FAT MAN AND LITTLE BOY

„It’s all about ass, isn’t it? Either you kick it… or you lick it.“

Fat Man And Little Boy (Die Schattenmacher) ~ USA 1989
Directed By: Roland Joffé

Ein knappes Jahr nach dem Angriff auf Pearl Harbor macht man sich in den USA zunehmend Sorgen um die einstmals als unantastbar gewähnte, nationale Sicherheit. Im Zuge des „Manhattan-Projekts“ soll daher in der Wüste von Los Alamos möglichst rasch die Atombombe entwickelt und konstruiert werden, um den in dieser Sache möglicherweise ebenfalls umtriebigen Achsenmächten zuvorzukommen. Unter der militärischen Ägide von General Leslie Groves (Paul Newman) arbeitet neben dem Physiker und Projektleiter Robert Oppenheimer (Dwight Schultz) noch eine ganze Anzahl weiterer renommierter Wissenschaftler in der öden Abgeschiedenheit an der Massenvernichtungswaffe. Das harte Reglement im Camp erlaubt den Männern faktisch kein unbeobachtetes Privatleben mehr; eine von Oppenheimer über Jahre gepflegte Affäre mit der Kommunistin Jean Tatlock (Natasha Richardson) endet tragisch. Schließlich können erste experimentelle Erfolge verzeichnet werden, die Oppenheimers Mitarbeiter Merriman (John Cusack) das Leben kosten. Obwohl Deutschland im Mai 1945 endgültig kapituliert, wird unter einigem Protest der Wissenschaftler die kurz bevorstehende, erste Erprobung der Bombe, der „Trinity-Test“, weiter forciert…

Gottgleiche Vernichtungsmacht und Schreckgespenst des Kalten Krieges: die Atombombe. Dass aus Krieg per se nichts Gutes erwachsen kann, ist eine stiefmütterliche Binsenweisheit, doch beflügelt der schlimmste aller Konflikte leider oftmals noch die allerärgste Perfidie. Mit den Abwürfen der als „Fat Man“ und „Little Boy“ titulierten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945, drei Wochen nach der Testzündung der ersten Kernwaffe bei Alamogordo, hat die Menschheit sich ihre bis dato wohl furchtbarste Nemesis selbst entfesselt. Abgesehen von dem einzig nennenswerten Effekt, durch die erfolgte Massenvernichtung den Zweiten Weltkrieg auch im Pazifik beendet zu haben, spottet die Kreierung dieser und ähnlicher perverser Gerätschaften jedweder Menschlichkeit und tritt alle gesunde Vernunft mit Füßen.
Für seine Zusammenfassung der Geschichte um den Bau der Bombe wählte Joffé einen ebenso nüchternen wie konzentrierten, teils dokumentarisch anmutenden Erzählansatz. Da werden gebildete Männer zusammengetrieben, die in Abstraktion, Theorie und Wissenschaft zu Hause sind, denen eingeimpft wird, ihre patriotische Pflicht zu erfüllen und die es als einen gewissen Sport empfinden, ihren Geistegenossen von der gegnerischen Seite zuvorzukommen. Robert Oppenheimer steht diesem unheiligen Bund gewissermaßen als exemplarischer Charakter vor; mit der zunehmenden Zeit, die er sich dem Projekt widmet, mit den zunehmenden, vom Militär verordneten Geheimhaltungsmaßnahmen, verliert er sich mehr und mehr im Rausch des nahenden Erfolges. Wissenschaftlicher Fortschritt und gewinnorientierte Kriegsführung gehen eine höchst ungesunde Verbindung ein, an deren Ende das ultimative Mentekel wartet. Der Film endet mit dem Trinity-Test; der Einsatz der Bombe in Japan und ihre spätere Karriere als bislang nie wieder im Kriegsfalle eingesetztes Abschreckungsobjekt findet den üblichen Post-scriptum-Abriss. Den Effekt entfesselter Strahlung zeigt „Fat Man And Little Boy“ derweil nur einmal im Zuge eines fehlgeleiteten Experiments zur Bestimmung der kritischen Masse von Plutonium: Der Physiker Michael Merriman, ein sympathischer, junger Idealist, bekommt eine hohe Strahlendosis ab und stirbt binnen wenigen Tagen einen qualvollen, gar monströsen Tod. Dessen Darstellung tut ihr Dringlichstes, mehr möchte man nicht gar nicht sehen und doch soll in der Realität dasselbe noch hundertausendfach aufs Neue rekurrieren.
Möge uns Allen Vergleichbares auf ewig erspart bleiben.

