SWEET SIXTEEN

I’ve never seen nothing like it.“

Sweet Sixteen ~ USA 1983
Directed By: Jim Sotos

Der Archäologe Dr. Morgan (Patrick MacNee) lässt sich für ein paar Monate mit seiner Frau Joanne (Susan Strasberg) und seiner knapp sechzehnjährigen Tochter Melissa (Aleisa Shirley) in einer texanischen Kleinstadt nieder, um Ausgrabungen an einer indianischen Kultstätte zu überwachen. Die hübsche Melissa verdreht sämtlichen Jungs der Gegend den Kopf – umso tragischer ist es, dass gleich zwei ihrer juvenilen Verehrer (Glenn Withrow, Tony Perfit) kurz hintereinander erstochen aufgefunden werden. Der alleinerziehende Sheriff Burke (Bo Hopkins) hat nun alle Hände voll damit zu tun, sowohl seine eigenen Kids Marci (Dana Kimmell) und Hank (Steve Antin) vor dem mysteriösen Killer zu schützen als auch damit, ein wachsames Auge auf die beiden natives Grayfeather (Henry Wilcoxon) und Jason Longshadow (Don Shanks) zu haben, denen einige der Kleinstädter die Morde in die Schuhe schieben möchten.

Wenngleich das Script zu Jim Sotos‘ zweiter Regiearbeit, einer trotz amtlicher Besetzungsliste günstig geschossenen Indie-Produktion, traditionelle Slasher-Elemente befleißigt, fügt sich „Sweet Sixteen“ nicht recht in das zu seiner Entstehungszeit noch sehr gängige Subgenre. Dazu gibt er sich einerseits zu ambitioniert, kann aber andererseits die angestrebten Meriten nicht wirklich zufriedenstellend einlösen. Zwar sucht sich der Killer seine Opfer – zumindest zunächst – im Teenagermilieu, darum schert sich der Plot de facto aber kaum. Wesentlich mehr Interesse bietet jener für den antiindianischen Rassismus auf, der das nur scheinbar idyllische, südstaatliche Kleinstadtleben latent heimsucht und primär durch zwei stereotypische white trasher, den allenthalben pöbelnden Billy Franklin (Don Stroud) und seinen debilen Adlatus Jimmy (Logan Clarke) repräsentiert wird. Für Franklin ist selbst der Mord an seinem Sohn lediglich ein überfälliges Motiv dafür, den alten Greyfeather endlich per Lynchjustiz zu entsorgen. Gewissermaßen erst im Nachgang dieser prominent entwickelten Bypass-Story lüftet sich dann das Geheimnis um den Mörder respektive die MörderIN – bei dieser handelt es sich nämlich um die unter einer heftigen Identitätsstörung leidenden Joanne Morgan, die in Wahrheit ihre eigene Schwester Trisha ist und die dereinst Joannes Selbstmord bezeugen musste, der wiederum aus einem durch den Vater verursachten Missbrauchstrauma resultierte. Um ihrer Tochter Melissa ähnliches Leid zu ersparen, entledigt sie sie aller möglichen potenziellen Verehrer. Dabei erwischt es im Finale immerhin auch die beiden Unholde Billy und Jimmy, deren asoziale Boshaftigkeit wie sich zeigt nicht mit offenem Rassismus begnügt.
Trotz der durchaus progressiven Topoi, die „Sweet Sixteen“ anreißt, offenbart er etliche inszenatorische und dramaturgische Schwächen. In seinem Bestreben, diverse der tragenden Figuren im whodunit sense möglichst offen zu zeichnen, stellt er sich selbst ein Bein, denn so verharrt deren Charakterisierung zwischen oberflächlich und albern. Die Tatsache, dass zwei junge Männer grausam ermordet und beerdigt werden, hält das Kleinstadtvolk indes nicht davon ab, in direkter Folge und ohne Täteridentifikation eine launige Geburtstagsparty für Melissa zu schmeißen, im Zuge derer Stroud, Clarke und nicht zuletzt Michael Pataki als unfähigster Bürgermeister diesseits des Rio Grande („I hate funerals“) hinreichend Gelegenheit erhalten, sich als schmierige Schwerennöter zu präsentieren.
Trotz (oder wahlweise auch nebst) alledem bewahrt sich „Sweet Sixteen“ einen gewissen, spezifischen Charme, da man ihm jederzeit anmerkt, dass er eigene Wege zu gehen versuchte. Ein wenig kompetentere Fertigkeiten im Off hätten da jedoch möglicherweise noch manches zu optimieren vermocht.

5/10

TRESPASS

„We can all die, cause I don’t give a fuck anymore!“

Trespass ~ USA/BG 2011
Directed By: Joel Schumacher

Die dreiköpfige, wohlhabende Familie Miller wird zum Opfer eins erpresserischen Überfalls, in dessen Zuge sie ein Quartett Krimineller (Ben Mendelsohn, Cam Gigandet, Dash Mihok, Jordana Spiro) in ihrer heimischen Villa festsetzt mit dem Plan, Ehemann und Vater Kyle (Nicolas Cage) Diamanten und Bares abzutrotzen. Doch die nur vordergründig glücklichen Millers haben schon selbst mit diversen Problemchen zu hantieren…

