5 BAMBOLE PER LA LUNA D’AGOSTO

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5 Bambole Per La Luna D’Agosto (Five Dolls For An August Moon) ~ I 1970
Directed By: Mario Bava

Der Millionär und Unternehmer George Stark (Teodoro Corrà) lädt drei befreundete Ehepaare auf seine Privatinsel nebst modernst durchgestylter Villa ein. Hinter dem als „feucht-fröhlich“ avisierten Aufenthalt steckt in Wahrheit jedoch ganz nüchternes, berufliches Interesse: Einer der Gäste, der Wissenschaftler Professor Farrell (William Berger), hat eine Formel für Kunstharz entwickelt, die Stark ihm um jeden Preis abkaufen möchte. Doch nicht nur er, auch die ebenfalls anwesenden Jack Davidson (Howard Ross) und Nick Chaney (Maurice Poli) sind immens an der Formel interessiert. Da taucht auch schon die erste Leiche auf: Hausboy Charles (Mauro Bosco), kurz zuvor noch Chaneys sexuell unersättlicher Gattin Marie (Edwige Fenech) zu Diensten, wird ermordet aufgefunden. Und bei dem einen Toten bleibt es nicht. Gottlob hat Stark eine ausladende Kühlkammer im Hause…

Lange aufgeschoben, jetzt endlich einmal nachgeholt: Dass ich „5 Bambole Per La Luna D’Agosto“ so lange entbehrt habe, bereue ich nicht unbedingt. Auch wenn Bavas Werks-Intimus Tim Lucas den Film als einen von des Maestros „besten und innovativsten“ bezeichnet, fehlt es mir hier an manchem. Der sich stark von Agatha Christies Krimis und speziell von „Ten Little Indians“ inspiriert zeigende Plot bugsiert sich nur höchst selten in ein Stadium, das man als „fesselnd“ bezeichnen möchte; nahezu sämtliche der darin agierenden Figuren tun sich als Abziehbilder und Knallchargen hervor – reich, gierig, opportunistisch frustriert, dekadent. Ihr Schicksal ist dem Rezipienten dementsprechend von Herzen gleichgültig; respektive würde man sich möglichst deftiger Mordesquenzen eher noch erfreuen. Doch auch hier übt sich Bava noch in recht pietätvoller Zurückhaltung, die sich nur kurz darauf für „Reazione A Catena“ in ihr diametrales Gegenteil verwandeln wird. Stattdessen setzt „5 Bambole“ auf einen etwas hohnäsigen, sozialistisch gefärbten Salonhumor: Das Kapital frisst sich selbst; reich zu sein, heißt in gerechter Angst leben zu müssen und die Leichen werden, ein mehr oder weniger komischer running gag, eine nach der anderen zwischen Schweinehälften gehängt, während die Überlebenden sich kaum um die Toten scheren und weiterhin ihre kostspieligen Drinks saufen. Erst am Ende, als Wahrnehmungs- und Zeitebenen etwas durcheinanderzugeraten scheinen, erhebt sich „5 Bambole“ ganz kurz über sein gepflegt gelangweiltes Timbre hinweg, nur um es sich dann flugs doch wieder darin bequem zu machen.

5/10

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LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO

Zitat entfällt.

La Ragazza Che Sapeva Troppo (The Girl Who Knew Too Much) ~ I 1963
Directed By: Mario Bava

