REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10

Werbeanzeigen

SEQUESTRO DI PERSONA

Zitat entfällt.

Sequestro Di Persona (Die Mafia-Story) ~ I 1968
Directed By: Gianfranco Mingozzi

Francesco Marras (Pierluigi Aprà), dessen Vater (Ennio Balbo) auf seiner Heimatinsel Sardinien große Ländereien besitzt, wird eines Tages im Beisein seiner Freundin Christina (Charlotte Rampling) von einer Gruppe Briganten entführt. Während Christina, die von außerhalb kommt und mit den Verhältnissen auf Sardinien nicht vertraut ist, sich an die Polizei wenden will, halten der alte Marras und Francescos bester Freund Gavino Surgiu (Franco Nero), ebenfalls Sohn eines Großgrundbesitzers, sie an, die Füße stillzuhalten. Dennoch reagiert sie überstürzt, natürlich, ohne ein entscheidendes Ergebnis zu erzielen. Bevor Marras das geforderte Lösegeld zahlen kann, stirbt Francesco schließlich bei einem Unfall. Für Gavino, der längst an einen mächtigen Drahtzieher im Hintergrund glaubt, gibt es nurmehr einen Weg, diesen zu entlarven – er muss sich selbst kidnappen lassen…

Ausnahmsweise nicht in Neapel oder Sizilien angesiedelt, wird in „Sequestro Di Persona“, einem recht früh entstandenen Vertreter des italienischen Politthrillers auch keine der gängigen Bezeichnung für die diversen Mafia-Clans erwähnt. Deren Arbeitsweise und das Machtgefüge mitsamt seiner wohlfeil orchestrierten Hierarchie jedoch verdeutlicht Mingozzis Film von der Pike auf. Als Marionettenspieler gibt sich relativ rasch der saubere Bankier Osilo (Frank Wolff) zu erkennen; ein ehrenwerter Herr, der sich weder durch seinen Habitus noch durch undurchdachte Bemerkungen verrät, obwohl jeder um seine Praktiken weiß. Osilo arbeitet mit den Briganten zusammen, die sich naiverweise wiederum selbst als Klassenkämpfer und moderen Robin Hoods wähnen: Während diese für ihren Auftraggeber, organisierte Verbrecher, die Drecksarbeit übernehmen, die Kidnapping-Aktionen durchführen, als Sündenböcke fungieren und anschließend einen Bruchteil der eigentlich überantworteten Werte erhalten (die eben wesentlich in den für Dumpingpreise an Osilo verschleuderten Ländereien bestehen), macht der feine Geschäftsmann, der das große Geschäft in der Tourismusbranche wittert, den wesentlichen Reibach. Allerdings geht „Sequestro Di Persona“, der noch ein wenig dem Duktus des Italowestern huldigt, die realistischere, resignante Perspektive der späteren, linken Systemkritiker von Damiano bis Rosi ab: Hier holen sich die Betrogenen und Geschändeten am Ende ihr Recht zurück, verbünden sich gegen den Feind und servieren diesen im Zuge einer ganz puristisch geplanten Lynchjustizaktion ab. Dass oder ob Osilo Teil einer weiterreichenden Befehlskette war, der Krieg also weitergehen wird, erfahren wir nicht mehr.
Charlotte Rampling, damals gerade süße 22 und schön wie der junge Morgen, hat derweil als unbedarfte Christina den Auftrag, gemeinsam mit uns, dem Publikum, als Außenstehende die regionalen Strukturen zu erforschen und zu begreifen, nebst der ernüchternden Erkenntnis, dass diese in ihrer archaischen Kausalität bereits seit Jahrhunderten Bestand und Wirksamkeit haben. Dass sie damit nicht besonders gut zurechtkommt, sei ihr zugestanden.

