GHOST SHIP

„I smell bullshit.“

Ghost Ship ~ USA 2002
Directed By: Steve Beck

Als Captain Sean Murphy (Gabriel Murphy) und sein fünfköpfiges Bergungscrew-Team – Maureen Epps (Julianna Margulies), Greer (Isaiah Washington), Munder (Karl Urban), Dodge (Ron Eldard) und Santos (Alex Dimitriades) – von dem jungen Fremden Ferriman (Desmond Harrington) das Angebot erhalten, ein offenbar mutterloses Schiff in der Beringsee zu kapern, ist man sogleich Feuer und Flamme, gehört nach internationalem Seerecht doch freitreibende Fracht ihrem Finder. Bald darauf finden Murphy, seine Mannschaft und der sie begleitende Ferriman tatsächlich den mysteriösen Dampfer, bei dem es sich um den mittlerweile legendären italienischen, vor 40 Jahren spurlos verschwundenen Luxuskreuzer „SS Antonia Graza“ handelt. Bereits die ersten Begehung des Geisterschiffs entpuppen sich vor allem für Epps, der ein kleines Mädchen (Emily Browning) begegnet, als alles andere denn mit rechten Dingen zugehend. Und tatsächlich stimmt etwas nicht mit der Antonia Graza, ein Umstand, der sich mit dem Fund mehrerer Kisten mit Goldbarren zur Todesfalle für die Seeleute entwickelt.

„Ghost Ship“ zählt noch zur ersten Welle des von Robert Zemeckis, Joel Silver und Gilbert Adler 1999 Produktionslabels „Dark Castle“, das sich ursprünglich besonders traditionsverbundenem Horrorkino verpflichtet sah und dessen Bezeichnung sich als Hommage an den findigen Gimmickfilmer William Castle versteht. Mit seinem dritten Projekt nach den beiden nominellen Castle-Remakes „House On Haunted Hill“ sowie dem ebenfalls von Steve Beck inszenierten „Thirteen Ghosts“ zeigten sich denn auch spätestens gewisse Analogien und Parallelen innerhalb der Arbeitsweise des Substudios – binnen kurzer Laufzeit Geschichten, die in ihrer comichaften, stets etwas überdrehten Bebilderung an das klassische B- und Drive-In-Cinema oder an die alten EC-Comics erinnerten: luftiger Tongue-In-Cheek-Humor, mehr oder weniger gelungene Grand-Guignol-Momente und nicht immer gelungene CGI-Effektarbeit kennzeichneten jene ersten, bis 2007 entstandenen Filme, als Dark Castle sein Portfolio dann mit Guy Ritchies „RocknRolla“ sukzessive zu erweitern begann.
Becks „Ghost Ship“ bildet nun eine motivisch recht klassisch umrahmte haunted house story, nur dass es eben um ein Geisterschiff anstelle eines Geisterhauses geht. Mehrere aus dem etwas losen Scripthut hervorgezauberte Wendungen lassen das Geschehen bald zusehends übernatürlich werden; zunächst riecht das Ganze noch nach einem relativ ordinären, ruchlosen Verbrechen, dessen ungesühnte Opfer als Geister die Antonia Graza heimsuchen und mündet schließlich in die etwas alberne Mär um einen Dämon, der als persönlicher Adlatus des Gehörnten selbst fungiert und jenem Seelen zu kredenzen hat. Das Gold entpuppt sich als Lockmittel, das die unersättliche Gier der Menschen beflügeln und ihre Boshaftigkeit evozieren soll. Logisch – der Name „Ferriman“ (hätte ebensogut auch Schörgen-Toni heißen können) für jenen agent du diable wurde nicht ganz zufällig gewählt. Nach dem Slasher-Prinzip verfahrend muss die Trawler-Crew dann nach und nach das Zeitliche segnen, ein paar typische Verstörungsingredienzien wie ein mit Blut gefüllter Swimming-Pool, ein verführerischer Todesengel (Francesca Rettondini) oder eine Dose Bohnen, deren Inhalt sich während des genüsslichen Verzehrs in Maden verwandelt, inbegriffen. Dass der zuverlässige Gabriel Byrne dabei ist, ist schön, doch nimmt sein Part eher den eines Gaststars ein – die eigentliche Heroine ist die sensible Epps, die mithilfe ihrer geisterhaften kleinen Freundin Katie schließlich dafür sorgt, dass die Antonia Graza endlich ihrem kalten Grab entgegen sinken und sämtliche von Ferriman bereits verbucht geglaubten Seelen doch noch dem Himmel entgegenfahren dürfen. Das Finale scheut dann auch nicht, mit ziemlich widerlicher, aufgesetzt-kitschiger Christen-Mythologie zu kokettieren, was „Ghost Ship“ dann auch nochmal ein, zwei Sympathiepünktchen kostet.
Insgesamt wahrscheinlich nicht gänzlich misslungen aber wohl doch weit hinter dem zurückbleibend, was er hätte sein können.