Die sich für schundige Kriminalromane begeisternde, junge US-Amerikanerin Nora Davis (Letícia Róman) kommt nach Rom, um ihre alte, kranke Tante Ethel (Chana Coubert) zu besuchen. Doch gleich Noras erster Nacht vor Ort segnet Tante Ethel das Zeitliche. Damit nicht genug wird das verstört aus dem Haus laufende Mädchen sogleich noch Opfer eines rabiaten Taschendiebs und Zeugin eines Mordes. Am nächsten Tag will ihr zunächst niemand glauben; zumindest in dem jungen Arzt Marcello Bassi (John Saxon), der auch Noras Tante behandelte, findet die junge Frau einen Vertrauten. Nachdem sich die mysteriösen Ereignisse mehren – eine Sammlung von Zeitungsausschnitten um den sein Unwesen treibenden „Alphabet-Killer“, ein bedrohlicher Telefonanruf, eine merkwürdige Einladung in eine leerstehende Wohnung, ein Tonbandgerät mit seltsamem Inhalt, schließlich die Bekanntschaft mit dem verängstigten Journalisen Landini (Dante DiPaolo) kann schließlich auch Bassi nicht länger behaupten, dass Nora lediglich unter einer überspannten Phantasie leidet…

Die historischen Meriten von und um „La Ragazza Che Sapeva Troppo“ dürften hinlänglich bekannt sein – Bavas von seinen diversen Aushilfs- und Kollaborationsengagements abgesehen vierte Regiearbeit (und seine letzte in schwarzweiß) darf sich nämlich rühmen, den Giallo aus der Taufe gehoben zu haben. Die enge Beziehung zum gleichnamigen, trivialen Kriminalroman pflegt der Film bereits in der Eingangsszene, der die Protagonistin im anreisenden Flugzeug bei der gespannten Lektüre just eines solchen literarischen Artefakts zeigt. Überhaupt kommen zumindest zu Beginn nicht selten auch beim Zuschauer berechtigte Bedenken auf, ob die putzige Nora nicht vielleicht einen oder zwei zuviel der entsprechenden Ergüsse aufgesogen hat. Unanhängig von der sich mehr oder weniger überraschend gestaltenden, finalen Auflösung der tatsächlichen Serienmörderidentitätsind ist es vor allem Bavas Bildsprache, die zu fesseln und zu begeistern vermögen. Der bei seinen Filmen auch immer wieder selbst als dp agierende Maestro erzählt seine Geschichte in formvollendeten Tableaus, die man in dieser Perfektion – zumal zur Entstehungszeit des Films – nicht zwangsläufig mit  einem Genrestück zu assoziieren geneigt war. Von dem gruseligen Ableben der alten Tante Ethel über die prominente Verwendung der Spanischen Treppe nebst der Piazza di Spagna als immer wiederkehrende visuelle Motive bis hin zur zur Gestaltung und Inszenierung der Innenräume lässt Bava eine Meisterschaft durchblicken, die den manch einen seiner vielen Connaisseure und Enthusiasten ihn im Nachhinein als italienisches Hitchcock-Pendant würdigen ließen.
Im Zuge des etwaigen Rezeptionswunschs gilt es allerdings darauf zu achten, die „korrekte“ Fassung zu bevorzugen, nämlich die unverfälschte, nicht von dem amerikanischen distributor AIP, die mittlerweile ohnehin eher einen exotischen „Komplettierungs-„Status genießt. Diese „The Evil Eye“ betitelte Fassung wurde an vielen Stellen, so etwa an jenen, die um Marihuana-Schmuggelei kreisen, geschnitten und stattdessen um mehrere romantisch-komödiantischen Szenen um Róman und Saxon „ergänzt“, die die kriminalistische Grundierung und Atmosphäre des Films erheblich stören. Zudem wurde der Jazz-Score durch einen alternativen Soundtrack von Les Baxter ersetzt. Zwar ist „The Evil Eye“ letzten Endes die etwas längere der beiden Versionen, für Nichthistoriker jedoch bildet sie die müßige.

