SOMETHING WILD

„Charlie, attempt to be cool.“

Something Wild (Gefährliche Freundin) ~ USA 1986
Directed By: Jonathan Demme

Das kommende Wochenende wird für den biederen, geschiedenen Firmenangestellten Charlie Driggs (Jeff Daniels) zu einer Achterbahnfahrt, die sich gewaschen hat. Es beginnt damit, dass eine quirlige Dame namens „Lulu“ (Melanie Griffith) in sein geordnetes Leben okkupiert. Lulu macht, was sie will. Sie klaut, betrügt und prellt Zechen, vor allem aber zeigt sie Charlie, wo im Bett der Hammer hängt. Der arme, überrumpelte, gleichsam aber nicht minder überwältigte Mann findet sich unvermittels auf einer Fahrt nach Pennsylvania wieder, wo Lulu, die in Wahrheit Audrey Hankel heißt, Charlie nicht nur ihrer Mutter (Dana Preu) als ihren neuen Ehemann vorstellt, sondern ihn gleich noch mit zum Jahrestreffen der Highschool-Abgänger schleift. Trotz einigen, berechtigten Protests hat sich Charlie längst in Audrey verliebt, als ihr Noch-Ehemann, der just aus dem Knast entlassene Ray Sinclair (Ray Liotta) auftaucht. Dieser erweist sich nach anfänglich freundlicher Bergrüßung als veritabler Soziopath, der keinerlei Interesse daran hat, Audrey aufzugeben. Doch Charlie ist seinerseits ebenfalls nicht gewillt, mit eingekniffenem Schwanz das Feld zu räumen…

Nachdem ich von vertrauenswürdigen Zeitgenossen und Freunden in sozialen Netzwerken und andernorts einige überschwängliche Lobeshymnen zu Jonathan Demmes Film mitverfolgt hatte, fand ich es an der Zeit, die offenbar doch allzu tiefe Scharte der ihn bezüglichen Unkenntnis endlich auszuwetzen. Nun, wie das häufig so ist, sind oftmals großzügig verteilte „Vorschusslorbeeren“, zumal in solch pompösem Umfang, nicht die beste Voraussetzung, um eine zumindest halbwegs neutrale Perspektive auf ein unbekanntes Werk zu wahren. Bezüglich „Something Wild“ fand ich diese alte Weise neuerlich bestätigt. Zunächst einmal fiel mir wieder ein, warum ich wohl vornehmlich so lange auf den Film verzichtet hatte – ich befürchtete, in ihm nicht wesentlich mehr denn eine unterlegene Variation des von Scorseses „After Hours“ und John Landis‘ „Into The Night“ im Grunde erschöpfend durchgespielten Motivs des überrumpelten Motivs des sich unversehens im von einer attraktiven Frau herbeigeführten, heillosen Existenzchaos wiederfindenden, einsamen Großstädters wiederzufinden. Filmhistorisch etwas weiter zurückgedacht ist jener Topos ohnehin ein klassischer Screwball-Stoff, den Howard Hawks mit „Bringing Up Baby“ bereits einige Jahrzehnte zuvor aus der Taufe gehoben hatte. Blake Edwards‘ „Blind Date“, den ich einmal vor ewigen Zeiten gesehen hatte, deklinierte das Thema seinerseits dann wiederum in den Achtzigern nochmals durch. „Something Wild“ bietet also zumindest im Hinblick auf seine Geschichte relativ sattsam Bekanntes. Natürlich erweist er sich als dennoch hinreichend eigenständig, um einen interessanten, witzigen, intelligenten und dementsprechend guten Film abzugeben, wenn auch in meiner Wahrnehmung nicht als das große, bislang unentdeckte Meisterwerk, das dekadenlang von mir stoisch ignoriert im Schatzkästchen schlummerte.
Es ist weniger das, was Demme hier anpackt, denn vielmehr die Art, wie er dies tut: „Something Wild“ reüssiert vor allem hinsichtlich des Einsatzes seiner vielen, für das Aug‘ und Ohr eines eher unbedarften Massenpublikums vielleicht nicht eben registrierbaren Details und popkulturellen Reverenzen. Da sind die diversen Cameos der den Regisseur seit Corman-Zeiten begleitenden Mitstreiter wie Tracey Walter, Kenneth Utt oder Charles Napier, die in jeweils höchst komisch angelegten Miniparts aufkreuzen; da ist die fantastische Songkompilierung auf der Tonspur, die einen umfangreichen Fundus großartiger, zeitgenössischer Popmusik präserviert, da ist auch die grandiose New-Jersey-Combo „The Feelies“, die auf der Ehemaligen-Fete aufspielt als „The Willies“ und unter anderem ein punkiges Monkees-Cover zum Besten gibt. Diese Dinge waren es, die mich überrascht haben und weniger der sich von einer RomCom hin zum Thriller vorarbeitende Plot, der auf sein happy end natürlich trotzdem nicht verzichten mag.

