EVE’S BAYOU

„To a certain type of woman, I am a hero.“

Eve’s Bayou ~ USA 1997
Directed By: Kasi Lemmons

In den 1960ern lebt die zehn Jahre junge Eve Batiste (Jurnee Smollett) mit ihren Eltern Louis (Samuel L. Jackson) und Roz (Lynn Whitfield), ihren beiden Geschwistern, dem jüngeren Bruder Poe (Jake Smollett) und der älteren Schwester Cisely (Meagan Good) sowie der Großmutter (Ethel Ayler) in einem von Creolen-Nachfahren besiedelten, sumpfnahen Ort in Louisiana. Auch Eves bereits dreifach verwitwete Tante Mozelle (Debbi Morgan), die übersinnliche Fähigkeiten hat, ist ein festes Mitglied des Hausstands. Den Batistes geht es in materieller Hinsicht gut; Louis gilt als ein anerkannter Landarzt in der Region und wird von der afroamerikanischen Community vor Ort sehr respektiert. Doch binnen der eigenen vier Wände bröckelt das Idyll beträchtlich, Louis ist nämlich auch ein unverbesserlicher Schürzenjäger und Gigolo, der nicht allein medizinische „Behandlungen“ an seinen Patientinnen vornimmt. Eines Abends ertappt Eve ihn in der Scheune mit seiner Geliebten (Lisa Nicole Carson) und beginnt von diesem Tage an, den zuvor vergötterten Vater in einem anderen Licht zu sehen. Als die pubertierende Cisely später von einem ungeheuerlichen, nächtlichen Erlebnis mit Louis berichtet und zu Verwandten abreist, beschließt Eve, dem Leben ihres Vaters mittels Voodoo-Magie ein Ende zu setzen und wendet sich an die Hexe Elzora (Diahann Carroll)…

Amerikanische southern gothic tales haben, wenn sie mit dem nötigen Maß an Regionalromantik und Charakterempathie erzählt sind, stets etwas zutiefst Magisches. Klassischerweise von renommierten weißen Dichtern wie Bierce, Faulkner oder Williams ersonnen, fristen derweil die vornehmlich oder gar ausschließlich von people of colour berichtenden Geschichten – Toni Morrisons „Beloved“ kommt einem sofort in den Sinn – nach wie vor ein unverdientes Nischendasein. Eine ebenso prächtige wie berückende Filmausnahme bildet dieses Regiedebüt der zuvor als Nebenrollenschauspielerin aufgefallenen Kasi Lemmons, das, zugleich von ihr geschrieben, als elementares Spätwerk der New-Black-Cinema-Welle erachtet werden muss. Als eine Art afroamerikanisches Gegenstück zu Harper Lees „To Kill A Mockingbird“ und gleichermaßen ein Heimatfilm, zentriert „Eve’s Bayou“ die rückblickend aus ihrer sich sukzessive entzaubernden Kindheit erzählende Protagonistin Eve Batiste, deren Name auf den von der lokalen community verehrten Gründervater der Ortschaft zurückgeht. Wie einst die kleine Scout Finch hat auch Eve im Zuge eines schicksalhaften Sommers einige bittere Lektionen zu lernen, die sie auf Ab- und Umwegen ins unschuldsberaubte Erwachsenendasein tragen werden. Hier sind diese allerdings allerhöchstens indirekt mit Vorurteilen und Rassismus verknüpft. Zwar leben die Batistes ein wenig nach dem Vorbild weißer Dynastien des vorvergangenen Jahrhunderts, indem sie ihren Wohlstand außenwirksam leben und genießen, weißhäutige Menschen kommen in ihrem Mikrokosmos jedoch nicht vor, zumindest nicht, soweit es Eves kindliche Wahrnehmung anbelangt. Eve pendelt zwischen Frauen, zwischen ihrer gehörnten Mutter, ihrer mysteriösen, als verschroben geltenden Tante, ihrer alles zerredenden Großmutter und ihrer Schwester. Während Eve in ihrem Vater bislang ein von ihr abgöttisch idealisiertes Mannsbild sah, zerbricht diese Projektionsfläche bald in tausend Scherben, eine Erkenntnis, die sie auf zerstörerische Weise langfristig mit Desorientierung und Gewissenschuld belasten wird. Denn seine gesellschaftliche Stellung ist Louis Batiste wie vielen erfolgreichen Männern längst zu Kopf gestiegen. Von der Hybris übermannt, erachtet er seine permanenten außerehelichen Fehltritte, darunter selbst die offen zur Schau getragene Affäre mit der Gattin seines besten Freundes (Roger Guenveur Smith), als die lässlichen Streiche eines unverbesserlichen Filous, derweil zu Hause die Seelen seiner Liebsten bersten.
Lemmons nutzt diese Grundkonstellation zur Erzählung einer zu Herzen gehenden Coming-of-Age-Geschichte, die mit ihrer betont entklischierten Aufbereitung zig etablierte Hollywood-Klischees mit Füßen tritt und somit fast wie ein Stück aus einer Parallelrealität wirkt. Jede Figur erhält ihre Zeit, flankiert von verschrobenen Wegbegleitern wie der Voodoo-Magierin Elzora oder Mozelles mysteriösem, jüngsten Galan Julian Grayraven (Vondie Curtis-Hall), die vor allem den latenten, sanften magischen Realismus des Geschehens verstärken. Ein wunderbarer Film, der, nunmehr vierundzwanzig Jahre alt, einen Samuel L. Jackson noch ohne den typologischen Ballast der späteren Ära offeriert und auch sonst kein bisschen betagt wirkt.

