THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP

„In Germany, the gangsters finally succeeded in putting the honest citizens in jail.“

The Life And Death Of Colonel Blimp (Leben und Sterben des Colonel Blimp) ~ UK 1943
Directed By: Michael Powell/Emeric Pressburger

England, in der Zeit nach dem „Blitz“: Anstatt sich an die Verabredung zu halten, das geplante Manöver betreffs eines deutschen Überfalls zeitlich planmäßig stattfinden zu lassen, setzt der junge Lieutenant Spud Wilson (James McKechnie) die Übung einfach um sechs Stunden früher an – die Wehrmacht, so meint er, würde ihre Attacken schließlich auch nicht minutiös ankündigen. Wilson und seine Männer geraten daraufhin in einem türkischen Bad an eine Gruppe älterer Offiziere, darunter den Major General Clive Wynne-Candy (Roger Livesey), der überhaupt nichts von der Eigenmächtigkeit Wilsons hält. Im Zuge eines folgenden, spontanen Zweikampfs Alt gegen Jung lernen wir Wynne-Candys Lebensgeschichte kennen.

Der Titel um „Colonel Blimp“, der zweiten, gemeinsamen Regiearbeit der beiden Freunde Michael Powell und Emeric Pressburger für ihre selbstgegründete Gesellschaft „The Archers“ und zugleich der erste Film ihres berühmten Technicolor-Zyklus, bezieht sich auf einen zu jener Zeit in England populären, satirisch geprägten Cartoon-Offizier, der als Klischeebündel die Steifheit und den unbeugsamen Selbsträsonismus britischer Militärvertreter karikierte. Obschon jener Colonel Blimp nicht nominell bei Powell/Pressburger auftritt, stellt deren Protagonist Clive Wynne-Candy – zumindest dessen zu Beginn des Films eingeführtes, altes Ich, eine eindeutige Entsprechung der Figur dar. Die Rahmenhandlung prononciert vor allem die Wehmut, mit der betagte englische Soldaten im Angesicht der „modernen Kriegsführung“ des Zweiten Weltkriegs auf ihre aussterbende Militärhistorie zurückblicken: In Indien, im Burenkrieg und selbst im Ersten Weltkrieg wurde noch fair gekämpft und gestorben; man verabredete sich quasi zum gegenseitigen Abschlachten und unkorrekte Übervorteilungen in Form unseliger Überfälle wie heuer durch die Nazis oder die Japaner gab es nicht. Männlicher Schneid und Galanterie prägten das Bild wahren Soldatentums – und nicht nur des englischen: Nach einem diplomatisch vergeigten Ausflug ins Berlin des Jahres 1902 und infolge eines schmerzhaften Fechtduells lernt Clive (seinerzeit noch) Candy den preußischen Offizier Theo Kretschmar-Schuldorff (Adolf Wohlbrück) kennen, – quasi seine deutsche Entsprechung. Die beiden Männer werden Freunde und auch, wenn Theo die ebenfalls von Clive begehrte Lehrerin Edith Hunter (Deborah Kerr) abbekommt, hat dies keinen Groll zur Folge. Sechzehn Jahre später ist das Kaiserreich just im Begriff, den Ersten Weltkrieg zu verlieren, als Clive in Frankreich die Krankenschwester Barbara Wynne (Deborah Kerr) – Ediths Ebenbild – kennenlernt und zur Frau nimmt. Dort begegnet er auch den in Gefangenschaft befindlichen Theo wieder, der ihn zunächst geflissentlich ignoriert, ihm dann aber seine Besorgnis hinsichtlich der Siegerdiktatur des Versailler Vertrags erläutert. Erst zu Beginn des nächsten großen Krieges begegnen sich die beiden alten Freunde wieder. Beide sind mittlerweile Witwer, finden in der jungen Chauffeurin Angela (Deborah Kerr) jedoch neuerlich die physiognomische Entsprechung ihrer verstorbenen Frauen. Theo beobachtet die Entwicklung in Deutschland mit großer Sorge, seine Kinder sind beide zu überzeugten Nazis geworden. Clive muss auf unerfreuliche Weise lernen, dass Krieg mit solchen Gegnern wie Hitler nicht mehr das Gentleman-Geschäft darstellt, dass er selbst von der Pike auf gelernt hat. Er wird in den Ruhestand versetzt und tritt der British Home Guard bei. Sein Haus wird bei einem Bombenangriff zerstört und es entsteht an dessen Stelle eine Zisterne. Endlich begreift Clive, dass und wie die Zeiten sich geändert haben.
„The Life And Death Of Colonel Blimp“ kann filmhistorisch betrachtet durchaus dem Segment des antideutschen Propagandafilms zuaddiert werden, das in diesen Jahren vielfach von Hollywood und England aus bedient wurde. Powell und Pressburger geben sich allerdings im Gegensatz diverser sehr viel rüder agierender Kollegen keineswegs damit zufrieden, plumpe Ressentiments zu bedienen oder gar zu schüren, sondern wählen einen sehr viel differenzierteren Ansatz als Narrativ ihrer vierzig Jahre umfassenden Biographie. Besonders hervorstechend und bemerkenswert ist die latente Ironie, mit der sich der unbeirrbare Glaube an soldatische Tugenden und die (insbesondere England als vormals bedeutender Kolonialmacht zueigene) militärische Arroganz der Briten sanft persifliert finden – ; Entsprechung und Bedeutung des gewählten Titels. Ferner markiert Clive Wynne-Candy eine keinesfalls eindimensional gezeichnete Figur. Schon die Trümmer der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs rufen Zweifel in ihm hervor über den bedauernswerten, selbstzerstörerischen Weg, den die Menschheit im beginnenden Centennium eingeschlagen hat. Dann wäre da die Freundschaft zu seinem deutschen Berufspendant Theo, der vor allem in späteren Lebensjahren, den Zerfall des Kaiserreichs, das Chaos der Republik und schließlich die NS-Machtergreifung und den ideellen Verlust der Kinder, noch wesentlich herbere persönliche Verluste als Clive hinzunehmen hat. Hier sind sich die beiden klugen auteurs nicht zu schade, Hitler und seine Mörderbande keinesfalls zur (selbst-)erwählten Führerriege ausnahmslos aller Deutschen jener Tage zu deklarieren. Schließlich beeindruckt die ungewohnte Entscheidung, Deborah Kerr in einer Dreifachrolle zu besetzen, was dem Script gestattet, ihren Charakter über vier Dekaden quasi nicht altern zu lassen. Obschon sie drei unterschiedliche, englische Damen spielt, versinnbildlicht im Rahmen dieses figuralen Triptychons gewissermaßen das trotz ihres doppelten Verbleichens ewig jung bleibende frauliche Ideal des Protagonisten, dem sie durch ihr moralisches Engagement in drei kritischen Lebenslagen Kraft und Halt spendet.
Die Tatsache, dass „The Life And Death Of Colonel Blimp“ zudem ein frühes Musterbeispiel für die reichhaltige Effektivität des damals noch nicht alltäglichen, wunderschöne Bilder gestattenden Drei-Streifen-Technicolor ist, einer technischen Errungenschaft, für die in den folgenden Jahren vor allem Powell und Pressburger in der Kinogeschichte reüssieren konnten, perfektioniert diesen wunderbaren Film nochmals auf der formalen Ebene.

