ESCORT WEST

„The war is over.“

Escort West (Patrouille westwärts) ~ USA 1959
Directed By: Francis D. Lyon

Kurz nach dem Sezessionskrieg ist der vormalige Konföderierten-Captain Ben Lassiter (Victor Mature) mit seiner kleinen Tochter Abbey (Reba Waters) quer durch Nevada unterwegs gen Westen. Man begegnet einem Kavalleristenregiment, das Beth (Elaine Stewart) und Martha Drury (Faith Domergue), zwei Schwestern von der Ostküste, in die selbe Richtung eskortiert. Beth ist mit dem Offizier Poole (William Ching) verlobt, zu dem sie gebracht werden soll. Zeitgleich treibt eine Gruppe marodierender Modocs unter dem Renegaten Tago (X Brands) ihr Unwesen in der Region. Während Poole und seine Leute bereits von den Indianern eingekesselt sind, werden auch die die Schwestern geleitenden Soldaten überfallen und aufgerieben. Lassiter nimmt sich der beiden überlebenden Frauen und des alten Scouts Walker (Rex Ingram) an. Während Beth sogleich Sympathien für den Ex-Rebellen entwickelt, lässt Martha, die ihren Mann während des Krieges verloren hat, ihn ihren ganzen Hass spüren. Zwei weitere überlebende Kavalleristen (Leo Gordon, Ken Curtis) interessieren sich derweil vornehmlich für die ebenfalls in Sicherheit gebrachte Regimentskasse…

Ein sehr schöner, wenngleich sehr kurz geratener Scope-Western ist dem vornehmlich im B-Film-Sektor tätigen Regisseur Francis D. Lyon mit „Escort West“ geglückt. Das Script schützt ein klassisches Genreszenario mit nicht mit minder klassisch angelegten Genrefiguren vor, das ganz bewusst gegen einige mehr oder weniger etablierte Klischees angeht: Im Mittelpunkt steht der mit allen Wassern gewaschene Südstaatler Lassiter, dem die ganze Sympathie der Geschichte gehört. Lassiter ist natürlich ein mit allen Wassern gewaschener Profi, der sich rührend-liebevoll um seine zehnjährige Tochter kümmert. Ihre Frau und Mutter ist offenbar ein Opfer des Krieges geworden, weshalb man die verbrannte Erde im Osten gemeinsam verlässt. Dennoch hat Lassiter jedweden (berechtigten) Hass gegen die Menschheit abgelegt – im Gegensatz zu den Unionisten, die ihm mit weiterhin Aggression und Häme begegnen. Seinen eigentlichen Konterpart findet Lassiter allerdings in der ebenfalls verwitweten Nordstaatlerin Martha Drury, einer hasserfüllten, verhärmten Frau, die auf Lassiter ihren gesamten (Über-)Lebenszorn projiziert. Überhaupt genießt „Escort West“ seine Aushebelungen und ironischen Verkehrungen – während Lassiter alles daran setzt, den wiederum alles Vergangene vergebenden, ihm freundschaftlich zugetanen, farbigen Walker zu retten, besteht Martha darauf, den verletzten Scout zurückzulassen, da dieser sie nur aufhalte. Selbst die natives stehen in keinem grundsätzlich negativen Licht da: Tago und seine Leute sind lediglich ordinäre Verbrecher, die ihrem Stamm entsagt haben und auf eigene Faust morden und brandschatzen. In eigentlich anachronistischen, dafür umso eindrucksvoller genutzten Schwarzweißbildern lässt Lyon seine vorzügliches Ensemble – neben Victor Mature (mit jedem weiteren Film, den ich mit ihm genießen darf, ohnehin zunehmend einer meiner Lieblingsschauspieler) sind auch einige Ford-Usuals darunter, durch seine Außensets. Auch die biestige Faith Domergue ist toll, während Elaine Stewart und ihr Verhältnis zu Mature eher blass bleiben. Hier wäre ein wenig mehr Schürung emotionaler Brandentfachung sicher nützlich gewesen, doch der Film, dem ein paar Minuten mehr durchaus gut getan hätten, begnügt sich eben mit seiner wie knapp bemessenen Erzählzeit, in der er dann doch alles Wesentliche berichten kann.

