SKYJACKED

„What is it?“ – „Some kind of a detonator.“

Skyjacked (Endstation Hölle) ~ USA 1972
Directed By: John Guillermin

Während eines Routine-Linienflugs nach Minneapolis muss Captain Hank O’Hara (Charlton Heston) feststellen, dass einer der Passagiere seiner Boeing 707 ein Luftpirat ist, der offenbar eine Bombe an Bord versteckt hat und seine bedrohlichen Botschaften zunächst mit Lippenstift hinterlässt. Die Maschine soll nach Anchorage umgeleitet werden. Die Identität des Hijackers ist jedoch bald herausgefunden: Es handelt sich um den hochdekorierten, aber schwersttraumatisierten Veteran Jerome K. Weber (James Brolin), der sich von seinem Land verraten fühlt und zu den Sowjets überlaufen will. Von Anchorage soll die Reise daher nach Moskau weitergehen…

Einer der weniger gut erinnerten Katastrophenfilme der Siebziger ist dieser campige Luftfahrtthriller des englischen Regisseurs John Guillermin, der mit all seinen Attributen von der prominenten Besetzung über das Thema und den unverhohlen klischeeüberladenen Aufzug auch ebensogut in die „Airport“-Serie gepasst hätte, jedoch von der Konkurrenz (hier: dem Produzenten Walter Seltzer und der MGM) in die Kinos gebracht wurde. Seltzer, der um diese Zeit häufig mit Charlton Heston zusammenarbeitete, konnte den alternden Star auch für dieses Projekt gewinnen, in dem Heston nicht allzu viel zu tun hat, außer hier und da eine Pfeife zu rauchen und sich klamme Dialogduelle mit seinem Widersacher James Brolin zu liefern. Der wiederum spielt seinen Part als zunehmend wirrer werdender Flugzeugentführer hübsch kitschig aufbrausend und mit rollenden Augen, als ganz traditionsverrückte, tickende Zeitbombe nebst Handgranaten und MP im Handgepäck. Dass Weber, wie sein Part getauft wurde, PTBS-geschädigter Vietnamveteran ist, lässt das Script zwar unerwähnt, es dürfen jedoch wenige Zweifel bestehen, woher zu damaliger Zeit ein so junger Mann dermaßen viele Orden an der Brust hat. Sein Motiv, hinter den Eisernen Vorhang abzutauchen, bleibt leider ziemlich schwammig. Offenbar leidet Weber, darauf weisen Rückblicke und Wahnvorstellungen hin, neben anderen psychischen Sollbruchstellen auch an einer tief gestörten Beziehung zu seinem Vater (Dan White).
Richtig schön albern wird’s gegen Ende, wenn der Flieger in den sowjetischen Luftraum eindringt und tatsächlich in Moskau landet, wo es zwar ungemütlich aussieht, die russischen Polizisten den verrückten Weber jedoch genau so „willkommen“ heißen, wie es zuvor das FBI in Anchorage tat.
Dass die ZAZ-Verballhornung „Airplane!“ auch „Skyjacked“ eine Menge an Inspiration verdankt, lässt sich ganz nebenbei vortrefflich nachzeichnen und lädt auch bei der Betrachtung dieses Quellmaterials das ein ums andere Mal zum Schmunzeln ein.
Hübsche Angelegenheit, durchaus.

