THE LEGEND OF TARZAN

„No man ever started with less.“

The Legend Of Tarzan ~ USA/UK/CAN 2016
Directed By: David Yates

Die Kongo-Konferenz in den 1880ern sichert dem belgischen König Leopold II. gewaltige Befugnisse in der afrikanischen Kolonie zu, doch bereits gegen Ende des Jahrzehnts droht dem Monarchen der Bankrott. Um in den Besitz eines sagenhaften Diamentenschatzes zu kommen, stellt Leopold durch Leon Rom (Christoph Waltz), seinen Agenten vor Ort, dem Eingeborenenkönig Mbonga (Djimon Hounsou) die Übergabe seines alten Erzfeindes Tarzan (Alexander Skarsgård) in Aussicht, der seit mittlerweile acht Jahren als John Clayton, Lord von Greystoke in England die Privilegien seiner adligen Herkunft genießt. Unter einem Vorwand versuchen die Belgier, ihn zurück nach Afrika locken. Doch der clevere US-Diplomat George Washington Williams (Samuel L. Jackson), ein flammender Gegner der Sklaverei, riecht den Braten und überredet Clayton, vor Ort gegen die Umtriebe der Besatzer Widerstand zu leisten. Gemeinsam mit seinen früheren Verbündeten, Menschen und Tieren, ziehen Tarzan und Williams in den Kampf gegen Leopolds Armee, die Force Publique…

Ich bin stets sehr fasziniert gewesen von dem ganzen mythologischen Überbau, den die Tarzan-Saga seit ihren Wurzeln in der Pulp-Literatur vor rund 105 Jahren hinzugewann, der Wandlung der Figur in Film und Comic-Strips und nicht zuletzt den ungezählten Epigonen und Plagiaten. Dabei haben mir die populäreren Filme, vor allem die zwölfteilige Reihe mit Johnny Weissmuller, von dem dann Lex Barker übernahm; die höchst eigenwillige Interpretation von John Derek und schließlich Hugh Hudsons leider oft missverstandener, existenzialistischer Ansatz immer besonders gut gefallen, weil sie alle mir seit meiner – teils frühen – Kindheit sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Den Animationsfilm von vor drei Jahren habe ich mir wohlweislich erspart, wie ich rückblickend auch mit Yates‘ Interpretation hätte verfahren sollen. Das Ding geht nämlich mit Volldampf in die Binsen. So ziemlich alles, was am jüngeren Blockbusterkino als generisch und langweilig verurteilt wird, findet sich hier mit der Akkuratesse einer Checkliste abgearbeitet. Von der eigenwilligen Magie der Ur-Geschichte, einem fabulierfreudigen, in bislang unentdeckte, wildwuchernde Teile des afrikanischen Dschungels führenden Kolonialmythos, bleibt nichts mehr. Alexander Skarsgårds Tarzan ist ein ausgehöhlter, nur physisch schöner Heros, der mit selbstreflexiver Sicherheit um seine eigene Bedeutung als Popikone weiß und sich damit das Wasser der Glaubwürdigkeit innerhalb der Fabel vollständig abgräbt. Samuel L. Jackson – man muss ja mittlerweile für jeden Multiplexaufwasch dankbar sein, der ihn auch mal unauffällig ausspart – macht es sich gewohnt einfach: er transponiert seinen Nick Fury aus dem MCU kurzerhand in die viktorianische Ära, um einem historischeren Superhelden als den gewohnten Unterstützung zu leisten. Und der Waltz, der spult eben sein gewohntes, aber wie ich finde immer noch ansehnliches Bösewichtsrepertoire herunter. Andere langweilt er ja mittlerweile auch bloß noch. Margot Robbie indes führt die vermutlich egalste Jane vor, die es bisher im Kino zu sehen gab.
Was „The Legend Of Tarzan“ aber endgültig und mit aller Gewalt das Genick bricht, ist der umfassende CGI-Einsatz, der den gesamten Film zu einem unsäglichen, aseptischen Plastikabenteuer degradiert. Die Tiere, die Steppenlandschaften und selbst der Dschungel sind samt und sonders unecht und kommen aus dem Rechner und das Schlimmste: man sieht das zu jeder Sekunde. Wo früher noch phantasiebegabte Set-Dekorateure und Matte-Painter die Illusion tollkühner Lianenschwingerei zu erzeugen wussten, bleibt heute nurmehr die Klebrigkeit einer industriell gefertigten Fabriksüßspeise mit garantiert künstlicher Geschmacksrichtung. Dem gesamten Projekt gerät jede Leidenschaft abhanden; und selbst die eigentlich hübsche Phantastik-Idee, bösen Imperialisten mit einer Horde Seite an Seite mit Löwen und Krokodilen in den Kampf ziehenden Gnus zu Leibe zu rücken und diese nicht nur von der afrikanischen Küste hinfort, sondern gleich zurück bis nach Westeuropa zu jagen, rettet am Ende nichts mehr. Zwar bleibt die Versicherung, dass der Zauber des schwarzen Kontinents im Bedarfsfall auch die Fruchtbarkeit nährt, bloß führt sich jenes Vitalitätsversprechen angesichts des ihm zugrunde liegenden Films böse ad absurdum. Wo nichts ist, kann nichts wachsen.  

