfalls zum alten Eisen gehörenden Burgade. Als Provo dessen Tochter Susan (Barbara Hershey) entführt und sie ins Indianerreservat verschleppt, setzt Burgade alles daran, ihm und seiner Gang endgültig den Garaus zu machen.

Nach einer ganzen Reihe von Western mit den Altstars John Wayne und James Stewart, die man wohl gemeinhin als eher beschaulich und „old fashioned“ bezeichnen kann, stellte sich auch Ford-Eleve Andrew V. McLaglen den Zeichen der Zeit, holte den Knüppel aus dem Sack und begab sich auf die Spuren Peckinpahs, indem er mit Unterstützung des entsprechenden Schauspielpersonals einen harten Spätwestern inszenierte, in dem sich die Einschüsse blutig und das Sterben unschön gestalten. McLaglens vormaliges Faible für charmante, alte Raubeine, die vor romantischem Ambiente ihre letzten großen Einsätze vollziehen, weicht nunmehr einer höchst pessimistisch geprägten Endzeitstimmung, die sich weniger in einer tristen Bildsprache (Duke Callaghans Kamera weist vielmehr einen klaren, wohlbeleuchteten Strich auf), denn in einem recht zynisch eingefassten, omnipräsenten Nihilismus äußert – es geht um aus ihrer Zeit gefallene, grau gewordene gunslinger, die die Zeichen der Moderne, Automobile und Telefonleitungen, mit dem Blei und der mittlerweile zum Atavismus gewordenen Brutalität ihrer Tage kommentieren. Das Duell zwischen dem Analphabeten Provo und dem von seinen Nachfolgern geflissentlich belächelten Burgade ist nicht nur ein persönliches Geschäft, sondern zugleich ein Abgesang auf ihre eigene Generation, der am Ende keinen Sieger kennt. McLaglen hatte unterdessen gewiss ein paar italienische Genrevertreter gesehen und  auch die dazugehörigen Repliken seiner hauseigenen Berufsgenossen – jedenfalls lässt es sich als einigermaßen bezeichnend erachten, dass „The Last Hard Men“ sein letzter von insgesamt fünfzehn Kinowestern sein sollte, dem lediglich noch ein paar TV-Produktionen nachfolgten. Auch für einen relativen Spätzünder wie Andrew V. McLaglen war die Zeit gekommen, sich „zivilisierten“ Dingen zuzuwenden, die sich in seinem Falle vor allem als Abenteuer- und Kriegsfilme äußerten – vorenehmlich natürlich mit alten Raubeinen auf ihren letzten Missionen.

8/10

KID BLUE

„I’m gonna get me a job and earn honest money.“

Kid Blue ~ USA 1973
Directed By: James Frawley

Der in Südtexas als „Kid Blue“ berüchtigte Ganove Bickford Warner (Dennis Hopper) ist die Zeit des Herumvagabundierens leid und begibt sich nach dem Städtchen Dime Box, um dort, zum allgemeinen Amüsement seiner alten Gang, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Der erste Job beim örtlichen Barbier (M. Emmet Walsh) geht gründlich in die Hose und so fängt Bickford in der Nippeskeramikfabrik von Mr. Hendricks (Clifton James) an. Mit dem Pärchen Reese (Warren Oates) und Molly Ford (Lee Purcell) gewinnt Bickford zwei gute Freunde, doch er landet bald mit Molly im Bett. Überhaupt vertragen das konventionelle Spießerdasein und Bickfords Wesen sich überhaupt nicht miteinander und so baldowert er schon bald einen Plan aus, um Mr. Hendricks‘ Werkskasse zu plündern…

Mit „Kid Blue“ ist James Frawley ein echter Vorzugswestern gelungen, der wie viele Genreproduktionen aus der Ära New Hollywood die Gattung auf eine leicht schwebende, komödiantische Metaebene hebt, es sich dort bequem macht und, und darin unterscheidet er sich dann doch von den meisten seiner zeitgenössischen Wegbegleiter, trotz seiner stark systemkritischen Agenda den Mut zu einem versöhnlichen, gar euphorischen Abschluss aufbringt. Als kleine Americana verdichtet „Kid Blue“ den vergleichsweise epischen, subsummierenden Erzählansatz von Arthur Penns nicht unähnlich gelagertem „Little Big Man“ zu einem kaum minder satirischen Konzentrat; wie zuvor Dustin Hoffman tritt auch Dennis Hopper als eine Art schelmischer Simplicissimus an, sich den Gepflogenheiten einer merkwürdig pevertierten, neuen Ära zu stellen, scheitert jedoch an deren verlogener Doppelmoral. Literarische Einflüsse von Kafka bis Brecht lassen sich verzeichnen – die Industrialisierung mit all ihrer ausbeuterischen, stumpfen Gräue kommt im Mythenland Texas an, bürgerliches Recht und Gesetz personifizieren sich in ihrer denkbar unangenehmsten, repressivsten Form (die Rolle des eigenmächtigen Sheriffs „Mean John“ Simpson hätte anstelle von Ben Johnson idealerweise eigentlich  Duke Wayne übernehmen müssen), die Bourgeoisie pflegt nur genau solange ihre ethischen Grundsätze, wie sie sich nicht im gleichen Fluss wie christianisierte Indianer taufen lassen müssen und bis die gestandene Hure (Janice Rule) aufkreuzt, die mit Abstand intelligenteste Figur im Film. Ein drogensüchtiger Baptistenprediger (Peter Boyle) erweist sich als höchst liberaler Charakter und drei alte Indianer als wandelnde Anachronismen, die sich auf höchst seltsame Weise in der Zeit vergaloppiert zu haben scheinen und glauben, ein Bekenntnis zum christlichen Gott ließe sie das ihnen zustehende Land zurückgewinnen.
„Kid Blue“, mit Sicherheit einer der am Weitesten links positionierten Western überhaupt, ist ebenso speziell wie großartig in seinem zwischen Tragik und Humor bisweilen regelrecht transzendenten Habitus. Schade, dass Frawley, den ich, ähnlich wie Mark Rydell und Dick Richards als einen der „Vergessenen New Hollywoods“ erachte, nicht mehr Erfolg als Filmemacher beschieden war. „Kid Blue“ hätte als Empfehlungsschreiben jedenfalls völlig genügt.

9/10