7/10

SUNDAY IN THE COUNTRY

„Nice of you fellas to drop by. Nothin‘ like good as a Sunday in the country.“

Sunday In The Country (Killing Machine) ~ CAN 1974
Directed By: John Trent

Ackerman (Cec Linder), Dinelli (Louis Zorich) und Leroy (Michael J. Pollard), drei flüchtige, überaus gefährliche Bankräuber, von denen besonders der soziopathische Leroy das Schießeisen locker sitzen hat, wollen sich auf der abgelegenen Farm des alten Adam Smith (Ernest Borgnine) eine Ruhepause gönnen. Smith, der hier allein mit seiner Enkelin Lucy (Hollis McLaren) und seinem Gehilfen Luke (Vladimír Valenta) lebt, weiß jedoch um die Gangster und dass sie bereits vier Menschen auf dem Gewissen haben. Entsprechend vorbereitet ist Smith, als das Trio bei ihm aufläuft: Dinelli wird ohne Vorwarnung erschossen und Ackerman und Leroy angekettet. Auf die verzweifelten Vernunftsplädoyers Lucys, die die Ganoven, wie es sich gehört, der Polizei übergeben will, hört Adam nicht – für ihn gilt auf seinem Land nur sein persönliches Recht.

Im „Death Wish“-Jahr 1974 und in bester Tradition zu Peckinpahs „Straw Dogs“ entstand dieses bärbeißige, sorgfältig inszenierte Selbstjustiz-Drama, das den Teufel tut, eine vorgefertigte Moralposition einzunehmen. Stattdessen gibt er dem möglicherweise unvorbereiteten oder gar etwas unbarfterem Zuschauer allerhand zu knabbern. Der aufgrund der wie immer beklagenswerten, prekären ökonomischen Situation der einfachen Farmer ohnehin stark frustrierte Witwer Adam Smith hat im Alltag nur wenig zu lachen. Smith ist überhaupt noch einer vom alten Schlag, der sich 130, 140 Jahre zuvor auch als Pionier und frontierman gut gemacht hätte. Ob er Kriegsveteran ist, erfahren wir nicht eindeutig, aber es liegt nahe. Seine Tochter hat ihn aus ebensowenig luziden Gründen einst sitzen lassen, geblieben ist ihm nur noch seine Enkelin, die zur High School geht und ihm im Haushalt aushilft. Von der liberalen Haltung der jungen Generation hält Smith ebensowenig wie von Studium und Bildung; körperliche Betätigung sei Gotteswerk, sagt er einmal. Dass Smith die biblische Devise „Aug‘ um Aug‘ und Zahn um Zahn“ nicht minder ernst nimmt, erfahren die drei Bankräuber bald an Leib und Leben: könnte man zunächst annehmen, es stünde ein gewohnheitsmäßiger Home-Invasion-Plot ins Haus, an dessen Ende erzwungene Befreiung und Rache stehen, findet man sich bald eines Besseren belehrt. Das kriminelle Trio bekommt gar nicht erst die Möglichkeit zur Haustyrannei, so schnell liegt der erste von ihnen mit einem biertablettgroßen Einschuss im Leib vor der Veranda. In der Folge entspinnt sich dann ein ganz unerwarteter Konflikt, der zwischen Großvater und Enkelin, zwischen Alt und Jung, zwischen Hart und Weich, zwischen Frustration und Naivität, zwischen reaktionärem Konservativismus und liberaler Philanthropie. Wer am Ende den Streit nach Punkten für sich entscheidet, bleibt dem Zuschauer überlassen. Recht behalten beide. Wobei sich zumindest eine Partei zumindest nach sozialbasalen Maßstäben auch dem Unrecht überantwortet.
Leider ist „Sunday In The Country“ nicht bekannter. Ernest Borgnine gibt eine bravouröse Performance ab als irgendwo zwischen bravem Landbürger und sadistischem Totschläger befindliches, menschliches Fragezeichen, Michael J. Pollard genießt es wie gehabt, als fieser, bösartiger Gnom aufzutrumpfen und wenngleich die Kanadierin Hollis McLaren keine zweite Sissy Spacek ist, so macht sie doch einen mehr denn soliden Job. Von John Trent gibt es leider nur noch sechs weitere Filme, von denen ich noch keinen kenne. Das sollte sich ändern.

8/10

NON HO SONNO

Zitat entfällt.

