WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN

„I am the context.“

We Need To Talk About Kevin ~ Großbritannien/USA 2011
Directed By: Lynne Ramsay

Der Teenager und Schüler Kevin Khatchadourian (Ezra Miller) landet im Gefängnis, nachdem er seinen Vater Franklin (John C. Reilly), seine jüngere Schwester Celia (Ashley Gerasimovich) und im Zuge einer sorgfältig geplanten Aktion diverse Mitschüler ermordet hat. Kevins Mutter Eva (Tilda Swinton), die von den meisten ihrer Mitbürger wie eine Aussätzige behandelt, bespuckt und tyrannisiert wird, nachdem sie mithilfe eines Anwalts ein offenbar günstiges Gerichtsurteil für Kevin erstritten hat, lässt nach und nach die gesamte Biographie ihres Sohnes Revue passieren.

Die britische Autorin Lionel Shriver schreibt vornehmlich über ebenso bewegende wie unangenehme Themen, denen sie häufig mit einer Mischung aus schwarzem Humor und einer analog dazu eher finsteren sozialen Prognostitzierung begegnet. Ihr 2005 erschienener Roman „We Need To Talk About Kevin“ wurde wie im Hinblick auf ihren kreativen Ausstoß üblich recht kontrovers aufgenommen und besprochen. Das Interesse an einer Filmadaption entbrannte quasi mit dem Veröffentlichungstag, wobei das folgende, unübersichtliche Hinundher die Produktion stark verzögerte.
„We Need To Talk About Kevin“ macht es weder sich noch seinen Protagonisten leicht; weniger als die psychologische Anamnese eines jugendlichen Massenmörders handelt es sich um die Charakterisierung seiner Mutter, einer Frau, die die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen und persönlichen Lebenserwartungen bereits mit der Geburt ihres Sohnes auf das Bitterste zu spüren bekommt. Es ist gut, dass sich die Geschichte nicht um den analytischen Blickwinkel oder gar um Antworten schert; sie observiert lediglich, wenngleich aus sehr zuspitzter Perspektive. Eva, eine weltoffene, libertine Frau, kann keine mütterliche Liebe für ihr Kind aufbringen, vielmehr symbolisiert es für sie den Beginn einer immensen Verantwortlichkeit, die sie in Ketten zu legen droht. Plötzlich ist da Familie, da sind Verbindlichkeiten, Dinge, die so gar nicht zu dem passen wollen, was sie unter „Freiheit“ versteht. Dass Kevin sich nebenbei schon früh zu einem wahren Wechselbalg entwickelt, das tatsächlich so etwas wie einen Hang zum Bösen kultiviert, könnte eine zusätzliche Verschärfung der Situation sein oder eine emotionale Reaktion des sensiblen Kindes auf die heimliche Ablehnung der Mutter. Auch hier verzichtet der Film stolz erhobenen Hauptes auf Paraphrasierung und Formelhaftigkeit, die sich doch so sehr anböten. Wo Kevin bei seiner Mutter vornehmlich Kälte erfährt, lässt er sie seinen ewig leuchtenden Protest spüren: er ist ein Schreibaby, weigert sich später vorsätzlich, trocken zu werden, macht Dinge kaputt, die seine Mutter liebt und wickelt den naiven Vater um den kleinen Finger. Später kommt es zu offenen Aggressionen und Verletzungen; als Kevins Schwesterchen Celia, nebenbei ein bezauberndes, kleines Mädchen und von allen (außer Kevin) geherztes „Wunschkind“, ein Auge verliert, weiß Eva instinktiv, dass es sich dabei nicht, wie allgemein angenommen, um einen Unfall gehandelt haben kann. Noch mehr als die Unfähigkeit, zärtliche Nähe zu Kevin aufzubauen, zermürben Eva jedoch die eben damit einhergehenden Schuldgefühle. Umso tapferer erträgt sie die sich nach Kevins furchtbarem Mordzug einstellenden Konsequenzen, die sie wie eine natürliche Strafe für alle früheren Versäumnisse annimmt – so es sich denn überhaupt um solche handelt. Am Ende haben diese beiden, sich seit jeher hassenden Menschen nurmehr einander: der Junge, der viele Menschen umgebracht hat und seine Mutter, die sich die Schuld dafür gibt. Zum ersten Mal glimmt so etwas wie Verständnis zwischen ihnen auf. Der Weg dorthin ist gepflastert mit Blut.

