TWO WEEKS IN ANOTHER TOWN

„I don’t lie to the press! I never have.“ – „You lie to yourself, Mr. Kruger. That’s worse.“

Two Weeks In Another Town (Zwei Wochen in einer anderen Stadt) ~ USA 1962
Directed By: Vincente Minnelli

Nach mehreren Jahren Aufenthalt in einem Sanatorium, in dem er sich wegen eines während einer Mischung aus Depressionen und Alkoholsucht verübten Suizidversuchs befindet, erhält der Hollywoodstar Jack Andrus (Kirk Douglas) eine postalische Offerte eines alten Freundes, des egozentrischen Regisseurs Maurice Kruger (Edward G. Robinson). Dieser dreht zur Zeit in Cinecittá einen europäischen Film mit dem Nachwuchsschauspieler Davie Drew (George Hamilton). Andrus soll gegen kleines Entgelt eine Nebenrolle übernehmen – ein möglicher Neuanfang. Zögerlich wagt Andrus den Ausflug nach Rom und wird prompt mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Seine Exfrau, die promiske Carlotta (Cyd Charisse), der Anlass für Andrus‘ miserables Los, ist ebenfalls in der Stadt. Kruger steht indes unter dem Druck des Produzenten (Mino Doro), keine Zeit für die Postsynchronisation aufwenden zu dürfen und überredet Andrus, die Arbeit daran für ihn zu übernehmen. Dieser findet derweil in der jungen Römerin Veronica (Daliah Lavi), eigentlich Drews Freundin, neuen Halt. Als Kruger einen fast tödlichen Herzinfarkt erleidet, bitter er Andrus, den Film für ihn zu übernehmen, doch der eigentlich im Aufwind befindliche Jack dreht eigenmächtig einige von Krugers Szenen nach, woraufhin dieser die Fassung verliert und Andrus feuern lässt. Abermals verzweifelt, trifft Andrus auf Carlotta…

Genau zehn Jahre nach ihrem gemeinsamen Hollywood-Drama „The Bad And The Beautiful“ fanden Vincente Minnelli und Kirk Douglas abermals zusammen, um sich neuerlich der zerstörerischen Seite des Filmbiz anzunehmen, diesmal natürlich in Scope und Farbe. Gab Douglas vormals mit dem schmierigen Jonathan Shields noch den opportunistischen Verführer, der seine Vasallen – sprich Darsteller – wie Schachfiguren nach Belieben zu manipulieren wusste, steht er nun auf der anderen Seite. Als psychisch schwer angegriffener, aber weitgehend austherapierter Ex-Star unterzieht er sich einer harten Konfrontationstherapie, die ihn nach einer abermaligen, schweren Krise aufrecht aus dem Ring steigen lässt. Interessant ist „Two Weeks In Another Town“ vor allem in seiner Funktion als Porträt der Ära „Hollywood On The Tiber“ der fünfziger und sechziger Jahre, die zahlreiche Filmschaffende aus den USA nach Cinecittá lotste, um dort unter europäischer Produktinsägide und mit internationalen Stäben und Besetzungen Kino zu machen. Den arrivierten Regisseur, der, freilich ohne es sich selbst eingestehen zu wollen, seinen kreativen Zenit hinter sich hat und daher mehr oder weniger gezwungen ist, in Rom zu arbeiten gibt Edward G. Robinson in einer makellosen Darbietung, die im Prinzip Douglas‘ Figur aus „The Bad And The Beautiful“ (der sogar einmal im Film vorgeführt wird) transzendiert. Als großer Betrüger und Egomane ist Kruger es gewohnt, nach eigenen Maßgaben zu arbeiten, beißt bei seinem italienischen Produzenten Tucino, der stattdessen die einheimische, launische Diva Barzelli (Rosanna Schiaffino) hofiert, jedoch auf Granit. Ausgerechnet Jack Andrus, in der Vergangenheit von Kruger stets ausgenutzt und im Gegenzug oftmals in den Staub getreten gestoßen, soll für ihn den Karren aus dem Dreck ziehen, ein Plan, der beinahe aufgeht, schließlich jedoch mit Krugers ungebrochener Selbstüberhöhung und der Unnachgiebigkeit seiner tief frustrierten Gattin Clara (Claire Trevor) kollidiert. Nichtsdestotrotz überlebt Andrus auch diese Krise und geht am Ende gestärkt und mit juveniler Unterstützung (in Veronica und dem nicht minder krisengeschüttelten Davie Drew findet er zwei neue Freunde und Unterstützer) zurück nach Hollywood, um dort eine zweite Karriere als Regisseur zu begehen. Minnelli frönt hier einem für seinen Dramen ungewöhnlichen Positivismus, der für seinen gebrochenen Helden am Ende Heilung und Salbung bereithält. Neben der liebevollen Photographie Roms und seiner prominenten Zentren ein weiterer, guter Grund, sich diesen manchmal geflissentlich blasiert wirkenden, insgesamt aber doch schönen Film anzusehen.

