THE HUNT

„The jackrabbit always wins.“

The Hunt ~ USA/J 2020
Directed By: Craig Zobel

Eine Gruppe bunt zusammengewürfelter US-Bürger erwacht mitsamt versiegelten Mundknebeln irgendwo mitten in der Provinz, ohne zu wissen, wie sie überhaupt dorthin gelangt sein könnten. Nachdem man eine Kiste mit allerlei Waffen gefunden hat und die ersten Mitglieder der Gruppe von Heckenschützen abgeschossen wurden, kommt man auf die Idee, dass es sich hier um nichts Geringeres als die reale Umsetzung von „Manorgate“ handeln muss. Dieser rechtskonservativen Netz-Verschwörungstheorie zufolge verschleppen elitäre, reiche Deep-State-Repräsentanten „wohlinformierte“ Kleinbürger auf ein abgelegenes Terrain irgendwo in Arkansas und machen sie zur sportlichen Beute sadistischer Menschenjagden. Es dauert nicht lange, bis die meisten der Entführten auf oftmals blutige Weise das Zeitliche gesegnet haben. Nur die schweigsame Crystal (Betty Gilpin) ist deutlich wehrhafter, als ihre JägerInnen vermutet haben…

Die öffentliche politische Kontroverse, die Craig Zobels (respektive Damon Lindelofs) „The Hunt“ im letzten Jahr ausgelöst hat, sagt in sich eine Menge über die USA der Gegenwart aus und dürfte seiner vom Film so rundheraus wie selbstbewusst ausgestrahlten trickiness eine dufte PR beschert haben. Dabei entbietet „The Hunt“ kaum mehr denn ziemlich billig konstruierte Holzhammer-Satire, wie man sie von Blumhouse, die auch die ähnlich semigescheite, dystopische „Purge“-Reihe verantworteten, ohnehin erwarten kann. Jason Blum setzt ja gern auf modische Sozialkritik in Genregewändern, haut damit aber, von wenigen Ausnahmen wie Jordan Peeles „Get Out“ abgesehen, in der Regel ziemlich daneben. „The Hunt“ nimmt sich nun immerhin naseweis genug aus, keine eindeutige Position zu beziehen; die QAnon-Fraktion bekommt ebenso ihr breites Scriptfett weg wie die reichen Salonlinken und Altpreppies; red states vs. blue states etc.pp.chen. Im Prinzip eigentlich nicht der schlechteste Ansatz, um eine Wahljahr-Groteske vom Stapel zu lassen, mit dem leidlich kalkulierebaren Element des Humors, einer diesbezüglich jedoch verpflichtend tragfähigen Ingredienz, haut’s dann aber doch nicht so ganz hin. Dieser kapriziert sich nämlich auf vermeintliche Kabinettstückchen wie jenes, die zu Beginn zentrierten Figuren schnellst- und derbstmöglich wieder aus dem Plot zu reißen, indem sie explodieren oder ihnen die Köpfe weggeballert werden, was dann vor allem den eher juvenilen bis unbedarften gorelover zu Begeisterungsstürmen hinreißen wird. Auch dass die Lektüre von Orwell – obligatorischer Schulliteratur – als intellektuelles Maß aller Dinge herhalten muss, zeugt von einer gewissen zerebralen Bescheidenheit, die wahlweise den Autoren zuzuschreiben wäre oder auch ihrer Wahrnehmung des Zielpublikums. Beide Optionen nähmen sich letzten Endes wenig schmeichelhaft aus, wie ich meine. Auch die sich wiederum superschlau wähnende Auflösung, dass erst die Existenz des Mythos dessen anschließende Realisation bedingt, schafft da keine wirkliche Abhilfe. Dass sich im Finale nicht etwa reiche Demokratin und misstrauische Republikanerin gegenüberstehen, sondern irgendwie doch bloß wieder Lance Henriksen und Jean-Claude Van Damme in jeweils weiblicher Gestalt, zeugt abschließend abermals von der intellektuellen Inkonsequenz des ganzen Unterfangens.
Subtilität und wirkliche Cleverness bleiben demzufolge Mangelware in „The Hunt“, der sich zumindest als temporeicher Actionfilm in der langen und ungebrochenen Genealogielinie von „The Most Dangerous Game“ einigermaßen sehen lassen kann. Für seine eigentliche Agenda ist das allerdings deutlich zu wenig.

5/10

BEFORE I WAKE

„I don’t like to sleep.“

Before I Wake ~ USA 2016
Directed By: Mike Flanagan

Nachdem es seinen kleinen Sohn Sean (Antonio Romero) durch einen tragischen Unfall verloren hat, entschließt sich das Ehepaar Jessie (Kate Bosworth) und Mark Hobson (Thomas Jane), ein Pflegekind zu adoptieren. Der acht Jahre junge Cody (Jacob Tremblay) erweckt dann auch, trotz seiner bis dato dramatisch verlaufenen Biographie, zunächst den Eindruck eines lieben, unkomplizierten Kindes – das sich allerdings mit allen möglichen Mitteln dem Einschlafen verweigert. Bald erfahren die Hobsons auch, wieso: Wenn Cody schläft, werden seine Träume Realität – und somit auch seine Albträume. In diesen phantasiert der Junge sich neben diversem anderen vor allem eine dämonische Gestalt, den „Canker Man“ (Topher Bousquet) herbei, der jeden, dessen er habhaft werden kann, einfach spurlos absorbiert. Jessie nutzt dessen ungeachtet Codys Schlafphasen, um ihren über alles geliebten Sean wiedersehen zu können, den sie durch gezielte Suggestion in Codys Gedankenwelt „einpflanzt“. Doch das Spiel mit den Träumen wird zunehmend gefährlich – und Mark alsbald zum Opfer des Canker Man. Nicht das erste, wie Jessie bald herausfindet…

