THE HUMAN DUPLICATORS

„I am your master! Do as I command!“

The Human Duplicators (F.B.I. jagt Phantom) ~ USA/I 1965
Directed By: Hugo Grimaldi

Ein Volk herrschsüchtiger Aliens schickt seinen riesenhaften Agenten Kolos (Richard Kiel) zur Erde, um dort eine geheime Invasion vorzubereiten. Mithilfe des brillanten Wissenschaftlers Professor Dornheimer (George Macready) soll Kolos eine Armee von Androiden erschaffen, die nach und nach die Menschheit unterwandern. Nachdem erste Einbrüche von scheinbar renommierten Forschern in geheime Einrichtungen begangen werden, nimmt sich NIA-Agent Glenn Martin (George Nader) des Falles an…

Es ist ein veritables Glück, das kleine Preziosen wie diese trotz prekärer Material-Ausgangslage digital aufbereitet und der geneigten Rezipientenschaft in bestmöglicher Form zugänglich gemacht werden.
„The Human Duplicators“ ein kunterbuntes Camp-Fest ohne jede falsche Scham, darf man sich in etwa in derselben Liga vorstellen, in der die Arbeiten von Edward D. Wood oder Al Adamson spielen, zu deren Werken natürlich auch thematische Parallelen zu bestaunen sind. Immer wieder müssen darin außerirdische Despoten herhalten, die für ihre wahnwitzigen Eroberungspläne auf die denkbar bescheuertsten Mittel und Wege zurückgreifen – zum höchsten Vergnügen des Zuschauers freilich, denn somit werden reichlich Anlässe für hanebüchnen Dialog und auch sonst alles Dazugehörige geboten. Für „The Human Duplicators“ nun stand dem Gelegenheitsregisseur Hugo Grimaldi eine durchaus illustre Besetzung rund um George „Jerry Cotton“ Nader und den etwas steif gewordenen George Macready zur Verfügung, deren heimliches Highlight fraglos Richard Kiel darstellte. Der damals noch junge Hüne bekam dankenswerterweise ungewohnt viel Dialog und somit Gelegenheit, auch einmal sein angenehmes Timbre zum Einsatz zu bringen. Seine Annäherungsversuche an die zarte Dolores Faith ergeben besonders rührende Szenen; wie am Ende es – natürlich – einmal mehr die Schöne ist, die das Biest zu Fall bringt. Nach gründlichst vermasselter Mission verschwindet Kolos, der einem dann doch ein wenig leid tut, auf Nimmerwiedersehen in den Weiten des Alls.
Dazwischen erfreut – bei Bedarf – auf der just erschienenen Blu-ray des renommierten, grundsätzlich stets zu unterstützenden Labels „Edition Hände weg!“ die Berliner Synchronfassung von Karlheinz Brunnemann das Ohr des staunenden Liebhabers solch unschätzbarer Kulturschätze. Künstler und Künstlerinnen wie Arnold Marquis, Gert Günter Hoffmann, Beate Hasenau, Heinz Petruo und noch einige mehr „sprechen“ in der Tat für sich selbst und verleihen diesem filmischen Äquivalent zum handgefertigten Gemälde eines Drei- bis Vierjährigen nochmals den rechten Goldrand. Ich sag‘ nur: „Du blöder, fehlprogrammierter Androide!“
Hingehen, sehen, staunen, liebhaben – sonst futschikato!

6/10

A GATHERING OF EAGLES

„Colonel Caldwell in quarters.“

A Gathering Of Eagles (Der Kommodore) ~ USA 1963
Directed By: Delbert Mann

Nachdem auf der nordkalifornischen Carmody Air Force Base eine durch den Aufsichtsoffizier General Kirby (Kevin McCarthy) unangekündigte ORI (Operation Readiness Inspection) durchgeführt wird, kommt die Admiralität zu höchst unzufriedenen Resultaten angesichts der Einsatzbereitschaft der 904. Strategic Aerospace Wing. Kurzerhand wird der vormalige Kommandeur geschasst und an seiner Statt Colonel Jim Caldwell (Rock Hudson) zum Leiter der Basis ernannt. Caldwells alter Freund und Kriegskamerad Hollis Farr (Rod Taylor) fungiert als sein Stellvertreter. Sowohl Farr als auch Caldwells Gattin Victoria (Mary Peach) sind bald verwundert, dass der vormals als Gemütsmensch geltende Caldwell seine neue Aufgabe offenbar unerwartet ernst nimmt: mit eiserner Disziplin begeht er die Kommandatur und scheut sich nicht, vormals unausgesprochene Wahrheiten aufs Tapet zu bringen. Dies führt zu allerlei Konflikten, der Erfolg der nächsten Inspektion durch Kirby gibt ihm am Ende jedoch Recht.