Joel Schumachers letzter Film geriert sich als de facto wenig substanzielles, aber zumindest schick ausgestaltetes Home-Invasion-Thrillerdrama für den gradlinigen Alltagsgebrauch. Mit Cage und Kidman konnte Schumacher auf zwei ihm aus voherigen Kollaborationen bekannte HauptdarstellerInnen zurückgreifen, deren jeweilige Karrieren sich zum gegebenen Zeitpunkt in (altersbedingtem?) Talkurs befanden. Wie in William Wylers „The Desperate Hours“, der ehrwürdigen Mutter aller Subgenre-Filme, entwickelt sich die repressive Situation zur psychosanitären Belastungsprobe für die Belagerten: Unausgesprochene, jedoch längst akut dräuende Wahrheiten kommen auf den Tisch – die keinesfalls mehr so rosige Finanzsituation, unbestätigte Verdachtsmomente im Hinblick auf die mögliche Untreue von Mutter und Gattin Sarah (Kidman), die Entfremdung der pubertierenden, sich abgehängt wähnenden Tochter Avery (Liana Liberato). Den Millers gegenüber stehen die vier mit allen Klischeewassern gewaschenen Ganoven: Anführer Elias (Mendelsohn), der keineswegs so souverän ist, wie er tut, seine Freundin, die drogensüchtige und depressive Petal (Spiro), Elias‘ jüngerer Bruder Jonah (Gigandet), ein Psychotiker, der ständig „seine Pillen“ nehmen muss und schließlich der rigorose Ty (Mihok), der gewissermaßen für den glatten Ablauf des Coups sorgen soll. Nachdem den Figuren ihre Ausgangsstellung zugewiesen ist, entbrennt ein dialogintensives sich sukzessive zuspitzendes Hickhack, im Zuge dessen das Script (Karl Gajdusek) sich nach Kräften bemüht, die Spannung auf einem konstanten Level zu halten, was durch die Unentschlossenheit aller Beteiligten jedoch eher suboptimal gelingt. Insbesondere den Verbrechern, die infolge ihrer eigenen, immens fragilen Beziehungskonstellationen und ihres jeweils von situativer Unprofessionalität zu keinem Zeitpunkt als wirklich bedrohlich durchgehen, mangelt es an der für ein wirklich intensives Gattungsstück an der gebotenen Intensität, derweil ausgerechnet mit der sich als am stabilsten innerhalb des allseitigen Widersachrreigens erweisenden Avery die jüngste Beteiligte den kühlsten Kopf behält und für die maßgeblichen Wendungen sorgt. So geht auch sie als erfolgreiche Verteidigerin der proamerikanischen Trutzburg „Familie“ am Ende als Gewinnerin hervor, derweil die Gangster sich zur Hälfte bereits selbst dezimiert haben. Auf der Asche eines verlogenen und somit glücklicherweise verlorenen Lebenstraums können die Millers hernach wieder zu sich selbst finden.
Schumacher bedient diese schlussendlich doch recht bieder, in Teilen gar republikanisch-reaktionär auslaufende Americana mit der ihm zueigenen Routine als langjährig profilierter Meister ästhetisch reizvoller Bildkomposita und versteht es zumindest auf diese Weise, dem auf den zweiten Blick als galliger, aber doch ziemlich hausbacken konnotierter Kommentar zur damaligen Immobilienkrise lesbaren Drama seine Insignien zu verabreichen.
Für sein Finalwerk wäre ihm dennoch ein deutlich gravitätischerer Stoff vergönnt gewesen.

6/10

THE FOUNDER

„One word: persistence.“

The Founder ~ USA/GR 2016
Directed By: John Lee Hancock

Um die Mitte der 50er Jahre verkauft der emsige Klinkenputzer Ray Kroc (Michael Keaton) mit eher mäßigem Erfolg Milchshake-Automaten an Drive-In-Restaurants. Als eine ungewöhnlich große Bestellung aus San Bernadino bei ihm eingeht, macht er sich auf den Weg nach Kalifornien, um sich vor Ort ein Bild des offenbar überaus gut gehenden Schnellrestaurants zu machen. Die Inhaber desselben, die Brüder Richard (Nick Offerman) und Maurice McDonald (John Carroll Lynch) wiederum sind angetan von der Bewunderung Krocs betreffs ihres speziellen Konzepts und weihen ihn in ihre innovative Geschäftsidee ein: Höchste Effektivität in Form von blitzschneller Bedienung, stabiler Qualität, einer schmalen Produktpalette und steter Kundenfreundlichkeit haben „McDonald’s“ in der Region ein besonderes Renommee verschafft. Kroc ist der Überzeugung, dass diese Idee auch andernorts Erfolg haben muss und überredet die Brüder trotz einiger Bedenken ihrerseits dazu, ihr Restaurant zu einem Franchise-Unternehmen zu machen. Krocs nachfolgende Anstrengungen, Investoren zu finden, laufen zunächst nicht ganz problemlos vom Stapel; die Voraussetzung, das Konzept „McDonald’s“ unverändert und im Sinne seiner Begründer zu übernehmen, irritiert die Franchisenehmer teilweise. Dock Kroc setzt seine Pläne mit unbeirrbarem Stoizismus und bald gigantischem Erfolg durch. Dass dabei die zusehends besorgten Urheber ddes Ganzen auf der Strecke bleiben und irgendwann sogar das Recht an der Verwendung ihres eigenen Familiennamens einbüßen, nimmt Kroc mit dem gelassenen Habitus des selbstberauschten Großunternehmers billigend in Kauf.

