THE LOST CITY OF Z

„Peace means only that nothing will change.“

The Lost City Of Z (Die versunkene Stadt Z) ~ USA 2016
Directed By: James Gray

Der britische Offizier Percy Fawcett (Charlie Hunnam), ein hervorragender Reiter und Schütze, leidet unter Standesdünkeleien, die ihn die in seinem Umfeld allgegenwärtige Aristokratie spüren lässt. Im Jahre 1906 wirbt ihn die Royal Geographical Society an, um in Südamerika ein unerforschtes Teilgebiet des Amazonas zu kartographieren. Dabei stößt Fawcett auf architektonische Relikte, die auf eine untergegangene oder möglicherweise noch existente, versteckte Hochkultur mitten im Urwald hindeuten. Mit letzter Kraft schaffen es Fawcett und seine verbliebenen Männer, in die Zivilisation zurückzukehren. Unter der Schirmherrschaft des Biologen James Murray (Angus Macfadyen) macht sich Fawcett zu einer zweiten Expedition auf, diesmal, um ganz gezielt die „Stadt Z“, wie Fawcett sie nennt, ausfindig zu machen. Murrays unprofessionelles Verhalten sorgt für einen frühzeitigen Abbruch des Abenteuers, wobei der feine Herr Fawcett zurück in England zudem des Verrats denunziert. Der erboste Fawcett kündigt der RGS seine Verbundenheit und kann jahrelang nicht mehr zum Amazonas reisen, obwohl in das Entdeckerfieber gepackt hat. Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg, der eine vorübergehende Erblindung zur Folge hat, überredet ihn schließlich sein ältester Sohn Jack (Tom Holland), im Jahre 1923 eine weitere Expedition zur Suche nach der Stadt Z zu starten. Die beiden kehren nie wieder zurück.

Dass James Gray sich vorzüglich auf die Inszenierung historischer Stoffe, sprich: period pieces versteht, konnte er bereits mit seinem letzten Film „The Immigrant“ nachdrücklich unter Beweis stellen. Er entwickelte seither ein spezielles Faible für Zeitkolorit und dessen detaillierte Ausgestaltung, was „The Lost City Of Z“ zu einem aufreizend gemächlich fortschreitenden, visuellen Festmahl macht, das Herzogs nicht unähnlich konnotiertem Meisterwerk „Fitzcarraldo“ wohl die eine oder andere Inspiration verdankt.
Diesmal muss der Filmemacher (und somit auch sein willfähriges Publikum) allerdings auf die Mitwirkung des ansonsten bereits zum gray’schen Obligatorium avancierten Joaquin Phoenix verzichten; der Qualität von „The Lost City Of Z“ tut dies jedoch keinen Abbruch. Gray wirft sich diesmal also in die wirren Strudel authentischer Historie und nimmt sich den britischen Entdecker Percy Fawcett vor, eines besonders bewundernswerten Vertreters seiner Zunft. Fawcetts Reisen und deren Berichte beflügelten nicht nur die von Exotik und Xenophilie geprägten Träume des späten Empire, sondern zudem auch die zeitgenössischer Abenteuerliteraten wie Doyle und Haggard, die persönlich mit Fawcett befreundet waren. Als Soldat nahm Fawcett darüberhinaus nicht nur seine Expeditionen nach Übersee in seinen wohl beispiellosen Erfahrungsschatz auf, sondern auch mehrere Kriegseinsätze, darunter die Schlacht an der Somme. Eine Verfilmung seiner Biographie war somit gewissermaßen höchst überfällig. Gray setzt im Irland des Jahres 1905 an, als Fawcett, damals 38 Jahre alt, eigens für einen hochherrschaftlichen Besuchs des Erzherzogs Franz Ferdinand (Brian Matthews Murphy) einen kapitalen Hirsch erlegt, nur um dann von der adligen Gesellschaft geschnitten zu werden – seine uneheliche Herkunft legt ihm nahezu unüberbrückbare gesellschaftliche Steine in den Weg. Gray wähnt hierin eines der primären Motive für Fawcetts spätere Besessenheit als Entdecker – die Wiederherstellung seines guten Familiennamens. Später leidet seine Familie, insbesondere Sohn Jack, unter der fortwährenden Absenz des Vaters. Erst als Erwachsener begreift Jack die Unumstößlichkeit der väterlichen Träumereien zur Gänze und bereitet ihnen das schönste Zugeständnis, indem er den bereits resignierenden Senior zu einer gemeinsamen, finalen Südamerikareise bewegt. Ab 1925 gelten Vater und Sohn Fawcett als verschollen, diverse eilends geschaltete Rettungsexpeditionen scheitern. Und auch Grays Film, der wiederum auf einem investigativen Buch des Journalisten David Grann beruht, verweigert sich einer eindeutigen Erklärung. Er forciert jedoch Mutmaßungen, denen zufolge die beiden tatsächlich jener geheimnisvollen, versteckten Dschungelstadt zumindest ansichtig geworden sind, ja, vielleicht sogar sich dort niedergelassen haben. Fawcetts ewigem Traum von mythischer Erfüllung wäre eine solch märchenhafte Fügung mehr denn zu gönnen.

