BANSHEE CHAPTER

„It will be an experience you won’t forget.“

Banshee Chapter ~ USA 2013
Directed By: Blair Erickson

Anne (Katia Winter) und James (Michal McMillian) sind dem Wahrheitsgehalt von Gerüchten um geheime Drogenexperimente auf der Spur, die die US-Regierung und die CIA über Jahre hinweg an mehr oder weniger freiwilligen Probanden durchgeführt haben soll. Nachdem James in einem Selbstversuch das geheimnisvolle Serum DMT-19 testet, verschwindet er bald darauf spurlos. Anne folgt James‘ Quelle und stößt auf den psychotischen Autor Thomas Blackburn (Ted Levine), der in Arizona lebt und Erfahrungen mit unterschiedlichsten Rauschmitteln hat. Gemeinsam stellen die ungleichen Partner fest, dass die Einnahme von DMT-19 die Wahrnehmungskanäle seiner Konsumenten erweitert und sie, ähnlich einem Radioempfänger, Frequenzen empfängen lässt, die den normalen Sinnen verborgen bleiben. Tatsächlich scheinen jedoch nicht nur die User des DMT-19 diese geheimnisvolle Sensibilisierung zu erfahren, sondern über kurz oder lang auch die Menschen, die mit ihnen in engem Kontakt stehen…

Daraus, dass „Banshee Chapter“ sich an H.P. Lovecrafts Idee zu der Kurzgeschichte „From Beyond“ orientiert, die ja von Stuart Gordon auch verfilmt wurde, macht er erst gar kein großes Mysterium, sondern gibt dies im letzten Drittel als Inhaltsbestandteil selbst preis. Die Kenntnis des entsprechenden Werks ist daher durchaus hilfreich, wenn es um das Verständnis des inhaltlich durchaus spannenden, formal jedoch etwas allzu wirr gewobenen „Banshee Chapter“ geht. In „From Beyond“ erfindet ein Wissenschaftler eine Maschine, die die Zirbeldrüse im menschlichen Gehirn aktiviert und den Empfänger damit in eine Art Paralleldimension versetzt, die von merkwürdigen Kreaturen bewohnt ist. Das in Ericksons Film als MacGuffin bemühte DMT-19 existiert indes tatsächlich – es handelt sich um ein synthetisierbares Halluzinogen, das, je nach Dosis, das visuelle Erleben des Konsumenten modifiziert. In „Banshee Chapter“, das decken Anna und James auf, wird in Geheimlabors die Droge aus der Zirbeldrüse menschlicher Leichen extrahiert und den Probanden dann injiziert, woraufhin diese zunächst Geräusche (eine Spieluhr, zählende Kinderstimmen, Radiorauschen) wahrnehmen, sodann die Annäherung irgendwelcher diffuser Kreaturen, um sich bald darauf selbst in gespenstische Zerrbilder zu verwandeln, die fortan in einer Art Zwischendimension umherirren.
Daraus spinnt der Film eine überaus interessante Verwurzelung im verschwörungstheoretischen Spektrum, die ergänzend recht geschickt in ein paar dokumentarische Interviewszenen eingebettet wird. Eine echte Schau ist der leider in den letzten Jahren etwas rar gewordene Ted Levine, der als unverhohlene Hunter-S.-Thompson-Hommage durch den Film wankt, stets Kippchen und Flachmann in Reichweite und oftmals unverständlich daherlallend. Levines Performance hebt den Film auf eine Ebene, die er als rein investigativ angelegtes Schauermärchen sonst nie erreicht hätte. Überhaupt muss man wie bereits erwähnt Ericksons Regie, die auf die Prononcierung von Wirrnis und Chaos setzt, statt etwas mehr Mut zur Stringenz zu zeigen, als hauptsächlichen Schwächefaktor von „Banshee Chapter“ identifizieren. Die jump scares sind schlecht inszeniert, die Kamera allzu vorsätzlich verwackelt und die viel zu vertrauensselig in diffusen Verhältnissen schwelgende Beleuchtung ist mithin eine Katastrophe. Hätte Ericksson sich hier und da etwas mehr Vertrauen in klassischere, dramaturgische Strukturen und schnörkellose Klarheit gestattet – „Banshee Chapter“ hätte das Zeug gehabt zu einem regelrechten Genre-Meilenstein. So aber langt es leider nur zur Mittelpracht.

