VACANZE PER UN MASSACRO

Zitat entfällt.

Vacanze Per Un Massacro (Toy) ~ I 1980
Directed By: Fernando Di Leo

Der Bankräuber Joe Brezzi (Joe Dallesandro) flieht aus dem Knast um seine sorgsam versteckte Millionenbeute einzusacken und damit um die Welt zu tuckern. Die Lire befinden sich, eingemauert unterhalb eines Kamins, in einer kleinen Jagdhütte nördlich von Rom, die mittlerweile dem Ehepaar Sergio (Gianni Macchia) und Liliana (Patrizia Behn) gehört. Ausgerechnet als Joe vor Ort eintrifft, kommen auch Sergio und Liliana nebst deren verluderter Schwester Paola (Lorraine De Selle) an, um ihr Wochenende dort zu verbringen. Was die treue Liliana nicht weiß, hat der sich anfangs versteckt haltende Joe bereits nach wenigen Stunden spitz: Sergio und Paola setzen der Ahnungslosen Hörner auf, wie und wo es nur geht. Als Sergio zu einem Jagdausflug aufbricht, nutzt Joe die Gunst der Stunde und überwältigt die zurückgebliebenen Frauen nicht nur mit seinem räudigen Charme. Mit Sergios Rückkehr erhält die mittlerweile transparent gewordene Beziehungskonstellation nochmals eine weitere Brisanz. Wer überlebt den mörderischen Ringelreihen?

Joe Dallesandro, genannt „Little Joe“, ist schon eine Marke. Das als ausnehmend maskulin und viril gefeierte, kernige Idol der Warhol-Factory führte seine frühe Biographie als familiär entwurzelten, kriminellen jungen Mann von Florida nach New York und durch diverse Besserungsanstalten und Erziehungsheime, bis Andy Warhol und Paul Morrissey ihn zufällig entdeckten und kurz darauf bereits zum Star einer eigenen Filmtrilogie machten. Danach ging es nach Europa, wo Dallesandro zunächst weiter mit Morrissey arbeitete und dann, ganz ähnlich wie sein zweimaliger Partner Udo Kier oder Helmut Berger eine wechselvolle Karriere zwischen erbittertem Sleaze und hehrer Filmkunst beging, die ihn in die Arme kleiner Schundproduzenten ebenso trieb wie in die von ein paar der anerkanntesten Regisseure des letzten Jahrhunderts. Der 1980 entstande „Vacanze Per Un Massacro“ fällt natürlich in erstere Kategorie. Als „Terror“- und/oder „Home Invasion“-Film reiht sich Di Leos böses, kleines Schmierpsychogramm relativ nahtlos ein in eine kleine, zeitgenössische Phalanx ganz ähnlich gefärbter Werke wie Franco Prosperis „La Settima Donna“, Ferdinando Baldis „La Ragazza Del Vagone Letto“ oder Ruggero Deodatos „La Casa Sperduta Nel Parco“. All diesen Arbeiten ist neben ihrer grundsätzlichen atmosphärischen Nähe zum großen Vorbild „The Last House On The Left“ gemein, dass sie ein sehr pessimistisches, misanthropisches Bild eines funktionalen Zusammenlebens der Geschlechter entwerfen, harmonische Zweisamkeit vielleicht sogar als unerreichbare Utopie beschwören. So geht es auch in „Vacanze Per Un Massacro“ hauptsächlich um die Verlogenheit eines scheinbaren Eheidylls, das erst durch die Intervention eines primär instinktgesteuerten Gewaltverbrechers offengelegt und geradegerückt werden werden kann. Einzig die verblendete, brave Liliana geht in all ihrer vormaligen Naivität als unschuldiges Viertel des Quartetts durch, zumindest bis Joe ihr mit aller Härte einbläut, in welchem Vipernnest sie sich lange Zeit gut aufgehoben glaubte: Ihre Schwester Paola ist ein moralisch zutiefst verdorbenes, nymphomanes Früchtchen, das selbst seine (bewusst ausgestellte) Vergewaltigung durch Joe als beiläufigen, sogar gefälligen Akt abtut und den später wiederum durch Joe erzwungenen, öffentlichen Koitus mit ihrem Schwager wie dieser auch offenbar sehr genießt. Der armen Liliana offenbart sich dadurch, auf forciertem Wege und vermutlich nicht unbedingt zu ihrem psychischen Benefizium, binnen weniger Stunden die ganze Niedertracht des Menschengeschlechts, wofür auch sie am Ende ihre Rache einfordert. Wie es danach mit ihr weitergeht, lässt sich nur mutmaßen, aber es wäre wenig verwunderlich, wenn auch sie sich auf den verlockenden Pfad der Verlotterung begäbe, mit der Kohle durchbrennt und selbst zum Arschloch wird. Di Leo, der vor allem in späteren Karrierejahren die dem Gesellschaftsleben inhärente Schwärze abbildete, setzt hinsichtlich seiner Dramaturgie dabei weniger auf Gewalt denn auf Sexploitation. Behaglicher macht dies seinen rotzigen Film keineswegs.

