23 PACES TO BAKER STREET

„I don’t need no personal nanny!“

23 Paces To Baker Street (23 Schritte zum Abgrund) ~ USA 1956
Directed By: Henry Hathaway

Der nach einem Unfall erblindete US-Dramatiker Phillip Hannon (Van Johnson) hat sich nach London zurückgezogen, um dort ungestört und ohne lästige Fragen zu seiner Behinderung arbeiten zu können. Mit dem Haushälter Bob Matthews (Cecil Parker) hat er zudem einen treusorgenden Freund gefunden. Stark abgekühlt ist derweil die Liebesbeziehung zu seiner früheren Verlobten Jean Lennox (Vera Miles), der gegenüber Hannon nicht als Belastung auftreten will und sie daher verschmäht. Eines Abends wird Hannon in einer benachbarten Kneipe auditiver Zeuge eines Gesprächs zwischen einem Mann und einer Frau, bei dem es sich möglicherweise um eine geplante Kindesentführuzng dreht. Daheim spricht Hannon den mitverfolgten, teilweise durch das Geräusch eines Flippers unhörbaren Dialog auf Tonband nach und informiert die Polizei. Diese schenkt ihm jedoch keinen Glauben, weshalb Hannon beginnt, auf eigene Faust zu recherchieren. Bob und Jean unterstützen ihn dabei nach Kräften. Bald stößt das ungleiche Trio auf eine Kindermädchen-Agentur mit seltsamen Angestellten…

Viele der großen Hollywood-Regisseure des Silver Age eiferten im Laufe ihrer Karrieren mindestens einmal Alfred Hitchcock nach und versuchten sich irgendwann an einem den vordringlichen Motiven des Meisters entlehnten Sujet. „23 Paces To Baker Street“ ist Hathaways „Hitchcock-Film“, für den er eigens nach London zog und Van Johnson in einen ganz ähnlich angelegten Part pfropfte, wie ihn James Stewart zwei Jahre zuvor in „Rear Window“ gespielt hatte: Ein körperlich eingeschränkter Mann wird mehr oder weniger unfreiwillig Zeuge eines Verbrechens, respektive dessen Planung, fühlt sich bezüglich seiner Beobachtungen nicht hinreichend ernstgenommen und beginnt, mit etwas amouröser bzw. freundschaftlicher Hilfe, auf eigene Faust nach dem / den Täter(n) zu fahnden, was ihn, zumal aufgrund seiner Immobilität, in tödliche Gefahr bringt.
Die diversen sexualpsychologischen Finessen Hitchcocks, der „Rear Window“ wie auch die meisten seiner anderen Filme gleichermaßen zu einer Reflexion über Formen der Paraphilie und deren Folgen machte, respektive seine technische Perfektion erreichte Hathaway erwartungsgemäß nicht. Jedoch gelang ihm ein spannend erzählter, den Rezipienten durchweg mitreißender Kriminalfilm, der infolge etlicher kleiner Winkelzüge und Geschicklichkeiten, wie sie dann eben wiederum doch nur ein versierter Regisseur auf Zelluloid zu bringen vermag, reüssiert. Sei es die Faszination der altweltlichen Großstadt London und ihres Flusses, der Themse, die dp Milton Krasner mit Vorliebe und goldenem Glanz erscheinen lässt; sei es die Obsession des blinden Phillip Hannon, der freilich sehr viel weniger an der Aufklärung eines Verbrechens interessiert ist denn daran, trotz seiner gravierenden Behinderung ernst genommen zu werden,; sei es die verflucht spannende Szene mit Hannon in dem zerbombten Haus oder der überaus klassisch zu nennende Showdown, den Terence Young später für „Wait Until Dark“ re-adaptierte (den „23 Paces“ ganz nebenbei in die Tasche steckt) – Hathaways ausnehmend schöner Film hat seine überfällige Wiederentdeckung mehr als verdient.

