THE SUICIDE SQUAD

„Nom-nom?“

The Suicide Squad ~ USA/CA/UK 2021
Directed By: James Gunn

Die aus im Gefängnis einsitzenden, kriminellen oder geistesgestörten Metawesen bestehende, von Agent Amanda Waller (Viola Davis) rekrutierte „Task Force X“ aka „Suicide Squad“ erhält in weitgehend neuer Zusammensetzung einen weiteren Auftrag: Die Truppe soll auf der von einer Militärjunta beherrschten Karibikinsel Corto Maltese einfallen und eine von Regierungstruppen schwer bewachte Festung namens „Jotunheim“ zerstören, in der ein mysteriöses Forschungsprojekt names „Starfish“ beheimatet ist. Die Suicide Squad landet in zwei Abteilungen an der Küste von Corto Maltese, wobei die erste, mit Ausnahme von Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) und der verrückten Harley Quinn (Margot Robbie), unmittelbar aufgerieben wird. Die kleinere, aber deutlich wehrhaftere Abordnung besteht aus dem Söldner Robert DuBois (Idris Elba) alias „Bloodsport“, dem selbsternannten „Peacemaker“ Christopher Smith (John Cena), dem irren Laborexperiment Abner Krill (David Dastmalchian) alias „Polka-Dot-Man“, dem maritimen Halbgott Nanaue (Sylvester Stallone) alias „King Shark“ und der mit absoluter Macht über Ratten ausgestatteten Cleo Cazo (Daniela Melchior) alias „Ratcatcher II“. Gemeinsam arbeitet sich das Team bis in die Hauptstadt vor, nimmt den Projektleiter Gaius Grieves (Peter Capaldi) alias „Thinker“ gefangen und gelangt mit dessen Hilfe in die Mauern von Jotunheim. Die ursprüngliche Mission kann unter Verlusten erfüllt werden, doch mit der Einebnung des Gebäudes wird zugleich eine neue, furchtbare Gefahr entfesselt. Von nun an muss die Suicide Squad auf eigene Rechnung arbeiten…

Wie der „Guardians Of The Galaxy“-Betreuer James Gunn zu seinem Zwischenspiel beim DCEU kam, dürfte ja hinlänglich bewusst sein. Dass damit zugleich ein kleiner, kreativer Brückenschlag zwischen den beiden Comicfilm-Riesen vollzogen wurde, erweist sich als so gleichermaßen reizvoll wie schadenfreudig: Während Disney und MCU-Mastermind Kevin Feige Gunn vormals eher in weitgehend domestizierten Schranken arbeitenund seine bekanntermaßen im derberen Filmschaffen wurzelnde Kreativenergie sich in psychedelischen Space-Gags sublimieren ließen, konnte er bei DC zum ersten Mal seit seinem zweiten Film „Super“ wieder vollends die Sau durchs Dorf und es gerade so bunt treiben, wie ihm der freche Schnabel gewachsen ist. Das Resultat ist die erste echte splatter comedy im großbudgetierten High-End-Superheldenfilm, eine liebenswert-böshumorige Burleske, in der geholzt wird, dass die Schwarte kracht. Dabei wird die makrokosmische Anbindung an Zack Snyders DC-Trilogie aufrecht erhalten und es handelt sich tatsächlich auch nicht, wie gelegentlich aufzuschnappen war, um ein Reboot von David Ayers „Suicide Squad“, sondern um ein echtes Sequel, das zur gleichen Zeit allerdings eine umfassende Renovierung des Originals betreibt. Bekanntermaßen wurde Ayer damals gehörigst in die Schranken gewiesen und dazu angehalten, seine Vision dieses verlottertsten aller Heldenteams so jugendfrei als möglich abzuliefern. Die Gags darin nahmen sich dementsprechend eher durchgemangelt aus und der overfiend wenig denkwürdig. Mit all diesen kleinen und großen Faux-pas räumt Gunn in seiner sehr persönlich gefärbten Vision der Squad rigoros auf: Ihren selbstmörderischen Beinamen trägt die Task Force X nunmehr völlig zu Recht; unmittelbar zu Beginn wird der gewissermaßen zur Ablenkung der Kerngruppe dienenden Vorhut der Garaus gemacht, als gäbe es kein Morgen mehr und die Marschrichtung des Films damit auch gleich unumwunden vorgegeben. Der im Folgenden von Gunn ausgerollte Irrsinnsteppich besteht aus einem Füllhorn mitunter brillanter visueller Einfälle, kleinen, manchmal etwas überschmückt scheinenden Nebenepisödchen [über Wert und Nutzen der als Bypass eingeflochtenen Kurzromanze zwischen Harley Quinn und dem Inseldespoten Luna (Juan Diego Botto) ließe sich etwa diskutieren – zweifelsohne dient sie in erster Linie dazu, Robbie Screentime zu verschaffen] und natürlich dem famosen Endkampf gegen den klassischen JLA-Gegner Starro, einen gewaltigen, außerirdischen Seestern, der sich seine Untertanen mittels kleiner Versionen seiner selbst, die er auf deren Gesichter pflanzt, gefügig macht. Wenn man es recht bedenkt, konnte der in Gestalt und Ausprägung nicht mehr ganz zeitgemäße Starro auch nur von einem wie Gunn zum Leinwandleben erweckt werden, die meisten anderen Filmemacher hätten sich vermutlich bis auf die Knochen blamiert. Schließlich lassen sich Gebrauch und Kompilierung der Figuren als gehörig sarkastisches Statement begreifen – die zur neuen Suicide Squad zählenden Charaktere sind, natürlich mit Ausnahme von Fanliebling Harley Quinn, die, ohne allzu augenfällige Beschränkungen zu erfahren, im Prinzip das einzig greifbare räsonistische Bindeglied zwischen dem etablierten DCEU und Gunns abgefucktem Grand-Guignol-Zirkus darstellt, allesamt letztklassige Seitenfüller, an die sich in erster Linie wohl nur wandelnde Comic-Enzyklopädien erinnern werden. Dass es zugleich aber nur solche vergessenen TertiärschurkInnen sein können, mit denen Gunn ins Feld zieht, ist letzten Endes so evident wie eigentlich alles andere auch an diesem rüpelhaft-spaßigen Film.

