THE CUT

Zitat entfällt.

The Cut ~ D/F/I/RU/PL/CA/TR/JO 2014
Directed By: Fatih Akin

Acht Jahre, ein Weltkrieg, ein Genozid, vier Länder, zwei Kontinente und eine lange Reise.
Die Familie des in Mardin lebenden armenischen Schmieds Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) fällt wie viele andere 1915 den ethnischen Säuberungsaktionen der Türken zum Opfer. Nazaret wird von Frau Rakel (Hindi Zahra) sowie seinen kleinen Zwillingstöchtern Arsinée (Zein Fakhoury) und Lucinée (Dina Fakhoury) getrennt und als Zwangsarbeiter in die Wüste verschleppt. Dort wird er Zeuge des desolaten Schicksals vieler Armenier und Andersgläubiger, kommt fast um vor Hunger und Durst und soll schließlich von dem gefangenen türkischen Kleinkriminellen Mehmet (Bartu Küçükçağlayan) auf Anordnung einiger Soldaten hin die Kehle durchschnitten bekommen. Dieser bringt den Mord jedoch nicht fertig und zersticht stattdessen Nazarets Stimmbänder. Später rettet Mehmet den Schwerverletzten und bittet ihn um Vergebung. Nach langer Wanderung gelangt der nunmehr stumme Nazaret in ein unter entsetzlichen Bedingungen geführtes Flüchtlingslager vor Ra’s al-‚Ain, wo er seiner im Sterben liegenden Schwägerin (Arevik Martirosyan) wiederbegegnet, die ihn bittet, sie zu erlösen. Daraufhin gelangt Nazaret nach Aleppo und unter die Fittiche des Seifenmachers Nasreddin (Makram Khoury), der ihm Obdach und Arbeit gewährt. Nach Kriegsende erfährt Nazaret dann, dass seine beiden Töchter noch leben sollen. Die folgende Reise führt ihn über den Libanon bis nach Havanna und schließlich über Florida und Minnesota bis nach North Dakota, wo er Lucinée (Lara Heller) zu guter Letzt endlich wiedersieht.

Eine Migrantengeschichte von Hunderttausenden in den globalen Kriegsnachwehen bildet den Abschluss von Fatih Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Den für den Regisseur mit ungewohnt großem Aufwand und vergleichsweise gewaltiger Logistik entstandene Reisebericht darf man wohlfeil als „Weltkino“ bezeichnen, wobei andererseits die entbehrungs- und wendungsreiche Dramaturgie zu Lasten der vormals so intimen Figurenpsychologie verläuft. Während die Charaktere aus „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ und auch aus Akins früheren drei Filmen noch mit einem geradezu exemplarischen Persönlichkeitspolster versehen wurden und gerade ihre fein herausgeschliffenen Ecken und Kanten ihnen eine oftmals schon beängstigende Realitätsanbindung verlieh, hat derlei Intimität in „The Cut“ kaum mehr Platz. Natürlich steht der Protagonist Nazaret Manoogian im Zentrum des Geschehens und wird auch sorgsam motivatorisch unterfüttert, ihn überragt jedoch der gewaltige, teils schon monumental wirkende Charakter der historischen Einbettung. Das besonders von den Türken nach wie vor nur sehr vorsichtig und delikat angepackte Thema des systematisch durchgeführten Genozids der Osmanen an den Armeniern treibt Akin sehr viel mehr um als Hauptbelastungstopos, ebenso wie die daraus resultierenden Folgen der zwangsweisen Migration, der Flüchtlingsströme und der Versprengung und Zusammenführung von Familien. Um Zeit- und Lokalkolorit adäquat und kongenial zu präservieren, eine Herausforderung, an der der Filmemacher in formaler Hinsicht sichtlich wächst, musste Akin seine Perspektive zwangsläufig vom Individuum fort- und stattdessen zur Gesamterscheinung hinlenken, eine Gratwanderung, die sich interessant ausnimmt, ihm aber nicht immer zum Vorteil gereicht. „The Cut“ entfaltet seinen Sehenswert vor allem als historisches Kaleidoskop, das einem Vergleich etwa mit Elia Kazans Meisterwerk „America America“ allerdings nicht Stand zu halten vermag. Dabei ist er jedoch auch keinesfalls die große Enttäuschung, von der viele FeuilletonistInnen, vermutlich in Erwartung einer kammerspielartig-vollendeten Trilogieerfüllung, klagten: Fatih Akin zeigt im Gegenteil, dass er auch und selbst  in der Handhabung solch herausfordernder Projekte noch immer ein Regisseur von hohem internationalen Rang ist, wenngleich – soviel Ehrlichkeit muss dann bei aller berechtigten Schwärmerei doch sein – seine wahre Kraft an anderer Stelle reüssiert. In der vielleicht schönsten Sequenz in „The Cut“, einer sehr intimen zudem, besucht Nazaret kurz nach der Vertreibung der sieglosen Türken aus Aleppo zufällig eine Filmvorführung des mittlerweile vor Ort befindlichen Internationalen Roten Kreuzes. Projiziert an eine Hauswand und gänzlich ohne tonale Untermalung wird Chaplins „The Kid“ gezeigt. Erstmals verspürt hier ein verzweifelter Mann die Kraft der bewegten Bilder. Lachen und Weinen mit Chaplin als Tramp und Jackie Coogan als sein Adoptivsohn. Hier erfährt Nazaret auch vom Überleben seiner Töchter und schöpft somit neue Lebenskraft. Zeitlich betrachtet ist das eigentlich völlig unpassend, aber Akin konnte, vielleicht zurecht, der Versuchung nicht widerstehen. Das Kino ist frei und es darf (fast) alles.

