SUNDAY IN THE COUNTRY

„Nice of you fellas to drop by. Nothin‘ like good as a Sunday in the country.“

Sunday In The Country (Killing Machine) ~ CAN 1974
Directed By: John Trent

Ackerman (Cec Linder), Dinelli (Louis Zorich) und Leroy (Michael J. Pollard), drei flüchtige, überaus gefährliche Bankräuber, von denen besonders der soziopathische Leroy das Schießeisen locker sitzen hat, wollen sich auf der abgelegenen Farm des alten Adam Smith (Ernest Borgnine) eine Ruhepause gönnen. Smith, der hier allein mit seiner Enkelin Lucy (Hollis McLaren) und seinem Gehilfen Luke (Vladimír Valenta) lebt, weiß jedoch um die Gangster und dass sie bereits vier Menschen auf dem Gewissen haben. Entsprechend vorbereitet ist Smith, als das Trio bei ihm aufläuft: Dinelli wird ohne Vorwarnung erschossen und Ackerman und Leroy angekettet. Auf die verzweifelten Vernunftsplädoyers Lucys, die die Ganoven, wie es sich gehört, der Polizei übergeben will, hört Adam nicht – für ihn gilt auf seinem Land nur sein persönliches Recht.

Im „Death Wish“-Jahr 1974 und in bester Tradition zu Peckinpahs „Straw Dogs“ entstand dieses bärbeißige, sorgfältig inszenierte Selbstjustiz-Drama, das den Teufel tut, eine vorgefertigte Moralposition einzunehmen. Stattdessen gibt er dem möglicherweise unvorbereiteten oder gar etwas unbarfterem Zuschauer allerhand zu knabbern. Der aufgrund der wie immer beklagenswerten, prekären ökonomischen Situation der einfachen Farmer ohnehin stark frustrierte Witwer Adam Smith hat im Alltag nur wenig zu lachen. Smith ist überhaupt noch einer vom alten Schlag, der sich 130, 140 Jahre zuvor auch als Pionier und frontierman gut gemacht hätte. Ob er Kriegsveteran ist, erfahren wir nicht eindeutig, aber es liegt nahe. Seine Tochter hat ihn aus ebensowenig luziden Gründen einst sitzen lassen, geblieben ist ihm nur noch seine Enkelin, die zur High School geht und ihm im Haushalt aushilft. Von der liberalen Haltung der jungen Generation hält Smith ebensowenig wie von Studium und Bildung; körperliche Betätigung sei Gotteswerk, sagt er einmal. Dass Smith die biblische Devise „Aug‘ um Aug‘ und Zahn um Zahn“ nicht minder ernst nimmt, erfahren die drei Bankräuber bald an Leib und Leben: könnte man zunächst annehmen, es stünde ein gewohnheitsmäßiger Home-Invasion-Plot ins Haus, an dessen Ende erzwungene Befreiung und Rache stehen, findet man sich bald eines Besseren belehrt. Das kriminelle Trio bekommt gar nicht erst die Möglichkeit zur Haustyrannei, so schnell liegt der erste von ihnen mit einem biertablettgroßen Einschuss im Leib vor der Veranda. In der Folge entspinnt sich dann ein ganz unerwarteter Konflikt, der zwischen Großvater und Enkelin, zwischen Alt und Jung, zwischen Hart und Weich, zwischen Frustration und Naivität, zwischen reaktionärem Konservativismus und liberaler Philanthropie. Wer am Ende den Streit nach Punkten für sich entscheidet, bleibt dem Zuschauer überlassen. Recht behalten beide. Wobei sich zumindest eine Partei zumindest nach sozialbasalen Maßstäben auch dem Unrecht überantwortet.
Leider ist „Sunday In The Country“ nicht bekannter. Ernest Borgnine gibt eine bravouröse Performance ab als irgendwo zwischen bravem Landbürger und sadistischem Totschläger befindliches, menschliches Fragezeichen, Michael J. Pollard genießt es wie gehabt, als fieser, bösartiger Gnom aufzutrumpfen und wenngleich die Kanadierin Hollis McLaren keine zweite Sissy Spacek ist, so macht sie doch einen mehr denn soliden Job. Von John Trent gibt es leider nur noch sechs weitere Filme, von denen ich noch keinen kenne. Das sollte sich ändern.

