DOCTOR SLEEP

„We’re all dying. The world’s just one big hospice with fresh air.“

Doctor Sleep (Doctor Sleeps Erwachen) ~ USA 2019
Directed By: Mike Flanagan

Rund 30 Jahre nach den schrecklichen Erlebnissen im Overlook-Hotel ist aus dem damals noch kleinen Danny Torrance (Roger Dale Floyd) ein Erwachsener (Ewan McGregor) mit einigen Problemen geworden. Die einstigen Ereignisse hat Danny nie ganz überwinden können und ist zum Alkoholiker geworden wie einst sein Vater Jack (Henry Thomas). Noch immer erscheint ihm an kritischen Wendepunkten seines Lebens jedoch der seinerzeit ermordete Hausmeister Hallorann (Carl Lumbly) und erteilt ihm weise Ratschläge. Aus zunächst unerfindlichen Gründen zieht es Danny nach New Hampshire, wo er Freundschaft mit Billy Freeman (Cliff Curtis) schließt. Weitere acht Jahre vergehen, in denen Danny seine Sucht erfolgreich überwunden hat und immer wieder mentalen Kontakt mit einem einige Meilen entfernt lebenden Mädchen namens Abra Stone (Kyliegh Curran) pflegt, das wie er über das Shining verfügt. Eines Tages besucht Abra Danny persönlich, um ihn über einen kleinen Geheimzirkel, den „True Knot“ zu informieren. Bei diesem handelt es sich um eine Gruppe untoter Seelenvampire, die mit Campingwagen durch Amerika ziehen und sich von der Essenz von Kindern ernähren, die allesamt das Shining besitzen und auf die besonders starke Abra aufmerksam geworden sind. Nach anfänglichem Zögern verbündet sich Jack mit Abra. Gemeinsam können sie fast alle Mitglieder des True Knot ausschalten bis auf dessen Anführerin Rose The Hat (Rebecca Ferguson). Jack und Abra locken sie zum längst verlassenen Overlook Hotel, um ihr dort endgültig den Garaus zu machen.

Mike Flanagans im Director’s Cut immerhin dreistündiger Film bildet nach der Netflix-Produktion „Gerald’s Game“ die zweite King-Adaption des Regisseurs. Als Sequel zu Stanley Kubricks Meisterwerk „The Shining“ vollzieht „Doctor Sleep“ dabei immerhin das kleine Kunststück, sowohl King, der Kubricks Arbeit wie viele Fans seines Romans bekanntermaßen ablehnt, zu beschwichtigen, als auch „The Shining“, dem Film, vielfach Reverenz zu erweisen. „Immerhin“, weil „Doctor Sleep“ sich zwar im Ganzen nett ausnimmt, der monumentalen Kunst Kubricks aber in überhaupt keiner Weise das Wasser reichen kann. Dessen Film vermochte es, Wahnsinn als psychische Macht zu transzendieren und ihn auf vielen Ebenen spürbar zu machen – den Wahnsinn nicht nur seiner Hauptfigur, sondern auch den seines (filmischen) Schöpfers. Vielleicht ist genau dies einer der primären Gründe, warum King sich mit Kubricks epochalem Werk nie anfreunden mochte; weil er sich wie kein anderer Filmemacher von einer seiner Vorlagen emanzipieren konnte und etwas derart Eigenständiges schuf, dass der Roman nurmehr zum inhaltlichen Stichwortgeber anstelle einer kongenialen Inspirationsquelle degradiert wurde. Bei Flanagan, einem, soweit ich dies nach nunmehr vier gesehenen Filmen beurteilen kann, fleißigen, soliden Genreregisseur, der bis dato allerdings noch keine bedeutsame Signatur entwickeln konnte, kann von derlei Maßstabssetzendem nicht die Rede sein. Ich kenne das Buch, wie die allermeisten von King, nicht, weil ich die Prosa des Autors nie sonderlich mochte. Mit den allermeisten Adaptionen ergeht es mir da anders, diese pointieren seine ohnehin oftmals a priori kinoaffinen Ideen häufig und verdichten sie zu einer medial passgenauen Essenz. Wobei mir auch diesbezüglich auffällt, dass wirklich überragende Arbeiten, wie sie einst noch Usus waren, als Regisseure wie De Palma, Cronenberg, Carpenter oder Reiner sich Kings Literatur annahmen, de facto nicht mehr nachgereicht werden. Vielleicht liegt das ja nicht zuletzt auch an Kings höchsteigener Art der Verstofflichung seiner Imagination. Im Falle von „Doctor Sleep“ scheint mir dies durchaus signifikant: Hier haben wir keine Horrorgeschichte, die innere Welten nach außen kehrt, sondern vielmehr einen relativ ordinären Fantasyplot, der eben zufällig die Geschehnisse von „The Shining“ aufgreift und weiterspinnt. Selbiges vollzieht Flanagans Film auf eine rundum bequeme und versöhnliche Art. Die diversen Reminiszenen an das fast vier Dekaden alte, ungebrochen magische Vorbild sind ausnahmslos liebevoll gestaltet, die von neuen Darstellern besetzten Rollen finden sich so gut revisioniert, wie es eben möglich scheint. Doch dann gibt es da noch diese einfältige, narrative Kinderschreck-Ebene um die scheinbar aus Grimms Märchen entsprungenen (leider überhaupt nicht bedrohlich wirkenden) True-Knot-Gypsies, allen voran die leider nie wirklich unheimliche Rebbeca Ferguson, und die sich ihnen tapfer widersetzende, kleine Alba, in der Danny Torrance nebst seiner traumatischen Vorgeschichte zu einem relativ austauschbaren Sidekick-Element avanciert. Die Crux des Ganzen verdeutlicht sich vielleicht besonders in jener Szene, in der Danny und sein Kumpel Billy die Seelenvampire in einen Wald locken und nach und nach erledigen, wobei diese sich mittels mäßiger CGI in staubiges Wohlgefallen auflösen. Diese in dem ja doch recht ausufernden „Doctor Sleep“ einzige Sequenz, die mit ein wenig Kinetik aufwartet, liefert beinahe antiklimaktische Vampiraction, wie sie (ausgerechnet) seit „From Dusk Till Dawn“ doch längst visueller Usus ist.
„Doctor Sleep“ ist, und darin liegt vielleicht der größte Kritikpunkt, ein Film ohne echte Geheimnisse – und damit ganz gewiss denkbar weit entfernt von dem, was er, so nehme ich an, nur allzu gern wäre.