Ähnlich wie Anthony Manns thematisch stark anverwandter, acht Jahre zuvor entstandener „Strategic Air Command“ ist auch „A Gathering Of Eagles“ ein wenig verklausulierter Werbefilm für die US Air Force und deren Meriten als eminentes, militärisches Bollwerk vor dem omnipräsenten Hintergrund des Kalten Krieges. Das Script legt gesteigerten Wert darauf, Pflichtbewusstsein und Unbestechlichkeit der Offiziere zu prononcieren, wobei insbesondere Rock Hudson in der Hauptrolle ein besonderer Status als knallharter, immer wieder mit seiner Humanität hadernder Kriegsheld (Caldwell war in Korea) verehrt wird. Mögliche soft spots, so das unmissverständliche Fazit des Films, kann und darf sich eine hochsensible Maschinerie, wie sie ein vor Vernichtungspozenzial strotzender Luftwaffenstützpunkt de facto darstellt, nicht leisten. So lässt Caldwell bald „Köpfe rollen“, wie es auch im Film heißt; der alternde, mit den neuen Anforderungen überforderte und dem Alkohol allzu zugeneigte Colonel Fowler (Barry Sullivan) etwa wird von Caldwell entlassen, weil er infolge seiner Instabilität einen unwägbaren personellen Risikofaktor darstellt. Die vormals ausgesetzte Sieben-Tage-Bereitschaft wird wieder eingeführt, sehr zum Leidwesen des stark geforderten Personals, und Streitigkeiten mit Freund und Ehefrau bleiben nicht aus. Am Ende behält Caldwell jedoch Recht – seine Maßnahmen steigern die Effektivität der Basis ins Beispielhafte, ein Resultat, das gleichfalls die vormals schlauchende Motivation der Männer wiedererweckt.
„A Gathering Of Eagles“ bildete im Prinzip ein typisches Vehikel für seinen Hauptdarsteller, wie sie die Universal in den fünfziger und sechziger Jahren ja en gros fabrizierte. Rock Hudson, mit wenigen Ausnahmen seinem Haus- und Vertragsstudio über rund zwanzig Jahre hinweg treu und damit gewissermaßen noch eines der letzten, späten Relikte von Hollywoods Golden Age, wurde für die immergleichen, vorwiegend romantisch konnotierten Protagonistenparts rekrutiert; kostengünstige Western, Abenteuer- und Kriegsfilme pflasterten seine wachsende Popularität, später kamen keimfreie Komödien vorwiegend an der Seite von Doris Day dazu, natürlich seine diversen Engagements bei Douglas Sirk, die er (so auch im vorliegenden Falle) ebenso gern für andere Filmemacher bekleidete. Dabei befütterte er als höchst zuverlässiger Schauspielroutinier ab einem gewissen Zeitpunkt weniger den Status des bemerkenswerten Akteurs denn vielmehr seine eigene Typologie, die auf ein immens geschlossenes Œuvre zurückblicken lässt – angesichts der ewigen persönlichen Verstellung, zu der Hudson wegen seiner Homosexualität genötigt war, ein gleichermaßen durchaus tragisches Schicksal.
„A Gathering Of Eagles“, trotz seiner unverhohlen promilitärischen Hofierungsmechanismen ein schöner, liebenswerter Film, geradezu behende zehrend von der Professionalität sämtlicher Beteiligten, spiegelt all dies exemplarisch wider und kann somit tatsächlich als prototypisches Hudson-Werk reüssieren.

8/10

TOY SOLDIERS

„There’s no goin‘ back, you understand?“

Toy Soldiers (Schnitzeljagd – Teenage Apokalypse) ~ USA/MEX 1984
Directed By: David Fisher

Das Bel-Air-Millonärstöchterchen Amy (Terri Garber) schippert mit sieben College-FreundInnen (Douglas Warhit, Jim Greenleaf, Mary Beth Evans, Tim Robbins, Jay Baker, Larry Poindexter, Tracy Scoggins) während der Semesterferien auf einer kleinen Yacht durch die mittelamerikanischen Inselgewässer. Als Skipper und „Babysitter“ begleitet der knarzige Söldner „Sarge“ (Jason Miller) die partysüchtige Clique; ein Zustand, dem man durch einen fiesen Streich Abhilfe schafft, indem man den Senior kurzerhand von Bord befördert. Doch erweist sich dessen abwesende Obhut rasch als schwerwiegender Mangel, denn fünf der Kids geraten unversehens in die Gewalt lokaler Militärputschisten, deren Mitgliedschaft aus durchweg übelstem Geschmeiß besteht. Dem mittlerweile wieder präsenten Sarge gelingt zwar Amys Befreiung, das übrige Quartett jedoch bleibt in der Gewalt der Guerilleros.
Zurück in den Staaten wird Amy nicht mit den Geschehnissen fertig und überredet daher Sarge, dessen Kumpel Buck (Cleavon Little) und zwei der anderen Rückkehrer, die in höchster Lebensgefahr befindlichen Gekidnappten mittels eines privaten Minikommandos herauszuhauen.

