THE DESPERADOES

„A man can’t do much when he gets old except save his money.“

The Desperadoes (Aufruhr der Gesetzlosen) ~ USA 1943
Directed By: Charles Vidor

Der verschlagene Bankier Clanton (Porter Hall) hält die Kleinstadt Red Valley durch rücksichtslose Übervorteilungen der Bürger fest in Händen. Bei seinen krummen Unternehmungen, zu denen auch schonmal ein Auftragsraub des eigenen Kredithauses zählt, unterstützt ihn der bei den Leuten als kauziger Senior beliebte, tatsächlich jedoch kaum minder gerissene Onkel Willie McLeod (Edgar Buchanan). Just hat man den gesuchten Outlaw Cheyenne Rogers (Glenn Ford) herbestellt, um abermals die Bank zu überfallen, da läuft einiges für die beiden alten Halunken quer: Rogers entpuppt sich als alter Freund des hiesigen Sheriffs Upton (Randolph Scott), verliebt sich in Willies Tochter Allison (Evelyn Keyes) und beschließt daraufhin, ehrlich zu werden. Diesem Vorhaben stehen allerdings noch eine Hindernisse im Wege…

Der einzige von Charles Vidor inszenierte Western, mit zahlreichen Altstars aus den Stummfilmtagen der Gattung in Cameos angereichert, versteht sich seiner Thematik, die im Grunde ein gewaltiges, dramatisches Potenzial bereithält, als eher spaßiger Beitrag zum Genre. Für die Columbia war es die erste Technicolor-Produktion überhaupt und da setzte man auf Nummer Sicher gehend wohl ganz gezielt auf familientaugliches, gut gelauntes Entertainment. So ist Edgar Buchanan eher ein halber villain, so eine Art Long John Silver, der unter seiner langjährig gepflegten Brummigkeit irgendwo ein goldenes Herz verbirgt und sich am Ende reumütig der Justiz stellt. Ein Pendant hat er noch gleich dazu in Guinn ‚Big Boy‘ Williams, hierin einmal mehr als comic relief eingesetzt. Williams ist der heroe’s best buddy, ein etwas klobiger, dummer, aber herzensguter Kerl, der Haut und Fäuste aus Stahl besitzt (und nicht nur infolge dessen eine Vorstudie für die spätere Bud-Spencer-Typographie gibt) und lediglich die kleine Unart pflegt, ständig mit Sprengstoff herumspielen zu müssen, was ihm den schönen Spitznamen „Nitro“ eingetragen hat.
Interessanterweise spielt der die Besetzungsliste anführende Randolph Scott überhaupt keine Hauptrolle, sondern fungiert eher als beiläufiges Handlungselement; neben dem wie immer sehenswerten Buchanan ist vor allem der hier noch geradezu unverschämt junge Glenn Ford der Held der Geschichte. Immerhin ist es an ihm, den, wie der Film es mit etwas triefiger Symbolik gleich mehrfach ausformuliert, Weg von der „anderen Seite des Berges“ zurück anzutreten, sprich, seiner kriminellen Karriere zu entsagen. Natürlich gelingt ihm das nach einigen Irrungen und Wirrungen, die unter anderem eine zünftige Kneipenschlägerei beinhalten, auch und er darf am Ende das Mädchen ehelichen und seinen Kumpel, den von Scott gespielten Sheriff, stolz grienend zurücklassen, derweil Nitro und Onkel Willie vorübergehend einfahren, um ihre „kleinen“ Sünden abzubüßen. Und selbst daraus macht dieser abgesehen von seinen kleinen, filmhistorischen Besonderheiten leicht angestaubte Oldtimer noch einen Jokus.

7/10

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THE LION IN WINTER

„We’re a knowledgeable family.“

The Lion In Winter (Der Löwe im Winter) ~ UK 1968
Directed By: Anthony Harvey

England, 1183. Zu Weihnachten lädt König Henry II. (Peter O’Toole) seine drei Söhne Richard (Anthony Hopkins), John (Nigel Terry) und Geoffrey (John Castle) sowie seine Gattin Eleanor von Aquitanien (Katharine Hepburn), die die meiste Zeit des Jahres in sicherer Verwahrung auf einer englischen Feste lebt, auf die französische Burg Chinon ein. Die wechselseitigen Beziehungen der Familienmitglieder zueinander sind geprägt von Günstlingswirtschaft, Hass und offener Aggression. Während Henry verzweifelt an seiner Herrschaft festhält und am liebsten den völlig ungeeigneten Speichellecker John zu seinem Nachfolger ernennen würde, plant Eleanor, sich für die noch zusätzlich durch Henrys offen gepflegter Beziehung zu einer weitaus jüngeren Edeldame (Jane Merrow) zu rächen, indem sie Richard zum Thron hin intrigiert. Es wird für sie alle ein Weihnachtsfest der Übervorteilungen, der Entlarvungen, der Aussprachen und vor allem der klaren Worte.

