APOSTLE

„This island is our paradise.“

Apostle ~ UK/USA 2018
Directed By: Gareth Evans

Das Vereinte Königreich im Jahre 1905: Der vormalige Missionar Thomas Richardson (Dan Stevens) hat Gott und seinem Glauben entsagt, nachdem er während des Boxer-Aufstandes in China an seine physischen und psychischen Grenzen getrieben wurde. Zurück daheim erhält er eine Nachricht seines Vaters, derzufolge seine Schwester Jennifer (Elen Rhys) von einem auf einer walisischen Insel ansässigen, aus Gesetzlosen bestehenden Naturkult um eine Lösegeldforderung gefangengehalten wird. Thomas, mittlerweile schwer laudanumsüchtig, bereist die Insel in cognito und schließt sich vorgeblich dem Kult an. Dieser, angeführt von Malcolm Howe (Michael Sheen), Quinn (Mark Lewis Jones) und Frank (Paul Higgins), einem Trio einstmals Schiffbrüchiger, verehrt einen weiblichen Naturdämon (Sharon Morgan), der sich von Blut ernährt und im Gegenzug Pflanzen sprießen lässt und den die Drei gefangenhalten. Da der Geist jüngst jedoch seine Kraft zu verlieren scheint, benötigen die Kultisten andere Mittel und Wege, um sich über Wasser halten zu können. Mit der Ankunft von Thomas bahnt sich schließlich zugleich eine Katastrophe an: Der blutrünstige Quint will um jeden Preis die Herrschaft über das Eiland an sich reißen…

Nachdem mir „Serbuan Maut“ von Gareth Evans nicht gefallen hat, ich seine Sekten- und Teufels-Episode in „V/H/S/2“ dafür jedoch umso beeindruckender fand, war ich durchaus gespannt auf „Apostle“, von dem ich mir meiner höchst oberflächlichen Annahme gemäß ein dem Embedded-Filming-Segment thamtisch ähnliches, nur eben auf abendfüllende Länge ausgeweitetes Werk versprach. Von apokalyptischem Ambiente jedoch keine Spur; vielmehr müht sich Evans, dem einst von der Tigon British kultivierten, klassischen Folk-Horrorfilm Marke „The Wicker Man“ seine Ehrerbietung zu erweisen und reichert seine Mär um konkrete phantastische Elemente, ein wenig körperbetonte Action und zwei, drei fiese Gore-Sequenzen an, die jedoch sehr lange auf sich warten lassen und aufgrund ihrer Loslösung vom Rest sowieso eher willkürlich bis unpassend daherkommen. Auch sonst wirkt der von Evans selbst geschriebene Film trotz manch guter Ansätze und immer wieder eingeflochtener, poetischer Momente (wie etwa der letzten, als Erfüllungsmoment zu begreifenden Einstellung) größenteils unausgewogen, verworren und unverständig zerdehnt. Dan Stevens in der Hauptrolle, der eigentlich als zerrissener Held wider Willen die Zuschaueremotionen binden soll, bleibt, zumal im Vergleich mit einigen deutlich interessanter angelegten, leider aber mit wesentlich weniger inhaltlicher Bedeutung bedienten Nebencharakteren in den allermeisten Phasen des Films erschreckend blass und egal, der Kult und auch die Dämonen jagen einem, trotz Mark Lewis Jones‘ finalem Amoklauf weder Respekt noch Angst ein und wirken eher wie Schmuckwerk aus einem larmoyanten Achtziger-Fantasyfilm.
Das war mir dann insgesamt eine allzu irrlichternde und inkonsistente Veranstaltung und besagter, positiver Aspekte entgegen blasser Durchschnitt.

4/10

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QUE DIOS NOS PERDONNE

Zitat entfällt.

