RIOT IN CELL BLOCK 11

„We’ll figure out what we want and if they don’t give it us, we’ll make ‚em a present of one dead guard!“ – „Or maybe four!“

Riot In Cell Block 11 (Terror in Block 11) ~ USA 1954
Directed By: Don Siegel

Die Insassen des Hochsicherheitstrakts 11 in einem der vielen, hoffnungslos überlaufenen US-Gefängnisse entschließen sich eines Tages, dem Beispiel vieler ihrer Leidensgenossen zu folgen und eine Revolte anzuzetteln, die klar umrissene Reformen zum Ziel haben soll. Unter der Führung der beiden Schwerverbrecher Dunn (Neville Brand) und Carnie (Leo Gordon) nehmen die Männer vier Wachen als Geiseln und kapern den gesamten Block. Während der sozialbewusste Gefängnischef Reynolds (Emile Meyer) sich verhandlungsoffen zeigt, beißen die Männer bei dem vom Gouverneur (Thomas Browne Henry) abgestellten Commissioner Haskell (Frank Faylen) auf Granit: Dieser soll die Unerpressbarkeit des Staates garantieren und nimmt notfalls auch den gewaltsamen Tod sämtlicher Beteiligter in Kauf. Nicht zuletzt infolge der von Dunn erwirkten Einbeziehung der Medien gelingt es Reynolds schließlich, dass der Aufstand glimpflich endet, doch der herbeigepresste Reformvertrag erweist sich als rein strategische Finte; mittelfristig wird sich nichts für die Gefangenen ändern.

Don Siegels ersten Gefängnisfilm umweht der Hauch des Dokumentarischen; tatsächlich waren zu dessen Entstehungszeit Knastrevolten infolge des überforderten Justizvollzugs in den Staaten alles andere als eine Seltenheit und somit der zu Beginn von „Riot In Cell Block 11“ umrissene, authentische Hintergrund somit keineswegs bloße Behauptung.
Siegel, der hier für das günstig arbeitende Studio Allied Artists arbeitete, lässt dabei diverse der zu seinen späteren Markenzeichen avancierten, inszenatorischen Signaturen zu ihrem Recht kommen. Über dem gesamten Werk schwebt vor allem die für Siegel typische, ungeheure Präzision und Konzentration, die kein überflüssiges Gramm Fett gestattet und eine beinahe atemlos-unentwegte Dichte am Geschehen gewährleistet. Für Melancholie oder dramaturgische Kompromisse gibt es keinerlei Raum; die aufsässigen Männer werden gerade soweit charakterisiert und psychologisiert wie es gerade eben notwendig erscheint. Siegel gestattet weder sich noch dem Publikum jedwede romantische Illusion: Jeder der Insassen büßt seine Strafe zu Recht ab. Dennoch gebührt ebenso jedem von ihnen die rechtstaatliche Garantie auf eine humane Behandlung, die, und darauf fokussiert sich der Film recht regelmäßig, vor allem die Trennung (und adäquate Behandlung) von psychisch kranken und diesbezüglich gesunden Kriminellen vorsehen und den Gefangenen gezielte Resozialisierungsmaßnahmen anstelle der sich häufig gewalttätig äußernden Willkür ihrer Aufseher zuteil werden lassen sollte. Dem hinter dem Aufstand stehenden Dunn geht es insbesondere um eine Änderung der Verhältnisse und es langt daher für ihn zumindest gegen Ende hin zum „tragischen Helden“, derweil sein cholerischer Adlatus Carnie nie die Aura des gewalttätigen Psychotikers einbüßt. Den Konflikt zwischen den revoltierenden Knackis und der Staatsgewalt gestaltet Siegel wie ein an Schlagabtäuschen reiches Tennisspiel, an dessen Ende der Verlierer von vornherein feststehen muss. Dennoch bietet „Riot In Cell Block 11“, wie es sich ohnehin für die besten Knastfilme gehört, ausreichend Diskursivität, um exploitative Elemente nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Ein ausgezeichnetes companion piece nebenbei zu Jules Dassins brillantem, sieben Jahre älteren „Brute Force“.

