IL CONSIGLIORI

Zitat entfällt.

Il Consigliori (Im Dutzend zur Hölle) ~ I/E 1973
Directed By: Alberto De Martino

Nach einem zweijährigen Knastaufenthalt wird Thomas Accardo (Tomas Milian), der Patensohn und Consigliore des Friscoer Mafiabosses Don Antonio Macaluso (Martin Balsam), entlassen. Thomas konfrontiert den Patriarchen mit der Eröffnung, sich „zur Ruhe setzen“ und somit ein Leben fernab des organisierten Verbrechens führen zu wollen. Don Antonio willigt zähneknirschend ein, befördert damit jedoch einen Bandenkrieg mit seinem sich durch die frei Entscheidungswahl Thomas‘ zurückgestuft fühlenden Partner Vincent Garofalo (Francisco Rabal) herauf. Dieser attackiert Don Antonios Organisation mit brutaler Härte und verübt auch einen Anschlag auf Thomas, dem ein Nachbarskind zum Opfer fällt. Thomas kehrt daraufhin zu Don Antonio zurück und unterstützt ihn im Kampf gegen Garofalo. Der Showdown schließlich wird in der alten Heimat, in Sizilien, ausgefochten.

Im Gefolge des beispiellos erfolgreichen „The Godfather“ entstandener, kleiner Mafiafilm, sozusagen aus „hauseigener“ Fertigung. Wie in Coppolas Film und auch dem ebenfalls eindeutig beliehenen „The Brotherhood“ führt der Weg von Amerika nach Sizilien, in die Ursprungsregion dessen, was die Familienmitglieder als „Cosa Nostra“ („Unsere Sache“) bezeichnen. Hier, auf der aus Blut und Boden bestehenden Heimaterde, warten Entscheidung und Tragik. Der Plot wird dabei denkbar simpel aufgezogen: Die familiäre Großzügigkeit eines der großen Dons der Westküste wird ihm von einem jüngeren Ableger als altersmüder Schwachpunkt ausgelegt und ausgenutzt, um eine lang gehegte Privatfehde gegen ihn loszubrechen – der Stoff, aus dem viele Mafiafilme sind. Doch weder zählt Don Antonio bereits tatsächlich zum alten Eisen, noch muss er lange auf die entscheidende Schlagkraft des geliebten Patensohns verzichten – mit der Rückkehr von Thomas kehrt auch die alte Kämpfernatur des Don zurück und somit der Schlüssel zum Sieg. Alberto De Martino wählt für die zu zwei Dritteln in Kalifornien und New Mexico spielende und gefilmte Geschichte einen unspektakulären Inszenierungsweg. Mal liebäugelt er mit sanftem Sleaze, dann bleibt „Il Consigliori“ über weite Strecken besonnen und dialogorientiert, um dann die hügeligen, kurvigen Straßen San Franciscos für eine zünftige Autoverfolgungsjagd im Stil von „Bullitt“ zu benutzen. Für die Kamera war, wie des Öfteren bei De Martino, Aristide ‚Joe D’Amato‘ Massaccesi zuständig. Das Finale spielt sich vor einem pompösen Straßenumzug in Palermo ab, dem, wenn man so will, idealen Hintergrund für ein klassisches Gangster-Rififi. Sehr gut gefallen hat mir Riz Ortolanis abwechslungsreicher Score, der sowohl mit funkigen Grooves als auch mit elegischen Morricone-Weisen hausieren geht.

7/10

ANGST ESSEN SEELE AUF

„Schwanz kaputt.“

Angst essen Seele auf ~ BRD 1974
Directed By: Rainer Werner Fassbinder

Die ältere Putzfrau Emmi Kurowski (Brigitte Mira) lernt durch Zufall in einer Kneipe einen marokkanischen Gastarbeiter (El Hedi ben Salem) kennen, den sie wie alle anderen wegen seines komplizierten, langen Namens kurz „Ali“ ruft. Obgleich Ali wesentlich jünger ist, entsteht aus der promten Zuneigung zueinander rasch eine aufrichtige Liebesbeziehung, die sich jedoch bald an immer größer werdenden äußeren und inneren Schwierigkeiten reibt.