„The Lion In Winter“, ein auf einen solitären Handlungsort und damit gleichermaßen auf eine auserlesene Hermetik beschränktes, extrem verdichtetes dialogue piece, lässt sich wohlmöglich am Besten konsumieren, wenn man ihn als spitzzüngige Satire auf die forcierte Selbstzerfleischung herrschaftlicher Häuser empfängt. Tatsächlich sind die aus dem gleichnamigen Stück von James Goldman übernommenen Dialoge voll von spöttischem Sarkasmus und subtilen Anfeindungen, von denen manche durchaus unter die Gürtellinie zielen. Die königliche Aristokratie wird als auf emotionaler Ebene höchst prekärer Haushalt denunziert, dessen Mitglieder es spätestens dann, wenn es um persönliche Ansprüche jedweder Art geht, zu Egomanen werden, die Staatsräson mit Narzissmus verwechseln. Besonders für O’Toole und Hepburn, die sich ein Schauspielduell liefern, das seinesgleichen im zeitgenössischen Kino nur schwerlich finden dürfte, eine vortreffliche Gelegenheit, all ihr unfassbares Können in die Waagschale zu werfen und sich quasi als reziproke Stichwortgeber zu Höchstleistungen anzuspornen. Vor allem Peter O’Toole, der rein biologisch betrachtet als Sohn der Hepburn durchginge, in „The Lion In Winter“ jedoch keinesfalls 25 Jahre jünger wirkt als sie, leistet Bravouröses. Dabei ist die Rolle König Henrys II. allerdings kein jungfräuliches Terrain für ihn – er hatte sie bereits vier Jahre zuvor in Peter Glenvilles „Becket“ interpretiert, der sich mühe- und nahtlos als Vorgänger zu Harveys Film betrachten lässt, zumal dessen Dialogscript diverse Verweise an die prekäre Beziehung zwischen dem König und dem von ihm selbst ernannten klerikalen Obmann – und damit über kurze Umwege auch zu jenem Film – bereithält. Es lohnt sich im Grunde also immens, beide in mehrerlei Hinsicht eng verwandte und doch differierende Werke hintereinander zu genießen, obschon dies eine nicht wenig fordernde Unternehmung darstellt.

8/10

A GUNFIGHT

„You stay the hell away from me, ya hear?“

A Gunfight (Rivalen des Todes) ~ USA 1971
Directed By: Lamont Johnson

Das Schicksal führt den berühmten, alternden Gunslinger Abe Cross (Johnny Cash) ausgerechnet in jenes Städtchen, in dem sein ebenfalls legendäres Pendant Will Tenneray (Kirk Douglas) sich mit Frau Nora (Jane Alexander) und Sohnemann Bud (Eric Douglas) zur Ruhe gesetzt hat. Die beiden Revolverhelden sind sich bislang nie begegnet, die Stadtbewohner jedoch sind sich sicher, dass es bis zu einem Duell nicht lang hin sein kann. Während über Cross der Pleitegeier kreist, verdient Tenneray sich seinen spärlichen Verdienst im Saloon von Marv Green (Dana Alcar), wo er die Leute zum Saufen animiert und alte Geschichten zum Besten gibt. Als sie sich schließlich begegnen, sind Cross und Tenneray sich eigentlich viel zu sympathisch, um sich zu schießen, doch die Idee, aus einem öffentlichen Duell Kapital zu schlagen, ist allzu verlockend, zumal eine Stierkampfarena jenseits der Grenze hinreichend wettkräftiges Publikum fasst. Die Männer kommen überein, ein Duell auf Leben und Tod zu begehen, nach dessen Ausgang dem Gewinner alles zukommt.

