HELL OR HIGH WATER

„We ain’t stealing from you. We’re stealing from the bank.“

Hell Or High Water ~ USA 2016
Directed By: David Mackenzie

Die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner Howard (Ben Foster) rauben binnen kurzer Zewit zwei Filialen der lokalmächtigen Texas Midlands Bank aus. Während der alternde Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges) und sein Partner Parker (Gil Birmingham) sich an ihre Fersen heften, gestaltet sich das weitere Vorgehen der Flüchtigen besonders durch das impulsive und gewaltaffine Verhalten des Ex-Häftlings Tanner zusehends außer Kontrolle geratend. Obgleich die Motivlage der Brüder moralisch durchaus diskutabel ist – die Texas Midlands hat eine Wucher-Hypothek gegen Tobys Ranch in der Hand – ist ein finaler Zwist zwischen den Kriminellen und der Justiz unausweichlich.

Wie eine gepflegte Analyse der US-Bürger-Befindlichkeit im Katastrophen-Wahljahr 2016 wirkt dieser meisterhafte, ebenso staubige wie sonnenlichtdurchflutete Southern Noir des Schotten David Mackenzie: Ganz Westtexas scheint darin übersät von aufgegebenen, verrottenden Immobilien und Grundstücken, an denen zwangsläufig auch etliche familiäre Existenzen hängen. Stattdessen säumen Werbeplakate für Kredite und Hypotheken die Highways – es ist die Ära der Gläubiger, Wucherer und Blutsauger. Neben ein paar Diners scheint die allgegenwärtige Texas Midlands Bank mit ihren zig Niederlassungen eine der letzten funktionierenden Institutionen im Staat zu stellen; natürlich nur, insofern man deren kapitalistische Albtraum-Agenda als „funktional“ anzuerkennen bereit ist. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich das Familiendrama der Howard-Brüder, die beinahe schon allegorische Opfer der Umstände sind. Die Verschuldung des Familienbesitzes geht auf die verzweifelte, in Kummer verstorbene Elterngeneration zurück; den letzten probaten Ausweg bildet die Flucht nach vorn. Während Toby den Weg zum Outlaw für seine Kinder beschreitet, steht Tanner, knasterfahren, wild um sich schießend und getrieben von einer entsprechend unzweideutigen Neigung zu offener Gewaltausübung, eher in der Tradition der marodierenden Wildwest-Banditen von vor 130 Jahren. Immerhin sind Mackenzie und sein kaum minder brillant zu Werke gehender Autor Taylor Sheridan, dessen begnadeten Fingern bereits der monumentale „Sicario“ entwuchs, romantisch genug, um Toby am Ende mit einem blauen Auge davonkommen zu lassen, freilich nicht ohne ihn ein letztes (?) Mal mit seinem Antagonisten zu konfrontieren. Gute Freunde werden die beiden nicht mehr, dass sie jedoch reziprokes Verständnis und zumindest einen Hauch von Respekt füreinander entwickeln, daran mag ebensowenig Zweifel bestehen.
Wenn man sich zudem vergegenwärtigt, in welchem demografischen Umfeld die Republikaner die meisten Wähler fischen konnten, entsteht ein hübsch kompaktes, fiktionalisiertes Sozialanalytikum, das nicht nur in dieser Hinsicht gewiss noch in vielen Jahren Bestand haben wird. Leider ist es ja so – beschissene Zeiten befeuern großartiges Kino.
So ziemlich das Beste, was ich jüngst an „Aktuellerem“ gesehen habe.