8/10

THE MULE

„I could buy everything, but I couldn’t buy time.“

The Mule ~ USA 2018
Directed By: Clint Eastwood

Eher durch ganz alltägliche Koinzidenz gerät der alte Blumenzüchter Earl Stone (Clint Eastwood) an die mexikanische Drogenmafia. Ein lukrativer Job, in dessen Zuge Earl nichts anderes zu tun hat, als mit seinem rostigen Pick-up eine Ladung Kokain von Texas nach Illinois zu transportieren und dort abzuliefern, lässt den rüstigen Rentner Blut lecken. Er wird zu einem „mule“, einem interstaatlichen Drogenkurier der mexikanischen Kartelle, der sich durch seine ruhige und unaufgeregte Art schon bald die Sympathie seiner Mittelsmänner sichern kann und immer mehr Geld verdient. Derweil kriselt es an allen sonstigen Fronten: Die DEA in Form des umtriebigen Agent Bates (Bradley Cooper) wird auf Earl aufmerksam und heftet sich an seine Fährte; die Beziehung Earls zu seiner Familie kriselt heftigst. Als ein Emporkömmling (Clifton Collins Jr.) aus der eigenen Organisation Earls obersten Boss, den Kartellchef Laton (Andy Garcia), aus dem Weg räumt, fangen Earls Schwierigkeiten jedoch erst richtig an.

Und erneut liefert der große alte Mann des amerikanischen Kinos ab, folgt seinem Stil als lakonischer auteur, der um sich selbst als Protagonisten immer noch die wahrscheinlich schönsten Storys inszeniert und vermag selbst als greiser 88-jähriger noch seine Anhängerschaft zu rühren, ohne sich Weinerlichkeiten hinzugeben. Den Vorschutz von lauter Aggressivität, wie ihn der oftmals wütende Eastwood der siebziger und achtziger Jahre noch befleißigte, ist längst passé und selbst ein paar unumgängliche Gewaltmomente, wie die Ermordung des druglord Laton oder eine Tracht Prügel, die Earl Stone von zwei mexikanischen Gorillas bezieht, spielen sich entweder in beinahe humoristisch geprägtem Kontext ab bzw. werden erst gar nicht onscreen dargestellt. Stattdessen frönt Eastwood ganz lässig jenem Topos, der ihn bereits seit rund drei Dekaden und mit zunehmender Vehemenz vornehmlich umtreibt – der Melancholie des würdevollen Alterns. Auch das damit eng verbundene Motiv der entfremdeten Familie, die über die Jahre hinweg zum Opfer des autobiographisch in der Hauptsache mit sich selbst und seinen Angelegenheiten befassten, alternden Eigenbrötlers wird, geriert erneut zum wesentlichen Stoff von Eastwoods nach wie vor uramerikanischer Geschichtsschreiberei. Earl Stone ist alles andere als ein Mensch mit kriminellem Potenzial. Vielmehr möchte man ihn als typischen Südstaatensenior vom alten Schlag – Korea-Veteran, Charmeur, leidenschaftlicher Blumenfreund und eben lausiger Familienvater, der er ist – bezeichnen, einen, der Afroamerikaner noch so unbedarft wie freundlich als „negroes“ anspricht und den die vergessene Hochzeit seiner Tochter (Alison Eastwood) zugunsten des Besuchs einer Blumenmesse auch deren letzte Sympathien kostet. Der Einsatz seiner realen Tochter in dieser Rolle spricht Bände. Zwölf Jahre später hat der Online-Handel den hoffnungslos technikfremden Ewiggestrigen, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Internet und Mobiltelefone schimpft, in den Ruin getrieben. Hier setzt dann der Kernplot ein, der Earl Stone als zumindest geistig noch wendigen Lebenskünstler zeigt, der sich von dem Geld für seine Koksfahrten noch ein paar schöne Dinge gönnt. Wie zuletzt stets befleißigt sich Eastwood aufs Neue der treuen Weise „the best stories are written by life itself“ und erzählt die wahre Geschichte des Horikulturisten und Drogenkuriers Leo Sharp nach, der über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg quer durch die USA Kokain für das Sinaloa-Kartell transportierte und mit 87 Jahren verhaftet wurde. Nach einem Jahr der abzusitzenden Strafe wurde der nette, alte Herr wieder entlassen und starb dann wiederum zwei Jahre später. Seinen Film lässt Eastwood nicht mit dem Tod des Protagonisten enden. Er zeigt seinen Earl Stone vielmehr da, wo er glücklicher nicht sein könnte – bei der Blumenhege. Dass dieser sich dabei im Knast befindet, trübt seine sympathische Geschichte keinesfalls ein, im Gegenteil. Der Mythos darf vielmehr noch ein paar Jahre weiterleben.

