JEEPERS CREEPERS

„It has eaten too many hearts for its own to ever stop!“

Jeepers Creepers ~ USA 2001
Directed By: Victor Salva

Die Geschwister Trish (Gina Philips) und Darry Jenner (Justin Long) befinden sich auf dem Heimweg vom Spring Break, als ihnen mitten in der Einöde ein merkwürdiger, vor Rost starrender Lastwagen auffällt, dessen Fahrer sich höchst aggressiv verhält. Kurz darauf entdecken Trish und Darry das Gefährt in der Nähe einer alten Kirche, wo jemand etwas, das nach gefüllten Leichensäcken aussieht, in ein unterirdisches Gewölbe hinablässt. Dabei handelt es sich wiederu um den Fahrer des Lasters, der sich sogleich aufmacht, die Geschwister zu verfolgen. Es entbrennt ein Katz-und Maus-Spiel, im Zuge dessen Darry und Trish erfahren müssen, dass es sich bei ihrem Verfolger um den „Creeper“ (Jonathan Breck) handelt, ein Monster, dass sich immer wieder durch die Körperteile seiner Opfer erneuert und bei seiner Jagd vor nichts und niemandem zurückschreckt.

„Jeepers Creepers“ lief beinahe zeitgleich mit John Dahls ganz ähnlich gestricktem „Joy Ride“ in den Kinos, wobei sein Einspielergebnis das der wesentlich teureren Studioproduktion langfristig überflügeln konnte. Und tatsächlich erweist Salvas durchaus altmodisch angegangene Monstermär sich im Direktvergleich als der schönere und vor allem phantasievollere der beiden Filme. Hier wie dort geht es um die beiläufige, eher im Scherzhaften initiierte Entfesselung einer diabolischen Macht, die sich dann jeweils als mysteriöser Fahrer eines LKW entpuppt, der ein paar vormals gut aufgelegten, jungen Leuten das Leben schwermacht und deren unerbittliche Verfolgung mit offener Mordabsicht zu einem zunehmend harschen Höllenritt werden lässt. Gedanklicher Schirmherr dieses Motivs ist fraglos Spielbergs „Duel“, doch auch Robert Harmons „The Hitcher“ darf sich einer unübersehbaren, ideellen Patenschaft erfreuen. All diesen Werken gemein ist die genrefreudige Kultivierung der mehr oder weniger irrationalen Angst vor den endlos verlaufenden, ruralen Straßennetzen der USA, auf deren staubigen Meilen sich unfassbare Bedrohungen verbergen, die eine mögliche Begegnung mit sich nicht verzeihen wollen. „Jeepers Creepers“ formuliert seine diesbezüglich Sache da sogar besonders konsequent aus: Anlass zur Panik ist hier weder ein mörderischer Anhalter, noch ein psychopathischer Trucker, sondern eine dämonische Kreatur unbekannter Herkunft, die offenbar bereits seit langer Zeit die Gegend unsicher macht; eine inkarnierte Lagerfeuergeschichte sozusagen. Was den Creeper neben seiner ruhelosen Agenda umtreibt oder wo er herkommt, bleibt ein Mysterium. Wir erfahren lediglich, dass er in regelmäßigen Zeitabständen, nämlich alle 23 Jahre, für 23 Tage Jagd auf besonders angsterfüllte Opfer macht, um sie dann als Ersatzteillager für seinen verrottenden Körper zu missbrauchen. Dabei ist das Monster sehr hübsch gestaltet. Den LKW, Mantel und Hut nutzt es lediglich, um nicht gleich jedem aufzufallen, es verfügt nämlich über riesige Schwingen und hat gewisse Ähnlichkeit mit einer Kragenechse. Als sehr konsequent empfand ich, dass der Creeper seinen anfänglichen, filminternen und handelsüblichen Status als Hirngespinst überspannter Teenager rasch verliert und es im weiteren Verlauf sogar mit der State Police aufnimmt, was wiederum Anlass für reichlich spektakuläre Augenblicke mit sich bringt.