Que Dios Nos Perdonne (Die Morde von Madrid) ~ E 2016
Directed By: Rodrigo Sorogoyen

Im heißen Sommer 2011 erwartet ganz Madrid den Besuch von Papst Benedikt XVI., derweil ein geisteskranker Serienmörder, der es auf ältere Damen abgesehen hat, die Stadt unsicher macht. Für die beiden ungleichen Ermittler Velarde (Antonio de la Torre) und Alfaro (Roberto Álamo) ein Fall, der sie beide auf jeweils ganz furchtbare Weise ihren ureigenen inneren Dämonen zuführen wird…

Zwar bilden die Mörderhatz, das Profiling, die allmählich fortschreitende Identifizierung und die haarscharfen Habhaftwerdungen rund um den von einem sich auf tödliche Weise sublimierenden Mutterkomplex gebeutelten Killer (Javier Pereira) und dessen Untaten das narrative Rückgrat dieses hervorragenden Films, entpuppen sich im weiteren Verlauf der Ereignisse jedoch als Reflexionsfläche für die sich ebenfalls zunehmend abgründig präsentierenden Polizei-Kommissare. Velarde stottert, hat stark autistische Züge und lebt nahezu völlig isoliert, unfähig, eine zwischenmenschliche Beziehung, sei sie freundschaftlicher oder romantischer Natur, zu pflegen. Der zwischenzeitliche, zarte und vor allem aufrichtige Annäherungsversuch einer Hausangestellten (María Ballesteros) endet zunächst entsprechend katastrophal. Alfaro hat derweil ein gewaltiges Problem mit seiner latenten Aggressivität und seiner oftmals ins Cholerische abgleitenden Unbeherrschtheit, die nicht bloß ein vorlauter Kollege (Luis Zahera) unmittelbar zu spüren bekommt. Als er herausbekommt, dass seine Frau ihn betrügt, beginnt er haltlos zu saufen und verliert jedweden Boden unter den Füßen.
Es ist dieser Mut, seine vermeintlichen Helden als im Fallen begriffen zu zeigen, die „Que Dios Nos Perdonne“ zu etwas Besonderem innerhalb des jüngeren Polizeifilms macht. Freilich, zur Genreapodiktik gehört seit jeher, den oder die Protagonistin als in einer oder mehrerlei Hinsicht fragil, rissig, angreifbar darzustellen, sei es durch allzuviel Diensteifer, Drogen- oder Trunksucht, Einsamkeit, eine entfleuchte Partnerin oder ähnliche psychische Fallstricke. Selten jedoch ließ sich das menschliche Versagen der eigentlich doch als Helden genutzten Polizisten derart schmerzhaft und involvierend an, wofür primär wohl Sorogoyens höchst empathischer, dichter Inszenierungsstil verantwortlich zu machen ist.
Man sollte insofern nicht den Fehler begehen, einen straighten, traditionsaffinen Polizeikrimi zu erwarten; etwas, was ich einigen Kurzberichten zu „Que Dios Nos Perdonne“ entnehmen konnte, die häufig „unnötige Längen“ monierten oder sich darüber enttäuscht zeigten, dass es dem Film an Spannung oder Suspense (gemeint ist wohl eher: Zugkraft) fehle. Eine meines Erachtens stark ins Leere laufende Einschätzung, da Sorogoyen einen solchen (ordinär gestalteten) Film gewiss gerade nicht im Sinne gehabt haben wird.

8/10

HAGAZUSSA

„Um den Glauben einer aufrechten Gemeinde zu stärken, braucht es der strengen Bereinigung aller frevelhaften Dinge.“

Hagazussa ~ AT/D 2017
Directed By: Lukas Feigelfeld

Die österreichen Alpen im Spätmittelalter. Die kleine Albrun (Celina Peter) lebt allein mit ihrer Mutter (Claudia Martini) ein einsames, ereignisloses Leben in einer kleinen Berghütte. Als die Mutter infolge einer seuchenartigen Krankheit verstirbt, steht Albrun allein da. Als erwachsene, schweigsame Frau (Aleksandra Cwen) hat sie selbst eine kleine Tochter, von der sie selbst nicht recht zu wissen scheint, wer der Vater ist. Albruns Tagesgeschäft besteht im Hüten und Melken ihrer paar Ziegen. Bei der verstreuten Nachbarschaft ist sie als Heidin und Hexe verschrieen und selbst das, was sich in Person der sich sympathisch gebenden Swinda (Tanja Pertovsky) als mögliche Freundschaft offenbart, findet sich bald brutal entwertet. Für die nun noch frustriertere Albrun bedeutet dies den letzten Schritt in die psychische Isolation.