Unabhängig finanziert, darunter mit rettenden Geldern des Stammes der Jicarilla-Apachen, ist „A Gunfight“ einer der elegischen Spätwestern, wie sie in dieser Zeit legionär entstanden: Ein Abgesang auf die Nostalgie und Romantik der alten Flamboyanz, wie ihn der US-Genrefilm von seiner Entstehung an bis in die Mitte der sechziger Jahre hinein so glänzend kultiviert hatte. Nun wurden die Helden langsam alt und müde; Kirk Douglas etwa (der in knapp zwei Wochen seinen 100. feiert) war mit 55 nicht mehr der Jüngste und mit Johnny Cash, 16 Jahre jünger aber mindestens ebenso alt ausschauend wie Douglas, wurde ein einschlägiger Musikus als sein Freund und Gegner verpflichtet. Regisseur Johnson arbeitete vornehmlich fürs Fernsehen und macht nur wenig Anstalten, dies zu verhehlen: Seine Inszenierung ist weithin nüchtern und zielstrebig und kommt ohne besondere Ausreißer in diese oder jene Richtung aus. Monte Hellman hätte ebenfalls einen passenden Regisseur für das Sujet abgegeben, aber vielleicht wäre es ihm auch etwas zu geradlinig dahergekommen. Müßige Spekulation. Das titelspendende Duell zwischen den beiden völlig gleichberechtigt gegenübergestellten Protagonisten, das von einem interessanten Epilog flankiert wird (welcher dem Zuschauer in parallelisierter Form zwei mögliche Folgesituationen offeriert), bildet diesbezüglich allerdings eine Ausnahme: Wenn Cross und Tenneray sich in der Arena gegenübertreten, dann ist plötzlich der zuvor evozierte „Brot-und-Spiele“-Charakter des groß angekündigten Events vollkommen hinfällig; es bleibt schlussendlich das, was es ist: ein nüchterner, funktionalisierter Wettlauf zweier resignierter Fossile, nach dessen superkurzem Finish eines im Staub liegt und das andere ein paar Tausender verdient hat. Betont schmucklos und seltsam unbeteiligt ergibt der Gunfight, auf den zuvor alles, einschließlich dieses trockenen, kurzen, aber dennoch wichtigen Films selbst, hingearbeitet hat, einen formidablen Anti-Höhepunkt.

8/10

CALVARY

„I don’t hate you at all. It’s just that you have no integrity. That’s the worst thing I could say about anybody.“

Calvary (Am Sonntag bist du tot) ~ IE/UK 2014
Directed By: John Michael McDonagh

Pater James Lavelle (Brendan Gleeson) ist die Art von Priester, mit der, gäbe es nur solche wie ihn, die katholische Kirche ihr einstiges Renommee vermutlich niemals verspielt hätte. Ein Charakterkopf, sanft, klug, geerdet ist Vater James tatsächlich so etwas wie die gute Seele seines kleinen, irischen Küstendörfchens. Leider ist er gleichfalls auch die einzige gute Seele dort, denn seine „Schäfchen-Schar“ besteht ausnahmslos aus promisken, zynischen, altklugen, versoffenen und koksschniefenden Misanthropen, Fremdgängern und Welthassern. Zudem hat sich James‘ Tochter Fiona (Kelly Reilly) zu Besuch angekündigt, die just einen Suizidversuch nach einer abermals gescheiterten Liebesbeziehung hinter sich hat. Damit nicht genug, kündigt ein Gemeindemitglied dem Pater nach der sonntäglichen Predigt im Beichtstuhl an, dass er ihn in genau sieben Tagen töten werde. Nicht etwa, weil er etwas verbrochen hätte, sondern gerade wegen seiner beruflichen Integrität. Der designierte Mörder sei einst in Kindertagen von einem geistlichen Berufsgenossen über Jahre missbrauct und veregewaltigt worden und nun gelte es, ein Zeichen gegen die Verlogenheit der Kirche zu setzen, indem einer ihrer Vorzeige-Repräsentanten das Leben genommen werde. Die folgende Woche wird für Vater James zur vielleicht schwersten Prüfung seines Lebens.