3/10

3 HOMMES À ABATTRE

Zitat entfällt.

3 Hommes À Abattre (Killer stellen sich nicht vor) ~ F 1980
Directed By: Jacques Deray

Der professionelle Pokerspieler Michel Gerfaut (Alain Delon) wird durch Zufall in eine Vendetta des mächtigen Rüstungsindustriellen Emmerich (Pierre Dux) gezogen. Emmerich lässt drei seiner Hauptangestellten, die Skrupel wegen eines fehlerhaften Raketensystems haben und diese publik machen wollen, von gedungenen Killern ermorden. Einen davon (André Falcon) findet Gerfaut des Nachts schwerverletzt in seinem Wagen und bringt ihn, nichts Böses ahnend, zur nächsten Unfallambulanz. Nun ist der zuvor Unbeteiligte ein gefährlicher Zeuge, den es ebenfalls zu liquidieren gilt. Doch Gerfaut ist durchaus imstande, sich seiner Haut zu wehren, wenngleich er weiterhin übersieht, mit welchen Gewalten er wirklich im Clinch liegt.

„3 Hommes À Abattre“ („Drei Männer im Fall“, womit wahlweise die drei Anschlagsopfer oder auch die entgegengesetzten Kräfte Gerfaut, Emmerich und dessen erniedrigter Sekretär Leprince gemeint sein können) wäre sicherlich gern ein an den hochwirtschaftlichen und staatlichen Organen rüttelndes, bedrückendes Werk im Stil von Costa-Gavras, Rosi oder Verneuil. Dieses hehre Ziel verfehlt er jedoch, und das nicht nur um Haaresbreite. Als allzu hinderlich erweist sich vor allem die Eitelkeit des (sich selbst produzierenden) Hauptdarstellers, seinem im Unterhaltungsfach zunehmend erfolgreichen Kollegen Belmondo Konkurrenz zu machen und sich selbst als Actionheld zu stilisieren. Wo üblicherweise in dieser Art Film aufrechte Beamte, unbescholtene Liberale und/oder politische Naivlinge zu Spielbällen der Macht werden und deren ganze korrupte Bandbreite zu spüren bekommen, hat man bei dem sich sehr wehrhaft gebenden Michel Gerfaut nur höchst selten das Gefühl, er sei wirklich in die Enge getrieben oder wisse nicht mehr weiter. Derays Film wird stattdessen im Laufe seines Vorübergehens mehr und mehr zu einer vulgarisierten, ordinären Spielart seiner tatsächlich beklemmenden Vorbilder, so dass das weniger abrupte denn erwartbare Ende dann auch eher aufgesetzt denn wirklich bestürzend wirkt. Pierre Dux als aus dem Hintergrund agierende, graue Eminenz Emmerich, der nur zu seinen Katzen freundlich ist, findet sich als recht stereotyp angelegter villain nicht ohne eindeutige Analogien zu den Bond-Bösewichten jener Tage. Seine von ihm angeheuerten Killer sind im Prinzip völlige Stümper, bei denen man sich alsbald wundert, dass sie überhaupt irgendwas zustande bringen und Delon als über sich hinauswachsender Normalmensch haut wiederum auch nicht ganz hin. Was dann schon mehr Laune macht, sind die spärlichen Actionsequenzen und Gerfauts verschlungene Wege aus der Ausweglosigkeit. Einen dazu passenden Showdown bleibt man uns wiederum schmerzlich schuldig.
Nicht Halbes und nichts Ganzes somit und im Grunde vordringlich für Zeitgenossen von Interesse, die an Delon vor allem dessen machismo und sein gelbzahniges Grinsen schätzen und davon nicht genug kriegen können.