8/10

THE REINCARNATION OF PETER PROUD

„Most people in this world don’t even know who they are – and you wanna know who you were!“

The Reincarnation Of Peter Proud (Die Re-Inkarnation des Peter Proud) ~ USA 1975
Directed By: J. Lee Thompson

Der College-Professor Peter Proud (Michael Sarrazin) wird von bizarren Träumen heimgesucht, in denen er, im Körper eines anderen Mannes (Tony Stephano) steckend, offenbar Jahrzehnte zuvor im Oldtimer durch irgendeine neuenglische Stadt braust, mit verschiedenen Frauen Sex hat und schließlich von einer von ihnen, einer gewisse Marcia (Margot Kidder), während eines nächtlichen Schwimmgangs mit einem Bootsruder erschlagen wird. Da diese Schlaferlebnisse immer intensiver werden, ihn nicht loslassen und Peter sogar beginnt, im Schlaf mit einer fremden Stimme zu sprechen, sucht er sich prfessionelle Unterstützung unter anderem bei dem PSI-Forscher Samuel Goodman (Paul Hecht), der zwar ein offenes Ohr für Peters Nöte hat, ihm jedoch auch keine wirkliche Hilfe ist. Ein Fernsehbericht über Massachusetts liefert schließlich nähere Hinweise: Peter erkennt darin Gebäude aus seinen Träumen wieder. Deren reale Entsprechung findet er nach intensiver Suche vor Ort schließlich in dem Städtchen Massachusetts, das ihm dann auch den unheimlichen Rest offenbart: In Peters Seele hat sich der Geist des vor rund dreißig Jahren von seiner Gattin ermordeten Jeff Curtis eingenistet. Als Peter sowohl dessen Witwe Marcia als auch Curtis‘ Tochter Ann (Jennifer O’Neill) kennenlernt, bahnt sich ein Drama an…

Auf den Spuren von Hitchcock und zugleich ironischerweise den Hitchcocks Motive später wiederum vielfach aufgreifenden De Palma antizipierend wandelt „The Reincarnation Of Peter Proud“, einer der letzten Filme mit phantastischem Überbau des wie gewohnt bunt genreübergreifend arbeitenden J. Lee Thompson. Der um die obsessive Aufdeckung eines Wiedergänger-Mysteriums kreisende „Vertigo“-Topos spiegelt sich darin, variiert und auf nicht unspannende Weise alterniert: Diesmal findet der von seiner Suche zunehmend Besessene nicht die Doppelgänger-Entsprechung einer (durch ein Komplott) zu Tode gekommenen Liebschaft, sondern eine vormals von ihm selbst gelebten Existenz. Da wir uns im Horror-/Thriller-Fach bewegen, spielt auch in Peter Prouds dramatische Geschichte ein ungeklärter und vor allem ungesühnter Mordfall hinein, wenngleich ohne solch geschickte Verschleierungstaktiken wie im großen Vorbild.
Peters Suche nach seinem früheren Ich gestaltet sich zunächst dennoch ebenso assoziativ und zufallsabhängig wie die von Scottie Ferguson nach „seiner“ Madeleine; es erfordert eine Menge investigativer Aufwändungen, darunter eine Reise einmal quer über den Kontinent, vom sonnigen Kalifornien geradewegs in die Heimstatt des ehernen Puritanismus, um Konkretes über das vormals gelebte Leben des Jeff Curtis zu erfahren. Pikant wird es schließlich, als Peter sich in Curtis‘ und damit zumindest im metaphysischen Sinne zugleich in die eigene Tocher verliebt, mit ihr schläft und sie schließlich heiraten will; ein unheiliges, inzestuöses und moralisch unmögliches Band wird geknüpft. Was nicht sein darf, geschieht – und wiederum nicht ohne kosmische Konsequenz. De Palma untersuchte das Ganze nur ein Jahr später mehr oder weniger repetitiv auf ähnliche Weise in seinem – allerdings sehr viel kunstvoller, barocker und komplexer inszenierten – „Obsession“. Freilich schläft das Karma als universeller Rechtssprecher, womit wir nebenbei erneut bei Hitchcock wären, auch in „The Reincarnation Of Peter Proud“ nicht: In seinem Bestreben, den unseligen Geist des zu Lebzeiten promisken Ehebrechers und Erbschleichers Jeff Curtis ein für allemal loszuwerden, sucht Peter sämtliche Orte aus seinen Träumen auf, woraufhin diese ihn dann nicht länger heimsuchen. Als er mit jenem Ansinnen jedoch Curtis‘ verhängnisvolle Schwimmaktion nachstellt, ist die psychisch labile Marcia, die längst geblickt hat, dass der einst von ihr ermordete Jeff sie gewissermaßen in Peters Körper heimsucht und ihn nunmehr für die Blutschande an der gemeinsamen Tochter zu bestrafen trachtet, nicht fern. Der Schicksalskreis schließt sich unvermeidlich und der Rezipient wird hernach mit einem schön abgründigen Finale ins große Sinnieren entlassen.
Dass die Kidder drei Jahre zuvor in De Palmas „Sisters“ gespielt hatte und der Scriptautor Ehrlich sich den Vornamen mit „Homo Faber“-Autor Max Frisch teilt, sind übrigens bloß reine Koinzidenzen.

7/10

THE BANK JOB

„This robbery’s pissed off some local villains.“

The Bank Job ~ UK/USA/AUS 2008
Directed By: Roger Donaldson

London, 1971. Der MI5 findet heraus, dass der militante, selbsternannte Londoner Black-Power-Führer Michael X (Peter De Jersey) kompromittierende Fotos eines Mitglieds des Königshauses besitzt und damit nach Belieben sämtliche staatlichen Autoritäten erpressen kann. Man findet heraus, dass jene Bilder in einem Tresorschließfach der Bank Lloyd’s lagern. Um ihrer auf inoffiziellem Wege habhaft zu werden, beschließt man, über komplizierte Wege ein paar Kleinganoven zu einem Einbruch anzustiften und die Fotos dann später zu sichern. Der „Bank Job“ geht über die kleinkriminelle Martine Love (Safron Burrows) an den hochverschuldeten Luxuswagenverkäufer Terry Leather (Jason Statham), der mit vier weiteren Beteiligten den Bruch plant und trotz einiger Faux-pas erfolgreich durchführt. Von den belastenden Aufnahmen ahnen Terry und seine Männer im Gegensatz zu Martine zunächst nichts, ebensowenig davon, dass sich neben Geld und Schmuck nunmehr noch ganz andere, höchst brisante Objekte in ihrem Besitz befinden…