Die Gründerväter des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Pioniere des global funktionierenden Kapitalismus und eines dessen größter Sinnbilder sind die goldenen Bögen. McDonald’s steht wie keine andere weltweit operierende Marke mit Ausnahme vielleicht von Coca Cola für Vertrauen, Sicherheit und zivilisatorische Anbindung. Wer eine der weltweit knapp 40.000 McDonald’s-Filialen betritt, weiß im Regelfall, was er dort bekommt und was ihn erwartet und auch wenn milliarden von Menschen den Multi und seine rigoros ausbeuterische Funktionalität zurecht verdammen, lässt sich eine andere Milliarde tagtäglich von ihm ernähren. Das Biopic „The Founder“ berichtet mit sanfter Ironie und ansonsten völlig unaufgeregt davon, wie es rund sechzig Jahre zuvor dazu kommen konnte, dass „McDonald’s“ zu dem wurde, als das es heute die allermeisten Kinder kennen und lieben. Dafür sind zwei Faktoren von Bedeutung: zum einen Ray Kroc und zum anderen dessen gleichermaßen zündende wie verderbliche Mixtur aus Gier und Unternehmergeist. Gewiss erzählt „The Founder“ zuallererst auch eine exemplarische Kapitalismusstory, wie sie in dieser Form wohl annähernd originär für das Amerika der Nachkriegsära sein dürfte: aus einem kleinen Vertreter mit gesteigerter Tendenz zum Alkoholismus wird ein Selfmade-Millionär, dessen Vorgehensweise in Relation zu seiner Vermögensmehrung zunehmend rigoros wird. Greed is good. Am Anfang stehen zwei naive Brüder als stolze Existenzgründer mit ihrer sorgsam gehüteten, gleichsam uramerikanischen Idee, am Ende stehen sie als lachhaft abgespeiste Verlierer da. Der Gewinner indes hat ihr Baby zu einem Monster herangezüchtet, das die einstigen Väter nicht mehr begreifen.
Dass der in seiner Rolle exzellent aufspielende Michael Keaton Ray Kroc keineswegs als Ritter in schimmernder Rüstung bespielt, steht angesichts einer derartigen Prämisse wohl außer Frage. Obgleich praktisch keine Szene des Films ohne seine Präsenz auskommt, macht der Protagonist sich auch das Publikum nicht zu Freunden. Sein Narzissmus und seine Egozentrik wachsen parallel zu Einfluss und Geld, wobei auch Krocs Privatleben genau diese Entwicklung widerspiegelt. Seine erste Frau Ethel (Laura Dern) verliert den Bezug zu ihm, da sie weder fähig noch Willens ist, seiner selbstauferlegten Mission zu folgen; an ihre Stelle tritt die von Krocs machthungrigem Charme faszinierte Joan Smith (Linda Cardellini), die wiederum ihren vormaligen Gatten (Patrick Wilson) für ihn verlässt. Ein Schelm, wer darin den Verlust von Integrität zugunsten persönlicher Korruption reflektiert gefunden glaubt.

8/10

MESSAGE FROM THE KING

„I’m in trouble. I need your help.“

Message From The King ~ USA/UK/F/BE 2016
Directed By: Fabrice du Welz

Der aus Kapstadt stammende Jacob King (Chadwick Boseman) kommt mit 600 Dollar in der Tasche nach Los Angeles. Er sucht seine Schwester Bianca (Sibongile Mlambo), die bereits vor Jahren hierher gezogen ist und zuvor einen telefonischen Hilferuf abgesetzt hatte. Seine Recherchen führen Jacob umgehend in Unterweltskreise und zu zwielichtigen Typen, als er verzweifelt registrieren muss, dass es bereits zu spät ist. Bianca liegt anonym im Leichenschauhaus, gefoltert und ermordet. Ohne sie offiziell zu identifizieren begibt sich Jacob auf die Suche nach den Schuldigen und stößt in ein Wespennest aus Perversion und Erpressung.

Wie etliche andere internationale Premiumregisseure in den letzten Jahren verschlug es auch Fabrice du Welz irgendwann zu Netflix, wo er seinen ersten englischsprachigen Film, eine Reminiszenz an die Klassiker „Get Carter“ von Mike Hodges und „The Limey“ von Steven Soderbergh, inszenierte. Wie in diesen begibt sich ein zunächst enigmatisch gezeichneter, sorgenvoller Verwandter in unbekannte urbane Gefilde, um die Umstände um das Ableben eines geliebten Familienmitglieds zu klären und, nachdem er die ersten Schichten der betreffenden Affäre offengelegt hat, das kriminelle Hornissennest von innen nach außen zu kehren. Dass Chadwick Boseman als Jacob King im Gegensatz zu Michael Caine und Terence Stamp erst nach den ersten Filmminuten und bereits in seinem Ermittlungsterrain angelangt vom Tod seiner Schwester erfährt, ist dabei im Prinzip reine Makulatur. Sein anschließender Weg jedoch ist nicht minder beschwerlich: Jacobs detektivische Anstrengungen reichen von einer drogenabhängigen Freundin (Natalie Martinez) Biancas über einen südosteuropäischen Mafiaableger, einen kriminellen Zahnarzt (Luke Evans), einen korrupten, stadtoberen Politiker (Chris Mulkey) und sich als Auftragskiller verdingenden Cops bis hin zu einem als Päderast umtriebigen Filmproduzenten (Alfred Molina). Seine einzige Hilfe bezieht Jacob derweil von seiner sich nebenbei prostituierenden Nachbarin (Teresa Palmer). Zunächst nur mit einer Fahrradkette bewaffnet macht sich der cape-flats-gestählte Held daran, ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen – mit erwartungsgemäß beachtlichem Erfolg und eine kleine, unerwartete Eröffnung zum Abschluss inbegriffen.
Namhaft gecastet und vergleichsweise ordentlich budgetiert empfand ich „Message From The King“ nichtsdestotrotz als Fabrice du Welz‘ bis dato schwächsten Film. Wiederum scheint er als Auftragsregisseur einiges an seiner vormaligen Signifikanz einzubüßen und sich damit zu begnügen, reine Genreware zu liefern, die er routiniert, aber ohne besondere Überraschungen vorträgt. Üblicherweise ist der unverstellte bis faszinationsgesäumte Blick europäischer Filmemacher auf das amerikanische Lokalkolorit stets ein Zugewinn, du Welz scheint Los Angeles indes eher zu langweilen. Was er dem flächigen Großstadtmoloch abtrotzt, zeugt jedenfalls kaum von der sonst üblichen Begeisterung des Exoten. Potenziell vielversprechende Augenblicke wie ein an Michael Mann erinnernder Dialog zwischen Boseman und Palmer in einem nächtlichen Diner versanden gar in klischeebehafteter Bedeutungslosigkeit. Tatsächlich lebt „Message From The King“ primär von seinen Darstellern, was keineswegs als Kompliment an einen fähigen Regisseur gewertet werden mag.

