I DRINK YOUR BLOOD

„I’m only a veterinarian, Pete. Your sister’s not an animal.“

I Drink Your Blood (Die Tollwütigen) ~ USA 1970
Directed By: David E. Durston

Der Teufelspriester Horace Bones (Bhaskar Roy Chowdhury) und seine Gruppe von Satanisten-Hippies fallen, nachdem sie die Teenagerin Sylvia (Iris Brooks), die sie bei einem ihrer nächtlichen Rituale beobachtet hat, vergewaltigen, in ein beschauliches Provinznest ein, um dort das zu tun, was sie am Besten beherrschen: die Bürger erschrecken. Man besetzt ein leerstehendes Haus, bettelt, was das Zeug hält und pfeift sich Gras und LSD bis zum Abwinken in die Windungen. Nachdem sie Sylvias erbosten Großvater Dr. Banner (Richard Bowler), der sich bei ihnen beschwert, kurzerhand unter Acid setzen, wird der kleine Pete (Riley Mills), Sylvias Bruder, grantig. Er erschießt einen tollwütigen Hund, zapft ihm Blut ab und mischt es den garstigen Brüdern und Schwestern unter ein paar Fleischpasteten. Die Satansbrut erlebt daraufhin den Trip ihres Lebens, verfällt durch die Bank der Tollwut und attackiert geifernd alles, was sich bewegt.

David E. Durstons rotznäsiger, kleiner Reißer bietet gleich mehrerlei an dickem Plus: er ist eine echte Wundertüte des apokryphen Frühsiebziger-Kinos, ein Inbegriff des Terminus „Exploitation“ und vor allem: ein ganz gewaltiger, unappetitlicher Spaß, der seinen Zuschauer auf eine Achterbahn der Unfassbarkeiten verfrachtet.
Der Satansanbeter Horace Bones, gespielt von dem indischstämmigen Maler und Tänzer Bhaskar Roy Chowdhury oder kurz Bhaskar, ist der Inbegriff der kleinbürgerlichen, amerikanischen Vorstellung von gesellschaftszersetzendem Abschaum – ein auf sämtliche Normen und Werte pfeifendes Subjekt von einem Gammler, dazu noch eine Art Nachwuchs-Manson. Fehlt quasi bloß noch das Bekenntnis zum Kommunismus, aber für ein solches müsste man ja Bücher lesen. In Ermangelung von heißen Motorrädern fallen Horace und seine Mädels und Jungs, die neben hochfrequentem Drogenkonsum auch noch wilde Promiskuität pflegen, also ausnahmsweise nicht unter das zu jener Zeit allseits beliebte Rocker-Stigma, sondern sind zunächst in einem psychdelisch bemalten Kleinbus unterwegs. Nachdem dieser den Geist aufgibt, sitzen sie also erstmal fest in unserer liebenswerten, repräsentativen Kleinstadt, machen sich es dort jedoch gleich mal, breitärschig, wie sie so sind, ordentlich bequem. Diese Bequemlichkeit geht natürlich schwer zu Lasten der nervlichen (und übrigen) Gesundheit der Einwohner, aber das gehört ja zum üblen Ton von derlei humanem Unrat. Zeit, dass auch ihnen mal einer einen Streich spielt und der (offenbar selbst nicht ganz dichte) Lausbub Pete kommt da gleich mit drakonischen Maßnahmen. Der vom Acid angefressene Cortex und die mit Tollwutbakterien kontaminierten Fleischpastetchen gehen eine unheilvolle Verbindung ein und schon hat man eine Horde sabbernder Wilder, die sich sogar noch irrationaler verhalten als vorher und gegen die nurmehr bloß noch mit Schusswaffe und Heugabel beikommen kann – und mit fließend Wasser natürlich, denn solches, das versichert Doc Banner, hat auf Rabiespatienten denselben Effekt wie geweihtes Nass auf den Gehörnten. Zumindest, was die Angst vor selbigem anbelangt.
Es gibt also eine ordentliche Menge Holz in diesem durchweg liebenswerten, weil nicht zuletzt gepflegt ironischem Aggroheimer von anno 70, der, so wahr ich dies hier tippe, ein legitimes Bindeglied zwischen den beiden Midnight Specials „Night Of The Living Dead“ und „The Last House On The Left“ bildet.
Ganz, ganz feiner Stoff und spitzenmäßig im Abgang!

