IN A VALLEY OF VIOLENCE

„I can’t let you do this.“

In A Valley Of Violence ~ USA 2016
Directed By: Ti West

Deserteur Paul (Ethan Hawke) kommt mit seiner treuen Hündin Abby in das Städtchen Denton. Nachdem er Gilly (James Ransome) dem großmäulig pöbelnden Sohn des hiesigen Sheriffs Martin (John Travolta) eine faustdicke Lektion erteilt hat, hält dieser ihn an, die Stadt schnellstmöglich zu verlassen und nie mehr zurückzukehren. Paul, der Ärger vermeiden will, tut, wie ihm geheißen. Doch Gilly und seine drei tumben Genossen verfolgen Paul, überfallen ihn auf seinem Nachtlager unter freiem Himmel, ermorden Abby und lassen auch Paul vermeintlich tot zurück. Für diesen gibt es nun kein Halten mehr. Er geht zurück nach Denton und rechnet mithilfe der jungen Hotelbewirtschafterin Mary-Anne (Taissa Farmiga) trotz der baldigen Verhandlungsbereitschaft des Sheriffs gnadenlos mit den Schurken ab.

Ti Wests Jüngster ist also ein Western. Filmplakat, Titelsequenz und Musik geben rasch Aufschluss darüber, dass „In A Valley Of Violence“ auch und vor allem eine Hommage darstellt – insbesondere eine an die Italo-Ableger der Gattung nämlich. Jene beschränkt sich allerdings auf die staubtrockene Atmosphäre des den Film einrahmenden Libretto und die schweigsame, bierernste Vorgehensweise des Helden. Von tarantionesken (Grindhouse-) Mätzchen wie exzessive Zooms oder künstlich eingefügte Staubkörnchen bleibt man glücklicherweise verschont. Punkt für West. Dass er, wie man es von seinen Arbeiten gewohnt ist, die Farbgebung seiner Bilder gezielt entkräftet und die gesamte Photographie somit etwas blass dastehen läst, ist eben seine persönliche Kreativentscheidung, für die als Freund diesbezüglicher Klotzereien nich nicht allzu viel übrig habe.
Toll ist natürlich die Rachegeschichte. Im Gegenzug für den Tod eines liebenswerten Hundes fünf Männer ins Jenseits zu schicken, das hat Schneid und ist nach meinem Dafürhalten ein überaus verständliches Motiv für eine knackige Vigilantenparty. Zumal die putzige Abby hier noch deutlich herziger eingeführt wird als der Welpe, dessentwegen vor zwei Jahren „John Wick“ Russenmafioso-Leichen anhäufte. Aber bei dem war’s ja sowieso eher das Auto. Ethan Hawke als nicht ganz makelloser Racheengel mit trüber Vorgeschichte ist jedenfalls klasse und selbst der nicht immer gut verträgliche Travolta lässt sich diesmal als holzbeiniger Sheriff und Erziehungsversager durchweg amtlich an.
Flott, knackig, heftig. Eine recht runde Angelegenheit.

7/10

TRAPPED

„Up here, I am the law!“

Trapped ~ USA 1982
Directed By: William Fruet

In einem kleinen Appalachen-Dorf hat der Trapper und Schwarzbrenner Henry Chatwill (Henry Silva) uneingeschränkt das Sagen. Dass sein Mini-Regime längst despotische Züge angenommen hat und er sich selbst über eine eigene Rechtsprechung stellt, nehmen seine Nachbarn mehr oder weniger zähneknirschend hin. Als seine Frau (Gina Dick) ihn ausgerechnet mit einem lokalen Polizisten betrügt, begeht Chatwill mit der volltrunkenen Hilfe einiger der Dörfler wutentbrannt Lynchjustiz. Davon werden wiederum der auf einem Ausflug befindliche Student Roger (Nicholas Campbell) und seine Freunde Zeugen. Für Chatwill ist umgehend klar: Wenn er die jungen Leute laufen lässt, geht es ihm an den Kragen…

