HOUNDS OF LOVE

„Don’t let him go down on you.“

Hounds Of Love ~ AUS 2016
Directed By: Ben Young

Perth, 1987. Das in recht desolaten Zuständen lebende Ehepaar Evelyn (Emma Booth) und John White (Stephen Curry) entführt junge Mädchen im Teenageralter, quält und missbraucht sie sexuell, um sie schließlich zu ermorden und irgendwo in der Weite des Outback zu verscharren. Aktuell gerät die von daheim ausgebüchste Vicki Maloney (Ashley Cummings) in ihre Fänge. Vicki, deren Eltern (Susie Porter, Damian de Montamas) sich haben scheiden lassen, und die vornehmlich bei ihrem wohlhabenden, sie verwöhnenden Vater lebt, durchschaut bald das Abhängigkeitsgefälle zwischen Evelyn und John: Sie lebt als völlig devote Erfüllungsgehilfin unter der perversen, psychopathischen Fuchtel des gewalttätigen Ehemanns und findet nicht die Kraft, sich gegen seine übermächtige Persönlichkeit zur Wehr zu setzen. Stattdessen spielt sie seine mittlerweile zum Serienmord avancierten Riten kritiklos mit. Vickis einzige Überlebenschance besteht somit darin, die psychisch höchst vulnerable Evelyn auf ihre Seite zu ziehen…

Was oberflächlich anmutet wie ein weiterer Kidnapping- und Folterfilm offenbart bereits im frühen Verlauf eine deutlich differenziertere, höchst dramatische Intensität. Geschickt umschifft der vielversprechende Debütregisseur Ben Young die meisten Verlockungen handelsüblicher Klischees und entwickelt eine gleichsam bedrückende und schwebende Grundstimmung, die ihre monströse Immanenz mit Ausnahme gezielter Gewalttupfer unter der brodelnden Oberfläche behält.
„Hounds Of Love“ erzählt im Grunde zwei parallel ablaufende Geschichten. Einerseits berichtet er von Vickis furchtbarem Leidensweg als zur Hilflosigkeit verdammtes Spielzeug ihrer Entführer, andererseits, und hier bringt Young die eigentliche Tragfähigkeit seines Films zur Geltung, obduziert er die vollkommen dysfunktionale, pathologische Beziehung des Kidnapperpärchens, zweier bildungsferner, zum Subproletariat zählender Menschen, die sich immer weiter weg von den gängigen sozialen Wertmaßstäben bewegen, „white suburban trash“, wie man sie zu bezeichnen geneigt ist. Evelyns Kinder leben bei einer Pflegefamilie, wobei die Gründe dafür nie zur Gänze offengelegt werden. Mutmaßlich tragen jedoch auch hieran John und sein obsessiver Hang zur Gewaltausübung an Wehrlosen die Schuld. Nichtsdestotrotz hat die verzweifelt nach Nähe und Zärtlichkeit strebende Evelyn längst den Überblick und vor allem die Fähigkeit zur Rechtsgewichtung verloren; stattdessen hilft sie John, seine Entführungsopfer auszuwählen, gefangenzuhalten, sexuell auszubeuten und schließlich verschwinden zu lassen. Insbesondere im Zuge der Zeichnung dieses Abhängigkeitsverhältnisses entwickelt „Hounds Of Love“ seinen oftmals nur schwer erträglichen Sog. Dabei erweist sich Youngs Gespür für dramaturgische Komposition als beachtlich: Er gliedert die Ereignisse in drei Hauptakte, die jeweils von einem passenden, höchst prägnanten (und komplett ausgespielten) Musikstück klimaktisch gekrönt und geschlossen werden: „Nights In White Satin“ von The Moody Blues, Cat Stevens‘ „Lady D’Arbanville“ und zum kathartischen Abschluss „Atmosphere“ von Joy Division, ohnehin einem der schönsten Popsongs aller Zeiten, der hier einen ganz wunderbar prominenten Einsatz erfährt.
Auf Youngs nächstes (Lang-)Werk, einen SciFi-Film, zu dem er leider nicht selbst das Script beisteuert, darf man bereits sehr gespannt sein.