8/10

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MOTHER!

„You never loved me. You just loved how much I loved you.“

Mother! ~ USA 2017
Directed By: Darren Aronofsky

Das irgendwo im Grünen liegende, noch in der Restauration begriffene Landhaus eines jungen Ehepaars (Jennifer Lawrence, Javier Bardem) wird eines Abends von einem fremden Herrn (Ed Harris) aufgesucht, der sich als Riesenfan von Ihm, seines Zeichens berühmter Autor mit gegenwärtiger Schreibblockade, zu erkennen gibt. Ihr ist dabei gar nicht recht, dass Er den seltsam kränkelnden Mann ohne Umschweife einlädt, ihr Gast zu sein. Dem Fremden folgt am nächsten Tag seine Ehefrau (Michelle Pfeiffer), eine dreiste Dame, und dann auch noch deren zwei zerstrittene Söhne (Brian Gleeson, Domhnall Gleeson), von denen der eine den anderen tötet. Die anschließende Trauerfeier findet im Haus des Ehepaars statt, derweil Sie die Ereignisse völlig überfordern. Die Gäste verwüsten schließlich große Teile des Hauses, werden dann endlich herauskomplentiert. Nach der anschließenden Liebesnacht ist Sie schwanger. Glückliche Monate folgen, bis das Baby sich ankündigt. Er hat mittlerweile sein neues Buch veröffentlicht, das sich als Megabestseller verkauft. Als sich eines Abends unter gewaltigem Medienecho mehr und mehr Seiner Fans vor dem Haus versammeln und Sie kurz vor der Niederkunft steht, kommt es zur Katastrophe: Die Menschenmassen stürmen das Haus, feiern Ihn und das Baby als Mentor und Messias und beginnen bald, sich gegenseitig anzugreifen und zu töten, derweil sie bald keinen anderen Ausweg mehr sieht, als das alles der überfälligen Vernichtung zuzuführen.

Ein tolles Ding hat Aronofsky da wieder vom Stapel gelassen, rund um seine zeitweilige Muse und Bettgenossin Jennifer Lawrence. Diesmal knöpft er sich nichts Geringeres als die Bibel vor, immerhin das „Buch der Bücher“, und nutzt deren inhaltliche Klammer, oder vielmehr Genesis und Neues Testament, um die darin beschriebenen Ereignisse vom Anfang und Ende der Welt in eine deftige, surreale Familienallegorie zu packen, wie sie Buñuel oder Pasolini vermutlich auch nicht schöner hinbekommen hätten. Man muss gar nicht viel heruminterpretieren an den Figuren und Geschicken, deren Metaphorik überdeutlich ins Auge springt: Bardem ist Gott, Lawrence Mutter Erde, Harris und Pfeiffer sind Adam und Eva, die Gleeson-Brüder Kain und Abel. Nach einem Zeitsprung, der gewissermaßen das Aufkommen des Monotheismus und die Schwangerschaft von Ihr, die ergänzend noch die Rolle der Maria zu übernehmen hat, abdeckt, geht es weiter mit der Geburt Jesu und damit der Initiation des Christentums und der anderen Religionen, die jede für sich die Wahrheit und die Welt beanspruchen und dieser am Ende nurmehr die Option der Selbstzerstörung lassen. Und weil sich alles, auch das Sein als solches, wiederholt, hat Gott am Ende eine neue Gattin/Mutter und ein neues Haus.
Kontroverse Aufnehme erfuhr „Mother!“, zweifelsohne klar einkalkuliert, wegen seiner zum Ende hin zunehmend deftig visualisierten Passionssymbolik, die etwa den Leib und das Blut Christi tatsächlich als solche erscheinen lassen und sich in Nihilismus, Chaos und Totschlag ergeht. Auch die kritische Charakterisierung Gottes wird manch Gläubigem wenig in den Kram passen: Nicht nur, dass er hier aussieht wie Javier Bardem und damit eine stattliche Personifikation durchläuft, lässt Aronofsky ihn trotz seiner Allmacht wenn schon nicht als bösen, so doch zumindest als eitle, dumme Entität erscheinen, die sich mit Vorliebe in der Sympathie ihrer Anhängerschaft suhlt und keinerlei Verantwortung für ihre eigenen Kreationen übernimmt, nachdem diese einmal erschaffen sind und selbst nicht über die notwendige Mündigkeit verfügen, ihr Erbe ordentlich und gerecht zu verwalten. Doch obschon Gott (eigentlich) sieht, das es schlecht ist, schert er sich nicht sonderlich, denn jede Mutter, die er sich selbst neu schafft, hinterlässt ihm immer wieder ihr ureigenes (im Film als herzgroßer Diamant dargestelltes) Wesen, woraus dann wieder alles von vorn entstehen kann.
Alles was wir sind, ist Sand im Wind, Hoschi.

