THE RUSSIAN BRIDE

„You don’t have to be afraid. You just… loan something.“

The Russian Bride ~ USA 2019
Directed By: Michael S. Ojeda

Über eine eine einschlägige Kontaktbörse im Internet „bestellt“ sich der wohlhabende, alternde Chirurg Karl Frederick (Corbin Bernsen) die alleinerziehende Russin Nina (Oksana Orlan) als zukünftige Braut in die Staaten. Obschon Karls entlegenes, winterliches Anwesen und seine leicht absonderliche Dienerschaft (Lisa Goodman, Michael Robert Brandon) bei Nina und vor allem ihrer kleine Tochter Dasha (Kristina Pimenova) einen eher verstörenden ersten Eindruck hinterlassen, sind die beiden Damen doch froh, den heimischen Entbehrungen und der dortigen Armut gen Westen entkommen zu sein. Doch erweist Karl sich bereits nach kurzer Zeit als anfällig für psychotische Episoden und darüber hinaus als sehr dem Kokain zugetan, eine Eigenschaft, die Nina schon bei ihrem Ex-Partner (Emmanuel Todorov) alles andere als schätzte. Und dies sind bei Weitem nicht die einzigen Leichen, die Karl (buchstäblich) im Keller hat…

Sechs Jahre nach dem nicht unähnlich getünchten „Savaged“ präsentiert sich Michael S. Ojedas jüngste Regiearbeit als recht passgenauer Nachfolger von dessen zitat- und referenzgespicktem Impetus. Verarbeitete Ojeda bereits in jener Rachemär eine ganze Phalanx von zumeist dem Exploitationsektor entstammenden Vorbildern, so erwartet den Rezipienten hier wiederum dessen nicht sonderlich überraschende Entsprechung. Offenbar ist Ojeda jener jüngeren Generation von Genrefilmern zugehörig, die neben ihrer überschaubaren Könnerschaft auch über ein gerütteltes Arsenal an Lieblingsfilmen verfügen und nur allzu gern dem unwiderstehlichen Drang stattgeben, den daraus mitgenommenen Eindrücken ihre öffentliche Hommage zu erbieten. So scheint es allerdings phasenweise verlockender, den so offensiv ausgestellten Zitatfundus zu enzyklopädieren denn Ojedas „eigenem“ Geläut zu lauschen – ob solcherlei im Sinne des Urhebers sein mag, darf angezweifelt werden. Den altehrwürdigen Klassikern zollt Ojeda mit direkt, jedoch erzählerisch etwas ungelenk eingepflegten Szenen aus „House On Haunted Hill“ und „Frankenstein“ Tribut (die kleine Dasha steht nämlich – welch Zufall – auf die altehrwürdige Horrorfilmhistorie). Was er außerdem von „Rebecca“ über „La Mariée Était En Noir“, „The Stepfather“ und Tarantinos (!) nervöses Gezuppel bis hin zu „Get Out“ noch alles referenziert, wäre eine eigene Broschüre wert. Am sympathischsten erschien mir diesbezüglich noch, dass sich Corbin Bernsens vergangener Meriten als Dr. Alan „The Dentist“ Feinstone erinnert wurde und diese in exakt derselben wahnwitzigen Manier „zurückkehren“ darf (Brian Yuznas eigenes Bernsen-Projekt „The Plastic Surgeon“ schmort leider weiterhin in der development hell). Dass ich zwischenzeitlich einen fein nuancierten Metakommentar hinsichtlich Trumps Immigrationspolitik auszumachen glaubte, möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, schlussendlich aber vielleicht doch lieber meiner situations- und gegenwartsbedingten Hypersensibilität zuschreiben.
Nun, selbst auf ein klein wenig Geisterspuk braucht man finalmente nicht zu verzichten und auch, wenn es bis zum koksanimierten (!) abschließenden Großreinemachen wie schon in „Savaged“ recht gemächlich zugeht, bleibt unterm Strich ein zwar vorsätzlich unorgineller, insgesamt aber doch vergnüglicher Gattungsbeitrag, der beim passenden Publikum zumindest phasenweise für diebische Freude sorgen sollte.

6/10

SILVER LININGS PLAYBOOK

„You have poor social skills. You have a problem.“

Silver Linings Playbook ~ USA 2012
Directed By: David O. Russell

Pat Solitano Jr. (Bradley Cooper) leidet unter einer bipolaren Persönlichkeitsstörung, die ihm, nachdem er seiner Frau Nikki (Brea Bee) in flagranti erwischt und deren Liebhaber krankenhausreifg geprügelt hat, acht Monate in der geschlossenen Psychiatrie eingebracht haben. Auf Insistieren seiner Mutter (Jacki Weaver) hin darf Pat nun entlassen werden und unter Aufsicht seiner Eltern leben. Das erweist sich als nicht eben einfach, denn auch Pats Dad (Robert De Niro) ist ein Vollblutneurotiker, der seinen jüngeren Sohn Jake (Shea Whigham) stets bevorzugte. Zudem ist Pat in pathologischer Weise darauf fixiert, Nikki, die bereits ein Kontaktverbot erwirkt hat, zurückzugewinnen. Durch Zufall lernt er die ebenfalls psychisch angestoßene Tiffany (Jennifer Lawrence) kennen, die sich prompt in Pat verliebt und alles Mögliche versucht, ihn, der ebenfalls uneingestandenes Interesse zeigt, für sich zu gewinnen. Zu diesem Zweck überredet Tiffany Pat, mit ihr an einem Tanzwettbewerb teilzunehmen.

