KIND HEARTS AND CORONETS

„After using the silken rope… never again be content with hemp.“

Kind Hearts And Coronets (Adel verpflichtet) ~ UK 1949
Directed By: Robert Hamer

Weil seine Mutter (Audrey Fildes) einst einen nicht standesgemäßen, italienischen Tenor (Dennis Price) geheiratet hatte, muss Louis Mazzini (Dennis Price), Spross der adligen D’Ascoyne-Sippe, erleben, dass sie, ebenso wie er selbst, von dem Rest der Familie, allen voran von dem altehrwürdigen Duke (Alec Guinness), verstoßen wurde. Nicht mal eine Grabstätte in der Familiengruft billigt man Louis‘ Mutter zu, obschon dies ihrem letzten Wunsch entsprochen hätte. Dass dem als kleinen Miederwarenverkäufer arbeitenden Louis zudem auch seine Jugendliebe Sibella (Joan Greenwood) entsagt, bringt den jungen Mann noch mehr in distinguierte Rage. Er beschließt, sich für die erlittene Schmach an sämtlichen noch lebenden Mitgliedern der D’Ascoynes zu rächen, indem er sie einen nach dem anderen ermordet…

Robert Hamers schwarze Komödie gilt als einer der besten und schönsten britischen Filme überhaupt und verzeichnet eine entsprechend große Zahl an Liebhabern – berechtigterweise, denn „Kind Hearts And Coronets“ kommt dem, was man als „perfekten Film“ zu bezeichnen geneigt ist, beträchtlich nahe. Bewundernswert elegant, konzentriert und voll von geistreichen AperçusParvenu berichtet Hamer Biographie und Werdegang des bereits zu Beginn der Geschichte in der Todeszelle sitzenden Louis Mazzini, gewandet in ein geschliffenes Memoiren-Voice-Over. Daran, dass Mazzini, der als Serienmörder eine stattliche Anzahl an Familienmitgliedern und Unbeteiligten mittels inszenierten Unfällen, Vergiftungen, Bombenattentaten und Erschießungen (zweimal kommt ihm der Zufall zur Hilfe) zu verzeichnen hat, in Kürze gerechtermaßen dem Scharfrichter (Miles Malleson) vorgeführt werden wird, hat der Zuschauer bereits nach dem ersten Akt keinen Zweifel mehr; dass er just für einen Tod, an dem er keine Schuld trägt und für den er lediglich infolge eifersüchtiger Intriganz verurteilt wurde, zieht einen aber dennoch auf seine Seite. Eine weitere brillante Geschicklichkeit: Price spielt Mazzini nämlich als einen überaus sympathischen, formvollendeten Gentleman voller noblesse oblige, dessen sich sukzessive steigernde Gier als Emporkömmling ein Widerhall des ihn seit Anbeginn seiner Geburt heimsuchenden Standesdünkels ist und somit zumindest in Ansätzen eine Art sozial gerechtfertigter Zorn. So sind die von ihm beseitigten, durch die Bank von Alec Guinness gespielten D’Ascoynes auf die eine oder andere Weise allesamt mehr oder weniger große Nervensägen und gewissermaßen von humanistischer Redundanz; eingebildete Filous, trinkende Pantoffelhelden, halbidiotische Geistliche, verkrachte Bonzen, radikale Suffragetten, eiserne Kommissköpfe oder schlicht arrogante Aristokraten finden sich darunter und der Tod jedes Einzelnen von ihnen markiert ein höchst vergnüglich inszeniertes Kabinnettstückchen. Wie bereits angedeutet, geht Hamer keineswegs so verlockend oberflächlich zu Werke, nicht auch seinem Protagonisten einen bitteren Spiegel vorzuhalten. Im Laufe seiner kriminellen Karriere entwickelt sich Mazzini selbst zu dem, was er zuvor so sehr verachtete – einem zynischen Snob und Parvenu, dem Geld und Stellung bald zumindest mit seiner vormaligen privaten Agenda gleichauf sind.
Ob er am Ende Engelchen oder Teufelchen wählt, die beide in einem Einspänner auf ihn warten, oder seine verschriftlichten Memoiren ihm doch noch den Strick drehen, überlässt „Kind Hearts And Coronets“ schließlich, ganz seiner übrigen Hellsichtigkeit entsprechend, der moralischen Sensitivität seines Publikums.