Non Ho Sonno (Sleepless) ~ I 2001
Directed By: Dario Argento

Siebzehn Jahre nachdem in Turin der sogenannte „Zwergenkiller“ sein Unwesen trieb, der mehrere Frauen auf dem Gewissen hatte, beginnt eine neue Mordserie nach analogem Muster. Der mittlerweile retirierte Polizeibeamte Moretti (Max von Sydow), der den von ihm untersuchten, damaligen Fall abgeschlossen glaubte und mit einer beginnenden Demenz sowie Herzproblemen zu kämpfen hat, nimmt sich eher zum Unwohlsein der Offiziellen erneut an. Gemeinsam mit dem jungen Giacomo (Stefano Dionisi), dessen Mutter (Francesca Vittori) zu den einstigen Opfern des Mörders zählt, kommt er dem offenbar mitnichten toten Gewaltverbrecher immer dichter auf die Fersen.

Sein erster Film im neuen Jahrtausend führte Dario Argento wieder weg vom barocken Überschwang seiner zuletzt inszenierten Leroux-Verfilmung „Il Fantasme Dell’Opera“ und zurück zu alten Giallo-Leisten, wie sie ihm in den siebziger Jahren, so etwa im Zuge seiner „Tier-Trilogie“, seine mit erfolgreichsten Meriten eintrugen. Entsprechend vielleicht seiner eigenen, wachsenden Anzahl an Lebensjahren zentriert Argento als Haupthelden einen körperlich wie geistig etwas angeschlagenen Kriminaler, den Max von Sydow absolut maßgeschneidert als leicht kauzigen, grauen Fuchs mit Papagei als privatem Ansprechpartner und Lebensgefährten interpretiert. Das übrige Darstellerpersonal lässt sich derweil relativ problemlos vernachlässigen, wie auch die gewohntermaßen etwas umständliche (und, seien wir ehrlich: mäßig interessante) Auflösung, die von Sydows Charakter leider erst gar nicht mehr miterleben darf, kein unbedingtes Qualitätstopping markiert.
Doch, und auch das hat bei Argento Tradition, ist ohnedies der Weg das eigentliche Ziel: Der ruchlos-brutale Aktionismus des Killers, gleich mehrere psychologische Aufarbeitungen der Vergangenheit, ein zu Unrecht beschuldigter Haupttäter. Für das anno 01 im Vergleich zu den Siebzigern deutlich langweiliger ausfallende Zeitkolorit kann Signore Argento nichts, damit hat er sich ebenso zu arrangieren wie sein Publikum. Dass derweil zahlreiche seiner glühendsten Verehrer den Maestro nach „Non Ho Sonno“ bereits abzuschreiben gedachten, mag ich nicht begreifen. Urplötzlich erging man sich in akribischer Suche nach Logiklöchern, monierte Zähig- und Beliebigkeiten, als sei Argento in der Vergangenheit der ungeschlagene Schwergewichtsweltmeister plausibler Narration gewesen. Vor Meisterwerken wie „Tenebre“ müsse „Non Ho Sonno“ zu Staube kriechen, hieß es da etwa – was ich für keine faire Einordnung halte, sondern lediglich als einen weiteren Beweis dafür erachte, dass gerade die selbsternannten „größten Genrefans“ oftmals Ewiggestrige sind.

7/10

DEATH WISH

„How did faith work out for those people?“

Death Wish ~ USA 2018
Directed By: Eli Roth

Der Chicagoer Chirurg Paul Kersey (Bruce Willis) muss während einer seiner Nachtschichten im Hospital feststellen, dass ausgerechnet seine Frau Lucy (Elisabeth Shue) und seine Tochter Jordan (Camila Morrone) Opfer eines Raubüberfalls wurden. Während Jordan im Koma liegt, stirbt Lucy an ihren Verletzungen. Obwohl der ermittelnde Polizist Raines (Dean Norris) dem zutiefst erschütterten Kersey versichert, dass sein Fall sich aufklären werde, verliert der Mediziner bald die Beherrschung: Eine zufällig in seine Hände geratene Handfeuerwaffe wird zum Helfershelfer bei seinem ersten Auftritt als von den Medien flugs „Grim Reaper“ getaufter Vigilant, dem noch einige folgen sollen, zumal Kersey bald sie Spur ebenjener Verbrecher aufnimmt, die seine Lucy auf dem Gewissen haben…

