CLEOPATRA

„Caesar! Beware of the ides of March!“

Cleopatra ~ USA 1934
Directed By: Cecil B. DeMille

48 v.u.Z.: Nachdem die ägyptische Königin Cleopatra (Claudette Colbert) einer tödlichen Intrige ihres Bruders Ptolemäus und dessen Statthalters Pothinos (Leonard Mudie) entgehen kann, führt sie sich auf höchst ungewöhnliche Weise bei dem römischen Imperator Julius Caesar (Warren William) ein. Aus der sich alsbald ergebenden Liaison wird jedoch nicht mehr, da Caesar von den ihn ohnehin scharf beäugenden Republikverteidigern im Senat ermordet wird. Die am Boden zerstörte Cleopatra kehrt nach Ägypten zurück, auf Rache sinnend. Diese will sie an der Person des ihr eilends nachgesandten Feldherrn und Eroberers Marc Anton (Henry Wilcoxon), der sie zur Kapitualation zwingen soll, vollstrecken. Doch abermals schlägt Cupido zu und Marc Anton verfällt der schönen Königin vom Nil. Den sich nun entfesselnden Aufstand gegen Rom überleben die beiden Liebenden nicht

Der Hays-Code war noch nicht in seiner ganzen Ausprägung durchgestartet und die PCA erst seit wenigen Monaten spruchreif, da schickten die Paramount und ihr Kraftakteur Cecil B. DeMille ihre prestigträchtige „Cleopatra“ auf globalen Siegeszug (Deutschland sollte erst 19 Jahre später in den Genuss der hiesigen Premiere kommen). Hier vereinigen sich natürlich camp und pulp, dass es eine Lust ist; DeMille kocht ein delikates Monumentalsüppchen, in dem die exorbitante Verschwendungssucht des Filmemachers, ausstatterischer Pomp, historische Ungenauigkeiten und Mutmaßungen sowie scheinbar federleicht vulgarisierte Arrangements shakespearescher Verse eine rundum dekadente Konsoldierung eingehen, die man innerhalb der noch jungen Tonfilmära als Blaupause für den Antik- und Bibelfilm aus Hollywood der drei kommenden Jahrzehnte wähnen oder werten darf. Mit Joseph L. Mankiewicz‘ irrsinniger 62er-Version desselben Stoffs, der sich teilweise auch als Remake bezeichnen ließe, erreichte just diese Filmgattung dann ja wiederum ihre obszöne Klimax, was die Figur der legendären Königin Cleopatra VII gleichfalls gewissermaßen zu einer goldenen Klammer, zu einem spektakulären Dreh- und Angelpunkt jener maßlosen Ausprägung hollywoodscher Megalomanie macht.
Gegenüber Mankiewicz ist DeMilles „Cleopatra“ noch geradezu brav, domestiziert und charmant, man vergleiche nur die jeweilige Darstellung des pompösen Einzugs der ägyptischen Königin in Rom, der in der 34er-Version schon ziemlich toll daherkommt, den ohnehin bereits überlauenen Zuschauer 28 Jahre später jedoch geradewegs in ein fiebrig dräuendes Wachkoma versetzen sollte. Größtes Plus in DeMilles Film ist wahrscheinlich die tolle Claudette Colbert in der Titelrolle, die man ja sonst eher mit der screwball comedy assoziiert und die sich hier einige charmante Kabinettstückchen genehmigt, wie etwa eine Szene, in der sie nach übermäßigem Weingenuss einen Schluckauf bekommt und damit hadert, weil sich das für eine Königin nicht zieme.
Colbert gegenüber verblassen die (möglicherweise bewuust etwas langmütig besetzten) männlichen Co-Stars William und Wilcoxon beinahe bis hin zur Unbedeutsamkeit, wo dann später Harrison und Burton immerhin ein schönes Gegengewicht zur Taylor aufzubieten wussten.
In den Schlachtenszenen, die der Rebellion Marc Antons gegen Rom folgen, versagt der Film dann auch mal wohltuend; man bemerkt rundheraus, dass die Kinetik und Aktion, derer derlei Szenen im Kino bedürfen, um ihre Wirkung zu entfalten, im Kino jener Tage noch lange keine Selbstverständlichkeit waren. In einer kurzen, fünfminütigen Abfolge werden Kampfszenen auf dem Land und zur See unübersichtlich, unordentlich und beinahe desinteressiert aneinandermontiert und erweisen sich als eher der bloßen Notwendigkeit geschuldete, gelangweilt arrangierte, visuelle Stellvertreter der entsprechenden Begebenheiten. Diese Nachlässigkeit beschädigt das einmal gewonnene Gesamtbild des Films allerdings kaum, zumal die direkt darauffolgende Flamboyanz der beiden Selbstmordszenen von Marc Anton und Cleopatra sie beinahe durchweg wieder wettmachen.