8/10

THE LAST RUN

„In the old days, before the fall, I owned a few shares.“

The Last Run (Wen die Meute hetzt) ~ USA 1971
Directed By: Richard Fleischer

Seit dem Tod seines kleines Sohnes und seit seine Frau ihn daraufhin sitzen ließ, lebt der Amerikaner Harry Garmes (George C. Scott) an der portugiesischen Algarve. Früher im Halbweltmilieu als Auftragskurier unterwegs, möchte Garmes es neuen Jahre nach seinem letzten Einsatz noch einmal wissen: Er lässt sich für einen Job in Spanien anheuern, bei dem es darum geht, den Knacki Paul Rickard (Tony Musante) zu befreien und ihn danach über die französische Grenze zu eskortieren. Zunächst funktioniert alles beinahe wie am Schnürchen, doch nicht nur dass der sich sehr unreif gebende Rickard zusätzlich noch seine Freundin Claudie (Trish Van Devere) mit ins Boot holt, stellen sich die Auftraggeber als Gangster heraus, die mit Rickard noch eine alte Rechnung offen haben und ihn beseitigen wollen. Garmes hilft Claudie und Rickard aus der Patsche und hat die beiden nun am Hals…

Die Geschichten von der pre production und vom Dreh von „The Last Run“ weisen George C. Scott, der, kurz nach seinem für „Patton“ gewonnenen und öffentlichkeitswirksam abgelehnten Oscar, am Zenit seiner Popularität stand, als enfant terrible aus, mit dem nicht gut Kirschen essen war. Mit dem zunächst als Regisseur vorgesehenen John Boorman überwarf sich Scott wegen Uneinigkeiten über das Script noch vor Produktionsbeginn. Boormans Nachfolger John Huston, mit dem Scott zuvor bereis zweimal gearbeitet hatte, geriet wiederum in akute Streitigkeiten mit Scott, der zudem nicht mit seiner Partnerin Tina Aumont auskam. Schließlich setzte die MGM ihren Hausregisseur Richard Fleischer ein, der mit Trish Van Devere (die hernach Scotts Gattin wurde) als Ersatz für die Aumont das Blatt zum Guten wendete. Die zeitgenössische Kritik, die von den Querelen Wind bekommen hatte, gab sich jedoch unfair bräsig und enttäuscht von dem Resultat, was im Nachhinein sehr unberechtigt erscheint. Man bemängelte, dass die Actionsequenzen (vor allem eine zentrale Autoverfolgungsjagd über die nordspanischen Serpentinen) behäbig und spannungsarm ausfielen und dass Alan Sharps sehr an Hemingways existenzialistischen Duktus angelehntes Drehbuch einem Meisterakteur wie Scott nicht die verdiente Bühne bot – er solle stattdessen doch besser eine wirkliche Hemingway-Figur spielen (was er sechs Jahre später in Schaffners „Islands In The Stream“ dann tatsächlich noch einlöste). Wie sehr hier auf hohem Niveau gejammert wurde, zeigt sich in Anbetracht des trotz aller Stolpersteine flüssigen und homogenen Films, der ganz im Gegensatz zu dem, was etwa Roger Ebert zu monieren hatte, eben doch sehr stimmig daherkam.
„The Last Run“ ist, ganz seinem Titel entsprechend, die finale Reise eines alternden, depressiven Gangsters, der noch ein letztes Mal das „Einzige tun möchte, was [er] kann“, einen letzten Kick, einen letzten Adrenalinrausch, den letzten Sex mit einer schönen Frau erleben will. Dabei geht es ihm keinesfalls darum, zu überleben – im Gegenteil. Der Tod ist fest eingeplant, er wird gewissermaßen sogar sehnsüchtig forciert, was angesichts Garmes‘ überkommenen Platzes in der Welt (der Generationskonflikt wird immer wieder thematisiert) nur konsequent erscheint. Von nunmehr einzigem Belang ist einzig und allein die Erfüllung der Mission, die später, nachdem sich die ursprünglichen Auftraggeber als Lügner herausgestellt haben, sogar zu einer höchst persönlichen wird.
Wirklich bedeutsam ist für Garmes im Grunde bloß sein Auto, ein besonderes BMW-Coupé aus exklusiver Stückzahl, das für ihn das letzte Relikt aus früheren, glücklichen Tagen ist und von Rickard am Ende mit höchster Symbolkraft rücksichtslos zu Schrott gefahren wird. Dazwischen liegen herrlich leuchtende High-Key-Bilder von den dörrigen Pyrenäen, von Galicien und von Albufeira, einmal hin und wieder zurück. Eine lohnenswerte Reise, mit vorhersehbarem Ausgang.