7/10

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SKELETONS

„You better leave us be.“

Skeletons ~ USA 1997
Directed By: David DeCoteau

Um dem Großtstadtstress zumindest zeitweilig zu entfliehen, zieht der emsige New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Peter Crane (Ron Silver) mit Gattin Heather (Dee Wallace) und Sohnemann Zach (Kyle Howard) in das beschauliche Städtchen Saugatuck in Maine. Rasch fällt Peter auf, dass hier alles ein wenig zu glattgebügelt erscheint: Ethnischen Minderheiten zugehörige Mitbürger gibt es in Saugatuck ebensowenig wie ansonsten im geringsten Maße auffällige Personen. Heimlicher Führer der Gemeinde ist der Geistliche Carlyle, der selbst Bürgermeister (Paul Bartel) und Sheriff (D. Paul Thomas) als Stichwortgeber dient. Einzig der hiesige Redakteur Frank Jove (James Coburn), selbst ein „Zugezogener“, hat Verständnis für Peters wachsendes Unwohlsein, das sich noch verstärkt, als ein offensichtlich unschuldiger, homosexueller Gefängnisinsasse Jim Norton (Dennis Christopher) angeblich Selbstmord begeht. Peter, der offen Partei für Norton ergreift, und sein Familie werden fortan von den Ortsansässigen traktiert. Statt jedoch einfach das Weite zu suchen, bohrt Peter weiter und begibt sich damit in tödliche Gefahr…

Reaktionäre Kleinstädter und Provinzler, die sich ihre kleine, faschistischen Mikrokosmen nach Maß gestalten, sind beinahe schon ein fester Bestandteil des postmodernen amerikanischen Mythenpools. Entsprechende Literatur, deren Adaptionen und auch jüngere Kinowerke wie  „The Stepford Wives“ oder zuletzt der vielbeachtete „Get Out“ arbeiten mit diesem oftmals satirisch zugespitzten Ansatz, indem sie ihn in ein häufig phantastisch überhöhtes Szenario einbinden. Zu just dieser Genrespezies zählt auch „Skeletons“, eine TV-Produktion des einstmaligen (Schwulen-)Porno-Regisseurs und unermüdlichen Billgheimer-Fabrikanten David DeCoteau, der bis in die letzten Jahre hinein einen Durchschnittsaustoß von vier bis sechs Filmen pro Zwölfmonatsturnus vorweist – darunter das halbseidene Vampir-Franchise „Brotherhood“. Ich bin nicht sehr bewandert, was DeCoteaus Gesamtœuvre betrifft, möchte aber mutmaßen, dass „Skeletons“ darin eine spezifische Ausnahmestellung bekleidet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass DeCoteau gewissermaßen als Notnagel für den zuvor gefeuerten Ken Russell herzuhalten hatte, der das abgründige Thema vermutlich noch um Einiges tiefschürfender angegangen wäre. Überhaupt gleicht es einem Wunder, dass man „Skeletons“ überhaupt noch zu sehen bekommt, denn der von Jordan Belfort (dem Wall-Street-Wolf) co-finanzierte und -produzierte Film wurde 2004 von der SAG als einer von ingesamt siebenen zur Auktion freigegeben, um vormals nicht ausbezahlte Darsteller-Gagen zu vergüten. Leider ist der ursprünglich trotz seiner TV-Herkunft für die 2,35:1-Kadrage ausgelegte Film für den Heimmarkt lediglich in verhunzten Pan/Scan-formatierten Fassungen erhältlich. Eine Schande schon aus Prinzip, denn obschon „Skeketons“ insbesondere für den genreerfahrenen Rezipienten keine große Offenbarung darstellen mag, macht er das, was er macht, goldrichtig und verfügt neben seinem unablässig aktuellen Sujet um pseudoelitäre Selbsteinschätzung und soziale Ausgerenzung als traditionellee, weiße amerikanische „Tugenden“ über eine großartige Besetzung bei bester Spiellaune. Von jener bleiben besonders Christopher Plummer, der den bigotten Inzucht-Pfaffen mit dem der Rolle gebührenden, latenten Wahnsinn interpretiert, hängen und auch der wie üblich grandiose James Coburn, der im Alter sowieso immer noch besser wurde, als Angepasster unter Angepassten.
Mein Wunsch, „Skeletons“ dereinst nochmal in einer ihm gebührenden Version ansichtig zu werden, dürfte sich bis auf Weiteres indes leider nicht erfüllen…

