SUNTAN

Zitat entfällt.

Suntan (Nacktbaden – Manche bräunen, andere brennen) ~ GR/D 2016
Directed By: Argyris Papadimitropolous

Kostis (Makis Papadimitriou), der neue Allgemeinarzt der kleinen griechischen Urlaubsinsel Antiparos, hat Probleme. Er steht zwischenmenschlich völlig isoliert da, ist mit seinem etwas klobigen und unbehenden Auftreten so ziemlich das Gegenteil des mediterranen Salonlöwen und sehnt sich insgeheim nach Nähe und Zuwendung. Eine Tages lernt Kostis die nur halb so alte Anna (Elli Tringou) und ihre Clique, die ihren Sommer auf Antiparos verbringen, kennen. Von der Unbefangenheit der jungen Leute, die tagsüber ihre schönen Körper nackt am Strand präsentieren und nächtens Alkohol, Drogen und Disco durchexerzieren, ist Kostis bald gefangen, zumal von Anna, für die er bald eine regelrechte Besessenheit entwickelt. Er spendiert den Tweenies Drinks und hält sie aus, bis Anna ihm mit einem eindeutig pflichtbewusst durchgeführten Sexualakt den symbolischen Abschiedskuss zuwirft. Doch für Kostis, der über sein neues Lotterleben hinaus langsam vergisst, wer und was er eigentlich ist, ist die ganze Sache sehr viel ernster…

It’s just a dirty black summer: Der mit zunehmender Spielzeit zunehmend unbequeme „Suntan“ kommt mir im Nachhinein vor wie ein Konglomerat verschiedenster literarischer Einflüsse von Carroll über Ende, von Kafka und Nabokov bis hin zu Houellebecq. Kostis, obschon bereits 42 Jahre und damit gewissermaßen physiologisch „überreif“, bewegt sich auf der emotionalen Ebene eines Pubertierenden, der zwei bis drei sexualpsychologische Entwicklungsstufen übersprungen hat. Obschon kein Versager im Rahmen seiner beruflichen Profession, fehlen ihm doch entscheidende Verhaltenskarten, um ein altersgemäßes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit dem Sommer, mit dem heißen Klima und den Touristen, speziell mit der hübschen, sexuell aktiven Anna, die Kostis‘ brüchige Persönlichkeitsstruktur zwar erkennt, aber, ihrem eigenen Alter entsprechend, völlig falsch interpretiert, wird der vermeintlich gesetzte Herr zum Spielball. Und warum nicht? Der unbedarfte Kostis ist in mancherlei Hinsicht mehr Kind als sie, und lustig in seiner dicklichen Tapsigkeit ist er außerdem. Er finanziert der ganzen Clique die Disco-Abende, übersieht dabei, dass sein Stoffwechsel keine 20 mehr ist und beginnt körperlich und seelisch zu verlottern. Dabei entwickelt Kostis jedoch eine gefährliche Obsession für Anna, die ihn nebst ihren Freunden irgendwann, nachdem sie den schlimmsten Fehler begangen und mit dem ihr sexuell natürlich überhaupt nicht gewachsenen Kostis geschlafen hat, wie ein ausgereiztes Spielzeug einfach entsorgen möchte. Kostis, dessen Verhalten nicht unbeobachtet bleibt und der nach einigen derben beruflichen Fehltritten auf Antiparos zur sozialen persona non grata wird, steht immer mehr mit dem Rücken zur Wand und lässt sich das nicht gefallen. Wie die Geschichte von Kostis und Anna letzten Endes ausgeht, bleibt offen, aber dass sie kein gutes Ende nehmen kann, enthält uns Papadimitropolous nicht vor.
Seine bewusst und inflationär mit den häufig besonders perfiden, dramaturgischen Mitteln der Fremdscham hantierende, zumindest in hypothetischer Hinsicht durchaus allgemeinwertgültige Tragödie des Mannes in mittleren Jahren, der sich verzweifelt dagegen wehrt, sich seinem Alter zu stellen und dabei sein Gesicht verliert, funktioniert auch ohne Darstellungen allzu grober Derbheiten als gemächlich schockierendes Porträt einer abgehängten Generation im psychischen Niemandsland.  Ein Film, der zielgenau dahin langt, wo’s richtig weh tut.