6/10

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THE MIDNIGHT MAN

„He likes to cheat.“

The Midnight Man ~ USA/CAN 2016
Directed By: Travis Zariwny

Die junge Alex (Gabrielle Haugh), die ihre halbdemente Großmutter Anna (Lin Shaye) in deren großem, verwinkelten Haus pflegt, und ihr Jugendfreund Miles (Grayson Gabriel) entdecken eines Abends auf dem Dachboden ein altes Spiel in einer Kiste. Dabei geht es darum, den „Midnight Man“ (Kyle Strauts) freizusetzen, einen gespenstischen Dämon, und ihm dann für den Rest der Nacht nicht ins Netz zu gehen. Natürlich überwiegt die Neugier und als auch noch Alex‘ und Miles‘ Freundin Kelly (Emily Haine) auftaucht, reibt sich der Midnight Man richtig schön die Hände. Doch auch Omi Anna ist keineswegs so harmlos, wie es sich für eine alte, bettlägrige Dame mit schwindendem Hirnschmalz geziemt…

Dass sich dermaßen löchrig gescriptete, buchstäblich dumme Genreware heuer noch im vergleichsweise großen Stil produzieren und verkaufen lässt, dürfte einer Menge untalentiertem Filmemachernachwuchs berechtigte Hoffnungen auf einen möglichen Durchbruch verschaffen. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, eine Liste der inflationär en Don’ts aufzuzählen, die Travis Zariwny und sein Co-Autor Rob Kennedy vorschützen, nur, um ihre dünne Hauptidee, die vielleicht gerade ausreichend gewesen wäre für einen Achtminüter auf YouTube, auszuwalzen. Infolge dessen verzichte ich im Folgenden auch darauf.
Hier stimmt ganz einfach hinten und vorne nichts, angefangen bei der dullen Story-Prämisse um das zentrale Spiel, dass von vornherein darauf angelegt ist, von allen Mitspielern außer dem Midnight Man selbst verloren zu werden und daher von keinem bei Vernunft und Verstand befindlichen Menschen losgetreten würde, über die völlig hirnrissigen Wendungen im weiteren Verlauf bis hin zur mäßig überraschenden „Auflösung“. Da holen auch die alten New-Line-Veteranen Lin Shaye und Robert Englund, die sich hier abermals ein Stelldichein geben, nicht mehr die Kastanien aus dem Feuer. Man mag bestenfalls annehmen, dass eine Zielgruppe von zwölf- bis dreizehnjährigen, kreischenden Girlies im Zuge einer verruchten Pyjamaparty „The Midnight Man“ etwas abgewinnen können, denn genau dort sucht und findet das Ding seine mutmaßliche Zielgruppe. Gattungserfahrenere Zeitgenossen indes dürften sich mit einem Grausen, das diese Hohlgurke in dieser Form gewiss nicht beabsichtigt, abwenden und die neunzig Minuten investierter Rezeptionszeit im Nachhinein eher bedauern. Mir zumindest geht es jedenfalls genau so.

3/10

HOUSE BY THE RIVER

„You must be very, very ill, Stephen…“

House By The River (Das Todeshaus am Fluss) ~ USA 1950
Directed By: Fritz Lang

Der wenig erfolgreiche Autor Stephen Byrne (Louis Hayward) ist ein Hallodri, der immer wieder in Schräglage gerät, nur, um sich dann mal wieder von seinem immens pflichtbewussten Bruder John (Lee Bowman) aus der Patsche helfen zu lassen. Als John eines Tages das Hausmädchen Emily (Dorothy Patrick) zu vergewaltigen versucht, erstickte er die Hilfeschreie, indem er ihr die Kehle zudrückt. John lässt sich verzweifelt überreden, Stephen bei der Entsorgung der Leiche im benachbarten Fluss zu helfen.
Während John an seiner Schuld und Mitwisserschaft zu zerbrechen droht, entwickelt Stephen bessere Laune denn je und verleumdet die von ihm ermordete Emily sogar in aller Öffentlichkeit, indem er bekanntgibt, sie sei mit einigen Wertsachen seiner Gattin Marjorie (Jane Wyatt) durchgebrannt. Als der Fluss Emilys Leiche anspült, gerät John unter indizienbedingten Mordverdacht, kann jedoch in Ermangelung von Beweisen nicht verurteilt werden. Dennoch wird er zur persona non grata und verzweifelt immer mehr. Nur Marjorie hält noch zu ihm. Derweil wird Stephens Geisteszustand immer besorgniserregender…