6/10

FLIC STORY

Zitat entfällt.

Flic Story ~ F/I 1975
Directed By: Jacques Deray

Paris, 1947: Der als Soziopath geltende Raubmörder Émile Buisson (Jean-Louis Trintignant) flieht aus der psychiatrischen Haft. Anstatt unterzutauchen, kehrt er jedoch nach Paris zurück und macht bald wieder durch brutale Raubmorde von sich reden. Der junge, ehrgeizige, zugleich jedoch humanistisch geprägte Polizeibeamte Borniche (Alain Delon) von der Sûreté heftet sich an Buissons Fersen, hat allerdings einige Schwierigkeiten, des geschickten Gangsters, der eine immer länger werdende Blutspur hinter sich her zieht, habhaft zu werden. Schließlich gelingt ihm doch noch die Festnahme.

Ein formal wie narrativ sehr konzentrierter, auf authentischen Wurzeln fußend. Der reale Émile Buisson brachte es nach einer Bilderbuchkarriere als unbelehrbarer Delinquenter sowie infolge seiner umfassenden kriminellen Aktivitäten schließlich zum „Staatsfeind Nr. 1“ im Jahre 1950. Von seiner Flucht aus dem psychiatrischen Gewahrsam bis zu seiner Hinrichtung unter der Guillotine vergingen rund neun Jahre, in denen Buisson wahre Leichenberge auftürmte und Raubüberfälle beging (er wurde über dreißig Morden und rund einhundert Raubüberfällen schuldig befunden). In der Tradition der Kriminalfilme Melvilles verzichtet Deray dabei fast stoisch auf eine emotionale Extrapolation der Ereignisse und beteiligten Personen und geht stattdessen streng faktengebunden und mit teils dokumentarischer Strenge vor. Die Anfertigung vollständiger Charakterbilder entfällt infolge dessen beinahe komplett auf den Rezipienten, dem es obliegt, die grundverschiedenen Antagonisten für sich einzuordnen. Erwartungsgemäß erweist sich die von Trintignant gewohnt vorzüglich gespielte Figur des Émile Buisson als die interessantere, schillerndere. Obgleich der Akteur darauf verzichtet, den klassischen, oftmals ödipal geprägten Gangsterwahn, wie ihn vor allem James Cagney in ganz analogen Rollen so denkwürdig zu perfektionieren verstand, in sein Repertoire aufzunehmen, bleibt Buisson durch seine oftmals reglosen Gewaltausbrüche von steter Bedrohlichkeit. Delon als sein Antagonist ist freilich ebenfalls sehenswert, belässt den Kriminaler in seinen durchaus widersprüchlichen Zügen jedoch ein wenig zu konturlos. Eine Minimalschwäche innerhalb eines ansonsten sehr sehenswerten Werks.
Von einigem gehobenen Interesse für das schließlich seines Katz-und-Maus-Status‘ enthobenen Wechselspiel zwischen Beamtem und Kriminellem sind dann nochmal die letzten Minuten, die Delons Borniche die letzten Jahre seiner Beziehung zu Buisson aus dem Off subsummieren lassen. Der Polizist berichtet darin von einem von gegenseitigem Verständnis und Respekt geprägten, bald freundschaftlichen Verhältnis zu dem Massenmörder, den er im Zuge regelmäßig stattfindender Verhöre über einen langen Zeitraum hinweg privat kennenlernen konnte. Allein diese, leider nur kurz angerissene Episode gäbe sicherlich nochmal hinreichend Potenzial her für einen eigenen Film.