8/10

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GERALD’S GAME

„Spice things up and try and push the boundaries…“

Gerald’s Game (Das Spiel) ~ USA 2017
Directed By: Mike Flanagan

Um ihre zusehends scheiternde Ehe und das eingeschlafene Sexleben auzupeppen, reisen Gerald (Bruce Greenwood) und Jessie Burlingame (Carla Gugino) in ihre idyllische, aber abgelegene Villa in Alabama. Ein Hanschellenspielchen soll für die nötige Würze bei Akt sorgen. Gerade als die bereits gefesselte Jessie dabei ist, ihren aufkeimenden Widerwillen gegen das sich zu einer Vergewaltigung entwickelnde „Spiel“ zum Ausdruck zu bringen, ereilt Gerald ein tödlicher Herzinfarkt. Unfähig, sich zu befreien, beginnen sich für die unter Durst und Hunger leidende Jessie alsbald, Realität und Halluzination untrennbar zu vermengen; während ein streunender Hund sich an Geralds Leiche delektiert, sieht sich Jessie mit längst vergessen geglaubten, psychischen Untiefen konfrontiert, in denen ihr Vater (Henry Thomas) eine tragende Rolle einnimmt. Und wer ist der geheimnisvolle „Moonlight Man“ (Carel Struycken), der ihr des Nachts erscheint?

Mike Flanagans von Netflix produzierte King-Adaption erinnerte mich an Taylor Hackfords Verfilmung von „Dolores Claiborne“ (wobei ich keinen der beiden zugrunde liegenden Romane kenne) – auch hier gehen eine Sonnenfinsternis und ein tragischer Misshandlungsfall eine unheilvolle Konnexion ein und stehen in direkter Verbindung zu lang verdrängten (Schuld-)Komplexen. Wie oft bei King ist der storyimmanente Horror nebst seinem direkt veräußerten, womöglich übernatürlich geprägten Spannungsmoment lediglich ein allegorisches Ventil, um das Innenleben seiner ProtagonistInnen zu kanalisieren; Jessie Burlingame ist in diesem Zusammenhang eine nicht untypische, king’sche Frauenfigur. Es gibt einen Schlüsselmoment in der Zeit ihrer Frühpubertät, in der ihr Vater einen intimen Augenblick der Isolation zunächst bewusst herbeiführt, um ihn dann auf rücksichtslose Weise sexuell auszubeuten. Als wäre dieser verhängnisvolle Akt nicht bereits zerstörerisch genug, stellt er die verstörte Jessie daraufhin noch unter zusätzlichen Schweigens- und somit Leidensdruck. Jenes widerwärtige Erlebnis wird Jessie trotz zunächst erfolgreicher Verdrängung, nicht nur ihr Leben lang begleiten, sondern dieses noch zusätzlich prägen – auch ihr Gatte Gerald entpuppt sich im Verlauf der gemeinsamen Ehe als ein ausbeuterisches, destruktives Schwein, das es erfolgreich schafft, Jessie in eine schuldbewusste Ecke zu drängen. Der bald während Jessies unfreiwilliger Gefangenschaft auftauchende Moonlight Man, wie sich später herausstellen wird, ein unter Akromegalie leidender Serienmörder, dem Jessie wie durch ein Wunder entkommen konnte, wird sich zum Ende hin als Symbol ihrer endlich erfolgten Emanzipation von der Vergangenheit erweisen; vom gestörten Vater und vom bösartigen Ehemann, die sie beide als Projektionsfläche ihres jeweils zerrütteten Charakters missbrauchten; vor allem jedoch vom irrationalen Hang danach, die Schuld für das erlittene Böse bei sich selbst zu suchen.

7/10

THE SOUND AND THE FURY

„I just happen to be an eccentric.“

The Sound And The Fury (Fluch des Südens) ~ USA 1959
Directed By: Martin Ritt

Es ist schon eine höchst seltsame Konstellation, die da gemeinsam auf dem alten, maroden Compson-Anwesen in Jefferson, Mississippi, haust. Da wäre zunächst die junge, quirlige, aber selbstbewusste Quentin (Joanne Woodward), die ohne Eltern auskommen muss, mehr oder weniger sich selbst überlassen ist, gern die Schule schwänzt und durch die Gegend tingelt. Ihre beiden Onkel Howard (John Beal), ein Vollalkoholiker vor dem Herrn, sowie der geistig schwerstbehinderte Ben (Jack Warden) leben ebenfalls im Haus, dazu noch deren Stiefbruder Jason (Yul Brynner), wenngleich quasi Angestellter im eigenen Geschäft der Einzige, der etwas Geld nach Haus bringt und sich als eine Art „Notpatriarch“ wähnt, dessen ewig keifende Mutter (Françoise Rosay), und schließlich die farbige Haushälterin und gute Seele Dilsey (Ethel Walters) nebst ihren zwei Enkeln T.P. (Bill Gunn) und Luster (Steven Perry), der wiederum allein auf weiter Flur sich mit dem armen Ben versteht. Als Quentins ehedem durchgebrannte Mutter Caddy (Margaret Leighton) wieder aufkreuzt und das Mädchen mit einem Kirmesburschen (Stuart Whitman) durchbrennen will, spitzt sich die ohnehin permanent angespannte Lage nochmals dramatisch zu.

