AIR FORCE ONE

„Get off my plane!“

Air Force One ~ USA/D 1997
Directed By: Wolfgang Petersen

Als der kasachische Despot Radek (Jürgen Prochnow), der am liebsten wieder die Sowjetunion nebst allen kommunistischen Schikanen einführen würde, mithilfe der CIA hopp genommen und eingekerkert wird, ist der wackere US-Präsident James Marshall (Harrison Ford) nicht fern. Seinen offiziellen Staatsbesuch in Moskau nutzt er darüberhinaus gleich noch, um den Völkern in aller Welt bedrohlich klarzumachen, dass Amerika künftig als Weltpolizist noch wesentlich härter durchgreifen werde. Der Heimflug verläuft dann alles andere als angenehm: Einem Sympathisanten Radeks, dem nicht minder fanatischen Ivan Korshunov (Gary Oldman), und seinen Gefolgsleuten gelingt es, die Air Force One nebst Präsident zu hijacken. Korshunovs Ziel ist natürlich die Freipressung Radeks, was die sich umgehend zu kebbeln beginnenden Vizepräsidentin (Glenn Close) und Verteidigungsminister (Dean Stockwell) im Sinne des Nichterpressbarkeits-Kodex nur überaus ungern zuließen. Also muss der Präsi, seines Zeichens Vietnam-Veteran, höchstpersönlich ran…

Man sehnt sich förmlich zurück nach dem sogenannten „erzreaktionären“ Actionfilm der Vorgängerdekade, als die muskelbepackten, waffenstarrenden und/oder in martial arts versierten Fantasyhelden in den Resttagen des Kalten Krieges ihre majestätischen Naivmentalitäten in die Köpfe der kommunistischen Widersacher ebenso vehement hineindroschen wie -ballerten, nachdem man dieser auf Hochglanz polierten Klosettbürste angesichtig ward. Ironischerweise brüsten ausgerechnet die amerikanischen Neunziger-Filme „unserer“ beiden Hollywood-Exporte Petersen und Emmerich sich mit oftmals so ekelerregenden Pentagon-Arschkriechereien, dass es einem sich die Zehnägel aufrollt. Schlimmstes und gleichermaßen albernstes Beispiel: „Air Force One“. All die Friedensaktivisten, die noch fünfzehn bis fünf Jahre zuvor gegen die Pershings, Reagan, den Golfkrieg oder gegen „Rambo: First Blood Part II“ auf die Straße gegangen waren, hätten sich im Zuge der Premiere von Petersens sechstem anglophonen Film eigentlich kollektiv an den Kinosälen mindestens dieser Republik festketten müssen – denn was hier an ekelevozierender, hymnischer Lobhudelei über den US-Präsidenten als Ikone der westlichen Welt ausgeschüttet wird, das sucht wahrhaftig seinesgleichen. Worin unterscheidet sich ein Film wie „Air Force One“ von vermeintlichen Aggressionstreibern wie Milius „Red Dawn“ oder Zitos „Invasion U.S.A.“? Nun, wo diese noch auf exakt definierter Genreebene mit nachvollziehbaren Gemeinschaftsängsten spielten, sie aber in letzten Endes phantastische und somit goutierbare, dystopische Fiktionsszenarien setzten, macht Petersen abendfüllendes, teures, technisch exzellentes und von Disney coproduziertes Hochglanzkino für jedermann und -frau. Sein Held ist nicht nur kein jeansbewesteter Prolet oder Ninjakämpfer, auch kein Bodybuilder oder schwersttraumatisierter Kriegsheimkehrer – sein Held ist niemand Geringerer als der stolz geschwelte, jedweder Selbstreflexion abholde Präsident der USA, mit dem respektierten, beliebten, sympathischen Antlitz von Harrison Ford. Han Solo, Indiana Jones, Dr. Kimble, Jack Ryan und all die anderen liebenswerten Heroen mindestens einer ganzen Generation treten hier qua im Kombinat als liebenswerter Familienvater, Ehe- und Ehrenmann und eben als Führer der „Freien Welt“ an, einer von „Mütterchen Russland“ faselnden Mischpoke aus ewiggestrigen Kommiträumern gewaltig in den Arsch zu treten. Flankiert wird Ford darüber hinaus von einer darstellerischen crème de la crème der first acting class: ein aus weltformatigen Gary Oldman, Glenn Close, Dean Stockwell, William H. Macy, KaLeu Jürgen Prochnow (ohne EINE EINZIGE Dialogzeile) und anderen Hochkarätern bestehendes Ensemble, von dem man vieles erwartet hätte, nur nicht gerade, vereint in einem solch unsubtilen Rotzventilator anzutreten, macht Petersen und seiner hanebüchenen Geschichte seine Aufwartung. Davon hätten Sly, Arnie, Chuck oder Dudikoff dereinst nur träumen mögen.
Natürlich ist die Agenda jenes Präsidenten James Marshall vor allem eine ganz private – immerhin befinden sich dessen Gattin (Wendy Crewson) und Töchterchen (Liesel Matthews) an Bord des mirnichts dirnichts entführten Superfliegers und nicht zuletzt diese gilt es, zu beschützen und herauszuhauen. Die Art, wie „Air Force One“ moralische Integrität und Wehrhaftigkeit, aber auch Charme und Weisheit des höchsten Mannes der USA präserviert, dürfte nicht zuletzt dem fleischgewordenen running gag Donald Trump als willkommene Wichsvorlage dienen: „Look, that’s me up there! Only I’m even greater!“
Aber wisst ihr was? Wir verbuchen das Ganze rückblickend einfach trotzdem als Science Fiction. Genau wie Trump in hoffentlich spätestens einem halben Jahr.