8/10

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NAKED

„A cliché is full of truth, otherwise it wouldn’t be a cliché….“  – „Which is in itself a cliché.“

Naked (Nackt) ~ UK 1993
Directed By: Mike Leigh

Mit einem geklauten Auto flieht Johnny (David Thewlis), nachdem er eine Frau vergewaltigt hat, Hals über Kopf von Manchester nach London, wo er die WG seiner Exfreundin Louise (Lesley Sharp) aufsucht. Louises dauerbekiffter Mitbewohnerin Sophie (Katrin Cartlidge) begegnet er als erstes, Sandra (Claire Skinner), die Dritte im Bunde, befindet sich gerade auf einer Afrika-Reise. Schon die Gegenwart der beiden anwesenden Frauen ist für Johnny zuviel des Guten. Statt in der Wohnung zu bleiben, begibt er sich auf einen ziellosen Trip durch London, wobei er diversen gescheiterten Zeitgenossen begegnet, die es nicht besser getroffen als er, der sich in einer formvollendeten Mischung aus Misanthropie und Selbstmitleid gern zum ultimativen Opfer stilisiert. Schließlich bezieht er eine gewaltige Tracht Prügel und kriecht blutend zu der Damen-WG zurück, wo ihn die Fürsorge Louises zumindest vorübergehend aufbaut. Parallel dazu stromert der reiche Yuppie Jeremy (Greg Cruttwell) durch die Stadt, der eine noch schärfere Misogynie als Johnny pflegt und im Gegensatz zu ihm vollends die Brücken zur Menschlichkeit abgebrochen zu haben scheint. Auch er landet irgendwann bei Louise und Sophie…

No future for you, no future for me. Mike Leighs empathiesperriges Porträt eines heimatlosen Arschlochs zählt zum Zwingendsten, was das britische Kino in den neunziger Jahren ausgespieen hat. „Naked“ ist ein Film der Nacht und der Kälte, er zeigt beinahe ausschließlich Menschen, die in multiplen Formen der Isolation vor sich hinexistieren, kein greifbares Ziel vor Augen. Beziehungsunfähigkeit und Sackgassen bestimmen das durch Drogen, Alkohol und paraphile Ausbuchtungen eträglicher gemachte Lebensspektrum, das Leigh uns hierin vorführt; ein verirrtes Pärchen (Ewen Bremner, Susan Vidler) läuft aneinander vorbei, ein einsamer Nachtwächter (Peter Wight) beobachtet eine alternde Säuferin (Deborah MacLaren) im Haus gegenüber, eine Serviererin (Gina McKee) ist schwer traumatisiert. Johnny, gewissermaßen ein Erbe all der zornigen, maskulinen Kitchen-Sink-Charaktere aus der dreißig Jahre zurückliegenden Hochphase jener Kinowelle, hat für sie alle garantiert ein böses Wort parat und lässt sie an seinen verqueren, selbsträsonistischen Lebensweisheiten teilhaben, die sich in einem oftmals wirren Konglomerat aus Zynismus und Endzeitphantasien äußern. Hoffnung oder gar Trost wären Termini, angesichts derer Johnny bestenfalls höhnisches Gelächter parat hätte. Dass sein von ihm so wunderbar gepflegter Sarkasmus indes nicht mehr ist denn ein ungehört verhallender Hilfeschrei nach Zwischenmenschlichkeit, macht seine ausgestellte Abgründigkeit kaum genießbarer. Der zumindest liquide Jeremy (Greg Cruttwell spielte drei Jahre später nochmal eine wunderbare Ergänzung zu diesem Part in John Herzfelds nach wie vor sträflich ignoriertem „2 Days In The Valley“) ist da nicht viel mehr als sein betuchtes Pendant und nebenbei der zwingend erbrachte Beweis dafür, dass auch Geld keine großen Männer macht; bei ihm kennzeichnen sich Egomanie und Frauenhass vielmehr durch unverhohlen ausgestellte, sadomasochistische Gelüste, die er dann mit hilflos wirkendem Gekicher kommentiert. Eine probate Identifikationsfigur in „Naked“ zu finden, wird einem nur schwerlich gelingen, selbst die noch am Ehesten als halbwegs vernunftbegabt durchgehende Louise ist nicht in der Lage, eine klare Linie zu verfolgen.
So jagt Leigh uns rundheraus durch gut sechzig erzählte Stunden menschlicher Schlingfesseln und Abgründe, die sich durch regelmäßig durchblitzende Schwarzhumorigkeit immerhin auf emotionaler Ebene etwas besser ertragen lassen. Andererseits ist „Naked“ ohnehin ein Werk, das man vielleicht am Besten im Spätherbst bei Dunkelheit und abgedrehter Heizung genießen sollte.

