EVE’S BAYOU

„To a certain type of woman, I am a hero.“

Eve’s Bayou ~ USA 1997
Directed By: Kasi Lemmons

In den 1960ern lebt die zehn Jahre junge Eve Batiste (Jurnee Smollett) mit ihren Eltern Louis (Samuel L. Jackson) und Roz (Lynn Whitfield), ihren beiden Geschwistern, dem jüngeren Bruder Poe (Jake Smollett) und der älteren Schwester Cisely (Meagan Good) sowie der Großmutter (Ethel Ayler) in einem von Creolen-Nachfahren besiedelten, sumpfnahen Ort in Louisiana. Auch Eves bereits dreifach verwitwete Tante Mozelle (Debbi Morgan), die übersinnliche Fähigkeiten hat, ist ein festes Mitglied des Hausstands. Den Batistes geht es in materieller Hinsicht gut; Louis gilt als ein anerkannter Landarzt in der Region und wird von der afroamerikanischen Community vor Ort sehr respektiert. Doch binnen der eigenen vier Wände bröckelt das Idyll beträchtlich, Louis ist nämlich auch ein unverbesserlicher Schürzenjäger und Gigolo, der nicht allein medizinische „Behandlungen“ an seinen Patientinnen vornimmt. Eines Abends ertappt Eve ihn in der Scheune mit seiner Geliebten (Lisa Nicole Carson) und beginnt von diesem Tage an, den zuvor vergötterten Vater in einem anderen Licht zu sehen. Als die pubertierende Cisely später von einem ungeheuerlichen, nächtlichen Erlebnis mit Louis berichtet und zu Verwandten abreist, beschließt Eve, dem Leben ihres Vaters mittels Voodoo-Magie ein Ende zu setzen und wendet sich an die Hexe Elzora (Diahann Carroll)…

Amerikanische southern gothic tales haben, wenn sie mit dem nötigen Maß an Regionalromantik und Charakterempathie erzählt sind, stets etwas zutiefst Magisches. Klassischerweise von renommierten weißen Dichtern wie Bierce, Faulkner oder Williams ersonnen, fristen derweil die vornehmlich oder gar ausschließlich von people of colour berichtenden Geschichten – Toni Morrisons „Beloved“ kommt einem sofort in den Sinn – nach wie vor ein unverdientes Nischendasein. Eine ebenso prächtige wie berückende Filmausnahme bildet dieses Regiedebüt der zuvor als Nebenrollenschauspielerin aufgefallenen Kasi Lemmons, das, zugleich von ihr geschrieben, als elementares Spätwerk der New-Black-Cinema-Welle erachtet werden muss. Als eine Art afroamerikanisches Gegenstück zu Harper Lees „To Kill A Mockingbird“ und gleichermaßen ein Heimatfilm, zentriert „Eve’s Bayou“ die rückblickend aus ihrer sich sukzessive entzaubernden Kindheit erzählende Protagonistin Eve Batiste, deren Name auf den von der lokalen community verehrten Gründervater der Ortschaft zurückgeht. Wie einst die kleine Scout Finch hat auch Eve im Zuge eines schicksalhaften Sommers einige bittere Lektionen zu lernen, die sie auf Ab- und Umwegen ins unschuldsberaubte Erwachsenendasein tragen werden. Hier sind diese allerdings allerhöchstens indirekt mit Vorurteilen und Rassismus verknüpft. Zwar leben die Batistes ein wenig nach dem Vorbild weißer Dynastien des vorvergangenen Jahrhunderts, indem sie ihren Wohlstand außenwirksam leben und genießen, weißhäutige Menschen kommen in ihrem Mikrokosmos jedoch nicht vor, zumindest nicht, soweit es Eves kindliche Wahrnehmung anbelangt. Eve pendelt zwischen Frauen, zwischen ihrer gehörnten Mutter, ihrer mysteriösen, als verschroben geltenden Tante, ihrer alles zerredenden Großmutter und ihrer Schwester. Während Eve in ihrem Vater bislang ein von ihr abgöttisch idealisiertes Mannsbild sah, zerbricht diese Projektionsfläche bald in tausend Scherben, eine Erkenntnis, die sie auf zerstörerische Weise langfristig mit Desorientierung und Gewissenschuld belasten wird. Denn seine gesellschaftliche Stellung ist Louis Batiste wie vielen erfolgreichen Männern längst zu Kopf gestiegen. Von der Hybris übermannt, erachtet er seine permanenten außerehelichen Fehltritte, darunter selbst die offen zur Schau getragene Affäre mit der Gattin seines besten Freundes (Roger Guenveur Smith), als die lässlichen Streiche eines unverbesserlichen Filous, derweil zu Hause die Seelen seiner Liebsten bersten.
Lemmons nutzt diese Grundkonstellation zur Erzählung einer zu Herzen gehenden Coming-of-Age-Geschichte, die mit ihrer betont entklischierten Aufbereitung zig etablierte Hollywood-Klischees mit Füßen tritt und somit fast wie ein Stück aus einer Parallelrealität wirkt. Jede Figur erhält ihre Zeit, flankiert von verschrobenen Wegbegleitern wie der Voodoo-Magierin Elzora oder Mozelles mysteriösem, jüngsten Galan Julian Grayraven (Vondie Curtis-Hall), die vor allem den latenten, sanften magischen Realismus des Geschehens verstärken. Ein wunderbarer Film, der, nunmehr vierundzwanzig Jahre alt, einen Samuel L. Jackson noch ohne den typologischen Ballast der späteren Ära offeriert und auch sonst kein bisschen betagt wirkt.