7/10

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HIGH SCHOOL CONFIDENTIAL!

„Tomorrow is a king-sized drag.“

High School Confidential! (Mit Siebzehn am Abgrund) ~ USA 1958
Directed By: Jack Arnold

Tony Baker (Russ Tamblyn) ist der Neue an der städtischen High School und er macht sogleich keinen Hehl daraus, was für ein Zahn er ist: Der Obermotz will er werden, der heißeste Typ der Schule und vor allem neuer Chef der hiesigen Gang „Wheelers & Dealers“, die mit allerlei krummen Aktionen wie etwa Drogenhandel ihr Taschengeld aufbessert. Tony kennt sich aus in der Szene. Wenn von „Gesundheitstee“, „Mary Jane“, einer „Fahrt ins Grüne“ oder „Erfischungsstäbchen“ die Rede ist, dann weiß er als Insider genau, wovon er spricht. Tatsächlich gelingt es Tony, der bei seiner ebenso üppig ausgestatteten wie nymphomanen Cousine Gwen (Mamie Van Doren) eingezogen ist, bald, Fuß in der Szene zu fassen. Er macht sich bei den Lehrern der Schule unmöglich und gewinnt damit den Respekt der anderen Kids, arrangiert sich mit seinem „Vorgänger“ J.I. (John Drew Barrymore), bendelt mit der marihuanasüchtigen Joan (Diane Jergens) an und knüpft bald Kontakt zum heimlichen Oberdealer Mr. A (Jackie Coogan) und dessen florierendem Heroingeschäft. Dass Tony in Wahrheit der Undercover-Cop Mike Wilson ist, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand…