Dieser bei uns um die Mitte der Achtziger als Videopremiere erschienen New-World-Produktion, der kurzerhand der seinerzeit einschlägig wirkungsvolle „Apokalypse“-Titelzusatz angehängt wurde, haftete damals ein unheilvoller Ruch an, der in eine zweieinhalb Dekaden andauernde Indizierung (das übliche Zeitmaß ohne rekurrierenden Verlängerungsantrag) mündete.
Filme wie „Toy Soldiers“ (dessen Originaltitel nicht mit dem sieben Jahre jüngeren, gleichnamigen Werk von Daniel Petrie jr. zu verwechseln ist) waren es tatsächlich, die perfekt dazu angetan waren, die just im Wiederaufkeimen befindliche Friedensbewegung auf die Palme zu bringen – und zwar ganz weit nach oben, dahin, wo die richtig fetten Kokosnüsse baumeln gewissermaßen. Immerhin wurden hier keine silberhaarigen Rentner oder bodybuildende Einzelkämpfer jenseits der Vierzig ins reakionäre Feld geschickt, sondern tapfere 08/15-Kids aus der Mittel- und Oberschicht, die für ein Wochenend-Abenteuer Bierbüchse und Sonnencreme gegen Kampfmesser und Bazooka eintauschten. Gewissermaßen verzichtete das Actionkino damit auf ein wesentliches Element seiner metarealen Comicebene und schuf an dessen Statt taugliche Identifikationsfiguren. So etwas konnte nur als zersetzend erachtet werden.
Die Grundzüge des Plots indes gestalten sich handelsüblich und vereinen diverse zeitgenössische Subgenre-Elemente, darunter solche des Söldner- sowie des Selbstjustiz- und Kommandofilms, gepaart mit dem obligatorischen Motiv des „Vietnam vet in distress“. Lateinamerika nebst seiner stets höchst instabilen Polithistorie bot damals eine dankbare und entsprechend häufig befleißigte Kulisse des Actionkinos, wobei sich die handlungstragenden Bananrepubliken in den seltensten Fällen konkret nominalisiert fanden. Stattdessen wurden der topographischen Unübersichtlickeit Rechnung tragende Fantasie- und Stellvertreterstaaten genutzt, um nur die reale US- bzw. CIA-Interventionspolitik unter Reagan nur ja nicht zu desavouieren.
In „Toy Soldiers“ muss also eine Gruppe junger Studierender ran, um den notgeilen, Zigarillos qualmenden, Bohnen bratenden Che-Guevara-Latinos zu demonstrieren, dass die nordamerikanischen Normen und Werte von weitaus höherer moralischer Qualität sind denn die hiesigen und dass die dazu gehörige Zielstrebigkeit insofern nicht zu unterschätzen ist. So etwas gelingt am Ende natürlich auch nur mit dem passenden Führungspersonal, das sich hier primär in der Person des etwas abgekämpft wirkenden Jason Miller zur Verfügung stellt – erwartungsgemäß erst nach einiger Überredungskunst. Für ein adäquates Überlebenstraining bleibt ob der Brisanz der Situation freilich keine Zeit – eine zertrümmerte Wassermelone sowie eine Jogging-Session am Strand müssen genügen und schon geht’s zurück in die grüne Hölle, wo sowohl dem hundsföttischen Obergeneral (Rodolfo de Anda) als auch dessen Handvoll übler Strauchdiebe flugs und sauber der Garaus gemacht wird. Neben Miller und Cleavon Little lassen sich einige bekannte Nachwuchsgesichter aus Film und Fernsehen erhaschen, teilweise in Debütrollen – so etwa der junge Tim Robbins.

6/10

THIS IS LOVE

„Ich werde jetzt überhaupt nichts mehr sagen.“

This Is Love ~ D 2009
Directed By: Matthias Glasner

Die einst erfolgreiche Polizeikommissarin Maggie (Corinna Harfouch) ist nurmehr ein Schatten ihrer selbst, seit ihr Mann Dominik (Herbert Knaup) sie vor sechzehn Jahren verlassen hat. Längst pathologisch dem Alkohol verfallen, ist sie ferner nicht in der Lage, die seitdem ohnehin schwer belastete Beziehung zu ihrer Tochter Nina (Valerie Koch) auf einer stabilen Basis zu halten, wie auch eine notdürftige Liebesaffäre primär vom Suff zusammengeklebt wird. Als der Halbdäne Chris (Jens Albinus) zu ihr in Untersuchungshaft kommt, weil er seinen Hausmeister (Felix Vörtler) erschlagen hat, erinnert sich Maggie dunkel daran, ihn vor Kurzem bereits auf dem Revier gesehen zu haben. Es ging dabei wohl um eine Vermisstenanzeige. Chris ist zunächst nicht bereit, sich zu offenbaren und tritt in Hungerstreik. Maggie jedoch ahnt, dass das Brechen seines Schweigens auch für sie eine Form von Erlösung bedeuten könnte…

Von herausgerissenen Herzen, unmöglichen und brisanten Liebesbeziehungen berichtete Matthias Glasner bereits in dem unglaublich packenden Vergewaltiger-Drama „Der freie Wille“ mit einer solchen Intensität, dass eine nochmalige Steigerung kaum mehr möglich scheint. „This Is Love“ übertrifft dann auch zumindest die inhärente Dramatik des genannten opus magnum nicht, obschon seine verhandelten Themen sich gewiss nicht minder tragisch ausnehmen. Um eine rein missverständlich beendete Ehe geht es mit sich anschließenden sechzehn Jahren persönlichen Fegefeuers und um eine noch viel prekärere hebephile Liebe, deren katastrophaler Verlauf und detereminiertes Scheitern so obligatorisch ist wie Maggies allabendlicher Vollrausch. Glasner erzählt seine beiden, mit aller Macht aufeinander zustrebenden Handlungsstränge chronologisch verschachtelt und zunächst ohne auffällige Parallelisierungen, um sie dann umso heftiger kollidieren zu lassen.
„Down By Love“ wäre eine grundsätzlich ebenso passende, jedoch allzu alberne Titulierung jener ganzen, zermürbenden Konstruktion gewesen. Im jeweiligen Mittelpunkt stehen zwei mit völlig gegensätzlichen Vitae behafteten, bis in ihre Einzelteile zetrümmerte Individuen; auf der einen Seite die vormals starke und selbstbewusste Polizistin, die jedem TV-Krimi alle Ehre gemacht hätte, auf der anderen Seite der verschrobene, leicht autistisch wirkende Diplomatensohn mit dunklen Biographieflecken, der mit seinem Kumpel Holger (Jürgen Vogel) einer „altruistischen Variante des Menschenhandels“ nachgeht: Die beiden kaufen in Vietnam Kinderprostituierte deren lokalen Zuhältern ab, um sie dann in Deutschland wohlhabenden Paaren zur Adoption anzubieten. Bei ihrer jüngsten Klientin, der vielleicht zwölf Jahre alten Jenjira (Duyen Pham), sprengt sich ihr Wirtschaftskonzept jedoch selbst in die Luft, denn Chris verliebt sich in das kleine, gleichwohl schutzbedürftige wie aufgrund seiner schrecklichen Lebensumstände vorgereifte Mädchen. Was zunächst auf väterliche Gefühle hindeutet, ist in Wahrheit doch viel mehr. Chris mag Jenjira nicht mehr hergeben, schlägt ihre potenziellen Adoptiveltern in den Wind und bricht mit Holger, der ihn nicht begreifen kann und wie zum Beweis dafür eine schmerzliche Grenze übertritt. Die hernach angetretene Flucht nach vorn kennt man so ähnlich von Nabokov, ebenso wie ihren zwangsläufig eingeschlagenen Weg. Irgendwann heißt es dann sowohl für Maggie als auch Chris Farbe zu bekennen und das Richtige zu tun. Dafür brauchen sie sich gegenseitig.
Diese unmögliche Konstellation löst Glasner mit einem vergleichsweise versöhnlichen Abschluss, wo anderswo, auch bei Glasner selbst, vielleicht Gewalt und Tod finale Erfüllungsgehilfen gewesen wären. Wo die dazu gehörigen Figuren, mit denen man die letzten zwei Stunden durchrungen und durchlitten hat, nach dem Abspann enden werden, lässt sich indes sehr wohl mutmaßen. Ihr jeweiliges Schicksal jedenfalls dürfte noch lange nicht fertig sein mit ihnen.