Chronik eines angekündigten Todes: „Calvary“ ist das englische Wort für „Golgatha“, jenen Hügel vor den Stadtmauern Jerusalems also, auf dem Jesus Christus gekreuzigt wurde und zu dem er zuvor, bewährt mit Dornenkrone unter dem Gejohle der ihn marternden und bespuckenden Soldaten, sein Hinrichtungsmedium zu schleppen hatte. Pater Lavelle erlebt seine höchstpersönliche Passionsgeschichte, obgleich sein Golgtha kein Hügel, sondern ein in morgendlichen Grauschleiern liegender Atlantikstrand ist und niemand ihn auspeitscht. Dennoch muss er sich der Schlechtigkeit des Menschengeschlechts gleich in mehrerlei Ausprägung stellen und sich letzten Endes der Entscheidung stellen, ob Flucht oder Schicksal seine Persönlichkeit ausmachen. Dazwischen liegt McDonaghs brillantes Script, eines der besten, das ich in den letzten Jahren an neuerem Filmischen genießen durfte. Jeder Tag auf dem Weg zu seinem angekündigten Tod zeigt James Lavelle in allen möglichen Facetten auf, dass die Welt selbst in einem kleinen, provinziellen Teil Irlands einer Art von Rettung bedarf, die er niemals im Stande sein wird, zu stellen. Dabei bedarf es keiner brutalen Verbrechen oder sonstiger unmenschlicher Auswüchse; die Menschen um ihn herum haben schlicht und einfach das Liebenswürdigsein verlernt und machen, was noch schlimmer ist, keinerlei Anstalten, es sich zurückzuerobern. Lavelles Co-Pfarrer Leary ist ein rückgratloses, charakterentledigtes Weichei, Jack Brennan (Chris O’Dowd) schlägt seine Frau Veronica (Orla O’Rourke), die ihn wiederum mit dem Autoschlosser Simon (Isaach De Bankolé) betrügt, der jede Diskussion hinsichtlich möglichen Fehlverhaltens mit dem Totschlagargument rassistischer Anfeindung niederdrückt. Der Chirurg Frank Harte (Aiden Gillan) hat das Eichmaß des hippokratischen Eides längst gegen einen tiefverwurzelten Hass auf alles Menschliche eingetauscht. Dem Polizeichef Stanton (Gary Lydon) ist alles viel zu anstrengend. Der Millionär Fitzgerald (Dylan Moran) ergeht sich in einer destruktiven Mischung aus Selbsthass und Arroganz. Der alte, in der Bucht lebende Schriftsteller (M. Emmet Walsh), der einen Revolver möchte, um seine ohnehin nurmehr durch multiple Medikamenteinnahme erträglichen, letzten Tage bei Bedarf abkürzen zu können, ist da tatsächlich noch der Sympathischste. In jener schicksalhaften Woche wird die Dorfkirche abgefackelt und Vater James‘ Hund die Kehle durchgeschnitten. Er hat einen Rückfall in den Suff und prügelt sich mit dem widerspenstigen Kneipenwirt (Pat Shortt). Er sucht Hilfe beim Bischof (David McSavage) und bekommt bloß verschleierte Ratlosigkeit. Er will verschwinden und entscheidet sich dann doch dagegen, vielleicht um seiner Ehre Willen. Letzte Glaubenspfeiler bilden lediglich Tochter Fiona und die französische Witwe (Marie-Josée Croze) eines tödlich verunfallten Italieners. Dass Vater James schließlich bereit ist, die Sünden seiner vielen, übergriffigen Kollegen auf sich zu nehmen und für sie zum Märtyrer zu werden, akzeptiert am Ende auch Fiona, deren vergebende Worte gegenüber dem mittlerweile inhaftierten Mörder der Film allerdings unserer Erwartungshaltung überlässt.
Wie ich gelesen habe, sind manche Kritiker nicht mit den ironischen Subtönen des Scripts zurechtgekommen bzw. fanden sie in einem Film, über dem das Sujet „Missbrauch durch Kirchenvertreter“ schwebt, ungebührlich und unpassend. Ich bin anderer Ansicht. Gerade diese Nuancen runden McDonaghs Buch erst richtig ab; machen es lebensverwandt und am Ende umso trauriger.

9/10

CRIMINAL

„You hurt me – I hurt you worse.“

Criminal (Das Jerico-Projekt – Im Kopf des Killers) ~ USA/UK 2016
Directed By: Ariel Vromen

