SPIRAL: FROM THE BOOK OF SAW

Wait, I thought the Jigsaw Killer was dead.“ – „He is.“

Spiral: From The Book Of Saw (Saw: Spiral) ~ USA/CA 2021
Directed By: Darren Lynn Bousman

Jahre nachdem John Kramer und seine Vasallen das Zeitlich gesegnet haben, beginnt ein weiterer Nachahmer, das grausame Werk des Serienmörders mit der moralisch verqueren Agenda wiederaufzunehmen. Die Opferschaft rekrutiert sich diesmal ausnahmslos aus der Abteilung des Polizisten Ezekiel „Zeke“ Banks (Chris Rock), der es als „ehrlicher“ Detective mit seinen korrupten und karrieregeilen Kolleginnen und Kollegen selbst nie einfach hatte. Als schließlich auch Banks‘ neuer Partner William Schenk (Max Minghella) tot aufgefunden wird und sein Vater (Samuel L. Jackson), ein renommierter Ex-Cop, verschwindet, nimmt der Fall zunehmend persönliche Züge für den Ermittler an.

Mit diesem erstmals seit dem dritten Sequel wieder von Darren Lynn Bousman inszenierten, mittlerweile neunten Eintrag des „Saw“-Franchise, erhält selbiges seinen bislang zugleich schwächsten Epigonen. Die von James Wans Original einst quasi mitbegründete Welle des seinerzeit als so abschätzig wie hilflos bezeichneten „torture porn“ ist zumindest in ihrer originäen Ausprägung bereits seit längerer Zeit wieder abgeebbt, was zugleich auch die ausgeklügelten Folterfallen des Jigsaw-Killers gewissermßen zu einem Anachronismus macht. Dennoch bleiben diese in ihrer vergleichsweise raren Aussäung das interessanteste Element von „Spiral“, während die weiteren Versuche, der Reihe ein kleines Maß an Innovation zu verschaffen, im Kielwasser der Bemühtheit verkluckern. Chris Rock als Heldenfigur und Antagonist des jüngsten Kramer-Schülers soll gleichfalls kecken Humor und innere Zerrissenheit vermitteln, was infolge der nunmehr jahrzehntelang kultivierten Selbsttypologie Rocks als Stand-up-Comedian frontal vor die Wand rauscht. Flotte Sprüche in Kombination mit einer inflationär mit Vier-Buchstaben-Wörtern gesäumten Sprache und Autorferenzen mögen Rocks gewünschter Signatur entsprechen, bremsen den ursprünglichen Charakter der Serie jedoch bloß in beschädigender Weise aus. Bousman müht sich zudem nach Kräften, dem gewohnt modrigen Industrial-Ambiente einen konträren Stil aus lichtdurchfluteter, grellgelber Urbanität entgegenzustellen, was am Ende als auch kaum mehr denn angestrengt im Gedächtnis bleibt. Schließlich entpuppt sich der sich clever wähnende twist, der natürlich um die wahre Identität des neuen Mörders kreist, als offensichtlich bis dümmlich arrangiert. Ich war geradezu erleichtert, als der personell scheinbar unverzichtbare Samuel L. Jackson im Finale von Kugeln durchsiebt wird – zumindest bleibt dieser somit einer eh kaum vermeidbaren Fortsetzung erspart.
Wobei bei „Saw“ ja andererseits wiederum doch mit allem zu rechnen sein muss. Erstmals in den nunmehr siebzehn Jahren, in denen es nun heißt „I want to play a game“ spüre ich allmählich erste Ermüdungserscheinungen. Kein gutes Zeichen…

5/10

THE SUICIDE SQUAD

„Nom-nom?“

The Suicide Squad ~ USA/CA/UK 2021
Directed By: James Gunn

Die aus im Gefängnis einsitzenden, kriminellen oder geistesgestörten Metawesen bestehende, von Agent Amanda Waller (Viola Davis) rekrutierte „Task Force X“ aka „Suicide Squad“ erhält in weitgehend neuer Zusammensetzung einen weiteren Auftrag: Die Truppe soll auf der von einer Militärjunta beherrschten Karibikinsel Corto Maltese einfallen und eine von Regierungstruppen schwer bewachte Festung namens „Jotunheim“ zerstören, in der ein mysteriöses Forschungsprojekt names „Starfish“ beheimatet ist. Die Suicide Squad landet in zwei Abteilungen an der Küste von Corto Maltese, wobei die erste, mit Ausnahme von Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) und der verrückten Harley Quinn (Margot Robbie), unmittelbar aufgerieben wird. Die kleinere, aber deutlich wehrhaftere Abordnung besteht aus dem Söldner Robert DuBois (Idris Elba) alias „Bloodsport“, dem selbsternannten „Peacemaker“ Christopher Smith (John Cena), dem irren Laborexperiment Abner Krill (David Dastmalchian) alias „Polka-Dot-Man“, dem maritimen Halbgott Nanaue (Sylvester Stallone) alias „King Shark“ und der mit absoluter Macht über Ratten ausgestatteten Cleo Cazo (Daniela Melchior) alias „Ratcatcher II“. Gemeinsam arbeitet sich das Team bis in die Hauptstadt vor, nimmt den Projektleiter Gaius Grieves (Peter Capaldi) alias „Thinker“ gefangen und gelangt mit dessen Hilfe in die Mauern von Jotunheim. Die ursprüngliche Mission kann unter Verlusten erfüllt werden, doch mit der Einebnung des Gebäudes wird zugleich eine neue, furchtbare Gefahr entfesselt. Von nun an muss die Suicide Squad auf eigene Rechnung arbeiten…