„The Sound And The Fury“ ist ein Film, mit dem niemand, der in seinen Kreativprozess involviert war, sich im Nachhinein als rundum zufrieden erwies. Basierend auf William Faulkners gleichnamigem Roman, jener immerhin ein Stück amerikanische Vorzeigeliteratur des vergangenen Jahrhunderts, wurde der Film von Martin Ritt für die Fox inszeniert. Die Geschichte wurde stark komplexitätsreduziert sowie um einige tragende Figuren erleichtert und in die erzählzeitliche Gegenwart verlegt. Aus der von Yul Brynner gespielten Hauptfigur Jason, eigentlich leiblicher Sohn des verstorbenen Familienoberhaupts, wurde aus offensichtlichen Gründen ein Stiefonkel für Quentin, was deren latente Romanze natürlich weitaus weniger kontrovers erscheinen lässt. Der für das Script wiederum hinzugedichtete Säufer Howard repräsentiert gewissermaßen den herausgestrichenen Vater Jason Sr.. Martin Ritt meinte im Nachhinein, er sei „nicht der  Richtige für Faulkners Sprache“, Joanne Woodward, die mehrfach bei Ritt spielte, fragte sich, warum der Regisseur diesen Film überhaupt angegangen sei und auch viele Kritikersprachen sich vehement gegen ihn aus. In der Tat gibt es einige akute Unebenheiten; die episodische Erzählweise mag sich mit dem Drehbuch nicht recht arrangieren, einige Handlungselemente wirken unfertig, angerissen und nicht auserzählt, Yul Brynner macht seine Sache zwar gut, wirkt aber nicht verletzlich genug für seinen Part. Dennoch hat mir „The Sound And The Fury“ mehr als gut gefallen. Das mag damit zusammenhängen, dass ich grundsätzlich sowieso ein Faible für epische Southern Gothic im Kino habe und ein Film innerhalb diesen cineastisch ohnehin prinzipiell dankbaren Sektors schon verdammt viel vor die Wand fahren muss, um mich zu verlieren. Da sind aber auch Charles G. Clarkes phantastische Bilder der zerfallenden, mitunter auf den Kopf gedrehten Südstaatenkultur und Alex Norths wunderbare Musik. Elemente, die unweigerlich bei der Stange halten und Ritts Werk eigentlich für jeden begeisterten Chronisten dieser filmischen Subgattung letzten Endes zumindest teilweise zu einem Gewinn machen sollten.

8/10

HELL OR HIGH WATER

„We ain’t stealing from you. We’re stealing from the bank.“

Hell Or High Water ~ USA 2016
Directed By: David Mackenzie

Die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner Howard (Ben Foster) rauben binnen kurzer Zeit zwei Filialen der lokalmächtigen Texas Midlands Bank aus. Während der alternde Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges) und sein Partner Parker (Gil Birmingham) sich an ihre Fersen heften, gestaltet sich das weitere Vorgehen der Flüchtigen besonders durch das impulsive und gewaltaffine Verhalten des Ex-Häftlings Tanner zusehends außer Kontrolle geratend. Obgleich die Motivlage der Brüder moralisch durchaus diskutabel ist – die Texas Midlands hat eine Wucher-Hypothek gegen Tobys Ranch in der Hand – ist ein finaler Zwist zwischen den Kriminellen und der Justiz unausweichlich.