4/10

DER SANDMANN

„Du kannst mich auch küssen, wenn du willst…“

Der Sandmann ~ D 1995
Directed By: Nico Hofmann

Ina Littmann (Karoline Eichhorn), eine aufstrebende junge TV-Redakteurin, soll den umstrittenen Autor Henry Kupfer (Götz George) als möglichen Gast für die Privatsender-Talkshow „Auge in Auge“ abklopfen. Kupfer ist just dabei, sein neues Buch „Der Kannibale“ herauszubringen, das sich mit dem authentischen Fall eines zu Beginn des 20. Jahrhunderts umtriebigen Kindermörders befasst. Ein privater Besuch bei Kupfer, der mittlerweile im Haus seines jüngsten Recherche-Sujets wohnt, macht Ina nach anfänglicher Skepsis neugierig auf den etwas schmierig erscheinenden, nicht mehr ganz taufrischen Dandy mit seiner ominösen Vergangenheit: Nicht nur, dass der Mann wegen Totschlags an einer Prostituierten einst mehrere Jahre im Gefängnis verbracht hat, scheint ferner der einstige Suizid seiner Schwester tiefe seelische Narben bei Kupfer hinterlassen zu haben. Als sich zudem herauskristallisiert, dass ein Serienkiller, den die Polizei inoffiziell bereits als „Sandmann“ getauft hat, über die gesamte Republik verteilt Prostituierte ermordet, zieht Ina sich mehr und mehr verdichtende Schlüsse. Schließlich plant sie, extrem euphorisiert von ihrer „Enthüllungsgeschichte“, Kupfer im Zuge der Live-Aufnahme von „Auge in Auge“ in aller Öffentlichkeit als den Sandmann zu überführen…

Man mag es im Nachhinein kaum mehr glauben, aber die TV-Produktion „Der Sandmann“, mit Fug und Recht als veritabler Klassiker des Fernseh-Spielfilms zu bezeichnen, wurde vor 25 Jahren vom für sein Schmuddelimage berüchtigt gewordenen Fernsehsender RTL 2 produziert. Hofmanns Film flankierte wechselseitig den ebenfalls von Götz George in der Hauptrolle bespielten Haarmann-Film „Der Totmacher“, der praktisch parallel entstanden war und mit Jürgen Hentsch und Matthias Fuchs noch zwei weitere prominente Darsteller gemeinsam mit dem „Sandmann“ aufweist. Im Gegensatz zu dem von Romuald Kamarkar allerdings höchst hermetisch und konzentriert inszenierten Dialogstück gibt sich Hoffmanns Film deutlich zugänglicher und von zeitgenössisch vorgegebenen Spannungselementen getragen, die damals das neue, postgotische Serienkiller-Genre rund um David Finchers „Se7en“ vorexerzierte. Man kann die beiden George-Filme somit nicht nur revisionistisch durchaus als companion pieces erachten, die darüberhinaus die klassisch geprägten Status von Kino-und Fernsehfilm gewissermaßen austauschten; im Kino lief das kleine Nachtspiel, während das Privat-TV den prinzipiell absolut „kinotauglichen“ Thriller ausstrahlte. Und noch mehr ist, respektive hinsichtlich der Produktionsgeschichte, am darüberhinaus blendend gespielten und zumindest professionell, wenngleich – im Gegensatz zum „Totmacher“ – nicht ganz mit dem bonifizierenden Verdacht der Meisterschaft gefertigten „Sandmann“ interessant: auf sarkastische, beinahe zynische Weise nimmt das einigermaßen clevere Buch von Matthias Seelig den Sensationalismus und die Investigativ-Geilheit des Privatfernsehens aufs Korn. Ältere LeserInnen werden sich erinnern, dass Krawallformate wie „Explosiv – Der heiße Stuhl“ (RTL) oder „Einspruch!“ (Sat 1), die a priori dergestalt konzipiert waren, dass die nicht immer vollbemittelten, jedoch auf ausgesucht diametralen Standpunkten fußenden Diskuttanten sich früher oder später rigoros anbrüllten, zu Millionenrennern wurden. In den Prähistorie von Internet und Social Media boten diese Sendungen, die dann von den noch primitiveren (Nach-)Mittags-Talks abgelöst wurden, eine der willkommensten Gelegenheiten für Lieschen Müller, sich aufgepeitschte Verbalgladiatoren zu Gemüte zu führen. Auch „Der Sandmann“ spielt mit dieser Anordnung, wenngleich auf etwas subtilere Art: Den Versuch, einen kontrovers beäugten Öffentlichkeitsmenschen massenmedial bloßzustellen, nutzt dieser auf dreierlei Weise geschickt aus, indem er sich reinwaschen, eine millionenschwere Verleumdungsklage lancieren und ganz nebenbei sein Buch pushen kann. Das naive Blondchen vom Fernsehen wird dabei zwangsläufig mit ruinierter Karriere untergehen und der nach wie vor un „Sandmann“ fürs Erste in Ruhe weitermorden können, während der gescheite Henry Kupfer, der sich am Ende auf eine ganz andere, doch sehr viel charmantere Weise als bösartig entpuppt, denn man es gemeinsam mit der bedauernswerten Ina Littman zunächst annehmen musste, es sich unter der italienischen Sonne bequem machen darf. So gut war das wahre Leben zu den Legionen von Talkgästen der neunziger Jahre garantiert nie.

8/10

DEAD CALM

„Don’t you believe me?“

Dead Calm (Todesstille) ~ AUS 1989
Directed By: Phillip Noyce

Nach dem Unfalltod seines kleinen Sohnes (Joshua Tilden) begibt sich das Ehepaar Rae (Nicole Kidman) und John Ingram (Sam Neill) zwecks selbsttherapeutischer Abstandsgewinnung auf einen Segeltörn im Pazifik. Weitab der nächsten Küste entdecken sie nach einiger Zeit einen Schoner, aus dessen Richtung sich ein Rettungsboot nähert. Darauf sitzt ein junger Mann namens Hughie Warriner (Billy Zane), der John und Rae nach einigem Zögern eröffnet, dass er der einzige Überlebende des Schiffs sei. Die übrigen Besatzungsmitglieder wären einer Lebensmittelvergiftung zum Opfer gefallen, das Schiff sei Leck geschlagen und sänke bereits. John will den Schaden selbst begutachten und lässt Rae mit Hughie allein zurück. Der Fremde erweist sich als psychopathischer Massenmörder, der den Rest seiner Mitreisenden getötet und zerstückelt hat. Hughie zwingt Rae, in entgegengesetzter Richtung zu fahren, um es John, der indessen die Beweise entdeckt hat, unmöglich zu machen, rechtzeitig zurückzukehren. Rae ist dem Wahnsinnigen hilflos ausgeliefert, doch John setzt trotz seiner begrenzten Möglichkeiten alles daran, zu überleben…