8/10

Werbeanzeigen

THE CATERED AFFAIR

„How could I be mad at what’s been my whole life and will be to the end?“

The Catered Affair (Mädchen ohne Mitgift) ~ USA 1956
Directed By: Richard Brooks

Als Jane Hurley (Debbie Reynolds), ihren Eltern Aggie (Bette Davis) und Tom (Ernest Borgnine) mitteilt, dass sie in Kürze ihren Verehrer, den Lehrer Ralph Halloran (Rod Taylor) zu heiraten gedenkt, geben diese ihrer Tochter bereitwillig den Segen. Auch Janes und Ralphs Wunsch, die Hochzeit in allerkleinstem kirchlichen Rahmen zu belassen, entsprechen Aggie und besonders Tom zunächst unumwunden, zumal Letzterer gerade plant, sein sauer Erspartes zu investieren, um sich als Taxifahrer endlich selbstständig machen zu können. Doch kaum, dass die Nachbarn anfangen zu tratschen, sieht sich Aggie in der Zwickmühle: Urplötzlich scheint alle Welt, mit Ausnahme von Tom und des Brautpaars selbst, eine feudale Hochzeitsfeier zu erwarten, deren Planung immer megalomanischere Züge annimmt und die droht, Toms gesamtes Geriebenes zu verschlingen. Eine Menge Konflikte und Einsichten sind nötig, um Aggie Vernunft einzubläuen und alles so bescheiden wie ursprünglich geplant durchführen zu können.

