THE NEW MUTANTS

„All of you are dangerous. That’s why you’re here.“

The New Mutants ~ USA 2020
Directed By: Josh Boone

Nachdem das Reservatsdorf der jungen native Danielle Moonstar (Blu Hunt) von einer unerklärlichen, monströsen Katastrophe heimgesucht und alle Einwohner außer ihr selbst getötet werden, erwacht Dani in einer von der Außenwelt abgeschirmten Anstalt mitten im Nirgendwo. Ihre für eine mysteriöse Organisation tätige Therapeutin Dr. Reyes (Alice Braga) eröffnet Dani, dass sie eine Mutantin ist. Mit ihren vier MitinsassInnen Rahne Sinclair (Maisie Williams), Illyana Rasputin (Anna Taylor-Joy), Charlie Heaton (Sam Guthrie) und Roberto da Costa (Henry Zaga) ebenfalls MutantInnen in ihrem Alter, knüpft Dani nur zögerlichen Kontakt. Auch um deren Fähigkeiten und persönliche Traumata erfährt sie erst nach und nach. Die Jugendlichen raufen sich aber dennoch zusammen, um jener gewaltigen Bedrohung, die von niemand Geringerem ausgeht als Dani Moonstar selbst, gemeinsam entgenzutreten.

Mit der originalen 1982er Graphic Novel „The New Mutants“ von Chris Claremont, die die NachwuchsmutantInnen Psyche, Wolfsbane, Cannonball und Sunspot als X-Men-Youngsters als Nachfolger der mittlerweile selbst erwachsen gewordenen Originale einführte, sowie deren nachfolgender Serie, hat Josh Boones produktionsgebeutelte Adaption nicht mehr allzu viel zu tun. Die Anbindung an den X-Men-Kosmos ermangelt etwa den obligatorischen Mentor Charles Xavier und noch weitere handlungstragende Details, ebenso wie sie aus mir etwas unerfindlichen Gründen die eigentlich erst später hinzustoßende Colossus-Schwester Magik hinzusetzt, die in den Comics eigentlich etwas anders verangelt ist. Dennoch werden Geist und Atmosphäre der frühen „New Mutants“-Ausgaben recht adäquat eingefangen und wiedergegeben. Die zeitweilig von dem avantgardistischen Genie Bill Sinkiewicz gezeichnete Reihe verstand sich rasch als noir-affine teenage-angst-variation der klassischen Superheldentypologien wesentlich zugetaneren X-Men mit modernen Coming-of-Age- und Horror-Elementen sowie deutlich intimeren storylines. Auch der Film grenzt sich insoweit stark von den bisherigen „X-Men“-Kinoabenteuern ab, indem er sich auf ein überschaubares Figurenensemble von sechs annähernd gleichrangigen ProtagonistInnen stützt, entwicklungspsychologische Ansätze in den Vordergrund rückt und einen hermetisch begrenzten Schauplatz an die Stelle von gewaltigen Schlachten gegen Superschurkenarmeen setzt. Davon fühlte sich das von rauschenden CGI-Orgien verwöhnte, ordinäre Superheldenfilm-Krawall-Publikum erwartungsgemäß vergrätzt. „The New Mutants“ bietet dann auch tatsächlich recht verschrobenen, eigenwilligen Fantasy-Horror fürs Pubertier, mit einem aufgrund des limitierten Budgets in punkto Effektarbeit eher mäßig bebilderten Showdown und firmiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nach zigmal verschobenen Starts, wohl als das, was man gemeinhin als „Flop“ bezeichnet. Dass er nichtsdestotrotz um einiges beseelter, schöner und interesanter ausfällt als der zwar deutlich teurere, zugleich aber wesentlich flachere „Dark Phoenix“ spricht wiederum für ihn. Ob aus diesem stiefmütterlich behandelten „Corona-Opfer“ noch die ursprünglich geplante Trilogie wird, darf bezweifelt werden. Ich wäre jedoch an Bord.

7/10

WONDER WOMAN 1984

„It’s all art.“

Wonder Woman 1984 ~ USA/UK/CA/MEX/E 2020
Directed By: Patty Jenkins

Die von der göttlichen Pardiesinsel Themyscira stammende Amazone Diana (Gal Gadot) lebt und arbeitet im Jahre 1984 unter dem „irdischen“ Namen Diana Prince in Washington D.C.. Wenn nötig, schmeißt sie sich auch kurzerhand in ihre Rüstung und wird als „Wonder Woman“ aktiv; ihre Rettungsaktionen bleiben jedoch stets inoffiziell und werden nie wirklich publik. In dem unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Aus stehenden Borrkonzessions-Makler Maxwell Lord (Pedro Pascal) und der sympathischen, aber schüchternen Barbara Minerva (Kristen Wiig) erwachsen ihr jedoch bald zwei ernstzunehmende Gegner: Über Umwege bringt sich Lord in den Besitz eines uralten, mystischen Artefakts, den einst der böse Gott Dolos erschuf. Dabei handelt es sich um einen Stein der jedem seiner wechselnden Besitzer einen innigen Wunsch erfüllt, jedoch stets um einen unwägbaren persönlichen Preis. Als Lord sich wünscht, mit dem Stein eins zu werden, setzt er eine Ereigniskette in Gang, die die im Kalten Krieg befindliche Welt endgültig an den Abgrund führt. Nur Diana und der durch ihren persönlichen Wunsch wieder ins Leben zurückgefundene Pilot Steve Trevor (Chris Pine) können Lord und die sich langsam in ein Monster verwandelende Barbara Minerva aufgehalten und der Dritte Weltkrieg abgewendet werden.

