APOSTLE

„This island is our paradise.“

Apostle ~ UK/USA 2018
Directed By: Gareth Evans

Das Vereinte Königreich im Jahre 1905: Der vormalige Missionar Thomas Richardson (Dan Stevens) hat Gott und seinem Glauben entsagt, nachdem er während des Boxer-Aufstandes in China an seine physischen und psychischen Grenzen getrieben wurde. Zurück daheim erhält er eine Nachricht seines Vaters, derzufolge seine Schwester Jennifer (Elen Rhys) von einem auf einer walisischen Insel ansässigen, aus Gesetzlosen bestehenden Naturkult um eine Lösegeldforderung gefangengehalten wird. Thomas, mittlerweile schwer laudanumsüchtig, bereist die Insel in cognito und schließt sich vorgeblich dem Kult an. Dieser, angeführt von Malcolm Howe (Michael Sheen), Quinn (Mark Lewis Jones) und Frank (Paul Higgins), einem Trio einstmals Schiffbrüchiger, verehrt einen weiblichen Naturdämon (Sharon Morgan), der sich von Blut ernährt und im Gegenzug Pflanzen sprießen lässt und den die Drei gefangenhalten. Da der Geist jüngst jedoch seine Kraft zu verlieren scheint, benötigen die Kultisten andere Mittel und Wege, um sich über Wasser halten zu können. Mit der Ankunft von Thomas bahnt sich schließlich zugleich eine Katastrophe an: Der blutrünstige Quint will um jeden Preis die Herrschaft über das Eiland an sich reißen…

Nachdem mir „Serbuan Maut“ von Gareth Evans nicht gefallen hat, ich seine Sekten- und Teufels-Episode in „V/H/S/2“ dafür jedoch umso beeindruckender fand, war ich durchaus gespannt auf „Apostle“, von dem ich mir meiner höchst oberflächlichen Annahme gemäß ein dem Embedded-Filming-Segment thamtisch ähnliches, nur eben auf abendfüllende Länge ausgeweitetes Werk versprach. Von apokalyptischem Ambiente jedoch keine Spur; vielmehr müht sich Evans, dem einst von der Tigon British kultivierten, klassischen Folk-Horrorfilm Marke „The Wicker Man“ seine Ehrerbietung zu erweisen und reichert seine Mär um konkrete phantastische Elemente, ein wenig körperbetonte Action und zwei, drei fiese Gore-Sequenzen an, die jedoch sehr lange auf sich warten lassen und aufgrund ihrer Loslösung vom Rest sowieso eher willkürlich bis unpassend daherkommen. Auch sonst wirkt der von Evans selbst geschriebene Film trotz manch guter Ansätze und immer wieder eingeflochtener, poetischer Momente (wie etwa der letzten, als Erfüllungsmoment zu begreifenden Einstellung) größenteils unausgewogen, verworren und unverständig zerdehnt. Dan Stevens in der Hauptrolle, der eigentlich als zerrissener Held wider Willen die Zuschaueremotionen binden soll, bleibt, zumal im Vergleich mit einigen deutlich interessanter angelegten, leider aber mit wesentlich weniger inhaltlicher Bedeutung bedienten Nebencharakteren in den allermeisten Phasen des Films erschreckend blass und egal, der Kult und auch die Dämonen jagen einem, trotz Mark Lewis Jones‘ finalem Amoklauf weder Respekt noch Angst ein und wirken eher wie Schmuckwerk aus einem larmoyanten Achtziger-Fantasyfilm.
Das war mir dann insgesamt eine allzu irrlichternde und inkonsistente Veranstaltung und besagter, positiver Aspekte entgegen blasser Durchschnitt.

4/10

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QUE DIOS NOS PERDONNE

Zitat entfällt.