Inmitten der von Blockbustern gesäumten Kinosaison ’89 lief auch dieser vorbildhaft präzis gearbeitete Drei-Personen-Thriller, der in Anbetracht der gewaltigen, üppig budgetierten Konkurrenz förmlich als Abschreibungsobjekt gegolten haben dürfte. Dabei ist und bleibt „Dead Calm“ ein Lehrstück in Sachen Suspense, das sich trotz seiner wenig vielversprechenden Ausgangslage im Laufe der Jahre eine mehr denn respektable Position als veritabler Genreklassiker erarbeiten konnte.
Basierend auf einem zu diesem Zeitpunkt bereits 25 Jahre alten Roman inszenierte der Australier Phillip Noyce hiermit seinen fünften Spielfilm, der zugleich, ebenso wie für die just 20 gewordene Nicole Kidman, sein Sprungbrett nach Hollywood bedeutete. Gegen Ende der sechziger Jahre hatte Orson Welles bereits eine erste Version des Stoffes unter den Projekttiteln „Dead Reckoning“ bzw. „The Deep“ inszeniert, deren finites Schicksal bis heute nicht recht geklärt scheint. Während es einerseits hieß, das Welles unter anderem wegen seines verstorbenen Hauptdarstellers Laurence Harvey eminente Szenen nie habe drehen können, gibt es andererseits Stimmen, die besagen, dass das Material sehr wohl zur Genüge fertiggestellt sei und noch irgendwo seiner Veröffentlichung harre.
Wie dem auch sei, diese von Noyce erstellte Fassung bleibt in Ermangelung von Vergleichsoptionen ohnehin Maß der Dinge und das in mehr denn zufriedenstellender Weise. Besonders in psychologischer Hinsicht präsentiert sich der Film als gleichermaßen komplex und abgründig, indem er das sich entspinnende Dreiergeflecht als keineswegs so eindeutig einzingelt, wie es naheliegend wäre. Neben der Hermetik des Schauplatzes tragen dem vor allem der karge Dialog und das bravouröse Spiel der der drei Protagonisten Rechnung: Bereits die plotstiftende Prämisse, der (recht heftig dargestellte) Tod des kleinen Danny, scheint einen unauslöschlichen Keil zwischen Rae und John zu treiben, einem Ehepaar, das auch sonst nicht recht zusammen passen will – er ein eher schweigsamer, perfektionistischer RAN-Offizier, sie eine mit zwanzig jüngeren Jahren deutlich feurigere, möglicherweise sexuell ausgehungerte Frau: Über-Ich und Ich, um einmal mehr das freudsche Persönlichkeits-Instanzenmodell zu bemühen. Mit Hughie Warriner schleicht sich dann das Es in ihr Leben, der pure, lustgetriebene Instinkt, als Gewaltverbrecher und überaus attraktiver, (möglicherweiser nicht allein) rein körperlich wesentlich besser zu Rae passender, junger Mann Thanatos und Libido gleichermaßen. Es versucht, Über-Ich zu eliminieren und schubst jenes – vorübergehend – beiseite – für das dem Es hilflos ausgelieferte Ich eine gleichermaßen brenzlige wie auf normenkonform verbotene Weise verführerische Situation. Seine ganze Ambivalenz spielt das Szenario dann in der Beischlafszene zwischen Hughie und Rae aus, von der ich mir bis heute und trotz vielfacher Betrachtung nicht sicher bin, inwieweit Rae den Koitus tatsächlich situationsgeschuldet widerwillig zulässt oder ihm doch für ein paar lustvoll-selbstvergessene Minuten verfällt. Noyce setzt diesen von Nicole Kidman nicht minder brillant bespielten Moment jedenfalls so geschickt in Szene, dass eine eindeutige Antwort nicht gegeben werden kann. Am Ende obsiegen freilich Ratio und Pflichtbewusstsein, Rae verhilft John zur Rückkehr und setzt den Wüstling auf offener See aus. Dessen (ein als genremäßiges Zugeständnis von Produktionsseite nachgelegtes Finale) endgültigen, spektakulären Abgang besorgt dann doch noch ein flink agierender John. Das Über-Ich tilgt das unermüdliche Es endgültig aus der kurzzeitig wackelnden Beziehungsbalance, derweil Raes bourgeoise Zukunft gesichert ist. Wie, frage ich mich, hätte das Publikum reagiert, wenn Rae ihren inneren Dämonen stattgegeben und sich mit Hughie Warriner zusammengetan hätte? Aber das wäre die Art Erwaschsenenmärchen, wie es sie zumindest im Mainstreamkino ohnehin nicht geben darf…

8/10

CERTAIN FURY

„I want you away from me!“

Certain Fury (In der Hitze von New York) ~ USA 1985
Directed By: Stephen Gyllenhaal

Scarlet McGinnis (Tatum O’Neal) und Tracy Freeman (Irene Cara), zwei komplett gegensätzlichen Milieus entstammende junge Frauen, landen wegen unterschiedlicher Delikte vor dem Haftrichter. Als im Gerichtssal eine weitere Delinquente (Dawnlea Tait) plötzlich Amok läuft und diverse Beamte erschießt, bleibt Scarlet und Tracy nurmehr die Flucht nach vorn. Nachdem sie zunächst in der Kanalisation landen, kommt ein weiterer Polizist (Gene Hartline) unfällig zu Tode. Nur sehr zögerlich entwickelt das nunmehr unfreiwillig aufeinander angewiesene Paar eine aus der Not geborene Freundschaft, die sie auf der Flucht vor der Polizei durch diverse Institutionen der urbanen Unterwelt führt.