10/10

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FANGO BOLLENTE

Zitat entfällt.

Fango Bollente (Die grausamen Drei) ~ I 1975
Directed By: Vittorio Salerno

Dem in einem Wissenschaftszentrum bei Turin angestellten Ovidio Mainardi (Joe Dallsandro) reißt eines Tages eine für das friedvolle soziale Miteinander unabdingbare Sicherung und er beginnt mit seinen zwei Kollegen Giacomo (Gianfranco De Grassi) und Peppe (Guido De Carli), seine tiefschlummernden Aggressionen rücksichtslos auszuleben. Nachdem das Trio eine Massenschlägerei im örtlichen Fußballstadion initiiert, kommt es erst recht auf den Geschmack: Mord und Vergewaltigung werden zur liebsten Freizeitbeschäftigung der grausamen Drei…

Was, wenn das Über-Ich plötzlich seinen Dienst versagt und das Es nebst Libido und Thantos die Herrschaft ergreift? Auftritt Joe Dallesandro, dem man seinen sukzessiven, mit seelenruhigem Gestus präservierten Amoklauf sowie seine höchst spezifische Auslegung des ohnehin diskutierbedürftigen Gesellschaftsmodells „Anarchie“ nur allzu gern abkauft. Niemand konnte so eiskalt lächeln, bitterböse agieren und dabei so gut aussehen wie er. Dies konnte Dallesandro im italienischen Genrekino jener Tage ja gleich mehrfach eindrucksvoll unter Beweis stellen, in „Fango Bollente“ jedoch trieb er jenes persönliche Spezialfach zu schweißtreibender Perfektion. Gemeinsam mit zwei nicht minder kurzluntig bestückten Adlati verabreicht er dem jüngst wieder in so traurige Mode gekommenen Terminus des „Wutbürgers“ eine gänzlich authentische Inkarnation, wenn er seinem ihm offenbar persönlichkeitsstrukturell innewohnenden Habitus des Sadisten freien Lauf lässt und in der Folge jedem einzelnen Provokateur seines Alltagsumfelds umgehend die wortwörtliche Rote Karte zeigt. Seien es ein frecher LKW-Fahrer, eine Hure und ihr messerschwingender Zuhälter, ein Taxi-Chauffeur, zwei Society-Schnepfen, ein Verkehrspolizist oder gar die eigene Gattin: Vor Ovidio Mainardi und seinen beiden Erfüllungsgehilfen ist fortan niemand mehr sicher.
Natürlich gibt es ein bereits dramaturgisch unabdingbares Gegenwicht in der Person des klugen, jedoch ebenfalls zur situativbedingten Aggression neigenden Polizisten Santagà (Enrico Maria Salerno), der hinter Mainardis stoisch-unterkühlter Fassade schon früh eine unheimliche Diabolik wittert und sich nach und nach an dessen Fersen haftet.
Salernos kleines Meisterwerk „Fango Bollente“ markiert eine innerhalb der Grenzen des Poliziottesco eher ungewöhnlich sozialkritische Studie, die von der Explosivität urbaner Einpferchung berichtet und zu dem ebenso erschreckenden wie einleuchtend-nüchternen Schluss kommt, dass eine wachsende Menschenansammlung einzelne Miglieder zwangsläufig über den schmalen Grat der Sozialräson stolpern lässt, je dichter sie nur besiedelt ist (parallel zu Mainardis kleinem Ad-Hoc-Experiment mit weißen Ratten zu Beginn der Geschichte).
Ein wenig erinnern der Film und seine beiden Antagonisten an Lenzis ein Jahr zuvor entstandenen  „Milano Odia: La Polizia Non Può Sparare“, in dem sich Henry Silva und Tomas Milian in analoger Konstellation gegenüber standen. Und auch, wenn Salerno diesen Vergleich nach eigenem Bekunden überhaupt nicht mochte (wer könnte es ihm verdenken?), kann „Fango Bollente“ zumindest eine prinzipielle Beeinflussung durch Kubricks Burgess-Adaption „A Clockwork Orange“ nicht fortleugnen, obschon sich im vorliegenden Falle kein dystopisches, sondern ein fatalistisches (wenngleich weithin entpolitisiertes) Gegenwartsbild der blutigen, italienischen anni di piombo gezeichnet findet.