8/10

NIGHTWING

„One man’s superstition is another man’s religion.“

Nightwing (Schwingen der Angst) ~ USA 1979
Directed By: Arthur Hiller

In einem Indianerreservat in Arizona geschieht Mysteriöses: Nicht nur, dass Viehkadaver mit kleinen, rasiermesserscharfen Wunden aufgefunden werden, scheint auch der mächtige Priester Abner Tasupi (George Clutesi) im Wissen um Ungeheuerliches zu sein. Während der lokale Sheriff Youngman Duran (Nick Mancuso) damit beschäftigt ist, die Geldgier des geschäftstüchtigen Walker Chee (Stephen Macht), der in den Bergen riesige Ölvorkommen wittert, im Zaum zu halten, taucht dann auch noch ein englischer Vampirfledermausjäger namens Phillip Payne (David Warner) auf, der Duran zunächst nicht ganz koscher erscheint. Als jedoch Durans Freundin Anne (Kathryn Harrold) eines Nachts beinahe von den blutgierigen Flugnagern getötet wird, sieht sich Duran zu einer Allianz mit Payne gezwungen…

Grundtypischer Tierrhorror seiner Ära, der sich relativ nahtlos in die umfassende Anthologie rund um eine sich ihren modernen Ausbeutern entgegenstellende Natur einpflegt. Nebenbei lassen sich noch Parallelen zu William Girdlers „The Manitou“ und dem etwa zeitgleich gestarteten „Prophecy“ von John Frankenheimer ziehen, in denen indianische Weissagungen und Mystizismus ebenfalls elemetare Motive bilden.
Auch „Nightwing“ zehrt von jenen folkloristischen Triebfedern, die an den omnipräsenten historischen Schuldkomplex der ausbeuterischen, weißen US-Bevölkerung gemahnten und diese zugleich mit einer für sie als „Zivilisationsmenschen“  nicht fassbaren Bedrohung konfrontierten. Hier ist es eine Kolonie von Vampirfledermäusen, die ihre Opfer nicht nur unbarmherzigst zur Ader lassen, sondern zudem noch Überträger der Pest sind und somit die potenzielle Gefahr einer unkontrollierbaren Pandemie mit sich tragen. Stimmt die Ankündigung des alten Abner, so hat dieser sich mit einem alten indianischen Dämon verbündet, um das Ende der Welt einzuläuten. Da Duran Übersinnliches Geister jedoch nur dann zu sehen vermag, wenn er vom Peyote genascht hat, bleibt der Film eine zufrieden stellende Verifizierung dieses gehörig irrationalen Umstands schuldig. Im Endeffekt spielt dies jedoch ohnehin eine untergeordnete Rolle, ebenso wie Hillers Werk nachhaltig darin versagt, beim Publikum Angst zu evozieren. Seine Fledermäuse bleiben, trotz David Warners unaufhörlichen Beteuerungen, dass sie des Satans irdische Repräsentanten seien, vergleichsweise possierlich. In dieser Hinsicht zeigt sich eine engere Verwandtschaft zu obskureren Gattungsgenossen wie Claxtons „Night Of The Lepus“. Doch bekanntermaßen musste ja irgendwann während der Siebziger einmal jede greifbare Tiergattung in die Bresche springen, wenn es darum ging, das Armageddon einzuläuten, auch, wenn der eine oder andere Sciptautor (im Falle „Nightwing“ war das Martin Cruz Smith) sich gehörig verzettelte.
Das entpuppt sich jedoch als nicht weiter wild. Hillers Stück zehrt von seiner formalen Kompetenz, er ist unverkennbar ein Kind seiner Zeit und als solches insbesondere für Liebhaber des von ihm repräsentierten Subgenres einen Blick wert. 