Eine kleine Reise in den Wahnsinn: Langs weniger bekannter „House By The River“, den er ohne große Stars und für das kleine Studio Republic inszenierte, ist ein übersehenes Meisterwerk des expressionistischen film noir. Geflissentlich zeit- und ortsentrückt (es lässt sich lediglich mutmaßen, dass die Geschichte irgendwann um die Jahrhundertwende an der südlichen Ostküste angesiedelt ist) sind es vor allem die Spiele mit Licht und Schatten (dp: Edward Cronjaher), die dem Film seine entrückte irrealis verehren. Das titelgebende Haus des Ehepaars Byrne gleicht von Anfang an einer verwinkelten Mördergrube, die zudem innen sehr  viel größer zu sein scheint als außen. Eher vernachlässigt findet sich hingegen die psychologische Komponente, wobei davon ausgegangen werden darf, dass es Lang auch gar nicht so sehr um selbige ging. Gleich von Anfang an wird Stephen Byrne als latenter Psychopath exponiert; der Mord an dem unglückseligen Hausmädchen ereignet sich schon in den ersten fünf Minuten. Damit sind die Fronten einmal geklärt; die eigentliche Motivationslage jedoch mitnichten. Das Script macht schlussendlich lediglich Stephens Freigeistigkeit nebst seiner offen ausgelebten Affinität zur Existenz des Bohémien für seinen durch und durch schlechten Charakter verantwortlich; sein Bruder John, im Prinzip ein grauer, spießiger Buchhalter mit Klumpfuß und ohne echte Lebensfreude, entwickelt sich indes zur moralischen Instanz und gewinnt somit auch verdientermaßen das Herz seiner ebenso liebenswerten wie unglücklichen Schwägerin, die einmal sagt, dass sie naiverweise einst auf Stephens Blenderei hereingefallen sei und ihn lediglich daher geheiratet habe.
Der (namenlose) Fluss, wie bald darauf bei Renoir und bei Laughton Symbol einer vitalen, aber höchst eigensinnigen, zudem mysteriösen Naturgewalt, belässt es nicht bei seiner stummen Mitwisserschaft – er spuckt seine Geheimnisse über kurz oder lang wieder aus, unerbittlich. Dazu zählt am Ende selbst der von Stephen tot geglaubte John, der mitnichten als Geist zurückkehrt, Stephen jedoch in Todesangst versetzt und ihn schließlich, in der ausweglosen Sackgasse seines sittlichen Verfalls, vor sein verdientes, göttliches Gericht führt.

9/10

AFTERMATH

„I would like for someone to say that they’re sorry.“

Aftermath (Vendetta – Alles was ihm blieb war Rache) ~ USA/UK 2017
Directed By: Elliott Lester

Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verursacht der Fluglotse Jake Bonanos (Scoot McNairy) einen Crash zweier Verkehrsmaschinen in der Luft, dem 271 Menschen zum Opfer fallen, darunter auch die Frau und die schwangere Tochter des Bauarbeiters Roman Melnyk (Arnold Schwarzenegger). Sowohl Bonanos als auch Melnyk erwartet eine Zeit tiefster Desolation: Der Eine wird nicht mit seiner drückenden Schuld fertig und entfremdet sich von seiner Familie, der andere findet weder eine befriedigende Form von Gerechtigkeit noch inneren Frieden.