Que Dios Nos Perdonne (Die Morde von Madrid) ~ E 2016
Directed By: Rodrigo Sorogoyen

Im heißen Sommer 2011 erwartet ganz Madrid den Besuch von Papst Benedikt XVI., derweil ein geisteskranker Serienmörder, der es auf ältere Damen abgesehen hat, die Stadt unsicher macht. Für die beiden ungleichen Ermittler Velarde (Antonio de la Torre) und Alfaro (Roberto Álamo) ein Fall, der sie beide auf jeweils ganz furchtbare Weise ihren ureigenen inneren Dämonen zuführen wird…

Zwar bilden die Mörderhatz, das Profiling, die allmählich fortschreitende Identifizierung und die haarscharfen Habhaftwerdungen rund um den von einem sich auf tödliche Weise sublimierenden Mutterkomplex gebeutelten Killer (Javier Pereira) und dessen Untaten das narrative Rückgrat dieses hervorragenden Films, entpuppen sich im weiteren Verlauf der Ereignisse jedoch als Reflexionsfläche für die sich ebenfalls zunehmend abgründig präsentierenden Polizei-Kommissare. Velarde stottert, hat stark autistische Züge und lebt nahezu völlig isoliert, unfähig, eine zwischenmenschliche Beziehung, sei sie freundschaftlicher oder romantischer Natur, zu pflegen. Der zwischenzeitliche, zarte und vor allem aufrichtige Annäherungsversuch einer Hausangestellten (María Ballesteros) endet zunächst entsprechend katastrophal. Alfaro hat derweil ein gewaltiges Problem mit seiner latenten Aggressivität und seiner oftmals ins Cholerische abgleitenden Unbeherrschtheit, die nicht bloß ein vorlauter Kollege (Luis Zahera) unmittelbar zu spüren bekommt. Als er herausbekommt, dass seine Frau ihn betrügt, beginnt er haltlos zu saufen und verliert jedweden Boden unter den Füßen.
Es ist dieser Mut, seine vermeintlichen Helden als im Fallen begriffen zu zeigen, die „Que Dios Nos Perdonne“ zu etwas Besonderem innerhalb des jüngeren Polizeifilms macht. Freilich, zur Genreapodiktik gehört seit jeher, den oder die Protagonistin als in einer oder mehrerlei Hinsicht fragil, rissig, angreifbar darzustellen, sei es durch allzuviel Diensteifer, Drogen- oder Trunksucht, Einsamkeit, eine entfleuchte Partnerin oder ähnliche psychische Fallstricke. Selten jedoch ließ sich das menschliche Versagen der eigentlich doch als Helden genutzten Polizisten derart schmerzhaft und involvierend an, wofür primär wohl Sorogoyens höchst empathischer, dichter Inszenierungsstil verantwortlich zu machen ist.
Man sollte insofern nicht den Fehler begehen, einen straighten, traditionsaffinen Polizeikrimi zu erwarten; etwas, was ich einigen Kurzberichten zu „Que Dios Nos Perdonne“ entnehmen konnte, die häufig „unnötige Längen“ monierten oder sich darüber enttäuscht zeigten, dass es dem Film an Spannung oder Suspense (gemeint ist wohl eher: Zugkraft) fehle. Eine meines Erachtens stark ins Leere laufende Einschätzung, da Sorogoyen einen solchen (ordinär gestalteten) Film gewiss gerade nicht im Sinne gehabt haben wird.

8/10

ENTEBBE

„I’m not a Nazi!“

Entebbe (7 Tage in Entebbe) ~ UK/USA 2018
Directed By: José Padilha

Am 27. Juni 1976 entführen zwei Mitglieder (Amir Khoury, Ala Dakka) der Palästinensischen Befreiungsorganisation PFLP mit Unterstützung der beiden deutschen Linksterroristen Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike) eine Air-France-Linienmaschine, die, aus Tel Aviv kommend, nach einem Zwischenstopp in Athen in Paris landen soll. Die Hijacker leiten den Flug zunächst nach Bengasi und dann nach Uganda um, wo der berüchtigte Diktator Idi Amin ihnen begrenztes Aufenthaltsrecht und Kooperation garantiert. Die Terroristen verlangen die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen von der israelischen Regierung unter Ministerpräsident Rabin (Lior Ashkenazi). Als dieser von der Entführung erfährt, sieht er sich in einen verzweifelten Zwiespalt zwischen dem Staatsprinzip der Unerpressbarkeit und der Rettung der Geiseln gesetzt. Am Flughafen Entebbe beginnen derweil die Kidnapper, die israelischen von den nichtjüdischen Geiseln zu separieren und bedrohen diese mit dem Tode im Falle ausbleibender Regierungskooperation. Verteidigungsminister Peres (Eddie Marsan) setzt schließlich durch, das ein kurzerhand eingesetztes Kommando-Unternehmen die Gefangenen befreit.

