AIR FORCE ONE

„Get off my plane!“

Air Force One ~ USA/D 1997
Directed By: Wolfgang Petersen

Als der kasachische Despot Radek (Jürgen Prochnow), der am liebsten wieder die Sowjetunion nebst allen kommunistischen Schikanen einführen würde, mithilfe der CIA hopp genommen und eingekerkert wird, ist der wackere US-Präsident James Marshall (Harrison Ford) nicht fern. Seinen offiziellen Staatsbesuch in Moskau nutzt er darüberhinaus gleich noch, um den Völkern in aller Welt bedrohlich klarzumachen, dass Amerika künftig als Weltpolizist noch wesentlich härter durchgreifen werde. Der Heimflug verläuft dann alles andere als angenehm: Einem Sympathisanten Radeks, dem nicht minder fanatischen Ivan Korshunov (Gary Oldman), und seinen Gefolgsleuten gelingt es, die Air Force One nebst Präsident zu hijacken. Korshunovs Ziel ist natürlich die Freipressung Radeks, was die sich umgehend zu kebbeln beginnenden Vizepräsidentin (Glenn Close) und Verteidigungsminister (Dean Stockwell) im Sinne des Nichterpressbarkeits-Kodex nur überaus ungern zuließen. Also muss der Präsi, seines Zeichens Vietnam-Veteran, höchstpersönlich ran…

Man sehnt sich förmlich zurück nach dem sogenannten „erzreaktionären“ Actionfilm der Vorgängerdekade, als die muskelbepackten, waffenstarrenden und/oder in martial arts versierten Fantasyhelden in den Resttagen des Kalten Krieges ihre majestätischen Naivmentalitäten in die Köpfe der kommunistischen Widersacher ebenso vehement hineindroschen wie -ballerten, nachdem man dieser auf Hochglanz polierten Klosettbürste angesichtig ward. Ironischerweise brüsten ausgerechnet die amerikanischen Neunziger-Filme „unserer“ beiden Hollywood-Exporte Petersen und Emmerich sich mit oftmals so ekelerregenden Pentagon-Arschkriechereien, dass es einem sich die Zehnägel aufrollt. Schlimmstes und gleichermaßen albernstes Beispiel: „Air Force One“. All die Friedensaktivisten, die noch fünfzehn bis fünf Jahre zuvor gegen die Pershings, Reagan, den Golfkrieg oder gegen „Rambo: First Blood Part II“ auf die Straße gegangen waren, hätten sich im Zuge der Premiere von Petersens sechstem anglophonen Film eigentlich kollektiv an den Kinosälen mindestens dieser Republik festketten müssen – denn was hier an ekelevozierender, hymnischer Lobhudelei über den US-Präsidenten als Ikone der westlichen Welt ausgeschüttet wird, das sucht wahrhaftig seinesgleichen. Worin unterscheidet sich ein Film wie „Air Force One“ von vermeintlichen Aggressionstreibern wie Milius „Red Dawn“ oder Zitos „Invasion U.S.A.“? Nun, wo diese noch auf exakt definierter Genreebene mit nachvollziehbaren Gemeinschaftsängsten spielten, sie aber in letzten Endes phantastische und somit goutierbare, dystopische Fiktionsszenarien setzten, macht Petersen abendfüllendes, teures, technisch exzellentes und von Disney coproduziertes Hochglanzkino für jedermann und -frau. Sein Held ist nicht nur kein jeansbewesteter Prolet oder Ninjakämpfer, auch kein Bodybuilder oder schwersttraumatisierter Kriegsheimkehrer – sein Held ist niemand Geringerer als der stolz geschwelte, jedweder Selbstreflexion abholde Präsident der USA, mit dem respektierten, beliebten, sympathischen Antlitz von Harrison Ford. Han Solo, Indiana Jones, Dr. Kimble, Jack Ryan und all die anderen liebenswerten Heroen mindestens einer ganzen Generation treten hier qua im Kombinat als liebenswerter Familienvater, Ehe- und Ehrenmann und eben als Führer der „Freien Welt“ an, einer von „Mütterchen Russland“ faselnden Mischpoke aus ewiggestrigen Kommiträumern gewaltig in den Arsch zu treten. Flankiert wird Ford darüber hinaus von einer darstellerischen crème de la crème der first acting class: ein aus weltformatigen Gary Oldman, Glenn Close, Dean Stockwell, William H. Macy, KaLeu Jürgen Prochnow (ohne EINE EINZIGE Dialogzeile) und anderen Hochkarätern bestehendes Ensemble, von dem man vieles erwartet hätte, nur nicht gerade, vereint in einem solch unsubtilen Rotzventilator anzutreten, macht Petersen und seiner hanebüchenen Geschichte seine Aufwartung. Davon hätten Sly, Arnie, Chuck oder Dudikoff dereinst nur träumen mögen.
Natürlich ist die Agenda jenes Präsidenten James Marshall vor allem eine ganz private – immerhin befinden sich dessen Gattin (Wendy Crewson) und Töchterchen (Liesel Matthews) an Bord des mirnichts dirnichts entführten Superfliegers und nicht zuletzt diese gilt es, zu beschützen und herauszuhauen. Die Art, wie „Air Force One“ moralische Integrität und Wehrhaftigkeit, aber auch Charme und Weisheit des höchsten Mannes der USA präserviert, dürfte nicht zuletzt dem fleischgewordenen running gag Donald Trump als willkommene Wichsvorlage dienen: „Look, that’s me up there! Only I’m even greater!“
Aber wisst ihr was? Wir verbuchen das Ganze rückblickend einfach trotzdem als Science Fiction. Genau wie Trump in hoffentlich spätestens einem halben Jahr.