10/10

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THE CUT

Zitat entfällt.

The Cut ~ D/F/I/RU/PL/CA/TR/JO 2014
Directed By: Fatih Akin

Acht Jahre, ein Weltkrieg, ein Genozid, vier Länder, zwei Kontinente und eine lange Reise.
Die Familie des in Mardin lebenden armenischen Schmieds Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) fällt wie viele andere 1915 den ethnischen Säuberungsaktionen der Türken zum Opfer. Nazaret wird von Frau Rakel (Hindi Zahra) sowie seinen kleinen Zwillingstöchtern Arsinée (Zein Fakhoury) und Lucinée (Dina Fakhoury) getrennt und als Zwangsarbeiter in die Wüste verschleppt. Dort wird er Zeuge des desolaten Schicksals vieler Armenier und Andersgläubiger, kommt fast um vor Hunger und Durst und soll schließlich von dem gefangenen türkischen Kleinkriminellen Mehmet (Bartu Küçükçağlayan) auf Anordnung einiger Soldaten hin die Kehle durchschnitten bekommen. Dieser bringt den Mord jedoch nicht fertig und zersticht stattdessen Nazarets Stimmbänder. Später rettet Mehmet den Schwerverletzten und bittet ihn um Vergebung. Nach langer Wanderung gelangt der nunmehr stumme Nazaret in ein unter entsetzlichen Bedingungen geführtes Flüchtlingslager vor Ra’s al-‚Ain, wo er seiner im Sterben liegenden Schwägerin (Arevik Martirosyan) wiederbegegnet, die ihn bittet, sie zu erlösen. Daraufhin gelangt Nazaret nach Aleppo und unter die Fittiche des Seifenmachers Nasreddin (Makram Khoury), der ihm Obdach und Arbeit gewährt. Nach Kriegsende erfährt Nazaret dann, dass seine beiden Töchter noch leben sollen. Die folgende Reise führt ihn über den Libanon bis nach Havanna und schließlich über Florida und Minnesota bis nach North Dakota, wo er Lucinée (Lara Heller) zu guter Letzt endlich wiedersieht.