Um den Baker Street Robbery am 11. September 1971, dessen Täter nie gefasst wurden und dessen Beute größenteils unentdeckt blieb, ranken sich, ähnlich wie um Jack The Ripper, einige bunte Verschwörungstheorien, die Mitglieder der allerhöchsten britischen Kreise beinhalten. Eine recht populäre davon behandelt dieser von Roger Donaldson, der sich im Falle seiner period pieces ja stets authentisch verwurzelter Sujets annimmt, wie üblich brillant inszenierte Heist-Thriller. Darin wird die – durchaus sympathische – Einbrecherclique von niemand Geringerem als dem Geheimdienst MI5, respektive dessen Aktivposten Tim Everett (Richard Lintern) auf das schmutzige Geschäft angesetzt, was die Beteiligten erst nach dem eigentlichen, auf verblüffende Weise gelungenen Bruch in die Bredouille versetzt. In den ausgeraubten Schließfächern befinden sich neben den heiklen X-Fotos, die Prinzessin Margaret beim flotten Dreier zeigen, nämlich unter anderem noch ein Notizbuch des Sohoer Pornokönigs Lew Vogel (David Suchet), in dem minutiös sämtliche seiner Schmierungen von Londoner Polizisten aufgeführt sind, sowie ein Fotographie-Portfolio der Puffmutter Sonia Bern (Sharon Maugham), das diverse Unter- und Oberhausmitglieder in ziemlich prekären Situationen dokumentiert. Mit seiner reichhaltigen Beute wird das Sextett zunächst also alles andere als glücklich; vor allem Vogel und einige seiner Mittelsleute bei der Polizei gehen alles andere als zimperlich vor, um ihren Besitz zurückzuerlangen.
Einige historische Fakten werden noch mitverwurstet, so die Flucht des zeitweiligen John-Lennon-Protegés Michael X nach Tobago, der, nachdem er die Freundin (Hattie Morahan) seines Adlatus Hakim Jamal (Colin Salmon) ermoden lässt aufgrund des Verdachts, sie sei eine Spionin (wiederum eine fiktionalisierte Facette des Filmscripts), gefasst und später in Port of Spain hingerichtet wurde. Was nun wahr ist und was Erfindung, scheint in Anbetracht des lustvoll ausgebreiteten Ränke-Tableaus, das „The Bank Job“ durchaus vortrefflich arrangiert, geradezu nebensächlich. Die Verwicklungen von Staatsräson, illegalen Aktionen, Unterwelt und Korruption, an deren losen Enden sich ausgerechnet die Einbrecherbande noch als die Unschuldigsten aller Beteiligten erweist, geben ein sehr schickes, oftmals bitterbös karikierendes Empire-Bild ab. Dass ein paar Details verbesserungswürdig bleiben, verleidet Donaldsons sechzehnter Regiearbeit allerdings das letzte i-Tüpfelchen: So sehen sowohl Statham mit seinem üblichen Dreitagebart als auch Safron Burrows kein bisschen aus wie zwei Londoner zu Beginn der siebziger Jahre, sondern wie zwei modelhafte Schauspieler von 2008, die in einem period piece auftreten. Ähnliches gilt für den Score (J. Peter Robinson), der, im Gegensatz zu den Songeinspielern, leider ebenfalls keierlei periodische Anbindung aufweist. Derlei Nachlässigkeiten führen leider dazu, dass man allenthalben aus der Illusion des Zeitkolorits herausgerissen wird, was in Anbetracht der sonstigen Qualitäten von „The Bank Job“ zwar verschmerzbar ist, aber dennoch unnötig gewesen wäre. Ich habe mich während des Films häufiger gefragt, wie wohl Guy Ritchie, für den der Stoff sich ja eigentlich geradezu prototypisch ausnimmt, das Ganze dirigiert hätte. No pun intended.
Sein übliches Happy End jedenfalls gönnt Donaldson entgegen allen Wahrscheinlichkeiten wiederum auch Terry Leather und seiner Familie. So schließt sich dann auch dieser Kreis.

8/10

APT PUPIL

„Oh, my dear boy, don’t you see? We’re fucking each other.“

Apt Pupil (Der Musterschüler) ~ USA/CAN/F 1998
Directed By: Bryan Singer

Kalifornien, 1984. Der mit hervorragenden Noten gesegnete Kleinstadt-Schüler Todd Bowden (Brad Renfro) ist fasziniert vom Holocaust, mit dem er sich auch in seiner Privatzeit ausgiebig beschäftigt. Eines Abends sieht er bei einer Busfahrt einen alten Herrn (Ian McKellen), in dem Todd den Nazi-Verbrecher Kurt Dussander zu entdecken glaubt. Seine eingehenden Recherchen beweisen Todd schließlich, dass er mit seiner Vermutung Recht hat. Er konfrontiert den einsam als „Arthur Denker“ lebenden Senioren mit der Wahrheit und erpresst ihn: Dussander soll Todd ausnahmslos alles über seine aktive Zeit als SS-Scherge und KZ-Kommandant berichten, jedes noch so unappetitliche Detail inbegriffen. Während sich in den folgenden Wochen Todds Obsession immer weiter intensiviert, hinterlassen Dussanders Schilderungen tiefe psychische Wunden bei ihm; seine schulischen Leistungen verschlechtern sich dramatisch und vormals unterdrückte, aggressive Wesenszüge brechen sich Bahn. Doch auch in Dussander keimt noch immer der Samen des Bösen. Als der Alte den aufrdinglichen Penner Archie (Elias Koteas), der ihn zu erpressen versucht, unter Todds aktiver Mithilfe ermordet, kulminiert die brisante Situation.