Alles, was ich bis dato von dem überaus umtriebigen Mike Flanagan gesehen habe, fand ich weitgehend mundend bis hübsch. Als hätte ich es geahnt, nahm sich der um „Before I Wake“ gezogene Bogen allerdings stets großzügig aus, bis zu einem schicksalhaften Tag in der letzten Woche, an dem ich mich dann doch eines Schlechteren besann.
Hier griff nämlich nicht nur yours truly, sondern auch Flanagan himself einmal ganz gehörig in die Jauche. Eine grauenhaft rührselig-weinerliche Fantasy-/Grusel-Mär kam dabei heraus, die von einer ohnehin bereits unangenehm belastetet wirkenden ersten Hälfte zu einem an schlockiger Einfalt kaum mehr überbieten zu lassenden Finale mäandert, angesichts dessen ich nurmehr die Hände überm Kopf zusammenschlagen konnte. Ich weiß nicht, was Flanagan, der auch noch das Script zu diesem Krampf (mit-)verbrochen hat, hier geritten haben mag, aber es war garantiert nichts Gutes. Gegen Horrorfilme mit und um Kinder(n) ist ja grundsätzlich nichts zu haben, „Before I Wake“ jedoch „errettet“ seinen ganz speziellen Wechselbalg durch einen ganz einfachen, verblüffend komplexitätsreduzierten Kniff: Böse Träume weg, Canker Man weg, ein paar Tote zwar, aber egal: Wird alles wieder gut, weil die neue Mama Cody lieb hat. So einfach ist das in der Zwei-Groschen-Welt von „Before I Wake“: Der einzige durch die Geschichte irrlichternde Mensch bei klarem Verstand, der von Thomas Jane gespielte Mark Hobson, wird relativ zügig aus dem Spiel genommen, was dann den nunmehr einzuschlagenden Trampelpfad für eine tränendurchflutete Mutter-/Kind-(Selbst-)Findungsgeschichte anlegt. Was uns Flanagan dann in den bereits beschworenen letzten Minuten um die Ohren haut, in denen Kate Bosworth im Zuge eines foltergleichen Aufzugs dem Publikum (bzw. stellvertretend für uns dem kleinen Cody) in betont kindgerechter Sprache erläutert – nämlich, was mit ihm los ist und wo die verschwundenen Leute hin sind, das schießt dann wirklich jeden Vogel ab. New-Mutant-X-Man oder Damien Thorn – entscheiden Sie selbst.
Einmal im Jahr ein fehlgeleitetes Produkt wie dieses kann ich bei konstanter Gesundheit überstehen oder sogar gutheißen, denn damit veranschaulicht sich, was einen wirklich schlechten Film eigentlich ausmacht und wie viele positive Aspekte sich im Gegenzug selbst noch jedem Mediokren abringen lassen, wenn man sich nur etwas Mühe macht, einmal genauer hinzuschauen.
„Before I Wake“ aber, der frontal alles vor die Wand fährt, was an Rettbarem noch in ihm stecken mochte, offeriert diesbezüglich nur leere, karge Ödnis.

2/10

UNDER SUSPICION

„Start recording.“

Under Suspicion ~ USA/F 2000
Directed By: Stephen Hopkins

San Juan, Puerto Rico, am Abend des San Sebastián Festivals. Während der reiche Inselprominente und Philanthrop Henry Hearst (Gene Hackman) auf eine Rede bei einer Benefizveranstaltung für Hurricane-Opfer vorbereitet, bittet ihn ein alter Bekannter, Police Captain Victor Benezet (Morgan Freeman), zu einer angeblichen Kurzbefragung aufs hiesige Polizeirevier. Hearst hat tags zuvor in einer Parkanlage die Leiche eines zwölfjährigen Mädchens (Vanessa Shenk) entdeckt – bereits das zweite Mordopfer dieses Alters binnen weniger Tage. Was Hearst nicht ahnen kann: sowohl Benezet als auch sein Adlatus Detective Owens (Thomas Jane) sind aufgrund auffallender Widersprüche in Hearsts Erstaussage der Ansicht, er selbst sei der Hauptverdächtige in beiden Fällen. Und tatsächlich bringt das Verhör Diverses zu Tage, das Hearst immer tiefer in die Angelegenheit verstrickt, ein Eindruck, den ein zusätzliches Interview mit Hearsts Gattin Chantal (Monica Bellucci) nochmals deutlich verschärft….

Wie Claude Millers bereits 1981 entstandener „Garde À Vue“ adaptiert Hopkins‘ Film den Kriminalroman „Brainwash“ des britischen Autors John Wainwright – die Bezeichnung „Remake“ wäre in diesem Fall also strenggenommen unztreffend. Da mir die Vorlage unbekannt ist, vermag ich zur reinen Verfilmungsqualität in beiden Fällen nichts zu äußern – was den Direktvergleich zwischen Millers und Hopkins‘ Variationen anbetrifft indes doch. Der in Paris in der Silversternacht spielende „Garde À Vue“ lebt von einer immensen formalen und psychologischen Strenge, die sowohl sein Regisseur als auch seine formidable Besetzung in konzentrierten Darstellungen widerspiegeln. „Under Suspicion“ begibt sich ganz diametral dazu in das karibische Flair der US-Dependance Puerto Rico, wahrt jedoch eine ähnliche Dichte in Bezug auf Handlungsort und -Zeit. Wie Millers Film kann sich „Under Suspicion“ primär auf seine beiden Antagonisten stützen, namentlich Morgan Freeman und Gene Hackman, die sich hier acht Jahre nach Eastwoods „Unforgiven“ abermals gegenüberstehen, diesmal jedoch unter umgekehrten Voraussetzungen. Als Mann, der Macht, Einfluss und ein gewisses autobiographisches Laisser-faire gewohnt ist, hält Henry Hearst dem durch die Exekutive ausgeübten Druck nicht in der Form stand, wie man es von ihm gewohnt sein könnte. Tatsächlich treffen die Suggestivfragen Benezets ihn völlig unbereitet und positionieren ihn bald in der Sackgasse der Ausweglosigkeit. Eine langwierige Ehekrise, die sich durch fehlende Kommunikation, Verdachtsmomente und Unterstellungen verhärtet hat, tut ihr Übriges. Am Ende stehen drei Individuen, die sich durch ihr stoisches, unreflektiertes Verhalten allesamt selbst in ihr persönliches und soziales Aus manövriert haben; eine Entwicklung, die bei Miller (wiederum fehlt mir der Romaninhalt zur besseren Einordnung) mit dem Verzweiflungssuizid der von Romy Schneider gespielten Ehefrau eine noch weitaus tragischere conclusio einfordert. Ganz so dramatisch mochte man in der US-Version dann doch nicht schließen, wie auch sonst einige Regieentschlüsse fragwürdig erscheinen. So wirkt insbesondere die Marotte, die Polizeiermittler als unmittelbare und aktive Teilnehmer der subjektiven Rückblicke zu inszenieren, eher platt und manieristisch denn funktional und nimmt sich somit eher als defizitäres Merkmal aus. Die Bellucci passt zwar in ihre Rolle, kann einer Romy Schneider aber fraglos nicht das Wasser reichen und auch Thomas Janes Rolle wirkt ungeachtet der eigentlichen Qualitäten des mir stets sympathischen Akteurs merkwürdig vor die Wand gefahren. Grundsätzlich sehenswert bleibt „Under Suspicion“ als Kriminalfilm jedoch allemal, insbesondere durch den ungewöhnlichen Handlungsschauplatz und eben die treffliche Edelpaarung Hackman/Freeman.