8/10

SINGLE WHITE FEMALE

„That’s just so New York.“

Single White Female (Weiblich, ledig, jung sucht…) ~ USA 1992
Directed By: Barbet Schroeder

Ein heftiger Streit mit ihrem Freund Sam (Steven Weber) führt die New Yorkerin Allison (Bridget Fonda) zu der relativ spontanen Entscheidung, betreffs einer Mitbewohnerin für ihr Appartement zu annoncieren. Diese findet sich schließlich in der unkompliziert scheinenden Hedy (Jennifer Jason Leigh), mit der Allison bald eine enge Freundschaft verbindet. Doch irgendwann steht die Versöhnung mit Sam an, was zwangsläufig bedeutet, dass Hedy das Feld räumen muss. Allison kann nicht ahnen, dass ihre Wohnungsgenossin unter einem tief verwurzelten Schuldkomplex und einer damit einhergehenden Persönlichkeitsstörung leidet. Diese äußert sich angesichts der für Hedy unerträglich werdenden Situation in immer heftigeren aggressiven Schüben…

Das Faszinierendste an Barbet Schroeder ist neben seinem schon als kosmopolitisch zu bezeichnenden Werdegang die Heterogenität seines Œuvres als Filmemacher. Dieses reicht von außergewöhnlichen Dokumentationen über Experimentelles und international entstandene Filme abseits des kommerzorientierten Mainstream bis hin zum konventionellen Hollywood-Thriller. Einer der erfolgreichsten Filme letzterer Gattung ist sein feministischer New-York-Film „Single White Female“, der sich im Hinblick auf sein Sujet zumindest auf den ersten Blick auch recht gut bei Polanski, De Palma oder Lumet verorten ließe, dessen formeller Stil und Charakterisierungsstrategien jedoch andere Wege beschreiten. Zwar evoziert das Script mit fortlaufender Entwicklung – trotz allem handelt es sich immer noch um waschechten Suspense – sich gegen Hedy richtende Angst- und Hassgefühle beim Publikum, dennoch bewahrt es stets einen humanen Rest Empathie, der dafür sorgt, dass Hedy trotz der von ihr ausgehenden Gefahr nie zum vollendeten Filmmonster avanciert, sondern stets ein letzten Endes bemitleidenswertes, unverstandenes und tragischerweise untherapiertes Individuum bleibt, das sehr viel frühere aktiverer Hilfestellung bedurft hätte, um seinen psychotischen Anwandlungen präventiv begegnen zu können. Gerade diese Crux, also das emotionale Wechselbad zwischen der Furcht vor der unkontrollierten Zügellosigkeit auf der einen und dem Wunsch nach professioneller Hilfestellung andererseits macht den Film wesentlich mehrdimensionaler als viele andere Vertreter seiner Gattung; man denke nur etwa an die etwa zeitgleich entstandenen „Pacific Heights“ von John Schlesinger und „The Hand That Rocks The Cradle“ des just verstorbenen Curtis Hanson, die jeweils ebenfalls den Einbruch des Irrationalen in kontrolliert geglaubte, bourgeoise Alltagswelten thematisieren, sich jedoch bewusst damit begnügen, die aufziehende Nachtschwärze als reine Unheilssymbole zu figurieren. Ich möchte mutmaßen, dass Schroeder sich damit nicht begnügt hätte, wenngleich vor allem Momente wie der, in dem Hedy durch aktive Fahrlässigkeit (oder Schlimmeres, das bleibt offen) den Tod des zuvor noch gehegten Welpen (poor Buddy!) verursacht, zumindest mich als Hundemann die Wände hoch gehen lassen.
Doch auch als Porträt eines auf eher unsympathische Weise „verhipten“ Manhattan (Hauptdrehort ist das überaus schicke Ansonia Hotel in der Upper West Side) sowie der nach wie vor akuten Probleme karriereorientierter Frauen, sich in einer von – keinesfalls immer fair agierenden – Männern dominierten Wirtschaftsenklave behaupten müssen, punktet Schroeders schön zeitgemäßes Werk. Ein Gewinner!