8/10

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ICE COLD IN ALEX

„Dames and mines. Lovely party.“

Ice Cold In Alex (Eiskalt in Alexandrien – Feuersturm über Afrika) ~ UK 1958
Directed By: J. Lee Thompson

Ägypten, 1940. Kurz vor dem Fall von Tobruk wird der versoffene RASC-Commander Captain Anson (John Mills) gemeinsam mit MSM Tom Pugh und den beiden Krankenschwestern Diana (Sylvia Sims) und Denise (Diane Clare) nach Alexandrien geschickt, um dort weitere Befehle abzuwarten. Die Reise durch die vom Krieg aufgeriebene Wüste in einem abgetakelten Kleinlaster erweist sich als zermürbend; ein unterwegs aufgenommener, südafrikanischer Soldat namens van der Poel (Anthony Quayle) kann zumindest immer wieder verhindern, dass es zu heftigeren Scharmützeln mit der Wehrmacht kommt. Bald jedoch wird der Verdacht immer lauter: Ist van der Poel womöglich ein deutscher Spion?

Bereits ein Jahr vor dem in Indien angesiedelteln „North West Frontier“ fertigte J. Lee Thompson diesen dem bunten, aufwändigen Abenteuer sozusagen als Ideengeber dienenden Kriegsfilm. Etwas bescheidener in der Ausführung erzählt „Ice Cold In Alex“, dessen zunächst merkwürdig anmutender Titel sich auf nichts Geringeres bezieht als eine Flasche Bier, eine in Grundzügen sehr ähnliche Geschichte: Die lebensgefährliche Fluchtfahrt auf einen maroden Vehikel durch eine von Feinden und anderen Gefahren geprägte Ödnis. Dabei werden ganz unterschiedliche Figuren zur Zusammenarbeit gezwungen; Held und Heldin werfen ein Auge aufeinander und es gibt einen gegnerischen Agenten, der sich in „North West Frontier“ jedoch anders entwickeln wird.
Beide Filme weisen hervorragende Qualitäten in jeder Beziehung auf und sind Musterbeispiele für hingebungsvolles, kompetentes Filmemachen, wie es Profis wie Thompson früher eben noch wie selbstverständlich zu eigen war. Freilich dient der historische Hintergrund des Nordafrika-Feldzugs hier abermals als nicht mehr denn als Stichwortlieferant für einen feisten Abenteuerfilm; dieser wird dafür jedoch so jovial und kernig erzählt, dass es einfach Freude macht. Es gilt immer wieder abwechselnd, der lebensfeindlichen Natur oder den Deutschen ein Schnippchen zu schlagen; man gerät in eine bleihaltige Verfolgungsjagd oder in tödliches Sumpfgelände. Auch das gute, alte Minenfeld darf nicht fehlen. Den famosen Spannungshöhepunkt bildet die buchstäblich schweißtreibende Aufgabe, den Kleinlaster einen riesigen Sandhügel emporzuschieben, dem das Getriebe des alten Schätzchens nicht gewachsen ist. Man leidet und fiebert regelrecht mit den Gebeutelten. Allein hierin verdeutlicht sich Thompsons Meisterschaft bei der Inszenierung von Spannungssequenzen bis vor den Bildschirm. Ganzt wunderbar gefallen hat mir auch das britische Ensemble: John Mills als schmächtig scheinender, aber drahtiger Gintrinker, der knautschgesichtige Harry Andrews, der bärige Anthony Quayle (den ich bislang eigentlich, warum weiß ich selbst nicht, immer für ziemlich mickrig gehalten habe( und die besonders in der Gegenwart dieses gegerbten Trios anmutige Sylvia Sims sind vortrefflich.