Dieser kleine, in Vancouver gedrehte (und demzufolge gut sichtbar mitnichten, wie der deutsche Titel es zu suggerieren versuchte, in New York spielende) Indie-Exploiter kombiniert Motive des schwarzweißen buddy movie von Stanley Kramers „The Defiant Ones“ bis zu Walter Hills „48 Hrs.“ mit dem zeitgenössisch angesagten Subgenre des nächtlich angesiedelten Großstadt-Odysse-Films und feminisiert diese kurzerhand.
Soweit, so gut: Atmosphärisch und auch formal geht Gyllenhaals durch allerlei Stationen urbaner Halbwelten mäanderndes Krimidrama durchaus in Ordnung und auch die Darstellerriege kann sich von den Haupt- bis in die Nebenrollen hinein sehen lassen. Gleich zu Beginn gibt es einen prall choreographierten Shootout, der die Zuschauererwartungen nochmals immens schürt und die Berliner Synchro versucht mit teils kecken Sprüchen, das Beste aus dem ihr Überlassenen zu machen. Dennoch war es „Certain Fury“ nie vergönnt, auch nur ansatzweise den Status selbst eines Kleinstklassikers zu erobern. Zurecht. Denn der Grund dafür ist flugs eingekreist und liegt evident auf der Hand: Das von (dem anschließend nurmehr zweimal in Erscheinung getretenen) Michael Jacobs entwickelte Script erweist sich von vorn bis hinten eine einzige Katastrophe. Abgesehen von einem bestenfalls auf Minimalebene erkennbaren groben roten Faden, der sich auch nur per ganz viel good will mit Mühe und Not identifizieren lässt, wirken sowohl Narration als auch Dramaturgie mit zunehmendem Verlauf hoffnungslos zerfahren. Vor allem die beiden Protagonistinnen ändern ihre Pläne und wechselseitigen Sympathien praktisch ohne nachvollziehbare Kausalitätsschemata im Sekundentakt, wobei insbesondere die Motivlage von Tatum O’Neals Figur trotz all ihrer darstellerischen Bemühungen völlig nebulös bleibt. Potenziell interessante Nebenfiguren wie der Pornofilmer Sniffer (Nicholas Campbell) oder der Zuhälter Rodney (Peter Fonda) werden erbarmungslos verschenkt und verheizt; die regelmäßig zwischengeschalteten Szenen mit George Murdock als die beiden Mädels verfolgender Cop und Moses Gunn als Tracys Vater (peinlich klischiert als erfolgreicher Chirurg, dessen Sorge um seine Tochter sich mit reichlicher Verspätung einstellt) folgen ebenfalls keinem plausiblen Fortgang. Die gleich mehrere mit heißer Nadel dahergestrickte Macguffins bemühende Episodenhaftigkeit gleitet bald in die Beliebigkeit ab. Diese fatale Inkonsistenz schmerzt besonders, weil „Certain Fury“ eben auch über die eingangs erwähnten Qualitäten verfügt und somit grundsätzlich ein schöner Film hätte werden mögen. So taugt er nurmehr als revisionistisches Beispiel dafür, dass auch im schillernden Genrekino der Achtziger nicht alles Gold ist, was scheinbar attraktiv durch die Annalen hindurchschimmert.

4/10

THE RUSSIAN BRIDE

„You don’t have to be afraid. You just… loan something.“

The Russian Bride ~ USA 2019
Directed By: Michael S. Ojeda

Über eine eine einschlägige Kontaktbörse im Internet „bestellt“ sich der wohlhabende, alternde Chirurg Karl Frederick (Corbin Bernsen) die alleinerziehende Russin Nina (Oksana Orlan) als zukünftige Braut in die Staaten. Obschon Karls entlegenes, winterliches Anwesen und seine leicht absonderliche Dienerschaft (Lisa Goodman, Michael Robert Brandon) bei Nina und vor allem ihrer kleine Tochter Dasha (Kristina Pimenova) einen eher verstörenden ersten Eindruck hinterlassen, sind die beiden Damen doch froh, den heimischen Entbehrungen und der dortigen Armut gen Westen entkommen zu sein. Doch erweist Karl sich bereits nach kurzer Zeit als anfällig für psychotische Episoden und darüber hinaus als sehr dem Kokain zugetan, eine Eigenschaft, die Nina schon bei ihrem Ex-Partner (Emmanuel Todorov) alles andere als schätzte. Und dies sind bei Weitem nicht die einzigen Leichen, die Karl (buchstäblich) im Keller hat…

Sechs Jahre nach dem nicht unähnlich getünchten „Savaged“ präsentiert sich Michael S. Ojedas jüngste Regiearbeit als recht passgenauer Nachfolger von dessen zitat- und referenzgespicktem Impetus. Verarbeitete Ojeda bereits in jener Rachemär eine ganze Phalanx von zumeist dem Exploitationsektor entstammenden Vorbildern, so erwartet den Rezipienten hier wiederum dessen nicht sonderlich überraschende Entsprechung. Offenbar ist Ojeda jener jüngeren Generation von Genrefilmern zugehörig, die neben ihrer überschaubaren Könnerschaft auch über ein gerütteltes Arsenal an Lieblingsfilmen verfügen und nur allzu gern dem unwiderstehlichen Drang stattgeben, den daraus mitgenommenen Eindrücken ihre öffentliche Hommage zu erbieten. So scheint es allerdings phasenweise verlockender, den so offensiv ausgestellten Zitatfundus zu enzyklopädieren denn Ojedas „eigenem“ Geläut zu lauschen – ob solcherlei im Sinne des Urhebers sein mag, darf angezweifelt werden. Den altehrwürdigen Klassikern zollt Ojeda mit direkt, jedoch erzählerisch etwas ungelenk eingepflegten Szenen aus „House On Haunted Hill“ und „Frankenstein“ Tribut (die kleine Dasha steht nämlich – welch Zufall – auf die altehrwürdige Horrorfilmhistorie). Was er außerdem von „Rebecca“ über „La Mariée Était En Noir“, „The Stepfather“ und Tarantinos (!) nervöses Gezuppel bis hin zu „Get Out“ noch alles referenziert, wäre eine eigene Broschüre wert. Am sympathischsten erschien mir diesbezüglich noch, dass sich Corbin Bernsens vergangener Meriten als Dr. Alan „The Dentist“ Feinstone erinnert wurde und diese in exakt derselben wahnwitzigen Manier „zurückkehren“ darf (Brian Yuznas eigenes Bernsen-Projekt „The Plastic Surgeon“ schmort leider weiterhin in der development hell). Dass ich zwischenzeitlich einen fein nuancierten Metakommentar hinsichtlich Trumps Immigrationspolitik auszumachen glaubte, möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, schlussendlich aber vielleicht doch lieber meiner situations- und gegenwartsbedingten Hypersensibilität zuschreiben.
Nun, selbst auf ein klein wenig Geisterspuk braucht man finalmente nicht zu verzichten und auch, wenn es bis zum koksanimierten (!) abschließenden Großreinemachen wie schon in „Savaged“ recht gemächlich zugeht, bleibt unterm Strich ein zwar vorsätzlich unorgineller, insgesamt aber doch vergnüglicher Gattungsbeitrag, der beim passenden Publikum zumindest phasenweise für diebische Freude sorgen sollte.