Überraschend amtlich geratener und straight erzählter Backwoods-Thriller mit einer schönen Hauptrolle für den kantigen Henry Silva, der mit allerlei diebischem Genuss das – natürlich sämtliche denkbaren Klischees durchlaufende – Hinterwäldlerarschloch gibt. Tatsächlich beherrscht er allein durch seine bedrohliche Präsenz den gesamten Film und Fruet, der Silva entsprechend inszeniert, weiß auch sehr wohl darum. Überhaupt gelingt es ihm, aus der im Prinzip auf ein eher unbehauenes Terrorszenario setzenden Storyprämisse einen durchweg packenden Ausflug in die filmisch bereits damals hinlänglich porträtierte amerikanische Para-Zivilisation der Hillbillys zu unternehmen. Dass man sich aus kleinen, stadtfernen Ansiedlungen, speziell solchen in den wilden Appalachen, als aufgeklärtes Gesellschaftsmitglied besser fernhält; diese Lektion erteilt „Trapped“ dennoch mit einiger frischer Vehemenz. Zusätzliche Spannung bezieht die Geschichte aus dem familiären Konflikt Chatwills – der Gute hat nämlich noch zwei Geschwister: eine durchaus bodenständige Schwester (Barbara Gordon), die den zunehmenden Kaiserwahn ihres Blutsverwandten mit wachsendem Argwohn beobachtet sowie einen Bruder (John Rutter), der als ortsamtierender Sheriff Henrys Machenschaften abseits der Legalität zuverlässig deckt. Dass aus dieser dysfunktionalen Familienkonstellation langfristig nichts Gutes erwachsen kann, wird recht schnell offensichtlich und damit auch die alsbald um sich greifende Explosivität der Situation.

7/10

I AM WRATH

„Find ‚em, kill ‚em.“

I Am Wrath (Rage – Tage der Vergeltung) ~ USA 2016
Directed By: Chuck Russell

Der Angestellte Stanley Hill (John Travolta) kehrt von einem Bewerbungsgespräch zu seiner Frau Vivian (Rebecca De Mornay) in Ohio zurück. Noch am Flughafen wird Vivian ermordet – scheinbar im Zuge eines gewöhnlichen Raubüberfalls. Doch Stanley ahnt, dass dahinter viel mehr stecken muss. Allzuu nachlässig die Polizeiarbeit bezüglich des Verbrechens, allzu verdächtig Vivians den Plänen des Gouverneurs Meserve (Patrick St. Sprit) entgegenstehendes Engagement als Umweltlobbyistin, den geplanten Bau einer teuren Pipeline betreffend. Für Stanley, ehemals Mitglied der Special Forces und entsprechend geschult und ausgestattet, gibt es von jetzt an nurmehr den privaten Weg: Gemeinsam mit seinem alten Freund Dennis (Christopher Meloni) und allerlei Feuerkraft pflügt er sich zielstrebig durch die Reihen der Unholde bis hin zu ihrem Kopf.

Ein trauriges Beispiel verkommen(d)en Talents. Dass ich den Travolta ab ’94, sozusagen den von Tarantino reaktivierten, kaum mehr leiden mag, ist ein rein privat gefärbtes Problem; was jedoch der spärliche Arbeiter Chuck Russell, der vor knapp drei Dekaden immerhin den grenzbrillanten „A Nightmare On Elm Street Part 3: The Dream Warriors“ inszenierte, hier nach einer abermals langen Pause vorlegt, das gefällt mir beinahe noch weniger. „I Am Wrath“ hängt sich an die jüngst recht erfolgreich gelaufene, kleine Selbstjustizler- und Vigilantenwelle, die mit Antoine Fuquas „The Equalizer“ sogar einen durchaus amtlichen Beitrag liefern konnte. Das Sujet, wie es hier aufbereitet wird, hat jedoch nurmehr was von einem in der hinteren Kühlschranksektion vergessenen Stinkkäse. Unter einem ernsthaft motivierten, engagierten Rächer stelle ich mir jedenfalls keinen nur Stunden nach dem Gewalttod seiner geliebten Frau angesichts erster Racheerfolge herumfeixenden Typen vor, der sich eigentlich bloß freut, einen Grund zu haben, in sein früheres, heißgeliebtes Metier als Attentäter zurückzukehren. Doch nichts Anderes präsentiert uns dieser Film. Die großen Rächerfiguren des Kinos der siebziger und achtziger Jahre hatten, bei all ihrer kontroversen Vorgehensweise, zumindest Eines stets gemeinsam: Sie waren destabilisierte, aus den Fugen geratene, traurige Einzelgänger, auf die nach „erfüllter Mission“ wahlweise der Tod, die große Leere oder zunehmend realitätsferne Sequels warteten. Nicht so Stanley Hill – der findet es ziemlich funky, was er da tun muss bzw. tut und hat jede Menge schlechten Spaß dabei. Der auslösende Faktor, also die brutal erdolchte Gattin, scheint relativ schnell der Bedeutungslosigkeit anheim zu fallen. Und diese penetrante Disharmonie findet sich wird weder als ironische Genrereflexion aufbereitet noch als clevere Drehbuchfinte, sondern verbleibt schlicht unangenehmer Subton.
Russell regiert den lückenhaften Film entsprechend ratlos und unbeteiligt und lässt seinen hamsterbackigen Alttänzer, dessen Antlitz mich nebenbei unentwegt auf sonderbar-unheilvolle Art an den Arnold-Dummy aus der Autoaugenoperationsszene in „The Terminator“ denken ließ, mal machen. Ich derweil war froh, als ich endlich durch war und mich endlich wieder Gehaltvollerem zuwenden konnte.