8/10

THE GENERAL’S DAUGHTER

„You are running one lunatic base here!“

The General’s Daughter (Wehrlos – Die Tochter des Generals) ~ USA/D 1999
Directed By: Simon West

Just nachdem er in Georgia einen Undercover-Auftrag um illegale Waffenverkäufe auf etwas unkoventionelle Weise abhaken kann, wartet vor Ort schon der nächste Fall auf CID-Warrant-Officer Paul Brenner (John Travolta): Gemeinsam mit seiner alten Bekannten Sara Sunhill (Madeleine Stowe) soll er den Mord an Elisabeth Campbell (Leslie Stefanson) untersuchen, ihres Zeichens Captain in der PSYOP-Abteilung und pikanterweise Tochter des kurz zuvor retirierten Stützpunktkommandeurs General Campbell (James Cromwell), auf den bereits eine erfolgreiche Karriere in der Politik wartet. Brenner und Sunhill sehen sich einer Mauer des Schweigens gegenüber – nicht nur, dass jeder Soldat auf der Basis offensichtlich mehr weiß als sie und ihre Arbeit immer wieder torpediert wird, umgeben die Biographie des zu Lebzeiten zumindest oberflächlich so sympathischen Opfers diverse Unebenheiten. So scheint Elisabeth ein höchst promiskes Leben geführt, zugleich jedoch unter schweren Depressionen gelitten zu haben. Die Nachforschungen des Ermittlerpaars in Westpoint, wo Elisabeth ausgebildet wurde, fördern Unerhörtes zutage…

Das Hollywood-Kino insbesondere der neunziger Jahre liebt das US-Militär, auch, wenn die eigentlichen Kerntopoi des einen oder anderen Films sich in vermeintlich kritischer Weise äußern. Simon Wests „The General’s Daughter“ gibt dafür ein vorrangiges Exempel ab. In Kombination mit dem wildromantischen Ambiente des amerikanischen Südens reiht der Film eine visuelle Leckerei an die nächste: Die Optionen sonnendurchfluteter Bilder, feudaler Kolonialstilvillen, schnieker Uniformen, schneidiger, schöner SoldatInnen und einer Menge hochklassigen Schauspielpersonals vor der Kamera spornten den Regisseur zu ästhetischen Höchstleistungen an. Der die MeToo-Bewegung auf Army-Ebene antizipierende Plot kann jedoch ebenso wenig verhehlen, dass sich hinter all dem Gewese ein vollkommen gängiger Kolportagethriller im Uniformgewand, versetzt mit diversen campigen Elementen, abzeichnet, der sämtliche Stereotypen des (Sub-)Genres reichhaltigst füttert. Jede einzelne Figur ist angefüllt von wohlbekannten Klischees, die es dem Publikum vermutlich umso leichter machen sollen, die im Kern befindliche Story um die sukzessive Deklassierung erfolgreicher (und attraktiver!) Frauen im Militär zu schlucken. Diese bleibt dann auch gerade so empörend wie es die äußeren Umstände gestatten.
Nach „A Civil Action“ liefertTravolta indes wieder ganz die gewohnt coole Sau, die jedem potenzielen Widersacher ohne viel Federlesens einen passenden Spruch drückt und Bonmots und Oneliner abfeuert wie ein Maschinengewehr. Die von William Goldman cogescripteten Dialoge nehmen sich mitunter entsprechend anstrengend aus und geraten insbesondere in einer Wortduellszene zwischen Travolta und James Woods als hochverdächtigem Colonel zu einer nachgeraden Belastungsprobe für den Zuschauer. Echte Spannung zaubert „The General’s Daughter“ derweil nie aus dem Barett, bis hin zur dramaturgiebedingt naheliegenden Entlarvung des (primären) Täters und seiner spektakulären Selbstrichtung möchte der Puls nie über die gewohnte Frequenz hinwegsteigen. Erfreuen mag man sich eher auf die spitzfindige Art – an all der rigorosen Kalkuliertheit, die Filme wie dieser so einfältig wie selbstbewusst ausstellen.

5/10

SEEKING JUSTICE

„The hungry rabbit jumps.“

Seeking Justice (Pakt der Rache) ~ USA 2011
Directed By: Roger Donaldson

Will Gerard (Nicolas Cage) ist Englischlehrer an der Rampart High in New Orleans und glücklich verheiratet mit der schönen Musikerin Laura (January Jones). Den fortschreitenden Absturz der schönen Stadt in die Kriminalität registriert Will eher beiläufig – bis zu dem schicksalhaften Abend, als Laura vergewaltigt und schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Dort taucht bald auch ein mysteriöser Unbekannter (Guy Pearce) auf, der sich Will als „Simon“ vorstellt und ihm das Angebot unterbreitet, den Missetäter (Alex Van) seiner privaten Justiz auszuliefern und diesen somit ohne den ordentlichen Rechtsweg kurzerhand zu exekutieren. Im Gegenzug würde Will irgendwann um einen kleineren Gefallen gebeten. Der emotional aufgewühlte Ehemann willigt zaghaft ein und erhält tatsächlich bald die Nachricht vom Tode des Vergewaltigers. Es dauert nicht lang, bis sich Simon wieder meldet und Will mit der Observierung und schließlich der Ermordung des angeblichen Kinderpornographen Alan Marsh (Jason Davis) zu beauftragen. Der verzweifelte Will weigert sich zunächst, doch Simons Mittel und Wege, sich Menschen gefügig zu machen sind überaus perfid. Als Will Marsh zu konfrontieren versucht, stirbt dieser durch einen selbstverursachten Unfall. Will findet heraus, dass Marsh mitnichten ein Krimineller war, sondern ein investigativer Journalist, der Simons Vigilantenzirkel auf die Spur gekommen ist…