4/10

CERTAIN FURY

„I want you away from me!“

Certain Fury (In der Hitze von New York) ~ USA 1985
Directed By: Stephen Gyllenhaal

Scarlet McGinnis (Tatum O’Neal) und Tracy Freeman (Irene Cara), zwei komplett gegensätzlichen Milieus entstammende junge Frauen, landen wegen unterschiedlicher Delikte vor dem Haftrichter. Als im Gerichtssal eine weitere Delinquente (Dawnlea Tait) plötzlich Amok läuft und diverse Beamte erschießt, bleibt Scarlet und Tracy nurmehr die Flucht nach vorn. Nachdem sie zunächst in der Kanalisation landen, kommt ein weiterer Polizist (Gene Hartline) unfällig zu Tode. Nur sehr zögerlich entwickelt das nunmehr unfreiwillig aufeinander angewiesene Paar eine aus der Not geborene Freundschaft, die sie auf der Flucht vor der Polizei durch diverse Institutionen der urbanen Unterwelt führt.

Dieser kleine, in Vancouver gedrehte (und demzufolge gut sichtbar mitnichten, wie der deutsche Titel es zu suggerieren versuchte, in New York spielende) Indie-Exploiter kombiniert Motive des schwarzweißen buddy movie von Stanley Kramers „The Defiant Ones“ bis zu Walter Hills „48 Hrs.“ mit dem zeitgenössisch angesagten Subgenre des nächtlich angesiedelten Großstadt-Odysse-Films und feminisiert diese kurzerhand.
Soweit, so gut: Atmosphärisch und auch formal geht Gyllenhaals durch allerlei Stationen urbaner Halbwelten mäanderndes Krimidrama durchaus in Ordnung und auch die Darstellerriege kann sich von den Haupt- bis in die Nebenrollen hinein sehen lassen. Gleich zu Beginn gibt es einen prall choreographierten Shootout, der die Zuschauererwartungen nochmals immens schürt und die Berliner Synchro versucht mit teils kecken Sprüchen, das Beste aus dem ihr Überlassenen zu machen. Dennoch war es „Certain Fury“ nie vergönnt, auch nur ansatzweise den Status selbst eines Kleinstklassikers zu erobern. Zurecht. Denn der Grund dafür ist flugs eingekreist und liegt evident auf der Hand: Das von (dem anschließend nurmehr zweimal in Erscheinung getretenen) Michael Jacobs entwickelte Script erweist sich von vorn bis hinten eine einzige Katastrophe. Abgesehen von einem bestenfalls auf Minimalebene erkennbaren groben roten Faden, der sich auch nur per ganz viel good will mit Mühe und Not identifizieren lässt, wirken sowohl Narration als auch Dramaturgie mit zunehmendem Verlauf hoffnungslos zerfahren. Vor allem die beiden Protagonistinnen ändern ihre Pläne und wechselseitigen Sympathien praktisch ohne nachvollziehbare Kausalitätsschemata im Sekundentakt, wobei insbesondere die Motivlage von Tatum O’Neals Figur trotz all ihrer darstellerischen Bemühungen völlig nebulös bleibt. Potenziell interessante Nebenfiguren wie der Pornofilmer Sniffer (Nicholas Campbell) oder der Zuhälter Rodney (Peter Fonda) werden erbarmungslos verschenkt und verheizt; die regelmäßig zwischengeschalteten Szenen mit George Murdock als die beiden Mädels verfolgender Cop und Moses Gunn als Tracys Vater (peinlich klischiert als erfolgreicher Chirurg, dessen Sorge um seine Tochter sich mit reichlicher Verspätung einstellt) folgen ebenfalls keinem plausiblen Fortgang. Die gleich mehrere mit heißer Nadel dahergestrickte Macguffins bemühende Episodenhaftigkeit gleitet bald in die Beliebigkeit ab. Diese fatale Inkonsistenz schmerzt besonders, weil „Certain Fury“ eben auch über die eingangs erwähnten Qualitäten verfügt und somit grundsätzlich ein schöner Film hätte werden mögen. So taugt er nurmehr als revisionistisches Beispiel dafür, dass auch im schillernden Genrekino der Achtziger nicht alles Gold ist, was scheinbar attraktiv durch die Annalen hindurchschimmert.

4/10

TAKEN 3

„Finish me! I deserve it!“ – „Yes. You do.“

Taken 3 (96 Hours – Tak3n) ~ F/USA/E 2014
Directed By: Olivier Megaton

Während Bryan Mills (Liam Neeson) noch ohne sein Wissen im Begriff ist, Großvater zu werden, nähert sich ihm seine Ex Lenore (Famke Janssen) wieder an, zumal dieser der Dauerstress mit ihrem zweiten Gatten, dem Geschätsmann Stuart St. John (Dougray Scott), ziemlich zu schaffen macht. Die Katastrophe stellt sich ein, als Bryan Lenore in seinem Appartment mit durchschnittener Kehle vorfindet und höchstselbst als Täter verdächtigt wird. Anstatt sich zu stellen, taucht er ab und knöpft sich die wahren Schuldigen selbst vor. Eine heiße Spur führt zum russischen Profikiller Oleg Malankov (Sam Spruell)…