Fassbinders Meisterwerk orientiert sich bekanntermaßen so sehr wie kein anderer seiner Filme am Werk des von ihm verehrten Migrantenregisseurs Douglas Sirk, respektive an dessen thematisch ähnlich gelagertem „All That Heaven Allows“. An bundesdeutsche und vor allem zeitgebundene Verhältnisse angepasst, bleibt der Kern derselbe: Liebe gegen alle Widerstände, vom Zerbrechen bedroht. In „All That Heaven Allows“ ging es um eine betuchte Dame (Jane Wyman), die sich in einen jüngeren, von Rock Hudson gespielten Gärtner verliebt und dann mit familiärem Protest, Klatsch und gesellschaftlicher Ächtung zu kämpfen hat, derweil beide Partner die Sinnhaftigkeit und den Bestand ihrer Beziehung, die im Prinzip den einzigen fadenscheinigen Makel hat, „unkonventionell“ zu sein, in zunehmenden Zweifel ziehen. Bei Fassbinder ist es vor allem der spießige Bürgermief der frühen Siebziger, der Emmi und Ali unentwegt Steine in den Weg rollt. Sämtliche offensichtliche Vorurteile und Verdachtsmomente greifen; sie ist an einem potenten Stecher mit animalischer Manneskraft interessiert, er will sich bloß an ihr bereichern, heißt es. Sie wird für pervers bis irrsinnig erklärt, einen stinkenden, ungewaschenen Ausländer zu beherbergen und zu heiraten, der zudem nicht mal ordentliches Deutsch spricht. Irgendwann glauben die beiden dann, was man ihnen aufoktroyiert und drohen, daran zu zerbrechen. Ali fühlt sich seinem Kulturkreis und seinen Freunden entwöhnt, Emmi hält den naserümpfenden Druck kaum mehr aus. Zwar geht die Rechnung, die hochgeputschten Emotionen durch eine Zeit der Abwesenheit in Form eines Urlaubs niederkochen zu lassen, weitgehend auf, doch jetzt brechen die einmal geschlagen Narben des Pärchens auf, die sich in Alis Fall sogar buchstäblich physisch niederschlagen. Nachdem er Emmi mit der drallen Kneipieuse Barbara (Barbara Valentin) fremdgeht, sich von ihr Couscous kochen lässt (wozu Emmi sich standhaft weigert; sie könne das überhaupt nicht und es schmecke ihr ebensowenig) und, von sich selbst angeekelt, fast sein ganzes Geld verzockt, bricht er zusammen. Der behandelnde Arzt erzählt Emmi, sein Magengeschwür sei ein typisches „Gastarbeiterproblem“. Die entfremdeten Menschen kämen mit dem sozialen und beruflichen Druck hierzulande nicht zurecht. Ob sich Alis und Emmis Beziehung nach so vielen Eruptionen noch einmal retten lässt, bleibt offen. Zu wünschen wäre es beiden.
Auch Fassbinders klare, scheinbar einfache Bildsprache und seine gezielte Farbdramaturgie erinnern stark an Sirk, wenngleich er auf dessen geliebtes und vielgenutztes Scope verzichtet. Etwas befremdlich wirkt bei jeder Betrachtung des Films zunächst die Nachsynchronisation von Fassbinders damaligem Lebensgefährten El Hedi ben Salem, der im Film von Wolfgang Hess gesprochen wird und klischeehaftes Ausländerdeutsch spricht, von sich selbst in der dritten Person sprechend, Verben wenn überhaupt in der Grundform verwendend etc.. Doch wird auch dies zu einem Stilmittel: Schlagartig stellt man an sich selbst fest, welche Ausprägung mustergültige Vorurteile haben können, wenn man ihnen bloß aufsitzt. Dass die irrationale Xenophobie aus „Angst essen Seele auf“ auch über vierzig Jahre später noch immer erschreckend aktuell ist, hätte Fassbinder seinerzeit wohl selbst nicht albzuträumen gewagt. So bleibt er eine großes, hochnotpeinliches Lehrstück für alle, die ihre Menschlichkeit aus dem Blick zu verlieren drohen oder bereits verloren haben.