8/10

Advertisements

BRIMSTONE

„I am as God. He is as I am.“

Brimstone ~ USA/UK/NL/BE/F/S/D 2016
Directed By: Martin Koolhoven

Für die stumme Farmerfrau Liz (Dakota Fanning) kehrt ein längst begraben geglaubter Albtraum zurück, als ein neuer Prediger (Guy Pearce) in ihrem Heimatstädtchen auftaucht. Bei dem Fremden handelt es sich um Liz‘ Vater, einen wahnsinnigen Perversen und religiösen Fanatiker, vor dem sie seit ihrer Jugend auf der Flucht ist und der sie immer wieder aufspürt, um ihr das Leben aufs Neue zur Hölle zu machen.

Martin Koolhovens infernalische Passionsgeschichte um eine junge Frau, die den langen, unverwüstlich scheinenden Klauen ihres teuflischen Vaters allen Versuchen zum Trotze nicht entkommen kann, ist gewiss kein eitles Zuckerschlecken für den Rezipienten. Vielmehr findet sich dieser als hilfloser Zeuge eines streng in vier Akte unterteilten, rund zweieinhalbstündigen Höllenritts, der uns die Biographie einer Heldin darlegt, wie sie trauriger und erschütternder kaum sein könnte. Von frühester Kindheit an ist Liz, die eigentlich Joanna heißt und die Tochter niederländischer Emigranten ist, daran gewöhnt, dass ihre Mutter (Carice van Houten) unter den unerträglichen Züchtigungen und Erniedrigungen ihres erzpuritanischen Vaters zu leiden hat. Als ihre Mutter sich ihren „ehelichen Pflichten“ mehr und mehr entzieht und Joanna mit dreizehn Jahren das Pubrtätsalter erreicht, schickt sich der Prediger an, sich die eigene Tochter sexuell gefügig zu machen und später zu ehelichen. Joanna kann jedoch nach einer ersten Vergewaltigung fliehen und landet völlig erschöpft in der Prärie bei einer reisenden Chinesenfamilie, die sie in der nächsten Stadt an einen Bordellbetreiber (Paul Anderson) verschachert, unter dessen „Fittichen“ das Mädchen die nächsten Jahre verbringt. Doch der Prediger macht sie schließlich ausfindig und mithilfe ihrer schwesterlichen Freundin und Leidensgenossin Elizabeth (Carla Juri) kann Joanna dem Wahnsinnigen abermals entkommen. Joanna nimmt die Identität der getöteten Elizabeth an und heiratet, so, wie ihre Freundin es ursprünglich heimlich geplant hatte, den entfernt lebenden, verwitweten Farmer Eli (William Houston). Doch auch hierher folgt der Prediger ihr nach einiger Zeit, wobei die sich nun Liz nennende Joanna heuer nicht mehr allein um ihr eigenes  Leben fürchten muss, sondern auch um das ihrer kleinen Tochter Sam (Ivy George).
Gegenwart, Vergangenheit, Vorvergangenheit und Gegenwart: Koolhovens Erzählweise seines mit den abgründigen Schrecknissen der menschlichen Seele arbeitenden Dramas ist nicht nur inhaltlich von komplexer Morbidität. Vielmehr nutzt er das traditionelle Format des Westerngenres, um sein stark von Laughtons „Night Of The Hunter“, Campions „The Piano“ und einigen anderen Werken um Leidenswege und -geschichten zwischen zertrümmerter Unschuld, Angst, Flucht, Emanzipation und Blutrache beeinflusstes, kraftvolles Horrormärchen um Bigotterie und multiple Höllenkreise zu lancieren. Die immer wieder an Bruegel und Bosch erinnernden, krassen Naturalismus nicht scheuenden Bilder sind bestimmt nicht für jeden; Koolhovens derbe Visionen von einem toten Baby mit zertrümmertem Schädel über einen Stall voller abgeschlachteter Schafe, strangulierte Menschen, Misshandlung, Pädophilie, Feuer und Verdammnis machen es einem nicht eben leicht, die finstere Schönheit von „Brimstone“ einzuzingeln und herauszufiltern. Und dennoch ist er genau das: ein ebenso gewaltiges wie gewalttätiges Beispiel großer unbequemer Kinokunst, ein apokalyptisches Menetekel, dessen Wirkmacht einen auch nach Tagen noch verfolgt und nicht aus dem Griff entlässt.