Im dritten und wohl auch letzten Teil der kleinen „Taken“-Reihe muss Vollprofi Bryan Mills buchstäblich vor der eigenen Haustür kehren, nachdem er zuvor die Gesindelquote von Paris und Istanbul um gefühlte 80 Prozent dezimiert hat. Diesmal sieht sein Aktionsradius zudem zum ersten Mal keine Animositätsprophylaxe vor, sondern zutiefst persönliche Nachsorge, denn kurz, bevor er zu aller Zufriedenheit mit seiner „Lenny“ wieder zusammkommen kann, wird diese eiskalt ermordet. Das wiederum von Luc Besson verfasste Script nutzt diese Prämisse, um die erwartungsgemäß simple Rachestory mit offenkundigen „The Fugitive“-Anleihen zu versetzen, nur dass Forest Whitaker in einer gewohnt erratischen Rolle (nebst Schachfigürchen als Talisman) anstelle von Tommy Lee Jones zu sehen ist und Bryan Mills, der sich zudem der freundschaftlichen Unterstützung seiner drei „Personenschutz“-Kollegen (Leland Orser, David Warshofsky, Jon Gries) versichern kann, die Cops noch wesentlich gekonnter und gelassener neppt als jeder Dr. Kimble. Immerhin bringt Besson „seinen“ Film damit auf eine stattlichere Lauflänge als die beiden ersten Filme sie aufwiesen, wobei das „immerhin“ in diesem Satz sich nicht unbedingt ernst lesen sollte. Qualitativ setzt „Taken 3“ im Vorgleich zum direkten Vorgänger keinerlei innovative Impulse; vielmehr scheint er sich zu bemühen, den ansonsten ja wenig zimperlichen Bryan Mills ein wenig zu „rehumanisieren“. Oftmals sind dessen kombattante Gegner nunmehr (kalifornische) Polizisten, die aus den für sie wenig erfreulichen Begegnungen mit Mills zwar erwartungsgemäß samt und sonders mit gebrochenen Extremitäten oder Prellungen, aber doch zumindest mit dem nackten Leben hervorgehen; seine härtesten kriminellen Widersacher wählen indes den Frei- und somit Ehrentod oder bitten höflich um ihre Exekution. Der Oberhundsfott ist diesmal allerdings weder ein albanischer Mafiapatriarch noch ein fetter, pädophiler Scheich und selbst nicht der russische Auftragskiller (der wurde nämlich genauso gelinkt wie Mills himself), nein, Lenores neuer Ehemann ist’s, den wir bereits seit dem seligen Original kennen, wo er noch vergleichsweise sympathisch herüberkam, obwohl ihn seinerzeit sogar der eigentlich stets etwas etwas ominös umwehte, zudem deutlich ältere Xander Berkeley gab. Leider stand Berkeley hier aus welchen Gründen auch immer nicht mehr zur Verfügung, was ich angesichts Dougray Scotts eher profilloser Darstellung ziemlich schade finde. Es wird also alles etwas privater und häuslicher für Bryan Mills, wobei all das „Taken 3“ proportional um diverse potenzielle Punkte bringt, die Morels Erstling noch auszeichneten.
Mein ganz privates Resümee nimmt sich jedenfalls dergestalt aus, dass ich nach künftigen Betrachtungen des Originals die beiden Sequels nicht a priori mit in die Folgeselektion setzen werde müssen.

5/10

TAKEN 2

„We will have our revenge.“

Taken 2 (96 Hours – Taken 2) ~ F/USA/TR 2012
Directed By: Olivier Megaton

Dafür, dass der retirierte Superagent Bryan Mills (Liam Neeson) die Albaner-Mafia in Paris aufgemischt hat, schwört ihm der Patriarch Murad Hoxha (Rade Serbedzija) mit seinem Clan blutige Rache. Ein Engagement, das Mills nach Istanbul führt, bietet Hoxha die willkommene Chance, seine Vendetta quasi gleich vor Ort durchzuführen. Mit einem ganzen Tross seiner Männer wartet der Alte auf Mills, der gleich noch Ex-Gattin Lenore (Famke Janssen) und Tochter Kim (Maggie Grace) zwecks idyllisch geplanten Familienurlaubs im Schlepptau hat, in der Bosporus-Metropole auf den Amerikaner. Nachdem es den Albanern gelungen ist, Mills zu überrumpeln und mitsamt Lenore in ihre Gewalt zu bringen, ist die noch freie Kim ihre letzte Chance. Mills kann sich mit Kims Hilfe befreien und beschert Hoxha einen weiteren veritablen Albtraum…