Um es gleich vorwegzunehmen: „Seeking Justice“ empfand ich als die schwächsten Arbeit innerhalb meiner kleinen Roger-Donaldson-Werkschau. Zwar konnte der Filmemacher sich nunmehr rühmen, dass auch Nicolas Cage sich der stattlichen Galerie seiner vielen leading men anschloss, dass dieser aber um 2011 herum bereits längst sein letztes Karrierehoch hinter sich gelassen hatte und vornehmlich in eher halbseidenen Filmen auftrat, passt zugleich zum brüchigen Gesamteindruck des Werks. Darin spielt Cage eine Figur von klassisch-hitchcock’schem Format, einen aufrechten Bürger, der infolge eines moralischen Fehltritts im angreifbarsten aller Momente unversehens in ein Wespennest gerät, das schließlich ihn und seine gesamte Existenz zu verzehren droht. Die Grundkonstellation ist dabei ein wenig an die von „Strangers On A Train“ angelehnt, verlagert sich dann jedoch rasch auf den Topos der völlig entfesselten, übergebührlich agierenden Bürgerwehr, deren Initiator Eugene Cook alias „Simon“ auf seinem Feldzug längst der eigenen Hybris erlegen und zum Faschisten avanciert ist. Dies wiederum hat zur Folge, dass nicht nur durch die Maschen der Gerichtsbarkeit geschlüpfte Gewaltverbrecher sterben müssen, sondern jede/r, der Cooks Organisation durch Aufdeckung oder Verrat gefährlich werden könnte.
Die Idee einer sich auf verhängnisvolle Weise verselbstständigenden Parajustiz ist natürlich nicht neu und zieht sich auch nicht erst durch das Genre, seit Harry Callahan in „Magnum Force“ bereits 38 Jahre vor „Seeking Justice“ einigen metaexekutiv zu Werke gehenden Polizeikollegen die Leviten zu lesen hatte. Nun ist Will Gerard kein reaktionärer Cop, sondern ein Poesie und Grammatik zugetaner Feingeist, der sich und seine Frau aus der zumindest teilverschuldeten Schlinge retten muss. Dass die Tentakel von Cooks Vigilantenzirkel bereits wesentlich weiter greifen als es zunächst den Anschein hat, legt sich das Script von „Seeking Justice“ selbst als clevere Enthüllung im Stil von „Fight Club“ aus, nur dass sämtliche Beteiligten bzw. Eingeweihten statt eines blauen Auges die Kenntnis der Geheimparole vorweisen können. Damit – und nicht nur damit – schneidet sich der formal mit der üblichen Sorgfalt gestaltete und nichtmal unspannende Film jedoch tief ins eigene Fleisch und demontiert sein Konzept zu großen Teilen selbst. Durch die nämlich bis in höchste gesellschaftliche Institutionen fortgeschrittene Partizipierung hoher gesellschaftlicher Institutionen – ein Police-Lieutenant (Xander Berkeley) gehört dazu, ein Chefredakteur (Mike Pniewski) und sogar Wills bester Freund und Schulrektor Jimmy (Harold Perrineau) – hat sich die so bitter befürchtete Sicherheit von Cooks Geheimorganisation längst selbst rissig gemacht und führt sich der gesamte Film somit ad absurdum. Die Folge davon ist, dass „Seeking Justice“ sich den eigenen Teppich unter den Füßen wegreißt; eine empfindliche Störung jedweder Logik und Kausalität, die sich, gerade unter Inbetrachtziehung eines Regisseurs, der sehr genau weiß, was er wie zu inszenieren hat, auch nicht durch einen etwaig gewähnten Status als „Pocornkino“, „guilty pleasure“ oder Befleißigung ähnlichen Behelfsvokabulars apologisieren lässt.
„Seeking Justice“ wird für mich somit primär als redundante Verschwendung von Talent im Gedächtnis bleiben.

5/10

TRESPASS

„We can all die, cause I don’t give a fuck anymore!“

Trespass ~ USA/BG 2011
Directed By: Joel Schumacher

Die dreiköpfige, wohlhabende Familie Miller wird zum Opfer eins erpresserischen Überfalls, in dessen Zuge sie ein Quartett Krimineller (Ben Mendelsohn, Cam Gigandet, Dash Mihok, Jordana Spiro) in ihrer heimischen Villa festsetzt mit dem Plan, Ehemann und Vater Kyle (Nicolas Cage) Diamanten und Bares abzutrotzen. Doch die nur vordergründig glücklichen Millers haben schon selbst mit diversen Problemchen zu hantieren…