Einer Angelegenheit bin ich mir zunehmend sicher: Wenn man sich als Rezipient auf einen neuen Film von Eli Roth einlässt, dann sollte einem im Vorhinein bewusst sein, dass gewiss abermals kein sophistisches Feuerwerk auf einen wartet, sondern gewohnt deftige Genrekost von einem durchaus kinokulturbeflissenen Routinier, der weiß, was seine Fans sehen wollen, der aber wohl noch besser weiß, was er selbst zu sehen wünscht. Seinem Werk exponenziell komplexe Gedankenkonstrukte zu unterdtellen oder ihm analytische Anstrengungen zu widmen, könnte sich unter Umständen als immerhin gut gemeinte Redundanz erweisen. „Death Wish“, Roths zweites Remake eines bereits verfilmten Stoffs in Folge, unterfüttert dies mit einiger Vehemenz. Wo das Original von Michael Winner mit im Vergleich hierzu geradezu akkurater psychoanalytischer Anstrengung die Verwandlung eines linksiberalen, bis dato zeitlebens pazifistisch eingestellten amerikanischen Großstadt-Bourgeois in einen sich als Vigilant exponierenden Serienkiller darlegte, lässt Roth geradezu dumpf konnotiertes Actionkino vom Stapel. Auch wenn Bruce Willis mal ein Tränchen kullern lässt – dass er unter immensem emotionalen Druck steht, wie Charles Bronson es seinerzeit noch so nachdrücklich zu vermitteln vermochte, nimmt man ihm zu keiner Sekunde wirklich ab. Vielmehr scheint sein von Sprücheklopfereien flankierter, von sadistischen Zügen geprägter Rachefeldzug sehr viel eher eine Entsprechung seiner tatsächlichen Persona zu sein, die eben nur ein passendes Ventil brauchte, um sich zu entladen. Da sind dann eher eindeutige Rückbezüge auf die vier folgenden Bronson-Sequels erschließbar, die ja einem ganz ähnlichen, sich von Film zu Film mehr und mehr verselbstständigenden Metarealismus frönten. Ob hier ferner Paul Kersey nächtens unterwegs ist, um Blutzoll zu fordern, oder John McClane, das spielt für eine Charakterisierung des Protagonisten letztlich überhaupt keine Rolle mehr – der Vigilantenfilm als Subgenre ist ohnehin längst viel zu facettenreich durchexerziert worden und allzu etabliert, um noch groß um den heißen Brei herumzueiern. Das letzte fehlende Indiz dafür offenbart sich in der gezielten Suche nach und Konfrontation mit den Gangstern, die sich, natürlich „hierarschisch“ entdeckt und abserviert, als unverbesserliche Bösewichte entpuppen und deren Tilgung aus der Gesellschaft somit hinreichend legitimiert ist.
Zwar ist der 2018er-„Death Wish“ nun nicht der große, reaktionäre Waffen-Lobbyisten- und Trump-Film, als den ihn bereits Einige im Vorhinein zu denunzieren versuchten (dafür ist er nämlich viel zu statisch und traditionsbewusst inszeniert und vorsichtig im Umgang mit dem 2. Verfassungs-Zusatzartikel), er ist aber, gerade in Anbetracht der jüngsten, teilweise sehr viel besseren Rächerfilme, auch überhaupt nichts Besonderes. Vielleicht ist gerade jene liderliche Vernachlässigung eines eigentlich verpflichtenden trademark das Enttäuschendste an diesem Film.