7/10

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FIRST REFORMED

„Somebody’s got to do something.“

First Reformed ~ USA/UK/AUS 2017
Directed By: Paul Schrader

Der 46-jährige Ernst Toller (Ethan Hawke) ist Reverend einer kleinen First-Reformed-Church-Gemeinde in Snowbridge, Upstate New York. Seit sein Sohn im Irak gefallen ist, hinterfragt Toller, der außerdem Alkoholiker ist und an Krebs leidet, immer vehementer den Wert seiner eigenen Mission sowie das gegenwärtige Verhältnis von Gott zu den Menschen und seiner gesamten Schöpfung. Die First Reformed  wird von der Megachurch „Abundant Life“ und deren Kopf Reverend Jeffers (Cedric the Entertainer) verwaltet, der wiederum einen wesentlichen Teil seines Budgets von dem Großindustriellen Balq (Michael Gaston) bezieht. Beiden ist der schwermütige Toller ein Dorn im Auge. Ein Hilferuf der jungen, schwangeren Mary Mensana (Amanda Seyfried) betreffs ihres offenbar in einer extremen Lebenskrise befindlichen Mannes Michael (Philip Ettinger) erweist sich auch für Toller als harte Prüfung: Wenige Tage nach einem ersten Gespräch, in dem Michael seine tiefe Besorgnis über den ökologischen Zustand der Welt beschreibt, nimmt der zutiefst verstörte Mann sich das Leben und lässt Toller seine Leiche finden. Dass Michael offenbar damit geliebäugelt hatte, ein Sprengstoffattentat zu verüben, behalten Toller und Mary, die sich bald in ihrer gemeinsamen Sehnsuch nach Trost näherkommen, für sich. Als auch Toller betreffs der größten globalen Umweltsünder recherchiert, stößt er auf Balqs Unternehmen und fasst einen ungeheuerlichen Plan…