8/10

CRAWL

„Dad!“

Crawl ~ USA/RS/CA 2019
Directed By: Alexandre Aja

Um nach ihrem Vater Dave (Barry Pepper) zu sehen, der telefonisch nicht zu erreichen ist und in dessen Heimatregion ein Hurricane tobt, fährt die junge Leistungsschwimmerin Haley Keller (Kaya Scodelario) kurzentschlossen Richtung Südflorida. Nachdem Haley in der Wohnung ihres Dads nur Hündin Sugar findet, macht sie sich zum alten Haus der Familie auf, das ausgerechnet inmitten des Sturmzentrums liegt. Sie findet Dave verletzt und bewusstlos im überschwemmten Keller – nicht jedoch allein, denn ein paar Alligatoren, die gerade ihr Jagdrevier erweitern, haben sich ebenfalls häuslich dort eingerichtet…

Mit produzierender Unterstützung von Sam Raimi wendet sich Alexandre Aja, via „Haute Tension“ seines Zeichens einst Mitbegründer der französischen nouvelle vague d’horreur, in seinem jüngsten Werk erneut einem von ihm bereits erfolgreich beackerten Terrain zu – dem des Tierhorrors. In seinem „Piranha“-Remake von 2010 machte er aus Joe Dantes klassischem Original eine lustvoll-exploitative Hommage an das gesamte Genre, die nebst Nebenrollen-Einsatz von Porno-Sternchen in ein ordentliches, aber stets breit grinsendes Gematsche mündete. In „Crawl“ folgt er einer wesentlich differenten, ernsteren Prämisse, die mehr mit den bisweilen hermetischen Ausgangssituationen anderer Kroko- und Alligatoren-Horrorfilmen der letzten Jahre (etwa „Black Water“) gemein hat denn mit spaßigen Splatter-Breitseitenn wie oben erwähnter.
Kurzum geht es um zwei eingekesselte Personen – Vater und Tochter – die sich nur einer entfesselten Natur im Katastrophenzustand zu erwehren haben, sondern auch ihrer persönlichen, von Unausgesprochenem geschädigten Beziehung zueinander. Die Extremsituation, in der sie nun beide gekegelt wurden und die ihnen ausgiebig Gelegenheiten bietet, einander das Leben zu retten, entpuppt sich dafür natürlich als adäquater Katalysator.
Was die wahren Stars des Films – also die gefräßigen Echsen – anbelangt, hält „Crawl“ den Ball im Vergleich zu seinen vielen Vorgängern den Ball vergleichsweise flach und lässt die atmosphärische Spannung eher aus dem der Gesamtsituation geschuldeten, hermetischen Szenario erwachsen. Weder sind die bissigen Biester nämlich über Gebühr intelligent noch erreichen sie – obschon nicht eben winzig – die exorbitante Größe anderer Gattungsvertreter. Immerhin sind sie allerdings schnell – was dann wiederum Anlass gibt, die beiden ProtagonistInnen nicht zu den einzigen (potenziellen) Opfern der Amphibien zu machen, sondern ihnen zum blutrünstigen Amüsement des Zuschauers ein paar unerleuchtete Plünderer und Polizisten zum Fraß zu servieren. Ein bisschen schnabuliert werden muss dann ja doch, zumal am Ende Haley, Dad und Sugar – allesamt körperlich versehrt, aber doch situationsgestärkt – heil und versöhnt aus der Sache rausgeflogen werden. Immerhin geht’s hier um Alligatoren.

7/10

THE BEACH BUM

„You know what I like the most about being rich? You can just be horrible to people and they just have to take it.“