Die Entführung des Airbus im Sommer 1976 und die anschließende Befreiung der Geiseln durch das israelische Militär wurde bereits mehrfach filmisch abgehandelt, zunächst praktisch in unmittelbarer Folge in Form der zwei konkurrierenden und jeweils starbesetzten TV-Produktionen „Raid On Entebbe“ und „Victory At Entebbe“, dann kurz darauf nochmal von Menahem Golan, der 1977 in „Mivtsa Yonatan“/“Operation Thunderbolt“ ein prononciert tendenziöses Bild der Ereignisse darlegte. Auch spätere Filme, die um Idi Amin oder die RAF kreisten, griffen das Thema immer mal wieder auf. Insofern stellt sich durchaus die grundsätzliche Frage nach der Notwendigkeit und der Berechtigung eines neuerlichen Aufrisses des Falls. José Padilha, dem man zunächst bescheinigen darf, einen handwerklich soliden Job vollbracht zu haben, konzentriert sein Narrativ auf die Perspektive beiden deutschen Mitentführer Böse und Kuhlmann, wobei insbesondere Letzterer in den bisherigen filmischen Annäherungsversuchen kaum bis gar kein Auftreten zugeteilt war. Brühl, der den Wilfried Böse spielt, steht derweil in hochkarätiger Tradition: Horst Buchholz, Helmut Berger und Klaus Kinski sind einige seiner Vorgänger. Ähnliches gilt für den Charakter des Idi Amin – der gefürchtete, narzisstische Despot, der sich einst höchstselbst dokumentarisch von Barbet Schroeder inszenieren ließ, bietet in all der albernen Lächerlichkeit, die sämtlichen grausamen Diktatoren neben ihrem menschenverachtenden Habitus immer a priori auch zu eigen war und ist, immer wieder eine dankbare Vorlage. In „Entebbe“ wird diese Aufgabe dem beeindruckend zuagierenden Nonso Anonzie übertragen, der im Zuge seiner wenigen Auftritte ein treffendes Bild zwischen Aufgesetztheit und Bedrohlichkeit liefert. Hervorhebenswert noch der Darsteller des Piloten, Denis Ménochet, der wie eine Mischung aus Lino Ventura und Jim Mitchum aussieht und der beinahe dafür geschaffen scheint, das Flair der damaligen Zeit zu präservieren.
Die immer wieder von Chronologiebrüchen und durch Rückblenden aufgespaltene Erzählung pendelt ansonsten zwischen sorgfältig und pflichtbewusst, gibt sich entsprechend detailversessen und bleibt, auch das zwangsläufig der Authentizitätspflicht geschuldet, weithin überraschungsarm. Welche Funktion allerdings Padilhas Parallelisierung der Begebenheiten in Entebbe mit Ausdruckstanzszenen erfüllen soll, in denen die Freundin (Zina Zinchenko) eines der an der Befreiungsaktion beteiligten Soldaten (Ben Schnetzer) sich um Kopf und Kragen choreographieren lässt (der Abspann greift dies nochmals auf), erschien mir zunächst mysteriös und, nach der Betrachtung, hoffnungslos prätentiös. Sah gewiss chic aus, wirkte auf mich jedoch leider bestenfalls befremdlich bis vollkommen redundant.

7/10

DER HAUPTMANN

„Wir sind auf Sonderseinsatz. Vollmacht von ganz oben.“

Der Hauptmann ~ D/F/PL 2017
Directed By: Robert Schwentke

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs schlägt sich der desertierte Landser Willi Herold (Max Hubacher) durch das nordwestliche Westfalen. Durch Zufall gelangt er an die aufgegebene Habe eines Luftwaffenhauptmanns, verkleidet sich entsprechend und behauptet fortan allerorts, er sei ein vom Führer persönlich eingesetzter Inspektor zur Überwachung und Kontrolle der Truppenmoral. Sein Weg führt ihn und einige, die sich ihm willfährig anschließen, bis in ein Gefangenenlager im Emsland, über das er sich widerstandslos die Kontrolle aneignet. In den nächsten Tagen lässt Herold im Lager und in der Umgebung zahlreiche Menschen hinrichten.