Die nach mehreren erfolglosen Ansätzen 1998 schließlich doch noch erfolgte Adaption der bereits 1982 in Stephen Kings Anthologie „Different Seasons“ veröffentlichten Geschichte „Apt Pupil“ weist interessante Analogien zum jüngst gesehenen „Hearts In Atlantis“ auf, was auch der vordringliche Grund für mich war, ihn einer Revision zu unterziehen. Beiden Storys zugrunde liegt die Prämisse, einen orientierungsbedürftigen Halbwüchsigen in eine intensive Beziehung zu einem mysteriösen Senioren zu setzen, dessen geheimnisvolle Innenwelten den jungen Mann auf die eine oder andere Weise nachhaltig prägen. In beiden Fällen wird jenes etwas bizarre Verhältnis von besorgten Eltern(-Teilen) misstrauisch beäugt, wobei der weitere Verlauf dieses untergeordneten Erzählstranges in „Apt Pupil“ relativ rasch entkräftet wird – fußt die „Freundschaft“ von Herrn und Meister hier doch ohnehin ausschließlich auf wechselseitiger Boshaftigkeit, Erpressung, psychischer Gewaltausübung und Angst. Dennoch vermag auch Kurt Dussander, seinen titelgebenden „Schüler“ zwischenzeitlich wieder auf geradere Bahnen zurückzuführen, wobei das von vornherein auf Lügen aufgebaute Beziehungskonstrukt sich für Todd am Ende als umso fataler erweist. Im Nachhinein erhält „Apt Pupil“ ferner eine zusätzlich bittere Note: Der mehrfach wegen sexueller Missbrauchsdelikte (ein Fall davon geht direkt auf die Dreharbeiten einer Duschszene zu „Apt Pupil“ zurück) angeklagte Singer verhandelt hier mehr oder minder offenkundig sein ambivalentes Verhältnis zur eigenen, möglicherweise aus Karrieregründen verhaltenen Homosexualität, was diesen, seinen zweiten Film, möglicherweise zugleich zu seinem persönlichsten macht: Als Todd einer ihn zu verführen versuchenden Mitschülerin (Heather McComb) mit mehr oder weniger achselzuckendem Desinteresse begegnet, konfrontiert sie ihn mit der ihn überraschenden Vermutung, dass er möglicherweise ja schwul sei; später schürt die Annahme des von Dussander mit nach Hause genommenen, obdachlosen Archie, dass er ihm sexuell gefällig sein solle und das für ihn auch nichts Neues darstelle, offensichtlich noch die Mordlust des Alten, der seinem Opfer unmittelbar daraufhin ein Messer in den Rücken rammt. Dass die Rolle des Altnazis mit dem phantastischen Schauspieler und ehernen Schwulenaktivisten McKellen besetzt wurde (der ja später noch für Singer den Erik „Magneto“ Lehnsherr spielen sollte), scheint in diesem Zusammhang nur konsequent. Ich würde sogar soweit gehen, die von einer so subtilen wie prägnanten sadomasochistischen Ebene (die besonders deutlich wird in einer einprägsamen Szene, in der Todd Dussander nötigt, in einer SS-Uniform für ihn zu marschieren und zu salutieren) geprägte, pathologische Symbiose der beiden Protagonisten auch als kleine Hommage an die entsprechende, psychologisch abründige Konstellation in Liliana Cavanis meisterlichen „The Night Porter“ zu erachten, natürlich so weit zurückgestutzt, wie es sich für eine Hollywood-Mainstream-Produktion geziemt.
Wie dem auch sei, bei „Apt Pupil“ handelt es sich trotz diverser Abweichungen zur Vorlage abermals um eine sehenswerte King-Verfilmung, zumal sie sich in die Phalanx jener darunter einreiht, die auf mehr oder minder nachdrückliche Weise auch die Obsessionen ihre Regisseure reflektieren.

7/10

A CLASSIC HORROR STORY

„Stronzo.“

A Classic Horror Story ~ I 2021
Directed By: Roberto De Feo/Paolo Strippoli

Die ungewollt schwangere, kurz vor einer Abtreibung stehende Studentin Elisa (Matilda Lutz) nutzt eine von Filmbuff und Camperbesitzer Fabrizio (Francesco Russo) organisierte Fahrgemeinschaft nach Kalabrien. Mit an Bord sind noch der Arzt Riccardo (Peppino Mazzota) und das junge Traveler-Pärchen Mark (Will Merrick) und Sofia (Yuliia Sobol). In der Nacht setzt der angetrunkene Mark den Wagen mitten in den Wäldern vor einen Baum, nachdem Fabrizio ihm ins Steuer gegriffen hat um einem auf der Straße liegenden Reh auszuweichen. Als das verunfallte Quintett am nächsten Morgen erwacht, ist die Straße verschwunden, stattdessen befindet sich der Camper auf einer Lichtung, auf der auch ein mysteriöses, kleines Holzhaus steht. Bei diesem handelt es sich scheinbar um eine Art Kultstätte heidnischer Sektierer, die drei unheiligen, mittelalterlichen Heilsbringern Menschenopfer kredenzen. Gemeinsam mit einem gewaltsam seiner Zunge entledigten Mädchen (Alida Baldari Calabria), das sie im Haus entdecken, flieht die mittlerweile um Mark dezimierte Gruppe querfeldein, doch alle Entkommensversuche erweisen sich als sinnlos. Die besonders mitgenommene Elisa entdeckt schließlich, das nicht alles ist, wie es scheint…