8/10

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PAPILLON

„We all have sensitive spots.“

Papillon ~ USA/F 1973
Directed By: Franklin J. Schaffner

Der Franzose Henri Charrière (Steve McQueen), wegen seiner Brusttätowierung von allen „Papillon“ gerufen, wird im Jahre 1933 wegen des Mordes an einem Zuhälter, dessen er sich jedoch unschuldig behauptet, zu einer lebenslangen Haftstrafe in Französisch-Guayana verurteilt. Papillon sichert sich die Sympathie des wohlhabenden Devisenfälschers Louis Dega (Dustin Hoffman), den er auf dem sie übersetzenden Schiff kennenlernt. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft erwächst im Laufe der Zeit aufrichtige Freundschaft, die Papillon und Dega durch mehrere gemeinsame Fluchtversuche, grausame Episoden der Einzelhaft und schließlich zu einer
„staatlich verordneten“ Einbahnexistenz auf der Teufelsinsel, von der eine Flucht als aussichtslos gilt, führt.

Unabhängig davon, dass der Fakten- und Wahrheitsgehalt von Henri Charrières von ihm selbst als größenteils authentisch veräußerter Roman „Papillon“ immer wieder neuen historischen Revisionen unterzogen und sein Wahrheitsgehalt in etlichen Facetten angezweifelt wurde, ist Schaffners Film ein Fanal und Triumph seiner Zunft.
Dies ist weniger bei der Charakterisierung der Hauptfigur zu verorten. Der Gefängnisfilm, zumindest viele der zu Klassikern avancierten Hauptwerke, in denen dem Protagonisten schließlich die Flucht gelingt, operiert zumeist mit sehr einvernehmlich gewählten Motivkreisen: Der zur Strafe führende Urteilsspruch erweist sich bereits als falsch bzw. unverhältnismäßig, das Vollzugssystem spottet jedweder Humanität, der Held kennzeichnet sich durch eine weit überdurchschnittliche Intelligenz gekoppelt mit einem selbst durch noch so harte Konsequenzen nicht zu begradigendem Freiheitsdrang. Daraus erwächst dann entweder eine Kette diverser Fluchtversuche oder ein von langer Hand geplanter, dann in der Regel von Erfolg gekrönter Ausbruch. Gefängnisfilme sind somit zugleich wunderbare Suspense-Lieferanten; der Hauptcharakter lädt infolge seiner durch bald übermenschliche Willenskraft zu willkommener Identifikation ein und die Fluchtszenarien lassen den Rezipienten umso leidenschaftlicher mitfiebern.
Steve McQueen, der genau zehn Jahre zuvor in John Sturges‘ Kriegsgefangenenfilm „The Great Escape“ eine beinahe analoge Rolle als „Coller King“ Hilts spielte, brachte demnach bereits dem Sujet angemessene Vorerfahrungen mit. Dass er als Schauspieler mittlerweile ungeheuer gewachsen war, konnte er in „Papillon“ allerdings nicht minder demonstrieren – die Szenen, in denen er die zweimalige Einzelhaft sowohl psychisch als auch physisch nur mit alleräußerster Disziplin überlebt, zählen zum Nervenzerrendsten, was der üblicherweise ja als eher untangierter Stoiker kultivierte McQueen je gespielt hat. Hinzu kommt in diesem speziellen Falle noch der Genreaspekt des klassischen Abenteuerfilms; die mittelamerikanische Kulisse rund um tropische Unwägbarkeiten Mangrovensümpfe, Leprakolonisten und Eingeborenenstämme verleiht „Papillon“ ein höchst eigenwilliges Flair, das ihn dann doch von sämtlichen anderen Repräsentanten seiner Zunft abhebt. Auch der emotionale impact zeigt sich gleich von Abfang an als ungeheuer wirkungsvoll aufbereitet – wie der Film eine empathische Allianz zwischen Papillon und dem Zuschauer schmiedet, das ist schlichtweg meisterhaft. Wie sehr einem etwa jedesmal, da man Schaffners Kronjuwel aufs Neue bewundert das Herz blutet, wenn Papillon nach einer ungeheurlichen Odyssee bereits frei scheint und dann doch von dieser widerlichen Äbtissin (Barbara Morrison) verraten wird, illustriert jenes einmal geflochtene Band geradezu exemplarisch.
Außerdem hat man selten die Chance, den ewigen villain John Quade einmal in einer sympathischen Rolle zu beobachten.
Absolute premier league!