„Father Of Bride“, Bronx-Style. Diesmal musste – oder durfte – Richard Brooks im Zuge seiner zehnten Regiearbeit auf ein Drehbuch von Gore Vidal und Paddy Chayefsky zurückgreifen. Eine im Prinzip sehr „sichere Sache“ insbesondere in Bezug auf das analytische Sujet, denn gerade Chayefsky, für den wunderbaren„Marty“ just mit dem Oscar ausgezeichnet, bot als Chronist des New Yorker Arbeiterfamilienlebens absolutes Gardemaß. Insofern ist es auch kaum Zufall, dass wir neuerlich Ernest Borgnine als tragikomische Bronx-Figur kredenzt bekommen, eine Rolle, die er abermals vortrefflich sowohl physisch als auch psychologisch auszufüllen weiß. Überhaupt ist „The Catered Affair“ ein Film, der primär vom dedizierten Spiel seines Ensembles zehrt, seien es eine wunderbar und betont unglamouröse Bette Davis als einem nur scheinbar unerfüllten Lebensideal nachjagende Matriarchin, Barry Fitzgerald als ewig knötternder Onkel, der als eherner Junggeselle eine späte Liebe findet oder auch die grenzsatirisch porträtierten Bräutigamseltern Robert F. Simon und Madge Kennedy. Brooks nimmt seine Mise-en-scène angesichts soviel Power vor der Kamera wohlweislich zurück und zieht ein subtiles und gediegenes, um nicht zu sagen „theatralisches“ Ambiente vor, gerade so, wie es diesem sehr menschelnden, kaum einem Genre zuzuordnenden, sondern in den stark einzugrenzenden Kanon des „neorealistischen Hollywoodkinos“ einzupflegenden Film zupass kommt.

9/10

DOGMAN

Zitat entfällt.

Dogman ~ I/F 2018
Directed By: Matteo Garrone

Marcello (Marcello Fonte), ein unscheinbarer, schmalschultriger Geselle, führt einen Hundesalon in dem Küstenort Magliana, nahe Roms. Jeder kennt hier jeden, man vertraut und schätzt sich. Krumme Geschäfte unter der Hand gehören zum Alltag wie alles andere. Dummerweise hat Marcello jedoch das Pech, mit dem brutalen, cholerischen Gangster Simone, genannt Simoncino (Edoardo Pesce), „befreundet“ zu sein, vor dem alle in der Gegend Angst haben und der den kleinen Hundefrisör immer wieder für seine kriminellen Aktionen missbraucht. Zudem bezieht Simone über Marcello sein Koks, das ersterer in hohen Mengen konsumiert. Eines Tages nötigt Simone Marcello, ihm sein Ladenlokal für einen nächtlichen Bruch bei einem direkt angrenzenden Juwelier zur Verfügung zu stellen. Gezwungenermaßen willigt der Simone hoffnungslos unterlegene Marcello ein und nimmt im Nachhinein die Schuld und die damit zusammenhängende Gefängnisstrafe für Simone auf sich. Damit wird Marcello in seiner ansonsten von existenzwichtiger Solidarität geprägten Nachbarschaft zur persona non grata, alle meiden ihn nach seiner Entlassung. Nur seine heißgeliebte Tochter Alida (Alida Baldali Calabria) hält ihm unverdrossen die Treue. Als sich Simone schließlich weigert, Marcello an der Beute zu beteiligen und ihn noch öffentlich zusammenschlägt, gibt es für den Gebeutelten nur noch einen letzten Ausweg, sein Gesicht wiederzuerlangen.