6/10

HOUNDS OF LOVE

„Don’t let him go down on you.“

Hounds Of Love ~ AUS 2016
Directed By: Ben Young

Perth, 1987. Das in recht desolaten Zuständen lebende Ehepaar Evelyn (Emma Booth) und John White (Stephen Curry) entführt junge Mädchen im Teenageralter, quält und missbraucht sie sexuell, um sie schließlich zu ermorden und irgendwo in der Weite des Outback zu verscharren. Aktuell gerät die von daheim ausgebüchste Vicki Maloney (Ashley Cummings) in ihre Fänge. Vicki, deren Eltern (Susie Porter, Damian de Montamas) sich haben scheiden lassen, und die vornehmlich bei ihrem wohlhabenden, sie verwöhnenden Vater lebt, durchschaut bald das Abhängigkeitsgefälle zwischen Evelyn und John: Sie lebt als völlig devote Erfüllungsgehilfin unter der perversen, psychopathischen Fuchtel des gewalttätigen Ehemanns und findet nicht die Kraft, sich gegen seine übermächtige Persönlichkeit zur Wehr zu setzen. Stattdessen spielt sie seine mittlerweile zum Serienmord avancierten Riten kritiklos mit. Vickis einzige Überlebenschance besteht somit darin, die psychisch höchst vulnerable Evelyn auf ihre Seite zu ziehen…

Was oberflächlich anmutet wie ein weiterer Kidnapping- und Folterfilm offenbart bereits im frühen Verlauf eine deutlich differenziertere, höchst dramatische Intensität. Geschickt umschifft der vielversprechende Debütregisseur Ben Young die meisten Verlockungen handelsüblicher Klischees und entwickelt eine gleichsam bedrückende und schwebende Grundstimmung, die ihre monströse Immanenz mit Ausnahme gezielter Gewalttupfer unter der brodelnden Oberfläche behält.
„Hounds Of Love“ erzählt im Grunde zwei parallel ablaufende Geschichten. Einerseits berichtet er von Vickis furchtbarem Leidensweg als zur Hilflosigkeit verdammtes Spielzeug ihrer Entführer, andererseits, und hier bringt Young die eigentliche Tragfähigkeit seines Films zur Geltung, obduziert er die vollkommen dysfunktionale, pathologische Beziehung des Kidnapperpärchens, zweier bildungsferner, zum Subproletariat zählender Menschen, die sich immer weiter weg von den gängigen sozialen Wertmaßstäben bewegen, „white suburban trash“, wie man sie zu bezeichnen geneigt ist. Evelyns Kinder leben bei einer Pflegefamilie, wobei die Gründe dafür nie zur Gänze offengelegt werden. Mutmaßlich tragen jedoch auch hieran John und sein obsessiver Hang zur Gewaltausübung an Wehrlosen die Schuld. Nichtsdestotrotz hat die verzweifelt nach Nähe und Zärtlichkeit strebende Evelyn längst den Überblick und vor allem die Fähigkeit zur Rechtsgewichtung verloren; stattdessen hilft sie John, seine Entführungsopfer auszuwählen, gefangenzuhalten, sexuell auszubeuten und schließlich verschwinden zu lassen. Insbesondere im Zuge der Zeichnung dieses Abhängigkeitsverhältnisses entwickelt „Hounds Of Love“ seinen oftmals nur schwer erträglichen Sog. Dabei erweist sich Youngs Gespür für dramaturgische Komposition als beachtlich: Er gliedert die Ereignisse in drei Hauptakte, die jeweils von einem passenden, höchst prägnanten (und komplett ausgespielten) Musikstück klimaktisch gekrönt und geschlossen werden: „Nights In White Satin“ von The Moody Blues, Cat Stevens‘ „Lady D’Arbanville“ und zum kathartischen Abschluss „Atmosphere“ von Joy Division, ohnehin einem der schönsten Popsongs aller Zeiten, der hier einen ganz wunderbar prominenten Einsatz erfährt.
Auf Youngs nächstes (Lang-)Werk, einen SciFi-Film, zu dem er leider nicht selbst das Script beisteuert, darf man bereits sehr gespannt sein.

8/10

L’ATTENTAT

Zitat entfällt.