8/10

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THE AUTOPSY OF JANE DOE

„I’m a bit of a traditionalist.“

The Autopsy Of Jane Doe ~ USA/UK 2016
Directed By: André Øvredal

Nach einem merkwürdigen Massaker in einem Einfamilienhaus wird in dessen Keller die halbverscharrte Leiche einer Unbekannten (Olwen Catherine Kelly) entdeckt. Der untersuchende Kleinstadtsheriff Burke (Michael McElhatton) schafft diese „Jane Doe“ noch spät abends zum örtlichen Leichenbeschauer Tommy Tilden (Brian Cox), dessen Sohn Austin (Emile Hirsch) ihm bei der Obduktion des Körpers behilflich ist. Nicht nur einige physiologische Auffälligkeiten machen Vater und Filius bald stutzen, es passieren auch weitere unheimliche Dinge, die die beiden Männer bald in die Überzeugung setzen, es hier nicht mit rechten Dingen zu tun zu haben…

Von dem Norweger André Øvredal stammt die schöne Found-Footage-Fantasy Trolljegeren, was für mich Grund genug war, mir sein erstes in englischer Sprache gedrehtes Werk anzuschauen. „The Autopsy Of Jane Doe“, von dem ich zunächst dachte, es handele sich um einen Thriller mit gerichtsmedizinischem Unterbau, erweist sich schon bald als ein sehr notalgisch geprägter Horrorfilm mit einem großartigen Gespür für Atmosphäre. Die Geschehnisse konzentrieren sich fast ausnahmslos auf das Tilden-Haus mit anhänglicher Leichenhalle und Untersuchungsraum – bei nächtlichem Handlungsablauf ein formidables Plätzchen für die zunehmend unheimlichen Wendungen innerhalb der Geschichte, in der sich eine ungeheuerliche, zunächst vage Vermutung zunehmend manifestiert, nur um sich am Ende dann doch nochmals als fatale Fehlinterpretation zu erweisen. Die bereits rund 320 Jahre tote Jane Doe beinhaltet nämlich keineswegs, wie zunächst angenommen, den Geist einer unschuldig verurteilten Pseudohexe, sondern etwas sehr viel Schlimmeres, das einen jeden heimsucht, der es wagt, sich mit ihr zu befassen. „The Autopsy Of Jane Doe“, ein nicht nur wohltuend ernster und ernstgemeinter, sondern vor allem innovativer und erfindungsfreudiger Genrebeitrag, zehrt neben Øvredal hingebungsvoller Inszenierung insbesondere von der Präsenz des stets zuverlässigen Brian Cox. Und natürlich der jener stummen, vermeintlich toten Alabasterschönheit, deren letztes Geheimnis trotz aller möglichen, ruchlosen Obduzierungspraktiken an ihr doch noch gewahrt bleibt.

8/10

THE LOST CITY OF Z

„Peace means only that nothing will change.“

The Lost City Of Z (Die versunkene Stadt Z) ~ USA 2016
Directed By: James Gray

Der britische Offizier Percy Fawcett (Charlie Hunnam), ein hervorragender Reiter und Schütze, leidet unter Standesdünkeleien, die ihn die in seinem Umfeld allgegenwärtige Aristokratie spüren lässt. Im Jahre 1906 wirbt ihn die Royal Geographical Society an, um in Südamerika ein unerforschtes Teilgebiet des Amazonas zu kartographieren. Dabei stößt Fawcett auf architektonische Relikte, die auf eine untergegangene oder möglicherweise noch existente, versteckte Hochkultur mitten im Urwald hindeuten. Mit letzter Kraft schaffen es Fawcett und seine verbliebenen Männer, in die Zivilisation zurückzukehren. Unter der Schirmherrschaft des Biologen James Murray (Angus Macfadyen) macht sich Fawcett zu einer zweiten Expedition auf, diesmal, um ganz gezielt die „Stadt Z“, wie Fawcett sie nennt, ausfindig zu machen. Murrays unprofessionelles Verhalten sorgt für einen frühzeitigen Abbruch des Abenteuers, wobei der feine Herr Fawcett zurück in England zudem des Verrats denunziert. Der erboste Fawcett kündigt der RGS seine Verbundenheit und kann jahrelang nicht mehr zum Amazonas reisen, obwohl in das Entdeckerfieber gepackt hat. Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg, der eine vorübergehende Erblindung zur Folge hat, überredet ihn schließlich sein ältester Sohn Jack (Tom Holland), im Jahre 1923 eine weitere Expedition zur Suche nach der Stadt Z zu starten. Die beiden kehren nie wieder zurück.