9/10

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LA VÉRITÉ

Zitat entfällt.

La Vérité (Die Wahrheit) ~ F/I 1960
Directed By: Henri-Georges Clouzot

Die junge Dominique Marceau (Brigitte Bardot) steht vor Gericht. Sie hat den Dirigenten Gilbert Tellier (Sami Frey), ihren früheren Liebhaber und späteren Verlobten ihrer Schwester Annie (Marie-José Nat) erschossen. Der öffentlichkeitswirksame Prozess soll klären, welche Motivation Dominique zu der Tat getrieben haben mag und ob diese möglicherweise im Affekt verübt wurde. Im Laufe der Verhandlung wird Dominiques Lebensgeschichte aufgerollt und sie selbst durch die vielfachen Denunziationen ihrer Person mehr und mehr gedemütigt.

In seinem formal strengen Gerichtsdrama (das eigentlich sehr viel mehr als Porträt der Kollateralopfer einer verlorenen Generation gelten mag) inszeniert Henri-Georges Clouzot seinen Star Brigitte Bardot gerade so, wie das Kinopublikum sie vergötterte: Als promisk-verführerischen Sex-Maniac von stellarer Schönheit und Erotik, triebgesteuerte Nymphomanin und doch bedauernswertes Opfer ihrer Umstände. Doch halt – ganz so einfach macht es sich Clouzot dann doch wieder nicht. Vielmehr transzendiert er genau dieses öffentliche Image der Hauptdarstellerin, indem er unter der allseits begehrten und bewunderten Fassade einen schwachen Charakter herausschält, der Sex (stets verfügbar) mit Zuwendung (stets versagt) verwechselt und somit zu dem wird, was im neopsychiatrischen Jargon als „Borderline-Persönlichkeit“ bezeichnet wird. Dominiques Leben ist eine Ansammlung von – zumeist eher halbherzig und als Hilferuf inszenierten – Suizidversuchen. Von Familie und Pädagogen primär als zur Subordination unfähige, renitente Göre erlebt, zieht es das schöne Mädchen noch in den Teenagerjahren vom bürgerlichen Elternhaus in Rennes geradewegs in die verruchte Pariser Bohème, wo Studenten und Nachwuchsexistenzialisten sich im Quartier Latin die Nächte mit allem um die Ohren schlagen, was dazu angetan ist, die Bourgeoisie gegen sich aufzubringen. Die mit ihrer biederen, Musik am Konservatorium studierenden Schwester geteilte Wohnung verlässt sie, nachdem sie Annies Kommulitonen Gilbert kennenlernt, der ihrer offenen Verführungskunst mit Haut und Haaren verfällt. Die sich rasch entwickelnde Liaison erweist sich jedoch als höchst toxisch; während Dominique noch nicht bereit ist, ihr vormaliges Lotterleben einfach hinter sich zu lassen und eine nach klassischem Muster modulierte Beziehung einzugehen, erwartet Gilbert von ihr bedingungslose Treue, die er auf jede denkbare einzufordern versucht. Nachdem sie ihm jedoch immer wieder die kalte Schulter zeigt, löst er sich endgültig von ihr. Es kommt zur Gewalttat, einem Akt der Hilflosigkeit, der im Grunde Dominiques ganze soziale Unangepasstheit zur Kulmination führt. Das sich durchweg aus saturiertem Bürgertum zusammensetzende Gericht, allen voran der Anwalt der Nebenklage, Éparvier (Paul Meurisse), sieht in ihr nurmehr das Sinnbild einer undisziplinierten, verachtenswert aufmüpfigen Junggeneration, die aus dem Ruder zu laufen droht. Die Rekapitulation ihres Lebens, die unentwegte Konfrontation mit all ihren Fehlern, lässt Dominique das Ende der Verhandlung nicht mehr erleben – ihr letzter Selbstmordakt ist erfolgreich. Ihr Verteidiger Guérin (Charles Vanel) ist davon überraschend wenig affiziert. „Das sind die Schattenseiten unseres Berufs“, meint er zu Éparvier, mit dem er sich in den Tagen zuvor erbitterte Wortgefechte geliefert hat, und klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Gerade diese letzte Geste zeigt unmissverständlich, dass der ewig schwelende Generationskonflikt von einer Vehemenz ist, die sich kaum jemals endgültig lösen lassen wird.