10/10

ENEMY AT THE GATES

„For us there is no land beyond the Volga.“

Enemy At The Gates (Duell – Enemy At The Gates) ~ USA/F/D/UK/IE 2001
Directed By: Jean-Jacques Annaud

Stalingrad im Herbst 1942: Der junge Russe Vassili Zaytsev (Jude Law) wird als Gefreiter der Roten Armee über die Wolga geschickt, um gegen die Wehrmacht zu kämpfen. Eher durch Zufall wird dem Politkommissar Danilov (Joseph Fiennes) im Kampf Vassilis ungeheure Schusspräzision gewahr. Mit Unterstützung von Chruschtschow (Bob Hoskins) baut Danilov den jetzt als Scharfschützen eingesetzten Vassili zu einem kleinen, propagandistischem Mythos auf, der zum einen die eigenen Soldaten befeuert und zu Anderen den Deutschen höllische Angst einjagt. Um Vassili kaltzustellen, lässt man eigens den als Meisterschützen gefürchteten Major Erwin König (Ed Harris) einfliegen, dessen Sohn bei der Panzerschlacht um die Stadt gefallen ist und der nun auch ein psychologisches Duell gegen Vassili entfesselt.

Anders als frühere Filme Annauds bleibt „Enemy At The Gates“ eher leidenschaftsloses Schaukino. Als Kriegsfilm passt er sich der damals grassierenden Mode an, setzt jedoch keine sonderlich individuellen Zeichen. Anders als Vilsmaiers „Stalingrad“, der es sehr viel besser verstand, das ohnehin nicht nachvollziehbare Leid der Soldaten und der Bevölkerung vor Ort zumindest ansatzweise transparent zu machen, gerät Annauds achter Spielfilm eher zu einem technisch zwar ehrgeizigen, anbetreffs seiner emotionalen Involvierung des Zuschauers jedoch wenig mitreißendes Ausstattungsstück. Natürlich muss auch eine (glücklich endende) Liebesgeschichte untergebracht werden, die – nicht minder konventionell – als Dreiecksromanze angelegt wird, aus der der sich heldenhaft opfernde Danilov als großer Verlierer hervorgeht. Ed Harris‘ Performance ist zwar gewohnt formidabel, die Entwicklung seines Charakters von einem erfreulich mehrdimensional angelegten Wehrmachtsoffizier hin zum funktionalen Nazi, der auch vor Kindsmord nicht zurückschreckt, enttäuscht jedoch und macht seine finale Hinrichtung durch Vassili zu einem eindeutig als befriedigend determinierten Erlebnis für den Zuschauer, das mit einiger Wahrscheinlichkeit symbolisch für den Sieg der Sovjets bei Stalingrad stehen soll. Zudem wirft die Geschichtsschreibung Annauds Aufarbeitung der Ereignisse um die authentische Figur des Snipers Vassili Zaytsev einiges an Klitterung vor, so etwa, dass es einen „Intimkonflikt“ mit eindem zudem vermutlich komplett fiktionalen deutschen Offizier überhaupt nicht gegeben habe. Nicht nur dies lässt „Enemy At The Gates“ eher als mäßig berührendes Actiondrama vor Kriegskulisse erscheinen. Dass für derlei Unterhaltungsstoff zudem ausgerechnet eines der schlimmsten historischen Fanale für sinnloses Massensterben im Zeichen des arroganten Schwanzvergleichs zweier größenwahnsinniger Diktatoren herhalten muss, stimmt nicht eben positiver. Was den Film letztlich noch akzeptabel macht, ist seine großartige, internationale Besetzung um einigen der besten Schauspieler überhaupt. Allein ihnen bei der kollektiven Ausübung ihrer Kunst zuschauen zu dürfen, bewegt hier wirklich etwas.

5/10

NO IL CASO È FELICEMENTE RISOLTO

Zitat entfällt.

No Il Caso È Felicemente Risolto (Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen) ~ I 1973
Directed By: Vittorio Salerno

Während eines Angelausflugs vor Rom erlebt der kleine angestellte und Familienvater Fabio Santamaria (Enzo Ceruscio) zu seinem Entsetzen einen gräulichen Mord mit: Ein älterer Mann verfolgt eine halb entkleidete, um Hilfe schreiende Frau durch das Schilf. Mit einer Eisenstange schlägt er immer wieder auf sie ein, bis sie schließlich tot zusammenbricht. Verstört entflieht Fabio, den der Mörder zuvor noch entdeckt, der Szenerie mit seinem Wagen, irrt durch die Provinz, und findet angesichts seiner ungeordneten Gedanken nicht den Weg zu einem Polizeirevier. Stattdessen dreht der Verbrecher, ein Eliteschullehrer namens Eduardo Ranieri (Riccardo Cucciolla), den Spieß um und hängt den – wie sich herausstellt – Prostituiertenmord dem ihm unbekannten Fabio an. Als dieser erkennt, in welcher Situation er sich nunmehr befindet, treibt ihn die Angst vor Entdeckung in typische Täter-Verhaltensschemata, die ihn sukzessive immer verdächtiger werden lassen, obschon er doch eigentlich unschuldig ist.

„Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich“, heißt es in Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“. Ebenso geht es Professor Ranieri, der die Fortsetzung jenes Aphorismus‘, „endlich gibt das Gedächtnis nach“, jedoch nur unzureichend bedient. Er stellt sich seiner Schuld, wie es nur ein feiger Intellektueller vermag, der es vorzieht, seine Überhand nehmenden Abgründe soweit zu abstrahieren, dass er die gesetzliche kurzerhand durch eine persönliche Gewissensstrafe substituiert. In dem Katz-und-Maus-Spiel, das Ranieri ganz bewusst initiiert, als er den einzigen Zeugen seiner Tat identifiziert hat und um dessen Passivität weiß, ist Sanatamaria von Anfang an hoffnungslos unterlegen. Zwar gelingt es auch ihm, Ranieri durch diverse Zufälle auf die Spur zu kommen und ihn zu stellen, doch er ist der durchtriebenen Cleverness des sinistren Gegners zu keiner Sekunde gewachsen. Stattdessen geht Ranieris sorgfältiger Plan auf: Nach dem Gespräch mit seinem Pfarrer (Umberto Raho), der ihm eindringlich ins Gewissen redet, ist Fabio endlich bereit, zur Polizei zu gehen und die Wahrheit vorzubringen. Doch diese hat zu jenem Zeitpunkt längst den Platz mit der Lüge getauscht; Ranieris Version gilt als hieb- und stichfest, Fabios vorherige Bemühungen, sich „unsichtbar“ zu machen werden ihm folgerichtig als Vertuschungsversuche ausgelegt. Und ausgerechnet der kluge Redakteur Giannoli (Enrico Maria Salerno), der einzige Mensch, der tatsächlich Ranieri für den Täter hält, vermittelt Fabio durch die Veröffentlichung eines einfältigen Artikels zusätzlich ein falsches Sicherheitsgefühl. Am Ende wird Fabio unschuldig zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, sämtliche Indizien sprechen gegen ihn. Der einzige Hoffnungsschimmer besteht darin, dass Ranieri in dem Journalisten Giannoli einen Intimfeind hat, der ihn von nun an nicht mehr aus den Augen lassen wird – und eines Tages vielleicht einen Unschuldserweis zugunsten Fabios beibringen kann. Doch diese Hoffnung überlässt Salerno dem Publikum.
„No Il Caso È Felicemente Risolto“ ist ein bedeutsamer, vielschichtiger Kriminalfilm innerhalb des italienischen Kinos. Ohne über größere Stars verfügen zu können und insbesondere für ein Regiedebüt ist er tadellos gefertigt, wenngleich hier und da geringfügige Kürzungen einzelner Abschnitte nicht geschadet hätten. Der Topos des unschuldig in eine Verbrechensaffäre verwickelten und selbst verdächtigten Kleinbürgers ist klassisches Hitchcock-Terrain, man denke besonders an „The Wrong Man“, in dem die Justiz ebenfalls auf nur einem Auge sieht und dadurch die Existenz zweier Ehepartner zertrümmert. Salerno geht allerdings noch einen Schritt weiter: Bei ihm wird die Krimigeschichte zu einem Abbild des Klassenkampfes und der politischen Situation seines Landes. Der kultivierte Bildungsbürger ist zwar ein triebgesteuertes Monster und moralisch einwandfrei schuldig; im Gegensatz zu seinem Opponenten verfügt er jedoch über genau jene aktivistische Triebfeder, die es den Mächtigen schon immer erlaubten, die Unteren zu knechten. Auch Fabio Santamaria macht sich nämlich schuldig. Schuldig der Passivität, der Faulheit, der Angst, der Gleichförmigkeit. Ein rechtzeitiges, korrektes Handeln hätte ihm möglicherweise den Hals gerettet. So ist Salernos Film unter seiner Oberfläche höchst politisch konnotiert und gleichermaßen ein stiller Aufruf an das Proletariat: Denke, erhebe dich, sei wachsam und lass dich nicht zur Marionette der Oberklasse machen!

