HOUSE OF GUCCI

„Quality is remembered long after price is forgotten.“

House Of Gucci ~ USA/CA 2021
Directed By: Ridley Scott

Mailand 1978: Auf einer Party lernt die dem gehobenen Arbeitermilieu entstammende Patrizia Reggiani (Lady Gaga) Maurizio Gucci (Adam Driver) kennen, den Jura studierenden Sohn des zur Hälfte an der berühmten Modemarke anteilhabenden Witwers Rodolfo Gucci (Jeremy Irons). Gegen den Willen seines Vaters heiratet Maurizio die Emporkömmlingin, die sich ihren Weg in die familiäre Schaltzentrale über Maurizios Onkel Aldo (Al Pacino) fräst, dessen eigener Sohn Paolo (Jared Leto) so ganz und gar nicht Aldos Vorstellungen eines fähigen Unternehmenserben entspricht. Patrizia beginnt, nach und nach ihre neue Machtposition auszuspielen und treibt schwere Keile in den familiären Zusammenhalt. Als sich Maurizio von Patrizia scheiden lässt, greift diese zu radikaler Gegenwehr…

Nachdem er sich mit „All The Money In The World“ bereits einer anderen sich aufreibenden Hochfinanz-Dynastie gewidmet hatte, nimmt Ridley Scott sich in „House Of Gucci“ der Geschichte um den Mord an Maurizio Gucci an, der am 27. März 1995 von einem zunächst unbekannten Attentäter erschossen wurde. Den daraus resultierenden, aus mehrerlei Gründen schönen „House Of Gucci“, inszeniert Scott mit leichter Hand und schwerer Ironie. Seine vier männlichen Guccis Maurizio und Rodolfo, vor allem aber Paolo und Aldo, gerieren sich als exzentrische Paradiesvögel zwischen pseudoaristokratischem Hochmut und exaltierter Pose, die das dazugehörige Darstellerquartett mittels hinreißenden Overactings darbietet. Als hätte man sich ganz bewusst abgesprochen, versuchen sich insbesondere Pacino und Leto unter ihrem irren Makeup in campiger Larmoyanz gegenseitig zu überflügeln, ein Duell, das der ungebrochen formidable New-Hollywood-Veteran freilich souverän für sich entscheidet. Die wahre interpretatorische Offenbarung ist jedoch Lady Gaga, die ich erstmals in dieser Position wahrnehmen durfte. Für die ungebildete, etwas bauernschlaue, aber über die Maßen selbstbewusste Intrigantin dürfte sie sich ein Beispiel an Joan Collins‘ legendärer „Dynasty“-Rolle der Alexis Carrington genommen haben, bekanntermaßen einer bedarfsweise zur Furie werdenden Hexe. Zwischen Leidenschaft und Boshaftigkeit oszillierend macht sie insbesondere dem beeinflussbaren Maurizio mittelbar das Leben schwer, indem sie ihn als ihr heimliches Machtinstrument missbraucht. Die überfällige Quittung lässt sie sich im Gegenzug allerdings nicht gefallen.
„House Of Gucci“ erinnert mich geradezu frappierend an die Schlag auf Schlag entstandenen, etwas in Vergessenheit geratenen, obschon starbesetzten Familienepen der Spätsiebziger wie Thompsons „The Greek Tycoon“, Youngs „Bloodline“ oder Richerts „Winter Kills“, die sich allesamt nicht scheuten, die alte Weise von sich selbst korrumpierender, intrafamiliärer Dekadenz in adäquat luxuriöse Breitbilder zu kleiden und dabei Storys zu erzählen, die sich dramaturgisch betrachtet zwar auf dem deterministischen Niveau eines Groschenromans bewegten, sich den Lebensrealitäten ihrer mal mehr, mal weniger heimlichen Vorbilder jedoch stets auf Haaresbreite annäherten. Exakt deren voluminösen Gestus greift Scott ganz unverhohlen wieder auf und schüttelt damit wie beiläufig großes Kino aus dem Ärmel. Analog zu seinen mitunter stoffeligen Ahnherren nimmt sich jedoch auch „House Of Gucci“ nicht ganz perfekt aus. Lässlicher- und mir unverständlicherweise hapert es an Details: Das Script missachtet etwa die authentische Chronologie (Reggiani und Gucci hatten sich bereits sechs Jahre zuvor verheiratet und waren nach New York gegangen) und die ansonsten durchaus gelungene Auswahl der Musikstücke purzelt ebenfalls schwer durcheinander. So löst etwa „Paid In Full“ von Eric B. & Rakim New Orders „Blue Monday“ als Hintergrundmusik ab bei einer 1983 stattfindenen Versace-Modenschau. Derlei Beispiele gibt es noch einige mehr, wobei etliche davon mir gewiss (noch) gar nicht aufgefallen sind. Andererseits ist Scott kein Scorsese und entbehrt auch dessen perfektionistische Detailvesessenheit, was auch gut so ist. Ja, „House Of Gucci“ bietet kaum verhohlenen, lustvollen Camp und ich finde es erfreulich, dass es das anno 2021 noch gibt.

8/10

ROB ROY

„Honor is a man’s gift to himself.“

Rob Roy ~ UK/USA 1995
Directed By: Michael Caton-Jones

Schottland, 1713. Während das altehrwürdige Clansystem allmählich zerfällt, spielt der als Rob Roy bekannte Hochland-Patriarch Robert Roy MacGregor (Liam Neeson) den Privatpolizisten für den Edelmann Marquess of Montrose (John Hurt). Nachdem er eiune gestohlene Rinderherde zurückbringen kann, erbittet MacGregor einen stolzen Kredit beim Marquess, um sich selbst einen Viehbestand zulegen und diesen hinterher wieder gewinnbringend veräußern zu können. Doch Montroses gieriger Verwalter Killearn (Brian Cox) und die exzentrische Hofschranze Archibald Cunningham (Tim Roth) durchkreuzen MacGregors Pläne, töten den Geldboten (Eric Stoltz) und kassieren die geliehene Summe selbst. Der über den Verlust ungehaltene Marquess nötigt MacGregor, den Herzog von Argyll (Andrew Keir) als Jakobiten zu verleumden, was dieser jedoch ablehnt und sich somit Montrose zum Intimfeind macht. MacGregor flüchtet in die Berge, derweil Cunningham dessen Frau Mary (Jessica Lange) vergewaltigt und seinen Besitz niederbrennt. Später kommt noch MacGregors aufsässiger, jüngerer Bruder (Brian McCardie) zu Tode. Erst die Intervenierung des Herzogs sorgt für MacGregors Freispruch und gibt ihm die Chance zur Rache an Cunningham.