Dass James Gray sich vorzüglich auf die Inszenierung historischer Stoffe, sprich: period pieces versteht, konnte er bereits mit seinem letzten Film „The Immigrant“ nachdrücklich unter Beweis stellen. Er entwickelte seither ein spezielles Faible für Zeitkolorit und dessen detaillierte Ausgestaltung, was „The Lost City Of Z“ zu einem aufreizend gemächlich fortschreitenden, visuellen Festmahl macht, das Herzogs nicht unähnlich konnotiertem Meisterwerk „Fitzcarraldo“ wohl die eine oder andere Inspiration verdankt.
Diesmal muss der Filmemacher (und somit auch sein willfähriges Publikum) allerdings auf die Mitwirkung des ansonsten bereits zum gray’schen Obligatorium avancierten Joaquin Phoenix verzichten; der Qualität von „The Lost City Of Z“ tut dies jedoch keinen Abbruch. Gray wirft sich diesmal also in die wirren Strudel authentischer Historie und nimmt sich den britischen Entdecker Percy Fawcett vor, eines besonders bewundernswerten Vertreters seiner Zunft. Fawcetts Reisen und deren Berichte beflügelten nicht nur die von Exotik und Xenophilie geprägten Träume des späten Empire, sondern zudem auch die zeitgenössischer Abenteuerliteraten wie Doyle und Haggard, die persönlich mit Fawcett befreundet waren. Als Soldat nahm Fawcett darüberhinaus nicht nur seine Expeditionen nach Übersee in seinen wohl beispiellosen Erfahrungsschatz auf, sondern auch mehrere Kriegseinsätze, darunter die Schlacht an der Somme. Eine Verfilmung seiner Biographie war somit gewissermaßen höchst überfällig. Gray setzt im Irland des Jahres 1905 an, als Fawcett, damals 38 Jahre alt, eigens für einen hochherrschaftlichen Besuchs des Erzherzogs Franz Ferdinand (Brian Matthews Murphy) einen kapitalen Hirsch erlegt, nur um dann von der adligen Gesellschaft geschnitten zu werden – seine uneheliche Herkunft legt ihm nahezu unüberbrückbare gesellschaftliche Steine in den Weg. Gray wähnt hierin eines der primären Motive für Fawcetts spätere Besessenheit als Entdecker – die Wiederherstellung seines guten Familiennamens. Später leidet seine Familie, insbesondere Sohn Jack, unter der fortwährenden Absenz des Vaters. Erst als Erwachsener begreift Jack die Unumstößlichkeit der väterlichen Träumereien zur Gänze und bereitet ihnen das schönste Zugeständnis, indem er den bereits resignierenden Senior zu einer gemeinsamen, finalen Südamerikareise bewegt. Ab 1925 gelten Vater und Sohn Fawcett als verschollen, diverse eilends geschaltete Rettungsexpeditionen scheitern. Und auch Grays Film, der wiederum auf einem investigativen Buch des Journalisten David Grann beruht, verweigert sich einer eindeutigen Erklärung. Er forciert jedoch Mutmaßungen, denen zufolge die beiden tatsächlich jener geheimnisvollen, versteckten Dschungelstadt zumindest ansichtig geworden sind, ja, vielleicht sogar sich dort niedergelassen haben. Fawcetts ewigem Traum von mythischer Erfüllung wäre eine solch märchenhafte Fügung mehr denn zu gönnen.