Genau zehn Jahre nach „Gomorra“ handelt Matteo Garrones jüngstes, involvierendes Gangsterdrama wiederum vom schwächsten Kettenglied, von Angst, von Omerta, von falscher Solidarität und damit auch auf symbolischer Ebene von all dem, was das organisierte Verbrechen und die darin zwangsinvolvierten Kleinbüger in Italien nunmehr seit Jahrhunderten prägt. Daran, dass Marcello, ein kleiner, kriecherischer, aber herzlicher Typ, der vor vierzig, fünfzig Jahren als Spottapfel in jeder commedia all’italiana zu Haus gewesen wäre, eigentlich höchste humane Integrität besitzt, lässt der Film von Beginn an keinerlei Zweifel. Der alleinstehende Marcello vergöttert seine bei ihrer Mutter (Laura Pizzirani) lebende Tochter, investiert sein sauer gespartes Geld für Kurzurlaube und Tauchtrips mit ihr. Und er liebt „seine“ Hunde über alles; einmal rettet er einem kleinen Chihuahua das Leben, den der sadistische Simone zuvor bei einem Wohnungseinbruch in ein Tiefkühlfach gesperrt hat. Eine geradezu sinnbildliche für das einseitig überhängende Verhältnis der so beiden unterschiedlichen Männer; der eine pflügt, einer Dampfwalze gleich, rücksichtslos alles nieder, der andere, der das Leben noch anerkennt, schaut empathisch nach links und rechts und betreibt Schadensbegrenzung. Es ist eine bittere existenzielle Spielart, dass niemals (oder selten) die Dampfwalze die Konsequenzen zu tragen hat. So ist es auch bei Marcello und Simone. Doch: wie jedem unter Druck stehenden Kesselchen platzt auch Marcello irgendwann der Deckel ab, da ist es aber schon längst zu spät; der an Körper und Seele Geschundene und Ausgrenzte zeigt seine brutale Entschlossenheit (die ihn keinesfalls zu einem ausgeglicheneren Menschen machen wird) erst, als die Sackgasse, in der längst steckt, sich nach beiden Seiten geschlossen hat. Am Ende, als er, nachdem er Simone zunächst brutal gefangengesetzt und dann ermordet hat, buhlt Marcello lautstark um den früheren Respekt und die alte Anerkennung seiner Nachbarn. Doch niemand mag ihm, dem kleinen Straßenköter jetzt mehr zuhören. Es bleiben nurmehr Einsankeit, Eiseskälte, Fatalismus und der Verlust auch des letzten Rests von Menschlichkeit, den Simone mit ins Jenseits genommen hat.

8/10

THE HATE U GIVE

„How many more of us do you have to kill before you get it?“

The Hate U Give ~ USA 2018
Directed By: George Tillman Jr.

Starr Carter (Amandla Sternberg), eine sechzehnjährige, afroamerikanische Schülerin, lebt im von dunkelhäutigen Bürgern bevölkerten Vorort Garden Heights, geht wie ihr älterer Bruder (Lamar Johnson) jedoch auf die vornehmlich von Weißen frequentierte Privatschule Williamson Prep. im benachbarten Stadtteil. Seit früher Jugend ist Starr gewohnt, zwei Identitäten zu leben – die im Rahmen ihres „ethnischen Vorlebens“ mit ihren ebenfalls farbigen Freundinnen und ihrer Familie und die als gesellschaftlich etablierte Musterschülerin mitsamt weißem boyfriend (K.J. Apa) und bester weißer Freundin (Sabrina Carpenter), die im Rahmen ihrer behüteten bourgeoisen Verhältnisse schwarzes Kulturgut von Hip-Hop-Musik über teure Nikes zu adaptieren pflegen. Als eines Abends nach einer Party Starrs Sandkastenfreund Khalil (Algee Smith) im Zuge einer vermeintlich routinemäßigen Verkehrskontrolle von einem sich bedroht fühlenden, weißen Officer (Drew Starkey) erschossen wird, ändern sich Starrs Sicht der Dinge und ihr ganzes Leben Schlag auf Schlag: Erstmals begreift sie zur Gänze, dass der Kampf um die Gleichberechtigung aller Hautfarben noch längst nicht ausgefochten ist, dass impliziter Alltagsrassismus vor niemanden Halt macht und dass das Selbstbild vieler Afroamerikaner durch die unaufhörliche Bevormundung der WASP-Klasse bewusst beklagenswert gehalten wird.