8/10

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THE LOST CITY OF Z

„Peace means only that nothing will change.“

The Lost City Of Z (Die versunkene Stadt Z) ~ USA 2016
Directed By: James Gray

Der britische Offizier Percy Fawcett (Charlie Hunnam), ein hervorragender Reiter und Schütze, leidet unter Standesdünkeleien, die ihn die in seinem Umfeld allgegenwärtige Aristokratie spüren lässt. Im Jahre 1906 wirbt ihn die Royal Geographical Society an, um in Südamerika ein unerforschtes Teilgebiet des Amazonas zu kartographieren. Dabei stößt Fawcett auf architektonische Relikte, die auf eine untergegangene oder möglicherweise noch existente, versteckte Hochkultur mitten im Urwald hindeuten. Mit letzter Kraft schaffen es Fawcett und seine verbliebenen Männer, in die Zivilisation zurückzukehren. Unter der Schirmherrschaft des Biologen James Murray (Angus Macfadyen) macht sich Fawcett zu einer zweiten Expedition auf, diesmal, um ganz gezielt die „Stadt Z“, wie Fawcett sie nennt, ausfindig zu machen. Murrays unprofessionelles Verhalten sorgt für einen frühzeitigen Abbruch des Abenteuers, wobei der feine Herr Fawcett zurück in England zudem des Verrats denunziert. Der erboste Fawcett kündigt der RGS seine Verbundenheit und kann jahrelang nicht mehr zum Amazonas reisen, obwohl in das Entdeckerfieber gepackt hat. Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg, der eine vorübergehende Erblindung zur Folge hat, überredet ihn schließlich sein ältester Sohn Jack (Tom Holland), im Jahre 1923 eine weitere Expedition zur Suche nach der Stadt Z zu starten. Die beiden kehren nie wieder zurück.

Dass James Gray sich vorzüglich auf die Inszenierung historischer Stoffe, sprich: period pieces versteht, konnte er bereits mit seinem letzten Film „The Immigrant“ nachdrücklich unter Beweis stellen. Er entwickelte seither ein spezielles Faible für Zeitkolorit und dessen detaillierte Ausgestaltung, was „The Lost City Of Z“ zu einem aufreizend gemächlich fortschreitenden, visuellen Festmahl macht, das Herzogs nicht unähnlich konnotiertem Meisterwerk „Fitzcarraldo“ wohl die eine oder andere Inspiration verdankt.
Diesmal muss der Filmemacher (und somit auch sein willfähriges Publikum) allerdings auf die Mitwirkung des ansonsten bereits zum gray’schen Obligatorium avancierten Joaquin Phoenix verzichten; der Qualität von „The Lost City Of Z“ tut dies jedoch keinen Abbruch. Gray wirft sich diesmal also in die wirren Strudel authentischer Historie und nimmt sich den britischen Entdecker Percy Fawcett vor, eines besonders bewundernswerten Vertreters seiner Zunft. Fawcetts Reisen und deren Berichte beflügelten nicht nur die von Exotik und Xenophilie geprägten Träume des späten Empire, sondern zudem auch die zeitgenössischer Abenteuerliteraten wie Doyle und Haggard, die persönlich mit Fawcett befreundet waren. Als Soldat nahm Fawcett darüberhinaus nicht nur seine Expeditionen nach Übersee in seinen wohl beispiellosen Erfahrungsschatz auf, sondern auch mehrere Kriegseinsätze, darunter die Schlacht an der Somme. Eine Verfilmung seiner Biographie war somit gewissermaßen höchst überfällig. Gray setzt im Irland des Jahres 1905 an, als Fawcett, damals 38 Jahre alt, eigens für einen hochherrschaftlichen Besuchs des Erzherzogs Franz Ferdinand (Brian Matthews Murphy) einen kapitalen Hirsch erlegt, nur um dann von der adligen Gesellschaft geschnitten zu werden – seine uneheliche Herkunft legt ihm nahezu unüberbrückbare gesellschaftliche Steine in den Weg. Gray wähnt hierin eines der primären Motive für Fawcetts spätere Besessenheit als Entdecker – die Wiederherstellung seines guten Familiennamens. Später leidet seine Familie, insbesondere Sohn Jack, unter der fortwährenden Absenz des Vaters. Erst als Erwachsener begreift Jack die Unumstößlichkeit der väterlichen Träumereien zur Gänze und bereitet ihnen das schönste Zugeständnis, indem er den bereits resignierenden Senior zu einer gemeinsamen, finalen Südamerikareise bewegt. Ab 1925 gelten Vater und Sohn Fawcett als verschollen, diverse eilends geschaltete Rettungsexpeditionen scheitern. Und auch Grays Film, der wiederum auf einem investigativen Buch des Journalisten David Grann beruht, verweigert sich einer eindeutigen Erklärung. Er forciert jedoch Mutmaßungen, denen zufolge die beiden tatsächlich jener geheimnisvollen, versteckten Dschungelstadt zumindest ansichtig geworden sind, ja, vielleicht sogar sich dort niedergelassen haben. Fawcetts ewigem Traum von mythischer Erfüllung wäre eine solch märchenhafte Fügung mehr denn zu gönnen.