Paul Schraders im Wesentlichen auf Ingmar Bergmans „Nattvardsgästerna“ basierendes Psychogramm eines zweifelnden, zutiefst erschütterten Geistlichen bildet die nunmehr zwanzigste Regiearbeit des writer/director in knapp vierzig Jahren. Seit „Adam Resurrected“ und damit seit rund neun Jahren habe ich mir keinen von Schraders seitdem entstandenen Filmen mehr angesehen, zugegebenermaßen, weil ich den eigentlich immens geschätzten auteur teils aus den Augen verloren hatte und dann, weil seine drei seither entstandenen Werke, insbesondere der von Produktionsseite herb entstellte „Dying Of The Light“, mehr schlecht als recht beleumundet sind und ich infolge dessen auch eine ziemliche Angst vor potenzieller Geringschätzung meinserseits entwickelte. Diese Sorge erweist sich mit der komplexen, religiöseh Meditation „First Reformed“ im Rücken als zumindest aktuell unbegründet. Unabhängig produziert und mit bescheidenen finanziellen Mitteln und Formalia (4:3-Kadrage, starre, lange Einstellungen) hergestellt, steht „First Reformed“, auch wenn Schrader zunächst behauptete, der Film stünde sehr viel eher in der Tradition europäischer Vorbilder, thematisch völlig im intertextuellen Gebinde der meisten seiner Geschichten seit „Taxi Driver“: Ein vom Leben ohnehin stark in Mitleidenschaft gezogener, von Einsamkeit und Kommunikationsmangel gebeutelter Mann droht angesichts einer weiteren, katastrophalen Zäsur, auch das letzte bisschen Bodenhaftung einzubüßen und trifft einen folgenschweren Entschluss, der sich in einer amokartigen, gewalttätigen Explosion zu entladen droht. Reverend Toller (von Ethan Hawke in einer seiner vollendetsten Darstellungen gegeben), permanent auf der Suche nach innerer Katharsis, erfährt nurmehr Tiefschläge. Er trinkt zu viel, sein just begonnenes Tagebuch erweist sich lediglich als verstärkender Widerhall seiner Verstimmung und die ewige Bevormundung durch seinen Obmann Jeffers parallel dazu als unerträglich. Die ihn mütterlich umsorgende Chorleiterin Esther (Victoria Hill) empfindet Toller als Klotz am Bein und der Krebs frisst sich immer tiefer in seine Eingeweide. Als Toller sich dann nach Michael Mensanas Suizid zudem noch intensiv mit dem Abgrund, auf den die Erde unweigerlich zusteuert, befasst, reißt der letzte Faden – der Neuweihe der First Reformed zum 250-jährigen Jubiläum plant Toller, mit dem von Michael stammenden Sprengstoffgürtel ein explosives Fanal zu setzen. Erst das ungeplante Erscheinen Marys kann ihm, nachdem er sich den nackten Oberkörper in Selbstgeißelung mit Stacheldraht umwickelt hat, in letzter Minute Einhalt gebieten. Der abrupte, mitten in der Szene erfolgte Schlussschnitt beinhaltet indes nur eine fadenscheinige Erlösungsformel. Vielleicht kann Toller gerettet werden – die Welt, und mit ihr Marys Baby, das, wenn es nicht gerade der neue Messias ist, kann es nicht mehr.

9/10

36.15 CODE PÈRE NOËL

Zitat entfällt.

36.15 Code Père Noël (Deadly Games) ~ F 1989
Directed By: René Manzor

Thomas de Frémont (Alain Lalanne) ist neun Jahre alt, liebt reaktionäre amerikanische Actionfilme, Spiele aller Art und betätigt sich bereits als Nachwuchsprogrammierer. Thomas‘ Mutter Julie (Brigitte Fossey) arbeitet als Kaufhausmanagerin und ist daher auch an Weihnachten noch schwer beschäftigt, sein Großvater (Louis Ducreux) kümmert sich jedoch rührend um den Jungen. Thomas‘ größte Herausforderung zum Fest der Liebe besteht darin, die Existenz des Weihnachtsmannes zu beweisen. Zu diesem Zweck hat der Tüftler die gesamte, heimische Provinzvilla mit Kameras versehen. Der Herr (Patrick Floersheim) jedoch, der im Nikolauskostüm durch den Kamin herabkommt, ist mitnichten der liebe „Père Noël“, sondern ein mörderischer Psychopath, der just zuvor wegen einer Übergriffigkeit von Julie entlassen wurde. Allein in dem riesigen Anwesen muss sich Thomas gegen den tödlichen Weihnachtsmann zur Wehr setzen…

