WHAT KEEPS YOU ALIVE

„Nature, not nurture!“

What Keeps You Alive ~ CAN 2018
Directed By: Colin Minihan

Die frisch miteinander verheirateten Ehefrauen Jules (Brittany Allen) und Jackie (Hannah Emily Anderson) begeben sich für ein entspanntes Wochenende in das alte, abgelegen im Wald befindliche Haus von Jackies Eltern. Kaum dass Jules die regionale Wohlfühlatmosphäre zu genießen beginnt, warten ein paar unerfreuliche Überraschungen auf sie: Von der zufällig auftauchenden Nachbarin Sarah (Martha MacIsaac) erfährt Jules, dass Jackie tatsächlich Megan heißt. Bald darauf beginnt die wohlvertraut Geglaubte, noch ganz andere Schattenseiten zu offenbaren, die für Jules in einen tödlichen Spießrutenlauf münden.

Dafür, dass ein vielversprechender Formalist nicht zwangsläufig auch einen vollendeten Geschichtenerzähler abgibt, nimmt sich „What Keeps You Alive“, die jüngste Soloarbeit des jungen Kanadiers Colin Minihan, einer Hälfte der „Vicious Brothers“, aus. Nicht genug damit, dass er ein im Grunde sattsam bekanntes Szenario nebst nicht minder sattsam bekannten Exterieur als Ausgangspunkt für seine crashed-marriage-story wählt, lässt er die sich vormalig sorgsam und sukzessiv aufgebaute Spannung in einem Showdown voller Faux-pas‘ entladen, die man sich mit Mühe und Not gerade noch schönreden kann. Die stützende Musikauswahl zwischen Beethoven und Silverchair, sorgfältig geordnet nach den personae der beiden Antagonistinnen, wirkt zudem immer wieder überreizt. Das einzige wirkliche „Novum“ dieser Spätvariation des erst kürzlich noch geschauten „A Kiss Before Dying“ von Gerd Oswald besteht darin, anstelle eines heterosexuellen ein lesbisches Ehepaar ins Zentrum der eskalierenden Ereignisse zu rücken und sich beharken zu lassen, wobei der haltlos pathologische Gestus der sich bald als Serientäterin entpuppenden, irren Megan/Jackie sich auf eine recht liderlich vorgetragene Psychoanalysis stützen muss. Hier wäre mancherlei Nachholbedarf vonnöten gewesen, ebenso wie darin, die fragwürdigen Entscheidungen Jules‘ gegen Ende, die, obwohl eigentlich bereits in Sicherheit, ein aussichtsloses Duell gegen ihre Neunemesis bevorzugt. Todessehnsucht aus enttäuschter Liebe womöglich? Das wäre angesichts ihrer sonstigen toughness dann doch etwas weit hergeholt. Auch an Coralie Forgeats „Revenge“ hat mich „What Keeps You Alive“ erinnert, wobei dessen Mut zum grellen Hyperrealismus Minihans Film ebenso entbehrt wie seine feministische Aggressivität. Nun, bei allem Geunke soll nicht verhehlt werden, dass „What Keeps You Alive“ als Zwei-Personen-Thriller vor ruraler Waldkulisse (mit See) zumindest die meisten dramaturgischen Erfordernisse mitbringt und sein Süppchen oberflächlich abgeschmeckt ordentlich kocht. Ein etwas intensiveres Eintauchen könnte jedoch das eine oder andere lose Ende zu Tage fördern…