Im unabdingbaren Vergleich mit Mel Gibsons oscarprämiertem, im selben Jahr entstandenem Mittelalter-Epos „Braveheart“ erwies sich die Publikumsaufmerksamkeit um die gut 4 Jahrhunderte später angesiedelte, ebenso prominent besetzte Mär um einen weiteren schottischen Geschichtshelden und Aufständischen als eher instabil. Tatsächlich geht Caton-Jones wesentlich weniger grell und flamboyant zu Werke; die von Gibson präservierte, in vielerlei Hinsicht mediävistische Heldenverehrung seines in Schlachtfeldblut watenden Titelhelden William Wallace weicht einem eher traditionell erzählten Abenteuerstoff, der in ähnlicher Auprägung auch zwanzig oder dreißig Jahre früher seinen Weg auf die Leinwand hätte finden mögen. Das Konzept „Musketen statt Breitschwertern“ geht in diesem Zusammenhang nur bedingt auf: mit Ausnahme des von Tim Roth vorzüglich-überkandidelt gespielten Adelsgünstlings und Bösewichts Cunningham, der mit seiner sadistischen, fiesen Charakteristik im Grundsatz ebenso vortrefflich in das Figurenensemble von „Braveheart“ gepasst hätte, bewegt sich alles in einem wohlbewährten Rahmen, der im Irgendwo zwischen cleaner Highland-Romantik und Robin-Hood-Varianz changiert. Freilich geriert das finale Klingenduell der beiden Antagonisten nicht von ungefähr zur unangefochtenen Klimax. Neeson war in dieser Karrierephase beinahe schon darauf abonniert, markige historische Persönlichkeiten dazubieten, seien es Oskar Schindler, Michael Collins oder Jean Valjean. Entsprechend routiniert fällt auch seine vorliegende Leistung aus, die im Großen und Ganzen ironischerweise als farbloseste von den für „Rob Roy“ wesentlichen bezeichnet werden kann. Carter Burwells Dudelsäcke dröhnen sich derweil mit Volldampf durch die knapp 140 zumindest bildgewaltigen Minuten, die alles in allem jedoch den kraftvollen Narzissmus sowie das brachial-verkitschte Selbstverständnis eines entfesselten Mel Gibson ermangeln.

7/10

CAPTAIN FROM CASTILE

„God’s love is a heavy burden.“

Captain From Castile (Der Hauptmann von Kastilien) ~ USA 1947
Directed By: Henry King

Kastilien im Jahre 1518. Der Edelmann Pedro De Vargas (Tyrone Power) gerät in einen Konflikt mit seinem Nachbarn Diego De Silva (John Sutton), einem ruchlosen Emporkömmling. Um einem Duell aus dem Wege zu gehen, nutzt De Silva seine Verbindungen zur Inquisition und lässt Pedros gesamte Familie wegen Ketzerei einkerkern. Seine kleine Schwester Mercedes (Dolly Arriaga) stirbt den Foltertod und er selbst schwört blutige Rache. Mithilfe eines neuen Freundes, des Schurken Juan Garcia (Lee J. Cobb) können Pedro und seine Eltern (Antonio Morena, Virginia Brissac) dem Gefängnis entfliehen. Pedro, Juan und das arme Waisenmädchen Catana (Jean Peters) gelingt es, sich nach Kuba abzusetzen, wo sie sich dem Eroberer Hernán Cortés (Cesar Romero) anschließen, der just einen Eroberungszug in Mexiko plant. Nur sehr zögerlich gewinnt Pedro das Vertrauen Cortés‘, das auf eine neuerlich harte Probe gestellt wird, als der totgeglaubte De Silva in Mexiko auftaucht, um auch dort die Santa Hermandad voranzutreiben…

Dieses ausufernde, kostbare Epos, eine der vielen Kollaborationen des dream team King/Power für die Fox, zählt zugleich zu den schönsten Arbeiten des Regisseur-Hauptdarsteller-Gespanns. Unter Befleißigung crispen Technicolors und überlanger Fabulierkunst erzählt „Captain From Castile“ die erste Hälfte des gleichnamigen Erfolgsromans von Samuel Shellabarger nach, das den Eroberungszug des Konquistadoren Cortés gegen den Aztekenkönig Moctezuma aus der Sicht eines unfreiwilligen religiösen Flüchtlings schildert. In der seinen Filmen nicht selten üblichen Mischung aus wildromantischem Abenteuer und pathetischem Schicksalsbericht entwirft King ein erlesen photographiertes, glänzend ausgestattetes Imperialismuspanorama, das einerseits gegen die Willkür der Inquisition wettert und auf der anderen Seite den Eroberungsdurst der Conquista romantisiert. Cesar Romero spielt den goldgierigen Cortés als breit grinsenden, flamboyanten Abenteurerburschen, dessen unbeugsamer Siegeswille auf dem Terrain der Neuen Welt, so in etwa die Metathese, langfristig mit dazu führte, dass Kings Film runde vierhundert Jahre später überhaupt entstehen konnte. Power als Protagonist und strahlender Titelheld trägt das Ganze souverän über die volle Erzähldistanz, doch erst schillernde Nebencharaktere wie der von Cobb glänzend dargebotene Garcia, der eherne Padre Romero (Thomas Gomez) oder der bucklige Glücksritter Professor Botello (Alan Mowbray) reichern den Film um seinen wahren Charme an.
Ein Bravourstück alter Schule, das den verblassten Glanz goldener Hollywoodtage auf das Formidabelste präserviert.