7/10

SYNCHRONIC

„Synchronic is the needle.“

Synchronic ~ USA 2019
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

In New Orleans geht eine neuartige Designerdroge namens „Synchronic“ um, mit deren Konsumentenauswirkungen die beiden Feuerwehrsanitäter und besten Freunde Steve Denube (Anthony Mackie) und Dennis Dannelly (Jamie Dornan) konfrontiert werden. Synchronic stimuliert die Zirbeldrüse, beeinflusst die Linearität des Zeitgefüges und versetzt seine User mit Haut und Haaren für ein kurzes, oft aber verhängnisvolles Fenster in irgendeine vergangene Epoche. Dass die Konsumenten sich damit zugleich unwägbaren, oft tödlichen Gefahren aussetzen, nehmen sie bereitwillig in Kauf. Als Brianna (Ally Ionnades), Dennis‘ Tochter, im Zuge eines selbstverabreichten Synchronic-Trips komplett in der Vergangenheit verschwindet, beschließt Steve, sie zurückholen. Steve selbst leidet unter einem fatalen Hirntumor, was seine persönliche Risikobereitschaft entsprechend erhöht. Also verschafft er sich sämtliche noch existenten Synchronic-Dosen und beginnt, mittels Selbstexperimenten dem Wirkungsschema der Droge auf die Spur zu kommen…

Mit wirklich großen Budgets kann das junge Filmemacher-Duo Moorhead/Benson auch im Zuge seines vierten gemeisamen Projekts (noch) nicht arbeiten; dafür wuchs und wächst die ihm zuteil werdende, internationale Aufmerksamkeit. So konnten sie sich immerhin des Hauptrollen-Engagements eines Hollywoodstars wie Anthony Mackie versichern und mit Universal einen big player mit entsprechender PR-Maschine als Verleih für „Synchronic“ gewinnen. Moorheads/Bensons jüngster Film bedient im Wesentlichen weiterhin jene Topoi, die schon „Resolution“ und „The Endless“ beseelten, ohne diesen allerdings bahnbrechend Neues hinzusetzen zu vermögen, von der psychologischen Tiefenschärfe des Protagonisten vielleicht abgesehen. Wieder geht es im Vordergrund um das physikalische Reizthema des Raum-Zeit-Durchbruchs sowie eine enge (hier: freundschaftliche) Männerbeziehung, die Diverses auszuhalten und sich somit gewaltigen Herausforderungen zu stellen hat. Dabei bleibt die Narration sehr eng an dem psychisch gebeutelten Steve, einem ausgiebigen Alkoholgenuss zugetanen Womanizer, der seinen besten Freund Dennis insgeheim zutiefst um dessen familiäre Stabilität, die Frau (Katie Aselton) und zwei Kinder beinhaltet, beneidet. Die niederschmetternde Diagnose „Hirntumor im unumkehrbaren Stadium“ führt Steve analog dazu noch weiter in die tiefe Frustration, da sich ihm somit selbst eine kurzfristige Änderung seines oberflächlichen Lebensentwurfs definitiv verbaut. Das Verschwinden Briannas, die für ihn selbst wie eine Tochter ist und im erweiterten Sinne die Konfrontation mit Synchronic verehrt ihm schließlich die Chance, seinem dämmernden Leben doch noch einen letzten, große Meilenstein zu verehren. Soweit die Motivation der Hauptfigur, die Mackie ansonsten mit einer ähnlichen unnahbaren Coolness versetzt wie seinen Cap-Kumpel Falcon im MCU. Das Spannungszentrum des Films nehmen schließlich seine minutiös angeordneten und durchgeführten Synchronic-Experimente ein, die gleichfalls klassischen SciFi-Inhalten entlehnt sind. In welche Zeit bzw. Ära Synchronic seinen Probanden versetzt, so findet Steve heraus, hängt etwa kausal damit zusammen, an welchem Ort man es zu sich nimmt. Diese kleine Finte gestattet den Agierenden Reisen in ganz unterschiedliche Erdzeitalter (deren Gestaltung sich vermutlich infolge der Budget-Limitierungen erschöpft). Dabei gilt es vor allem zu lernen und zu erkennen, dass die Vergangenheit zumeist mörderisch war; ob Vor- oder Eiszeit, ob Conquista oder Sezessionskrieg. Welches Statement mit dieser „Feststellung“ erfolgen soll, bleibt, wie mancherlei andere Aspekte des Films, erratisch und Mutmaßungen überlassen – möglicherweise wird hier auch bereits wieder im Geiste an einem optionalen Sequel geschraubt. Das muss dann ausnahmsweise die Zukunft erweisen.