Hmja. Sonderlich Innovatives kredenzt diese von den Weinsteins produzierte Allerwelts-RomCom mit ein paar dramatischen Einschlägen, die ja in Anbetracht dessen, was die handelsüblichen Netzseiten so hergeben, doch sehr beliebt zu sein scheint, nicht auf. Allein aufgrund dessen will ich gewiss kein vorschnelles Qualitätsurteil fällen, nur scheint mir diese doch sehr derrivierte Mixtur aus zwei psychisch „angeknacksten“ Versehrten, die auf Umwegen zueinander finden (ähm) über einen Hauch Rostand (uff) bis hin zum unvermeidlichen Tanzfinale Marke „Dirty Dancing“ (ächz) doch etwas sehr faul vorzugehen mit ihrer ausgestellten Konstruiertheit. An „Silver Linings Playbook“, der sich schlussendlich überhaupt nicht unterscheiden will oder kann von all diesen typischen Dramödien für den Modell-Kinogänger um Therapie-Patienten, die ein bisschen sonder- weil unberechenbar sind, aber eigentlich doch ganz lieb, zumindest, so lange sie einen Vogel mit ähnlich gefärbtem Gefieder finden, ist somit aber auch gar nichts Besonderes. Man könnte Russells Film mit einem weinenden Auge auch als grundrepräsentativ für das Gros von Robert De Niros Rollenauswahl seit kurz vor der Jahrtausendwende erachten. In diesem Zeitraum spielte der einstige Vorzeige-method-actor, sofern nicht gerade Marty Scorsese seinen Weg kreuzte, den analog zu seinem Faltenwurf kauziger werdenden alten Stiesel mit Diamantschale und Herz aus Gold gefühlte dreitausend Male. Man (ich!) begne(t) ihm zwar immer noch stets gern, weil man traditionell so viel Gutes mit ihm assoziiert, aber die Wiedersehensfreude scheint doch mit jeder neuerlichen Begegnung abzuflauen, weil, ähnlich wie bei jährlich wiederkehrenden Familienfestivitäten die Geschichten, die Onkel Robert zum Besten gibt, irgendwann stets dieselben bleiben und sich daher nicht mehr ganz so spannend ausnehmen wie früher mal. So geht es im Ganzen auch „Silver Linings Playbook“, der mir allzuviel uninspirierte und dazu noch anderswo zigmal so ähnlich oder besser gesehene Reißbrettelemente vorweist, um wirklich sympathisch oder gar schön zu sein; einem Film, der sich ebenso rasch aus Herz und Hirn verflüchtigt wie ein Tröpfchen Ethanol aus einer versehentlich offen stehen gelassenen Phiole.

4/10

CON AIR

„There is no medicine for what I have.“

Con Air ~ USA 1997
Directed By: Simon West

Nach acht Jahren Gefängnishaft wegen Totschlags freut der Ex-Ranger Cameron Poe (Nicolas Cage) innig darauf, zu seiner Frau Tricia (Monica Potter) zurückkehren und endlich sein Töchterchen Casey (Landry Albright) kennenlernen zu dürfen. Doch der „Jailbird“-Flieger, in die man ihn neben diversen anderen schweren Jungs setzt, wird zum Terrorwerkzeug des Superkriminellen Cyrus Grissom (John Malkovich), genannt „Cyrus The Virus“. Gemeinsam mit seinen Erfüllungsgehilfen kapert er die Maschine. Seine letzte Chance, auszusteigen, bläst Poe jedoch heldenhaft in den Wind, denn sein insulinbedürftiger Zellenkumpel Baby-O (Mykelti Williamson) würde ohne ihn garantiert verrecken und die Vollzugsbeamte Bishop (Rachel Ticotin) wäre dem notorischen Vergewaltiger Johnny-23 (Danny Trejo) gnadenlos ausgeliefert. Also muss Poe gemeinsam mit seinem neuen, am Boden positionierten Verbündeten Agent Vince Larkin (John Cusack) den Tag retten…