8/10

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OPEN WINDOWS

„Where are you?“

Open Windows ~ E/USA 2014
Directed By: Nacho Vigalondo

Nick Chambers (Elijah Wood) ist als Admin einer Website über die Schauspielerin Jill Goddard (Sasha Grey) zugleich deren größter Fan. Ein mit dem Star gewonnenes Abendessen wird jedoch kurzerhand abgesagt, dabei ist Nick bereits vor Ort. Stattdessen klinkt sich ein unbekannter Hacker auf seinem Laptop ein, der sich als Chord (Neil Maskell) vorstellt. Sich zunächst freundschaftlich-verbunden gebend, entpuppt sich Chord schon bald als gemeingefährlicher Cyber-Psychopath, der mit Nick und Jill ein böses Spiel einläutet. Fast zeitgleich klinkt sich auf dem von Chord missbrauchten Server ein Hackertrio ein, das den berüchtigten Online-Anarchisten ‚Nevada‘ anhimmelt. Nick gibt sich als Nevada aus, um Chord mithilfe der drei Nerds auf die Spur zu kommen. Doch Nick ist in Wirklichkeit gar nicht Nick…

Experiment: misslungen. In seinem dritten Langfilm begibt sich der mir bislang eher als vielversprechend im Gedächtnis befindliche Spanier Nacho Vigalondo auf die großen Suspense-Spuren Hitchcocks und De Palmas und kreuzt diese mit modernster Internetparanoia. Als „Krönung“ dieses Weges erzählt er, dem Filmtitel gemäß, die gesamte Story ausschließlich über den Desktop eines Laptops, auf dessen auf- und zugehenden Fenstern sich alles zuträgt, was für das Publikum zur Puzzlelösung wichtig ist. Für Ex-Hobbit Elijah Wood kein jungfräuliches Territorium, hat er doch eine nahezu identische Rolle, ebenfalls für einen Spanier, bereits in dem ein Jahr älteren „Grand Piano“ gespielt, dessen Formstrenge sich zumindest mutmaßlich an Franck Khalfouns gelungenem „Maniac“-Remake orientierte. Kurzum: Europäische Genrefilmer haben Elijah Wood entdeckt, in irgendeine Bedrängnis geratene Protagonisten für sie zu spielen und mit seiner Unterstützung auf den internationalen (sprich: anglophonen) Markt gehen zu können. Wie erwähnt funktionierte dies bei Khalfoun noch prächtig, war bei Mira bereits mit diversen inhaltlichen Mängeln duurchsetzt, wenngleich noch anehbar und scheitert nun bei Vigalondo endgültig mit gewaltigem Getöse. Bleibt zu hoffen, dass Wood daraus gelernt hat und sich ab jetzt wieder anderweitig umsieht.
„Open Windows“ ist zermürbend langweilig und furchtbar undynamisch inszeniert, infolge seiner ewigen Windows-Perspektiven ausnehmend hässlich gestaltet und von völlig banalen story twists durchsetzt, die mit zunehmender Laufzeit und Quantität nicht nur immer unglaubwürdiger, sondern auch zunehmend lächerlich werden. In seinem Bestreben, dem Zuschauer trotz seiner selbstauferlegten Formbeschränkung den Eindruck von Kinetik zu suggerieren, scheitert Vigalondo immer wieder, etwa bei Verfolgungsjagden mit der Polizei, die so albern aussehen, dass ich mich an den „Police Squad“-Vorspann erinnert fühlte. Dazu kommen, neben den bereits erwähnten Überraschungswendungen, weitere inhaltliche Verstrickungen, auf die ich gerade keine Muße habe, näher einzugehen und  angesichts derer man sich nurmehr endgültig für dumm verkauft vorkommt.
Sasha Greys Versuche, im „seriösen“ Filmgeschäft Fuß zu fassen, würden sicherlich erfolgreicher ausgehen, wenn sie ihre Angebote sorgfältiger selektierte bzw. sich nach einem anderen Agenten umsähe. Entsprechendes Potenzial ist sicher vorhanden, im Falle von Filmen wie diesem jedoch hoffnungslos verpulvert. Für den Eimer.

3/10

MAGGIE

„What is option three?“ – „Make it quick.“

Maggie ~ USA 2015
Directed By: Henry Hobson

Ein auf verseuchtem Getreide basierendes Zombievirus hat die USA überrannt. Mit Mühe und Not wird versucht, das System aufrechtzuerhalten und die Infizierten in Quarantänestätten zusammenzupferchen, wo sie eine Todesspritze erhalten. Maggie (Abigail Breslin), die Tochter des Farmers Wade Vogel (Arnold Schwarzenegger), ist von zu Hause ausgerissen und hat sich in Richtung Großstadt aus dem Staub gemacht. Wade findet sie nach ein paar Wochen im Krankenhaus, gebissen und infiziert. Maggie bleiben noch etwa acht Wochen, bevor sie sich selbst in einen kannibalistischen Wutbürger verwandeln wird – Zeit für Wade, von ihr Abschied zu nehmen und sich zu entscheiden, welches Ende er ihr angedeihen lassen soll: Die Quarantäne, eine selbst gesetzte Giftspritze oder den Schuss aus der Flinte. Doch für Wade, dessen zweite Frau Caroline (Joely Richardson), Maggies Stiefmutter, das Haus verlässt, als die Lage sich zuspitzt, ist und bleibt es undenkbar, seine Tochter zu töten und er zögert das Unvermeidliche hinaus, bis es fast zu spät ist.

