EXQUISITE TENDERNESS

„I think you’re nuts.“

Exquisite Tenderness ~ USA/UK/D 1995
Directed By: Carl Schenkel

Bevor die eifrige Chirurgin Theresa McCann (Isabel Glasser) ihrem mit unlauteren Heilmethoden experimentierendem Kollegen Dr. Stein (Malcom McDowell) ans Bein pinkeln kann, wird dieser auch schon brutal ermordet. Und es bleibt nicht bei diesem einen Opfer – der einst von McCann und Stein geschasste Dr. Julian Matar (Sean Haberle) dämmert mitnichten, wie allgemein vermutet, querschnittsgelähmt in einem Sanatorium in Colorado vor sich hin, sondern ist, mittlerweile körperlich wieder quietschfidel, aber geistig sogar noch zerrütteter als zuvor, an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt, um nicht nur blutige Rache zu üben, sondern zudem seine Zellerneuerungsversuche zu perfektionieren. Er benötigt zudem permanent ein frisch entnommenes Sekret aus der menschlichen Hypophyse, um fit bleiben zu können…

Was sich mit dem drei Jahre zuvor entstandenen „Knight Moves“ bereits andeutete, fand mit dem auch als „The Surgeon“ bekannten „Exquisite Tenderness“ (jener Begriff steht, wie uns der Film erläutert, im Ärztesprech für einen Zustand ganz besonders extremer Schmerzen beim Patienten) Carl Schenkels endgültige Hinwendung zu dem statt, was man landläufig als Kino der Kategorie B bezeichnen könnte. Vollzog der Plot des bereits stets eng an der Phantastik befindlichen und spätestens im Finale mit dem Horrorgenre liebäugelnden Vorgängers bereits einige höchst unglaubwürdige Volten, so wurde „Exquisite Tenderness“ schließlich ein lupenreiner Gattungsvertreter der zuletzt in den Achtzigern wohlfeil bedienten Subkategorie „Krankenhaus-Slasher“. Als mit einem völlig verrückten Weißkittel auf Metzeltour befindlichen Superbösewicht arbeitendes Werk erinnerte mich Schenkels ruppiger Film sogar ein wenig an Manny Cotos hübsch durchgemangelten „Dr. Giggles“, zu dem er wiederum einige mentale Parallelen aufweist. Interessanteweise strukturiert und komponiert Schenkel diese Arbeit ganz ähnlich wie seine letzte; es gibt zu Beginn beider Filme eine schwarzweiß bebilderte Rückblickssequenz, die jeweils die psychologische Disposition bzw. die Motivation des hier und dort aktiven Serienkillers erläutert, später wird aus der Identität des Mörders zunächst ein Geheimnis gemacht gemacht, derweil der Held bzw. die Heldin in Misskredit geraten. In beiden Filmen verbindet Killer und HeldIn eine gemeinsame Vergangenheit, in beiden Filmen ist Rache ein wesentlicher Antriebsfaktor für den Übeltäter. In beiden Filmen bildet sich ein Pärchen nach visuell anregend gestaltetem, koitalem Zwischenspiel und steht gemeinsam gegen den Bösewicht und beide Finalsequenzen kommen nicht ohne ein abermaliges, spektakuläres Wiederaufbäumen des Verbrechers aus, bevor dieser dann nochmal doppelt so blutig das Zeitliche zu segnen hat. Kurzum: „Exquisite Tenderness“ bildet gewissermaßen eine bucklige Alternativversion zu „Knight Moves“, mit Medizinern anstelle von Schachspielern, ohne die schöne Kameraarbeit eines Dietrich Lohmann, dafür deutlich deftiger, räudiger, zerlumpter und eigentlich auch ehrlicher als der Vorläufer. Der Spaßfaktor allerdings, der bleibt gleich hoch.

5/10

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KNIGHT MOVES

„Eventually revenge is carefully arranged.“

Knight Moves ~ USA/D 1992
Directed By: Car Schenkel

Der Schachgroßmeister Peter Sanderson (Christopher Lambert), verwitweter, alleinerziehender Vater einer kleinen Tochter (Katherine Isabelle), nimmt an einem Turnier an der Küste von Washington State teil. Zeitgleich mit ihm treibt auch ein brutaler, seriell vorgehender Frauenmörder sein Unwesen in der Gegend, der bald dafür sorgt, dass Peter selbst zum Hauptverdächtigen der Polizei wird. Während die beiden ermittelnden Cops Sedman (Tom Skerritt) und Wagner (Daniel Baldwin) nicht recht wissen, wem oder was sie eigentlich glauben sollen, hält die hinzugezogene Psychologin Kathy Sheppard (Diane Lane) Peter für unschuldig. Als die merkwürdigen Verbalhinweise des Killers endlich entschlüsselt werden, ist es beinahe schon zu spät.