10/10

FAT MAN AND LITTLE BOY

„It’s all about ass, isn’t it? Either you kick it… or you lick it.“

Fat Man And Little Boy (Die Schattenmacher) ~ USA 1989
Directed By: Roland Joffé

Ein knappes Jahr nach dem Angriff auf Pearl Harbor macht man sich in den USA zunehmend Sorgen um die einstmals als unantastbar gewähnte, nationale Sicherheit. Im Zuge des „Manhattan-Projekts“ soll daher in der Wüste von Los Alamos möglichst rasch die Atombombe entwickelt und konstruiert werden, um den in dieser Sache möglicherweise ebenfalls umtriebigen Achsenmächten zuvorzukommen. Unter der militärischen Ägide von General Leslie Groves (Paul Newman) arbeitet neben dem Physiker und Projektleiter Robert Oppenheimer (Dwight Schultz) noch eine ganze Anzahl weiterer renommierter Wissenschaftler in der öden Abgeschiedenheit an der Massenvernichtungswaffe. Das harte Reglement im Camp erlaubt den Männern faktisch kein unbeobachtetes Privatleben mehr; eine von Oppenheimer über Jahre gepflegte Affäre mit der Kommunistin Jean Tatlock (Natasha Richardson) endet tragisch. Schließlich können erste experimentelle Erfolge verzeichnet werden, die Oppenheimers Mitarbeiter Merriman (John Cusack) das Leben kosten. Obwohl Deutschland im Mai 1945 endgültig kapituliert, wird unter einigem Protest der Wissenschaftler die kurz bevorstehende, erste Erprobung der Bombe, der „Trinity-Test“, weiter forciert…

Gottgleiche Vernichtungsmacht und Schreckgespenst des Kalten Krieges: die Atombombe. Dass aus Krieg per se nichts Gutes erwachsen kann, ist eine stiefmütterliche Binsenweisheit, doch beflügelt der schlimmste aller Konflikte leider oftmals noch die allerärgste Perfidie. Mit den Abwürfen der als „Fat Man“ und „Little Boy“ titulierten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945, drei Wochen nach der Testzündung der ersten Kernwaffe bei Alamogordo, hat die Menschheit ihre bis dato wohl furchtbarste Nemesis selbst entfesselt. Abgesehen von dem einzig nennenswerten Effekt, durch die erfolgte Massenvernichtung den Zweiten Weltkrieg auch im Pazifik beendet zu haben, spottet die Kreierung dieser und ähnlicher perverser Gerätschaften jedweder Menschlichkeit und tritt alle gesunde Vernunft mit Füßen.
Für seine Zusammenfassung der Geschichte um den Bau der Bombe wählte Joffé einen ebenso nüchternen wie konzentrierten, teils dokumentarisch anmutenden Erzählansatz. Da werden gebildete Männer zusammengetrieben, die in Abstraktion, Theorie und Wissenschaft zu Hause sind, denen eingeimpft wird, ihre patriotische Pflicht zu erfüllen und die es als einen gewissen Sport empfinden, ihren Geistegenossen von der gegnerischen Seite zuvorzukommen. Robert Oppenheimer steht diesem unheiligen Bund gewissermaßen als exemplarischer Charakter vor; mit der zunehmenden Zeit, die er sich dem Projekt widmet, mit den zunehmenden, vom Militär verordneten Geheimhaltungsmaßnahmen, verliert er sich mehr und mehr im Rausch des nahenden Erfolges. Wissenschaftlicher Fortschritt und gewinnorientierte Kriegsführung gehen eine höchst ungesunde Verbindung ein, an deren Ende das ultimative Mentekel wartet. Der Film endet mit dem Trinity-Test; der Einsatz der Bombe in Japan und ihre spätere Karriere als bislang nie wieder im Kriegsfalle eingesetztes Abschreckungsobjekt findet den üblichen Post-scriptum-Abriss. Den Effekt entfesselter Strahlung auf humane Opfer veranschaulicht „Fat Man And Little Boy“ derweil nur einmal im Zuge eines fehlgeleiteten Experiments zur Bestimmung der kritischen Masse von Plutonium: Der Physiker Michael Merriman, ein sympathischer, junger Idealist, bekommt eine hohe Strahlendosis ab und stirbt binnen wenigen Tagen einen qualvollen, gar monströsen Tod. Dessen Darstellung tut ihr Dringlichstes, mehr möchte man nicht gar nicht sehen und doch soll in der Realität dasselbe noch hundertausendfach aufs Neue rekurrieren.
Möge uns Allen Vergleichbares auf ewig erspart bleiben.