Mit immerhin 68 Jahren ist es Zeit für Arnold Schwarzenegger, sich abseits von dem umzuschauen, was seine gesamte Karriere definiert: Der Körperbetontheit nämlich. In „Maggie“ spielt seine athletische Physis erstmals keine figurimmanente Rolle. Die sich unter Wade Vogels Kleidung abzeichnenden Muskeln könnten auch Resultate seiner unablässigen Holzhackerei sein, die ihn offenbar von unguten Gedanken ablenkt. Ansonsten ist er kein Mr. Universum. Tiefe Altersfurchen graben sich durch sein strohbärtiges Gesicht, das fettige Haar unsauber gescheitelt. Hätte Schwarzenegger seinem Hauspublikum diesen Film vor dreißig Jahren präsentiert, die Leute wären vermutlich scharenweise in Ohnmacht gefallen oder hätten sich laut protestierend absentiert. Ein tristes Zombie-Kammerspiel setzt er uns hier vor, in dem selbst die Apokalypse kaum mehr aufregend ist, weil die Welt sich ihrer ungeachtet einfach weiter dreht. Einzig um die Vater-Tochter-Beziehung geht es, zwischen dem, was sie ausmacht, emotional und auch als Relikt einer einstigen, sehr viel intensiveren Liebesbeziehung als der gegenwärtigen mit der Zweitfrau. Dafür wählt Debütant Henry Hobson die augenfälligsten Mittel: Monochrome, wackelnde Bilder und Close-Ups, entlang an den besorgten Gesichtsausdrücken der Beteiligten.
Wenngleich „Maggie“ gern einen neuen Subgenre-Ansatz repräsentierte, so vermag er dies erwartungsgemäß nicht. Die Zombie-Gattung hat ihre frühen Wurzeln, den ihr traditionell anhaftenden Schmuchelruch inbegriffen, längst hinter sich gelassen und sich zu einem großflächg akzeptierten Fach des Phantastischen entwickelt. „Maggie“ ist dafür lediglich ein weiterer Beleg, wenngleich ganz bestimmt kein enttäuschender. Der Regisseur untermalt die bleierne Traurigkeit des unausweichlichen Determinismus mit kunstvollen Formalia und ist natürlich vorrangig daran interessiert, das Rollenspektrum seines co-produzierenden Hauptdarsteller zu erweitern.
In dieser Hinsicht funktioniert der angenehm zurückhaltende, im positiv besetzten Sinne „kleine“ Film dann auch – nicht etwa als Innovationspool, sondern als probate Ergänzung etablierter Schemata.

7/10

LES MORFALOUS

Zitat entfällt.

Les Morfalous (Die Glorreichen) ~ F 1984
Directed By: Henri Verneuil

Tunesien, im April 1943: Ein Batallion der Fremdenlegion kommt in El Ksour an, um die milliardenschweren Goldreserven der hiesig angesessenen Nationalbank in Sicherheit zu bringen. Die Truppe wird jedoch von der wohlfeil versteckten Wehrmacht gnadenlos aufgerieben. Bis auf drei Soldaten, Augagneur (Jean-Paul Belmondo), Mahuzard (Michel Constantin) und Boissier (Michel Creton), fallen alle übrigen Legionäre. Ergänzt um den nervösen Regelarmisten Béral (Jacques Villeret) fasst Augagneur den Plan, das Gold aus der Bank an sich zu bringen, zu teilen und mit dem gewonnenen Reichtum zu desertieren. Mahuzard weigert sich jedoch, darauf einzusteigen und es kommt zum Duell zwischen ihm und Augagneur. Der Bankdirektor Laroche-Fréon (François Perrot), seine Frau (Caroline Sihol) und deren deutscher Liebhaber Karl (Matthias Habich) tanzen bald mit im goldgierigen Reigen, den nach wechselnden Allianzen und einigem Hin und Her nur der ausgebuffte Augagneur unbeschadet übersteht. Doch Reichtum und Luxus sind auch ihm nicht vergönnt – dafür jedoch Ruhm und Ehre.