Dies ist tatsächlich der erste Film, der Arnold Schwarzenegger weder als Superhelden oder Übermenschen zeigt, noch seine Filmfigur in ein realitätsfernes Szenario einbindet. Tatsächlich bekommt der Mann hier mit seinen nunmehr stolzen siebzig Lenzen, Bi- und Trizeps nach wie vor imposant, ansonsten jedoch bei altersentsprechender Form (wie Arnie sich nicht nehmen lässt, zu Beginn zu demonstrieren) die Gelegenheit zur Darstellung einer bis ins tiefste Innere gebrochenen Figur und akzeptierte ferner eine Rolle, die einen weiteren Hauptcharakter (McNairy) absolut gleichberechtigt neben ihm agieren lässt, und das in einer völlig effektbefreiten, tieftristen Kleinproduktion, deren Budget vermutlich gerade mal ein Zwanzigstel jedes neuen „Terminator“-Films ausmacht. Wenn überhaupt. Lesters an tatsächlichen Ereignissen orientierter Film geriert sich als stilles, äußerst intimes und gemächliches Drama um urplötzlichen Verlust und die entsetzliche Unmöglichkeit, sich seiner zu erwehren oder gar, seiner Herr zu werden. Von einem auf den anderen Tag wartet das Nichts auf zwei zuvor im Leben stehende Männer; dem einen wird die Familie genommen, dem anderen seine grundlegende Stabilität. Beide versuchen fortan verzeifelt, sich mit der grundlegend veränderten Situation zu arrangieren, doch nur einer wird nach langen Monaten genug Kraft aufwänden, um ganz vallmählich dem tiefen Loch zu entsagen, dass ihn zwischenzeitlich völlig aufgesogen hat. Das Schicksal – in Person des anderen Mannes – versagt ihm jedoch eine endgültige Rückkehr in die ansätzliche Normalität, indem es den Antagonisten wiederum den letzten und einzigen Weg gehen lässt, der für ihn noch eine Option darstellt. Dass am Ende auch die Hoffnungslosigkeit in eine Kausalitätskette mündet, ist die finale, ernüchternde Botschaft, die „Aftermath“, ein Film, der unvorbereitet nachdenklich und bleibeschwert zurücklässt, bereithält. Vor allem für seine beiden glänzenden Hauptdarsteller eine bedeutsame (und bedeutende) künstlerische Errungenschaft, die auch beim Rezipienten tiefe Narben schlägt. Den „deutschen“ Titel mag man getrost vergessen.

8/10

SKYJACKED

„What is it?“ – „Some kind of a detonator.“

Skyjacked (Endstation Hölle) ~ USA 1972
Directed By: John Guillermin

Während eines Routine-Linienflugs nach Minneapolis muss Captain Hank O’Hara (Charlton Heston) feststellen, dass einer der Passagiere seiner Boeing 707 ein Luftpirat ist, der offenbar eine Bombe an Bord versteckt hat und seine bedrohlichen Botschaften zunächst mit Lippenstift hinterlässt. Die Maschine soll nach Anchorage umgeleitet werden. Die Identität des Hijackers ist jedoch bald herausgefunden: Es handelt sich um den hochdekorierten, aber schwersttraumatisierten Veteran Jerome K. Weber (James Brolin), der sich von seinem Land verraten fühlt und zu den Sowjets überlaufen will. Von Anchorage soll die Reise daher nach Moskau weitergehen…

Einer der weniger gut erinnerten Katastrophenfilme der Siebziger ist dieser campige Luftfahrtthriller des englischen Regisseurs John Guillermin, der mit all seinen Attributen von der prominenten Besetzung über das Thema und den unverhohlen klischeeüberladenen Aufzug auch ebensogut in die „Airport“-Serie gepasst hätte, jedoch von der Konkurrenz (hier: dem Produzenten Walter Seltzer und der MGM) in die Kinos gebracht wurde. Seltzer, der um diese Zeit häufig mit Charlton Heston zusammenarbeitete, konnte den alternden Star auch für dieses Projekt gewinnen, in dem Heston nicht allzu viel zu tun hat, außer hier und da eine Pfeife zu rauchen und sich klamme Dialogduelle mit seinem Widersacher James Brolin zu liefern. Der wiederum spielt seinen Part als zunehmend wirrer werdender Flugzeugentführer hübsch kitschig aufbrausend und mit rollenden Augen, als ganz traditionsverrückte, tickende Zeitbombe nebst Handgranaten und MP im Handgepäck. Dass Weber, wie sein Part getauft wurde, PTBS-geschädigter Vietnamveteran ist, lässt das Script zwar unerwähnt, es dürfen jedoch wenige Zweifel bestehen, woher zu damaliger Zeit ein so junger Mann dermaßen viele Orden an der Brust hat. Sein Motiv, hinter den Eisernen Vorhang abzutauchen, bleibt leider ziemlich schwammig. Offenbar leidet Weber, darauf weisen Rückblicke und Wahnvorstellungen hin, neben anderen psychischen Sollbruchstellen auch an einer tief gestörten Beziehung zu seinem Vater (Dan White).
Richtig schön albern wird’s gegen Ende, wenn der Flieger in den sowjetischen Luftraum eindringt und tatsächlich in Moskau landet, wo es zwar ungemütlich aussieht, die russischen Polizisten den verrückten Weber jedoch genau so „willkommen“ heißen, wie es zuvor das FBI in Anchorage tat.
Dass die ZAZ-Verballhornung „Airplane!“ auch „Skyjacked“ eine Menge an Inspiration verdankt, lässt sich ganz nebenbei vortrefflich nachzeichnen und lädt auch bei der Betrachtung dieses Quellmaterials das ein ums andere Mal zum Schmunzeln ein.
Hübsche Angelegenheit, durchaus.