9/10

I DRINK YOUR BLOOD

„I’m only a veterinarian, Pete. Your sister’s not an animal.“

I Drink Your Blood (Die Tollwütigen) ~ USA 1970
Directed By: David E. Durston

Der Teufelspriester Horace Bones (Bhaskar Roy Chowdhury) und seine Gruppe von Satanisten-Hippies fallen, nachdem sie die Teenagerin Sylvia (Iris Brooks), die sie bei einem ihrer nächtlichen Rituale beobachtet hat, vergewaltigen, in ein beschauliches Provinznest ein, um dort das zu tun, was sie am Besten beherrschen: die Bürger erschrecken. Man besetzt ein leerstehendes Haus, bettelt, was das Zeug hält und pfeift sich Gras und LSD bis zum Abwinken in die Windungen. Nachdem sie Sylvias erbosten Großvater Dr. Banner (Richard Bowler), der sich bei ihnen beschwert, kurzerhand unter Acid setzen, wird der kleine Pete (Riley Mills), Sylvias Bruder, grantig. Er erschießt einen tollwütigen Hund, zapft ihm Blut ab und mischt es den garstigen Brüdern und Schwestern unter ein paar Fleischpasteten. Die Satansbrut erlebt daraufhin den Trip ihres Lebens, verfällt durch die Bank der Tollwut und attackiert geifernd alles, was sich bewegt.

David E. Durstons rotznäsiger, kleiner Reißer bietet gleich mehrerlei an dickem Plus: er ist eine echte Wundertüte des apokryphen Frühsiebziger-Kinos, ein Inbegriff des Terminus „Exploitation“ und vor allem: ein ganz gewaltiger, unappetitlicher Spaß, der seinen Zuschauer auf eine Achterbahn der Unfassbarkeiten verfrachtet.
Der Satansanbeter Horace Bones, gespielt von dem indischstämmigen Maler und Tänzer Bhaskar Roy Chowdhury oder kurz Bhaskar, ist der Inbegriff der kleinbürgerlichen, amerikanischen Vorstellung von gesellschaftszersetzendem Abschaum – ein auf sämtliche Normen und Werte pfeifendes Subjekt von einem Gammler, dazu noch eine Art Nachwuchs-Manson. Fehlt quasi bloß noch das Bekenntnis zum Kommunismus, aber für ein solches müsste man ja Bücher lesen. In Ermangelung von heißen Motorrädern fallen Horace und seine Mädels und Jungs, die neben hochfrequentem Drogenkonsum auch noch wilde Promiskuität pflegen, also ausnahmsweise nicht unter das zu jener Zeit allseits beliebte Rocker-Stigma, sondern sind zunächst in einem psychdelisch bemalten Kleinbus unterwegs. Nachdem dieser den Geist aufgibt, sitzen sie also erstmal fest in unserer liebenswerten, repräsentativen Kleinstadt, machen sich es dort jedoch gleich mal, breitärschig, wie sie so sind, ordentlich bequem. Diese Bequemlichkeit geht natürlich schwer zu Lasten der nervlichen (und übrigen) Gesundheit der Einwohner, aber das gehört ja zum üblen Ton von derlei humanem Unrat. Zeit, dass auch ihnen mal einer einen Streich spielt und der (offenbar selbst nicht ganz dichte) Lausbub Pete kommt da gleich mit drakonischen Maßnahmen. Der vom Acid angefressene Cortex und die mit Tollwutbakterien kontaminierten Fleischpastetchen gehen eine unheilvolle Verbindung ein und schon hat man eine Horde sabbernder Wilder, die sich sogar noch irrationaler verhalten als vorher und gegen die nurmehr bloß noch mit Schusswaffe und Heugabel beikommen kann – und mit fließend Wasser natürlich, denn solches, das versichert Doc Banner, hat auf Rabiespatienten denselben Effekt wie geweihtes Nass auf den Gehörnten. Zumindest, was die Angst vor selbigem anbelangt.
Es gibt also eine ordentliche Menge Holz in diesem durchweg liebenswerten, weil nicht zuletzt gepflegt ironischem Aggroheimer von anno 70, der, so wahr ich dies hier tippe, ein legitimes Bindeglied zwischen den beiden Midnight Specials „Night Of The Living Dead“ und „The Last House On The Left“ bildet.
Ganz, ganz feiner Stoff und spitzenmäßig im Abgang!