Der Spion Bill Pope (Ryan Reynolds) wird ermordet, bevor er seinen letzten Auftrag erfolgeich zu Ende bringen kann. Jener sah vor, den Hacker Jan Strook (Michael Pitt), genannt „Dutchman“, der zuvor mit dem megareichen Anarcho-Terroristen Xavier Heimdahl (Jordi Mollà) zusammengearbeitet hatte, in Sicherheit zu bringen. Strook hat im Auftrag von Heimdahl ein Programm entwickelt, mit dem er sich in sämtliche militärischen Abwehrsysteme der Westmächte einloggen und diese nach Belieben steuern kann – für Heimdahl eine formidable Möglichkeit, die Weltgemeinde seinem Ansinnen gemäß auf Null zurückzuschleudern und neu beginnen zu lassen. Damit es trotz Popes Ableben nicht dazu kommt, zieht man den Gehirnexperten Dr. Franks (Tommy Lee Jones) hinzu, der einen Weg gefunden hat, die neuralen Muster einer Person auf die einer anderen zu übertragen, welche entsprechende physische Voraussetzungen mitbringt. Eine solche findet sich unfreiwilligerweise in dem asozialen Schwerverbrecher Jerico Stewart (Kevin Costner), der wegen einer spezifischen Hirnschädigung keine Emotionen oder Schuldschemata kennt. Nach der Operation kann Stewart fliehen, doch Popes Erinnerungen durchfluten bald ebenso seine Gedankenwelt wie die Gefühlswelt des Verstorbenen…

Ich hätte von Ariel Vromen nach dessen gelungenerem Vorgängerfilm „The Iceman“ ja ehrlich gesagt etwas mehr erwartet als diesen eher einfältig geratenen Espionage-Fiction-Schmarren, der seine Existenzberechtigung letztlich nur aus der einen Tatsache bezieht, dass seine unglaubliche Besetzung (neben Costner, Reynolds und Jones bekommt man Gary Oldman, Scott Adkins in einer leider viel zu kleinen Rolle und die neue „Wonder Woman“ Gal Gadot) sozusagen entgegengesetzt proportional zu seiner ziemlich dämlichen Geschichte arbeitet. Der Cast wird sicher auch einen Hauptgrund dafür gestellt haben, dass Vromen überhaupt Interesse daran hatte, „Criminal“ zu inszenieren; vermutlich würde jeder in Hollywood tätige Nachwuchsregisseur mit karrieristischen Aufstiegsambitionen sich einem Projekt mit einer derart prominenten Darstellerriege verschreiben. Dabei präsentiert der Film wenig anderes als eine hübsche Menagerie alter bis uralter Hüte: Die alte Mär vom Hirnpfusch mit einer Art mentalem Frankenstein-Monster zwecks Konservierung wichtiger Informationen, ein zunehmend reumütiger Hartarsch (Costners Performance lässt sich relativ umweglos als Reprise seines Butch Haynes aus Eastwoods „A Perfect World“ erkennen), die Geburt eines Superagenten, der seine Fähigkeiten daraus bezieht, plötzlich über zwei höchst diametrale Persönlichkeitsmuster zu verfügen, schließlich ein Bösewicht wie aus einem Bond-Film. In den Achtzigern hätte das als Pilotfilm für eine flotte TV-Serie hergehalten (die letzten Filmsekunden deuten sogar Entsprechendes an), in den Neunzigern wäre sowas noch bei Pepin/Merhi oder bei wirtschaftlich ähnlich aufgestellten Produzenten von etwas einfacheren filmischen Kurzwaren gelandet. Heute lässt sich ein mittelgroßes Studio einen solch albernen Spaß gut dreißig Millionen Dollar kosten und verwurstet dafür zudem noch eine Garde gestandener Akteure in der Hoffnung, mit diesem immerhin unterhaltsamen Blödsinn den großen Reibach zu machen. Die Quittung dafür war, dass „Criminal“ ziemlich bös gefloppt ist und es hierzulande noch nichtmal bis in die Kinos schaffte. Das ist wiederum schade, denn zumindest eine kleine Chance hätte ihm dann doch zugestanden. So bin ich großmütig bereit, dem Film seinen etwas infantilen Charakter nachzusehen und ihn zumindest okay zu finden. Warum auch nicht?