8/10

JIGSAW

„You have a choice. Scream or don’t.“

Jigsaw ~ USA/CAN 2017
Directed By: Michael Spierig/Peter Spierig

Ganze zehn Jahre nach dem Tod des Jigsaw-Killers John Kramer (Tobin Bell) beginnt ein Unbekannter, dessen etwas perverse Moralagenda aufs Neue in die Tat umzusetzen. Der hartgesottene Cop Halloran (Callum Keith Rennie) und seine Mitarbeiter, darunter der Kriminalpathologe Logan Nelson (Matt Passmore), setzen sich auf die Spur des Mörders und entwickeln Verdachtsmomente in ganz unterschiedliche Richtungen. Eine davon geht sogar so weit, in Erwägung zu ziehen, dass Kramer mitnichten in seinem Grab schlummert, sondern sein früheres Treiben auf wundersame Weise fortsetzt…

Sage und schreibe ganze sieben Jahre ist es nun schon her, dass mit „Saw 3D“ der bis dato letzte Beitrag zu der denkwürdig ausufernden Killerchronik erschienen war. Der damals so inflationär genutzte Terminus „torture porn“ hat sich analog zum Verschwinden der vormals so regelmäßig reüssierenden Reihe mittlerweile wieder weitgehend aus dem ohnehin unzulänglichen Definitionsvokabular vieler mehr oder minder empörter Betrachter verabschiedet. Doch gibt auch diese alte Kuh immer noch ordentlich fette Milch, wie die Spierig-Brüder mit „Jigsaw“, der nunmehr achten filmischen Installation um John Kramer und seine Epigonen sich anschickten unter Beweis zu stellen. Wer mit den früheren Serienbeiträgen sein persönliches Auskommen fand, der sollte zwangsläufig auch „Jigsaw“ zugeneigt sein; mit einem sich zum Ende hin  sturzbachartig entleerenden Füllhorn aus bis dato zurückgehaltenen Informationen findet der geneigte Rezipient sich wieder einmal vortrefflich verarscht und an der Nase herumgeführt – sämtliche zuvor gestreuten Indizien zur Schürung detektivischer Anstrengungen erweisen sich abermals als schmackhaft ausgelegte Attrappen zugunsten wirrer Volten. Doch ist man „Jigsaw“, zumal in traditioneller Kenntnis dieser bereits traditionellen Irrführungsnarration, diesbezüglich keinesfalls böse – dazu bleibt in Anbetracht des immens straffen Vortrags und der gewohnt sadistischen Einfälle (mein persönlicher Lieblingskill und zugleich einer der grandiosesten des gesamten Franchise ist natürlich der letzte) ohnehin kaum Zeit.
Das vormals etablierte Grundkonzept um den selbsternannten Scharfrichter, der am Ende dann doch zigmal abartiger ist als jedes seiner Opfer auch nur zu träumen wagt, bleibt bestehen, allerdings mit einem neuen Drahtzieher, der sich von Stund an anschicken darf, den losen Faden neu aufzunehmen. Mir soll’s recht sein, ich bin (und bleibe) dabei.

7/10

AVENGING ANGEL

„I ain’t no angel, pal.“

Avenging Angel (Angel kehrt zurück) ~ USA 1985
Directed By: Robert Vincent O’Neill

Nachdem Molly Stewart (Betsy Russell) von ihrem alten Beschützer Lieutenant Andrews (Robert F. Lyons) quasiadoptiert wurde und Jura studiert hat, liegt ihre Kiezvergangenheit weit hinter ihr. Als Andrews jedoch bei einem Einsatz auf dem Hollywood Boulevard ermordet wird, holt Molly die alten Stilletos und den Minirock aus dem Schrank und kehrt als „Angel“ zurück auf die Straße. Um die Mörder ihres väterlichen Freundes zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen, benötigt sie allerdings noch die Unterstützung ihrer früheren Freunde. Daher gilt es zunächst, den alten Kit (Rory Calhoun) aus dem Seniorenheim zu entführen…