Wie eine gepflegte Analyse der US-Bürger-Befindlichkeit im Katastrophen-Wahljahr 2016 wirkt dieser meisterhafte, ebenso staubige wie sonnenlichtdurchflutete Southern Noir des Schotten David Mackenzie: Ganz Westtexas scheint darin übersät von aufgegebenen, verrottenden Immobilien und Grundstücken, an denen zwangsläufig auch etliche familiäre Existenzen hängen. Stattdessen säumen Werbeplakate für Kredite und Hypotheken die Highways – es ist die Ära der Gläubiger, Wucherer und Blutsauger. Neben ein paar Diners scheint die allgegenwärtige Texas Midlands Bank mit ihren zig Niederlassungen eine der letzten funktionierenden Institutionen im Staat zu stellen; natürlich nur, insofern man deren kapitalistische Albtraum-Agenda als „funktional“ anzuerkennen bereit ist. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich das Familiendrama der Howard-Brüder, die beinahe schon allegorische Opfer der Umstände sind. Die Verschuldung des Familienbesitzes geht auf die verzweifelte, in Kummer verstorbene Elterngeneration zurück; den letzten probaten Ausweg bildet die Flucht nach vorn. Während Toby den Weg zum Outlaw für seine Kinder beschreitet, steht Tanner, knasterfahren, wild um sich schießend und getrieben von einer entsprechend unzweideutigen Neigung zu offener Gewaltausübung, eher in der Tradition der marodierenden Wildwest-Banditen von vor 130 Jahren. Immerhin sind Mackenzie und sein kaum minder brillant zu Werke gehender Autor Taylor Sheridan, dessen begnadeten Fingern bereits der monumentale „Sicario“ entwuchs, romantisch genug, um Toby am Ende mit einem blauen Auge davonkommen zu lassen, freilich nicht ohne ihn ein letztes (?) Mal mit seinem Antagonisten zu konfrontieren. Gute Freunde werden die beiden nicht mehr, dass sie jedoch reziprokes Verständnis und zumindest einen Hauch von Respekt füreinander entwickeln, daran mag ebensowenig Zweifel bestehen.
Wenn man sich zudem vergegenwärtigt, in welchem demografischen Umfeld die Republikaner die meisten Wähler fischen konnten, entsteht ein hübsch kompaktes, fiktionalisiertes Sozialanalytikum, das nicht nur in dieser Hinsicht gewiss noch in vielen Jahren Bestand haben wird. Leider ist es ja so – beschissene Zeiten befeuern großartiges Kino.
So ziemlich das Beste, was ich jüngst an „Aktuellerem“ gesehen habe.

10/10

THE DEVIL’S CANDY

„He’s no mask in a Halloween store, he’s not what you see in the movies.“

The Devil’s Candy ~ USA 2015
Directed By: Sean Byrne

Die dreiköpfige Familie Hellman, Vater Jesse (Ethan Embry), Mutter Astrid (Shiri Appleby) und Tochter Zooey (Kiara Glasco), erwirbt ein günstiges Haus in der texanischen Provinz nebst großzügigem Hallenanbau, in dem Jesse, Metal-Fan und Maler, sein neues Atelier einrichtet. Der zuständige Makler (Craig Nigh) verschleiert die zuvor dort stattgefundenen Vorkommnisse, die den geisteskranken Ray Smilie (Pruitt Taylor Vince) umwabern. Jener hatte in diesem Haus gewohnt, ist nun gezwungen, in einem Motel abzusteigen und macht sich schon bald bei den Hellmans bemerkbar. Während Zooey dem merkwürdigen, dicken Mann zunächst noch offen gegenübersteht, ist er ihren Eltern sogleich unheimlich. Dieser Verdacht erweist sich als berechtigt: Smilie ist ein Serienkiller, der sich von Satan persönlich beauftragt wähnt, sein blutiges Werk zu verrichten. Jesse gestaltet in tranceartigen Zuständen derweil zunächst ein umgedrehtes Kreuz und dann ein riesiges Gemälde, das neben anderen schreienden Kindern in einer Art Höllenfeuer auch Zooey zeigt und mit dem er das Interesse des Galeristen Leonard (Tony Amendola) weckt. Nachdem Smilie kurz darauf Zooey entführt und beinahe ermordet, bevor sie in letzter Sekunde entkommen kann, schalten die Hellmans die Polizei ein, was sich angesichts des mittlerweile rasenden Smilie als wenig hilfreich erweist…