8/10

PATERSON

„Poetry in translation is like taking a shower with a raincoat on.“

Paterson ~ USA/F/D 2016
Directed By: Jim Jarmusch

Paterson (Adam Driver), der Mann, der heißt, wie die Stadt in New Jersey, in der er lebt und als Busfahrer tagtäglich seine Runden zieht. Paterson, der Mann, ist verheiratet mit Laura (Golshifteh Farahani), die nicht ganz so gut backt und kocht, wie sie glaubt, was er ihr aber nie sagen würde. Laura liebt Paterson vor allem für seine Dichtkunst, die er jedoch lieber nicht zu veröffentlichen bevorzugt. Allabendlich trinkt Paterson ein Bier in seiner Stammkneipe, während Bulldogge Marvin draußen angebunden auf ihn wartet. Paterson liebt sein Leben, auch, wenn es gleichförmig und scheinbar ereignislos verläuft. Es sind die kleinen, kurzen Begegnungen und Episoden, die ihn glücklich stimmen: Die Leute, die mit dem Bus fahren, ein kleines Mädchen (Sterling Jeris), dass sich wie er selbst der Poesie verschrieben hat. Schießlich ein japanischer Dichter (Masatoshi Nagase), der ihm ein leeres Notizbuch schenkt.

Jim Jarmusch, unangefochtener amerikanischer Meister des stillen, kontemplativen Kinos, bleibt mit „Paterson“ seiner Linie nicht nur treu, sondern verlangsamt sein Tempo sogar nochmals, analog vielleicht zum eigenen Älterwerden. „Paterson“ erzählt den Abriss einer Woche im Leben des gleichnamigen Protagonisten in seiner gleichnamigen Stadt, die für ihre vergleichsweise bescheidene Größe eine erstaunliche Anzahl Prominenter und Kulturschaffender hervorgebracht und beherberht hat. Obwohl jene sieben Tage augenscheinlich wenige Höhepunkte vorweisen, geschehen für Paterson und seinen Lebensweg gleich mehrere elementare Begebenheiten, die ihn in allem, was er ist und was er sein will, bestätigen. Paterson hat seinen festen Platz in der Welt. Er ist ein heimlicher Intellektueller, ein Dienstleister, an den sehr heterogenen Menschen, denen er allenthalben begegnet und mit denen er täglich zu tun hat; sei es, indem er einen liebeskranken Kneipengast (William Jackson Harper) besänftigt, oder seine nervösen Fahrgäste angesichts einer Buspanne beruhigt. Sein Bücherregal ist nicht besonders groß, aber fein selektiert. William Carlos Williams steht darin, wie Paterson selbst ein schreibender Observierer, der einst eine Anthologie veröffentlicht hat, die – wie könnte es anders sein – den Namen „Paterson“ trägt. Äquivalenzen und Spiegelbilder ziehen sich leitmotivisch durch Patersons Alltag: Immer wieder und überall begegnet er Zwillingspärchen. Alles hat zwei Seiten. Als er einmal mit Laura ins Kino geht, um sich Erle C. Kentons Klassiker „Island Of Lost Souls“ anzuschauen, zerfetzt der eifersüchtige, alleingelassene Marvin sein Gedichtbuch derweil zu Haus Patersons handschriftlich geführten Gedichtband. Doch auch das wirft den Helden des Alltags nicht aus der Bahn. Dass es und alles, manchmal auf geradezu magische Weise, immer weitergeht, wird sich ihm kurz darauf offenbaren.