6/10

COLT 45

Zitat entfällt.

Colt 45 ~ F 2014
Directed By: Fabrice du Welz

Der Nachwuchspolizist Vincent Milès (Ymanol Perset) gilt trotz seiner jungen 22 Jahre bereits als brillanter Schütze und Ballistik-Profi. Nach einem gewonnen Schießwettbewerb beginnen diverse Sondereinheiten, sich um ihn zu reißen, doch sein väterlicher Kollege Christian Chavez (Gérard Lanvin) rät ihm, über jedes Angebot wohlfeil nachzudenken. Als Vincent dem mysteriösen Spezialbullen und nicht minder exzellenten Waffennarr Milo Caldera (JoeyStarr) begegnet, ist auch dieser von Vincents Fähigkeiten angetan und plant, ihn mit allen Mitteln in sein abseits aller Regularien arbeitendes Team zu holen. Zu diesem Zweck entspinnt er eine Intrige, die den nichtsahnenden Vincent immer tiefer in den Abgrund reißt, bis dessen tödliches Echo schließlich zu Milo zurückgelangt.

Obschon bereits vor „Alléluia“ entstanden, erlebte „Colt 45“ mit diesem fast zeitgleich seine Premiere. Fabrice du Welz und Fathi Beddiar, der Autor des Films, sind auf das fertige Produkt wohl nicht sonderlich gut zu sprechen. Zum einen verhinderte das eingegrenzte Budget, dass alle Szenen so gedreht werden konnten, wie du Welz und Beddiar sich dies gewünscht hätten, zum anderen gab es zunehmende Querelen seitens der arrivierten Hauptdarstellern Lanvin und JoeyStarr. Die unglücklichen Umstände führten schließlich dazu, dass du Welz und Beddiar sich weigerten, „Colt 45“ zu promoten. Abgesehen von der auffallend kurzen Erzählzeit von etwa 80 Minuten, die das Aussparen der einen oder anderen Sequenz geradezu suggeriert, mangelt es dem Film dennoch nicht an Fluss und Spannung.
Die Story um den naiven, jungen, wenngleich hoch inselbegabten Anfänger, der in einen ihm unbekannten, nach eigenen Regeln funktionierenden Mikrokosmos aus Konkurrenz, Korruption, und reziproker Übervorteilung gerissen wird, ist dabei keineswegs neu, sei es bezogen auf den Polizeifilm oder auch auf andere Subgenres wie das Gerichtsdrama. Der zumindest traditionsbewusst erscheinende „Colt 45“ spielt das Sujet so solide wie gekonnt durch und vermag mit dem angenehmen Ymanol Perset einen noch relativ unbehauenen Jungakteuer als Spielball der erfahrenen Mächte ins Feld zu werfen, der, einmal entfesselt und seiner ihn schützenden moralischen Unschuld beraubt, schließlich selbst zum tödlichen Hauptakteur wird – die Geburtsstunde eines Killers.
So durchweg brauchbar „Colt 45“ als Genrestück daherkommt, so wenig findet sich darin Fabrice du Welz‘ bis dorthin etablierte, kurzlebige aber prägnante Signatur als auteur wieder. Nachdem er sich in seinen Vorgängerfilmen und auch im nachfolgenden „Alléluia“ mit unauslotbaren humanen Untiefen beschäftigte, kratzt das vorliegende Werk bestenfalls an diesbezüglichen Oberflächen, kommt jedoch kaum über ein relativ gewöhnliches Maß hinaus. Allzu grob silhouettiert bleiben die Figuren, allzu skizzenhaft ihre jeweilige Entwicklung.

7/10

ALLÉLUIA

Zitat entfällt.

Alléluia ~ BE/F 2014
Directed By: Fabrice du Welz

Gloria (Lola Dueñas), eine als Leichenwäscherin in der Pathologie arbeitende, alleinerziehende Mutter hat sich an die Einsamkeit gewöhnt. Durch die Intervention einer Freundin (Stéphane Bissot) lernt sie via eine Kontaktbörse Michel (Laurent Lucas) kennen und verliebt sich heftigst in ihn. Obwohl Michel wiederum es gewohnt ist, ältere Damen mittels kleiner Hochstapeleien abzuzocken, was er ebenso bei Gloria versucht, kann er sich wiederum ihren impulsiven Liebesschwüren nicht entziehen. Aus den beiden wird ein Paar, wobei sie fortan Michels betrügerische Aktionen gemeinschaftlich durchführen. Glorias rasende Eifersucht lenkt diese Gaunereien jedoch in eine fatale Richtung. Gloria beginnt, die geneppten Frauen umzubringen, sobald sie Michel mit ihnen schläft. Als die beiden dann zunächst planen, die reiche, attraktive Witwe Solange (Héléna Noguerra), die wie Gloria eine kleine Tochter (Pili Groyne) hat, um die Ecke zu bringen, regt sich erstmals Widerstand bei Michel.