10/10

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THE DEVIL’S CANDY

„He’s no mask in a Halloween store, he’s not what you see in the movies.“

The Devil’s Candy ~ USA 2015
Directed By: Sean Byrne

Die dreiköpfige Familie Hellman, Vater Jesse (Ethan Embry), Mutter Astrid (Shiri Appleby) und Tochter Zooey (Kiara Glasco), erwirbt ein günstiges Haus in der texanischen Provinz nebst großzügigem Hallenanbau, in dem Jesse, Metal-Fan und Maler, sein neues Atelier einrichtet. Der zuständige Makler (Craig Nigh) verschleiert die zuvor dort stattgefundenen Vorkommnisse, die den geisteskranken Ray Smilie (Pruitt Taylor Vince) umwabern. Jener hatte in diesem Haus gewohnt, ist nun gezwungen, in einem Motel abzusteigen und macht sich schon bald bei den Hellmans bemerkbar. Während Zooey dem merkwürdigen, dicken Mann zunächst noch offen gegenübersteht, ist er ihren Eltern sogleich unheimlich. Dieser Verdacht erweist sich als berechtigt: Smilie ist ein Serienkiller, der sich von Satan persönlich beauftragt wähnt, sein blutiges Werk zu verrichten. Jesse gestaltet in tranceartigen Zuständen derweil zunächst ein umgedrehtes Kreuz und dann ein riesiges Gemälde, das neben anderen schreienden Kindern in einer Art Höllenfeuer auch Zooey zeigt und mit dem er das Interesse des Galeristen Leonard (Tony Amendola) weckt. Nachdem Smilie kurz darauf Zooey entführt und beinahe ermordet, bevor sie in letzter Sekunde entkommen kann, schalten die Hellmans die Polizei ein, was sich angesichts des mittlerweile rasenden Smilie als wenig hilfreich erweist…

Nach James Mangolds „Identity“ sehen wir in „The Devil’s Candy“ Pruitt Taylor Vince abermals als geistesgestörten Serienkiller, hinter dessen bärig-freundlich erscheinendem Äußeren sich die Bestie verbirgt. Die Interpretation, ob sich hinter den seltsamen Geschehnissen, darunter eben Smilies Psychose, die ihn Befehle zu hören wähnt, Jesses „prophetische“ Malerei oder sein Treffen mit dem höchst mysteriösen Mäzen Leonard, dessen Galerie nebenbei „Belial“ heißt, tatsächlich übernatürliche, sprich: satanische Zusammenhänge verbergen, überlässt Autorregisseur Sean Byrne dem Zuschauer. Zumindest einzelne, bestimmte Faktoren legen einen solchen Schluss nahe. Jedoch bezieht „The Devil’s Candy“ gerade aus diesen vagen, in der Schwebe belassenen Andeutungen einen Großteil seines spezifischen Reizes. Daran, dass Byrne ganz nebenbei auch und wenn nicht gar primär einen Film für sich selbst als fanboy gemacht hat, lässt er wenig Zweifel: Jesses und Zooeys Affinität zu harter Musik, die sich in entsprechendem Styling von Vater und Tochter, der nicht unwichtigen Nebenrolle einer Gibson Flying V und diversen Einspielern passender Bands (u.a. Metallica, Sunn O))), Slayer, Pantera) äußert, ist ganz bestimmt auch Byrne zuzuschreiben.
Passend zu diesem durchaus sympathisch konnotierten Offenbarungseid bleibt „The Devil’s Candy“ als recht erfreulicher, kleiner, aber sauberer und keinesfalls unintelligenter Genrevertreter im Gedächtnis haften, der seine Chance verdient.

7/10

HACKSAW RIDGE

„In peace, sons bury their fathers. In war, fathers bury their sons.“

Hacksaw Ridge ~ USA/AUS 2016
Directed By: Mel Gibson

Nachdem der junge Desmond T. Doss (Andrew Garfield) sich in den späteren Tagen des Zweiten Weltkriegs für den Militärdienst meldet mit der festen Absicht, als Sanitäter im Feld zu arbeiten, entwickelt seine Ausbildung sich zum wahren Spießrutenlauf: Doss weigert sich nämlich nicht nur stehenden Fußes, eine Waffe abzufeuern sondern zudem noch überhaupt eine in die Hand zu nehmen. Nachdem man mit allen Mitteln versucht, Doss aus der Army zu jagen, sorgt ausgerechnet sein Vater (Hugo Weaving) durch alte Beziehungen und einen Rückbezug auf das Bundesgesetz in letzter Minute dafür, dass Doss seinen Dienst wie jeder andere verrichten darf. Während der blutigen Schlacht von Okinawa gelingt es Doss, 75 verletzte Männer vom aus dem Kampfgetümmel zu holen und so ihr Leben zu retten.