Obschon nur ein Jahr später entstanden, muss man als Kenner des Originals zunächst einige Zäsuren in Kauf nehmen – nicht nur, dass der zeitliche Abstand zu den Ereignissen im Vorgänger deutlich gedehnter ausfällt, wird die pfiffige Molly jetzt von Betsy Russell gespielt, die zwar vier Jahre jünger ist als ihre Vorgängerin Donna Wilkes, im Gegenzug jedoch auch vier Jahre älter aussieht. Auch Lt. Andrews, der als initiierendes Mordopfer ohnehin nur einen vergleichsweise kurzen Auftritt absolviert, unterliegt einem Personalwechsel. Was jedoch viel wichtiger ist – das liebgewonnene Kiezensemble, sprich Susan Tyrell, Rory Calhoun und Steven M. Porter, kehrt (natürlich mit Ausnahme des in „Angel“ heldenhaft geopferten Dick Shawn)  geschlossen zurück und unterstützt seine alte Freundin, die diesmal nur zum Schein auf den Strich geht, um ein Gangsternest auszuheben, hinter dem der reiche Geschäftsmann Gerrard (Paul Lambert) steht. Die alte Clique erweist sich als schlagfertiger denn je und greift Gerrards Männer mit ungewohnter Feuerkraft an. Doch auch die Helden haben eine Schwäche – ein verwaistes Baby, das Solly unter ihre Fittiche genommen hat und sich bestens als Kidnappingopfer eignet.
„Avenging Angel“ findet nach dem Original sehr viel flüssiger und vor allem umwegloser zu sich selbst. Schon die von Bronski Beat stampfend untermalte Eingangssequenz vergewissert sich eines ganz anderen formalen Qualitätsstandards, bevor das Sequel sich unter cleverer Verwendung des bereits etablierten Personal auf den Selbstjustiz- und Vigilanten-Konvoi der Achtziger schwingt, sehr viel gewaltigere Feuerkraft bemüht und dabei keine Scheu hat, bei stark angezogenem pacing immer wieder den Bogen hin zu lustvoll überdrehten Albernheiten zu überspannen. „Avenging Angel“ hat von allem etwas mehr: Action, Humor, Spannung, Übertreibungen, Exploitation, Entertainment. Außerdem gefällt mir Betsy Russell wesentlich besser als Donna Wilkes, die ich nebenbei schon seit „Jaws 2“ als schlimme, weil unsäglich kreischende Nervensäge im Hinterkopf habe. Ich dürfte ergo wohl ziemlich allein dastehen mit der Ansicht, dass „Avenging Angel“ zu den wenigen Forsetzungen gehört, die ihren Vorgänger vorbehaltlos übertreffen. Andererseits ist das ja nichts Schlimmes.

7/10

ANGEL

„Give a man something to suck on and he’s happy.“

Angel ~ USA 1984
Directed By: Robert Vincent O’Neill

Tagsüber die gewissenhafte Schülerin, bei Nacht auf dem Strich unterwegs als „Angel“ – seit die fünfzehnjährige Molly Stewart (Donna Wilkes) bereits vor Jahren von ihren Eltern im Stich gelassen wurde, ist sie gezwungen, ihren Lebensunterhalt auf dem nächtlichen Hollywood Boulevard zu verdienen. Oder vielmehr, sie geht ihrem horizontalen Job recht freiwillig nach, denn Waisenhaus und Sozialunterstützung kommen für sie nicht in Frage. Mittlerweile sind all die durchgedrehten Kiez-Gestalten zu ihrer neuen Familie avanciert, allen voran Transe Mae (Dick Shawn) und der alte Filmcowboy Kit (Rory Calhoun). Als jedoch ein durchgedrehter Serienkiller (John Diehl) sein Unwesen auf dem Kiez zu treiben beginnt, wird es für Molly brenzlig. Gut, dass ihre Freunde und auch Cop Andrews (Cliff Gorman) sie nach Kräften schützen.