Wie der „Guardians Of The Galaxy“-Betreuer James Gunn zu seinem Zwischenspiel beim DCEU kam, dürfte ja hinlänglich bewusst sein. Dass damit zugleich ein kleiner, kreativer Brückenschlag zwischen den beiden Comicfilm-Riesen vollzogen wurde, erweist sich als so gleichermaßen reizvoll wie schadenfreudig: Während Disney und MCU-Mastermind Kevin Feige Gunn vormals eher in weitgehend domestizierten Schranken arbeitenund seine bekanntermaßen im derberen Filmschaffen wurzelnde Kreativenergie sich in psychedelischen Space-Gags sublimieren ließen, konnte er bei DC zum ersten Mal seit seinem zweiten Film „Super“ wieder vollends die Sau durchs Dorf und es gerade so bunt treiben, wie ihm der freche Schnabel gewachsen ist. Das Resultat ist die erste echte splatter comedy im großbudgetierten High-End-Superheldenfilm, eine liebenswert-böshumorige Burleske, in der geholzt wird, dass die Schwarte kracht. Dabei wird die makrokosmische Anbindung an Zack Snyders DC-Trilogie aufrecht erhalten und es handelt sich tatsächlich auch nicht, wie gelegentlich aufzuschnappen war, um ein Reboot von David Ayers „Suicide Squad“, sondern um ein echtes Sequel, das zur gleichen Zeit allerdings eine umfassende Renovierung des Originals betreibt. Bekanntermaßen wurde Ayer damals gehörigst in die Schranken gewiesen und dazu angehalten, seine Vision dieses verlottertsten aller Heldenteams so jugendfrei als möglich abzuliefern. Die Gags darin nahmen sich dementsprechend eher durchgemangelt aus und der overfiend wenig denkwürdig. Mit all diesen kleinen und großen Faux-pas räumt Gunn in seiner sehr persönlich gefärbten Vision der Squad rigoros auf: Ihren selbstmörderischen Beinamen trägt die Task Force X nunmehr völlig zu Recht; unmittelbar zu Beginn wird der gewissermaßen zur Ablenkung der Kerngruppe dienenden Vorhut der Garaus gemacht, als gäbe es kein Morgen mehr und die Marschrichtung des Films damit auch gleich unumwunden vorgegeben. Der im Folgenden von Gunn ausgerollte Irrsinnsteppich besteht aus einem Füllhorn mitunter brillanter visueller Einfälle, kleinen, manchmal etwas überschmückt scheinenden Nebenepisödchen [über Wert und Nutzen der als Bypass eingeflochtenen Kurzromanze zwischen Harley Quinn und dem Inseldespoten Luna (Juan Diego Botto) ließe sich etwa diskutieren – zweifelsohne dient sie in erster Linie dazu, Robbie Screentime zu verschaffen] und natürlich dem famosen Endkampf gegen den klassischen JLA-Gegner Starro, einen gewaltigen, außerirdischen Seestern, der sich seine Untertanen mittels kleiner Versionen seiner selbst, die er auf deren Gesichter pflanzt, gefügig macht. Wenn man es recht bedenkt, konnte der in Gestalt und Ausprägung nicht mehr ganz zeitgemäße Starro auch nur von einem wie Gunn zum Leinwandleben erweckt werden, die meisten anderen Filmemacher hätten sich vermutlich bis auf die Knochen blamiert. Schließlich lassen sich Gebrauch und Kompilierung der Figuren als gehörig sarkastisches Statement begreifen – die zur neuen Suicide Squad zählenden Charaktere sind, natürlich mit Ausnahme von Fanliebling Harley Quinn, die, ohne allzu augenfällige Beschränkungen zu erfahren, im Prinzip das einzig greifbare räsonistische Bindeglied zwischen dem etablierten DCEU und Gunns abgefucktem Grand-Guignol-Zirkus darstellt, allesamt letztklassige Seitenfüller, an die sich in erster Linie wohl nur wandelnde Comic-Enzyklopädien erinnern werden. Dass es zugleich aber nur solche vergessenen TertiärschurkInnen sein können, mit denen Gunn ins Feld zieht, ist letzten Endes so evident wie eigentlich alles andere auch an diesem rüpelhaft-spaßigen Film.

8/10

THE DARE

„I could’ve had what you had…“

The Dare ~ USA/UK/BG 2019
Directed By: Giles Alderson

Eines Abends wird Jay Jackson (Bart Edwards), Ehemann und Vater zweier kleiner Töchter, aus seinem Vorstadthäuschen entführt und erwacht später angekettet in der Ecke eines maroden Raumes. Mit ihm gefangen sind noch drei andere Personen etwa gleichen Alters, die jeweils in den anderen Ecken der Kammer kauern: Der Wachmann Adam (Richard Short), die abgeklärt wirkende Kat (Alexandra Davis) und der übel zugerichtete Paul (Daniel Schutzmann). Wie der verstörte Jay erfährt, sind alle vier Opfer eines mysteriösen Kidnappers (Robert Maaser), der seine Gefangenen rohes Fleisch essen lässt und sie immer wieder mittels perverser Aktionen quält, die sie sich gegenseitig zufügen müssen. Es dauert eine Weile, bis man auf ein Ereignis in der Vergangenheit stößt, das die vier miteinander verbindet: Einst als Kinder haben sie während eines Sommerurlaubs einen kleinen Jungen namens Dominic (Mitchell Norman) gemeinsam gequält und einer „Mutprobe“ unterzogen: Dominic sollte in das Haus eines lokal berüchtigten Farmers (Richard Brake), dem man nachsagte, seinen eigenen Sohn ermordet zu haben, eindringen und dort zwanzig Minuten ausharren. Der Junge wurde danach nie mehr gesehen und die Vier haben niemandem je davon erzählt. Wie sich herausstellt, ist ihr muskelbepackter, maskierter Entführer und Marterer der mittlerweile erwachsene Dominic, dessen bisherige Biographie mit Grauen und Blut angefüllt ist und der nun Rache will für alles ihm Widerfahrene…