6/10

BELOVED INFIDEL

„This time it’s different. I never promised myself.“

Beloved Infidel (Die Krone des Lebens) ~ USA 1959
Directed By: Henry King

Hollywood, 1939: Die britischstämmige Klatschreporterin Sheilah Graham (Deborah Kerr) wird von ihrem Schirmherrn John Wheeler (Philip Ober) in die Filmmetropole geschickt, um dort mit Kolumnen über die Glitzerwelt groß heraus zu kommen. Bald lernt sie den Schriftsteller F. Scott Fitzgerald (Gregory Peck) kennen, der sich seit seinem letzten Roman „Tender Is The Night“ eher schlecht denn recht als Drehbuchautor verdingt. Man verliebt sich heftig ineinander, als der Literat jedoch aus seinem aktuellen Engagement herausgekündigt wird,erlebt Sheilah erstmals die dunkle Seite des Genies: Fitzgerald neigt nämlich zu heftiger Trunksucht, die ihn dann oft tagelang in delirösen Zuständen gefangenhält und ihn zu einem nervenstrapazierenden Misanthropen mutieren lässt. Nachdem jener Zwischenfall durchgestanden ist, rauft man sich wieder zusammen und zieht in ein Strandhaus in Malibu, wo Fitzgerald seinen Schlüsselroman „The Last Tycoon“ in Angriff nimmt. Schon die ersten Kapitel werden von seinem Verlag als „unlesbar“ abgekanzelt, was erneut eine tiefe Krise bei dem Autoren auslöst. Die zutiefst verletzte Sheilah trennt sich von ihm und ignoriert zunächst als sein Flehen, bis sie doch zu ihm zurückgeht. Da hat Fitzgerald jedoch nur noch wenige Wochen zu leben.

Henry Kings vorletzter Film – der letzte ist eine Adaption von Fitzgeralds „Tender Is The Night“ -, zugleich das Finale mit „seinem“ Sechsfachstar Gregory Peck, gibt ein wundervolles Kitsch-Melodram ab, das in geradezu exemplarischer Weise zeigt, wie routiniert die Hollywoodstudios zur Zeit der Fünfziger und Frühsechziger Herzschmerz mit Edelschimmel, Goldstaub und Sahnehäubchen zu produzieren pflegten: Zwei der größten (Vertrags-)Darsteller ihrer Ära, Kalifornien nebst seinen sozialen Eigenheiten und malerischen Küstenstreifen; Trunksucht als Beziehungskiller und Hochemotionen; dazu noch die authentische Biographie eines amerikanischen Helden im Zwielicht – das zerschnitt die Herzen des willfährigen Publikums gleich reihenweise. Peck und Kerr sind erwartungsgemäß traumhaft; er hat eine der wenigen Gelegenheiten seiner langen Schauspielkarriere, zumindest zeitweise (sprich in den zwei Sequenzen, in denen er stockbesoffen ist) ein mieses Arschloch zu proklamieren, das zwischen Fremdscham, Bedrohlichkeit und Mitleidsevozierung umhertaumelt, sie tut das was, sie stets am Besten konnte – eine gleichermaßen selbstbewusst-feministische, wie verletztliche Frau mitsamt enigmatischer Psyche zu interpretieren, für die der große, arme F. Scott Fitzgerald zu egalten Teilen Pygmalion und Sorgenkind darstellt. Einige wildromantische, dramatische Szenen am wellenumtosten Strand erinnern in ihrer bombastischen Inszenierung wohl nicht ganz von ungefähr an die analogen, legendären Momente aus „From Here To Eternity“, in denen sich die Kerr nur fünf Jahre zuvor mit Burt Lancaster in der Brandung wälzte; dazu spielt eine gewaltig orchestrierte „Ave Maria“-Variation von Franz Waxman. Bildliche und tonale Repräsentation eines im Ganzen repräsentativen Films, mit dem Hollywood sich und seine Arbeistsweise auf merkwürdig-perplexe Art gleichfalls selbst feiert und als Kreativdrossler denunziert.