8/10

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PATERSON

„Poetry in translation is like taking a shower with a raincoat on.“

Paterson ~ USA/F/D 2016
Directed By: Jim Jarmusch

Paterson (Adam Driver), der Mann, der heißt, wie die Stadt in New Jersey, in der er lebt und als Busfahrer tagtäglich seine Runden zieht. Paterson, der Mann, ist verheiratet mit Laura (Golshifteh Farahani), die nicht ganz so gut backt und kocht, wie sie glaubt, was er ihr aber nie sagen würde. Laura liebt Paterson vor allem für seine Dichtkunst, die er jedoch lieber nicht zu veröffentlichen bevorzugt. Allabendlich trinkt Paterson ein Bier in seiner Stammkneipe, während Bulldogge Marvin draußen angebunden auf ihn wartet. Paterson liebt sein Leben, auch, wenn es gleichförmig und scheinbar ereignislos verläuft. Es sind die kleinen, kurzen Begegnungen und Episoden, die ihn glücklich stimmen: Die Leute, die mit dem Bus fahren, ein kleines Mädchen (Sterling Jeris), dass sich wie er selbst der Poesie verschrieben hat. Schießlich ein japanischer Dichter (Masatoshi Nagase), der ihm ein leeres Notizbuch schenkt.

Jim Jarmusch, unangefochtener amerikanischer Meister des stillen, kontemplativen Kinos, bleibt mit „Paterson“ seiner Linie nicht nur treu, sondern verlangsamt sein Tempo sogar nochmals, analog vielleicht zum eigenen Älterwerden. „Paterson“ erzählt den Abriss einer Woche im Leben des gleichnamigen Protagonisten in seiner gleichnamigen Stadt, die für ihre vergleichsweise bescheidene Größe eine erstaunliche Anzahl Prominenter und Kulturschaffender hervorgebracht und beherberht hat. Obwohl jene sieben Tage augenscheinlich wenige Höhepunkte vorweisen, geschehen für Paterson und seinen Lebensweg gleich mehrere elementare Begebenheiten, die ihn in allem, was er ist und was er sein will, bestätigen. Paterson hat seinen festen Platz in der Welt. Er ist ein heimlicher Intellektueller, ein Dienstleister, an den sehr heterogenen Menschen, denen er allenthalben begegnet und mit denen er täglich zu tun hat; sei es, indem er einen liebeskranken Kneipengast (William Jackson Harper) besänftigt, oder seine nervösen Fahrgäste angesichts einer Buspanne beruhigt. Sein Bücherregal ist nicht besonders groß, aber fein selektiert. William Carlos Williams steht darin, wie Paterson selbst ein schreibender Observierer, der einst eine Anthologie veröffentlicht hat, die – wie könnte es anders sein – den Namen „Paterson“ trägt. Äquivalenzen und Spiegelbilder ziehen sich leitmotivisch durch Patersons Alltag: Immer wieder und überall begegnet er Zwillingspärchen. Alles hat zwei Seiten. Als er einmal mit Laura ins Kino geht, um sich Erle C. Kentons Klassiker „Island Of Lost Souls“ anzuschauen, zerfetzt der eifersüchtige, alleingelassene Marvin sein Gedichtbuch derweil zu Haus Patersons handschriftlich geführten Gedichtband. Doch auch das wirft den Helden des Alltags nicht aus der Bahn. Dass es und alles, manchmal auf geradezu magische Weise, immer weitergeht, wird sich ihm kurz darauf offenbaren.