Kinder, frohlocket, der Folterporno lebt!
Die filmhistorischen Vorbilder zu Giles Aldersons durchaus ordentlich inszeniertem Regiedebüt sind evident: „The Dare“ orientiert sich formal an der entsprechenden Genrewelle der nuller Jahre und explizit dem von James Wan inszenierten Startschuss des „Saw“-Franchise, verquickt dessen Szenario mit dem Slasher-Klassikern wie Maylams „The Burning“ oder Hiltziks „Sleepaway Camp“ und setzt noch eine gehörige Prise „Sonny Boy“ hinzu. Es gibt, um das Ganze nochmal kurz abzureißen, also einen wahnsinnigen Maskenmann, der als Kind von Gleichaltrigen misshandelt, dann durch deren Schuld von einem geisteskranken Hillbilly-Widerling (Richard Brake in einer denkwürdigen Performance) gekidnappt und großgezogen wurde und sich nun für alles Erlittene – und selbiges ist nicht von Pappe – rächen will. Man darf Alderson bescheinigen, dass er sich zumindest redlich müht, bei allen, im Laufe seines Films wohldosiert aufgebotenen, ostentativen Widerwärtigkeiten die einem solchen Plot inhärente Kaspar-Hauser-Tragik nie ganz aus dem Blick zu verlieren und seinem Film damit auch ein psychologisch fundiertes Profil zu verabreichen. Dies soll durch einen steten Wechsel aus Gegenwartsgeschehen und Rückblenden erfolgen, gelingt allerdings nur in wenig überzeugendem Maße – allzu augenfällige Klischees, holzschnittartige Charakterisierungen und nicht zuletzt die teils immens unglaubwürdige Konstruktion der immerhin zwei Erzähljahrzehnte umspannenden Story löchern „The Dare“ beständig und höhlen ihn letztlich soweit aus, dass man letzten Endes nie gänzlich in ihn hineinzufinden vermag. Dass es durchaus auch kleine, augenzwinkernde Reminiszenzen an massenkulturelle Phänomene wie den Superhelden-Film gibt (Dominics Geschichte hat etwas von einer auf den Kopf gestellten comic origin, die dann ja am Ende sogar ein entsprechendes Endprodukt hinterlässt; zudem stellt der ausnahmsweise ausschließlich psychisch entstellte, physiognomisch jedoch gutaussehende Killer einen bewusst arrangierten Gegenentwurf zur Genretradition dar) verhindert nicht, dass Aldersons Film sich letztlich dann doch primär auf seine sorgfältig arrangierten, natürlich an Ekelintensität zunehmenden Foltereien reduziert, einen ziemlich dämlichen Epilog inbegriffen.
Ich finde „The Dare“ fazitär nicht gänzlich misslungen, aber er bleibt doch weit hinter seinen selbstgesteckten, hohen Ansprüchen zurück. Dennoch, vielleicht geht bald auch der gute Dominic dereinst in Serie. Das haben ja vor ihm schon ganz andere geschafft.

5/10

THE FURIES

„There’s only one way out – win!“

The Furies ~ AUS 2019
Directed By: Tony D’Aquino

Just nachdem sich die Epileptikerin Kayla (Airlie Dodds) mit ihrer besten Freundin Maddie (Ebony Vagulans) in einer Unterführung fürchterlich gezankt hat, wird sie, ebenso wie kurz zuvor Maddie, gekidnappt und seltsamen Prozeduren auf einem OP-Tisch unterzogen. Später erwacht sie in einer schwarzen Kiste, die sich mitten in einem ausgewaschenen Gehölz im Outback befindet. Doch sie ist nicht die einzige: Neben ihr gibt es nicht nur noch weitere, verstörte Mädchen in derselben Situation, sondern auch ebenso viele martialisch ausstaffierte Killer, die mit Horrormasken und Schlachtwerkzeug Jagd auf sie machen. Hinter dem Szenario, so findet Kayla bald heraus, steckt ein perfides Spiel…