8/10

THE GENERAL’S DAUGHTER

„You are running one lunatic base here!“

The General’s Daughter (Wehrlos – Die Tochter des Generals) ~ USA/D 1999
Directed By: Simon West

Just nachdem er in Georgia einen Undercover-Auftrag um illegale Waffenverkäufe auf etwas unkoventionelle Weise abhaken kann, wartet vor Ort schon der nächste Fall auf CID-Warrant-Officer Paul Brenner (John Travolta): Gemeinsam mit seiner alten Bekannten Sara Sunhill (Madeleine Stowe) soll er den Mord an Elisabeth Campbell (Leslie Stefanson) untersuchen, ihres Zeichens Captain in der PSYOP-Abteilung und pikanterweise Tochter des kurz zuvor retirierten Stützpunktkommandeurs General Campbell (James Cromwell), auf den bereits eine erfolgreiche Karriere in der Politik wartet. Brenner und Sunhill sehen sich einer Mauer des Schweigens gegenüber – nicht nur, dass jeder Soldat auf der Basis offensichtlich mehr weiß als sie und ihre Arbeit immer wieder torpediert wird, umgeben die Biographie des zu Lebzeiten zumindest oberflächlich so sympathischen Opfers diverse Unebenheiten. So scheint Elisabeth ein höchst promiskes Leben geführt, zugleich jedoch unter schweren Depressionen gelitten zu haben. Die Nachforschungen des Ermittlerpaars in Westpoint, wo Elisabeth ausgebildet wurde, fördern Unerhörtes zutage…

Das Hollywood-Kino insbesondere der neunziger Jahre liebt das US-Militär, auch, wenn die eigentlichen Kerntopoi des einen oder anderen Films sich in vermeintlich kritischer Weise äußern. Simon Wests „The General’s Daughter“ gibt dafür ein vorrangiges Exempel ab. In Kombination mit dem wildromantischen Ambiente des amerikanischen Südens reiht der Film eine visuelle Leckerei an die nächste: Die Optionen sonnendurchfluteter Bilder, feudaler Kolonialstilvillen, schnieker Uniformen, schneidiger, schöner SoldatInnen und einer Menge hochklassigen Schauspielpersonals vor der Kamera spornten den Regisseur zu ästhetischen Höchstleistungen an. Der die MeToo-Bewegung auf Army-Ebene antizipierende Plot kann jedoch ebenso wenig verhehlen, dass sich hinter all dem Gewese ein vollkommen gängiger Kolportagethriller im Uniformgewand, versetzt mit diversen campigen Elementen, abzeichnet, der sämtliche Stereotypen des (Sub-)Genres reichhaltigst füttert. Jede einzelne Figur ist angefüllt von wohlbekannten Klischees, die es dem Publikum vermutlich umso leichter machen sollen, die im Kern befindliche Story um die sukzessive Deklassierung erfolgreicher (und attraktiver!) Frauen im Militär zu schlucken. Diese bleibt dann auch gerade so empörend wie es die äußeren Umstände gestatten.
Nach „A Civil Action“ liefertTravolta indes wieder ganz die gewohnt coole Sau, die jedem potenzielen Widersacher ohne viel Federlesens einen passenden Spruch drückt und Bonmots und Oneliner abfeuert wie ein Maschinengewehr. Die von William Goldman cogescripteten Dialoge nehmen sich mitunter entsprechend anstrengend aus und geraten insbesondere in einer Wortduellszene zwischen Travolta und James Woods als hochverdächtigem Colonel zu einer nachgeraden Belastungsprobe für den Zuschauer. Echte Spannung zaubert „The General’s Daughter“ derweil nie aus dem Barett, bis hin zur dramaturgiebedingt naheliegenden Entlarvung des (primären) Täters und seiner spektakulären Selbstrichtung möchte der Puls nie über die gewohnte Frequenz hinwegsteigen. Erfreuen mag man sich eher auf die spitzfindige Art – an all der rigorosen Kalkuliertheit, die Filme wie dieser so einfältig wie selbstbewusst ausstellen.

5/10

NUEVO ORDEN

Zitat entfällt.

Nuevo Orden (New Order – Die neue Weltordnung) ~ MEX/F 2020
Directed By: Michel Franco

Just am Tage von Mariannes (Naian González Norvind) glamourös arrangierter Hochzeit probt das mexikanische Prekariat den landesweiten Aufstand: Schwer bewwaffnet und mit grüner Sprühfarbe ausgestattet greifen die Millionen von indigenen Armen die schwerreiche, vornehmlich europäischstämmige Oberschicht an, plündern und schrecken auch vor Mord nicht zurück. Das Militär nutzt derweil die Unruhen, um im Hintergrund kurzerhand eine Diktatur zu installieren, zu mordet und zu kidnappen. Ausgerechnet Mariannes soziales Gewissen wird ihr zum Verhängnis: Um der schwerkranken Frau (Analy Castro) ihres früheren Hausangestellten Rolando (Eligio Meléndez) eine lebensnotwendige Herzoperation zu ermöglichen, verlässt sie das Haus und gerät über Umwege in die Fänge der Junta. Mariannes mittlerweile in trügerischer Sicherheit befindliche, ahnungslose Familie erhält eine erpresserische Nachricht, zieht jedoch die völlig falschen Schlüsse…