8/10

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DEMONOID: MESSENGER OF DEATH

„You either cut off my hand, or I’ll kill you!“

Demonoid: Messenger Of Death (Macabra – Die Hand des Teufels) ~ MEX 1981
Directed By: Alfredo Zacarías

Nachde das Ehepaar Mark (Roy Benson) und Jennifer Baines (Samantha Eggar) all sein Sauerverdientes in den Erwerb einer mexikanischen Silbermine investiert hat, lässt der Ertrag auf sich warten, zumal die Arbeiter vor Ort allesamt Bammel haben, tiefer in den Stollen vorzustoßen. Bei einer eigenen Expedition in die Untiefen der Höhle stoßen die Baines‘ schließlich auf eine altertümliche Kultstätte mitsamt einem Grabmal. Mark bemächtigt sich darin einer silbernen Schatulle, die einer Hand nachempfunden ist. Im Hotel offenbart sich dann deren schreckliches Geheimnis: Der Staub aus dem Kästchen verwandelt sich eine knochige Hand, die von Mark Besitz ergreift. Dieser dreht daraufhin durch, jagt die Mine in die Luft und flieht. Jennifer kann später nurmehr seine verbrannte Leiche identifizieren, nachdem Mark in Las Vegas offenbar in Streit geraten ist. Sie wendet sich an Vater Cunningham (Stuart Whitman), der ihre Geschichte um die Teufelshand nicht glauben mag, sich schon bald jedoch eines Besseren belehrt findet…

Von übernatürlichen Mächten besessene Gliedmaßen, zumal Hände, bilden bereits seit Robert Wienes „Orlacs Hände“ und seiner bald erfolgenden Remakes einen unregelmäßig, aber stetig bemühten Nebenstrang im Horrorfilm nebst mancherlei oder weniger berühmten Ablegern. Auch „Demonoid: Messenger Of Death“ des mexikanischen Filmemachers Alfredo Zacarías, der um diese Zeit einen kurzfristigen Abstecher ins anglophone Genrekino mit den entsprechenden Darstellern wagte, zählt dazu. Sein Werk passt insofern ganz gut zu dem von den Cardonas, die ja ebenfalls in diesen Sphären umtriebig waren, oder entfernt auch zum italienischen Splatterfilm jener Tage. Dafür bürgt nicht zuletzt auch das Engagement Stuart Whitmans, der sich zu dieser Zeit zumindest im Kino für keinen noch so abstrusen, internationalen Heuler zu schade war, und mit seinem graumeliert gescheitelten Haupt so manches Gossenstück aufzuwerten wusste. Immerhin dürfte „Demonoid“, dem es sogar gelingt, ein bisschen den spirit des US-Horrorkinos der Früh- und Mittsiebziger zu präservieren, zu seinen etwas besseren Filmen der Ära gehören. Die böse Dämonenhand von anno dunnemals, die immer wieder neue Wirte findet und diese jeweils tot und energieentledigt (sprich: grau und verschrumpelt) hinterlässt, macht durch ihren beinahe episodsisch nachgezeichneten Werdegang jedenfalls allerlei Freude und hält den Zuschauer bei Laune bis hin zu ihrem unvermeidlichen Cliffhanger-Auftritt am Ende. Immer wieder hat es zwischendrin überdurchschnittliche Szenen wie etwa den beklemmenden Besuch der Baines in einem Mumienmuseum. Hinzu kommt noch das allenthalben eingespielte Ohrwurm-Titelthema von Richard Gillis und fertig ist die etwas absonderliche Laube.