8/10

RED SPARROW

„You sent me to whore school!“

Red Sparrow ~ USA 2018
Directed By: Francis Lawrence

Die erfolgreiche Primaballerina Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) kann nach einem Unfall auf der Bühne nicht mehr tanzen. Um ihre kranke Mutter (Joely Richardson) weiter über die Runden bringen zu können, nimmt Dominka daher das Angebot ihres zwielichtigen Onkels Vanya (Matthias Schoenaerts) an, als Spionin zu arbeiten. Nach einem ersten Auftrag, der sie zugleich zur Mordzeugin macht, ist Dominika endgültig in Vanyas Hand. Sie wird ein „Red Sparrow“, eine Sonderagentin, deren Hauptaufgabenbereich in der Verführung und gezielten Verwirrung ihrer Opfer liegen. Zugleich wird der CIA-Mitarbeiter Nate Nash (Joel Edgerton) auf Dominika aufmerksam. Die beiden verlieben sich ineinander und Dominika versucht alles, Nate entgegen den Anweisungen ihrer Auftraggeber zu schonen, derweil ihr Hass auf Vanya immer größer wird.

Ich will es mal so sagen: Hätte Paul Verhoeven diesen Stoff inszeniert – und ich bin sicher, zumindest vor 15, 20 Jahren hätte es keinen treffenderen Regisseur gegeben – man hätte zur Feier des Tages noch ein paar Schamhaare obendrauf serviert bekommen. So bleibt ein aparter Wunschtraum davon, was der Niederländer mit diesem so nonchalant mit sex & crime hantierenden Spionagestoff, dessen Plot auf dem Mist des vormaligen CIA-Angestellten und heutigen Romanciers Jason Matthews gewachsen ist, angestellt hätte. Ich musste bei der Betrachtung von „Red Sparrow“ jedenfalls häufig an Verhoeven und seine früheren, lustvollen Attacken auf die Ästhetiktoleranz des Mainstream-Publikums denken. Potenzial dafür lässt Lawrences Film ja noch hinreichend durchscheinen, am Ende möchte er dann aber doch viel lieber ein klassisch konnotierter Spionage- und Romantikthriller mit viel „Ninotchka“ im Herzen sein, denn kerniger camp oder gar offensive Subversion, die ein NC-17-Rating riskiert. Das ist soweit ja auch in Ordnung, verlangt dann aber eben mancherlei Abzüge in der B-Note.
Zunächst einmal ist „Red Sparrow“ in Zeiten, in denen vermeintlich komplex aufbereitete Agentenfilme wieder an jeder Straßenecke stehen und seine in diesem Zusammenhang etwas schwächliche Geschichte unverschämt lang geraten. Nicht, dass er deswegen langweilig wäre, aber dreist nimmt seine gedehnte Narration sich doch aus. Dann wäre da die merkwürdige Geschichte mit der Sprache. Der Film lässt die Russen untereinander englisch mit russischem Akzent sprechen (bzw. analog dazu in der Synchronfassung deutsch mit russischem Akzent). Dass die Darsteller englisch statt russisch sprechen, ist ja nicht weiter wild und ohnehin gängige Praxis, aber wozu bitte den albernen Akzent? Dass die Grundzüge der Story zudem stark an Luc Bessons „La Femme Nikita“ gemahnen, lässt sich wiederum verschmerzen, vermiest „Red Sparrow“ aber auch den letzten Originalitätspreis. Jennifer Lawrence hat nach den „Hunger Games“-Filmen jedenfalls scheinbar ein neues Serien-Zuhause (in Romanform gibt es bereits zwei Fortsetzungen) gefunden, praktischerweise gleich mit demselben Regisseur von zuletzt im Schlepptau. Die Frau ist geschäftstüchtig, so viel ist sicher.