8/10

THE LOST CITY OF Z

„Peace means only that nothing will change.“

The Lost City Of Z (Die versunkene Stadt Z) ~ USA 2016
Directed By: James Gray

Der britische Offizier Percy Fawcett (Charlie Hunnam), ein hervorragender Reiter und Schütze, leidet unter Standesdünkeleien, die ihn die in seinem Umfeld allgegenwärtige Aristokratie spüren lässt. Im Jahre 1906 wirbt ihn die Royal Geographical Society an, um in Südamerika ein unerforschtes Teilgebiet des Amazonas zu kartographieren. Dabei stößt Fawcett auf architektonische Relikte, die auf eine untergegangene oder möglicherweise noch existente, versteckte Hochkultur mitten im Urwald hindeuten. Mit letzter Kraft schaffen es Fawcett und seine verbliebenen Männer, in die Zivilisation zurückzukehren. Unter der Schirmherrschaft des Biologen James Murray (Angus Macfadyen) macht sich Fawcett zu einer zweiten Expedition auf, diesmal, um ganz gezielt die „Stadt Z“, wie Fawcett sie nennt, ausfindig zu machen. Murrays unprofessionelles Verhalten sorgt für einen frühzeitigen Abbruch des Abenteuers, wobei der feine Herr Fawcett zurück in England zudem des Verrats denunziert. Der erboste Fawcett kündigt der RGS seine Verbundenheit und kann jahrelang nicht mehr zum Amazonas reisen, obwohl in das Entdeckerfieber gepackt hat. Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg, der eine vorübergehende Erblindung zur Folge hat, überredet ihn schließlich sein ältester Sohn Jack (Tom Holland), im Jahre 1923 eine weitere Expedition zur Suche nach der Stadt Z zu starten. Die beiden kehren nie wieder zurück.

