CRAWL

„Dad!“

Crawl ~ USA/RS/CA 2019
Directed By: Alexandre Aja

Um nach ihrem Vater Dave (Barry Pepper) zu sehen, der telefonisch nicht zu erreichen ist und in dessen Heimatregion ein Hurricane tobt, fährt die junge Leistungsschwimmerin Haley Keller (Kaya Scodelario) kurzentschlossen Richtung Südflorida. Nachdem Haley in der Wohnung ihres Dads nur Hündin Sugar findet, macht sie sich zum alten Haus der Familie auf, das ausgerechnet inmitten des Sturmzentrums liegt. Sie findet Dave verletzt und bewusstlos im überschwemmten Keller – nicht jedoch allein, denn ein paar Alligatoren, die gerade ihr Jagdrevier erweitern, haben sich ebenfalls häuslich dort eingerichtet…

Mit produzierender Unterstützung von Sam Raimi wendet sich Alexandre Aja, via „Haute Tension“ seines Zeichens einst Mitbegründer der französischen nouvelle vague d’horreur, in seinem jüngsten Werk erneut einem von ihm bereits erfolgreich beackerten Terrain zu – dem des Tierhorrors. In seinem „Piranha“-Remake von 2010 machte er aus Joe Dantes klassischem Original eine lustvoll-exploitative Hommage an das gesamte Genre, die nebst Nebenrollen-Einsatz von Porno-Sternchen in ein ordentliches, aber stets breit grinsendes Gematsche mündete. In „Crawl“ folgt er einer wesentlich differenten, ernsteren Prämisse, die mehr mit den bisweilen hermetischen Ausgangssituationen anderer Kroko- und Alligatoren-Horrorfilmen der letzten Jahre (etwa „Black Water“) gemein hat denn mit spaßigen Splatter-Breitseitenn wie oben erwähnter.
Kurzum geht es um zwei eingekesselte Personen – Vater und Tochter – die sich nur einer entfesselten Natur im Katastrophenzustand zu erwehren haben, sondern auch ihrer persönlichen, von Unausgesprochenem geschädigten Beziehung zueinander. Die Extremsituation, in der sie nun beide gekegelt wurden und die ihnen ausgiebig Gelegenheiten bietet, einander das Leben zu retten, entpuppt sich dafür natürlich als adäquater Katalysator.
Was die wahren Stars des Films – also die gefräßigen Echsen – anbelangt, hält „Crawl“ den Ball im Vergleich zu seinen vielen Vorgängern den Ball vergleichsweise flach und lässt die atmosphärische Spannung eher aus dem der Gesamtsituation geschuldeten, hermetischen Szenario erwachsen. Weder sind die bissigen Biester nämlich über Gebühr intelligent noch erreichen sie – obschon nicht eben winzig – die exorbitante Größe anderer Gattungsvertreter. Immerhin sind sie allerdings schnell – was dann wiederum Anlass gibt, die beiden ProtagonistInnen nicht zu den einzigen (potenziellen) Opfern der Amphibien zu machen, sondern ihnen zum blutrünstigen Amüsement des Zuschauers ein paar unerleuchtete Plünderer und Polizisten zum Fraß zu servieren. Ein bisschen schnabuliert werden muss dann ja doch, zumal am Ende Haley, Dad und Sugar – allesamt körperlich versehrt, aber doch situationsgestärkt – heil und versöhnt aus der Sache rausgeflogen werden. Immerhin geht’s hier um Alligatoren.