Die authentische Geschichte des Hochstaplers Willi Herold zeigt symbolhaft auf, wie obrigkeitshörig und gleichermaßen verblendungsaffin die Deutschen selbst in der defätistischen Endphase des Krieges noch waren. Für seine ebenso faszinierende wie gräuliche Zusammenfassung jener Ereignisse, die einen zumindest augenscheinlich künstlerisch versierteren Regisseur zeigt als sich aus seinem bisherigen Œuvre schließen lässt, wählt Robert Schwentke die Evokation einer apokalyptischen, dehumanisierten Atmosphäre des dräuenden Untergangs. Das extrem kontrastscharfe Schwarzweiß seiner Bilder (Florian Ballhaus) verstärkt dieses offensichtliche Ansinnen nochmals und lässt keinerlei Zweifel daran, dass der allgemeine Werteverlust sich bis tief in die Innereien des hier auftretenden Personals vorgegraben hat. Die Psychologisierung Herolds mag dabei die eines typischen Faschisten abgeben; Schwentke meinte ja, dass es ihm dezidiert darum ging, aus Täterperspektive zu berichten – etwas, was der Deutsche Film bislang, wenn überhaupt einmal gegenständlich gemacht, kläglich vernachlässigt habe. Anders aber als Theodor Kotullas „Aus einem deutschen Leben“, der seine Hauptfigur Rudolf Höß/Franz Lang als spießiges, obrigkeitshöriges, kritikloses und funktionales Rädchen im Mahlwerk der bestialischen Vernichtungsbürokratie porträtiert, lässt sich Willi Herold vielleicht gar als noch diabolischer bezeichnen; als fliehender Feigling nutzt er die ungeheure Gunst des Zufalls, sich in jenes System zurückzuarbeiten, das er just zuvor noch in panischer Angst um sein kärgliches Leben verraten hat. Wie seine historischen und literarischen Vorfahren, von Wenzel Strapinski bis Friedrich Wilhelm Vogt, nutzt Herold die Attribute des Blenders, für die stets vor allem die nach uniformierter Autorität gierende, deutschtümelnde Seele empfänglich zu sein scheint, pervertiert jedoch anders als diese die naive Anfälligkeit seiner Mitmenschen den Selbstzweck bis hin zur Miniatur-Tyrannei und legt somit den beständigen Blutdurst des bereits im Sterben liegenden Faschismus in all seiner breiten Menschenverachtung bloß. Ganz vortrefflich insofern der Epilog, der das Ensemble in seinen Wehrmachtsuniformen im urbanen Jetzt paradieren lässt und damit den innerhalb eines neuen Films zu diesem Thema unerlässlichen Gegenwartsbezug herstellt.

8/10

DEADPOOL 2

„Poor writing.“

Deadpool 2 ~ USA 2018
Directed By: David Leitch

Infolge eines unsauber durchgeführten Auftrags wird Vanessa Carlysle (Morena Baccarin), heißgeliebte Freundin des Mutantensöldners Wade Wilson (Ryan Reynolds) aka Deadpool getötet. Der untröstliche Wade versucht nun, sich auf jede denkbare Art selbst ins Jenseits zu befördern, was jedoch gründlich misslingt. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei den X-Men landet Wade gemeinsam mit dem ebenfalls superkräftigen Teenager Russell Collins (Julian Dennison)  in der Ice Box, einem Hochsicherheitsknast speziell für Mutanten. Wade ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Russell sich in der Zukunft „Firefist“ nennen und zum Massenmörder avancieren wird, was wiederum den zeitreisenden, rachsüchtigen Cable (Josh Brolin) in die Vergangenheit und auf Russells Fährt führt. Von nun an sieht Wade, der als erste Maßnahme das Katastrophenteam „X-Force“ gründet, es als seine hehre Mission an, Russell zu beschützen und ihm den rechten Weg zu weisen, wobei Cable sich ein Wörtchen Mitsprache erbittet…