9/10

THE MAURITANIAN

„Either wear the Jersey or get off the field.“

The Mauritanian (Der Mauretanier) ~ UK/USA 2021
Directed By: Kevin Macdonald

Nach den 9/11-Anschlägen fordert der von Bush Jr. und Rumsfeld deklarierte Krieg gegen den Terror Angeklagte, Schuldige und notfalls auch Sündenböcke. Als einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Katastrophe wird der Mauretanier Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) im November 2001 in seiner Heimat festgenommen und in das Militärgefängnis Guantánamo verschleppt. Etwas über drei Jahre später wird die Staranwältin und Menschenrechtsaktivistin Nancy Hollander (Jodie Foster) auf Slahis Fall aufmerksam und reist nach Kuba, um sich seines Zustandes zu versichern und Slahi anzubieten, ihn vor Gericht zu vertreten. Parallel dazu wird der eherne Marine Stuart Couch (Benedict Cumberbatch) mit Slahis formeller Anklage betraut und sieht seine Aufgabe zunächst voller Elan entgegen. Doch sowohl Hollander als auch Couch erhalten keine Einsicht in die offiziellen Verhörprotokolle Slahis, der zu diesem Zeitpunkt längst ein Geständnis bezüglich seiner Mitwirkung bei den Anschlägen unterschrieben hat. Verteidigerin und Ankläger stoßen gleichermaßen auf eine Mauer des Schweigens und der Geheimhaltung; Zensur, geschwärzte Berichte und fehlende Freigaben erschweren ihre Vorbereitung auf den Fall immens. Schließlich erfahrend beide den Grund: Slahis Geständnis wurde durch gezielte Folter und Bedrohung erzwungen, eine offizielle Begründung für seine Inhaftierung gab es nie. Im Frühjahr 2010 wird Slahi in erster Instanz freigesprochen, doh es dauert noch sechs weitere Jahre, bis er aus der Gefangenschaft entlassen wird.

Kevin Macdonalds sechster Spielfilm nach einer immerhin siebenjährigen Pause basiert auf Mohamedou Ould Slahis niedergeschriebenen Memoiren „Guantánamo Diary“, die sich mit seiner rund vierzehn Jahre währenden Gefangenschaft auf dem kubanischen Marine-Stützpunkt befassen. Möglicherweise ist „The Mauritanian“ Macdonalds beste, fesselndste Arbeit bislang, seine Dokumentationen nicht berücksichtigend. Gewiss – ein Stoff wie dieser ist a priori von gewaltiger Prestigeträchtigtkeit und bereits rein prinzipiell ein Gewinner und Publikumsliebling. Umso wichtiger jedoch ist es andererseits, Klischees und überborderndes Pathos zu umschiffen und ein fiktionalisierte Version der Ereignisse auch langfristig valide dastehen zu lassen. Genau das gelingt Macdonald jedoch; „The Mauritanian“ besitzt zum einen alle wichtigen Charakteristika eines guten Politthrillers und macht die Geschichte Slahis als Repräsentation für die in Guantánamo unter der Protegierung der US-Regierung, der CIA und des Militärs durchgeführten Praktiken umso ergreifender. Macdonald offenbart sich hier als legitimer Erbe großer Ahnherren wie Constantin Costa-Gavras, Alan J. Pakula oder Oliver Stone und deren entsprechenden Werken, die es allesamt zu ihrer Zeit vortrefflich verstanden, im Namen angeblich freiheitlich konnotierter Staatsräson ungeheuerliche Vorgänge in Form fesselnder Spielfilme aufleben zu lassen. Der dräuenden Frage danach, ob ein dramaturgisch aufbereiteter, kommerzorientierter und mit Stars aufbereiteter Abriss in jener medialen Form, der sich ferner stets von der unter Umständen tendenziösen Signatur seiner AutorInnen gebeugt wähnen muss, überhaupt einen sittlichen oder gar moralischen Wert bekleidet, muss sich ein jedes Kunstprodukt berechtigterweise immer wieder aufs Neue stellen. Andererseits darf der didaktische Impact all jener oftmals hervorragenden Filme nicht unterschätzt werden, sind sie doch stets dazu angetan, Geschichts- und Nachrichten- und Informationsmuffel wenngleich auf unterhaltsame Weise mit der Nase voran auf Sujets zu stoßen, die sie andernfalls möglicherweise nie erreicht hätten und sei es auch nur, um ein vages Interesse anzustoßen, das gegebenenfalls in weitere, intensive Beschäftigung mündet. „The Mauritanian“, der am Ende seinen authentischen Titelhelden zeigt, frohgemut, lachend, gelöst und bar allen doch so verständlichen Verdrusses, gehört genau in diese Phalanx. Wenn es sein Glaube ist, der diesen um etliche Jahre seines Lebens betrogenen Mann so ungebrochen zuversichtlich erscheinen lässt, dann, in schā‘ Allāh, kann nicht alles daran falsch sein. Und aufrichtige, pointierte Kritik an der fetten, alten Sau Amerika und ihren Tausenden von Ferkeln ist ja schon im Grundsatz eh immer zu begrüßen.