Beware the Reckless Youth! Noch vor seinem letzten phantastischen Universal-Film „Monster On The Campus“ inszenierte Akkordfilmer Jack Arnold dieses weniger bekannte Kleinod für Albert Zugsmith und die MGM. Darin greift er mit Unterstützung einer exemplarischen Besetzung den in jenen Tagen vor allem dem B-Film vorbehaltenen Themenkomplex der lotterlebigen juvenile delinquents auf, der zuvor vor allem von den notorischen Klassikern des Subgenres wie „Rebel Without A Cause“ oder „The Blackboard Jungle“ aus der Kinotaufe gehoben und bravourös kultiviert worden war. Jenes Filmsegment, zu dem entsprechend seiner Topoi unweigerlich auch der Schau- bzw. Kampfplatz „High School“ obligatorisch zählte, bot sich an, um einerseits die Kids in den Drive-In-Kinos jubeln und knutschen zu lassen und andererseits die Elterngeneration darüber aufzuklären, wie weit es mit ihren suf das Furchtbarste gefährdeten Sprösslingen bereits gekommen war. Dieser Zielpublikums-Maxime entsprechend bedient „High Schoolm Confidential!“ jeden einzelnen erforderlichen Stereotypen mit laut kolportierender Grandezza. Wir erleben sie alle: das noch nicht zur Gänze verlorene, Marihuana-Zigaretten rauchende Mädchen (Sterling) aus bourgeoisem Hause nebst ihrem verblendeten, gleichgültigen Vater (James Todd), den greisen, überforderten Schulrektor, die erziehungsberechtigte Sexbombe ohne Übersicht (Van Doren), den Schuldealer (Barrymore), den Möchtegern-Mitläufer (Michael Landon), den diffusen Boss (Coogan) und sogar die Vertreter der existenzialistischen Gegenkultur (u.a. Philippa Fallon), die moralisch entrückten Vorboten von sozialer Zersetzung und Gammlertum! Jerry Lee Lewis kommt persönlich mitsamt Piano vorbei, um das Titelstück zu schmettern und Russ Tamblyn überrascht im weiteren Verlauf als unvermuteter verdeckter Ermittler, der das ganze Wespennest von innen aushebt.
Es muss kaum extra erwähnt werden, dass ein schmissiges Camp-Spektakel das wohlschmeckende Resultat aus all dieser biederen Kleingeistigkeit ist, die die porträtierten Rauschmittel kaum besser denn vom Hörensagen kennt und in all den Klischees badet, denen man sechzig Jahre später nurmehr mit herzhaftem Gelächter zu begegnen angetan ist. Unbedingt hörenswert auch die (authentische) deutsche Kino-Synchronisation, die mit den Starsprechern der damaligen Zeit aufwartet und verkrampft versucht, alles Mögliche zu teutonisieren, um das Dargestellte mit bundesdeutschen Verhältnissen zu analogisieren. Da wird aus Tony Baker ein „Tony Becker“ und aus „Mr. A“ – natürlich – ein „Herr X“. Wirklich formidabelst, das alles.

7/10

RIOT IN CELL BLOCK 11

„We’ll figure out what we want and if they don’t give it us, we’ll make ‚em a present of one dead guard!“ – „Or maybe four!“

Riot In Cell Block 11 (Terror in Block 11) ~ USA 1954
Directed By: Don Siegel

Die Insassen des Hochsicherheitstrakts 11 in einem der vielen, hoffnungslos überlaufenen US-Gefängnisse entschließen sich eines Tages, dem Beispiel vieler ihrer Leidensgenossen zu folgen und eine Revolte anzuzetteln, die klar umrissene Reformen zum Ziel haben soll. Unter der Führung der beiden Schwerverbrecher Dunn (Neville Brand) und Carnie (Leo Gordon) nehmen die Männer vier Wachen als Geiseln und kapern den gesamten Block. Während der sozialbewusste Gefängnischef Reynolds (Emile Meyer) sich verhandlungsoffen zeigt, beißen die Männer bei dem vom Gouverneur (Thomas Browne Henry) abgestellten Commissioner Haskell (Frank Faylen) auf Granit: Dieser soll die Unerpressbarkeit des Staates garantieren und nimmt notfalls auch den gewaltsamen Tod sämtlicher Beteiligter in Kauf. Nicht zuletzt infolge der von Dunn erwirkten Einbeziehung der Medien gelingt es Reynolds schließlich, dass der Aufstand glimpflich endet, doch der herbeigepresste Reformvertrag erweist sich als rein strategische Finte; mittelfristig wird sich nichts für die Gefangenen ändern.