7/10

HIS HOUSE

„It has followed us here.“

His House ~ UK 2020
Directed By: Remi Weekes

Das aus dem Südsudan stammende Ehepaar Rial (Wunmi Mosaku) und Bol (Sope Dirisu) lebt nach seiner Ankunft in England in einer Flüchtlingsunterkunft. Nyagak (Malaika Wakoli-Abigaba), die Tochter der beiden, ist zuvor während der Schiffspassage ertrunken. Ihr Verlust hat tiefe Risse bei Bol und Rial hinterlassen. Schließlich wird dem Paar unter strikten Aufenthaltsauflagen ein verwahrlostes Reihenhaus in einer anonymen Vorstadtsiedlung zugewiesen. Es dauert nicht lange, bis Bol, dem der Verbleib in der neuen Heimat über alles geht, Geister zu sehen beginnt. Vor allem Nayagaks unruhige Seele scheint voller Wut auf ihn und treibt Bol mit ihren ebenso aggressiven wie anklagenden Erscheinungen an die Grenzen des Wahnsinns. Auch Rial nimmt die Gespenster wahr. Für sie handelt es sich um einen Apeth, einen Dämon, der mit Schuld beladene Opfer bis aufs letzte Haar verschlingt, bevor er wieder Ruhe gibt. Während Bols und Rials Betreuer (Matt Smith) sich Sorgen zu machen beginnt, gilt es für die beiden, den Apeth irgendwie wieder los zu werden…

Dass der jüngere Horrorfilm sich, wie es den Wurzeln des Genres ja ohnehin seit eh und je entspricht, einer der kulturell bedeutsamsten Indikatoren für diverse gesamtgesellschaftlich geführte Diskurse zeigt, sollte keinem halbwegs aufmerksamen Genrebetrachter entgangen sein. Remi Weekes‘ „His House“ nun ist wohl einer der ersten Beiträge der Gattung zur Flüchtlingsthematik, und ein gleichermaßen sensibler wie berückender dazu. Ohne den Haunted-House-Topos seiner fest eingeschriebenen Ingredienzien zu berauben oder diese gar formal zu innovieren, erzählt Weekes wie beiläufig, was es heißt, eine krisengeschüttelte Heimat um Leibes und Lebens Willen hinter sich lassen und all die weiteren Entbehrungen auf sich nehmen zu müssen, die damit einhergehen, in das so sicher scheinende Mittel- bzw. Westeuropa zu migrieren. Denn die diversen, psychobiographisch versiegelten Traumata, die Albträume und möglicherweise auch auf sich geladene Schuldkomplexe bleiben – auch wenn der neu betretene Grund und Boden nicht von sichtbarem Blut getränkt sein mag. Der Apeth, die symbolische Manifestation all des Zurückgelassenen, ist längst nicht die einzige unnehmbar scheinende Hürde zur Sorgenfreiheit. Da sind auch noch die fremde Sprache, die andersartige Kultur, die hässliche, graue Zubetoniertheit der westlichen Urbanität, die Despektierlichkeit der hiesigen, weißen Ureinwohner mit all ihren kleinen und großen alltagsrassistischen Ressentiments, die aus ihrem Widerwillen und ihrem Unverständnis größenteils erst gar keinen Hehl machen. Ein schmuckloses, verkommenes Haus ohne Leben mit Müll, Dreck und Ungeziefer, Nachbarn ohne zwischenmenschliche Regungen, ein paar Pfund zum (Über-)Leben, dumme Bemerkungen, Verbote und Einschränkungen allerorten. Rial und Bol kommt das gepriesene, sichere England vor wie eine Teildiktatur mit ihnen selbst als humanem Bodensatz. Als ob all das nicht ausreichte, sind da noch die Schreie der Ertrunkenen, Ermordeten, Zurückgebliebenen, die in jeder ruhigen Minute ihr unablässiges Echo platzieren. Welcher Weg der richtige ist, müssen Rial und Bol erst herausfinden, wo „His House“ ihn stellvertretend für sie bereits gepflastert hat und nun mit ihnen beschreitet. Die einzige Option muss (und kann nur) lauten: weitermachen, kämpfen, niemals aufgeben.

8/10

THE EMPTY MAN

„Already you’re startin‘ to lose me.“

The Empty Man ~ USA/UK/SA 2020
Directed By: David Prior

Der Ex-Polizist James Lasombra (James Badge Dale) muss sich mit einer traumatischen jüngeren Vergangenheit herumschlagen. Als seine Bekannte Nora (Marin Ireland) ihn verzweifelt darüber informiert, dass ihre Tochter Amanda (Sasha Frolova) unter merkwürdigen Umständen verschwunden ist, betätigt Lasombra sich als Detektiv in eigener Sache. Er stößt auf einen sonderbaren Legendenkult, der etwas mit dem „Empty Man“, offenbar eine Art mysteriöser, dämonischer Entität, zu tun hat sowie eine sektenähnlichen Gemeinschaft namens „Pontifex Institute“, die auf übersinnlichem Wege mit ebenjenem Wesen in Verbindung steht. Gleich mehrere Jugendliche aus Amandas Umfeld werden tot aufgefunden, einige davon von Lasombra selbst. Seine weiteren Ermittlungen führen ihn schließlich zu einem höchst unerwarteten Ziel.