9/10

THE MASTER OF BALLANTREA

„We need money! It’s blood for our veins! It’s air for the lungs of us!“

The Master Of Ballantrea (Der Freibeuter) ~ USA 1953
Directed By: William Keighley

Schottland, 1745. Im Zuge des Jakobitenaufstands gegen den englischen König Georg II schließt sich der adlige Haudegen und Lebemann Jamie Durie (Errol Flynn) den Dissidenten an. Nach der Niederschlag der Rebellion bei der Schlacht von Culloden müssen Jamie und ein neugewonnener Freund, der Ire Francis Burke (Roger Livesey), vor den Rotröcken der Krone fliehen. Eine eifersüchtige Geliebte (Yvonne Furneaux) Jamies verrät die beiden jedoch und Jamie kommt beinahe zu Tode, im Fehlglauben, sein jüngerer Bruder Henry (Anthony Steel) wäre der Denunziant. Jamie und Francis gelingt die Seeflucht über den Atlantik, wo sie sich nahe der Karibik der Besatzung des Freibeuters Arnaud (Jacques Berthier) anschließen. Im Hafen von Tortuga erleichtert man gemeinsam den feisten Piratenkapitän Mendoza (Charles Goldner) um dessen stolze Galeone, doch Arnaud treibt ein doppeltes Spiel mit seinen neuen Gefährten. Es gelingt Jamie und Francis, Arnaud den Garaus zu machen und, nunmehr um reiche Beute beschwert, inkognito zurück nach Schottland zu reisen. Dort will Jamie mit seinem Bruder abrechnen und platzt vor Ort just in die Verlobungsfeier Henrys mit Jamies geliebter Cousine Lady Alison (Beartrice Campbell)…

Das Ende einer Ära: Der lose auf der gleichnamigen Abenteuergeschichte von Robert Louis Stevenson basierende „The Master Of Ballantrea“ ist zugleich der letzte Film von Flynns Hausregisseur William Keighley wie auch der letzte Film Flynns für Warner Bros., mit dem er aus einem über 18 Jahre währenden Exklusivkontrakt entlassen wurde. Der schöne Australier litt zu dieser Zeit bereits an einer ihn auch physisch zeichnenden Hepatitis und hatte allerlei Mühe, den von ihm wie eh und je geforderten Swashbuckler-Aktivposten zu bestreiten. So werden denn die meisten seiner Fechtduelle, Rennritte und Turnereien durch die Schiffswanten offensichtlich von Stuntmen übernommen, derweil ihm selbst immerhin noch die mit hochgezogenen Augenbrauen bestrittenenen Wortgefecht-Close-ups zwischen Liebeswohl und -wehe blieben. Roger Livesey als hero’s best buddy sorgt für die humorigen Dreingaben und ansonsten sind es erwartungsgemäß vor allem die in der Karibik spielenden Piratenszenen, die das zeitgenössische Technicolor voll zu Geltung bringen. Mit der ganz großen Flamboyanz von Flynns unsterblichen Abenteuerklassikern aus den dreißiger Jahren kann „The Master Of Ballantrea“ demzufolge nicht mehr ganz mithalten, dazu wirkt er dann doch allzu routiniert und im Angesicht der heraufdämmernden Scope- und VistaVision-Epen der kommenden Jahre auch allzu kleinmütig. Trotzdem bürgen auch in diesem Falle allein die aufgebotenen Namen noch für unabdingbare Qualität.

7/10

MOBSTERS

„This ain’t money, Tommy. This is friendship.“

Mobsters (Die wahren Bosse) ~ USA 1991
Directed By: Michael Karbelnikoff

New York in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Ihrer unterschiedlichen ethnischen Abstammung zum Trotz werden die vier Nachwuchsgangster Charlie Luciano (Christian Slater), Meyer Lansky (Patrick Dempsey), Benny Siegel (Richard Grieco) und Frank Costello (Costas Mandylor) eingeschworene Freunde und Partner. Protegiert von dem Alkoholschmuggler Arnold Rothstein (F. Murray Abraham) gelingt ihnen der Aufstieg zu ernstzunehmenden Konkurrenten der beiden alteingesessenen Mafiabosse Don Faranzano (Michael Gambon) und Don Masseria (Anthony Quinn), die sich zuvor stets bloß gegenseitig bekriegt haben und nun versuchen, Luciano jeweils für ihre Familie zu instrumentalisieren. Dass sie dabei jedoch alles andere als zimperlich vorgehen, wird den beiden Altpatriarchen bald zum blutigen Verhängnis.