9/10

LADY MACBETH

„Are you skirts in danger of falling down?“

Lady Macbeth ~ UK 2016
Directed By: William Oldroyd

England, 1865. Die freisinnige Katherine (Florence Pugh) geht eine arrangierte Hochzeit mit dem Neureichen-Spross Alexander (Paul Hilton) ein, dessen knorriger Vater Boris (Christopher Fairbank) vor allem den überfälligen Familienerben von ihr „erwartet“. Alexander jedoch, der weder zu zwischenmenschlicher noch zu körperlicher Liebe fähig ist, lässt ihr nur Verachtung und Widerwillen zuteil werden. In Alexanders Abwesenheit vernarrt sich Katherine in den virilen Stallknecht Sebastian (Cosmo Jarvis), mit dem sie eine innige Affäre beginnt. Als der alte Boris von dem Verhältnis Wind bekommt, lässt Katherine sich nicht beugen – sie tritt die Flucht nach vorn an und entfesselt einen Strudel der Gewalt.

Was auf inhaltlicher Ebene nach viktorianischem Schicksalskitsch auf Groschenroman-Niveau duften mag, entpuppt sich bei der Betrachtung als kraftvolles, konzentriertes Drama um die (historische) Unmöglichkeit für eine junge, selbstbewusste Frau, ein erfülltes Leben zu führen und ihren anschließenden, versuchten Ausbruch aus der biographischen Fremdbestimmung. Katherine, wunderbar gespielt von Florence Pugh, ist zeitlebens ein Opfer von buchstäblichem Freiheitsentzug und charakterlicher Eingrenzung. Über ihr bisheriges Leben erfährt man wenig; obschon sich vermuten lässt, dass sie hinlänglich in gesellschaftlicher Etikette sowie in standesgemäßem Geschlechterverhalten geschult ist. „Lady Macbeth“ beginnt mit ihrem Einzug in das Anwesen des gräulichen Vater-Sohn-Gespanns, das auch sich selbst gegenüber ausschließlich Feindesligkeit, Hass und Argwohn pflegt. Gleich mit ihrer Ankunft findet sich Katherine als unverhohlene Gefangene im eigenen, neuen Hause wieder. Ihre Tage sollen fortan daraus bestehen, sich morgens ihr engkorsettiertes Kleid anzuziehen und die Stunden schweigend und andächtig im kargen Salon des Hauses zu verbringen. Vom Verlassen des Grundstücks rät ihr selbst das Hauspersonal vehement ab – sie könne sich verkühlen und krank werden. Dennoch dauert es nicht lang, bis Katherine die Bekanntschaft Sebastians macht, der alles an Männlichkeit personifiziert, was Katherine sich wünscht. Doch der Tribut, den sie zu entrichten hat, um mit ihrem Liebhaber zusammen zu sein, wird zunehmend blutiger. Am Ende verrät Katherine alles, wofür sie zuvor gekämpft hat, um dem Galgen zu entgehen. Von nun an ist sie wirklich eine Gefangene auf Lebenszeit, in ihrer (nun immerhin selbstherbeigeführten) Einsamkeit.
Aus der besonders im 19. Jahrhundert zu einigem Renommee gelangten literarischen Kategorie „Missratene Töchter“ stammt diese, einer Novelle des russischen Schriftstellers Nikolai Leskov zugrunde liegende und bereits mehrfach adaptierte Geschichte. Wo beispielsweise etwas später bei Fontane jedoch soziale Ächtung und der Kummertod stehen, ist die Katherine in Oldroyds Film weitaus unbeugsamer. Bei ihr manifestieren sich Ablehnung und Geschlechterdünkel zunächst im Widerstand gegen die Konventionen, um sich dann in mehrfachen Mordakten zu entladen, denen keinesfalls mit Gewissenbissen begegnet wird, sondern mit der genüsslichen Gewissheit, das Richtige getan zu haben.
Dass Oldroyd ein etwas eingeschränktes Budget zur Verfügung stand, kommt dem Endresultat nebenbei sehr zupass; so fokussieren sich sowohl die Inszenierung wie auch das Geschehen umso eindringlicher auf den moralischen Verfall seiner Protagonistin.