„Con Air“, bekanntlich eine jener vorgeblich hemmungslos hochglanzgelackten, multimillionendollarteuren Bruckheimer/Touchstone-Produktionen der neunziger Jahre, die versuchten, das grundsolide Genrekino der Vorgängerdekade durch größenwahnsinnige, zirzensische F/X-Zurschaustellungen abzulösen, war wie seine ihn flankierende Gesinnungsindustrie dazu angetan, der gesamten republikanischen US-Wählerschaft die Unterbuchsen zu nässen.
Nachdem ich den Film nach der zeitgenössischen Kinobetrachtung erstmal regelrecht unerträglich fand, greifen nunmehr auch in diesem Falle Altersmilde, der Blick fürs Wesentliche und vor allem der Wundenheilungsfaktor hinreichender zeitlicher Distanz. Wie wohl die meisten seiner während jener Ära entstandenen, mit ähnlichen Mitteln ausstaffierten Kinogenossen muss man „Con Air“ retrospektiv gewissermaßen als Nienties-Pendant zu den Katastrophenfilmen der Siebziger wahrnehmen: Als kostspieligen, großen Stinkkäse, der die Einfallslosigkeit des Mainstream- und Blockbusterkinos mit oberflächlicher, aber professioneller Form und luxuriöser Besetzung zu kaschieren suchte, keine noch so banale Dialogzeile scheute und gammelige Klischees offensiv anfuhr, statt sie wohlweislich zu umschiffen. Die Bilder, gesäumt von wahlweise blauen Himmeln oder breiter Magic-hour-Photographie sowie die Scores, ob von Hans Zimmer, David Arnold oder, wie im vorliegenden Fall Trevor Rabin und Mark Mancina, ähnelten sich in ihrer pompösen, stets patriotisch-militaristisch anmutenden Orchestrierung allesamt auf frappierende Weise und waren beliebig austauschbar, die Stars kassierten legionär zufrieden ihre hohen Gagen und lieferten in den allermeisten Fällen unwesentlich mehr als das eben Notwendige. Unter ihnen genoss Nicolas Cage ein paar kurze Sternstunden, die er in seiner wechselvollen Karriere als arschcooler Actionheros befüllen durfte, nachdem er kurz zuvor bereits mit Michael Bays „The Rock“ auf den exklusiven Geschmack gekommen war und sich Disney auch in den Folgejahren immer wieder zur Verfügung stellte. Hier trug er eine ölige Langhaarfrisur und ein John-McClane-Gedächtnisunterhemd auf, derweil er seine wie so oft absurden Zeilen durch die geschlossenen Zähne herauszischen und die diversen bösen Jungs plattzumachen hatte. Zwischen den Zeilen hat es dann immer wieder gut lesbar erstaunlich subversive Comedy. So gibt es Steve Buscemi als augenscheinlich blutrünstigen, psychotischen Serienkiller Garland Greene, einen Quasi-Hannibal-Lecter, zu sehen, der sich zur allgemeinen Verwunderung als durchaus kluger, liebenswerter Zeitgenosse entpuppt, schließlich durchbrennen kann und von einem kleinen Mädchen (Lauren Pratt), das gemeinsam mit ihm „He’s Got The Whole World In His Hands“ singt, radikalgeheilt zu werden scheint. Permanente hagelnde Seitenhiebe wider den US-Strafvollzug, der Typen wie Cyrus The Virus letzten Endes erst produziert statt sie zu resozialisieren gestattet man sich ebenso wie die schleichende Sympathisierung eines sich zuvor oberarschig aufführenden FBI-Beamten (Colm Meaney).
Der wie oben erwähnt noch nichteinmal sonderlich fordernde, genauere Perspektivierung lohnt also auch bei „Con Air“. Das soll nun gewiss nicht heißen, das wir hier etwa eine Camouflage heimlichen Intellektuellenkinos im Gewand mindergescheiten Allerweltsamüsements hätten – dafür schreit Simon Wests Debütwerk seine vordergründige Sackdämlichkeit dann doch allzu oft und allzu unverhohlen laut hinaus. Er ist jedoch auch keinesfalls so mies, wie manch naserümpfender Feuilletonist ihn vielleicht dargestellt wissen möchte.

7/10

LAW ABIDING CITIZEN

„I need a shower, Warden.“

Law Abiding Citizen (Gesetz der Rache) ~ USA 2009
Directed By: F. Gary Gray

Die zwei Raubeinbrecher Darby (Christian Stolte) und Ames (Josh Stewart) zerstören in einer Nacht gewaltsam die Familienidylle der Sheltons, indem sie Mutter (Brooke Stacy Mills) und Kind (Ksenia Hulayev) ermorden und Vater und Ehemann Clyde (Gerard Butler) schwer verletzt zurücklassen. Doch der Albtraum ist für Clyde Shelton noch nicht vorbei: Anstatt beide Verbrecher ihrer gerechten gerichtlichen Strafe zuzuführen, lässt sich der aufstrebende Staatsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx) in Darbys Fall auf einen Deal ein: Der passive Ames landet zwar in der Todeszelle, der tatsächliche Mörder Darby jedoch, ein widerlicher Sadist vor dem Herrn, bekommt mangels profunder Beweise lediglich ein paar Jahre Gefängnis.
Zehn Jahre vergehen, bis zum Tag, da Ames mit der Giftspritze hingerichtet wird. Die Exekution verläuft überaus unschön, da das Todesserum gegen eine andere Chemikalie ausgetauscht wurde. Damit nicht genug, wird Darby entführt und bestialisch zu Tode gefoltert. Der Verursacher beider Ereignisse ist rasch gefunden. Niemand anderes als Clyde Shelton steckt dahinter. Dieser lässt sich zwar brav festnehmen und ins Gefängnis sperren, doch sein eigentlicher Rachefeldzug fängt damit erst an…