8/10

DENIAL

„The coward threatens only where he is safe.“

Denial (Verleugnung) ~ UK/USA 2016
Directed By: Mick Jackson

Atlanta, 1996. Die Professorin und Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt (Rachel Weisz) sieht sich unversehens einer Verleumdungsklage des britischen Historikers David Irving (Timothy Spall) gegenüber. Dieser verbittet sich die immer wieder von Lipstadt, darunter auch in ihrem Buch „Denying the Holocaust“, bemühte Titulierung des „Holocaustleugners“ unter der gleichsamen These, dass der Holocaust ohnehin historisch fragwürdig sei. Der Fall wird vor einem Londoner Gericht verhandelt, womit zugleich einhergeht, dass Lipstadt und ihre Rechtsbeistände der Beweislast unterliegen, sprich: juristisch einwandfrei nachzuweisen haben, dass rund sechs Millionen Juden im Auftrag der Naziführung ermordet wurden. Eine vorbereitende Reise nach Auschwitz dient der prophylaktischen Untermauerung der späteren Beweisführung. Während des bald anberaumten Verfahrens sieht sich Lipstadt zusehends enerviert von der stoisch-britischen Gelassenheit, mit der dem schwierigen Sujet begegnet wird, zumal ihr Hauptanwalt Rampton (Tom Wilkinson) sich gegen die von ihr vorgeschlagene Strategie verwehrt, überlebende Zeitzeugen vorzuladen.

Mick Jacksons auf authentischen Begebenheiten beruhendes Courtroom-Drama wählt zur dramaturgischen Aufbereitung seines Stoffes exakt dasselbe spekulationsentledigte, unaufgeregte Vorgehen der in ihm agierenden Justiziare: wo andere Filmemacher womöglich die Gehelegenheit genutzt hätten, das Grauen der Shoah aufs Neue mit den bekannten Bildern und Filmaufnahmen zu visualisieren, nimmt „Denial“ als revisionistischen Weg den strikt forensischen. Das immerwährende Problem mit der historischen Forschung betreffs des Holocaust liegt ja bekanntermaßen darin, dass nahezu der gesamte Protokoll- und Schriftverkehr, der diesbezüglich eindeutig belegbare, konkrete Beweise und nicht allein reine Indizien vorlegen könnte, vernichtet wurde. Vor allem professionelle Holocaustleugner berufen sich unter damit einhergehender Faktenverdrehung immer wieder auf diese Tatsache und nutzen sie, um einerseits zu bestreiten, dass es im Dritten Reich einen systematischen, gar bürokratisch organisierten Genozid gegeben habe und andererseits, um ihre perfiden Verschwörungstheorien zionistischer Propaganda zu untermauern. Zu ihnen gehört auch David Irving, der bis heute als einer der prominentesten, mittlerweile mehrfach juristisch belangten Vertreter der Holocaustleugnung gilt.
Insofern bildete im Lipstadt/Irving-Prozess die Verhandlung angesichts des Grauens grotesk anmutender Details wie etwa die Fragen nach dem Standort und der Architektur der Gaskammern die Grundlage einer rechtlich stichhaltigen, fundierten Beweisführung. Was Deborah Lipstadt im Film ungeheuerlich vorkommt, stimmt auch den Zuschauer befremdend – nicht allein die bloße Tatsache, dass es über fünfzig Jahre nach der Shoah noch immer Menschen gibt, die deren Existenz abstreiten, sondern auch das Selbstverständnis, mit denen sie zu ihren Überzeugungen stehen, macht sprachlos.
Insofern gebührt vor allem Timothy Spall ein besonderes Lob für seine Interpretation David Irvings; es gelingt ihm, diesem merkwürdigen Menschen zu gleichen Zügen eine Aura bemitleidenswerter Verstörtheit als auch eine nicht minder wichtige Mehrdimensionalität zu verleihen. Möchte man seinem Irving einerseits pausenlos ins Gesicht spucken (genau das geschieht ihm am Tage der Urteilsverkündung dann auch), neigt man andererseits zu einem Hauch des Bedauerns, als sein Konkurrent Rampton sich weigert, ihm nach gewonnenem Prozess die Hand zu reichen und ihn beinahe angeekelt ignoriert. Nein, wer einen polemischen Film erwartet, der muss sich anderswo umschauen.