8/10

DIRTY GRANDPA

„Party till you’re pregnant!“

Dirty Grandpa ~ USA 2016
Directed By: Dan Mazer

Nach dem Tod seiner Großmutter und kurz vor der eigenen Hochzeit soll der erfolgreiche Nachwuchsadvokat Jason Kelly (Zac Efron) seinen Opa Dick (Robert De Niro) nach Florida chauffieren. Der betagte Herr erweist sich jedoch mitnichten als greiser Trauerkloß, sondern als höchst alkoholaffiner, verbalviriler Frechdachs, der auf seine alten Tage nochmal die Party seines Lebens feiern will und ausgerechnet den spießigen Enkelsohn als partner in crime auserkoren hat. Bei den diversen Fettnäpfchen, in die Jason und Dick im Zuge ihrer turbulenten Reise treten, ist die beinharte CIA-Ausbildung des Letzteren den beiden nicht selten behilflich. Zudem steckt hinter Dicks Roadtrip natürlich ein handfester Plan für seinen biederen Übersprungsspross.

„Dirty Grandpa“ ist wohl die Art von Film, die De Niro heute macht. „Wohl“, weil ich mit dem jüngeren output dieses einstmals als Speerspitze seines Fachs geltenden Schauspielers kaum mehr vertraut bin. Den Film habe ich mir tatsächlich auch nicht seines Hauptdarstellers wegen angesehen, sondern weil ich eine Partykomödie sehen wollte. Als solche funktioniert „Dirty Grandpa“ innerhalb seiner ihm inhärenten Einfalt eigentlich auch ganz gut. Und selbst De Niro geht als buchstäblicher Titelcharakter völlig in Ordnung, auch wenn sein inflationärer Gebrauch von Vier-Buchstaben-Wörtern zunächst etwas übertrieben, um nicht zu sagen albern wirkt. Aber dies entpuppt sich ja am Ende als Teil seiner von seiner Film-Persona höchstselbst entwickelten Erweckungskur und geht daher halbwegs in Ordnung.
Ansonsten haben wir hier ein ausgewiesenes Fast-Food-Produkt, das die Welt sich weder schneller drehen lässt, noch nie sie verlangsamt. Die Script-Prämisse, die Witze vor allem aus der Perspektive des dezidiert aus seiner sozialen Rolle fallenden Senioren politisch unkorrekt dastehen zu lassen, wirkt nach einer Weile allerdings leicht verkrampft und gibt eher insofern Anlass zur Besorgnis, dass vermutlich ein Großteil der avisierten Zuschauerschaft, die sich primär fraglos durch die verspießte, verhuschte, entpolitisierte Generation Smartphone repräsentiert finden dürfte, tatsächlich mild schockiert auf den im Film präservierten, libertinen Lebensgeist reagiert. Insofern bildet „Dirty Grandpa“ vor allem einen Film für Zeitgenossen, deren Arschbacken vom vielen Zusammenkneifen bereits erstarrt sind. Das geht einerseits in Ordnung, gibt aber andererseits Anlass zur Besorgnis: Menschen, die sich eine optionale Realität über Werke wie dieses erschließen, können einem leid tun. Macht mal lieber selber.