8/10

DENIAL

„The coward threatens only where he is safe.“

Denial (Verleugnung) ~ UK/USA 2016
Directed By: Mick Jackson

Atlanta, 1996. Die Professorin und Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt (Rachel Weisz) sieht sich unversehens einer Verleumdungsklage des britischen Historikers David Irving (Timothy Spall) gegenüber. Dieser verbittet sich die immer wieder von Lipstadt, darunter auch in ihrem Buch „Denying the Holocaust“, bemühte Titulierung des „Holocaustleugners“ unter der gleichsamen These, dass der Holocaust ohnehin historisch fragwürdig sei. Der Fall wird vor einem Londoner Gericht verhandelt, womit zugleich einhergeht, dass Lipstadt und ihre Rechtsbeistände der Beweislast unterliegen, sprich: juristisch einwandfrei nachzuweisen haben, dass rund sechs Millionen Juden im Auftrag der Naziführung ermordet wurden. Eine vorbereitende Reise nach Auschwitz dient der prophylaktischen Untermauerung der späteren Beweisführung. Während des bald anberaumten Verfahrens sieht sich Lipstadt zusehends enerviert von der stoisch-britischen Gelassenheit, mit der dem schwierigen Sujet begegnet wird, zumal ihr Hauptanwalt Rampton (Tom Wilkinson) sich gegen die von ihr vorgeschlagene Strategie verwehrt, überlebende Zeitzeugen vorzuladen.

Mick Jacksons auf authentischen Begebenheiten beruhendes Courtroom-Drama wählt zur dramaturgischen Aufbereitung seines Stoffes exakt dasselbe spekulationsentledigte, unaufgeregte Vorgehen der in ihm agierenden Justiziare: wo andere Filmemacher womöglich die Gehelegenheit genutzt hätten, das Grauen der Shoah aufs Neue mit den bekannten Bildern und Filmaufnahmen zu visualisieren, nimmt „Denial“ als revisionistischen Weg den strikt forensischen. Das immerwährende Problem mit der historischen Forschung betreffs des Holocaust liegt ja bekanntermaßen darin, dass nahezu der gesamte Protokoll- und Schriftverkehr, der diesbezüglich eindeutig belegbare, konkrete Beweise und nicht allein reine Indizien vorlegen könnte, vernichtet wurde. Vor allem professionelle Holocaustleugner berufen sich unter damit einhergehender Faktenverdrehung immer wieder auf diese Tatsache und nutzen sie, um einerseits zu bestreiten, dass es im Dritten Reich einen systematischen, gar bürokratisch organisierten Genozid gegeben habe und andererseits, um ihre perfiden Verschwörungstheorien zionistischer Propaganda zu untermauern. Zu ihnen gehört auch David Irving, der bis heute als einer der prominentesten, mittlerweile mehrfach juristisch belangten Vertreter der Holocaustleugnung gilt.
Insofern bildete im Lipstadt/Irving-Prozess die Verhandlung angesichts des Grauens grotesk anmutender Details wie etwa die Fragen nach dem Standort und der Architektur der Gaskammern die Grundlage einer rechtlich stichhaltigen, fundierten Beweisführung. Was Deborah Lipstadt im Film ungeheuerlich vorkommt, stimmt auch den Zuschauer befremdend – nicht allein die bloße Tatsache, dass es über fünfzig Jahre nach der Shoah noch immer Menschen gibt, die deren Existenz abstreiten, sondern auch das Selbstverständnis, mit denen sie zu ihren Überzeugungen stehen, macht sprachlos.
Insofern gebührt vor allem Timothy Spall ein besonderes Lob für seine Interpretation David Irvings; es gelingt ihm, diesem merkwürdigen Menschen zu gleichen Zügen eine Aura bemitleidenswerter Verstörtheit als auch eine nicht minder wichtige Mehrdimensionalität zu verleihen. Möchte man seinem Irving einerseits pausenlos ins Gesicht spucken (genau das geschieht ihm am Tage der Urteilsverkündung dann auch), neigt man andererseits zu einem Hauch des Bedauerns, als sein Konkurrent Rampton sich weigert, ihm nach gewonnenem Prozess die Hand zu reichen und ihn beinahe angeekelt ignoriert. Nein, wer einen polemischen Film erwartet, der muss sich anderswo umschauen.