8/10

TOBRUK

„My mother didn’t raise any heroes.“

Tobruk ~ USA 1967
Directed By: Arthur Hiller

Algier, September 1942. Nachdem der wüstenkundige, kanadische Offizier Donald Craig (Rock Hudson), in die Gefangenschaft französischer Besatzer geraten ist, befreit ihn die britische Armee, nur um ihn dann umgehend mit einem Himmelfahrtskommando zu betrauen. Craig soll gemeinsam mit der Einheit des deutschen Exiljuden Captain Bergman (George Peppard) und der Garnison unter Colonel Harker (Nigel Green) nach der libyschen Hafenstadt Tobruk vordringen. Diese ist nach heftigen Kämpfen in die Hände der Wehrmacht gefallen und stellt mit gewaltigen Treibstofftanks für die deutschen Panzer einen strategischen Schlüsselpunkt für Rommels drohenden Sieg in Nordafrika dar. Der Plan besteht darin, nach einer Durchquerung der Wüste Tobruk getarnt als Deutsche mit britischen Gefangen zu infiltrieren und die Tanks zu sprengen. Trotz diverser Unwägbarkeiten, heftiger Verluste unter den Männern und eines unter Bergmans Leuten befindlichen Spions gelingt der Vorstoß.

Einer der vielen in den sechziger Jahren entstandenen Filme, die den Zweiten Weltkrieg aus der wachsenden Distanz heraus zum harten Männerabenteuer, sprich: Actionfilm stilisierten, in denen jeweils eine kleinere oder größere Anzahl arrivierter Stars Heldentaten vollbringen, die maßgeblich zum Sieg über die Achsenmächte beitrugen. „Tobruk“, inszeniert von dem in Sachen kinetisches Kino eher wenig beschlagenen Kanadier Arthur Hiller, machte seine Sache dabei ordentlich, wenn er auch an die mitunter noch aufwändigeren und fabulierfreudigeren Konkurrenzproduktion seiner Ära nicht ganz heranreicht. Die eher unfreiwillig zur Kooperation gezwungene Triangel aus den von Peppard, Hudson und Green interpretierten Figuren verleiht der Geschichte dabei ihren spezifischen Reiz: Colonel Harker ist ein Engländer und Empire-Verfechter par excellence, der einerseits Craigs ihm oftmals allzu weinerlich erscheinenden Einwände gegen die eine oder andere militärische Entscheidung zerredet und andererseits Bergmans unverhohlen geäußerten Zionismus mit gepflegt-britischem, aber unverhohlen antisemitischen Understatement quittiert. Craig würde am liebsten jedem Kriegsschauplatz der Welt den Rücken kehren, erweist sich aber immer wieder als unerlässlicher Planer und Stratege des Unternehmens, etwa, wenn er gezielt ein unumfahrbares Minenfeld außer Kraft setzt, und Bergman, der über den Krieg hinaus bereits die nahende Staatsgründung Israels im Visier hat, steht für ein neues, jüdisches Selbstbewusstsein gepaart mit einer harten Faust gegen die Deutschen. Trotz oder gerade wegen ihrer immer wieder auftretenden, wechselseitigen Ressentiments bilden die drei Männer eine funktionale Einheit, die dann auch den etwas romantisch verklärten Pyrrhussieg am Ende gewährleisten können. Der knarzige Royal-Navy-Veteran Jack Watson als Sergeant Major Tyne, ein von mir immer wieder gern gesehenes Filmgesicht, sollte nicht unerwähnt bleiben, wenngleich seine finale Todesszene der entsprechenden in „The Wild Geese“ natürlich nicht das Wasser reichen kann.
Dass große Teile der Wüstenszenen im amerikanischen Westen gedreht wurden, sieht man selbigen auch als Gebietsunkundiger an, was dem Film in seiner Gesamtheit jedoch nicht weiter schadet. Die im Showdown als Höhepunkt gezeigte Schlacht um das Treibstoffreservoir an der libyschen Küste bedient sich dann noch ein wenig bei der Pointe von „The Guns Of Navarone“, macht aber dennoch das Allermeiste richtig im Sinne an humanen Verlusten reicher Kriegsfilmaktion.