8/10

AUF DER ANDEREN SEITE

„Das ist Deutschland.“

Auf der anderen Seite ~ D/TR/I 2007
Directed By: Fatih Akin

Zwei tote Frauen, drei mit ihnen verknüpfte Biographien:
Yeter (Nursel Köse) arbeitet in Bremen als Hure, sehr zum Unwillen der türkischstämmigen, religionstreuen Community. Einer ihrer Kunden, der alte Ali (Tuncel Kurtiz), bietet ihr an, ihn gegen entsprechendes Entgelt zu heiraten. Sie dürfe dann allerdings nurmehr mit ihm ins Bett gehen. Alis Sohn Nejat (Baki Davrak), Germanistikprofessor, akzeptiert die Entscheidung seines Vaters, der jedoch, mittlerweile genesen von einem schweren Herzinfarkt, nach einem Streit Yeter schlägt und damit unfällig ihren Tod verursacht. Während Ali ins Gefängnis geht, sagt Nejat sich von ihm los, geht nach Istanbul und übernimmt dort einen deutschen Buchladen.
Yeters Tochter Ayten (Nurgül Yesilçay) muss wegen ihrer linksaktivistischen Tätigkeit aus der Türkei nach Deutschland fliehen. Nach der vergeblichen Suche nach ihrer lange von ihr getrennten Mutter lernt sie die Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) kennen und kommt im Hause von deren Mutter Susanne (Hanna Schygulla) unter. Die beiden jungen Frauen verlieben sich ineinander, doch Ayten wird bald von der Polizei aufgegriffen, abgeschoben und in Istanbul in ein Gefängnis gesteckt. Lotte folgt Ayten und will sie um jeden Preis aus der Haft herausholen, doch Ayten missbraucht sie für politische Zwecke: Lotte soll eine einst von Ayten versteckte Pistole an deren Genossen übergeben, wird während der Aktion jedoch von einem Straßenjungen erschossen.
Susanne kommt nach Istanbul und kommt als Untermieterin bei Nejat unter, in jenem Zimmer, das zuvor auch Lotte bewohnt hatte. Die beiden „Hinterbliebenen“ lernen sich kennen und verstehen. Susanne nimmt Kontakt zu Ayten auf und Nejat entscheidet sich, die Beziehung zu seinem mittlerweile ebenfalls zurück in der Türkei befindlichen Vater ins Reine zu bringen.