Über „The Empty Man“ zu stolpern, erfordert schon eine gewisse Koinzidenz. Der eigentlich bereits vor vier Jahren gedrehte und für ein verspätetes, halsbrecherisches Release im Oktober 2020 avisierte Film hatte nämlich denkbar viel Pech, von seinem Regisseur ganz zu schweigen: es handelte sich bei „The Empty Man“ um eine der letzten Eigenproduktionen, die bei 20th Century Fox vor der Übernahme durch den Disney-Konzern entstanden und deren klägliches Veröffentlichungsschicksal auf unglücklich verlaufene test screenings, rein monetär orientierte Gewinnabwägungen und natürlich die ganz allgemein rekurrierenden Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen sind. Für David Prior, ein Protegée von David Fincher und über Jahre hinweg vor allem als emsiger Making-Of-Dokumentarist für Heimkino-Releases umtriebig, sollte „The Empty Man“ das erste große Eigenprojekt darstellen. Der jenem zugrunde liegende Stoff kapriziert sich dabei auf eine in drei Etappen veröffentliche Mystery-/Horror-Comicreihe des renommierten Autors Cullen Bunn, wobei der Film keine direkte Adaption bildet, sondern einzelne Motive aus Bunns dystopischen Universum aufgreift und weiterverarbeitet.
Dabei heraus kam ein ungewöhnlich aufgezogener, verschachtelter Film, dessen Narrativ auf eine ganze Menge an Vorbildern zurückgreift und daraus am Ende doch etwas unerwartet Genuines destilliert. Auf knappe 140 Erzählminuten legt Prior sein Werk an, darunter eine rund 25-minütige, 23 Jahre in der filmischen Vergangenheit angesiedelte Exposition, die in Bhutan spielt und in der gewissermaßen der Einzug des Empty Man in die postmoderne Realität geschildert wird. Der nachfolgende Sprung macht uns dann umgehend mit dem Protagonisten vertraut, an dessen Seite wir den Rest der zermürbenden Geschichte bezeugen werden. Prior erweist sich dabei als ein in Sachen Genrehistorie beschlagener Aficionado, dessen Einflüsse notorische Lovecraft-Mythen über Urban-Legend- und jüngeren Sektenkulthorror sowie neo noir bis hin zu Alan Parkers „Angel Heart“ umspannen und den rätselnden Rezipienten ebenso häufig ins Leere laufen lassen wie mittels kluger Kompaktheit zu überraschen. Die verfrühte und in der desinteressierten Werbung suggestierte Annahme, hier abermals mit einem weiteren, dullen „Kausaldämon“ konfrontiert zu werden, der durch die Neugier ein paar gelangweilter Stadtteenies heraufbeschworen wird, könnte dabei falscher kaum sein und führt trotz entsprechender Ansätze glücklicherweise bald ins Leere. Die entsprechende Ebene verfolgt „The Empty Man“ als eine von vielen anfangs zwar durchaus, lässt sie dann aber bald fallen, wie sich am Ende die gesamte erzählte realis als großes, in weiten Teilen rein illusorisches Mosaik offenbaren wird. Es gilt vielmehr, die kleinen Zeichen zu beachten, derer sich Prior geschickt befleißigt – die graphischen Darstellungen an den Wänden etwa, die leere Flasche als zweckentfremdetes Gefäß, die Brücke als permanentes Symbol der Wahrnehmungserweiterung und der damit verknüpfte Begriff des „Pontifex“ (etymologisch „Brückenbauer“), der Nachname des Protagonisten, der auf spanisch „der Schatten“ bedeutet, die anfangs als Investigativziel aufploppende, nach Derrida, dem Begründer der Dekonstruktion, benannte Highschool von Amanda und ihren Freunden. Analog dazu gerät „The Empty Man“ mehr und mehr zu einer hermeneutischen (Selbst-)Reflexion. Prior unternimmt seine Reise also auf sehr viel komplexeren Pfaden als es zunächst den Anschein hat, weshalb ich auch nicht glaube, seinem Film nach einmaliger Betrachtung vollumfänglich gerecht werden zu können. Es lohnt sich insofern, ihm auf seine Brücke ins Irgendwo zu folgen.

7/10

BECKY

„When she was bad, she was horrid.“

Becky ~ USA 2020
Directed By: Jonathan Milott/Cary Murnion

Die dreizehnjährige Rebecca „Becky“ Hooper (Lulu Wilson) hat es nicht leicht. Ihre Mutter ist vor einiger Zeit an Krebs gestorben und ihr Dad (Joel McHale) beabsichtigt, sich neu zu verheiraten. Bereits die Vorstellung Beckys und der Stiefmutter (Amanda Brugel) in spe nebst deren Filius (Isaiah Rockcliffe) gerät zur Kleinkatastrophe, der die renitente Becky aus dem Weg geht, indem sie sich mit ihrem treuen Hund Diego in ihrer Waldhütte verschanzt. Zeitgleich taucht in dem entlegenen Wochenendhaus ein Quartett Krimineller (Kevin James, Robert Maillet, Ryan McDonald, James McDougall) auf, das von dem entflohenen Häftling und Neonazi Dominick (James) angeführt wird, der einen ominösen, im Haus versteckten Schlüssel sucht. Als Becky erkennen muss, dass mit den Verbrechern nicht zu spaßen ist, lässt sie ihrer lange im Verborgen gehaltenen Wut freien Lauf.