7/10

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AVENGEMENT

„Maybe I don’t wanna come back.“

Avengement ~ UK 2019
Directed By: Jesse V. Johnson

Der Knastinsasse und MMA-Fighter Cain Burgess (Scott Adkins) nutzt den Krebstod seiner Mutter (Jane Thorne) zur Flucht und einen längst überfälligen Rachefeldzug gegen sein Bruder Lincoln (Craig Fairbrass) und dessen Gang. Lincoln, der seine schmutzigen Pfründe mit Kreditwucherei und Immobilenraub macht, sorgte einst mittels einer geschickt eingefädelten Intrige dafür, dass Cain, nachdem dieser einen getürkten Kampf doch für sich entschieden hatte, zunächst einwandern musste und dann im Gefängnis tagtäglich um sein Leben zu kämpfen hatte. Der kurze Freigang bietet Cain nun die Chance, sich für das Erlittene zu revanchieren. Er nistet sich in in Lincolns Stammkneipe ein, nimmt seine Leute als Geiseln und wartet auf den großen Boss…

Wenn (der von mir leider noch längst nicht hinreichend gewürdigte, was ich aber zu ändern gedenke) DTV-Auteur Jesse V. Johnson und Prügelgott Scott Adkins kollaborieren, kann es mitunter deftig zugehen – so auch in ihrem aktuellen Action-, Knast- und Gangsterdrama, das das allerbeste aus sich herausholt. Häufig musste ich während der Betrachtung von „Avengement“ an das berühmte, auch Milius‘ „Conan The Barbarian“ vorangestellte Nietzsche-Zitat aus „Ecce Homo“ denken: ‚Was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker“, passt jenes hier doch wie die buchstäbliche Faust aufs Auge: Mit Cain Burgess‘ Überweisung in die Staatsobhut beginnt nämlich zugleich eine entbehrungsreiche Passionsgeschichte. Nach dem schmerzlichen Verlust der allermeisten Zähne, einer Napalmattacke, unzähligen Schlägen und Stichverletzungen, hinter denen durch die Bank Cains Bruder Lincoln steckt, der sich des unliebsamen Quertreibers „von draußen“ her entledigen will, ist Cain an Leib und Seele stahlgepanzert und lebt nurmehr für den Tag der Abrechnung. Dieser wird ausgerechnet greifbar, als das arme Mütterlein stirbt – im irrigen Glauben, Lincoln wäre ein guter Samariter und Cain das schwarze Schaf. Hernach gilt es für Cain, seinem biblischen Namen die Entsprechung zu weisen.
Johnson lässt Vieles an Inspiration durchscheinen – sein musikalisches Hauptthema ist Morricone entlehnt und dass er sowohl das klassische und jüngere britische Gangsterkino wie auch die großen Knastfilme emsig studiert hat, daran braucht kein Zweifel zu bestehen. Seine signifikante Meisterschaft entwickelt er dann allerdings darin, aus jenen Elementen etwas ganz eigenes, Neues zu machen, einen furztrockenen, harten Rachethriller, der mit verschiedenen Zeitebenen und achronologisch gemixten Rückblenden geradezu virtuos zu spielen versteht und seinem Hauptdarsteller eine Bühne für dessen grandioses, wie gewohnt höchst energetisches Können zu bieten. Dass Adkins‘ Spiel seinen körperlichen Fertigkeiten nunmehr kaum nachsteht, lässt sich anhand seiner grandiosen Leistung in „Avengement“ auf das Erfreulichste ablesen. Wie er seinem Bruder und dessen Handlangern mit amalgamiertem Oberkiefer all seine Wut und seinen Hass entgegenrotzt, das hat große, rohe Klasse.
Im Nachhinein bin ich, kurze Randnotiz, zudem froh, in Ermangelung einer ungekürzten, deutschen Blu-ray gewissermaßen gezwungen gewesen zu sein, „Avengement“ importiert und somit im Original sehen zu müssen. Adkins‘ Cockney-Slang ist unersetzlich.

8/10

IT CHAPTER TWO

„Time to sink.“

It Chapter Two (Es – Kapitel 2) ~ USA 2019
Directed By: Andy Muschietti

Aus Kindern werden Leute und auch der einstige „Club der Verlierer“ hat seine horrible Vergangenheit in Derry, Maine lange hinter sich gelassen. 27 Jahre nachdem die Kids seinerzeit „Es“ in Gestalt des Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) den Garaus gemacht haben, fängt das Morden wieder an. Für Mike Hanlon (Isaiah Mustafa), der als einziger der damaligen Clique in Derry geblieben ist und sich als Bibliothekar und Chronist seither eingehend mit jenem namenlosen Schrecken befasst hat, der Anlass, seine früheren Freunde zu mobilisieren und zurückzubeordern, um das Grauen diesmal ein für allemal zu beenden.