6/10

AMERICAN GOTHIC

„I’m joining the clean plate club!“

American Gothic (Dark Paradise) ~ UK/CA 1988
Directed By: John Hough

Um die seit dem Tod ihres Babys schwer traumatisierte Cynthia (Sarah Torgov) auf andere Gedanken zu bringen, nehmen ihr Mann Jeff (Mark Erickson) und ein paar Freunde sie mit zu einem Campingtrip auf eine kleine Insel vor der Küste von Seattle. Doch das idyllische Eiland ist mitnichten unbewohnt; ein altes, strengchristliches Ehepaar (Yvonne De Carlo, Rod Steiger) lebt dort nicht weit vom Strand in einem kleinen Blockhaus. Wie sich umgehend herausstellt, hat dieses zudem drei erwachsene Kinder (Janet Wright, Michael J. Pollard, William Hootkins), die offenbar noch nie von der Insel weggekommen sind und sich nicht nur völlig infantil, sondern auch sonst sehr bizarr verhalten. Bald gibt es die ersten Verluste unter den Gästen zu beklagen und die ohnehin arg angegriffene Cynthia muss feststellen, dass die derangierte Familie buchstäblich noch mehr Leichen im Keller hat…

Das eine Zeichnung von Rod Steiger und Yvonne De Carlo zeigende Kinoplakat zu „American Gothic“ ist eine wunderbare Anlehnung an das berühmte, gleichnamige Gemälde von Grant Wood, das einen freudlosen Farmer mit Heugabel und eine Frau neben ihm zeigt, von der man nicht weiß, in welcher familiären Beziehung sie zu dem Mann steht. John Houghs Film wirkt wie eine bitterböse, schwarzhumorige Interpretation jenes Bildes, wobei auch dessen Geschichte nie die wahren verwandtschaftlichen Beziehungen der gesellschaftlich und auch technisch völlig isoliert lebenden Inselfamilie offenlegt. Es können jedoch kaum Zweifel daran bestehen, dass hier inzestuöse Kreuzverbindungen gepflegt werden. Höchstwahrscheinlich, jedenfalls ist eine solche „Erklärung“ für all die Seltsamkeiten rasch bei der Hand, sind „Ma“ und „Pa“, wie sie sich reduziert rufen, selbst Geschwister, die vor Jahrzehnten mit ihrer chaotischen Brut in dieses beschauliche Exil geflüchtet sind und aus Furcht vor Entdeckung jeden potenziellen Eindringling rigoros ausmerzen. Vor allem das mordlustige und zu noch ganz anderen Perversionen wie Nekrophilie neigende Nachwuchstrio spiegelt im Folgenden die zutiefst abartige Funktionalität wider, in der man sich hier ein einsames Sanktuarium vor der Zivilisation geschaffen hat: Seit jeher gehalten wie Kleinkinder und in Unkenntnis jedweder Moralbegriffe, begreifen die Drei ihre mörderischen Gewaltausbrüche wie lustige Streiche oder Spielchen, die Ma und Pa zudem noch gutheißen. Besonders Janet Wright, die ihr mumifiziertes Baby wie ein Püppchen überall mit hin schleppt, evoziert durch ihre wirklich grandiose Interpretation der komplett verrückten Fanny allerhöchsten Widerwillen beim Zuschauer.
Bemerkenswert an Houghs einnehmenden Film, einem genealogisch illegitimen Erben von Tobe Hoopers „The Texas Chain Saw Massacre“ nebenbei (wobei hierin wie vieles Andere auch das Kannibalismuselement in vager, mutmaßlicher Schwebe verbleibt) sind nicht nur seine inhaltliche und visuelle Kompromisslosigkeit, die sich in all ihrer unangenehmen Widerwärtigkeit geradezu lustvoll durchdekliniert finden, sondern in diesem Zusammenhang auch die Verpflichtung der zwei Weltklasse-Darsteller Steiger und De Carlo, die ihr Engagement einerseits und vermutlich in der Hauptsache wegen ihrer Gagen angenommen haben werden, andererseits jedoch all ihr Können in die Waagschale werfen und sich die dem Szenario akut innewohnende, bitterböse Komik vortrefflich zunutze machen.
Ein Juwel des Achtziger-Jahre-Horrorfilms.