4/10

CREEP

„Please let me go. I won’t tell anyone.“

Creep ~ UK/D 2004
Directed By: Christopher Smith

Die in der Londoner It-Szene aufblühende Deutsche Kate (Franka Potente) nimmt sich, leicht berauscht von Alkohol und Gras, vor, den justament in der Stadt weilenden George Clooney zu treffen. Bevor sie den letzten Zug erwischen kann, nickt sie jedoch am U-Bahnhof ein und wacht bald darauf völlig allein und verlassen wieder auf. Nicht nur, dass die nächtliche Station abgesperrt ist und Kate somit eingesperrt ist, stellt ihr auch noch ihr aufdringlicher Verehrer Guy (Jeremy Sheffield) nach. Und dieser ist noch bei Weitem nicht die grausigste Person, die Kate in jener Nacht die großstädtische Unterwelt zur Hölle macht…

Mit „Creep“ bin ich nicht sonderlich glücklich, allzu einfallslos verfolgt er insgesamt das Genrekonzept „U-Bahn-Horror“, allzu offen bleiben etliche Fragen um den verwachsenen Freak (Sean HarrisSean ), jenen heimlichen Beherrscher der suburbanen Tunnelsysteme, und seine Herkunft. Christopher Smith hätte sich auch ebensogut dafür entscheiden können, seine ohnehin knapp bemessene Erzählzeit ohne jegliche Verweise auf die Vergangenheit des Deformierten auskommen zu lassen; dem zunächst noch verfolgten Bild der mysteriösen, nicht greifbaren Bedrohung, die er ausstrahlt, hätte dies möglicherweise nur zur Konsequenz gereicht. So lassen diverse, nicht weiter ausgeführte Bildfetzen den Zuschauer allenthalben spekulieren, was das wohl für ein verkrüppeltes Wesen sein mag, das jedweder menschlichen Sozialisation entbehrt und mit den Ratten, die offenbar zu seiner Familie wurden, zu kommunizieren scheint. Wer ist der unter anderem auf Fotos mit dem (noch kindlichen) Rattenkönig auftauchende, geheimnisvolle Doktor und in welcher Beziehung steht er zu ihm? Offenbar gab es vor Jahren furchtbare Experimente an mehreren Probanden – was hat es damit auf sich und warum gibt es überhaupt diese subterranen Operationsräumlichkeiten? Bleibt alles vage. Relativ eindeutig scheint mir nur, dass Smith gewiss mit Gary Shermans Klassiker „Death Line“ geliebäugelt und sich möglicherweise auch die in den Achtzigern relativ zeitgleich aufgetretenen Comic-Villains „Vermin“ (Marvel) und „Ratcatcher“ (DC) als Inspiration für das Tunnelmonster zunutze gemacht hatte – ich fühlte mich jedenfalls permanent an selbige erinnert.
Ansonsten bleibt „Creep“, wie bereits konstatiert, stark schematisch und überraschungsbar in Planung und Ausführung; die zusätzlich eingeflochtenen Figuren dienen lediglich dazu, dem Freak (und somit dem Rezipienten) ein paar mehr oder weniger blutig zur Strecke gebrachte Mordopfer zu bescheren sowie Angst und Ekel der Protagonistin zu potenzieren. Franka Potente, anno 2004 bereits seit längerem im internationalen Filmbiz beheimatet, spielt deren Part gewohnt brauchbar. Erwähnenswert vielleicht noch, dass die Filmstiftung NRW, die man üblicherweise weniger mit Genrekino assoziiert, zumal mit solchem der etwas deftigeren Provenienz, „Creep“ mitproduzierte. Wesentlich mehr wird auf längere Sicht nicht hängen bleiben.

5/10

COME TO DADDY

„I can burp on command if you don’t mind. It’ll cheer you up.“

Come To Daddy ~ USA/CAN/NZ/IE 2019
Directed By: Ant Timpson

Der bei seiner alleinerziehenden Mutter im luxuriösen Beverly Hills aufgewachsene Möchtegern-Musikproduzent Norval Greenwood (Elijah Wood) hat seinen Vater Brian (Martin Donovan) seit Kinsheitstagen nicht gesehen. Auf dessen briefliche Einladung hin besucht Norval nun erstmals nach etlichen Jahren seinen Dad, der ein ablegenes Küstenhaus in Oregon bewohnt. Der etwas fatzkenhaft geratene junge Mann ahnt daher nicht, dass der Mensch (Stephen McHattie), der ihm bei seiner Ankunft vor Ort die Tür öffnet, mitnichten sein Vater ist. Entsprechend verstört reagiert Norval auf das sonderbare Verhalten jenes knorrigen Typen, der, nachdem er Norval schließlich mit einem Fleischerbeil bedroht, urplötzlich einem Herzinfarkt erliegt. Tatsächlich befindet sich Norvals richtiger Dad angekettet im Keller des Gebäudes, wo der Tote – wie sich herausstellt, ein Krimineller namens Gordon – sowie zwei weitere sadistische Gesellen (Michael Smiley, Simon Chin), ihm das Geldversteck aus einem Jahre zurückliegenden Coup entfoltern wollen. Dem eigentlicht zartbesaiteten Norval bleibt nur die harte Gegenwehr.

