VAMPIRE’S KISS

„I never misfiled anything!“

Vampire’s Kiss ~ USA 1988
Directed By: Robert Bierman

Peter Loew (Nicolas Cage) ist ein Protagonisten-Musterexempel der Ära Yuppie. Sein wohldotierter Job in einem New Yorker Verlagshaus verlangt von ihm bestenfalls oberflächliche Berufsqualitäten, die vor allem darin bestehen, seine Sekretärin Alva (Maria Conchita Alonso) zu drangsalieren. Nach Feierabend tingelt er durch die Szeneclubs und lässt seinen öligen Charme bei attraktiven one night stands spielen. Seine latente Einsamkeit offenbart er dann im Zuge wenig tiefschürfender Sitzungen seiner Analytikerin Dr. Glaser (Elizabeth Ashley). Nachdem sich eines Abends eine Fledermaus in sein Appartment verirrt, beginnt sich Peters angeschlagene Psyche noch weiter zu vernebeln. Rachel (Jennifer Beals), eine neue Damenbekanntschaft, entpuppt sich (möglicherweise nur in Peters Wahrnehmung) als Vampirin, die ihn in den Folgenächten genüsslich „melkt“. Peter meint derweil, immer mehr untrügliche Anzeichen dafür auszumachen, dass auch er sich nach und nach in ein Nachtwesen verwandelt, worunter wiederum besonders die arme Alva zu leiden hat…

Ich liebe unerwartet schöne Überraschungen beim Film.
Durch die Jahre dachte ich immer (überregional betrachtet eine letztlich wohl den allermeisten sogenannten Cine-Connaisseurs gemeine, arrogante und narzisstische Illusion) ich wäre wie mit so vielem auch wohlfeil mit Nicolas Cages Œuvre vertraut. Wer jedoch wie ich bis vor Kurzem „Vampire’s Kiss“ nicht gesehen hat, kann sich derlei Imagination ganz gepflegt schenken. So fand ich mich stets in der höchst irrigen Annahme, da gäbe es diese laue, romantisch angehauchte und geflissentlich zu ignorierende Vampirkomödie, die qualitativ, diegetisch und hermeneutisch irgendwo zwischen „Love At First Bite“ und „Vampire In Brooklyn“ anzusiedeln sei. Weit gefehlt. Robert Biermans von Joseph Minion („After Hours“) gescripteter Manhattan-Trip zählt in sämtlichen ihn betreffenden Belangen zum Besten seines Jahrzehnts. Da entpuppt sich Cages völlig entfesselte Interpretation der Hauptfigur, die einen in derselben Sekunde lachen, den Kopf schütteln und staunen lässt, nurmehr gar als Sahnehäubchen auf einem durchweg exquisit angerichteten Zeittableau. Viel Platz für Interpretation lassen Bierman/Minion dem überbügelten Betrachter nicht: Von Vampiren berichtet „Vampire’s Kiss“ mitnichten, er erzählt vielmehr auf zutiefst satirische Weise mit spitzer Feder vom tiefen Fall eines gelackten Yuppie, der in Anbetracht der Seelenlosigkeit seiner beruflichen wie privaten Existenz in Kombination mit ungezügeltem Alkohol- (und Drogen-?) Konsum unter die Räder gerät und auf ein letzten Endes durchaus irdisch bedingtes Ableben zusteuert. Als eine Art moderner Renfield, dessen Wahn im Wahn sich jedoch eher an Max Schreck alias Graf Orlok orientiert denn an dem devoten Insektenvertilger, geriert er, endgültig psychotisch geworden, zu all dem, was seine Persönlichkeitsstruktur ihm im Grunde längst vorzeichnet: einem misogynen, nutzlosen Hanswurst, der seine Unfähigkeit zu lieben und geliebt zu werden in einem bizarren Gewaltakt entlädt und dessen mutmaßliche Metamorphose sich dann gegen ihn selbst richtet. Vieles kommt einem da in den Sinn, die irrlichternden Hedonismuswelten von Bret Easton Ellis (der seinen thematisch und wesenhaft eng mit „Vampire’s Kiss“ verwandten „American Psycho“ erstaunlicherweise erst drei Jahre nach dessen Premiere veröffentlichen sollte) oder all die filmischen Porträts von vor urbaner Kulisse verrückt Werdenden. „Vampire’s Kiss“ lässt sich behende mit all diesen popkulturellen Spielarten verknüpfen und setzt ihnen ein echtes Juwel hinzu, das einen jeden, der es aus seinem unverdienten Schattendasein an die Oberfläche hievt, reichhaltig belohnt.