„Children In Heat“ sang Glenn Danzig einst, aber das mit „no resistance“ trifft auf Becky Hooper alles andere als zu. „You can’t control them“ schon eher. Eine der schönsten Überraschungen der letzten Zeit war dieser doch schwer Staunen machende Knüppelausdemsack des mir bislang unbekannten Regieduos Milott/Murnion. Zunächst lag „Becky“ gar nicht innerhalb meines Planungsradius, aus naheliegenden Gründen. Der den Film umwabernde, virale Dunst schien etwas in der Art einer derberen „Home-Alone“-Variante zu versprechen und auf ein naseweises Kind, dass Kevin James als Obergangster Mausefallen an die Nase pappt, hatte ich nicht wirklich Bock. Glücklicherweise hat mich ein nachgehend kaum mehr verifizierbarer, urplötzlicher Jieper doch noch umgestimmt – „glücklicherweise“, weil ich ja nicht ahnen konnte, welch böse, bärbeißige Überraschung sich hinter diesem oberflächlich so trivial anmutenden Kleinod verbirgt.
Der unscheinbar betitelte „Becky“ entbietet sich als ein gar nicht mal komischer, herber Home-Invasion- respektive Revenge-Thriller, garniert mit höchst unüblichen, weil extrem unbequem eingewebten Coming-of-Age-Versatzstücken. Wir hätten hier also ein nachhaltig frustriertes, frühpubertäres Mädchen in der Postlatenz, das ohnehin eine heftige Identitätskrise durchleben muss. Die Mutter tot, der Vater auf der Suche nach dem Weiterleben, der eine der beiden (Familien-)Pitbulls (Dora) everybody’s cozy darling. Bleibt eigentlich nur Beckys herzenstreuer Liebling Diego, der ihr dann auch nach Kräften im adrenalinzehrenden Kampf gegen die vier Unholde beisteht. Bei selbigem entwickelt die junge Dame dann höchst unfeine Einfälle, die sie mit aller unterschätzten Willenskraft in die Tat umsetzt, was für die Gangster bedeutet, dass die spätere Identifikation ihrer Leichen sich teils extrem schwierig gestalten wird. Wie Milott und Murnion jenen kleinen Feldzug gestalten, das ist tatsächlich ganz wunderbar und meistert die schwierige Gratwanderung zwischen Groteske und ernstzunehmendem Splatter absolut behende.
Lulu Wilson, die den Wahnsinn ja bereits per se ein wenig im Blick trägt, kultiviert ihre Titelrolle mittels einer bravourösen Mischung aus Orientierungslosigkeit, Traurigkeit und sublimierter Aggression, die Becky trotz ihrer verlorenen Position zu Beginn des grausamen Spiels tatsächlich zu einem Faktor macht, mit dem zu rechnen ist. Kevin James derweil genießt mit dick in den Nacken tätowierter Swastika erwartbar ausgiebig den Bonus, ausnahmsweise auch mal den bad guy geben zu können, was wiederum mit höchstens ganz feinen, ironischen Spitzen geschieht, die seinen als Nazi sowieso von grundauf verachtenswerten Charakter dessen angestammten Antagonistenplatz stets zur Gänze zugewiesen lassen. Dass die (MacGuffin-)Funktion jenes seltsamen Schlüssels, in dessen Besitz sich Becky bis zum Abspann befindet, der Publikumsspekulation überlassen bleibt, finde ich derweil wenig ansprechend gelöst. Eine mögliche Fortsetzung, in der die Kurze im amerikanischen Nazi-Untergrund aufräumt, möge uns um Himmels Willen erspart bleiben, der sehr gute Eindruck des rotzigen „Becky“ wäre gewiss dahin.

8/10

PELIKANBLUT

„Hör endlich auf damit. Mit allem.“

Pelikanblut ~ D/BG 2019
Directed By: Katrin Gebbe

Die Mittvierzigerin Wiebke (Nina Hoss) hat ihren Seelenfrieden gefunden. Auf ihrem Reiterhof trainiert sie Pferde für die berittene Polizeistaffel und mit der reizenden Nicolina (Adelia-Constanze Ocleppo) bietet sie einem bedürftigen, bulgarischstämmigen Heimkind ein erfülltesn neues Zuhause. Der geschiedene Polizist Benedikt (Murathan Muslu) hat außerdem ein mehr als berufliches Interesse an ihr. Als Wiebke mit der fünfjährigen Raya (Katerina Lipovska) nach längerer Wartezeit ein weiteres Mädchen adoptieren kann, scheint sich ihr Glück nochmals zu potenzieren. Doch das schwer traumatisierte Kind steckt voller psychischer Störungen, die es sein Umfeld bald spüren lässt. Da Raya durch ihr Verhalten zunehmend nicht nur sich selbst, sondern auch andere Kinder und schließlich Nicolina und ihre Adoptivmutter in Gefahr bringt, greift die unbeugsame und unbelehrbare Wiebke zu immer bizzareren Mitteln, die harte Schale des Mädchens zu durchdringen. Das letzte Mittel scheint die Hilfe der Geistheilerin Tanka (Justine Hirschfeld) zu sein, die zu spüren glaubt, dass Raya von einer übernatürlichen Entität besessen ist.

Ganze sechs Jahre nach ihrem herzzereißenden Debüt „Tore tanzt“ legt die vielversprechende Katrin Gebbe mit „Pelikanblut“ ihre jüngste Arbeit als Regisseurin und Autorin vor. Wenngleich der thematische Ansatz auf den ersten Blick ein ganz anderer zu sein scheint, geht es doch auch hier wieder um die zutiefst involvierende Leidensgeschichte einer von einer ganz speziellen, lebensvisionären Aufgabe erfüllten Figur, die sich aufopfert und allen äußeren Widernissen zum Trotz agiert. Dass die stille Pferdeflüsterin Wiebke selbst eine tief gezeichnete Figur ist, verrät uns neben einer Narbe unter dem Auge vor allem ihr zögerliches Verhalten dem ihr unentwegte Avancen machenden Benedikt gegenüber – obschon sich hier die Chance auf ein (neues?) Familienleben, das vor allem auch Nicolina guttäte, offeriert, gibt sie ihre Zurückhaltung nicht auf.
Mit Raya erhält ihre Kämpfernatur dann ein neues, unerreichbar scheinendes Ziel, das es zu erobern gilt, selbst auf Kosten alles zuvor so mühsam Erkämpften und Erreichten. Wegen Rayas irrationalem, selbst- und fremdgefährdendem Verhalten wenden sich nach und nach fast sämtliche Bekannten und Freunde von Wiebke ab. Sie selbst hält bis zur psychischen und physischen Belastungsgrenze an Raya fest. Auch ihre störrische Weigerung, naheliegende, äußere Hilfen etwa in Form einer betreuten Wohngemeinschaft für traumatisierte Kinder anzunehmen, bricht lediglich ansatzweise ein, erreicht dann aber doch wieder neuen Rückenwind. Mit der Wendung zum Parapsychologischen hin geht Katrin Gebbe schließlich einen zunächst rätselhaften, zumal unerwarteten Weg, der sich am Ende jedoch als sinnstiftende conclusio gestaltet, die „Pelikanblut“ in die jüngere deutsche Genretradition setzt und wegführt von dem zunächst offensichtlich scheinenden Vergleich mit Nora Fingerscheidts „Systemsprenger“. Anders als in diesem geht es in „Pelikanblut“ nämlich nicht um institutionelle Überforderung, sondern um den unendlichen Kraftaufwand, den es kostet, ein verloren scheinendes Kind fest an der Hand zu nehmen und ins Leben zurückzuholen. Dass Gebbes Film sich somit einer naheliegenden, wirklichkeitsverhafteten Lösung schlicht verweigert und Rayas neue Mutter ihren unkonventionellen Weg bis zum (zumindest innerhalb der damit vorläugig endenden, diegetischen Realität von „Pelikanblut“) erfolgreichen Abschluss ihrer selbstauferlegten Mission beschreitet, muss man insofern als konsequent bezeichnen. Bei Katrin Gebbe liegt auch in der tiefsten Finsternis stets ein Funke Hoffnung.