8/10

CAST A DEADLY SPELL

„I believe in magic. I just don’t use it.“

Cast A Deadly Spell (Hexenjagd in L.A.) ~ USA 1991
Directed By: Martin Campbell

Los Angeles, 1948. Ex-Polizist und Privatdetektiv H.P. Lovecraft (Fred Ward) wird von dem reichen Okkultisten Amos Hackshaw (David Warner) angeheuert, ein ihm entwendetes Buch, das ‚Necronomicon‘ zurückzubeschaffen. Für dieses interessiert sich auch Lovecrafts früherer Partner, der Nachtclubbesitzer Harry Bordon (Clancy Brown). Da Magie im Moment groß in Mode ist, muss sich Lovecraft im Zuge seiner Ermittlungen durch ein ganzes Gewimmel von Abseitigkeiten und Monstern schlagen, bis er erkennen muss, was undurchsichtige Hackshaw wirklich mit dem Buch vorhat…

Diese ansprechend verrückte und sehr amüsante HBO-Produktion hätte sich seinerzeit ganz bestimmt auch im Kino hervorragend gemacht, insbesondere, wenn man rückblickend in Augenschein nimmt, welcher Klumpatsch sich anno 91 sonst teilweise dort tummelte. „Cast A Deadly Spell“ gefällt sich als ein fast schon irrwitziger Mix aus unterschiedlichster filmischer und literarischer Einflüsse. Zuvorderst wird natürlich die lovecraft’sche Mythenwelt um die Großen Alten und das berüchtigte Necronomicon bemüht und konsumierbar gemacht. Der Autor selbst wird kurzerhand und quasi vollkommen diametral zu seiner authentischen Persona zu einem arschcoolen, hartgekochten Privatdetektiv umgemodelt, der als nahezu einziger Mensch in ganz Los Angeles auf den Gebrauch von Magie jedweder Art verzichtet und stattdessen, ghanz klassisch, auf eine Zigarette im Mundwinkel und ein Glas Scotch vor dem Einschlafen schwört. Die Hexen, Vampire, Werwölfe, Zombies, Dämonen und Gargoyles, die die Stadt ebenso reichhaltig bevölkern all der höchst menschliche Abschaum (sprich: Gangster, korrupte Bullen, Femmes fatales und Transvestiten) kann jedoch auch er nicht ignorieren, zumal er zu letzterem selbst zählt. Die Phantastikelemente werden also durch traditionelle Film-noir-Facetten ergänzt (oder umgekehrt), das Ganze in ironischer Weise als Horrorkomödie abgerundet. Niemand wundert sich über irgendetwas, Monster und Gruselwesen gehören ebenso zum urbanen Alltag wie merkwürdige Naturereignisse.
Campbell geht derweil mit viel Liebe zum Detail zu Werke, darf über erlesene Requisiten verfügen und diverse nette visuelle Ideen unterbringen, wie einen plötzlich einsetzenden Blutregenschauer. Rein äußerlich passt „Cast A Deadly Spell“ ansonsten fabelhaft zu dem erst kürzlich betrachteten „Chinatown“-Sequel „The Two Jakes“, mit dem er, freilich ohne sich in eine dermaßen überbordernde Parallelwelt zu begeben, sowohl Ort und Zeit exakt gemein hat. Dabei ist es reiner Zufall, dass ich diese zwei zumindest partiell so unterschiedlichen Filme so kurz hintereinander  geschaut habe. Hübsch anzusehen sind sie jedenfalls beide.

7/10

CADAVERI ECCELENTI

Zitat entfällt.

Cadaveri Eccelenti (Die Macht und ihr Preis) ~ I/F 1976
Directed By: Francesco Rosi

Nachdem mehrere Anwälte und Richter in verschiedenen Städten ermordet werden, sucht der überregional arbeitende Inspettore Amerigo Rogas (Lino Ventura) fieberhaft nach dem wie ein Scharfschütze vorgehenden Täter. Offenbar handelt es sich bei diesem um einen einst zu Unrecht verurteilten Apotheker namens Cres, der  versucht haben soll, seine Frau zu vergiften und der sich nun an der verantwortlichen Justiz rächen will. Von jenem Cres fehlt allerdings nicht nur jede Spur, aus sämtlichen Fotos in seiner Wohnung, die ihn zeigen, ist auch noch sorgfältig sein Konterfei herausgeschnitten. Als Identifizierungsgrundlage bleibt lediglich ein Phantombild, basierend auf der Beschreibung von Cres‘ Kollegen Maxia (Paolo Bonacelli). Dann geschehen weitere Morde , mit denen Cres‘ einstiger Fall nichts zu tun hat. Rogas wittert, das viel mehr hinter der Sache steht. Hochgestellte Köpfe der oberen Gewalten, der Chef der Polizei (Tino Carraro), der oberste Richter (Max von Sydow), der Sicherheitsminister (Fernando Rey), ein reicher Aristokrat (Gérard Darrieu), verbunden durch eine mysteriöse Bekanntschaft untereinander, scheinen sich zu konspirativen Treffen zu verabreden. Rogas wird zunehmend paranoid und findet sich ununterbrochen von Abhörprofis und Beschattern verfolgt. Wird hier ein Staatsstreich geplant?