Beauty or beast? Tony D’Aquinos kleiner Film ist am Ende leider nichts von beidem, sondern das üblich hölzerne, revisionistische X meets Y meets Z-Debütstück eines sich überdeutlich als kundig offenbarenden Genrefans, der es auch mal als Filmemacher probieren möchte. Dagegen ist ja prinzipiell nichts zu haben, gut finden muss man es allerdings ebenso wenig. Das einzig wirklich Überzeugende an dem einfallslosen „The Furies“, der eine immense Phalanx an Gattungsbeiträgen der letzten Jahre partioniert und einem grob errichteten Bauklotz-Häuschen gleich „neu“ zusammensetzt, sind seine paar handgemachten MakeUp-F/X, die dann allerdings wiederum spektakulär genug ausfallen, um – mit den Worten des lieben Christian Keßler – zumindest die Blutwurst angemessen kreisen zu lassen. Leider erweisen sich die diesbezüglichen Aufwendungen als zu geringfügig, um einen gänzlich tragfähigen Film präsentieren zu können. „The Furies“ mangelt es in letzter Instanz schlicht am Wesentlichsten, an Witz und Geist nämlich. Die Hauptfigur Kayla vermag kaum Empathie zu evozieren und ihre Mitstreiterinnen, allen voran die schüchterne, aber nicht ganz dichte Rose (Linda Ngo) gehen einem schon bald gehörigst auf den Geist. Die ausschließlich zur Artikulation von Grunzlauten befähigten Maskenkiller folgen zunächst keiner erkennbaren Motivation und benehmen sich wahlweise besonders clever oder besonders dämlich, was den Respekt vor ihnen nicht eben ins Unermessliche steigert.
Endhgültig prekär wird es, wenn D’Aquino irgendwann seine völlig triviale, sozialkritische Agenda auspackt, die zeitgemäß adäquat zwischen erstarkendem Feminismus und sozialer Ungerechtigkeit changiert und dann doch nur Teilenthüllungen anbietet: Hinter dem Menschenjagd-Spielchen, bei dem es darum geht, dass ein Beauty/Beast-Pärchen zusammenfindet und die Konkurrenz auf derbe Weise ausschaltet, steckt – gähn³ – offenbar ein mit modernster Technologie arbeitendes Geschäftsmodell für reiche, perverse Neolibs, die durch eine in den Augenlinsen der Mitspieler arrangierte Mikrokamera später das gesamte Geschehen am heimischen Bildschirm nachverfolgen können. Natürlich kriegt einer von ihnen (Tom O’Sullivan) am Ende Saures, denn die schlaue Kayla erhält durch ihre Krankheit die buchstäbliche Möglichkeit zum Durchblick, kann den Fängen ihrer Entführer entkommen und einem der Konsumenten ihre persönliche Aufwartung machen. Dann ist die Chose auch schon wieder vorbei; D’Aquino hatte (oder hat) da ganz offensichtlich ein Franchise im Sinn, deren Fortsetzungen, so sie denn jemals kommen, dann gewiss noch die eine oder andere spektakuläre Enthüllung bereithalten werden…

4/10

THE HUNT

„The jackrabbit always wins.“

The Hunt ~ USA/J 2020
Directed By: Craig Zobel

Eine Gruppe bunt zusammengewürfelter US-Bürger erwacht mitsamt versiegelten Mundknebeln irgendwo mitten in der Provinz, ohne zu wissen, wie sie überhaupt dorthin gelangt sein könnten. Nachdem man eine Kiste mit allerlei Waffen gefunden hat und die ersten Mitglieder der Gruppe von Heckenschützen abgeschossen wurden, kommt man auf die Idee, dass es sich hier um nichts Geringeres als die reale Umsetzung von „Manorgate“ handeln muss. Dieser rechtskonservativen Netz-Verschwörungstheorie zufolge verschleppen elitäre, reiche Deep-State-Repräsentanten „wohlinformierte“ Kleinbürger auf ein abgelegenes Terrain irgendwo in Arkansas und machen sie zur sportlichen Beute sadistischer Menschenjagden. Es dauert nicht lange, bis die meisten der Entführten auf oftmals blutige Weise das Zeitliche gesegnet haben. Nur die schweigsame Crystal (Betty Gilpin) nimmt sich deutlich wehrhafter aus, als ihre JägerInnen vermutet haben…

Die öffentlich diskutierte politische Kontroverse, die Craig Zobels (respektive Damon Lindelofs) „The Hunt“ im letzten Jahr ausgelöst hat, gibt bereits implizit eine Menge an Auskünften über die USA der Gegenwart und dürfte seiner vom Film so rundheraus wie selbstbewusst ausgestrahlten trickiness eine dufte PR beschert haben. Dabei entbietet „The Hunt“ kaum mehr denn ziemlich billig konstruierte Holzhammer-Satire, wie man sie von Blumhouse, die auch die ähnlich semigescheite, dystopische „Purge“-Reihe verantworteten, ohnehin erwarten kann. Jason Blum setzt ja gern auf modische Sozialkritik in Genregewändern, haut damit aber, von wenigen Ausnahmen wie Jordan Peeles „Get Out“ abgesehen, in der Regel ziemlich zielsicher daneben. „The Hunt“ nimmt sich nun immerhin naseweis genug aus, keine eindeutige Position zu beziehen; die QAnon-Fraktion bekommt ebenso ihr breites Scriptfett weg wie die reichen Salonlinken und Post-Preppies; red states vs. blue states etc. pp.chen. Im Prinzip eigentlich nicht der schlechteste Ansatz, um eine Wahljahr-Groteske vom Stapel zu lassen, mit dem leidlich kalkulierebaren Element des Humors, einer diesbezüglich jedoch verpflichtend tragfähigen Ingredienz, haut’s dann aber doch nicht so ganz hin. Dieser kapriziert sich nämlich auf vermeintliche Kabinettstückchen wie jenes, die zu Beginn zentrierten Figuren schnellst- und derbstmöglich wieder aus dem Plot zu reißen, indem sie explodieren oder ihnen die Köpfe weggeballert werden, was dann vor allem den eher juvenilen bis unbedarften gorelover zu Begeisterungsstürmen hinreißen wird. Auch dass die Lektüre von Orwell – obligatorischer Schulliteratur – als intellektuelles Maß aller Dinge herhalten muss, zeugt von einer gewissen zerebralen Bescheidenheit, die wahlweise den Autoren zuzuschreiben wäre oder auch ihrer Wahrnehmung des Zielpublikums. Beide Optionen nähmen sich letzten Endes wenig schmeichelhaft aus, wie ich meine. Auch die sich wiederum superschlau wähnende Auflösung, dass erst die Existenz des Mythos dessen anschließende Realisation bedingt, schafft da keine wirkliche Abhilfe. Dass sich im Finale nicht etwa reiche Demokratin und misstrauische Republikanerin gegenüberstehen, sondern irgendwie doch bloß wieder Lance Henriksen und Jean-Claude Van Damme in jeweils weiblicher Gestalt, zeugt abschließend abermals von der intellektuellen Inkonsequenz des ganzen Unterfangens.
Subtilität und wirkliche Cleverness bleiben demzufolge Mangelware in „The Hunt“, der sich zumindest als temporeicher Actionfilm in der langen und ungebrochenen Genealogielinie von „The Most Dangerous Game“ einigermaßen sehen lassen kann. Für seine eigentliche Agenda ist das allerdings deutlich zu wenig.