The Beach Bum ~ USA/F/UK/F/CH 2019
Directed By: Harmony Korine

Moondog (Matthew McConaughey) hat seine große Zeit als anerkannter Lyriker längst hinter sich. Nunmehr zitiert er gern eigene Werke oder die seiner literarischen Vorbilder. Ansonsten verbringt er seine Tage vornehmlich damit, das angenehme Klima der Florida Keys zu genießen, sich den lieben langen Tag dem Vollrausch infolge seiner ausgiebigen Multitoxikomanie hinzugeben und seiner reichen Frau Minnie (Isla Fisher), die Moondogs libertinen Lebensstil nicht nur toleriert, sondern in luxuriösem Umfang gewissermaßen selbst praktiziert, auf der Tasche zu liegen. Auch der dauerbekiffte Musiker Lingerie (Snoop Dogg) zählt zu Moondogs „Förderern“.
In der Nacht nach dem von Lingerie betreuten Hochzeitstag ihrer gemeinsamen Tochter Heather (Stefanie LaVie Owen) endet eine bedröhnte Autofahrt in Minnies Unfalltod. Für Moondog, der dieses Ereignis in seiner ihm ungetrübten Art überaus gefasst aufnimmt, bedeutet selbiges, dass er vorläufig von seiner Geldquelle abgeschnitten ist. Minnies Testament sieht nämlich vor, dass er zunächst seinen seit langem in Arbeit befindlichen Roman fertigstellen muss, bevor er über die Hälfte ihres beträchtlichen Vermögens verfügen darf. Dummerweise muss er sich zugleich der gerichtlichen Auflage stellen, ein Jahr in einer Entziehungsklinik zu verbringen. Den dortigen Aufenthalt bricht Moondog gemeinsam mit dem vor Ort kennengelernten Pothead Flicker (Zac Efron) jedoch umgehend wieder ab und entschließt sich, halbherzig als Frau getarnt, seine Ergüsse lieber wieder im altvertrauten Sozialumfeld zu Papier zu bringen.

Einige Jahre nach seinem vielgeliebten „Spring Breakers“ zelebriert Harmony Korine aufs Neue die Farbenvielfalt und Sonnenverwöhntheit Floridas, reduziert allerdings um die Crime-Elemente des Quasi-Vorgängers und damit auch um das letzte Quäntchen dort noch praktizierter, existentieller Beschwernis. „The Beach Bum“ um den fiktiven – ich nenne ihn mal sunshine poet – slackenden Autor Moondog transponiert gewissermaßen vielmehr den Habitus von Barbet Schroeders epochalem Bukowski-Film „Barfly“ weg von der West- an die Ostküste und heraus aus dem schummrigen Kneipenmilieu geradewegs an die gleißende Helle des Golfstroms. Auch, wenn Bukowski gewiss Vieles war, bloß kein hippieesker Dauergrinser, verbinden seine ehedem von Mickey Rourke interpretierte Filmpersona Henry Chinaski und McConaugheys Moondog doch eine Menge. Da wäre zum einen die grenzenlose Zufriedenheit mit sich selbst und natürlich dem gewählten Lebensweg, der sich aus unentwegtem Rausch, Sex, Hedonismus, schmutziger Poesie und einer tief verwurzelten Abneigung gegen das Establishment rekrutiert. Zudem gestattet ihr jeweiliger literarischer Bekanntheitsgrad ihnen eine durchaus zugewandte Öffentlichkeit.
Trotz der permanenten Zuführung vermeintlich ungesunder Rauschmittel ist der Neo-Bohèmien Moondog darüber hinaus so psychisch gesund, wie es sich viele einen angepassten Lebenswandel anheim gefallene Zeitgenossen bestenfalls wünschen würden; im höhnischen Wissen um die Tristesse der buckelnden Leistungsgesellschaft, aber ebenso auch darum, dass sie gewissermaßen erst seinen eigenen Müßiggang möglich macht, genießt der niemals auch nur in einen Anflug von Deprimiertheit verfallende Moondog lachend jede ihm vergönnte Minute zwischen Drogen, Drinks, Frauen und leicht von der Spur abgekommenen Gesinnungsgenossen.
Korine wählt zur Schilderung seiner „Abenteuer“ somit ein naheliegendes, vornehmlich episodisches Narrativ, das sich vor allem an Moondogs Freunden und Bekannten abarbeitet; eben seiner Frau Minnie, dem R’n’B- und Gras-König Lingerie, dem Nachwuchsslacker Flicker und später dem kriegsversehrten Delfinfreak Captain Wack (Martin Lawrence), der seine geliebten Meeressäuger allerdings nicht von Haien unterscheiden kann, oder einem von Lingeries Seniorpartnern (Domovan Williams), der ausschließlich Joints in Ofenrohrformat raucht und dabei Wasserflugzeuge fliegt.
Der Humor des Films ist dabei angenehm unbrachial und eher grotesken Situationen oder Moondogs oftmals unerhörten Frechheiten geschuldet. Zudem macht Korine aus Scriptwendungen, die erst dazu geschaffen sind, moralisierende Werke komplett zu tragen (wie eben Minnies Tod nebst testamentarischer Verfügung oder Moondogs Einweisung in den Drogenentzug), reine erzählerische Fußnoten, die bestenfalls als Stichwortgeber für den nächsten Exzess fungieren. Dieses dicke, fette, feist adressierte „Fuck it!“ an jedwede Moralinsäure, das wiederum den Kreis zu „Barfly“ schließt und zu Chinaskis damaliger, strikter Weigerung, Tresen und Hinterhof gegen den Goldenen Käfig einzutauschen, macht „The Beach Bum“ zu einer wohltuenden Ausnahmeerscheinung abseits der üblichen, pubertären stoner comedies.