7/10

DUNKIRK

„Seeing home doesn’t help us get there.“

Dunkirk ~ UK/USA/NL/F 2017
Directed By: Christopher Nolan

Dünkirchen, Ende Mai 1940. Rund 370.000 britische und französische Soldaten sitzen in der französischen Hafenstadt fest, hoffnungslos eingekesselt von der deutschen Wehrmacht. Als einziger Fluchtweg bleibt nurmehr der Weg über den Ärmelkanal, der hier die englische Küste über rund vierzig Luftkilometer vom europäischen Festland trennt. Während die Männer am Strand ausharren und um ihr Leben bangen, initiiert die britische Kommandatur ihre Evakuierung, die „Operation Dynamo“. Dabei soll vor allem die Zivilbevölkerung behilflich sein, die die Soldaten mit allen möglichen Wasserfahrzeugen an die Küste von Dover überzusetzen angehalten ist. Während der junge Gefreite Tommy (Fionn Whitehead) sich durch die Wirren am Strand von Dünkirchen schlägt und dabei gleich mehrere Fluchtfehlversuche erlebt, setzt der Zivilist Dawson (Mark Rylance) gemeinsam mit seinem Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund George (Barry Keoghan) mit einer kleinen Yacht über. Unterwegs nehmen sie einen havarierten, schwer traumatisierten Soldaten (Cillian Murphy) an Bord, der gar nicht mit der Fahrtrichtung einverstanden ist. Der RAF-Pilot Farrier (Tom Hardy) unterstützt derweil mit seiner Spitfire die Evakuierungsoperation aus der Luft heraus.