Groß angekündigt und dann irgendwie doch relativ sang- und klanglos in den Streaming-Weiten von HBOMAX verkluckt, muss „Wonder Woman 1984“ derzeit recht viel Schelte einkassieren. Zugegeben – das wiederum von Patty Jenkins inszenierte Sequel zum deutlich positiver aufgenommenen Original von vor drei Jahren macht es potenziellen Kritikern recht leicht, es zu zerrupfen. Der Film ist, ausgehend von einer halbwegs kommerziell tragfähigen Gestaltung eines potenziellen „Blockbusters“, für das, was er zu erzählen und zu bieten hat, vermutlich deutlich zu lang geraten, leistet sich allerlei kleine bis mittelschwer wiegende Unebenheiten [katastrophal schiefliegend und fremdschamgesäumt z.B. die Szenen mit Lords Sohn Alistair (Lucian Perez)] und pfeift das von Gald Gadot bis dato kultivierte Imaginat einer feministisch tragfähigen Vorzeigeprotagonistin im genderbezogen nach wie vor höchst ungleich gewichteten Superhelden-Makrokosmos zugunsten konservativer Geschlechterbilder zurück. Irgendwo habe ich etwa neulich gelesen, dass Dianas Wunsch, ihre große Lebensliebe Steve Trevor im Angesicht der angespannten globalen Lage anno 84 doch wohl ein völliger Schuss in den ideologischen Ofen sei und dass ihre Antagonistin Barbara Minerva alias „Cheetah“ sich insgeheim mittels hoffnungslos überkommener Geschlechterbilder definiere. Nun; das kann man dem von Jenkins und DC-Mastermind Geoff Johns ersonnenen Script gewiss zum Vorwurf machen – muss man aber nicht. Gald Gadots WW-Nimbus wird nach meinem Dafürhalten hier keinesfalls geschmälert, sondern vielmehr auf eine wohltuend romantische Weise durchaus humanisiert. Auch stahlharte Amazonen haben ein Recht auf Liebe, Privatheit und Träume, selbst, wenn Pentagon und Kreml der nukleare Finger bereits beträchtlich zuckt. So betrachtet es zumindest meine möglicherweise etwas tradierte Comicfantasie. Und dass die gute Barbara Minerva vor und nach ihrer Metamorphose von mancherlei Neurosen gepiesackt wird, ist nicht minder literary fact. Gal Gadot jedenfalls ist abermals über jeden Zweifel erhaben und erweist sich abermals als die wahrscheinlich bestmögliche Wonder Woman zu Zeit. Durch Johns‘ Scriptbeteiligung erwachen zudem einige Persönlichkeiten und kleine Facetten der 80er-Jahre-DC-Publikationen zum Leben – so der von seinem Erfinder Keith Giffen ursprünglich durchaus komisch angelegte Maxwell Lord, der übereifrige Magnat Simon Stagg, der fiktive Nahost-Terrorstaat Bialya oder WWs unsichtbarer Jet. Viel spaßiges Geek- und Fanfutter also, das mit dem Post-Credit-Gastauftritt der sich als Amazonenkriegerin offenbarenden TV-Original-Wonder-Woman die Ehre gebenden Lynda Carter. Alles soweit prima. Nun lehnt sich der reichlich comiceske Hauptplot um die große, alte Weise „be careful what you wish for“ natürlich auch recht deutlich an den kleine, aber feine Horrorsause „Wishmaster“ von 1997 an und zumindest meiner Wenigkeit rückte in Anbetracht des von seiner Macht zunehmend korrumpierten Max Lord respektive seinem Interpreten Pedro Pascal allenthalben Andrew Divoffs Djinn ins Gedächtnis. Eine recht trivialaffine Story ergo mit all ihren kleinen Fallschlingen. Dennoch hat mir „Wonder Woman 1984“ recht gut gemundet und ich fand ihn nur unwesentlich schwächer als den Erstling. Andersgläubige mögen mir das nachsehen oder auch nicht.

7/10

WAVES

„All we have is now.“

Waves ~ USA 2019
Directed By: Trey Edward Shults

Die in Florida lebende, wohlhabende Familie Williams besteht aus Vater Ronald (Sterling K. Brown), einem unbeugsamen Ehrgeizling, seinen beiden Kindern Tyler (Kelvin Harrison Jr.) und Emily (Taylor Russell) sowie Ronalds zweiter Frau Catherine (Renée Elise Goldsberry), die die beiden Kids liebt als wären es ihre eigenen. Erfolg und gesellschaftliches Renommee sind besonders für Ronald von unschätzbarem Lebensrang und so erzieht er vor allem Tyler, der als Ringer in der High-School-Mannschaft Erfolge feiert, ganz nach diesem Gusto. Der Junge, der eine glückliche Beziehung mit seiner Freundin Alexis (Alexa Demie) führt, verschweigt seinem Vater deshalb, dass er eine schwere Schulterläsion hat, die ihn eigentlich dazu zwingt, sofort mit dem Sport aufzuhören. Stattdessen entwickelt er allmählich eine Sucht nach starken Schmerzhemmern und zeigt sich auch anderen Rauschmitteln nicht abgeneigt. Als Alexis Tyler die Nachricht überbringt, dass sie von ihm schwanger ist, bedeutet dies den Beginn einer furchtbaren Verkettung von Tragödien, die die Williams‘ in den Abgrund zu reißen droht…