8/10

L’EAU DES COLLINES

Zitat entfällt.

L’Eau Des Collines, Première Partie: Jean De Florette (Jean Florette) ~ F/I/CH 1986
Directed By: Claude Berri

L’Eau Des Collines, Deuxième Partie: Manon Des Sources (Manons Rache) ~ F/I/CH 1986
Directed By: Claude Berri

Bastides, ein provenzalisches Dorf, im Jahre 1925. Der junge Bauer Ugolin (Daniel Auteuil), letzter Nachkomme der ursprünglich umfassenden Sippe der Soubreyans, kehrt zu seinem Onkel César (Yves Montand) zurück, den alle in der Gegend ehrfürchtig „Papet“ nennen. Ugolin hält wenig von Wein- und Gemüseanbau, sondern überzeugt Papet stattdessen, dass mit Zuchtnelken ein ordentliches Auskommen zu machen ist. Dafür benötigt Ugolin allerdings eine eigene Bewässerungsquelle. Papet hat das benachbarte Grundstück des alten Marius (Marcel Champel) im Auge, auf dem sich eine sprudelnde Quelle befindet. Ein provozierter Streit führt zum Tode Marius‘, doch dessen Erbe, der bucklige Steuerbeamte Jean Cadoret (Gérard Depardieu), ist mitnichten gewillt, das Stück Land zu verkaufen. Stattdessen plant der sich als intellektueller Träumer herausstellende Sohn von Césars verflossener Jugendliebe Florette, gemeinsam mit Frau Aimée (Elisabeth Depardieu) und Töchterchen Manon (Ernestine Mazurowna), eine Hasen- und Kürbiszucht aufzubauen und sich vor Ort niederzulassen. Der alte Papet und Ugolin beginnen, gegen die Cadorets zu intrigieren. Zunächst verschließen sie die Jean unbekannte Quelle mit Zement. Ugolin spielt sich hernach als Gönner und hilfsbereiter Freund Jeans auf, heimlich durchschaut von der kleinen Manon. Was später der fehlende Sachverstand Jeans und der heiße Sommer nicht besorgen, durchkreuzen die Soubreyans. Nachdem Jean sich bereits halb zu Tode geschuftet hat, will er, von Alkohol gezeichnet und halbwahnsinnig, verzweifelt eine eigene Quelle freisprengen und kommt dabei zu Tode. Papet kauft der bedürftigen Witwe das Grundstück ab, derweil Manon zufällig erfährt, dass die Soubreyans die Wasserquelle verstopft und ihren Vater damit in Ruin und Tod getrieben haben.

Einige Jahre später hat Ugolin auf dem ehemaligen Land der Cadorets seine erfolgreiche Nelkenzucht aufgebaut. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist die mittlerweile zu einer wunderschönen jungen Frau gereifte Manon (Emmanuelle Béart), die sich nie mit dem Schicksal ihres Vaters hat arrangieren wollen, in der Region geblieben, betätigt sich als Ziegenhirtin und schult autodidaktisch den von Jean ererbten Intellekt. Als Ugolin sie erstmals erblickt, verliebt er sich unsterblich in sie, Manon jedoch interessiert sich für den jungen Dorfschullehrer Bernard (Hippolyte Girardot). Als Ugolin ihr lauthals seine Liebe gesteht, wendet sie sich angewidert ab. Ein zufällig belauschtes Gespräch zwischen zwei älteren Dörflern aus Bastides eröffnet Manon, dass die gesamte Gemeinschaft um Papets damalige Verstopfung der Quelle wusste. Manon, die den Quellort für die gesamte Wasserversorgung von Bastides in den Bergen kennt, verschließt nun aus Rache ihrerseits die Zufuhr, so dass das gesamte Dorf zu darben hat. In diesem Zusammenhang wird Papets und Ugolins verbrecherische Übervorteilung endlich öffentlich. Ugolin, der endgültig begreift, dass Manon ihn niemals nehmen wird, erhängt sich an einem Baum. Von Bernard überzeugt, gibt Manon die Quelle schließlich wieder frei. Die alte Schuld scheint beglichen, doch auf Papet wartet noch eine letzte, furchtbare Wahrheit…