Als designiertes Sequel setzt „It Chapter Two“ Andy Muschiettis Initialschuss der Zweitadaption von Stephen Kings 1986 erschienenem Wälzer fort. Darin widmet man sich den mittlerweile erwachsen gewordenen Kindern von einst, die, über die USA verstreut, als Frühvierziger nunmehr allesamt erfolgreiche Karrieren als Drehbuchautor, Entertainer, Manager oder Modedesignerin eingeschlagen haben, sich kaum mehr an die Geschehnisse von einst erinnern können, ihre jeweiligen Neurosen und Traumata jedoch nicht wirklich besiegt, sondern sie lediglich verdrängt und weggesperrt haben. Mit Mikes Anrufen brechen zugleich auch die alten, nur oberflächlich vernarbten Wunden wieder auf – für Stanley Uris (Andy Bean) in besonders markanter Weise: er wählt den umgehenden Suizid anstatt sich abermals dem inkarnierten Schrecken stellen zu müssen. Die übrigen Fünf kehren indes zurück nach Derry, wo Pennywise ihnen ohne großes Federlesens verdeutlicht, dass er diesmal nicht so klein beigeben wird wie noch vor 27 Jahren.
Muschietti nimmt sich alle Zeit der Welt für seine Fortsetzung, die es für sich auf stattliche 169 Minuten und damit fast allein auf die komplette Erzählzeit von Tommy Lee Wallaces TV-Fassung bringt. Das gesamte, neuverfilmte Opus, das insgesamt betrachtet dann auch Wallaces Version locker in den Sack steckt, erstreckt sich somit summa summarum auf runde fünf Stunden, wie man meinen möchte also hinreichend Zeit, um Kings Roman selbst in Details weithin gerecht werden zu können. Tatsächlich wächst der zweite Teil gegenüber dem ersten, da er die Bürde des Achtziger-Kids-Retro-Abenteuers nunmehr getrost ad acta legen und klassisches Genrekino präservieren darf. Dieses wahrt nunmehr noch immer den liebenswerten, manchmal etwas campigen Charme früherer King-Adaptionen, scheut sich nicht, hier und da zur Auflockerung kleine Humorsprenkler zu setzen und begreift sich ganz als lustvoller Ausflug in eine gewaltige Geisterbahn mit allen nur möglichen Registern. Zwischendurch scheint „It Chapter Two“ zwar ein wenig an Geschlossenheit einzubüßen, wenn er seine Protagonisten sich in aller narrativen Ruhe nacheinander ihren inneren Dämonen stellen lässt, die Pennywise natürlich allerbestens kennt und sie entsprechend lustvoll drangsaliert, andererseits verzeiht man Muschietti die entsprechend genommenen Freiheiten gern – man muss einfach honorieren, dass einem Filmemacher hier offensichtlich die Chance eingeräumt wurde, dem Publikum seine Vision halbwegs unberührt darbieten zu dürfen und sich im Gegenzug nicht hat mäßigen oder einschränken müssen. Sowas stellt ja, zumal im Vergleich zu früher, nunmehr eine Rarität im Kino dar.

7/10

DARK PHOENIX

„I’ve seen evil… and I’m looking at it now.“

Dark Phoenix (X-Men: Dark Phoenix) ~ USA/CAN 2019
Directed By: Simon Kinberg

Die „neue Vergangenheit“, 1992: Ein Rettungseinsatz im All konfrontiert die X-Men mit einer gewaltigen außrirdischen Macht, die sich mit der Telepathin Jean Grey (Sophie Turner) verbindet. Zurück auf der Erde ergreift jene Entität mehr und mehr Besitz von der ohnehin mächtigen Mutantin, derweil Charles Xavier (James McAvoy) alles dafür tut, sie zu retten und das zuletzt durch sein Insistieren hart erarbeitete, positive Renommee des homo superior zu wahren. Als durch Jeans Verschulden jedoch die Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence) zu Tode kommt, geht ein Riss durch die X-Men – Hank McCoy (Nicholas Hoult) verbündet sich mit Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), die die immer wütendere Jean geneinsam aufhalten wollen. Doch sind da noch die D’Bari – Aliens, die der Jean inhärenten „Dark Phoenix“-Macht den Verlust ihres Heimatplaneten anlasten und sich nun mit dessen Hilfe auf der Erde ein neues Zuhause schaffen wollen. Dafür müssten Menschen und Mutanten jedoch aus dem Weg geräumt werden…