„Liebe, Tod und Teufel“ nennt Fatih Akin seine zwischen den Jahren 2004 und 2014 entstandene Trilogie um tragisch verlaufende Schicksale auf die eine oder Weise entwurzelter Menschen. Nach „Gegen die Wand“, vielleicht Akins bislang vollendetstem Meisterwerk, folgte mit „Crossing The Bridge“ zunächst eine Dokumentation über die vielgestaltige Musikszene Istanbuls (nebenbei jene Stadt, die beim Regisseur immer wieder selbst zu einem eminenten Narrativ wird) und dann mit „Auf der anderen Seite“ der mit „Tod“ überschriebene Mittelteil der späteren Anthologie.
In seinem insgesamt fünften Spielfilm entwirft der Altonaer wiederum ein in vielerlei Hinsicht komplexes Bild des auch seit Dekaden noch längst nicht ausgepegelten culture clash zwischen türkischen Migranten und Deutschstämmigen. Akins „Türken“ sind Wanderer zwischen den Welten, was auch den Titel des Films, der sich jeweils reziprok begreifen lässt, nachvollziehbar macht. Der Regisseur und Autor greift wiederum die Mehrakter-Struktur der griechischen Tragödie aus „Gegen die Wand“ auf, diesmal allerdings ohne musikalisch untermalenden Chor und „beschränkt“ auf drei, mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander stehende Segmente, von denen die ersten beiden die Geschichten (und Tode) Yeters und Lottes behandeln und das letzte, das schließlich den Filmtitel für sich beansprucht, den Überlebenden Verständnis und somit Erlösung gönnt. „Auf der anderen Seite“ erinnert nicht zuletzt durch die Mitwirkung einer ungebrochen starken Hanna Schygulla an die (zunehmend politisierte) Phase des Neuen Deutschen Film der Spätsiebziger und weniger an Akins oftmals ruppigeres, grelleres Vorwerk. Vor allem der sich a priori aufdrängende Vergleich zu „Gegen die Wand“ fällt signifikant aus, zumal die oftmals herausgeschrieenen, herzzereißenden emotionalen Spitzen des um zwei in absoluten psychischen Grenzzuständen befindliche Menschen kreisenden Vorgängers in dem weitaus stilleren, um nicht zu sagen kontemplativeren „Auf der anderen Seite“ vermutlich auch unpassend erschienen. Man könnte dies auch als ein leichtes Einknicken der jauchzenderen, vitaleren Seite Akins eruieren, wollte man dem Film einen Vorwurf machen. Ich empfinde die atmosphärische Kehrtwende zur Ruhe hin eher als den gelungenen Versuch, andere Dramatiken zu erkunden und auszuleuchten.

9/10

DER HAUPTMANN

„Wir sind auf Sonderseinsatz. Vollmacht von ganz oben.“

Der Hauptmann ~ D/F/PL 2017
Directed By: Robert Schwentke

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs schlägt sich der desertierte Landser Willi Herold (Max Hubacher) durch das nordwestliche Westfalen. Durch Zufall gelangt er an die aufgegebene Habe eines Luftwaffenhauptmanns, verkleidet sich entsprechend und behauptet fortan allerorts, er sei ein vom Führer persönlich eingesetzter Inspektor zur Überwachung und Kontrolle der Truppenmoral. Sein Weg führt ihn und einige, die sich ihm willfährig anschließen, bis in ein Gefangenenlager im Emsland, über das er sich widerstandslos die Kontrolle aneignet. In den nächsten Tagen lässt Herold im Lager und in der Umgebung zahlreiche Menschen hinrichten.