8/10

BLOODLINE

„Remember, the cousins are just people.“ – „It’s just people that terrify me. Particularly cousins…“

Bloodline (Blutspur) ~ USA/D 1979
Directed By: Terence Young

Der steinreiche Pharmazeutik-Mogul Sam Roffe verunglückt beim Bergsteigen in den Schweizer Alpen. Rasch frohlocken seine Erben, die eine ordentliche Finanzspritze allesamt gut gebrauchen könnten: Sir Alec Nichols (James Mason), Attaché in London, hat infolge seines großspurigen Lebensstils Schulden bei unwirschen Unterweltlern, ebenso Charles Martin (Maurice Ronet), der Ehemann von Roffes in Paris lebender, arroganter Nichte Hélène (Romy Schneider). Ivo Palazzi (Omar Sharif) derweil wird in Rom als Bigamist von seiner „Nebenfrau“ Donatella (Claudia Mori) erpresst, die ihre überfälligen Alimente einfordert.
Roffes Tochter Elizabeth (Audrey Hepburn) weigert sich jedoch, den Plan ihrer Verwandten, aus dem Unternehmen eine offene Aktiengesellschaft zu machen und ihre Anteile zu verflüssigen, zuzustimmen und übernimmt stattdessen selbst den Firmenvorsitz. Unterstütz wird sie dabei von Roffes rechter Hand Rhys Williams (Ben Gazzara), einem ziemlichen Filou. Als der Genfer Inspektor Max Hornung (Gert Fröbe) dem Roffe-Clan eröffnet, das Sam tatsächlich ermordet wurde, kristallisiert sich bald heraus, dass der Täter ein Familienmitglied sein muss. Und dieses folgt noch ganz anderen, sehr viel finstereren Obsessionen…

Terence Youngs internationale Verfilmung eines Romans des Drehbuch- und Romanautoren Sidney Sheldon wäre lediglich ein durchschnittlicher, ziemlich ominöse Narrationsvolten schlagender Kriminalfilm im High-Snobiety-Milieu, wären da nicht ein paar Details, die ihn dann doch wieder sehr sehenswert machen: Am Hervorstechendsten ist da natürlich die astronomische Premiumbesetzung, die vom kleinen Europloitation-Sternchen bis hin zum großen US-Star eine fast beispiellose Zusammenstellung cineastischen Lieblingspersonals vereint und sozusagen Brücken von Edgar Wallace über Agatha Christie bis hin zu Jess Franco, den italienischen Genrefilm und den großen Studiofilmern schlägt. Die entsprechende Aufzählung führe man sich in den Tags oder über den obigen imdb-Link zu Gemüte und staune, wie auch ich aus dem Staunen kaum mehr herauskam. Terence Young hatte sich ja vormals vom Regisseur dreier vortrefflicher Bond-Filme (darunter den ersten beiden) zum lustvollen Sleaze-Filmer entwickelt, dessen „The Klansman“ bereits eine höchst liebenswerte Abseitigkeit darstellte. Mit der bis zum heutigen Tage kinohistorisch weiträumig ignorierten Koreakriegs-Absurdität „Inchon“, die ich unbedingt endlich einmal sehen möchte, landete er zwei Jahre nach „Bloodlines“ schließlich eine der berüchtigsten Finanzkarambolagen der gesamten Filmgeschichte. Audrey Hepburn, mit der Young zwölf Jahre zuvor bereits den durchaus starken Blinden-Thriller „Wait Until Dark“ gefertigt hatte, kehrte für einen ihrer spärlichen Spätkarrieren-Auftritte nochmal zu ihm zurück und übernahm die ihr scheinbar auf den knochigen Leib geschriebene Hauptrolle der rundum liebenswerten, zwar ebenso selbstbewussten wie in Anbetracht all der sie umgebenden, familiären Habgier aber doch fragilen Protagonistin, die am Ende sogar noch ein richtiges, kleines Terror-Szenario gegen den sich entpuppenden Strippenzieher durchzustehen hat.
Regelrecht bizarr, grotesk und dabei doch hübsch gialloesk mutet ein Nebenplot um einen Snuff-Movie-Produzenten an, der einen glatzöpfigen, nackten Mike Monty (!) hübsche Damen on camera strangulieren lässt. Bereits diese Schilderungen sollten hinreichend neugierig machen, wobei nicht verhehlt bleiben soll, dass Youngs Regie leider allzu häufig zwischen unbeteiligt und fernsehhaft changiert und Ennio Morricones pompöser Score im Verhältnis dazu wirkt, als habe Wagner eine „Dallas“-Episode vertont. In jedem Fall lohnt die Begegnung für Liebhaber von Camp und Apokryphem.