8/10

AMERICAN GOTHIC

„I’m joining the clean plate club!“

American Gothic (Dark Paradise) ~ UK/CA 1988
Directed By: John Hough

Um die seit dem Tod ihres Babys schwer traumatisierte Cynthia (Sarah Torgov) auf andere Gedanken zu bringen, nehmen ihr Mann Jeff (Mark Erickson) und ein paar Freunde sie mit zu einem Campingtrip auf eine kleine Insel vor der Küste von Seattle. Doch das idyllische Eiland ist mitnichten unbewohnt; ein altes, strengchristliches Ehepaar (Yvonne De Carlo, Rod Steiger) lebt dort nicht weit vom Strand in einem kleinen Blockhaus. Wie sich umgehend herausstellt, hat dieses zudem drei erwachsene Kinder (Janet Wright, Michael J. Pollard, William Hootkins), die offenbar noch nie von der Insel weggekommen sind und sich nicht nur völlig infantil, sondern auch sonst sehr bizarr verhalten. Bald gibt es die ersten Verluste unter den Gästen zu beklagen und die ohnehin arg angegriffene Cynthia muss feststellen, dass die derangierte Familie buchstäblich noch mehr Leichen im Keller hat…

Das eine Zeichnung von Rod Steiger und Yvonne De Carlo zeigende Kinoplakat zu „American Gothic“ ist eine wunderbare Anlehnung an das berühmte, gleichnamige Gemälde von Grant Wood, das einen freudlosen Farmer mit Heugabel und eine Frau neben ihm zeigt, von der man nicht weiß, in welcher familiären Beziehung sie zu dem Mann steht. John Houghs Film wirkt wie eine bitterböse, schwarzhumorige Interpretation jenes Bildes, wobei auch dessen Geschichte nie die wahren verwandtschaftlichen Beziehungen der gesellschaftlich und auch technisch völlig isoliert lebenden Inselfamilie offenlegt. Es können jedoch kaum Zweifel daran bestehen, dass hier inzestuöse Kreuzverbindungen gepflegt werden. Höchstwahrscheinlich, jedenfalls ist eine solche „Erklärung“ für all die Seltsamkeiten rasch bei der Hand, sind „Ma“ und „Pa“, wie sie sich reduziert rufen, selbst Geschwister, die vor Jahrzehnten mit ihrer chaotischen Brut in dieses beschauliche Exil geflüchtet sind und aus Furcht vor Entdeckung jeden potenziellen Eindringling rigoros ausmerzen. Vor allem das mordlustige und zu noch ganz anderen Perversionen wie Nekrophilie neigende Nachwuchstrio spiegelt im Folgenden die zutiefst abartige Funktionalität wider, in der man sich hier ein einsames Sanktuarium vor der Zivilisation geschaffen hat: Seit jeher gehalten wie Kleinkinder und in Unkenntnis jedweder Moralbegriffe, begreifen die Drei ihre mörderischen Gewaltausbrüche wie lustige Streiche oder Spielchen, die Ma und Pa zudem noch gutheißen. Besonders Janet Wright, die ihr mumifiziertes Baby wie ein Püppchen überall mit hin schleppt, evoziert durch ihre wirklich grandiose Interpretation der komplett verrückten Fanny allerhöchsten Widerwillen beim Zuschauer.
Bemerkenswert an Houghs einnehmenden Film, einem genealogisch illegitimen Erben von Tobe Hoopers „The Texas Chain Saw Massacre“ nebenbei (wobei hierin wie vieles Andere auch das Kannibalismuselement in vager, mutmaßlicher Schwebe verbleibt) sind nicht nur seine inhaltliche und visuelle Kompromisslosigkeit, die sich in all ihrer unangenehmen Widerwärtigkeit geradezu lustvoll durchdekliniert finden, sondern in diesem Zusammenhang auch die Verpflichtung der zwei Weltklasse-Darsteller Steiger und De Carlo, die ihr Engagement einerseits und vermutlich in der Hauptsache wegen ihrer Gagen angenommen haben werden, andererseits jedoch all ihr Können in die Waagschale werfen und sich die dem Szenario akut innewohnende, bitterböse Komik vortrefflich zunutze machen.
Ein Juwel des Achtziger-Jahre-Horrorfilms.