Als finsteres Märchen mit kindlichem Protagonisten, das sich dennoch an ein primär erwachsenes Publikum richtet, verortet sich „36.15 Code Père Noël“ irgendwo in der Genealogie zwischen Filmen wie „Night Of The Hunter“, „Something Wicked This Way Comes“, „Lady In White“ und „The Reflecting Skin“, in denen jeweils halbwüchsige Helden mit furchtbaren Erfahrungen und somit traumatischen Erkenntnissen über die Schattenseiten der Existenz konfrontiert werden. Auch Manzors Film, für dessen Genuss man als mündiger Zuschauer ein gerüttelt‘ Maß an Akzeptanzflexibilität aufbringen muss, gestattet sich dabei trotz aller Konsequenz immer wieder auch notwendige, ironische Brüche. Schon die Anfangssequenz, die mit einer abgewandelten Variation von „Eye Of The Tiger“ unterlegt ist, zeigt Thomas, wie er sich am Heiligmorgen martialisch ausstaffiert, um im Zuge eines seiner Kriegsspiele (die heimische Villa fungiert dabei für ihn wie ein gigantischer Abenteuerspielplatz) den Hund als Gegner zu jagen. Die Sequenz verbindet in einer Eins-zu-Eins-Montage einstellungsgetreu die beiden „Präparationsszenen“ aus „Rambo: First Blood Part II“ und „Commando“, in denen sich Stallone bzw. Schwarzenegger unter schwitzigem Muskelspiel waffenstarrend ausstaffieren, um sich hernach ihrer jeweiligen Mission widmen zu können. Zugleich ist Thomas bei aller technischen wie intellektuellen Hochbegabung jedoch auch noch ganz kleiner Junge, der sich den Zauber des Weihnachtsfests durch den festen Glauben an Père Noel, wie der Nikolaus in Frankreich gerufen wird, weiterhin präserviert. Sein ehrgeiziger Versuch, dessen Existenz zu beweisen, endet jedoch in der schlimmstmöglichen Bestrafung, die ein derartiger Frevel, also die radikale Konfrontation von Glauben und Vernunft, nach sich zu ziehen vermag: Die erste Handlung des eingedrungenen, psychotischen Weihnachtsmanns besteht darin, Thomas‘ Hund abzustechen. Was Manzor bereits zuvor als latente Bedrohlichkeit zeichnete, bricht sich hier endgültig Bahn; der Killer, der zu diesem Zeitpunkt bereits die Familie des Verwalters auf dem Gewissen hat, wird nicht davor zurückschrecken, in mörderischer Absicht auch auf Thomas und seinen halbblinden Großvater loszugehen. Einzig die Findigkeit des Jungen und seine wiederum kindlich bedingte Gabe, das Duell gegen den Irren wie eine seiner vielfach erprobten, kombattanten Spielsituationen zu begehen, helfen ihm, den Kampf erfolgreich durchzustehen. Wie und ob Thomas sich nach dieser gewaltsam-abrupten Negation aller infantilen Magie psychisch gesund weiterentwickeln soll, daran dürften nach Filmende berechtigte Zweifel bestehen.

7/10

INSOMNIA

„You’re about as mysterious to me as a blocked toilet is to a fucking plumber.“

Insomnia ~ USA 2002
Directed By: Christopher Nolan

Die Police Detectives Will Dormer (Al Pacino) und Hap Eckhart (Martin Donovan) vom LAPD reisen in die Kleinstadt Nightmute, Alaska, um mithilfe der hiesigen Kollegin Ellie Burr (Hilary Swank) vor Ort den Mord an der 17-jährigen Kay aufzuklären. Gegen Dormer laufen daheim interne Ermittlungen wegen unsauberer Diensterfüllung, was den alternden Beamten neben der unablässigen Helligkeit durch die Mitternachtssonne nicht schlafen lässt. Auch Hap ist in die Untersuchung eingebunden. Im Zuge einer Tatortbegehung erschießt Dormer seinen Kollegen, den er für den ebenfalls dort befindlichen Mörder hält, im dichten Nebel und lässt hernach den Unfall so aussehen, als sei wiederum der Unbekannte der Täter. Als dieser, ein Kriminalschriftsteller namens Walter Finch (Robin Williams), sich Dormer zu erkennen gibt, beginnt ein Duell mit programmiert tödlichem Ausgang.