Dass James Gray sich vorzüglich auf die Inszenierung historischer Stoffe, sprich: period pieces versteht, konnte er bereits mit seinem letzten Film „The Immigrant“ nachdrücklich unter Beweis stellen. Er entwickelte seither ein spezielles Faible für Zeitkolorit und dessen detaillierte Ausgestaltung, was „The Lost City Of Z“ zu einem aufreizend gemächlich fortschreitenden, visuellen Festmahl macht, das Herzogs nicht unähnlich konnotiertem Meisterwerk „Fitzcarraldo“ wohl die eine oder andere Inspiration verdankt.
Diesmal muss der Filmemacher (und somit auch sein willfähriges Publikum) allerdings auf die Mitwirkung des ansonsten bereits zum gray’schen Obligatorium avancierten Joaquin Phoenix verzichten; der Qualität von „The Lost City Of Z“ tut dies jedoch keinen Abbruch. Gray wirft sich diesmal also in die wirren Strudel authentischer Historie und nimmt sich den britischen Entdecker Percy Fawcett vor, eines besonders bewundernswerten Vertreters seiner Zunft. Fawcetts Reisen und deren Berichte beflügelten nicht nur die von Exotik und Xenophilie geprägten Träume des späten Empire, sondern zudem auch die zeitgenössischer Abenteuerliteraten wie Doyle und Haggard, die persönlich mit Fawcett befreundet waren. Als Soldat nahm Fawcett darüberhinaus nicht nur seine Expeditionen nach Übersee in seinen wohl beispiellosen Erfahrungsschatz auf, sondern auch mehrere Kriegseinsätze, darunter die Schlacht an der Somme. Eine Verfilmung seiner Biographie war somit gewissermaßen höchst überfällig. Gray setzt im Irland des Jahres 1905 an, als Fawcett, damals 38 Jahre alt, eigens für einen hochherrschaftlichen Besuchs des Erzherzogs Franz Ferdinand (Brian Matthews Murphy) einen kapitalen Hirsch erlegt, nur um dann von der adligen Gesellschaft geschnitten zu werden – seine uneheliche Herkunft legt ihm nahezu unüberbrückbare gesellschaftliche Steine in den Weg. Gray wähnt hierin eines der primären Motive für Fawcetts spätere Besessenheit als Entdecker – die Wiederherstellung seines guten Familiennamens. Später leidet seine Familie, insbesondere Sohn Jack, unter der fortwährenden Absenz des Vaters. Erst als Erwachsener begreift Jack die Unumstößlichkeit der väterlichen Träumereien zur Gänze und bereitet ihnen das schönste Zugeständnis, indem er den bereits resignierenden Senior zu einer gemeinsamen, finalen Südamerikareise bewegt. Ab 1925 gelten Vater und Sohn Fawcett als verschollen, diverse eilends geschaltete Rettungsexpeditionen scheitern. Und auch Grays Film, der wiederum auf einem investigativen Buch des Journalisten David Grann beruht, verweigert sich einer eindeutigen Erklärung. Er forciert jedoch Mutmaßungen, denen zufolge die beiden tatsächlich jener geheimnisvollen, versteckten Dschungelstadt zumindest ansichtig geworden sind, ja, vielleicht sogar sich dort niedergelassen haben. Fawcetts ewigem Traum von mythischer Erfüllung wäre eine solch märchenhafte Fügung mehr denn zu gönnen.

8/10

DENIAL

„The coward threatens only where he is safe.“

Denial (Verleugnung) ~ UK/USA 2016
Directed By: Mick Jackson

Atlanta, 1996. Die Professorin und Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt (Rachel Weisz) sieht sich unversehens einer Verleumdungsklage des britischen Historikers David Irving (Timothy Spall) gegenüber. Dieser verbittet sich die immer wieder von Lipstadt, darunter auch in ihrem Buch „Denying the Holocaust“, bemühte Titulierung des „Holocaustleugners“ unter der gleichsamen These, dass der Holocaust ohnehin historisch fragwürdig sei. Der Fall wird vor einem Londoner Gericht verhandelt, womit zugleich einhergeht, dass Lipstadt und ihre Rechtsbeistände der Beweislast unterliegen, sprich: juristisch einwandfrei nachzuweisen haben, dass rund sechs Millionen Juden im Auftrag der Naziführung ermordet wurden. Eine vorbereitende Reise nach Auschwitz dient der prophylaktischen Untermauerung der späteren Beweisführung. Während des bald anberaumten Verfahrens sieht sich Lipstadt zusehends enerviert von der stoisch-britischen Gelassenheit, mit der dem schwierigen Sujet begegnet wird, zumal ihr Hauptanwalt Rampton (Tom Wilkinson) sich gegen die von ihr vorgeschlagene Strategie verwehrt, überlebende Zeitzeugen vorzuladen.