5/10

BECKY

„When she was bad, she was horrid.“

Becky ~ USA 2020
Directed By: Jonathan Milott/Cary Murnion

Die dreizehnjährige Rebecca „Becky“ Hooper (Lulu Wilson) hat es nicht leicht. Ihre Mutter ist vor einiger Zeit an Krebs gestorben und ihr Dad (Joel McHale) beabsichtigt, sich neu zu verheiraten. Bereits die Vorstellung Beckys und der Stiefmutter (Amanda Brugel) in spe nebst deren Filius (Isaiah Rockcliffe) gerät zur Kleinkatastrophe, der die renitente Becky aus dem Weg geht, indem sie sich mit ihrem treuen Hund Diego in ihrer Waldhütte verschanzt. Zeitgleich taucht in dem entlegenen Wochenendhaus ein Quartett Krimineller (Kevin James, Robert Maillet, Ryan McDonald, James McDougall) auf, das von dem entflohenen Häftling und Neonazi Dominick (James) angeführt wird, der einen ominösen, im Haus versteckten Schlüssel sucht. Als Becky erkennen muss, dass mit den Verbrechern nicht zu spaßen ist, lässt sie ihrer lange im Verborgen gehaltenen Wut freien Lauf.

„Children In Heat“ sang Glenn Danzig einst, aber das mit „no resistance“ trifft auf Becky Hooper alles andere als zu. „You can’t control them“ schon eher. Eine der schönsten Überraschungen der letzten Zeit war dieser doch schwer Staunen machende Knüppelausdemsack des mir bislang unbekannten Regieduos Milott/Murnion. Zunächst lag „Becky“ gar nicht innerhalb meines Planungsradius, aus naheliegenden Gründen. Der den Film umwabernde, virale Dunst schien etwas in der Art einer derberen „Home-Alone“-Variante zu versprechen und auf ein naseweises Kind, dass Kevin James als Obergangster Mausefallen an die Nase pappt, hatte ich nicht wirklich Bock. Glücklicherweise hat mich ein nachgehend kaum mehr verifizierbarer, urplötzlicher Jieper doch noch umgestimmt – „glücklicherweise“, weil ich ja nicht ahnen konnte, welch böse, bärbeißige Überraschung sich hinter diesem oberflächlich so trivial anmutenden Kleinod verbirgt.
Der unscheinbar betitelte „Becky“ entbietet sich als ein gar nicht mal komischer, herber Home-Invasion- respektive Revenge-Thriller, garniert mit höchst unüblichen, weil extrem unbequem eingewebten Coming-of-Age-Versatzstücken. Wir hätten hier also ein nachhaltig frustriertes, frühpubertäres Mädchen in der Postlatenz, das ohnehin eine heftige Identitätskrise durchleben muss. Die Mutter tot, der Vater auf der Suche nach dem Weiterleben, der eine der beiden (Familien-)Pitbulls (Dora) everybody’s cozy darling. Bleibt eigentlich nur Beckys herzenstreuer Liebling Diego, der ihr dann auch nach Kräften im adrenalinzehrenden Kampf gegen die vier Unholde beisteht. Bei selbigem entwickelt die junge Dame dann höchst unfeine Einfälle, die sie mit aller unterschätzten Willenskraft in die Tat umsetzt, was für die Gangster bedeutet, dass die spätere Identifikation ihrer Leichen sich teils extrem schwierig gestalten wird. Wie Milott und Murnion jenen kleinen Feldzug gestalten, das ist tatsächlich ganz wunderbar und meistert die schwierige Gratwanderung zwischen Groteske und ernstzunehmendem Splatter absolut behende.
Lulu Wilson, die den Wahnsinn ja bereits per se ein wenig im Blick trägt, kultiviert ihre Titelrolle mittels einer bravourösen Mischung aus Orientierungslosigkeit, Traurigkeit und sublimierter Aggression, die Becky trotz ihrer verlorenen Position zu Beginn des grausamen Spiels tatsächlich zu einem Faktor macht, mit dem zu rechnen ist. Kevin James derweil genießt mit dick in den Nacken tätowierter Swastika erwartbar ausgiebig den Bonus, ausnahmsweise auch mal den bad guy geben zu können, was wiederum mit höchstens ganz feinen, ironischen Spitzen geschieht, die seinen als Nazi sowieso von grundauf verachtenswerten Charakter dessen angestammten Antagonistenplatz stets zur Gänze zugewiesen lassen. Dass die (MacGuffin-)Funktion jenes seltsamen Schlüssels, in dessen Besitz sich Becky bis zum Abspann befindet, der Publikumsspekulation überlassen bleibt, finde ich derweil wenig ansprechend gelöst. Eine mögliche Fortsetzung, in der die Kurze im amerikanischen Nazi-Untergrund aufräumt, möge uns um Himmels Willen erspart bleiben, der sehr gute Eindruck des rotzigen „Becky“ wäre gewiss dahin.