Wenn zwei junge, von Netflix finanzierte, offenkundig genreaffine Nachwuchsfilmer ihr erstes gemeinsames Werk „A Classic Horror Story“ titulieren, dann zeugt dies wahlweise von besonderem Geisteswitz, mäßigem Humor oder egomanischem Größenwahn. Was davon am Ehesten auf De Feo und Strippoli zutrifft, vermag ich nicht recht zu konstatieren, aber zu ersterem tendiere ich am wenigsten. Der Name des Films ist insofern zutreffend, als dass das Duo sichtlich bemüht ist, möglichst viele der es umtreibenden Genremotive der letzten beiden Jahrzehnte in sein Script zu pfropfen und damit eine wie auch immer geartete Form von „Versiertheit“ zu demonstrieren. „How To Replicate A Dozen Or More Horror Clichés“ wäre insofern zumindest ein ehrlicherer Titel gewesen. Daraus, dass den Autoren im Besonderen daran gelegen ist, den Horrorfilm (zurück) nach Italien zu holen, machen sie im letzten Fünftel, dass natürlich der final girl revenge vorbehalten ist, keinen Hehl und das ist auch grundsätzlich absolut in Ordnung. Schade um die den Film in diesem Zusammenhang zumindest noch ein klein wenig ehrenrettende Matilda Lutz, der nach Coralie Forgeats „Revenge“ doch deutlich Ansprechenders gebührt hätte. Man sollte man doch bitte ein wenig Innovation wagen, denn so wird auch aus den hehrsten Zielen nichts, amici.
Als unausgegorenes Abfallprodukt zu (im Wesentlichen) Ari Asters „Midsommar“ lässt „A Classic Horror Story“ zumindest Erinnerungen an die frühere, kommerzielle Tradition des italienischen Kommerzplagiatismus aufkeimen – ich bezweifle aber, dass solcherlei wirklich im Sinne der Erfinder lag. Paganistische Hinterwäldlerkultisten in hirschartigen Holzmasken kann man nunmehr, zumal in derlei hilflos-unatmosphärische Korsettierungen gezwängt, jedenfalls kaum noch als erschröcklich bezeichnen – auch, wenn die „Auflösung“ sich dann in eine geflissentlich andere Richtung bewegt, Stichwort „’Ndrangheta“, nebst arrivierter Matriarchin (Cristina Donadio), die das professionell gefertigte Snuff Movie als neues, monetäres Mafia-Standbein etabliert. Das alles kommt im dazugehörigen Film mindestens so unausgegoren und dümmlich daher, wie es sich hier liest und ringt einem selbst als zumindest etwas begüterterem Genrefreund bereits ab einem frühen Zeitpunkt bloß noch permanentes Augenrollen ab. Ob der sich so selbstbewusst-breitärschig zwischen alle angebrachten Stühle setzende „A Classic Horror Story“ demzuzfolge überhaupt (s)ein Publikum finden wird, geschweige denn hat, würde mich da in letzter Instanz auch kaum mehr interessieren. Kann weg.

3/10

SENZA RAGIONE

Zitat entfällt.

Senza Ragione (Blutrausch) ~ I/UK 1973
Directed By: Silvio Narizzano

Drei Ganoven, der soziopathische Amerikaner Memphis (Telly Savalas), der kaum minder aufgedrehte Mosquito (Franco Nero) sowie dessen devote Freundin Maria (Ely Galleani), überfallen einen Juwelier (Giuseppe Mattei) in Rom. Auf der anschließenden Flucht durch ein paar enge Gassen schrotten sie ihren Wagen und stehlen stattdessen kurzerhand den Mercedes der Diplomatengattin Margaret Duncan (Beatrice Clary), auf dessen Rückbank sich Lennox (Mark Lester), der halbwüchsige Filius der Duncans, versteckt hält. Erst später registriert das Trio die Anwesenheit Lennox‘, womit die sich ohnehin planlos verlaufende, gen französische Grenze richtende Odyssee der Gangster vollends in eine Reise geradewegs ins verschneite Inferno verwandelt.

Für die mit Psychotikern ja geradezu gesäumten Flucht- und Amokgeschichten des italienischen Gangsterfilms der anni di piombo bildet „Senza Ragione“, dessen akurat übersetzter Titel eigentlich (und deutlich passender zudem) „Ohne Vernunft“ zu lauten hätte, nochmal einen kleinen Sonderfall dar. Das in Kooperation mit den Briten entstandene, wilde Road Movie kombiniert mit den Darstellern des Protagonistentrios ein lediglich auf den ersten Blick extravagant erscheinendes, für seine Entstehungszeit dann aber wiederum doch gar nicht mal so außerordentliches Antihelden-Kleeblatt. Selbst für das damalige darstellerische Œuvre Mark Lesters, des just auf seinem Zenit als Kinderstar befindlichen Filius des mitproduzierenden Michael Lester, bildet der psychologisch differenziert angelegte Part des zusehends aus seiner angestammten gesellschaftlichen Rolle fallenden Kidnapping-Opfers keine allzu spezifische Ausnahme.
Das zunächst noch als Quartett gleicht rasch einer dysfunktionalen Familie, die durch die unberechenbaren gewaltvollen Ausbrüche ihres schwärzesten Schafs zunächst um ihren weiblichen Bestandteil dezimiert wird und dann immer weiter auf direktem Verderbniskurs navigiert. Ausnahmslos alles läuft von Anfang an schief für Mosquito und Memphis – insbesondere infolge der affektgesteuerten Unbeherrschtheit von letzterem, der im Laufe der Geschichte immer mehr unschuldige Opfer anhäuft, darunter einen Hirtenjungen und eine fünfköpfige deutsche Camperfamilie. Selbst eine dreibeinige Hündin, die Memphis treu nachläuft, bleibt nicht von ihm verschont. Dessen in direkter Folge fast immer höchst theatralisch geäußertes Bedauern über die jeweilige Gewalttat gehört gewissermaßen obligatorisch zum mörderischen Gesamtprocedere seines kopflosen Aktionismus. Ein verzweifelter Versuch von Mosquito und Lennox, sich von Memphis‘ abgründigem Weg zu emanzipieren, bleibt auf der Strecke, die (maskuline) Kernfamilie bleibt unweigerlich beisammen, bis zum bitterenden Ende. Dabei bevölkert sie ihre eigene Parallelwelt; sämtliche Personen außerhalb ihres Zirkels wirken wie Fremndkörper: die nur als phantomeske Staatsentität präsente Polizei, Lennox‘ desinteressierte Eltern, eine verblichene Adelige (Maria Michi), deren ruinöser, einsamer Palast Mosquito und Lennox nur sehr kurzzeitig als Sanktuarium dient.
Der ein ebenso überschaubares wie ungewöhnliches Regiewerk aufweisende Italo-Kanadier Narizzano inszeniert sein Werk analog zum chaotischen Trip seiner Figuren durchweg ruppig, ungeschliffen und teils sogar improvisiert scheinend. Wenn „Senza Ragione“ überhaupt eine wie auch immer geartete Form von „Schönheit“ aufweist, dann nimmt sich diese so vorsätzlich unelegant wie morbid aus. Dass der Film anders als viele seiner weitaus weniger prominent besetzten, zeitgenössisch entstandenen Gattungsgenossen sich irgendwie krampfhaft jeder hochgejubelten Wiederentdeckung sperrt, spricht Bände – zu unbequem, zu abstrakt, zu böse vielleicht, scheint er mir.
So wird in den meisten deutschsprachigen Reviews zu „Senza Ragione“ zudem gern und leidenschaftlich wider dessen Synchronfassung kolportiert, für die ich an dieser Stelle einmal ausnahmsweise in die Bresche springen möchte. Der erst 1983 anlässlich der hiesigen Videopremiere angefertigten Berliner Brunnemann-Vertonung von Michael Richter (der unter anderem auch für das legendäre „Söldnerkommando“ verantwortlich zeichnete, was den wiederkehrenden Begriff „Bratenbengel“ erklärt) wird vorgeworfen, sie kalauere unentwegt daher und zerstöre dadurch die melancholische Grundstimmung des Geschehens. In der Tat trägt feuert insbesondere der auf Savalas besetzte Edgar Ott seine oftmals monologischen Zeilen vor allem zu Beginn ab, als befände er sich in einem absurden Theaterstück. Das ist, zumal anfänglich, in dieser Form gewiss gewöhnungsbedürftig, ergänzt „Senza Ragione“ aber vielmehr nochmals um jene ganz besondere, eigene Kunstform des Synchronfachs, die sich dann im weiteren Verlauf irgendwann doch der zusehends nihilistischen Atmosphäre unterwirft und trotz aller halsbrecherischen Verbaldrescherei den Film niemals zur befürchteten, albernen Komödie degradiert.