Lukas Feigelfelds Abschlussfilm an der DFFB fügt dem deutschsprachigen Genrekino nichts Geringeres denn eines seiner schönsten, jüngeren Kleinode hinzu.
Die notorische Tatsache, dass die Alpen und ihre wortwörtliche topographische Undurchsichtigkeit Geheimnisse bergen, die genau solche besser bleiben, zählt seit jeher zu den Weisen des finsterer angehauchten Heimatfilms und wurde später von Regisseuren wie Argento, Ralf Huettner oder Georg Tressler für ihre oftmals mysteriös erscheinenden Arbeiten wohlfeil genutzt. Auch genreträchtige Coming-of-Age-Storys wie „Carrie“ oder jüngst „The VVitch“ erleben ihre von viel filmemacherischer Zuwendung geprägte Reverenz.
Feigelfelds Film sieht sich bewusst jener durchaus klassizistischen, gotischen Genealogie zugehörig. Er stößt tief in die von Irrationalität und Urangst geprägte Vergangenheit zurück, als just hier, fernab von der Bildung und Beurkundung von Stadtgemeinschaften, Hexenwahn und Aberglaube, aber auch Paganismus und Heidentum im übermächtigen Schatten der Kirche für fatale Schicksalswendungen sorgen konnten. Die Biographie der armen Albrun entspricht einem lebenslangen Albtraum. Zu ihrer ohnehin von lokaler Abgeschiedenheit geprägten Existenz, die keinerlei Abwechslung oder intellektuelle Herausforderung beinhaltet, gesellt sich noch die soziale Ausgrenzung durch die umliegend lebende Nachbarschaft. Ihr Baby könnte, wie möglicherweise sie selbst, das Kind des hiesigen Geistlichen (Haymon Maria Buttinger) sein; jedenfalls gibt es entsprechende Hinweise. Da das Unaussprechliche unaussprechlich zu bleiben hat, wachsen Tratsch, Verachtung und Ausgrenzung sogar noch weiter an. Eine gezielt geplante und herbeigeführte Vergewaltigung führt Albrun schließlich über die letzte Klippe der geistigen Gesundheit: Sie vergiftet mittels einer toten Ratte die örtliche Wasserzufuhr und riskiert somit eine Pestepidimie, schließlich nimmt sie halluzinogene Pilze zu sich, etränkt ihr Baby und verbrennt sich im finalen Wahn selbst – das legitime Schicksal einer Hexe, zu der sie sich, forciert durch die inneren und äußeren Umstände, am Ende selbst gemacht hat.
Diese gleichermaßen traurige wie schwarzromantische Geschichte erzählt Feigelfeld in kontemplativen, hypnotischen und symbolbeladenen Bildern der urwüchsigen Landschaft, in der sie spielt. Es gibt lediglich kargste Dialogpassagen, die zwangsläufige Inwendigkeit der Geschehnisse gipfelt, getragen von der hypnotischen Begleitmusik (Mmmd) mehr und mehr in Ellipsen und Surrealismus, die in dieser Kombination an Werner Herzogs beste Zeiten erinnern.
Gewiss kein Film für den schnellen Verzehr, aber im Gegenzug einer, der sich eingräbt und bleibt und der hoffentlich noch viele dedizierte Liebhaber finden wird. Junges, frisches und nachhaltiges Kino zum Angewöhnen.