6/10

3 FROM HELL

„All hail the man behind the grease paint!“

3 From Hell ~ USA 2019
Directed By: Rob Zombie

Entgegen allen Erwartungen haben Baby Firefly (Sheri Moon Zombie), Otis Driftwood (Bill Moseley) und Captain Spaulding (Sid Haig) ihre bleihaltige Konfrontation mit den Staatsbediensteten überlebt und harren nunmehr im Gefängnis ihrer Todesstrafen. Nachdem einige Zeit später der Captain bereits auf dem Schmorstuhl gelandet ist, gelingt dem Halbbruder der beiden Verbliebenen, Winslow Foxworth „Foxy“ Coltrane (Richard Brake), auch „Midnight Wolfman“ genannt, die Befreiung Otis‘, die dieser gleich noch zur spontanen Rache an einem alten Erzfeind, dem ebenfalls einsitzenden Kopfgeldjäger Rondo (Danny Trejo), nutzt. Später pressen Otis und Foxy noch Baby frei. Gemeinsam flieht das Trio über die mexikanische Grenze, wo just der Día de Muertos begangen wird. Ein schmieriger, lokal ansässiger Kneipenwirt namens Carlos Perro (Richard Edlund) verpfeift derweil die Drei an Rondos vergeltungsbedürftigen Sohn Aquarius (Emilio Rivera), der mit diversen henchmen in Catchermasken und schwerem Geschütz anrückt, um die „3 from Hell“ in ihre nominelle Heimat zurückzuschicken.