10/10           

SPELLBINDER

„Take this as a warning. There won’t be another.“

Spellbinder ~ USA 1988
Directed By: Janet Greek

Eines Abends nach dem Basketball-Training wird der Nachwuchsanwalt und Single Jeff Mills (Tim Daly) Zeuge einer Szene, bei der ein brutaler Typ (Anthony Crivello) auf offener Straße eine  junge Frau (Kelly Preston) malträtiert. Jeff, ganz heldenhafter Retter, verjagt den Kerl und kümmert sich um die sich ihm als Miranda Reed vorstellende Schöne. Miranda trifft Jeffs einsames Leben wie ein Schlagball und es entwickelt sich rasch eine heftige Romanze. Doch Miranda umgibt ein Geheimnis: offenbar ist sie auf der Flucht vor einem satanistischen Hexenzirkel, dessen Netzwerk nicht nur ganz L.A., sondern auch darüber hinaus bis in höchste soziale Schichten aktiv ist. Miranda, die bald darauf verschwindet und ebenso abrupt wieder auftaucht, eröffnet Jeff, dass sie nur noch wenige Tage Zeit habe, den Sektierern zu entkommen, ansonsten würde sie von ihnen geopfert werden. Jeff setzt alles daran, die Geliebte vor ihrem Schicksal zu bewahren und erlebt eine böse Überraschung.

„Spellbinder“ hatte die große, auf den ersten Blick gewiss etwas verwunderliche Ehre, von Hans Schifferle für dessen hochbeachtliche 1994er-Sammlung der „100 besten Horrorfilme“ selektiert zu werden, was ihm zumindest für die Kenner jenes feinen Bandes vor einem unverdienten Absturz in die dräuende Vergessenheit ersparte. Doch wie so häufig erkannte der in Genresachen bestens bewanderte Kritiker die wahre Qualität dieses kleinen Wunderwerks und verschaffte ihm den verdienten Status.
„Spellbinder“ funktioniert auf vielerlei Ebenen; am augenscheinlichsten wohl als inoffizielles Remake von Robin Hardys „The Wicker Man“, dessen frösteln machendes Thema um modernen Paganismus bzw. Satanismus er nahezu verlustfrei in die Großstadt Los Angeles übertrug. Hier wie dort steht im Zentrum ein einsamer, junger Mann, pflichtbewusst und mit goldenem Herzen versehen, der zum Zentrum einer sorgsam entspinnten Verschwörung wird. Allerdings ist Jeff Mills kein eherner, britischer Polizeibeamter, sondern ein typisch kalifornischer Yuppie, gepflegt, von Stil und Geschmack beseelt, zugleich aber von der Oberflächlichkeit seiner Kaste angewidert und ein hoffnungsloser Träumer und Romantiker mit umfangreicher Capra-VHS-Sammlung. Die große Liebe hat sich ihm bis dato nicht offenbart, wie könnte er da einer Traumfrau wie Miranda entsagen? Dass jedoch nicht nur sie nicht das ist, was sie selbst auf den zweiten Blick zu sein vorgibt, diese schmerzliche Erfahrung muss Jeff zum Ende seiner Reise hin machen, als sich sein von Anfang an gezinktes Verlierblatt vor ihm auf dem Tisch ausbreitet. „Spellbinder“ hat es dabei nicht nötig, auf lauten, grellen Horror zu setzen, sein Schrecken entblättert sich vielmehr auf subtile und damit umso effektivere Weise. Man sucht bald gemeinsam mit dem durch L.A. irrenden Jeff nach Hinweisen, die Licht ins mysteriöse Dunkel bringen könnten. Ein Cary-Hiroyuki Tagawa als offenbar durchaus bewanderter Polizei-Lieutenant wirkt da beispielsweise nicht eben Vertrauen erweckend. Die Blumen des Bösen scheinen urplötzlich aus allen Löchern zu sprießen, dräuende Paranoia verschafft sich ihren berechtigten Raum. Dabei ist doch alles nur Teil eines endlosen Kreislaufs, womit wir wieder beim paganistischen Weltbild angelangt wären. Und natürlich bei dessen gehörntem Erfüllungsgehilfen. Sollte ich jemals die Muße verspüren, eine Liste über die besten Sekten- und Satanisten-Horrorfilme anfertigen, bekommt „Spellbinder“ einen der oberen Plätze. Mein Wort darauf.

8/10