Nach James Mangolds „Identity“ sehen wir in „The Devil’s Candy“ Pruitt Taylor Vince abermals als geistesgestörten Serienkiller, hinter dessen bärig-freundlich erscheinendem Äußeren sich die Bestie verbirgt. Die Interpretation, ob sich hinter den seltsamen Geschehnissen, darunter eben Smilies Psychose, die ihn Befehle zu hören wähnt, Jesses „prophetische“ Malerei oder sein Treffen mit dem höchst mysteriösen Mäzen Leonard, dessen Galerie nebenbei „Belial“ heißt, tatsächlich übernatürliche, sprich: satanische Zusammenhänge verbergen, überlässt Autorregisseur Sean Byrne dem Zuschauer. Zumindest einzelne, bestimmte Faktoren legen einen solchen Schluss nahe. Jedoch bezieht „The Devil’s Candy“ gerade aus diesen vagen, in der Schwebe belassenen Andeutungen einen Großteil seines spezifischen Reizes. Daran, dass Byrne ganz nebenbei auch und wenn nicht gar primär einen Film für sich selbst als fanboy gemacht hat, lässt er wenig Zweifel: Jesses und Zooeys Affinität zu harter Musik, die sich in entsprechendem Styling von Vater und Tochter, der nicht unwichtigen Nebenrolle einer Gibson Flying V und diversen Einspielern passender Bands (u.a. Metallica, Sunn O))), Slayer, Pantera) äußert, ist ganz bestimmt auch Byrne zuzuschreiben.
Passend zu diesem durchaus sympathisch konnotierten Offenbarungseid bleibt „The Devil’s Candy“ als recht erfreulicher, kleiner, aber sauberer und keinesfalls unintelligenter Genrevertreter im Gedächtnis haften, der seine Chance verdient.

7/10

HACKSAW RIDGE

„In peace, sons bury their fathers. In war, fathers bury their sons.“

Hacksaw Ridge ~ USA/AUS 2016
Directed By: Mel Gibson

Nachdem der junge Desmond T. Doss (Andrew Garfield) sich in den späteren Tagen des Zweiten Weltkriegs für den Militärdienst meldet mit der festen Absicht, als Sanitäter im Feld zu arbeiten, entwickelt seine Ausbildung sich zum wahren Spießrutenlauf: Doss weigert sich nämlich nicht nur stehenden Fußes, eine Waffe abzufeuern sondern zudem noch überhaupt eine in die Hand zu nehmen. Nachdem man mit allen Mitteln versucht, Doss aus der Army zu jagen, sorgt ausgerechnet sein Vater (Hugo Weaving) durch alte Beziehungen und einen Rückbezug auf das Bundesgesetz in letzter Minute dafür, dass Doss seinen Dienst wie jeder andere verrichten darf. Während der blutigen Schlacht von Okinawa gelingt es Doss, 75 verletzte Männer vom aus dem Kampfgetümmel zu holen und so ihr Leben zu retten.

Totgesagte leben länger – im Falle des unbequemen Mel Gibson findet sich diese Weise just einmal mehr bestätigt. Mit dem immens intensiven „Hacksaw Ridge“ legt der zuletzt besonders spärlich arbeitende Filmemacher seine zweitbeste Regiearbeit nach „Braveheart“ vor, dessen epischen Atem er zwar nicht ganz wiederaufgreifen kann, mit dem es ihm jedoch gelingt, zu den ganz großen Pazifikkriegsfilmen aufzuschließen. Dabei ist „Hacksaw Ridge“ gewiss nicht ganz frei von Schwächen und einzelnen Nuancen, die sich geschickter hätten aufbereiten lassen. Das beginnt bereits mit der Besetzung der Hauptrolle durch Andrew Garfield, die ich für nicht ganz so glücklich halte, spiegelt sich in der nicht eben klischeefreien Erzählung der Romanze zwischen Doss und der Krankenschwester Dorothy Schutte (Teresa Palmer) wieder sowie der etwas angeranzten Dreiaktung Privatleben – Ausbildung – Einsatz, die sich durch eine achronologische Narration möglicherweise besser hätte auflösen lassen. Doch das sind recht luxuriöse Mäkeleien. Spätestens mit der Fokussierung auf das Schlachtengetümmel in Okinawa finden Film und Regisseur zu sich und damit zum Höchstniveau, denn die Gnadenlosigkeit und Barbarei der sich gegenseitig abschlachtenden Soldaten hat das Kino selten mit einer solch eindrücklichen Nahbarkeit eingefangen. Ob das ohnehin nur höchst selten berechtigte und zutreffende Präfix Anti- vor Gibsons Kriegsfilm gehört, nimmt sich, wie in diesen Fällen üblich, diskutabel bis fragwürdig aus, da faktisch kein eigentlicher Diskurs über das Wesen des Krieges stattfindet. Zumindest der authentischen Geschichte von Desmond Doss, der als völlige Ausnahmeerscheinung ausschließlich vor Ort war, um Humanitäres zu verrichten und um Leben zu retten anstatt welche zu nehmen, gräbt diese Hinterfragung allerdings kaum das Wasser ab. Kräftig.