Mein persönliches Filmjahr 2021 hat mit Trey Edwards Shults‘ dritter Regiearbeit „Waves“ sein erstes veritables Meisterwerk zu verbuchen – und wie schön, dass es sich dabei sogar um ein aktuelles Werk handelt! Unweigerlich drängte sich mir der eigentlich gar nicht mal so evidente Vergleich zu Nolans „Tenet“ auf: hier hätten wir zwei (rein zufällig) pandemieflankierende Filme im finalen Jahr der Ära Trump mit afroamerikanischen Protagonisten von jeweils weißen Filmemachern. Wo ersterer ein sich sukzessiv selbst vergrabendes, kryptovulgäres Genremedley ohne wirkliche Nachhaltigkeit darstellt, bietet „Waves“ formal durchdachtes, ebenso aufregendes wie bittersüßes Erzählkino von selbst hohem literarischen Rang, das den Spagat zwischen modellhaft-klassisch konnotiertem Dreiakter-Drama und innovativer Frische scheinbar mühelos vollzieht. Mit der Verdichtung des Inhalts vollzieht sich bei Shults zugleich kaum merklich eine Verengung des Bildkaders – wo Nolan seine Formate und Maskierungen zunehmend willkürlich wechselt, hat hier all dies Hand, Fuß und vor allem Geist und Herz. Auf die unweigerliche, erschütternd zäsorische Klimax hinaus- und hernach in die dringend nötige, kathartische Heilung zurücklaufend berichtet „Waves“ nicht nur von zwei miteinander verknüpften Geschwisterschicksalen vor maroder Familienkulisse, sondern auch von etlichen, zeitgenössischen Problemen der amerikanischen Bevölkerung. Auf den tiefen, berdrückenden Fall Tylers folgt das geradezu phoenixhafte Aufblühen seiner jüngeren Schwester Emily, die im universalen Gefüge gewissermaßen all das wieder richtet, was ihr Bruder (und mittelbar auch ihr Vater) zuvor zerstört haben. In Emily, von der wunderbaren Taylor Russell gespielt und eine der größten Lichtbringergestalten im jüngeren US-Film, liegt, das darf man nach der leuchtend bunten, warmen Post-Credit-Melange von „Waves“ wohl mit Fug und Recht behaupten, alle nur denkbare Hoffnung für eine rosigere Zukunft der Menschheit. Emily überwindet. Sie überwindet Rassenschranken, Hass, Angst, Trauer, Entfremdung und Entzweiung, wie es sonst nur die Zeit selbst vermag. Sie zeigt, wie es richtig geht, zeigt es Alt und Jung. Sie salbt, verbindet und pflegt, einer sakrosankten Krankenschwester gleich. Wo „Tenet“ permanent nach wokeness strebt und viel behauptet, veräußert „Waves“ sie ganz einfach so – unaufdringlich, authentisch und gewissermaßen gefühlsecht.
Eine junge, farbige Frau wächst in jedweder Hinsicht über sich selbst und ihre ganze, von tiefen Gräben durchzogene Nation hinaus und benötigt dazu lediglich eins: ihr goldenes, leuchtendes Herz.
Nur Liebe; für Emily, für Taylor Russell und am allermeisten für diesen beinahe beängstigend perfekten Film.

10/10

J’ACCUSE

Zitat entfällt.

J’Accuse (Intrige) ~ F/I 2019
Directed By: Roman Polanski

Frankreich, 1894. Der jüdischstämmige Hauptmann Albert Dreyfus (Louis Garrel) wird unehrenhaft aus der Armee entlassen und zu einer lebenslangen Exilstrafe auf der Teufelsinsel verurteilt, weil er für die Deutschen spioniert haben soll. Fast zeitgleich findet sich der Offizier Picquart (Jean Dujardin) zum Leiter der militärischen Spionageabwehr befördert. Nach und nach wird der durchaus systemtreue Picquart sich nicht nur der extrem dünkelhaften Arbeitsmethoden des „deuxième bureau“ und seiner Mitarbeiter bewusst, sondern auch der Tatsache, dass Dreyfus zum unschuldigen Opfer eines Komplotts geworden ist. Als Picquart beginnt, in der Sache Nachforschungen anzustellen und den Fall wieder aufrollen zu wollen, schmiedet man auf höchster Ebene und trotz prominenter liberaler Unterstützung auch gegen ihn finstere Ränke.

Mit der Lässigkeit des Altmeisters, der weder sich noch der Welt irgendetwas zu beweisen hat, adaptiert Polanski in seinem 22. Spielfilm den sich mit der authentischen Dreyfus-Affäre befassenden Historienroman von Robert Harris. „J’Accuse“, der ein ebenso eminentes wie bewegendes Thema aufgreift, nämlich den bereits zum fin de siècle eklatant überbordernden Antisemitismus in Europa, scheint Polanski so leicht und behende von der Hand gegangen zu sein wie eine Fingerübung. Nach seinen drei letzten, weniger allgemeintaugliche Sujets verhandelnden Arbeiten, wirkt sein jüngstes Werk so straight, geradeheraus und luzid wie zuletzt vielleicht noch die brillante Dickens-Verfilmung „Oliver Twist“ – für die beiden sich unweigerlich ergänzenden Geschichten um den entehrten Mustersoldaten Dreyfus und seinen „Erlöser“ Picquart wählt Polanski weder Schnörkel noch formale Spielereien, sondern berichtet stattdessen mit der Engelsgeduld des engagierten Chronisten. Gewiss interessiert ihn nicht zuletzt die Ursachenforschung nach der brutalen Schassung Dreyfus‘, die eben zu gewichtigen Anteilen auch auf antisemitische Motive zurückzuführen ist, er hebt sie jedoch nie in den Vordergrund. Vielmehr verweigert sich Polanski der Verlockung zur Spekulation, nimmt eher die Warte des sich zur nüchterner Sachlichkeit verpflichtenden Gerichtsprotokollanten ein und liefert einen wohltemperierten, nichtsdestotrotz von gebührlicher Spannung getragenen Abriss der historischen Tatsachen.
Dass Polanski dabei abermals großes Erzählkino und noch dazu seinen besten Film seit vierzehn Jahren abliefert, ist erfreulich. Dass weiterhin mit ihm, zeitlebens einer meiner Lieblingsregisseure, zu rechnen ist, finde ich aber noch sehr viel erfreulicher.