Mick Jacksons auf authentischen Begebenheiten beruhendes Courtroom-Drama wählt zur dramaturgischen Aufbereitung seines Stoffes exakt dasselbe spekulationsentledigte, unaufgeregte Vorgehen der in ihm agierenden Justiziare: wo andere Filmemacher womöglich die Gehelegenheit genutzt hätten, das Grauen der Shoah aufs Neue mit den bekannten Bildern und Filmaufnahmen zu visualisieren, nimmt „Denial“ als revisionistischen Weg den strikt forensischen. Das immerwährende Problem mit der historischen Forschung betreffs des Holocaust liegt ja bekanntermaßen darin, dass nahezu der gesamte Protokoll- und Schriftverkehr, der diesbezüglich eindeutig belegbare, konkrete Beweise und nicht allein reine Indizien vorlegen könnte, vernichtet wurde. Vor allem professionelle Holocaustleugner berufen sich unter damit einhergehender Faktenverdrehung immer wieder auf diese Tatsache und nutzen sie, um einerseits zu bestreiten, dass es im Dritten Reich einen systematischen, gar bürokratisch organisierten Genozid gegeben habe und andererseits, um ihre perfiden Verschwörungstheorien zionistischer Propaganda zu untermauern. Zu ihnen gehört auch David Irving, der bis heute als einer der prominentesten, mittlerweile mehrfach juristisch belangten Vertreter der Holocaustleugnung gilt.
Insofern bildete im Lipstadt/Irving-Prozess die Verhandlung angesichts des Grauens grotesk anmutender Details wie etwa die Fragen nach dem Standort und der Architektur der Gaskammern die Grundlage einer rechtlich stichhaltigen, fundierten Beweisführung. Was Deborah Lipstadt im Film ungeheuerlich vorkommt, stimmt auch den Zuschauer befremdend – nicht allein die bloße Tatsache, dass es über fünfzig Jahre nach der Shoah noch immer Menschen gibt, die deren Existenz abstreiten, sondern auch das Selbstverständnis, mit denen sie zu ihren Überzeugungen stehen, macht sprachlos.
Insofern gebührt vor allem Timothy Spall ein besonderes Lob für seine Interpretation David Irvings; es gelingt ihm, diesem merkwürdigen Menschen zu gleichen Zügen eine Aura bemitleidenswerter Verstörtheit als auch eine nicht minder wichtige Mehrdimensionalität zu verleihen. Möchte man seinem Irving einerseits pausenlos ins Gesicht spucken (genau das geschieht ihm am Tage der Urteilsverkündung dann auch), neigt man andererseits zu einem Hauch des Bedauerns, als sein Konkurrent Rampton sich weigert, ihm nach gewonnenem Prozess die Hand zu reichen und ihn beinahe angeekelt ignoriert. Nein, wer einen polemischen Film erwartet, der muss sich anderswo umschauen.

8/10

TOBRUK

„My mother didn’t raise any heroes.“

Tobruk ~ USA 1967
Directed By: Arthur Hiller

Algier, September 1942. Nachdem der wüstenkundige, kanadische Offizier Donald Craig (Rock Hudson), in die Gefangenschaft französischer Besatzer geraten ist, befreit ihn die britische Armee, nur um ihn dann umgehend mit einem Himmelfahrtskommando zu betrauen. Craig soll gemeinsam mit der Einheit des deutschen Exiljuden Captain Bergman (George Peppard) und der Garnison unter Colonel Harker (Nigel Green) nach der libyschen Hafenstadt Tobruk vordringen. Diese ist nach heftigen Kämpfen in die Hände der Wehrmacht gefallen und stellt mit gewaltigen Treibstofftanks für die deutschen Panzer einen strategischen Schlüsselpunkt für Rommels drohenden Sieg in Nordafrika dar. Der Plan besteht darin, nach einer Durchquerung der Wüste Tobruk getarnt als Deutsche mit britischen Gefangen zu infiltrieren und die Tanks zu sprengen. Trotz diverser Unwägbarkeiten, heftiger Verluste unter den Männern und eines unter Bergmans Leuten befindlichen Spions gelingt der Vorstoß.