Was nach wilder Exploitation klingt, ist vergleichsweise harmloses, extrem zeitverhaftetes Schillerkino – Robert Vincent O’Neill umgeht jedes sich noch so weit auftuende Fettnäpfchen von Schlüpfrigkeit und inszeniert seine Coming-of-Age-Geschichte mit verhaltenem Bahnhofskino-Flair als liebenswertes Kiezmärchen, das auch in punkto Moralinsäure angenehm zurückhaltend bleibt. Der sich erst nach und nach Bahn brechende Killerplot wirkt diesbezüglich eher aufgesetzt und wurde offensichtlich vor allem deshalb eingeflochten, um der Blitzidee mit der doppellebigen Babyhure und ihrer episodisch angelegten Geschichte einen konkreten Genrekurs zu verleihen. Nicht von ungefähr erinnert dieser Teil der Story an Friedkins sehr viel angründigeren „Cruising“. Sehr viel mehr Wert legt O’Neill infolge dessen auf sein illustres Rotlicht-Ensemble, das in Kombination eine funktionale Familie von liebenswerten Außenseitern ergibt, die sich im Notfalle bestens zu helfen weiß. Neben Mae und Kit Carson sind das vor allem die kernige Susan Tyrell als exzentrische Künstlerin Solly Mosler oder der Jojo-Artist Charlie (Steven M.Porter), allesamt Gestrandete, die das Beste aus der Endstation Milieu und ihr Viertel zu einem quirligen Zuhause des respektablen sozialen Scheiterns machen. Natürlich sind Angel und ihre Kolleginnen (Donna McDaniel, Graem McGavin) nebenbei gewieft und wählerisch genug, sich die Rosinchen aus dem fetten Freierkuchen herauszupicken und die große Restmenge – etwa ein paar aufdringliche Schulkameraden von Molly – ganz cool abblitzen zu lassen. Der verbleibende, minimale „Skandalfaktor“ des Ganzen, so man überhaupt einen solchen herauszufiltern geneigt ist, liegt somit am Ehesten darin, das Prostitutionsgewerbe in einem verharmlosenden bis romantisierenden Licht erscheinen zu lassen – O’Neills märchenhaft verbrämte Kieznacht ist voll von lustigen Anarcho-Vögeln und existenzieller Autonomie und macht suggestiv sogar Spaß, wenn man sich in ihr bloß halbwegs zurecht findet. Außerdem sei ja eh alles bloß halb so schlimm, so lange man auf eigene Faust und ohne Freier arbeite und auf gute Freunde zählen könne. Ich glaube trotzdem nicht, dass „Angel“ in den 34 Jahren seit seiner Premiere irgendein Teenager-Mädchen auch nur implizit dazu angestiftet hat, auf den Strich zu gehen.

6/10

THE LIMEHOUSE GOLEM

„Here we are again!“

The Limehouse Golem ~ UK 2016
Directed By: Juan Carlos Medina

In der Ära der Viktorianischen Jahre geht im Londoner Viertel Limehouse ein Mörder um, den die zu Geschwätz und Aberglauben neigenden Einwohner bald als „Limehouse Golem“ bezeichnen. Die Spur führt den ermittelnden, stillen Inspector Kildare (Bill Nighy) zu der beliebten Sängerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), die des Mordes an ihrem Mann John verdächtig ist. Kildares Ermittlungen ergeben, dass etliche Indizien die Identität des Golem betreffend zur Person John Crees führen, allein der finale Beweis steht noch aus…