„The Hate U Give“, das hat mich George Tillman jr.s Film gelehrt, ist Teil eines Akronyms, das auf eine kurzlebige Hip-Hop-Band um Tupac Shakur namens Thug Life zurückgeht. Deren Buchstaben ausformuliert bedeuten nämlich „The Hate U Give Little Infanfts Fucks Everybody“, was sich als allgemeingültiges Statement nicht über das wechselseitige Verhältnis von Schwarz und Weiß in den USA, sondern auch hinsichtlich der oftmals prekären Verhältnisse, unter denen junge Afroamerikaner in den Ghettos aufzuwachsen haben, lesen lässt. Für einen sich aufgeklärt wähnenden, ausdrücklich links vom Teller befindlichen Zentraleuropäer ist oftmals nicht nachvollziehbar, was sich da Tag für Tag im Land der Freiheit abspielt. Von (tödlicher) Polizeigewalt gegen Farbige, also just jener weiterhin autoritätsflankierte Missstand, an deren mit jedem weiteren diesbezüglichen Ereignis unfassbarer werdenden Unfassbarkeit sich die Story des auf einem Roman von Angie Thomas basierenden „The Hate U Give“ entzündet, bekommt man ja hier und da immer wieder etwas mit, und schiebt es dann kopfschüttelnd, in Anbetracht der regionalen Entfernung vielleicht doch allzu achselzuckend beiseite. Die Rechtfertigungen der Exekutive sind dann im Regelfall ebenso kleinlaut wie abwiegelnd und, letzten Endes, wohl auch bar jeder wirklich nachhaltigen Konsequenz.
„The Hate U Give“ zeigt das an seinem dramatischen Höhepunkt ganz vortrefflich: Ein nächtens fahrender Wagen mit zwei jungen, schwarzen Menschen wird von einem überforderten Schichtpolizisten angehalten, der insgeheim hinter jedem Gesicht dunkelhäutiger Personen einen potentiell verdächtigen Kriminellen vermutet. Der scheinbar willkürlich um Identifikation gebetene, junge Fahrer fühlt sich zurecht schikaniert und reagiert flapsig, womit er, ohne darüber nachzudenken, sein Leben gefährdet. Den weißen Bullen nämlich macht das respektlose Verhalten seiner uniformierten Person gegenüber noch aggressiver und, umso verhängnisvoller, noch nervöser. Was dann aus der Distanz für eine Schusswaffe gehalten wird, entpuppt sich im Nachhinein als Haarbürste. Doch da liegt der Fahrer bereits tot auf der Straße, erschossen von dem inkompetenten, übereifrigen, vielleicht rassistischen Polizisten, der, eine verhängnisvolle Schrecksekunde lang, Angst, Allmacht und Pflichtbewusstsein durcheinandergeworfen hat. Für das fassungslose Mädchen auf dem Beifahrersitz beginnt ein mittelschwerer Albtraum, der fortgesetzte Rekapitulationen des Ereignisses, den Verlust der vermeintlich besten Freundin, die Bedrohung der Familie und der eigenen Person und die Wut angesichts der sich aus der Verantwortung windenden Staatsmacht beinhaltet. Immerhin, am Ende steht eine am Schrecklichen gewachsene, starke junge, mündige und vor allem: selbstbewusste Frau, die ihre Lebenslektionen leider auf eine denkbar böse Weise zu erlernen hatte. So weit die inhaltliche Ebene.
Dann ist da noch der Film selbst, der seine eminente Botschaft leider auf vergleichsweise biederem Oberstufenniveau, quasi im abgesicherten Modus, verhandelt. Natürlich ist „The Hate U Give“ thematisch aller Ehren wert und richtig und wichtig, aber er ist zugleich auch sehr routiniert und unkomplex inszeniert, vermutlich, um vor allem eine juvenile Zielgruppe anzusprechen. Er wird dann vermutlich auch ganz gewiss irgendwann seinen Weg in die Bibliotheken aller Sozialkundelehrer dieser Welt finden und in den nächsten Jahren auf diversen Schulcurricula der Sekundarstufe I einen festen Platz bekleiden. Das ist auch ganz gewiss in Ordnung so, doch: aufregend im Sinne eines nachhaltigen Filmerlebnisses – das ist was anderes.