Da der Schweizer Carl Schenkel als ausgewiesener Genrefilmer zu jener Zeit keine Chance im deutschsprachigen Europa hatte, setzte er seine Regietätigkeit in den USA fort – mit mittelprächtigem künstlerischen Erfolg, wie ich meine. Zumindest hätten ihm bessere Scripts zur Verfügung stehen dürfen, denn aus den sukzessive gröber und, Verzeihung, zunehmend dämlicher werdenden Bücher, die er in filmische Rahmen zu setzen hatte, hätte kein noch so brillanter Filmemacher wesentlich mehr herausholen können. Ironischerweise bildete „Knight Moves“, ein völlig typischer Hochglanzthriller seiner Entstehungsperiode, Schenkels größten kommerziellen Erfolg – in Deutschland wohlgemerkt. In den USA blieb er hinter den Einspielerwartungen zurück.
Ungewöhnlich an „Knight Moves“ ist lediglich das Milieu, in dem er angesiedelt ist – das der Schachspieler, der großen Strategen und Denker, eines, das, wie der Film uns mehrfach versichert, vor Spinnern, Gestörten und Neurotikern nur so wimmelt. Nicht nur Protagonist Sanderson (für den Lambert eine herrliche Fehlbesetzung abgibt) bedarf dringend therapeutischer Unterstützung, auch seinen Sportgenossen fehlt durchweg mindestens eine Dattel an der Palme. Immerhin gelingt es Schenkel und seinem Autor Brad Mirman auf diese Weise, beim Zuschauer regelmäßige Unsicherheit bezüglich Sandersons wahren Seelenzustands zu evozieren – vielleicht ist er ja doch der Mörder? Nein, natürlich wendet sich zumindest in dieser Hinsicht alles zu Guten, wenngleich der wahre Täter sich schließlich als so dermaßen jenseits von Gut und Böse entpuppt, dass man sich leicht verdutzt fragt, wie er überhaupt so lange unentdeckt durch die Weltgeschichte (und den Film) bummeln konnte. Von derlei Illogismen und Ungereimtheiten findet sich „Knight Moves“, dem kein Groschenromanklischee zu abgestanden ist und der weder mit zeitgemäßen erotic attempts noch mit hemmungslosem overacting (Baldwin!) geizt, jedoch randvoll durchsetzt, so dass die eine oder andere weitere ohnehin nicht explizit ins Auge fällt.
Highly campy stuff!

6/10

SUNTAN

Zitat entfällt.

Suntan (Nacktbaden – Manche bräunen, andere brennen) ~ GR/D 2016
Directed By: Argyris Papadimitropolous

Kostis (Makis Papadimitriou), der neue Allgemeinarzt der kleinen griechischen Urlaubsinsel Antiparos, hat Probleme. Er steht zwischenmenschlich völlig isoliert da, ist mit seinem etwas klobigen und unbehenden Auftreten so ziemlich das Gegenteil des mediterranen Salonlöwen und sehnt sich insgeheim nach Nähe und Zuwendung. Eine Tages lernt Kostis die nur halb so alte Anna (Elli Tringou) und ihre Clique, die ihren Sommer auf Antiparos verbringen, kennen. Von der Unbefangenheit der jungen Leute, die tagsüber ihre schönen Körper nackt am Strand präsentieren und nächtens Alkohol, Drogen und Disco durchexerzieren, ist Kostis bald gefangen, zumal von Anna, für die er bald eine regelrechte Besessenheit entwickelt. Er spendiert den Tweenies Drinks und hält sie aus, bis Anna ihm mit einem eindeutig pflichtbewusst durchgeführten Sexualakt den symbolischen Abschiedskuss zuwirft. Doch für Kostis, der über sein neues Lotterleben hinaus langsam vergisst, wer und was er eigentlich ist, ist die ganze Sache sehr viel ernster…