Die Schlacht um Dünkirchen und die anschließende Massenevakuierung, die sich auf wundersame Weise deutlich erfolgreicher gestaltete als zunächst abzusehen war, kommentierte Winston Churchill in seiner berühmten Kampfesrede „We shall fight on the beaches“ vom 4. Juni 1940 mit den Worten „Wars are not won by evacuations„, was den faktisch erzwungenen Rückzug der Briten in einem eher zweifelhaften Licht dastehen ließ. Dabei wäre den Männern als Alternative nur der Tod geblieben – bis heute sind sich Kriegshistoriker uneins darüber, warum Hitler nicht den Befehl zum Losschlagen seiner geschlossen aufgebotenen Panzer gegeben hat, gegen die die feindlichen Armeen keine Chance gehabt hätten. Dünkirchen hat dem Zweiten Weltkrieg insofern einen seiner entscheidenden Wendepunkte versetzt, indem es die Kampfesmoral vor allem der Briten trotz des militärstrategisch als Fehlschlag zu betrachtenden Ausganges der Schlacht gewissermaßen revitalisierte.
Christopher Nolan, most beloved darling der allermeisten selbsternannten Cineasten mit Überhangsliebe zum Gegenwartskino, machte daraus das Thema seines jüngsten Films, des mittlerweile zehnten von ihm geschriebenen und inszenierten, und schon jetzt ist der Beifall seiner umfangreichen Fangemeinde wieder inkommensurabel. Nüchtern betrachtet zeigt „Dunkirk“ allerdings primär aufs Neue die grenzenlose Affektiertheit und Selbstverliebtheit seines Vordenkers. Selbstverständlich ist Nolan ein beachtenswerter Regisseur, daran besteht wohl kein Zweifel. Andererseits scheint es mir, als wolle er gleichfalls diffuse Erwartungshaltungen erfüllen, von denen er die meisten wahrscheinlich selbst an sich richtet. Warum sollte er auch sonst mit zig verschiedenen Kameras und Formaten arbeiten und seinem Film je nach Art der Vorführung eine spezielle Betrachtungs-Exklusivität verleihen? IMAX, 70mm, Röhrenkiste, ja was denn nun? Hans Zimmer wird plötzlich hochgejubelt, weil er noch was Anderes kann als flötige Ethnoklänge und instrumentalen Hurrapatriotismus – sowas schafft derzeit außer Quentin Tarantino, dem man ja ebenfalls unentwegt alles abkauft, was er liefert wohl nur Christopher Nolan. Ein frahwürdiges Phänomen. Und natürlich wäre eine strunzgewöhnliche, straighte Narration gleichfalls viel zu gewöhnlich gewesen. Nein, drei Geschichten, drei Chronologien, drei Perspektiven müssen es sein, mehr oder weniger sinnstiftend gegeneinandermontiert, auf jeden Fall aber ungewöhnlich und extrapoliert. Demnächst dann vielleicht komplett auf links gedreht? Ach nee, das hatten wir ja schonmal. Nolan ist gewiss nicht der erste, der danach trachtet, aus Krieg Kunst zu machen, aber bei ihm wirkt das dann doch deutlich gefälliger und anbiedernder als üblich. Wenn es darum geht, aufrichtig Intimität und Empathie beim Zuschauer zu erzeugen, versagt Hundenschnauze Christopher jedoch. Man schaut seinem Film in etwa so zu, wie das Kleinkind der laterna magica, kurzfristig affiziert aber ohne besonderen Nachhall.
Selbstverständlich überwiegen bei „Dunkirk“ aller Kritik zum Trotze die positiven Aspekte. Der gesamte Aufzug des Films ist gewaltig, laut und höchst perfektionistisch. Er sieht phantastisch aus und klingt auch so, ein paar britische Erster-Klasse-Akteure (darunter zwei Nolan-Standards) gibt’s quasi gratis obendrauf. Er bemüht mancherlei Erzählfaktoren des klassischen Kriegsfilms, was man ihm gut und gern als gelungene Hommage auslegen darf. Nur ein Meisterwerk, das ist er eben nicht.

7/10

OPERATION DAYBREAK

„If it was peacetime, suddenly, now…what would you do?“

Operation Daybreak (Das Sonderkommando) ~ USA/CZE/YUG 1975
Directed By: Lewis Gilbert

Im Frühjahr 1942 werden einige tschechische Widerstandskämpfer, darunter die Freunde Jan Kubiš (Timothy Bottoms) und Jozef Gabčík (Anthony Andrews), für einen höchst brisanten Auftrag rekrutiert: Den Anschlag auf den SS-Obergruppenführer und Reichsprotektor Reinhard Heydrich (Anton Diffring). Die schwierige Einschleusung in das von den Nazis kontrollierte Gebiet funktioniert noch fast reibungslos, anders sieht es mit der erfolgreichen Durchführung des Attentats aus. Nach mehreren Fehlversuchen gelingt die Aktion doch noch. Die nachfolgenden Vergeltungsmaßnahmen der SS sind grausam.