8/10

ZACK SNYDER’S JUSTICE LEAGUE

„I’m not broken. And I’m not alone.“

Zack Snyder’s Justice League ~ USA/UK 2021
Directed By: Zack Snyder

Steppenwolf (Ciarán Hinds), ein kriegerischer Halbgott von der dem puren Bösen anheim gefallenen Welt Apokolips, will sich nach früherer Verstoßung infolge allzu eigenmächtigen Verhaltens wieder bei seinem Herrn und Meister Darkseid (Ray Porter) einschmeicheln und fällt zu diesem Zwecke mit seinen fliegenden Paradämonen auf der Erde ein. Hier lagern nämlich seit Urzeiten drei Mutterboxen, lebende Computer, die sich nach äonenlangem Schlaf just reaktiviert haben und die den Schlüssel zur von Darkseid ersehnten „Anti-Lebens-Gleichung“ in sich tragen. Bruce Wayne (Ben Affleck) ahnt um die drohende Gefahr und schart mit der Amazon-Prinzessin Diana (Gal Gadot), dem Atlanter-/Mensch-Mischling Arthur Curry (Jason Momoa), dem superschnellen Barry Allen (Ezra Miller) und dem Cyborg Victor Stone (Ray Fisher) vier Mitstreiter um sich, die den einfallenden Horden die Stirn bieten und die Erde möglicherweise retten können. Schon bald wird dem ungleichen Quintett klar, dass selbst seine geballte Macht nicht gegen Steppenwolf ausreicht und die Idee reift, den im Kampf gegen Doomsday getöteten Kal-El (Henry Cavill) wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem der Plan gelingt und der zunächst amnesische, letzte Kryptonier wieder zu Sinnen gekommen ist, zieht man gemeinsam in die Schlacht gegen die bösen Aliens.

Ob die letzten Endes nun doch in Erfüllung gegangene Existenz von „Zack Snyder’s Justice League“ wirklich das Resultat unbeugsamen Fan-Engagements ist oder lediglich ein cleverer Schachzug von Warner und DC, deren noch jungen Bezahlsender HBO Max zu lancieren und die stiefmütterlich verschmähte, nach Snyders (durch bekannte, tragisch-persönliche Gründe erfolgtem) Ausscheiden von Joss Whedon fertiggestellte Kinoversion nachträglich zu amnestieren, wissen vermutlich nur die New Gods.
Wie dem auch sei, ich fand „Justice League“ nicht so übel, wie er allerorten gehandelt wurde, mir gefielen die kunterbunten, saturierten Leuchtfarben des vormaligen Finales durchaus, wenngleich die Zäsur zu den von Snyder ja auch als Vorbereitungsfilme inszenierten „Man Of Steel“ und „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ schon überdeutlich wurde. Dass Snyder bei seinen DC-Superhelden-Adaptionen eher auf Bierernst und existenzialistische Schwere setzt, war ja längst offenkundig und dazu mochte Whedons in der von ihm verantworteten Postproduktion umgepolter Karneval nicht wirklich passen. Nun also Snyders eigene, prononciert epische Version, die nicht nur für ein hörbares globales Aufatmen der dedizierten Fangemeindesorgte, sondern auch in manch anderer Hinsicht als große Wiedergutmachung gekränkter Befindlichkeiten fungiert (dafür, dass ich selbst zur zeitgenössisch sogar zweimal betrachteten Erstfassung keinen Text verfasste, gibt es übrigens keinen veritablen Grund außer mutmaßlich jenen, dass es mir an Zeit und/ oder Inspiration gefehlt haben wird). „Zack Snyder’s Justice League“ ist, alles andere zu behaupten wäre jawohl auch albern, tatsächlich besser als die von der naseweisen Netz-Intelligenzia abschätzig als „Josstice League“ bezeichnete Whedon-Version, aus naheliegenden Gründen. Nicht zuletzt die um das Doppelte verstärkte Erzählzeit gewährt dem Ganzen zunächst eine sehr viel komplexere und umfassendere Herangehensweise, was sich insbesondere in der Charakterisierung der Figuren niederschlägt. Die bislang ja ohne „eigene“ Filme auskommen müssenden Barry Allen und Victor Stone erhalten nun wesentlich plastischere Hintergründe, die jeweils in unterschiedlich geprägten Vater-/Sohn-Konflikten wurzeln und die ihnen inhärente Tragik (insbesondere im Falle des letzteren) deutlich nachvollziehbarer machen. Während vor allem Flash in Whedons Schnittfassung zu einem, um den unausweichlichen MCU-Vergleich zu ziehen, flapsig-spaßigen Spider-Man-Youngster frisiert wurde (nebenbei eine Wandlung, die zu seiner originären Comic-Persona als eher biederem Polizeiwissenschaftler überhaupt nicht passen wollte), gestattet der Snyder-Cut sich einige schöne bis nachgerade poetisch inszenierte Augenblicke um den Blitzflitzer. Mögliche künftige Helden wie der Martian Manhunter (Harry Lennix) oder Ryan „Atom“ Choi (Ryan Zheng) können eingeführt werden und Darkseid, der im DC-Universum das Gegenstück zu Marvels Thanos darstellt, erhält nun wesentlich mehr Raum. Ein neuer Score (von Junkie XL statt Danny Elfman) erklingt, diverse fomale (Kadrage-Verschmalung auf das 4:3-IMAX-Format, merkliche Ausdünnung der Farb- und Kontrastpalette) und kosmetische (Supermans Dress ist jetzt der schwarze aus der „Return“-Comic-Strecke von 1993) Modifikationen brechen sich Bahn. Zudem findet ein großzügiger Epilog Platz, der auf das hinweist, was Snyder für die zunächst geplanten „JL“-Sequels vorschwebte; Darkseids künftige Eroberung der Erde und Supermans Hinwendung zur Dunklen Seite, die, wie in einem wohlbewussten Vorbild, am Ende nurmehr durch eine Rückreise in der Zeit ungeschehen gemacht werden kann. Da ja irgendwie nun doch alles möglich ist, werden wir vielleicht in ein paar Jahren auch noch jener Vision(en) ansichtig. Das Durchhaltevermögen hartnäckiger Geeks stirbt zuletzt.