Nachdem ich den ersten „Deadpool“-Film seinerzeit als höchst mittelmäßig, geschwätzig und in Teilen verlogen empfand, bereitete ich mich auf das Sequel mit der gedämpften Antizipationshaltung des ehern verpflichteten Superheldenfilm-Chronisten vor. Die ersten Minuten, in denen Wade unter kinetikintensivem Getöse eine ganze Reihe internationaler Gangster ins Jenseits befördert, ließen meine Befürchtungen augenscheinlich bereits wahr werden, bis der Film mit dem Tode von Wades geliebter Vanessa eine eigenartige Wendung nimmt, die mit der späteren Einführung des aus der Zukunft stammenden Soldaten Cable, in den Comics der eigentliche Gründer der X-Force und später als ernster angelegter Konterpart Deadpools zu einiger Beliebtheit gelangt, dafür sorgt, nicht nur der Film, sondern darüberhinaus sogar die Kino-Inkarnation Deadpools auf eine unerwartet vergnügliche Weise zu sich selbst finden.
„Deadpool 2“ vollbringt nun das Kunststück, die erste, lupenreine Superheldenkomödie mit Franchise-Stempel zu sein, deutlich purifizierter noch als etwa die beiden diesbezüglich bereits sehr offen gestalteten „Guardians Of The Galaxy“-Filme (die, wie alles andere auch, natürlich selbst nicht unreferenziert bleiben). Ryan Reynolds sucht sich in Habitus und Intonation Vorbilder wie Will Ferrell oder Adam Sandler, lässt sich seine Figur offenherzig vom großmäuligen Alleskönner zum auf liebenswerte Weise nervigen Versager und Dummkopf entwickeln, die sehr viel mehr als alle anderen Charaktere immer wieder Zielscheibe von Spott und hübschen Peinlichkeitsmomenten wird.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich anfangs stur gesträubt habe, über die sich zunehmend gelungener ausnehmenden Gags zu lachen, bis das Eis dann irgenwann gebrochen war. Zwar laufen nicht alle Witze zielgerade ins Schwarze und vor allem die ewigen popkulturellen Verweise, die den etwas atemlosen Eindruck hinterlassen, dass die Autoren auch wirklich zu jedem Einfall noch einen enzyklopädischen Kommentar auf Lager haben, sind nicht unanstrengend. Ähnliches gilt für die notorischen Derbheiten, die manchmal schlicht infantil wirken. Dennoch hebelt die ungeheure, sich immer weiter auftürmende und mit den unvermeidlichen Zeitreise-Clownerien im Abspann kulminierende Rasanz, die das pacing unentwegt und vor allem gekonnt klimaktisiert, den weniger gelungen Schabernack weitgehend aus und hinterlässt einen Film mit Seele, wo anfangs überhaupt keiner zu erwarten war. Außerdem möchte ich Zazie Beetz bitte heiraten. Ach, die hämische Vinnie Jones/Juggernaut-Pleite aus „X-Men: The Last Stand“ wird auch noch erfolgreich ausgebügelt.
Insogern eine der schönsten Überraschungen seit langem.