It’s just a dirty black summer: Der mit zunehmender Spielzeit zunehmend unbequeme „Suntan“ kommt mir im Nachhinein vor wie ein Konglomerat verschiedenster literarischer Einflüsse von Carroll über Ende, von Kafka und Nabokov bis hin zu Houellebecq. Kostis, obschon bereits 42 Jahre und damit gewissermaßen physiologisch „überreif“, bewegt sich auf der emotionalen Ebene eines Pubertierenden, der zwei bis drei sexualpsychologische Entwicklungsstufen übersprungen hat. Obschon kein Versager im Rahmen seiner beruflichen Profession, fehlen ihm doch entscheidende Verhaltenskarten, um ein altersgemäßes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit dem Sommer, mit dem heißen Klima und den Touristen, speziell mit der hübschen, sexuell aktiven Anna, die Kostis‘ brüchige Persönlichkeitsstruktur zwar erkennt, aber, ihrem eigenen Alter entsprechend, völlig falsch interpretiert, wird der vermeintlich gesetzte Herr zum Spielball. Und warum nicht? Der unbedarfte Kostis ist in mancherlei Hinsicht mehr Kind als sie, und lustig in seiner dicklichen Tapsigkeit ist er außerdem. Er finanziert der ganzen Clique die Disco-Abende, übersieht dabei, dass sein Stoffwechsel keine 20 mehr ist und beginnt körperlich und seelisch zu verlottern. Dabei entwickelt Kostis jedoch eine gefährliche Obsession für Anna, die ihn nebst ihren Freunden irgendwann, nachdem sie den schlimmsten Fehler begangen und mit dem ihr sexuell natürlich überhaupt nicht gewachsenen Kostis geschlafen hat, wie ein ausgereiztes Spielzeug einfach entsorgen möchte. Kostis, dessen Verhalten nicht unbeobachtet bleibt und der nach einigen derben beruflichen Fehltritten auf Antiparos zur sozialen persona non grata wird, steht immer mehr mit dem Rücken zur Wand und lässt sich das nicht gefallen. Wie die Geschichte von Kostis und Anna letzten Endes ausgeht, bleibt offen, aber dass sie kein gutes Ende nehmen kann, enthält uns Papadimitropolous nicht vor.
Seine bewusst und inflationär mit den häufig besonders perfiden, dramaturgischen Mitteln der Fremdscham hantierende, zumindest in hypothetischer Hinsicht durchaus allgemeinwertgültige Tragödie des Mannes in mittleren Jahren, der sich verzweifelt dagegen wehrt, sich seinem Alter zu stellen und dabei sein Gesicht verliert, funktioniert auch ohne Darstellungen allzu grober Derbheiten als gemächlich schockierendes Porträt einer abgehängten Generation im psychischen Niemandsland.  Ein Film, der zielgenau dahin langt, wo’s richtig weh tut.

8/10

THE STRANGE AFFAIR OF UNCLE HARRY

„People who love dogs shouldn’t own them. They don’t live long enough.“

The Strange Affair Of Uncle Harry (Onkel Harrys seltsame Affäre) ~ USA 1945
Directed By: Robert Siodmak

Harry Melville Quincey (George Sanders) lebt als Textildesigner und ewiger Junggeselle mit seinen beiden Schwestern Lettie (Geraldine Fitzgerald) und Hester (Moyna McGill) in einer Kleinstadt in Massachusetts. Während Hester bereits Witwe ist, hat die jüngere Lettie nie geheiratet und ergeht sich in Hypochondrien, die vor allem Harry eng an sie binden. Als eines Tages Harrys Kollegin Deborah (Ella Raines) aus New York anreist, verlieben sich die beiden Hals über Kopf ineinander. Mittelfristig soll geheiratet werden und Lettie und Hester sich eine neue Wohnstatt suchen. Während Hester von Harrys Glück begeistert ist, beginnt Lettie jedoch, scharf gegen die Beziehung zu intrigieren. Als Deborah und Harry beschließen, gemeinsam nach New York zu gehen, setzt Lettie eine Abfolge höchst dramatischer Ereignisse in Gang…