8/10

SWEET SIXTEEN

I’ve never seen nothing like it.“

Sweet Sixteen ~ USA 1983
Directed By: Jim Sotos

Der Archäologe Dr. Morgan (Patrick MacNee) lässt sich für ein paar Monate mit seiner Frau Joanne (Susan Strasberg) und seiner knapp sechzehnjährigen Tochter Melissa (Aleisa Shirley) in einer texanischen Kleinstadt nieder, um Ausgrabungen an einer indianischen Kultstätte zu überwachen. Die hübsche Melissa verdreht sämtlichen Jungs der Gegend den Kopf – umso tragischer ist es, dass gleich zwei ihrer juvenilen Verehrer (Glenn Withrow, Tony Perfit) kurz hintereinander erstochen aufgefunden werden. Der alleinerziehende Sheriff Burke (Bo Hopkins) hat nun alle Hände voll damit zu tun, sowohl seine eigenen Kids Marci (Dana Kimmell) und Hank (Steve Antin) vor dem mysteriösen Killer zu schützen als auch damit, ein wachsames Auge auf die beiden natives Grayfeather (Henry Wilcoxon) und Jason Longshadow (Don Shanks) zu haben, denen einige der Kleinstädter die Morde in die Schuhe schieben möchten.

Wenngleich das Script zu Jim Sotos‘ zweiter Regiearbeit, einer trotz amtlicher Besetzungsliste günstig geschossenen Indie-Produktion, traditionelle Slasher-Elemente befleißigt, fügt sich „Sweet Sixteen“ nicht recht in das zu seiner Entstehungszeit noch sehr gängige Subgenre. Dazu gibt er sich einerseits zu ambitioniert, kann aber andererseits die angestrebten Meriten nicht wirklich zufriedenstellend einlösen. Zwar sucht sich der Killer seine Opfer – zumindest zunächst – im Teenagermilieu, darum schert sich der Plot de facto aber kaum. Wesentlich mehr Interesse bietet jener für den antiindianischen Rassismus auf, der das nur scheinbar idyllische, südstaatliche Kleinstadtleben latent heimsucht und primär durch zwei stereotypische white trasher, den allenthalben pöbelnden Billy Franklin (Don Stroud) und seinen debilen Adlatus Jimmy (Logan Clarke) repräsentiert wird. Für Franklin ist selbst der Mord an seinem Sohn lediglich ein überfälliges Motiv dafür, den alten Greyfeather endlich per Lynchjustiz zu entsorgen. Gewissermaßen erst im Nachgang dieser prominent entwickelten Bypass-Story lüftet sich dann das Geheimnis um den Mörder respektive die MörderIN – bei dieser handelt es sich nämlich um die unter einer heftigen Identitätsstörung leidenden Joanne Morgan, die in Wahrheit ihre eigene Schwester Trisha ist und die dereinst Joannes Selbstmord bezeugen musste, der wiederum aus einem durch den Vater verursachten Missbrauchstrauma resultierte. Um ihrer Tochter Melissa ähnliches Leid zu ersparen, entledigt sie sie aller möglichen potenziellen Verehrer. Dabei erwischt es im Finale immerhin auch die beiden Unholde Billy und Jimmy, deren asoziale Boshaftigkeit wie sich zeigt nicht mit offenem Rassismus begnügt.
Trotz der durchaus progressiven Topoi, die „Sweet Sixteen“ anreißt, offenbart er etliche inszenatorische und dramaturgische Schwächen. In seinem Bestreben, diverse der tragenden Figuren im whodunit sense möglichst offen zu zeichnen, stellt er sich selbst ein Bein, denn so verharrt deren Charakterisierung ausnahmslos zwischen oberflächlich und albern. Die Tatsache, dass zwei junge Männer grausam ermordet und beerdigt werden, hält das unbedarfte Kleinstadtvolk indes nicht davon ab, in direkter Folge und ohne Täteridentifikation eine launige Geburtstagsparty für Melissa zu schmeißen, im Zuge derer Stroud, Clarke und nicht zuletzt Michael Pataki als unfähigster Bürgermeister diesseits des Rio Grande („I hate funerals“) hinreichend Gelegenheit erhalten, sich als schmierige Schwerennöter zu präsentieren.
Trotz (oder wahlweise auch nebst) alledem bewahrt sich „Sweet Sixteen“ einen gewissen, spezifischen Charme, da man ihm jederzeit anmerkt, dass er eigene Wege zu gehen versuchte. Etwas kompetentere Fertigkeiten im Off hätten da jedoch möglicherweise noch manches zu optimieren vermocht.