7/10

THE NIGHT DIGGER

„I need help!“

The Night Digger (Das Haus der Schatten) ~ UK 1971
Directed By: Alastair Reid

Die altjüngferliche Krankenschwester Maura (Patricia Neal) lebt gemeinsam mit ihrer blinden Adoptivmutter Edith Prince (Pamela Brown) in deren marodem Herrenhaus in der englischen Provinz nahe Coventry. Die einsame Maura ist es gewohnt, sich tagtäglich von der herrischen Alten drangsalieren zu lassen und trägt ihr Los mit leicht deprimierter Fassung. Dies ändert sich, als der Tagelöhner und Herumtreiber Billy Jarvis (Nicholas Clay) bei den beiden Frauen auftaucht: Während Maura zunächst widerwillig auf seine Anwesenheit reagiert, bietet Edith ihm sogleich eine Stellung als Hausmeister nebst Kost und Logis an. Nach und nach entdeckt Maura Sympathien für den geheimnisvollen, offenbar nicht ganz ehrlichen jungen Mann, die sich bald in aufrichtige Zuneigung verwandeln und sogar von Billy erwidert werden. Doch dieser hat ein furchtbares Geheimnis: Er ist ein schizoider Serienmörder, der bereits sieben Frauen auf dem Gewissen hat. Dennoch wittert Maura in Bezug auf Billy die letzte Chance, sich von Edith zu emanzipieren…

Angereichert mit einer feisten Portion finsteren, englischen Humors serviert dieser von Roald Dahl co-gescriptete Drama-/Thriller-Hybrid seine markige Drei-Personen-Geschichte, in deren Zentrum Patricia Neal als pflichtbewusste Frau steht, die sich in ein verhängnisvolles Abhängigkeitsverhältnis gebracht hat: Ihre Adoptivmutter Edith weiß um die devote Persönlichkeit der nicht mehr ganz taufrischen Maura, die bereits vor Jahren den Quasi-Frondienst in jenem riesigen, verlotterten Haus ihrem persönlichen Glück vorgezogen hat und seither mehr und mehr dahinwelkt. Ausgerechnet in der Person des geisteskranken Frauenmörders Billy offeriert sich Maura der letzte Ausweg, den übermächtigen Fängen der alten Edith zu entkommen und doch noch ein selbstbestimmtes Leben anzufangen – zwei gebrochene Seelen, die sich möglicherweise heilen können. „The Night Digger“ macht sich dabei den Kunstgriff zunutze, Billy trotz seiner mörderischen Persönlichkeitsspaltung zum Sympathieträger avancieren zu lassen. Wenn er nicht gerade in verantwortungslosem Zustand junge Frauen meuchelt, ist er ein netter, patenter, obschon nicht sonderlich gebildeter junger Mann, den man durchaus gern haben kann und dessen unglückliche Biographie seinen Hass auf gleichaltrige Damen immerhin erklärt. Selbst als Maura von Billys obsessiver Schattenseite erfährt, ist sie noch bereit, mit ihm fortzugehen – hier präsentiert sich ihr ein Mensch, der eine sogar noch vernarbtere Persönlichkeit beinhaltet als sie selbst und der im Gegensatz zu der undankbaren, bigotten Edith sogar wirklich ihrer Zuneigung und Unterstützung bedarf.
Alastair Reid fängt dieses psychologisch grandios untermauerte Kammerspiel in den typisch bleichen Farben des britischen Frühsiebzigerkinos ein, lässt aber trotz dieser Kargheit häufig an Hitchcock denken, von dessen bevorzugten Topoi sich in „The Night Digger“ einige wiederfinden, seien es die matriarchalische Bevormundung durch eine entsetzliche Mutterfigur, die dysfunktionale, sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte zweier Verlorener oder eben das Gewaltverbrechen als Zwangshandlung. Passend dazu kredenzt Bernard Herrmann eine Musik, die seinem Chef D‘Œuvre sicher nur allzu gut gemundet hätte.