Ein Film wie „The Limehouse Golem“ hat ganz einfaches Spiel mit mir: Kostümkino, dazu noch angesiedelt im Viktorianischen London und, gewissermaßen als vollmundiges parfait, eine Mördergeschichte obendrauf – da bin ich stets gern dabei. Peter Ackroyds zugrunde liegender Roman spielt, ähnlich wie Alan Moores gewaltiges „From Hell“, abseits von seinem Kernplot um die Mordserie und deren Aufklärung, mit den Mythen, den multiplen kulturellen und ethnischen Facetten jener Periode, die weite Teile Londons zu einem multikulturellen Schmelztiegel machten. Insbesondere jedoch das Hafenviertel Limehouse im East End der Stadt, berüchtigt für seine Ansammlungen exotischer Halbweltler und deren hierher transferierte Lebensart, gilt als Inspiration für eine Vielzahl von Geschichten und Trivialabenteuern von Thomas Burke bis hin zu Sax Rohmer. Entsprechend reichhaltig der Inspirationsfundus. Dass sich bei Ackroyd, respektive der Adaption, noch Platz für historische Zeitgenossen findet, nominell den Schauspieler Dan Leno (Douglas Booth), den Autor George Gissing (Morgan Watkins) und Karl Marx (Henry Goodman), verleiht „The Limehouse Golem“ eine von mehreren interessanten Zusatznoten, zu denen ebenso die Einblicke in die frühe Musical-Theatre-Szene gehören. Als Genrestück hingegen nimmt sich Medinas zweiter Langfilm wohl weniger erwähnenswert aus; zwar spielt ihm eine gewisse, mit dem Stoff einhergehende Abgründigkeit in die Karten, wer jedoch explizit nach einem historisch aufgeladenem Spannungsstück sucht, könnte sich möglicher- und berechtigterweise enttäuscht finden.
Für mich ist „The Limehouse Golem“ insofern sehenswert, als dass es ihm vorzüglich gelingt, in die porträtierte Ära einzutauchen und mit seinen Querverweisen ein paar inspirierende und stimulierende Einblicke zu leisten.

7/10

THE PUNISHER: SEASON 1

„Welcome home, Frank.“

The Punisher: Season 1 ~ USA 2017
Directed By: Tom Shankland/Andy Goddard/Antonio Campos/Kevin Hooks/Marc Jobst/Jim O’Hanlon/Kari Skogland/Stephen Surjik/Dearbhla Walsh/Jeremy Webb/Jet Wilkinson

Nachdem Frank Castle (Jon Bernthal) die mutmaßlich letzten der an der Ermordung seiner Familie beteiligten Gangster erledigt hat, fristet er erin tristes, einsames Leben als Bauarbeiter „Peter Castiglione“. Es dauert jedoch nicht lang, bis er neuerlich in Reichweite des organisierten Verbrechens gerät und das zu tun gezwungen ist, was er am Besten beherrscht. Durch seine Aktion wird der im Untergrund lebende Hacker David Lieberman (Ebon Moss-Bachrach) auf ihn aufmerksam und Frank damit mit ganz neuen, unbekannten Fakten über den gewaltsamen Tod seiner Lieben aufgeklärt: Offenbar ist er während seiner Zeit als US-Marine bei einem verdeckten Einsatz in Kandahar Zeuge höchst illegaler Militäroperationen geworden und sollte als unliebsamer Mitwisser beseitigt werden. Doch nicht nur sein bald von Franks Überleben in Kenntnis gesetzter, früherer Vorgesetzter Rawlins (Paul Schulze) wird zu einem Problem, auch die umtriebige Militärpolizistin Madani (Amber Rose Revah) und ein durchgedrehter Veteran (Daniel Webber) machen dem Punisher zu schaffen. Zeit, das Totenkopf-Symbol zu reaktivieren…