5/10

TRESPASS

„We can all die, cause I don’t give a fuck anymore!“

Trespass ~ USA/BG 2011
Directed By: Joel Schumacher

Die dreiköpfige, wohlhabende Familie Miller wird zum Opfer eins erpresserischen Überfalls, in dessen Zuge sie ein Quartett Krimineller (Ben Mendelsohn, Cam Gigandet, Dash Mihok, Jordana Spiro) in ihrer heimischen Villa festsetzt mit dem Plan, Ehemann und Vater Kyle (Nicolas Cage) Diamanten und Bares abzutrotzen. Doch die nur vordergründig glücklichen Millers haben schon selbst mit diversen Problemchen zu hantieren…

Joel Schumachers letzter Film geriert sich als de facto wenig substanzielles, aber zumindest schick ausgestaltetes Home-Invasion-Thrillerdrama für den gradlinigen Alltagsgebrauch. Mit Cage und Kidman konnte Schumacher auf zwei ihm aus voherigen Kollaborationen bekannte HauptdarstellerInnen zurückgreifen, deren jeweilige Karrieren sich zum gegebenen Zeitpunkt in (altersbedingtem?) Talkurs befanden. Wie in William Wylers „The Desperate Hours“, der ehrwürdigen Mutter aller Subgenre-Filme, entwickelt sich die repressive Situation zur psychosanitären Belastungsprobe für die Belagerten: Unausgesprochene, jedoch längst akut dräuende Wahrheiten kommen auf den Tisch – die keinesfalls mehr so rosige Finanzsituation, unbestätigte Verdachtsmomente im Hinblick auf die mögliche Untreue von Mutter und Gattin Sarah (Kidman), die Entfremdung der pubertierenden, sich abgehängt wähnenden Tochter Avery (Liana Liberato). Den Millers gegenüber stehen die vier mit allen Klischeewassern gewaschenen Ganoven: Anführer Elias (Mendelsohn), der keineswegs so souverän ist, wie er tut, seine Freundin, die drogensüchtige und depressive Petal (Spiro), Elias‘ jüngerer Bruder Jonah (Gigandet), ein Psychotiker, der ständig „seine Pillen“ nehmen muss und schließlich der rigorose Ty (Mihok), der gewissermaßen für den glatten Ablauf des Coups sorgen soll. Nachdem den Figuren ihre Ausgangsstellung zugewiesen ist, entbrennt ein dialogintensives sich sukzessive zuspitzendes Hickhack, im Zuge dessen das Script (Karl Gajdusek) sich nach Kräften bemüht, die Spannung auf einem konstanten Level zu halten, was durch die Unentschlossenheit aller Beteiligten jedoch eher suboptimal gelingt. Insbesondere den Verbrechern, die infolge ihrer eigenen, immens fragilen Beziehungskonstellationen und ihres jeweils von situativer Unprofessionalität zu keinem Zeitpunkt als wirklich bedrohlich durchgehen, mangelt es an der für ein wirklich intensives Gattungsstück an der gebotenen Intensität, derweil ausgerechnet mit der sich als am stabilsten innerhalb des allseitigen Widersachrreigens erweisenden Avery die jüngste Beteiligte den kühlsten Kopf behält und für die maßgeblichen Wendungen sorgt. So geht auch sie als erfolgreiche Verteidigerin der proamerikanischen Trutzburg „Familie“ am Ende als Gewinnerin hervor, derweil die Gangster sich zur Hälfte bereits selbst dezimiert haben. Auf der Asche eines verlogenen und somit glücklicherweise verlorenen Lebenstraums können die Millers hernach wieder zu sich selbst finden.
Schumacher bedient diese schlussendlich doch recht bieder, in Teilen gar republikanisch-reaktionär auslaufende Americana mit der ihm zueigenen Routine als langjährig profilierter Meister ästhetisch reizvoller Bildkomposita und versteht es zumindest auf diese Weise, dem auf den zweiten Blick als galliger, aber doch ziemlich hausbacken konnotierter Kommentar zur damaligen Immobilienkrise lesbaren Drama seine Insignien zu verabreichen.
Für sein Finalwerk wäre ihm dennoch ein deutlich gravitätischerer Stoff vergönnt gewesen.

6/10

ALLÉLUIA

Zitat entfällt.

Alléluia ~ BE/F 2014
Directed By: Fabrice du Welz

Gloria (Lola Dueñas), eine als Leichenwäscherin in der Pathologie arbeitende, alleinerziehende Mutter hat sich an die Einsamkeit gewöhnt. Durch die Intervention einer Freundin (Stéphane Bissot) lernt sie via eine Kontaktbörse Michel (Laurent Lucas) kennen und verliebt sich heftigst in ihn. Obwohl Michel wiederum es gewohnt ist, ältere Damen mittels kleiner Hochstapeleien abzuzocken, was er ebenso bei Gloria versucht, kann er sich wiederum ihren impulsiven Liebesschwüren nicht entziehen. Aus den beiden wird ein Paar, wobei sie fortan Michels betrügerische Aktionen gemeinschaftlich durchführen. Glorias rasende Eifersucht lenkt diese Gaunereien jedoch in eine fatale Richtung. Gloria beginnt, die geneppten Frauen umzubringen, sobald sie Michel mit ihnen schläft. Als die beiden dann zunächst planen, die reiche, attraktive Witwe Solange (Héléna Noguerra), die wie Gloria eine kleine Tochter (Pili Groyne) hat, um die Ecke zu bringen, regt sich erstmals Widerstand bei Michel.