Totgesagte leben länger – im Falle des unbequemen Mel Gibson findet sich diese Weise just einmal mehr bestätigt. Mit dem immens intensiven „Hacksaw Ridge“ legt der zuletzt besonders spärlich arbeitende Filmemacher seine zweitbeste Regiearbeit nach „Braveheart“ vor, dessen epischen Atem er zwar nicht ganz wiederaufgreifen kann, mit dem es ihm jedoch gelingt, zu den ganz großen Pazifikkriegsfilmen aufzuschließen. Dabei ist „Hacksaw Ridge“ gewiss nicht ganz frei von Schwächen und einzelnen Nuancen, die sich geschickter hätten aufbereiten lassen. Das beginnt bereits mit der Besetzung der Hauptrolle durch Andrew Garfield, die ich für nicht ganz so glücklich halte, spiegelt sich in der nicht eben klischeefreien Erzählung der Romanze zwischen Doss und der Krankenschwester Dorothy Schutte (Teresa Palmer) wieder sowie der etwas angeranzten Dreiaktung Privatleben – Ausbildung – Einsatz, die sich durch eine achronologische Narration möglicherweise besser hätte auflösen lassen. Doch das sind recht luxuriöse Mäkeleien. Spätestens mit der Fokussierung auf das Schlachtengetümmel in Okinawa finden Film und Regisseur zu sich und damit zum Höchstniveau, denn die Gnadenlosigkeit und Barbarei der sich gegenseitig abschlachtenden Soldaten hat das Kino selten mit einer solch eindrücklichen Nahbarkeit eingefangen. Ob das ohnehin nur höchst selten berechtigte und zutreffende Präfix Anti- vor Gibsons Kriegsfilm gehört, nimmt sich, wie in diesen Fällen üblich, diskutabel bis fragwürdig aus, da faktisch kein eigentlicher Diskurs über das Wesen des Krieges stattfindet. Zumindest der authentischen Geschichte von Desmond Doss, der als völlige Ausnahmeerscheinung ausschließlich vor Ort war, um Humanitäres zu verrichten und um Leben zu retten anstatt welche zu nehmen, gräbt diese Hinterfragung allerdings kaum das Wasser ab. Kräftig.

8/10

GET OUT

„This bitch is crazy!“

Get Out ~ USA 2017
Directed By: Jordan Peele

So wirklich Lust, seine Schwiegereltern in spe kennenzulernen hat Chris (Daniel Kaluuya) nicht; hält er selbst es doch noch immer für keine Selbstverständlichkeit, dass ein dunkelhäutiger Typ wie er eine weiße Freundin wie Rose (Allison Williams) ausführt. Dennoch steht ein Wochenende in der Provinz auf dem Plan, in dessen Zuge man Roses alte Herrschaften Dean (Bradley Whitford) und Missy Armitage (Catherine Keener) in ihrer großzügigen Villa einen Besuch abstattet. Zwar geben die beiden sich als betont liberal, sind Chris jedoch trotz aller Bemühungen kreuzunsympathisch. Auch die beiden farbigen Hausangestellten, Gärtner Walter (Marcus Henderson) und Georgina (Betty Gabriel), Mädchen für Alles, erwecken ungute Assoziationen bei Chris. Noch bizarrer wird die Situation, als die Armitages ihr alljährliches Gartenfest ausrichten: Die Gäste scheinen durch die Bank etwas zu verbergen. Als Chris endlich die ihn umspielende Scharade durchschaut, ist es bereits zu spät…