Michel Francos dystopisches Drama rührte sein globales, vor allem jedoch das mexikanische Publikum in mannigfaltiger Weise an, wobei die ungerührt-trockene, teils dokumentarisch anmutende Inszenierung nicht selten für Verwirrung sorgte: Francos oberflächlich anmutender Verzicht auf jedweden politischen Kommentar riss diverse ZuschauerInnen dazu hin, „Nuevo Orden“ als neoliberales, rassistisches Manifest zu erachten, als warnenden Weckruf für die hellhäutigen Reichen, auf der Hut zu sein vor all dem, was im Lande außerhalb ihrer elitären alltäglichen Wahrnehmung so an Gefährdendem vor sich hin brodelt. Natürlich zielt eine derart plumpe Lesart im weiten Bogen an Francos tatsächlicher Agenda vorbei. Gewiss, sein von betonter narrativer Nüchternheit geprägter, bewusst spannungsarmer und dadurch doch nur umso realitätsnäherer Albtraum birgt tendenziöse Strickmuster, diese sind jedoch nicht mehr oder weniger als die unumwundene Spiegelung der realen Zustände. Der Mexiko prägende gesellschaftliche Separatismus indiziert einen immens fragilen sozialen Makrokosmos – eine „Mittelschicht“ ist dort noch weniger vorhanden als etwa in den Staaten der EU, Arm und Reich bilden klar voneinander abgegrenzte Fronten, die sich zudem durch ihre jeweilige ethnische Basis kennzeichnen. Hinzu kommen die organisierte Kriminalität mitsamt ihren filigran errichteten Hierarchien und ihrer immensen Gewaltbereitschaft sowie korrupte Staatsgewalten. Das von rund 130 Millionen Menschen bewohnte Land entspricht einem potenziellen Pulverfass und Michel Franco zeigt mittels knapper Erzählzeit lediglich eine mögliche Explosionsoption auf. Moralinsäure oder gar den erhobenen Zeigefinger erspart er sich dabei entgegen allen anderslautenden Unkenrufen; die in „Nuevo Orden“ geschilderten Ereignisse stehen vielmehr da als die grausigen, aber logischen Kausalauswüchse sich sukzessive selbst abschaffender sozialer Gerechtigkeit.

8/10

THE REINCARNATION OF PETER PROUD

„Most people in this world don’t even know who they are – and you wanna know who you were!“

The Reincarnation Of Peter Proud (Die Re-Inkarnation des Peter Proud) ~ USA 1975
Directed By: J. Lee Thompson

Der College-Professor Peter Proud (Michael Sarrazin) wird von bizarren Träumen heimgesucht, in denen er, im Körper eines anderen Mannes (Tony Stephano) steckend, offenbar Jahrzehnte zuvor im Oldtimer durch irgendeine neuenglische Stadt braust, mit verschiedenen Frauen Sex hat und schließlich von einer von ihnen, einer gewisse Marcia (Margot Kidder), während eines nächtlichen Schwimmgangs mit einem Bootsruder erschlagen wird. Da diese Schlaferlebnisse immer intensiver werden, ihn nicht loslassen und Peter sogar beginnt, im Schlaf mit einer fremden Stimme zu sprechen, sucht er sich prfessionelle Unterstützung unter anderem bei dem PSI-Forscher Samuel Goodman (Paul Hecht), der zwar ein offenes Ohr für Peters Nöte hat, ihm jedoch auch keine wirkliche Hilfe ist. Ein Fernsehbericht über Massachusetts liefert schließlich nähere Hinweise: Peter erkennt darin Gebäude aus seinen Träumen wieder. Deren reale Entsprechung findet er nach intensiver Suche vor Ort schließlich in dem Städtchen Massachusetts, das ihm dann auch den unheimlichen Rest offenbart: In Peters Seele hat sich der Geist des vor rund dreißig Jahren von seiner Gattin ermordeten Jeff Curtis eingenistet. Als Peter sowohl dessen Witwe Marcia als auch Curtis‘ Tochter Ann (Jennifer O’Neill) kennenlernt, bahnt sich ein Drama an…

Auf den Spuren von Hitchcock und zugleich ironischerweise den Hitchcocks Motive später wiederum vielfach aufgreifenden De Palma antizipierend wandelt „The Reincarnation Of Peter Proud“, einer der letzten Filme mit phantastischem Überbau des wie gewohnt bunt genreübergreifend arbeitenden J. Lee Thompson. Der um die obsessive Aufdeckung eines Wiedergänger-Mysteriums kreisende „Vertigo“-Topos spiegelt sich darin, variiert und auf nicht unspannende Weise alterniert: Diesmal findet der von seiner Suche zunehmend Besessene nicht die Doppelgänger-Entsprechung einer (durch ein Komplott) zu Tode gekommenen Liebschaft, sondern eine vormals von ihm selbst gelebten Existenz. Da wir uns im Horror-/Thriller-Fach bewegen, spielt auch in Peter Prouds dramatische Geschichte ein ungeklärter und vor allem ungesühnter Mordfall hinein, wenngleich ohne solch geschickte Verschleierungstaktiken wie im großen Vorbild.
Peters Suche nach seinem früheren Ich gestaltet sich zunächst dennoch ebenso assoziativ und zufallsabhängig wie die von Scottie Ferguson nach „seiner“ Madeleine; es erfordert eine Menge investigativer Aufwändungen, darunter eine Reise einmal quer über den Kontinent, vom sonnigen Kalifornien geradewegs in die Heimstatt des ehernen Puritanismus, um Konkretes über das vormals gelebte Leben des Jeff Curtis zu erfahren. Pikant wird es schließlich, als Peter sich in Curtis‘ und damit zumindest im metaphysischen Sinne zugleich in die eigene Tocher verliebt, mit ihr schläft und sie schließlich heiraten will; ein unheiliges, inzestuöses und moralisch unmögliches Band wird geknüpft. Was nicht sein darf, geschieht – und wiederum nicht ohne kosmische Konsequenz. De Palma untersuchte das Ganze nur ein Jahr später mehr oder weniger repetitiv auf ähnliche Weise in seinem – allerdings sehr viel kunstvoller, barocker und komplexer inszenierten – „Obsession“. Freilich schläft das Karma als universeller Rechtssprecher, womit wir nebenbei erneut bei Hitchcock wären, auch in „The Reincarnation Of Peter Proud“ nicht: In seinem Bestreben, den unseligen Geist des zu Lebzeiten promisken Ehebrechers und Erbschleichers Jeff Curtis ein für allemal loszuwerden, sucht Peter sämtliche Orte aus seinen Träumen auf, woraufhin diese ihn dann nicht länger heimsuchen. Als er mit jenem Ansinnen jedoch Curtis‘ verhängnisvolle Schwimmaktion nachstellt, ist die psychisch labile Marcia, die längst geblickt hat, dass der einst von ihr ermordete Jeff sie gewissermaßen in Peters Körper heimsucht und ihn nunmehr für die Blutschande an der gemeinsamen Tochter zu bestrafen trachtet, nicht fern. Der Schicksalskreis schließt sich unvermeidlich und der Rezipient wird hernach mit einem schön abgründigen Finale ins große Sinnieren entlassen.
Dass die Kidder drei Jahre zuvor in De Palmas „Sisters“ gespielt hatte und der Scriptautor Ehrlich sich den Vornamen mit „Homo Faber“-Autor Max Frisch teilt, sind übrigens bloß reine Koinzidenzen.