6/10

TAKEN 3

„Finish me! I deserve it!“ – „Yes. You do.“

Taken 3 (96 Hours – Tak3n) ~ F/USA/E 2014
Directed By: Olivier Megaton

Während Bryan Mills (Liam Neeson) noch ohne sein Wissen im Begriff ist, Großvater zu werden, nähert sich ihm seine Ex Lenore (Famke Janssen) wieder an, zumal dieser der Dauerstress mit ihrem zweiten Gatten, dem Geschätsmann Stuart St. John (Dougray Scott), ziemlich zu schaffen macht. Die Katastrophe stellt sich ein, als Bryan Lenore in seinem Appartment mit durchschnittener Kehle vorfindet und höchstselbst als Täter verdächtigt wird. Anstatt sich zu stellen, taucht er ab und knöpft sich die wahren Schuldigen selbst vor. Eine heiße Spur führt zum russischen Profikiller Oleg Malankov (Sam Spruell)…

Im dritten und wohl auch letzten Teil der kleinen „Taken“-Reihe muss Vollprofi Bryan Mills buchstäblich vor der eigenen Haustür kehren, nachdem er zuvor die Gesindelquote von Paris und Istanbul um gefühlte 80 Prozent dezimiert hat. Diesmal sieht sein Aktionsradius zudem zum ersten Mal keine Animositätsprophylaxe vor, sondern zutiefst persönliche Nachsorge, denn kurz, bevor er zu aller Zufriedenheit mit seiner „Lenny“ wieder zusammkommen kann, wird diese eiskalt ermordet. Das wiederum von Luc Besson verfasste Script nutzt diese Prämisse, um die erwartungsgemäß simple Rachestory mit offenkundigen „The Fugitive“-Anleihen zu versetzen, nur dass Forest Whitaker in einer gewohnt erratischen Rolle (nebst Schachfigürchen als Talisman) anstelle von Tommy Lee Jones zu sehen ist und Bryan Mills, der sich zudem der freundschaftlichen Unterstützung seiner drei „Personenschutz“-Kollegen (Leland Orser, David Warshofsky, Jon Gries) versichern kann, die Cops noch wesentlich gekonnter und gelassener neppt als jeder Dr. Kimble. Immerhin bringt Besson „seinen“ Film damit auf eine stattlichere Lauflänge als die beiden ersten Filme sie aufwiesen, wobei das „immerhin“ in diesem Satz sich nicht unbedingt ernst lesen sollte. Qualitativ setzt „Taken 3“ im Vorgleich zum direkten Vorgänger keinerlei innovative Impulse; vielmehr scheint er sich zu bemühen, den ansonsten ja wenig zimperlichen Bryan Mills ein wenig zu „rehumanisieren“. Oftmals sind dessen kombattante Gegner nunmehr (kalifornische) Polizisten, die aus den für sie wenig erfreulichen Begegnungen mit Mills zwar erwartungsgemäß samt und sonders mit gebrochenen Extremitäten oder Prellungen, aber doch zumindest mit dem nackten Leben hervorgehen; seine härtesten kriminellen Widersacher wählen indes den Frei- und somit Ehrentod oder bitten höflich um ihre Exekution. Der Oberhundsfott ist diesmal allerdings weder ein albanischer Mafiapatriarch noch ein fetter, pädophiler Scheich und selbst nicht der russische Auftragskiller (der wurde nämlich genauso gelinkt wie Mills himself), nein, Lenores neuer Ehemann ist’s, den wir bereits seit dem seligen Original kennen, wo er noch vergleichsweise sympathisch herüberkam, obwohl ihn seinerzeit sogar der eigentlich stets etwas etwas ominös umwehte, zudem deutlich ältere Xander Berkeley gab. Leider stand Berkeley hier aus welchen Gründen auch immer nicht mehr zur Verfügung, was ich angesichts Dougray Scotts eher profilloser Darstellung ziemlich schade finde. Es wird also alles etwas privater und häuslicher für Bryan Mills, wobei all das „Taken 3“ proportional um diverse potenzielle Punkte bringt, die Morels Erstling noch auszeichneten.
Mein ganz privates Resümee nimmt sich jedenfalls dergestalt aus, dass ich nach künftigen Betrachtungen des Originals die beiden Sequels nicht a priori mit in die Folgeselektion setzen werde müssen.