9/10

THE DEAD PIT

„The brain is the destroyer! The brain is the clock that kills us!“

The Dead Pit ~ USA 1989
Directed By: Brett Leonard

Dr. Swan (Jeremy Slate), Leiter einer psychiatrischen Klinik, beäugt mit einiger Sorge die geheimen Experimente seines Kollegen Dr. Ramzi (Danny Gochnauer). Als Swan Ramzi eines Tages in sein kleines Privatlabor folgt, wird er des ganzen Ausmaßes von Ramzis Wahnsinn bewusst: Mittels einer Mischung aus Gehirnchirurgie und Schwarzer Magie funktioniertt Ramzi willenlose Patienten zu lebenden Toten um und pfercht sie in eine unterirdische Grube. Dr. Swan gelingt es, Ramzi zu überwältigen und zu töten; die abgelegene Sektion des Instituts mauert er anschließend zu.
Zwanzig Jahre später kommt eine amnesische Patientin (Cheryl Lawson) auf Swans Station. Die junge Frau verfügt offenbar nicht nur über paranormale Sinne, sondern steht auch in unseligem Kontakt zu dem vermeintlich toten Ramzi. Gemeinsam mit einem Mitpatienten (Stephen Gregory Foster) macht sie sich daran, das Geheimnis um die zugemauerte Abteilung zu lösen und entfesselt dabei ein Inferno.

„The Dead Pit“, geschrieben und inszeniert von dem späteren Cyber-Thriller-Filmer Brett Leonard, war und ist als ein (im Vergleich zu Gordon oder O’Bannon) nicht ganz so prominentes Beispiel des überkandidelt-schwarzhumorigen Gore-Horrors der Mitt- und Spätachtziger Jahre recht gut gelitten. Besonders in der Geekkultur, die sich unter anderem aus dem Dunstkreis des „Fangoria“-Magazins speist, kann er auf eine solide fanbase zählen. Ich selbst habe den Film heuer zum ersten Mal geschaut und bin ziemlich von den Socken – darüber, dass er sein doch relativ stolzes Renommee genießt. Bekanntermaßen darf ich mich als weithin offenherzigen Zuschauer wähnen, der insbesondere einen soft spot für Genrezeug jedweder Couleur besitzt. Leonards Debüt aber hat mich wohl leider inmitten einer ganz falschen Sternkonstellation erwischt. Möglicherweise hab ich das ja auch alles, intensivster Empathieaufwändungen zum Trotz, nur völlig falsch verstanden und bin bloß zu stumpfsinnig für die heimliche (Humor-?)Offensive des Ganzen. Dass die in darstellerischer Hinsicht unsägliche, jedoch vornehmlich in Unterwäsche herumhopsende Cheryl Lawson als legitime scream squeen of the hour gepriesen wurde, lasse ich ja noch gelten; auch vielleicht, dass Leonard mit seiner Story um Dr. Ramzi und dessen sinistres Treiben eine kecke Hommage an Herschell Gordon Lewis versuchte. Innerhalb des großen Ganzen, dass „The Dead Pit“ am Ende vorschützt, erweisen sich diese Quasi-Pros jedoch als bemerkenswert unerheblich. Ich mag jetzt gar nicht so überakkurat aufzählen, was mir alles missfallen hat; über die erschreckend undifferenzierte Darstellung psychiatrischer Praxis, die zig kleinen Fehlgriffe innerhalb des hanebüchen unschlüssigen Handlungsablaufs bis hin zu der beinahe schon dreist überdehnten Erzählzeit, die ein halbwegs sinnvoller Schnitt um gute zwanzig Minuten hätte erleichtern müssen, hinaus wären das nämlich noch eine ganze Menge mehr. Am meisten gestört hat mich vermutlich, dass der komplette Film sich in einem völlig irrational übersteigerten Selbstbewusstsein ergeht, der in krassem Missverhältnis zu seinen letztendlich sichtbaren Qualitäten steht.
Da „The Dead Pit“ eben sein oben angeführter Nimbus vorauseilt, er also womöglich doch über verborgene Elemente verfügt, die mich blind über sie hinwegstolpern ließen, bin ich mit meinen Eindrücken nicht ganz glücklich.
The skin I live in.