Eine Migrantengeschichte von Hunderttausenden in den globalen Kriegsnachwehen bildet den Abschluss von Fatih Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Den für den Regisseur mit ungewohnt großem Aufwand und vergleichsweise gewaltiger Logistik entstandene Reisebericht darf man wohlfeil als „Weltkino“ bezeichnen, wobei andererseits die entbehrungs- und wendungsreiche Dramaturgie zu Lasten der vormals so intimen Figurenpsychologie verläuft. Während die Charaktere aus „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ und auch aus Akins früheren drei Filmen noch mit einem geradezu exemplarischen Persönlichkeitspolster versehen wurden und gerade ihre fein herausgeschliffenen Ecken und Kanten ihnen eine oftmals schon beängstigende Realitätsanbindung verlieh, hat derlei Intimität in „The Cut“ kaum mehr Platz. Natürlich steht der Protagonist Nazaret Manoogian im Zentrum des Geschehens und wird auch sorgsam motivatorisch unterfüttert, ihn überragt jedoch der gewaltige, teils schon monumental wirkende Charakter der historischen Einbettung. Das besonders von den Türken nach wie vor nur sehr vorsichtig und delikat angepackte Thema des systematisch durchgeführten Genozids der Osmanen an den Armeniern treibt Akin sehr viel mehr um als Hauptbelastungstopos, ebenso wie die daraus resultierenden Folgen der zwangsweisen Migration, der Flüchtlingsströme und der Versprengung und Zusammenführung von Familien. Um Zeit- und Lokalkolorit adäquat und kongenial zu präservieren, eine Herausforderung, an der der Filmemacher in formaler Hinsicht sichtlich wächst, musste Akin seine Perspektive zwangsläufig vom Individuum fort- und stattdessen zur Gesamterscheinung hinlenken, eine Gratwanderung, die sich interessant ausnimmt, ihm aber nicht immer zum Vorteil gereicht. „The Cut“ entfaltet seinen Sehenswert vor allem als historisches Kaleidoskop, das einem Vergleich etwa mit Elia Kazans Meisterwerk „America America“ allerdings nicht Stand zu halten vermag. Dabei ist er jedoch auch keinesfalls die große Enttäuschung, von der viele FeuilletonistInnen, vermutlich in Erwartung einer kammerspielartig-vollendeten Trilogieerfüllung, klagten: Fatih Akin zeigt im Gegenteil, dass er auch und selbst  in der Handhabung solch herausfordernder Projekte noch immer ein Regisseur von hohem internationalen Rang ist, wenngleich – soviel Ehrlichkeit muss dann bei aller berechtigten Schwärmerei doch sein – seine wahre Kraft an anderer Stelle reüssiert. In der vielleicht schönsten Sequenz in „The Cut“, einer sehr intimen zudem, besucht Nazaret kurz nach der Vertreibung der sieglosen Türken aus Aleppo zufällig eine Filmvorführung des mittlerweile vor Ort befindlichen Internationalen Roten Kreuzes. Projiziert an eine Hauswand und gänzlich ohne tonale Untermalung wird Chaplins „The Kid“ gezeigt. Erstmals verspürt hier ein verzweifelter Mann die Kraft der bewegten Bilder. Lachen und Weinen mit Chaplin als Tramp und Jackie Coogan als sein Adoptivsohn. Hier erfährt Nazaret auch vom Überleben seiner Töchter und schöpft somit neue Lebenskraft. Zeitlich betrachtet ist das eigentlich völlig unpassend, aber Akin konnte, vielleicht zurecht, der Versuchung nicht widerstehen. Das Kino ist frei und es darf (fast) alles.