Um es kurz zu machen – „Dark Phoenix“, sowohl Sequel als auch Reboot, ist alles in allem der enttäuschendste aller bislang erschienen „X-Men“-Filme und unterbietet damit sogar noch Gavin Hoods erstes „Wolverine“-Solo. Bereits die Wahl des Regisseurs sät a priori berechtigte Zweifel am Gelingen des Projekts – mit Simon Kinberg entschied man sich für jemanden, der seit Brett Ratners „X-Men: The Last Stand“, also dem ursprünglich im Film erzählten Niedergang der damals noch von Famke Janssen gespielten Jean Grey, als Scriptautor und/oder Produzent an den meisten der seither erschienen Mutanten-Abenteuer beteiligt war, bis dato jedoch keinerlei inszenatorische Erfahrung aufwies. A posteriori zeigt sich bestätigend, dass ausgerechnet die von Kinberg geschriebenen X-Storys stets die schwächeren waren, was seiner Verpflichtung als Vorarbeiter ein nachgestelltes Stirnrunzeln abverlangt.
Ala Adaption der Comic-Original-Strecke von Chris Claremont und John Byrne, die zuerst 1980 in den Ausgaben 129 bis 138 der Serie „Uncanny X-Men“ erschien und seither als ewiger Klassiker zigmal neu ediert wurde, scheitert Kinberg jedenfalls nochmals genauso pompös wie bei seinem ersten Versuch mit „The Last Stand“. Auf wesentliche Elemente wie die Shi’ar und deren (mit Xavier nicht nur romantisch verbundenen) Herrscherin Lilandra Neramani oder das außerirdische Tribunal, dem sich Jean Grey und ihre Freunde stellen müssen, wurden aus Gründen der Komplexitätsreduktion verzichtet. Stattdessen bietet der Film vor allem seinen Stars Jennifer Lawrence, die (aus naheliegenden Gründen) offenbar keinen Bock mehr auf ihre „X-Men“-Beteiligung hatte und sich somit kurzerhand aus dem Franchise pfählen ließ sowie „Game-Of-Thrones“-Entdeckung Sophie Turner (die der charismatischen Janssen in keinster Weise das Wasser reichen kann) hinreichend Onscreen-Plattform und flicht außerdem noch den anscheinend zwingend zu beteiligenden Fassbender alias Magneto mit ein. Als wild fightender Wolverine-Ersatz muss im Showdown ausgerechnet der als höflich und liebenswert bekannte Kurt „Nightcrawler“ Wagner (Kodi Smit-McPhee) herhalten – eine wenig akzeptable Wendung für diese doch so konträr gelagerte Figur. Und die schöne Jessica Chastain? Die wird bloß unbekümmert verheizt.
Was ich mit alldem bereits zu verdeutlichen versuche, zeichnet sich anhand des gesamten Films ab – er wirkt von vorn bis hinten wie eine mühselige, für alle Beteiligten verpflichtende Plackerei, eine hochbudgetierte Pflichtübung, deren einziger Existenszweck ihre kommerzielle Spannweite zu sein scheint. Es gibt nur wenige schöne oder spannende Momente von der Art etwa, die Jean ihren (für sie überraschend überlebenden) Vater (Scott Shepherd) aufsuchen und zur Rede stellen lässt, sie bleiben Mangelware in diesem zwar professionell gefertigten, am Ende aber doch sich selbst und seinem Publikum gegenüber spürbar gleichgültig auftretenden, mediokrem Spektakel. Dass hier ein paasgetreuer Punkt erreicht wäre, um aufzuhören, wage ich in Anbetracht vieler schöner früherer Stunden mit den „X-Men“ nicht zu konstatieren; zudem ist „Dark Phoenix“ dafür doch noch nicht genug veritable Katastrophe. Ob die Super-Mutanten demnächst dann auch ihr eigenes „Homecoming“ in den Schoss des MCU erleben werden, mag sich ja ferner noch erweisen.