Wie bereits mehrere Filme zuvor widmet sich du Welz‘ Studie einer höchst abjekten Liebesbeziehung dem authentischen Fall des als „Lonely Hearts Killers“ in die Serienmördergeschichte eingegangen Paars Martha Beck und Raymond Fernandez, das zwischen 1947 und 1949 in den USA mutmaßlich bis zu zwanzig Frauen getötet haben soll.
Dabei orientiert sich „Alléluia“ trotz der Transponierung von Handlungszeit und -Ort im Wesentlichen an den realen Gegebenheiten und auch der psychologischen Disposition der Vorbilder, die in einem sonderbaren, symbiotischen Abhängigkeitsverhältnis zueinander standen und die einmal losgetretene Gewaltspirale sich verselbständigen ließen. Dabei praktiziert du Welz einen interessanten Perspektivwechsel. Zunächst dient die sympathisch anmutende Gloria als Publikumsbegleiterin. Man akzeptiert die einsame, aber liebevolle Mutter der kleinen Monique (Sorenza Mollica) ohne Umschweife als sympathische Protagonistin, derweil Michel zunächst als verschrobener, beinahe unangenehm schmieriger Witwentröster eingeführt wird. Was er Gloria jedoch zu bieten hat, verändert gleichfalls ihre bisherigen Existenzprioritäten: sexuelle Erfüllung, Geborgenheit, Wertschätzung, trotz einer rasch als solchen identifizierten Veruntreuung von Glorias Erspartem. Dass sich jemand wiederum an ihn, den filouhaften Ganoven, klammert, ist auch für Michel eine höchst ungewohnte Situation. Fortan erschleichen sich die beiden gemeinsam das Vertrauen wohlhabender, leicht überreifer Witwen, mit denen Michel allerdings nach wie vor die koitalen Ausschweifungen genießt. Dies wiederum bringt Gloria so dermaßen aus der Fassung, dass sie bald ihr erstes Opfer Marguerite (Édith Le Merdy) erwürgt und hernach gemeinsam mit Michel fachgerecht „entsorgt“. Bei diesem bleibt es freilich nicht, wobei „Alléluia“ sich weniger um die Gewalttaten des Paars schert als um dessen gleichermaßen katstrophalen wie düsterromantischen Werdegang. Dafür spricht auch die bizarre Poesie, die du Welz immer wieder walten lässt – so singt Gloria ihrem Michel ein kleines Liebeslied, bevor sie sich daran macht, die nackte Marguerite zu zersägen und so wird ein glücksbeseelter Kinobesuch von „The African Queen“ zum Symbol einer zu diesem Zeitpunkt längst unmöglich gewordenen Normalität.
Ein vorläufig letztes Mal erreicht Fabrice du Welz mit „Alléluia“ die transgressive Abgründigkeit seines Langfilmdebüts „Calvaire“, bevor er sich im Folgenden einfacher konsumierbaren Stoffen zuwendet.

8/10

THE BONE COLLECTOR

„I can’t do this.“

The Bone Collector (Der Knochenjäger) ~ USA 1999
Directed By: Phillip Noyce

Ein Serienkiller mit Vorliebe zu Artefakten aus der letzten Jahrhundertwende macht New York unsicher. Dabei hinterlässt er jeweils sorgfältig verschlüsselte Hinweise auf seine nächsten geplanten Opfer, deren Rettung die Polizei immer wieder vor einen vergeblichen Wettlauf mit der Zeit stellt. Die junge Beamte Amelia Donaghy (Angelina Jolie) gerät per Zufall an einen der Tatorte und engagiert sich in hohem Maße für dessen Spurensicherung. So wird der wegen eines Jahre zurückliegenden Unfalls ans Bett gefesselte und aufgrund seiner fast kompletten Körperlähmung lebensmüde Ex-Cop Lincoln Rhyme (Denzel Washington), eine Koryphäe auf dem Gebiet des profiling, auf sie aufmerksam. Rhyme wittert gewaltiges Potential hinter der Kollegin und bindet Amelia trotz gänzlicher anderer Karrierepläne ihrerseits in die Ermittlungen ein. Diese werden allerdings immer wieder durch den inkompetenten Captain Cheney (Michael Rooker) torpediert.

Als leicht verspäteter Nachklapp zu den beiden großen Serienkillerfilmen der Dekade – Jonathan Demmes „The Silence Of The Lambs“ und David Finchers „Se7en“ greift „The Bone Collector“ wie diverse zeitgenössisch entstandene, andere Werke des Subgenres auch, etliche Topoi jener überlange Schatten werfenden Vorbilder auf und versucht, sie durch eine nur unwesentlich modifizierte formale Textur vergeblich als originell erscheinen zu lassen. Dass dieses Vorhaben zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist, zeigt Noyces Film indes nicht als einziges Exempel seiner Ära. Trotz des durchaus routinierten Regisseurs und einer außerordentlich prominenten und adäquat aufspielenden Besetzungsliste erreicht „The Bone Collector“ eines alles andere denn überdurchschnittliche Qualität. Die Hauptschuld daran trägt das mit heißer Nadel konstruierte Script, das zum einen besagte Blaupausen in allzu auffälligem Maße revisioniert und zum anderen den eigenen, letzten Endes maßgeblichen Plot sträflich vernachlässigt.
Die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren Rhyme und Donaghy gestaltet sich zu Beginn als eine Art illuminierter Reprise von der zwischen Lecter und Starling – unmöglich scheinend und durch diverse äußere Umstände voneinander getrennt entwickeln sich doch zarte Bande zwischen dem physisch bewegungsunfähigen Genie und seinem von ihm wohlgeschätzten, ganz nebenbei durch einen Vaterkomplex traumatisierten Schützling, eine kurze, jedoch vielsagende Fingerberührung inbegriffen. Auch andere Charaktere aus Demmes Film erhalten ihre Quasi-Pendants: Michael Rooker substituiert Anthony Heald, Queen Latifah Frankie Faison. Der sich schließlich im Zuge eines arg verpuffenden twist als dem Zuschauer längst vorgestellt entpuppende Täter (ausgerechnet gespielt von Leland Orser, einem vor allem in den Neunzigern vielbeschäftigten Nebendarsteller, der als Semiopfer bereits in „Se7en“ zu sehen war und unmittelbar vor „The Bone Collector“ in Russell Mulcahys wiederum ähnlich angelegtem Gattungsbeitrag „Resurrection“ als hero’s best buddy) erweist sich selbst als verrückt gewordener Ex-Polizist, der die ganze Mordserie lediglich als Rachefeldzug an Lincoln Rhyme, der ihn einst geschasst hatte, inszeniert – der ermittelnde Cop als Schlüsselelement des Tätercoups also. Wie Rhyme und Donaghy, die – das suggeriert das weihnachtlich eingefasste happy end wohlweislich zu allem sonstigen Zuckerguss – am Ende wohl doch mehr als kollegiale Freundschaft füreinander empfinden, ihm nach und nach auf die Schliche kommen, das ist derweil so unglaublich hanebüchen konstruiert, dass jeder Kriminalfreund das Grausen bekommen sollte. So sind es die gezielt schrecklich konnotierten Mordvariationen, die die primäre Aufmerksamkeit schüren und so möglicherweise vom dünnen Rest ablenken sollen. Doch gar zu Fürchterliches mutet einem „The Bone Collector“ dann wohlweislich doch nicht zu – das kleine Mädchen (Zena Grey) überlebt.

5/10