8/10

DENIAL

„The coward threatens only where he is safe.“

Denial (Verleugnung) ~ UK/USA 2016
Directed By: Mick Jackson

Atlanta, 1996. Die Professorin und Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt (Rachel Weisz) sieht sich unversehens einer Verleumdungsklage des britischen Historikers David Irving (Timothy Spall) gegenüber. Dieser verbittet sich die immer wieder von Lipstadt, darunter auch in ihrem Buch „Denying the Holocaust“, bemühte Titulierung des „Holocaustleugners“ unter der gleichsamen These, dass der Holocaust ohnehin historisch fragwürdig sei. Der Fall wird vor einem Londoner Gericht verhandelt, womit zugleich einhergeht, dass Lipstadt und ihre Rechtsbeistände der Beweislast unterliegen, sprich: juristisch einwandfrei nachzuweisen haben, dass rund sechs Millionen Juden im Auftrag der Naziführung ermordet wurden. Eine vorbereitende Reise nach Auschwitz dient der prophylaktischen Untermauerung der späteren Beweisführung. Während des bald anberaumten Verfahrens sieht sich Lipstadt zusehends enerviert von der stoisch-britischen Gelassenheit, mit der dem schwierigen Sujet begegnet wird, zumal ihr Hauptanwalt Rampton (Tom Wilkinson) sich gegen die von ihr vorgeschlagene Strategie verwehrt, überlebende Zeitzeugen vorzuladen.

Mick Jacksons auf authentischen Begebenheiten beruhendes Courtroom-Drama wählt zur dramaturgischen Aufbereitung seines Stoffes exakt dasselbe spekulationsentledigte, unaufgeregte Vorgehen der in ihm agierenden Justiziare: wo andere Filmemacher womöglich die Gehelegenheit genutzt hätten, das Grauen der Shoah aufs Neue mit den bekannten Bildern und Filmaufnahmen zu visualisieren, nimmt „Denial“ als revisionistischen Weg den strikt forensischen. Das immerwährende Problem mit der historischen Forschung betreffs des Holocaust liegt ja bekanntermaßen darin, dass nahezu der gesamte Protokoll- und Schriftverkehr, der diesbezüglich eindeutig belegbare, konkrete Beweise und nicht allein reine Indizien vorlegen könnte, vernichtet wurde. Vor allem professionelle Holocaustleugner berufen sich unter damit einhergehender Faktenverdrehung immer wieder auf diese Tatsache und nutzen sie, um einerseits zu bestreiten, dass es im Dritten Reich einen systematischen, gar bürokratisch organisierten Genozid gegeben habe und andererseits, um ihre perfiden Verschwörungstheorien zionistischer Propaganda zu untermauern. Zu ihnen gehört auch David Irving, der bis heute als einer der prominentesten, mittlerweile mehrfach juristisch belangten Vertreter der Holocaustleugnung gilt.
Insofern bildete im Lipstadt/Irving-Prozess die Verhandlung angesichts des Grauens grotesk anmutender Details wie etwa die Fragen nach dem Standort und der Architektur der Gaskammern die Grundlage einer rechtlich stichhaltigen, fundierten Beweisführung. Was Deborah Lipstadt im Film ungeheuerlich vorkommt, stimmt auch den Zuschauer befremdend – nicht allein die bloße Tatsache, dass es über fünfzig Jahre nach der Shoah noch immer Menschen gibt, die deren Existenz abstreiten, sondern auch das Selbstverständnis, mit denen sie zu ihren Überzeugungen stehen, macht sprachlos.
Insofern gebührt vor allem Timothy Spall ein besonderes Lob für seine Interpretation David Irvings; es gelingt ihm, diesem merkwürdigen Menschen zu gleichen Zügen eine Aura bemitleidenswerter Verstörtheit als auch eine nicht minder wichtige Mehrdimensionalität zu verleihen. Möchte man seinem Irving einerseits pausenlos ins Gesicht spucken (genau das geschieht ihm am Tage der Urteilsverkündung dann auch), neigt man andererseits zu einem Hauch des Bedauerns, als sein Konkurrent Rampton sich weigert, ihm nach gewonnenem Prozess die Hand zu reichen und ihn beinahe angeekelt ignoriert. Nein, wer einen polemischen Film erwartet, der muss sich anderswo umschauen.