7/10

VOLCANO

„Oh shit! I’m outta here!“

Volcano ~ USA 1997
Directed By: Mick Jackson

Nach einem Erdbeben in der City von Los Angeles dringt vulkanisches Magma durch die offenen Risse und bahnt sich seinen Weg an die Oberfläche. Binnen Stunden entweicht der Lavastrom durch die Teergruben von La Brea und fließt danach als zäher, alles vernichtender Fluss den Wilshire Boulevard hinab. Der zufällig vor Ort befindliche Katastrophenschutzbeauftragte Mike Roark (Tommy Lee Jones) und die Seismologin Amy Barnes (Anne Heche) haben alle Hände voll zu tun, Stadt und Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Wie dort angedroht, nun also auch die mit der Betrachtung von Donaldsons Vulkanausbruchs-Epos „Dante’s Peak“ inspirierte Revision von dessen Konkurrenzproduktion „Volcano“. Tatsächlich bildet das doppelt bediente Katastrophensujet nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Filmen – auch in „Volcano“ sorgt ein überfürsorgliches Kind, nämlich Roarks Tochter (Gaby Hoffman) für schicksalhafte Unwägbarkeiten, die damit enden, dass der Held am Ende verschüttet wird (hier aber sogar gänzlich unversorgt geborgen werden kann). Ein putziges Hundchen kann dem Inferno auch in „Volcano“ auf den letzten Drücker entwischen und natürlich, auch dies jedem echten disaster movie unbedingt inhärent, verhindern Unkenntnis und sorglose Fehldiagnosen auf Seite der Verantwortlichen ein rechtzeitigeres Insistieren. Die heiße Suppe muss also abermals bei voller Temperatur ausgelöffelt werden. Wenngleich Jacksons Film ebenfalls voll ist von schönen Camp-Momenten, die das Schreckensszenario immer wieder mehr oder wenig freiwillig komisch durchbrechen und gelegentlich sogar ins Selbstparodistische abdriften, verliert „Volcano“ im Direktvergleich mit „Dante’s Peak“ doch relativ eindeutig. Wo Jackson seine gewaltige Zerstörungsorgie nie recht in den Griff bekommt und mit nicht selten an TV-Film-Ästhetiken erinnernden Formalia versucht, eine halbwegs realistisch anmutende Basis zu evozieren, pfeift Donaldson passend zur freidrehenden Prämisse gleich auf jedwede Form von Glaubwürdigkeit und investiert seine inszenatorische Energie stattdessen in eine technisch wesentlich perfekter arrangierte Zerstörungsvision sowie Suspense-Momente, von deren Intensität „Volcano“ bloß träumen kann. Dessen Script legt stattdessen einen konstant besonderen Wert auf die urbane Gemeinschaft, die in Extremsituationen an einem Strang ziehen und wie eine große Familie agieren muss, um sich gegen den dräuenden Untergang zu behaupten, was sich immer wieder durch heldenhafte Einzelaktionen verschiedener Figuren, die sich dann mitunter auch zu opfern haben, untermauert findet. Wo sich in „Dante’s Peak“ letzten Endes lediglich eine Patchwork-Familie gegen die entfesselte Natur zu behaupten hat, ist es in „Volcano“ – analog natürlich auch zum Schauplatz – die zweitgrößte Stadt der USA. Man könnte es wie folgt subsummieren: Jacksons Film will mehr, erreicht dabei aber deutlich weniger als der von Donaldson. Dennoch lohnt auch „Volcano“ für den Katastrophen-Aficionado; allein jene hochdramatische und klimaktische Szene, in der John Carroll Lynch buchstäblich hinwegschmilzt, ist aller Ehren wert, ebenso wie der wunderhübsch eklektische Einsatz von Randy Newmans „I Love L.A.“ zu den end credits.

6/10

THE NOVEMBER MAN

„Information is useless. We collect people.“

The November Man ~ USA/UK 2014
Directed By: Roger Donaldson

Fünf Jahre nach seiner offiziellen Pensionierung lässt sich der Ex-CIA-Agent Peter Deveraux (Pierce Brosnan) von einem alten Vorgesetzten Henley (Bill Smitrovich) für eine weitere Mission reaktivieren: Er soll seiner alten Bekannten Natalia Ulanova (Mediha Musliovic), die hochbrisante Informationen über den kommenden russischen Präsidenten Federov (Lazar Ristovski) besitzt, helfen, aus Moskau heraus und über die russische Grenze zu gelangen. Deveraux willigt ein, doch bereits vor Ort wird Natalia erschossen – ausagerechnet von Deveraux‘ früherem Auszubildenden David Mason (Luke Bracey). Deveraux kann jedoch noch rechtzeitig Natalias Handy sichern und stößt auf die Spur eines Mädchens namens Mira Filipova, das vor Jahren in engerem Kontakt zu Federov gestanden haben soll und um einige von dessen Geheimnissen weiß. In Belgrad trifft Deveraux auf die Flüchtlingshelferin Alice Fournier (Olga Kurylenko), die Mira vor Jahren zu einem Neuanfang verholfen hat, jedoch nicht um ihren Aufenthaltsort weiß. Gemeinsam begeben die beiden sich auf die Suche nach der verschwundenen Mira und müssen gleichzeitig vor CIA und FSB fliehen.