8/10

I AM WRATH

„Find ‚em, kill ‚em.“

I Am Wrath (Rage – Tage der Vergeltung) ~ USA 2016
Directed By: Chuck Russell

Der Angestellte Stanley Hill (John Travolta) kehrt von einem Bewerbungsgespräch zu seiner Frau Vivian (Rebecca De Mornay) in Ohio zurück. Noch am Flughafen wird Vivian ermordet – scheinbar im Zuge eines gewöhnlichen Raubüberfalls. Doch Stanley ahnt, dass dahinter viel mehr stecken muss. Allzuu nachlässig die Polizeiarbeit bezüglich des Verbrechens, allzu verdächtig Vivians den Plänen des Gouverneurs Meserve (Patrick St. Sprit) entgegenstehendes Engagement als Umweltlobbyistin, den geplanten Bau einer teuren Pipeline betreffend. Für Stanley, ehemals Mitglied der Special Forces und entsprechend geschult und ausgestattet, gibt es von jetzt an nurmehr den privaten Weg: Gemeinsam mit seinem alten Freund Dennis (Christopher Meloni) und allerlei Feuerkraft pflügt er sich zielstrebig durch die Reihen der Unholde bis hin zu ihrem Kopf.

Ein trauriges Beispiel verkommen(d)en Talents. Dass ich den Travolta ab ’94, sozusagen den von Tarantino reaktivierten, kaum mehr leiden mag, ist ein rein privat gefärbtes Problem; was jedoch der spärliche Arbeiter Chuck Russell, der vor knapp drei Dekaden immerhin den grenzbrillanten „A Nightmare On Elm Street Part 3: The Dream Warriors“ inszenierte, hier nach einer abermals langen Pause vorlegt, das gefällt mir beinahe noch weniger. „I Am Wrath“ hängt sich an die jüngst recht erfolgreich gelaufene, kleine Selbstjustizler- und Vigilantenwelle, die mit Antoine Fuquas „The Equalizer“ sogar einen durchaus amtlichen Beitrag liefern konnte. Das Sujet, wie es hier aufbereitet wird, hat jedoch nurmehr was von einem in der hinteren Kühlschranksektion vergessenen Stinkkäse. Unter einem ernsthaft motivierten, engagierten Rächer stelle ich mir jedenfalls keinen nur Stunden nach dem Gewalttod seiner geliebten Frau angesichts erster Racheerfolge herumfeixenden Typen vor, der sich eigentlich bloß freut, einen Grund zu haben, in sein früheres, heißgeliebtes Metier als Attentäter zurückzukehren. Doch nichts Anderes präsentiert uns dieser Film. Die großen Rächerfiguren des Kinos der siebziger und achtziger Jahre hatten, bei all ihrer kontroversen Vorgehensweise, zumindest Eines stets gemeinsam: Sie waren destabilisierte, aus den Fugen geratene, traurige Einzelgänger, auf die nach „erfüllter Mission“ wahlweise der Tod, die große Leere oder zunehmend realitätsferne Sequels warteten. Nicht so Stanley Hill – der findet es ziemlich funky, was er da tun muss bzw. tut und hat jede Menge schlechten Spaß dabei. Der auslösende Faktor, also die brutal erdolchte Gattin, scheint relativ schnell der Bedeutungslosigkeit anheim zu fallen. Und diese penetrante Disharmonie findet sich wird weder als ironische Genrereflexion aufbereitet noch als clevere Drehbuchfinte, sondern verbleibt schlicht unangenehmer Subton.
Russell regiert den lückenhaften Film entsprechend ratlos und unbeteiligt und lässt seinen hamsterbackigen Alttänzer, dessen Antlitz mich nebenbei unentwegt auf sonderbar-unheilvolle Art an den Arnold-Dummy aus der Autoaugenoperationsszene in „The Terminator“ denken ließ, mal machen. Ich derweil war froh, als ich endlich durch war und mich endlich wieder Gehaltvollerem zuwenden konnte.