Manche Toten sollte man besser ruhen lassen. Das gilt auch für die Firefly-Sippe, der Rob Zombie nach ihrem und seinem wüsten Filmdebüt „House Of 1000 Corpses“ im kurz darauf folgenden, herrlich garstigen Sequel „The Devil’s Rejects“ einen der denkwürdigsten Abgänge der Filmgeschichte verehrt hatte. Doch kennt Zombie, dessen Budgets beständig schmaler sowie Zuschauerzahlen beständig geringer werden und dessen Filme auch qualitativ einem sukzessiven Abwärtstrend zu folgen scheinen („31“ wartet bislang noch ungesehen in meinem Regal), kein Erbarmen – weder mit seinem Publikum noch mit den Fireflys. Andererseits scheint deren buchstäbliche Reanimation im Rahmen seines höchsteigenen Fanboy-Werks dann doch wiederum eine folgerichtige Entwicklung. Erwartungsgemäß mangelt es dem dritten Part der Redneck-Rampage-„Saga“ (weitere dürften folgen, daran lässt das Finale wenig Zweifel) an den herausragenden Qualitäten des Vorgängers. „3 From Hell“ ergeht sich in wenig gelungenen Selbstzitaten, rekapituliert Elemente wie das Home-Invasion-Szenario des Vorgängers nebst dessen Racheelement durch verärgerte Familienmitglieder und orientiert sich abermals deutlich am großen Vorbild „Natural Born Killers“, der neben wildwüchsigen Formalia auch durch einen sich um die Fireflys entspinnenden Medienkult rezitiert findet. Dabei mangelt es dem Film vor allem an schlüssigen Kausalitätsschemata; den Figuren wird anders als noch in „The Devil’s Rejects“ kaum Weiterentwicklung gegönnt. Dass sie sich als Antihelden durch eine ekelerregende Welt zu metzeln haben und sich dabei eher als lustige Psychopathen denn als beängstigende Naturgewalt in die Umarmung einer gezielt antizipierten Rezipientenschaft schmiegen, wird als naturgegeben vorausgesetzt. So dürfen sich die Drei aus der Hölle spätestens nach ihrer Ankunft in Mexiko und der zweiten, ein wenig an „The Wild Bunch“ angelehnten Hälfte des Films der nachgeraden Sympathie des Zuschauers erfreuen, der nur allzu gern vergessen darf, kann und soll, dass er es doch eigentlich mit Massen- und Serienmörderabschaum aus der untersten Schublade zu tun hat. Auch diese Ambivalenz hat Zombie im Vorgänger noch ganz wunderbar auzulösen verstanden, während er sich in „3 From Hell“, einem Durchschnittswerk in jedweder Hinsicht, eher auf einem faulen, trägen Narrativ ausruht, dessen exaltiert ausgestellte grindhouse motherfucker attitude irgendwie nicht mehr die rechte Zugkraft entwickeln mag.

5/10

THE MULE

„I could buy everything, but I couldn’t buy time.“

The Mule ~ USA 2018
Directed By: Clint Eastwood

Eher durch ganz alltägliche Koinzidenz gerät der alte Blumenzüchter Earl Stone (Clint Eastwood) an die mexikanische Drogenmafia. Ein lukrativer Job, in dessen Zuge Earl nichts anderes zu tun hat, als mit seinem rostigen Pick-up eine Ladung Kokain von Texas nach Illinois zu transportieren und dort abzuliefern, lässt den rüstigen Rentner Blut lecken. Er wird zu einem „mule“, einem interstaatlichen Drogenkurier der mexikanischen Kartelle, der sich durch seine ruhige und unaufgeregte Art schon bald die Sympathie seiner Mittelsmänner sichern kann und immer mehr Geld verdient. Derweil kriselt es an allen sonstigen Fronten: Die DEA in Form des umtriebigen Agent Bates (Bradley Cooper) wird auf Earl aufmerksam und heftet sich an seine Fährte; die Beziehung Earls zu seiner Familie kriselt heftigst. Als ein Emporkömmling (Clifton Collins Jr.) aus der eigenen Organisation Earls obersten Boss, den Kartellchef Laton (Andy Garcia), aus dem Weg räumt, fangen Earls Schwierigkeiten jedoch erst richtig an.