Amerika und damit auch Hollywood lieben ihren historischen Gangster und mit ihm seinen ihn reichhaltig umspannenden Nimbus. Die entsprechende Figur bildet infolge dessen zugleich einen Archetypus des Films und avancierte seit dessen Anfängen zum steten Dauergast und damit elementarem Baustein des Kinos. Insbesondere die Ära der Prohibition und daran anschließend die der Großen Depression haben dabei die größten und dankbarsten Milieugrößen hervorgebracht, darunter die in „Mobsters“ ziemlich semiauthentisch porträtierten New Yorker Tommy-Gun-Legenden. Die erste von nur zwei Regiearbeiten von Michael Karbelnikoff bildet dabei einen eher halbherzigen Versuch der produzierenden Universal, sich ein Stückchen vom Kuchen der großen Doppel-Gangsterfilm-Saison 90/91 zu sichern. Allein 1991 wurden nebenbei gleich drei Filme produziert, in denen Benjamin „Bugsy“ Siegel eine mehr oder weniger elementare Rolle zukam, darunter der vorliegende.
Im Gegensatz zu den meisten überaus gelungenen und teilweise längst zu Klassikern avancierten Unterweltepen seiner Ära muss man „Mobsters“ allerdings bescheinigen, ziemlich krachend in die Binsen gegangen zu sein, wenn auch in nicht uninteressanter Weise. Das rund vierzehn Jahre (von 1917 bis 1931, dem Gründungsjahr der „Commission“, des Dachverbands der Cosa Nostra) währende, ebenso komplexe wie ereignisreiche golden age des Aufstiegs von Luciano, Costello, Lansky und Siegel quetscht der Film in ein hundertminütiges Erzählkorsett und kann damit freilich nur scheitern. Für die Interpretationen der vier tatsächlichen, mit Ausnahme vielleicht von Siegel physiognomisch tatsächlich allen Klischees entsprechenden Protagonisten, zog man ausgerechnet die bildhübschen Sonnyboys Slater, Dempsey, Grieco und Mandylor heran, damals alle Anfang bis Mitte 20 und gewiss bestens dazu angetan, als Brecher flatternder Mädchenherzen anzutreten, nicht aber unbedingt als verschlagene Könige dercorganisierten Kriminalität. Damit nicht genug, vergaloppiert sich der Film permanent in seinem unbeholfenen Bemühen, sich strukturell konsumierbar zu machen. Wichtige Momente finden sich als hilfloser Kurzabriss, redundanten Liebessequenzen wird im Gegenzug mindestens soviel Platz eingeräumt wie unabdingbaren Actionszenen. Im Grunde wirkt „Mobsters“ trotz keinesfalls weniger schöner Momente meist rein fragmentarisch, ein wenig, wie ein Trailer für einen wesentlich ausufernderen Film, den es am Ende nie gab, da das vorliegende Material nie zum einem konzisen Ganzen finden mag. Dennoch lässt sich sein so häufig im Verborgenen verharrendes Potenzial immer wieder erahnen, so etwa in Aspekten des sorgfältigen Produktionsdesigns und der fraglos vorhandenen Ambition, Zeitkolorit spürbar werden zu lassen. Selbst die Chemie zwischen den ihre Rollen sichtlich ernst nehmenden Slater und Dempsey stimmt soweit. Die erfahrenen Recken Abraham, Gambon und vor allem Quinn (der mit dem echten Frank Costello gut befreundet war) machen sich im Gegenzug jedoch einen Spaß daraus, ihre teils vor einfältigen Klischees nur so strotzenden Dialogzeilen durch vorsätzliches overacting noch mehr hochzujizzen, was dann wiederum alle Versuche in Richtung Ernsthaftigkeit gehörigst unterminiert.
Trotz alldem nehme ich „Mobsters“ nicht als Ärgernis war, sondern als durchaus spaßigen, wohlmeinenden, obschon rasant vor die Wand gesteuerten Versuch, dem arrivierten Genrefilm durch gezielte Modernisierung in Form und Dramaturgie etwas Juvenilität hinzuzusetzen. Dass die Kids dann allerdings eher zu Flottem wie „New Jack City“ oder „Bound By Honor“ tendierten, überrascht allerdings kaum.

6/10

THE BANK JOB

„This robbery’s pissed off some local villains.“

The Bank Job ~ UK/USA/AUS 2008
Directed By: Roger Donaldson

London, 1971. Der MI5 findet heraus, dass der militante, selbsternannte Londoner Black-Power-Führer Michael X (Peter De Jersey) kompromittierende Fotos eines Mitglieds des Königshauses besitzt und damit nach Belieben sämtliche staatlichen Autoritäten erpressen kann. Man findet heraus, dass jene Bilder in einem Tresorschließfach der Bank Lloyd’s lagern. Um ihrer auf inoffiziellem Wege habhaft zu werden, beschließt man, über komplizierte Wege ein paar Kleinganoven zu einem Einbruch anzustiften und die Fotos dann später zu sichern. Der „Bank Job“ geht über die kleinkriminelle Martine Love (Safron Burrows) an den hochverschuldeten Luxuswagenverkäufer Terry Leather (Jason Statham), der mit vier weiteren Beteiligten den Bruch plant und trotz einiger Faux-pas erfolgreich durchführt. Von den belastenden Aufnahmen ahnen Terry und seine Männer im Gegensatz zu Martine zunächst nichts, ebensowenig davon, dass sich neben Geld und Schmuck nunmehr noch ganz andere, höchst brisante Objekte in ihrem Besitz befinden…

Um den Baker Street Robbery am 11. September 1971, dessen Täter nie gefasst wurden und dessen Beute größenteils unentdeckt blieb, ranken sich, ähnlich wie um Jack The Ripper, einige bunte Verschwörungstheorien, die Mitglieder der allerhöchsten britischen Kreise beinhalten. Eine recht populäre davon behandelt dieser von Roger Donaldson, der sich im Falle seiner period pieces ja stets authentisch verwurzelter Sujets annimmt, wie üblich brillant inszenierte Heist-Thriller. Darin wird die – durchaus sympathische – Einbrecherclique von niemand Geringerem als dem Geheimdienst MI5, respektive dessen Aktivposten Tim Everett (Richard Lintern) auf das schmutzige Geschäft angesetzt, was die Beteiligten erst nach dem eigentlichen, auf verblüffende Weise gelungenen Bruch in die Bredouille versetzt. In den ausgeraubten Schließfächern befinden sich neben den heiklen X-Fotos, die Prinzessin Margaret beim flotten Dreier zeigen, nämlich unter anderem noch ein Notizbuch des Sohoer Pornokönigs Lew Vogel (David Suchet), in dem minutiös sämtliche seiner Schmierungen von Londoner Polizisten aufgeführt sind, sowie ein Fotographie-Portfolio der Puffmutter Sonia Bern (Sharon Maugham), das diverse Unter- und Oberhausmitglieder in ziemlich prekären Situationen dokumentiert. Mit seiner reichhaltigen Beute wird das Sextett zunächst also alles andere als glücklich; vor allem Vogel und einige seiner Mittelsleute bei der Polizei gehen alles andere als zimperlich vor, um ihren Besitz zurückzuerlangen.
Einige historische Fakten werden noch mitverwurstet, so die Flucht des zeitweiligen John-Lennon-Protegés Michael X nach Tobago, der, nachdem er die Freundin (Hattie Morahan) seines Adlatus Hakim Jamal (Colin Salmon) ermoden lässt aufgrund des Verdachts, sie sei eine Spionin (wiederum eine fiktionalisierte Facette des Filmscripts), gefasst und später in Port of Spain hingerichtet wurde. Was nun wahr ist und was Erfindung, scheint in Anbetracht des lustvoll ausgebreiteten Ränke-Tableaus, das „The Bank Job“ durchaus vortrefflich arrangiert, geradezu nebensächlich. Die Verwicklungen von Staatsräson, illegalen Aktionen, Unterwelt und Korruption, an deren losen Enden sich ausgerechnet die Einbrecherbande noch als die Unschuldigsten aller Beteiligten erweist, geben ein sehr schickes, oftmals bitterbös karikierendes Empire-Bild ab. Dass ein paar Details verbesserungswürdig bleiben, verleidet Donaldsons sechzehnter Regiearbeit allerdings das letzte i-Tüpfelchen: So sehen sowohl Statham mit seinem üblichen Dreitagebart als auch Safron Burrows kein bisschen aus wie zwei Londoner zu Beginn der siebziger Jahre, sondern wie zwei modelhafte Schauspieler von 2008, die in einem period piece auftreten. Ähnliches gilt für den Score (J. Peter Robinson), der, im Gegensatz zu den Songeinspielern, leider ebenfalls keierlei periodische Anbindung aufweist. Derlei Nachlässigkeiten führen leider dazu, dass man allenthalben aus der Illusion des Zeitkolorits herausgerissen wird, was in Anbetracht der sonstigen Qualitäten von „The Bank Job“ zwar verschmerzbar ist, aber dennoch unnötig gewesen wäre. Ich habe mich während des Films häufiger gefragt, wie wohl Guy Ritchie, für den der Stoff sich ja eigentlich geradezu prototypisch ausnimmt, das Ganze dirigiert hätte. No pun intended.
Sein übliches Happy End jedenfalls gönnt Donaldson entgegen allen Wahrscheinlichkeiten wiederum auch Terry Leather und seiner Familie. So schließt sich dann auch dieser Kreis.