3/10

DIO, SEI PROPRIO UN PADRETERNO!

Zitat entfällt.

Dio, Sei Proprio Un Padreterno! (La Pistola) ~ I/F 1973
Directed By: Michele Lupo

Unter einigem Medienecho kehrt der berühmte Mafiaboss Frankie Diomede (Lee Van Cleef), genannt „Frankie Dio“ aus den USA zurück nach Genua, um das Geschäft in der alten Heimat wieder selbst in die Hand zu nehmen. Konkurrent Louis Annunziata (Jean Rochefort) bemächtigt sich nämlich systematisch und unbarmherzig Diomedes Organisation und Aktiva. Selbst ein kluger Rachetrick, der der Ausschaltung von Annunziatas Kompagnon Joe Sciti (Mario Erpichini) gilt, schlägt fehl: Diomede muss ins Gefängnis. Glücklicherweise landet er dort just mit seinem größten Bewunderer, dem Kleinganoven Tony Breda (Tony Lo Bianco), der ihn anhimmelt wie einen Filmstar. Allein Bredas Geschick und unbedingter Loyalität ist es schließlich zu verdanken, dass der bald allein dastehende Diomede aus dem Knast entkommen, über die Grenze nach Marseille fliehen und Annunziata dort aushebeln kann.

Das ist doch mal was für Vatters Sohn. Zwar ist Lupos Verbundenheit zur actionlastigen Komödie allseits präsent, dennoch schlägt er immer wieder den Bogen zum unerbittlichen Gangsterfilm, was eine auf den ersten Blick eigenartig anmutende, letztendlich jedoch passgenau Mischung feilbietet. Riz Ortolanis Musik verdeutlicht diese beiden Gegenpole durch zwei Hauptthemen, eins ist im gutgelaunten Ragtime-Stil gehalten, das andere kommt als funkiger Seventies-Pop, wie er repräsentativ für das italienische Kino ist, um die Ecke. Der leicht verschmitzte Halunke, den Van Cleef so gern und regelmäßig im Italowestern gab, ist auch in Frankie Dios Persona noch enthalten, allerdings vermengt er sich mit dem gnadenlosen Capo, der, was seine private Agenda angeht, keinesfalls mit sich spaßen lässt und knüppelhart zu Werke geht. Ähnliches gilt für seine Konkurrenz, deren Vorgehen Frankie Dios Aggressionspotenzial erst zur Gänze entfesselt. Tony Lo Bianco als etwas schmieriger Maulaffe, der in seinem Heimatviertel besonders als Aufschneider populär ist, bildet dazu ein hervorragendes Gegengewicht – als eine Art liebenswerter Eulenspiegel liegt ihm trotz all seiner Bewunderung (er hat ein riesiges Poster von Frankie Dio an der Wand seiner Wohnung) für das organisierte Verbrechen nichts ferner als ernste Gewaltanwendung. Als er nach einer der formidabelsten Verfolgungsjagden des gesamten Kinojahrzehnts im Showdown, den Frankie Dio schon aufgrund seiner privaten Motivation praktisch allein bestreitet, einem Widersacher in die Beine schießt, ist er völlig entsetzt über seine Aktion und somit faktisch geheilt von allen bisherigen kriminellen Umtrieben. Edwige Fenech als Tonys Freundin hat erwartungsgemäß die Hauptaufgabe, ihre physischen Reize zu demonstrieren, Romano Puppo gibt Annunziatas rechte Hand; der klotzbirnige Claudio Undari ist als Bohrmaschinenkiller an Bord und Joe D’Amato als Co-Dp. Ich glaube, allein dieses Personal spricht Bände.