6/10

EIÐURINN

Zitat entfällt.

Eiðurinn (Der Eid) ~ IS 2016
Directed By: Baltasar Kormákur

Der in einem Hospital von Reykjavík tätige Chirurg Finnur (Baltasar Kormákur) ist völlig vernarrt in seine ältere Tochter Anna (Hera Hilmar), die ihm jedoch seit einiger Zeit mehr und mehr entgleitet. Anna pflegt eine Beziehung zu dem Kleindealer Óttar (Gísli Örn Garðarsson), der nicht nur Beziehungen zur Unterwelt pflegt, sondern auch Anna offensichtlich immer wieder mit Rauschmitteln versorgt. Finnur versucht alles, um das Mädchen von Óttar loszueisen, unter anderem setzt er einen anonymen Anruf bei der Polizei ab, die im Zuge einer Wohnungsdurchsuchung sämtlichen Stoff bei Óttar beschlagnahmt. Als der selbst zusehends unter Druck geratende Kriminelle eine Entschädigung für den erlittenen Verlust verlangt und Finnurs Familie bedroht, entwickelt der sich mehr und mehr in seine Aggressionen steigernde Arzt einen Plan, um Óttar endgültig verschwinden zu lassen…

Einer ganz ähnlichen Handlungsprämisse folgend wie der sehenswerte dänische Rachethriller „Underverden“, lässt Baltasar Kormákur seinen von ihm selbst interpretierten Protagonisten keinen Feldzug gegen die gesamte Unterwelt unternehmen (wobei auch „Eiðurinn“ zunächst diese Richtung einzuschlagen scheint), sondern belässt es bei einem gezielt durchgeplanten, qua aus der Not geborenem „Vergeltungskonzentrat“. Finnur weigert sich, das ohnehin allzu sehr mäandernde Leben seiner heißgeliebten Anna vollends in den Ausguss fließen zu lassen und kriminalisiert sich stattdessen zunehmend selbst. Seine Aktionen gegen den verhassten, immer weiter in die Enge getriebenen Óttar (den Kormákur zwar nicht völlig eindimensional, aber doch keinesfalls als potenziellen Sympathieträger dastehen lässt) werden immer entschiedener, die Gewaltspirale entfesselt sich. Schließlich verkehren sich die Vorzeichen; Óttar gerät in die zu allem entschlossenen Fänge Finnurs, der seinen dereinst geleisteten Hippokratischen Eid, der sich bekanntermaßen der Versicherung widmet, Leben unter allen Umständen zu schützen und zu bewahren, schließlich maßlos pervertiert, indem er seinen Gefangenen zunächst systematisch an den Rand des Todes treibt, um hernach einen öffentlichen Rettungsversuch auf dem OP-Tisch zu inszenieren, der jedoch nur misslingen kann. Finnur erweist sich daraufhin als intelligent und standfest genug, den Nachstellungen und Verdächtigungen der ermittelnden Polizisten zu trotzen, kann jedoch nicht verhindern, dass Anna, die Óttar inbrünstig geliebt hat, die Wahrheit in Erfahrung bringt. Seine Tochter hat Finnur damit endgültig verloren; sein Berufsethos entehrt und sich somit als sehr viel veritabler Verbrecher denn sein Opfer erwiesen.
Baltasar Kormákur, dessen filmkreativer Aktionsradius zwischen Hollywood und Island oszilliert, ist mit „Eiðurinn“ ein ungemein fesselndes Selbstjustizdrama gelungen, das vor allem von der eiskalten Kulisse des Inselstaats profitiert. Die der Aggressionsabfuhr dienenden Fahrradtouren Finnurs durch die kargen Landschaften außerhalb Reykjavíks erinnerten mich an Dumonts „L`Humanité“; die Hauptfigur mit sich und ihren widerstreitenden Emotionen in gezielter, selbstgewählter Isolation. „Eiðurinn“ macht nicht viele Worte, verzichtt auf Geschwätzigkeit und lässt Bilder und Stimmungen für sich kommunizieren. Dass die ihm inhärente Spannung und die Ungewissheit, wie es für die Beteiligten ausgehen wird, das Publikum spielend bei der Stange halten, ist ganz Kormákurs Verdienst.