7/10

SKELETONS

„You better leave us be.“

Skeletons ~ USA 1997
Directed By: David DeCoteau

Um dem Großtstadtstress zumindest zeitweilig zu entfliehen, zieht der emsige New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Peter Crane (Ron Silver) mit Gattin Heather (Dee Wallace) und Sohnemann Zach (Kyle Howard) in das beschauliche Städtchen Saugatuck in Maine. Rasch fällt Peter auf, dass hier alles ein wenig zu glattgebügelt erscheint: Ethnischen Minderheiten zugehörige Mitbürger gibt es in Saugatuck ebensowenig wie ansonsten im geringsten Maße auffällige Personen. Heimlicher Führer der Gemeinde ist der Geistliche Carlyle, der selbst Bürgermeister (Paul Bartel) und Sheriff (D. Paul Thomas) als Stichwortgeber dient. Einzig der hiesige Redakteur Frank Jove (James Coburn), selbst ein „Zugezogener“, hat Verständnis für Peters wachsendes Unwohlsein, das sich noch verstärkt, als ein offensichtlich unschuldiger, homosexueller Gefängnisinsasse Jim Norton (Dennis Christopher) angeblich Selbstmord begeht. Peter, der offen Partei für Norton ergreift, und sein Familie werden fortan von den Ortsansässigen traktiert. Statt jedoch einfach das Weite zu suchen, bohrt Peter weiter und begibt sich damit in tödliche Gefahr…

Reaktionäre Kleinstädter und Provinzler, die sich ihre kleine, faschistischen Mikrokosmen nach Maß gestalten, sind beinahe schon ein fester Bestandteil des postmodernen amerikanischen Mythenpools. Entsprechende Literatur, deren Adaptionen und auch jüngere Kinowerke wie  „The Stepford Wives“ oder zuletzt der vielbeachtete „Get Out“ arbeiten mit diesem oftmals satirisch zugespitzten Ansatz, indem sie ihn in ein häufig phantastisch überhöhtes Szenario einbinden. Zu just dieser Genrespezies zählt auch „Skeletons“, eine TV-Produktion des einstmaligen (Schwulen-)Porno-Regisseurs und unermüdlichen Billgheimer-Fabrikanten David DeCoteau, der bis in die letzten Jahre hinein einen Durchschnittsaustoß von vier bis sechs Filmen pro Zwölfmonatsturnus vorweist – darunter das halbseidene Vampir-Franchise „Brotherhood“. Ich bin nicht sehr bewandert, was DeCoteaus Gesamtœuvre betrifft, möchte aber mutmaßen, dass „Skeletons“ darin eine spezifische Ausnahmestellung bekleidet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass DeCoteau gewissermaßen als Notnagel für den zuvor gefeuerten Ken Russell herzuhalten hatte, der das abgründige Thema vermutlich noch um Einiges tiefschürfender angegangen wäre. Überhaupt gleicht es einem Wunder, dass man „Skeletons“ überhaupt noch zu sehen bekommt, denn der von Jordan Belfort (dem Wall-Street-Wolf) co-finanzierte und -produzierte Film wurde 2004 von der SAG als einer von ingesamt siebenen zur Auktion freigegeben, um vormals nicht ausbezahlte Darsteller-Gagen zu vergüten. Leider ist der ursprünglich trotz seiner TV-Herkunft für die 2,35:1-Kadrage ausgelegte Film für den Heimmarkt lediglich in verhunzten Pan/Scan-formatierten Fassungen erhältlich. Eine Schande schon aus Prinzip, denn obschon „Skeketons“ insbesondere für den genreerfahrenen Rezipienten keine große Offenbarung darstellen mag, macht er das, was er macht, goldrichtig und verfügt neben seinem unablässig aktuellen Sujet um pseudoelitäre Selbsteinschätzung und soziale Ausgerenzung als traditionellee, weiße amerikanische „Tugenden“ über eine großartige Besetzung bei bester Spiellaune. Von jener bleiben besonders Christopher Plummer, der den bigotten Inzucht-Pfaffen mit dem der Rolle gebührenden, latenten Wahnsinn interpretiert, hängen und auch der wie üblich grandiose James Coburn, der im Alter sowieso immer noch besser wurde, als Angepasster unter Angepassten.
Mein Wunsch, „Skeletons“ dereinst nochmal in einer ihm gebührenden Version ansichtig zu werden, dürfte sich bis auf Weiteres indes leider nicht erfüllen…