Und erneut liefert der große alte Mann des amerikanischen Kinos ab, folgt seinem Stil als lakonischer auteur, der um sich selbst als Protagonisten immer noch die wahrscheinlich schönsten Storys inszeniert und vermag selbst als greiser 88-jähriger noch seine Anhängerschaft zu rühren, ohne sich Weinerlichkeiten hinzugeben. Den Vorschutz von lauter Aggressivität, wie ihn der oftmals wütende Eastwood der siebziger und achtziger Jahre noch befleißigte, ist längst passé und selbst ein paar unumgängliche Gewaltmomente, wie die Ermordung des druglord Laton oder eine Tracht Prügel, die Earl Stone von zwei mexikanischen Gorillas bezieht, spielen sich entweder in beinahe humoristisch geprägtem Kontext ab bzw. werden erst gar nicht onscreen dargestellt. Stattdessen frönt Eastwood ganz lässig jenem Topos, der ihn bereits seit rund drei Dekaden und mit zunehmender Vehemenz vornehmlich umtreibt – der Melancholie des würdevollen Alterns. Auch das damit eng verbundene Motiv der entfremdeten Familie, die über die Jahre hinweg zum Opfer des autobiographisch in der Hauptsache mit sich selbst und seinen Angelegenheiten befassten, alternden Eigenbrötlers wird, geriert erneut zum wesentlichen Stoff von Eastwoods nach wie vor uramerikanischer Geschichtsschreiberei. Earl Stone ist alles andere als ein Mensch mit kriminellem Potenzial. Vielmehr möchte man ihn als typischen Südstaatensenior vom alten Schlag – Korea-Veteran, Charmeur, leidenschaftlicher Blumenfreund und eben lausiger Familienvater, der er ist – bezeichnen, einen, der Afroamerikaner noch so unbedarft wie freundlich als „negroes“ anspricht und den die vergessene Hochzeit seiner Tochter (Alison Eastwood) zugunsten des Besuchs einer Blumenmesse auch deren letzte Sympathien kostet. Der Einsatz seiner realen Tochter in dieser Rolle spricht Bände. Zwölf Jahre später hat der Online-Handel den hoffnungslos technikfremden Ewiggestrigen, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Internet und Mobiltelefone schimpft, in den Ruin getrieben. Hier setzt dann der Kernplot ein, der Earl Stone als zumindest geistig noch wendigen Lebenskünstler zeigt, der sich von dem Geld für seine Koksfahrten noch ein paar schöne Dinge gönnt. Wie zuletzt stets befleißigt sich Eastwood aufs Neue der treuen Weise „the best stories are written by life itself“ und erzählt die wahre Geschichte des Horikulturisten und Drogenkuriers Leo Sharp nach, der über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg quer durch die USA Kokain für das Sinaloa-Kartell transportierte und mit 87 Jahren verhaftet wurde. Nach einem Jahr der abzusitzenden Strafe wurde der nette, alte Herr wieder entlassen und starb dann wiederum zwei Jahre später. Seinen Film lässt Eastwood nicht mit dem Tod des Protagonisten enden. Er zeigt seinen Earl Stone vielmehr da, wo er glücklicher nicht sein könnte – bei der Blumenhege. Dass dieser sich dabei im Knast befindet, trübt seine sympathische Geschichte keinesfalls ein, im Gegenteil. Der Mythos darf vielmehr noch ein paar Jahre weiterleben.

8/10

SPIDER-MAN: FAR FROM HOME

„I’m in love with Spider-Man’s aunt!“

Spider-Man: Far From Home ~ USA 2019
Directed By: Jon Watts

Wie ein paar anderen Milliarden Erdbewohnern macht auch Peter Parker (Tom Holland) und einigen seiner Schulfreunde der „Blip“ (der durch im Zuge von „Avengers: Endgame“ durch Bruce Banner ausgelöste Umkehreffekt von Thanos‘ „Snap“) nachhaltig zu schaffen: Während die Physis der Betroffenen normal weitergealtert ist, befindet sich die Persönlichkeit noch auf dem Stand von fünf Jahren zuvor. Besonders bei Teenagern wirkt sich dieser Zustand mitunter verstörend aus. Eine Europareise mit der gesamten Klasse als High-School-Abschluss kommt Peter da gerade Recht, um mit sich und dem Abschied von seinem Mentor Tony Stark ins Reine zu kommen. Doch ist da auch noch die angehimmelte MJ (Zendaya), zu der der junge Mann sich zunehmend hingezogen fühlt.
In der Alten Welt angekommen, muss Peter dann rasch erkennen, dass er vor Spider-Man nicht davonlaufen kann. Eine Gruppe monströser Elementarwesen, der angeblich von einer Parallelerde stammende Superheld Quentin Beck (Jake Gyllenhaal), genannt „Mysterio“ und der unverwüstliche Nick Fury (Samuel L. Jackson) kreuzen bald seinen Weg. Und eine gewaltige Dummheit beim Umgang mit Starks Erbteil für Peter, der mächtigen Kontrolleinheit „E.D.I.T.H.“, gilt es, unter Aufbietung aller Superspinnenkräfte versteht sich, wieder geradezurücken.