9/10

ROSEWOOD

„Gonna catch that train.“

Rosewood ~ USA 1997
Directed By: John Singleton

Florida, 1923: Der Weltkriegsveteran Mann (Vingh Rhames) kommt in das abgelegene, mitten in den Sümpfen liegende Hüttenörtchen Rosewood, um hier möglicherweise ein paar Morgen Land zu erwerben und sich anzusiedeln. Rosewood wird – im Gegensatz zum angrenzenden Sumner – vornehmlich von Farbigen bewohnt, darunter der Familie Carrier, deren Backfischtochter Scrappie (Elise Neal) rasch ein Auge auf den stattlichen Mann wirft. Als eines Tages die promiske weiße Fannie Taylor (Catherine Kellner) von einem Gelegenheitsliebhaber (Robert Patrick) grün und blau geprügelt wird, behauptet sie, ein fremder Schwarzer habe sie so zu zugerichtet. Es dauert nicht lange, bis sich ein immer mehr anschwellender rassistischer Mob bildet und die „Herausgabe“ eines Flüchtigen fordert, der gar nicht existiert. Bald gibt es die ersten Akte von Lynchjustiz, doch der Blutdurst der blindwütigen Selbstjustizler ist damit noch lange nicht gestillt.

Das Rosewood-Massaker hat vor exakt 98 Jahren tatsächlich stattgefunden, wenngleich John Singleton und der Scriptautor Gregory Poirier sich eingestandenerweise einiger erzählerischer Freiheiten bedienten, um dieses eine von vielen unsäglichen US-Kapiteln um Rassismus, Hetze und Unterdrückung dramaturgisch tragfähig respektive leinwandtauglich aufzubereiten. Wer sich ein wenig mit dem leider viel zu früh verstorbenen Singleton und seinem Werk befasst, wird rasch registrieren, dass er weder je ein Filmemacher der leisen Töne, noch dass er gezielt eingesetzten Genremechanismen abhold gewesen wäre. Tatsächlich verließ er das Terrain politischer Relevanz jedoch spätestens mit dem Serienbeitrag „2 Fast 2 Furious“ und fertigte danach mit der „Katie-Elder“-Variation „Four Brothers“ und „Abduction“ nurmehr zwei reine Actionfilme.
„Rosewood“ ist – dem absolut wunderbaren „Boyz N The Hood“ zum Trotze – möglicherweise Singletons aggressivstes, berückendstes Werk, in dem er völlig zu Recht auch tendenziöse Mittel nicht ausspart. Singleton ist nicht etwa an einer sozialpsychologischen Analyse der Umstände interessiert. Er zeigt, so emotional und subjektiv, wie es dem Sujet eben gebührt, eine südstaatliche Explosion des Rassenhasses rund sechzig Jahre nach dem Ende des Sezessionskrieges, zu der eine im Grunde alltägliche, um nicht zu sagen beliebige Ausgangsituation führt. Selbige kennt man als Connaisseur großen Kinos im Prinzip bereits aus Robert Mulligans „To Kill A Mockingbird“: Ein hinterwäldlerisch gepflanztes, mageres Sumpfdotterblümchen mag die schamhafte Schmach, von einem unflätigen (und zudem arg „unpassenden“) white trasher vermöbelt worden zu sein, nicht öffentlich eingestehen und wählt den für sie einfachsten Weg, fälschlich einen rundheraus unschuldigen Schwarzen zu denunzieren. Daraus erwachsen binnen kürzester Zeit ein Pulverfass ungefilterter Wut und Mord. In Rosewood bedeutete dies 1923, dass am Ende eine komplett verlassene, niedergebrannte Kleinstadt nebst durchweg vertriebenen Überlebenden sowie eine inoffizielle Zahl von bis zu 150 Toten, deren Leichname möglicherweise kurzerhand in einem Massengrab beseitigt wurden. Rasch nach den Ereignissen wurde das Ganze über fast sechzig Jahre hinweg totgeschwiegen, bis ein Enthüllungsjournalist eher durch Zufall die Wahrheit ans Tageslicht beförderte.
Singleton/Poirier dichten einen fiktiven, von dem bulligen Rhames gespielten Blaxploitation-Helden hinzu, der auf etwas naive, aber doch wirkungsvolle Weise als wesentlicher, weil selbstbestimmter Frontcharakter im Stile der Eastwood-Western eingesetzt wird. Der Rest ist wohl so faktenbasiert wie möglich, muss sich zwangsläufig jedoch auf mitunter Folkloristisches berufen, was letzten Endes aber keine Rolle spielt. Der Horror darf und kann nur dargestellt werden als das, was er war, ist und bleiben wird.
Dass „Rosewood“, obwohl er sich sowohl als Film wie auch als unerlässliche Geschichtslektion doch so prominent besetzt, so packend, schlimm und enorm wichtig ausnimmt, schon nach 23 Jahren annähernd vergessen scheint beziehungsweise nie zu seinem ihm zustehenden Recht als flammendes Kinofanal wider südstaatlichen Rassismus kommen konnte, ist nur ein weiterer, trauriger Skandal in einer niemals abreißen wollenden Kette von Skandalen.