8/10

BLOOD RAGE

„That’s not cranberry sauce.“

Blood Rage ~ USA 1987
Directed By: John Grissmer

Zwillinge; einer davon total total wahnsinnig, aber ausgerechnet nicht der, der in der Klapsmühle sitzt: Als Kind begeht Terry (Keith Hall) im Autokino einen blutigen Mord, den er kurzerhand seinem Bruder Todd (Ross Hall) anhängt, der dafür wiederum in die Geschlossene wandert. Als Erwachsener – Terry (Mark Soper) lebt jetzt mit seiner Mom Maddy (Louise Lasser) in der Appartmentanlage „Shadow Woods“ ihres Lebensgefährten Brad (William Fuller), sitzt Todd (Mark Soper) immer noch ein, erhält aber ab und zu Besuch von der ihn insgeheim verachtenden Mutter. Pünktlich zum Zehnjahres-Jubiläum des damaligen Mordes bricht Todd aus der Anstalt aus, um die Dinge endlich klarzustellen. Bei Terry, dem ohnehin nicht passt, dass Brad seiner Mutter just einen Heiratsantrag gemacht hat, brennen daraufhin auch die letzten Sicherungen durch und er greift zur Machete.

Jahrelang führte „Blood Rage“ nur ein sehr stiefmütterliches Dasein. Bereits 1983 gedreht, erlebte er erst vier Jahre später ein eingeschränktes Leinwandrelease unter dem Titel „Nightmare At Shadow Woods“, stark heruntergekürzt und somit seiner wichtigsten Hauptmeriten, der blutigen Mordszenen nämlich, beraubt. Mittlerweile hat sich das geändert und Grissmers Film ist seit etwa zwei Jahren in seiner ungeschnitten Glorie und digital hochauflösend zu bestaunen. Dass ihn dies insgesamt nicht wesentlich aufwertet, schadet der Sache natürlich keineswegs, im Gegenteil: Die „Blood Rage“ zuteil gewordene Behandlung ist beispielhafter Liebhaberaktionismus, nichts weniger. Dem gegenüber steht ein Film, der in all seiner dämlichen Einfalt und der erschreckenden Inkompetenz der meisten Beteiligten das Herz des unerschrockenen Betrachters vor allem als Kuriosum erfreut. John Grissmer respektive sein dp Richard E. Brooks etwa haben zum Zeitpunkt des Drehs offenbar weder davon gehört, dass es so etwas wie eine Dolly gibt, noch dass auch handelsübliche 35mm-Kameras schwenkbar sind. Ab und zu spielt man ein wenig am Zoomregler, darin erschöpft sich aber auch schon die ganze bildliche „Bewegung“. Es gibt Sequenzen, die einem die Zehnägel hochbiegen, darunter eine, in der Todd ein kleines Mädchen (Dana Drescher), das im dunklen Wald nach seiner Katze sucht, vor seinem bösen Zwillingsbruder warnt, eine, in der eine ebenso bemitleidenswert alleinstehende wie geile Nachbarin (Jayne Bentzen) ihr schüchternes Date (Ed French) rumzukriegen versucht und – absoluter Höhepunkt – die, in der die mittlerweile völlig desorientierte Louise Lasser die Vermittlung anruft, um sich zu ihrem Galan durchstellen zu lassen. Freilich lassen sich diese Szenen nur in der Langfassung „bewundern“, die damit aber zugleich verpflichtend ist.
„Blood Rage“ ist ein Film, den man gesehen haben muss. Er könnte als blühendes Negativbeispiel an jeder Filmhochschule vorgeführt werden; bewegt sich technisch und formal mit Ausnahme der immerhin liebevoll gemachten SF/X unter aller Kanone, verfügt weder über ein halbwegs rationales Script, noch über ein auch nur minimal ausgereiftes, dramaturgisches pacing. Er ist einfach so richtig hübsch gaga und damit gleichfalls unbedingt sympathisch.