8/10

BLOOD RAGE

„That’s not cranberry sauce.“

Blood Rage ~ USA 1987
Directed By: John Grissmer

Zwillinge; einer davon total total wahnsinnig, aber ausgerechnet nicht der, der in der Klapsmühle sitzt: Als Kind begeht Terry (Keith Hall) im Autokino einen blutigen Mord, den er kurzerhand seinem Bruder Todd (Ross Hall) anhängt, der dafür wiederum in die Geschlossene wandert. Als Erwachsener – Terry (Mark Soper) lebt jetzt mit seiner Mom Maddy (Louise Lasser) in der Appartmentanlage „Shadow Woods“ ihres Lebensgefährten Brad (William Fuller), sitzt Todd (Mark Soper) immer noch ein, erhält aber ab und zu Besuch von der ihn insgeheim verachtenden Mutter. Pünktlich zum Zehnjahres-Jubiläum des damaligen Mordes bricht Todd aus der Anstalt aus, um die Dinge endlich klarzustellen. Bei Terry, dem ohnehin nicht passt, dass Brad seiner Mutter just einen Heiratsantrag gemacht hat, brennen daraufhin auch die letzten Sicherungen durch und er greift zur Machete.

Jahrelang führte „Blood Rage“ nur ein sehr stiefmütterliches Dasein. Bereits 1983 gedreht, erlebte er erst vier Jahre später ein eingeschränktes Leinwandrelease unter dem Titel „Nightmare At Shadow Woods“, stark heruntergekürzt und somit seiner wichtigsten Hauptmeriten, der blutigen Mordszenen nämlich, beraubt. Mittlerweile hat sich das geändert und Grissmers Film ist seit etwa zwei Jahren in seiner ungeschnitten Glorie und digital hochauflösend zu bestaunen. Dass ihn dies insgesamt nicht wesentlich aufwertet, schadet der Sache natürlich keineswegs, im Gegenteil: Die „Blood Rage“ zuteil gewordene Behandlung ist beispielhafter Liebhaberaktionismus, nichts weniger. Dem gegenüber steht ein Film, der in all seiner dämlichen Einfalt und der erschreckenden Inkompetenz der meisten Beteiligten das Herz des unerschrockenen Betrachters vor allem als Kuriosum erfreut. John Grissmer respektive sein dp Richard E. Brooks etwa haben zum Zeitpunkt des Drehs offenbar weder davon gehört, dass es so etwas wie eine Dolly gibt, noch dass auch handelsübliche 35mm-Kameras schwenkbar sind. Ab und zu spielt man ein wenig am Zoomregler, darin erschöpft sich aber auch schon die ganze bildliche „Bewegung“. Es gibt Sequenzen, die einem die Zehnägel hochbiegen, darunter eine, in der Todd ein kleines Mädchen (Dana Drescher), das im dunklen Wald nach seiner Katze sucht, vor seinem bösen Zwillingsbruder warnt, eine, in der eine ebenso bemitleidenswert alleinstehende wie geile Nachbarin (Jayne Bentzen) ihr schüchternes Date (Ed French) rumzukriegen versucht und – absoluter Höhepunkt – die, in der die mittlerweile völlig desorientierte Louise Lasser die Vermittlung anruft, um sich zu ihrem Galan durchstellen zu lassen. Freilich lassen sich diese Szenen nur in der Langfassung „bewundern“, die damit aber zugleich verpflichtend ist.
„Blood Rage“ ist ein Film, den man gesehen haben muss. Er könnte als blühendes Negativbeispiel an jeder Filmhochschule vorgeführt werden; bewegt sich technisch und formal mit Ausnahme der immerhin liebevoll gemachten SF/X unter aller Kanone, verfügt weder über ein halbwegs rationales Script, noch über ein auch nur minimal ausgereiftes, dramaturgisches pacing. Er ist einfach so richtig hübsch gaga und damit gleichfalls unbedingt sympathisch.

4/10

GRAVE

Zitat entfällt.