5/10

MIDSOMMAR

„Every Midsummer we have this dance competition and the winner gets crowned.“

Midsommar ~ USA/S/HU 2019
Directed By: Ari Aster

Infolge einer Familientragödie schwer traumatisiert, erscheint der Studentin Dani Ardor (Florence Pugh) der geplante Schweden-Trip ihres Freundes Christian (Jack Reynor) als eine zweckmäßige Ablenkung. Christians Kommilitone Pelle (Vilhelm Blomgren) lädt das Paar sowie die zwei Mitstudierenden Josh (William Jackson Harper) und Mark (Will Poulter) ein, mit ihm das Mittsommerfest im idyllischen Hälsingland zu feiern, wo Pelle in einer streng naturvebundenen Kommune namens Hårga aufgewachsen ist. Während Mark vor allem Kontakte zu hübschen Europäerinnen aufbauen möchte, interessiert sich der Anthropologe Josh im Zuge seiner geplanten Diplomarbeit vielmehr für alte, paganistische Glaubensgemeinschaften. Mit der Ankunft in Hårga erlebt das um die beiden Engländer Connie (Ellora Torchia) und Simon (Archie Madekwe) angewachsene Septett sogleich den Übergang in eine sonderbar entrückt scheinende Parallelwelt, unterstützt von halluzinogenen Pilzen, die nicht jedem von ihnen einen angenehmen Trip verschaffen. Besonders Dani erlebt den Rausch als psychische Belastungsprobe. Die durch die Mitternachtssonne hervorgerufene andauernde Helligkeit macht den BesucherInnen von außerhalb  noch zusätzlich zu schaffen. Als die quirligen Verschrobenheiten der Hårga-Bewohner dann mehr und mehr albtraumhafte Züge annehmen und zunächst Simon und Connie spurlos verschwinden, zeichnet sich ab, dass die Kultisten längst handfeste Pläne mit ihren Besuchern haben…

Ari Asters zweiter Langfilm „Midsommar“ übertrifft seinen bereits sehr sehenswerten Erstling „Hereditary“ nochmals. Mit seinem paradoxerweise zugleich lichtdurchfluteten und dabei von einer latenten umfassenden Finsternis eskortierten Trip in die Alte Welt findet der Nachwuchs-Auteur nochmals tiefer in jene Topoi hinein, die bereits sein Debüt umtrieben, allem voran die (dezidiert psychologisch skizzierte) Dysfunktionalität zivilisierter sozialer Mikrokosmen im harten Kontrast zur diabolischen Funktionalität von im Abseits agierenden Parallelgruppierungen, die sich wiederum die psychische Fragilität dezentrierter Gesellschaftsmitglieder zunutze machen. In visueller Hinsicht bewusst konträr im Vergleich zu „Hereditary“ gestaltet (dessen düsterer Okkulthorror geradezu aufgeräumten Szenarien weicht, in denen gewiss trotzdem allerhand zu entdecken ist), bleibt beiden Filmen dennoch die finale Konsequenz einer unausweichlichen Determinierung ihrer jeweiligen ProtagonistInnen gemein.
In diesem Zusammenhang muss sich „Midsommar“ gleichfalls allerdings die sanfte Kritik gefallen lassen, auf inhaltlicher Ebene eine Variation von Robin Hardys „The Wicker Man“ vorzuschießen und somit doch Einiges an vermeintlicher Originalität zu verspielen. Hardys Film wurde 2006 ja bereits ein nominelles Remake von Neil LaBute beschert (das ich bisher noch nicht gesehen habe), fairerweise hätte man nun von Aster zumindest eine „inspired by…“ – Erwähnung oder Ähnliches erwarten dürfen. Denn dass die Plots beider Filme teils detaillierte Analogien aufweisen, läst sich nunmal nicht ignorieren. Dem gegenüber steht allerdings Asters bierernster Ansatz, dem scheinbar abjekten Auftreten seines paganistischen Kults zu begegnen – war bei Hardy noch ein bissig-ironischer Ansatz eklatanter Begleiter des Geschehens, ist derlei schelmisches Augenzwinkern in „Midsommar“ garantiert absent. So lässt sich auch dessen Genrezugehörigkeit eindeutiger umreißen, nicht zuletzt durch den Gebrauch zusätzlich irrealisierender Elemente (wie die immer wieder evozierten Rauschzustände oder das inzestuöse Orakel), heftiger Gewaltspitzen und sanft eingeflochtener Slasher-Elemente.
In jedem Fall liefert „Midsommar“ ungeachtet der oben umrissenen Dämpfer bezüglich seines aufgewärmten Narrativs einen neuerlichen, hervorragenden Beweis für die ungemein kreative Vitalität und Vielfalt, die der Horrorfilm derzeit genießt und zudem ein brauchbares Antidot für all jene, die durch die Flut an Franchises und seriellem Erzählen etwas die Lust an Kino verloren haben.