3/10

DER FREIE WILLE

„Weg!“

Der freie Wille ~ D 2006
Directed By: Mathias Glasner

Theo Stoer (Jürgen Vogel) saß neun Jahre in der forensischen Psychiatrie, weil er mehrere Frauen vergewaltigt und brutal verprügelt hatte. Aufgrund einer positiven Prognose wird er heuer entlassen und kommt zunächst in einer WG in Mülheim unter, wo ihm sein Bewährungshelfer Sascha (André Hennicke) dabei hilft, den Rückweg in den sozialen Alltag und den Umgang mit seinem keineswegs versiegten Drang, sich an Frauen zu vergehen, zu meistern. Theo tritt einen Job in der Druckerei Engelbrecht an. Gerade als er bemerkt, dass seine abgründige Persönlichkeitsseite sich wieder Bahn zu brechen droht, lernt Theo Nettie (Sabine Timoteo) kennen, die sich ebenfalls in psychischer Mitleidenschaft befindliche Tochter seines Chefs (Manfred Zapatka). Aus sich anfänglich zögerlich entwickelnder Sympathie zwischen den beiden wird bald aufrichtige Liebe. Infolge einer eigentlich alltäglichen Eifersuchtsepisode verliert Theo schließlich doch wieder die Kontrolle über sich. Um Nettie vor möglichen Übergriffen zu schützen, trifft er eine folgenschwere Entscheidung.

Vor Matthias Glasners, ja, Meisterwerk, habe ich mich lange Jahre gedrückt, weil ich einerseits ahnte, dass seine Betrachtung sich als eine ebenso fordernde wie nachhallende Angelegenheit erweisen würde und andererseits wegen seiner beträchtlichen Laufzeit von guten 160 Minuten, die insbesondere den eben genannten Effekt nochmals potenzieren könnte. Beide Befürchtungen erwiesen sich als zutreffend, was den umfänglichen Reichtum, den „Der freie Wille“ mit sich bringt und den er dem offenherzigen Rezipienten erweisen kann, allerdings völlig unterzuordnen ist. Der unmittelbar zuvor gesehene „Tore tanzt“, bei dem Matthias Glasner der Regisseurin und Autorin Katrin Gebbe als Scriptberater zur Seite stand und der bereits ein ebenso eindrucksvolles wie hinreichend niederschmetterndes Echo bei mir hinterließ, veranlasste mich schließlich dazu, „Der freie Wille“ gewissermaßen „nachzulegen“ – eine gute, die beste Entscheidung.
Die größte Stärke von Glasners bravourös arrangiertem Drama liegt vielleicht darin, sein kontroverses Konzept nicht nur nicht zu scheuen, sondern es auf gnadenlose Weise zu einem offensiven Element zu machen. Aus seinem rigoros durchverhandelten Topos, den gewaltbereiten und -affinen Vergewaltiger und Kriminellen vor allem als Mensch darzustellen, ihn in denkbar mutigster Konsequenz gar zur Identifikationsfigur des Zuschauers zu machen, schöpft „Der freie Wille“ sein ungeheures Potenzial. Zu Beginn erleben wir Theo Stoer gleich in denkbar schlimmster Aktion; völlig entfesselt zerrt er ein erstes, rein zufällig seinen Weg kreuzendes Opfer (Anna Brass) zwischen die Stranddünen und vergewaltigt und prügelt sie aufs Fürchterlichste. Für den ihn anschließend jagenden und aufstöbernden, provinziellen Hetzmob mag man da beinahe sogar Verständnis aufbringen. Der neun Jahre später teilresozialisierte Protagonist präsentiert sich dann als Mensch, der die ihm innewohnenden Dämonen nunmehr zumindest rational einzuordnen imstand ist – ohne sie je wirklich bezwingen zu können. Mit seinem merkwürdig „beschnitten“ wirkenden Alltag in der mittelgroßen, tristen Ruhrgebietsstadt Mülheim lernen wir Theo dann allmählich besser kennen. Er scheint zur Einsamkeit verdammt, tingelt ziellos durch die spätabendlichen Straßen, das nächste, potenzielle Objekt zur Triebabfuhr stets im Augenwinkel. Seine zunächst unbemerkten Übergriffigkeiten intensivieren sich langsam wieder, als der Film uns Nettie Engelbrecht vorstellt, die gerade dabei ist, sich aus den depressiven Tentakeln ihres verwitweten Vaters zu befreien. Ein weiterer, gebrochener Mensch. In der folgenden Erzählstunde entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, die selbst den Einsatz von Schuberts „Ave Maria“ zum Gegenteil jedweder Kitschigkeit zerfließen lässt. Doch alle Harmonie und Glückseligkeit enden einmal; Nettie lernt ihrerseits auf brutale Weise, sowohl Theo als auch den Schaden, den er angerichtet hat, zu begreifen, derweil Theo seinerseits eine letzte Konsequenz aus der eigenen, unheilbaren Zerrissenheit zieht. Wie bestürzend nahe uns schließlich Theos unbeirrt praktizierter Suizid geht, lässt letztmalig und in aller Denk- und Dankbarkeit begreifen, dass und inwieweit man Empathie und Verständnis für den doch via Moral, Sozietät und sich selbst längst verdammten Gewaltverbrecher aufzubringen vermochte. Ein unglaubliches, zutiefst humanistisches Verdienst dieses eminenten Stücks großer Filmkunst.

10/10

TORE TANZT

„Na, wo ist dein Jesus jetzt?“

Tore tanzt ~ D 2013
Directed By: Katrin Gebbe

Tore (Julius Feldmeier), ein junger Ausreißer, findet in Norddeutschland Unterschlupf bei einer Gruppe christlicher Punks, den „Jesus Freaks“. Bei den recht streng nach christlichen Dogmen lebenden Außenseitern fühlt sich Tore nicht nur gänzlich verstanden; seine wiederkehrenden epileptischen Anfälle interpretiert er bald sogar als intime Zwiegespräche mit Jesus selbst. Eines Tages wird der mit seiner Frau Astrid (Annika Kuhl) und deren beiden Kindern Sanny (Swantje Kohlhof) und Dennis (Til-Niklas Theinert) in einem Schrebergarten hausende Familienvater Benno (Sascha Alexander Gersak) auf Tore aufmerksam und nimmt ihn bei sich auf. Doch der sich anfangs so gönnerhaft gebende Benno entpuppt sich mehr und mehr als abgründiger Gewaltmensch und Sadist, der Astrid längst in die totale Hörigkeit getrieben hat und Sanny sexuell missbraucht. Tores Gewohnheit, jedwedem Problem mit Besonnenheit und stoischer physischer Passivität zu begegnen, treibt Benno zu noch weitaus schlimmeren, tyrannischen Ausbrüchen, die ihn dazu bringen, den stoisch friedfertigen Tore mittels zunehmend unsäglicher Methoden zu quälen und zu erniedrigen. Für den jungen Mann indes bildet Benno seine ganz persönliche, göttliche „Mission“, seinen speziellen Auftrag, auch das größte Leid in Gleichmut erdulden zu müssen.