9/10

TENET

„Lying is the Standard Operational Procedure.“

Tenet ~ USA/UK 2020
Directed By: Christopher Nolan

Nach einem vermeintlich gescheiterten Einsatz in Kiew erwacht ein CIA-Agent (John David Washington) auf einem Schiff vor der dänischen Küste, wo er für eine mysteriöse Geheimoperation namens „Tenet“ eingeschworen wird. Der Agent erfährt kurz darauf, dass eine brandgefährliche Technologie aus der Zukunft es ermöglicht, physikalische Kausalitäten zeitlich umzukehren, also zu invertieren. Dies funktioniert sowohl mit Gegenständen als auch mit lebenden Objekten. Einige vom Geheimdienst aufgefundene Pistolenkugeln etwa weisen eine invertierte Charakteristik auf; sie werden nicht abgefeuert, sondern fliegen, nachdem sie ihre tödliche Wirkung hinterlassen habe, zurück in die Waffe. Man befürchtet, dass die invertierten Funde auf nichts Geringeres denn die bald zu erwatende Vernichtung der Welt hindeuten. Die erste Spur führt den Agenten über Mumbai, von wo aus die mächtige Waffenhändlerin Priya (Dimple Kapadia) operiert, und dann zu dem russischen Oligarchen Sator (Kenneth Brannagh) respektive dessen unglücklicher Gattin, der Kunsthändlerin Kat (Elizabeth Debicki). Wie sich bald herausstellt, hat Sator das Geheimnis um die Invertierungen bereits gelöst und er führt nicht Gutes damit im Schilde. Der Agent erhält indes wertvolle Hilfe von dem Physiker Neil (Robert Pattinson)…

Mit jedem neuen Film empfinde ich das Phänomen Christopher Nolan als immer sonderbarer. Vermutlich kann Nolan sich als jener Filmemacher erachten, der von seinem Hausstudio Warner die größtmöglichen Budgets in Kombination mit absoluter kreativer Narrenfreiheit erhält, weil sich etliche Kinoliebhaber auf ihn einigen können. Einzig das Warum ist mir bislang schleierhaft geblieben. Was die Inhalte der meisten seiner Filme anbelangt, so fällt zunächst einmal überdeutlich ins Auge, wie sehr sie sich in ihrer umständlich ausgewalzten Narration und vermeintlichen Plot-Cleverness suhlen. Das macht sie mir nicht eben sympathisch und „Tenet“ bildet diesbezüglich alles andere als eine Ausnahme. Nolan sucht geradezu krampfhaft nach innovativen Konzepten und biedert sich zugleich in eklatanter Weise dem Zeitgeist an, indem er reaktionäre und somit bornierte wokeness platziert. Der Held ist a person of colour, seine love interest (die stets freilich bloße interest bleibt) nicht, dafür aber zwei Köpfe größer als er. Potenziellen Beschwerden aus diesen Ecken hat man also wohlweislich vorgebeugt. Und erneut wechselt Nolan auf ebenso willkürliche wie fragwürdige Art und Weise zwischen den Bildformaten und müht sich, neben Spannung auch Kinetik und Publikumsinvolvierung zu erzeugen – doch nichts davon gelingt ihm zur Gänze. Mit der sich gewiss brillant wähnenden Idee, Entropien umzukehren, erreicht die verwendete Bildsprache zugleich auf paradoxe Weise das Gegenteil ihrer eigenen Intention: Aktion, die umgekehrt abgespult wird, sich also der kausalitätsgeschulten Wahrnehmung des Rezipienten diametral zuwider entblättert, wirkt in der schlussendlichen Realisierung schlicht unbeholfen, stumpf, befremdlich, kaltlassend. Besonders der Showdown des Films, ein wildes Gepöhle aus invertierten und nichtinvertierten Schießereien und Explosionen, verliert sich hoffnungslos in der Unübersichtlichkeit und wirkt flugs nur noch drög und langweilig.
Der Film ist Ganzes bietet indes nicht mehr als eine aufgemotzte Bond-Variation mit SciFi-Content als eher mäßig positioniertem MacGuffin. Der namenlose, als „Protagonist“ seiner eigenen Geschichte (der „Clou“: er selbst wird die Rettung der Welt dereinst als künftiger Invertierungskünstler arrangieren) verkaufte Agentenheld jettet rund um die Welt und durch alle möglichen Gelegenheiten exotischen und luxuriösen Ambientes und schaukelt das Kind mithilfe seiner teilweise bereits in wohlfeiler Kenntnis befindlichen Partner. „Memento“ lässt grüßen, nur dass der wirklich noch interessant war.
„Tenet“ hat bereits jetzt den hochexklusiven Status inne als jener Film, der sich den Status als erster wider die Pandemie lancierter Blockbuster ans Revers heften kann. Der große Blender Nolan hat’s also – zumindest in dieser Hinsicht – mal wieder geschafft. Ich hätte eine solche Ehre zig anderen Werken gegönnt – diesem hier nicht.