8/10

BITE

„People always get sick after vacations.“

Bite ~ CAN 2015
Directed By: Chad Archibald

Vielleicht war der kleine Junggesellinnen-Abschiedstrip nach Costa Rica doch nicht die beste Idee: Nicht nur, dass die designierte Braut Casey (Elma Begovic) sich jetzt gar nicht mehr sicher ist, dass sie ihren Künftigen Jared (Jordan Gray) überhaupt heiraten will, gab es im Urlaub noch ein alkoholinduziertes Techtelmechtel, an das sich Casey kaum erinnert und bei dem ihr Verlobungsring verlustig ging. Und dann ist da noch dieser entzündete Biss am rechten Oberschenkel von einem seltsamen, exotischen Sumpfinsekt. Dieser sorgt dafür, dass es Casey wieder daheim bald rapide schlechter geht. Ihre Wohnung verwandelt sich in eine riesige, matschige Bruthöhle und bald gibt es neben unerfreulich verlaufenden Besuchen von Caseys Freundinnen auch noch ungewöhnlichen Nachwuchs…

Ein kleiner, im Großen und Ganzen zu vernachlässigender, weil eher dümmlicher Transformationshorrorfilm, der sich mehr denn großzügig bei Cronenbergs „The Fly“-Variation bedient, ohne auch nur zu einer Sekunde dessen Geist oder bestürzende Konsequenz zu erreichen. Tatsächlich scheint der wohl des Öfteren im günstigen Gattungsfach umtriebige Regisseur Chad Archibald recht genau um die weitgehende Unzulänglichkeit seines Plagiats zu ahnen und macht daher alles gleich a priori drei bis fünf Nummern kleiner als das ohnehin unerreichbare Vorbild. Wenngleich die arme Casey, deren Metamorphose zum frauhohen Semiinsekt wir nach einem planlos-ordinären Embedded-filming-Auftakt bezeugen dürfen, sich also noch nichtmal reif für die Ehe fühlt, muss sie also stattdessen gleich eine Mutterrolle übernehmen. Jene entwickelt sich nun dergestalt, dass aus dem Biss am Bein bald eine unappetitliche, eiternde Wucherung wird. Auf die eigentlich doch naheliegende Idee, eine Krankenhaus-Ambulanz aufzusuchen, kommt die liebe Casey, so lange es noch Zeit wäre, nicht etwa; stattdessen holt sie sich lieber eine telefonische Ferndiagnose ein, geht in die Wanne und macht darin längere Nickerchen ohne zu ertrinken. Feste Nahrung geht bald nicht mehr, der Hund vom Nachbarn mag nicht länger mit ihr Gassi gehen. Dafür schimmelt bald die allzu aufdringliche Schwiergermutter in spe im Bad vor sich hin. Schließlich wird mächtig abgelaicht und das ganze pseudoschick eingerichtete Bachelorettenappartment avanciert analog zu seiner Bewohnerin zu einem überdimensionalen Insektennest. Alles gewiss fies und gut soweit, nur dass die unweigerliche Genretradition standesgemäß nach Opfern verlangt und das – von Archibald cogepinnte – Script diese im überaus selbstbewussten Stil einer dümmlichen Teenie-Soap verwurstet, von den ziemlich unbegüterten DarstellerInnen ganz zu schweigen. Mit einmaliger Beschau ist es hier, sofern das überhaupt sein muss, also völlig getan, zumal die prekäre deutsche Synchronfassung absolut nichts retten kann, im Gegenteil.
Eine amüsante kleine Randnotiz des Absonderlichen: binnen fünf Wochen war dies bereits der dritte Film, in dem ein junger Mann mit fiesen Untierchen schwanger gehen und diese gebären muss – ohne die geringste bewusst intendierte Planung meinerseits. Vielleicht deutet dies auf eine überfällige Revision von „Seitenstechen“ und/ oder „Junior“ hin…

4/10

BLOODLINE

„Please describe to me the feelings and sensations you experience.“

Bloodline ~ USA 2018
Directed By: Henry Jacobson

Evan Cole (Seann William Scott) ist seit Kurzem aufopferungsvoller Vater eines kleinen Sohnes und treusorgender Ehemann der sensiblen Lauren (Mariela Garriga). Seinen Lebensunterhalt verdient der stets emotionslos wirkende Evan als Sozialarbeiter in der High School. Leider kann er den von ihm betreuten Kids nicht ansatzweise die Hilfen zukommen lassen, die sie wirklich bräuchten – nur wenige offenbaren sich zur Gänze, wenn die auf eine Schulstunde begrenzte Sitzungszeit überhaupt dafür reicht.
Doch auch in Evan selbst schlummern unwägbare Untiefen. Sein gewalttätiger Vater (Matthew Bellows) hat ihn als Kind (Hudson West) geschlagen und wurde dann von Mutter Marie (Cassandra Ballard) ermordet. Auch heute noch ist Marie (Dale Dickey) praktisch omnipräsent und kümmert sich – vielleicht etwas zu intensiv – um ihren Enkel. Eines Tages reißt in Evans Innenleben die dünne Wand zwischen Akzeptanz und Aktionismus und er lässt all den brutalen Erwachsenen, die seine Schutzbefohlenen quälen, deren nach seinem Dafürhalten gerechte Strafe zukommen.