Rache für Rache – dass Blutfehde und Vergeltung nie Einbahnstraßen sind, lässt Bryan Mills seine Widersacher in diesem Erstsequel zu Pierre Morels „Taken“ (den ich zuvor gleich noch einmal einer persönlichen, durchaus befriedigend verlaufenen Revision unterzogen habe) auf äußerst intensive Weise spüren. Wer das Original gesehen hat, dessen Erfolg Hauptdarsteller Neeson einen zweiten Karrierefrühling als Actionthriller-Star bescherte, weiß, dass mit Bryan Mills nicht gut Kirschen ist, zumal, wenn es um seine Familie geht. Mit Rade Serbedzija, einem kroatischen Charakterdarsteller, der bereits seit den Neunzigern in Hollywood einer der bemühtesten Akteure für südosteuropäisches type casting ist, steht ihm diesmal sogar ein echter villain mit einigermaßen verständlicher Agenda gegenüber – immerhin hatte Mills im Vorgänger Hoxhas Sohn Marko mittels Stromstößen auf ziemlich üble Weise zu Tode gefoltert. Dass dieser sein gewalttätiges Ableben allerdings gewissermaßen „forciert“ hatte, indem er ausgerechnet die Tochter einer unerbittlichen, menschlichen (amerikanischen!) Zeitbombe kidnappte, bildete vordringlich das aus dem Walde zurückschallende Echo seiner niederträchtigen Menschenhandelsaktionen. Markos Altem ist das jedoch herzlich egal, er weiß nur, dass Mills „Söhne, Ehemänner und Väter“ auf dem Gewissen hat, und das lässt man im traditionsbewussten, ruralen Albanien nunmal nicht so ohne Weiteres auf sich sitzen. Fürderhin geht es also in Istanbul zur Sache, wo die anfängliche Siegesgewissheit Murad Hoxhas sich bald ins bittere Gegeteil verkehren soll.
Was die „Taken“-Trilogie und insbesondere die Charakterisierung des Protagonisten von den vielen ähnlichen gelagerten Film(reih)en und ihren Hauptfiguren unterscheidet, ist die seltsam aufreizend dargelegte Ambivalenz ihrer Persönlichkeit: Dass man mit Bryan Mills einen moralisch unbeflissenen Vollblutkiller präsentiert bekommt, der gegebenenfalls auch durchaus sadistische Tendenzen zur Schau stellt, erweist sich in Anbetracht all der anderen Vigilanten der (jüngeren) Kinogeschichte als nicht sonderlich ungewöhnlich; dass man ihm auf der anderen Seite den liebevollen und besorgten Familienvater und Freund, dessen empathisches, ganz selten einmal brummbäriges Wesen kaum mehr von dieser Welt zu sein scheint, abnehmen soll, als dafür umso lachhafter. Vor allem die letzteren beiden „Taken“-Filme, die von Olivier Megaton anstelle Pierre Morels inszeniert wurden, kokettieren förmlich mit dieser beinahe schon absurden Prämisse, die beim Betrachter die stillschweigende Akzeptanz eines willkürlich zwischen John Rambo und Charles Ingalls oszillierenden Helden blind voraussetzt. Vor allem in dieser, mit Fug und Recht als schizophren zu bezeichnenden Hinsicht scheint mir der eingeforderte good will des dargebotenen Handlungsuniversums annäherend grenzphantastisch, um nicht zu sagen albern, zumal „Taken 2“ nach dem diesbezüglich noch sehr viel ausdifferenzierterem Original nochmals forciert. Megaton liefert am Ende [das mit der per allgemeinem Gelächter quittierten, vorsichtigen Bitte Kims, ihr Dad möge den just kennengelernten boyfriend Jamie (Luke Grimes) doch bitte nicht sofort abknallen, mehr über den gesamten Film aussagt als tausend abgeknallte Albaner] also kaum mehr einen ernstzunehmenden Genrebeitrag, sondern recht oberflächliches Fortsetzungsmaterial, das mir zudem etwas unter einer allzu gut gemeinten, unübersichtlichen, seine Actionsequenzen oftmals verzerrenden Montage leidet.

5/10

JENSEITS DER STILLE

„Ich will micht nicht mehr verabschieden müssen. Ich hab‘ genug davon.“

Jenseits der Stille ~ D 1996
Directed By: Caroline Link

Lara (Tatjana Trieb) wächst als hörendes Kind ihrer zwei taubstummen Eltern Martin (Howie Seago) und Kai (Emmanuelle Laborit) auf. Trotz ihrer unüberbrückbaren Differenzen lebt die Familie sehr harmonisch zusammen, wobei Martin seiner Tochter die Fähigkeit des Hörens insgeheim neidet. Früh lernt Lara, die Behinderung ihrer Eltern auch als Chance für sich selbst zu begreifen, indem sie etwa als naseweise Dolmetscherin fungiert. Ein alter, schwelender Konflikt zwischen Martin und seiner Schwester Clarissa (Sibylle Canonica) kocht indes schließlich wieder hoch, als die sich als Bohèmienne exponierende, selbst kinderlose Clarissa ihrer Nichte zu Weihnachten eine Klarinette schenkt. Rasch lernt Lara unter Clarissas wachsender Einflussnahme die Liebe zum Instrument und zur Musik kennen, zum heimlichen Leidwesen ihres später infolge eines tragischen Unfalls verwitweten Vaters. Als junge Erwachsene (Sylvie Testud) plant Lara, am Konservatorium in Berlin zu studieren. Hier lernt sie auch ihre erste große Liebe, den Lehrer Tom (Hansa Czypionka), kennen, ebenso wie die Schattenseiten der insgeheim doch fragilen Clarissa. Martin durchbricht derweil ganz sachte seine Sturköpfigkeit…