8/10

THE LOST CITY OF Z

„Peace means only that nothing will change.“

The Lost City Of Z (Die versunkene Stadt Z) ~ USA 2016
Directed By: James Gray

Der britische Offizier Percy Fawcett (Charlie Hunnam), ein hervorragender Reiter und Schütze, leidet unter Standesdünkeleien, die ihn die in seinem Umfeld allgegenwärtige Aristokratie spüren lässt. Im Jahre 1906 wirbt ihn die Royal Geographical Society an, um in Südamerika ein unerforschtes Teilgebiet des Amazonas zu kartographieren. Dabei stößt Fawcett auf architektonische Relikte, die auf eine untergegangene oder möglicherweise noch existente, versteckte Hochkultur mitten im Urwald hindeuten. Mit letzter Kraft schaffen es Fawcett und seine verbliebenen Männer, in die Zivilisation zurückzukehren. Unter der Schirmherrschaft des Biologen James Murray (Angus Macfadyen) macht sich Fawcett zu einer zweiten Expedition auf, diesmal, um ganz gezielt die „Stadt Z“, wie Fawcett sie nennt, ausfindig zu machen. Murrays unprofessionelles Verhalten sorgt für einen frühzeitigen Abbruch des Abenteuers, wobei der feine Herr Fawcett zurück in England zudem des Verrats denunziert. Der erboste Fawcett kündigt der RGS seine Verbundenheit und kann jahrelang nicht mehr zum Amazonas reisen, obwohl in das Entdeckerfieber gepackt hat. Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg, der eine vorübergehende Erblindung zur Folge hat, überredet ihn schließlich sein ältester Sohn Jack (Tom Holland), im Jahre 1923 eine weitere Expedition zur Suche nach der Stadt Z zu starten. Die beiden kehren nie wieder zurück.

Dass James Gray sich vorzüglich auf die Inszenierung historischer Stoffe, sprich: period pieces versteht, konnte er bereits mit seinem letzten Film „The Immigrant“ nachdrücklich unter Beweis stellen. Er entwickelte seither ein spezielles Faible für Zeitkolorit und dessen detaillierte Ausgestaltung, was „The Lost City Of Z“ zu einem aufreizend gemächlich fortschreitenden, visuellen Festmahl macht, das Herzogs nicht unähnlich konnotiertem Meisterwerk „Fitzcarraldo“ wohl die eine oder andere Inspiration verdankt.
Diesmal muss der Filmemacher (und somit auch sein willfähriges Publikum) allerdings auf die Mitwirkung des ansonsten bereits zum gray’schen Obligatorium avancierten Joaquin Phoenix verzichten; der Qualität von „The Lost City Of Z“ tut dies jedoch keinen Abbruch. Gray wirft sich diesmal also in die wirren Strudel authentischer Historie und nimmt sich den britischen Entdecker Percy Fawcett vor, eines besonders bewundernswerten Vertreters seiner Zunft. Fawcetts Reisen und deren Berichte beflügelten nicht nur die von Exotik und Xenophilie geprägten Träume des späten Empire, sondern zudem auch die zeitgenössischer Abenteuerliteraten wie Doyle und Haggard, die persönlich mit Fawcett befreundet waren. Als Soldat nahm Fawcett darüberhinaus nicht nur seine Expeditionen nach Übersee in seinen wohl beispiellosen Erfahrungsschatz auf, sondern auch mehrere Kriegseinsätze, darunter die Schlacht an der Somme. Eine Verfilmung seiner Biographie war somit gewissermaßen höchst überfällig. Gray setzt im Irland des Jahres 1905 an, als Fawcett, damals 38 Jahre alt, eigens für einen hochherrschaftlichen Besuchs des Erzherzogs Franz Ferdinand (Brian Matthews Murphy) einen kapitalen Hirsch erlegt, nur um dann von der adligen Gesellschaft geschnitten zu werden – seine uneheliche Herkunft legt ihm nahezu unüberbrückbare gesellschaftliche Steine in den Weg. Gray wähnt hierin eines der primären Motive für Fawcetts spätere Besessenheit als Entdecker – die Wiederherstellung seines guten Familiennamens. Später leidet seine Familie, insbesondere Sohn Jack, unter der fortwährenden Absenz des Vaters. Erst als Erwachsener begreift Jack die Unumstößlichkeit der väterlichen Träumereien zur Gänze und bereitet ihnen das schönste Zugeständnis, indem er den bereits resignierenden Senior zu einer gemeinsamen, finalen Südamerikareise bewegt. Ab 1925 gelten Vater und Sohn Fawcett als verschollen, diverse eilends geschaltete Rettungsexpeditionen scheitern. Und auch Grays Film, der wiederum auf einem investigativen Buch des Journalisten David Grann beruht, verweigert sich einer eindeutigen Erklärung. Er forciert jedoch Mutmaßungen, denen zufolge die beiden tatsächlich jener geheimnisvollen, versteckten Dschungelstadt zumindest ansichtig geworden sind, ja, vielleicht sogar sich dort niedergelassen haben. Fawcetts ewigem Traum von mythischer Erfüllung wäre eine solch märchenhafte Fügung mehr denn zu gönnen.