„Come To Daddy“, eine hier und da recht blutig geratene Farce, hätte mit seiner Mischung aus lakonischem Humor, überspannter Gewalt und obskurem Dialog eigentlich besser in die Mitt- bis Spätneunziger gepasst, als das noch beständig nachsprießende Tarantino-Gefolge genau solche Filme en masse ausstieß. Damit dürften auch zugleich Habenseite und Crux von Ant Timpsons inszenatorisches Debüt weitgehend subsummiert sein: „Come To Daddy“ nimmt sich streckenweise recht amüsant aus (die zitierte Szene mit Garfield Wilson als merkwürdigem Cop ist die witzigste des Films), verfügt über gute Darsteller und einen Regisseur, der sich trotz seiner Unerfahrenheit auf diesem Sektor zumindest nicht blamiert. Seine großen Schwächen offeriert das Ganze in der Scriptgestaltung, die sich kaum um den eigentlichen Plot oder die grundsätzlich herausfordernde Psychologisierung der Vater-Sohn-Beziehung schert, sondern vornehmlich darum, ihre einzelnen, verqueren Einfälle in mehr oder weniger voneinander separierten Aufzügen vom Stapel zu lassen. Ebendiesen mangelt es wiederum an der notwendigen Konzision; der primäre „Witz“ liegt darin, wie der überrumpelte Norval sich nach und nach des Gangstertrios entledigt, das seinem Vater auf die Pelle rückt. „Come To Daddy“ leidet also unter einer ziemlich mangelhaften Ausbalancierung, die eben auf Kosten seines vorsätzlichen schwarzen Humors in Kombination mit rigoros vorgeschützter Derbheit vernachlässigt wurde. Hätte andernfalls gewiss wesentlich besser sein können.

6/10

NABARVENÉ PTÁČE

Zitat entfällt.

Nabarvené Ptáče (The Painted Bird) ~ CZ/SK/UA 2019
Directed By: Václav Marhoul

Osteuropa, im Zweiten Weltkrieg. Aus ihm selbst unverständlichen Gründen zunächst von seinen Eltern bei einer Tante (Nina Suvenic) in der tiefsten Provinz versteckt, wartet auf den kleinen Joska (Petr Kotlár) nach deren Tod eine Odyssee durch die Kriegswirren, die ihn einer umfassenden Palette menschlicher Abgründe und Perversionen aussetzt. Am Ende seiner zermürbenden Reise hat Joska das Kindsein längst verlernt.

Der bereits 1965 in englischer Sprache erstveröffentlichte Roman „The Painted Bird“ von Jerzy Kosiński (eigentlich Józef Lewinkopf), einem im selben Jahr in die USA emigrierten polnischen Juden, verursachte, analog zur Vita seines Autors, im Laufe der Jahre stetig neue Kontroversen. Zunächst weitflächig euphorisch gefeiert für seinen involvierenden, nach eigener Auskunft autobiograpisch geprägten Abriss einer Kindheit im Krieg, erwiesen sich die im Buch geschilderten Ereignisse schließlich als pure Fiktion und somit Kosiński hinsichtlich seiner Selbstauskunft, ebenjene persönlich bezeugt zu haben, als Hochstapler. Tatsächlich, so die investigativen Recherchen, habe Kosiński die Holocaust-Jahre nicht als umherwandernder Vagabund erlebt, sondern sei von einer katholischen polnischen Familie bis Kriegsende versteckt gehalten worden. Fortwährende Diskussionen um eine mögliche, polenfeindliche Grundhaltung sowie sein eklatanter Antikommunismus rückten Kosiński und seinen Roman wiederum in kein positiveres Licht. In den frühen achtziger Jahren unterstellte ihm die US-Presse zudem fortwährenden Plagiarismus, gemeinschaftlich mit der stets in Augenschein belassenen Spekulation, für keines seiner bis dahin entstandenen Werke komplett selbstverantwortlich zu sein.
Die Frage, inwieweit jene doch schwerwiegenden Punkte das betreffende Kunstwerk herabstufen müssen, können oder dürfen, obliegt schlussendlich der individuellen Perspektivierung. Ich selbst kenne den Roman noch nicht und kann den Film daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur losgelöst von ihm bewerten.
Die Adaption von Václav Marhoul, wohlweislich unter Verwendung der Kunst- bzw. Plansprache Interslawisch gefertigt, um dem möglichen Vorwurf völkischer Schuldzuweisungen vorzubeugen, vermeidet gleich a priori den Weg akuten, konsequent beschrittenen Realismus‘. Gewiss, die Geschichte erinnert in ihrem transgressiven Impetus an Elem Klimovs „Idi I Smotri“ (dessen Hauptdarsteller Aleksey Kravchenko sich hier sogar in einer kleinen Rolle als Rotarmist zurückmeldet) findet ihre Umsetzung in formalästhetischer Hinsicht jedoch an einem ganz anderen Ende des Spektrums. Photographiert in sanften, bewegungsarmen Einstellungen, in Scope und kristallinem Schwarzweiß, kontrastiert die unentwegt bewahrte Poesie der Bilder die grauenhaften Erlebnisse Joskas nur umso diametraler. In neun Episoden gliedert Marhoul die Höllenfahrt (oder wahlweise Passion) seines kindlichen Protagonisten; neun Geschichten, die jeweils mit den Namen der sie bestimmenden Figuren eingeleitet werden. Einiges an internationaler Schauspielprominenz stand ihm dafür zur Seite; oftmals in wenig schmeichelhaften Parts. Denn was Joska ohne zu suchen findet, ist ein beeindruckend infernalisches Panoptikum menschlicher Schlechtigkeit: Herzlosigkeit, Kälte, Aberglaube, Opportunismus, Bigotterie, Betrug, Gewalttätigkeit, Verrat, Sadismus, Eigennutz, Korruption, Inzucht, Tierquälerei, Kindesmissbrauch, Mord, Hybris – all das erlebt der Junge im Laufe seiner Reise; Güte und Verständnis blitzen derweil immer nur für Sekundenbruchteile auf. Nicht nur seine körperliche und sittliche Unschuld kosten ihn diese amoralischen Lehrjahre, sie lassen ihn auch (Menschen gegenüber) zeitweilig verstummen, schließlich zum Plünderer, Dieb, Totschläger aus Notwehr und Mörder aus Rache werden. Am Ende findet Joskas Vater (Petr Vanek), der unterdessen selbst in KZ-Haft war, seinen Sohn in einem Waisenhaus wieder. Ob und wann der Junge, der sich immerhin seines Namens erinnert, ihm „vergeben“ kann, ob die Option dieser Art des Überlebens die Nazi-Gefangenschaft aufwiegt; auch diese unwillkürlich aufpoppenden Denkbläschen lässt Marhoul glücklicherweise unbeantwortet.
Dass seinem Film künftig noch größere internationale Popularität zuteil wird, wäre jedoch noch uneingeschränkt wünschenswert.