8/10

HOLD THE DARK

„We’ll take care of this, I promise.“

Hold The Dark (Wolfsnächte) ~ USA 2018
Directed By: Jeremy Saulnier

Alaska, 2004. Der Wolfsexperte und Buchautor Russell Core (Jeffrey Wright) kommt auf briefliches Bitten einer jungen Frau namens Medora Slone (Riley Keough) in die verschneite Ödnis des Dörfchens Keelut. Während Medoras Mann Vernon (Alexander Skarsgård) im Irak stationiert ist, hat offenbar ein Wolf ihren kleinen Sohn (Beckam Crawford) verschleppt und getötet. Core soll das Tier finden und töten. Er spürt ein Wolfsrudel auf, verschont die Tiere jedoch. Als derweil Vernon Slone im Gefecht schwer verwundet wird, bedeutet dies seine Heimreise. Vor Ort angekommen erfährt er vom Tod seines Sohnes und den wahren Umständen seines Ablebens, derer sich mittlerweile auch Core überzeugen konnte: In Wahrheit hat Melora den Jungen stranguliert und die Leiche im Keller ihres Hauses versteckt. Sie selbst ist mittlerweile geflohen. Vernon begibt sich an die amokartige Verfolgung seiner Frau, flankiert von seinem alten Freund, dem Indianer Cheeon (Julian Black Antelope), dessen Sohn ebenfalls getötet wurde und der es allein mit einer polizeilichen Übermacht aufnimmt. Gemeinsam mit Sheriff  Marium (James Badge Dale) folgt er wiederum der Spur Vernons.

Dass Jeremy Saulnier ein Guter ist, daran gibt es für mich spätestens jetzt keinerlei Zweifel mehr. Seinen ersten Film habe ich noch nicht gesehen, der zweite, „Blue Ruin“, ist eine nahezu brillante Studie um eine sich emporschwingende Gewaltspirale – ein Thema, dass auch sein komplexitätsreduzierter und insofern geflissentlich nachlassender, dritter Film „Green Room“ aufgreift, der nebenbei recht erfolgreich mit der Gattung des Terrorfilms liebäugelt. Die Literaturverfilmung „Hold The Dark“ entstand nun als Netflix-Produktion, ein Umstand, der die internationale Cinephilie grundsätzlich etwas scheel dreinblicken lässt. Netflix bedeutet nämlich in aller Regel die absatzbedingte Vorenthaltung eines Leinwandeinsatzes und stattdessen die ungleich breitere, faktisch allgemeine Verfügbarkeit für ein grundsätzlich zu misstrauendes Massenpublikum. So oder ähnlich dürften etliche der Ressentiments gegen den Netzriesen verwurzelt sein und ich muss zugeben, dass sie auch aus meiner Sicht eine gewisse immanente Berechtigung in sich tragen. Auch ich genieße Netflix weiterhin grundsätzlich mit Vorsicht, wenngleich ich darin weniger einen medialen Beelzebub noch die allgemeine Negation des Kinos vermuten möchte. Was „Hold The Dark“ anbelangt, so glaube ich sogar, dass Saulnier und seinem treuen Autoren Macon Blair die künstlerische Freiheit, die ihnen für ihren Film zuteil wurde, einem kreativen Freischwimmer gleichkommt. Sein jüngstes, bislang faszinierendstes Werk erinnerte mich, wohl nicht ganz von ungefähr, in mehrerlei Beziehung an Taylor Sheridans ebenfalls noch recht frische Regiearbeit „Wind River“, die ich mit wachsendem Abstand als – wenngleich kleine – Enttäuschung empfinde. Analoges Motiv wäre allen voran der nordwestliche Schauplatz Alaska als final frontier, der die Pseudozivilisation des weißen Mannes noch immer nicht Herr werden kann, parallel dazu der sich unter größter Verzweiflung auch hier fortsetzende Identitätsverlust der natives. Hier wie dort geht es um einsame Jäger und deren persönlichen Moralkodex, um Verschwundene und furchtbare Wahrheiten. „Hold The Dark“ jedoch macht es sich nicht leicht. Er folgt keinerlei probaten, antizipatorischen Schemata und zieht es stattdessen vor, sich vorsätzlich enigmatisch zu geben. Etliche Fragen werden gestellt, ohne je eine eindeutige oder auch befriedigende Antwort zu erhalten; die Motivation und sogar der Weg fast aller Protagonisten gestaltet sich größenteils rätselhaft. Dabei enthält er sich der Gefahr, seine stets präsente, innere Flamme wie auch immer gearteter Vorhersehbarkeit zu opfern und zieht es vor, Stimmungen um der reinen Atmosphäre Willen zu erzeugen. Selbst die immer wieder hervortretenden Gewaltspitzen wirken noch entschleunigend und bestenfalls für Sekundenbruchteile aufregend, bevor der Film sich wieder seinen strikt kontemplativen, sperrigen Innenwelten zuwendet. Auch an Michael Wadleighs wunderbaren „Wolfen“ fühlte ich mich immer wieder erinnert: Was sich im Vordergrund und somit unmittelbar ersichtlich abspielt, ist lediglich das ferne Echo eines rational nicht fassbaren, sich jeder physikalischen Analyse verweigernden Mystizismus‘. Und so wie einst Albert Finney ist hierin auch Jeffrey Wright (wiederum gemeinsam mit dem Publikum), dessen wesentlichste dramaturgische Funktion letztlich im „Bezeugen“ besteht, allerhöchstens ein winziger Eindruck dessen vergönnt, was sich als unfassbare Wahrheit jenseits der Oberfläche jedweder konkreten Manifestation verweigert. Zurück bleiben lediglich körperliche Versehrtheit, eine Ahnung von Unendlichkeit – und ein Eindruck tiefer Ehrfurcht.
Meisterwerk.