Der freche Kriegs-Actioner „Les Morfalous“ fand nicht durchweg regen Zuspruch. Mit einem zeittypischen Casaro-Kinoplakat garniert, das Belmondo im Zuge seiner achten und letzten Zusammenarbeit mit Henri Verneuil als muskelbepackten Heroen mit riesigem MG im Anschlag porträtierte, suchte man offenbar, sich auf den Zug der militaristischen, langsam die Videotheken flutenden, exotischen Schießprügelabenteuer zu schwingen. Zudem umgibt den gesamten Film eine ätzend-zynische Aura, geprägt von eher unangenehmen Charakterfacetten wie Misogynie, latentem Rassismus und ethischer Desorientiertheit, die in der brandtschen Synchronfassung – jene im Übrigen ein weiteres Meisterstück ihrer Zunft – wohl nochmal potenziert wird. Nun mag man man mit dem abstand der Jahrzehnte vielleicht reflektionsfähig genug sein, um Verneuils dreckigen Galgenhumor als durchaus passend zur Gattung zu eruieren und die Figur des Augagneur, ohnehin passend zu Bébels Rollenschema dieser späten Phase seines Schaffens, als eine Art Eulenspiegel der Fremdenlegion zu betrachten, der nach Ansicht von Tod und Zerstörung in all ihren abartigen Variationen genug von der Institution Krieg hat und sich mit dem in Griffbereitschaft befindlichen Goldschatz aus dem Staube machen möchte. Doch selbst wenn man gar kein Held mehr sein und bloß noch weg will, ist man gezwungen, einer zu werden. So war, so ist der Krieg. Er erreicht stets das Gegenteil von dem, was man eigentlich will. In dieser Aussage liegt doch ein ordentliches Pfund Wahrheit, wenngleich „Les Morfalous“ ganz sicher nicht das schlecht gelaunte Werk darstellt, das ein ernstzunehmender Kriegsfilm bitt’schön abgeben sollte. Im Gegenteil, er maßt sich Komik, Spannung und Pyromanie an und ist daher auch garantiert und gänzlich ungeeignet, jedweden Kriegsfilmkanon zu bestücken. Dabei macht gerade das doch seinen höchst ungehörigen Reiz aus.

8/10

LE CORPS DE MON ENNEMI

Zitat entfällt.

Le Corps De Mon Ennemi (Der Körper meines Feindes) ~ F 1976
Directed By: Henri Verneuil

Nach sieben Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen, kehrt François Leclercq (Jean-Paul Belomondo) in seine Heimatstadt zurück. Damals wurde er zum Opfer einer Intrige der wirtschaftspolitischen Führungsclique der Stadt. Dass das dereinst von dem gesellschaftlichen Aufsteiger gegründete Nachtlokal nämlich als Drogen-Umschlagsplatz ausgenutzt werden sollte, wollte der zwar stets unbequeme, aber dennoch gewissen Grundsätzen zugetane Leclercq nämlich nicht akzeptieren. So schob man ihm einen Doppelmord zu, für den er verurteilt und weggesperrt wurde. Gekaufte Protestler und hochgestellte Persönlichkeiten sorgten für den reibungslosen Ablauf des Alibiprozesses. Nun ist Leclercq, zum allgemeinen Unwohlsein sämtlicher damals Beteiligten, wieder da und begibt sich auf die Suche nach den Drahtziehern seiner Misere.