8/10

THE WORLD’S FASTEST INDIAN

„Dirty old men need love too!“

The World’s Fastest Indian (Mit Herz und Hand) ~ NZ/USA/J 2005
Directed By: Roger Donaldson

Invercargill, Neuseeland, 1962. Burt Munro (Anthony Hopkins), ein recht betagter Herr, gilt zwar als etwas kauzig, ist mit seinem stets freundlichen Wesen jedoch bei jedermann in der kleinen Stadt beliebt. Sein ganzes Herz hängt an einem alten, 1920er Indian-Scout-Motorrad, an der er tagaus, tagein herumschraubt und das ein beachtliches Tempo erreicht. Burts größter Traum, die Spitzengeschwindigkeit seiner Maschine beim Bonneville Salt Flats in Utah zu testen, wird schließlich Wirklichkeit, als er dank einer Hypothek auf sein Häuschen, die finanziellen Mittel für den Trip beisammen hat. Eine billig ergatterte Schiffspassage bringt ihn und seine Indian Scout nach Kalifornien, ein günstig erstandener Gebrauchtwagen von dort aus beide nach Utah, wo Burt allen Vorbehalten zum Trotz nur den ersten von vielen noch folgenden Schnelligkeitsrekorden aufstellt.

Mit „The Worlds Fastest Indian“ stellte Roger Donaldson ein großes Herzensprojekt auf die Beine, an dem er zuvor bereits seit zwanzig Jahren gearbeitet hatte und dessen finale Produktion er schließlich in kompletter Eigeninitiative auf die Beine stellte. Nach diversen Filmen für die großen Hollywood-Studios bildet diese manifestierte Definition eines feel good movies ergo die persönlichste Arbeit des Regisseurs, dessen eigentlich so typisch unpassende deutsche Betitelung sich gewissermaßen als self fulfilling prophecy lesen lässt. Wie seine authentische Hauptfigur Burt Munro machte Donaldson damit vielleicht ein Stück unmöglich Gewähntes möglich. Das wunderbare Resultat, anders als seine teuren Auftragsarbeiten im weniger breiten 1,85:1-Format kadriert, erinnert ein wenig an die kontemplative Gelassenheit von David Lynchs „The Straight Story“ mit dem er manch basalen Zug teilt. Wie Alvin Straight ist auch Burt Munro ein innerlich ausgeglichener Mann, der trotz seiner hohen Jahre nicht allzu viel von der Welt außerhalb des alltäglichen Trotts gesehen hat, nunmehr jedoch seinen existenziellen Mikrokosmos aufbricht, um mit bescheidenen Mitteln ein weit entferntes Ziel zu erreichen. Natürlich kommt im vorliegenden Fall noch hinzu, dass dieses eine sportliche Herausforderung darstellt, die wiederum allerdings umso größer ist, als dass man sie ihrem Akteur aus Altersgründen nicht zutrauen mag. Doch wie jedes andere Problem beseitigt Burt Munro letzten Endes auch dieses durch sein gewinnendes Wesen – möglicherweise gerade bedingt durch seine Herkunft vom „Ende der Welt“ ist er ist das, was man einen Philanthropen nennen mag. Vorurteilsfrei beurteilt er die Menschen, die er trifft, nicht nach Ethnie, Sozialstatus oder sexueller Orientierung, sondern einzig nach ihrer Persönlichkeit. Diese simple Eigenschaft gewährt ihm allerorten Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit und macht ihn zum Gewinner der Herzen, wohin er auch kommt. Erwartbar, dass Burt Munro damit am Ende auch die private Herausforderung des speed record meistert.
Donaldson erzählt sein road movie mit einer rar gewordenen Gelassenheit, gibt jeder einzelnen, noch so aklimaktisch scheinenden Episode auf Burts Reise ausreichend Raum und hält im Herzen von „The World’s Fastest Indian“ für jeden einzelne seiner vielen Figuren ein Zimmer frei, ganz ohne sarkastische Brechungen. Vielleicht ist das alles dem einen oder anderen zu weichgespült, nicht hinreichend zynisch oder ermangelt eines gegenwärtig unerlässlichen, harten Realismus. Ich kann das nicht sagen. Mir und meinem Bauch hat dieser ziemlich wunderbare Film gut getan.