Die schöne, jüngere Schwester als abgrundtief böses Weib – Femmes fatales wie Lettie Quincey waren im film noir der vierziger Jahre keine Seltenheit. Nur allzu häufig hatten sich brave bis biedere Herren mittlerer Jahrgänge ihrer gewaltsam und endgültig zu entledigen, um, wenn schon nicht das zumeist ohnehin bereits zerstörte private Glück, so vielleicht doch ein Stück Seelenfrieden zurück zu gewinnen. In dieser dritten Gemeinschaftsarbeit von Robert Siodmak und der schönen Ella Raines handelte es sich allerdings nicht wie im Quasi-„Vorgänger“ „The Suspect“ um eine unentwegt keifende Ehefrau oder wie in „Double Indemnity“ um eine niederträchtige Strippenzieherin, sondern um eine äußerlich ausnehmend attraktive, psychisch extrem gestörte Schwester mit gepflegter Borderline-Persönlichkeit und offenkundig inzestuösen Bedürfnissen. Lettie Quincey ist nicht bereit, „ihren“ Harry mit einer anderen Frau zu teilen, missgönnt ihm daher eine eigenständige Zukunft und durchkreuzt sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Der so ruhige und beliebte Junggeselle vergisst sich daraufhin, nimmt einen eher impulsiv durchgeführten Giftanschlag vor, der jedoch versehentlich die falsche Schwester ereilt. Für den Mord wird die ohnehin in der Stadt wenig gelittene Lettie verantwortlich gemacht und zum Tode verurteilt. Der sich vor schlechtem Gewissen verzehrende Harry versucht sie in letzter Sekunde durch ein Geständnis zu retten, doch niemand mag ihm, der treuen Seele, seine Ausführungen glauben.
Noch vor dem Gang zum Galgen verhöhnt Lettie den armen Harry und erfreut sich diebisch an dessen bevorstehenden, inneren Höllenqualen. Wäre „The Strange Affair Of Uncle Harry“ an dieser Stelle zu Ende, er hätte gewiss als einer der schwärzesten Beiträge zur Schwarzen Serie Legendenstatus erklommen. Ähnlich wie sich bereits kurz zuvor in Langs „The Woman In The Window“ am Ende alles als ein Traum Edward G. Robinsons entpuppt, erweist sich sich die gesamte Narration des vorliegenden Films in der Folge von Harrys Entschluss, Lettie zu vergiften, als irrealis und bloßes Gedankenspiel. Die verloren geglaubte Deborah kehrt doch noch zu Harry zurück, der jetzt, da er sich endlich Letties pathologische Durchtriebenheit einzustehen bereit ist, mit Deborah fortgehen kann. Die Moral war gerettet, dem production code Genüge getan und das Publikum konnte ohne flaues Gefühl im Magen das Kino verlassen. Auch grobe Sinnverfälschung ist häufig ein Spiegel ihrer Zeit.

8/10

END OF THE LINE

„There are still so many souls to save…“

End Of The Line ~ CAN 2007
Directed By: Maurice Deveraux

Die als Pflegerin einer psychiatrischen Klinik in Montreal beschäftigte Karen (Ilona Elkin) hat zuweilen merkwürdige Albträume und Visionen, die sie nicht recht zu interpretieren weiß. Als sich eine ihrer Patientinnen vor die U-Bahn wirft, nimmt Karen das umso schwerer mit. Die abendliche Heimfahrt von der Arbeit entwickelt sich schließlich zum apokalyptischen Albtraum: Die zuvor medial bereits omnipräsente Doomsday- Sekte „The Voice Of Eternal Hope“ wähnt die folgende Nacht im Zeichen des Jüngsten Gerichts; die Tore der Hölle würden sich öffnen und Dämonen die bis dato nicht erlöste Menschheit dahinmetzeln. Die vor bislang anonym gebliebenen Mitgliedern strotzende Vereinigung ruft daher zum großen Präventivschlag aus: Einem Staatsstreich gleich werden die Fernseh- und Rundfunkstationen lahmgelegt und alle, die sich nicht zur Sekte bekennt, öffentlich brutal von den Indoktrinierten ermordet. Karen und ein paar weitere U-Bahn-Insassen fliehen durch die unterirdischen Tunnel vor den wahnsinnigen Kultisten. Doch scheint sich außer diesen noch etwas Geheimnisvolles zu regen…