5/10

TAKEN 2

„We will have our revenge.“

Taken 2 (96 Hours – Taken 2) ~ F/USA/TR 2012
Directed By: Olivier Megaton

Dafür, dass der retirierte Superagent Bryan Mills (Liam Neeson) die Albaner-Mafia in Paris aufgemischt hat, schwört ihm der Patriarch Murad Hoxha (Rade Serbedzija) mit seinem Clan blutige Rache. Ein Engagement, das Mills nach Istanbul führt, bietet Hoxha die willkommene Chance, seine Vendetta quasi gleich vor Ort durchzuführen. Mit einem ganzen Tross seiner Männer wartet der Alte auf Mills, der gleich noch Ex-Gattin Lenore (Famke Janssen) und Tochter Kim (Maggie Grace) zwecks idyllisch geplanten Familienurlaubs im Schlepptau hat, in der Bosporus-Metropole auf den Amerikaner. Nachdem es den Albanern gelungen ist, Mills zu überrumpeln und mitsamt Lenore in ihre Gewalt zu bringen, ist die noch freie Kim ihre letzte Chance. Mills kann sich mit Kims Hilfe befreien und beschert Hoxha einen weiteren veritablen Albtraum…

Rache für Rache – dass Blutfehde und Vergeltung nie Einbahnstraßen sind, lässt Bryan Mills seine Widersacher in diesem Erstsequel zu Pierre Morels „Taken“ (den ich zuvor gleich noch einmal einer persönlichen, durchaus befriedigend verlaufenen Revision unterzogen habe) auf äußerst intensive Weise spüren. Wer das Original gesehen hat, dessen Erfolg Hauptdarsteller Neeson einen zweiten Karrierefrühling als Actionthriller-Star bescherte, weiß, dass mit Bryan Mills nicht gut Kirschen ist, zumal, wenn es um seine Familie geht. Mit Rade Serbedzija, einem kroatischen Charakterdarsteller, der bereits seit den Neunzigern in Hollywood einer der bemühtesten Akteure für südosteuropäisches type casting ist, steht ihm diesmal sogar ein echter villain mit einigermaßen verständlicher Agenda gegenüber – immerhin hatte Mills im Vorgänger Hoxhas Sohn Marko mittels Stromstößen auf ziemlich üble Weise zu Tode gefoltert. Dass dieser sein gewalttätiges Ableben allerdings gewissermaßen „forciert“ hatte, indem er ausgerechnet die Tochter einer unerbittlichen, menschlichen (amerikanischen!) Zeitbombe kidnappte, bildete vordringlich das aus dem Walde zurückschallende Echo seiner niederträchtigen Menschenhandelsaktionen. Markos Altem ist das jedoch herzlich egal, er weiß nur, dass Mills „Söhne, Ehemänner und Väter“ auf dem Gewissen hat, und das lässt man im traditionsbewussten, ruralen Albanien nunmal nicht so ohne Weiteres auf sich sitzen. Fürderhin geht es also in Istanbul zur Sache, wo die anfängliche Siegesgewissheit Murad Hoxhas sich bald ins bittere Gegeteil verkehren soll.
Was die „Taken“-Trilogie und insbesondere die Charakterisierung des Protagonisten von den vielen ähnlichen gelagerten Film(reih)en und ihren Hauptfiguren unterscheidet, ist die seltsam aufreizend dargelegte Ambivalenz ihrer Persönlichkeit: Dass man mit Bryan Mills einen moralisch unbeflissenen Vollblutkiller präsentiert bekommt, der gegebenenfalls auch durchaus sadistische Tendenzen zur Schau stellt, erweist sich in Anbetracht all der anderen Vigilanten der (jüngeren) Kinogeschichte als nicht sonderlich ungewöhnlich; dass man ihm auf der anderen Seite den liebevollen und besorgten Familienvater und Freund, dessen empathisches, ganz selten einmal brummbäriges Wesen kaum mehr von dieser Welt zu sein scheint, abnehmen soll, als dafür umso lachhafter. Vor allem die letzteren beiden „Taken“-Filme, die von Olivier Megaton anstelle Pierre Morels inszeniert wurden, kokettieren förmlich mit dieser beinahe schon absurden Prämisse, die beim Betrachter die stillschweigende Akzeptanz eines willkürlich zwischen John Rambo und Charles Ingalls oszillierenden Helden blind voraussetzt. Vor allem in dieser, mit Fug und Recht als schizophren zu bezeichnenden Hinsicht scheint mir der eingeforderte good will des dargebotenen Handlungsuniversums annäherend grenzphantastisch, um nicht zu sagen albern, zumal „Taken 2“ nach dem diesbezüglich noch sehr viel ausdifferenzierterem Original nochmals forciert. Megaton liefert am Ende [das mit der per allgemeinem Gelächter quittierten, vorsichtigen Bitte Kims, ihr Dad möge den just kennengelernten boyfriend Jamie (Luke Grimes) doch bitte nicht sofort abknallen, mehr über den gesamten Film aussagt als tausend abgeknallte Albaner] also kaum mehr einen ernstzunehmenden Genrebeitrag, sondern recht oberflächliches Fortsetzungsmaterial, das mir zudem etwas unter einer allzu gut gemeinten, unübersichtlichen, seine Actionsequenzen oftmals verzerrenden Montage leidet.

5/10

LAW ABIDING CITIZEN

„I need a shower, Warden.“

Law Abiding Citizen (Gesetz der Rache) ~ USA 2009
Directed By: F. Gary Gray

Die zwei Raubeinbrecher Darby (Christian Stolte) und Ames (Josh Stewart) zerstören in einer Nacht gewaltsam die Familienidylle der Sheltons, indem sie Mutter (Brooke Stacy Mills) und Kind (Ksenia Hulayev) ermorden und Vater und Ehemann Clyde (Gerard Butler) schwer verletzt zurücklassen. Doch der Albtraum ist für Clyde Shelton noch nicht vorbei: Anstatt beide Verbrecher ihrer gerechten gerichtlichen Strafe zuzuführen, lässt sich der aufstrebende Staatsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx) in Darbys Fall auf einen Deal ein: Der passive Ames landet zwar in der Todeszelle, der tatsächliche Mörder Darby jedoch, ein widerlicher Sadist vor dem Herrn, bekommt mangels profunder Beweise lediglich ein paar Jahre Gefängnis.
Zehn Jahre vergehen, bis zum Tag, da Ames mit der Giftspritze hingerichtet wird. Die Exekution verläuft überaus unschön, da das Todesserum gegen eine andere Chemikalie ausgetauscht wurde. Damit nicht genug, wird Darby entführt und bestialisch zu Tode gefoltert. Der Verursacher beider Ereignisse ist rasch gefunden. Niemand anderes als Clyde Shelton steckt dahinter. Dieser lässt sich zwar brav festnehmen und ins Gefängnis sperren, doch sein eigentlicher Rachefeldzug fängt damit erst an…