8/10

THE PURGE: ELECTION YEAR

„Good night, blue cheese!“

The Purge: Election Year ~ USA/F 2016
Directed By: James DeMonaco

Es ist Wahljahr und die NFFA fürchtet vor Ort in Washington D.C. um ihre mittlerweile langjährige Vormachtsstellung. Senatorin Charlie Roan (Elizabeth Mitchell), auch aus höchst privaten Gründen eine entschiedene Gegnerin der alljährlich stattfindenden Purge-Nächte, will selbige im Falle einer Präsidentschaft umgehenden abschaffen. Die NFFA ist derweil nicht müde und hebt zur diesjährigen Purge kurzfristig die bis dato fest verankerte Immunität für Regierungsmitglieder und Politiker auf, um Roan ganz legal abservieren zu können. Ihr treuer Leibwächter, der Ex-Cop Leo Gordon (Frank Grillo), hat natürlich etwas dagegen, ebenso wie der im Untergrund arbeitende Anti-Purge-Vorkämpfer Dante Bishop (Edwin Hodge). Mit Unterstützung des Ladenbesitzers Joe (Mykelti Williamson) und seiner Ziehtochter Laney (Betty Gabriel) zieht man gegen die Schergen der NFFA ins Feld…

Der vierte „Purge“-Film ist bereits angekündigt, dabei hätte die vormalige Trilogie mit „Election Year“ doch einen halbwegs würdigen Abschluss finden können. Aber warum die Kuh schlachten, solang sie Milch gibt? Immerhin hält James DeMonaco, der den Nachfolger wohl nicht mehr selbst inszenieren wird, seine Schäfchen ordentlich zusammen und schließt Zirkel, wie es sich für einen kontinuitätsbewussten Märchenonkel gehört. Edwin Hodge, im ersten Film noch der flüchtige, namenlose Obdachlose, heißt jetzt Dante Bishop und hat sich zu einer führenden Figur der Widerstandsbewegung aufgeschwungen. Frank Grillo, bereits im unmittelbaren Vorgänger der wehrhafte Oberheld mit später Einsicht zum Thema Selbstjustiz, ist jetzt Secret-Service-Agent und darf als solcher wieder ungetrübt holzen, dass die Luzie kracht. das Konzept von Teil 2, mehrere Protagonisten durch „Zufallsbegegnungen“ zusammenzuführen, verfolgt DeMonaco hier weiter und abermals macht es sich dramaturgisch durchaus bezahlt. Auch in Bezug darauf, dass das etwas schale Konzept maßloser Wutschürung beim Publikum mit zur basalen Funktionalität des Gesamtkonstrukts gehört, ändert sich nichts. Jedenfalls genießt man es als Zuschauer unweigerlich, wie zwei durchgedrehte, völlig aus dem Ruder gelaufene Gören (Brittany Mirabile, Juani Feliz) in Schulmädchenuniformen und greller Maskerade rigoros von einem Kleinbus plattgefahren werden. Unser in punkto Suggestion bewusstermaßen nicht unbegabter auteur lässt aber auch überhaupt keinen Zweifel daran, dass ihnen dies absolut zu Recht widerfährt. Ich nehme an, wenn die NFFA wirklich mal die US-Wahlen gewinnt und das Purgen eingeführt wird, ist James DeMonaco der Erste, der sich heimlich eine bizarre Verkleidung überstreift und Schulmädchen jagt. Einfach, weil sie es nicht besser verdienen, diese frechen, kleinen Mistkäfer.

5/10

GRAVE

Zitat entfällt.