9/10

PET SEMATARY 2

„No brain, no pain… think about it!“

Pet Sematary 2 (Friedhof der Kuscheltiere 2) ~ USA 1992
Directed By: Mary Lambert

Als seine Mutter (Darlanne Fluegel), eine bekannte Hollywood-Actrice, infolge eines von ihm miterlebten Unfalls am Set stirbt, ist der Teenager Jeff (Edward Furlong) am Boden zerstört, zumal sie sich möglicherweise bald wieder mit seinem Dad, dem Tierarzt Chase Matthews (Anthony Edwards), versöhnt hätte. Um seinen Filius auf andere Gedanken zu bringen, zieht Chase mit ihm in die Kleinstadt Ludlow in Maine, wo zudem einen vakante Praxis auf Chase wartet. Die örtlichen High-School-Bullys, allen voran der fiese Clyde Parker (Jared Rushton), machen es Jeff alles andere als leicht. Nur im fülligen Drew Gilbert (Jason McGuire) findet er einen Freund. Doch auch Drew hat schwer zu knabbern – an seinem Stiefvater Gus Gilbert (Clancy Brown) nämlich, einem Arschloch vor dem Herrn und dazu noch der hiesige Sheriff. Nachdem Gilbert eines Abends Drews geliebten Hund Zowie abknallt, bittet Drew seinen neuen Kumpel Jeff, das Tier mit ihm zu begraben – auf einem gewissen, im Wald verborgenen Indianerfriedhof, dem spezieller Eigenschaften zugeschrieben werden. Doch dies ist lediglich der Anfang einer Kette blutiger Ereignisse…

Zunächst einmal mutet es in Anbetracht des Scipts ein wenig bizarr an, dass Mary Lambert, die Regisseurin des ersten, beinahe makellos schönen „Pet Sematary“, sich bereit erklärte, auch dieses Sequel zu inszenieren, denn „Pet Sematary 2“ macht sich keinerlei Mühe, einen der King-Adaption in Atmosphäre oder Habitus auch nur im Ansatz ähnliches Werk zu präservieren. Wo dieses nämlich, zumindest auf dem damals eingeschränkten Feld des Mainstream-/Studio-Horror, eine der vordringlichsten und geschlossensten Arbeiten der Spätachtziger darstellt, spielt die Forsetzung mit einem gänzlich anders gearteten Blatt Mau-Mau statt Skat. Sie liebäugelt nämlich unverhohlen mit Drive-In, Camp und Grand Guignol, setzt über weite Strecken Kids in die treibenden Parts, um sich dann im letzten Drittel zu einer liebevoll übersteigerten Zombie-Mär aufzutürmen, die zumindest auf der reinen Mentalitätsebene wesentlich mehr mit O’Bannons „The Return Of The Living Dead“ und dem zum gegebenen Zeitpunkt zwar noch nicht existenten, aber in Teilen doch stark antizipierten „Braindead“ zu tun haben als mit dem eigentlichen Vorläufer. Zwar werden immer wieder kleine regionale und inhaltliche Bezugspunkte gesetzt, die eine Nachfolgeschaft zumindest offiziell kenntlich machen, dabei bleließ man es aber auch.
Entsprechend weitflächig bis universell war und ist die Ablehnung, die „Pet Sematary 2“ seit eh und je entgegenwogte, bis heute. Ich bin mal so kühn, zu behaupten, der Grund dafür sei rasch zur Hand: „Pet Sematary“, das Original, geht (auch) durch als ein Film für Menschen, die Stephen King im Urlaub am Strand lesen und die von Kino wenig mehr erhoffen oder erwarten denn abendfüllendes Amüsement. Sein Nachfolger indes ist eindeutig und mehr oder weniger explizit für dedizierte Horrorliebhaber gedacht und gemacht. Hier werden zudem die vordringlichen Topoi noch um einiges subtiler und gleichzeitig psychologisch fundierter bearbeitet. Es geht, und dies nicht unbedingt allzu offensichtlich, um Themen wie den frühen Verlust von Elternteilen,die daraus resultierende Sehnsucht nach deren Rück- (oder besser Wieder-) Kehr und den schwerigen Umgang mit ihrem Tod, die fehlende Akzeptanz für deren potenziellen Ersatz, aber auch um das Gefühl von Ablehnung in der Pubertät, dysfunktionale Familienstrukturen und Orientierungslosigkeit, kurz: ums stets präsente „coming of age“. Wo der erste Teil noch Louis Creed als mehrkanaligen Zerstörer seiner Familie zentriert, der durch seine ebenso unablässigen wie törichten Versuche, alles wieder geradezurücken, schließlich auch sich selbst und seinen letzten Freund ins Verderben reißt, übernehmen hier alsbald die untoten Wiedergänger, und das auf eine zunehmend abseitige Weise. Eine unglaubliche Szene und vielleicht die, die „Pet Sematary 2“ über alle Sphären hebt, zeigt den wiederauferstandenen Clancy Brown als Gus Gilbert, wie er mit seinem Stiefsohn Drew und dessen Kumpel Jeff beim Abendessen sitzt. Gus stellt widerliche Dinge mit der Nahrung (Kartoffelbrei und Erbsen) an, die er ja eigentlich gar nicht mehr benötigt, nur, um die Jungen zu ekeln und lacht sich selbst darüber schlapp. Erinnerungen an Clancy Browns nicht minder sagenhafte Kurgan-Interpretation in „Highlander“, die sich im Folgenden noch intensivieren, sind da bereits unvermeidlich und geben dann auch die vorherrschende Tonart an. Damit hatte der Film zumindest meine Wenigkeit komplett im Sack.
Die Zombies entwickeln im Sequel eine gemeinschaftliche Agenda, säen (noch mehr) Tod und Untergang, können sprechen, Auto fahren, und organisieren sich, mit dem ja bereits zu unseligen Lebzeiten bösartigen Gilbert als Anführer, sogar wider die Lebenden. Da ist dann richtig was los im Staate Maine. Und dann gibt es auf der Tonspur statt eines einzigen Ramones-Songs im Abspann diesmal noch eine ganze, modische Musikkompilation von Clip-Meisterin Lambert (u.a. mit The Jesus & Mary Chain, L7 und einer weiteren Ramones-Nummer).
Kein Wunder, dass His Majesty mit „Pet Sematary 2“ (im ersten hatte er sich noch ein Cameo als Priester gegönnt) am Ende nichts mehr zu tun haben wollte und seinen Namen komplett aus den credits streichen ließ. Derart kreuzsympathischer Überschwang war dann selbst einem Schreibkönig zuviel.