Francesco Rosis Sciascia-Verfilmung braucht sich ebensowenig hinter den realitätsangebundenen Polit-Bestandsaufnahmen eines Costa-Gavras zu verstecken (nebenbei begegnen uns Renato Salvatori und Marcel Bozzuffi, Yago und Vago aus „Z“, wieder) wie vor den amerikanischen Paranoiathrillern dieser Tage, etwa von Alan J. Pakula. „Cadaveri Eccelenti“ zeichnet vor allem sein zwingender Fatalismus aus: Wer zuviel weiß, muss weg. Nur so kann das System weiterhin funktionieren. Es brodelt im Hintergrund, nur aus welcher Richtung bleibt unklar. Während linksintellektuelle Studenten und Jugendliche überall auf die Barrikaden gehen und lauthals die Verquickung von Mafia und Staat anprangern, macht im Hintergrund schon die Armee mobil. Ein linker Journalist und Freund Rogas‘ (Luigi Pistilli) will über Hintergründe informieren, doch sein Chef untersagt es ihm. Wer nicht dazu gehört, ist ahnungslos oder hat Todesangst. Doch wozu? Das lässt Rosi offen; was der brodelnden Verschwörung, dem heimlichen Komplott eine noch beunruhigendere Richtung gibt. Exakt mit dem Moment, in dem Rogas im Begriff ist, die Wahrheit zu erfahren, endet sein Recht, weiterzuleben. Er trifft sich in einem öffentlichen Museum mit einem Mitglied der kommunistischen Partei. Ihre Unterhaltung wird von gewaltigem Lärm überdeckt, dann werden beide aus der Entfernung erschossen. Später heißt es aus offiziellen Kanälen, Rogas habe durchgedreht und die Tat nebst anschließendem Suizid zu verantworten. Stadt oder Land werden, auch das ist bekannt bis üblich, nicht genannt. Sizilien scheint jedoch (ein) offensichtlicher Handlungsort zu sein. Der Zuschauer ist nicht nur an die allumfassende Konfusion Rogas‘ eines großartigen, aber apolitischen Kriminalisten, gebunden, sondern auch an seine allmählichen Erkenntnisse und vor allem das Bewusstsein, nicht mehr als ein Spielball unantastbarer Mächtiger zu sein. Dabei wird seine Leiche vermutlich nicht in jenem altehrwürdigen, vor Gebeinen bereits berstenden Ossarium enden, in der der Film mit Charles Vanel seinen gespenstischen Ausgang nimmt.

8/10

BADLANDS

„Kit was ten years older than me and came from the wrong side of the tracks so called.“

Badlands ~ USA 1973
Directed By: Terrence Malick

South Dakota, 1959. Die junge Holly Sargis (Sissy Spacek) lebt mit ihrem verwitweten Vater (Warren Oates), einem Maler von Werbeplakatwänden, in der Kleinstadt Fort Dupree. Per Zufall begegnet sie dem etwas älteren, hübschen Kit Carruthers (Martin Sheen), der als Müllmann arbeitet. Hollys Vater akzeptiert Kits Werben um seine Tochter nicht. Als Kit schließlich mit dem Mädchen durchbrennen will und sich ihnen der Alte in den Weg stellt, knallt Kit ihn beinahe reglos ab und zündet das Haus an. Gemeinsam fliehen sie zunächst in den Wald und richten sich dort mit dem Notwendigsten häuslich ein. Eine ihnen auf der Spur befindliche Gruppe von Kopfgeldjägern erschießt Kit, als es für ihn brenzlig wird. Er bricht zusammen mit Holly in Richtung der Badlands in Montana auf, kein wirkliches Ziel vor Augen. Kit genießt die mediale Berichterstattung über ihn und fühlt sich als Rebell. Als Holly ihn kurz vor dem Ziel verlässt und sich den Behörden stellt, wird auch Kit des dauernden Flüchtens müde. Er inszeniert seine eigene Verhaftung durch zwei Provinzpolizisten als einer letzte, kurzen Verfolgungsjagd. Die Todesstrafe wegen mehrfachen Mordes erwartet ihn, ohne, dass ihm das recht klar zu sein scheint.