7/10

BOAR

„They’re all dead!“

Boar ~ AUS 2017
Directed By: Chris Sun

Ein gewaltiger Keiler, der auf alles los geht, was sich bewegt, macht den australischen Outback unsicher. Selbst die härtesten Typen scheitern an ihm. Es bedarf erst dreier tapferer Frauen (Simone Buchanan, Christie Lee-Britten, Melissa Tkautz), um das Riesenvieh in die Schranken zu weisen.

Von räudigen Schweinen und reanimierter Ozploitation: Gern hätte ich frohgemut verkündet, dies sei der bessere „The Meg“ – leider ist er es nicht.
„Boar“, der vierte Film des australischen Horrorauteurs Chris Sun, bildet erwartungsgemäß eine kleine Hommage an Russell Mulcahys 35 Jahre alten „Razorback“, freilich ohne dessen visuelle Kraft und delirierende Atmosphäre und stattdessen offenkundig konzipiert als lustiges event movie für Splatterfans und Festivals. Als solches funktioniert „Boar“ dann auch leidlich, krankt zugleich jedoch ebenso nachhaltig daran, dass er seine titelgebende Naturgewalt als veritables Schrecknis zu veräußern versäumt und sich stattdessen mit einem Status als derbe Komödie zufrieden gibt. Anders als Mulcahy, der seinem SUV-formatigen Borstentier seinerzeit noch den schmutzigen, mystifizierten Hauch eines präapokalyptischen Endzeitboten zu verleihen wusste, lässt Sun den Eber einfach ungebremst von links nach rechts und umgekehrt durchs Bild preschen und den Leuten, die das Pech haben, sich in seiner Nähe aufzuhalten, die Köpfe abbeißen. Als Fanvehikel indes ist „Boar“ zumindest mäßig sinnstiftend: John Jarratt aus dem „Wolf Creek“-Franchise lässt sich blicken, es gibt ein Wiedersehen mit Roger Ward und Steve Bisley (mit letzterem freilich nur ein sehr kurzes in Cameo-Form) und auch der massige Aussie-Wrestler Nathan Jones stellt seine beeindruckende Physis zur Schau – Genre-Veteran Bill Moseley nicht zu vergessen. Dass sie alle jedoch unwesentlich mehr als Staffage sind und Sun letzten Endes kaum etwas wirklich Sinnstiftendes mit ihnen anzufangen weiß, stimmt nicht eben milde. Immerhin, was viele ihm zugute halten, will auch ich nicht außer Acht lassen: Dass Sun weitgehend auf CGI verzichtet und das Wildschwein zumindest in Halbtotalen und Nahaufnahmen als animatronisches Untier präsentiert, weiß zu gefallen, ebenso wie die hervorhebenswerte Tatsache, dass er seine alten, zauseligen Buschveteranen um Jarratt und Ward ihre Dialoge mutmaßlich zumindest teilweise in derbstem Kaugummidialekt improvisieren ließ. Der kontinentalen Atmosphäre ist dies durchaus zuträglich und ein Grund mehr, die deutsche Synchronfassung zu meiden wie der Teufel das Weihwasser, denn diese entpuppte sich bereits nach einer Minute als gänzlich fürchterlich und unbrauchbar und könnte „Boar“ zumindest diesbezüglich weitaus ungenießbarer machen, als er es schlussendlich verdient.