8/10

THIRTEEN DAYS

„They fire their missiles… and we fire ours.“

Thirteen Days ~ USA 2000
Directed By: Roger Donaldson

Am 16. Oktober 1962 erhält Präsident Kennedy (Bruce Greenwood) die Nachricht, dass ein U-2-Aufklärer zwei Tage zuvor Fotos von einem trapezförmigen Areal auf Kuba geschossen hat, auf dem die Sowjets eindeutig beim Bau von Abschussrampen für Mittelstreckenraketen zu sehen sind. Der eilends einberufene Beratungsstab ExComm wägt zwischen mehreren probaten Gegenmaßnahmen ab, darunter eine Seeblockade und die – sehr viel brisantere – Invasion auf der Karbikinsel. Einig ist man sich darüber, dass die (wenngleich heimlich stattfindende) Installierung von Nuklearwaffen so unmittelbar vor der „Haustür“ eine nicht hinnehmbare Provokation darstelle. Während Militär-Hardliner wie der Air-Force-General LeMay (Kevin Conway) einen kombattanten Konflikt für unausweichlich halten, ist Kennedy, unter permanentem Dialog mit seinen beiden gleichgesonnenen Intimi – Bruder Robert (Steven Culp) und seinem persönlichen Berater Kenny O’Donnell (Kevin Costner) -, fest davon überzeugt, dass jeder diplomatisch unsensibel getätigte Schritt direkt in den Dritten Weltkrieg münden könne und schöpft sämtliche Mittel aus, Chruschtschow zum Abbau und Abtransport der Missiles zu nötigen. Nichtsdestotrotz demonstrieren die Streitkräfte ohne Genehmigung Kennedys während der nächsten Tage immer wieder ihre Muskelkraft in Form von Raketentests. Am 27. Oktober stellt die US-Regierung Präsident Chruschtschow schließlich ein letztes Ultimatum zum Abzug aus Kuba – mit inoffiziellen Zugeständnissen an die Sowjets. Andernfalls würde binnen 24 Stunden mit der Invasion begonnen.

…that shook the world.
Mit „Thirteen Days“, seiner nervenzerrenden Chronik der Kuba-Krise im Oktober 1962, hat Roger Donaldson möglicherweise seine reifste und beste Arbeit vorgelegt. Wie die allermeisten fiktionalisierten Abrisse historischer Begebenheiten verzichtet gewiss auch dieser Film nicht auf Akzentuierungen, Dreingaben und Spannungsdramaturgie, wahrt jedoch im Großen und Ganzen eine erschütternde Authentizität. Jene dreizehn Herbsttage zwischen dem 14. und 28. Oktober 1962 positionierten die Welt im Verlauf des Kalten Krieges so dicht vor einer nuklearen Auseinandersetzung der Supermächte wie kein anderes Ereignis zwischen der Einrichtung des Viermächtestatus in Berlin und der Entspannungsphase zu Beginn der neunziger Jahre, zumindest im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung. Noch am Abend des 27.10. musste die Welt wörtlich darum bangen, dass nicht wenige Wochen, Tage oder nur Stunden später der Großteil des Globus mit Atompilzen bedeckt sein würde.
Um der naturgemäß relativ komplexen Chronologie der auch den innerpolitischen Konflikt schürenden Ereignisse zwischen Diplomatie und militärischer Kriegstreiberei eine emotionale greifbare Infusion zu legen, wählt der Film Kennedys engsten Berater Kenny O’Donnell – nicht von ungefähr gespielt von Kevin Costner (der mit dem realen Vorbild anders als die meisten anderen Darsteller keinerlei physiognomische Ähnlichkeit besitzt) in dessen zweiter Kollaboration mit Donaldson nach dem zwölf Jahre zuvor entstandenen „No Way Out“ – als zuverlässiges Rezipientenmedium. Dadurch, dass O’Donnell, selbst treusorgender Ehemann und Vater mehrerer Kinder, sich einerseits praktisch rund um die Uhr an der Seite des Präsidenten aufhält, andererseits aber weder ein repräsentatives politisches oder militärisches Amt innehat, noch zu irgendwelchen Befugnissen berechtigt ist, vertritt er die Perspektive des außenstehenden Beobachters überaus publikumsgerecht. O’Donnell ist, anders als etwa der kritisch beäugte Diplomat Adlai Stevenson (Michael Fairman), nicht das, was man einen „appeaser“ nennen würde (selbst die Kennedys John und Robert gebrauchten diesen Terminus seit der krassen politischen Fehleinschätzung ihres Vaters Joseph von Hitlers Vorkriegspolitik nurmehr recht verächtlich), dennoch teilt er die ganz alltäglichen Besorgnisse der allermeisten Menschen und würde seine Kinder gern aufwachsen sehen. So orientiert sich die Schilderung der sich zuspitzenden Ereignisse direkt an O’Donnells Wahrnehmung. Als intimer Adlatus und Freund der Kennedys setzt er zunächst ganz auf die liberal-demokratische Gesinnung der Staatsspitze und bleibt vergleichsweise gelassen; die immer wieder gen Kuba startenden U-2-Piloten bittet er telefonisch stets um Zurückhaltung betreffs ihrer nachfolgenden Rapporte und zieht auch sonst, wie JFK selbst, mancherlei hochfragile Strippe im Hintergrund, die den Hardlinern um LeMay durchaus eine unverzügliche Apologie zum Losschlagen lieferten. Als sich die diplomatischen Mittel zu jedoch erschöpfen beginnen und das politstrategische Spiel wirklich ernst zu werden droht, verliert auch dieser besonnene Mann die Fassung und steht kurz vor der völligen Verzweiflung: Wenn am kommenden Morgen des 28. die Sonne aufginge, so versichert er seiner Frau Helen (Lucinda Jenney) vorm Zubettgehen, habe die Welt es erstmal geschafft. Beim nächsten Frühstück erkennen seine Kinder ihren Vater kaum wieder – die Demut nach dem buchstäblichen Tanz auf der Rasierklinge steht ihm noch tief ins erblichene Gesicht geschrieben. Insbesondere diese dichotomischen Momente sind es, die „Thirteen Days“ neben seiner minutiösen Wiedergabe des politischen Geschehens Empathie und Annäherung gewährleisten.
Trotz lediglich zweier „Action-„Sequenzen, die jeweils um Aufklärungsflüge kreisen und deren letzterer katastrophal endet, zählt „Thirteen Days“ für mich zum spannendsten, was ich an diesbezüglicher Filmkunst kenne; Donaldson bewerkstelligt es, dass man trotz des bewussten Ausgangs der rund zweiwöchigen Geschehnisse unentwegt mitfiebert und sich selbst am Rande des Untergangs wähnt. Ein viel größeres Kompliment kann man einem historisch weitestgehend akkuraten Film wie diesem, seiner kleinen Lässlichkeiten zum Trotz, vermutlich kaum machen.