5/10

THE CURRENT WAR

„Your garden would be twice as big – wouldn’t it, Tom?“

The Current War (Edison – Ein Leben voller Licht) ~ USA/UK/RUS 2017
Directed By: Alfonso Gomez-Rejon

Der Osten der USA in den 1880ern. Zwischen den beiden ehrgeizigen Erfindern Thomas Edison (Benedict Cumberbatch) und George Westinghouse (Michael Shannon) entbrennt ein Konflikt um die Vormachtsstellung bei der landesweiten Stromversorgung. Während der Visionär Edison dafür die risiko- weil spannungsärmere Variante des Gleichstroms favorisiert, verlagert sich der geschäftstüchtigere Westinghouse auf das Angebot mit Wechselstrom, ebeso wie der genialische Eigenbrötler Nikola Tesla (Nicholas Hoult), der zunächst für Edison und später für Westinghouse arbeitet. Unter persönlichen und beruflichen Verlusten, allerlei Ränkespielen und Tiefschüssen hält ihr persönlicher und beruflicher Konflikt an bis zur 93er-Weltausstellung in Chicago, deren Präsentationsangebot schlussendlich den jeweiligen Sieg für einen der beiden Kontrahenten bedeuten wird.

„The Current War“ [Das Teilnomen „current“ bezieht sich auf die anglophonen Bezeichnungen für Gleich- (Direct Current) bzw. Wechselstrom (Alternating Current)] schützt eine wilde Produktionsgeschichte vor: Nach einer sich schier endlos ziehenden Scriptentwicklungsphase nebst zwischenzeitlichem blacklisting und diversen Verschiebungen der Produktionshoheit landete das Projekt schließlich bei Miramax. Die Premiere wurde für das im September 2017 stattfindende Toronto-Filmfestival avisiert, sah dann jedoch einen noch nicht zur Gänze fertiggestellten, mäßig aufgenommenen Precut. Regisseur Gomez-Rejon plante, seinen Film bis zum eigentlichen Kinostart zwei Monate später in die endgültige Form zu bringen, was jedoch durch den sich unterdessen Bahn brechenden Weinstein-Skandal zunächst unmöglich wurde. Die nunmehr weltweit zu sehende, verfügbare Fassung mit erweiterten wie auch getrimmten Sequenzen sowie einem neuen Score firmiert als Gomez-Rejons „Director’s Cut“ und konnte die von der Toronto-Version zunächst teilentsetzten Kritiker wohl zumindest halbwegs wieder beschwichtigen. Ich selbst habe, zumindest glaube ich das, wohl irgendwann einmal etwas von der turbulenten Entstehung von „The Current War“ gelesen bzw. mitbekommen, bis zur üblichen, just erfolgten Nachbeschäftigung mit dem Film spielte diese Tatsache jedoch (glücklicherweise) keine Rolle. Das Ganze vermochte ich also unbelastet zu genießen und fand – ohnehin als erklärter Freund von historisch angelegten Biopics – ein ebenso gelungenes wie atmosphärisches Werk vor, dessen deutsche/r Titel und Vermarktung (von deren Faktizität ich irrigerweise ausging) allerdings wie so oft völlig danebenliegen. Tatsächlich geht es nämlich nicht respektive beiläufig um die erwartete Verklärung eines von Amerikas liebsten Geschichtskindern, sondern tatsächlich um die von Edison und dem annähernd gleichrangig behandelten Westinghouse umkämpfte Vormachtsstellung als führender Energielieferant, in deren Verlauf zudem der faszinierend-enigmatische Tesla eine gewichtige Rolle einnimmt. Gomez-Rejons dritte Kino-Regie wartet mit einer unbändigen Faszination für ihre tragenden Figuren [wozu gewiss auch die sehr schön aufgefächerten Nebencharaktere wie Edisons früh verstorbene Frau Mary (Tuppence Middleton), sein Adlatus Samuel Insull (Tom Holland), Wesinghouses Kreativkopf Franklin Pope (Stanley Townsend) oder der Bankier J. P. Morgan (Matthew Macfadyen) zählen] und ihr Zeitkolorit auf und bewahrt sich dabei höchstselbst eine Art von Exzentrik, die sich beidem wunderbar angleicht. Als ausgesprochener Laie – stets ein wesentlicher Vorzug wirklich empathisch involvierender period pieces – erhält man treffliche Einblicke in Zeit, Denken, Wirken und Personal, sieht sich teils mit aufrichtiger Tragik, teils mit grimmigem Humor konfrontiert und, was natürlich am schönsten ist, findet sich von der konstant hohen Qualität von Inszenierung, Form und Spiel stets bei der Stange gehalten.

8/10

THE GENTLEMEN

„Ask no questions, hear no lies.“

The Gentlemen ~ UK/USA 2019
Directed By: Guy Ritchie

Der US-stämmige, ungekrönte Marihuana-König Englands, Mickey Pearson (Matthew McConaughey), plant, solide zu werden. Zuvor gilt es jedoch, die sorgsam gepflegten, über die gesamte Insel verteilten Gras-Plantagen und das nicht minder wertvolle Angestellten- und Vertriebsnetz verlustfrei zu veräußern. Dafür wählt Pearson den Milliardär Matthew Berger (Jeremy Strong), der mit dessen 400-Millionen-Pfund-Angebot, wie sich herausstellen soll, zwar leider nicht einverstanden ist, jedoch trotzdem Pearsons Imperium zu übernehmen trachtet. Und der knausernde Berger bleibt nicht Mickeys einziges Problem. Der Triaden-Nachwuchschef Dry Eye (Henry Golding) wird aufmüpfig, ein russischer Oligarch (Mark Rathbone) will Rache für seinen unfällig gekommenen Kiffersohn (Danny Griffin) und der schmierige Enthüllungsreporter Fletcher (Hugh Grant), der über all dies bestens im Bilde ist, streckt seine erpresserischen Klauen nach Mickey aus…