9/10

THE NATURE OF THE BEAST

„You can’t kill the devil.“

The Nature Of The Beast (Bad Heat – Highway des Todes) ~ USA 1995
Directed By: Victor Salva

Der biedere Firmenangestellte Jack Powell (Lance Henriksen) befindet sich auf dem Heimweg nach San Diego, quer über die Highways der kalifornischen Wüste. Dort treibt zeitgleich ein Serienkiller, der überall sein Signet „Hatchet Man“ hinterlässt, sein Unwesen. Ein ihm mysteriös vorkommender Anhalter (Eric Roberts) heftet sich alsbald an Jacks Fersen. Der sich als Adrian vorstellende Fremde glaubt, in Jack einen ebenfalls gesuchten Casino-Räuber zu entlarven, der zudem von der Mafia verfolgt wird, derweil sich im Gegenzug der Eindruck manifestiert, dass Adrian der Hatchet Man sein könnte. Adrian nutzt die Angst, die der spießige Familienvater vor ihm hat, wohlfeil aus und lässt ihn fortan nicht mehr vom Haken. Ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel ist die Folge.

Der einst durch einige unappetitliche Enthüllungen von sich reden machende Regisseur Victor Salva, dem just jene Ereignisse einen empfindlichen Strich durch die Karriere versetzten, hat mit „The Nature Of The Beast“ den ersten Film nach jenen Ereignissen und der darauf folgenden Gefängnisstrafe inszeniert. Salva hatte seine Strafe gerechterdings und ordnungsgemäß verbüßt, weshalb es der Produktionsfirma New Line durchaus hoch anzurechnen ist, dass man ihm für und mit „The Nature Of The Beast“ eine Chance offerierte. Der Film selbst ist recht ordentlich geraten, wenn auch mit Ausnahme des cleveren plot twists am Ende nichts wirklich Besonderes. Wähnt man sich zunächst über längere Strecken in einer Art eher nachteilig modifizierten Neuauflage von Robert Harmons ganz wunderbarem „The Hitcher“, relativiert sich jener Eindruck schlussendlich auf angenehme Weise, wobei der Weg dorthin eben nicht immer erquicklich gepflastert ist. Allzu breit ausgespielt wirkt Eric Roberts‘ Charakterisierung des bad guy, der tatsächlich ein wenig zu sehr überdimensioniert daherkommt, als dass man sie ihm bereitwillig abnähme. Zudem gerät die hier und da hilflos erscheinende Episodenhaftigkeit dem Ganzen eher zum Nachteil. Man erhält im Nachhinein den Eindruck, als hätte Salva seinen Film rein für die abschließende Überraschung geschrieben und inszeniert und nicht umgekehrt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Immerhin erhebt diese „The Nature Of The Beast“ nochmal auf eine neue Ebene und sorgt dafür, dass der revisionistische Gesamteindruck ein (wenngleich verhalten) positiver bleibt.