9/10

LOS CORSARIOS

Zitat entfällt.

Los Corsarios (Die Piraten der grünen Insel) ~ E/I 1971
Directed By: Ferdinando Baldi

Der Piratenkapitän Alan Drake (Dean Reed) und seine lustige Truppe haben ihr Schiff verloren und stranden auf einer karibischen Insel, die just von politischer Ränke gebeutelt wird. Der legitimen Thronfolgerin Prinzessin Isabella (Annabella Incontrera) sitzt nämlich insgeheim ihr böser, neidischer Vetter, der Erzherzog (Alberto de Mendoza) im Nacken und versucht, sie mithilfe sympathisierender Seeräuber zu diskreditieren. Inoffiziell heuert Isabella Drake und seine Mannschaft an, den feindlichen Korsaren Roja (Alberto de Mendoza) und seine Schergen unschädlich zu machen…

Filme zu sehen und zu sammeln kann sich nicht nur für Kinovorführer und Festivalveranstalter zu einem bisweilen archäologischen Metier entwickeln, insbesondere, wenn es um etwas spezielle Fassungen geht. Ferdinando Baldis „Die Piraten der grünen Insel“ war 1985 als TV-Aufnahme einer ZDF-Ausstrahlung ein Dauerbrenner meiner Kindheit, den ich irgendwann auswendig mitsprechen konnte, nur wenige Jahre später, zum arroganten Pubertierenden „herangereift“, aber als albernen Kinderkram empfand, zugunsten irgendeines anderen Programms löschte und vergaß. Wie das so ist mit nostalgisch geprägten Hirnwindungen, zumal solchen, die an idyllisch verklärte, harmonische Biographieabschnitte gemahnen, keimte sehr viel später jedoch der inniger werdende Wunsch nach einem Wiedersehen auf und entwickelte sich mehr und mehr zu einem glühenden Bedürfnis. Das (bzw. mein ganz persönliches) Problem: Die auf sämtlichen Heimmedien veröffentliche Version unter dem Titel „Der wilde Korsar der Karibik“, so auch die darüberhinaus sehr schludrig gemasterte DVD, beinhalten eine von der DEFA erstellte Synchronfassung. Offenbar war dem Film in der DDR, in der der tragische Entertainer Dean Reed nach seiner Immigration und öffentlichkeitswirksamen Konvertierung zum Marxismus 1973 zwischenzeitlich zum veritablen Superstar avanciert war, zuvor ebenfalls ein TV-Einsatz beim DFF vergönnt gewesen.
Der von mir so heißgeliebte Berliner Vertonung des ZDF vermochte ich hernach nicht mehr habhaft zu werden, selbst jahrelanges Umgraben des Internet resultierte stets in Misserfolg. Irgendwann stellte sich dann die zündende Idee ein, das ZDF anzuschreiben und um eine MAZ der damaligen Sendung zu bitten – ein teures und in Anbetracht der letzten Endes gelieferten, blass-rötlichen Letterbox-Qualität in gut sichtbar gecropptem 1,78:1 statt der originalen Scope-Breite zwar nicht gänzlich zufriedenstellendes, aber emotional doch stark beruhigendes Unterfangen. Was es mir bedeutet, diese jahrelange Sehnsuchtslücke endlich geschlossen haben zu können, wiegt alles andere vielfach auf.