8/10

TURBULENCE

„Say your prayers.“

Turbulence ~ USA 1997
Directed By: Robert Butler

Just an Heiligabend werden zwei vermeintliche, arretierte Schwerverbrecher in einer ansonsten fast leeren Linienmaschine von New York nach Los Angeles überführt. Einer von ihnen, Ryan Weaver (Ray Liotta), der als Serienmörder bereits mehrere Frauen auf dem Gewissen haben soll, konnte nur deshalb verhaftet werden, weil der ermittelnde Polizist (Hector Elizondo) gezielt Beweise gefälscht hatte. Weaver beteuert derweil vehement seine Unschuld. Als der andere Kriminelle, Stubbs (Brendan Gleeson), an Bord der bereits in der Luft befindlichen Maschine Amok läuft, kann Weaver ihn aufhalten. Zu diesem Zeitpunkt ahnt die zunächst erleichterte Flugbegleiterin Teri Halloran (Lauren Holly) noch nicht, dass Weaver tatsächlich ein gemeingefährlicher Psychopath ist…

Das Szenario der mit einem wahnsinnigen Mordbuben auf engstem Raum eingepferchten, zunächst schutzlos erscheinenden Frau beschreibt im Psycho-Thriller ein bereits mehrfach variiertes Motiv. Die Hilflosigkeit der Heldin wird dabei oftmals noch durch ein zusätzliches körperliches oder räumliches Handicap unterstrichen beziehungsweise intensiviert: In Richard Fleischers „See No Evil“ beispielsweise bekam Mia Farrow es als Blinde in einem entlegenen Landhaus mit einem garstigen Mehrfachmörder zu tun; im erst letzthin noch von revisionierten „Dead Calm“ von Phillip Noyce hieß es für die schwersttraumatisierte Nicole Kidman, sich des Irren an Bord eines weitab segelnden Schoners erwehren muss. „Turbulence“ greift diese Grundprämisse erneut auf und versetzt sie in das kurz zuvor mit Bairds „Executive Decision“ und „Con Air“ reaktivierte Action-Flight-Setting, das seine Wurzeln wiederum im klassischen Katastrophenfilm hat. Besonders der zeitweilig irrlichternde Spaßfaktor des letztgenannten findet sich auch in Butlers Film wieder, der sich im Prinzip gleich von Beginn an und dann über die gesamte Spielzeit hinweg nie wirklich ernst nimmt. Allein die Plotbasis, zwei besonders schwere Jungs von vier mehr oder weniger überforderten Agents in eine Verkehrsmaschine zu setzen, darf man wohl als höchst hanebüchene Ausgangslage bezeichnen, die analog zu dem sich mehr und mehr exaltiert verhaltenden Liotta (der eine ganze Portion überkandidelter Spielfreude an den Tag legt) dann auch bald nochmal an Überzuckerung gewinnt. Das sich über den Wolken entspinnende Duell zwischen ihm und Lauren Holly als über sich hinauswachsende Stewardess geriert sich entsprechend spaßig und seine potenzielle Terrorgenealogie eifrig mit Füßen tretend. Nette Ideen wie die (im modernen Weihnachtsfilm offenbar ohnehin unvermeidliche) Reminiszenz an „It’s A Wonderful Life“ stützen den lustvoll ausgestellten Hyperrealismus des Ganzen. Eine allzu seriöse Begegnung mit „Turbulence“ gestaltet sich insofern als nahezu unmöglich, würde seinem Duktus als heimliche Komödie allerdings auch kaum gerecht.