6/10

HELL OR HIGH WATER

„We ain’t stealing from you. We’re stealing from the bank.“

Hell Or High Water ~ USA 2016
Directed By: David Mackenzie

Die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner Howard (Ben Foster) rauben binnen kurzer Zeit zwei Filialen der lokalmächtigen Texas Midlands Bank aus. Während der alternde Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges) und sein Partner Parker (Gil Birmingham) sich an ihre Fersen heften, gestaltet sich das weitere Vorgehen der Flüchtigen besonders durch das impulsive und gewaltaffine Verhalten des Ex-Häftlings Tanner zusehends außer Kontrolle geratend. Obgleich die Motivlage der Brüder moralisch durchaus diskutabel ist – die Texas Midlands hat eine Wucher-Hypothek gegen Tobys Ranch in der Hand – ist ein finaler Zwist zwischen den Kriminellen und der Justiz unausweichlich.

Wie eine gepflegte Analyse der US-Bürger-Befindlichkeit im Katastrophen-Wahljahr 2016 wirkt dieser meisterhafte, ebenso staubige wie sonnenlichtdurchflutete Southern Noir des Schotten David Mackenzie: Ganz Westtexas scheint darin übersät von aufgegebenen, verrottenden Immobilien und Grundstücken, an denen zwangsläufig auch etliche familiäre Existenzen hängen. Stattdessen säumen Werbeplakate für Kredite und Hypotheken die Highways – es ist die Ära der Gläubiger, Wucherer und Blutsauger. Neben ein paar Diners scheint die allgegenwärtige Texas Midlands Bank mit ihren zig Niederlassungen eine der letzten funktionierenden Institutionen im Staat zu stellen; natürlich nur, insofern man deren kapitalistische Albtraum-Agenda als „funktional“ anzuerkennen bereit ist. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich das Familiendrama der Howard-Brüder, die beinahe schon allegorische Opfer der Umstände sind. Die Verschuldung des Familienbesitzes geht auf die verzweifelte, in Kummer verstorbene Elterngeneration zurück; den letzten probaten Ausweg bildet die Flucht nach vorn. Während Toby den Weg zum Outlaw für seine Kinder beschreitet, steht Tanner, knasterfahren, wild um sich schießend und getrieben von einer entsprechend unzweideutigen Neigung zu offener Gewaltausübung, eher in der Tradition der marodierenden Wildwest-Banditen von vor 130 Jahren. Immerhin sind Mackenzie und sein kaum minder brillant zu Werke gehender Autor Taylor Sheridan, dessen begnadeten Fingern bereits der monumentale „Sicario“ entwuchs, romantisch genug, um Toby am Ende mit einem blauen Auge davonkommen zu lassen, freilich nicht ohne ihn ein letztes (?) Mal mit seinem Antagonisten zu konfrontieren. Gute Freunde werden die beiden nicht mehr, dass sie jedoch reziprokes Verständnis und zumindest einen Hauch von Respekt füreinander entwickeln, daran mag ebensowenig Zweifel bestehen.
Wenn man sich zudem vergegenwärtigt, in welchem demografischen Umfeld die Republikaner die meisten Wähler fischen konnten, entsteht ein hübsch kompaktes, fiktionalisiertes Sozialanalytikum, das nicht nur in dieser Hinsicht gewiss noch in vielen Jahren Bestand haben wird. Leider ist es ja so – beschissene Zeiten befeuern großartiges Kino.
So ziemlich das Beste, was ich jüngst an „Aktuellerem“ gesehen habe.