6/10

YOU WERE NEVER REALLY HERE

„I want you to hurt them.“

You Were Never Really Here (A Beautiful Day) ~ USA/UK/F 2017
Directed By: Lynne Ramsay

Joe (Joaquin Phoenix), traumatisierter, einsamer und überaus verschrobener Militärveteran, erledigt Aufträge für reiche Leute, die unter Druck stehen oder sich selbst die Hände nicht schmutzig machen wollen. Jene führen ihn regelmäßig in die urbane Unterwelt und lassen ihn die Schattenseiten der Gesellschaft bezeugen. Sein aktueller Job sieht vor, Nina (Ekaterina Samsonov), die kleine Tochter des Senators Votto (Alex Manette), aus den Fängen von Zuhältern zu befreien. Nach Beendigung der Mission findet Joe sich unmittelbar höchstselbst in der Schusslinie wieder, Votto, seine Mittelsmänner und sogar Joes Mutter (Judith Roberts) werden brutal ermordet. Offenbar ist Nina das „Lieblingsmädchen“ eines perversen Gouverneurs (Alessandro Nivola), der sie umgehend wieder zurückentführen lässt. Doch Joe lässt sich auch von einer vermeintlichen Übermacht nicht aufhalten.

Dass Lynne Ramsay sich gern gewaltaffiner Topoi annimmt ohne Gefahr zu laufen, sie als reines Genrematerial zu exponieren oder gar Exploitation-Elemente in ihre Inszenierung einfließen zu lassen, weiß man spätestens seit ihrem finsteren Mutter-/Sohn-Drama „We Need To Talk About Kevin“. In „You Were Never Really Here“ tritt Joaquin Phoenix mit dichtem Vollbart und schwer vernarbt an Leib und Seele in die Fußstapfen legendärer, psychotischer Kino-Einzelgänger wie Travis Bickle und des Profis Léon, die sich ja ebenfalls anschickten, frühpubertäre Mädchen vor den langen Fingern der Hölle zu bewahren oder sie ebendiesen zu entreißen und zu jenem Zwecke selbst zu Halbgöttern der Vergeltung zu werden.
Hier bleibt die Beziehung zwischen entgleistem Loner und Schutzobjekt jedoch vergleichsweise vage, so wie auch die immer wieder in Flashbacks reproduzierte Vergangenheit Joes sich nicht ohne Weiteres decodieren lässt [es lässt sich schlussfolgern, dass er als Kind (Dante Pereira-Olson) von seinem Vater (Jonathan Wilde) unter anderem mit seltsamen Luftanhalte-Exerzitien gequält wurde, warum bleibt jedoch vage]. Nutzte Travis Bickle dereinst seinen kleinen Feldzug gegen den Zuhälter Sport als Ventil für seinen unbändigen Hass auf eine entgleiste Gesellschaft, bildete eine unschuldige Liebesgeschichte das Motiv für den Berufskiller Léon, sich gegen einen korrupten Polizeiapparat zur Wehr zu setzen. Bei Joe scheint es eher eine Art urplötzlich getriggerter Beschützerinstinkt zu sein, die ihn abermals zu seiner Lieblingswaffe, einem Baumarkt-Hammer, greifen lässt. Dabei hält sich Ramsay strickt daran, ihre Geschichte einem möglichen Kunstkino-Publikum bloß nicht durch krassen Naturalismus zu vergällen; Vorgehensweise und Effekt von Joes missionarischem Eifer lassen sich zwar erahnen und am Bildrand nachvollziehen, bleiben jedoch durch exaltierte Montage und ästhetische Zurückhaltung weitestgehend dem Imaginationsradius des Rezipienten überlassen. Damit gliedert sich Ramsay zwar rein inhaltlich dem just wieder kräftig bedienten Segment des Einzelgänger- und Rächerfilms an, probiert jedoch eine formal weitaus weniger einschlägige Anordnung jenes Themas. Leider konnte ich mich infolge dessen nie ganz des Eindrucks erwehren, mit „You Were Never Really Here“ das etwas schal ausgeführte Experiment eines für heimliche Hochnasen aufbereiteten Exploitationstoffs ansichtig zu sein. Ob und inwieweit diese natürlich vage Annahme Ramsays Film gerecht wird, vermag ich nicht zu sagen. Sicher ist, dass er durchaus ansehnlich geriet, aber gleichfalls zu eigenbrötlerisch, abstrakt und verkopft, um etwas wirklich Nachdrückliches bei mir auszulösen.

7/10

EIÐURINN

Zitat entfällt.