Der Nachhall des immens erfolgreichen Kassenklingelns dieses zweiten, wiederum von Jon Watts inszenierten Spider-Man-Solo-Abenteuers im Rahmen des MCU, erwies sich als alles andere denn erfreulich – Sony, nach wie vor primärer Rechteinhaber für die Figur nebst ihrem Comicanhang, vermeldete wieder gesteigertes Interesse an deren eigener Vermarktung und, damit einhergehend, bei Nichterfüllung vertraglicher Neubedingungen durch Disney und Kevin Feige, eine Rückkehr unter das hauseigene Dach. Für kommende Filme würde dies bedeuten, dass Spider-Man aus dem MCU wieder extegriert und beiderseits sämtliche charakterliche Entwicklungen seit „Captain America: Civil War“ wieder getilgt werden müssten. Eine besonders für Freunde geschlossener Kontinuität im Hinblick auf verfilmte Marvel-Geschichten immens bittere Pille, die seit 2002 praktisch einem rekordverdächtigen vierten Reboot entspräche. Immerhin bleibt Tom Holland, der seine Auftritte als Spidey sehr zu lieben scheint,  seinem alter ego als Gesichtsstifter wohl vorerst erhalten.
„Far From Home“ nun führt zunächst einmal den publikumsverwöhnten Habitus des Vorgängers weiter. Wiederum ist Peter Parker noch Schüler mit (post-)pubertären Alltagsproblemen, dessen Fähigkeiten ihm innerhalb der übrigen Superheldengemeinde einen durchaus problematischen Exklusivstatus anheim stellen. Mit vielleicht 17, 18 Jahren bereits mehrfach an der Weltrettung beteiligt gewesen, Göttern und außerirdischen Despoten begegnet und im Weltall herumgejagt zu sein, geht an einem eher schüchternen Waisenknaben aus der Bronx gewiss nicht spurlos vorüber. Hinzu kommt in erschwerender Weise der schmerzliche Verlust des zwischenzeitlichen Ersatzvaters und die von ihm hinterlassene Märtyrerlücke, die darüber hinaus die gesamte Welt trauern lässt. Dem in dieser Weise angeschlagenen und geforderten jungen Mann erscheint der schulische Eurotrip mit zwei schrulligen Lehrern (Martin Starr, J.B. Smoove) als denkbar beste Ablenkung zur Stunde, zumal endlich einmal Platz für die persönlichen, altersadäquaten, sprich: romantischen Bedürfnisse gelassen scheint. Doch die nächste Bedrohung naht schon – Comickenner wissen schon bei dessen erstem Auftritt, dass der Mann mit dem nebulösen Glasglockenhelm namens „Mysterio“ natürlich kein Held, sondern vielmehr ein machthungriger Illusionist ist, der ganz eigene, sinistre Pläne hegt. Hier stammt jener Quentin Beck allerdings nicht aus den S-F/X-Schmieden Hollywoods – vielmehr entpuppt er sich als vormaliger Bestandteil der Stark-Factory und, wie bereits Adrian Toomes alias „Vulture“ (und andere bedauernswerte Zeitgenossen) als ein durch Tony Starks Umtriebe Geschmähter, der nach postumer Vergeltung sucht. Becks opportunistisches Streben sieht nichts Geringeres vor, als die Nachfolge von Iron-Man als globaler Premiumheld anzutreten und nimmt dafür die Zerstörung ganzer Städte und etlicher Existenzen in Kauf, die seine Illusionen, die „Elementals“, als Kollateralschäden hinterlassen. Dass Peter ihm kurzsichtig in die Hände spielt, indem er Beck naiverweise die ihm persönlich von Stark hinterlassene „E.D.I.T.H.“-Brille, die ihrem Träger die Kontrolle über Abertausende von Kampfdrohnen ermöglicht, verehrt, gilt es schließlich wieder gut zu machen. Doch einen Mann, der die Realität selbst zum Trugbild werden lassen kann, zu bekämpfen, wird erwartungsgemäß zu einer der schwierigsten Herausforderungen für den Heldennachwuchs. Flankiert werden die erstklassig visualisierten Kämpfe zwischen Spider-Man und Mysterio von nett arrangierten, häufig komischen Situationen, in die Peter und sein Tross zwischen den pittoresken Schauplätzen Venedig, Prag, Berlin und London immer wieder geraten. In Screwball-Manier muss sich Peter zwischen seinem frischverliebten Kumpel Ned (Jacob Batalon), der umschwärmten MJ (die sich jetzt plötzlich wie Mary-Jane abkürzt, wo sie in „Homecoming“ noch „Michelle“ hieß), den überforderten Lehrern sowie den immer wieder auftauchenden Fury und Maria Hill (Cobie Smulders) seinen Weg bahnen und dazu noch seine Heldenidentität schützen. Allerlei Optionen für Rasanz und Tohuwabohu, die Watts souverän, amüsant und teenagergerecht zu stemmen weiß. Damit empfiehlt er sich zugleich als Regisseur für kommende Spidey-Abenteuer, deren Zukunft nun ja trotz der aufregenden Mid- und der noch aufregenderen Post-Endtitel-Sequenzen leider keineswegs in Stein gemeißelt ist. Immerhin empfiehlt sich nunmehr bereits Phase 4: Die formwandelnden Skrulls sind offenbar doch nicht so freundlich, wie uns „Captain Marvel“ erst im Frühjahr 2019 weiszumachen trachtete…