8/10

WONDER WOMAN

„What I do is not up to you!“

Wonder Woman ~ USA/CN/HK/UK/I/CAN/NZ 2017
Directed By: Patty Jenkins

Die Amazone Diana (Gal Gadot) wächst unter ihren Stammesgenossinnen auf der vom Rest der Welt abgeschotteten Insel Themyscira auf, deren Bewohnerschaft eine enge Verbindung zur griechischen Sagenwelt pflegt. Ihren ersten Mann bekommt Diana 1918 zu Gesicht, als der US-Pilot Steve Trevor (Chris Pine) durch Zufall vor ihrer Insel notwassert. Als die idealistische, friedliebende Diana von ihm erfährt, was sich justament in der Außenwelt abspielt, entschließt sie sich in der Überzeugung, der Kriegsgott Ares sei für jene Schrecknisse verantwortlich, Trevor zu folgen und den mythologischen Unhold zu stellen. Bevor sie Ares tatsächlich gegenübersteht, hat Diana noch einige Abenteuer zu bestehen.

Mit „Wonder Woman“ geht DC in die vierte Filmrunde und liegt damit noch immer meilenweit hinter der Konkurrenz von Marvel zurück. Ob sich dahinter eine Strategie verbirgt, das Publikum nicht zu übersättigen, oder ob es schlicht der zurückhaltenderen Qualität der Resultate anzulasten ist, dass sie wesentlich geringer frequentiert zu Tage treten, mag Spekulationssache sein. „Wonder Woman“, um den ja wieder recht großes Trara veranstaltet wurde, von wegen „erster von einer Regisseurin inszenierter Superheldenfilm“ etc.pp. bewegt sich ziemlich eindeutig auf der von „Man Of Steel“ und „Batman V Superman“ vorgerodeten Schneise, den etwas schmalhirnigen „Suicide Squad“ eimal außen vorgelassen. Die Titel-Heroine, neben Superman und Batman seit jeher die Dritte im Bunde von DCs „Big Three“, hatte ihr aktuelles Debüt ja bereits inmitten der beiden alliierten Muskelprotze bei Zack Snyder gegeben und eine  dementsprechend sanft eingeleitete Kinogeburt. Innerhalb der Rahmenhandlung erhält sie von niemand Geringerem als dem alten Flederfuchs Bruce Wayne ein altes Foto aus dem Ersten Weltkrieg, das die seither um keinen Tag gealterte Heldin mit ihrem damaligen Galan Steve Trevor an der belgischen Front zeigt. Die hernach präsentierte origin wird also im Zuge einer Erinnerung abgespielt. Wonder Womans Herkunftsgeschichte ist im Rahmen ihrer Comic-Historie wohl so oft umgeschrieben und neu interpretiert worden wie die keiner anderen DC-Figur; mal ist sie aus einem Lehmklumpen heraus entstanden, dann wieder das Resultat eines schwachen, fleischlichen Moments, mal gibt es zwei Wonder Women (Dianas Mutter Hippolyta ist eigentlich ihre Vorgängerin). Was also eine wie auch immer geartete, direkte Anbindung an das gezeichnete Vorbild anbelangt, konnte der Film praktisch so gut wie nichts falsch machen. Die Idee, Diana erstmals vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs aktiv werden zu lassen ihr hernach gleich auch noch dessen Beendigung zuzuschreiben, erweist sich als durchaus charmant. Dass bei den betagteren Vertretern der Superheldenzunft auch historische Szenarien funktionieren, wissen wir bereits von „Captain America: The First Avenger“. Das Schützengrabengetümmel der Westfront bietet der Heldin allerlei rustikale Gelegenheiten, ihre noch nicht zur Gänze entdeckten Fähigkeiten auszuschöpfen und ordentlich kaiserliche Soldaten von der Platte zu putzen. Mir hat’s gefallen. Gal Gadot geht als nahezu perfekte Realinkarnation der schönen Amazone durch, Chris Pine erschien mir indes austauschbar. Subsummiert ist „Wonder Woman“ durchaus okay und phasenweise sogar vergnüglich, wozu insbesondere eine gepflegte Leichtigkeit im Umgang mit dem Sujet beiträgt. Dennoch freue ich für meinen Teil mich nach wie vor wesentlich mehr auf „Infinity War“ als auf den „Justice League“-Film.