In Erwartung eines „klassisch“ arrangierten Vigilantenthrillers widmete ich mich dem „Director’s Cut“ dieses sich selbst doch weitaus wichtiger nehmenden, mit den moralgetünchten Serienkillerfilmen der Vorjahre von „Se7en“ über die „Saw“-Reihe bis hin zu „WΔZ“ liebäugelnden Machwerks. Und ein Machwerk, das ist „Law Abiding Citizen“ im allerschlechtesten Sinne, mit allen Schikanen sozusagen. Denn die handelsübliche Rache- und Selbstjustizstory muss nichts Geringerem weichen denn einem sich höchst clever wähnenden Plot um die Ad-Absurdum-Führung des gesamten Justizsystems. Nicht von ungefähr spielt die von Kurt Wimmer erdachte Story in Philadelphia, der „City of Brotherly Love“, Nationalheiligtum als ehemalige Hauptstadt der USA und jener Ort, an dem 1787 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet wurde. 2009 war es dann an an Gerard Butler aka Clyde Shelton, dem maroden Jurisdiktionsapparat dessen Schwächen mit aller nach dem Dafürhalten des moralisch Gewappneten gebotenen Härte vor Augen zu führen und eine Sanierung anzustoßen. Doch ein ordinärer Bürger, wie der Originaltitel es suggeriert, ist Shelton – natürlich – mitnichten. Ein solcher könnte ja auch gar nicht solch verzwickte Ideen aushecken wie Shelton es tut. Stattdessen entpuppt er sich im weiteren Verlauf als höchst versierte und professionelle Mordmaschine der CIA und naturgemäß Bester seiner Zunft, dessen biblischen Zorn besser niemand entfesselt hätte. Denn Shelton ist auch ein brillanter Stratege und seinen Gegnern stets zehn Züge voraus. Jamie Foxx als Butlers Widersacher muss also erst lernen, im Sinne seiner Nemesis umzudenken, bevor der vielbeschäftigte Staatsdiener, nachdem er den Kontrahenten schlussendlich doch noch (mit dessen „Waffen“ freilich) besiegen kann, endlich einmal seine eigene kleine Tochter (Emerald-Angel Young) beim Cello-Auftritt besuchen darf. Der Weg dahin ist gepflastert mit allerlei Meilensteinen der Dämlichkeit.
„Law Abiding Citizen“ ist so unfassbar schlecht, löchrig und dumm geschrieben, dass die imdb-Durchschnittswertung von tagesaktuellen 7.4 Punkten anmutet wie ein schlechter Witz. Überhaupt scheint Butler, den ich mehr und mehr geringschätze, sich nur allzu gern auf dümmliche Projekte wie dieses einzulassen. Hätten Gray und Wimmer den Mut oder auch die Chuzpe besessen, die fiese Schlachtplatte der ersten halben Stunde irgendwie auf 90 Minuten auszudehnen, ohne sich in vermeintlich komplexen Narrationsvolten und, noch viel schlimmer, in abgeschmackten Ethikdiskursen zu verlieren, „Law Abiding Citizen“ hätte zumindest als halbgescheite Exploitatongranate reüssieren können. So jedoch wird aus der ganzen Chose ein reichlich reflexiver Schildbürgerstreich, der im Nachinein bestenfalls dazu taugt, die mitleiderregende Blödheit seiner Produktionsbeteiligten und die seines applaudierenden Publikums gleichermaßen zu illustrieren.
Schlimm.

3/10

VAMPIRE’S KISS

„I never misfiled anything!“

Vampire’s Kiss ~ USA 1988
Directed By: Robert Bierman

Peter Loew (Nicolas Cage) ist ein Protagonisten-Musterexempel der Ära Yuppie. Sein wohldotierter Job in einem New Yorker Verlagshaus verlangt von ihm bestenfalls oberflächliche Berufsqualitäten, die vor allem darin bestehen, seine Sekretärin Alva (Maria Conchita Alonso) zu drangsalieren. Nach Feierabend tingelt er durch die Szeneclubs und lässt seinen öligen Charme bei attraktiven one night stands spielen. Seine latente Einsamkeit offenbart er dann im Zuge wenig tiefschürfender Sitzungen seiner Analytikerin Dr. Glaser (Elizabeth Ashley). Nachdem sich eines Abends eine Fledermaus in sein Appartment verirrt, beginnt sich Peters angeschlagene Psyche noch weiter zu vernebeln. Rachel (Jennifer Beals), eine neue Damenbekanntschaft, entpuppt sich (möglicherweise nur in Peters Wahrnehmung) als Vampirin, die ihn in den Folgenächten genüsslich „melkt“. Peter meint derweil, immer mehr untrügliche Anzeichen dafür auszumachen, dass auch er sich nach und nach in ein Nachtwesen verwandelt, worunter wiederum besonders die arme Alva zu leiden hat…

Ich liebe unerwartet schöne Überraschungen beim Film.
Durch die Jahre dachte ich immer (überregional betrachtet eine letztlich wohl den allermeisten sogenannten Cine-Connaisseurs gemeine, arrogante und narzisstische Illusion) ich wäre wie mit so vielem auch wohlfeil mit Nicolas Cages Œuvre vertraut. Wer jedoch wie ich bis vor Kurzem „Vampire’s Kiss“ nicht gesehen hat, kann sich derlei Imagination ganz gepflegt schenken. So fand ich mich stets in der höchst irrigen Annahme, da gäbe es diese laue, romantisch angehauchte und geflissentlich zu ignorierende Vampirkomödie, die qualitativ, diegetisch und hermeneutisch irgendwo zwischen „Love At First Bite“ und „Vampire In Brooklyn“ anzusiedeln sei. Weit gefehlt. Robert Biermans von Joseph Minion („After Hours“) gescripteter Manhattan-Trip zählt in sämtlichen ihn betreffenden Belangen zum Besten seines Jahrzehnts. Da entpuppt sich Cages völlig entfesselte Interpretation der Hauptfigur, die einen in derselben Sekunde lachen, den Kopf schütteln und staunen lässt, nurmehr gar als Sahnehäubchen auf einem durchweg exquisit angerichteten Zeittableau. Viel Platz für Interpretation lassen Bierman/Minion dem überbügelten Betrachter nicht: Von Vampiren berichtet „Vampire’s Kiss“ mitnichten, er erzählt vielmehr auf zutiefst satirische Weise mit spitzer Feder vom tiefen Fall eines gelackten Yuppie, der in Anbetracht der Seelenlosigkeit seiner beruflichen wie privaten Existenz in Kombination mit ungezügeltem Alkohol- (und Drogen-?) Konsum unter die Räder gerät und auf ein letzten Endes durchaus irdisch bedingtes Ableben zusteuert. Als eine Art moderner Renfield, dessen Wahn im Wahn sich jedoch eher an Max Schreck alias Graf Orlok orientiert denn an dem devoten Insektenvertilger, geriert er, endgültig psychotisch geworden, zu all dem, was seine Persönlichkeitsstruktur ihm im Grunde längst vorzeichnet: einem misogynen, nutzlosen Hanswurst, der seine Unfähigkeit zu lieben und geliebt zu werden in einem bizarren Gewaltakt entlädt und dessen mutmaßliche Metamorphose sich dann gegen ihn selbst richtet. Vieles kommt einem da in den Sinn, die irrlichternden Hedonismuswelten von Bret Easton Ellis (der seinen thematisch und wesenhaft eng mit „Vampire’s Kiss“ verwandten „American Psycho“ erstaunlicherweise erst drei Jahre nach dessen Premiere veröffentlichen sollte) oder all die filmischen Porträts von vor urbaner Kulisse verrückt Werdenden. „Vampire’s Kiss“ lässt sich behende mit all diesen popkulturellen Spielarten verknüpfen und setzt ihnen ein echtes Juwel hinzu, das einen jeden, der es aus seinem unverdienten Schattendasein an die Oberfläche hievt, reichhaltig belohnt.