8/10

THE PURGE: ELECTION YEAR

„Good night, blue cheese!“

The Purge: Election Year ~ USA/F 2016
Directed By: James DeMonaco

Es ist Wahljahr und die NFFA fürchtet vor Ort in Washington D.C. um ihre mittlerweile langjährige Vormachtsstellung. Senatorin Charlie Roan (Elizabeth Mitchell), auch aus höchst privaten Gründen eine entschiedene Gegnerin der alljährlich stattfindenden Purge-Nächte, will selbige im Falle einer Präsidentschaft umgehenden abschaffen. Die NFFA ist derweil nicht müde und hebt zur diesjährigen Purge kurzfristig die bis dato fest verankerte Immunität für Regierungsmitglieder und Politiker auf, um Roan ganz legal abservieren zu können. Ihr treuer Leibwächter, der Ex-Cop Leo Gordon (Frank Grillo), hat natürlich etwas dagegen, ebenso wie der im Untergrund arbeitende Anti-Purge-Vorkämpfer Dante Bishop (Edwin Hodge). Mit Unterstützung des Ladenbesitzers Joe (Mykelti Williamson) und seiner Ziehtochter Laney (Betty Gabriel) zieht man gegen die Schergen der NFFA ins Feld…

Der vierte „Purge“-Film ist bereits angekündigt, dabei hätte die vormalige Trilogie mit „Election Year“ doch einen halbwegs würdigen Abschluss finden können. Aber warum die Kuh schlachten, solang sie Milch gibt? Immerhin hält James DeMonaco, der den Nachfolger wohl nicht mehr selbst inszenieren wird, seine Schäfchen ordentlich zusammen und schließt Zirkel, wie es sich für einen kontinuitätsbewussten Märchenonkel gehört. Edwin Hodge, im ersten Film noch der flüchtige, namenlose Obdachlose, heißt jetzt Dante Bishop und hat sich zu einer führenden Figur der Widerstandsbewegung aufgeschwungen. Frank Grillo, bereits im unmittelbaren Vorgänger der wehrhafte Oberheld mit später Einsicht zum Thema Selbstjustiz, ist jetzt Secret-Service-Agent und darf als solcher wieder ungetrübt holzen, dass die Luzie kracht. das Konzept von Teil 2, mehrere Protagonisten durch „Zufallsbegegnungen“ zusammenzuführen, verfolgt DeMonaco hier weiter und abermals macht es sich dramaturgisch durchaus bezahlt. Auch in Bezug darauf, dass das etwas schale Konzept maßloser Wutschürung beim Publikum mit zur basalen Funktionalität des Gesamtkonstrukts gehört, ändert sich nichts. Jedenfalls genießt man es als Zuschauer unweigerlich, wie zwei durchgedrehte, völlig aus dem Ruder gelaufene Gören (Brittany Mirabile, Juani Feliz) in Schulmädchenuniformen und greller Maskerade rigoros von einem Kleinbus plattgefahren werden. Unser in punkto Suggestion bewusstermaßen nicht unbegabter auteur lässt aber auch überhaupt keinen Zweifel daran, dass ihnen dies absolut zu Recht widerfährt. Ich nehme an, wenn die NFFA wirklich mal die US-Wahlen gewinnt und das Purgen eingeführt wird, ist James DeMonaco der Erste, der sich heimlich eine bizarre Verkleidung überstreift und Schulmädchen jagt. Einfach, weil sie es nicht besser verdienen, diese frechen, kleinen Mistkäfer.

5/10

GRAVE

Zitat entfällt.