Grave (Raw) ~ F/BE/I 2016
Directed By: Julia Ducournau

Die behütete Justine (Garance Marillier), zeitlebens Vegetarierin, tritt in die Fußstapfen ihres Vaters (Laurent Lucas) und beginnt, wie ihre große Schwester Alexia (Ella Rumpf) zuvor, Veterinärmedizin zu studieren. Immerhin ist Alexias Anwesenheit vor Ort insofern hilfreich, als dass die albernen bis abartigen Initiationsriten der höheren Semester Justine nicht ganz unvorbereitet treffen. Überhaupt gestalten sich die ersten Tage an der Uni nicht eben einfach für die noch sehr mädchenhafte Justine. Einer der Professoren gibt ihr zu verstehen, dass er „Streberinnen wie sie“ verabscheue; Alkohol, Drogen und hemmungslose Promiskuität unter den KommilitonInnen sind ihr in solch farbenfroher Praxis unbekannt, ihren selbstbewussten, schwulen Mitbewohner Adrien (Rabah Nait Oufella) indes findet sie zunehmend anziehend. Als sie im Zuge einer der Radikalaktionen für die Neuankömmlinge gezwungen wird, rohe Kaninchennieren zu essen, reagiert ihr Körper zunächst höchst allergisch. Damit nicht genug, entwickelt Justine plötzlich ein inniges, suchtähnliches Verlangen nach rohem Fleisch und warmem Blut. Für Alexia sind derlei ungewöhnliche Triebe zu Justines Überraschung nichts Neues…

Dass „Grave“ einer der besten jüngeren Horrorfilme ist, lässt sich schon seit Längerem mehrerorts nachprüfen. Nach der Betrachtung kann ich diese Einschätzung nur nachdrücklich bekräftigen. Nicht nur, dass Julia Ducournaus intelligentes Kinodebüt von seiner dezidiert femininen Perspektivierung profitiert, verleiht es dem zuletzt ja wieder etwas revitalisierten Kannibalen-Topos im Genre neue Impulse und gibt berechtigte Hoffnung zu der Annahme, dass die belgofrankische Hardcore-Welle nach doch noch nicht ganz abgeebbt ist. Vor allem entpuppt sich „Grave“ sehr schnell als luzide Satire auf den Habitus der Generation der um zwanzigjährigen Studierenden „von heute“: Auf bekümmernde Weise entpolitisiert, hedonistisch bis ins Mark, instinktiv enthemmt bis zur Schmerzgrenze, führt uns Ducournau eine scheinliberale peer group junger Erwachsener vor, die Anarchie mit „Jackass“-Humor verwechselt und gesellschaftliche Rebellion mit unkontollierter Intoxinierung, dabei jedoch ganz im Gegensatz zu ihren phrasenhaften Dogmen bloß für eine gezielt uminterpretierte Form von Uniformiertheit und Gleichförmigmachung steht. Selbst Adriens stets wichtig-apostrophiert gelebte Homosexualität scheint vielmehr ein Ausdruck antibourgeoiser Revolte zu sein als eine echte Herzensangelegenheit. Sowohl von der gängigen Schönheitsnorm abweichende Mitmenschen als auch Verweigerer der gezielten Deprivation der Jungstudierenden landen ganz am unteren Ende der Hierarchie und sind somit gezwungen, ein langfristig freudloses Außenseiterdasein zu führen. Ein leicht übergewichtiges Mädchen (Danel Utegenova) gibt Justine auf der Damentoilette Tipps zum effektiveren Übergeben; die Justine wegen ihres Ausschlags behandelnde Ärztin (Marion Vernoux) erzählt ihr von dem schlimmen Los einer stark adipösen Kommilitonin. Da sind berüchtigte Kommissstrukturen nicht mehr weit – und dass innerhalb der selbsternannten intellektuellen Elite von morgen.
Es geht in dem nebenbei exzellent inszenierten „Grave“ also weniger um das zunächst Offensichtliche, – anthropophagische Gelüste also, – denn vielmehr um die alte, allgegenwärtige teenage angst, sich der Aufstellung normativer Maßregeln stellen zu müssen. Dass das Ganze einen dann doch noch geflissentlich mit der Phantastik liebäugelnden Abschluss erhält, der zudem nach einer potenziellen Fortsetzung schielt, sei Ducornau als kleines Zugeständnis an die Gattungsstrukturen nachgesehen.