Das von Luggi Waldleitner mitproduzierte Langfilmdebüt der damals 31 Jahre jungen Caroline Link weist in vielfacher Hinsicht den Weg, den die Filmemacherin hernach einschlagen sollte: Geschichten um Kinder, das Aufwachsen unter nicht alltäglichen Bedingungen, Biographisches, aber auch der Umgang von Menschen miteinander in Grenzsituationen treiben sie um. „Jenseits der Stille“, der aus einer Zeit stammt, in dem das deutsche Kino kommerziell vornehmlich von dullen Yuppie- und Beziehungskomödien zehrte und ernste oder bewegende Themen abseits von Vergangenheitsbewältigung im Mainstream eine Ausnahmeerscheinung darstellten, bildete, gewiss auch derart kalkuliert, damals ein warmes Leinwandlichtlein im Winter- und Weihnachtsgeschehen 96 (mein erstes Semester) und zeigte, dass auch mit emotional mitreißenden Geschichten – und dazu zählt „Jenseits der Stille“ mit seinen vielen (nicht immer wirklich befriedigend konkludierten) durchrüttelnden Momenten ohne Zweifel – hierzuland noch zu rechnen war. Mit der kraftvollen, teils geradezu explosiven Darstellung des US-Schauspielers Howie Seago in der Rolle des Martin landete Link einen veritablen Glückstreffer, ebenso mit der sinnlichen Sibylle Canonica, die die innere Zerrissenheit Clarissas zwischen sensationshungriger Lebefrau und garstiger, verletzter Ränkeschmiedin grandios interpretiert. Czypionka und Matthias Habich, der Clarissas langmütigen Gatten Gregor spielt, sehe ich jeweils immer gern und seit diesem Film ohnehin noch mehr.
Ich hatte „Jenseits der Stille“ mittlerweile lange nicht geschaut und muss einräumen, dass er mir nicht mehr ganz so uneingeschränkt gut gefiel wie noch vor vielleicht zwanzig Jahren – man bemerkt dann doch den einen oder andere  kleineren dramaturgischen Schnitzer oder einzelne Dialogsequenzen, die sich mit etwas mehr Mut zur Konsequenz oder Elaboration vielleicht noch wesentlich prägnanter hätten lösen mögen. Dennoch bleibt eine über weite Strecken schön finalisierte, ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, die eben insbesondere von ihrer formidablen Besetzung zehrt.

8/10

THE EYES OF MY MOTHER

„Loneliness can do strange things to the mind.“

The Eyes Of My Mother ~ USA 2016
Directed By: Nicolas Pesce

Die kleine Francisca (Olivia Bond) wächst ohne nennenswerte Kontakte zur Außenwelt in der abgelegenen US-Provinz als Tochter einer portugiesischstämmigen Augenchirurgin (Diana Agostini) und eines einheimischen Farmers (Paul Nazak) auf. Der eines Tages auftauchende Handelsreisende Charlie (Will Brill) entpuppt sich, nachdem Franciscas Mutter ihn infolge eines Vorwands ins Haus gelassen hat, als psychotischer Serienkiller und erschlägt sie. Ihr plötzlich auftauchender Mann überwältigt den Eindringling und fesselt ihn in der Scheune. Francisca nimmt Kontakt zu dem Gefangenen auf und verstümmelt ihn daraufhin, indem sie ihm Augen und Stimmbänder entfernt. Jahre später, Francisca (Kika Magalhães) ist mittlerweile erwachsen, verstirbt der Vater, derweil Charlie sich als quasi einziger verbleibender sozialer Kontakt noch immer in ihrer Gefangenschaft befindet. Ein Versuch Franciscas, ihre Beziehung zu „intensivieren“, endet mit einem für Charlie tödlich verlaufenden Fluchtversuch. Doch damit ist Franciscas wahnsinnige Suche nach Zwischenmenschlichkeit noch längst nicht zu Ende…

In seinem beachtlichen Debüt stellt Nicolas Pesce das filmische Konzept des hinterwäldlerischen, ungeschlachten Hillbilly-Serienkillers, wie das Genrekino ihn seit Jahrzehnten kultiviert, gehörigst auf den Kopf. Nicht allein gestalterisch (Pesce bedient sich diverser vermeintlicher „Arthouse“-Stilmittel wie etwa einer wohlfeil schattierten Schwarzweiß-/Scope-Photographie), sondern vor allem im Hinblick auf die Ausarbeitung seiner Protagonistin adressiert der junge New Yorker ungeachtet seines grundsätzlich transgressiven Sujets keineswegs primär den rünstigen gorehound, sondern öffnet sein Werk für jeden, der es gern mit Interessantem abseits der sozialästhetisch verträglichen Norm probiert. Die Geschichte seiner geisteskranken Serienmörderin Francisca ist ebenso tragisch, wie abstoßend und ja, auf eine zutiefst morbide Weise auch schön. In der beachtlichen Kika Magalhães fand Pesce eine Darstellerin, die den infolge ihrer Rolle implizierten Grat zwischen Zerbrechlichkeit und Raserei exzellent meistert. Welche dunkle Disposition Francisca schon als kleines Mädchen den fatalen Schritt vom Licht ins Dunkel vollziehen lässt, mag man lediglich erahnen. Vielleicht ist sie selbst längst ein Missbrauchsopfer ihres Vaters, eines fernab vom Schuss lebenden Farmers und überhaupt bleibt offen, wie sich ihre Mutter, offenbar eine Frau von Intellekt und Kultur, überhaupt in diesen Hinterwinkel des Nirgendwo verirren konnte. Franciscas Leben wandelt sich jedenfalls mit dem Tag, an dem jener Vertreter Charlie den verhängnisvollen Fehler begeht, sich ihre Mutter als Opfer auszuerküren, in eine ganz private Spirale aus Blut und Wahn, die sie als nichtsdestotrotz attraktive Prinzessin ihres kleinen Folterimperiums sich unentdeckt weiterrotieren lässt. Franciscas moralethische Verschrobenheit in Kombination mit ihrem narzisstischen Hang nach Liebe und Freundschaft ergibt trotz mancherlei interpretatorischer Offenheiten eine dicht gewobene, sorgfältig ausgearbeite Persönlichkeitsstudie mit einigem Nachhall.