Unter nüchternen Aspekten und mit dem Abstand der Jahre betrachtet, liefert Baldis Piratenfilm nichts mehr denn kostengünstig hergestelltes, betont infantiles, gleichfalls aber sehr herzliches Abenteuerkino für die ganze Familie, wie es für diese Zeit typisch in europäischer Koproduktion entstand. Tatsächlich ist der ZDF-Vertonung eine eklatante Aufwertung der mäßigen Darstellerleistungen zu verdanken, besonders Dean Reed verlässt sich ganz auf seinen rein physiognomischen Charme. Ohne seinen bunten Haufen, der sich aus dem schwerhörigen Messerwerfer Amando (Sal Borgese), dem etwas öligen Zaubertrickser Drago (Paolo Gozlino), dem bärenstarken, dicken Brummbär Toby (Tito García), dem artistischen Asiaten Blacky (Leslie Bailey), der forschen Piratenbraut Margarita (Paca Gabaldón), einem naseweisen Rotzlümmel (Pedro Luis Lozano) und einem später dazustoßenden Liliputaner (Antonio De Matino) rekrutiert, wäre Alan Drake / Reed jedenfalls völlig aufgeschmissen und kaum der halben Miete wert. Gerade diese ihre sozialen oder körperlichen Nachteile zu brillanten Fertigkeiten umformierende Minoritätengang, die vor allem vereint unschlagbar ist, bestimmt im Grunde den Reiz der gesamten Geschichte. Alberto de Mendoza, in einer Doppelrolle als schurkischer Strippenzieher, liefert indes das schönste Spiel der Besetzung und Annabella Incontrera gibt eine ga reizende Prinzessin ab. Der notorische Drehort Almería erweist sich einmal mehr als dankbare Kulisse, die man mit dem erforderlichen goodwill des ohnedies zugeneigten Betrachters auch als karibische Insellandschaft annimmt und Nico Fidencos wunderbar schmissiges, mitgröhlbares Titelthema ist sogar unsterblich toll. Am meisten genieße ich allerdings – zugegebenermaßen – die überfällige Verpflasterung jener alten, vernarbten Herzenswunde.

7/10

THE PLEDGE

„You’re out of position!“

The Pledge (Das Versprechen) ~ USA 2001
Directed By: Sean Penn

Just am Abend seiner von den Kollegen überraschend geschmissenen Ruhestandsparty entschließt sich Detective Jerry Black (Jack Nicholson) wider den Rat seines Vorgesetzten (Sam Shepard), den Mord an einem kleinen Mädchen (Taryn Knowles) zu untersuchen. Den verzweifelten Eltern, den Geflügelfarmern Larsen (Patricia Clarkson, Michael O’Keefe), denen er die Todesnachricht überbringt, verspricht Jerry feierlich, den Schuldigen zu finden. Zunächst deuten sämtlichen Täterindizien auf den geistig behinderten native Toby Wadenah (Benicio Del Toro), der als Hausierer durch die Gegend streift und unter dem Druck des sich anschließenden Verhörs sogar das Verbrechen gesteht, sich dann jedoch das Leben nimmt. Für Jerry ist es nahezu eindeutig, dass Toby nicht der Mörder sein kann. Wiederum ohne Rückendeckung beginnt Jerry, privat zu ermitteln, zumal sich erweist, dass es sich bei dem Killer offenbar um einen Serientäter handelt, der schon bald wieder zuschlagen könnte. Als Jerry die alleinerziehende Lori (Robin Wright) und ihre kleine Tochter Chrissy (Pauline Roberts) kennenlernt, nimmt er sich der beiden zunächst liebevoll an, kann sein Versprechen gegenüber den Larsens jedoch nicht vergessen…