8/10

TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

INCENDIES

Zitat entfällt.

Incendies (Die Frau die singt) ~ CA/F 2010
Directed By: Denis Villeneuve

Nachdem Nawal Marwan (Lubna Azabal), die einst aus einem kriesengeplagten Nahost-Staat nach Montréal emigrierte Mutter der beiden Zwillinge Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette), gestorben ist, verliest ihr Notar Lebel (Rémy Girard) ein höchst rätselhaftes Testament. Darin fordert Nawal die Geschwister auf, sich auf eine mühselige Suche zu begeben: Jeanne soll ihren den beiden zeitlebens unbekannten Vater ausfindig machen, derweil Simon mit der Recherche nach einem älteren Bruder betraut wird, von dem sie bislang nichts wussten. Vater und Bruder sollen dann jeweils einen von Nawal verfassten und an sie adressierten Brief erhalten. Zu Simons Unwillen begeben sich beide an ihre entbehrungsreichen Ermittlungen und machen sich in diesem Zusammenhang mit der Biographie ihrer Mutter vertraut, einen von den unbeschreiblichen Gräueln eines Bürgerkriegs geprägten Leidensweg…

Neben seinem makellosen Meisterwerk „Sicario“ ist „Incendies“ der bislang beste Film von Denis Villeneuve. In einer im Vergleich zu seinen späteren, sehr viel glamouröseren Hollywood-Arbeiten schmucklos gehaltenen Bildsprache begnügt sich der Regisseur hier noch damit, als auktorialer Inszenator vollkommen in den Hintergrund zu treten und seiner auf einem Stück des Dramatikers Wajdi Mouawad basierende Geschichte die gänzliche Führungsrolle abzutreten. Die erzählerische Perspekive changiert dabei primär zwischen den Erlebnissen von Mutter Nawal und Tochter Jeanne, wobei erstere sich in ihrer gezwungenermaßen stark gerafften Form etwa zwischen den Spätsiebzigern und Frühneunzigern datieren lassen. Das handlungsspendende Land, dessen Name nie erwähnt wird und das sich unschwer als der von den Wirren des Bürgerkriegs tief gezeichnete Libanon entschlüsseln lässt, erweist sich dabei auch in der filmischen Gegenwart noch als von unnachgiebiger Religiosität und Mentalität geknechteter Fleck Erde, innerhalb dessen blutgetränkter Geschichte das Schicksal Nawals am Ende doch nur eines von vielen ist, und an dem eine Überlebende, der eine entsetzliche Wahrheit selbst viele Jahre lang verborgen bleibt, zugrunde gehen muss zudem.
Auf narrative Details einzugehen, bedeutete, der geschätzten Leserschaft das potenzielle (unbekannte) Filmerlebnis seiner unglaublichen Kraft und erschütternder Wirkmacht zu berauben, daher halte ich mich diesbezüglich an gegebener Stelle ausnahmsweise streng zurück. Was mir insofern nurmehr am Herzen liegt und loszuwerden bleibt, wäre Folgendes: „Incendies“ ist einer jener raren Filme, die man uneingeschränkt als Pflichtveranstaltung für jedermann flankieren und bewerben muss, ein ungebrochen starkes kulturelles und philosophisches Großereignis; angetan zu schockieren, zu läutern und in meditative Klausur treten zu lassen; und mehr noch ein Fanal für Frieden und Vergebung; unvergesslich und uneingeschränkt randios. Wer glaubt, all diese Superlativen seien übertrieben, der möge versuchen, sich eines Besseren zu belehren. Er wird es nicht bereuen.