9/10

UNDER THE SHADOW

ZItat entfällt.

Under The Shadow ~ UK/JO/QA 2016
Directed By: Babak Anvari

Teheran, in den achtiger Jahren. Während der Erste Golfkrieg tobt, ist es der jungen Ehefrau und Mutter Shideh (Narges Rashidi) unmöglich, ihr Medizinstudium wieder aufzunehmen. Im Zuge der Kulturrevolution war sie als Linksaktivistin umtriebig, was der auch sonst durchweg progressiven Shideh unter dem Chomeini-Regime als Subversion ausgelegt wird. Frustriert nimmt sie darüber hinaus zur Kenntnis, dass sich ihr Mann Iraj (Bobby Naderi), ein ausgebildeter Arzt, für den lebensgefährlichen Fronteinsatz meldet. Shideh bleibt mit ihrer kleinen Tochter Dorsa (Avin Manshadi) allein in der Mehrfamilienhauswohnung zurück. Als Bagdad die Bombadierung Teherans beginnt, schlägt eine Rakete ins Dach des Hauses, ein Stockwerk über Shidehs Appartment, ein ohne zu explodieren. Dorsa steht derweil heimlich im Kontakt mit dem Flüchtlingsjungen Mehdi (Karam Rasjayda), der beide Eltern verloren hat. Das Mädchen berichtet Shideh, Mehdi habe sie vor einem Djinn gewarnt, der angeblich das Haus heimsuchen soll. Tatsächlich verschwinden urplötzlich Mutter und Tochter wichtige Dinge – eine Puppe, ein geerbtes Medizinlexikon. Während sämtliche anderen Hausbewohner aus Sorge vor den immer frequentierteren Bombardierungen das Gebäude verlassen, weigert sich Shideh, die selbst zunehmend in den Konflikt zwischen Raison und Aberglauben gerät, weiterhin standhaft, zu den Schwiegereltern zu ziehen…

Als leiser, an Polanskis Mietshaus-Trilogie angelehnter Horrorfilm ist „Under The Shadow“ weniger interessant. Die „Auftritte“ des Djinn, also eines im islamischen Glauben verankerten Dämons, finden sich mit standesgemäßen, leidlich überzeugenden Mitteln wie jump scares aufbereitet und bieten somit kaum Innovation. Als deutlich involvierender gestaltet sich indes der Diskurs hinsichtlich der äußeren historischen und sozialpolitischen Implikationen des Mittachtziger-Iran und deren Reziprozität mit dem intradiegetischen Geschehen: Shideh lebt und leidet als selbstbewusste Frau in einem Albtraum systemischer Repression. Für die geringsten Regelübertretungen drohen drakonische Strafen, der unbeirrbare Glaube bildet die oberste, existenzielle Maßgabe. Ohne Hijab und schwarzes Gewand ist kein Schritt in der Öffentlichkeit möglich, ein verbotenes Jane-Fonda-Aerobic-Video, Shidehs kleines, tägliches Fenster zur Selbstbestimmtheit, wird gehütet wie ein Kleinod. Selbst dafür, dass sie Auto fährt, sieht man Shideh allerorten schief an. Dass sie infolge der eigenen, biographischen Erfahrungen, die sich bis in die Gegenwart hinein aus Unterdrückung und Unfreiheit speist, im Grunde längst überzeugte Atheistin ist, muss unter allen Umständen ein Geheimnis bleiben. Das Höchste der Gefühle besteht darin, ihrer affirmativen Nachbarin (Aram Ghasemy) entnervt zu bedeuten, dass sie den Glauben an Djinn und ähnliche Höllenwesen für Unsinn halte. Jene Überzeugung sieht sich alsbald allerdings einer harten Prüfung unterworfen, indem sich die unerklärlichen Phänomene häufen, zumindest in der Wahrnehmung Shideh und ihrer Tochter Dorsa, deren Beziehung infolge dessen ebenfalls auf eine schwere Probe gestellt wird.
Zwar lässt Anvari offen, ob Mutter und Kind tatsächlich zu Opfern einer übernatürlichen Entität werden oder sich lediglich ihre Wahrnehmung infolge ihrer immens belastenden Lebensumstände verschiebt (letzteres wäre in diesem speziellen Fall wünschenswert) – an einer Tatsache jedoch kann kein Zweifel bestehen: Wenn das Böse einen Fuß in die Tür zwischen seiner eigenen, mystischen und unserer realen Welt bekommt, dann liegt das stets daran, dass wir jene Pforte zuvor geöffnet haben, sei es durch religiösen Fanatismus, diktatorisches Gebahren, Unterdrückung oder Krieg. Die Hölle ist stets da, wo Menschen sind.

7/10