Mit „The November Man“ erhielt Pierce Brosnan die offensichtlich dankbar angenommene Option, seiner zwölf Jahre zuvor beendeten Bond-Karriere nochmal ein weiteres Agentenabenteuer nachsetzen zu können. Dass seine zweite Zusammenarbeit mit Roger Donaldson sich dabei wesentlich druckvoller und spannender ausnimmt als jeder von Brosnans immerhin vier Bond-Filmen, gerät dabei zum überaus angenehmen Nebeneffekt. Nun ist zwar auch „The November Man“ nicht eben das, was man als realitätsverhafteten Spionage-Thriller bezeichnen mag, – immerhin kreuzt er seinen wild fabulierenden, wiederum mit dem camp liebäugelnden Plot kurzerhand mit realen Begebenheiten (dem zweiten Tschetschenien-Krieg) -, gibt Brosnan dafür jedoch die Gelegenheit, einen deutlich kantigeren Spitzel abzugeben als ihm das seine stets ölig konnotierte Interpretation des vielbedienten Briten gestattete. Peter Deveraux arbeitet nämlich nicht für Ihre Majestät, sondern für die CIA und fällt damit schonmal in eine gänzlich andere Kategorie seiner Proefession, die in diesem Fall nichts mit Eleganz, Luxus und Martini-Lakonie zu tun hat, sondern mit dem schmutzigen Geschäft direkter politischer Einflussnahme der selbsternannten Weltpolizei. Deveraux ist bzw. war zwar ein Spitzenmann seines Fachs, diese Qualität äußerte sich jedoch darin, dass er sich besonders effektiv zeigte im Töten, Übervorteilen und Verraten, allesamt Aktivitäten, die nunmehr gegen ihn selbst eingesetzt werden, da er, wie sich herausstellen wird, unwissend als Lockvogel missbraucht und ausgerechnet von seinem eigenen ehemaligen Mündel (von dessen Übernahme Deveraux nach dem Tod eines kleinen Jungen einst abgeraten hatte) aufs Korn genommen wird. Gewissermaßen greift Donaldson damit auch die Antagonistenkonstellation von „The Recruit“ wieder auf, unter veränderten und weiterentwickelten Vorzeichen zwar, aber dennoch von diversen Beziehungsanalogien flankiert.
Rein auf seinen Plot bezogen ist „The November Man“ dabei weit weniger interessant denn in der Zeichnung und Konfrontation einerseits seiner Figuren und andererseits des internationalen Spionagegeschäfts. Agenten, Militärs und andere Regierungsfunktionäre kommen, ein festes Markenzeichen von Donaldson Œuvre bereits seit „Marie“ von 1985, bei ihm nie gut weg mit ihrer moralischen Verkommenheit, Korrumpierbarkeit und ihren Ränkespielchen, die stets und ausschließlich die persönliche Hybris sowie ein pervertiertes Machtideal befüttern.
„The November Man“ greift diese kleine Tradition wiederum auf und manifestiert sie zugleich; bisher letztmalig, da Donaldson seither leider keinen weiteren Spielfilm (sein letztes Engagement bildet eine Dokumentation über den Rennstallgründer Bruce McLaren von 2017) mehr betreute. Immerhin listet die imdb zwei derzeit in der Entwicklung befindliche Projekte.

7/10

COCKTAIL

„America, you’ve just been devoted to every flavor I got, but if you want to got loaded – why don’t you just order a shot?“

Cocktail ~ USA 1988
Directed By: Roger Donaldson

Frisch vom Militär entlassen, führt den ebenso selbstbewussten wie lebenshungrigen Brian Flanagan (Tom Cruise) sein erster Weg nach New York, wo er glaubt, dass Dreistigkeit und gutes Aussehen ihn bereits für ein veritables Yuppiedasein qualifizieren. Doch die harsche Realität sieht anders aus – ohne Studium oder Ausbildung gibt es auch keinen Bürojob. Also heuert Brian als Bartender in einer angesaften Bar an und lernt von seinem neuen Mentor Doug (Bryan Brown) in rasanter Geschwindigkeit alle Kniffe und Tricks des Jobs. Weniger erfolgreich ist er als Uni-Freshman; die höhnischen Bemerkungen seiner Professoren kontert er nicht minder schnippisch und kassiert die entsprechenden Noten. Seine wahre Berufung, das erkennt Brian nun, liegt in einer Karriere als Cocktailmixer. Doch aus dem Traum von einem gemeinsamen Laden mit Doug wird nichts, weil dieser es vorzieht, Brian die Untreue seiner versnobten It-Liebschaft Coral (Gina Gershon) zu veranschaulichen, indem er sie kurzerhand selbst flachlegt. Erbost jettet Brian nach Jamaika und jobbt dort in einer Strandbar, wo er die reizende Jordan (Elisabeth Shue) kennenlernt und sich in sie verliebt. Doch Brian muss nach wie vor erst noch lernen, erwachsen zu werden…