In Anbetracht von Nolans drittem Langfilm kommt man kaum umhin, selbigen seiner originären Vorlage, einem fünf Jahre älteren, norwegischen Thriller gleichen Titels, dessen Remake „Insomnia“ darstellt, gegenüberstellen. Nolans Film bildet gewissermaßen ein – im Guten wie im Schlechten – musterhaftes Beispiel der Hollywood-Adaption eines in Übersee gefertigten, innovativen Stoffs, der für das amerikanische und letzten Endes somit auch für das infolge sehr viel umfangreicherer PR wesentlich besser erreichbare, globale Publikum neu aufbereitet wird. Dazu gehören nicht einmal unbedingt der mit Alaska nunmehr bemühte US-Schauplatz, sondern vielmehr eine Starbesetzung, eine deutlich spürbar gefälligere, konsumierbarere Inszenierung und Dramaturgie und das trotz aller noch beibehaltenen Schwärze aufgeweichte Ende, das die Zuschauer sehr viel entspannter nach Hause zu schicken weiß. In Erik Skjoldbjærgs Original verliert der von Stellan Skarsgård still, aber ungeheuer beeindruckend interpretierte Kommissar Jonas Engström im Laufe der Geschichte jeglichen Sympathiebonus sowie jedwede Form moralischer Integrität. Engström, der im Gegensatz zu Will Dormer nicht mit Heldentod und Erlösung davonkommt, erweist sich schlussendlich als verwerflicher denn der ursprünglich gesuchte Verbrecher. Er avanciert zum verdienten Opfer seines eigenen Schuldkomplexes, der ihn ganz allmählich qualvoll auffressen wird. Eine solch finstere Conclusio mochte man der potenziell weitaus umfangreicheren Adressatenschaft der vorliegenden Hochglanzproduktion dann doch nicht zumuten. Nolans dennoch recht ansehnliche „Insomnia“-Revisite punktet stattdessen mit einem formidabel aufspielenden Antagonisten-Duo, das gleichfalls mit einem von Pacino gewohnt erstklassig gegebenen, immens sühnebedürftigen Antihelden auf der einen, wie Robin Williams im Zuge der damals just akuten Unterminierung seines zuvor so sorgsam gepflegten Image als Lieblingsonkel der Nation auf der diametralen Seite ins Rennen geht. Diese deutlich traditioneller angelegte, narrative Facette erleichtert einerseits den Zugang zum Topos, weicht ihn jedoch andererseits etwas unschön auf. Skjoldbjærgs Film sieht zwar nicht so chic aus wie Nolans, bleibt am Ende aber der eindeutige Sieger.

7/10

THE CANAL

„Horrible things happen in every old house.“

The Canal ~ IE/UK 2014
Directed By: Ivan Kavanagh

Filmarchivar David Williams (Rupert Evans), seine Frau Alice (Hannah Hoekstra) und ihr kleiner Sohn Billy (Calum Heath) ziehen in ein altes Einfamilienhaus in der Nähe eines Kanals. Nach einiger Zeit fällt David Bildmaterial in die Hände, das darauf hindeutet, dass vor über 100 Jahren in seinem Haus ein durchgedrehter Gewaltverbrecher seine Familie hingemordet hat. Zu dieser ungemütlichen Entdeckung kommt, dass David Verdachtsmomente hinsichtlich einer Affäre, der Alice mit ihrem Arbeitskollegen Alex (Carl Shabaan) nachgeht, hegt. Kurz nachdem sich jene Vermutung zur Gewissheit wandelt, erleidet David einen Blackout, während Alice verschwindet und bald darauf tot aus dem Kanal geborgen wird. David ist sich sicher, dass der böse Geist des damaligen Killers aus dem Jenseits zurückgekehrt ist, um weiter zu morden. Mysteriöse Erscheinungen und weiteres Filmmaterial erhärten diese Annahme, doch niemand glaubt David. Es gilt nun, Billy vor dem Bösen zu schützen…