Im Zuge eines ebenso aufwändigen wie umfassenden Projekts nahm sich Claude Berri mit der bravourösen Unterstützung Gérard Brachs Marcel Pagnols rund dreißig Jahre zuvor in zwei Teilen veröffentlichten Roman vor und schuf daraus einen prachtvollen, wiederum als Diptychon angelegten Heimatfilm, der die von wunderschönen Primärfarben lebenden Bilder kontrastiert mit einer tieftraurigen, von Habsucht, Hybris, moralischen Fehlentscheidungen und verschlossenen Wahrheiten geprägte Familiengeschichte. Spätestens auf den zweiten Blick werden noch mehrere inhaltliche Ebenen offenkundig, die sich erst ganz am Ende der Betrachtung dieses ingesamt knapp vierstündigen Mammutwerks erschließen – wieder einmal sind es der Krieg und die mit ihm einhergehenden Entfrendungen und Missverständnisse, die Familien auseinanderreißen; die einen alternden Mann verhärten und zum gierigen Egoisten werden lassen. Immer wieder rekurriert die Frage des eigentlich grundgütigen, von Papet jedoch unentwegt negativ beeinflussten Ugolin, warum der Alte denn nie geheiratet habe und er denn nun seinerseits für die Dynastienachfolge sorgen solle. Dass Papet in der Vergangenheit das Herz herausgerissen wurde und ebendies ihn zum verbitterten, missgünstigen Zyniker hat werden lassen, lässt sich über lange Zeit lediglich erahnen. Welch bösen Schabernack das Schicksal wirklich mit ihm treibt, in Unkenntnis elementarer Fakten und durch eine Verkettung unglücklicher Fügungen, dessen wird sich der durch den verzweifelten Freitod seines Neffen (an dem Papet indirekt ebenfalls die Schuld trägt) bereits empfindlich Getroffene erst bewusst, als es längst zu spät ist. Wie eine Kerze verlischt der einstmals stolze Patriarch – und mit ihm der Name einer Familie, die die Region geprägt hat wie kaum eine andere.
„L’Eau Des Collines“ – das titelgebende Wasser will auch in seiner Symbolträchtigkeit als Lebensspender begriffen werden – ist somit gewissermaßen auch der finale Teil einer Chronik des Familienzerfalls, eines traditionellen literarischen Motivs somit. Und obschon alles auf das erschütternde Finale zusteuert, verzichtet Berri nie ganz auf sanfte, immer wieder eingeflochtene Ironiespitzen, die zumeist im Zusammenhang mit der Schlichtheit der Provinzbevölkerung stehen. In diesem Zusammenhang muss man jedoch keine Denunziation befürchten, sondern vielmehr liebevolle Beobachtungsdetails, deren Verzicht ebenso wie die eingangs erwähnte, überwältigende Naturphotographie, dem Drama vielleicht eine allzu bleierne Schwere überantwortet hätten. So, in dieser Ausgewogenheit, ist es jedoch perfekt.

10/10

VICE

„It has been my honor to be your servant. You chose me. And I did what you asked.“

Vice ~ USA 2018
Directed By: Adam McKay

Nicht zuletzt durch die sukzessive Ausweitung der staatlichen Exekutivgewalt auf einen nahezu unbegrenzten Machtradius schafft es der beim gemeinen Volk eher unbeliebte republikanische Emporkömmling Dick Cheney (Christian Bale), als Vize-Präsident von George W. Bush (Sam Rockwell) die staatlichen Geschicke aus dem Hintergrund nachhaltiger zu lenken als der Präsident selbst. Für Cheney als CEO des Halliburton-Konzerns ist der Irak ein Dorn im Auge, also nutzt er die Terroranschläge vom 11. September medienwirksam gezielt, um Stimmung gegen Saddam Hussein zu machen und den folgenden Einmarsch der US-Truppen am Golf zu rechtfertigen. Auf lange Sicht popularisiert Cheney mit dieser Aktion den Terroristen Abu al-Zarqawi und verantwortet in diesem Zusammenhang unter anderem das Erstarken des IS im Nahen Osten sowie später Guantanamo und die Plame-Affäre mit, sorgt für Steuerleichterungen bei den Multis und Superreichen, schasst seinen ehemaligen Mentor Donald Rumsfeld (Steve Carrell) und setzt Außenminister Colin Powell (Tyler Perry) unter Druck. Dem Tod springt der herzkranke Cheney selbst diverse Male von der Schippe, unter anderem durch die Implantierung eines Spenderherzens.