Wer nix wird, wird Wirt (alle ebentuell mitlesenden Gastronomen mögen mir dieses spitzfindige Bonmot verzeihen): Sein unauslöschliches Timbre als Zeitdokument atmet Roger Donaldsons „Cocktail“ bereits akut in der Font-Gestaltung seiner Titelsequenz – leuchtende Bar-Neonschrift bereitet das Publikum umfänglich auf die kommenden 100 Minuten Spätachtziger-Coming of Age vor. Der damals bereits zum Superstar und Sexsymbol avancierte Cruise subsummiert in seiner Figur als nicht allzu cleverer, irischstämmiger Dickkopf quasi nochmal sämtliche Erfolgsrollen der unmittelbaren Vorjahre, in denen er stets den schönheitsverwöhnten, inseltalentierten Hallodri gab, der seine wirklich eminenten Lebenslektionen wahlweise erst durch ältere Vaterfiguren oder durch herbe Schicksalsschläge, die sein jeweiliger Charakter indirekt verursachte, zu lernen hatte, um erst hernach auf dem verantwortungsvollen Pfad ehrfüchtiger Tugendhaftigkeit wandelnd sein weiteres Leben begehen zu können. Das kindhaft-arrogante Wesen seiner diversen so selbstgerechten Sonnyboys wich dann am Ende stets einem stabilen, erwachsenen alter ego, das nunmehr bereit war für die wesentlichen, amerikanischen Werte: Karriere, Beziehungsreife, Familiengründung.
„Cocktail“, der den entsprechenden Werdegang auf die üblich naive Erfolgsgeschichtenart konstruiert, wählt als Milieugrundierung das knallharte Business der Barkeeper und Cocktailmixer – für ein vollständiges urbanes Bild bekanntermaßen mindestens so wichtig wie Verkehrspolizisten, U-Bahn-Netze und öffentliche Toiletten. Auch in dieser Berufssparte, das versichert uns der Film gleich zu Beginn durch die putzige Kontrastierung mit Brians Onkel Pat (Ron Dean), der seit Ewigkeiten eine gleichermaßen bescheidene wie rustikale Oppa-Kneipe in Queens bewirtschaftet und jeden Cent zweimal umdrehen muss, ist nicht gleich jedermann zu Höherem geboren. Es sei denn eben, er sieht aus wie Tom Cruise, hat einen exzellenten Zahnarzt und serviert seine bunten Drinks in Verbindung mit improvisierter Barpoesie. Dummerweise kann Brian Flanagan auch jedes (weibliche) Wesen haben, das er will – eine Qualität, die sein Mentor Doug Coughlin, eine Art falsch abgebogene, ältere Version Brians, ihm zuvor noch als beruflich existenziell verordnet hatte. Eine gute Thekenkraft muss eben auch mal Gigolo sein können. Dass dies allerdings auf Sicht nicht glücklich machen kann, lernen sowohl Doug als auch Brian auf die harte Tour – letzterer nimmt sich schließlich gar frustriert das Leben, dessen er nie wirklich Herr zu werden vermochte. Die denkbar nachhaltigste Warnung für Brian, der erst jetzt erkennt, was wirklich entscheidend ist, nämlich die Frau, die man aufrichtig liebt (und die nebenbei bereits schwanger ist sowie noch ihrer eigenen, familiär geprägten Park-Avenue-Bonzensphäre zu entsagen hat) und eine eigene, schicke Kneipe, bezeichnend „Cocktails & Dreams“ getauft. Flankiert wird dieses Sommermärchen von Dean Semlers wohltemperierter, schöner Photographie, ansprechend karibischem Flair im Mittelteil und natürlich einer eigens komponierten Beach-Boys-Comeback-Single. Wohlan!

6/10

NICK OF TIME

„It’s loaded. It’s ready for the hunt. So are we.“

Nick Of Time (Gegen die Zeit) ~ USA 1995
Directed By: John Badham

Der alleinerziehende Buchalter Gene Watson (Johnny Depp) fährt mit seiner kleinen Tochter Lynn (Courtney Chase) in die L.A. Union Station ein. Kaum aus dem Zug gestiegen, werden die beiden von zwei mysteriösen Fremden, einem Mr. Smith (Christopher Walken) und einer Ms. Jones (Roma Maffia), abgepasst und zu deren Wagen gelotst. Ihre folgende Ansage ist kurz und bündig: Watson soll binnen der kommenden eineinviertel Stunden die Gouverneurin Eleanor Grant (Marsha Mason) erschießen, die sich mit ihrer gesamten Entourage gerade für eine Wahlkampfveranstaltung im Bonaventure Hotel befindet. Weigert er sich, muss Lynn sterben. Mit einer Waffe und einem Spenderausweis ausgestattet, wird der völlig überrumpelte Gene vor dem Hotel abgesetzt. Jeder Versuch, sich Hilfe zu verschaffen, endet für ihn zunächst in einem Fiasko – es stellt sich nämlich zunehmend heraus, dass selbst engste Vertraute von Governor Grant in das Mordkomplott verwickelt sind. Die Zeit wird derweil immer knapper…