In Erwartung eines „klassisch“ arrangierten Vigilantenthrillers widmete ich mich dem „Director’s Cut“ dieses sich selbst doch weitaus wichtiger nehmenden, mit den moralgetünchten Serienkillerfilmen der Vorjahre von „Se7en“ über die „Saw“-Reihe bis hin zu „WΔZ“ liebäugelnden Machwerks. Und ein Machwerk, das ist „Law Abiding Citizen“ im allerschlechtesten Sinne, mit allen Schikanen sozusagen. Denn die handelsübliche Rache- und Selbstjustizstory muss nichts Geringerem weichen denn einem sich höchst clever wähnenden Plot um die Ad-Absurdum-Führung des gesamten Justizsystems. Nicht von ungefähr spielt die von Kurt Wimmer erdachte Story in Philadelphia, der „City of Brotherly Love“, Nationalheiligtum als ehemalige Hauptstadt der USA und jener Ort, an dem 1787 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde. 2009 war es dann an an Gerard Butler aka Clyde Shelton, dem maroden Jurisdiktionsapparat dessen Schwächen mit aller nach dem Dafürhalten des moralisch Gewappneten gebotenen Härte vor Augen zu führen und eine Sanierung anzustoßen. Doch ein ordinärer Bürger, wie der Originaltitel es suggeriert, ist Shelton – natürlich – mitnichten. Ein solcher könnte ja auch gar nicht solch verzwickte Ideen aushecken wie Shelton es tut. Stattdessen entpuppt er sich im weiteren Verlauf als höchst versierte und professionelle Mordmaschine der CIA und naturgemäß Bester seiner Zunft, dessen biblischen Zorn besser niemand entfesselt hätte. Denn Shelton ist auch ein brillanter Stratege und seinen Gegnern stets zehn Züge voraus. Jamie Foxx als Butlers Widersacher muss also erst lernen, im Sinne seiner Nemesis umzudenken, bevor der vielbeschäftigte Staatsdiener, nachdem er den Kontrahenten schlussendlich doch noch (mit dessen „Waffen“ freilich) besiegen kann, endlich einmal seine eigene kleine Tochter (Emerald-Angel Young) beim Cello-Auftritt besuchen darf. Der Weg dahin ist gepflastert mit allerlei Meilensteinen der Dämlichkeit.
„Law Abiding Citizen“ ist so unfassbar schlecht, löchrig und dumm geschrieben, dass die imdb-Durchschnittswertung von tagesaktuellen 7.4 Punkten anmutet wie ein schlechter Witz. Überhaupt scheint Butler, den ich mehr und mehr geringschätze, sich nur allzu gern auf dümmliche Projekte wie dieses einzulassen. Hätten Gray und Wimmer den Mut oder auch die Chuzpe besessen, die fiese Schlachtplatte der ersten halben Stunde irgendwie auf 90 Minuten auszudehnen, ohne sich in vermeintlich komplexen Narrationsvolten und, noch viel schlimmer, in abgeschmackten Ethikdiskursen zu verlieren, „Law Abiding Citizen“ hätte zumindest als halbgescheite Exploitatongranate reüssieren können. So jedoch wird aus der ganzen Chose ein reichlich reflexiver Schildbürgerstreich, der im Nachinein bestenfalls dazu taugt, die mitleiderregende Blödheit seiner Produktionsbeteiligten und die seines applaudierenden Publikums gleichermaßen zu illustrieren.
Schlimm.

3/10

THE INVASION

„We’re still evolving.“

The Invasion ~ USA/AU 2007
Directed By: Oliver Hirschbiegel

Die Psychiaterin Carol Bennell (Nicole Kidman) wird Zeugin, wie außerirdische Sporen, die nach dem Absturz eines Space Shuttle entweichen, sich diverser Menschen im Schlaf bemächtigen und sie nach einer Metamorphose zu seelenlosen Marionetten eines Gedankenkollektivs assimiliert. Eine Befriedung der Menschheit um den Verlust der Individualität scheint das großflächige Ziel der Aliens zu sein, die aufblitzendem humanen Widerstand mit Gewalt und Oppression begegnen. Gemeinsam mit ihrem Söhnchen Oliver (Jackson Bond), das immun gegen den extraterrestrischen Angriff zu sein scheint, flieht Carol vor den immer zahlreicher werdenden Verwandelten mit dem obersten Ziel, bloß nicht einzuschlafen.