Don Siegels ersten Gefängnisfilm umweht der Hauch des Dokumentarischen; tatsächlich waren zu dessen Entstehungszeit Knastrevolten infolge des überforderten Justizvollzugs in den Staaten alles andere als eine Seltenheit und somit der zu Beginn von „Riot In Cell Block 11“ umrissene, authentische Hintergrund somit keineswegs bloße Behauptung.
Siegel, der hier für das günstig arbeitende Studio Allied Artists arbeitete, lässt dabei diverse der zu seinen späteren Markenzeichen avancierten, inszenatorischen Signaturen zu ihrem Recht kommen. Über dem gesamten Werk schwebt vor allem die für Siegel typische, ungeheure Präzision und Konzentration, die kein überflüssiges Gramm Fett gestattet und eine beinahe atemlos-unentwegte Dichte am Geschehen gewährleistet. Für Melancholie oder dramaturgische Kompromisse gibt es keinerlei Raum; die aufsässigen Männer werden gerade soweit charakterisiert und psychologisiert wie es gerade eben notwendig erscheint. Siegel gestattet weder sich noch dem Publikum jedwede romantische Illusion: Jeder der Insassen büßt seine Strafe zu Recht ab. Dennoch gebührt ebenso jedem von ihnen die rechtstaatliche Garantie auf eine humane Behandlung, die, und darauf fokussiert sich der Film recht regelmäßig, vor allem die Trennung (und adäquate Behandlung) von psychisch kranken und diesbezüglich gesunden Kriminellen vorsehen und den Gefangenen gezielte Resozialisierungsmaßnahmen anstelle der sich häufig gewalttätig äußernden Willkür ihrer Aufseher zuteil werden lassen sollte. Dem hinter dem Aufstand stehenden Dunn geht es insbesondere um eine Änderung der Verhältnisse und es langt daher für ihn zumindest gegen Ende hin zum „tragischen Helden“, derweil sein cholerischer Adlatus Carnie nie die Aura des gewalttätigen Psychotikers einbüßt. Den Konflikt zwischen den revoltierenden Knackis und der Staatsgewalt gestaltet Siegel wie ein an Schlagabtäuschen reiches Tennisspiel, an dessen Ende der Verlierer von vornherein feststehen muss. Dennoch bietet „Riot In Cell Block 11“, wie es sich ohnehin für die besten Knastfilme gehört, ausreichend Diskursivität, um exploitative Elemente nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Ein ausgezeichnetes companion piece nebenbei zu Jules Dassins brillantem, sieben Jahre älteren „Brute Force“.

9/10

SEVERANCE

„Are you still tripping?“

Severance ~ UK/D/HU 2006
Directed By: Christopher Smith

Eine siebenköpfige Gruppe der englischen Rüstungsfirma „Palisade Defence“ befindet sich auf dem Weg zu einer Teambildungsmaßnahme im ruralen Osteuropa. Statt in der als „luxuriös ausgestattet“ angekündigten Jagdhütte landet das Septett jedoch, nachdem der unwirsche Busfahrer (Sándor Boros) es mitten im Wald aussetzt, in einem abbruchreifen Gebäude unbekannter Provenienz. Bald wird auch dem letzten der Angestellten klar, dass sie nicht allein in der Gegend sind; vielmehr scheinen ein paar durchgedrehte, vetsteckt in der Gegend hausende Bürgerkriegsverbrecher größtes Interesse daran zu haben, dass ihr Überleben weiterhin geheim bleibt und knöpfen sich daher die überrumpelten Damen und Herren vor.