„Nick Of Time“ firmiert rückblickend eher als kleine Fingerübung im Œuvre John Badhams und hat durch die Jahre vergleichsweise wenige Spuren hinterlassen. Als filmische Versuchsanordnung in Sachen Suspense, die sich offenkundig typische Noir- und Hitchcock-Topoi zum Vorbild nimmt, vermag der sich betont launig gebende Thriller tatsächlich auch nur in Teilen zu überzeugen. Das Script beschäftigt sich vorrangig mit der Verdichtung der Narration sowie deren Konzentration auf die Ort-/Zeit-Einheit und genehmigt sich dafür im Gegenzug immer wieder kleine, nebensächliche Schlampereien, die ein etwas präziser zu Werke gehender Autor möglicherweise umschifft oder zumindest eleganter aufgelöst hätte.
Die traditionsreiche Prämisse um den eher biederen, leicht gestressten, sich jedoch in weitgehender existenzieller Sicherheit wähnenden Bourgeois, der aus heiterem Himmel in eine kriminelle Affäre hineingerissen wird, sich innerhalb der veränderten Gegebenheiten zurechtfinden lernen muss, um dann am Ende über sein vormaliges bürgerliches Ich hinauszuwachsen, funktioniert indes auch in der vorliegenden Reprise noch recht gut. Deren, wohlbewusster, besonderer Reiz rekurriert primär aus der zu Beginn sehr rasch in Stellung gebrachten Antagonistenkonstellation Depp – Walken, beide just im Karrierehoch, die ihr Katz-und-Maus-Spiel mit geradezu diebischem Vergnügen ausagiert. Die zwei exzentrischen Herren scheinen mit ihrem jeweils ostentativen Habitus geradezu füreinander geboren, was die gemeinsamen Szenen zu kleinen Höhepunkten im sich ansonsten teils verlierenden Geschehen werden lässt.
Die Crux von „Nick Of Time“ besteht vor allem darin, dass sein vermeintlich so ausgeklügelter Plot förmlich dazu einlädt, nach möglichen Logiklöchern zu fanden und dass Badham ferner zu oberflächlich arbeitet, um diese mit seiner routinierten, nur wenige Glanzlichter setzenden Inszenierung stopfen zu können. Man sollte insofern bereit sein, neben der sich ohnehin günstig auswirkenden Sympathie für Regisseur und Hauptdarsteller viel Nachsehen und zugedrückte Hühneraugen mitzubringen – in diesem Falle lässt sich „Nick Of Time“ auch noch das eine oder andere abgewinnen.

7/10

SENNENTUNTSCHI

„Das isch der Dämon!“

Sennentuntschi ~ CH 2010
Directed By: Michael Steiner

In den Schweizer Alpen. Birgit (Birgit C. Krammer) und ihre kleine Tochter Bibi (Paula Marija) finden beim Pilzesammeln eine skelettierte Leiche. Den herbeigerufenen, skeptischen Polizisten berichtet Birgit dann von einer mysteriösen Kette von Ereignissen, die sich hier vor 35 Jahren abgespielt hat: Damals tauchte eine verwahrloste und stumme junge Frau (Roxane Mesquida) im naheliegenden Dorf auf, das der hiesige Pfarrer (Ueli Jäggi) sogleich in aller Öffentlichkeit für den just zuvor stattgefundenen Suizid seines Messners verantwortlich machte – das Mädchen wäre nämlich ein vom Teufel gesandter Dämon. Die abergläubische Dorfgemeinschaft stellt sich umgehend auf die Seite des Geistlichen, wobei einzig der Ortsgendarm Reusch (Nicholas Ofczarek) sich der verstörten Frau annimmt, ihre Herkunft zu recherchieren und sie zu beschützen versucht. Im angrenzenden Gebirge taucht derweil der junge Romand Martin (Carlos Leal) bei dem Ziegenhirten Erwin (Andrea Zogg) und seinem geistig behinderten Adlatus Albert (Joel Basman) auf, vorgeblich, um sich als Senn anlernen zu lassen. In Wahrheit hat Martin jedoch aus krankhafter Eifersucht heraus seine Freundin ermordet und befindet sich nun auf der Flucht. Im abendlichen Absinthrausch besinnt sich Erwin dann der alten Sage um das „Sennentuntschi“, derzufolge ein paar einsame Sennen eine Kunstfrau aus Lumpen hergestellt haben, in die dann unheiliges Leben fuhr. Später rächte sich das Sennentuntschi grausam für die an ihm begangene Unzucht. Nachdem Erwin das entsprechende „Ritual“ durchgeführt hat, taucht tatsächlich eine junge Frau in der Hütte auf – das stumme Mädchen aus dem Dorf…

Alpenhorrorgeschichten als finstere Variante des (klassischen) Heimatkinos bilden leider noch immer eine rare Ausnahmererscheinung im deutschsprachigen Filmgeschehen. Vornehmliche Exempel wären Georg Tresslers ebenfalls auf der Sennentuntschi-Sage basierender „Sukkubus“, dem wohl dem Vernehmen nach bald endlich eine adäquate Veröffentlichung zuteil wird, Ralf Huettners berückend schönen „Der Fluch“ sowie, aus der jüngeren Geschichte, Marvin Krens „Blutgletscher“ und natürlich Lukas Feigelfelds „Hagazussa“. Die unwegsame und somit gewissermaßen auch undurchdringliche Gebirgswelt beflügelt seit eh und je die Phantasie ihrer Einwohner, wobei insbesondere die oftmals wesentlichen Elemente der Abgeschiedenheit und Einsamkeit vortreffliche Motive für Mysterie, Spuk oder Wahnsinn liefern. Geheimnisse bleiben hier zumeist Geheimnisse, Tote verschwinden in tiefen Schluchten oder tiefem Eis und tauchen nie wieder auf, es sei denn, als rächende Geister. Die Mär vom Sennentuntschi markiert in diesem folkloristischen Nährboden eine besonders berühmte Sage in der Schweizer Alpenregion.
Der unter etlichen finanziellen Querelen entstandene, schlussendlich aber glücklicherweise doch noch realisierte „Sennentuntschi“ von Michael Steiner bietet nicht nur innerhalb des eingangs erwähnten, kleinen Filmzirkels einen unbedingt sehenswerten Beitrag, bei dessen Betrachtung man alledings die (ggf. untertitelte), orginiale schwyzerische Tonspur der hochdeutschen Nachsynchronsation den Vorzug geben sollte. Steiner erzählt seine inmitten der 1970er Jahre spielende Story als Rückblick mittels zwei parallel erzählter Handlungsstränge, die, wie sich später herausstellen wird, der eigentlichen Chronolgie der Ereignisse zuwider laufen und erst am Ende zusammengeführt werden. Die daraus zunächsten resultierenden, leichten Unsicherheiten im Zuge der Erstrezeption erfordern zunächst einiges an konzentrierter Deduktion, erweisen sich dann aber im weiteren Verlauf als absolut sinnfälliges narratives Mittel und nicht etwa als naseweiser Formaffekt. Auf diese Weise spitzen sich nämlich die beiden Ungeheuerlichkeiten, in deren jeweiligem Zentrum das arme, „titelgebende“ und von der eh stets formidablen Roxane Mesquida ganz wunderbar interpretierte Mädchen steht, gleichrangig zu und ergänzen sich im Verlauf der dann umso erschüttertender wirkenden Doppel-Conclusio. Tatsächlich bleibt dieses Geheimnis noch nicht einmal das einzige – der abgelegene Mikrokosmos von „Sennentuntschi“ steckt voller ungesühnter Schuld. Dass diesbezüglich und wie nebenbei noch abgergläubisches Hinterwäldlertum, kleinprovinzielle Unreflektiertheit und klerikale Bigotterie aufs Korn genommen werden, zeichnet Steiners absolut sehenswerten Film nur umso mehr aus.