In der Tradition der Geschichten von Ira Levin findet sich diese gleichermaßen schwarzhumorige wie spannende, moderne Rassismusallegorie, die auf grandios-treffende Weise das neoliberale Verständnis von „gelungener Integration“ überspitzt und zu einer brillanten Genrefarce schmiedet. Vor allem „The Stepford Wives“ blinzelt aus jeder Pore von „Get Out“ hervor; wie Levins sich ungebrochener Aktualität erfreuende Story der Frauenbewegung annahm, nimmt „Get Out“ den (amerikanischen) Alttagsrassismus aufs Korn. Dabei ist Jordan Peele glücklicherweise viel zu intelligent, um eine bloße Ku-Klux-Klan-Fabel zu erzählen und fanatische Neonazis Jagd auf hilflose Schwarze machen zu lassen. Seine postmodernen Rassisten entstammen ausschließlich der weißen Elite jenseits der 50, die die unhaltbaren Vorurteile ihrer Ahnen längst abgelegt haben und die den Afroamerikaner an und für sich vielmehr als physisch begütert, um nicht zu sagen, als erstrebenswerte Hülle betrachten. Dean Armitage, in der Tradition seines Vaters ein versierter Hirnchirurg, hat daraus einen einzigartigen Geschäftszweig für dekadente Eingeweihte kultiviert: Er überträgt die Hirnmuster eines durch natürliche Faktoren zum Tode verurteilten oder sonstwie körperlich beeinträchtigten weißen Seniors – des Meistbietenden freilich – auf die eines jungen, gesunden Schwarzen, dessen eigene Persönlichkeit dabei nahezu völlig in den psychischen Hintergrund gedrängt wird. Die elementare Aufgabe der überaus attraktiven Rose ist es dabei, die unfreiwilligen Probanden ins Haus der Armitages zu locken, wo die entsprechende Operation dann stattfinden kann. Glücklicherweise ist Chris, nachdem er bereits in der Falle sitzt, noch immer wehrhaft genug, um sich aus dem Horrorszenario freizukämpfen.
Jordan Peele hat mit „Get Out“ eine exzellente Mixtur aus Sozialsatire und klassischem Horrorkino geschaffen, die die bedauerlicherweise noch immer gegenwärtige Segregationsproblematik auf ebenso flüssige wie schlüssige Weise mit dem traditionsbeflissenen Motiv des mad scientist verbindet. Frankensteins kleines Rassistenlabor – brillant!

9/10

THE ACCOUNTANT

„I like incongruity.“

The Accountant ~ USA 2016
Directed By: Gavin O’Connor

Der mit einer Autismus-Störung hadernde Christian Wolff (Ben Affleck) ist gar kein leicht angeknackster Steuerberater, wie die meisten Leute glauben, sondern in Wahrheit ein incognito arbeitender Buchhalter für extrem exklusive Kunden, darunter auch etliche Schweinehunde von der Mafia sowie milliardenschwere Drogen- und Waffenhändler. Und doch folgt Wolff in Wahrheit einer streng moralischen Agenda: Seine Klienten kommen keinesfalls ungeschoren davon, wenn sie wirklich Dreck am Stecken haben. Wolff ist nämlich nicht nur ein verbissenes Zahlen- und Rechengenie, sondern auch ein vollendet ausgebildeter Einzelkämpfer und Waffenexperte, der seine Gegner mit ebensolcher Präzision vom Erdboden tilgt wie er Zinsaufgaben löst. Wolffs aktueller Auftrag führt ihn zu der Firma „Living Robotics“, deren Buchführung einige Löcher aufweist. Hinter den abgezwackten Geldsummen steckt jedoch viel mehr als Wolff zunächst erkennt. Als problematisch erweisen sich zudem der Steuerfahnder King (J.K. Simmons) und seine zwangsrekrutierte Assistentin Marybeth Medina  (Cynthia Addai-Robinson), die sich an Wolffs Fersen heften.