7/10

GOODBYE, MR. CHIPS

„I’m not going to retire, you can do what you like about it.“

Goodbye, Mr. Chips (Auf Wiedersehen, Mr. Chips) ~ UK 1939
Directed By: Sam Wood

Mr. Charles Edward Chipping (Robert Donat), ehemaliger Latein- und Geschichtsehrer, Hausvater und Direktor, zählt mit 83 Jahren zum Humaninventar des altehrwürdigen Jungeninternats Brookfield. Generation von jungen Menschen hat er in über sechzig Jahren Schuldienst unterrichtet, erzogen, motiviert und betreut. Doch was zeichnet den Menschen Chipping eigentlich aus?
Mit knapp 20 Jahren fängt er in Brookfield an und hat es wie jeder beginnende Lehrer schwer, sich den Respekt und das Vertrauen der nicht wesentlich jüngeren Eleven zu erobern. Trotz mancher Krisensituation „überlebt“ er und wird zu einem stillen, aber geachteten Kollegen, der bei Beförderungen nur allzu gern übergangen wird. Auf einer Österreichreise, zu der ihn der deutschstämmige Kollege Max Staefel (Paul Henreid) mehr oder weniger nötigt, lernt Chipping dann seine Zukünftige Katherine Ellis (Greer Garson) kennen, die ihm erst seine wahre Standfestigkeit und eine elementare Portion Selbstvertrauen verschafft. Doch schon im Kindbett stirbt die arme Katherine mitsamt dem Baby. Chips, wie ihn seine kurzzeitige Gattin liebevoll zu nennen pflegte und wie sein Name prompt in den Schülerjargon eingeht, wird nie wieder einer Frau lieben. Der erste Weltkrieg dezimiert gleichermaßen Lehrer- und Schülerschaft, doch Chips hält als eilends eingesetzter „Ersatzdirektor“ Brooksfield aufrecht. Sein Heim bleibt auch nach der Pensionierung stets die Schule. Auf einen Kommentar des neuen Rektors an seinem Sterbebett, demzufolge Chips bedauerlicherweise nie Kinder gehabt hätte, entgegnet dieser mit gebrochener Stimme: „Sie irren sich. Ich hatte Tausende – und alles Jungs!“

Blendend schönes Biopic von Sam Wood, einem biestigen alten, unsympathischen Hollywood Professional von ganz rechts außen, der sehr viel feinere Filme zu machen pflegte als er selbst charakterliche Qualitäten besaß und dem man Humanistisches wie „Goodbye, Mr. Chips“ kaum zutrauen sollte.
Die fiktive Persona des Charles Edward Chipping schließt einen bewegten historischen Bogen: Er beginnt sein Lehramt in Brookfield vor dem geschichtlichen Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges, „erlebt“ aus der Ferne den Zweiten Burenkrieg und auch den Ersten Weltkrieg. 1933, nachdem er ganze 63 Jahre mit Brookfield verbandelt ist, strirbt Chipping, während Hitler sich in Deutschland zum Diktator aufschwingt. Drei Monarchen begleiten Chippings Lebens- und Berufsweg ebenso wie diverse politische Strömungen, Spannungen und Entspannungen. Und Chips? Der tut stoisch und goldenen Herzens seine Arbeit. Denn jene liebt er wie nichts Anderes auf der Welt, dafür ist er hier und einer der besten zurzeit. Generationen von Schülern lernen unter ihm, Fakten und Lebenslektionen; manch einem kann er später Anekdoten von dessen Großvater im Lausejungenalter erzählen. Sein Status ähnelt schließlich dem eines lebenden Denkmals, einer Legende. Mit zerzaustem, weißen Haar, Nickelbrille, löchrigem Talar und ungleichmäßig rasiertem Schnauzbart ist er manch jungem Schulleiter, der die Institution bereits als Wirtschaftsunternehmen begreift, ein Dorn im Auge, doch die Jungen wissen tief im Herzen, was sie an ihm haben. Alle Jahreszeiten eines Lebens durchwächst Chips und zerbricht trotz schlimmster persönlicher Tragödien nicht an ihnen. Fast jeder Mensch, der ihm etwas bedeutet, muss vor ihm gehen wegen Krankheit oder Krieg und er wirkt derweil wie eine Art Statthalter der Menschlichkeit.
„Goodbye, Mr. Chips“, im Kino-Superjahr 1939 uraufgeführt, ist zeitlos, auch wenn sein Ambiente hier und da leicht muffig erscheint. Er sollte eigentlich jedem angehenden Kollegen, egal welcher Schulform er sich zuwendet, spätestens zum Ende des Vorbereitungsdienstes vorgeführt werden, denn selten wurden Essenz, Liebenswürdigkeit und die gewaltige Entlohnung unseres schönen Berufs in 114 kurzen Kinominuten so pointiert zusammengefasst.