Joel Schumachers letzter Film geriert sich als de facto wenig substanzielles, aber zumindest schick ausgestaltetes Home-Invasion-Thrillerdrama für den gradlinigen Alltagsgebrauch. Mit Cage und Kidman konnte Schumacher auf zwei ihm aus voherigen Kollaborationen bekannte HauptdarstellerInnen zurückgreifen, deren jeweilige Karrieren sich zum gegebenen Zeitpunkt in (altersbedingtem?) Talkurs befanden. Wie in William Wylers „The Desperate Hours“, der ehrwürdigen Mutter aller Subgenre-Filme, entwickelt sich die repressive Situation zur psychosanitären Belastungsprobe für die Belagerten: Unausgesprochene, jedoch längst akut dräuende Wahrheiten kommen auf den Tisch – die keinesfalls mehr so rosige Finanzsituation, unbestätigte Verdachtsmomente im Hinblick auf die mögliche Untreue von Mutter und Gattin Sarah (Kidman), die Entfremdung der pubertierenden, sich abgehängt wähnenden Tochter Avery (Liana Liberato). Den Millers gegenüber stehen die vier mit allen Klischeewassern gewaschenen Ganoven: Anführer Elias (Mendelsohn), der keineswegs so souverän ist, wie er tut, seine Freundin, die drogensüchtige und depressive Petal (Spiro), Elias‘ jüngerer Bruder Jonah (Gigandet), ein Psychotiker, der ständig „seine Pillen“ nehmen muss und schließlich der rigorose Ty (Mihok), der gewissermaßen für den glatten Ablauf des Coups sorgen soll. Nachdem den Figuren ihre Ausgangsstellung zugewiesen ist, entbrennt ein dialogintensives sich sukzessive zuspitzendes Hickhack, im Zuge dessen das Script (Karl Gajdusek) sich nach Kräften bemüht, die Spannung auf einem konstanten Level zu halten, was durch die Unentschlossenheit aller Beteiligten jedoch eher suboptimal gelingt. Insbesondere den Verbrechern, die infolge ihrer eigenen, immens fragilen Beziehungskonstellationen und ihres jeweils von situativer Unprofessionalität zu keinem Zeitpunkt als wirklich bedrohlich durchgehen, mangelt es an der für ein wirklich intensives Gattungsstück an der gebotenen Intensität, derweil ausgerechnet mit der sich als am stabilsten innerhalb des allseitigen Widersachrreigens erweisenden Avery die jüngste Beteiligte den kühlsten Kopf behält und für die maßgeblichen Wendungen sorgt. So geht auch sie als erfolgreiche Verteidigerin der proamerikanischen Trutzburg „Familie“ am Ende als Gewinnerin hervor, derweil die Gangster sich zur Hälfte bereits selbst dezimiert haben. Auf der Asche eines verlogenen und somit glücklicherweise verlorenen Lebenstraums können die Millers hernach wieder zu sich selbst finden.
Schumacher bedient diese schlussendlich doch recht bieder, in Teilen gar republikanisch-reaktionär auslaufende Americana mit der ihm zueigenen Routine als langjährig profilierter Meister ästhetisch reizvoller Bildkomposita und versteht es zumindest auf diese Weise, dem auf den zweiten Blick als galliger, aber doch ziemlich hausbacken konnotierter Kommentar zur damaligen Immobilienkrise lesbaren Drama seine Insignien zu verabreichen.
Für sein Finalwerk wäre ihm dennoch ein deutlich gravitätischerer Stoff vergönnt gewesen.

6/10

SYNCHRONIC

„Synchronic is the needle.“

Synchronic ~ USA 2019
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

In New Orleans geht eine neuartige Designerdroge namens „Synchronic“ um, mit deren Konsumentenauswirkungen die beiden Feuerwehrsanitäter und besten Freunde Steve Denube (Anthony Mackie) und Dennis Dannelly (Jamie Dornan) konfrontiert werden. Synchronic stimuliert die Zirbeldrüse, beeinflusst die Linearität des Zeitgefüges und versetzt seine User mit Haut und Haaren für ein kurzes, oft aber verhängnisvolles Fenster in irgendeine vergangene Epoche. Dass die Konsumenten sich damit zugleich unwägbaren, oft tödlichen Gefahren aussetzen, nehmen sie bereitwillig in Kauf. Als Brianna (Ally Ionnades), Dennis‘ Tochter, im Zuge eines selbstverabreichten Synchronic-Trips komplett in der Vergangenheit verschwindet, beschließt Steve, sie zurückholen. Steve selbst leidet unter einem fatalen Hirntumor, was seine persönliche Risikobereitschaft entsprechend erhöht. Also verschafft er sich sämtliche noch existenten Synchronic-Dosen und beginnt, mittels Selbstexperimenten dem Wirkungsschema der Droge auf die Spur zu kommen…

Mit wirklich großen Budgets kann das junge Filmemacher-Duo Moorhead/Benson auch im Zuge seines vierten gemeisamen Projekts (noch) nicht arbeiten; dafür wuchs und wächst die ihm zuteil werdende, internationale Aufmerksamkeit. So konnten sie sich immerhin des Hauptrollen-Engagements eines Hollywoodstars wie Anthony Mackie versichern und mit Universal einen big player mit entsprechender PR-Maschine als Verleih für „Synchronic“ gewinnen. Moorheads/Bensons jüngster Film bedient im Wesentlichen weiterhin jene Topoi, die schon „Resolution“ und „The Endless“ beseelten, ohne diesen allerdings bahnbrechend Neues hinzusetzen zu vermögen, von der psychologischen Tiefenschärfe des Protagonisten vielleicht abgesehen. Wieder geht es im Vordergrund um das physikalische Reizthema des Raum-Zeit-Durchbruchs sowie eine enge (hier: freundschaftliche) Männerbeziehung, die Diverses auszuhalten und sich somit gewaltigen Herausforderungen zu stellen hat. Dabei bleibt die Narration sehr eng an dem psychisch gebeutelten Steve, einem ausgiebigen Alkoholgenuss zugetanen Womanizer, der seinen besten Freund Dennis insgeheim zutiefst um dessen familiäre Stabilität, die Frau (Katie Aselton) und zwei Kinder beinhaltet, beneidet. Die niederschmetternde Diagnose „Hirntumor im unumkehrbaren Stadium“ führt Steve analog dazu noch weiter in die tiefe Frustration, da sich ihm somit selbst eine kurzfristige Änderung seines oberflächlichen Lebensentwurfs definitiv verbaut. Das Verschwinden Briannas, die für ihn selbst wie eine Tochter ist und im erweiterten Sinne die Konfrontation mit Synchronic verehrt ihm schließlich die Chance, seinem dämmernden Leben doch noch einen letzten, große Meilenstein zu verehren. Soweit die Motivation der Hauptfigur, die Mackie ansonsten mit einer ähnlichen unnahbaren Coolness versetzt wie seinen Cap-Kumpel Falcon im MCU. Das Spannungszentrum des Films nehmen schließlich seine minutiös angeordneten und durchgeführten Synchronic-Experimente ein, die gleichfalls klassischen SciFi-Inhalten entlehnt sind. In welche Zeit bzw. Ära Synchronic seinen Probanden versetzt, so findet Steve heraus, hängt etwa kausal damit zusammen, an welchem Ort man es zu sich nimmt. Diese kleine Finte gestattet den Agierenden Reisen in ganz unterschiedliche Erdzeitalter (deren Gestaltung sich vermutlich infolge der Budget-Limitierungen erschöpft). Dabei gilt es vor allem zu lernen und zu erkennen, dass die Vergangenheit zumeist mörderisch war; ob Vor- oder Eiszeit, ob Conquista oder Sezessionskrieg. Welches Statement mit dieser „Feststellung“ erfolgen soll, bleibt, wie mancherlei andere Aspekte des Films, erratisch und Mutmaßungen überlassen – möglicherweise wird hier auch bereits wieder im Geiste an einem optionalen Sequel geschraubt. Das muss dann ausnahmsweise die Zukunft erweisen.