6/10

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OVERLORD

„Welcome to France, boys.“

Overlord (Operation: Overlord) ~ USA 2018
Directed By: Julius Avery

Am 5. Juni 1944, dem Vorabend des D-Day respektive der „Operation Overlord“, soll eine kleine Schar alliierter Fallschirmjäger den Sonderauftrag ausführen, einen deutschen Störsender auszuschalten, der sich in der Kirche eines kleinen Provinzdorfs befindet. Nachdem bereits die nächtliche Landung einige Opfer gekostet hat, gelingt es vier überlebenden Soldaten, Corporal Ford (Wyatt Russell) und den Privates Boyce (Jovan Adepo), Tibbet (John Magaro), Chase (Iain De Castecker) und Dawson (Jacob Anderson), Kontakt zu der jungen Französin Chloe (Mathilde Ollivier) aufzunehmen, die die Männer in ihrem Haus versteckt. Doch in dem Dörfchen und insbesondere der Kirche geht es nicht mit rechten Dingen zu, wie Boyce, dem es gelingt, in das Tunnelsystem unterhalb des Gotteshauses zu gelangen, bald herausfindet: Der Nazi-Wissenschaftler Schmidt (Erich Redman) ist dort auf eine teerartige Substanz im Erdreich gestoßen, die, mittlerweile diversen unfreiwilligen Versuchspersonen injiziert, Schmidts Probanden zu ebenso wahnsinnigen wie superstarken Zombies mutieren lässt. Boyce und die anderen haben bald alle Hände voll zu tun, die SS und ihre Nazimonster aufzuhalten…

Aus J.J. Abrams‘ „Bad Robot“-Manufaktur stammt dieser gelungene Ansatz, dem Naziploitation-Genre abermals neues Leben einzuhauchen. Hitler, dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich wurde in der Trivialkultur im Grunde bereits seit den Tagen ihrer kläglichen Existenz (man denke nur an das ikonische Cover der ersten „Captain America“- Ausgabe von Timely Comics im März 1941, das den patriotisch gewandeten Superhelden zeigt, wie er dem Führer persönlich einen kräftigen Kinnhaken verabreicht und dessen lustvolle Realitätsverzerrung auch „Overlord“ präserviert)  immer wieder versucht, durch popkulturelle Überhöhungen beizukommen. Dies geschah in mal mehr, mal weniger akzeptabler Form, wobei häufig mad scientists und Okkultismus eine bedeutsame Rolle bei den phantastischer geprägten Exkursen der Gattung spielten. So erinnert „Overlord“ nicht von ungefähr an den erst sechs Jahre alten „Frankenstein’s Army“, in dem niemand Geringerer als der Enkel Dr. Frankensteins Monstersoldaten für die darbende Wehrmacht der letzten Kriegstage erschafft. Ganz so grotesk nimmt sich Julius Averys Film zwar nicht aus, seine Fabulierfreude entpuppt sich aber als dennoch ansteckend, zumal es im Zusammenhang mit den entseelten Kreaturen auch zu mancherlei deftigen Aufzügen kommt.
Das Ganze ist bei allem geschmäcklerischen Wagemut (der freilich wiederum gar nichts ist im Vergleich zu den italienischen Kloppern aus den Siebzigern von Sergio Garrone, Bruno Mattei oder Mario Caiano) zudem überaus sauber und enthusiastisch gefertigt, so dass es bei einer gekonnt aufgerichteten Spannungskurve allenthalben für diverse kinetische, actionreiche Sequenzen reicht. Wenn Nazis plattgemacht werden, dann ist das ja sowieso immer was Schönes und Avery hat seine diesbezüglichen Lektionen ausgiebig gelernt.

8/10

BOHEMIAN RHAPSODY

„We’re all legends.“

Bohemian Rhapsody ~ UK/USA 2018
Directed By: Bryan Singer

London, 1970. Als Farrokh Bulsara (Rami Malek), 23-jähriger Sohn parsischer Einwanderer, das Rocktrio Smile in einem Club sieht, ist sein illustres Schicksal besiegelt: Gitarrist Brian May (Gwilym Lee) und Drummer Roger Taylor (Ben Hardy) nehmen kurz darauf Farrokhs Bewerbung zum neuen Sänger an. Komplettiert durch Bassman John Deacon (Joseph Mazzello) nennt sich die Combo fortan Queen, ergattert einen Plattenvertrag bei EMI und erlebt eine beispiellose Erfolgskarriere, wobei das exzessive Privatleben des homosexuellen, sich mittlerweile Freddie Mercury nennenden Frontmanns deutlich von den vergleichsweise biederen, aber eben auch vom kreativen Wahnsinn gemiedenen Lebensentwürfen der verbleibenden drei Bandviertel unterscheidet. Nach einer kleinen Krise nebst Arbei an einem Soloalbum versöhnt sich Freddie wieder mit Brian, Roger und John und akzeptiert Bob Geldofs Einladung, im Juli 85 beim Live Aid in Wembley aufzutreten. Ihr kleiner 20-Minuten-Gig wird legendär.