9/10

SHOUT AT THE DEVIL

„Bassie, you’re my savior!“

Shout At The Devil (Brüll den Teufel an) ~ UK 1976
Directed By: Peter R. Hunt

Deutsch-Ostafrika, 1913: Durch einen fiesen Trick sichert sich der versoffene Wilderer Flynn O’Flynn (Lee Marvin) die Mitarbeit des britischen Aristokraten und Aussteigers Sebastian Oldsmith (Roger Moore) bei seinem jüngsten Coup, der vorsieht, möglichst viel Elfenbein aus dem Territorium des Gebietsverwalters Fleischer (Reinhard Kolldehoff) abzugreifen. Fleischer, längst ein alter Intimfeind O’Flynns, kommt den beiden auf die Spur und sorgt dafür, dass ihr kleines Küstenboot versenkt wird. Als Oldsmith O’Flynns Tochter Rosa (Barbara Parkins) kennenlernt, verlieben sie sich und heiraten, nicht eben zu Gefallen des knauserigen alten Säufers, der Oldsmith immer wieder zu gefährlichen Unternehmungen anstiftet. Als der Krieg ausbricht – Oldsmith und Rosa haben gerade eine kleine Tochter bekommen – geht Fleischer prompt rigoros gegen die verhassten Widersacher vor. Bei einem durch ihn in Abwesenheit der Männer initiierten Überfall auf O’Flynns auf portugiesischem Staatsgebiet befindliche Farm stirbt das Baby. Da kommt der trauernden Familie der Plan der Briten, das kaiserliche Kriegsschiff ‚Blücher‘ ausfindig zu machen und zu versenken, gerade recht. Als Gebietskundige bieten O’Flynn und Schwiegersohn Oldsmith sich für den Auftrag an, zugleich die Möglichkeit, sich an Fleischer zu rächen.

Peter Hunts dritte Regiearbeit, ein seinem Titel angemessen wildes Kriegsabenteuer, erfreut sich vor allem der sagenhaften Kombination Marvin – Moore, zweier Darsteller, die in jeder Hinsicht gegensätzlicher kaum sein könnten und genau daraus eine wunderbare Chemie beziehen. Vor allem die zweieinhalbstündige Langfassung bietet dem Publikum ein emotionales Wechselbad – der Film beginnt als luftige Gauner- und Glücksritterkomödie vor historischem Kolorit und verändert dann zum letzten Drittel hin sukzessive seine Tonart, um schließlich in eine ebenso spannende wie leidenschaftlich vorgetragene Rachegeschichte zu münden. Personell stellvertretend für diese Partiturverschiebung steht die Figur des feisten deutschen Obersten Fleischer, von Reinhard Kolldehoff, der schon als SA-Scherge in Viscontis „La Caduta Degli Dei“ ganz phantastisch war. Findet sich Fleischer anfänglich noch als eher komische Bismarck-Karikatur mitsamt Zwirbelbart und Pickelhaube gezeichnet, dessen Rivalität mit dem notorischen Lumpen und Wilderer O’Flynn eher einem spaßigen Katz-und-Maus-Spiel gleicht, erhält er pünktlich zum Kriegsausbuch quasi die Legitimation, sich zu einem barbarischen Fanatiker zu entwickeln, der selbst den Tod eines Babys hinnimmt, ohne mit der Wimper zu zucken. Damit sind die Bestie Krieg auch in der zuvor noch von einer bald knuffigen Atmosphäre geprägten, beschaulichen kleinen WG der Familie O’Flynn/Oldsmith und ihrer eingeborenen Freunde (besonders liebenswert: Ian Holm als stummer, arabischer Diener) angekommen und ihre Mitglieder somit zur endgültigen Parteinahme gezwungen, wo zuvor noch vorrangig auf Elefanten geschossen wurde. Auch für Hunts Inszenierung bedeutet diese dramaturgische Entwicklung eine rigide Zäsur, der Film wird härter und deutlich blutiger. Dass auch Marvin und Moore jenen Fortlauf sozusagen widerspruchslos mittragen, spricht wiederum für die hohe Qualität ihres Engagements. Ein immens kantenreiches Werk, einem gewaltigen Kanonenschuss nicht unähnlich und für Freunde der beteiligten Darsteller sowieso absolut verpflichtend.