Grave (Raw) ~ F/BE/I 2016
Directed By: Julia Ducournau

Die behütete Justine (Garance Marillier), zeitlebens Vegetarierin, tritt in die Fußstapfen ihres Vaters (Laurent Lucas) und beginnt, wie ihre große Schwester Alexia (Ella Rumpf) zuvor, Veterinärmedizin zu studieren. Immerhin ist Alexias Anwesenheit vor Ort insofern hilfreich, als dass die albernen bis abartigen Initiationsriten der höheren Semester Justine nicht ganz unvorbereitet treffen. Überhaupt gestalten sich die ersten Tage an der Uni nicht eben einfach für die noch sehr mädchenhafte Justine. Einer der Professoren gibt ihr zu verstehen, dass er „Streberinnen wie sie“ verabscheue; Alkohol, Drogen und hemmungslose Promiskuität unter den KommilitonInnen sind ihr in solch farbenfroher Praxis unbekannt, ihren selbstbewussten, schwulen Mitbewohner Adrien (Rabah Nait Oufella) indes findet sie zunehmend anziehend. Als sie im Zuge einer der Radikalaktionen für die Neuankömmlinge gezwungen wird, rohe Kaninchennieren zu essen, reagiert ihr Körper zunächst höchst allergisch. Damit nicht genug, entwickelt Justine plötzlich ein inniges, suchtähnliches Verlangen nach rohem Fleisch und warmem Blut. Für Alexia sind derlei ungewöhnliche Triebe zu Justines Überraschung nichts Neues…

Dass „Grave“ einer der besten jüngeren Horrorfilme ist, lässt sich schon seit Längerem mehrerorts nachprüfen. Nach der Betrachtung kann ich diese Einschätzung nur nachdrücklich bekräftigen. Nicht nur, dass Julia Ducournaus intelligentes Kinodebüt von seiner dezidiert femininen Perspektivierung profitiert, verleiht es dem zuletzt ja wieder etwas revitalisierten Kannibalen-Topos im Genre neue Impulse und gibt berechtigte Hoffnung zu der Annahme, dass die belgofrankische Hardcore-Welle nach doch noch nicht ganz abgeebbt ist. Vor allem entpuppt sich „Grave“ sehr schnell als luzide Satire auf den Habitus der Generation der um zwanzigjährigen Studierenden „von heute“: Auf bekümmernde Weise entpolitisiert, hedonistisch bis ins Mark, instinktiv enthemmt bis zur Schmerzgrenze, führt uns Ducournau eine scheinliberale peer group junger Erwachsener vor, die Anarchie mit „Jackass“-Humor verwechselt und gesellschaftliche Rebellion mit unkontollierter Intoxinierung, dabei jedoch ganz im Gegensatz zu ihren phrasenhaften Dogmen bloß für eine gezielt uminterpretierte Form von Uniformiertheit und Gleichförmigmachung steht. Selbst Adriens stets wichtig-apostrophiert gelebte Homosexualität scheint vielmehr ein Ausdruck antibourgeoiser Revolte zu sein als eine echte Herzensangelegenheit. Sowohl von der gängigen Schönheitsnorm abweichende Mitmenschen als auch Verweigerer der gezielten Deprivation der Jungstudierenden landen ganz am unteren Ende der Hierarchie und sind somit gezwungen, ein langfristig freudloses Außenseiterdasein zu führen. Ein leicht übergewichtiges Mädchen (Danel Utegenova) gibt Justine auf der Damentoilette Tipps zum effektiveren Übergeben; die Justine wegen ihres Ausschlags behandelnde Ärztin (Marion Vernoux) erzählt ihr von dem schlimmen Los einer stark adipösen Kommilitonin. Da sind berüchtigte Kommissstrukturen nicht mehr weit – und dass innerhalb der selbsternannten intellektuellen Elite von morgen.
Es geht in dem nebenbei exzellent inszenierten „Grave“ also weniger um das zunächst Offensichtliche, – anthropophagische Gelüste also, – denn vielmehr um die alte, allgegenwärtige teenage angst, sich der Aufstellung normativer Maßregeln stellen zu müssen. Dass das Ganze einen dann doch noch geflissentlich mit der Phantastik liebäugelnden Abschluss erhält, der zudem nach einer potenziellen Fortsetzung schielt, sei Ducornau als kleines Zugeständnis an die Gattungsstrukturen nachgesehen.

9/10

ELLE

Zitat entfällt.