Die authentische Geschichte des Hochstaplers Willi Herold zeigt symbolhaft auf, wie obrigkeitshörig und gleichermaßen verblendungsaffin die Deutschen selbst in der defätistischen Endphase des Krieges noch waren. Für seine ebenso faszinierende wie gräuliche Zusammenfassung jener Ereignisse, die einen zumindest augenscheinlich künstlerisch versierteren Regisseur zeigt als sich aus seinem bisherigen Œuvre schließen lässt, wählt Robert Schwentke die Evokation einer apokalyptischen, dehumanisierten Atmosphäre des dräuenden Untergangs. Das extrem kontrastscharfe Schwarzweiß seiner Bilder (Florian Ballhaus) verstärkt dieses offensichtliche Ansinnen nochmals und lässt keinerlei Zweifel daran, dass der allgemeine Werteverlust sich bis tief in die Innereien des hier auftretenden Personals vorgegraben hat. Die Psychologisierung Herolds mag dabei die eines typischen Faschisten abgeben; Schwentke meinte ja, dass es ihm dezidiert darum ging, aus Täterperspektive zu berichten – etwas, was der Deutsche Film bislang, wenn überhaupt einmal gegenständlich gemacht, kläglich vernachlässigt habe. Anders aber als Theodor Kotullas „Aus einem deutschen Leben“, der seine Hauptfigur Rudolf Höß/Franz Lang als spießiges, obrigkeitshöriges, kritikloses und funktionales Rädchen im Mahlwerk der bestialischen Vernichtungsbürokratie porträtiert, lässt sich Willi Herold vielleicht gar als noch diabolischer bezeichnen; als fliehender Feigling nutzt er die ungeheure Gunst des Zufalls, sich in jenes System zurückzuarbeiten, das er just zuvor noch in panischer Angst um sein kärgliches Leben verraten hat. Wie seine historischen und literarischen Vorfahren, von Wenzel Strapinski bis Friedrich Wilhelm Vogt, nutzt Herold die Attribute des Blenders, für die stets vor allem die nach uniformierter Autorität gierende, deutschtümelnde Seele empfänglich zu sein scheint, pervertiert jedoch anders als diese die naive Anfälligkeit seiner Mitmenschen den Selbstzweck bis hin zur Miniatur-Tyrannei und legt somit den beständigen Blutdurst des bereits im Sterben liegenden Faschismus in all seiner breiten Menschenverachtung bloß. Ganz vortrefflich insofern der Epilog, der das Ensemble in seinen Wehrmachtsuniformen im urbanen Jetzt paradieren lässt und damit den innerhalb eines neuen Films zu diesem Thema unerlässlichen Gegenwartsbezug herstellt.

8/10

DEADPOOL 2

„Poor writing.“

Deadpool 2 ~ USA 2018
Directed By: David Leitch

Infolge eines unsauber durchgeführten Auftrags wird Vanessa Carlysle (Morena Baccarin), heißgeliebte Freundin des Mutantensöldners Wade Wilson (Ryan Reynolds) aka Deadpool getötet. Der untröstliche Wade versucht nun, sich auf jede denkbare Art selbst ins Jenseits zu befördern, was jedoch gründlich misslingt. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei den X-Men landet Wade gemeinsam mit dem ebenfalls superkräftigen Teenager Russell Collins (Julian Dennison)  in der Ice Box, einem Hochsicherheitsknast speziell für Mutanten. Wade ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Russell sich in der Zukunft „Firefist“ nennen und zum Massenmörder avancieren wird, was wiederum den zeitreisenden, rachsüchtigen Cable (Josh Brolin) in die Vergangenheit und auf Russells Fährt führt. Von nun an sieht Wade, der als erste Maßnahme das Katastrophenteam „X-Force“ gründet, es als seine hehre Mission an, Russell zu beschützen und ihm den rechten Weg zu weisen, wobei Cable sich ein Wörtchen Mitsprache erbittet…