10/10           

THE LODGE

„Confess your sins! Repent!“

The Lodge ~ UK/CA/USA 2019
Directed By: Veronika Franz/Severin Fiala

Als Richard Hall (Richard Armitage), Erfolgsjournalist, Ehemann und Vater der zwei Kinder Aidan (Jaden Martell) und Mia (Lia McHugh), seiner Noch-Gattin Laura (Alicia Silverstone) unmissverständlich bedeutet, dass er endgültig die Scheidung wünscht, nimmt die ohnehin depressive Frau sich das Leben. Schon seit Längerem pflegt Richard derweil eine Beziehung zu der jüngeren Grace (Riley Keough), die durch eine grauenhafte Vergangenheit als Kind in den Fängen einer Sekte von Christenfanatikern traumatisiert ist. Um erste Kontakte zwischen Grace und den Kindern anzubahnen, plant Richard ein gemeinsames Weihnachtsfest in einer abgelegen Winterlodge, wo er die Drei zunächst aus geschäftlichen Gründen ein paar Tage allein lassen und später dazustoßen will. Aidan und Mia jedoch machen nicht nur ihren Vater und Grace mittelbar für Lauras Suizid verantwortlich, sie sind auch in keiner Weise daran interessiert, eine „Ersatzmutter“ zu akzeptieren. Also hecken sie einen gemeinen Streich aus, der ungeahnte Folgen hat…

Für das österreichische Regieduo Franz/Fiala, das mit dem eindrucksvollen „Ich seh ich seh“ bereits eine sehr spannende psychologische Studie über die Entfremdung zwischen Kindern und ihren erwachsenen Bezugspersonen sowie gemeinhin über verhängnisvolle infantile emotionale Störungen vorlegen konnte, dürfte allein die Aussicht, mit seinem Zweitprojekt unter dem renommierten Genredach der britischen Hammer Films arbeiten zu können, von vielversprechender Anmutung gewesen sein. So entpuppt sich „The Lodge“ dann auch zumindest inhaltlich als nachgerade klassischer Thrillerstoff, wie die Hammer ihn auch problemlos innerhalb ihres von Jimmy Sangster gescripteten Sechzigerjahre-Kleinverschwörungszyklus hätten veröffentlichen können. Die Motive darin ähnelten sich in der Regel ja doch recht eklatant – zumeist ging es um ein psychisch bereits stark angegriffenes und/oder traumatisiertes Individuum, das von ränkeschmiedenden, bösen Verwandten, Erbschleichern oder sonstigem Kroppzeug in die völlige Unzurechnungsfähigkeit getrieben und so von Haus und Grund gejagt werden sollte. Üblicherweise gingen die Pläne des oder der Intriganten am Ende dann aber ab einer gewissen „Sollbruchstelle“ nach hinten los und drehten ihnen auf die eine oder andere Art selbst den Strick. Wer anderen eine Grube gräbt… etc.pp., man kennt das. Auch Gimmick-Filmer William Castle nahm sich gern dieses immer wieder ergiebigen Sujets an.
Nun sind Franz und Fiala nicht bloß sorglose Geschichtenerzähler und Suspenseverbreiter, sondern bemühen sich, das lässt sich spätestens jetzt, nach ihrem zweiten Film sagen, um eine spezifische inszenatorische Handschrift. „The Lodge“ ist voll von Symbolen, Bildern und Zeichen, die Anlass zu diversen Spekulationen liefern und das bevorstehende Unheil bereits erahnen lassen. Ob übernatürliche Elemente im Spiel sind, das Jugendtrauma der Protagonistin oder die Handlungsmotivation der unzufriedenen Kinder den maßgeblichen Ereignismotor bilden, lässt sich über weite Strecken nur mutmaßen. Das eindringliche Finale schließlich, dem, soviel darf man an dieser Stelle wohl festhalten, ohne allzuviel auszuplaudern, ein buchstäblich animalischer Trigger vorgeschaltet ist, weckt schließlich warme Erinnerungen an das Traditionshandwerk des oben genannten Studios. Nicht ganz so vereinnahmend wie „Ich seh ich seh“ gelang Franz und Fiala mit „The Lodge“ doch ein ihren bisher eingeschlagenen Weg weiterbeschreitender Film, der sich, zumal für Hammer-Kenner und -Liebhaber, absolut lohnen dürfte.