Elle ~ F/BE/D 2016
Directed By: Paul Verhoeven

Michèle Leblanc (Isabelle Huppert) ist um die 50, Managerin bei einem kleinen Computerspieleentwickler in Paris und scheint, abgesehen von einigen privaten Makeln, weitgehend zufrieden zu sein mit ihrem Leben. Als sie eines Tages in ihrer Wohnung von einem maskierten Mann überfallen und vergewaltigt wird, legt sie das Ereignis fast beiläufig ad acta. Zwar unternimmt sie ein paar prophylaktische Maßnahmen für den eventuellen Wiederholungsfall, belässt es ansonsten jedoch bei einem Bericht des Einbruchs gegenüber ihren engsten Freunden. Michèle möchte vor allem mediale Aufmerksamkeit vermeiden, die ihr bereits dadurch droht, dass ihr Vater, der vor Jahren einen religiös motivierten Massenmord begangen hat, aktuell ein neues Gnadengesuch einreicht. Auch sonst befasst sich Michèle unweigerlich mehr mit den kleinen Unannehmlichkeiten, die sie umgeben: Ihr Ex-Mann (Charles Berling) nimmt sich eine wesentlich jüngere Freundin (Virginie Efira), der gemeinsame Sohn (Jonas Bloquet) bekommt sein Leben nicht auf die Kette und schlittert stattdessen geradewegs in eine unmögliche Beziehung, was in ähnlicher Form auch für Michèles Mutter (Judith Magre) gilt. Der Einbrecher lässt Michèle derweil nicht in Ruhe; stattdessen entdeckt sie seine Identität, fühlt sich dadurch angeregt und betreibt fortan ein einvernehmliches Spiel mit ihm.

Wenn ich so nachschaue, für welche Preise Verhoevens jüngster Film im Rennen war und welche davon er abgeräumen konnte, denke ich etwas wehmütig an die Zeiten zurück, als er als europäisches enfant terrible in Hollywood wütete, dort mit den Konventionen spielte, sie auf den Kopf stellte und von Preisverleihern jedweder Couleur allerhöchstens mit der Kneifzange angefasst worden wäre. Diese Ära scheint mit „Elle“ nun endgültig und unwiderruflich beendet zu sein; Verhoevens dritter Film nach seiner Rückkehr in die alte Welt („Steekspel“ habe ich noch immer nicht gesehen) zeigt einen gesetzten, erwachsenen – böse Zungen würden sagen: domestizierten – Filmemacher, der stark auf die 80 zugeht und sich den einstmals betont exponierten Umgang mit Schamhaaren und Innereien nunmehr altersgemäß verkneift. Stattdessen liefert er eine, seinem nach wie vor makellosem Können entsprechend virtuos inszenierte, verschmitzte Dijan-Adaption, die als Porträt einer im besten Sinne „modernen“, selbstbewussten Frau in der Mitte ihres Lebens porträtiert. Michèle Leblanc, von einer Isabelle Huppert gespielt, die (ohne, dass man es ihr ansähe) tatsächlich rund 15 Jahre älter ist als ihre Figur, wird so ziemlich mit allem konfrontiert, was eine böse midlife crisis so begünstigen könnte: Vergangenheit und Gegenwart prügeln gleichermaßen stakkatoartig auf sie ein; ausnahmslos jeder Mensch aus ihrem beruflichen und privaten Umfeld trägt mittelschwere bis gewaltige Persönlichkeits-/und/oder Beziehungsprobleme vor sich her, vom nerdigen Software-Entwickler aus ihrer Firma über die Familienmitglieder bis hin zu ihrem Nachbarn Patrick, der sich sexuelle Befriedigung nur dadurch verschaffen kann, dass er Frauen „mit Gewalt nimmt“. Da sich Michèle glücklicherweise auch von Patrick angezogen fühlt, steht einem entsprechenden „Arrangement“ nach dessen Enttarnung nichts mehr im Wege, von der objektiven Außenwahrnehmung desselben abgesehen, wie sich gegen Ende zeigen soll. Michèle steht inmitten all dieser inneren und äußeren Konfliktsituation so lässig wie ein Fels in der Brandung, sie lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen und kommentiert die Geburt ihres „Enkels“, eines im wahrsten Sinne offensichtlichen Kuckuckseis mit aller gebotenen, urfranzösischen Lakonie. Ebenjene Lakonie ist wohl überhaupt die größte Stärke dieses Alterswerks eines Regisseurs, der eine Menge an tollwüstem Zeug gefilmt hat und es ganz zu Recht nicht mehr für notwendig befindet, sich oder gar sein Publikum unnötigen Aufregungen auszusetzen. Immerhin – ein ausgesprochener Moralapostel wird Verhoeven in diesem Leben wohl nicht mehr.