Leider nichts, worüber man nach Hause schreiben müsste: Oliver Hirschbiegels Hollywood-Debüt, die vierte Adaption von Jack Finneys Geschichte „The Body Snatchers“ in rund 50 Jahren, blickt auf einen gewohnt unebenen Entstehungsprozess zurück. Dem produzierenden Studio Warner gefielen etliche der von dem Newcomer inszenierten Strecken nicht und so holte man die hauseigen etablierten Wachowskis sowie James McTeigue als Notsanitäter an Bord und veranlasste diverse Nachdrehs, die unter anderem formale „Glättungen“ sowie ein positiver gestimmtes Ende beinhalteten. Inwieweit diese Modifikationen den Film verschlimmbesserten, bleibt fürs Erste reine Mutmaßung, dass Studiobosse einen hilflosen Regisseur durch die nachträgliche Veruntreuung seiner Arbeit traumatisieren, bildet indes kein Novum.
„The Invasion“ verfährt im Großen und Ganzen wie die ersten beiden Body-Snatchers-Filme von Don Siegel und Philip Kaufman von 1956 bzw. 1978; Abel Ferraras auf einen Militärstützpunkt als Handlungsort umgelagerte Variation bildete bereits für sich betrachtet eine Ausnahmeerscheinung.
Neue oder gar innovative Impulse vermag „The Invasion“ zumindest in der nunmehr zu begutachtenden Fassung dem bereits hinlänglich verhandelten Sujet nicht hinzuzusetzen. Der plotinhärente, philosophische Diskurs, demzufolge nur die Gleichschaltung aller Menschen und somit gleichermaßen die Aufgabe jedweder individueller Persönlichkeit mit einem friedlichen, enbehrungslosen und nachhaltigen Humanexistenz einher gehen kann, wird, anders als die Ängste vor der kommunistischen Bedrohung des Ostblocks in der Ära des Kalten Krieges revisionistisch, aber auch vollkommen oberflächlich abgehandelt. Im Grunde blitzt dieser ideell durchaus reizvolle Ansatz lediglich zweimal kurz im Film auf und wird durch die situative Aggressivität und Bedrohlichkeit der von den Aliens modifizierten Menschenhülsen auch gleich wieder ad absurdum geführt. Die Fremden bekotzen einen mit ihrem grünlichen Schleim, sind deutlich kräftiger als ihre menschlichen Vorgänger und töten mit bloßer Hand süße Hunde, die sich als instinktive Widersacher der Fremden einmal mehr als bester Freund des Menschen erweisen. Zudem scheute man sich, auch das offenbar im Nachhinein, dem Zuschauer einen pessimistischen Abschluss „zuzumuten“, wie er bei Siegel und Kaufman noch zum guten und vor allem richtigen Ton gehörte. Stattdessen gibt es hier einen Impfstoff (!) sowie ein Heilmittel (!!) gegen das extraterrestrische „Virus“, was auch dem mittlerweile als James Bond verpflichteten Daniel Craig (der hier – hoho, haha – rein zufällig den jüngsten Felix Leiter Jeffrey Wright an die Buddy-Seite gestellt bekam) ermöglicht, trotz seines vermeintlich zwischenzeitlichen Abgangs vor den end credits wieder gut gelaunt und rekonvalesziert bei der Heldin am Frühstückstisch zu hocken. Hübsch bieder, wohlsortiert und vor allem: halb so wild, sofern man das große Erbe außer Acht lässt und sich mit einem schnellen Imbiss zufrieden gibt. Aber auch nur dann.

5/10

THE LODGE

„Confess your sins! Repent!“

The Lodge ~ UK/CA/USA 2019
Directed By: Veronika Franz/Severin Fiala

Als Richard Hall (Richard Armitage), Erfolgsjournalist, Ehemann und Vater der zwei Kinder Aidan (Jaden Martell) und Mia (Lia McHugh), seiner Noch-Gattin Laura (Alicia Silverstone) unmissverständlich bedeutet, dass er endgültig die Scheidung wünscht, nimmt die ohnehin depressive Frau sich das Leben. Schon seit Längerem pflegt Richard derweil eine Beziehung zu der jüngeren Grace (Riley Keough), die durch eine grauenhafte Vergangenheit als Kind in den Fängen einer Sekte von Christenfanatikern traumatisiert ist. Um erste Kontakte zwischen Grace und den Kindern anzubahnen, plant Richard ein gemeinsames Weihnachtsfest in einer abgelegen Winterlodge, wo er die Drei zunächst aus geschäftlichen Gründen ein paar Tage allein lassen und später dazustoßen will. Aidan und Mia jedoch machen nicht nur ihren Vater und Grace mittelbar für Lauras Suizid verantwortlich, sie sind auch in keiner Weise daran interessiert, eine „Ersatzmutter“ zu akzeptieren. Also hecken sie einen gemeinen Streich aus, der ungeahnte Folgen hat…

Für das österreichische Regieduo Franz/Fiala, das mit dem eindrucksvollen „Ich seh ich seh“ bereits eine sehr spannende psychologische Studie über die Entfremdung zwischen Kindern und ihren erwachsenen Bezugspersonen sowie gemeinhin über verhängnisvolle infantile emotionale Störungen vorlegen konnte, dürfte allein die Aussicht, mit seinem Zweitprojekt unter dem renommierten Genredach der britischen Hammer Films arbeiten zu können, von vielversprechender Anmutung gewesen sein. So entpuppt sich „The Lodge“ dann auch zumindest inhaltlich als nachgerade klassischer Thrillerstoff, wie die Hammer ihn auch problemlos innerhalb ihres von Jimmy Sangster gescripteten Sechzigerjahre-Kleinverschwörungszyklus hätten veröffentlichen können. Die Motive darin ähnelten sich in der Regel ja doch recht eklatant – zumeist ging es um ein psychisch bereits stark angegriffenes und/oder traumatisiertes Individuum, das von ränkeschmiedenden, bösen Verwandten, Erbschleichern oder sonstigem Kroppzeug in die völlige Unzurechnungsfähigkeit getrieben und so von Haus und Grund gejagt werden sollte. Üblicherweise gingen die Pläne des oder der Intriganten am Ende dann aber ab einer gewissen „Sollbruchstelle“ nach hinten los und drehten ihnen auf die eine oder andere Art selbst den Strick. Wer anderen eine Grube gräbt… etc.pp., man kennt das. Auch Gimmick-Filmer William Castle nahm sich gern dieses immer wieder ergiebigen Sujets an.
Nun sind Franz und Fiala nicht bloß sorglose Geschichtenerzähler und Suspenseverbreiter, sondern bemühen sich, das lässt sich spätestens jetzt, nach ihrem zweiten Film sagen, um eine spezifische inszenatorische Handschrift. „The Lodge“ ist voll von Symbolen, Bildern und Zeichen, die Anlass zu diversen Spekulationen liefern und das bevorstehende Unheil bereits erahnen lassen. Ob übernatürliche Elemente im Spiel sind, das Jugendtrauma der Protagonistin oder die Handlungsmotivation der unzufriedenen Kinder den maßgeblichen Ereignismotor bilden, lässt sich über weite Strecken nur mutmaßen. Das eindringliche Finale schließlich, dem, soviel darf man an dieser Stelle wohl festhalten, ohne allzuviel auszuplaudern, ein buchstäblich animalischer Trigger vorgeschaltet ist, weckt schließlich warme Erinnerungen an das Traditionshandwerk des oben genannten Studios. Nicht ganz so vereinnahmend wie „Ich seh ich seh“ gelang Franz und Fiala mit „The Lodge“ doch ein ihren bisher eingeschlagenen Weg weiterbeschreitender Film, der sich, zumal für Hammer-Kenner und -Liebhaber, absolut lohnen dürfte.

7/10