Terrence Malicks Regiedebüt weist den merkwürdigen kreativen Weg dieses höchst eigenwilligen Filmemachers, einem der wenigen außerhalb des kommerziellen Scheinwerferfokus, die New Hollywood überlebt haben. Bereits hier setzt er auf einen poetischen Voiceover, gesprochen von einer zurückblickenden Holly Sargis, die aus der Zukunft selbst nicht mehr recht begreift, worin die einstige Verbundenheit zu dem aus dem Ruder geratenden Massenmörder Kit Carruthers eigentlich bestand. Ihr junges Selbst, ein fünfzehnjähriges Mädchen in der Pubertät, die aufrichtige Liebe mit all ihren Wechselwirkungen und Zugehörigkeiten noch gar nicht recht einzuschätzen vermag, folgt Kit, weil ihr letzten Endes wenige Alternativen bleiben. Der hassenswerte, autoritäre Vater (als Strafe für Hollys Romanze mit Kit tötet er ihren Hund) ist infolge Kits radikaler Intervention fort, sie damit verwaist, einsam und orientierungslos. Die folgenden Wochen gleichen einem in groteske Länge gezogenen, romantischen Kinderspiel. Kit erweist sich mehr und mehr als ungebildeter, fast infantlier Delinquent und Soziopath, der nur für den nächsten Tag lebt, während Hollys Perspektive vielschichtiger wird und die Ausweglosigkeit seines Tuns begreift. Irgendwann ist die Liebe, oder das, für das Holly sie gehalten hat, einfach weg und ihr Charakter reif für dringend notwendige Veränderungen.
Malick interessiert sich schon in seinem Erstlingswerk nicht für oberflächliche Spannungsdramaturgie. Natur und Umwelt fungieren in „Badlands“ in all ihrer erhabenen Allgegenwärtigkeit als stumme Zeugen, hier: einer zerstörerischen Fahrt ins Nichts, die gleich von Beginn an ohne jedwede Zukunftsperspektive angetreten wird und demzufolge in einer Sackgasse enden muss. Ihr reales Vorbild hat diese Geschichte in einem wesentlich brutaleren und kaum mit märchenhafter Transzendenz zu assoziierenden Kriminalfall, nämlich dem um Charlie Starkweather und seine Freundin Caril Ann Fugate, die im Winter 1957/58 eine elf Todesopfer fordernde Blutspur durch Nebraska zogen. Malick weicht bewusst davon ab, die Figur des Kit Harrington allzu analog zu Starkweather anzulegen. Aus dem bestialisch zu Werke gehenden Serienkiller, zu dessen Opfern auch Caril Anns zweijährige Halbschwester gehörte und der nebenbei noch genüsslich mehrere Hunde strangulierte wird hier ein nicht unromantischer Delinquent, der weder ein aufbrausendes noch sonstwie aus der Fassung geratendes Wesen besitzt und dessen Opfer (im Film sind es sieben) eher das Pech haben, seinen unbestimmten Weg zu kreuzen, respektive diesen zu verstellen oder zu gefährden. Holly bleibt derweil stets teilnahmslos oder erweckt zumindest diesen Eindruck. „Badlands“ vermeidet es, Hass- oder Angstgefühle hinsichtlich dieser Figur zu evozieren, wie sie eine authentischere, explizitere Darstellung Starkweathers und seiner Taten zwangsläufig hervorgerufen hätte, und zieht stattdessen den weitaus komplexeren Weg vor, dem vorsorglich auf emotionaler Distanz gehaltenen Zuschauer das Urteil über das Verhalten und den kurzen, zerstörerischen Werdegang der Protagonisten zu überlassen. So ist „Badlands“ angesichts seiner formalästhetischen Eigenständigkeit und trotz seines finsteren Sujets tatsächlich das, was man landläufig als einen „schönen Film“ bezeichnet. Malick hat daraus seine ganz private Kunstform gemacht.

9/10