6/10

A QUIET PLACE

„It’s a boy.“

A Quiet Place ~ USA 2018
Directed By: John Krasinski

In naher Zukunft wird die Erde zum Opfer einer Invasion von Aliens. Die ausschließlich auf ihren Gehörsinn angewiesenen, wegen ihrer Reflexe scheinbar kaum zu tötenden Kreaturen bewegen sich blitzschnell und schlagen beim kleinsten vernehmbaren Laut zu. Für die auf einer Farm im ländlichen Teil New Yorks lebende Familie Abbott, Vater Lee (John Krasinski), die schwangere Mutter Evelyn (Emily Blunt), Söhnchen Marcus (Noah Jupe) und die ältere, fast gehörlose Tochter Regan (Millicent Simmons) wird in dieser bereits fast menschenleere Welt jede Sekunde zu einem Spießrutenlauf. Ihren Jüngsten Beau (Cade Woodward) haben die Abbotts aufgrund von Unvorsichtigkeit bereits verloren. Die bald bevorstehende Geburt des Babys veranlasst die Familie zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen, so wird eigens ein schalldichter Keller unter dem Hauptgebäude ausgebaut. Eines Tages kommt es dann doch zur befürchteten Konfrontation mit den Monstern, als Lee und Marcus die Gegend erkunden und die kurz vor der Niederkunft stehende Evelyn daheim auf einen Nagel tritt…

Wie ich erst seit „A Quiet Place“, also recht aktuell, weiß, ist John Krasinski nicht nur der Ehemann von Emily Blunt, sondern auch ein im Filmfach ziemlich umtriebiger Herr, der selbst häufig als Schauspieler arbeitet, produziert, schreibt und hiermit bereits seinen dritte Inszenierungsarbeit vorgelegt hat. Zumindest im (phantastischen) Genrefach ist Krasinski allerdings noch ein unbeschriebenes Blatt, beweist mit „A Quiet Place“ jedoch, dass er die erforderliche Klaviatur ordnungsgemäß studiert hat und beherrscht.
Zwar hatte ich (bei der eben allseits abgeackerten Motivlage um Alieninvasions-, Endzeit- und Belagerungsfilme kein Wunder) auch bei diesem Werk nie das Gefühl, etwas wirklich Neues oder gründlich Innovatives zu sehen; von dieser Erwartungshaltung, so sie denn überhaupt noch vorkommt, sollte man sich jedoch ohnehin verabschieden.
Dann bleibt ein rund um das einfallsreiche Gimmick der erzwungenen Geräuschlosigkeit entsponnenes Familiendrama, in dem es an deren vier Mitgliedern ist, das Beste aus der höchst konzentrationsabhängigen Zeit herauszuholen, in der sie leben muss. Das unabdingbare Trauma kredenzt Krasinski uns gleich als Exposition; mit dem kleinen Beau, der, unbedarft wie er ist, eine batteriebetriebene Spielzeugrakete aufheulen lässt, führt der Film auch gleich die tödliche Bedrohung ein – Beau wird auf affektiv und emotional höchst nachhallende Weise Opfer der Aliens; die Abbotts sind fortan zur stillen Trauer verdammt. Ein Zeitsprung von ein paar Monaten führt den Zuschauer zur nächsten lauernden Tragödie – ein Baby kommt. Neues Leben bedeutet in einer zur Lautlosigkeit verdammten Welt allerdings zugleich den Tod. Die insofern eingeschränkt enthusiastischen Eltern sind sich dessen sehr wohl bewusst und tun verzweifelt alles, um dem Unabwendbaren gerüstet zu begegegnen. Erwartungsgemäß spielen die bloßen Schwächen verletzlicher Menschlichkeit und die daraus resultierende Beziehungsdynamik ihnen gegen das Blatt und es gilt, einen letzten Kampf zu schlagen, der, auch das eine bewusste Konstellation, auf den traditionsträchtigen Showdown Mutter vs. Monster hinausläuft. Dass ausgerechnet die pubertierende, hörbehinderte Tochter ein probates Mittel zur Schwächung der übermächtigen Monster findet, lässt sich als hübsch zeitgemäße Volte an. Die Tatsache schließlich, dass dazwischen einige wirklich saumäßig fesselnde, bravourös arrangierte Spannungsmomente liegen, von deren Akzentuierungsgrad andere Regisseure träumen können, rundet diesen ziemlich sehenswerten Film nach oben ab.