10/10

LOGAN

„Beware the light.“

Logan ~ USA/AUS/CAN 2017
Directed By: James Mangold

Mexiko, 2029: Der Mutant James Howlett (Hugh Jackman) alias Logan alias Wolverine ist einer der Letzten seiner Art. Eine nicht näher benannte Katastrophe hat die übrigen X-Men in den Tod gerissen. Während seine Selbstheilungskräfte zunehmend schwinden und auch sein hohes Alter langsam seinen Tribut fordert, hat Logan sich als Mietchauffeur jenseits der Grenze eine kleine Fluchtexistenz aufgebaut. Seinen früheren Mentor Charles Xavier (Patrick Stewart), der unter schweren Demenzschüben leidet, hat er in seiner Obhut und versorgt ihn gemeinsam mit dem Albino Caliban (Stephen Merchant) mit den notwendigen Medikamenten. Als die kleine Laura (Dafne Keen) auftaucht, wartet eine letzte Mission auf Logan: Das Mädchen ist eine im Labor gezüchtete Mutantin auf Basis von Logans DNS, was ihn zu einer Art Vater macht. Der skrupellose Genforscher Rice (Richard E. Grant) plante Laura und einige andere Kinder zu gewissenslosen Biowaffen heranwachsen zu lassen, was die sich entwickelnden Persönlichkeiten der Kids jedoch durchkreuzten. Um sie vor der folgenden Euthanasie zu schützen, gelang es einer treusorgende, Krankenschwester (Elizabeth Rodriguez) Laura und ein paar andere Kinder in die Freiheit zu entlassen. Das Militär ist nun auf der Suche nach den gescheiterten Versuchsobjekten, um sie endgültig auszulöschen. Logan, der Professor und Laura machen sich, gejagt von Rice und seinen Leuten, auf den Weg nach Oklahoma, wo es angeblich eine letzte Zuflucht für verfolgte Mutanten geben soll…

Die Vorschusslorbeeren waren ja recht immens: Nach dem ziemlich infantil geratenen „Deadpool“ hatte die Fox also die Chuzpe, gleich noch einen zweiten Superheldenfilm mit R-Rating vom Stapel zu lassen. Dufte Sache. Nun sieht man die legendären Klauen von Wolverine (und die der putzigen, aber ebenso tödlichen Laura, die allerdings bloß zwei Krallen an jeder Hand hat) also nicht nur in die Opfer ein- sondern gleich auch wieder ausdringen. Dazu hat es noch einige Dekapitationen, was folglich für die eine oder andere deftige Gewaltspitze sorgt und „Logan“ phasenweise tatsächlich zu einem recht derben Schlachtfest macht, das sich allerdings nicht nur infolge seiner recht graphischen Erscheinung deutlich von dem bis dato gepflegten Regelwerk des Franchise abhebt. Vor allem ist „Logan“ ein durchaus intimes, zuweilen melancholisches Generationsdrama, das einer kleinen, immens dysfunktionalen konstellierten „Familie“ auf seinem nicht eben freiwillig begangenen Roadtrip durch den Südwesten der USA folgt. Dass der mittlerweile in Ehren ergraute Titelheld hierin dabei ist, seine letzten Tage zu durchleben, dürfte kein Geheimnis sein und auch für den im Filmkontext neunzigjährigen Professor Xavier und damit seinem (ersten) Stammschauspieler Patrick Stewart läuten die letzten Glocken. Vom einstmaligen Glanz der „School for Gifted Youngsters“ in Westchester ist nurmehr der karge Staub der mexikanischen Wüste geblieben; offenbar, das suggerieren ein paar Dialogzeilen, ist der mental schwer angegriffene Xavier selbst für die einstige Zerstörung seines zuvor mühselig aufgebauten Sanktuariums und damit zugleich auch die der meisten X-Men verantwortlich. Hinzu kommt das kleine, vermeintlich stumme Mädchen, das Logans Erbmasse in sich trägt und ebenso zum animalischen Berserkertum neigt wie sein unfreiwilliger Genspender. Möglicherweise seien die Mutanten gar nicht der als solcher bezeichnete „homo superior“ und damit die Erben des herkömmlichen Menschengeschlechts, sondern bloß eine kurzlebige evolutionäre Extravaganz, heißt es einmal im Film. Die Abenddämmerung neigt sich. Das sich zunehmend in die Enge getrieben sehende Trio trägt also gewissermaßen eine langjährige Tradition zu Grabe, respektive macht es den Weg frei für eine kommende Generation neuer Mutanten, die wir in Form der im Kollektiv durchaus mächtigen, alleredings von Menschenhand geschaffenen Kinderclique sicherlich noch wiedersehen werden.
„Logan“ bildet nun vielleicht nicht ganz das große Meisterstück ab, zu dem es letzthin gern verklärt wurde, aber es ist ein schöner, herzerfüllter Beitrag zum filmischen „X-Men“-Kosmos und vor allem der gelungenste Teil der sich absplittenden Trilogie um den ja ohnehin gleich von Anfang an zur Leitfigur kultivierten Wolverine.