8/10

SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK

„Stories hurt, stories heal.“

Scary Stories To Tell In the Dark ~ USA/CA 2019
Directed By: André Øvredal

Mill Valley, Pennsylvania 1968: Ein folgenreicher Halloween-Streich endet für die drei befreundeten Teenager und Horrorliebhaber Stella (Zoe Margaret Colletti), Auggie (Gabriel Rush) und Chuck (Austin Zajur) sowie den just dazugestoßenen Chicano Ramón (Michael Garza) im verlassenen Anwesen der Familie Bellows – einer einst wohlhabenden Dynastie von Textilunternehmern, der Mill Valley die Hauptursache seiner Existenz verdankt. Doch wie die meisten reichen Großfamilien umweht auch die Bellows‘ ein dunkles Geheimnis – einst wurde deren Tochter Sarah (Kathleen Pollard) zunächst von der Außenwelt isoliert und versteckt gehalten, um dann später in einer unweit entfernten Irrenanstalt mit Elektroschocks „therapiert“ zu werden. Sarah, die seit damals in dem alten Haus ihr gespenstisches Unwesen treiben soll, ist auch die Autorin eines seltsamen Geschichtenbuchs, das die von irrationalen Schuldgefühlen geplagte Stella findet und mit sich nimmt. Mit jenem Buch hat es Mysteriöses auf sich – es schreibt seine Gruselgeschichten selbst unumwunden mit blutiger Tinte, derweil das Niedergeschriebene sich parallel in der Realität abspielt und die jungen Leute ins Verderben reißt. Da das Buch sich nicht vernichten lässt, muss Stella nun seiner Autorin auf die Spur kommen…

„Scary Stories To Tell In The Dark“, inszeniert von dem vielversprechenden norwegischen Regisseur André Øvredal und produziert von Guillermo del Toro, basiert auf einer Serie von Gruselgeschichten-Anthologien, die der Autor Alvin Schwartz in den Achtzigern und Frühneunzigern speziell für eine jüngere Leserschaft verfasst und veröffentlicht hat. Mit dem verbindenden Plot der sich aus dem Jenseits rächenden Sarah Bellows fand der Film einen passenden narrativen Überbau, um seinen Episoden um einige, eine Teenagergruppe heimsuchende, grauslige Ereignisse inhaltliche Kohärenz zu verleihen und seine monströsen Gestalten und Segmente um die lebende Vogelscheuche Harold, einen Zombie auf der Suche nach einem fehlenden Zeh, eine fiese Spinnenschwangerschaft, die aufdringliche Pale Lady und den verwachsenen Jangly Man miteinander verquicken zu können. Dabei erweist sich der Release-Termin von „Scary Stories“ als nicht eben klug gewählt, um nicht zu sagen: ungünstig zu einer Zeit, in der Retro-Geschichten um juvenile Freunde in Kleinstädten beileibe kein innovatives Sujet mehr abgeben. Doch genau auf jenen inhaltlich ausgetrampelten Pfaden wandeln Øvredal und del Toro abermals, wenngleich sie immerhin bis in die Sechziger zurückblicken, die sich im Filmkontext allerdings bestenfalls durch spezifische Details wie etwa das in der Ferne spukende Vietnam von den in jener Subgattung üblicherweise abgefrühstückten achtziger Jahren unterscheiden. „Scary Stories“ greift als vergleichsweise harmlos gewebter PG-13-Halloween-Grusler auf einige hübsche Einfälle zurück, die im Ansatz den fruchtbaren Ideenpool seiner Kreativköpfe erahnen lässt, bleibt am Ende aber dann doch zu ordinär, vorhersehbar und beliebig für ein Publikum jenseits des fünfzehnten Lebensjahrs, das mit Episodenhorror und teenage angst seine hinlänglich lieben, langjährigen Erfahrungen sammeln konnte. Der bereits unzweideutig auf ein vorgeplantes Sequel verweisende Epilog versagt dann auch weitgehend in seinem Bestreben, diesbezügliche Neugier zu schüren. Nett, nicht mehr.

6/10

ESCORT WEST

„The war is over.“

Escort West (Patrouille westwärts) ~ USA 1959
Directed By: Francis D. Lyon

Kurz nach dem Sezessionskrieg ist der vormalige Konföderierten-Captain Ben Lassiter (Victor Mature) mit seiner kleinen Tochter Abbey (Reba Waters) quer durch Nevada unterwegs gen Westen. Man begegnet einem Kavalleristenregiment, das Beth (Elaine Stewart) und Martha Drury (Faith Domergue), zwei Schwestern von der Ostküste, in die selbe Richtung eskortiert. Beth ist mit dem Offizier Poole (William Ching) verlobt, zu dem sie gebracht werden soll. Zeitgleich treibt eine Gruppe marodierender Modocs unter dem Renegaten Tago (X Brands) ihr Unwesen in der Region. Während Poole und seine Leute bereits von den Indianern eingekesselt sind, werden auch die die Schwestern geleitenden Soldaten überfallen und aufgerieben. Lassiter nimmt sich der beiden überlebenden Frauen und des alten Scouts Walker (Rex Ingram) an. Während Beth sogleich Sympathien für den Ex-Rebellen entwickelt, lässt Martha, die ihren Mann während des Krieges verloren hat, ihn ihren ganzen Hass spüren. Zwei weitere überlebende Kavalleristen (Leo Gordon, Ken Curtis) interessieren sich derweil vornehmlich für die ebenfalls in Sicherheit gebrachte Regimentskasse…