4/10

FADE TO BLACK

„Snap out of it, Binford!“

Fade To Black (Die schönen Morde des Eric Binford) ~ USA 1980
Directed By: Vernon Zimmerman

Für einen Mann seiner jungen Jahre führt Eric Binford (Dennis Christopher) ein eher trauriges Leben. Er haust bei seiner im Rollstuhl sitzenden Tante Stella (Eve Brent), die ihm permanent Vorhaltungen macht, hat keine Freunde und kein Mädchen. Seine einzige große Liebe gilt dem klassischen amerikanischen Kino, dessen Fakten er in enzyklopädischer Qualität beherrscht. Entsprechend wichtig ist ihm sein Job bei einer Filmlagerungsagentur, von der er sich hier und da ein Schätzchen ausborgt, um es auf dem heimischen Projektor anzusehen. Als er die hübsche Marilyn (Linda Kerridge) die ihrem großen Vorbild Marilyn Monroe tatsächlich sehr ähnlich sieht, springt Eric über seinen Schatten und spricht sie an – mit augenscheinlichem Erfolg: Ein gemeinsames Date fürs Kino wird verabredet, dass Marilyn jedoch verschläft. Nun bricht latent Erics lauernder Wahnsinn durch. In wechselnden Masken seiner Lieblingsfilmhelden wird er zum Serienmörder.

Cosplayer des Grauens: wirklich innovativ ist an Vernon Zimmermans feiner, kleiner Mördermär eigentlich bloß die Idee, einen ausgemachten movie geek auf die Jagd zu schicken, und das immerhin zu einer Zeit, in der selbst der Videorecorder sich erst noch seinen Stammplatz in den Wohnzimmern der Welt zu erobern hatte. Ansonsten entspricht Erics charakteristische Grundierung etlichen ähnlich gelagerten Vorbildern, von Norman Bates über Willard Stiles bis hin zu Travis Bickle, bei leicht variierter Facettierung natürlich. Der einsame, schmächtige junge Mann, der wahlweise der häuslichen Isolation oder der urbanen Anonymität zum Opfer fällt, einen pathologischen Mutterkomplex pflegt (ein von Tim Thomerson gespielter, ihm nachsstellender Polizeipsychologe findet heraus, dass Erics vermeintliche Tante in Wahrheit seine Erzeugerin war), darüberhinaus eine extreme Persönlichkeitsstörung entwickelt und sich an seinem Umfeld rächt, das ist freilich ein altbekannter Motivkomplex im Genrefilm und ebenso wie der grimmige, schwarze Humor, der den zum Killer avancierenden Loner bei seinem regen Aktionismus begleitet, bereits 1980 ein standard. Zimmerman geht es aber auch gar nicht so sehr um das analytische „Warum“ wie anderen vor ihm; die psychologische Sektion überlässt er, so man sich überhaupt einer solchen zu befleißigen wünscht, ganz dem Publikum. Der im Film augenzwinkernd dargestellte Ermittler ist selbst ein gesellschaftlicher Außenseiter, der die ihm entgegenschlagende Ablehnung seines Chefs (James Luisi) mit Kokain und Sex kontrastiert. Hier hat „Fade To Black“ dann doch hinreichend Mut zur Exploitation, indem er nicht nur Erics Maskeraden und Identitätswechsel als (und zu) Tommy Udo, Dracula, Hopalong Cassidy und natürlich Cody Jarrett, sondern auch die vielen Reminiszenen an alte und neue Kinomythen insgeheim feiert und Eric Binford trotz seiner Blutrunst am Ende sogar zum tragischen Helden aller Kinoliebhaber dieser Welt deklariert. Dabei wollte er doch bloß einmal auf deren Gipfel, Ma.