Während Marvel und DC in Kino und Serienformaten ihre kostümierten Comichelden antreten lassen, bildet sich klammheimlich ein weiteres, ununiformiertes Superhelden-Subgenre heraus, das mit dem Punisher Frank Castle und, weiter zurück, in dem grenzmythischen „Shane“ gewissermaßen zumindest auch eine gemeinsame, popkulturelle Genealogie aufweist: Die der im Untergrund operierenden Rächer, Superprofis, Geraderücker. Denzel Washington konnte man als bezeichnenden „Equalizer“ genießen, Keanu Reeves als „John Wick“ und Tom Cruise als „Jack Reacher“, wobei die letzteren beiden mittlerweile bereits Zweiteinsätze auf der Leinwand verbuchen können. Ben Affleck gesellt sich als „The Accountant“ heuer als neuestes Familienmitglied hinzu. All diesen Figuren ist eine ziemlich deutliche charakterliche Schnittmenge gemein. Da wäre zunächst ihre kombattante Qualität. Vollprofis in jedweder Methode, den Gegner auszuschalten sind sie. Ob mit Schuffwaffen, Schlag- oder Stechwerkzeug spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Alle gehen sie leise, unspektakulär und blitzschnell zu Werk. Alle sind hochintelligente, dabei jedoch einsame und wortkarge Solisten, die sich am wohlsten fühlen, wenn sie von der Öffentlichkeit unbemerkt agieren können. Alle sind Ex-Profis mit militärischer und/oder polizeilicher Ausbildung, die nunmehr jedoch, von der sie zuvor beschäftigenden Organisation enttäuscht oder zumindest zurückgezogen, als eigene Faust agieren. Alle teilen eine hochpreisige Privatagenda, seien es persönlicher Verlust, Traumata oder psychische Unebenheiten. Alle kommen, helfen, siegen, verschwinden wieder. Bis zum nächsten Mal. Superhelden, wenngleich ohne Metafähigkeiten und Maske. Ben Affleck als Christian Wolff weist von jenem Quartett das bislang signifikanteste Problem auf; er ist gleichfalls Autist und damit unfähig zu romantischer Bindung, algebraisches und logisches Superhirn, Kunstliebhaber, Zwangsneurotiker und Killermaschine. Logisch, dass ihm seine Defizite im Ernstfall nicht in die Quere kommen und er trotz seiner vermeintlichen „Schwächen“ (die ja gerade seine besonderen Qualitäten bedingen und ausbalancieren) jedem Widersacher stets einen Schritt voraus ist.
Dies gilt weniger für O’Connors Film. Dieser verliebt sich über weite Strecken  allzu sehr in seinen semi-gehandicapten Protagonisten und baut für ihn eine sehr viel umfangreichere narrative Basis auf als notwendig. Das Script hätte ein deutliches Plus an Strenge respektive Ökonomie vertragen und die eine oder andere Enthüllung vielleicht für ein (vermutlich ohnhein längst designiertes) Sequel aufheben sollen. Ich hätte mir mehr John Lithgow gewünscht und dafür etwas weniger introspektive Vergangenheitsaufbereitung, zumal die zuweilen an „American Ninja“ erinnernden Rückblicke nicht zwangsläufig glücklich geraten sind. Auch wenn die wahrscheinlich zufällige Tatsache, dass Wolffs Bruder vom aktuellen Punisher Jon Bernthal gespielt wird, einen netten Querverweis ergibt, reicht „The Accountant“, zumal in seinem augenfälligen Bestreben nach emotionaler Publikumsinvolvierung, keinesfalls an „Warrior“ heran.

7/10

WILD AT HEART

„We got some dancin‘ to do.“

Wild At Heart ~ USA 1990
Directed By: David Lynch

Leben und Lieben könnten schön sein für Sailor Ripley (Nicolas Cage) und Lula Fortune (Laura Dern) – wäre da nicht Lulas böse, intrigante Mama Marietta (Diane Ladd) und ihre beständige Angst davor, dass Sailor einst mitbekam, wie sie gemeinsam mit dem Gangster Marcellos Santos (J.E. Freeman) ihre Gatten in Brand gesteckt hat. Nun sind Sailor und Lula auf der Flucht nach Kalifornien, ein paar gefährliche Auftragsmörder auf den Fersen.

Seinem damaligen Kunstideal, die amerikanische Kitschkultur zu redefinieren und ihr dann den Spiegel der eigenen Monstrosität vor Augen zu halten, kam David Lynch nie näher. Basierend auf einem für sein Vorhaben wie geschaffenen Roman von Barry Gifford ließ Lynch in sein exaltiertes Werk um ein nicht eben bildungsnahes, dafür aber umso emotionskräftigeres Liebespaar wider alle Schranken Sex, jeweils eine Menge Kettenrauchertum, Elviskult, irre Verbrecher und vor allem eine Menge „Wizard Of Oz“ einfließen. Seine beiden Protagonisten Sailor und Lula oszillieren dabei wild umher zwischen belustigender Einfalt, klebrigen Liebesbekenntnissen, erschreckender Gewaltbereitschaft und beneidenswert ekstatischem Sex. Ähnlich wie „Blue Velvet“ legt Lynch den Rahmen der Geschichte als Reise in ein finstereres Herz Amerikas an. Die konstitutionelle Vorgabe des road movie erlaubt ihm hier zudem, den gesamten Film als pathologische Americana zu gestalten, als verzerrtes Porträt einer Nation, aus deren bei aller inneren Verseuchung unerschütterlichem Selbstverständnis sich gleichermaßen Ekel und Faszination beziehen lassen. Dass Lynch es dabei nie wirklich ernst meint, zeigt seine konsequente Ironisierung der herben Gewaltspitzen: Nachdem Sailor gleich am Anfang einem von Marietta gezielt eingesetzten agent provocateur (Calvin Lockhart) das Gehirn aus dem Schädel geprügelt hat, steckt er sich erstmal eine postorgiasmische Zigarette an; zwei mit der Schrotflinte bearbeitete Bankangestellte krabbeln auf dem Boden herum, um die abgeschossene Hand eines der beiden zu suchen, mit der sich unterdessen ein fröhlich schwanzwedelnder Hund um die Ecke verdrückt. Am Ende kassiert dann auch der bis dahin zumeist in cooler Passivität verharrende Sailor endlich seine Tracht Prügel von ein paar wortkargen Straßenschlägern, die ihm die finale Erleuchtung beschert, kredenzt durch den längst überfälligen Auftritt einer guten Hexe (Sheryl Lee): „Don’t turn away from love, Sailor.“ Zeit für ein extrem überzuckertes happy end, das „Wild At Heart“ sich da schon längst verdient hat. Und umgekehrt.