L’Attentat (Das Attentat) ~ F/I/BRD 1972
Directed By: Yves Boisset

Der Pariser Journalist und Autor François Darien (Jean-Louis Trintignant) gilt in linksliberalen Kreisen als Salonkommunist – bei Bedarf stets mit einem flotten Kommentar zur Stelle, fühlt er sich im bourgeoisen Milieu dann doch am heimischsten. Da Darien gute Kontakte zu dem sozialistischen, nordafrikanischen Oppositionspolitiker Sadiel (Gian Maria Volonté) pflegt, missbraucht man ihn für ein komplex eingefädeltes Komplott: Darien wird zunächst bei einer Demonstration verhaftet, damit der zwielichtige Anwalt Lempereur (Michel Bouquet) Kontakt zu ihm aufnehmen kann. Dieser offeriert Darien dann die „Idee“, ein linkes TV-Format für einen Privatsender moderieren zu können. Im Zuge von dessen Vorbereitung soll Darien Sadiel aus dessen Genfer Exil nach Paris locken. Dort wartet bereits Sadiels ärgster Widersacher, der Diktator Kassar (Michel Piccoli), der Sadiel kidnappen lässt und ihn vor die Wahl stellt, entweder als Erfüllungsgehilfe für Kassar aufzutreten oder das Zeitliche segnen zu müssen. Bald durchschaut Darien die Verschwörung und begibt sich auf die Suche nach Sadiel.

Mit „L’Attentat“ hängte sich Yves Boisset recht erfolgreich an das damals durch Costa-Gavras in Umlauf gebrachte Politthriller- und Verschwörungsgenre, wobei er die wütende Leidenschaft, mit der der Meister die skrupellosen Methoden faschistischer und totalitär geprägter Drahtziehereien in aller Welt anzuprangern pflegte, zumindest in affektiver Hinsicht nicht nachvollzog. Wie Costa-Gavras‘ bis dato entstandenen Werke zum Thema liegt allerdings auch „L’Attentat“ ein authentischer Fall zugrunde, dessen umfassende Verwurzelung nie gänzlich aufgeklärt werden konnte: 1965 wurde der wegen eines in Marokko gegen ihn ausgesprochenen Todesurteils aufgrund von „Landesverrat“ im Exil lebende, marokkanische Linkspolitiker Ben Barka in Paris entführt und verschwand daraufhin spurlos. Barkas Ermordung zog einen langwierigen Gerichtsprozess nach sich, der unter anderem die Verwicklung des ehemaligen marokkanischen Innenminister Oufkir sowie Mitglieder des französischen Geheimdienstes und hochrangiger Mitglieder der Polizei offenlegte. Offiziell nicht bewiesenen, aber höchst wahrscheinlichen Spekulationen zufolge waren auch Mossad, CIA und deutscher Nachrichtendienst in Barkas Kidnapping verwickelt.
Wie gemeinhin üblich wurden für „L’Attentat“ Namen geändert und einzelne Abläufe modifiziert, ohne jedoch die realen Ereignisse je unkenntlich werden zu lassen. Boisset stand, auch das nicht zuletzt durch Costa-Gavras diesbezügliche Vorarbeit gewissermaßen obligatorisch, eine internationale Starbesetzung zur Verfügung, die dem Film bis heute einen zusätzlichen Glanz sichert. Dennoch muss man Boissets Inszenierung eine unübersehbare Umständlichkeit im Hinblick auf ihre Dramaturgie bescheinigen; dass der Plot sich etwa allzu stark auf den unentschlossenen Charakter des  François Darien fokussiert und dessen innere Konflikte oftmals nur sehr mühselig reflektiert, anstatt die Organisation von Dariens Liquidation etwas minutiöser herauszuarbeiten. Hier vermisst man wiederum die beinahe dokumentarisch geprägte Faktenaufarbeitung, die etwa „Z“ oder „État de Siège“ schlussendlich erst so ausgezeichnet und formvollendet macht. Dennoch hält sich „L’Attentat“ als ein gutes Beispiel für funktionales Politkino linker Prägung.