8/10

THE MIDNIGHT MAN

„He likes to cheat.“

The Midnight Man ~ USA/CAN 2016
Directed By: Travis Zariwny

Die junge Alex (Gabrielle Haugh), die ihre halbdemente Großmutter Anna (Lin Shaye) in deren großem, verwinkelten Haus pflegt, und ihr Jugendfreund Miles (Grayson Gabriel) entdecken eines Abends auf dem Dachboden ein altes Spiel in einer Kiste. Dabei geht es darum, den „Midnight Man“ (Kyle Strauts) freizusetzen, einen gespenstischen Dämon, und ihm dann für den Rest der Nacht nicht ins Netz zu gehen. Natürlich überwiegt die Neugier und als auch noch Alex‘ und Miles‘ Freundin Kelly (Emily Haine) auftaucht, reibt sich der Midnight Man richtig schön die Hände. Doch auch Omi Anna ist keineswegs so harmlos, wie es sich für eine alte, bettlägrige Dame mit schwindendem Hirnschmalz geziemt…

Dass sich dermaßen löchrig gescriptete, buchstäblich dumme Genreware heuer noch im vergleichsweise großen Stil produzieren und verkaufen lässt, dürfte einer Menge untalentiertem Filmemachernachwuchs berechtigte Hoffnungen auf einen möglichen Durchbruch verschaffen. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, eine Liste der inflationär en Don’ts aufzuzählen, die Travis Zariwny und sein Co-Autor Rob Kennedy vorschützen, nur, um ihre dünne Hauptidee, die vielleicht gerade ausreichend gewesen wäre für einen Achtminüter auf YouTube, auszuwalzen. Infolge dessen verzichte ich im Folgenden auch darauf.
Hier stimmt ganz einfach hinten und vorne nichts, angefangen bei der dullen Story-Prämisse um das zentrale Spiel, dass von vornherein darauf angelegt ist, von allen Mitspielern außer dem Midnight Man selbst verloren zu werden und daher von keinem bei Vernunft und Verstand befindlichen Menschen losgetreten würde, über die völlig hirnrissigen Wendungen im weiteren Verlauf bis hin zur mäßig überraschenden „Auflösung“. Da holen auch die alten New-Line-Veteranen Lin Shaye und Robert Englund, die sich hier abermals ein Stelldichein geben, nicht mehr die Kastanien aus dem Feuer. Man mag bestenfalls annehmen, dass eine Zielgruppe von zwölf- bis dreizehnjährigen, kreischenden Girlies im Zuge einer verruchten Pyjamaparty „The Midnight Man“ etwas abgewinnen können, denn genau dort sucht und findet das Ding seine mutmaßliche Zielgruppe. Gattungserfahrenere Zeitgenossen indes dürften sich mit einem Grausen, das diese Hohlgurke in dieser Form gewiss nicht beabsichtigt, abwenden und die neunzig Minuten investierter Rezeptionszeit im Nachhinein eher bedauern. Mir zumindest geht es jedenfalls genau so.