Ein sehr schöner, leider wohl sehr übersehener und im positiven Sinne „kleiner“ Horrorthriller aus Irland, an dem eigentlich beinahe alles passt und der vor allem dadurch zu überzeugen weiß, dass er sich jedwede Verlockung, sich der schnöden Eindeutigkeit hinzugeben, bis über das Ende hinaus verkneift. Zudem besticht „The Canal“ durch eine sehr gemächlich angezogene, dabei stets involvierende Spannungskurve, die das Publikum praktisch permanent an die zunehmend vom Realitätsbeugung heimgesuchte Seite seines vom Schicksal übel gebeutelten Protagonisten David stellt und seine Wirklichkeit mit unserer parallelisiert. So entblättert sich nach und nach eine auf allen Ebenen betont filmisch konnotierte Reflexion über Objektivität und Subjektivität, Interpretationsbestrebungen und eben Wahrnehmungskanäle, respektive darüber, inwieweit man jenen zu trauen bereit sein sollte.
Was sich demnach zunächst wie eine eher typische Geister- und/oder Dämonengeschichte in der Tradition von wohlgelittenen Vorläufern wie „Echoes“ oder „Sinister“ ausnimmt, entblättert sich sukzessiv zu einem sehr viel mehrschichtigeren, packenden Genrestück, das auch auf formaler und dramaturgischer Ebene durchweg überzeugt. Lohnt.

8/10

HALLOWEEN

„Say something!“

Halloween ~ USA 2018
Directed By: David Gordon Green

Exakt vierzig Jahre, nachdem der wahnsinnige Michael Myers (Nick Castle/James Jude Courtney) im Städtchen Haddonfield zu Halloween eine Mordserie zu verantworten hatte, soll er von seiner bisherigen Heimstatt Smith’s Grove in eine andere Psychiatrieklinik verlegt werden. Zwei Journalisten (Rhian Rees, Jefferson Hall), die den Fall nochmals aufrollen, konfrontieren kurz zuvor den inhaftierten Michael mit seiner damals identitätsstiftenden Maske, scheinbar ohne ersichtliche Reaktion. Die ebenfalls von den Reportern aufgesuchte Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), einzige Überlebende des einstigen Massakers und mittlerweile zweifach geschiedene Mutter und Großmutter, hat sich in ein festungsähnliches Haus mitsamt diversen Waffen und booby traps zurückgezogen, wo sie seit Jahr und Tag auf Myers‘ unausweichliche Rückkehr wartet. Es kommt, wie es kommen muss: Michael kann bei der Überführung fliehen und sucht umgehend seine frühere Wirkungsstätte, auf um dort erneut ein Blutbad anzurichten.