7/10

COLOUR OUT OF SPACE

„It’s just a color. But it burns.“

Colour Out Of Space (Die Farbe aus dem All) ~ USA/MY/PT 2019
Directed By: Richard Stanley

Der junge Hydrologe Ward (Elliot Knight) untersucht im Auftrag einer Dammbaufirma die Wasservorkommen im ländlichen Neuengland. Dabei trifft er auf die fünfköpfige Familie Gardner, die sich aus mehreren Gründen in die Abgeschiedenheit zurückgezogen hat und ganz unterschiedlich damit umgeht. Während Vater Nathan (Nicolas Cage) vollkommen in der Haltung von Alpakas aufgeht, erholt sich seine Gattin Theresa (Joely Richardson) von ihrer Brustkrebs-Erkrankung, derweil Tochter Lavinia (Madeleine Arthur) mit paganistischen Ritualen herumexperimentiert und Sohn Benny (Brendan Meyer) es vorzieht, die meiste Zeit Gras zu rauchen, das er von dem kauzigen Eremiten Ezra (Tommy Chong) bezieht. Der kleine Jack (Julian Hilliard) arrangiert sich tapfer mit der Situation. Als ein Asteroid auf dem Gelände der Gardners niedergeht, ist es mit der Semiidylle rapide vorbei. Auf allem liegt binnen kurzer Zeit ein unwirklich schimmerndes Licht, fremde Pflanzen wachsen. Vor allem das Wasser aus dem heimischen Brunnen scheint eine verheerende Wirkung auf all seine Konsumenten auszuüben: Tiere und Menschen verwandeln sich und verhalten sich zusehends merkwürdig. Derweil die Katastrophe sich ihren Weg bahnt, kann Ward nur hilflos zusehen.

Richard Stanleys „Colour Out Of Space“ bildet bereits die fünfte Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft und ist zugleich die erste, die den korrekten Titel der Vorlage verwendet. Anders als zuvor etwa Daniel Haller in „Die, Monster, Die!“ oder David Keith in seinem nichtsdestotrotz sehr gelungenen „The Curse“ hält sich Stanley mit wenigen Ausnahmen recht eng an Lovecrafts Vorlage und vollbringt das Kunststück, die wie üblich erschreckende Vision des großen Phantasten mit seiner eigenen zu koppeln und daraus ein bravouröses Stück Film zu destillieren. Der Südfafrikaner Stanley, der sich ja aus ebenso bekannten wie berechtigten Gründen selbst nach nur zwei vollendeten Werken eine rund 24 Jahre währende Auszeit vom abendfüllenden Spielfilm auferlegte, feiert mit „Colour Out Of Space“ somit eine ihm unbedingt zu gönnende, triumphale Rückkehr. Nicolas Cage, der ja mittlerweile häufiger DTV-Filme dreht als die Unterwäsche zu wechseln, läuft immer noch zur Hochform auf, wenn ihm bloß ein hinreichend ambitioniertes Projekt vorgelegt wird. Auch „Colour Out Of Space“ fügt sich in diese Annahme. Dass Cage immer dann besonders herausragend ist, wenn er Typen spielen muss, die wahlweise ihre Existenzgrundlage, den Verstand oder gleich beides verlieren, demonstriert er als Alpakafarmer Nathan Gardner mit dem ihm eigenen Profi-Wahnsinn. Doch dürfte Cage noch nicht einmal der primäre Grund dafür sein, warum „Colour Out Of Space“ dermaßen nonchalant reüssiert; vielmehr liegt das Hauptverdienst des Films darin, dem üblicherweise größten Kritikpunkt betreffs Lovecraft-Adaptionen, nämlich jenem, das universelle Grauen seines literarischen Kosmos‘ auf konve tionellem audiovisuellen Wege nicht transportieren zu können, ein Schnippchen zu schlagen. Dafür bedarf es keiner außerweltlicher Urmonster aus maritimer Tiefen; Stanley gelingt es vielmehr, die durch das extraterrestrische Artefakt hervorgerufenen Zersetzungen allen in seinem Einflussbereich befindlichen Lebens und Seins durch einen Bruch mit den physikalischen Gewohnheiten seiner Protagonisten und analog dazu denen des Zuschauers spürbar zu machen. Zeit und Raum verlieren jedwede Verlässlichkeit, die Wahrnehmungen verschwimmen und mit ihnen auch Richtig und Falsch, das Vertrauen in die eigenen ethischen Maximen, alles wird böser Rausch und Schmerz. Die Folge sind die unausweichlichen Auflösungen des Geistes, des Körpers und schließlich der Seele.
Wie stets benötigte Lovecraft und mit ihm auch Stanley einen überlebenden Erzähler, gewissermaßen einen „agent de la preuve“, der angesichts des bezeugten Horrors mit Mühe und Not seine Sinne beisammenhalten und Bericht ablegen kann. In seinen Geschichten gelangen die dazugehörigen Beschreibungen oftmals an ihre idiomatischen Grenzen. „Colour Out Of Space“ sorgt dafür, dass der arme Hydrologe Ward seine ungeheuerlichen Erfahrungen vollumfänglich teilen kann. Mit uns.