8/10

SEVERANCE

„Are you still tripping?“

Severance ~ UK/D/HU 2006
Directed By: Christopher Smith

Eine siebenköpfige Gruppe der englischen Rüstungsfirma „Palisade Defence“ befindet sich auf dem Weg zu einer Teambildungsmaßnahme im ruralen Osteuropa. Statt in der als „luxuriös ausgestattet“ angekündigten Jagdhütte landet das Septett jedoch, nachdem der unwirsche Busfahrer (Sándor Boros) es mitten im Wald aussetzt, in einem abbruchreifen Gebäude unbekannter Provenienz. Bald wird auch dem letzten der Angestellten klar, dass sie nicht allein in der Gegend sind; vielmehr scheinen ein paar durchgedrehte, vetsteckt in der Gegend hausende Bürgerkriegsverbrecher größtes Interesse daran zu haben, dass ihr Überleben weiterhin geheim bleibt und knöpfen sich daher die überrumpelten Damen und Herren vor.

Christopher Smiths angenehm satirisch aufgezogene Splattergroteske tanzt gleich auf mehreren thematischen Hochzeiten und dies glücklicherweise weitgehend behende. Dabei muss man allerdings anmerken, dass das erste Drittel des Films, in dem die Firmenmitarbeiter mit all ihren bewusst einschlägige Klischees echoenden Charakteristika vorgestellt werden, zugleich den gelungensten Part des Films darstellt: Abteilungsleiter Richard (Tim McInnerny) hätte gern ein wesentliches autoritäreres Auftreten, wird von den Übrigen jedoch insgeheim bloß belächelt. Seine Nemesis ist der smarte Harris (Toby Stephens), ein kerniger Zyniker, der Richard allzeit spüren lässt, für was für ein Weichei er ihn hält. Auf die hübsche, anorexische Maggie (Laura Harris) sind sämtliche Männer der Gruppe scharf, obschon keiner von ihnen bei ihr landet. Die andere Dame der lustigen Equipe, die alternativ angehauchte, tierliebende Jill (Claudie Blakeley), könnte gar nichts Falscheres machen als für einen Waffenproduzenten zu arbeiten. Der etwas nervöse Gordon (Andy Nyman) ist Richards einziger echter Untergebener und tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste, derweil der rauschaffine Steve (Danny Dyer) sich zuallererst einmal folgenreich an einer Portion halluzinogener Pilze delektiert. Billy (Babou Ceesay), der Quotenfarbige, ist zugleich der Sympathischste und Vernünftigste im Team, der als Einziger den Überblick wahrt. Hinreichend Kanonenfutter also für die zahlreich vertretenen, blutrünstigen Veteranen, die sich über alles und jeden freuen, an denen sie ihre Kriegstraumata abreagieren können. Unnötig zu erwähnen, dass lediglich zwei der TeilnehmerInnen am Ende halbwegs ungeschoren davon kommen, zusammen mit zwei einheimischen Callgirls (Julianna Drajkó, Judit Viktor), die noch eher zufällig ins Geschehen gemischt werden.
Dass man sich besser nicht unbedarft hinter den nunmehr unsichtbaren, aber doch noch kopfpräsenten Eisernen Vorhang begeben sollte, weiß zumindest der Freund deftigerer Genrediät nicht erst seit Eli Roths „Hostel“-Filmen, „Ils“ oder dem später entstandenen „The Seasoning House“. Seien es machtvolle Verbrechersyndikate, pervertierte Oligarchen oder einfach nur desaströse humane Relikte der krisengeschüttelten, letzten Jahrzehnte: Mit der im Schatten florierenden Blutrunst der (Süd-)Ost(block)europäer ist, jene Erkenntnis lässt sich aus obigen medialsozialen Erfahrungen destillieren, garantiert nicht gut Kirschenessen. Auch „Severance“ greift dieses bärbeißig-lustige Westklischee abermals auf und spielt es mit einem genüsslichen Augenzwinkern aus.
Als weniger treffend empfand ich die auf die Waffenindustrie anspielende Satiredimension – dass ausgerechnet die Repräsentanten eines moralisch ohnehin letztklassigen Rüstungsunternehmens zu Opfern der eigenen Produkte werden, erscheint dann doch als eine etwas allzu offensichtlich gezogene Äquivalenz. Ebenso wäre zu bemäkeln, dass der erfrischend komische Tonus vom Beginn von „Severance“ zum Ende hin zugunsten hinlänglich bekannter Slasher- und Manhunt-Strukturen bis auf wenige Blitzlichter nahezu völlig mit Füßen getreten wird. Hier wäre gewiss mehr drin gewesen. Dennoch ein alles in allem überaus spaßiges Unterfangen.