Den Punisher, eine von Marvels beliebtesten Figuren, zum Hauptcharakter einer eigenen Serie zu machen, erweist sich rückblickend als mäßig dankbarer und sehr viel mehr rein kommerziellen Erwägungen geschuldeter Einfall. Das sich ferner als problematisch herausstellende Formgerüst der sich auf dreizehn Episoden kaprizierenden MCU-Serien versagt hier zudem noch mehr als ohnehin schon. Dennoch lässt sich mit „The Punisher“ insgesamt wieder ein wenn auch kleiner Aufschwung im Vergleich zu den jüngsten, entsprechenden Formaten verzeichnen.
Die eine große Schwäche des Netflix-Projekts, und diesbezüglich haben alle drei Kinofilme die Nase eindeutig vorn, liegt darin, Frank Castle ein psychologisch facettenreiches Fundament zu verschaffen. Das jedoch hatte der Autor Garth Ennis im Zuge seiner kürzeren und längeren „Punisher“-Strecken bereits allumfassend besorgt: Bei ihm zeigte sich, dass Castle ein prinzipiell grundgestörter Mensch war, der nicht erst durch die Ermordung seiner Frau und der beiden Kinder zum Killer wurde, sondern der sich bereits im Kriegskontext, einer Situation also, die Massenmord gewissermaßen legitimiert, als viehischer Schlächter erwiesen hatte und für den das heimatliche Verlusterlebnis lediglich eine finale Sollbruchstelle darstellte, um seinen beispiellosen Vigilantenkrieg zu entfesseln. Das organisierte Verbrechen hat Frank Castle erst gar nicht zu suchen, um mit ihm auf Konfrontationskurs zu gehen; das besorgt er nunmehr seit langem selbst. Des Punishers langfristiges Ziel besteht nicht in privater Rache, sondern in nichts weniger als darin, das Verbrechen auf globaler Ebene auszurotten; eine Mission, die gezwungenermaßen mit Bergen von Leichen einhergeht. Der Serien-Punisher pflegt ein solches Denken nicht – oder zumindest noch nicht, wie die eine oder andere Ableitung es nahelegt. Hierin sind die Motive für Frank Castles mörderischen Aktionismus (ähnlich wie in Jonathan Hensleighs 04er-Adaption) noch rein persönlicher Natur. Hinter der tödlichen Eiseskälte verbirgt sich noch immer ein menschliches, verletzliches Wesen, das Nähe begreift, zulässt und einstigen Emotionen und Intimitäten zumindest noch in Geist und Herzen nachhängt. Mit Ausnahme einer grandiosen Schlüsselsequenz in der dritten Episode, die während des Afghanistan-Einsatzes den schlummernden Psychopathen hinter der Fassade des Familienvaters zeigt und weiteren, kleineren hints, die das zunehmende Übergewicht einer längst latent vorhandenen PTBS (ohnehin ein zentrales Thema der Reihe) pronocieren, lässt hier noch vergleichsweise wenig auf die wortkarge Killermaschine schließen, zu der der Comic-Punisher (und übrigens auch der bei Goldblatt und Alexander) längst geworden ist.
Die Subplots um Agent Madani, Franks einbeinigen Mitveteranen Curtis Hoyle (Jason R. Moore), Franks merkwürdige Annäherung an Liebermans permanent von ihm überwachte Familie und vor allem jener um den verwirrten Bombenleger Lewis Walcott verlangsamen indes das pacing beträchtlich, rauben ihm einen Großteil seiner Konzentration und Wirkmacht. Ganze Episoden bleiben blass bis fad, während andere zum Besten zählen, was das Netflix-MCU bis dato überhaupt zu bieten hat. Erst gegen Ende, wenn sich die schwelenden Konfrontationen endlich entladen, Frank sich „seinen“ neuen Jigsaw (Ben Barnes) kreiert, der ihm dann wohl in Season 2 das Leben schwermachen dürfte und der Punisher endlich zu sich und seiner ursprünglichen Mythologisierung findet, entwickelt das Format eine Sogkraft, die man sich in dieser Intensität schon sehr viel früher gewünscht hätte. Glücklicherweise nehmen die entsprechenden Höhepunkte in der etwas distanzierten Erinnerung die überwältigende Majorität ein und lassen „The Punisher“ schlussendlich und unter dem Strich als überzeugend dastehen. Dennoch bleibt die Serie in der Summe recht weit unter ihren Möglichkeiten, die sich eben nur in Form einzelner gesetzter Spitzen äußern. Etwas schade ist das schon.

7/10