Christopher Smiths angenehm satirisch aufgezogene Splattergroteske tanzt gleich auf mehreren thematischen Hochzeiten und dies glücklicherweise weitgehend behende. Dabei muss man allerdings anmerken, dass das erste Drittel des Films, in dem die Firmenmitarbeiter mit all ihren bewusst einschlägige Klischees echoenden Charakteristika vorgestellt werden, zugleich den gelungensten Part des Films darstellt: Abteilungsleiter Richard (Tim McInnerny) hätte gern ein wesentliches autoritäreres Auftreten, wird von den Übrigen jedoch insgeheim bloß belächelt. Seine Nemesis ist der smarte Harris (Toby Stephens), ein kerniger Zyniker, der Richard allzeit spüren lässt, für was für ein Weichei er ihn hält. Auf die hübsche, anorexische Maggie (Laura Harris) sind sämtliche Männer der Gruppe scharf, obschon keiner von ihnen bei ihr landet. Die andere Dame der lustigen Equipe, die alternativ angehauchte, tierliebende Jill (Claudie Blakeley), könnte gar nichts Falscheres machen als für einen Waffenproduzenten zu arbeiten. Der etwas nervöse Gordon (Andy Nyman) ist Richards einziger echter Untergebener und tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste, derweil der rauschaffine Steve (Danny Dyer) sich zuallererst einmal folgenreich an einer Portion halluzinogener Pilze delektiert. Billy (Babou Ceesay), der Quotenfarbige, ist zugleich der Sympathischste und Vernünftigste im Team, der als Einziger den Überblick wahrt. Hinreichend Kanonenfutter also für die zahlreich vertretenen, blutrünstigen Veteranen, die sich über alles und jeden freuen, an denen sie ihre Kriegstraumata abreagieren können. Unnötig zu erwähnen, dass lediglich zwei der TeilnehmerInnen am Ende halbwegs ungeschoren davon kommen, zusammen mit zwei einheimischen Callgirls (Julianna Drajkó, Judit Viktor), die noch eher zufällig ins Geschehen gemischt werden.
Dass man sich besser nicht unbedarft hinter den nunmehr unsichtbaren, aber doch noch kopfpräsenten Eisernen Vorhang begeben sollte, weiß zumindest der Freund deftigerer Genrediät nicht erst seit Eli Roths „Hostel“-Filmen, „Ils“ oder dem später entstandenen „The Seasoning House“. Seien es machtvolle Verbrechersyndikate, pervertierte Oligarchen oder einfach nur desaströse humane Relikte der krisengeschüttelten, letzten Jahrzehnte: Mit der im Schatten florierenden Blutrunst der (Süd-)Ost(block)europäer ist, jene Erkenntnis lässt sich aus obigen medialsozialen Erfahrungen destillieren, garantiert nicht gut Kirschenessen. Auch „Severance“ greift dieses bärbeißig-lustige Westklischee abermals auf und spielt es mit einem genüsslichen Augenzwinkern aus.
Als weniger treffend empfand ich die auf die Waffenindustrie anspielende Satiredimension – dass ausgerechnet die Repräsentanten eines moralisch ohnehin letztklassigen Rüstungsunternehmens zu Opfern der eigenen Produkte werden, erscheint dann doch als eine etwas allzu offensichtlich gezogene Äquivalenz. Ebenso wäre zu bemäkeln, dass der erfrischend komische Tonus vom Beginn von „Severance“ zum Ende hin zugunsten hinlänglich bekannter Slasher- und Manhunt-Strukturen bis auf wenige Blitzlichter nahezu völlig mit Füßen getreten wird. Hier wäre gewiss mehr drin gewesen. Dennoch ein alles in allem überaus spaßiges Unterfangen.

7/10

LA POLIZIA HA LE MANI LEGATE

Zitat entfällt.

La Polizia Ha Le Mani Legate (Killer Cop) ~ I 1975
Directed By: Luciano Ercoli

Mitten in Rom explodiert im Zuge einer Vernissage für naive Kunst eine Bombe in einer Hotellobby. Commissario Matteo Rolandi (Claudio Cassinelli) vom Rauschgiftdezernat, rein zufällig vor Ort um einen Großdealer zu beschatten, wird Zeuge des viele, vor allem internationale Todesopfer fordernden Massakers. Während die Öffentlichkeit darüber streitet, ob nun die Faschisten oder die Roten Brigaden hinter dem Anschlag stecken, identifiziert Rolandis Freund und Kollege Balsamo (Franco Fabrizi) rein zufällig den nervösen Bombenleger, einen heroinsüchtigen Studenten namens Franco Ludovisi (Bruno Zanin), mitten auf der Straße, muss ihn jedoch laufen lassen, weil dieser eine Waffe zieht. Der ermittelnde Generalstaatsanwalt Di Federico (Arthur Kennedy) gewährt Balsamo als wichtigem, belastenden Zeugen Privatunterschlupf, kann aber trotzdem nicht verhindern, dass er von den Drahtziehern des Attentats ermordet wird. Für Rolandi bekommt die Angelegenheit nun noch eine zusätzliche private Dimension und er beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei stößt er auf ein Leck ausgerechnet im Büro der Staatsanwaltschaft…