6/10

DISCIPLE OF DEATH

„Whatever you do – don’t go near the old hall!“

Disciple Of Death (Das Monster mit der Teufelsklaue) ~ UK 1972
Directed By: Tom Parkinson

Cornwall, im 18. Jahrhundert: Ausgerechnet die mit einem Blutstropfen besiegelte, heimliche Verlobung des Bauern Ralph (Stephen Bradley) mit der Junkerstochter Julia (Marguerite Hardiman) sorgt dafür, dass der satanistische Selbstmörder Asher (Mike Raven) zu untotem neuen Leben erwacht. Sein diabolisches Ziel: sieben jungfräuliche Herzen zu extrahieren, um dann in die Ewigkeit eingehen zu können. Die bereits von ihm behexte Julia soll sein letztes Opfer sein. Gemeinsam mit dem Geistlichen Parson (Ronald Lacey) und mit der Hilfe eines mysteriösen Kabbalisten (Nicholas Amer) gelingt es Ralph, der bereits seine Schwester (Virginia Wetherell) an Asher verloren hat, dem Unhold und seinem aus der Hölle herbeigerufenen Zwergenadlatus (Rusty Goffe) den Garaus zu machen.

Nicht alles im britischen Horrorfach der Frühsiebziger stammte automatisch aus den qualitätsstandardisierten Produktionsschmieden der diesbezüglich spezialisierten Studios wie Hammer, Amicus oder Tigon. Es gab da auch die eine oder andere räudige Kleinstschindel, so etwa den vorliegenden „The Disciple Of Death“, der sich an die kurze Welle aus vornehmlich historisch gewandeten Folk- und Okkulthorrorfilmen hängte. Im Zentrum dieser einzigen Regiearbeit Tom Parkinsons, die als einzig vorhandene Musik Bachs „Toccata und Fuge“ in Dauerschleife verwendet, steht der schillernde Mike Raven alias Austin Churton Fairman, der in seinen knapp 73 Lebensjahren allerlei versuchte – und nur das Wenigste davon wirklich konstant oder gar längerfristig erfolgreich. Zu seinen selbsterkorenen Berufungen zählten neben der Filmerei, die ihn in eine Kurzkarriere von ganzen vier Projekten binnen zwei Jahren (die zwei davon, die ich noch nicht kenne, werde und muss ich – Erinnerungsnotiz – umgehend nachholen) führte, auch das Theaterspiel, der Ballettanz, ein paar Engagements als Flamenco-Gitarrist, die Radiomoderation, einige Jahre als Blues-DJ, die Arbeit als Autor und Skulpteur sowie die Schafzüchterei in Cornwall, im Zuge derer er auch als Co-Produzent für „The Disciple Of Death“ auftrat.
Jener hübsch einfältige, möglicherweise unter dem Einfluss des einen oder anderen bewusstseinserweiternden Derivats entstandene Leinwand-Plumpudding kombiniert seinen geradezu märchenhaften, infantil-naiven Plot mit einigen deftigen Make-up-Effekten, die die Zensoren trotz ihrer Durchschaubarkeit erwartungsgemäß auch hierzulande erzürnten. Mike Raven himself sorgte dafür, dass er besonders „effektvoll“ in Szene gesetzt wurde, was vor allem seine augenrollenden Beschwörungs- und Opferriten zu einer jeweils unnnachahmlichen Schau macht. Speziell die zweite Filmhäfte, beginnend mit dem Besuch in der Alchemistenstube des lustigen Kabbalisten (in der deutschen Synchronfassung freilich bloß ein weniger verfänglicher „Okkultist“), gerät zu einer delirierenden Karussellfahrt. Meine Lieblingsszene und überhaupt eine für die Ewigkeit ist die, in der Ronald Lacey mitsamt seiner unmöglichen Perücke von dem Zwerg praktisch widerstandsfrei zu Boden gerungen und ihm dann von selbigem die Kehle zernagt wird. Das sollte, dass muss man gesehen haben!
Die deutsche Synchronfassung mit einem zur Höchstform auflaufenden Christian Marschall sollte nicht unerwähnt bleiben – erweist sie doch dem freidrehenden, sich dabei völlig Ernst nehmenden Überschwall des Films nochmals ihre zusätzliche Ehre.
Un-ge-laublich.