7/10

UNHINGED

„All I have is violence and retribution… because that’s all I’ve got left.“

Unhinged ~ USA/UK 2020
Directed By: Derrick Borte

Als die in mehrerlei Hinsicht gestresste Rachel (Caren Pistorius) sich mit einem übellaunigen, voluminösen Pick-Up-Fahrer (Rusell Crowe) im morgendlichen Straßenverkehr anlegt, kann sie nicht ahnen, dass der Unbekannte nächtens zuvor seine geschiedene Frau sowie deren neuen Partner erschlagen und außerdem einen massiven Cocktail aus diversen Psychopharmaka intus hat. Der Fremde kürt Rachel zu seinem Opfer und macht ihr und ihrem Sozialumfeld die kommenden Stunden zur Hölle.

Und wieder eine terrorfilmische Variation von Altbekanntem, diesmal eine frisch aufgebrühte Melange aus „Cape Fear“ (neu und alt), Schumachers „Falling Down“ und – in Ansätzen – Roger Michells „Changing Lanes“. Dass es Derrick Borte gelingt, die zumindest den etwas älteren und „beseheneren“ Filmsemestern hinlänglich geläufigen Motive der erwähnten Werke aufs Neue schmackhaft zu machen und spannend aubzuliefern, würde ich vornehmlich seiner Gelassenheit zuschreiben. Borte versucht gar nicht erst, etwas bahnbrechend Neues vorzustellen, sondern konzentriert sich in aller Ruhe auf sein kleines, gemeines Straßenduell und dessen berserkernden Fortlauf. Ein absoluter Garant für dessen Funktionieren ist der um sein Dreifaches angewachsene Russell Crowe, dessen physische Ausmaße insbesondere im Vergleich zu früher an einen Marlon Brando erinnern. Mit seiner Körpermasse scheint auch eine ganze Menge schwitzendes Wutpotential Einzug gehalten zu haben, jedenfalls spielt er den namenlosen Entgleisten mit einer tatsächlich beängstigenden, bedrohlichen Wucht, die Crowes Darbietung zu einer seiner denkwürdigsten und besten macht. Gut, das gemeine Logiktierchen ist bei Szenarien wie dem vorliegenden niemals fern und man fragt sich schon, wieso der bullige rampage man, abgesehen davon, dass ihm ohnehin alles scheißegal ist und er sowieso frontal auf ein gewaltsames Ende seiner Ein-Mann-Stampede zusteuert, überhaupt soviel Unheil anrichten kann, ohne dass ihn jemand (z.B. die Polizei?) rechtzeitig ausbremst. Aber die moderne Kommunikastionstechnik mit Smartphones, Tablets, GPS und sonstigem Pipapo erlaubt diverse mehr oder weniger erwartbare Wendungen und Zufälle bis zum erwartbar bösen, freilich aber happyendenden Showdown.
Und letzten Endes will man ja auch gar nicht Drehbuchdetektiv spielen, sondern sich reichhaltig daran ergötzen, welche Kollateralschäden der mithin ungebremste Amoklauf eines irrlichternden Russell Crowe denn so mit sich bringt. Und in dieser Beziehung bekommt man bei „Unhinged“ einiges an Holz.

7/10

DOLEMITE IS MY NAME

„Shoot for the moon, and if you miss it, hang on to a motherfucking star!“

Dolemite Is My Name ~ USA 2019
Directed By: Craig Brewer

Los Angeles in den frühen Siebzigern. Der afroamerikanische Wannabe-Entertainer Rudy Ray Moore (Eddie Murphy) ist mit seinem derzeitigen Werdegang nicht sonderlich zufrieden. Sein Geld verdient er vornehmlich als Plattenverkäufer und seine Engagements als Ansager in einem Nachtclub schüren kaum Ovationen. Schließlich kommt er auf die Idee, die haarsträubenden „Dolemite“-Gedichte eines quartierbekannten Penners namens Ricco (Ron Cephas Jones) auf Tonband aufzuzeichnen und bühnentauglich umzudichten. Moore wird onstage selbst zu Dolemite – einem großspurigen Pimp als Kunstfigur. Die Leute lieben Moores Auftritte. In Eigenregie stellt er gemeinsam mit seinen Kumpels eine Live-LP her, die er aus dem Kofferraum heraus verkauft. Bald wird ein Label auf ihn aufmerksam und produziert weitere Platten, derweil eine Tour durch schwarze Südstaaten-Clubs Moore weitere durchschlagende Erfolge beschert. Nach einem ratlosen Kinobesuch von Billy Wilders „The Front Page“ beschließt Moore, selbst Filmstar zu werden und im Blaxploitation-Fach Fuß zu fassen. sein Dolemite ist reif für die Leinwand…