Ein sehr schöner, wenngleich sehr kurz geratener Scope-Western ist dem vornehmlich im B-Film-Sektor tätigen Regisseur Francis D. Lyon mit „Escort West“ geglückt. Das Script schützt ein klassisches Genreszenario mit nicht mit minder klassisch angelegten Genrefiguren vor, das ganz bewusst gegen einige mehr oder weniger etablierte Klischees angeht: Im Mittelpunkt steht der mit allen Wassern gewaschene Südstaatler Lassiter, dem die ganze Sympathie der Geschichte gehört. Lassiter ist natürlich ein mit allen Wassern gewaschener Profi, der sich rührend-liebevoll um seine zehnjährige Tochter kümmert. Ihre Frau und Mutter ist offenbar ein Opfer des Krieges geworden, weshalb man die verbrannte Erde im Osten gemeinsam verlässt. Dennoch hat Lassiter jedweden (berechtigten) Hass gegen die Menschheit abgelegt – im Gegensatz zu den Unionisten, die ihm mit weiterhin Aggression und Häme begegnen. Seinen eigentlichen Konterpart findet Lassiter allerdings in der ebenfalls verwitweten Nordstaatlerin Martha Drury, einer hasserfüllten, verhärmten Frau, die auf Lassiter ihren gesamten (Über-)Lebenszorn projiziert. Überhaupt genießt „Escort West“ seine Aushebelungen und ironischen Verkehrungen – während Lassiter alles daran setzt, den wiederum alles Vergangene vergebenden, ihm freundschaftlich zugetanen, farbigen Walker zu retten, besteht Martha darauf, den verletzten Scout zurückzulassen, da dieser sie nur aufhalte. Selbst die natives stehen in keinem grundsätzlich negativen Licht da: Tago und seine Leute sind lediglich ordinäre Verbrecher, die ihrem Stamm entsagt haben und auf eigene Faust morden und brandschatzen. In eigentlich anachronistischen, dafür umso eindrucksvoller genutzten Schwarzweißbildern lässt Lyon seine vorzügliches Ensemble – neben Victor Mature (mit jedem weiteren Film, den ich mit ihm genießen darf, ohnehin zunehmend einer meiner Lieblingsschauspieler) sind auch einige Ford-Usuals darunter, durch seine Außensets. Auch die biestige Faith Domergue ist toll, während Elaine Stewart und ihr Verhältnis zu Mature eher blass bleiben. Hier wäre ein wenig mehr Schürung emotionaler Brandentfachung sicher nützlich gewesen, doch der Film, dem ein paar Minuten mehr durchaus gut getan hätten, begnügt sich eben mit seiner wie knapp bemessenen Erzählzeit, in der er dann doch alles Wesentliche berichten kann.

8/10

THE MULE

„I could buy everything, but I couldn’t buy time.“

The Mule ~ USA 2018
Directed By: Clint Eastwood

Eher durch ganz alltägliche Koinzidenz gerät der alte Blumenzüchter Earl Stone (Clint Eastwood) an die mexikanische Drogenmafia. Ein lukrativer Job, in dessen Zuge Earl nichts anderes zu tun hat, als mit seinem rostigen Pick-up eine Ladung Kokain von Texas nach Illinois zu transportieren und dort abzuliefern, lässt den rüstigen Rentner Blut lecken. Er wird zu einem „mule“, einem interstaatlichen Drogenkurier der mexikanischen Kartelle, der sich durch seine ruhige und unaufgeregte Art schon bald die Sympathie seiner Mittelsmänner sichern kann und immer mehr Geld verdient. Derweil kriselt es an allen sonstigen Fronten: Die DEA in Form des umtriebigen Agent Bates (Bradley Cooper) wird auf Earl aufmerksam und heftet sich an seine Fährte; die Beziehung Earls zu seiner Familie kriselt heftigst. Als ein Emporkömmling (Clifton Collins Jr.) aus der eigenen Organisation Earls obersten Boss, den Kartellchef Laton (Andy Garcia), aus dem Weg räumt, fangen Earls Schwierigkeiten jedoch erst richtig an.