Wie bereits mehrere Filme zuvor widmet sich du Welz‘ Studie einer höchst abjekten Liebesbeziehung dem authentischen Fall des als „Lonely Hearts Killers“ in die Serienmördergeschichte eingegangen Paars Martha Beck und Raymond Fernandez, das zwischen 1947 und 1949 in den USA mutmaßlich bis zu zwanzig Frauen getötet haben soll.
Dabei orientiert sich „Alléluia“ trotz der Transponierung von Handlungszeit und -Ort im Wesentlichen an den realen Gegebenheiten und auch der psychologischen Disposition der Vorbilder, die in einem sonderbaren, symbiotischen Abhängigkeitsverhältnis zueinander standen und die einmal losgetretene Gewaltspirale sich verselbständigen ließen. Dabei praktiziert du Welz einen interessanten Perspektivwechsel. Zunächst dient die sympathisch anmutende Gloria als Publikumsbegleiterin. Man akzeptiert die einsame, aber liebevolle Mutter der kleinen Monique (Sorenza Mollica) ohne Umschweife als sympathische Protagonistin, derweil Michel zunächst als verschrobener, beinahe unangenehm schmieriger Witwentröster eingeführt wird. Was er Gloria jedoch zu bieten hat, verändert gleichfalls ihre bisherigen Existenzprioritäten: sexuelle Erfüllung, Geborgenheit, Wertschätzung, trotz einer rasch als solchen identifizierten Veruntreuung von Glorias Erspartem. Dass sich jemand wiederum an ihn, den filouhaften Ganoven, klammert, ist auch für Michel eine höchst ungewohnte Situation. Fortan erschleichen sich die beiden gemeinsam das Vertrauen wohlhabender, leicht überreifer Witwen, mit denen Michel allerdings nach wie vor die koitalen Ausschweifungen genießt. Dies wiederum bringt Gloria so dermaßen aus der Fassung, dass sie bald ihr erstes Opfer Marguerite (Édith Le Merdy) erwürgt und hernach gemeinsam mit Michel fachgerecht „entsorgt“. Bei diesem bleibt es freilich nicht, wobei „Alléluia“ sich weniger um die Gewalttaten des Paars schert als um dessen gleichermaßen katstrophalen wie düsterromantischen Werdegang. Dafür spricht auch die bizarre Poesie, die du Welz immer wieder walten lässt – so singt Gloria ihrem Michel ein kleines Liebeslied, bevor sie sich daran macht, die nackte Marguerite zu zersägen und so wird ein glücksbeseelter Kinobesuch von „The African Queen“ zum Symbol einer zu diesem Zeitpunkt längst unmöglich gewordenen Normalität.
Ein vorläufig letztes Mal erreicht Fabrice du Welz mit „Alléluia“ die transgressive Abgründigkeit seines Langfilmdebüts „Calvaire“, bevor er sich im Folgenden einfacher konsumierbaren Stoffen zuwendet.

8/10

SNOWPIERCER

„We go forward.“

Snowpiercer ~ KR/CZ 2013
Directed By: Joon-ho Bong

Wieder einmal erweist sich ein radikaler, wissenschaftlich implizierter Schritt zur Weltenrettung nurmehr als Beschleuniger des Armageddon: Nach Einsatz eines chemischen Kältemittels erstarrt der gesamte Globus zu einer einzigen Eiswüste. Die letzten etwa eintausend Überlebenden rasen in einem gewaltigen Zugungetüm, dem „Snowpiercer“, in endloser Umrundung um die Erde. Alles in dieser letzten großen Arche funktioniert scheinbar autark, der Antrieb, die Ernährung der Passagiere. Allerdings bleibt die Menschheit auch nach 17 Jahren „Snowpiercer“ strikt ihren althergebrachten Sozialstrukturen verhaftet: Das in Dreck, Dunkelheit und Gestank hausende Prekariat pfercht sich, ernährt von faden Proteinregeln und unter permanenter Knechtung von Wachtposten und der die Zugspitze repräsentierenden, unleidlichen Ministerin Mason (Tilda Swinton) in die hinteren Waggons, derweil die Oberklasse im vorderen Bereich ihren eigenen, sorgsam bewahrten Luxusgeschäftigkeiten nachgeht. Natürlich hat die revolutionäre Gärung unter den Armen längst eingesetzt, zumal ständig Kinder ohne weitere Erklärung mit nach vorn genommen werden und ein unbekannter Gesinnungsgenosse geheime Informationen aus dem Vorderzug absetzt. Diese gelangen in die Hände des Chefauständlers Curtis (Chris Evans), der schließlich die Rebellion wagt und sich mit seinen ihn begleitenden Leuten sowie der unverzichtbaren Unterstützung des unterdessen aus dem Tiefschlaf befreiten Ingenieurs Namgoong Minsoo (Kang-ho Song) immer weiter durch den Snowpiercer kämpft – bis ihn an dessen Spitze eine unerwartete Überraschung empfängt…