8/10

STIR OF ECHOES

„I’m supposed to dig.“

Stir Of Echoes (Echoes – Stimmen aus der Zwischenwelt) ~ USA 1999
Directed By: David Koepp

Der mit Frau Maggie (Kathryn Erbe) und Söhnchen Jake (Zachary David Cope) in einem beschaulichen Vorort von Chicago lebende Arbeiter Tom Witzky (Kevin Bacon) beginnt nach einer eher spaßig gemeinten Hypnose durch seine Schwägerin Lisa (Illeana Douglas), Dinge zu sehen, die außer ihm niemand wahrnimmt – eine Gabe, die der kleine Jake längst zu haben scheint. Dazu zählt neben dem Empfang übernatürlicher Warnsignale auch die Tatsache, dass Tom eine verstorbene Teenagerin (Jennifer Morrison) sieht, beziehungsweise immer wieder unfreiwillig in ihre Wahrnehmungswelt versetzet wird. Nachdem Tom sich zunächst vehement gegen diese beunruhigenden Ereignisse wehrt, beginnt er bald doch, der Affäre um das offenbar gewaltsam zu Tode gekommene Mädchen mit der gebotenen Energie nachzuspüren. Der Schlüssel zu allem liegt offenbar im Fundament des eigenen Hauses verborgen…

Analog zum gewaltigen Erfolg von M. Night Shyamalans „The Sixth Sense“ kämpfte sich zugleich ein seit längerem vernachlässigtes Segment des Horrorgenres zurück an die Oberfläche: Das des nicht ruhen könnenden Geistes eines oder einer durch Ungerechtigkeit Verstorbenen, auf dessen Fährte im Diesseits ein durch PSI-Kräfte begabter, oftmals unfreiwilliger Ermittler stößt. Jene Art Horror kennzeichnet sich seit eh und je durch den Einsatz eher sanften Grusels, da das unruhige Gespenst ja zumeist keineswegs Böses, sondern lediglich Gerechtigkeit um der eigenen Erlösung Willen im Sinn hat; die freie Fahrt ins Jenseits heraus aus dem Zwischenreich sozusagen. In dem eher lose auf einem rund vierzig Jahre älteren Roman von Richard Matheson basierenden „Stir Of Echoes“ ist es nun an Kevin Bacon, sich überaus widerwillig der neu entdeckten Berufung zu stellen, als Erfüllungsgehilfe für das Jenseits zu fungieren. Dem Geist der einst ermordeten Samantha ist es nämlich schnurzegal, ob der von ihr „auserwählte“ Tom Witzky überhaupt Lust verspürt, sich mit ihrem Fall zu befassen – er ist ohnedies der Richtige. Interessant wird es, wenn David Koepp die Jenseitsmediums als eine Art spezieller „Szene“ oder auch als geheimbündlerische Subkultur katalogisiert. Der Polizist Neil (Eddie Bo Smith Jr.) wird auf dem Friedhof auf den kleinen Jake aufmerksam und erkennt in ihm sogleich einen buchstäblichen Seelenverwandten. Ein weiteres Nachspüren seitens der etwas überrumpelten Mutter Maggie offenbart ihr dann, dass auch Tom über die „Gabe“ verfügt – was sein zunehmend ungewöhnliches Verhalten zumindest erklären könnte. Dass er Maggie praktisch kaum mehr wahrnimmt und sich stattdessen zunehmend irrational verhält – so geht er nicht mehr zur Arbeit, sondern gräbt den gesamten Garten um und verbringt stundenlang damit, einen bestimmten Song (der sich als Punkcover von „Paint It Black“ entpuppen wird) ausfindig zu machen. Freilich kommt alles zu einer, wenngleich wiederum gewaltsamen, Conclusio, die die Aufklärung um Samanthas Tod beinhaltet. Der Film entlässt uns dennoch mit der beunruhigenden Gewissheit, dass Jake ein recht unbequemes Aufwachsen erwartet.
Dass „Stir Of Echoes“ im recht übermächtigen Schatten von „The Sixth Sense“ stand (und steht), ist ungerecht. Zwar erreicht er nicht ganz den emotionalen impact von Shyamalans Geisterseher-Mär, verfügt vielleicht nicht über dessen bahnbrechenden twist und inszenatorische Ausgewogenheit, bleibt aber dennoch ein hervorragender Geisterfilm, der vor allem durch seine sehr exakte Milieuzeichnung überzeugt und die alte Weise davon, dass Blut dicker ist als alles Übel der Welt, so überzeugend in seine Auflösung integriert.