Wenn es darum geht, das Londoner Gangstermilieu auf Leinwandformat zu porträtieren, ist Guy Ritchie zu einer überaus verlässlichen Adresse avanciert. Seit seinem (noch immer unangekratzten), vor 22 Jahren entstandenen Debüt „Lock, Stock And Two Smoking Barrels“ landete er über kurz oder lang immer wieder in diesem Leisten. Erste anderweitige Gehversuche wuchsen sich wahlweise zu völligen Missgriffen aus, blieben ohne besonderes Echo oder verrauchten irgendwo auf der öde vor sich hin dampfenden Halde der anderen zahllosen, immergleichförmigen Studio-Blockbuster. Wenn ich jetzt eben auf der imdb das announcement „Aladdin 2“ lese, sehe ich mich da in meinen Annahmen mehr denn bestätigt. An Ritchies kleine, freche Gangsterfilme jedoch erinnere ich mich stets wohlwollend bis gern. Deren Qualitäten nehmen sich ja auch ebenso traditionell wie signatorisch aus: Ein kontinuierlich anwachsendes Figuren-Ensemble mit allerlei kleinen und großen Bossen, ungesunden Emporkömmlingen, gewaltaffinen Schlagmichtots und Spruchkanonen zeichnet jeweils ein umfangreiches Bild der englischen Ganoven-Schickeria. Es gibt viel zu lachen und zu sterben, gelegentlich bleibt einem u.U. vor Schreck auch ein Schluck Bier im Hals hängen. Spaß jedoch ist immer dabei – guter Spaß.
Mit „The Gentlemen“ kehrt Ritchie immerhin zwölf Jahre nach seinem vorletzten Gangsterfilm „RocknRolla“, der bereits mancherlei Ermüdungserscheinungen sowie kapitale Fehlentscheidungen aufwies und mir letzthin eher wie ein pflichtbewusstes Trostpflaster vorkam, also abermals zurück zu seinen Wurzeln. Wenngleich der rotzige Habitus von „Lock, Stock…“ auch hierin nicht mehr wirklich auffindbar ist, nicht zuletzt, da „The Gentlemen“ eben die protzige Monarchie dem verzweifelten Fußvolk vorzieht, so überrascht der Film doch mit einem weithin geschickt aufgebauten Plot. Dessen wendungsreiche Volten sorgen immer wieder für neue Überraschungen, wobei die Konzeption des Scripts de facto natürlich einzig und allein davon zehrt. Sofern man (s)ein Herz für Ritchies Halunken-Hallelujas bewahrt hat und nicht Gefahr läuft, Einfallsreichtum mit Cleverness zu verwechseln, mag man an „The Gentlemen“, dessen großer Gewinn sich tatsächlich aus der am Ende ins Happy End entlassenen Traumpaarung McConaughey/Michelle Dockery (tatsächlich das schnuckeligste Gangster-Ehepärchen ever) ergibt, seinen Spaß haben. Ich hatte ihn.
In der Ritchie-Gangster-Pentalogie an Platz 3 gleich nach „Snatch“.

8/10

IN THE SHADOW OF KILIMANJARO

„The bush isn’t save – for either you or your men!“

In The Shadow Of Kilimanjaro (Im Schatten des Kilimandscharo) ~ UK/KEN 1986
Directed By: Raju Patel

Kenia, 1984. Im Verlauf einer extremen Dürreperiode rotten sich gewaltige Pavianherden zusammen und greifen sowohl andere Wildtiere als schließlich auch Menschen an. Welch tödliche Gefahr von den Affen ausgeht, erkennt als erstes der engagierte, kurz vor der Scheidung stehende Wildhüter Jack Ringtree (Timothy Bottoms), dessen Warnungen jedoch sowohl von den hiesigen Politikern als auch von dem Minenbesitzer Chris Tucker (John Rhys-Davies) zunächst in den Wind geschlagen werden. Als die Paviane schließlich Tuckers Arbeiter angreifen und immer mehr unbeteiligte Menschen, darunter auch Kinder, ums Leben kommen, ist es längst viel zu spät: Ringtree, seine Frau Lee (Irene Miracle), Tucker und ein paar anderen bleibt nurmehr die Zuflucht im Hotel von Ginny Hansen (Michele Carey), die bald unter der Belagerung der immer angriffslustiger werdenden Paviane steht.