Und noch eine Blumhouse-Produktion, diesmal eine, die mit einiger Verspätung bei uns landete (da sie wohl den mit Universal üblichen, großen Distributor zu ermangeln hat). Tatsächlich handelt es sich bei „Bloodline“ um eine der besseren, mutigeren und beachtenswerteren Arbeiten der Blum-Schmiede, die mit einiger Großzügigkeit an dem, was das Massenpublikum augenscheinlich für akzeptabel halten dürfte, vorbeischippert.
Stattdessen schlägt Jacobsons Langfilmdebüt sehr viel wüster in die Kerbe „good old fashioned serial killer movie“, indem es bewusst Erinnerungen an die Klassiker des Subgenres weckt – sowohl in psychologischer wie in stilistisch-ästhetischer Hinsicht. Der (ödipal geprägte) Mutterkomplex fehlt da ebensowenig wie der frühzeitig entsorgte, gewalttätige Vater, dessen genetischer und habitueller Schatten unentwegt über dem Protagonisten schwebt. Jener sieht sich derweil den üblichen, gesellschaftlichen Hindernissen gegenüber; einem allzu neugierigen, leider viel zu gescheiten Polizeiermittler (Kevin Carroll), innermoralischem Dissens und schließlich der mangelnden Toleranz jener, denen er doch eigentlich helfen möchte, seinem blutigen Treiben gegenüber. Gewissermaßen neu ist die prägnante Konnexion mit dem Vigilanten-/Selbstjustizler-Film, denn Evan Jacobs tötet im Gegensatz zu vielen seiner filmischen Ahnen weder wahllos noch aus einem tiefenpsychologisch verankerten Reflex heraus. Seine Opfer snd wohlfeil ausgewählte Kinderschänder, Misshandler, Junkies, Nazis, Säufer, Sozialschmarotzer; aus Evans von seinem pathologischen Hang nach Verantwortungsbewusstsein und familiärer Harmonie heraus geprägter Agenda demnach Typen, die es nicht nur verdient haben, wegzukommen, sondern unweigerlich wegmüssen. Dass er selbst ein Produkt offener Gewalt ist, die er durchlebt, aber vor allem bezeugt hat, ist aus Evans Tunnelperspektive heraus unersichtlich für ihn, womit der Kreis sich zu Frauen-, Kinder-, Homosexuellenmördern am Ende doch wieder schließt.
Dass „Bloodline“ (ausgerechnet) Seann William Scott, der vor rund zwanzig Jahren das lustige Porno-Akronym „MILF“ kultivierte und kurz darauf das durch ebensolche praktizierte Prostatamelken salonfähig machte, in einer völlig untypischen Rolle featuret, tut beiden durchaus gut. Dass er zudem einerseits auch feine Ironie nicht ausspart und andererseits mit den üblichen, kleinen Dramaturgiezerrern arbeitet, die Evans Entdeckung infolge immer wieder auftretender faux-pas aufs Spiel stellen, darf man dem ansonsten gewiss gelungenen Erstlingswerk großmütig verzeihen.

7/10

THE DEAD PIT

„The brain is the destroyer! The brain is the clock that kills us!“

The Dead Pit ~ USA 1989
Directed By: Brett Leonard

Dr. Swan (Jeremy Slate), Leiter einer psychiatrischen Klinik, beäugt mit einiger Sorge die geheimen Experimente seines Kollegen Dr. Ramzi (Danny Gochnauer). Als Swan Ramzi eines Tages in sein kleines Privatlabor folgt, wird er des ganzen Ausmaßes von Ramzis Wahnsinn bewusst: Mittels einer Mischung aus Gehirnchirurgie und Schwarzer Magie funktioniertt Ramzi willenlose Patienten zu lebenden Toten um und pfercht sie in eine unterirdische Grube. Dr. Swan gelingt es, Ramzi zu überwältigen und zu töten; die abgelegene Sektion des Instituts mauert er anschließend zu.
Zwanzig Jahre später kommt eine amnesische Patientin (Cheryl Lawson) auf Swans Station. Die junge Frau verfügt offenbar nicht nur über paranormale Sinne, sondern steht auch in unseligem Kontakt zu dem vermeintlich toten Ramzi. Gemeinsam mit einem Mitpatienten (Stephen Gregory Foster) macht sie sich daran, das Geheimnis um die zugemauerte Abteilung zu lösen und entfesselt dabei ein Inferno.

„The Dead Pit“, geschrieben und inszeniert von dem späteren Cyber-Thriller-Filmer Brett Leonard, war und ist als ein (im Vergleich zu Gordon oder O’Bannon) nicht ganz so prominentes Beispiel des überkandidelt-schwarzhumorigen Gore-Horrors der Mitt- und Spätachtziger Jahre recht gut gelitten. Besonders in der Geekkultur, die sich unter anderem aus dem Dunstkreis des „Fangoria“-Magazins speist, kann er auf eine solide fanbase zählen. Ich selbst habe den Film heuer zum ersten Mal geschaut und bin ziemlich von den Socken – darüber, dass er sein doch relativ stolzes Renommee genießt. Bekanntermaßen darf ich mich als weithin offenherzigen Zuschauer wähnen, der insbesondere einen soft spot für Genrezeug jedweder Couleur besitzt. Leonards Debüt aber hat mich wohl leider inmitten einer ganz falschen Sternkonstellation erwischt. Möglicherweise hab ich das ja auch alles, intensivster Empathieaufwändungen zum Trotz, nur völlig falsch verstanden und bin bloß zu stumpfsinnig für die heimliche (Humor-?)Offensive des Ganzen. Dass die in darstellerischer Hinsicht unsägliche, jedoch vornehmlich in Unterwäsche herumhopsende Cheryl Lawson als legitime scream squeen of the hour gepriesen wurde, lasse ich ja noch gelten; auch vielleicht, dass Leonard mit seiner Story um Dr. Ramzi und dessen sinistres Treiben eine kecke Hommage an Herschell Gordon Lewis versuchte. Innerhalb des großen Ganzen, dass „The Dead Pit“ am Ende vorschützt, erweisen sich diese Quasi-Pros jedoch als bemerkenswert unerheblich. Ich mag jetzt gar nicht so überakkurat aufzählen, was mir alles missfallen hat; über die erschreckend undifferenzierte Darstellung psychiatrischer Praxis, die zig kleinen Fehlgriffe innerhalb des hanebüchen unschlüssigen Handlungsablaufs bis hin zu der beinahe schon dreist überdehnten Erzählzeit, die ein halbwegs sinnvoller Schnitt um gute zwanzig Minuten hätte erleichtern müssen, hinaus wären das nämlich noch eine ganze Menge mehr. Am meisten gestört hat mich vermutlich, dass der komplette Film sich in einem völlig irrational übersteigerten Selbstbewusstsein ergeht, der in krassem Missverhältnis zu seinen letztendlich sichtbaren Qualitäten steht.
Da „The Dead Pit“ eben sein oben angeführter Nimbus vorauseilt, er also womöglich doch über verborgene Elemente verfügt, die mich blind über sie hinwegstolpern ließen, bin ich mit meinen Eindrücken nicht ganz glücklich.
The skin I live in.