Und erneut liefert der große alte Mann des amerikanischen Kinos ab, folgt seinem Stil als lakonischer auteur, der um sich selbst als Protagonisten immer noch die wahrscheinlich schönsten Storys inszeniert und vermag selbst als greiser 88-jähriger noch seine Anhängerschaft zu rühren, ohne sich Weinerlichkeiten hinzugeben. Den Vorschutz von lauter Aggressivität, wie ihn der oftmals wütende Eastwood der siebziger und achtziger Jahre noch befleißigte, ist längst passé und selbst ein paar unumgängliche Gewaltmomente, wie die Ermordung des druglord Laton oder eine Tracht Prügel, die Earl Stone von zwei mexikanischen Gorillas bezieht, spielen sich entweder in beinahe humoristisch geprägtem Kontext ab bzw. werden erst gar nicht onscreen dargestellt. Stattdessen frönt Eastwood ganz lässig jenem Topos, der ihn bereits seit rund drei Dekaden und mit zunehmender Vehemenz vornehmlich umtreibt – der Melancholie des würdevollen Alterns. Auch das damit eng verbundene Motiv der entfremdeten Familie, die über die Jahre hinweg zum Opfer des autobiographisch in der Hauptsache mit sich selbst und seinen Angelegenheiten befassten, alternden Eigenbrötlers wird, geriert erneut zum wesentlichen Stoff von Eastwoods nach wie vor uramerikanischer Geschichtsschreiberei. Earl Stone ist alles andere als ein Mensch mit kriminellem Potenzial. Vielmehr möchte man ihn als typischen Südstaatensenior vom alten Schlag – Korea-Veteran, Charmeur, leidenschaftlicher Blumenfreund und eben lausiger Familienvater, der er ist – bezeichnen, einen, der Afroamerikaner noch so unbedarft wie freundlich als „negroes“ anspricht und den die vergessene Hochzeit seiner Tochter (Alison Eastwood) zugunsten des Besuchs einer Blumenmesse auch deren letzte Sympathien kostet. Der Einsatz seiner realen Tochter in dieser Rolle spricht Bände. Zwölf Jahre später hat der Online-Handel den hoffnungslos technikfremden Ewiggestrigen, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Internet und Mobiltelefone schimpft, in den Ruin getrieben. Hier setzt dann der Kernplot ein, der Earl Stone als zumindest geistig noch wendigen Lebenskünstler zeigt, der sich von dem Geld für seine Koksfahrten noch ein paar schöne Dinge gönnt. Wie zuletzt stets befleißigt sich Eastwood aufs Neue der treuen Weise „the best stories are written by life itself“ und erzählt die wahre Geschichte des Horikulturisten und Drogenkuriers Leo Sharp nach, der über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg quer durch die USA Kokain für das Sinaloa-Kartell transportierte und mit 87 Jahren verhaftet wurde. Nach einem Jahr der abzusitzenden Strafe wurde der nette, alte Herr wieder entlassen und starb dann wiederum zwei Jahre später. Seinen Film lässt Eastwood nicht mit dem Tod des Protagonisten enden. Er zeigt seinen Earl Stone vielmehr da, wo er glücklicher nicht sein könnte – bei der Blumenhege. Dass dieser sich dabei im Knast befindet, trübt seine sympathische Geschichte keinesfalls ein, im Gegenteil. Der Mythos darf vielmehr noch ein paar Jahre weiterleben.

8/10

CRAWL

„Dad!“

Crawl ~ USA/RS/CA 2019
Directed By: Alexandre Aja

Um nach ihrem Vater Dave (Barry Pepper) zu sehen, der telefonisch nicht zu erreichen ist und in dessen Heimatregion ein Hurricane tobt, fährt die junge Leistungsschwimmerin Haley Keller (Kaya Scodelario) kurzentschlossen Richtung Südflorida. Nachdem Haley in der Wohnung ihres Dads nur Hündin Sugar findet, macht sie sich zum alten Haus der Familie auf, das ausgerechnet inmitten des Sturmzentrums liegt. Sie findet Dave verletzt und bewusstlos im überschwemmten Keller – nicht jedoch allein, denn ein paar Alligatoren, die gerade ihr Jagdrevier erweitern, haben sich ebenfalls häuslich dort eingerichtet…

Mit produzierender Unterstützung von Sam Raimi wendet sich Alexandre Aja, via „Haute Tension“ seines Zeichens einst Mitbegründer der französischen nouvelle vague d’horreur, in seinem jüngsten Werk erneut einem von ihm bereits erfolgreich beackerten Terrain zu – dem des Tierhorrors. In seinem „Piranha“-Remake von 2010 machte er aus Joe Dantes klassischem Original eine lustvoll-exploitative Hommage an das gesamte Genre, die nebst Nebenrollen-Einsatz von Porno-Sternchen in ein ordentliches, aber stets breit grinsendes Gematsche mündete. In „Crawl“ folgt er einer wesentlich differenten, ernsteren Prämisse, die mehr mit den bisweilen hermetischen Ausgangssituationen anderer Kroko- und Alligatoren-Horrorfilmen der letzten Jahre (etwa „Black Water“) gemein hat denn mit spaßigen Splatter-Breitseitenn wie oben erwähnter.
Kurzum geht es um zwei eingekesselte Personen – Vater und Tochter – die sich nur einer entfesselten Natur im Katastrophenzustand zu erwehren haben, sondern auch ihrer persönlichen, von Unausgesprochenem geschädigten Beziehung zueinander. Die Extremsituation, in der sie nun beide gekegelt wurden und die ihnen ausgiebig Gelegenheiten bietet, einander das Leben zu retten, entpuppt sich dafür natürlich als adäquater Katalysator.
Was die wahren Stars des Films – also die gefräßigen Echsen – anbelangt, hält „Crawl“ den Ball im Vergleich zu seinen vielen Vorgängern den Ball vergleichsweise flach und lässt die atmosphärische Spannung eher aus dem der Gesamtsituation geschuldeten, hermetischen Szenario erwachsen. Weder sind die bissigen Biester nämlich über Gebühr intelligent noch erreichen sie – obschon nicht eben winzig – die exorbitante Größe anderer Gattungsvertreter. Immerhin sind sie allerdings schnell – was dann wiederum Anlass gibt, die beiden ProtagonistInnen nicht zu den einzigen (potenziellen) Opfern der Amphibien zu machen, sondern ihnen zum blutrünstigen Amüsement des Zuschauers ein paar unerleuchtete Plünderer und Polizisten zum Fraß zu servieren. Ein bisschen schnabuliert werden muss dann ja doch, zumal am Ende Haley, Dad und Sugar – allesamt körperlich versehrt, aber doch situationsgestärkt – heil und versöhnt aus der Sache rausgeflogen werden. Immerhin geht’s hier um Alligatoren.

7/10