Seine dritte Regiearbeit führte Sean Penn an Friedrich Dürrenmatts gleichnamige Novelle „Das Versprechen“, die der schweizer Autor 1958 als Variation seines eigenen, zuvor geschriebenen Drehbuchs zu Ladislao Vajdas „Es geschah am hellichten Tag“ verfasste. Darin ging es innerhalb weitgehend konventioneller narrativer Bahnen um die Jagd eines Polizisten nach einem Kinder- und Serienmörder, bevor dieser ein weiteres Verbrechen ausführen kann. Am Ende geriert sich der Ermittler dann selbst zum Übertreter moralischer Grenzen, indem er die vertrauensvolle Zuneigung einer Mutter und ihres Töchterchens ausnutzt und letzteres bewusst als Köder für den Mörder missbraucht. Zwar kann jener auf diese Weise dingfest gemacht werden, die schwere Schuld des Polizisten sowie die Gewissheit, auch sein privates Glück verspielt zu haben, jedoch bleiben. In „Das Versprechen“ widmete sich Dürrenmatt dann genau diesem Aspekt, der bereits durch seinen im Drehbuch verhandelten Ansatz einen ganz wesentlichen Pfeiler der Kriminalliteratur ansägt: Die gattungsübliche Konvention, die stets dergestalt konkludiert, dass der Detektiv am Ende mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zum Erfolg gelangen und seinen Antagonisten zu Fall bringen kann, nämlich. Wurde zuvor neben dem Kriminalen Matthäi auch sein Jagdziel, der Mörder Schrott, noch recht nachvollziehbar psychologisch skizziert, spielt selbiger in „Das Versprechen“ eine nurmehr untergeordnete, wenngleich kaum weniger schwerwiegende Rolle – Matthäi/Jerry Black und das eigens angeforderte Polizei-Großaufgebot können (den ihnen persönlich unbekannten) Schrott gar nicht fassen, weil er auf dem Weg zum jenem finalen Mord selbst einem tödlichen Verkehrsunfall anheim fällt. Eine simple Schicksalsfügung ändert alles.
Penns Film nun zentriert den Polizisten sogar noch mehr und liefert das tiefschwarze, desaströs endende Psychogramm seines einsamen, pathologisch-berufsdedizierten Charakters. Nicht nur verlaufen Jerry Blacks über einen gewaltigen Zeitraum emsig vorbereitete, ermittlerische Bestrebungen infolge einer simplen Durchkreuzung des Schicksals erfolglos, verspielt er auch die letzte Chance einer privaten Erlösung, als Lori gewahr wird, wozu er Chrissy benutzt. Der erzählerische Rahmen schließlich zeigt einen offenbar stark alkoholisierten, ins Nichts dahinmurmelnden, desolaten Jerry Black, dem nichts mehr geblieben ist, weder die Erfüllung eines von vornherein vage abgegebenen Versprechens, noch der letzte Faden der Zwischenmenschlichkeit.
Dieser bitterböse Abstieg eines alten Mannes, der seinem Publikum auf leisem Wege mancherlei abverlangt, bildet auch für Jack Nicholson einen späten, schauspielerischen Triumph. Ungewohnt zurückgenommen und still muss der für sein breitzähniges Grinsen, seine rollenden Augen und die entgleisende Mimik so berühmte Darsteller einen unglamourösen Provinzpolizisten mit Bürstenhaarschnitt und Schnurrbart sein Gesicht auf dem Stolperpfad ins Nichts leihen – und bewerkstelligt erwartungsgemäß auch dies mit konkurrenzloser Brillanz. Ein Nicholson-Vehikel ist „The Pledge“ also (auch), in dem eine ganze Reihe weiterer, großartiger Aktricen und Akteure den Weg noch zusätzlich edel pflastern.

9/10