Einer der vielen in den sechziger Jahren entstandenen Filme, die den Zweiten Weltkrieg aus der wachsenden Distanz heraus zum harten Männerabenteuer, sprich: Actionfilm stilisierten, in denen jeweils eine kleinere oder größere Anzahl arrivierter Stars Heldentaten vollbringen, die maßgeblich zum Sieg über die Achsenmächte beitrugen. „Tobruk“, inszeniert von dem in Sachen kinetisches Kino eher wenig beschlagenen Kanadier Arthur Hiller, machte seine Sache dabei ordentlich, wenn er auch an die mitunter noch aufwändigeren und fabulierfreudigeren Konkurrenzproduktion seiner Ära nicht ganz heranreicht. Die eher unfreiwillig zur Kooperation gezwungene Triangel aus den von Peppard, Hudson und Green interpretierten Figuren verleiht der Geschichte dabei ihren spezifischen Reiz: Colonel Harker ist ein Engländer und Empire-Verfechter par excellence, der einerseits Craigs ihm oftmals allzu weinerlich erscheinenden Einwände gegen die eine oder andere militärische Entscheidung zerredet und andererseits Bergmans unverhohlen geäußerten Zionismus mit gepflegt-britischem, aber unverhohlen antisemitischen Understatement quittiert. Craig würde am liebsten jedem Kriegsschauplatz der Welt den Rücken kehren, erweist sich aber immer wieder als unerlässlicher Planer und Stratege des Unternehmens, etwa, wenn er gezielt ein unumfahrbares Minenfeld außer Kraft setzt, und Bergman, der über den Krieg hinaus bereits die nahende Staatsgründung Israels im Visier hat, steht für ein neues, jüdisches Selbstbewusstsein gepaart mit einer harten Faust gegen die Deutschen. Trotz oder gerade wegen ihrer immer wieder auftretenden, wechselseitigen Ressentiments bilden die drei Männer eine funktionale Einheit, die dann auch den etwas romantisch verklärten Pyrrhussieg am Ende gewährleisten können. Der knarzige Royal-Navy-Veteran Jack Watson als Sergeant Major Tyne, ein von mir immer wieder gern gesehenes Filmgesicht, sollte nicht unerwähnt bleiben, wenngleich seine finale Todesszene der entsprechenden in „The Wild Geese“ natürlich nicht das Wasser reichen kann.
Dass große Teile der Wüstenszenen im amerikanischen Westen gedreht wurden, sieht man selbigen auch als Gebietsunkundiger an, was dem Film in seiner Gesamtheit jedoch nicht weiter schadet. Die im Showdown als Höhepunkt gezeigte Schlacht um das Treibstoffreservoir an der libyschen Küste bedient sich dann noch ein wenig bei der Pointe von „The Guns Of Navarone“, macht aber dennoch das Allermeiste richtig im Sinne an humanen Verlusten reicher Kriegsfilmaktion.

7/10

DUNKIRK

„Seeing home doesn’t help us get there.“

Dunkirk ~ UK/USA/NL/F 2017
Directed By: Christopher Nolan

Dünkirchen, Ende Mai 1940. Rund 370.000 britische und französische Soldaten sitzen in der französischen Hafenstadt fest, hoffnungslos eingekesselt von der deutschen Wehrmacht. Als einziger Fluchtweg bleibt nurmehr der Weg über den Ärmelkanal, der hier die englische Küste über rund vierzig Luftkilometer vom europäischen Festland trennt. Während die Männer am Strand ausharren und um ihr Leben bangen, initiiert die britische Kommandatur ihre Evakuierung, die „Operation Dynamo“. Dabei soll vor allem die Zivilbevölkerung behilflich sein, die die Soldaten mit allen möglichen Wasserfahrzeugen an die Küste von Dover überzusetzen angehalten ist. Während der junge Gefreite Tommy (Fionn Whitehead) sich durch die Wirren am Strand von Dünkirchen schlägt und dabei gleich mehrere Fluchtfehlversuche erlebt, setzt der Zivilist Dawson (Mark Rylance) gemeinsam mit seinem Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund George (Barry Keoghan) mit einer kleinen Yacht über. Unterwegs nehmen sie einen havarierten, schwer traumatisierten Soldaten (Cillian Murphy) an Bord, der gar nicht mit der Fahrtrichtung einverstanden ist. Der RAF-Pilot Farrier (Tom Hardy) unterstützt derweil mit seiner Spitfire die Evakuierungsoperation aus der Luft heraus.