8/10

SYNCHRONIC

„Synchronic is the needle.“

Synchronic ~ USA 2019
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

In New Orleans geht eine neuartige Designerdroge namens „Synchronic“ um, mit deren Konsumentenauswirkungen die beiden Feuerwehrsanitäter und besten Freunde Steve Denube (Anthony Mackie) und Dennis Dannelly (Jamie Dornan) konfrontiert werden. Synchronic stimuliert die Zirbeldrüse, beeinflusst die Linearität des Zeitgefüges und versetzt seine User mit Haut und Haaren für ein kurzes, oft aber verhängnisvolles Fenster in irgendeine vergangene Epoche. Dass die Konsumenten sich damit zugleich unwägbaren, oft tödlichen Gefahren aussetzen, nehmen sie bereitwillig in Kauf. Als Brianna (Ally Ionnades), Dennis‘ Tochter, im Zuge eines selbstverabreichten Synchronic-Trips komplett in der Vergangenheit verschwindet, beschließt Steve, sie zurückholen. Steve selbst leidet unter einem fatalen Hirntumor, was seine persönliche Risikobereitschaft entsprechend erhöht. Also verschafft er sich sämtliche noch existenten Synchronic-Dosen und beginnt, mittels Selbstexperimenten dem Wirkungsschema der Droge auf die Spur zu kommen…

Mit wirklich großen Budgets kann das junge Filmemacher-Duo Moorhead/Benson auch im Zuge seines vierten gemeisamen Projekts (noch) nicht arbeiten; dafür wuchs und wächst die ihm zuteil werdende, internationale Aufmerksamkeit. So konnten sie sich immerhin des Hauptrollen-Engagements eines Hollywoodstars wie Anthony Mackie versichern und mit Universal einen big player mit entsprechender PR-Maschine als Verleih für „Synchronic“ gewinnen. Moorheads/Bensons jüngster Film bedient im Wesentlichen weiterhin jene Topoi, die schon „Resolution“ und „The Endless“ beseelten, ohne diesen allerdings bahnbrechend Neues hinzusetzen zu vermögen, von der psychologischen Tiefenschärfe des Protagonisten vielleicht abgesehen. Wieder geht es im Vordergrund um das physikalische Reizthema des Raum-Zeit-Durchbruchs sowie eine enge (hier: freundschaftliche) Männerbeziehung, die Diverses auszuhalten und sich somit gewaltigen Herausforderungen zu stellen hat. Dabei bleibt die Narration sehr eng an dem psychisch gebeutelten Steve, einem ausgiebigen Alkoholgenuss zugetanen Womanizer, der seinen besten Freund Dennis insgeheim zutiefst um dessen familiäre Stabilität, die Frau (Katie Aselton) und zwei Kinder beinhaltet, beneidet. Die niederschmetternde Diagnose „Hirntumor im unumkehrbaren Stadium“ führt Steve analog dazu noch weiter in die tiefe Frustration, da sich ihm somit selbst eine kurzfristige Änderung seines oberflächlichen Lebensentwurfs definitiv verbaut. Das Verschwinden Briannas, die für ihn selbst wie eine Tochter ist und im erweiterten Sinne die Konfrontation mit Synchronic verehrt ihm schließlich die Chance, seinem dämmernden Leben doch noch einen letzten, große Meilenstein zu verehren. Soweit die Motivation der Hauptfigur, die Mackie ansonsten mit einer ähnlichen unnahbaren Coolness versetzt wie seinen Cap-Kumpel Falcon im MCU. Das Spannungszentrum des Films nehmen schließlich seine minutiös angeordneten und durchgeführten Synchronic-Experimente ein, die gleichfalls klassischen SciFi-Inhalten entlehnt sind. In welche Zeit bzw. Ära Synchronic seinen Probanden versetzt, so findet Steve heraus, hängt etwa kausal damit zusammen, an welchem Ort man es zu sich nimmt. Diese kleine Finte gestattet den Agierenden Reisen in ganz unterschiedliche Erdzeitalter (deren Gestaltung sich vermutlich infolge der Budget-Limitierungen erschöpft). Dabei gilt es vor allem zu lernen und zu erkennen, dass die Vergangenheit zumeist mörderisch war; ob Vor- oder Eiszeit, ob Conquista oder Sezessionskrieg. Welches Statement mit dieser „Feststellung“ erfolgen soll, bleibt, wie mancherlei andere Aspekte des Films, erratisch und Mutmaßungen überlassen – möglicherweise wird hier auch bereits wieder im Geiste an einem optionalen Sequel geschraubt. Das muss dann ausnahmsweise die Zukunft erweisen.

7/10