8/10

SOLO: A STAR WARS STORY

„Everything you’ve heard about me is true.“

Solo: A Star Wars Story ~ USA 2018
Directed By: Ron Howard

Der junge Corellianer Han (Alden Ehrenreich) träumt davon, gemeinsam mit seiner Freundin Qi’ra (Emilia Clarke) von seinem finsteren Ganovenplaneten und somit den Fängen der Gangsterkönigin Lady Proxima zu entkommen. Zumindest ihm gelingt eines Tages die Flucht, derweil Qi’ra zurückbleiben muss. Nachdem er sich jetzt Han Solo nennt, führt ihn sein folgender, mehrjähriger Werdegang über eine kurze Karriere bei den imperialen Streitkräften bis hin in die anfangs turbulente Kumpanei mit dem Wookie Chewbacca (Joonas Suotamo) und in die Gesellschaft des Kleingangsters Tobias Beckett (Woody Harrelson), der mit seiner kleinen Clique wiederum für den weitaus mächtigeren Syndikatsboss Dryden Vos (Paul Bettany) arbeitet. Auch Qi’ra befindet sich mittlerweile im engeren Dunstkreis von Vos – wobei ihr Interesse an Han merklich abgekühlt scheint. Um eine offene Rechnung zu begleichen, müssen Beckett und Han eine größere Menge des raren Raumschifftreibstoffs Coaxium erbeuten und es zudem noch raffinieren lassen. Mithilfe des Spielers Lando Calrissian (Donald Glover) und seines rasanten Schiffs gelingt der Coup unter einigen Turbulenzen. Als Han schließlich auf dem ausgebeuteten Planeten Savareen feststellen muss, dass die intergalaktischen Verbrechersyndikate um keinen moralischen Deut besser agieren als das Imperium, dass sie vielmehr sogar mit der Diktatur paktieren, wendet er sich gegen Becket, Vos und Qi’ra…

Der zweite außerchronologische filmische „Star Wars“-Ableger seit der Übernahme des Franchise durch den Disney-Konzern erlebte bereits während seiner Produktionsphase mehr Stolpersteine als die Titelfigur während des gesamten Films: Ron Howard übernahm die Regie, nachdem die zunächst inszenierenden Phil Lord und Chris Miller zu höchster Unzufriedenheit der Produktionsleitung gearbeitet hatten. Diverse Nachdrehs, die das zuvor stark komödiantisch basierten Timbre auszugleichen hatten und sogar teilweise Umbesetzungen nötig machten, oblagen nun Howard, der erstaunlicherweise einen trotz aller vormaligen Pannen homogen wirkenden „Star Wars“-Film vorzulegen vermochte. Freilich wird bei Produktionen dieser Größenordnung kaum etwas dem Zufall überlassen sein, so dass zumindest ein halbwegs befriedigendes Resultat zwingend zu erwarten war. Das Script von Lawrence Kasdan und seinem Sohn Jonathan entspricht dabei in Grundzügen einer deutlich erkennbaren Variation von Robert Louis Stevensons „Treasure Island“, mit Han Solo als Ersatz für deren Erzähler Jim Hawkins und Tobias Beckett als seinem hassgeliebten Ersatzvater Long John Silver. Die übrigen Figuren, die bereits seit der Urtrilogie relativ zwingend mit Solos Biographie verwoben sind, also vor allem Chewbacca und Lando Calrissian, finden sich relativ geschickt in den Plot eingeflochten. Auch den zumindest an Jabba The Hutt gemahnden Hinweis vergaß man gegen Ende nicht, wie überhaupt diverse lose Enden die breite Option für ein „Solo“-Sequel gewährleisten. Darüber hinaus versäumen Regisseur Howard und sein alter Freund George Lucas es nicht, zahlreiche fankitzelnde Reminiszenen an frühere Gemeinschafts- und Einzelarbeiten unterzubringen, deren Ausfindigmachen dazu angetan ist, jedem wahren Geek das eine oder andere Freudentränchen zu entlocken.
Als im Prinzip überaus klassisch konnotiertes, buntes Piratenkino vor dem universellen Hintergrund der beliebten space opera „Star Wars“ und ihrer immer weiter ziehenden Kreise bietet „Solo“ insgesamt absolut solides, handwerklich zumeist auf der Höhe befindliches und phasenweise sogar schönes Handwerk der monetären Luxusklasse, das zwar hier und da über den Wert und Sinn derart gewaltig budgetierter Filme grübeln lässt, seine nichtsdestotrotz zahlreichen Versprechen aber immer wieder tosend einzulösen pflegt.