7/10

CLIMAX

Zitat entfällt.

Climax ~ F/BE 2018
Directed By: Gaspar Noé

Um die Mitte der neunziger Jahre bereitet sich ein rund zwanzigköpfiges, vornehmlich aus jungen Französinnen und Franzosen bestehendes Tanzensemble unter der Choreographin Selva (Sofia Boutella) und dem auf Elektronisches spezialisierten DJ Daddy (Kiddy Smile) auf eine erfolgversprechende Tournee in den Staaten vor. Eine finale Probe findet in einem winterlichen, entlegenen Schullandheim statt, gefolgt von einer kleinen After-Party. Während die TänzerInnen noch im Bewegungsrausch sind, bemerken einige von ihnen, dass etwas nicht stimmt und ihre psychischen Aktionen und Reaktionen kollektiv beeinträchtigt. Die Ursache dafür ist bald gefunden: Jemand hat die Sangria mit LSD versetzt. Da nahezu jede/r der Anwesenden mehr oder weniger davon getrunken hat, verfallen bald alle in sich auf unterschiedlichste Arten kanalisierende Trips. Irrationalität, Paranoia, Aggressionen, Hemmungslosigkeiten brechen sich Bahn, bloße Instinktbedürfnisse übernehmen die Handlungsmotivation und es kommt inmitten des zusehends unübersichtlichen Chaos bald zu katastrophalen Ereignissen.