9/10

THE LIGHTHOUSE

„Let Neptune strike ye dead!“

The Lighthouse (Der Leuchtturm) ~ USA/CA 2019
Directed By: Robert Eggers

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nimmt der junge Ephraim Winslow (Robert Pattinson) einen Posten als Leuchtturmwärter auf einer kleinen Felseninsel vor der Küste von Maine an. Winslow wird im Laufe seiner auf vier Wochen festgelegten Tätigkeit vor Ort von dem alternden Thomas Wake (Willem Dafoe) angeleitet und beruflich beurteilt, der einzigen anderen Menschenseele auf dem Eiland außer ihm selbst. Der kauzige Wake nebst all seinen schrulligen Eigenheiten erweist sich in Kombination mit der Einsamkeit alsbald als psychische Belastungsprobe für Winslow, der seinerseits ebenfalls das eine oder andere private Geheimnis mit sich herumträgt. Als schließlich ein Unwetter die fristgerechte Beendigung ihres Engagements verhindert, vernebeln sich die Sinne der beiden Männer endgültig. Statt überlebensnotwendiger Essensvorräte scheinen sich nurmehr volle Schnapsflaschen auf der Insel zu befinden. Der haltlose Alkoholkonsum fördert schließlich unheilige Visionen zu Tage, Zeit und Raum verlieren jede Bedeutung und der Wahnsinn gewinnt endgültig die Oberhand…

Mit „The Lighthouse“ empfiehlt sich Nachwuchsfilmemacher Robert Eggers nach seinem nicht minder einnehmenden Debüt „The VVitch“ aufs Neue als wachsende Größe auf dem Sektor des folkloristisch konnotierten Horrorfilms. Neben dem abermals bemühten Motiv des grassierenden Wahns innerhalb eines lokal und sozial stark beschränkten Mikrokosmos auf unwirtlichem Terrain wählt Eggers diemal zugleich eine besonders strenge formale Askese: Der bald quadratische 1,19:1-Bildkader sowie die expressionistische Schwarzweiß-Photographie lehnen sich an die Stummfilmarbeiten von Wiene, Pabst und Murnau aus den 1920er Jahren an; visuelle Effekte werden ausschließlich bemüht, um die an Lovecraft angelehnten, zusehends infernalischen Visionen Ephraim Winslows (alias Thomas Howard) greifbar werden zu lassen.
Innerhalb und/oder durch diese hindurch konkretere narrative Abläufe zu bestimmen, gestaltet sich analog zur fortschreitenden Erzählzeit des Zwei-Personen-Stücks zunehmend schwierig; einzig die Tatsache, dass Wahn und Gewalt – unabhängig davon, ob evoziert durch allzu menschliche oder möglicherweise doch übernatürliche Einflüsse – sich unbarmherzig ihre Pfade durch die Herzen und Geisteswelten der in die Hermetik genötigten Männer fräsen, ist sicher. Maritime Symbole und Zeichen, Anekdoten und Lügen, ja sogar Namen – nichts ist bald mehr sicher auf der Leuchtturminsel, deren oberster Existenzzweck, das Leuchtfeuer selbst, noch das größte Mysterium zu beinhalten scheint.
Kognitiv also schwer bis überhaupt nicht erfassbar möchte ich „The Lighthouse“ vor allem als meisterliche künstlerische Erfahrung ausmachen und werten; als eine vor allem ästhetisch ungeheuer einnehmende Vision und Exkursion in höchst unsichere (und gerade deswegen so interessante) filmische Gefilde.

9/10

MARY

„You cannot escape her!“

Mary (The Ship – Das Böse lauert unter der Oberfläche) ~ USA 2019
Directed By: Michael Goi

Nicht nur, dass das Ding den Namen seiner jüngeren Tochter trägt, zieht es ihn auch buchstäblich magisch an: Mit dem Erwerb der schwer bauffälligen, alten Segelyacht „Mary“ erfüllt sich der Touristen-Skipper David (Gary Oldman) einen lang gehegten Wunsch – endlich Steuermann eines eigenen Schiffs zu sein und nur sich selbst verantwortlich. Selbst Davids Frau Sarah (Emily Mortimer), die vor Kurzem nach einer Ehekrise wieder zu ihm gefunden hat, arrangiert sich nach anfänglichem Hadern mit der Hals-über-Kopf-Aktion ihres Gatten. Die Jungfernfahrt gleich nach der aufwändigen Restauration des Schiffes soll sie dann einmal quer durch die Karibik führen. Begleitet werden David und Mary von ihren beiden Töchtern Lindsey (Stefanie Scott) und Mary (Chloe Perrin) sowie von Lindseys Freund Tommy (Owen Teague) und Davids altem Kumpel Mike (Manuel Garcia-Rulfo). Als das Sextett sich erst auf hoher See befindet, zeigt die „Mary“ ihr wahres Gesicht – der eigentliche Captain ist nämlich keinesfalls David, sondern der dämonische Geist einer auf See hingerichteten Hexe, die mittels des Schiffs seit Ewigkeiten „ihre“ Kinder wieder zu sich holt…