Ein sehr zweischneidiges Schwert, dieser neuerliche, (Tommy Lee Wallaces abtrünniges Zweitsequel sowie Remake und Fortsetzung inbegriffene) elfte, diesmal unter Blumhouse-Ägide entstandene Aufguss der Myers-Mär, von der bisher jeder weitere Film einen logischen Schlusspunkt hätte abgeben mögen. Da die mittlerweile in Ehren ergraute Curtis allerdings bereits zum zwanzigsten Jahrestag in einem ziemlich schwachen Reboot zurückkehrte, ließ sie es sich nunmehr nicht nehmen, jene Rolle, der ihre Karriere den vermutlich wesentlichsten Aufschwung verdankt, heuer aufs Neue (und somit zum fünften Mal) ihre Ehrerbietung zu erweisen. Dass man spätestens in zwei Jahrzehnten wiederum mit ihr rechnen sollte, ist insofern keineswegs ausgeschlossen.
Während Steven Miners „H20“ auf der reinen Handlungsebene seinerzeit jede Fortsetzung bis auf Rick Rosenthals Erstsequel, in dem wir den wesentlichen Grund für Michael Myers‘ Mordmotivation erfahren (nämlich den, dass Laurie in Wahrheit seine Schwester ist und er danach trachtet, sämtliche Familienmitglieder zu beseitigen), für null und nichtig deklarierte, geht der jüngste Beitrag, der sich verwirrenderweise nurmehr „Halloween“ tituliert, noch einen Schritt weiter und setzt, ganz offensichtlich aus rein logistischen Gründen (am Ende von „Halloween II“ ist deutlich zu sehen, dass Michael verbrennt) direkt nach Carpenters seit jeher unangetastetem Original an: Michael, der damals ja urplötzlich verschwunden schien, war, so erfahren wir bald, von einem umtriebigen Polizisten (Will Patton) in Gewahrsam genommen und wieder dingfest gemacht worden. Seither ist er zurück in Smith’s Grove, wo er nach dem Ableben von Dr. Loomis unter der Obhut von Loomis‘ Schüler Dr. Sartain (!) (Haluk Bilginer) steht. Die nachhaltig traumatisierte Laurie rechnet indes permanent mit einem weiteren Ausbruch ihrer Nemesis und widmet ihr gesamtes Leben der Erprobung des unvermeidbaren Ernstfalls. So weit die Prämisse, die dann mit Michaels jubilarischer Flucht ihre notwendige Sollbruchstelle erhält. Der Mann mit der Maske bekommt dann auch allerlei Gelegenheit für einen blutigen Feldzug, der ihn wiederum nach Haddonfield und unbeirrbar auf die Spur von Laurie und ihrer Familie führt. Worin diesmal die Beweggründe für sein durchaus gezieltes Vorgehen liegen (das Script versichert uns einmal per Dialog, dass Michael und Laurie nicht miteinander verwandt sind), bleibt diffus; die beste Erklärung ist wohl die, dass Michael es schlichtweg nicht leiden mag, wenn ihm jemand entkommt. Jedenfalls holzt der Gute mit einer Qualität und Quantität, die schon deutlich derber daherkommt als bislang gewohnt und die bei einer Sechzehner-FSK die Tatsache, dass „Halloween II“ in seiner ungekürzten Fassung bei uns noch immer beschlagnahmt ist, umso stirnrunzliger erscheinen lässt. Die rohe Brachialität von Michaels Werksgang erinnert dann auch vielmehr an die beiden Zombie-Filme, wobei auch dies zur basalen Konzeption von „Halloween (2018)“ gehört: An nahezu sämtliche bisherigen Beiträge zum Franchise gibt es Reverenzen, die natürlich jede für sich fluides Balsam für den akribisch-aufmerksamen Fan bilden. Als von klassischen bzw. traditionsverpflichteten Versatzstücken strotzender Slasher ist Greens Film nicht nur insofern gewiss gelungen. Es gibt eine Menge Tote, und garantiert keiner von ihnen klopft hübsch herausgeputzt an die Himmelspforte.
„Halloween (2018)“ ist aber leider auch ein ausgesprochen dämlicher Film, dessen Script und inhärente Dramaturgie selbst bei oberflächlichster Betrachtung mitunter schreiend löchrig wirken. Die Faux-pas‘ strotzen. Ich sehe es nun nicht als meine Aufgabe an, ebenjene zu benennen oder aufzulisten, aber sie sind, soviel sei gesagt, mehr denn augenfällig. Ebendiese Nachlässigkeiten versagen dem immerhin bahnbrechend erfolgreich gestarteten Werk, dass man es als uneingeschränkt erfreuliches reinstallment des Klassikers bezeichnen könnte; er erweist sich stattdessen immer wieder als wie erwähnt von entwaffender Dummheit beseelt. Da gewissermaßen auch das – oder sagen wir besser – eine gewisse, hirnerweichende Naivität, eines der ubiquitären Merkmale des Slasher-Subgenres ist, mag man in diesem Fall ein Nachsehen haben. Diebische Freude macht Greens „Halloween“ zumindest, soviel kann und darf man sagen.