8/10

WILD THING

„White coats scramble your eggs. White coats zap your power station.“

Wild Thing (Asphalt Kid) ~ USA 1987
Directed By: Max Reid

Nachdem seine Hippieeltern getötet wurden weil sie zuvor selbst unliebsame Zeugen eines Mordes geworden sind, bleibt dem kleinen Sohn (Robert Bednarski) nur die Flucht nach vorn. Wie durch ein Wunder überlebt das Kind und wird in einem New Yorker Slum von der verrückten Vagabundin Leah (Betty Buckley) aufgezogen. Im Laufe der Jahre wird „Wild Thing“, wie der zu einem stattlichen jungen Herr avancierte Großstadt-Tarzan bald gerufen wird, zu einer urbanen Legende. Doch besitzt Wild Thing keine übermenschlichen Fähigkeiten; er hat nur keinerlei Schulbildung, dafür jedoch etwas gegen Ungerechtigkeiten, kommt gern Schwachen zur Hilfe und ist körperlich gut beieinander. Als die Sozialarbeiterin Jane (Kathleen Quinlan) ins Viertel kommt, verliebt Wild Thing sich in sie. Doch da sind auch immer noch die feigen Mörder seiner Eltern: der Gangsterboss Chopper (Robert Davi) und der korrupte Cop Trask (Maury Chaykin)…

Mit dieser mitten im Herzen von New York spielenden Tarzanade ist Scriptautor John Sayles ein kleines Wunderwerk geglückt. Da Auteur Sayles zwar immer wieder gern (oftmals augenzwinkernde, tolle) Gernrefilme schrieb, deren Inszenierung jedoch stets anderen überließ, ging die Regie von „Wild Thing“ dann auch an einen gewissen Max Reid, der es selbst auf nur drei Arbeiten in diesem Fach brachte. Das Resultat ist ein hier und da mit der Bizarrerie liebäugelndes, alles in allem überraschend eigenständiges Werk, das es in dieser spezifischen Form einzig in den Achtzigern gegeben haben konnte. Im fortgeschritten Zeitalter der Yuppies und Broker gehen Sayles und Reid geradewegs an die Kehrseite, ins allerunterste Subprekariat, wo die Ärmsten der Armen und die Ausgestoßenen der Gesellschaft hausen, Menschen, die sich im Straßenverkehr als Toreros betätigen oder sonstwie dem sozialangepassten Verstand abgeschworen haben, deren Gliedmaßen wegfaulen, weil sie keine Krankenversicherung besitzen, Säufer und Junkies sowieso. Inmitten dieser Parallelwelt, dieses verzerrten Großstadtdschungels, wäre, gemäß Sayles‘ bezwingender Prämisse, auch der rechte Platz für einen postmodernen Tarzan. So transportiert insbesondere die origin von Wild Thing eine ganze Menge von der eines typischen Comiccharakters; der Junge entwickelt im Laufe der Jahre katzenhafte Reflexe und Fähigkeiten, lebt in leerstehenden Wohnungen und Verschlägen, auf Dächern und in der Kanalisation, hat eine Punkfrisur und benutzt gern eine Art Kriegsbemalung. Wie sein triviales Vorbild bei Burroughs verzichtet er, insbesondere infolge seines Kindheitstraumas, auf verbale Kommunikation und bezieht sein kompaktes Weltbild von seiner Ziehmutter Leah: Cops sind Blauröcke und Mediziner sind Weißröcke und keiner von beiden Spezies darf man trauen, denn sie arbeiten für „die da oben“. Mit der Ankunft Janes, deren Rollenname natürlich nicht zufällig gewählt ist, beginnt für Wild Thing die langsame Hinführung zu seinem sozialen Umfeld – Verständnis, Vertrauen, auch Zärtlichkeit und Sex, kurz, die Menschwerdung. Dass diese nicht ohne Tücken ist, zumal noch jene alte, schwelende Rechnung beglichen werden muss und die Sensationsmedien sich auf ihn stürzen wie auf ein neues Weltwunder, auch das gehört zur Chose. So wie Wild Thing in sein Viertel, das die Nächte unter seiner Obhut deutlich entspannter begehen kann.