„The Big Short“ markierte bereits einen markanten Richtungswechsel im Œuvre Adam McKays, der sich damit inszenatorisch von den bereits als „klassisch“ zu bezeichnenden Spaßkomödien mit Will Ferrell divergierte und seither stattdessen als Chronist der vielen fauelen Eier, die die Globalmacht USA seit der Jahrtausendwende gelegt hat, zu etablieren scheint. Auch in Anbetracht von „Vice“ ist zu hoffen, dass McKay diesen Weg ebenso leidenschaftlich weiterverfolgt, wie er ihn bislang so vielversprechend eingeschlagen hat. Durch die nicht selten an die Montage in Scorseses „Goodfellas“ oder „Casino“ erinnernde, geschickte Spielfilmdramaturgie, die dem Rezipienten mit der Rasanz und Kinetik eines Actionfilms teils unerhörte Fakten in Stakkato um Augen und Ohren knallt, arbeiten McKays jüngere Filme oberflächlich dröges Finanzwelt- und Politikgeplänkel für jedermann gut les- und nachvollziehbar auf und machen sich so zu historisch vortrefflich eingebundenen und zugleich höchst spannenden Zeit- und Gesellschaftsportraits, deren aggressiver Gestus mit dem eines Michael Moore zu vergleichen ist, nur eben ohne dessen direkten dokumentarischen Anspruch.
Dabei ist sich der in Sachen Humor natürlich immens beflissene McKay stets darüber im Klaren, dass vom auteur hinzugesetzte Ironie und Sarkasmus, und mögen sie noch so bitter sein, jedwede harte Faktenlage sanft abzuschwächen angetan ist und ihr zugleich ein klares Meinungsbild verabreicht. McKays Dick Cheney behält man nach dem Filmgenuss als liebenden Familienvater in Erinnerung, aber auch als diabolischen Machtmenschen und Manipulator, der mit das Schlimmste personifiziert, für das die USA im globalen Gefüge stehen. Christian Bale und der übrige Tross stehen unter feister Maskerade in der Tradition der vielen großen Schauspieler, die irgendwann einmal US-Politiker zu spielen hatten und führt diesen genealogischen Strang sogar auf ein noch höheres Niveau als gewohnt. Als Cheney unterschiedlicher Gewichts- und Altersstufen mit perfektionistisch adaptierter Physiognomie und entsprechendem Gestus ist er dem Original teilweise zum Verwechseln ähnlich und präsentiert eine neue Stufe darstellerischer Mimikry. Sagenhaft.
„Vice“ ist somit jedem nahezulegen, der kritisches US-Politkino und filmische Konterfeis der diversen Oval-Office-Insassen und ihrer Trösse zu schätzen weiß.

8/10

THE CUT

Zitat entfällt.

The Cut ~ D/F/I/RU/PL/CA/TR/JO 2014
Directed By: Fatih Akin

Acht Jahre, ein Weltkrieg, ein Genozid, vier Länder, zwei Kontinente und eine lange Reise.
Die Familie des in Mardin lebenden armenischen Schmieds Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) fällt wie viele andere 1915 den ethnischen Säuberungsaktionen der Türken zum Opfer. Nazaret wird von Frau Rakel (Hindi Zahra) sowie seinen kleinen Zwillingstöchtern Arsinée (Zein Fakhoury) und Lucinée (Dina Fakhoury) getrennt und als Zwangsarbeiter in die Wüste verschleppt. Dort wird er Zeuge des desolaten Schicksals vieler Armenier und Andersgläubiger, kommt fast um vor Hunger und Durst und soll schließlich von dem gefangenen türkischen Kleinkriminellen Mehmet (Bartu Küçükçağlayan) auf Anordnung einiger Soldaten hin die Kehle durchschnitten bekommen. Dieser bringt den Mord jedoch nicht fertig und zersticht stattdessen Nazarets Stimmbänder. Später rettet Mehmet den Schwerverletzten und bittet ihn um Vergebung. Nach langer Wanderung gelangt der nunmehr stumme Nazaret in ein unter entsetzlichen Bedingungen geführtes Flüchtlingslager vor Ra’s al-‚Ain, wo er seiner im Sterben liegenden Schwägerin (Arevik Martirosyan) wiederbegegnet, die ihn bittet, sie zu erlösen. Daraufhin gelangt Nazaret nach Aleppo und unter die Fittiche des Seifenmachers Nasreddin (Makram Khoury), der ihm Obdach und Arbeit gewährt. Nach Kriegsende erfährt Nazaret dann, dass seine beiden Töchter noch leben sollen. Die folgende Reise führt ihn über den Libanon bis nach Havanna und schließlich über Florida und Minnesota bis nach North Dakota, wo er Lucinée (Lara Heller) zu guter Letzt endlich wiedersieht.