7/10

EXQUISITE TENDERNESS

„I think you’re nuts.“

Exquisite Tenderness ~ USA/UK/D 1995
Directed By: Carl Schenkel

Bevor die eifrige Chirurgin Theresa McCann (Isabel Glasser) ihrem mit unlauteren Heilmethoden experimentierendem Kollegen Dr. Stein (Malcom McDowell) ans Bein pinkeln kann, wird dieser auch schon brutal ermordet. Und es bleibt nicht bei diesem einen Opfer – der einst von McCann und Stein geschasste Dr. Julian Matar (Sean Haberle) dämmert mitnichten, wie allgemein vermutet, querschnittsgelähmt in einem Sanatorium in Colorado vor sich hin, sondern ist, mittlerweile körperlich wieder quietschfidel, aber geistig sogar noch zerrütteter als zuvor, an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt, um nicht nur blutige Rache zu üben, sondern zudem seine Zellerneuerungsversuche zu perfektionieren. Er benötigt zudem permanent ein frisch entnommenes Sekret aus der menschlichen Hypophyse, um fit bleiben zu können…

Was sich mit dem drei Jahre zuvor entstandenen „Knight Moves“ bereits andeutete, fand mit dem auch als „The Surgeon“ bekannten „Exquisite Tenderness“ (jener Begriff steht, wie uns der Film erläutert, im Ärztesprech für einen Zustand ganz besonders extremer Schmerzen beim Patienten) Carl Schenkels endgültige Hinwendung zu dem statt, was man landläufig als Kino der Kategorie B bezeichnen könnte. Vollzog der Plot des bereits stets eng an der Phantastik befindlichen und spätestens im Finale mit dem Horrorgenre liebäugelnden Vorgängers bereits einige höchst unglaubwürdige Volten, so wurde „Exquisite Tenderness“ schließlich ein lupenreiner Gattungsvertreter der zuletzt in den Achtzigern wohlfeil bedienten Subkategorie „Krankenhaus-Slasher“. Als mit einem völlig verrückten Weißkittel auf Metzeltour befindlichen Superbösewicht arbeitendes Werk erinnerte mich Schenkels ruppiger Film sogar ein wenig an Manny Cotos hübsch durchgemangelten „Dr. Giggles“, zu dem er wiederum einige mentale Parallelen aufweist. Interessanteweise strukturiert und komponiert Schenkel diese Arbeit ganz ähnlich wie seine letzte; es gibt zu Beginn beider Filme eine schwarzweiß bebilderte Rückblickssequenz, die jeweils die psychologische Disposition bzw. die Motivation des hier und dort aktiven Serienkillers erläutert, später wird aus der Identität des Mörders zunächst ein Geheimnis gemacht gemacht, derweil der Held bzw. die Heldin in Misskredit geraten. In beiden Filmen verbindet Killer und HeldIn eine gemeinsame Vergangenheit, in beiden Filmen ist Rache ein wesentlicher Antriebsfaktor für den Übeltäter. In beiden Filmen bildet sich ein Pärchen nach visuell anregend gestaltetem, koitalem Zwischenspiel und steht gemeinsam gegen den Bösewicht und beide Finalsequenzen kommen nicht ohne ein abermaliges, spektakuläres Wiederaufbäumen des Verbrechers aus, bevor dieser dann nochmal doppelt so blutig das Zeitliche zu segnen hat. Kurzum: „Exquisite Tenderness“ bildet gewissermaßen eine bucklige Alternativversion zu „Knight Moves“, mit Medizinern anstelle von Schachspielern, ohne die schöne Kameraarbeit eines Dietrich Lohmann, dafür deutlich deftiger, räudiger, zerlumpter und eigentlich auch ehrlicher als der Vorläufer. Der Spaßfaktor allerdings, der bleibt gleich hoch.