Sich ein wenig protzig auf wahre Begebenheiten berufend, bildet „In The Shadow Of Kilimanjaro“ immerhin einen der besseren Tierhorror-Filme der achtziger Jahre, obgleich Prämisse und Plot natürlich den spätestens seit „Jaws“ gängigen Genremustern folgen. Was Raju Patels einzige Regierabeit dennoch interessant und sehenswert macht, dürfte primär die Tatsache sein, dass sie sich durchaus ernst nimmt und sich nicht einfach auf die sich besonders in diesem Fall naheliegende, faule Haut bloßer Routine legt. Patel gelingen eine weitgehend spannende, formal versierte Inszenierung mitsamt geschlossenem Script sowie eine technisch ausgewogen umgesetzte, realistische Darstellung der Bedrohung durch die Paviane, deren ja durchaus imposante Fangzähne bei ihren Opfern üble Effekte hinterlassen, ohne, dass sich die entsprechenden Szenen allzu exponiert gerierten. Ferner kann sich der Film auf sein ebenso versiertes wie sympathisches Ensemble verlassen, aus dem vor allem der zu dieser Zeit ja allzu häufig in Nebenrollen verheizte John Rhys-Davies hervorsticht als ebenso kerniger wie unermüdlicher Glücksritter und Kleinunternehmer, der sich der Allgewalt der Natur nur höchst widerwillig, schließlich aber doch mit umso engagierterer Gegenwehr beugt.
„In The Shadow Of Kilimanjaro“ ist gewiss kein großer Film und ebensowenig einer, den man zum apokryphen Geheimschatz vergangener Leinwandtage hochjubeln müsste. Dafür geht er auf wiederum vorbildliche Weise aufrichtig mit sich selbst und seinem Publikum ins Gericht und dürfte für Liebhaber von ganz allgemein Tier- und insbesondere Affen-Horrorfilmen ein lohnenswertes, kleines Artefakt darstellen.

7/10

ANTEBELLUM

„The unresolved past can certainly wreak havoc on the present.“

Antebellum ~ USA 2020
Directed By: Gerard Bush/Christopher Renz

Die Sklavin Eden (Janelle Monáe) fristet ihr von Repression geprägtes Dasein auf einer von der Konföderierten-Armee geleiteten Baumwoll-Plantage irgendwo in Louisiana, die angeblich der Rehabilitation aufsässiger und wiedereingefangener Leibeigener dient. Die Gefangenen dürfen nur auf Aufforderung ihrer weißen, uniformierten Bewacher sprechen und erwarten bei Zuwiderhandlung harte Strafen. Zudem muss sich Eden dem Colonel (Eric Lange) stets zur sexuellen Verfügung halten. Doch da ist noch ein anderes Leben, in dem Eden Veronica Henley heißt, als promovierte und wohlhabende Soziologin und Familienmutter in der Gegenwart lebt und sich für vielerlei Formen von Diversität engagiert. Welcher dieser beiden Existenzen wird am Ende die Vormacht gebühren?

Dass das offensichtlich leider wohl niemals an gesellschaftspolitischer und somit auch kultureller Relevanz einbüßende Thema „Rassismus“ nicht a priori in melodramatischer fiktionalisierter Form aufgearbeitet werden muss, sondern sich in bildhafter Form auch für Genre- bzw. Exploitation-Entwürfe anbietet, bildet keinen unbekannten Kunstansatz. In den siebziger Jahren, bestärkt von black consciousness, begannen unter anderem Regisseure wie Russ Meyer oder Richard Fleischer, den Sklaverei-Topos in besonders ostentativer Weise aufzubereiten und verschafften ihm so einen zwar rüpelhaften, dafür aber umso wirksamere Rückkehr in das westliche Massenbewusstsein. Später nahmen TV-Serials wie „Roots“ und „North And South“ nebst Nachfolgern das Ganze neuerlich auf; in jener medialen Ausprägung stets ja auch ein Indiz für eine besonders großflächig erreichte Adressatenschaft. Art und Weise der entsprechenden Aufbereitung respektive deren diskursive Valenz lässt sich gewiss ausführlich eruieren, dass sie indes wenige Menschen emotional kalt ließen, scheint da schon unbestrittener.
In jüngerer Zeit gingen Tarantinos „Django Unchained“ und Steve McQueens „12 Years A Slave“ in medias res, wiederum mit ganz unterschiedlichem Ansatz. „Antebellum“ wählt gewissermaßen einen Mittelweg. Ohne den Tongue-in-cheek-Habitus des Kinorevisionisten einerseits und ohne die Bürde historischer Akkuratesse andererseits entwirft Bushs/Renz‘ Film einen relativ unbelasteten Genrezugang und geriert sich im letzten Jahr Trump als Horrorthriller mit wiederum berechtigt ausgestellter Wutagenda. Als solcher reüssiert er dann durchaus auch und subsummiert bildhaft zuletzt wieder aufflammende Empörungskausalitäten. Dass „Antebellum“ sich indes auch dramaturgisch als clever wähnt, ohne es je zu sein, mitsamt eingehendem Faulkner-Zitat, einem „Twist“, der kaum als solcher durchgehen mag, kokettiert und schließlich doch bloß eine in politisch korrektes Spotlight gerückte Rachegeschichte, wie sie ideologisch ebensogut auch vor 45 Jahren als AIP-Produktion hätte durchgehen mögen, präsentiert, weist ihn derweil in entschiedene Schranken. Gewiss, es tut auf katalytische wie katrhartische Weise gut, zu bezeugen, wie Janelle Monaé sich im Showdown über ihre uneingeschränkt hassenswerten Peiniger erhebt um hernach wie eine Reiterin des Jüngsten Gerichts mit gerechtem Zorn auf sie herniederzufahren – dass dabei allerdings unwesentlich mehr als regressive Instinkte walten, – und zwar sowohl auf als auch vor dem Bildschirm -, davon kann sich „Antebellum“ nicht freisprechen. Die Frage nach Intentionalität stellt sich mit etwas Abstand unweigerlich. Dennoch kann und darf der Film als reaktionäres, politisches Statement seine aktuelle Berechtigung verteidigen. Seine mangelnde Intelligenz bleibt jedoch kaum, minder evident.

7/10