3/10

KING SOLOMON’S MINES

„Well, I hope the lady enjoyed it!“

King Solomon’s Mines (König Salomons Diamanten) ~ USA 1950
Directed By: Andrew Marton/Compton Bennett

Ostafrika gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Der englische Jäger und Safariführer Allan Quatermain (Stewart Granger) ist der Hochmut und Arroganz seiner reichen weißen Kundschaft überdrüssig und plant, zurück in die alte Heimat zu gehen. Da erreicht ihn das Angebot der reichen Landsmännin Elizabeth Curtis (Deborah Kerr): Diese will gemeinsam mit ihrem Bruder John Goode (Richard Carlson) ihrem Ehemann Henry nachspüren, der, wie es heißt, auf der Suche nach einem sagenhaften Schatz  verschollen ist. Der gebietskundige Quatermain soll sie führen. Nur höchst widerwillig und wegen der gehörigen Belohnung nimmt dieser den Auftrag an. Die Expedition führt die Gruppe durch die finstersten und selbst noch unerforschte Winkel der Wildnis, wobei Quatermain stets hofft, Elizabeth gäbe frühzeitig auf. Schließlich erreichen sie ein von einem mysteriösen Eingeborenenstamm bevölkertes, fruchtbares Tal, das Aufschluss über Curtis‘ Verbleib geben soll.

Die dritte von insgesamt acht Verfilmungen des gleichnamigen, berühmten viktorianischen Abenteuerromans von Henry Rider Haggard, der dem ohnehin formidabel besetzten Legendenschatz seiner Ära mit der Figur des Abenteurers Allan Quatermain einen weiteren populären Helden hinzuzusetzen vermochte. Über die Jahre ließ der Autor noch viele Fortsetzungen folgen, die Quatermains Legende als Trivialheld weiter auspolsterten, doch bleibt vor allem die Ausgangsgeschichte von besonderer Phantasiebefruchtung, bewegt sie sich doch nicht allein in einem weiteren literarischen Zeitfeld – dem des Mythos der „verlorenen Welt“nämlich – sondern kreierte dieses nahezu im Alleingang. Nicht minder berühmte Kollegen vom Fach, darunter Doyle,  Kipling, Wallace oder Burroughs, griffen die Sage von dem zivilisatorisch unbekannten unerforschten Landstrich, der Insel, dem Plateau oder dem Dschungel, immer wieder auf und fügten ihr zunehmend phantastische Elemente hinzu, darunter bis dato übersehene oder gar prähistorische Kulturen, Dinosaurier und Monster. Haggard bewegt sich im Vergleich zu derlei Fabulierfreuden noch in relativ realitätsnahen Bahnen, ebenso wie diese sehr zeitgenössisch ausfallende, bunte MGM-Produktion. Stewart Granger war in diesen Tagen ein vielbeschäftigter Darsteller, wenn es um Abenteuerkino jedweder Provenienz ging – handelte es sich nun um Swashbuckler, Kostümkino oder später Western und Bibelschinken. Dennoch führte Deborah Kerr noch vor ihm die Besetzungsliste an, ironischerweise in einer Rolle, die es in der Vorlage überhaupt nicht gibt – darin wird Quatermain von Sir Henry Curtis persönlich anggeheuert, um seinem Bruder nachzuspüren. „King Solomon’s Mines“ bezieht allerdings seinen substanziellen Hauptteil aus der Beziehung der verschiedengeschlechtlichen Protagonisten, der er nebenbei recht eindeutige Screwball-Elemente beimisst. Die reiche englische Lady mit dem blassen Teint mag so gar nicht in die afrikanische Wildnis passen, setzt jedoch, ganz zum Unwillen des Helden, permanent ihren Dickkopf durch und verlangt ihm dadurch im Laufe ihrer Expedition mehr und mehr Respekt ab, der sich schließlich in eine zunächst unausgesprochene, dann offen praktizierte Liebesbeziehung verwandelt. Das Ziel der Reise, nämlich Elizabeths Gatte, nimmt sich dadurch mehr und mehr als ein die Harmonie bewölkender Störfaktor aus, so dass der Zuschauer sich bald schon insgeheim erhofft, was sich später als Realiztät erweisen wird – dass Curtis nämlich längst nicht mehr am Leben ist. Die teils vor Ort in Afrika, teils in den USA entstandenen Aufnahmen glänzen derweil mit allerlei Aufregendem von wilden Tieren über spektakuläre Landschaftsaufnahmen bis hin zur üblichen Eingeborenenfolklore, Faktoren also, über die ein Genrefilm von 1950 verpflichtend zu verfügen hatte und die „King Solomon’s Mines“ in reichlich perfektionierter Manier aufwendet.