5/10

BIOHAZARD

„You guys must be nuts.“

Biohazard ~ USA 1985
Directed By: Fred Olen Ray

Mittels des empathisch veranlagten, vollbusigen Mediums Lisa Martyn (Angelique Pettyjohn) gelingt es dem Wissenschaftler Dr. Williams (Art Payton), lebende und tote Materie herbeizuteleportieren. Das jüngste Experiment fördert einen Container außerirdischen Ursprungs zutage, dem alsbald ein kleinwüchsiges, mörderisches Alien (Christopher Ray) entspringt. Das Wesen zieht eine Blutspur quer durch die kalifornische Provinz, das Soldaten-Ass Mitchell Carter (William Faier) stets dicht auf den Fersen. Tatsächlich ist die Kreatur jedoch nicht der einzige Extraterrestrier in der Gegend…

Nach „Scalps“ hatte Fred Olen Ray dessen schmales Budget immerhin zur vierfachen Verfügung, konnte auf 35 mm drehen und den seinerzeit durch extremen Alkoholkonsum arg heruntergekommenen Aldo Ray für eine kleine Rolle als schimpfenden Offizier gewinnen. Ansonsten waren die Produktionsbedingungen nicht wesentlich besser; Ray, dessen trotz allem noch immer renommierter Name die Besetzungsliste anführt, erwies sich bei selbst nur drei vertraglichen Settagen als permanenter Risikofaktor und der monetäre Nachschub für die nach Tagessätzen bezahlten Cast- und Crewmitglieder ließ oftmals auf sich warten. So ganz aus der Guerillafilmer-Ecke katapultierte also auch „Biohazard“ Fred Olen Ray noch nicht heraus; diese Funktion erfüllten erst seine folgenden beiden Filme.
Im steifen Gummikostüm des kleinen Außerirdischen steckte Rays damals siebenjähriger Sohn Christopher – eine vornehmlich zeitökonomische Entscheidung, denn Ray war als alleinerziehender Vater für die Betreuung seines Filius verantwortlich.
„Biohazard“, dessen Fertigstellung in der Hauptsache wiederum dem stoischen Ehrgeiz seines Regisseurs zu verdanken ist, versteht sich zwar als Hommage an die billigen, kleinen Monsterfilme der fünfziger und sechziger Jahre, lässt andererseits aber auch keinerlei Zweifel daran, dass er sich seiner bescheidenen Konditionen jederzeit bewusst ist und daher zu gleichen Teilen der schlockigen Comedy zuspricht. Einzelne Szenen und Dialoge, vor allem die, in denen das Alien sich seine Opfer sucht, liebäugeln unzweideutig mit Groteske und absurdem Theater. Den Gipfel erreicht das Ganze dann im Finale, das nochmal einen komplett albernen (und dazu kongenial inszenierten) twist bereithält. Der mit einem wohlvernehmlichen „Cut!“ eineleitete Abspann, der, ähnlich wie bei Hal Needham, mit einer Zusammenstellung der schönsten bloopers unterlegt ist, lässt schließlich keinen Zweifel an Rays sympathisch-aufrichtiger Selbsteinschätzung und vor allem seinem goldigen Humor.
Eine vorsätzliche Gurke, ganz klar, dabei aber so schnuckelig wie ein ranziger Kuschelteddy.

4/10

SCALPS

„Now, he’s acting funny.“

Scalps (Der Fluch des blutigen Schatzes) ~ USA 1983
Directed By: Fred Olen Ray

Der Archäologe Professor Machen (Kirk Alyn) ist hinter indianischen Fundstücken her. In der kalifornischen Wüste befindet sich weitab vom Schuss ein diesbezüglich vielversprechendes Ausgrabungsgebiet, das jedoch auf geschütztem Stammesterritorium liegt. Die Artefakte dürften also nicht von dort entfernt werden. Dennoch schickt Machen eine sechsköpfige Gruppe junger Studierender voraus, die nach Relikten suchen, diese sammeln und katalogisieren soll. Die auf dem Weg vernommene Warnung eines alten Ureinwohners (George Randall) in den Wind schlagend, campen die jungen Leute in der Nähe eines unheiligen Areals, auf dem ehedem der abtrünnige Indianer Black Claw (Richard Hench) sein schwarzmagisches Unwesen trieb. Und tatsächlich fährt dessen noch höchst aktiver Geist in einen der Nachwuchsarchäologen (Richard Hench). Der Beginn eines blutigen Wochenendes…

Der immens arbeitsame Filmemacher und -liebhaber Fred Olen Ray ist nicht eben das, was man als einen filigranen Künstler bezeichnen würde. Vielmehr gilt er – gemeinsam mit seinem Kollegen und Kumpel Jim Wynorski – als illegitimer Nachfolger Roger Cormans, der auch vor allerbilligsten Produktionsbedingungen nicht zurückschreckt und dem in jedweder Beziehung Quantität stets weit über Qualität ging. Das Resultat dieser nicht locker lassenden Umtriebigkeit sind allein über 150 Regiearbeiten, die sich relativ proportional in Kino-, DTV- und Fernsehfilme dritteln lassen und jedes Genre abdecken, aus dem sich in irgendeiner Form sorglose Exploitation destillieren lässt. „Scalps“ bildete seine vierte Feature-Inszenierung und mit ganzen 15.000 Dollar Herstellungskosten gleichermaßen die letzte ultralow budgetierte und auf 16 mm gedrehte, bevor dann ab 1985 sein Œuvre mit „Biohazard“ zumindest an der auf 35 mm Panavision erweiterten Oberfläche wesentlich „kinotauglicher“ aussah und ein entsprechend größeres Publikum erreichen konnte.
„Scalps“ wohnt noch der unbedarfte, wenngleich euphorische Habitus des aufstrebenden Amateurfilmers inne, der nach höherem strebt, sich jedoch mit seinen schmalen Gegebenheiten zufrieden gibt und das Beste aus dem ihm zur Verfügung Stehenden macht. Ungeschlacht und teilweise ohne Regisseurssegen nachträglich montiert (Roger Ebert, der den Film wundersamerweise besprach, meinte Ray zufolge, „“Scalps“ wirke wie mit dem Tomahawk geschnitten“, was nicht von der Hand zu weisen ist), schafft der kleine, manchmal sogar deftige Slasher es dennoch, niemals langweilig zu werden und seine obschon dünne Atmosphäre über die gesamte Spielzeit aufrecht zu erhalten. Auch Rays stetes Gusto, immer mindestens einen prominenten Besetzungsnamen vorweisen zu können, griff schon damals. Der erste Kino-Superman Kirk Alyn stand ihm für einen Kurzaufritt ebenso zur Seite wie das kurzerhand reaktivierte Vampir-Starlet Carroll Borland und der berühmte Sammler von Phantastik-Memorabilia Forrest Ackerman. All diese Facetten sorgen dafür, dass „Scalps“ nie ganz in Vergessenheit geriet und, entsprechende Abstriche vorausgesetzt, noch immer als liebenswerter, kleiner Strauchfilm goutiert werden kann.