Joon-ho Bongs erster anglophoner Film mit einer sehr prominenten Besetzung basiert auf einer vierteiligen französischen Comicalbenreihe, die zwischen 1982 und 2015 erschien. Der Finalband wurde mit fünfzehn Jahren Abstand von einem anderen Autoren nachgesetzt, worauf wiederum mutmaßlich die vorliegende Adaption nachhaltigen Einfluss hatte. „Snowpiercer“ geriert sich auf den ersten Blick als relativ klassische Dystopie. Der Mensch erweist sich abermals als des Menschen Wolf und sorgt zunächst durch den von ihm selbst induzierten Klimawandel und hernach durch den verzweifelten Versuch, ebendiesen abzuwenden, für das (vorübergehende) Aus all seiner Existenzgrundlagen. Die vormalige Hierarchie zwischen Arm und Reich, Knechtschaft und Herrschertum projiziert sich auf die letzten Überlebenden. Wie in allen gegenwärtigen Hierarchien zeigt sich dabei schlussendlich, dass die dekadente Elite lediglich durch die „Pflege“ der Ärmsten ihren gewohnten Lebensstil pflegen und vor der totalen Derangierung bewahrt werden kann; ein Paradoxon, zumal die tote Außenwelt sich insgeheim bereits stellenweise zu erholen beginnt. Wie ebenfalls aus dem Plexus dystopischer Phantasien gewohnt, muss auch in „Snowpiercer“ der wohl nicht von ganz ungefähr mit Captain-America-Darsteller Evans besetzte Held eine verlustintensive Erkenntnisreise auf sich nehmen, um dem Ungeheuerlichen, das jene verwerflichen Systematiken am Laufen hält, auf die Spur zu kommen. Ebendiese Reise führt durch den „Snowpiercer“, einmal von ganz hinten bis nach ganz vorne und aus ebender Fragmentierung dieses Trips, die mit der sukzessiven „Erschließung“ immer weiterer, immer bizzarerer, physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Raum und Begrenzung scheinbar immer weniger gehorchenden Waggons einhergeht, liegt zugleich der Hauptreiz des Films. Curtis und seine Getreuen beteugen in symbolhafter Darstellung gewissermaßen die gesamte maslowsche Bedürfnispyramide in aufsteigendem Durchsturm, bis der gerecht zürnende Dissident, der die letzten zweieinhalb Dekaden von drögen, aus Ungeziefer bestehenden Proteinregeln leben musste, schließlich an des Großen Bruders Milfords (Ed Harris) Tafel sitzt, ein edles Filet auf dem kostbaren Teller. Der besagte Weg, der dorthin führt, erschließt in durchaus geschickter Weise, was die allermeisten von uns antreibt. Unabhängig von den aktionsreichen, natürlich stets aufregend bebilderten Kämpfen und Erleuchtungen, deren Bestreiten eher als schicke Makulatur im Gedächtnis bleibt, subsummiert sich Bongs Film auf die große, kosmische Wahrheit: Die einen fressen Scheiße, während die anderen Partys feiern in Saus und Braus. Der „Snowpiercer“ liefert für diese jahrtausendealte lediglich ein weiteres, postmodernes Bild – wobei es davon ja im Prinzip nie genug geben kann.

8/10

TOM CLANCY’S WITHOUT REMORSE

„You better hope he doesn’t survive.“

Tom Clancy’s Without Remorse (Tom Clancys Gnadenlos) ~ USA 2021
Directed By: Stefano Sollima

Ein Rettungsmission in Aleppo entwickelt sich ganz anders als die im Einsatz befindlichen Navy SEALs um Senior Chief John Kelly (Michael B. Jordan) vermuten: Hinter der betreffenden Kidnapping-Aktion stehen nämlich keineswegs syrische Paramilitärs, sondern brisanterweise russische Geheimdienstler.
Drei Monate später werden die an der Aktion beteiligten SEALs systematisch von FSS-Agenten ermordet. In Kellys Fall töten die Killer statt ihm selbst ausgerechnet seine hochschwangere Frau Pam (Lauren London) und verletzen Kelly dabei schwer. Nach seiner Regeneration stürzt sich der trauernde Soldat in einen unaufhaltsamen Rachefeldzug, der schließlich sogar von der CIA gedeckelt wird. Doch wiederum erweist sich alles nur als Mosaikstück einer großangelegten Verschwörung…

Sergio-Filius Stefano „Kannst stolz auf ihn sein, Papa“ Sollima inszeniert für Netflix eine von Taylor Sheridan gescriptete Tom-Clancy-Adaption – was sich in diesem Zuge ziemlich eklatant formelhaft liest, ist es am Ende auch. Der zugrunde liegende Roman ist bereits vor 28 Jahren erschienen und erzählt die origin story um den geschassten Superprofi John Kelly bzw. John Clark, den zuvor bereits Willem Dafoe in „Clear And Present Danger“ und Liev Schreiber in „The Sum Of All Fears“ jeweils als geheimnisumwobenen Adlatus des dortigen Protagonisten Jack Ryan gespielt haben. „Without Remorse“ verjüngt nun Kellys Figur nebst des kosmopolitischen Backgrounds, vor dem sie agiert.
Nachdem die Prämisse des Films zumindest meine Wenigkeit mehr oder weniger frappant an den alten Gassenhauer „Commando“ erinnerte, entbietet die Story im weiteren Verlauf dann doch ein klein wenig mehr an Komplexität, wobei der bis in höchste Regierungskreise reichende Verschwörungsplot dann nun auch nicht allzu immens überraschend daherkommt, wenn man Clancys ja stets stets leicht paranoid angehauchten, politfiktionalen Umgang mit den Globalmächten kennt. Allerdings findet sich dessen in den Frühsiebzigern vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs spielende Vorlage von Sheridan doch relativ stark modifiziert. En gros führt „Without Remorse“ jedoch eigentlich bloß die in den letzten zehn Jahren ja nun weitflächig etablierte Genretypologie des professionell ausgebildeten Superhelden fort, dessen gewissermaßen spezielle „metahumane“ Fertigkeiten und Fähigkeiten sich dergestalt präsentieren, dass ihre Inhaber sich als unaufhaltsame Überlebenskünstler durch mentalen Genius, strategische Brillanz und vor allem mannigfaltige Fertigkeiten im Ausschalten von Gegnern auszeichnen und wie sie Charaktere wie Ethan Hunt, Robert McCall, Jack Reacher, John Wick, die bereits hauseigene Netflix-Figur Tyler Rake et.al. in den letzten Jahren zigfach onscreen kultiviert haben. Wie all jene möchte man auch diesen knallharten John Kelly lieber nicht zum Feind haben und genau jener Tradition entsprechend gibt „Without Remorse“ ihm allerlei Gelegenheit, sich aus ausweglos scheinenden Situationen, die ihn schließlich geradewegs in die äußeren Herzregionen des Feindeslandes, nämlich ins westsibirische Murmansk, tragen und dort vor Ort wiederum hinreichenden Aktionsradius zur vendettenbeseelten Triebabfuhr. Die richtig große Erleuchtung wartet allerdings erst zurück in Amerika.
Obschon der neue Kalte Krieg im Fach politischer Analyse noch weitgehend theoretisch bleibt – in der Welt fiktionaler Helden wie John Kelly hat er längst Küchentemperatur erreicht.