4/10

SAVING MR. BANKS

„I can’t abide cartoons!“

Saving Mr. Banks ~ USA/UK/AUS 2013
Directed By: John Lee Hancock

London, 1961. P.L. Travers (Emma Thompson), die Autorin und Schöpferin der legendären Kinderbuch-Nanny Mary Poppins wird bereits seit zwei Jahrzehnten von dem Studiomogul Walt Disney (Tom Hanks) um die Verfilmungsrechte an ihrer Figur angefleht. Nun, da die persönlichen Finanzen trüber werden, steht P.L. überaus widerwillig vorm Einknicken – allerdings lediglich unter für Disneys Produktionsstil nahezu untragbaren Bedingungen. Weder ein Musical solle „Mary Poppins“ werden, noch dürfe er Trickfilmsequenzen enthalten, insistiert die widerborstige Travers gleich bei ihrer Ankunft in Kalifornien. Die Reise in den staubigen Golden State bildet für sie indes zugleich eine Reise in ihre frühe Kindheit und somit in jene Tage, als sie (Annie Rose Buckley), damals noch in Australien lebend, ihren über alles geliebten Vater (Colin Farrell) an dessen zerstörerische Alkoholsucht verlieren musste. Derweil müht sich Disney, seine Interessen, die natürlich völlig konträr zu denen von Travers stehen, sukzessive durchzusetzen – um am Ende vermeintlich zu scheitern. Erst als er um P.L. Travers‘ wahre Biographie erfährt und somit auch die psychologischen Aufarbeitungstendenzen ihrer Poppins-Geschichten durchschaut, verfügt er über das nötige Rüstzeug, um sie doch noch umzustimmen.

„Saving Mr. Banks“ – natürlich, wie könnte es auch anders sein – eine Disney-Produktion, hat mich zu bitterlichem Weinen gebracht. Am Ende habe ich mich gemeinsam mit Emma Thompson durch die gesamte Film-im-Film-„Mary Poppins“-Premiere im Grauman’s Chinese Theatre geheult. Der Grund dafür ist einfach: Wie P.L. Travers als kleines Mädchen habe ich, allerdings als Jugendlicher, bei lebensunweiser Naivität völlig zwecklos gegen die übermächtige Abhängigkeit und den zermürbend langsamen, psychischen und körperlichen Zerfall meines Vaters angekämpft, nur, um wie sie am Ende kläglich zu verlieren. Ihre Motivlage so, wie der Film sie darstellt, ist somit ein offenes Buch für mich und noch viel darüber hinaus. Vor allem die als lichtdurchflutete und doch so dramatische Rückblenden eingestreuten Kindheitssequenzen mit der sensationellen Nachwuchsdarstellerin Annie Rose Buckley gingen mir immens zu Herzen und holten mich selbst zurück in Zeiten, die mich viel Unsicherheit und Schmerz gekostet haben. Dass sich in dem Film sehr viel offensiver noch die Geschichte einer Kreativprostitution verbirgt, macht ihn dann doch noch etwas zwiespältig, wobei ich mir erlaube, der Erzählung durchaus Ironie zu unterstellen. „Poor A.A. Milne“ sagt P.L. Travers einmal, als sie einen überlebensgroße Stofffigur von Disneys Bären Pu erblickt und subsummiert damit das ganze Disney-Dilemma des Weichspülens und der Klebrigkeit. Die geschäftliche Verhandlung mit Disney bedeutet, umgeben zu sein von aufdringlichem Kitsch – von Mickymäusen und Donaldducks, von Wackelpudding in lustigen Formen und Unmengen von Süßigkeiten mit extra Zuckerguss; er bedeutet einen Zwangsbesuch in Disneyland, etliches an Indoktrination, Überredungskunst und schließlich die erschöpfte Kapitulation, als Disney mit seinem letzten Überzeugungsschachzug ein Waffenstrecken forciert. Freilich lässt „Saving Mr. Banks“ P.L. Travers am Ende nicht als Verliererin dastehen – im Gegenteil versichert er selbstsicher, dass sie letztlich die richtige Entscheidung getroffen habe, indem sie Disney habe machen lassen. Dennoch versäumt er es bei aller erwartungsgemäß positiven Charakterisierung des alternden Tycoons nicht, regelmäßig zumindest sanftironisch konnotierte Zweifel zu säen. Darin liegt dann doch wieder ein schöner Verdienst dieses auch sonst wirklich schönen Films.