9/10

THE BARRENS

„I’m so proud of you.“

The Barrens (Jersey Devil) ~ USA 2012
Directed By: Darren Lynn Bousman

Familienvater Richard Vineyard (Stephen Moyer) plant einen Campingausflug mit Frau Cynthia (Mia Kirshner), der siebzehnjährigen Tochter Sadie (Allie MacDonald) und Söhnchen Danny (Peter DaCunha) in die Barrens, ein gewaltiges Waldgebiet in New Jersey. Dort, so will es eine alte Legende, treibt schon seit Jahrhunderten der „Jersey Devil“ sein Unwesen – ein geflügelter Höllendämon mit gewaltigem Appetit. Vor Ort will Richard vor allem die Asche seines Vaters verstreuen, der die Gegend stets geliebt hat. Vom Beginn ihres Kurztrips an beginnt der eigentlich so ausgeglichene Richard, sich merkwürdig zu verhalten. Er explodiert aus nichtigen Anlässen, bekommt Fieber, scheint ernstlich krank zu werden. Zudem besteht er darauf, weitab von den übrigen Wochenendausflüglern zu campieren. Von diesen verschwindet bald einer mitten in der Nacht. Cynthia und Sadie kommt ein grauenvoller Verdacht…

Unerwartet qualitätsbewusstes und – dies sei bitte positiv aufgefasst – unangehmes Genrestück, das es versteht, seine diffus-ungemütliche Atmosphäre sukzessiv zu forcieren. Hat man sich einmal mit der (aus rein rationaler Perspektive zugegebenermaßen recht strapaziös hergeleiteteten) Prämisse abgefunden, dass die Ehefrau nicht sehr viel früher etwas gegen die irrationalen Verhaltensweisen ihres immer fahler werden Gatten unternimmt, läuft die Sache. Stephen Moyer, dessen Rolle als langsam durchdrehender Familienvater natürlich eine eindeutige Hommage an Jack Torrance in „The Shining“ darstellt, liefert eine wahrlich bravouröse Vorstellung ab, wenn er sich vom freundlich-biederen Vorstadt-Bourgeois ganz allmählich in einen schwitzenden, torkelnden und zähnefletschenden Berserker verwandelt, der sich im festen Glauben befindet, seine Familie vor dem Jersey Devil (der ihm dem Vernehmen nach bereits in Kindheitstagen begegnet ist) beschützen zu müssen. Parallel dazu schürt Bousman noch die Frage nach Richards tatsächlicher Schuld: Im Prolog wird bereits ein junges Pärchen (Shawn Ashmore, Athena Karkanis) von etwas Unbekanntem attackiert, das die hiesigen Ranger später als Bär zu identifizieren glauben. Zumindest kann Richard Vineyard also nicht das einzige Biest sein, das in den Barrens sein Unwesen treibt. Und würde er, bei aller Raserei, überhaupt so weit gehen, seine mutmaßlichen Opfer zu zerfleischen, respektive auszuweiden? Zwischenzeitlich erscheinen mehrere Lösungen probat, es könnte auch der spät ins Bild gerückte Puma sein, der hier etwas zuviel vom Guten nascht. Doch erst die letzten paar Einstellungen (sowie eine Post-Credit-Sequence, um die man bei der Betrachtung wissen sollte) geben dann endgültig Aufschluss über das wahrhaftig erfolgte, monströse Geschehen und halten sogar Potenzial für eine mögliche Fortsetzung bereit, die es leider bis dato nicht gibt. Ich täte mich ja freuen, wenn sich dies nochmal ändert.