Für seinen jüngsten Film nahm Gaspar Noé sich ein über zwanzig Jahre zurückliegendes, authentisches Ereignis zur inhaltlichen Prämisse, bei dem sich tatsächlich eine Tanzgruppe unversehens unter LSD gesetzt fand, ohne dass die prekäre Situation der Anwesenden jedoch zu einem derart klaustrophobischen Schreckensszenario eskalierte, wie Noé es darstellt. Wie man es von dem Filmemacher erwarten darf, interessieren ihn stattdessen sehr viel mehr die (hypothetisch denkbaren) Auswirkungen einer entsprechenden „Versuchsanordnung“. Die Beteiligten mitsamt ihrer psychischen Grundkonstellationen, ihr soziales Netzwerk, die lokalen Bedingungen sowie der Raum selbst nebst seiner audiovisuellen Konstruktion, der spärlichen Beleuchtung und der unablässigen,  treibenden Musik werden zu unwägbaren Bestandteilen einer soziopsychologischen Experiments unter teils markerschütternden individuellen Auswirkungen. Diffuse Antipathien bis hin zu offenem Hass brechen sich Bahn, Verdachtsmomente, wer von den Beteiligten für den üblen Drogenscherz verantwortlich sein könnte, führen zu massenhysterischen, jedweder Logik entbehrenden Schlussfolgerungen. Einer der Tänzer (Adrien Sissoko) wird kurzerhand in die nächtliche Kälte ausgesperrt und dort vergessen; eine Mutter (Claude Gajan Maull) schließt ihren kleinen Sohn (Vince Galliot Cuman) zu dessen „Sicherheit“ in den Stromverteilerraum ein, verliert jedoch den Schlüssel und dreht vollends durch, als der zunächst panische Junge kein Lebenszeichen mehr von sich gibt; eine sich als schwanger outende Frau (Souheila Yacoub) wird misshandelt und verstümmelt sich dann selbst; die Haare einer anderen (Sarah Belala) fangen Feuer; ein eifersüchtiger Entfesselter (Taylor Kastle) vergewaltigt die eigene Schwester (Giselle Palmer).
Im Interview gab Noé zu Protokoll, er habe sich ein paar der megalomanischen Katastrophenfilme der siebziger Jahre angesehen, um sich von der atavistischen Anarchie der den Extremsituationen ausgesetzten Charaktere inspirieren zu lassen. Die Wahl seiner Form gestaltet sich wie üblich kongenial zum transgressiven Geschehen; zu Beginn etwa rollen die Endcredits in umgekehrter Folge durchs Bild, lange, durch ein Mindestmaß an Schnitten durchbrochene Einstellungen zeigen zunächst die ekstatische Tanzchoreographie und später dann die zunehmend infernalischen, immer irrealer anmutenden Wendungen innerhalb der bizarren Hermetik des Gebäudes als einen unablässigen Strom befremdlicher Eindrücke und Momentaufnahmen. Hier und da leistet sich Noé sogar (offenbar ironisierte) Godardismen, wenn er etwa urplötzliche, seltsame Titeleinblendungen liefert wie „un film français et fier de l’être“.
Als kultisch verehrtes und bemühtes trip movie etwa im Sinne von „Fear And Loathing In Las Vegas“ wird „Climax“ vermutlich nicht in die Annalen halluzinogener Kinokultur einziehen, dafür ist er schlicht zu unbequem und vermutlich auch allzu inkommensurabel; es gibt – im Sinne drogenaffiner Filmrezeption zumindest – gewiss zu wenig her, sich dem durchaus als „Horrortrip“ empfindbaren Werk zu widmen. Andererseits nimmt sich „Climax“ in seiner Gesamtgestaltung glücklicherweise als allzu komplex aus, um als stiefmütterliche Warnung vor freiwilligem und unfreiwilligem Rauschmittelmissbrauch durchzugehen – wenngleich niemand im direkten Anschluss an ihn den Drang verspüren wird, sich auf hofmannsche Reisen zu begeben.

8/10

WOLF LAKE

„If  bullshit was music, you’d be a brass band.“

Wolf Lake (Amok-Jagd) ~ USA 1980
Directed By: Burt Kennedy

Kanada, 1976. Wie in jedem Spätsommer fährt der alternde Kriegsveteran Charlie (Rod Steiger) mit seinen drei Kumpels Wilbur (Jerry Hardin), George (Richard Herd) und Sweeney (Paul Mantee) zu einem entlegenen Chalet am Wolf Lake. Den neuen Hausmeister David (David Huffman) und dessen Freundin Linda (Robin Mattson) kennt Charlie allerdings noch nicht. Doch er hält sogleich wenig von dem bärtigen, jungen Mann, der hier in wilder Ehe fernab vom Schuss sein Auskommen macht. Als Charlie schließlich durch den neugierigen Wilbur, seit jeher sein Privatadlatus, erfährt, dass David ein flüchtiger Deserteur aus Oregon ist, entwickelt er einen unbändigen Hass auf ihn, zumal Charlies Sohn etwa im gleichen Alter wie David in Vietnam gefallen ist. Dass David zudem nur deshalb fahnenflüchtig wurde, weil er einst selbst in Südostasien miterleben musste, welche Gräuel die Army an der Zivilbevölkerung verübte, interessiert Charlie nicht. Er hetzt seine Freunde gegen David und Linda auf und es kommt zum offenen Kleinkrieg…