7/10

OXYGÈNE

Zitat entfällt.

Oxgène (Oxygen) ~ F/USA 2021
Directed By: Alexandre Aja

Eine junge Frau (Mélanie Laurent), unter vermeintlicher Amnesie leidend, erwacht aus dem Tiefschlaf in einer kokonartigen Hülle, die sich wiederum in einer futuristischen, kryogenetischen Kapsel befindet, den Körper mit Sonden und IV-Eingängen gespickt. Sie nimmt mit dem Interface der Einheit, einer hochkomplexen K.I. namens MILO (Medical Interface Liaison Operator) Kontakt auf, um zu erfahren, wer sie ist und warum sie sich in dieser Situation befindet. Der Sauerstoffvorrat sinkt rapide und Flashbacks, die sie nicht zu deuten weiß, rasen parallel dazu durch ihre Wahrnehmung. Die Frau findet durch den Austausch mit MILO heraus, dass ihr Name Elizabeth Hansen lautet. Ein Notruf bei der Polizei bringt alsbald nur noch mehr Verwirrung. Verzweifelt versucht sie, die Kryo-Kapsel zu öffnen, was sich zunächst als unmöglich und später sogar als potenziell tödlich erweist. Die Einheit befindet sich nämlich weder dort, wo Elizabeth sie vermuten würde, noch ahnt sie zu diesem Zeitpunkt um die Ungeheuerlichkeit ihrer wahren Existenzgrundlage…

Sieht man verhältnismäßig viele Genrefilme, muss man sich gezwungenermaßen irgendwann mit der mehr oder weniger leidseligen Tatsache abfinden, dass das Gros an entsprechend aktuellem Nachschub sich in Relation zum Umfang der durchgespielten Ideen zunehmend aus bereits verhandelten Topoi, Motiven, Versatzstücken und Variationen speist, die Suche nach narrativem Einfallsreichtum sich gegebenenfalls also frustrierend gestalten mag. Ist man allerdings bereit, jene ohnehin wenig kunstformaffine Präferenz zurückzustellen und sich stattdessen vordringlich mit perfomativen Aspekten des Mediums zu beschäftigen, behalten bei einigermaßen sorgfältiger Selektion erfreuliche Erlebnisse weiterhin die Oberhand. Alexandre Ajas jüngste Regiearbeit, eine Netflix-Produktion, bildet diesbezüglich keine Ausnahme.
Der von Christie LeBlanc gescriptete Ein-Personen-SciFi-Thriller verarbeitet etliche (auch) aus jüngerer Zeit bekannte und vielfach durchexerzierte Tropen. Parallelen zu Gustav Möllers „Den Skyldige“, der gleichfalls die Verdichtung auf reine Telekommunikation als Sprachmedium, einen hermetischen Raum und einen solitären Protagonisten pflegt, drängen sich ebenso auf wie der jüngst ja durch Villeneuves Sequel revitalisierte „Blade Runner“-Stoff um künstliche (hier: geklonte) Humanwesen und deren Identitätssuche, vom unheimlich zugespitzten Dialog Mensch – A.I. ganz zu schweigen. Die Ära Corona findet ferner ihren zeitgenössischen Nachhall durch ein die Menschheit in die Dezimierung treibendes, tödliches Virus. Eine Menge Holz also für eine Geschichte, die sich auf eine in einer sargähnlichen Überlebenshülse befindlichen Frau konzentriert und ausschließlich für gefälschte Erinnerungsfetzen daraus hervorbricht. Doch wir haben es am Ende immer noch mit einem Film von Aja zu tun, was zumindest für dessen Connaisseur gewisse Qualitäten a priori impliziert. Zudem ist die Performance Mélanie Laurents ziemlich fabelhaft und trägt die ihre Figur zentrierenden, dramatischen Ereignisse bis ins überraschend versöhnlich stimmende Finale hinein. Auf ihrem in (subjektiv empfundener) Echtzeit durchlittenem Trip quer durch eine Erkenntniskausalitätskette des ganz intimen Schreckens folgt man der Ersatz-Liz, einer Weltraumeldin wie ihrerzeit Ellen Ripley, die, nachdem sie sich ihrer Nemesis entledigt hat, im Dauerpowernap geradewegs ins Ungewisse düst, trotz einer Vielzal an Déjà-vus mit ungebrochen gespannter Aufmerksamkeit bis hin zu ihrem nachgesetzten, hoffnungsvollen Morgen.