10/10

SMOKEY AND THE BANDIT II

„Hello, ya handsome sumbitch!“

Smokey And The Bandit II (Das ausgekochte Schlitzohr ist wieder auf Achse) ~ USA 1980
Directed By: Hal Needham

Der nach der Trennung von seiner Carrie (Sally Field) dauerbesoffene Bandit (Burt Reynolds) und sein Kumpel Cledus (Jerry Reed) erhalten diesmal von Big (Pat McCormick) und Little Enos Burdette (Paul Williams) eine republikanische Wahlspende in Form eines riesigen Pakets abzugreifen und von Florida nach Texas zu schaffen. Nachdem Bandit sich wieder in Form gebracht und Cledus Carrie zur Rückkehr bewogen hat, geht die Reise los. Dass sich in der betreffenden Kiste ein weiblicher Elefant verbirgt, bringt unsere Freude zwar leicht ins Stottern, aber keinesfalls zur Verzeiflung.

Die liebenswerte Impertinenz des Vorgängers, aus einem banalem Nullsujet eine charmanten Komödie zu fertigen, die sich im Endeffekt ohnehin um ganz andere Dinge kümmert denn um ihr laues Story-Lüftchen, kultiviert Stuntman und Regisseur Needham im Sequel in nochmals potenzierter Form. Die alte, deutsche Weise von der „Mücke, aus der man einen Elefanten macht“, findet sich hier in all ihrer Buchstäblichkeit in Bilder gegossen. Brachte die Sache mit der LKW-Ladung Coors im ersten Teil zumindest noch ein gewisses Quäntchen verblassender Subtilität mit sich, so mutet die jetzige Geschichte geradezu an, als hätten Needham und die Scriptautoren die vormals überland gelieferten Hopfengallönchen binnen einer Nacht geleert, um dabei den gar lustigen Plot um das schwangere Elefantenmädchen Charlotte zu ersinnen, großes Blechlawinenfinale inbegriffen. „Bandit II“, der Jackie Gleason im besten Wissen um dessen komödiantisches Potenzial in einer Dreifachrolle (als Sheriff Justice und seinen beiden Polizistenbrüder aus dem Norden, einer davon stockschwul und der andere ein Mountie und Opernfan) und seinen Filmfilius (Mike Henry) nochmals prominenter als zuvor inszeniert und mit Dom DeLuise als italienischem Schwarz-Internisten das Heldenquartett (Basset Gottfried inbegriffen) zum Quintettausbaut, ist tatsächlich das filmische Äquivalent zu einem in größerer freundschaftlicher Runde abgelassenen, lauten und langen Furz: Es sind immer ein paar dabei, die sich das juvenile Herz bewahrt haben, über soviel Infantilität schmunzeln oder sogar lachen zu können; andere, wahrscheinlich die meisten, finden solcherlei eher unangebracht und halten sich flugs die Nase zu; der Verursacher selbst hat am meisten Spaß an der übelriechenden Bescherung. Nach spätestens drei affizierenden Minuten ist die Sache dann wieder vergessen, der letzte Lacher gelacht, die Gase gen Himmel entwichen. Man wendet sich gepflegt wieder anderem zu.

5/10