8/10

GERALD’S GAME

„Spice things up and try and push the boundaries…“

Gerald’s Game (Das Spiel) ~ USA 2017
Directed By: Mike Flanagan

Um ihre zusehends scheiternde Ehe und das eingeschlafene Sexleben auzupeppen, reisen Gerald (Bruce Greenwood) und Jessie Burlingame (Carla Gugino) in ihre idyllische, aber abgelegene Villa in Alabama. Ein Hanschellenspielchen soll für die nötige Würze bei Akt sorgen. Gerade als die bereits gefesselte Jessie dabei ist, ihren aufkeimenden Widerwillen gegen das sich zu einer Vergewaltigung entwickelnde „Spiel“ zum Ausdruck zu bringen, ereilt Gerald ein tödlicher Herzinfarkt. Unfähig, sich zu befreien, beginnen sich für die unter Durst und Hunger leidende Jessie alsbald, Realität und Halluzination untrennbar zu vermengen; während ein streunender Hund sich an Geralds Leiche delektiert, sieht sich Jessie mit längst vergessen geglaubten, psychischen Untiefen konfrontiert, in denen ihr Vater (Henry Thomas) eine tragende Rolle einnimmt. Und wer ist der geheimnisvolle „Moonlight Man“ (Carel Struycken), der ihr des Nachts erscheint?

Mike Flanagans von Netflix produzierte King-Adaption erinnerte mich an Taylor Hackfords Verfilmung von „Dolores Claiborne“ (wobei ich keinen der beiden zugrunde liegenden Romane kenne) – auch hier gehen eine Sonnenfinsternis und ein tragischer Misshandlungsfall eine unheilvolle Konnexion ein und stehen in direkter Verbindung zu lang verdrängten (Schuld-)Komplexen. Wie oft bei King ist der storyimmanente Horror nebst seinem direkt veräußerten, womöglich übernatürlich geprägten Spannungsmoment lediglich ein allegorisches Ventil, um das Innenleben seiner ProtagonistInnen zu kanalisieren; Jessie Burlingame ist in diesem Zusammenhang eine nicht untypische, king’sche Frauenfigur. Es gibt einen Schlüsselmoment in der Zeit ihrer Frühpubertät, in der ihr Vater einen intimen Augenblick der Isolation zunächst bewusst herbeiführt, um ihn dann auf rücksichtslose Weise sexuell auszubeuten. Als wäre dieser verhängnisvolle Akt nicht bereits zerstörerisch genug, stellt er die verstörte Jessie daraufhin noch unter zusätzlichen Schweigens- und somit Leidensdruck. Jenes widerwärtige Erlebnis wird Jessie trotz zunächst erfolgreicher Verdrängung, nicht nur ihr Leben lang begleiten, sondern dieses noch zusätzlich prägen – auch ihr Gatte Gerald entpuppt sich im Verlauf der gemeinsamen Ehe als ein ausbeuterisches, destruktives Schwein, das es erfolgreich schafft, Jessie in eine schuldbewusste Ecke zu drängen. Der bald während Jessies unfreiwilliger Gefangenschaft auftauchende Moonlight Man, wie sich später herausstellen wird, ein unter Akromegalie leidender Serienmörder, dem Jessie wie durch ein Wunder entkommen konnte, wird sich zum Ende hin als Symbol ihrer endlich erfolgten Emanzipation von der Vergangenheit erweisen; vom gestörten Vater und vom bösartigen Ehemann, die sie beide als Projektionsfläche ihres jeweils zerrütteten Charakters missbrauchten; vor allem jedoch vom irrationalen Hang danach, die Schuld für das erlittene Böse bei sich selbst zu suchen.

7/10