Der Anschlag auf Reinhard Heydrich, der als einer der eminentesten Stellvertreter sowie als möglicher Nachfolger Hitlers galt und gilt, war der einzige gelungene auf ein hochrangiges Mitglied der Führerclique. Allerdings zeigte Heydrichs Liquidierung zugleich auch auf, warum ein Attentat auf repräsentative Nazis zugleich ein zweischneidiges Schwert bedeutete: Der Ermordung eines einzelnen Mannes folgten als Rachemaßnahmen viele Hunderte, die die Gegenseite binnen weniger Tage durchführen ließ, unter anderem wurden zwei böhmische Dörfer, Lidice und Ležáky, nahezu völlig entvölkert und etliche weitere Menschen in KZs deportiert. Sämtliche der am Anschlag beteiligten Widerstandskämpfer wurden in ihrem Versteck, derKrypta einer Kirche, entdeckt, eingekesselt und trotz tapferster Gegenwehr schließlich zum Selbstmord gezwungen.
Die dramatische Aufbereitung jener schicksalhaften Tage im Mai 42 zeigt eindrucksvoll, dass der aus London stammende Regisseur Lewis Gilbert zu Unrecht vorrangig seiner drei Bond-Filme wegen erinnert wird. Die auf einem der Tatsachenromane von Alan Burgess basierende Adaption hält den Ball besonders im Vergleich zu diesen und auch für einen Kriegsfilm relativ flach und konzentriert sich mindestens ebenso sehr auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Widerständler untereinander und ihre Werdegänge während der heißen Phase des Anschlags wie die aktionsreicheren Sequenzen.
Der wie immer sehr melancholisch wirkende Timothy Bottoms spielt einen der drei für Heydrichs Tod hauptverantwortlichen Partisanen, Anthony Andrews und Martin Shaw als Karel Čurda seine Partner. Čurda wird dabei im Laufe der Ereignisse zum Verräter, der der nach den Attentätern suchenden SS schließlich deren Verstecke preisgibt. Der Film beschönigt Čurdas Handeln, indem er ihn zum Opfer der Verhörmethoden verklärt; sein historisches Vorbild hat sich von der Gestapo kaufen lassen und wurde nach dem Krieg wegen Landesverrats hingerichtet.
Beim schließlich in der ortodoxen St.-Cyrill-und-Method-Kirche angesiedelten, ausführlich ausgespielten Showdown lässt Gilbert dann doch noch die Sau raus und erweist sich wiederum als der vortreffliche Actionregisseur, als den man ihn kennt.

8/10

DIE WANNSEEKONFERENZ / CONSPIRACY

„Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ / „Politics is a nasty game.“

Die Wannseekonferenz ~ BRD 1984
Directed By: Heinz Schirk
Conspiracy (Die Wannseekonferenz) ~ UK/USA 2001
Directed By: Frank Pierson

Entgegen meiner üblichen Gewohnheiten der Filmtagebuchpflege gibt es hier ausnahmsweise einmal eine Gegenüberstellung, da eine solche sich nicht nur des identischen historischen Sujets der beiden betrachteten Filme, sondern auch ihrer evidenten Gemeinsamkeiten und Differenzen wegen mehr als anbietet.

Am winterlichen Vormittag des 20. Januar 1942 empfängt SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (Dietrich Mattausch/Kenneth Brannagh), von Reichsmarschall Hermann Göring bereits ein halbes Jahr zuvor mit dem Anliegen der „Endlösung der Judenfrage“ betraut, fünfzehn hochrangige Sekretäre und Beamte aus dem Dunstkreis von Regierung, Polizei und Militär zu einer streng geheimen Konferenz in einer Villa am Berliner Wannsee. Heydrich trifft vor Ort als Letzter ein und schreitet zur Darreichung von Häppchen und Alkoholika unmittelbar zur Tagesordnung, sein derzeitiges Hauptaufgabengebiet betreffend. Es soll darum gehen, den von dem ebenfalls anwesenden Obersturmbannführer Adolf Eichmann (Georg Bröckmann/Stanley Tucci) minutiös ausgearbeiteten Plan zur totalen Vernichtung zunächst der europäischen Juden den Beisitzern nicht nur vorzustellen, sondern sich, gegebenfalls auch unter Befleißigung notwendiger Druckmittel, deren Kenntnis und Einverständnis hinsichtlich jener Planung einzuholen. Während die Einsatzgruppen der SS in den eroberten Gebieten im Osten bereits den hundertausendfachen Massenmord praktizieren, sollen die Konzentrationslager in Deutschland und dessen Anrainergebieten, allen voran Auschwitz-Birkenau, mit der Installation hochproduktiver Gaskammern und Verbrennungsöfen dafür sorgen, auch die noch in West-, Süd- und Mitteleuropa beheimateten jüdischen Familien möglichst rasch zu dezimieren. Zudem werden das Deportationssystem („Evakuierung“, wie Heydrich die geplante Verschleppung nennt) und die dazu gehörige Infrastruktur erörtert. Auch darum, ob „Halb-“ oder „Vierteljuden“ möglicherweise ein Überlebensanrecht hätten, geht es in der Sitzung, ebenso um mögliche Ausrottungsalternativen wie Zwangssterilisation. Nach knapp neunzig Minuten ist die Konferenz beendet. Sämtliche Anwesende stimmen Heydrichs und Eichmanns Eröffnungen zu.