6/10

FEBRUARY

„You had your chance.“

February (Die Tochter des Teufels) ~ USA/CA 2015
Directed By: Oz Perkins

Für die Schülerinnen des katholischen Bramford-Mädcheninternats stehen im winterlichen Februar heimische Kurzferien auf dem Programm. Die etwas seltsame Schülerin Kat (Kiernan Shipka) hat unmittelbar zuvor eine nächtliche Vision von einem tödlichen Autounfall ihrer Eltern und ist sich somit sicher, dass diese sie nicht werden abholen können. Die deutlich selbstbewusstere und erwachsenere Rose (Lucy Boynton) hat indes einen ganz anderen Anlass, ihren Aufenthalt in Bramford zu verlängern – sie glaubt nämlich, sie sei schwanger und will ihren Lover (Peter Gray) mit den bad news konfrontieren. Zusammen mit zwei Nonnen (Elana Kausz, Heather Tod Mitchell) sind die beiden Mädchen ganz allein in Bramford und Kat verhält sich zunehmend seltsam. Derweil nimmt das offenbar nicht ganz glückliche Ehepaar Bill (James Remar) und Linda (Lauren Holly) eine junge, schweigsame Tramperin (Emma Roberts), die sich als Joan vorstellt, mit. Bills und Lindas Ziel ist Bramford…

Auch bei „February“, der ursprünglich den weitaus passenderen, wenngleich deutlich mysteriöseren Titel „The Blackcoat’s Daughter“ trug, wird wieder ausgiebig wild mit Narration und Dramaturgie umgesprungen und von Oz Perkins, der sowohl für die Regie als auch das Buch verantwortlich ist, penibel darauf geachtet, bloß kein Gramm Fett zuviel anzusetzen, oder besser gesagt: Kein Wörtchen mehr denn nötig zu verlieren. Zwei Handlungsstränge, die sich später als auf den Tag exakt neun Jahre auseinander liegende Zeitebenen entpuppen, entspinnt Perkins mehr oder weniger parallel, doch erst nach und nach offenbaren sich die direkten Zusammenhänge zwischen den zuvor fälschlich parallel stattfindend gewähnten Ebenen. Tatsächlich entpuppt sich die seltsame „Joan“ schließlich als um neun Jahre gealterte Kat, die, damals offenbar besessen von einem Dämon (ob dies zutrifft oder Kat/Joan lediglich eine psychotische Mörderin ist, bleibt bis zum Ende offen, obschon letztere Variante mir sinniger erscheint), in Bramford mehrere Morde, darunter den an Rose, begangen und ihre Opfer enthauptet hat, dann von dem Schulgeistlichen (Greg Ellwand) exorziert wurde und eben neun Jahre später aus der psychiatrischen Obhut flieht, um nach Bramford zurückzukehren und dort wieder ihrem früheren Herrn und Meister (dem sie noch immer nicht abgeschworen hat und den sie im häuslichen Heizofen vermutet) zu huldigen. Als sie feststellt, dass Bill und Linda die nach wie vor trauernden Eltern der von ihr damals ermordeten Rose sind, betrachtet sie es als ihre Mission, auch diesen die Köpfe abzuschneiden. Gesagt, getan, doch der Dämon zeigt sich nicht – oder Kats Therapie war zumindest in Teilen erfolgreich.
Der Überbau der Story ist somit, ganz im Gegensatz zu Perkins‘ Präsentation, recht simpel, lässt sich in vier Sätzen umreißen und entspricht in punkto Komplexität einer nostalgischen Lagerfeuergeschichte, nur ohne rechte Pointe. Dass „February“ sich dennoch ganz ordentlich ausnimmt, liegt an seiner verschachtelten, das Interesse des Zuschauers permanent wachhaltenden Struktur, die eben sehr viel weniger konventionell daherkommt als das, wonach der Grundplot prinzipiell verlangte. Besonders gefallen hat mir, James Remar und Lauren Holly fast genau dreißig Jahre nach „Band Of The Hand“ nochmal vereint bewundern zu dürfen. Die zur Detailfreude geradezu einladenden Mord- und Köpfungsszenen hätten indes durchaus expliziter sein dürfen. Da war mir Pekins‘ innere Schere schlicht zu autoritär.

7/10