U-Bahn-Horrorfilme bilden spätestens seit Gary Shermans „Death Line“ ein kleines Traditionssegment, das sich zwischenzeitlich immer mal wieder reaktiviert findet. Maurice Deveraux‘ dritter und bislang letzter Film (in immerhin 15 Jahren) verbindet den Schauplatz mit dem nicht minder frequentiert bedienten Sekten-Horror und lässt die Protagonistin als Mitglied einer kleinen Gruppe von Schicksalsgenossen durch das nächtliche Tunnelsystem von Montreal flüchten. „End Of The Line“ hat wohl einige Fürsprecher in der dedizierten Genre-Gemeinde, was völlig in Ordnung ist. Ich selbst befinde ihn bis auf seinen Status als unabhängig entstandene Produktion sowie ein paar graphische Deftigkeiten jedoch als kaum weiter erwähnenswert. Um sich ein erhobeneres Siegertreppchen zu sichern, fällt er mir dann zumindest phasenweise doch allzu laienhaft und stillos aus. Etwas wirklich Innovatives hält Deveraux nicht bereit, weder inhaltlich noch formal. Die apologetischer ausfallenden Besprechungen des Films erwähnen fast durchweg die Aktivierung von Urängsten, die mit dem vorab sorgfältig geplanten Amoklauf der Sektierer einhergehen – mir fällt es ehrlich gesagt nicht minder schwer, mir vorzustellen, beim mittäglichen Spaziergang im Wald von einem Werdachs angefallen zu fallen. Es bedarf von Rezipientenseite also einer gerüttelten Menge an treudoofer Humbugfantasie, um sich von randalierenden Horrormönchen ins Bockshorn jagen zu lassen, wenn es ansonsten an einer ganzen Menge mangelt, das das entsprechende Szenario wirklich angsteinflößend macht.
„End Of The Line“ ist als gewiss ehrgeiziger, kleiner Genrebeitrag durchaus aller Ehren wert, da verstehe man mich nicht miss. Es ist gut, dass es Filme wie ihn gibt und dass sie als Folge daraus entstehen, dass sich auch „kleine“ Filmschaffende nicht scheuen, ihre Visionen umzusetzen und sie in die Welt zu entlassen. Allein diese Tatsache sollte jedoch nicht zu gutwilliger Augenwischerei diesbezüglich avancieren, dass jeder zweite, neue Indie-Horror a priori als Geniestreich eines potenziellen neuen Supertalents abgefeiert wird. Solcherlei haben wir hier nämlich ganz gewiss nicht.

5/10

NON HO SONNO

Zitat entfällt.

Non Ho Sonno (Sleepless) ~ I 2001
Directed By: Dario Argento

Siebzehn Jahre nachdem in Turin der sogenannte „Zwergenkiller“ sein Unwesen trieb, der mehrere Frauen auf dem Gewissen hatte, beginnt eine neue Mordserie nach analogem Muster. Der mittlerweile retirierte Polizeibeamte Moretti (Max von Sydow), der den von ihm untersuchten, damaligen Fall abgeschlossen glaubte und mit einer beginnenden Demenz sowie Herzproblemen zu kämpfen hat, nimmt sich eher zum Unwohlsein der Offiziellen erneut an. Gemeinsam mit dem jungen Giacomo (Stefano Dionisi), dessen Mutter (Francesca Vittori) zu den einstigen Opfern des Mörders zählt, kommt er dem offenbar mitnichten toten Gewaltverbrecher immer dichter auf die Fersen.

Sein erster Film im neuen Jahrtausend führte Dario Argento wieder weg vom barocken Überschwang seiner zuletzt inszenierten Leroux-Verfilmung „Il Fantasme Dell’Opera“ und zurück zu alten Giallo-Leisten, wie sie ihm in den siebziger Jahren, so etwa im Zuge seiner „Tier-Trilogie“, seine mit erfolgreichsten Meriten eintrugen. Entsprechend vielleicht seiner eigenen, wachsenden Anzahl an Lebensjahren zentriert Argento als Haupthelden einen körperlich wie geistig etwas angeschlagenen Kriminaler, den Max von Sydow absolut maßgeschneidert als leicht kauzigen, grauen Fuchs mit Papagei als privatem Ansprechpartner und Lebensgefährten interpretiert. Das übrige Darstellerpersonal lässt sich derweil relativ problemlos vernachlässigen, wie auch die gewohntermaßen etwas umständliche (und, seien wir ehrlich: mäßig interessante) Auflösung, die von Sydows Charakter leider erst gar nicht mehr miterleben darf, kein unbedingtes Qualitätstopping markiert.
Doch, und auch das hat bei Argento Tradition, ist ohnedies der Weg das eigentliche Ziel: Der ruchlos-brutale Aktionismus des Killers, gleich mehrere psychologische Aufarbeitungen der Vergangenheit, ein zu Unrecht beschuldigter Haupttäter. Für das anno 01 im Vergleich zu den Siebzigern deutlich langweiliger ausfallende Zeitkolorit kann Signore Argento nichts, damit hat er sich ebenso zu arrangieren wie sein Publikum. Dass derweil zahlreiche seiner glühendsten Verehrer den Maestro nach „Non Ho Sonno“ bereits abzuschreiben gedachten, mag ich nicht begreifen. Urplötzlich erging man sich in akribischer Suche nach Logiklöchern, monierte Zähig- und Beliebigkeiten, als sei Argento in der Vergangenheit der ungeschlagene Schwergewichtsweltmeister plausibler Narration gewesen. Vor Meisterwerken wie „Tenebre“ müsse „Non Ho Sonno“ zu Staube kriechen, hieß es da etwa – was ich für keine faire Einordnung halte, sondern lediglich als einen weiteren Beweis dafür erachte, dass gerade die selbsternannten „größten Genrefans“ oftmals Ewiggestrige sind.