3/10

SILENCE

„Go on, pray. But pray with your eyes open.“

Silence ~ USA/UK/I/J/TW/MEX 2016
Directed By: Martin Scorsese

Um den Verbleib des Missionars Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) zu klären, reisen die zwei jungen, portugiesischen Jesuiten-Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garupe (Adam Driver) im Jahre 1638 nach Japan. Vor Ort erweist sich die Situation für Christen und einheimische Konvertiten als höchst brisant: Eine hiesige Inquisitionsabteilung betreibt eine gnadenlose Verfolgung der abendländischen Religionsstifter und der regionalen Christen und macht sich dafür Folter und Hinrichtungen zunutze. Das langfristige Ziel, die Wiederausrottung des Christentums in Japan, versucht der mächtige Inquisitor Inoue (Issei Ogata) durch die sukzessive Bekehrung der europäischen Missionare. Nach einer längeren Reise zwischen Versteck und Flucht gerät Rodrigues schließlich in die Hände Inoues, der ihn mit allerlei Zermürbungstaktiken zur Abkehr von seinem Glauben treiben will. Garupe stirbt derweil bei einem Versuch, das Ertränken japanischer Christen zu verhindern. Die Gerüchte um Ferreiras Apostasie erweisen sich indes als höchst zutreffend. Schließlich schwört auch Rodrigues nach immer harscher werdenden Folterungen öffentlich dem Christentum ab und ist fortan gezwungen, als Japaner und unter japanischem Namen zu leben.

Der Wunsch nach einer eigenen Filmadaption des Roman „Chinmoku“ von Endō Shūsaku trieb Scorsese bereits lange Jahre um, bevor er das Projekt nach einigen Fehlstarts endlich realisieren konnte. Scorsese, für den Wohl und Wehe des Christentums, des Glaubens und des Katholizismus stets ein künstlerisches Zentralmotiv bildete, konnte sich damit nach langer Zeit einen kreativen Traum erfüllen, dessen ehrgeizige Entschlossenheit im Rücken stets spürbar bleibt. Der Topos von der unerbittlichen Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts, die vor allem aus außenpolitischen Gründen zunehmend radikal praktiziert wurde, erweist sich mit Betrachtung des Films denn auch tatsächlich als fruchtbarer Stoff für ein reiches Kinodrama. Wo frühere historische culture clash epics wie „Shogun“ oder „Tai-Pan“ versuchten, ein wechselseitiges Verständnis der globalkulturellen Antipoden zumindest im Keim zu evozieren, bemüht sich Scorsese um ein sehr viel realistischeres, gänzlich entromantisiertes Zeitporträt. Von Anfang an stehen die nach Japan entsandten, europäischen Glaubensstifter hier auf verlorenen Posten; nach einer vorausgehenden, anfänglichen Öffnung gegenüber dem westlichen Einfluss hatte Japan unter dem Feudalherrscher Tokugawa Ieyasu gegen sämtliche Missionierungsversuche vor allem seitens der Spanier und Portugiesen dichtgemacht und sorgte nun mithilfe inquisitorischer Organisation für eine großflächige Re-Konvertierung der Einheimischen, sowie, im besten Falle, die Apostasie der westlichen Immigranten. Diese wurde durch psychischen wie physischen Druck und Folter erreicht: Zum Zeichen ihres ernstgemeinten Glaubensverzichts hatten die abtrünnig gewordenen Christen auf ein Kruzifix zu treten oder ein Bildnis der Jungfrau Maria zu bespucken. Mit der späteren Einbürgerung und Assimilation der Abendländer erfolgte ein weiteres Signal des Triumphs der japanischen Unbeugsamkeit wider die missionarischen Bestrebungen der katholischen Kirche.
Gleichermaßen Leitmotiv wie interessante Figur in „Silence“ ist die des Japaners Kichijiro (Yôsuke Kubozuka), der vortreflich die Zerrissenheit zwischen den diametralen Oktroyanten Kirche und Feudalsystem personifiziert. Zunächst bekehrt, schwörte Kichijiro dem Christentum als einziges Mitglied seiner Familie wieder ab (die anderen wurden hingerichtet) und führt nun ein Leben als entwurzelter Entehrter, vom Paulus zum Saulus. Immer wieder begegnet Rodrigues Kichijiro, der ihn mal verrät und ihn mal um Absolution anfleht, je nach gegenwärtiger Lage. Bis zu seinem Ende wird er heimlich ein Kreuz bei sich tragen. Im Charakter Kichijiros findet sich ein waches Bild für die damalige Ausbreitung des Christentums: Einem exotischen Virus gleich sorgte es einst für Chaos und Identitätsverlust. Ob dies eines der von „Silence“ intendierten Postulate ist, weiß ich nicht recht. Empfangen habe ich die Botschaft so oder so.

8/10