8/10

ANT-MAN AND THE WASP

„Hiya champ! How was school today?“

Ant-Man And The Wasp ~ USA 2018
Directed By: Peyton Reed

Zwei Jahre nach seinem Einsatz für Captain America in Deutschland neigt sich der regierungsverordnete Hausarrest des ehemaligen Diebes, jetzigen Sicherheitsexperten und dann eben noch als Ant-Man umtriebigen Superhelden Scott Lang (Paul Rudd) dem Ende entgegen. Als er eine traumartige Vision von Henry Pyms (Michael Douglas) in der Molekularwelt verschollenen Gattin Janet (Michelle Pfeiffer) empfängt, wendet sich Scott an Pym und dessen Tochter Hope (Evangeline Lilly). Diese sind überzeugt, dass Janet eine von ihm unbemerkte, geistige Brücke zu Scott bei seinem damaligen Kurzbesuch im Mikroversum aufgebaut hat und bitten ihn nunmehr um Hilfe, um Janet aus der Quantenebene zu befreien. Probleme bereitet ihnen dabei nicht nur der emsige FBI-Agent Woo (Randall Park), der Scott unbedingt einen Bewährungsfehler anhängen will, sondern zudem noch der mit Supertechnologie dealende Schwarzmarkthändler Sonny Burch (Walton Goggins) und die durch zellulare Phasenverschiebung zum Tode verurteilte Ava (Hannah John-Kamen), die sich durch eine Tunnelöffnung in die Mikrowelt Heilung verspricht.

Im MCU ist „Ant-Man“ Scott Lang bislang immer wieder als spaßige Nebenerscheinung der sich mit sehr viel globaleren, um nicht zu sagen: universelleren Angelegenheiten plagenden Avengers aufgetreten. Sein zweites, wiederum von Peyton Reed inszeniertes Solo-Abenteuer, hält sich fest an diese junge Tradition und gewährt dem geneigten Betrachter ein wiederum einen stark komödiantisch getünchten Superheldenfilm, der zudem beliebten Miniaturisierungsklassikern wie „Fantastic Voyage“ oder „Innerspace“ seine kenntnisreiche Reverenz erweist. Mit den sattsam etablierten, witzigen Elementen des Vorgängers, darunter natürlich Langs Ex-Familie mit Töchterchen Cassie (Abby Ryder Fortson) und seine drei Nerd-Kumpels (Michael Peña, T.I., David Dastmalchian), angereichert, entspannt sich eine ordentlich an Rasanz zunehmende, actionreiche Odyssee durch San Francisco und das Microverse, das in punkto Gagdichte nochmals durch Scotts mittlerweile auf Vergrößerung ausgeweitete Fähigkeiten profitiert und das mit halsbrecherischer Kinetik zu glänzen weiß. Dabei schafft es die Story diesmal sogar, auf einen ausgesprochen sinistren Bösewicht zu verzichten – zwar haben Lang und seine Gespielen allerlei Schwierigkeiten damit, ihre Widersacher an der Nase herumzuführen, auszutricksen und auszubooten, all dies geschieht jedoch mit einer stets fluffigen Unbekümmertheit, die die wie immer gänzend dargebotene F/X-Maschinerie instrumentalisiert und nicht umgekehrt.
Im Ergebnis macht das ein prächtig aufgelegtes, sonniges, dem Erstling nahezu ebenbürtig tolles Sequel, an dessen bravourös eingeflochtenem (Mid- und Postcredits-)Ende selbst die wegen angeblich mangelhafter Kontinuität murrenden Fans aufatmen können – der Thanos-Snap macht selbstverständlich auch vor Ant-Man und seinen Freunden nicht Halt (Scotts menschengroße Avatar-Ameise, nebenbei ein formidabler Jokus-Lieferant, ausgenommen). Im Gegenteil, sie werden demnächst, wenn es gilt, den Schaden wieder geradezurücken, umso dringender gebraucht werden. Auf dass ein gezielter Wespenstich des verrückten Titanen Hirn lahmlege! Ich freue mich drauf (wie üblich) drauf wie Oskar – was auch sonst?

8/10