7/10

SUMMER OF 84

„Even serial killers live next door to somebody.“

Summer Of 84 ~ USA/CA 2018
Directed By: François Simard/Anouk Whissell/Yoann-Karl Whissell

Im Sommer 1984 entwickelt der im Städtchen Cape May, Oregon lebende, 15-jährige Davey (Graham Verchere) den dringenden Verdacht, dass sein Nachbar, der allein lebende Polizist Wayne Mackey (Rich Sommer), jener Serienkiller ist, der in der Gegend sein Unwesen treibt und auf dessen Konto vermutlich bereits mehrere vermisste Jungen in Daveys Alter gehen. Zusammen mit seinen drei Freunden Woody (Caleb Emery), Eats (Judah Lewis) und Curtis (Cory Gruter-Andrew), die Davey bald mit seinen detektivischen Umtrieben ansteckt, macht sich der Junge daran, Mackey zu entlarven. Doch dieser erweist sich als deutlich cleverer denn zunächst angenommen…

Your monthly retro piece. Bereits vor längerer Zeit losgetreten von Richard Kellys „Donnie Darko“ und später dann endgültig erodierend ausgelöst durch Filme wie J.J. Abrams‘ „Super 8“ und natürlich das Netflix-Serial „Stranger Things“ scheint die Nostalgie-Welle, die vor allem die romantisierten Kleinstadt-Sozietätsbilder der vielen Spielberg-Produktionen der achtziger Jahre, der von ihm gesteuerten Produktionsfirma Amblin und all derer vielen großen und kleinen Epigonen beschwört, noch nicht gesättigt. Das Regie-Trio Simard/Whissell/Whissell, dessen eingeschworene Allianz sich auch „Roadkill Superstar“ (RKSS) nennt und dessen Debüt „Turbo Kid“ ich beizeiten nachholen werde, hat sich offenbar ganz dieser Form des atmosphärischen Retro-Chic verschrieben – durchaus erfolgreich, wie der weitgehend gelungene „Summer Of 84“ vorsichtig bestimmen lässt. Auf (semi-)phantastische Elemente wie verlorene Schätze, Aliens, kleine Monster oder postapokalyptische Abenteuerszenarien wird diesmal gänzlich verzichtet zugunsten eines sich mit zunehmendem Filmverlauf ernster gestaltenden Serienkiller-Topos, der im letzten Fünftel ein im Verhältnis zur trügerischen Basis des Plots geradezu eklektisch ausformuliertes Ende einläutet. Darin schieben die AutorInnen sämtlichen eben noch sehr in der Vorbilderzeit verankerten Coming-of-Age-Klischees, die von Außenseiter-Freundschaft über Familienidyll bis hin zu erster Liebe und unterstützender, sommerlicher Lichtdurchflutung diverse Pflichtelemente akribisch abhaken, einen finster-realistischen Riegel vor. Erwachsenwerden bedeutet in „Summer Of 84“ zugleich die höchst destruktive Konfrontation mit Verlust, Angst und Tod, garantiert ohne erlösendes Element. Davey muss seine juvenile Neugier, die ihn und seine Freunde anfangs wie die übliche, abenteuerlustige Kinderclique der Ära blind macht für die tödliche Gefahr, in die sie sich begeben, teurer bezahlen als ihm lieb sein kann. Mit der Entlarvung des Mörders folgt zugleich die Erkenntnis der totalen Ohnmacht; gegen die viehische Brutalität des psychopathischen Lebenssammlers Mackey, der so ganz ohne identitätsverschleiernde Maskerade auftritt und sein Werk mitten im Herzen trauter Nachbarschaft praktiziert, kann Davey es nicht aufnehmen. Diese Erkenntnis kommt für ihn viel zu spät – nachdem er sich kurz im Glanze öffentlicher Heldenverklärung sonnen darf, heißt es Abschied nehmen, nicht nur von der Naivität der Kindheit, sondern auch vom besten Freund, dessen gewaltsamen Tod mittelbar auch Davey verschuldet, von den anderen Kumpels und ihren fragilen Elternhäusern, von der Angebeteten, die die Stadt verlässt und vor allem von der im Teenageralter noch unantastbaren Sicherheit der Unsterblichkeit.
Anders als zuletzt noch in ersten Teil des „It“-Neuverfilmung lässt sich das Ungeheuer in „Summer Of 84“ auch mit vereinten Kräften nicht in die Schranken weisen. Der Grund dafür ist so simpel wie einleuchtend: Hierin ist das Monster keine übernatürliche Wesenheit, sondern, viel schlimmer – ein Erwachsener.

7/10