Die Grundprämisse des Stoffs ist nicht unbedingt innovativ und lehnt sich an ein bereits mehrfach durchgespieltes Noir- und Westernmotiv an: Ein ehemals unschuldig geschasster Bürger kehrt an den Ort des ehemaligen Ränkespiels zurück, um sich an dessen Urhebern zu rächen. Eine solche Story gibt, so sie nur ansprechend genug umgesetzt ist, in der Regel viel her, so auch im Falle „Le Corps De Mon Ennemi“. Mithilfe verschachtelter Rückblenden entspinnt Verneuil eine komplexe Narrationsform, die auf mehreren Zeitebenen ein lückenloses biographisches Bild des Protagonisten entwirft. Von seiner proletarischen Herkunft entwickelt sich Leclercq zum Charmeur der Hochgesellschaft, wickelt Gilberte (Marie-France Pisier), die Tochter des hiesigen Textilmagnaten Liégard (Bernard Blier) um den Finger und erwirbt, trotz seiner unstandesgemäßen Herkunft, den zögerlichen Respekt der Reichen und Schönen. Von Leclercq eingestellt, strebt Leclercq allerdings bald nach beruflicher Autonomie und zieht zusammen mit dem Ganoven Di Massa (François Perrot) einen Club auf, der bald zum Anziehungspunkt der „feinen“ Gesellschaft avanciert: Anwälte, Ärzte und andere hochgestellte Persönlichkeiten lassen allabendlich in Leclercqs Etablissement die Kuh fliegen und amüsieren sich bei nackter Haut und Hochprozentigem. Als Leclercq von Di Massas Dealereien erfährt und sein diesbezügliches Missgefallen äußert, muss er „weg“: Ein in seinem Lokal verübter Doppelmord, dessen eines Opfer ein prominenter Fußballprofi ist, wird ihm in die Schuhe geschoben, Zeugen gekauft und Leclercq weggesperrt. Seine sieben Jahre später erfolgende Suche nach den Architekten seiner damaligen Entthronung ist bald von Erfolg gekrönt, seine Rache ebenso geschickt wie gnadenlos.
Mit „Le Corps De Mon Ennemi“ gelingt Verneuil auch eine treffende Satire auf bourgeoise Scheinheiligkeit und den Hang des Großbürgertums dazu, seine Macht auszuspielen, indem es potenzielle Störfaktoren hinsichtlich Renommee und Einfluss rigoros aus dem Weg räumt. Doch nicht mit Bébel, der nicht ganz so rigoros zu Werke geht, wie vielleicht ein Clint Eastwood, dessen Aufgebrachtheit jedoch immerhin ausreicht, einen unliebsamen Störenfried mit einem gezielten Schlag ins Jenseits zu befördern. Für die Hintermänner, das gebietet die Spielregel, müssen allerdings etwas subtilere Methoden befleißigt werden.

8/10

LE SERPENT

„You’re a liar, comrade.“

Le Serpent (Die Schlange) ~ F/BRD/I 1973
Directed By: Henri Verneuil

Im Zuge einer mehr als komplizierten Aktion läuft der vom Kreml geschasste KGB-Offizier Vlassov (Yul Brynner) in den Westen über. Unter allen Umständen soll vermieden werden, dass Vlassov später als Doppelagent agiert. Daher wird er direkt nach Langley gebracht, wo er unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen etliche Lügendetektortests und psychologische Tests über sich ergehen lassen muss. Als Vlassov einige vorrangige, westeuropäische NATO-Mitglieder als Informanten für die Sowjets denunziert, fallen diese kurz darauf durchweg seltsamen Unfällen zum Opfer. Der stutzende CIA-Direktor Davies (Henry Fonda) stößt mithilfe seines Teams daraufhin auf einige Ungereimtheiten hinsichtlich Vlassovs Angaben und auch betreffs seiner Beziehung zu dem britischen Diplomaten Boyle (Dirk Bogarde)…

Ein etwas umständlich erzählter, in der Wahl seiner Form jedoch sehr präzise ausgearbeiteter Spionagethriller, der vor allem die techokratische Seite des Kalten Krieges beleuchtet. Von 007-Romantik keine Spur hinterlassend, findet die eigentliche Spionagearbeit längst auf heimischem Boden und hinter verschlossenen Türen statt: Mittels penibelst austarierter Technologie werden die gegnerischen Fernseh- und Rundfunksendungen abgehört und auf Chiffres hin abgehört, Funkverkehr analysiert und multilingual untersucht. Mögliche Verräter, Maulwürfe und politische Gegner müssen sich zermürbenden Verhören ebenso aussetzen wie subtiler, psychischer Folter. Repräsentieren sie keinen taktischen Wert mehr, fungieren sie zumindest noch als Austauschspersonal, denn die Gegenseite operiert schließlich mit genau denselben Methoden. So distanziert sich Verneuil auch sehr prägnant von jedweder Sympathiebekundung in eine Himmelsrichtung: Die paranoiden, albtraumhaften Mechanismen, mit denen die CIA ihrer Arbeit nachgeht, werden zwar nicht direkt mit denen des KGB konterkariert, es bleiben jedoch wenig Zweifel daran offen, dass das jeweilige, ursprüngliche politische Credo der Weltmächte längst einem pathologischen Machtstreben gewichen ist, das einzig um Einfluss und territoriale Ausweitung kreist. Das anhaltende Patt der Großmächte veräußert „Le Serpent“ zwar nicht eben als entspannte Situation, eruiert es jedoch als deutlich entspannter als manche dystopische Vision dieser Zeit – wenn alles, Menschen, Sprachen und Länder, irgendwo an Grenzen stößt und seine Ordnung innerhalb bestimmter soziopolitischer und regionaler Limitierungen findet, dann besitzt das auch etwas Tröstliches, denn die Fronten sind, bis auf ein paar umtriebige Doppelagenten, eindeutig definiert.