7/10

LOMMBOCK

„Wir können auch ganz anders!“

Lommbock ~ D 2017
Directed By: Christian Zübert

Stefan (Lucas Gregorowicz), der, unterdessen doch noch Anwalt geworden, im internationalen Jetset verkehrt und kurz vor seiner Hochzeit mit der hübschen Yasemin (Melanie Winiger) in Dubai steht, muss zurück nach Würzburg, um seine Geburtsurkunde zu beschaffen. Sein alter Kumpel Kai (Moritz Bleibtreu) hat sich über die Jahre nur wenig verändert. Er hat aus der alten Pizzeria „Lammbock“ einen Asia-Imbiss namens „Lommbock“ gemacht, kifft noch immer wie ein Schlot, verheimlicht dies jedoch mehr oder weniger erfolgreich vor Gattin Sabine (Mavie Hörbiger) und Stiefsohn Jonathan (Louis Hoffmann). Ein schwadengeschwängerter Abend und eine unbedachte Aktion am Flughafen sorgen schließlich dafür, dass Stefan erstmal zwangsentgiften muss, bevor die Hochzeit stattfinden kann. Außerdem wollen noch Jonathans Probleme mit einer Gruppe arabischer Grasdealer geklärt und der dauerbedröhnte Frank (Wotan Wilke Möhring) aus der geschlossenen Psychiatrie befreit werden. Alles Ereignisse, die Stefan abermals über seinen Stand im Leben sinnieren lassen.

Mit „Lommbock“ gelang Christian Zübert und seiner bewährten Truppe das Kunststück, einen dem mittlerweile sechzehn Jahre alten Original ebenbürtigen Nachfolger hinterherzuschicken. Formaltechnisch sichtlich aufwändiger und edler (Scope statt Letterbox) konnte die Produktion offenbar auf ein höheres Budget zurückgreifen.
Den Hauptcharakteren Stefan und Kai wird zugestanden, dass sie glaubwürdig gealtert sind und sich ihrer jeweiligen. vormaligen Typologie gemäß (weiter-)entwickelt haben. Die – natürlich allesamt im Zusammenhang mit THC-Ge- und/oder Missbrauch stehenden – wiederum in episodischer Kapiteleinteilung vorgelegten Anekdötchen sind witzig, aber nicht albern, sieht man von der etwas übers Ziel hinaus schießenden Kiste mit der urplötzlichen Fähigkeit der Bedröhnten ab, in Fremdsprachen zu parlieren. Das fand ich dann doch eher mäßig komisch. Für Elmar Wepper gab’s leider nur einen kleinen, dafür umso lustigeren Cameo-Auftritt, Marie Zielcke fehlt leider und Alexandra Neldels Part wurde, ebenso wie der von Möhring, deutlich mehr Entfaltungsplatz eingeräumt. Ziemlich witzig noch Dar Salim als asozialer Gangstarapper Drei Jahre Bau, der eine astreine Parodie des entsprechenden szenischen Unwesens zum Besten gibt.
Wirklich positiv ist noch anzumerken, dass Stefans Lebensbilanzierung unerwartet ausfällt. Obwohl er sich alle Mühe gibt, sich Yasemin (und vor allem ihrer stinkreichen Familie) zu Gefallen zu verdrehen und anzupassen, hängt er, kaum ein paar tausend Kilometer von ihr entfernt, prompt wieder im alten Fahrwasser; kifft, geht fremd und stellt überhaupt allerlei illegalen Murks an. Vor der goldenen Erkenntnis, dass es mehr gibt als finanzielle Breitbeinigkeit, materielle Sicherheit und die oberflächlichen Verlockungen des Establishment, und sei es nur der beste Freund an der Seite und ein gepflegter Joint zum rechten Zeitpunkt, scheut sich „Lommbock“ jedenfalls nicht, nachdem sein Vorgänger genau dies dereinst befürchten ließ.