8/10

THE STRAIGHT STORY

„What do you need that grabber for, Alvin?“ – „Grabbin‘.“

The Straight Story ~ USA 1999
Directed By: David Lynch

Als der in Iowa lebende Senior Alvin Straight (Richard Farnsworth) erfährt, dass sein Bruder Lyle (Harry Dean Stanton) einen Schlaganfall erlitten hat, entschließt er sich, ihn im Nachbarstaat Wisconsin zu besuchen um einen seit zehn Jahren schwelenden Streit endlich beizulegen. Da Alvin wegen seiner kaputten Hüfte schlecht zu Fuß ist und keinen Führerschein hat, wählt er den Rasenmäher samt Anhänger als Transportmittel und tritt eine mehrwöchige Reise an, bei der die Langsamkeit und die Besinnlichkeit Trumpf sind.

Der Titel des neben „The Elephant Man“ bis heute linearsten aller Langfilme David Lynchs lässt sich gleich in zweifacher Weise auffassen und verstehen: Vor allem natürlich als biographische Momentaufnahme des gleichnamigen Protagonisten; wiederum jedoch auch als künstlerisches Statement eines eher weniger für seine ökonomische Narration bekannten Filmemachers, der hier  eine – nur exzeptionell der verschlungenen Irrpfade seines üblichen Schaffens müde – ganz allgemein, insbesondere jedoch für seine Verhältnisse buchstäblich „geradlinige Geschichte“ erzählt, so horizontal voraus wie die vielen Landstraßen, an deren rechten Rändern Alvin Straight mit seinem just gebraucht erworbenen John-Deere-Rasenmäher (der erste Reiseversuch mit dessen bejahrtem Vorgänger scheitert bereits nach den ersten Kilometern wegen technischer Altersschwäche) im Schritttempo entlangtuckert. Alvin Straights Reise führt ihn dabei freilich nicht nur zu seinem eigentlich über alles geliebten Bruder Lyle, sie verläuft zugleich auch introspektiv – der Grund, warum der alte Mann überhaupt jenes ungewöhnliche Fortbewegungsmittel gewählt hat, mit dem er für ein paar hundert Kilometer mehrere Wochen benötigt. Wer dieser Alvin Straight eigentlich ist, erfahren wir durch seine Gespräche mit zumeist jüngeren Menschen, denen er auf seinem Trip begegnet – mit einer schwangeren Ausreißerin (Anastasia Webb), einigen Teilnehmern einer Radrennfahrertruppe, einer aufgelösten Dame (Barbara Robertson), die einen Hirsch angefahren hat, einem freundlichen, hilfsbereiten Ehepaar (Sally Wingert, James Cada), zwei etwas beschränkten Mechaniker-Brüdern (Kevin P. Farley, John Farley), einem freundlichen Priester (John Lordan) und vor allem mit einem etwa gleichaltrigen Senioren (Wiley Harker), der wie Alvin ein Veteran des Zweiten Weltkriegs in Europa ist und das Schreckliche nie wirklich verarbeitet hat: ihr aufrichtiges Gespräch am Tresen einer Kleinstadtkneipe ist vielleicht die wichtigste Schlüsselsequenz des Films. Doch „The Straight Story“ ist noch sehr viel mehr; ein ultimatives road movie und eine Americana wie „Wild At Heart“, nur eben ganz anders und so ironiebefreit, wie es eben nur geht, ein formal absolut geschlossenes, makelloses Stück Film mit höchst ungewohnten Klängen von Angelo Badalamenti, eine Fanfare auf würdevolles Altern, eine große Liebeserklärung an den famosen Richard Farnsworth, großer Stuntman und zum Lebensherbst hin noch exzellenter Schauspieler; dazu herzenswarm und herzensgut. Bis auf wenige Leitmotive alles andere als traditionell lynchesk und dabei doch ein Meisterwerk.