Mit sehr viel mehr Herzblut als den nachfolgenden „Coming 2 America“ haben Regisseur Brewer und Hauptdarsteller/Produzent Murphy diese Liebeserklärung an den kleinen Selfmade-Star Rudy Ray Moore gefertigt. In Anbetracht von Moores schillernder Persona und der unglaublichen Serie von Filmen, die er in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre auf sein geneigtes Publikum losließ, schrie der 2008 verstorbene Mann geradezu nach einem Biopic. In sehr augenzwinkernder, aber stets respektvoller Manier schildert „Dolemite Is My Name“ nun grob die Jahre zwischen 1970 und 1975, jene Ära also, in der Moore einerseits sein künftiges Alias kreierte und diese andererseits zunächst mit Platten und dann der Produktion des ersten „Dolemite“-Films kultivierte. So bekleidet letztere dann auch das Zentrum von Brewers Werk. Moore und seine Freunde haben durch die Bank keinerlei Ahnung von Filmproduktion und machen ihre Inkompetenz durch bloßen Enthusiasmus wett. Als immer wieder überbügelter Scriptautor fungiert der sozial engagierte Theaterautor Jerry Jones (Keegan Michael Key), als Regisseur reißt Moore den überkandidelten Schauspieler D’Urville Martin (Wesley Snipes) in einem Stripclub auf. Die technische Crew stellen ein paar Studenten von der UCLA. Trotz diverser Pannen steht am Ende der fertige Film, für den sich jedoch kein Verleih finden lässt. Also nimmt Moore auch noch die sich ihm durch Zufall bietende Option der selbstinitiierten Premiere in einem Farbigenkino in Indianapolis wahr, wo „Dolemite“ einschlägt wie eine Bombe.
Mit dem unbeugsamen Willen, jedweden personellen und/ oder situativ bedingten Komplikationen ein Schnippchen zu schlagen und sich durch nichts beirren zu lassen, zeichnen Brewer und Murphy ihren Protagonisten und lassen „Dolemite Is My Name“ damit nicht selten an ähnliche Biopics erinnern, in denen vermeintliche Verliertypen mit der unerlässlichen Unterstützung einer kleinen, verschworenen Freundesgemeinde ihren Traum wahr werden lassen und am Ende zumindest auf einer individuellen, vielleicht gar intimen Ebene reüssieren können, allen voran natürlich Burtons „Ed Wood“, mit dem sich Brewers Arbeit insbesondere die verschmitzte Bewunderung für die Titelfigur und deren unerschütterliches Selbstbewusstsein teilt.
Ein schöner Film somit, der vor allem Lust darauf macht, die alten Moore-Kracher mal wieder aus dem Regal zu ziehen.

8/10

WRONG TURN

„These people see me. I belong to them. They belong to me.“

Wrong Turn (Wrong Turn: The Foundation) ~ USA/D/UK 2021
Directed By: Mike P. Nelson

Scott Shaw (Matthew Modine) sucht seine spurlos verschwundene Tochter Jen (Charlotte Vega) , die sich vor einigen Wochen gemeinsam mit ihrem Freund Darius (Adain Bradley) und zwei weiteren Pärchen, Milla (Emma Dumont) und Adam (Dylan McTee) sowie Luis (Adrian Favela) und Gary (Vardaan Arona), auf eine Wandertour in den Appalachen Virginias begeben hat.
Scott stößt zunächst auf eine Mauer des Schweigens, offenbar sind die einheimischen Kleinstädter auf „Hipster“ aus dem urbanen Akademiker-Milieu per se nicht gut zu sprechen und begegnen ihnen offensiv. Als Scott mithilfe der Motelwirtin Aileen (Amy Warner) herausfindet, dass Jen und die anderen tatsächlich hier waren und spurlos in den Bergen verschwunden sind, begibt er sich auf eine blutige Spur der Nachforschung.