Katrin Gebbes kraftvolles, hochemotionales Filmdebüt bildet in seiner transgressiven Ausprägung eine Form von Publikumsherausforderung, wie es sie im deutschen Film der vergangenen Dekade nicht allzu viele gab. „Tore tanzt“ attackiert seine Zuschauerschaft ohne Rücksicht auf Verluste, und hinterlässt einen ganz ähnlichen, lange nachhallenden Effekt wie Pascal Laugiers auch thematisch anverwandter (wenngleich deutlich graphischerer) „Martyrs“.
Basierend auf einem authentischen, stark abjekten Kriminalfall, der sich rund zehn Jahre zuvor in Hessen ereignet hatte und zu dem das Script von „Tore tanzt“ einige basale Parallelen aufweist, erweitert Gebbe die Geschichte von eines scheinbar lethargischen Opfers und seines Peinigers um eine hochphilosophische, ethisch-religiöse Komponente: aus dem geistig leicht behinderten Spättwen, dem realen Opfer von einst, wird ein junger, beinahe engelsgleicher Mann, der sozusagen auf sämtlichen denkbaren Ebenen gänzlich unschuldig und rein ist und der die letzten Wochen vor seinem Tod, ein jene Unschuld grausam zerfetzendes, unfassliches Martyrium, höchstselbst als spirituelle Prüfung im Sinne christlicher Werte begreift. Die Frage danach, was man, um eines mehr oder weniger im Diffusen liegenden Zieles Willen, ertragen muss, soll und darf, bildet insofern das sich mehr und mehr Raum brechende, mentale Zentrum der beklemmend inszenierten Geschichte. Tores spätes Schicksal, das ihn an seine eigene Grenzen und weit darüber hinaus trägt, darf insofern auch als moderne Passionsgeschichte begriffen werden, die in vielerlei Hinsicht auch symbolisch für unsere gesellschaftliche Entwicklung steht und insofern von brisanter Aktualität ist. Ob man Tores verächtlich herbeigeführten Tod auf einer Müllhalde nahe eines Autobahnrastplatzes tatsächlich als Erfüllung eines vorbestimmten, neutestamentarischen Leidensweges begreifen mag, stellt Katrin Gebbe dem Zuschauer glücklicherweise selbst anheim. Fest steht so oder so, dass seine konsequente Duldsamkeit nicht umsonst war; bedeutet sie für Swanny und Dennis doch den überfälligen Schritt heraus ihrer Kleingartenhölle und in die Selbstbestimmtheit. Eine ausnahmsweise sehr friedvoll herbeigeführte Katharsis.
Großes, kluges Kino.

9/10

STAR 80

„Together we could be somebody.“

Star 80 ~ USA 1983
Directed By: Bob Fosse

Vancouver, 1976. Dorothy Hoogstraten (Mariel Hemingway), sechzehnjährige Kellnerin in einem kleinen Diner, lernt während der Arbeit den narzisstischen Zuhälter Paul Snider (Eric Roberts) kennen. Snider ist überzeugt, Dorothy zu einem Star machen zu können. Nachdem er sich das naive Mädchen mehr oder wenig gefügig gemacht hat, lässt er erotische Fotos von ihr erstellen und sorgt mittels gefälschter Unterschriften für eine Bewerbung beim „Playboy“. Nachdem man gemeinsam nach Kalifornien gezogen ist und Dorothy zunächst ihren Nachnamen in „Stratten“ geändert hat, heiratet sie Paul und bringt es tatsächlich zum Centerfold. Sie wird zum gern gesehenen Gast in Hugh Hefners (Cliff Robertson) Mansion. Dorothy gelingt schließlich sogar der Sprung nach Hollywood, wo sie nach ein paar kleineren Auftritten in Film und Fernsehen schließlich den renommierten Regisseur Aram Nicholas (Roger Rees) kennenlernt und eine Affäre mit ihm beginnt. Analog zu Dorothys steigender Prominenz zieht es dem larmoyanten Paul, der eifersüchtig erkennen muss, dass er längst kaum mehr denn ein Klotz an Dorothys Bein ist, zusehends den Boden unter den Füßen weg. Er besorgt sich ein Gewehr und lädt Dorothy zu einer letzten Aussprache zu sich nach Hause ein.