„La Polizia Ha Le Mani Legate“ steht weniger im Kurs der damals soeben frisch installierten, reaktionären Ruppigkeit im Poliziottesco, sondern liebäugelt sehr viel akuter mit Damiani oder Rosi, indem er unter anderem die Verflechtung von organisiertem Verbrechen, radikalen Politaktivisten und Staatsapparat untersucht. Anders also als die vielen Genrevertreter um Maurizio Merli, Luc Merenda et al. schert sich Ercolis vorletzter Film (und einziger Poliziotto) nicht um exploitative Elemente, sondern um einen gemächlichen Spannungsaufbau, der dem Betrachter allenthalben diverse Verdachtsmomente beschert, die dann regelmäßig einer unerwarteten Auflösung zu weichen haben. Auch ein Grund, warum man den italienischen Polizeifilm dieser Ära lieben darf, kann oder gar muss: Man vermag nur überaus selten mit Gewissheit zu erahnen, was als Nächstes geschieht, auf Antizipation und Vermutungen ist kein Verlass! Selbst den Helden konnte es abschließend noch überraschend treffen, was bekanntermaßen noch nicht einmal eine Seltenheit darstellte, da er oftmals als letzte Bastion gegen die gewaltigen Windmühlen alles verschlingender Korruption anzutreten hatte.
Doch selbst diesbezüglich verwurzelt sich Ercoli, der sich einzig in Form ein paar geschickt eingeflochtener, dramaturgischer Achronismen ein wenig inszenatorische Spielerei gestattet, eher im bodenständigen Realismus; die geheimnisvollen, scheinbar allmächtigen Hintermänner seiner „Organisation“ haben es erst gar nicht nötig, ihr persönliches Antlitz in die öffentliche Waagschale zu werfen; sie sind und bleiben als graue Eminenz der Amoral wohlweislich im Hintergrund.
Mit Claudio Cassinelli, wie ich finde, ja immer ein wenig Stacy-Keach-Lookalike (umso kurioser ihr späterer gemeinsamer Auftritt in Martinos wüstem „La Montagna Del Dio Cannibale“) gibt es einen wie zumeist rundum sympathischen Protagonisten, der eine seiner zwei „Moby Dick“-Ausgaben permanent zur inspirierenden Pausenlektüre mit sich herumträgt, und auch Arthur Kennedy, zu jener Zeit wie viele seiner ebenfalls alternden Kollegen verlässliches Stammmitglied der römischen Hollywood-Enklave ist gewohnt sehenswert. Und dann wäre da noch Stelvio Ciprianis schmissiger Score, eine Zierde seiner Provenienz.
Eine rundum anständige, schnörkellose Arbeit somit.

8/10

VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

UNDER THE SILVER LAKE

„Welcome to Purgatory.“

Under The Silver Lake ~ USA 2018
Directed By: David Robert Mitchell

Der in einem Appartmenthaus in East L.A. wohnende Sam (Andrew Garfield) gammelt vor sich hin und ist seit Ewigkeiten mit der Miete im Rückstand. Ansonsten nutzt er die Vorzüge, die die hedonistische Seite der Metropole einem libidinös aufgeladenen, gutaussehendem jungen Mann wie ihm zu bieten hat: Er schließt kurzlebige Damen-Bekanntschaften, geht auf Hipster-Partys und besucht Events der Kunstnachwuchsszene. Nachdem seine attraktive Nachbarin Sarah (Riley Keough) nebst ihren Mitbewohnerinnen (Stephanie Moore, Sibongile Mlambo) spurlos verschwindet, begibt Sam sich auf die Suche nach ihr. Ihn erwartet eine Odyssee, die ihn buchstäblich geradewegs in die Innereien der Stadt der Engel führt und ihn seine bisherige Realität als artifizielles Konstrukt erkennen lässt.