8/10

JOHNNY GOT HIS GUN

„What is democracy?“ – „Well it’s never bright clear on myself. Like any other kind government it’s got something to do with young men killing each other I believe.“

Johnny Got His Gun (Johnny zieht in den Krieg) ~ USA 1971
Directed By: Dalton Trumbo

Der junge Amerikaner Joe Bonham (Timothy Bottoms) wird auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs von einer Granate getroffen. Als er im Krankenhaus erwacht, dämmert ihm erst nach und nach, was mit ihm passiert ist. Joe hat alle vier Gliedmaßen und sein Gesicht verloren, ist also faktisch sämtlicher Sinne und Kommunikationsmittel beraubt. Die behandelnden Ärzte glauben, dass er auch komatös sei, kein Bewusstsein mehr besäße und halten ihn als medizinisches Kuriosum am Leben. Immer wieder lässt Joe in einem undefinierbaren Zustand aus klaren Momenten und drogeninduzierten Traumzuständen Augenblicke seines Lebens und seiner Phantasie an sich vorüberziehen. Irgendwann erinnert er sich an das Morsealphabet und beginnt, die Außenwelt auf sich aufmerksam zu machen.

Nachdem der wegen der HUAC-Affäre lange Jahre unter Pseudonymen arbeitende Autor Dalton Trumbo wieder rehabilitiert war, entschloss er sich, seinen eigenen, 1939 überaus erfolgreich erstveröffentlichten Kriegsroman selbst für die Leinwand zu adaptieten und zu inszenieren. Das zunächst als Produktionsfirma involvierte Studio Warner Bros. schasste das Projekt bald, so dass es fünf Jahre bis zur Fertigstellung dauerte, die Trumbo dann weitgehend unabhängig durchboxte. Bis 1988 blieb der Film praktisch eine kaum gezeigte Rarität, was sich durch das berühmte Metallica-Video zu ihrem Song „One“, in dem Ausschnitte und Dialoge des Werks prominent gefeaturet werden, änderte.
Wie alle wichtigen, um diese Zeit entstandenen (New Hollywood-)Filme mit Kriegsbezug ist auch „Johnny Got His Gun“ trotz seiner ursprünglichen literarischen Provenienz vor allem eine leidenschaftliche Anklage an den damals lähmend exerierten, ungbremst andauernden US-Einsatz in Vietnam, allerdings gestaltet er sich auch sehr viel sperriger und zugleich verdichteter als mitunter boshaft-komisch konnotierte, sehr viel kanonisiertere Klassiker wie Altmans „MASH“ oder Nichols‘ „Catch-22“, die den satirischen Ansatz präferierten, das Wesen des Krieges als gewaltige Narretei zur Selbstdezimierung des Menschengeschlechts zu denunzieren. „Johnny Got His Gun“ wählt den umgekehrten Weg – er bricht den Krieg auf ein solitäres Individuum herunter, ein ultimatives Opfer, ein lebendes Gespenst. Mit dem Granateneinschlag fährt Joe Bonham gewissermaßen zur Hölle ohne dabei sterben zu dürfen – die albtraumhafte Vorstellung, nurmehr als obszöner Torso mit von außen gesteuerten Vitalfunktionen vor sich hin vegetieren zu können, inklusive. Außer in Bezug auf das via Off-Ansprachen und Mentalreisen adressierte Publikum gibt es zunächst keinerlei Mitteilungsmöglichkeit, bis schließlich nach einer weder für Joe noch uns messbaren Zeitspanne eine ihm zugetane Krankenschwester (Diane Varsi) registriert, dass Joe sich Morsezeichen bedient, indem er den Kopf bewegt. Doch selbst seine auf diesem Weg formulierten, letzten Wünsche werden ihm – aus strikt ethischen Gründen versteht sich – nicht erfüllt werden. Weder darf er als Freak und lebendes Mahnmal an die Öffentlichkeit gelangen, noch wird seinem alternativen Todeswunsch stattgegeben. Das einzige, was Joe bleibt als finaler, grotesker Trostspender sind seine inneren, gedanklichen Reisen in seine Vergangenheit und an die Schwelle des Jenseits, wo er seinem Vater (Jason Robards) und manchmal seiner ersten und einzigen Jugendliebe (Kathy Fields) begegnet. Gelegentlich versucht auch Jesus (Donald Sutherland, in von Luis Buñuel verfassten Szenen, ihn zu beschwichtigen. Doch selbst der Heiland hat irgendwann auf Joes Fragen nach Sinn und Zweck seines Schicksals keine Antworten mehr parat.
Dass Trumbo eigentlich kein Regisseur war, sondern ein Mann des geschriebenen Wortes, kann der Film nicht wirklich verhehlen und will dies wahrscheinlich auch gar nicht. Trumbos Inszenierungsstil bleibt schmucklos, drög und fahl; die Wechsel zwischen gegenwärtiger Realität und Gedankenwelt markiert er durch die Ablösung von schwarzweiß zu blasser Farbe. „Johnny Got His Gun“ positioniert sich somit denkbar weit von dem entfernt, was man als „konsumierbar“ bezeichnen würde, vielmehr gerät er auch zu einer Prüfung für sein Publikum, das die bittere Hoffnungslosigkeit dieses von stiller Anklage erfüllten Passionswegs sprachlos erdulden muss. Insofern einer der wenigen wirklich dieses Prädikat verdienenden Anti-Kriegsfilme, ein einzig durch seine schiere, grausame Ausweglosigkeit hartes, transgressives, nur sehr schwer erträgliches Pamphlet und dadurch zugleich so unendlich wertvoll.

10/10