10/10

GREEN BOOK

„You only win when you maintain your dignity.“

Green Book ~ USA 2018
Directed By: Peter Farrelly

New York, 1962. Der ebenso herzliche wie kernige Italoamerikaner Tony „Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen) nimmt einen Auftrag als Chauffeur und Mädchen für alles an, der ihn in Begleitung des promovierten Jazzpianisten Don Shirley (Mahershala Ali) für zwei Monate in den amerikanischen Süden führen wird. Zunächst widerwillig geht der eher bildungsferne Alltagsrassist Tony auf das Angebot ein, da er ahnt, dass auf Shirley als Afroamerikaner diverse Unwägbarkeiten warten werden. Tatsächlich kommt es zu immer prekäreren Situationen, je weiter nach Süden das Duo und Shirleys zwei Mitmusiker (Dimiter D. Marinov, Mike Hatton) vordringen, teils der erzrassistischen „Kultur“ der Region geschuldet, teils durch Shirleys renitentes Verhalten selbst herbeigeführt. Dennoch lernen die beiden Männer sich im Zuge ihrer Reise immer besser kennen und schätzen und werden schließlich gute Freunde.

Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“. Dass der auf tatsächlichen Begebenheiten basierende „Green Book“, im Herzen eine völlig mediokre Tragikomödie, den Oscar für den Besten Film einheimsen konnte, sagt mehr über unsere Zeit aus den über die eigentlichen Qualitäten von Farrellys Arbeit. „Green Book“ setzt sich breitärschig auf einen bereitgestellten Stuhl inmitten von mentalitätsverwandten Diversity-Neophyten wie „BlacKkKlansman“ oder „The Hate U Give“, grundsätzlich gewiss wohlmeinenden Werken, die jedoch in ihrem vornehmlich braven bis naiv vorgetragenen Ansinnen im Amerika der Ära Trump vielleicht noch Nerven treffen mögen, einer aufgeklärten Gesellschaft, wie wir Mitteleuropäer sie (teilweise! noch!) genießen dürfen, allerdings zumindest im Hinblick auf ihren Zeigefigergestus hoffnungslos obsolet vorkommen sollten.
Der Film rekurriert dabei im Wesentlichen auf zwei eindeutige, jeweils rund dreißig Jahre alte Vorbilder, deren Atmosphäre und Szenen er teilweise detailgetreu rekapituliert und nachahmt, nämlich John Hughes‘ „Planes, Trains & Automobiles“ und Bruce Beresfords „Driving Miss Daisy“ (auf Letzteren bezogen vor allem dessen zweite Hälfte). „Green Book“ atmet gewissermaßen den konglomerierten Geist beider Klassiker, der sich bereits grundsätzlich durch die gemeinschaftliche Ausgangsbasis des road trip zweier höchst ungleicher, zu Freunden werdender Streithähne parallelisiert findet. Farrelly kann also bereits bestens aufgelockerten Boden beackern und hat es demzufolge leicht, sein immerhin nicht unsympathisches Road Movie über die Runden zu bringen. Dass „Green Book“ von der ersten bis zur letzten Minute so vorherseh- und durchschaubar ist wie ein Kindergeburtstag auf der Kegelbahn, kann man in Anbetracht des zugrunde liegenden Topos verschmerzen, muss man aber nicht. Zweierlei lebensnotwendige Ingredienzien lässt der Film analog dazu nämlich gänzlich vermissen: Innovation und Schärfe. Wo ein wütendes Anti-Establishment-Stück wie Kathryn Bigelows „Detroit“ Zähne ohne Betäubung zieht, streichelt Farrelly den kariösen Rassismusbeißer mit weicher Bürste. Das mag die eine oder andere evangelikanische Vorstadt-Hausfrau in Neuengland zum Nachdenken anregen, mehr allerdings wird kaum dabei herausspringen.
Kann man den politischen Aspekt ein wenig beiseite schieben, bleibt ein hoffnungslos hausbackenes Stück Unterhaltungskino, das langfristig zu wenig mehr denn zu einer – filmhistorisch betrachtet – reinen Fußnote taugen wird.

6/10