Gruselgeschichten um „besessene“ Schiffe oder zumindest solche, auf denen es aus unerfindlichen Gründen nicht mit rechten Dingen zugeht, bilden seit jeher ein festes Subgenre in Literatur, Film oder Comic. Dessen jüngster Erguss, eine Regiearbeit des vornehmlich auf dem Seriensektor tätigen Michael Goi, setzt dem Topos gewiss keinen funkelnden neuen Zacken in die Krone, markiert jedoch ein solides, kleines Stück Kino, das seine Nutznießer eben vornehmlich im Bereich des Maritimhorrors sucht und finden wird. Erzählt wird die Geschichte in Form eines als Rückblick gestalteten Polizeiverhörs Nur Sarah und die beiden Mädchen haben Zerstörung und Untergang der „Mary“ überlebt, wobei erstere, die Detective Clarkson (Jennifer Esposito) unentwegt etwas von bösen Mächten vorphantasiert, mehr und mehr unter Mordverdacht gerät. Ist ihrem Bericht, so, wie er sich für den Zuschauer visualisiert, allerdings Glauben zu schenken, muss sich tatsächlich gar Höllisches auf See zugetragen haben: Immer aggressiver, analog zum mysteriösen „Zielpunkt“ der unseligen Kreuzfahrt, macht sich der Fluch jener Seehexe bemerkbar, die sich freilich bald auch als bissiges Geisterwesen selbst zeigt und sich nach und nach beinahe sämtliche Passagiere zueigen macht.
In kurzen, runden achtzig Minuten entfaltet sich um diese sicherlich kaum originelle Prämisse eine pulpige Schauergeschichte, wie sie etwas kürzer in allen möglichen Horror-Anthologien der Welt vorkommen könnte. Keinen Innovationspreis könnte Goi sich damit erwirtschaften, soviel ist sicher, aber das bedeutet umgekehrt ebensowenig, dass man als Genreliebhaber nicht allemal einen Blick riskieren sollte. Viel an kostbarer Zeit büßt man wie oben erwähnt ohnehin nicht ein, sondern genießt, wie ich selbst, möglicherweise sogar das kleine Glück, ein sympathisches Betthupferl mit in die Traumwelt zu nehmen.

6/10

NEVER TAKE SWEETS FROM A STRANGER

„This isn’t an ordinary crime.“

Never Take Sweets From A Stranger (Vertrau keinem Fremden) ~ UK 1960
Directed By: Cyril Frankel

Peter Carter (Patrick Allen) zieht mit Frau Sally (Gwen Watford) und der neunjährigen Tochter Jean (Janina Faye) nach Nova Scotia, um dort in einer Kleinstadt den Posten als Schulleiter anzutreten. Nach einem herzlichen Empfang folgt rasch der Schock: Jean und ihre neuen Freundin Lucille (Frances Green) waren im Haus des hiesig als pädophil bekannten, alten Clarence Olderberry (Felix Aylmer), der sie um die Belohnung von ein paar Süßigkeiten veranlasst hat, nackt vor ihm zu tanzen. Die kleine Jean zeigt sich zeitnah traumatisiert von den Ereignissen und die Carters sind fest entschlossen, den zudem senilen Olderberry gerichtlich zu belangen und so weitere Taten dieser Art zu verhindern. Der Haken: Die Olderberrys sind die erste und mächtigste Familie am Platz, die gesamte Stadt konnte einst allein wegen ihrer hier gegründeten Fabrik prosperieren. Olderberrys Sohn (Bill Nagy) kündigt erbost an, die nahende Verhandlung mit allen mitteln für sich zu entscheiden und tatsächlich wird die Anzeige, nachdem Lucilles für die Olderberrys arbeitender Vater (Robert Arden) eingeknickt ist und der Verteidiger (Niall McGinnis) Jean vor Gericht rücksichtslos ins Kreuzverhör nimmt, fallengelassen. Die Carters wollen die Stadt daraufhin umgehend wieder verlassen, doch zuvor treffen die Mädchen im Wald abermals auf den Alten…

Diese leider weitgehend übersehene und vergessene Produktion der britischen Hammer zählt zu den bestechendsten, spannendsten und engagiertesten Arbeiten des Studios. Der Horror rekurriert hier ausnahmsweise einmal nicht aus den Auftritten übernatürlicher Monster oder konspirativer Intriganten, sondern aus einer zwar furchtbaren, im Grunde jedoch alltäglichen Tragödie: Sexueller Missbrauch von Kindern im Verbund mit sich pathologisch äußernder Pädophilie sind die vor allem in Anbetracht der Entstehungszeit herausfordernden Themen des wie bei Hammer üblich in knappster Erzählzeit und dabei kompakt abgehandelten Dramas, das Cyril Frankel mit ebenso schmuckloser wie vorbildlicher Kompetenz inszenierte.
Eine zusätzliche, jedoch geschickt umschiffte Klippe erwächst aus der Darstellung des Täters (wobei hier wiederum zugleich die vielleicht einzige relevante Schwäche der Handlung erwächst): Der altehwürdige englische Akteur Felix Aylmer spielt den alten, schwerkranken Mann ohne jedwede Dialogzeile und mit der analog dazu umso diffizileren Aufgabe, ihn als bar jeder Sinne und somit auch Sozialkompetenz, Mündigkeit und Selbstverantwortung darzustellen, ohne ihn zu dämonisieren. Gewiss macht das Script es sich hier streckenweise relativ leicht, wenn es als letztmögliche Lösung das komplette Fortsperren des alten Olderberry wähnt („eine Therapie“, so wird einmal gesagt, sei „in seinem Falle sowieso nicht mehr möglich“). Umso aufrüttelnder gestaltet es sich in der Zeichnung der bürgerlichen Korruption; letzten Endes üben nicht die Staatsgewalten die Macht in der kanadischen Kleinstadt aus, sondern die Reichen, die Gründerväter, von deren Wohlmeinen alles andere vor Ort abhängt. Die eigentlich Schuldigen sind demnach nicht der längst verwirrte Greis, sondern einerseits sein Sohn, der Skandal und Schande scheut und den Dingen somit ihren schlussendlich katastrophalen Hergang erst ermöglicht, sowie die allgemein vorherrschende Korrumpiertheit der bourgeoisen Kleinstädter.

9/10