Eine Migrantengeschichte von Hunderttausenden in den globalen Kriegsnachwehen bildet den Abschluss von Fatih Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Den für den Regisseur mit ungewohnt großem Aufwand und vergleichsweise gewaltiger Logistik entstandene Reisebericht darf man wohlfeil als „Weltkino“ bezeichnen, wobei andererseits die entbehrungs- und wendungsreiche Dramaturgie zu Lasten der vormals so intimen Figurenpsychologie verläuft. Während die Charaktere aus „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ und auch aus Akins früheren drei Filmen noch mit einem geradezu exemplarischen Persönlichkeitspolster versehen wurden und gerade ihre fein herausgeschliffenen Ecken und Kanten ihnen eine oftmals schon beängstigende Realitätsanbindung verlieh, hat derlei Intimität in „The Cut“ kaum mehr Platz. Natürlich steht der Protagonist Nazaret Manoogian im Zentrum des Geschehens und wird auch sorgsam motivatorisch unterfüttert, ihn überragt jedoch der gewaltige, teils schon monumental wirkende Charakter der historischen Einbettung. Das besonders von den Türken nach wie vor nur sehr vorsichtig und delikat angepackte Thema des systematisch durchgeführten Genozids der Osmanen an den Armeniern treibt Akin sehr viel mehr um als Hauptbelastungstopos, ebenso wie die daraus resultierenden Folgen der zwangsweisen Migration, der Flüchtlingsströme und der Versprengung und Zusammenführung von Familien. Um Zeit- und Lokalkolorit adäquat und kongenial zu präservieren, eine Herausforderung, an der der Filmemacher in formaler Hinsicht sichtlich wächst, musste Akin seine Perspektive zwangsläufig vom Individuum fort- und stattdessen zur Gesamterscheinung hinlenken, eine Gratwanderung, die sich interessant ausnimmt, ihm aber nicht immer zum Vorteil gereicht. „The Cut“ entfaltet seinen Sehenswert vor allem als historisches Kaleidoskop, das einem Vergleich etwa mit Elia Kazans Meisterwerk „America America“ allerdings nicht Stand zu halten vermag. Dabei ist er jedoch auch keinesfalls die große Enttäuschung, von der viele FeuilletonistInnen, vermutlich in Erwartung einer kammerspielartig-vollendeten Trilogieerfüllung, klagten: Fatih Akin zeigt im Gegenteil, dass er auch und selbst  in der Handhabung solch herausfordernder Projekte noch immer ein Regisseur von hohem internationalen Rang ist, wenngleich – soviel Ehrlichkeit muss dann bei aller berechtigten Schwärmerei doch sein – seine wahre Kraft an anderer Stelle reüssiert. In der vielleicht schönsten Sequenz in „The Cut“, einer sehr intimen zudem, besucht Nazaret kurz nach der Vertreibung der sieglosen Türken aus Aleppo zufällig eine Filmvorführung des mittlerweile vor Ort befindlichen Internationalen Roten Kreuzes. Projiziert an eine Hauswand und gänzlich ohne tonale Untermalung wird Chaplins „The Kid“ gezeigt. Erstmals verspürt hier ein verzweifelter Mann die Kraft der bewegten Bilder. Lachen und Weinen mit Chaplin als Tramp und Jackie Coogan als sein Adoptivsohn. Hier erfährt Nazaret auch vom Überleben seiner Töchter und schöpft somit neue Lebenskraft. Zeitlich betrachtet ist das eigentlich völlig unpassend, aber Akin konnte, vielleicht zurecht, der Versuchung nicht widerstehen. Das Kino ist frei und es darf (fast) alles.

8/10