8/10

HITLER: THE RISE OF EVIL

„Traitors are defined not by themselves, but by the people they betray.“

Hitler: The Rise Of Evil (Hitler: Der Aufstieg des Bösen) ~ CA/USA 2003
Directed By: Christian Duguay

Über den Tod der Eltern, sein Versagen als Kunststudent, das zwischenzeitliche Obdachlosendasein und den Einsatz als Gefreiter im Ersten Weltkrieg bis hin zur Mitgliedschaft in der DAP erlebt der Österreicher Adolf Hitler (Robert Carlyle) bewegte junge Jahre. Sein unbändiger Narzissmus und sein pathologischer Hass auf Kommunisten und vor allem Juden sind der selbst im Wandel begriffenen Gesellschaft der Weimarer Republik jedoch keine Warnung; stattdessen findet Hitler etliche Förderer und Unterstützer, die seinen von Hindernissen gesäumten, jedoch nicht aufzuhaltenden Weg zum Diktator erst ermöglichen.

Als vordringlich privat ausgerichtetes, analytisches Biopic über jenen tiefgewachsenen, nicht besonders intelligenten, dafür aber umso großmäuligeren Braunauer, ist Duguays TV-Zweiteiler mittelprächtig gelungen. Er schildert den Aufstieg Hitlers in Form eines kompakten Abrisses, nimmt sich ein paar interpretatorische Freiheiten heraus, beweist Kenntnis etwa der Fest-Biographie, versagt aber in einem ganz wesentlichen Punkt: Hitler als genau jenen charismatischen Demagogen und Rattenfänger zu zeigen, dem es möglich war, die Massen zu erreichen und trotz seiner stets unverhohlen formulierten Ziele zum Sprecher des Volkes zu avancieren und jenen unsäglichen Führerkult zu etablieren. Stattdessen begnügt sich der Film damit, den Menschen Hitler zu einer Art koboldhaftem Dämon zu stilisieren und tappt damit selbst in die nur allzu verführerische Falle tendenziöser Kolportage. Schon ab frühester Kindheit wird der kleine Adolf als böses, ödipal gesteuertes Wechselbalg porträtiert, das dem Vater die Bienenstöcke anzündet und die Mutter ganz für sich allein haben will. Beinahe bilderbuchhaft setzt sich die Psychopathologie fort: Robert Carlyle kommt aus der Darstellung diverser Persönlichkeitsstörungen gar nicht mehr heraus. Besonders befassen die Autoren Hitlers überlebensgroßer Narzissmus sowie seine extrem besitzergreifende Mysoginie, die sämtliche Frauen zu spüren bekommen, mit denen er es zu tun bekommt.
Doch fehlt es ihm ebensowenig an Antagonisten: Der Journalist Gerlich (Matthew Modine) erkennt früh die Zeichen und macht publizistische Stimmung gegen Hitler, was er später als eines der ersten politischen Opfer von Dachau zu bezahlen haben wird. Der Verleger Hanfstaengl (Liev Schreiber) hegt nach anfänglicher Faszination bald eine tiefe Abneigung gegen Hitler, die er sich jedoch nicht zu äußern getraut, zumal Hanfstaengls Frau Helene (Julianne Margulies) eine merkwürdige Beziehung mit dem baldigen Führer verbindet. Etwas unübersichtlich, aber fraglos dem unübersichtlichen Chaos innerhalb der unausgegorenen Republik geschuldet, nehmen sich Hitlers politische Allianzen und Brüche aus, besonders personell. Drexler (Robert Glenister), von Kahr (Terence Harvey), Röhm (Peter Stormare), Ludendorff (Friedrich von Thun), Strasser (Wolfgang Müller), von Schleicher (Christopher Ettridge),  von Papen (Robert Russell), Hindenburg (Peter O’Toole) – Namen wie Schall und Rauch und doch allesamt eminente Pflastersteine für Hitlers turbulenten Aufstieg zum Weltenfresser und beispiellosen Massenmörder.
Die zunehmend grauenhaften Ereignisse der Jahre nach 33 handelt der Film, gemäß seinem Titel wie man allerdings zugeben muss, mit ein paar Bildern und Schrifttafeln ab. Vielleicht hätte eine geflissentlich andere Gewichtung der Ereignisse oder wahlweise eine längere Laufzeit „Hitler: Rise Of Evil“ wohlgetan oder ihn zumindest didaktisch wirkungsvoller gestaltet.
Da die Menschen knappe einhundert Jahre später nicht minder anfällig sind für hasserfüllte, rechte Agitation und sich just wieder allzu bereitwillig von Populisten und Demagogen diktieren lassen, was sie zu glauben und zu denken haben, kann es von derlei Dramaturgisiertem im Grunde trotz aller äußeren Kritik nie genug geben. Möge es insofern seinen bedürftigsten Adressaten begegnen.

6/10