9/10

MUSARAÑAS

Zitat entfällt.

Musarañas (Shrew’s Nest) ~ E/F 2014
Directed By: Juanfer Andrés/Esteban Roel

Madrid in den 1950ern. Die beiden Schwestern Montse (Macarena Gómez) und Nia (Nadia de Santiago) bewohnen ein hübsches Appartment in Madrid. Montse, die ältere der beiden, leidet unter schweren Neurosen, deren Ursprünge bis weit zurück in die Vergangenheit reichen und die sich in einer schweren Angststörung und Glaubensfanatismus manifestieren: Die als Auftragsschneiderin durchaus erfolgreich arbeitende Montse traut sich nicht, auch nur einen Fuß vor die Wohnungstür zu setzen, staffiert jedoch sämtliche Räume mit christlichen Symbolen aus. Jedwede „Außengeschäfte“ erledigt die jüngere Nia, deren romantischen Kontakt zu einem jungen Mann Montse eifersüchtig aus dem Fenster mitverfolgt und immer wieder durch aggressive Ausbrüche Nia gegenüber quittiert. Eine ihrer Kundinnen, Doña Puri (Gracia Olayo) versorgt Montse regelmäßig mit einem Opiat, von dem sie längst abhängig ist. Als ein junger Nachbar, Carlos (Hugo Silva), die Treppe im Haus herunterstürzt und sich das Bein bricht, quartiert Montse ihn im Gästezimmer ein. Da der junge Mann offenbar etwas zu verbergen hat, lässt er sich Montses Pflege zunächst bereitwillig gefallen, die heimliche Darreichung der Opiumtröpfchen inbegriffen. Als Nia begreift, dass Montse Carlos nicht mehr gehen lassen wird, ist es bereits zu spät: Der Wahnsinn ergreift endgültig Besitz von ihr.

Natürlich hat „Musarañas“ einige deutliche filmische Vorbilder, die bei entsprechender Kenntnis rasch offensichtlich werden. Vor allem aus Polasnskis „Repulsion“ und Rob Reiners King-Adaption „Misery“ bezieht das reichlich kompromisslose, komplexe Schwesterndrama einen Großteil seiner motivischen Inspiration, besitzt dabei jedoch immer noch genügend Eleganz und finster dräuende Schönheit, um sich von diesen hinreichend emanzipieren zu können. Was besonders an Andrés und Roels Film begeistert, ist dessen prononcierte Verweigerung, sich an aktuelle Techniken und Formalia zu assimilieren. In langen und konzentrierten Einstellungen verharrt die komplette Erzählzeit mit Ausnahme eines Ausflugs Nias in Carlos‘ Wohnung oberhalb und einigen der immer wieder eingeflochtenen Rückblinden strikt am selben Schauplatz, dem schwesterlichen Appartment nämlich. Hier bietet sich all der benötigte Raum für die sich schleichend zum völligen Irrsinn entwickelnde Geisteskrankheit der armen Montse, die dank Macarena Gómez‘ parallel dazu überaus zerbrechlich und nuanciert gestalteten Performance niemals zu der monströsen Killerin entwickelt, die andere Filme hinter ihrer sanften Fassade längst ausgemacht hätten. Zwar geht Montse, nachdem sie einmal die Grenze zur Gewalttäterin überschritten hat, mit zunehmend barbarischem Gestus zu Werke, wirkt jedoch nie wirklich bösartig, sondern stets pathologisch. Hierin verbirgt sich gleichfalls ein möglicher Ansatz zur Kritik: der Film lässt es sich im weiteren Verlauf nämlich nicht nehmen, Montses Attacken durch schwarzhumorige Reverenzen erträglicher werden zu lassen – ob es sich hierbei um Zugeständnisse an mögliche Zensurbefürchtungen oder gar an die Stabilität des Publikums handelt, müsste erörtert werden. Jedenfalls holt das (nichtsdestotrotz vorhersehbare) Ende nochmal den emotionalen Vorschlaghammer raus, schlägt kräftig zu damit und hinterlässt den Zuschauer mit der Gewissheit, einem in jeder Hinsicht lohnenswerten, prächtigem Filmerlebnis beigewohnt haben zu dürfen.