3/10

GHOST SHIP

„I smell bullshit.“

Ghost Ship ~ USA 2002
Directed By: Steve Beck

Als Captain Sean Murphy (Gabriel Murphy) und sein fünfköpfiges Bergungscrew-Team – Maureen Epps (Julianna Margulies), Greer (Isaiah Washington), Munder (Karl Urban), Dodge (Ron Eldard) und Santos (Alex Dimitriades) – von dem jungen Fremden Ferriman (Desmond Harrington) das Angebot erhalten, ein offenbar mutterloses Schiff in der Beringsee zu kapern, ist man sogleich Feuer und Flamme, gehört nach internationalem Seerecht doch freitreibende Fracht ihrem Finder. Bald darauf finden Murphy, seine Mannschaft und der sie begleitende Ferriman tatsächlich den mysteriösen Dampfer, bei dem es sich um den mittlerweile legendären italienischen, vor 40 Jahren spurlos verschwundenen Luxuskreuzer „SS Antonia Graza“ handelt. Bereits die ersten Begehung des Geisterschiffs entpuppen sich vor allem für Epps, der ein kleines Mädchen (Emily Browning) begegnet, als alles andere denn mit rechten Dingen zugehend. Und tatsächlich stimmt etwas nicht mit der Antonia Graza, ein Umstand, der sich mit dem Fund mehrerer Kisten mit Goldbarren zur Todesfalle für die Seeleute entwickelt.

„Ghost Ship“ zählt noch zur ersten Welle des von Robert Zemeckis, Joel Silver und Gilbert Adler 1999 gegründeten Produktionslabels „Dark Castle“, das sich ursprünglich besonders traditionsverbundenem Horrorkino verpflichtet sah und dessen Bezeichnung sich als Hommage an den findigen Gimmickfilmer William Castle versteht. Mit seinem dritten Projekt nach den beiden nominellen Castle-Remakes „House On Haunted Hill“ sowie dem ebenfalls von Steve Beck inszenierten „Thirteen Ghosts“ zeigten sich denn auch spätestens gewisse Analogien und Parallelen innerhalb der Arbeitsweise des Substudios – binnen kurzer Laufzeit Geschichten, die in ihrer comichaften, stets etwas überdrehten Bebilderung an das klassische B- und Drive-In-Cinema oder an die alten EC-Comics erinnerten: luftiger Tongue-In-Cheek-Humor, mehr oder weniger gelungene Grand-Guignol-Momente und nicht immer gelungene CGI-Effektarbeit kennzeichneten jene ersten, bis 2007 entstandenen Filme, als Dark Castle sein Portfolio dann mit Guy Ritchies „RocknRolla“ sukzessive zu erweitern begann.
Becks „Ghost Ship“ bildet nun eine motivisch recht klassisch umrahmte haunted house story, nur dass es eben um ein Geisterschiff anstelle eines Geisterhauses geht. Mehrere aus dem etwas losen Scripthut hervorgezauberte Wendungen lassen das Geschehen bald zusehends übernatürlich werden; zunächst riecht das Ganze noch nach einem relativ ordinären, ruchlosen Verbrechen, dessen ungesühnte Opfer als Geister die Antonia Graza heimsuchen und mündet schließlich in die etwas alberne Mär um einen Dämon, der als persönlicher Adlatus des Gehörnten selbst fungiert und jenem Seelen zu kredenzen hat. Das Gold entpuppt sich als Lockmittel, das die unersättliche Gier der Menschen beflügeln und ihre Boshaftigkeit evozieren soll. Logisch – der Name „Ferriman“ (hätte ebensogut auch Schörgen-Toni heißen können) für jenen agent du diable wurde nicht ganz zufällig gewählt. Nach dem Slasher-Prinzip verfahrend muss die Trawler-Crew dann nach und nach das Zeitliche segnen, ein paar typische Verstörungsingredienzien wie ein mit Blut gefüllter Swimming-Pool, ein verführerischer Todesengel (Francesca Rettondini) oder eine Dose Bohnen, deren Inhalt sich während des genüsslichen Verzehrs in Maden verwandelt, inbegriffen. Dass der zuverlässige Gabriel Byrne dabei ist, ist schön, doch nimmt sein Part eher den eines Gaststars ein – die eigentliche Heroine ist die sensible Epps, die mithilfe ihrer geisterhaften kleinen Freundin Katie schließlich dafür sorgt, dass die Antonia Graza endlich ihrem kalten Grab entgegen sinken und sämtliche von Ferriman bereits verbucht geglaubten Seelen doch noch dem Himmel entgegenfahren dürfen. Das Finale scheut dann auch nicht, mit ziemlich widerlicher, aufgesetzt-kitschiger Christen-Mythologie zu kokettieren, was „Ghost Ship“ dann auch nochmal ein, zwei Sympathiepünktchen kostet.
Insgesamt wahrscheinlich nicht gänzlich misslungen aber wohl doch weit hinter dem zurückbleibend, was er hätte sein können.

4/10