Alan B. McElroy, der Autor des vor 18 Jahren entstandenen, originalen „Wrong Turn“, zeichnet nun auch für das Script des Reboots verantwortlich, dass seinen Titel wohl nur allein deshalb trägt, weil die Constantin Film nach wie vor die Namensrechte an dem Franchise hält und die nominelle Kuh nochmal ein wenig zu melken gedachte. Bis auf den Schauplatz, die unwegsamen, gemeinhin als Kinosymbol für ein paralleles Amerika stehenden Appalachen nämlich, und die Tatsache, dass die titelgebende, falsche Abzweigung ins Verderben führt, gibt es so gut wie keinerlei motivische Gemeinsamkeiten. Der neue „Wrong Turn“ liegt vielmehr ganz auf der aktuellen Wokeness-Welle, die dem Horrorgenre bereits seit längerem eine strukturelle, rote Linie vorgibt. Die illustre, inzestuöse Kannibalen-Sippe aus Rob Schmidts damaligem Film und dessen fünf Sequels wird völlig beiseite geschoben zugunsten einer von der äußeren Gesellschaft losgelösten, in völliger Autarkie existierenden Subkultur namens „The Foundation“. Diese hat sich bereits vor dem Sezessionskrieg herausgebildet mit dem erklärten Ziel, bei Bedarf als wohlorganisierte Kernzelle eines neuen Amerika fungieren zu können, unabhängig von Hautfarbe, religiöser oder sexueller Ausprägung ihrer Mitglieder. Doch der vermeintlich utopische Sozialismusschein trügt: Die jedweder modernen Technik entsagenden, in vielerlei Hinsicht Archaismen zusprechenden Waldmenschen frönen nicht nur einer bizarren, paganistischen Dogmatik, die unter anderem eine eigene Sprache enthält, sondern pflegen zudem – nicht zuletzt aus Gründen der Geheimhaltung – eine drakonische Form der Rechtsprechung. Wer sich der Foundation ungebeten nähert oder sie entdeckt, wird in der Regel geblendet und hernach in einem Höhlensystem sich selbst überlassen; wer sich aktiv dagegen wehrt, den erwartet gar ungehend die Todesstrafe. Allerdings gibt es eine Ausnahme: die bedingungslose Adaption an das System sowie der aufrichtige Schwur, fortan als funktionaler Bestandteil der Gemeinschaft weiterleben zu wollen, erspart einem das barbarische Ende. Jens Überlebenswille reicht insoweit aus, dass sie dank ihres situativ forcierten Geschicks zumindest sich selbst und Darius retten kann, um dann schließlich von ihrem Vater gefunden zu werden und mit ihm fliehen zu können. Dass sie dabei selbst zur erbarmungslosen Kämpfernatur wird und gewisserrmaßen den Rückgriff auf ihr eigenes atavistisches Erbe antreten muss, erweist sich als unabdingbar für ihre lokale und auch psychische Selbstbefreiung.
So sehr „Wrong Turn“ 21 sich auch bereits jetzt als gattungsbezogenes Zeitdokument offenbart und sich zumindest für das Studium der Wandelbarkeit des Horrorgenres geradezu exemplarisch anbietet, so durchschnittlich scheint mir sein Timbre in Bezug auf Form und Mechanik. Wo etwa das ursprüngliche Serial, analog zu kleiner werdenden Budgets und demzufolge eingeschränkteren Produktionsbedingungen eine zunehmend grelle (mit Declan O’Briens „Wrong Turn 4: Bloody Beginnings“ ihre Klimax erreichende) Bildsprache kultiviert, deren ausufernd perfide Brutalität unverhohlen sensationalistisch daherkam, scheint mir Nelsons Reboot zwar nicht eben zahm, aber doch als recht eindeutige Absage gegen allzu ostentativ vorgetragene Exploitation-Mechanismen. Diesbezüglich führt sich allerdings eine der Reihe vormals fest inhärent Facette selbst ein Stück weit ad absurdum; Zurückhaltung und Pietät sind Merkmale, mit dem sich das Konzept „Wrong Turn“ zumindest in meiner Wahrnehmung kaum in derselben Schnittmenge befindet.

6/10

ROSEWOOD

„Gonna catch that train.“

Rosewood ~ USA 1997
Directed By: John Singleton

Florida, 1923: Der Weltkriegsveteran Mann (Vingh Rhames) kommt in das abgelegene, mitten in den Sümpfen liegende Hüttenörtchen Rosewood, um hier möglicherweise ein paar Morgen Land zu erwerben und sich anzusiedeln. Rosewood wird – im Gegensatz zum angrenzenden Sumner – vornehmlich von Farbigen bewohnt, darunter der Familie Carrier, deren Backfischtochter Scrappie (Elise Neal) rasch ein Auge auf den stattlichen Mann wirft. Als eines Tages die promiske weiße Fannie Taylor (Catherine Kellner) von einem Gelegenheitsliebhaber (Robert Patrick) grün und blau geprügelt wird, behauptet sie, ein fremder Schwarzer habe sie so zu zugerichtet. Es dauert nicht lange, bis sich ein immer mehr anschwellender rassistischer Mob bildet und die „Herausgabe“ eines Flüchtigen fordert, der gar nicht existiert. Bald gibt es die ersten Akte von Lynchjustiz, doch der Blutdurst der blindwütigen Selbstjustizler ist damit noch lange nicht gestillt.

Das Rosewood-Massaker hat vor exakt 98 Jahren tatsächlich stattgefunden, wenngleich John Singleton und der Scriptautor Gregory Poirier sich eingestandenerweise einiger erzählerischer Freiheiten bedienten, um dieses eine von vielen unsäglichen US-Kapiteln um Rassismus, Hetze und Unterdrückung dramaturgisch tragfähig respektive leinwandtauglich aufzubereiten. Wer sich ein wenig mit dem leider viel zu früh verstorbenen Singleton und seinem Werk befasst, wird rasch registrieren, dass er weder je ein Filmemacher der leisen Töne, noch dass er gezielt eingesetzten Genremechanismen abhold gewesen wäre. Tatsächlich verließ er das Terrain politischer Relevanz jedoch spätestens mit dem Serienbeitrag „2 Fast 2 Furious“ und fertigte danach mit der „Katie-Elder“-Variation „Four Brothers“ und „Abduction“ nurmehr zwei reine Actionfilme.
„Rosewood“ ist – dem absolut wunderbaren „Boyz N The Hood“ zum Trotze – möglicherweise Singletons aggressivstes, berückendstes Werk, in dem er völlig zu Recht auch tendenziöse Mittel nicht ausspart. Singleton ist nicht etwa an einer sozialpsychologischen Analyse der Umstände interessiert. Er zeigt, so emotional und subjektiv, wie es dem Sujet eben gebührt, eine südstaatliche Explosion des Rassenhasses rund sechzig Jahre nach dem Ende des Sezessionskrieges, zu der eine im Grunde alltägliche, um nicht zu sagen beliebige Ausgangsituation führt. Selbige kennt man als Connaisseur großen Kinos im Prinzip bereits aus Robert Mulligans „To Kill A Mockingbird“: Ein hinterwäldlerisch gepflanztes, mageres Sumpfdotterblümchen mag die schamhafte Schmach, von einem unflätigen (und zudem arg „unpassenden“) white trasher vermöbelt worden zu sein, nicht öffentlich eingestehen und wählt den für sie einfachsten Weg, fälschlich einen rundheraus unschuldigen Schwarzen zu denunzieren. Daraus erwachsen binnen kürzester Zeit ein Pulverfass ungefilterter Wut und Mord. In Rosewood bedeutete dies 1923, dass am Ende eine komplett verlassene, niedergebrannte Kleinstadt nebst durchweg vertriebenen Überlebenden sowie eine inoffizielle Zahl von bis zu 150 Toten, deren Leichname möglicherweise kurzerhand in einem Massengrab beseitigt wurden. Rasch nach den Ereignissen wurde das Ganze über fast sechzig Jahre hinweg totgeschwiegen, bis ein Enthüllungsjournalist eher durch Zufall die Wahrheit ans Tageslicht beförderte.
Singleton/Poirier dichten einen fiktiven, von dem bulligen Rhames gespielten Blaxploitation-Helden hinzu, der auf etwas naive, aber doch wirkungsvolle Weise als wesentlicher, weil selbstbestimmter Frontcharakter im Stile der Eastwood-Western eingesetzt wird. Der Rest ist wohl so faktenbasiert wie möglich, muss sich zwangsläufig jedoch auf mitunter Folkloristisches berufen, was letzten Endes aber keine Rolle spielt. Der Horror darf und kann nur dargestellt werden als das, was er war, ist und bleiben wird.
Dass „Rosewood“, obwohl er sich sowohl als Film wie auch als unerlässliche Geschichtslektion doch so prominent besetzt, so packend, schlimm und enorm wichtig ausnimmt, schon nach 23 Jahren annähernd vergessen scheint beziehungsweise nie zu seinem ihm zustehenden Recht als flammendes Kinofanal wider südstaatlichen Rassismus kommen konnte, ist nur ein weiterer, trauriger Skandal in einer niemals abreißen wollenden Kette von Skandalen.