5/10

KNIGHT MOVES

„Eventually revenge is carefully arranged.“

Knight Moves ~ USA/D 1992
Directed By: Car Schenkel

Der Schachgroßmeister Peter Sanderson (Christopher Lambert), verwitweter, alleinerziehender Vater einer kleinen Tochter (Katherine Isabelle), nimmt an einem Turnier an der Küste von Washington State teil. Zeitgleich mit ihm treibt auch ein brutaler, seriell vorgehender Frauenmörder sein Unwesen in der Gegend, der bald dafür sorgt, dass Peter selbst zum Hauptverdächtigen der Polizei wird. Während die beiden ermittelnden Cops Sedman (Tom Skerritt) und Wagner (Daniel Baldwin) nicht recht wissen, wem oder was sie eigentlich glauben sollen, hält die hinzugezogene Psychologin Kathy Sheppard (Diane Lane) Peter für unschuldig. Als die merkwürdigen Verbalhinweise des Killers endlich entschlüsselt werden, ist es beinahe schon zu spät.

Da der Schweizer Carl Schenkel als ausgewiesener Genrefilmer zu jener Zeit keine Chance im deutschsprachigen Europa hatte, setzte er seine Regietätigkeit in den USA fort – mit mittelprächtigem künstlerischen Erfolg, wie ich meine. Zumindest hätten ihm bessere Scripts zur Verfügung stehen dürfen, denn aus den sukzessive gröber und, Verzeihung, zunehmend dämlicher werdenden Bücher, die er in filmische Rahmen zu setzen hatte, hätte kein noch so brillanter Filmemacher wesentlich mehr herausholen können. Ironischerweise bildete „Knight Moves“, ein völlig typischer Hochglanzthriller seiner Entstehungsperiode, Schenkels größten kommerziellen Erfolg – in Deutschland wohlgemerkt. In den USA blieb er hinter den Einspielerwartungen zurück.
Ungewöhnlich an „Knight Moves“ ist lediglich das Milieu, in dem er angesiedelt ist – das der Schachspieler, der großen Strategen und Denker, eines, das, wie der Film uns mehrfach versichert, vor Spinnern, Gestörten und Neurotikern nur so wimmelt. Nicht nur Protagonist Sanderson (für den Lambert eine herrliche Fehlbesetzung abgibt) bedarf dringend therapeutischer Unterstützung, auch seinen Sportgenossen fehlt durchweg mindestens eine Dattel an der Palme. Immerhin gelingt es Schenkel und seinem Autor Brad Mirman auf diese Weise, beim Zuschauer regelmäßige Unsicherheit bezüglich Sandersons wahren Seelenzustands zu evozieren – vielleicht ist er ja doch der Mörder? Nein, natürlich wendet sich zumindest in dieser Hinsicht alles zu Guten, wenngleich der wahre Täter sich schließlich als so dermaßen jenseits von Gut und Böse entpuppt, dass man sich leicht verdutzt fragt, wie er überhaupt so lange unentdeckt durch die Weltgeschichte (und den Film) bummeln konnte. Von derlei Illogismen und Ungereimtheiten findet sich „Knight Moves“, dem kein Groschenromanklischee zu abgestanden ist und der weder mit zeitgemäßen erotic attempts noch mit hemmungslosem overacting (Baldwin!) geizt, jedoch randvoll durchsetzt, so dass die eine oder andere weitere ohnehin nicht explizit ins Auge fällt.
Highly campy stuff!

6/10