Bob Fosses letzte von fünf Regiearbeiten, bevor er vier Jahre später, mit nur 60 Jahren an seinem zweiten Herzinfarkt verstarb. Spätestens mit seinem 1979 veröffentlichten Kronjuwel „All That Jazz“, in dem Roy Scheider Fosses semibiographisch konturiertes alter ego spielte, zeichnete sich die Besessenheit des Multitalents ab, sich vornehmlich mit Charakterstudien zu befassen, die seiner eigenen, selbstzerstörerisch-manischen Persönlichkeit besonders nahe kamen. In Paul Snider, dem „Erfinder“, Ehemann und Mörder des Playmates Dorothy Stratten, fand er eine gewissermaßen analoge Figur. So ist „Star 80“ mindestens zu gleichen Teilen ein Porträt beider Ehepartner, das Fosse mit der ihm eigenen Meisterschaft als collageartige Melange aus chronologisch arrangierten Spielszenen und pseudodokumentarischen Retrospektiv-Interviews Revue passieren lässt.
Dabei war Dorothy Strattens ebenso aufsehenerregende wie tragische Geschichte bereits zwei Jahre zuvor als konventioneller TV-Film mit Jamie Lee Curtis in der Titelrolle verfilmt worden, ein kommerzieller Erfolg also durchaus fragwürdig. Dennoch ist „Star 80“ als New-Hollywood-Spätausläufer, der sich eigentlich noch ganz in der Tradition jener bereits kläglich versiegten Kreativexplosion lesen lässt, ein annähernd makelloses Kunstwerk. Ohne sich moralinsaurer Didaktik hinzugeben, zeichnet er den gleichermaßen vergänglichen wie buchstäblich gefährlichen Ruhm eines unversehens aus der unteren Mittelschicht ins Rampenlicht katapultierten Sternchens nach, das zudem nicht durch ausgesprochenes Talent, sondern die bloße Beharrlichkeit seines „Entdeckers“ reüssiert, selbigen damit aber paradoxerweise zu bloßer Redundanz degradiert. Streitbare Figuren wie der Titten-Hearst Hugh Hefner (nominell) oder der stets wesentlich jüngeren Damen zugeneigte Regisseur Peter Bogdanovich (nicht nominell) haben in diesem konzentriert arrangierten, auf das obligatorisch angekündigte, tragische Ende hinauslaufende Psychogramm ebenso ihren Platz wie der schmierige Photograph (Hugh-Bruder Keith Hefner), der nicht minder schmierige Privatdetektiv (Josh Mostel) oder Dorothys mit der Siuation hoffnungslos überforderte Mutter (Carroll Baker). Ernest-Enkelin Mariel Hemingway hatte sich kurz vor dem Film Brustimplantate einsetzen lassen, was nach eigenem Bekunden jedoch nichts mit ihrer Rolle zu tun gehabt haben soll. Nachdem die Dinger ein paar Jahre später Leck schlugen, ließ sie sie dann wieder entfernen. C’est la vie.
Eric Roberts indes, der in seiner strapaziösen Darstellung glänzt wie in kaum einer anderen und mich nicht selten unwillkürlich an Joe Spinnells Frank Zito in „Maniac“ erinnerte, hätte danach eigentlich aller Ruhm der Welt, zumindest aber ein Oscar gebührt. Tatsächlich war nichtmal eine Nominierung drin, für den gesamten Film nicht. Hollywood hofiert seine schärfsten Kritiker eben nur selten. Was dann am Ende aus Roberts‘ Karriere wurde, ist ja wiederum nur allzu bekannt. Immerhin, er ist noch da. Im Gegensatz zu Dorothy Stratten und Paul Snider.

9/10

LA TUA PRESENZA NUDA!

„He’s not an infant!“

La Tua Presenza Nuda! (Diabolisch) ~ UK/E/I/BRD 1972
Directed By: James Kelley/Andrea Bianchi

Elise (Britt Ekland), die junge, frischverheiratete, zweite Gattin des verwitweten Autors Paul Bezant (Hardy Krüger), wartet in der andalusischen Finca ihres Angetrauten auf dessen Rückkehr. Überraschend stößt zuvor noch Pauls zwölfjähriger Sohn Marcus (Mark Lester) zu ihr, der angeblich wegen eines Windpockenausbruchs eine Woche früher aus seinem Internat in die Sommerferien entlassen wurde. Marcus benimmt sich für einen Jungen seines Alters überaus untypisch; er hat keine gleichaltrigen Freunde, interessiert sich vornehmlich für Naturwissenschaften und Philosophie und macht Elise zudem unangenehme Avancen. Während der bald zu ihnen stoßende Paul seinen Filius unentwegt in Schutz nimmt und dessen Verhalten auf ein durch den Tod seiner Mutter (Colette Jack) hervorgerufenes Trauma schiebt, fügt sich für die eigenmächtig recherchierende Elise nach und nach ein gänzlich anderes Bild von Marcus zusammen: Das eines teuflisch durchtriebenen Psychopathen…