8/10

THE ANNIHILATORS

„Those guys are meaner than I thought.“

The Annihilators (City Commando) ~ USA 1985
Directed By: Charles E. Sellier Jr.

In Vietnam waren sie die besten Freunde: Die fünf G.I.s „Sarge“ Bill (Christopher Stone), Garrett (Lawrence Hilton-Jacobs), Ray (Gerrit Graham), Woody (Andy Wood) und Joe (Dennis Redfield). Über die Jahre ist der Kontakt dann eingerostet. Woody, der damals zum Krüppel geschossen wurde und seitdem im Rollstuhl sitzt, hilft seinem Vater (Sid Conrad) bei der Führung seines kleinen Gemischtwarenladens in einem Slum von Atlanta. Dort reißen die Gangs nach und nach alles an sich, vor allem der superfiese Jagger (Paul Koslo) und seine Truppe, die „Royboys“. Als Joe eines Tages kurzerhand von Roy Boy erschlagen wird, weil er sich weigert, das fällige Schutzgeld zu bezahlen, wird Sarge hellhörig. Er trommelt die alte Truppe zusammen, bildet vor Ort eine Bürgerwehr und zeigt den Royboys, wo der Hammer hängt.

Nicht nur fast zeitgleich zu Michael Winners drittem Film der „Death Wish“-Reihe entstanden, sind auch die sonstigen Analogien der beiden Filme mehr denn augenfällig: Ein Kriegsveteran rächt den Tod eines wehrlosen, ermordeten Kameraden, dessen Viertel, in dem vornehmlich brave Senioren leben, von skrupellosen Banden drangsaliert wird. Es entsteht ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, den die Polizei stillschweigend abnickt in der Gewissheit, dass hier eine Miliz schlicht mehr auszurichten vermag denn die an ihre Paragraphen gebundenen Ordnungskräfte. Wer hat hier wohl bei wem abgeschaut? Dass die deutsche Synchronbesetzung zudem beinahe exakt dieselbe ist, hebt beide Filme in ihren hiesigen Fassungen nochmals auf eine eminente Parallelebene.
Immerhin datiert der US-Start von „The Annihilators“ ganze zehn Monate vor „Death Wish 3“. Letzten Endes spielt das aber keine große Rolle, Winner ist ohnehin der lautere, grellere, überzogenere und letztlich wesentlich nachhaltigere Film gelungen, in dessen seltsamer Parallelwelt die Mär vom Racheengel fürderhin noch sehr viel konsequenter durchgespielt und zu Ende fabuliert wird. Bis nach Korea reicht die Freundschaft der in „The Annihilators“ reaktivierten Herren zudem nicht zurück, sondern „lediglich“ bis Vietnam, zudem müssen hier ein ganzes Quartett an der Ausrottung der asozialen Elemente arbeiten (immerhin mit Christopher Stone als federführendem Organisator), wo Bronson ja längst gewohnheitsmäßig und nunmehr bloß in größerem Stil als bis dato zu vigilantieren hat. Die gewalttätigen Elemente werden in „The Annihilators“ vergleichsweise moderat im Zaum gehalten, wobei sich dies primär auf deren offene Visualisierung bezieht. Ansonsten ist die Bedrohung, die von Paul Koslo und seiner Clique ausgeht, schon recht vehement spürbar und insofern  der Motivation der Veteranen zweckdienlich. Somit alles in allem ein recht ordentliches companion piece zu einem ohnehin populären Klassiker.

5/10

PAURA IN CITTÁ

Zitat entfällt.