8/10

THE GIRL WITH ALL THE GIFTS

„If I had a box of bad things I’d put you in it and close the lid.“

The Girl With All The Gifts ~ UK/USA 2016
Directed By: Colm McCarthy

Nachdem eine Zombie-Seuche die Welt weitgehend entvölkert hat, arbeiten überlebende Wissenschaftler, allen voran Dr. Caldwell (Glenn Close), fieberhaft daran, ein Gegenmittel zu finden. Dabei behilflich sind ihnen Kinder von vor der Niederkunft infizierten Müttern, die sie gefangennehmen und zu Untersuchungszwecken eingesperrt haben. Eines dieser Kinder ist die etwa zehnjährige Melanie (Sennia Nanua), ein sehr liebenswertes, überaus intelligentes Mädchen, das mit dem Makel leben muss, von einem tödlichen Fressinstinkt heimgesucht zu werden, sobald es lebendes Fleisch riecht. Melanie kennt nur die Abschottung ihres kargen Gefängnisses, ihre Kontakte sind die sie bewachenden Soldaten, die emotionale Lehrerin Helen (Gemma Arterton) und die sie rein als Objekt wahrnehmende Caldwell. Als die Forschungsbasis von den Zombies überrannt wird, kann ein kleine Gruppe fliehen, darunter Caldwell, Helen, der Soldat Parks (Paddy Considine) und Melanie. Während das Mädchen mehr und mehr das Vertrauen der Gruppe gewinnen kann, bleibt Caldwell ihr gegenüber skeptisch. Als sie in London auf die Ursache der Seuche stoßen, eine gewaltige Pflanze, die infiziöse Sporen absondert, findet Melanie ihre wahre Bestimmung.

Mit Zombie-Filmen, insbesondere mit den im Shutter-Modus flitzenden Wutzombies, wie sie einst Danny Boyle mit „28 Days Later“ eingeführt hat, ist das so eine Sache. Spätestens mit jener forcierten Kinetisierung hat der Zombie als mediale Sagengestalt den endgültigen Sprung ins Videospielzeitalter vollzogen und sich seither durch eine gewaltige Schwemme unterschiedlichster Subgenre-Variationen so dermaßen exponiert, dass der gesamte Topos bis in seine letzten Winkel ausgeleuchtet und so um jedwedes finale Geheimnis beraubt wurde. Der Zombie der Ära Romero, ehedem ein Symbol für garantiert nicht jugendfreies Nischenkino, ist nach seinen finalen Kulminationspunkten in den Neunzigern mit Jacksons „Braindead“ und Soavis „Dellamorte Dellamore“ längst zum familienkompatiblen Massenkulturgut avanciert, das sich selbst in TV-Serials großflächiger Beliebtheit erfreut, sogar bei Menschen, die in seinem Angesicht vor dreißig Jahren noch verächtlich die Mundwinkel verzogen hätten. Zombie darf heute jeder. Umso schwieriger scheint es angesichts dieses Exklusivitätsverlusts, dem Sujet noch interessante Seiten zu entlocken. Den ersten Domestizierungsversuch eines Zombies gab es bereits 1985 in „Day Of The Dead“, einem der Meisterwerke des just verstorbenen George A. Romero. Darin versuchte ein über seine ehrbaren Ambitionen hinaus durchgedrehter Wissenschaftler, einen gefangengenommenen Untoten zu rezivilisieren, verschaffte ihm sogar einen Namen („Bub“) und damit zugleich eine Persönlichkeit. Freilich forderten jene Anstrengungen gleich mehrere hohe Preise. Melanie in „The Girl With All The Gifts“ ist eine direkte Nachfahrin von Bub, wenn man so will, seine Enkeltochter. Als freundliches, kleines Mädchen mit einem gewaltigen Handicap ist sie die Vorbotin einer neuen Zombie-Generation, pränatal infiziert, vernunftbegabt, vor physischen Verfallserscheinungen geschützt, trägt sie die Fackel ihrer Spezies in eine neue Ära und dreht den unsäglichen Spieß, unter dem sie ihr bisheriges, kurzes Leben zu leiden hatte, schließlich im wahrsten Sinne des Wortes um. Dass dies in McCarthys Film nicht nur symbolisch geschieht, verschafft ihm einen zusätzlichen Wert, insbesondere auf der Subgenreebene. Und das ist heuer durchaus ein Verdienst.

8/10