8/10

THE LIMEHOUSE GOLEM

„Here we are again!“

The Limehouse Golem ~ UK 2016
Directed By: Juan Carlos Medina

In der Ära der Viktorianischen Jahre geht im Londoner Viertel Limehouse ein Mörder um, den die zu Geschwätz und Aberglauben neigenden Einwohner bald als „Limehouse Golem“ bezeichnen. Die Spur führt den ermittelnden, stillen Inspector Kildare (Bill Nighy) zu der beliebten Sängerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), die des Mordes an ihrem Mann John verdächtig ist. Kildares Ermittlungen ergeben, dass etliche Indizien die Identität des Golem betreffend zur Person John Crees führen, allein der finale Beweis steht noch aus…

Ein Film wie „The Limehouse Golem“ hat ganz einfaches Spiel mit mir: Kostümkino, dazu noch angesiedelt im Viktorianischen London und, gewissermaßen als vollmundiges parfait, eine Mördergeschichte obendrauf – da bin ich stets gern dabei. Peter Ackroyds zugrunde liegender Roman spielt, ähnlich wie Alan Moores gewaltiges „From Hell“, abseits von seinem Kernplot um die Mordserie und deren Aufklärung, mit den Mythen, den multiplen kulturellen und ethnischen Facetten jener Periode, die weite Teile Londons zu einem multikulturellen Schmelztiegel machten. Insbesondere jedoch das Hafenviertel Limehouse im East End der Stadt, berüchtigt für seine Ansammlungen exotischer Halbweltler und deren hierher transferierte Lebensart, gilt als Inspiration für eine Vielzahl von Geschichten und Trivialabenteuern von Thomas Burke bis hin zu Sax Rohmer. Entsprechend reichhaltig der Inspirationsfundus. Dass sich bei Ackroyd, respektive der Adaption, noch Platz für historische Zeitgenossen findet, nominell den Schauspieler Dan Leno (Douglas Booth), den Autor George Gissing (Morgan Watkins) und Karl Marx (Henry Goodman), verleiht „The Limehouse Golem“ eine von mehreren interessanten Zusatznoten, zu denen ebenso die Einblicke in die frühe Musical-Theatre-Szene gehören. Als Genrestück hingegen nimmt sich Medinas zweiter Langfilm wohl weniger erwähnenswert aus; zwar spielt ihm eine gewisse, mit dem Stoff einhergehende Abgründigkeit in die Karten, wer jedoch explizit nach einem historisch aufgeladenem Spannungsstück sucht, könnte sich möglicher- und berechtigterweise enttäuscht finden.
Für mich ist „The Limehouse Golem“ insofern sehenswert, als dass es ihm vorzüglich gelingt, in die porträtierte Ära einzutauchen und mit seinen Querverweisen ein paar inspirierende und stimulierende Einblicke zu leisten.

7/10