8/10

THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW

„A mental mind fuck can be nice.“

The Rocky Horror Picture Show ~ Großbritannien/USA 1975
Directed By: Jim Sharman

Auf der Hochzeit von Freunden schwören auch Brad Majors (Barry Bostwick) und Janet Weiss (Susan Sarandon) sich ewige Treue per Verlobung. Doch die anschließende Autofahrt in den siebenten Himmel endet abrupt bei einem mysteriösen Schloss, auf dem nicht nur allerlei merkwürdige Zeitgenossen das Tanzbein schwingen, sondern dessen Hausherr Frank-N-Furter (Tim Curry) sich ihnen zudem als Transvestit vorstellt und diese Einführung lauthals untermauert. Furter hat außerdem ein künstliches Wesen namens „Rocky“ (Peter Hinwood) geschaffen, ein wahres Bild von einem Mann, das sein Konstrukteur sich vornehmlich fürs private Himmelbettchen herangezogen hat. Doch auch Janet lässt sich von Furter begatten sowie später von Rocky. Der koitale Reigen wird unterbrochen von Dr. Scott (Jonathan Adams), Brads Mentor und Gegner Furters, der beweisen will, dass es sich bei selbigem um einen außerirdischen Invasoren handelt. Kurz darauf finden sich die „Gäste“ in Alabasterstatuen verwandelt, die sich Furters Kabarettschau ansehen müssen. Bevor der Unhold es jedoch allzu toll treiben kann, veräußern sich seine beiden Diener Riff-Raff (Richard O’Brien) und Magenta (Patricia Quinn) als außerirdische Agenten, beenden Furters Umtriebe und fliegen mit dem gesamten Schloss heimwärts.

Wenngleich das ganze Fetischgehabe des Films mit all seinem Konfetti und Getucke, seinen Strapsen, seiner Travestievorliebe und so weiter kaum dem entspricht, was ich selbst gemeinhin als ‚amüsant‘ empfinde, so schaue ich mir das Ding mit gebührendem Abstand vom einen zum anderen Mal immer wieder mal gern an. Die Idee, den billigen und naiv gestrickten Drive-In-Filmen der vorangegangen Jahrzehnte in Form eines frivolen Musicals zu huldigen, das Genre zugleich zu parodieren und knallbunt zu revitalisieren ist doch zu schön und zumindest in dieser originär-originellen Umsetzung einzigartig und wohl kaum plagiierbar, was schonmal prinzipiell für jedes Kunstwerk spricht. Susan Sarandon war damals richtig schnuckelig, Tim Curry bleibt als vervollkommnete Leinwandtranse wohl unerreicht und Charles Gray als der edukative Erzähler, der mit Pfeife im Mund und wunderbarem englischen Dialekt vor den durch lotterhaften, vorehelichen Beischlaf dräuenden Gefahren des Lebens und in diesem Zusammenhang gleich noch vor bösartigen Aliens warnt und auch mal mittanzen darf, das Sahnehäubchen. Nahezu sämtliche Szenen beinhalten visuelle, direkte oder indirekte Querverweise zu Klassikern jedweder Kuleur, die ein hübsches Suchspiel für aufmerksame Betrachter garantieren und die beweisen, dass „The Rocky Horror Picture Show“ nicht nur vor gestalterischem Einfallsreichtum sondern auch vor großer cineastischer Universalkenntnis sprüht. Nicht alle musikalischen Stücke empfinde ich als wirkliche Knaller, wenngleich die wahren Fans das ganz anders sehen werden, aber zumindest der Eingangssong mit den im Ganzen elf zitierten SciFi-Klassikern und vor allem der Meat-Loaf-Beitrag holen alles aus den Schläuchen. In diesem Sinne: Don’t dream it, be it!

8/10