Eiðurinn (Der Eid) ~ IS 2016
Directed By: Baltasar Kormákur

Der in einem Hospital von Reykjavík tätige Chirurg Finnur (Baltasar Kormákur) ist völlig vernarrt in seine ältere Tochter Anna (Hera Hilmar), die ihm jedoch seit einiger Zeit mehr und mehr entgleitet. Anna pflegt eine Beziehung zu dem Kleindealer Óttar (Gísli Örn Garðarsson), der nicht nur Beziehungen zur Unterwelt pflegt, sondern auch Anna offensichtlich immer wieder mit Rauschmitteln versorgt. Finnur versucht alles, um das Mädchen von Óttar loszueisen, unter anderem setzt er einen anonymen Anruf bei der Polizei ab, die im Zuge einer Wohnungsdurchsuchung sämtlichen Stoff bei Óttar beschlagnahmt. Als der selbst zusehends unter Druck geratende Kriminelle eine Entschädigung für den erlittenen Verlust verlangt und Finnurs Familie bedroht, entwickelt der sich mehr und mehr in seine Aggressionen steigernde Arzt einen Plan, um Óttar endgültig verschwinden zu lassen…

Einer ganz ähnlichen Handlungsprämisse folgend wie der sehenswerte dänische Rachethriller „Underverden“, lässt Baltasar Kormákur seinen von ihm selbst interpretierten Protagonisten keinen Feldzug gegen die gesamte Unterwelt unternehmen (wobei auch „Eiðurinn“ zunächst diese Richtung einzuschlagen scheint), sondern belässt es bei einem gezielt durchgeplanten, qua aus der Not geborenem „Vergeltungskonzentrat“. Finnur weigert sich, das ohnehin allzu sehr mäandernde Leben seiner heißgeliebten Anna vollends in den Ausguss fließen zu lassen und kriminalisiert sich stattdessen zunehmend selbst. Seine Aktionen gegen den verhassten, immer weiter in die Enge getriebenen Óttar (den Kormákur zwar nicht völlig eindimensional, aber doch keinesfalls als potenziellen Sympathieträger dastehen lässt) werden immer entschiedener, die Gewaltspirale entfesselt sich. Schließlich verkehren sich die Vorzeichen; Óttar gerät in die zu allem entschlossenen Fänge Finnurs, der seinen dereinst geleisteten Hippokratischen Eid, der sich bekanntermaßen der Versicherung widmet, Leben unter allen Umständen zu schützen und zu bewahren, schließlich maßlos pervertiert, indem er seinen Gefangenen zunächst systematisch an den Rand des Todes treibt, um hernach einen öffentlichen Rettungsversuch auf dem OP-Tisch zu inszenieren, der jedoch nur misslingen kann. Finnur erweist sich daraufhin als intelligent und standfest genug, den Nachstellungen und Verdächtigungen der ermittelnden Polizisten zu trotzen, kann jedoch nicht verhindern, dass Anna, die Óttar inbrünstig geliebt hat, die Wahrheit in Erfahrung bringt. Seine Tochter hat Finnur damit endgültig verloren; sein Berufsethos entehrt und sich somit als sehr viel veritabler Verbrecher denn sein Opfer erwiesen.
Baltasar Kormákur, dessen filmkreativer Aktionsradius zwischen Hollywood und Island oszilliert, ist mit „Eiðurinn“ ein ungemein fesselndes Selbstjustizdrama gelungen, das vor allem von der eiskalten Kulisse des Inselstaats profitiert. Die der Aggressionsabfuhr dienenden Fahrradtouren Finnurs durch die kargen Landschaften außerhalb Reykjavíks erinnerten mich an Dumonts „L`Humanité“; die Hauptfigur mit sich und ihren widerstreitenden Emotionen in gezielter, selbstgewählter Isolation. „Eiðurinn“ macht nicht viele Worte, verzichtt auf Geschwätzigkeit und lässt Bilder und Stimmungen für sich kommunizieren. Dass die ihm inhärente Spannung und die Ungewissheit, wie es für die Beteiligten ausgehen wird, das Publikum spielend bei der Stange halten, ist ganz Kormákurs Verdienst.

8/10