Paura In Cittá (Stadt in Panik) ~ I 1976
Directed By: Giuseppe Rosati

Nachdem eine mehrköpfige Gruppe von Gefängnisinsassen rund um Bandenchef Lettieri (Raymond Pellegrin) ausbricht und zunächst sämtliche potenziellen Belastungszeugen und Informanten ermordet, wird der wegen seiner rüden Methoden suspendierte Commissare Murri (Maurizio Merli) zurück in den aktiven Dienst geholt – ganz zum Unwillen des Polizeipräsidenten (James Mason), der den nun aufziehenden Ärger bereits im Vorhinein wittert. Und tatsächlich: Murri verfolgt jeden Kriminellen, dessen Fährte er aufnehmen kann, mit unbarmherziger Härte und betätigt sich vor Ort stets noch gleich als Richter und Henker in Personalunion, dem es egal ist, ob sein Duellant keine Patronen mehr hat oder sich gar ergibt. Murri folgt einer sehr persönlichen Agenda, denn seine Frau und seine kleine Tochter wurden einst zu unschuldigen Opfern seines Privatkrieges gegen das organisierte Verbrechen. Mithilfe von Laura (Silvia Dionisio), der Nichte des gemeinsam mit Lettieri geflohenen Senioren Masoni (Cyril Cusack), kommt Murri den Gangstern, die einen Geldtransportzug überfallen wollen, schließlich auf die Spur.

Ob als Tanzi, Betti oder eben Murri: Verbrecher, die es im Poliziottesco mit Maurizio Merli zu tun bekamen, war kein Entkommen mehr beschieden. Der wegen seiner Beerbung der Hauptrolle im dritten „Zanna Bianca“-Film häufig zu Unrecht als kleinformatigeres Substitut von Franco Nero gehandelte, viel zu früh verstorbene italienische Schauspieler bildete stets eine verlässliche Bank im harten italienischen Polizei-Actioner. Darin gab er regelmäßig den am US-Vorbild Harry Callahan angelehnten Kommissar, dessen sorgsam frisierten Schnorres und unter einem Pfund Haarlack ruhenden, rotblonden Schopf selbst der bedrohlichste Clinch nicht aus der Form zu bringen vermochten, der (seine private) moralische Rechtsprechung stets über die staatliche stellte und der im Regelfalle erst zu schießen und dann zu fragen pflegte. Die unmissverständliche Korrektheit von Merlis selbstjustiziellem Aktionismus wurde dabei nie in Frage gestellt und ergab sich a priori durch das noch weitaus schlimmere, diabolische Vorgehen seiner Widersacher, extremer Gewaltverbrecher ohne einen Funken Menschlichkeit an Leib oder Seele. Merli formulierte und symbolisierte damit auch den Reaktionismus des italienischen Kleinbürgertums, das an Brigate Rosse, Anarchisten wie Feltrinelli oder anderen linksradikalen Bewegungen kein Interesse hatte und sich starke Männer herbeiwünschte, die das hoffnungslos korrumpierte System grauhaariger Bürokraten ohne politphilosophischen Ballast von innen heraus bekämpfen sollten. Aus Murris unverhohlen faschistisch geprägten Grundsätzen macht „Paura In Cittá“ keinen Hehl, formuliert sie stattdessen sogar luzid im Dialog; er wird zum harten Heilsbringer stilisiert, zum rechten Mann am rechten Platze. Wenn er seine hilflosen Gegner voller Genugtuung hinrichtet, dann geschieht dies auch unter der gezielt evozierten Abnickung des Publikums, das seinen Hass auf Kriminelle unverhohlen teilt. Die entsprechende Weise, dass so ein harter Mann auch wenig tun muss, um das schwache Geschlecht zu becircen, lässt Rosati ebensowenig außen vor: Silvia Dionisio kann gar nicht anders als vor Murri dahinzuschmelzen. Während er sich ungerührt eine von seinen gefühlt dreihundertsiebenundneunzig Marlboros ansteckt und einen VAT 69 einschenkt (ein Wunder fast, dass es kein Fernet Branca ist, denn für diesen macht der Film auf beinahe schon groteske Weise in jeder zweiten Einstellung Schleichwerbung), zieht die Dionisio vor ihm einen heißen Strip ab. Am Ende rennt sie ihm wie ein Groupie nach und verspricht, für ihn das Kochen zu lernen.
Ja, „Paura In Cittá“ muss man zu nehmen wissen. Dann bekommt man aber auch was ganz Tolles im Gegenzug für die investierte Zeit.

8/10