Die Schlacht um Dünkirchen und die anschließende Massenevakuierung, die sich auf wundersame Weise deutlich erfolgreicher gestaltete als zunächst abzusehen war, kommentierte Winston Churchill in seiner berühmten Kampfesrede „We shall fight on the beaches“ vom 4. Juni 1940 mit den Worten „Wars are not won by evacuations„, was den faktisch erzwungenen Rückzug der Briten in einem eher zweifelhaften Licht dastehen ließ. Dabei wäre den Männern als Alternative nur der Tod geblieben – bis heute sind sich Kriegshistoriker uneins darüber, warum Hitler nicht den Befehl zum Losschlagen seiner geschlossen aufgebotenen Panzer gegeben hat, gegen die die feindlichen Armeen keine Chance gehabt hätten. Dünkirchen hat dem Zweiten Weltkrieg insofern einen seiner entscheidenden Wendepunkte versetzt, indem es die Kampfesmoral vor allem der Briten trotz des militärstrategisch als Fehlschlag zu betrachtenden Ausganges der Schlacht gewissermaßen revitalisierte.
Christopher Nolan, most beloved darling der allermeisten selbsternannten Cineasten mit Überhangsliebe zum Gegenwartskino, machte daraus das Thema seines jüngsten Films, des mittlerweile zehnten von ihm geschriebenen und inszenierten, und schon jetzt ist der Beifall seiner umfangreichen Fangemeinde wieder inkommensurabel. Nüchtern betrachtet zeigt „Dunkirk“ allerdings primär aufs Neue die grenzenlose Affektiertheit und Selbstverliebtheit seines Vordenkers. Selbstverständlich ist Nolan ein beachtenswerter Regisseur, daran besteht wohl kein Zweifel. Andererseits scheint es mir, als wolle er gleichfalls diffuse Erwartungshaltungen erfüllen, von denen er die meisten wahrscheinlich selbst an sich richtet. Warum sollte er auch sonst mit zig verschiedenen Kameras und Formaten arbeiten und seinem Film je nach Art der Vorführung eine spezielle Betrachtungs-Exklusivität verleihen? IMAX, 70mm, Röhrenkiste, ja was denn nun? Hans Zimmer wird plötzlich hochgejubelt, weil er noch was Anderes kann als flötige Ethnoklänge und instrumentalen Hurrapatriotismus – sowas schafft derzeit außer Quentin Tarantino, dem man ja ebenfalls unentwegt alles abkauft, was er liefert wohl nur Christopher Nolan. Ein frahwürdiges Phänomen. Und natürlich wäre eine strunzgewöhnliche, straighte Narration gleichfalls viel zu gewöhnlich gewesen. Nein, drei Geschichten, drei Chronologien, drei Perspektiven müssen es sein, mehr oder weniger sinnstiftend gegeneinandermontiert, auf jeden Fall aber ungewöhnlich und extrapoliert. Demnächst dann vielleicht komplett auf links gedreht? Ach nee, das hatten wir ja schonmal. Nolan ist gewiss nicht der erste, der danach trachtet, aus Krieg Kunst zu machen, aber bei ihm wirkt das dann doch deutlich gefälliger und anbiedernder als üblich. Wenn es darum geht, aufrichtig Intimität und Empathie beim Zuschauer zu erzeugen, versagt Hundenschnauze Christopher jedoch. Man schaut seinem Film in etwa so zu, wie das Kleinkind der laterna magica, kurzfristig affiziert aber ohne besonderen Nachhall.
Selbstverständlich überwiegen bei „Dunkirk“ aller Kritik zum Trotze die positiven Aspekte. Der gesamte Aufzug des Films ist gewaltig, laut und höchst perfektionistisch. Er sieht phantastisch aus und klingt auch so, ein paar britische Erster-Klasse-Akteure (darunter zwei Nolan-Standards) gibt’s quasi gratis obendrauf. Er bemüht mancherlei Erzählfaktoren des klassischen Kriegsfilms, was man ihm gut und gern als gelungene Hommage auslegen darf. Nur ein Meisterwerk, das ist er eben nicht.

7/10