Puh, mit einem ganz schön harten Stück Knäckebrot läutete der doch eher für seine nicht unbedingt immer der Primärreihe zuzurechnenden Western und Westernkomödien bekannte Burt Kennedy die achtziger Jahre ein. Spürbar liebäugelnd mit dem kompromisslosen Terrorfilm der vorhergehenden Jahre, insbesondere mit Sam Peckinpahs „Straw Dogs“ und Peter Collinsons „Open Season“, dessen Schauplatz er zudem beinahe 1:1 übernimmt, entwirft Kennedy mit seinem in Mexiko gedrehten Spätwerk „Wolf Lake“ ein gleich von der ersten Minute an höchst unkomfortables Szenario, das sich vor dem vordergründigen Motiv des manhunt movie aus dem Generationskonflikt der stolzen Veteranen des Zweiten Weltkriegs und der national-sozialen Desillusionierung ihrer Vietnamnachwüchsler speist. Rod Steiger ist unglaublich gut hierin als verbitterter Offizier, der sein Wohl und Wehe dem US-Militär gewidmet hat und der spätestens seit dem (Kriegs-) Tode des eigenen Sohnes Staatsräson und Patriotismus nicht mehr auseinderhalten kann. Dem posttraumatisierten David schlägt somit Charlies ganzheitliche Verachtung entgegen und anstatt ihn und seine Gründe, Krieg und Tod den Rücken zu drehen, zumindest zu versuchen zu begreifen, wächst seine Aggression mit jeder Minute. Den Vollrausch seiner drei Miturlauber nutzt Charlie (dessen Name Kennedy offenbar ganz wohlweislich so gewählt hat) schließlich schamlos aus und treibt sie zur Gruppenvergewaltigung Lindas. Als der vorübergehend bewusstlos geschlagene David am nächsten Morgen erwacht und seine Freundin besudelt vorfindet, schießt er blind auf die Nachbarshütte und tötet dabei eher zufällig den im Weg stehenden Wilbur. Die von Charlie bewusst angestoßene Gewaltspirale schaukelt sich weiter hoch, bis es am Ende nurmehr einen, eher zufällig Überlebenden geben wird.
Der mir bislang völlig unbekannte „Wolf Lake“ genießt viele Qualitäten – er geriert sich als sehr rau konnotierter, filmischer Knüppel-aus-dem-Sack mitsamt Rape-&-Revenge-Bestandteilen und mag zudem als companion piece zu thematisch anverwandten Filmen seiner Zeit von „Rolling Thunder“ bis zu „The Exterminator“ gelten, in denen sich ja schlussendlich ebenfalls die psychisch zertrümmerte Heimkehrer-Generation Vietnam gegen das ihr zu Hause entgegenbrandende, allseitige Unverständnis der Gesellschaft aufzustehen und ihr jeweils mit einem finalen Akt entfesselter Gewalt zu begegnen gezwungen sieht. Kennedy inszeniert schmucklos und ohne die alte Hollywood-Grandezza, setzt berechtigtermaßen ebenso sehr auf sein fünfköpfiges Ensemble wie auf die Hermetik des Spielorts und kredenzt so erfolgreich seine intensive Eskalationsstudie. Zudem ist die (Münchener) Synchronfassung, zumal für ihren Status als Videopremieren-Vertonung, hier einmal wirklich ausnehmend gut gelungen.
Im Netz finden sich, abschließend erwähnt, widersprüchliche Angaben zum Entstehungs- und Uraufführungsjahr: Die ofdb und die englische Wikipedia listen 1978 [Release: 8. Februar 1978], die IMDB indes 1980 [Release (Mexiko): 8. Februar 1980]. Welche Quelle die authentische ist, lässt sich ohne Weiteres nicht verifizieren. Zudem soll es eine „Honor Guard“ betitelte, kürzere Alternativfassung mit anderem Ende geben, die auch im deutschen TV gelaufen sein muss, s. hier.
Ich für meinen Teil war mit der mir vorliegenden, sehr stimmigen Version rundum glücklich.

8/10