9/10

ANTEBELLUM

„The unresolved past can certainly wreak havoc on the present.“

Antebellum ~ USA 2020
Directed By: Gerard Bush/Christopher Renz

Die Sklavin Eden (Janelle Monáe) fristet ihr von Repression geprägtes Dasein auf einer von der Konföderierten-Armee geleiteten Baumwoll-Plantage irgendwo in Louisiana, die angeblich der Rehabilitation aufsässiger und wiedereingefangener Leibeigener dient. Die Gefangenen dürfen nur auf Aufforderung ihrer weißen, uniformierten Bewacher sprechen und erwarten bei Zuwiderhandlung harte Strafen. Zudem muss sich Eden dem Colonel (Eric Lange) stets zur sexuellen Verfügung halten. Doch da ist noch ein anderes Leben, in dem Eden Veronica Henley heißt, als promovierte und wohlhabende Soziologin und Familienmutter in der Gegenwart lebt und sich für vielerlei Formen von Diversität engagiert. Welcher dieser beiden Existenzen wird am Ende die Vormacht gebühren?

Dass das offensichtlich leider wohl niemals an gesellschaftspolitischer und somit auch kultureller Relevanz einbüßende Thema „Rassismus“ nicht a priori in melodramatischer fiktionalisierter Form aufgearbeitet werden muss, sondern sich in bildhafter Form auch für Genre- bzw. Exploitation-Entwürfe anbietet, bildet keinen unbekannten Kunstansatz. In den siebziger Jahren, bestärkt von black consciousness, begannen unter anderem Regisseure wie Russ Meyer oder Richard Fleischer, den Sklaverei-Topos in besonders ostentativer Weise aufzubereiten und verschafften ihm so einen zwar rüpelhaften, dafür aber umso wirksamere Rückkehr in das westliche Massenbewusstsein. Später nahmen TV-Serials wie „Roots“ und „North And South“ nebst Nachfolgern das Ganze neuerlich auf; in jener medialen Ausprägung stets ja auch ein Indiz für eine besonders großflächig erreichte Adressatenschaft. Art und Weise der entsprechenden Aufbereitung respektive deren diskursive Valenz lässt sich gewiss ausführlich eruieren, dass sie indes wenige Menschen emotional kalt ließen, scheint da schon unbestrittener.
In jüngerer Zeit gingen Tarantinos „Django Unchained“ und Steve McQueens „12 Years A Slave“ in medias res, wiederum mit ganz unterschiedlichem Ansatz. „Antebellum“ wählt gewissermaßen einen Mittelweg. Ohne den Tongue-in-cheek-Habitus des Kinorevisionisten einerseits und ohne die Bürde historischer Akkuratesse andererseits entwirft Bushs/Renz‘ Film einen relativ unbelasteten Genrezugang und geriert sich im letzten Jahr Trump als Horrorthriller mit wiederum berechtigt ausgestellter Wutagenda. Als solcher reüssiert er dann durchaus auch und subsummiert bildhaft zuletzt wieder aufflammende Empörungskausalitäten. Dass „Antebellum“ sich indes auch dramaturgisch als clever wähnt, ohne es je zu sein, mitsamt eingehendem Faulkner-Zitat, einem „Twist“, der kaum als solcher durchgehen mag, kokettiert und schließlich doch bloß eine in politisch korrektes Spotlight gerückte Rachegeschichte, wie sie ideologisch ebensogut auch vor 45 Jahren als AIP-Produktion hätte durchgehen mögen, präsentiert, weist ihn derweil in entschiedene Schranken. Gewiss, es tut auf katalytische wie katrhartische Weise gut, zu bezeugen, wie Janelle Monaé sich im Showdown über ihre uneingeschränkt hassenswerten Peiniger erhebt um hernach wie eine Reiterin des Jüngsten Gerichts mit gerechtem Zorn auf sie herniederzufahren – dass dabei allerdings unwesentlich mehr als regressive Instinkte walten, – und zwar sowohl auf als auch vor dem Bildschirm -, davon kann sich „Antebellum“ nicht freisprechen. Die Frage nach Intentionalität stellt sich mit etwas Abstand unweigerlich. Dennoch kann und darf der Film als reaktionäres, politisches Statement seine aktuelle Berechtigung verteidigen. Seine mangelnde Intelligenz bleibt jedoch kaum, minder evident.

7/10