James Kelleys zweite und leider schon letzte Regiearbeit nach dem erst noch vor einigen Monaten von mir genossenen „The Beast In The Cellar“ entstand wie viele vornehmlich kommerziell ausgerichtete Werke der Ära unter internationaler europäischer Produktionsägide. Je nach Veröffentlichungsland fand sich Co-Regisseur Andrea Bianchi wahlweise gar nicht oder unter dem naheliegenden Pseudonym „Andrew White“ kreditiert; seinem künstlerischen Einfluss allerdings, der sich bereits zeitgenössisch in Grundzügen des Plots sowie ein paar semiskandalösen Nuancen in der Beziehung zwischen Elise und Marcus abzeichnete, lässt sich recht eindeutig nachspüren.
Ein (oder mehrere) Kind(er) und somit die zumindest qua Gesellschaftsvertrag unantastbar scheinendste Manifestation von moralischer und natürlich auch sexueller Unschuld als treibende, diabolische Kraft in einem psychologischen Vexierspiel einzusetzen, bildete 1972 noch eine relative Rarität, die in den Folgejahren jedoch immer mal wieder zum motivischen Hauptgegenstand innerhalb der Horror-/Thriller-Gattung erhoben wurde. Als wesentliche Pionierarbeit auf dem Sektor jenes Subgenres darf man wohl Mervyn LeRoys „The Bad Seed“ betrachten, wobei auch Henry James‘ damals bereits mehrfach filmisch adaptierte Novelle „The Turn Of The Screw“ entsprechende Avancen andeutete. Ibáñez-Serradors „¿Quién Puede Matar A Un Niño?“ war dann einer der Filme, die diesen Topos konkretisierten, ohne die zum Sinistren tendierende Persönlichkeit der minderjährigen Protagonisten direkt durch einen parapsychologischen oder sonstwie widernatürlichen Einfluss zu erklären. Doch auch „La Tua Presenza Nuda!“ darf in dieser Hinsicht als Schlüsselstück gelten. Das Engagement von Hauptdarsteller Mark Lester, der als Titelheld in Carol Reeds Dickens-Musical „Oliver!“ für Furore gesorgt und damit zum Kinderstar (mit wie üblich rasch in Drogenschwaden verpuffendem Ruhm) geworden war, bildete nicht zuletzt insofern einen kleinen Besetzungscoup. Wie sich sein Marcus Bezant im Verlaufe des Films als durch und durch boshafter Charakter erweist, der am Ende, nachdem er als ebenso durchtriebener wie pathologischer Lügner, Dieb, Spanner, Tierfolterer und -Mörder entlarvt wurde, den Mord an seiner zuvor fremdgegangenen Mutter gestanden hat, eine Therapeutin (Lili Palmer) genarrt und seine Stiefmutter in die Psychiatrie gebracht hat, schließlich auch noch die Ermordung seines Vaters plant um dessen (mittlerweile offiziell gesundete) Frau für sich zu gewinnen, das ist schon eine diskutable Breitseite, die, so möchte ich meinen, zumindest in der gebotenen Form heutzutage kaum mehr durchginge. So dürften ein paar besonders deftige Sequenzen, speziell jene, in denen sich die verbotene sexuelle Spannkraft zwischen Marcus und Elise bebildert findet, in ihrem dezidiert grenzgängerischen Impetus vor allem Bianchi zuzuschreiben sein. In jedem Fall ein in mehrfacher Hinsicht spannender, diskursfreudiger Film von einigem Nachhall.

8/10

HE NEVER DIED

„How old are you?“ – „I have no idea. But I’m in the Bible if that means anything.“

He Never Died ~ CAN 2015
Directed By: Jason Krawczyk

Jack (Henry Rollins) ist auf den ersten Blick ein komischer Vogel. Er schläft die meiste Zeit einsam in seinem kargen Appartement, geht jedoch regelmäßig zum Bingo, in die Kirche und in ein Schnellrestaurant. Als seine jungerwachsene Tochter (Jordan Todosey) auftritt, gerät Jacks alltägliche Routine in Unordnung. Zwei für den Nachtclubbesitzer Alex (Steven Ogg) arbeitende Ganoven (David Richmond-Peck, James Cade) machen ihm das Leben schwer, schließlich wird Andrea entführt. Jack gibt seinem lange verdrängten Appetit auf menschliches Blut und Fleisch nach und macht sich daran, seine Tochter zu befreien. Die in Jack verliebte Kellnerin Cara (Kate Greenhouse) erfährt schließlich die Wahrheit über den mysteriösen Mann…

Ein in kleinem Maßstab produzierter Fantasy-/Horror-Film, der meine ursprüngliche Aufmerksamkeit eigentlich bloß wegen der Beteiligung Henry Rollins‘ auf sich gezogen hat. Seine popkulturellen Einflüsse bezieht er aus Geschichten der Comicautoren Neil Gaiman oder Garth Ennis, dessen „Constantine“-Strecke oder „Preacher“-Reihe unverkennbar eminente Teile der kreativen Schirmherrschaft stellten.
„He Never Died“ ist summa summarum bestimmt nicht gänzlich misslungen, verschenkt aber nach meinem Dafürhalten auch Manches seines basalen Potenzials, indem er beispielsweise häufig einer recht unzweideutig erkennbaren Lynchophilie stattgibt und folglich grundsätzlich interessante und/oder spannende Erklärungsansätze verschwommen lässt, respektive in seiner Mystery-Soße ertränkt.
Ich hätte ja gern mehr erfahren über die Figur des Jack, also jenseits der relativ spärlich dargelegten Anhaltspunkte. Die gelieferten Information zu ihm und über ihn nehmen sich nämlich etwas ungleichmäßig verquirlt bis diffus aus; offenbar ist Jack ein (gefallener?) Engel (dafür sprechen die beiden fraglos von Flügeln stammenden Narben auf seinem Rücken) jedoch nicht der erste Gefallene, also Luzifer Morgenstern selbst – für diesen scheint eher der Jack Angst einflößende, spitzbärtige Mann (Don Francks) aus seinen Visionen zu stehen. Jack ist zudem offenbar uralt, im wahrsten Wortsinne alttestamentarisch alt, denn er eröffnet der verdutzten Cara, dass er als „Kain“ (bzw „Cain“) in der Bibel auftauche. Vielleicht ist er somit der allererste Mordsünder. Zudem verspeist er mit Vorliebe Menschenfleisch und ist auf menschliches Blut angewiesen – zwei rauschhafte Gelüste, die er im Laufe der Äonen zu domestizieren gelernt hat und nur zu „speziellen“ Zwecken wieder entfesselt. Jack ist also auch ein Vampir – möglicherweise der Urvater aller Vampire gar, gestraft wegen seiner Ursünde? Nun findet sich dieser grundsätzlich gewiss hübsche, mythologische Ansatz auf oberflächliche Weise mit einer ziemlich ordinären Gangster- und Kidnapping-Geschichte vermengt, die ein paar zurückhaltende Splatter-Sequenzen vorschützt, sich ansonsten aber überschaubar gestaltet. Am Ende hatte ich das Gefühl, einem seltsam unfertigen Rohgerüst von Film beigewohnt zu haben, dem es eigentlich noch an der einen oder anderen entscheidenden Ingredienz mangelt. Ob sich jener Eindruck auf die preisgünstige Budgetierung oder das nachlässig ausgearbeitete Script zurückführen lässt, weiß ich allerdings nicht recht zu sagen.

5/10