7/10

GHOSTLAND

„Don’t leave me alone here, Beth!“

Ghostland ~ F/CAN 2018
Directed By: Pascal Laugier

Pauline (Mylène Farmer) und ihre beiden pubertierenden Töchter Beth (Emilia Jones) und Vera (Taylor Hickson) wollen irgendwo in der Provinz das Haus einer verstorbenen Tante beziehen. Noch am Abend ihrer Ankunft erfahren sie aus der Presse von einem bislang ungeklärten Fall von Massenmördern, die offenbar ganze Familien abschlachten. Der verwinkelte, leerstehende Bau voll von einer Unzahl von Puppen und anderem eigenartigen Sammelgut kommt den drei Frauen sogleich nicht geheuer vor. Doch haben sie ohnehin wenig Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn schon schlagen die zwei derangierten Gewaltverbrecher (Rob Archer, Kevin Power), die mit einem bizarren Süßigkeitenwagen unterwegs sind, zu. Nur ganz knapp gelingt es Pauline und Beth, mit den beiden Killern fertig zu werden. Sechzehn Jahre später ist Beth (Crystal Reed), die schon immer ein großer Fan von Lovecraft war, nunmehr selbst eine immens erfolgreiche Autorin von Horrorromanen, hat einen Mann (Adam Hurtig) und einen kleinen Sohn (Denis Cozzi) und lebt in der Großstadt. Ein verstörender Anruf von Vera (Anastasia Phillips) veranlasst sie, zu dem alten Haus zurückkehren, wo Pauline sich um die völlig psychotische Vera kümmert. Diese hat die Ereignisse von damals nie vergessen können und wird nun scheinbar von Geistern gequält, die das Haus heimsuchen…

„Ghostland“ oder „Incident In A Ghostland“, dessen alternativer (US-)Titel auf den jüngsten Roman der erfolgreichen Autorin Beth anspielt, gefällt mir von allen vier Filmen von Pascal Laugier, einem überaus zuverlässigen Genreregisseur und aufgrund seines semi-legendären Passions-Folterfilms „Martyrs“ einer der vordringlichsten Vertreter der französischen nouvelle vague d’horreur, bislang am Besten. Laugier erweist sich hier nicht nur als brillanter Geschichtenerzähler, indem er ein intelligentes Vexierspiel zur Diegese innerhalb der Gattung vorlegt. Erzählzeit und erzählte Zeit wirken zu Beginn verlässlich angeordnet. Verwendete Versatzstücke und deren Einbettung scheinen zunächst altbekannte, relativ simple Merkmale des klassischen Terrorfilms aufzugreifen, wie er seit Craven, Hooper, Schmoeller und all ihren Epigonen (vor allem Steinmanns „The Unseen“, an den einer der beiden verrückten Mörder mich allenthalben erinnerte) etabliert ist und in jüngeren Jahren, da sowieso wieder alles aus der Schatztruhe geholt, entstaubt und auf Hochglanz poliert wird, wieder an Boden gewann. Backwoods, Raumkonstrukt, Inventarisierung, home invasion, wahnsinnige und entstellte Schlächter, blutige Gegenwehr, zeitliche Zäsur. Dann plötzlich Besessenheit und Geisterfilm – und, nach dem radikal forcierten Zerfall der Innenwelt, wieder zurück auf Start. Zunächst triumphiert die narratologische Unzuverlässigkeit, bis alle noch offenen Fragezeichen auf überaus unerfreuliche Weise beantwortet sind. Dann gibt’s nochmal richtig auf die Zwölf und Laugier lässt, abgesehen von einer letzten kurzen Reise in die Realitätsnegation und den Nimbus falscher Hoffnung (gekrönt von einem Gastauftritt H.P. Lovecrafts persönlich), den Nihilismus endgültig Schlitten fahren. Den zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich umfassend bedienten Zuschauer erwartet jetzt noch ein Finale nach Maß, das zumindest im Hier und Jetzt verwurzelt scheint. Scheint, weil bis zum Ende und darüber hinaus (vgl. „Total Recall“), eigentlich stets die Option der Irrealis als Zufluchtsort offengehalten wird.

8/10