Nachdem ich den ersten „Deadpool“-Film seinerzeit als höchst mittelmäßig, geschwätzig und in Teilen verlogen empfand, bereitete ich mich auf das Sequel mit der gedämpften Antizipationshaltung des ehern verpflichteten Superheldenfilm-Chronisten vor. Die ersten Minuten, in denen Wade unter kinetikintensivem Getöse eine ganze Reihe internationaler Gangster ins Jenseits befördert, ließen meine Befürchtungen augenscheinlich bereits wahr werden, bis der Film mit dem Tode von Wades geliebter Vanessa eine eigenartige Wendung nimmt, die mit der späteren Einführung des aus der Zukunft stammenden Soldaten Cable, in den Comics der eigentliche Gründer der X-Force und später als ernster angelegter Konterpart Deadpools zu einiger Beliebtheit gelangt, dafür sorgt, dass nicht nur der Film, sondern darüberhinaus sogar die Kino-Inkarnation Deadpools auf eine unerwartet vergnügliche Weise zu sich selbst finden.
„Deadpool 2“ vollbringt nun das Kunststück, die erste, lupenreine Superheldenkomödie mit Franchise-Stempel zu sein, deutlich purifizierter noch als etwa die beiden diesbezüglich bereits sehr offen gestalteten „Guardians Of The Galaxy“-Filme (die, wie alles andere auch, natürlich selbst nicht unreferenziert bleiben). Ryan Reynolds sucht sich in Habitus und Intonation Vorbilder wie Will Ferrell oder Adam Sandler, lässt sich seine Figur offenherzig vom großmäuligen Alleskönner zum auf liebenswerte Weise nervigen Versager und Dummkopf entwickeln, die sehr viel mehr als alle anderen Charaktere immer wieder Zielscheibe von Spott und hübschen Peinlichkeitsmomenten wird.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich anfangs stur gesträubt habe, über die sich zunehmend gelungener ausnehmenden Gags zu lachen, bis das Eis dann irgenwann gebrochen war. Zwar laufen nicht alle Witze zielgerade ins Schwarze und vor allem die ewigen popkulturellen Verweise, die den etwas atemlosen Eindruck hinterlassen, dass die Autoren auch wirklich zu jedem Einfall noch einen enzyklopädischen Kommentar auf Lager haben, sind nicht unanstrengend. Ähnliches gilt für die notorischen Derbheiten, die manchmal schlicht infantil wirken. Dennoch hebelt die ungeheure, sich immer weiter auftürmende und mit den unvermeidlichen Zeitreise-Clownerien im Abspann kulminierende Rasanz, die das pacing unentwegt und vor allem gekonnt klimaktisiert, den weniger gelungen Schabernack weitgehend aus und hinterlässt einen Film mit Seele, wo anfangs überhaupt keiner zu erwarten war. Außerdem möchte ich Zazie Beetz bitte heiraten. Ach, die hämische Vinnie Jones/Juggernaut-Pleite aus „X-Men: The Last Stand“ wird auch noch erfolgreich ausgebügelt.
Insofern eine der alles in allem schönsten Überraschungen seit langem.

8/10

THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10

HART’S WAR

„Strange thing about war wounds – the older you get, the less proud of them you become.“

Hart’s War (Das Tribunal) ~ USA 2002
Directed By: Gregory Hoblit

Augsburg, im Winter 1944. Der junge und unerfahrene, aber aus „gutem Hause“ stammende Lt. Thomas Hart (Colin Farrell) kommt, nachdem er in den Ardennen in feindliche Hände geraten ist, in das Kriegsgefangenenlager Stalag VI-A. Hier hat Colonel William McNamara (Bruce Willis) die Oberaufsicht über die US-Insassen, ein gefestigter, ruhig erscheinender und eher wortkarger Offizier, der deutlich mehr zu wissen scheint als er preisgibt. McNamara sorgt dafür, dass Hart, von dem er ahnt, dass er einem möglichen Verhör durch die Deutschen nicht standhalten kann, nicht in der Offiziersbaracke landet, sondern bei einfachen Gefreiten. Dorthin schickt der Colonel kurze Zeit später wiederum auch die beiden abgeschossenen, farbigen USAF-Offiziere Lt. Lincoln Scott (Terrence Howard)  und Lt. Lamar Archer (Vicellous Shannon). Der rassistische Barackeninsasse und Rädelsführer Bedford (Cole Hauser) sorgt schließlich dafür, dass Archer widerrechtlich von den Deutschen erschossen wird. Als man Bedford selbst bald darauf mit gebrochenem Genick findet, gerät Scott in unmittelbaren Verdacht. Hart, der vor dem Krieg ein Jura-Studium aufgenommen hat, soll Scotts Verteidigung übernehmen, während McNamara sich selbst mit dem richterlichen Vorsitz betraut. Lagerkommandant Visser (Marcel Iures), selbst studierter Advokat, versucht dem hin- und hergerissenen, jedoch fest von Scotts Unschuld überzeugtem Hart während des Prozesses Vorteile zu verschaffen. McNamara nutzt den Prozess derweil ganz bewusst zur Ablenkung, denn ein Fluchttunnel befindet sich just in der Fertigstellung…