10/10

WILD AT HEART

„We got some dancin‘ to do.“

Wild At Heart ~ USA 1990
Directed By: David Lynch

Leben und Lieben könnten schön sein für Sailor Ripley (Nicolas Cage) und Lula Fortune (Laura Dern) – wäre da nicht Lulas böse, intrigante Mama Marietta (Diane Ladd) und ihre beständige Angst davor, dass Sailor einst mitbekam, wie sie gemeinsam mit dem Gangster Marcellos Santos (J.E. Freeman) ihre Gatten in Brand gesteckt hat. Nun sind Sailor und Lula auf der Flucht nach Kalifornien, ein paar gefährliche Auftragsmörder auf den Fersen.

Seinem damaligen Kunstideal, die amerikanische Kitschkultur zu redefinieren und ihr dann den Spiegel der eigenen Monstrosität vor Augen zu halten, kam David Lynch nie näher. Basierend auf einem für sein Vorhaben wie geschaffenen Roman von Barry Gifford ließ Lynch in sein exaltiertes Werk um ein nicht eben bildungsnahes, dafür aber umso emotionskräftigeres Liebespaar wider alle Schranken Sex, jeweils eine Menge Kettenrauchertum, Elviskult, irre Verbrecher und vor allem eine Menge „Wizard Of Oz“ einfließen. Seine beiden Protagonisten Sailor und Lula oszillieren dabei wild umher zwischen belustigender Einfalt, klebrigen Liebesbekenntnissen, erschreckender Gewaltbereitschaft und beneidenswert ekstatischem Sex. Ähnlich wie „Blue Velvet“ legt Lynch den Rahmen der Geschichte als Reise in ein finstereres Herz Amerikas an. Die konstitutionelle Vorgabe des road movie erlaubt ihm hier zudem, den gesamten Film als pathologische Americana zu gestalten, als verzerrtes Porträt einer Nation, aus deren bei aller inneren Verseuchung unerschütterlichem Selbstverständnis sich gleichermaßen Ekel und Faszination beziehen lassen. Dass Lynch es dabei nie wirklich ernst meint, zeigt seine konsequente Ironisierung der herben Gewaltspitzen: Nachdem Sailor gleich am Anfang einem von Marietta gezielt eingesetzten agent provocateur (Calvin Lockhart) das Gehirn aus dem Schädel geprügelt hat, steckt er sich erstmal eine postorgiasmische Zigarette an; zwei mit der Schrotflinte bearbeitete Bankangestellte krabbeln auf dem Boden herum, um die abgeschossene Hand eines der beiden zu suchen, mit der sich unterdessen ein fröhlich schwanzwedelnder Hund um die Ecke verdrückt. Am Ende kassiert dann auch der bis dahin zumeist in cooler Passivität verharrende Sailor endlich seine Tracht Prügel von ein paar wortkargen Straßenschlägern, die ihm die finale Erleuchtung beschert, kredenzt durch den längst überfälligen Auftritt einer guten Hexe (Sheryl Lee): „Don’t turn away from love, Sailor.“ Zeit für ein extrem überzuckertes happy end, das „Wild At Heart“ sich da schon längst verdient hat. Und umgekehrt.

10/10