8/10

MUSARAÑAS

Zitat entfällt.

Musarañas (Shrew’s Nest) ~ E/F 2014
Directed By: Juanfer Andrés/Esteban Roel

Madrid in den 1950ern. Die beiden Schwestern Montse (Macarena Gómez) und Nia (Nadia de Santiago) bewohnen ein hübsches Appartment in Madrid. Montse, die ältere der beiden, leidet unter schweren Neurosen, deren Ursprünge bis weit zurück in die Vergangenheit reichen und die sich in einer schweren Angststörung und Glaubensfanatismus manifestieren: Die als Auftragsschneiderin durchaus erfolgreich arbeitende Montse traut sich nicht, auch nur einen Fuß vor die Wohnungstür zu setzen, staffiert jedoch sämtliche Räume mit christlichen Symbolen aus. Jedwede „Außengeschäfte“ erledigt die jüngere Nia, deren romantischen Kontakt zu einem jungen Mann Montse eifersüchtig aus dem Fenster mitverfolgt und immer wieder durch aggressive Ausbrüche Nia gegenüber quittiert. Eine ihrer Kundinnen, Doña Puri (Gracia Olayo) versorgt Montse regelmäßig mit einem Opiat, von dem sie längst abhängig ist. Als ein junger Nachbar, Carlos (Hugo Silva), die Treppe im Haus herunterstürzt und sich das Bein bricht, quartiert Montse ihn im Gästezimmer ein. Da der junge Mann offenbar etwas zu verbergen hat, lässt er sich Montses Pflege zunächst bereitwillig gefallen, die heimliche Darreichung der Opiumtröpfchen inbegriffen. Als Nia begreift, dass Montse Carlos nicht mehr gehen lassen wird, ist es bereits zu spät: Der Wahnsinn ergreift endgültig Besitz von ihr.

Natürlich hat „Musarañas“ einige deutliche filmische Vorbilder, die bei entsprechender Kenntnis rasch offensichtlich werden. Vor allem aus Polasnskis „Repulsion“ und Rob Reiners King-Adaption „Misery“ bezieht das reichlich kompromisslose, komplexe Schwesterndrama einen Großteil seiner motivischen Inspiration, besitzt dabei jedoch immer noch genügend Eleganz und finster dräuende Schönheit, um sich von diesen hinreichend emanzipieren zu können. Was besonders an Andrés und Roels Film begeistert, ist dessen prononcierte Verweigerung, sich an aktuelle Techniken und Formalia zu assimilieren. In langen und konzentrierten Einstellungen verharrt die komplette Erzählzeit mit Ausnahme eines Ausflugs Nias in Carlos‘ Wohnung oberhalb und einigen der immer wieder eingeflochtenen Rückblinden strikt am selben Schauplatz, dem schwesterlichen Appartment nämlich. Hier bietet sich all der benötigte Raum für die sich schleichend zum völligen Irrsinn entwickelnde Geisteskrankheit der armen Montse, die dank Macarena Gómez‘ parallel dazu überaus zerbrechlich und nuanciert gestalteten Performance niemals zu der monströsen Killerin entwickelt, die andere Filme hinter ihrer sanften Fassade längst ausgemacht hätten. Zwar geht Montse, nachdem sie einmal die Grenze zur Gewalttäterin überschritten hat, mit zunehmend barbarischem Gestus zu Werke, wirkt jedoch nie wirklich bösartig, sondern stets pathologisch. Hierin verbirgt sich gleichfalls ein möglicher Ansatz zur Kritik: der Film lässt es sich im weiteren Verlauf nämlich nicht nehmen, Montses Attacken durch schwarzhumorige Reverenzen erträglicher werden zu lassen – ob es sich hierbei um Zugeständnisse an mögliche Zensurbefürchtungen oder gar an die Stabilität des Publikums handelt, müsste erörtert werden. Jedenfalls holt das (nichtsdestotrotz vorhersehbare) Ende nochmal den emotionalen Vorschlaghammer raus, schlägt kräftig zu damit und hinterlässt den Zuschauer mit der Gewissheit, einem in jeder Hinsicht lohnenswerten, prächtigem Filmerlebnis beigewohnt haben zu dürfen.

8/10