8/10

 

SO LONG AT THE FAIR

„But you came here alone.“

So Long At The Fair (Paris um Mitternacht) ~ UK 1950
Directed By: Terence Fisher/Anthony Darnborough

Mai 1889: Die englischen Geschwister Vicky (Jean Simmons) und Johnny Barton (David Tomlinson) besuchen während ihrer ausgedehnten Festlandreise auch die Weltausstellung in Paris. Gemeinsam mieten sie sich in einem gemütlichen Hotel ein, während die Seine-Metropole vor Touristen aus aller Herren Länder überquillt. Nach einem ausgedehnten Gang durch die abendliche Stadt findet man sich wieder im Gästehaus ein. Am nächsten Morgen erlebt Vicky eine schlimme Überraschung: Nicht nur Johnny ist wie vom Erdboden verschluckt, auch sein gesamtes Zimmer ist plötzlich verschwunden. Zu allem Überfluss behauptet die Hotelbelegschaft, Johnny nie gesehen zu haben und dass Vicky gestern  allein eingecheckt habe. Verzweifelt sucht die junge Dame von der Insel nach Hilfe und Zeugen und findet schließlich den Künstler George Hathaway (Dirk Bogarde), der sich von Johnny am Vorabend etwas Geld ausgeborgt hatte. Zusammen machen die beiden sich auf die Suche nach dem Vermissten und fördern Ungeheuerliches zutage.

Klassischer gothic crime, von Fisher und Darnborough versiert und geschlossen in Form gebracht. Der Plot, der als Wandersage zum Zeitpunkt der Filmentstehung bereits einige geschichtliche und kulturelle Tradition aufwies, mutet im Prinzip an wie ein glänzender Hitchcock-Stoff: Ein unbedarftes, liebenswertes Individuum, landes-, sprach- und kulturfremd, steht urplötzlich allein da, nachdem der Mitreisende sich einem Phantom gleich in Luft aufgelöst hat und durch eine Intrige nurmehr als Hirngespinst im Kopf des/der Protagonisten/in existiert. Vor allem jenes spurlose Verschwinden ist folglich angetan, höchste Irritation hervorzurufen. Jean Simmons hat uns hier freilich gleich von Anbeginn auf ihrer Seite, denn der Wissensstand des Publikums entwickelt sich analog zu dem ihren. Es erweist sich also als eindeutig, dass sie nicht verrückt sein kann und dass ihr Bruder zum Opfer einer makabren Angelegenheit geworden sein muss, die im Rahmen voluminöser Rezipientenimagination wildeste Spekulationen hervorruft. Man glaubt bereits, das in den Katakomben unter der Stadt befindliche Massengrab zu erahnen, in dem Dutzende ahnungsloser Touristen, um Hab und Gut geschröpft, verscharrt liegen – tatsächlich jedoch ist die schlussendliche Auflösung sehr viel undramatischer und zugleich auf beunruhigende Weise schlüssig. Jedenfalls regt die junge Simmons – damals gerade einmal 21 Jahre alt – sofort den Beschützerinstinkt des Zuschauers an. Umso erleichterter ist man bald, dass ihr mit Dirk Bogarde ein wackerer und tatkräftiger Held zur Seite steht, dem man sie gern anvertraut. Das Studio versuchte folglich publikumswirksam, dem Paar eine tatsächliche Liaison anzudichten, die Simmons aber fand Bogardes Kollegen Stewart Granger dann doch attraktiver und zog es vor, selbigen umgehend zu ehelichen.

8/10