8/10

GET OUT

„This bitch is crazy!“

Get Out ~ USA 2017
Directed By: Jordan Peele

So wirklich Lust, seine Schwiegereltern in spe kennenzulernen hat Chris (Daniel Kaluuya) nicht; hält er selbst es doch noch immer für keine Selbstverständlichkeit, dass ein dunkelhäutiger Typ wie er eine weiße Freundin wie Rose (Allison Williams) ausführt. Dennoch steht ein Wochenende in der Provinz auf dem Plan, in dessen Zuge man Roses alte Herrschaften Dean (Bradley Whitford) und Missy Armitage (Catherine Keener) in ihrer großzügigen Villa einen Besuch abstattet. Zwar geben die beiden sich als betont liberal, sind Chris jedoch trotz aller Bemühungen kreuzunsympathisch. Auch die beiden farbigen Hausangestellten, Gärtner Walter (Marcus Henderson) und Georgina (Betty Gabriel), Mädchen für Alles, erwecken ungute Assoziationen bei Chris. Noch bizarrer wird die Situation, als die Armitages ihr alljährliches Gartenfest ausrichten: Die Gäste scheinen durch die Bank etwas zu verbergen. Als Chris endlich die ihn umspielende Scharade durchschaut, ist es bereits zu spät…

In der Tradition der Geschichten von Ira Levin findet sich diese gleichermaßen schwarzhumorige wie spannende, moderne Rassismusallegorie, die auf grandios-treffende Weise das neoliberale Verständnis von „gelungener Integration“ überspitzt und zu einer gescheiten Genrefarce schmiedet. Vor allem „The Stepford Wives“ blinzelt aus jeder Pore von „Get Out“ hervor; wie Levins sich ungebrochener Aktualität erfreuende Story der Frauenbewegung annahm, nimmt „Get Out“ den (amerikanischen) Alttagsrassismus aufs Korn. Dabei ist Jordan Peele glücklicherweise viel zu intelligent, um eine bloße Ku-Klux-Klan-Fabel zu erzählen und fanatische Neonazis Jagd auf hilflose Schwarze machen zu lassen. Seine postmodernen Rassisten entstammen ausschließlich der weißen Elite jenseits der 50, die die unhaltbaren Vorurteile ihrer Ahnen längst abgelegt haben und die den Afroamerikaner an und für sich vielmehr als physisch begütert, um nicht zu sagen, als erstrebenswerte Hülle betrachten. Dean Armitage, in der Tradition seines Vaters ein versierter Hirnchirurg, hat daraus einen einzigartigen Geschäftszweig für dekadente Eingeweihte kultiviert: Er überträgt die Hirnmuster eines durch natürliche Faktoren zum Tode verurteilten oder sonstwie körperlich beeinträchtigten weißen Seniors – des Meistbietenden freilich – auf die eines jungen, gesunden Schwarzen, dessen eigene Persönlichkeit dabei nahezu völlig in den psychischen Hintergrund gedrängt wird. Die elementare Aufgabe der überaus attraktiven Rose ist es dabei, die unfreiwilligen Probanden ins Haus der Armitages zu locken, wo die entsprechende Operation dann stattfinden kann. Glücklicherweise ist Chris, nachdem er bereits in der Falle sitzt, noch immer wehrhaft genug, um sich aus dem Horrorszenario freizukämpfen.
Jordan Peele hat mit „Get Out“ eine exzellente Mixtur aus Sozialsatire und klassischem Horrorkino geschaffen, die die bedauerlicherweise noch immer gegenwärtige Segregationsproblematik auf ebenso flüssige wie schlüssige Weise mit dem traditionsbeflissenen Motiv des mad scientist verbindet. Frankensteins kleines Rassistenlabor – brillant!

9/10