8/10 

ANTICHRIST

„I love you.“ – „You don’t.“

Antichrist ~ DK/D/F/S/I/PL 2009
Directed By: Lars von Trier

Der Unfalltod ihres kleinen Sohnes (Storm Acheche Sahlstrøm) während ihres eruptiven Koitus stürzt ein Ehepaar in eine tiefe Sinnkrise. Sie (Charlotte Gainsbourg) erleidet einen Nervenzusammenbruch, gefolgt von einer akuten Angststörung, woraufhin er – seines Zeichens Psychiater – sich ihrer annimmt, obschon eines seiner professionellen Dogmen vorsieht, dass Patient und Therapeut sich privat nicht nahestehen sollten. Um sie direkt mit ihren seelischen Wunden zu konfrontieren, reist er mit ihr in eine abgelegene Waldhütte genannt „Eden“, in der sie im Vorjahr im Beisein des Kindes an ihrer Dissertation gearbeitet hat und die im Rahmen ihrer Erkrankung offenbar eine besondere Sollbruchstelle einnimmt. Als er herausfindet, dass ihre Arbeit zum Thema „Hexenverfolgung“, einhergehend mit expliziten Studien zu Folter- und Exekutionsmethoden sie ehedem offenbar schwerer tangiert hat als zuvor angenommen, eskaliert die Situation.

Als Auftakt einer „Depressions-Trilogie“, die von Trier nach einer ihn höchstselbst betreffenden, entsprechenden Phase schuf, verfehlt „Antichrist“ – wenn auch nur knapp – die von ihm intendierte, niederschmetternde Wirkmacht. Kunstanspruch und surreale Überhöhungen stehen der notwendigen Erdung des ansonsten durchaus wagemutigen und phasenweise durchaus starken Stoffs im Wege. Der eigentliche Nukleus des in vier Akte unterteilten Ganzen, nämlich die thetische Unmöglichkeit einer langfristigen, glücklichen Beziehung zwischen Mann und Frau, verwischt sich durch seine Einbettung in eine wesentlich unschärfere Gemengelage, in der sich die zusätzlichen Motive Wahnsinn, Natursymbolik, Paganismus und Hexerei sich quasi die Kolinke reichen. Ich glaube, dass, hätte von Trier es bei dem inhaltlichen Grundstock der infolge barscher Schuldgefühle entgleisenden Ehe belassen, der Film also straighter und weniger verwinkelt geworden wäre, ein kohärenteres und vor allem konsequenteres Resultat hätte entstehen können. Mit Dafoe und vor allem der Gainsbourg stehen dem Filmemacher jedenfalls zwei Protagonisten zur Seite, die für ihn durchs Feuer gehen und die beide auf der absoluten Höhe ihrer Kunst agieren. Die gegen Ende durch ihre extremen Darstellungen beschwerten Bilder graben sich infolge ihrer erfreulichen Kompromisslosigkeit zudem tief ein beim Zuschauer und auch, dass von Trier zumindest auf formale Spielchen verzichtet, tut „Antichrist“ gut. Bleibt also der nach meinem Dafürhalten eine, große Makel der metaphorischen Verwässerung, über dessen Ursachen sich nur spekulieren lässt. Möglicherweise war die Angst davor ausschlaggebend, dass eine „begradigtere“, nahbarere Version dem Publikum allzu viel abverlangt hätte; möglicherweise wurde die Wahl der kombinierten Topoi auch einfach bloß als passend empfunden. Es könnte aber auch sein, dass der Film so ist, wie er ist, weil er von Lars von Trier stammt.

7/10