Von der Wannseekonferenz, der ersten von insgesamt drei Sitzungen des Jahres 1942, die sich mit der systematischen Judenvernichtung befassten und die jeweils unter dem Siegel „Geheime Reichssache“ abgehalten wurden, blieb lediglich eine einzige Protokollabschrift erhalten und zwar jene, die sich im Besitz des Unterstaatssekretärs Martin Luther befand. Nachdem dieser an einem Putschversuch gegen Ribbentrop beteiligt gewesen war und inhaftiert wurde, lagerte man die in seinem Büro befindlichen Akten aus – darunter versehentlich auch die Protokollkopie, deren Echtheitsgrad Holocaustleugner bis heute nur allzu gern anzweifeln und als Argumentationsgrundlage heranziehen.
Diese die ungeheuerliche Systematik des Genozids ins Spiel bringende Konferenz wurde also im Abstand von 17 Jahren zweimal zum Sujet eines Fernsehfilms gemacht – 1984 von Heinz Schirk im Rahmen eines deutschen Fernsehspiels vom Bayrischen Rundfunk und 2001 als wesentlich stilisierterer und gewiss auch teurerer TV-Film von HBO.
Um es gleich vorwegzunehmen, ist Schirks Version der Ereignisse die etwas gelungenere, was nicht zuletzt auf die naturgemäß authentischere Verwendung von Sprache und Habitus zurückzuführen ist. Schon die Filmgeschichte lehrt uns unmissverständlich, dass die wirklichkeitsgetreuesten Nazis oder zumindest das, was man sich als Spätgeborener landläufig darunter vorstellt, stets von deutschen Darstellern interpretiert wurden und werden. Zudem steht Schirk ein famoses Ensemble zur Seite – neben dem seine Herrenmenschenautorität so bedrohlich wie unübertrieben ausspielenden Mattausch als Heydrich und Böckmann als eher duckmäuserigen Bürokraten Eichmann bietet er die ansonsten eher fröhlich stimmenden Gesichter von Jochen Busse, Robert Atzorn oder Harald Dietl auf, ebenso wie die eher als Synchronsprecher bekannten Friedrich Georg Beckhaus, Reinhard Glemnitz, Franz Rudnick und Hans-Werner Bussinger. Dieses Ensemble eignet sich, wie sich zeigt, bestens um die „Banalität des Bösen“ zu illustrieren. Gesetzte Herren um die 40 bis 50 in brauner Uniform und grauem Zwirn, gut gelaunt und durstig, dabei kriecherische Diktatsfunktionäre und ideologisch pervertiert bis unter die Hutkrempe, sitzen sie beisammen, machen flaue Herrenwitze, lachen und reiben ihre Hierarchiegeweihe aneinander, während sie wie beiläufig den Planmord an Millionen von Menschen organisieren.
Frank Piersons Herangehensweise ist erwartungsgemäß eine andere. In blaugrauen, monochromen Tönen steht „seine“ Wannseevilla in dichtem Schnee und lassen die – natürlich nicht minder qualifizierten – Darsteller, allen voran Tucci und Brannagh, keinen Zweifel daran, dass die von ihnen interpretierten Männer mehr Monster denn Menschen waren, eiskalte, machtbesessene Monster, deren Aufgabe während der Konferenz weniger Präsentation und Überzeugungsarbeit denn bloße Einschüchterung sind: wer nicht mitspielt, wird rasch und sauber abserviert. Daran lässt inbesondere Brannaghs Heydrich, ein Nazi, wie Hollywood ihn sich auszumalen pflegt, geschniegelt und diabolisch bis ins Mark (und damit doch sehr anders als sein weitaus weniger theatralischer Vorgänger Dietrich Mattausch), keinen Zweifel.
Was das Potenzial ihrer erschreckenden Konsequenz anbelangt, nehmen sich beide Filme wenig. Sie beide sind, infolge ihres Topos gewissermaßen ohnehin dazu verpflichtet, immens konzentriert in punkto Raum- und Zeitgestaltung, haben in diesem Zusammenhang etwas von verfilmtem Theater, verzichten auf Konservenmusik und sind doch sehr unterschiedlich gestaltet. Und hätte man bei Piersons Version nicht stetig das sich unwillkürlich hinterrücks anschleichende Gefühl, Zeuge einer Versammlung von Bond-Bösewichten zu sein, könnte man diese sogar fast so schätzen wie die von Schirk. Ihren unbestreitbaren didaktischen Wert haben sie jedenfalls beide.

8/10 // 7/10