Grave (Raw) ~ F/BE/I 2016
Directed By: Julia Ducournau

Die behütete Justine (Garance Marillier), zeitlebens Vegetarierin, tritt in die Fußstapfen ihres Vaters (Laurent Lucas) und beginnt, wie ihre große Schwester Alexia (Ella Rumpf) zuvor, Veterinärmedizin zu studieren. Immerhin ist Alexias Anwesenheit vor Ort insofern hilfreich, als dass die albernen bis abartigen Initiationsriten der höheren Semester Justine nicht ganz unvorbereitet treffen. Überhaupt gestalten sich die ersten Tage an der Uni nicht eben einfach für die noch sehr mädchenhafte Justine. Einer der Professoren gibt ihr zu verstehen, dass er „Streberinnen wie sie“ verabscheue; Alkohol, Drogen und hemmungslose Promiskuität unter den KommilitonInnen sind ihr in solch farbenfroher Praxis unbekannt, ihren selbstbewussten, schwulen Mitbewohner Adrien (Rabah Nait Oufella) indes findet sie zunehmend anziehend. Als sie im Zuge einer der Radikalaktionen für die Neuankömmlinge gezwungen wird, rohe Kaninchennieren zu essen, reagiert ihr Körper zunächst höchst allergisch. Damit nicht genug, entwickelt Justine plötzlich ein inniges, suchtähnliches Verlangen nach rohem Fleisch und warmem Blut. Für Alexia sind derlei ungewöhnliche Triebe zu Justines Überraschung nichts Neues…

Dass „Grave“ einer der besten jüngeren Horrorfilme ist, lässt sich schon seit Längerem mehrerorts nachprüfen. Nach der Betrachtung kann ich diese Einschätzung nur nachdrücklich bekräftigen. Nicht nur, dass Julia Ducournaus intelligentes Kinodebüt von seiner dezidiert femininen Perspektivierung profitiert, verleiht es dem zuletzt ja wieder etwas revitalisierten Kannibalen-Topos im Genre neue Impulse und gibt berechtigte Hoffnung zu der Annahme, dass die belgofrankische Hardcore-Welle nach doch noch nicht ganz abgeebbt ist. Vor allem entpuppt sich „Grave“ sehr schnell als luzide Satire auf den Habitus der Generation der um zwanzigjährigen Studierenden „von heute“: Auf bekümmernde Weise entpolitisiert, hedonistisch bis ins Mark, instinktiv enthemmt bis zur Schmerzgrenze, führt uns Ducournau eine scheinliberale peer group junger Erwachsener vor, die Anarchie mit „Jackass“-Humor verwechselt und gesellschaftliche Rebellion mit unkontollierter Intoxinierung, dabei jedoch ganz im Gegensatz zu ihren phrasenhaften Dogmen bloß für eine gezielt uminterpretierte Form von Uniformiertheit und Gleichförmigmachung steht. Selbst Adriens stets wichtig-apostrophiert gelebte Homosexualität scheint vielmehr ein Ausdruck antibourgeoiser Revolte zu sein als eine echte Herzensangelegenheit. Sowohl von der gängigen Schönheitsnorm abweichende Mitmenschen als auch Verweigerer der gezielten Deprivation der Jungstudierenden landen ganz am unteren Ende der Hierarchie und sind somit gezwungen, ein langfristig freudloses Außenseiterdasein zu führen. Ein leicht übergewichtiges Mädchen (Danel Utegenova) gibt Justine auf der Damentoilette Tipps zum effektiveren Übergeben; die Justine wegen ihres Ausschlags behandelnde Ärztin (Marion Vernoux) erzählt ihr von dem schlimmen Los einer stark adipösen Kommilitonin. Da sind berüchtigte Kommissstrukturen nicht mehr weit – und dass innerhalb der selbsternannten intellektuellen Elite von morgen.
Es geht in dem nebenbei exzellent inszenierten „Grave“ also weniger um das zunächst Offensichtliche, – anthropophagische Gelüste also, – denn vielmehr um die alte, allgegenwärtige teenage angst, sich der Aufstellung normativer Maßregeln stellen zu müssen. Dass das Ganze einen dann doch noch geflissentlich mit der Phantastik liebäugelnden Abschluss erhält, der zudem nach einer potenziellen Fortsetzung schielt, sei Ducornau als kleines Zugeständnis an die Gattungsstrukturen nachgesehen.

9/10