5/10

SIN CITY: A DAME TO KILL FOR

„This rotten town… it soils everybody.“

Sin City: A Dame To Kill For ~ USA 2014
Directed By: Robert Rodriguez/Frank Miller

Drei weitere Geschichten aus Basin „Sin“ City mit dem nicht klein zu kriegenden, kurzzeitamnesischen Eisenkinn Marv (Mickey Rourke) als narrativem Bindeglied: Der Zocker Johnny (Joseph Gordon-Levitt), ein uneheliches Kind des diabolischen Senators Roark (Powers Boothe), begeht den tödlichen Fehler, sich mit seinem Vater anzulegen; der Privatschnüffler Dwight McCarthy (Josh Brolin) wird zum Spielball seiner ihn als Mordwerkzeug benutzenden, ehemaligen Flamme Ava (Eva Green); die Stripperin Nancy (Jessica Alba) hat den Tod ihres Beschützers John Hartigan (Bruce Willis) auch Jahre später nicht überwunden und beweist Senator Roark, dass selbst er nicht allmächtig ist.

„Sin City: A Dame To Kill For“ war der falsche Film zur falschen Zeit am falschen Platz. Nachdem ich mit dem immerhin neun Jahre älteren Vorgänger, zu dem es mich, aus mir unerfindlichen Gründen wieder und wieder hinzieht (scheinbar geht es mir da ähnlich wie Marv, der jeden Abend obsessiv zu Nancys Auftritten rennt), mittlerweile immer besser zurechtkomme, habe ich den Nachfolger nun mit einiger Verspätung erstmals geschaut. Durch die relative Zeitnähe zur „Sin City“-Betrachtung konnte ich mich an das nach wie vor konsequent durchgezogene Stil-Potpourri aus Colorkey-Technik, Greenscreen, Scherenschnitt und Brutalkontrastierung recht umweglos adaptieren und es durchaus genießen. Inhaltlich nicht mehr ganz so sleazig und kaltschnäuzig wie in den Episoden des Vorgängers nehmen sich die wahlweise als Pre- und/oder Sequel fungierenden Segmente in „A Dame To Kill For“ aus; Elemente wie Kannibalismus, Kindesmissbrauch und Folter werden, analog zu Frank Millers Vorlagen freilich, fallengelassen. Stattdessen findet sich eher der klassisch-/traditionelle Noir-Faktor genährt, was sich natürlich insbesondere in der titelgebenden Episode um Eva Green als teuflisch-verrückte, männerverschleißende femme fatale niederschlägt. Dass die korrekte Chronologisierung der Geschichten den Filmen beinahe schon aufreizend gleichgültig ist und sie stattdessen vollständig dem Rezipienten obliegt, ist ebenfalls Millers Phantasmagorien zuzuschreiben, deren Veröffentlichungen sich auch nie um zeitliche Konstanz scherten, sondern längst totgeglaubte Figuren stets wieder auftauchen ließen durch den „Kniff“, sich keiner Chronologie zu versklaven. So kann sich unter anderem Mickey Rourke trotz seiner Hinrichtung im Original auch im zweiten Teil noch als Marv durch die Reihen seiner Feinde holzen und so erklärt sich auch, warum Dwight hier zunächst aussieht wie Josh Brolin und nicht wie Clive Owen. Das Blut, das vor allem die Katana-Schwingerin Miho (Jamie Chung) beim höchst opferintensiven Angriff auf Avas Witwenvilla fließen lässt, spritzt zumeist in leuchtendem Weiß und hielt darob auch die Zensoren im Zaum; leider aber nicht nur diese. „A Dame To Kill For“ schmierte in kommerzieller Hinsicht recht gnadenlos ab; neun Jahre später war das formalistisch brillante, intellektuell dafür grenzdebil exekutierte, filmische Kunstkonzept „Sin City“ offenbar nicht mehr gefragt bzw. erwünscht. Dabei ergänzen sich beide Filme beinahe ohne jedwede Trennschärfe und bestätigen ihre jeweilige Qualitäten mittels einer sich beinahe völlig nahtlos abwickelnden Wechselwirksamkeit. Damit ist „A Dame To Kill For“ so funktional, wie es eine Fortsetzung überhaupt nur zu sein vermag – sie könnte mit „Sin City“ theoretisch sogar den Platz bzw. Status tauschen.

8/10