7/10

VOLUNTEERS

„We must all do what we must do, for if we do not, then what we must do does not get done.“

Volunteers (Alles hört auf mein Kommando) ~ USA 1985
Directed By: Nicholas Meyer

Wenngleich sich Laurence Bourne III (Tom Hanks) als Millionenerbe und frisch gebackener Akademiker glücklich schätzen könnte, bringen ihn Spielsucht und schnöselige Arroganz arg in die Bredouille. Da sein Vater (George Plimpton) ihm diesmal nicht aushelfen mag, muss Laurence vor den Schuldnern fliehen. Kurzerhand tauscht er die Identität mit seinem Zimmergenossen Kent Sutcliffe (Xander Berkeley) und reist an dessen Statt nach Thailand, wo er als Vertreter des Internationalen Friedenskorps eine Brücke für ein paar abgeschnitten lebende Dörfler bauen soll. Trott diverser Unwägbarkeiten vor Ort, darunter ein durchgeknallter Opiumboss (Ernest Harada), kommunistische Infiltratoren und ein wirrer CIA-Agent (Tim Thomerson), fühlt sich Laurence mitten im südostasiatischen Schlamassel bald wohler, als er zunächst gedacht hätte…

Noch auf dem Weg zum richtigen, echten stardom spielte Tom Hanks in den Mittachtzigern hier und da in Filmen mit, denen selbst beinharte Bewunderer heutzutage nurmehr einen ganz speziellen Obskuritätenstatus zudenken mögen. „Volunteers“ von Zweimal-„Star-Trek“-Regisseur Nicholas Meyer ist so ein kleiner Exot. Was als relativ zeittypischer Post-Pennäler-Spaß beginnt, entwickelt sich ziemlich rasch zu einer nicht immer ins Schwarze treffenden Groteske und Hommage an David Leans großen „The Bridge On The River Kwai“, die Hanks ins Goldene Dreieck führt, wo er jedem regionalen Klischee begegnet, das nicht bei Drei auf den Bäumen ist – angefangen bei der einfältigen Landbevölkerung nebst vorlautem Dorf-Eulenspiegel (Gedde Watanabe) und blindem, weisen Ratsältesten (n.a.). Selbst der gute, alte Dschungeltiger ist nicht fern. Müßig insofern zu erwähnen, dass mit Professor Toru Tanaka und Clyde Kusatsu neben dem erwähnten Watanabe gleich drei einprägsame Hollywood-Gesichter für ostasiatisches type casting Einzug in die Besetzung hielten. Man fragt sich schon bald unwillkürlich, wo denn wohl Mako oder Cary Hiroyuki-Tagawa abgeblieben sind. Unterstützung für Hanks gibt es nach „Splash“ fürderhin bereits zum wiederholten Male vom Comedy-Kollegen John Candy, der einige der witzigeren Szenen abbekommt als ebenso von sich selbst überzeugter wie leicht beeinflussbarer, amerikanischer Trottel. Am meisten mag ich an „Volunteers“ jedoch Tim Thomerson, der mit seinem Fahrtenmesser „Mike“ spricht wie mit einem imaginären Freund und eine der schönsten Personalsatiren auf die US-Außenpolitik unter Reagan zum Besten gibt. Thomerson hat tatsächlich ein gewaltiges, komisches Talent, das, zumal aufgrund seines sehr viel langlebigeren Status‘ als kleiner Star und /oder Nebendarsteller etlicher Genreproduktionen durch die Jahrzehnte leider nur allzu selten erkannt und ausgeschöpft wurde. Ein sehr sympathischer Akteur, der gewiss viele hochinteressante geschichten zum Besten geben kann.

6/10