7/10

TATORT: ES LEBE DER TOD

„Lassen Sie mich Ihnen helfen.“

Tatort: Es lebe der Tod ~ D 2016
Directed By: Sebastian Marka

Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) vom LKA Wiesbaden steht vor der Aufgabe, einen Serienmörder zu fangen, der bereits fünf Opfer auf dem Kerbholz hat. Dabei setzte der Täter seine Auserwählten stets zunächst unter starke Seditativa, bevor er sie ihnen in der warmen Badewanne die Pulsadern durchschnitt. Um den Killer hellhörig zu machen, inszeniert das LKA unter einigem Medienecho einen scheinbaren sechsten Mord. Tatsächlich schließt Murot bald Bekanntschaft mit dem Wahnsinnigen, der prompt dingfest gemacht werden kann und sich als treusorgender Familienvater Arthur Steinmetz (Jens Harzer) entpuppt. Im Verör stellt sich nach und nach heraus, dass der an einem Hirntumor leidende Steinmetz, der selbst nur noch kurze Zeit zu leben hat, seine Opfer nach einem bestimmten Schema ausgesucht hat: Bei ihnen allen handelte es sich um lebensunzufriedene, depressive, vielleicht ohnehin todessehnsüchtige Menschen, denen sich Steinmetz quasi als „unfreiwilliger Sterbehelfer“ zur Seite gestellt wähnt. Murot weiß noch nicht, dass er selbst, der seit seiner Kindheit mit dem Suizid des Vaters (Thomas Bartling) zu kämpfen hat und seitdem mit der Einsamkeit kämpft, zum großen Clou von Steinmetz‘ sorgsam ausgearbeitetem Konstrukt ausersehen ist. Ein unschuldig gefangen gehaltenes Mädchen (Ceci Chuh), die Tochter von Murots Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp), soll garantieren, dass der Ermittler in die Falle geht…

Ich bin sonst überhaupt kein großer „Tatort“-Gucker und schon gar kein Vollständigkeits-Pedant, sieht man von wenigen Ausnahmen wie den Schimanski- und Markowitz-Reihen ab oder von besonderen Regiearbeiten wie etwa von Dominik Graf. „Es Lebe der Tod“ habe ich mir aufgrund der Tatsache angeschaut, dass der Freund eines guten Freundes, Erol Yesilkaya, das Script dazu verfasst hat und das im Vorhinein lancierte Kritikecho sich ziemlich hervorragend ausnahm. Ich würde das Ganze allerdings etwas gedämpfter einordnen wollen. „Es lebe der Tod“ legt nämlich relativ eindeutige Inspirationsquellen vor, die, darin liegt wohl teilweise sein Verkaufsgeschick, dem „gemeinen, sonntagabendlichen  TV-Krimi-Betrachter“ nicht unbedingt geläufig oder präsent sein dürften. Yesilkayas Geschichte rekurriert stark auf US-Serienkillerfilme, die Täter mit extrem radikalisierter, moralischer Agenda zentrieren. Spätestens seit „Se7en“ zeigt sich jener Topos quasi popkulturell kanonisiert und in vielfacher Ausprägung sowie oftmals in Verbindung mit starker Effektarbeit regelmäßig bemüht. Auch die langlebige „Saw“-Reihe, die ja von ihrer Grundidee des „barmherzigen Gewaltverbrechers“ rasch hinüberkippte in reinstes Splatterspektakel, zehrte gewaltig von jener an sich grandiosen Idee. „Se7en“ präsentierte ja dereinst einen von Kevin Spacey mit ikonographischer Diabolik interpretierten, namenlosen Todesengel, der seine Taten als eiskalt durchkalkulierte Bestrafungsmaßnahmen für die sieben Todsünden durchführte, um damit die Verkommenheit, Dekadenz und Schlechtigkeit der modernen Gesellschaft aufzuzeigen. Von Anfang an zielte sein Plan darauf ab, seinen Jäger zum finalen Hauptgegenstand seines Konstrukts zu küren, um damit am Ende gleichfalls seine Thesen nebst der Berechenbarkeit der menschlichen Seele zu beweisen sowie sich selbst der göttlichen Gerechtigkeit anheim zu stellen. „John Doe“, wie ihn die überforderte Justiz damals nannte, gewann am Ende. „Es lebe der Tod“ stellt in vielerlei Hinsicht eine Variation jenes Topos vor. Das Kalkül des Täters, seine Selbstelitierung zum Richter über humane Schwächen, die Entlarvung des ihn verfolgenden Polizisten als schwächstes, weil durchschaubarstes Glied in seiner kriminell brillant ausgearbeiteten Kausalitätskette; all das ist am Ende seiner sicherlich vorhandenen, narrativen Geschlossenheit und seiner stilsicheren Inszenierung, die sogar die eigentlich für das Kino prädestinierte 2,35:1-Kadrage nutzt zum Trotz doch bloß ordentliches, aber schlussendlich innovationsmüdes Fernsehen. Wäre der Mut dagewesen, Murot am Ende den Heldentod sterben zu lassen; ihm seine Erlösung vorzuenthalten, das wäre mutig gewesen und hätte eine Teilnation am Sonntag höchst missmutig ins Bett und damit in die nächste Werkwoche entsendet. So aber sind wir dann, im Gegensatz zu David Fincher vor gut zwanzig Jahren, doch mal wieder auf der sicheren, auf der braven Seite gelandet.

6/10