Meine erste Wahrnehmung von „Under The Silver Lake“ war die einer umfassenden „Best Of“-Reminszenz, in der David Robert Mitchell seinen Legionen von Vorbildern und praktisch dem gesamten populären historischen Kino-Segment, dass sich mit Los Angeles und/oder Hollywood befasst, seine ganz persönliche Ehrerbietung erweist. Entsprechend zahlreich sind die Verweise an Regisseure, Filme, Personen, allzu zahlreich, um sie an dieser Stelle gleichberechtigt aufzuzählen. Diese Mühe obliegt dann schon jedem, der sich diesem durchaus interessanten Werk zu widmen gedenkt.
Erst an zweiter Stelle folgte dann die erweiterte Perspektive auf die Gegenwart der Metropole und einen ironischen, oftmals ins Groteske, Surreale und Allegorische ab- oder auch entgleitenden Fokus darauf, was ihre lange Kulturhistorie als „Traumfabrik“ seit über einem Jahrhundert aus der Stadt hat werden lassen. Im Grunde entpuppt sie sich selbst infolge ihrer demokratisch geprägten Tradition und gesellschaftlichen Lichtblitzen wie der Diversität- und der MeToo-Bewegung als in Wahrheit keinen Deut gereift gegenüber der Frühzeit der Filmmogule und Studioregimes; noch immer laufen hier Äonen junger TräumerInnen dem Traum von Ruhm und Reichtum nach und dabei Gefahr, in die Fänge rücksichtsloser Raubtiere zu geraten, deren Geld, Macht und Einfluss sie zu willfährigen Werkzeugen ihrer pervertierten Bedürfnisse macht. Im Zuge seiner eher von Intuition und Assoziation geprägten Reise lernt Sam, dass alles hier auf unheilige Weise miteinander verworben ist und sich wechselseitig bedingt und bedient: diverse Formen bildender wie darstellender Kunst und die kommerziell orientierten Kulturen Film und Musik, Werbeindustrie und Literatur, Fast Food und Prostitution, selbst Hochfinanz und Prekariat, Mysterien und Paranoia. Sex entpuppt sich dabei als der primäre, alles miteinander verbindende Faktor, der sich seit eh und je durch mehr oder weniger sublime Botschaften überall eingefordert findet und entsprechend hinreichend bedient wird. Sonderbare, nicht eindeutig entschlüsselbare Personen und Ereignisse kreuzen (wiederholt) Sams investigativen Weg; tote und lebende Nagetiere, ein anonymer, sein Unwesen treibender Hundemörder, dem große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, der (vermeintliche) Tod des Superreichen Jefferson Severence (Chris Gann), dessen Tochter Millicent (Callie Hernandez), ein Comics (mit dem Titel des Films) entwerfender Verschwörungstheoretiker (Patrick Fischler), der „König der Landstreicher“ (David Yow), freiwillige und unfreiwillige Drogentrips, der androgyne Popstar Jesus (Luke Baines), der geheimnisvolle Songwriter (Jeremy Bobb), dem Sam, erbost ob dessen Entzauberungen seiner musikalischen Idole, den Schädel einschlägt, Kojoten sowie eine geheimnisvolle, nackte Eulenfrau, die ihre Opfer, darunter den „Comic-Mann“, im nächtlichen Schlaf meuchelt. Und immer wieder Trios von seltsamen It-Girls, wie sich zeigen wird, als jeweiliger, privater Mini-Harem je einem bestimmten Gönner zugehörig, die wiederum allesamt einer obskuren Erlösungssekte angehören.
Eine Menge von (zumindest auf den ersten Blick) nicht zwingend kausalitätsbezogen schlüssigem Stoff also, den Mitchell da in einer zugegebenermaßen exquitisten Inszenierung zusammenpfercht und der in jedem Falle die Beschäftigung mit ihm lohnt. Wirklich richtig mögen, zumindest so, wie ich’s vielleicht gern würde, kann ich „Under The Silver Lake“ allerdings zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht. Mag sein, dass sich das irgendwann ändert.

8/10