7/10

FLIGHT

„I know how to lie about my drinking. I’ve been lying about my drinking my whole life.“

Flight ~ USA 2012
Directed By: Robert Zemeckis

Nach einer durchzechten, durchvögelten Nacht und ein paar Lines Koks zum Runterkommen geht Flugkapitän Whip Whitaker (Denzel Washington) wie gewohnt zur Arbeit, um ein Passagierflugzeug von Orlando nach Atlanta zu fliegen. Ein Schlechtwettertief zu Beginn des Fluges meistert der erfahrene Pilot noch behende, kurz vor der Landung versagt dann das Höhenleitwerk und die Maschine gerät in den Sturzflug. Mittels eines waghalsigen Manövers, bei dem Whitaker den Flieger kurzerhand auf den Kopf und dann wieder zurück dreht, gelingt ihm eine leichte Stabilisierung und es können trotz des nachfolgenden Crashs bis auf sechs Menschen alle Passagiere gerettet werden. Der nur leicht verletzte Whitaker wird zunächst als Held des Tages gefeiert, dann kommt heraus, dass seine Blutwerte stark belastet waren und er noch selbst während des Fluges am Wodka genippt hat. Die öffentliche Meinung macht eine Kehrtwende und Whitaker muss sich schließlich wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Die Bekanntschaft mit der vormals drogensüchtigen Nicole (Kelly Reilly) gibt ihm vorübergehenden Halt, sein pathologisches und selbstzerstörerisches Suchtverhalten jedoch mag er sich nicht eingestehen, was wiederum zum Bruch mit Nicole führt. Schließlich steht die maßgebliche Anhörung bevor, die Whitaker dank seines pfiffigen Anwalts Hugh Lang (Don Cheadle) die Chance gibt, alles zum Positiven zu wenden…

Anders als in Clint Eastwoods vier Jahre später entstandenem „Sully“ geht es dem eine ganz ähnlichen Storyprämisse verhandelnden „Flight“ nicht um die Klarstellung von prekären Luftfahrt-Ereignissen oder die Ehrenrettung eines in akuter Stresssituation korrekt handelnden Piloten. Zemeckis‘ Film ist trotz jener spektakulären Ausgangslage das nüchtern erzählte Porträt eines multitoxikomanen Süchtigen und eine Erzählung darüber, wie Abhängigkeit als allmächtiger Existenzfaktor das Lebens eines Individuums beeinflusst und prägt. Die klug gewählte conclusio besteht darin, dass Whip Whitaker die meisten Menschen im beschädigten Flugzeug weder wegen noch trotz seines inflationären Alkohol- und Drogenkonsums retten konnte, sondern ganz schlicht mit ihm.
Jahrelang süchtige Personen, denen es gelingt, ihr öffentliches Image auf akzeptablem Niveau zu halten, entwickeln sowohl im Bezug auf ihre Abhängigkeit als eben auch mit ihr hochkomplexe Persönlichkeitsstrukturen. Diese beinhalten vor allem die wohlfeil erlernte Fertigkeit professioneller Selbsttäuschung, die von der Leugnung der Sucht bis hin zu der nicht minder irrigen Autosuggestion reicht, sie wahlweise kontrollieren oder behende mit ihr umgehen zu können. Abhängige durchlaufen je nach der Intensität ihres individuellen Suchtstadiums und dessen Wechselwirkung mit ihrem sozialen Umfeld sämtliche jener Stadien in sich unwillkürlich repetierender Reihenfolge, wobei sich die Abwärtsspirale ungeachtet aller Anstrengungen sukzessive fortsetzt. Ein endgültiges Entkommen daraus ist mäßig wahrscheinlich und im Falle des Erfolges letztlich ausschließlich einer glücklichen Kombination begünstigender Faktoren zuzuschreiben. Ohne ausnahmslose Abstinenz ist ein langfristiger Weg aus dem Teufelskreis faktisch unmöglich.
Die Geschichte von Whip Whitaker greift auf dem Weg zu seinem forcierten Suchtausstieg diverse Stationen einer Abhängigkeit auf, freilich nicht, ohne am Ende eine sehr kinogemäße Selbstrettung hintenanzustellen, die wohl vor allem dazu taugt, das Publikum zu beschwichtigen und mit einem positiven Gefühl zu entlassen. Ganz so konsequent wie er es im Verlauf seiner Erzählung verspricht, nimmt sich „Flight“ dann schlussendlich doch nicht aus. Als es in der finalen Befragung darum geht, die Integrität der beim Absturz heldenhaft verstorbenen Stewardess Katerina (Nadine Velazquez), die mit Whitaker die letzte, verhängnisvolle Nacht verbracht hat, in eigener Rettung zu vernichten oder wahlweise zu retten, entscheidet sich der wiederum im Vollrausch befindliche Held für letzteres; um den Preis der eigenen öffentlichen Ehre zwar, aber im Gegenzug zur persönlichen Rettung der Seele. Mit der schonungslosen Ehrlichkeit gehen Gefängnis, aber auch Abstinenz einher; verloren geglaubte Beziehungen können gekittet werden, Whitaker nimmt die gesetzlich oktroyierte Strafe gewissermaßen als unverhofftes Geschenk entgegen. Damit pflegt der als Beschreibung einer Suchtcharakteristik wie eingangs erwähnt ansonsten annähernd brillante „Flight“ mit seinem on top befindlichen Hauptdarsteller einen ähnlichen magischen Realismus wie etwa Mike Figgis‘ „Leaving Las Vegas“: Der ganz ordinäre Alkoholiker zelebriert weder seinen Todessuff in Vegas, noch entwickelt er sich in einer kurzen, starken Minute zum altruistischen Heiligen. Einen gänzlich ungeschönten, unromantischen Realismus in dieser Angelegenheit bleibt Hollywood mit seinen vielen Trinkergeschichten uns bis heute schuldig.

8/10