Diese mit gepflegten Klischees angereicherte Mischung aus P.O.W.-, Rassismus- und Courtroom-Drama ist zwar grundsätzlich anschaubar, verhebt sich insgesamt allerdings etwas an sich selbst. Offenbar bekommt das Script die inhaltliche Komplexität der Vorlage des Vielschreibers John Katzenbach nicht ganz in den Griff, denn der oftmals auf den Überraschungs- und Späterkenntniseffekt hin ausgerichtete Plot mäandert häufig etwas ziellos über die Minuten, derweil der (wie in meinem Falle) ahnungslose Zuschauer sich selbst in der Ziellosigkeit gefangen wähnt.
Ich musste bereits während der Betrachtung und ganz besonders im Nachhinein wiederholt an zwei offensichtliche, große Klassiker des P.O.W.-Films denken und ganz besonders daran, was sie sehr viel besser und richtiger gemacht haben als „Hart’s War“: Zum Einen Billy Wilders „Stalag 17“, der sich ganz bewusst einer episodischen Erzählweise vertreibt und in dem sich die von berechtigter Paranoia geprägten Misstrauens-Emotionen der Gefangenen als hauptsächlicher, roter Faden erweisen. Zum anderen freilich „The Great Escape“ von John Sturges, der die Situation der P.O.W.s und ihre beständigen Ausbruchsversuche kurzerhand zur Seele eines großangelegten, perfekt inszenierten Actiondramas deklariert und der sich mühelos über seine keineswegs spärlich ausgefallene Laufzeit trägt. Man könnte auch, wenngleich vor differenter Kulisse spielend, noch „The Bridge On The River Kwai“ hinzuziehen, der seine gewaltige innere Spannung aus dem Mentalitäts- und Stolzduell zweier feindlicher Offiziere bezieht. Genau an diesen sowohl physisch wie auch psychisch unbedingt wertvollen Ingredienzien mangelt es „Hart’s War“, oder besser: er verfügt zwar über sie, nur behält er sie viel zu lange für und bei sich. Vielleicht ist das diesem im Gegenwartskino überall und unbedingt gehandhabten Mechanismus geschuldet, dass große Überraschungen und inhaltliche Aufklärung unbedingte Schlusspointen zu bilden haben. Twists nennt man das im neocineastischen Fachjargon. Man darf und soll in Gesprächen über Film nicht „spoilern“, sprich, narrative Überraschungen „verderben“, weil dies a priori mit einem unhaltbaren Interessenverlust einhergeht. Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich furchtbar. Da werden die Siebente Kunst und ihr Genuss mit Geisterbahnfahrten und Fast-Food-Konsum verwechselt. Einmal gesehen, Knalleffekt erhalten und verraucht, nächster Film bitte. Das kann es doch nicht sein. Wo ist der Nachhaltigkeitsgedanke, wo das Interesse der Kunstschaffenden daran, ihr Werk nicht nur bei der dritten Betrachtung noch fruchtbar dastehen, oder gar noch wachsen zu lassen?
Immerhin schälte sich mir nunmehr ein wiederkehrendes Leitmotiv im hoblit’schen Schaffen heraus: Dass der sich attrahierenden Rivalen. Zwei klar voneinander getrennte Fronten – vor und hinter Gittern, dies- und jenseitig, durch Raum und Zeit, oder, wie hier in „Hart’s War“, durch Wissen und Nichtwissen. Einer der beiden Duellanten benutzt das Nichtwissen bzw. den Mangel an Fähigkeiten und somit den klaren Nachteil des Gegenübers, um sich am Ende den ganz persönlichen Sieg zu verschaffen, nicht, ohne sich dabei des ungeteilten Respekts des Übervorteilten (auf dessen Seite immer auch das Publikum steht) zu versichern.
In Hoblits nächstem Film wird diese Konstellation sogar nochmals eminenter…

6/10