Etwas verwunderlich ist der meinerseits unerwartet gigantische Erfolg dieser recht biederen, vorhersehbaren Rockstar-Bio dann ja doch. Oder vielleicht auch wieder nicht, denn wahrscheinlich ist es genau das: Durch seine Kantenlosigkeit und garantiert unanstrengende Konsumierbarkeit macht Bryan Singers „Bohemian Rhapsody“ es seinem Pulikum stets leicht und hübsch. Nun, im Grunde passt der oberflächlichenglänzende, vor allzu unwägbaren Untiefen sichere Film genau zu dem Image, das Queen zeit ihrer Bandhistorie in der Öffentlichkeit pflegten – mit ebenso radio- wie stadiontauglichem Powerpop/Hardrock-Mix wussten sie als Single- wie als Albumband zu überzeugen, mal hymnisch, mal Prog, mal Disco, zwischen genialisch und albern, von allem ein bisschen und doch nichts ganz durchgängig, kann man ihnen eins nicht absprechen: Eine in dieser Form rare, charakteristische Unverkennbarkeit, die zu bestimmt 75 Prozent Freddie Mercurys Persona zu verdanken ist. Ohne den gockelhaften Geck nebst seiner gewaltigen Stimme und der unvergleichlichen Bühnenpräsenz hätten Queen ihren nunmehr bekleideten Status gewiss niemals erreicht. Da Bulsara/Mercury zugleich ein immens komplexer Mensch mit diversen, tragischen Schattenseiten war, verwundert demnach die lange Wartezeit bis zu einem biographischen Spielfilm. Nun also ist er da, und vielfach optimierungsbedürftig dazu. „Bohemian Rhapsody“ hetzt relativ atemlos durch 15 Jahre Queen- und Mercury-Geschichte, schneidet an, wirft Häppchen ins Publikum und bleibt dabei betont kommensurabel. Er ist durchaus elegant inszeniert, bemüht sich, Denunzationen auszusparen und dabei einen Status als unterhaltsames Anschauungsmaterial für den Musikunterricht in der Sekundarstufe ja nicht aufs Spiel zu setzen. Kurzum: Er geht auf Nummer Sicher. Die erfolgreichsten Singles inklusive kurzer Entstehungsgeschichte (im Falle des Titelstücks freilich etwas ausführlicher) werden hastig angespielt; auf authentische Chronologie indes pfeift man mehr denn einmal. Das bestes Beispiel dafür dürfte Freddies Kenntnis um seine HIV-Erkrankung sein und der Zeitpunkt, wann er seine Bandgenossen darüber informierte. Wichtige Bezugspersonen und Lebensstationen werden (bewusst?) umgangen, darunter vor allem seine Münchener Jahre, Barbara Valentin oder Winnie Kirchberger. Das wohl überzeugendste Häkchen des Films auf der Habenseite, nämlich die ja ohnehin überall groß gefeaturte, tatsächlich ungeheure physiognomische Ähnlichkeit der Queen-Darsteller mit ihren realen Vorbildern, wetzt diese Scharten nur unzureichend aus. Gegen wesentlich tiefschürfendere, atmosphärischere Band-/Musiker-Biopics wie Oliver Stones „The Doors“, Anton Corbijns „Control“ oder aus jüngerer Zeit „Love & Mercy“ von Bill Pohlad und F. Gary Grays „Straight Outta Compton“ kann „Bohemian Rhapsody“ jedenfalls nicht anstinken.
Insbesondere für einen Queen-Liebhaber markiert insbesondere diese Tatsache ein nicht immer glücklich umrahmtes Ereignis verpasster Möglichkeiten. Was bleibt, ist die Musik. Die ist glücklicherweise unzerstörbar.

5/10

OUTLAW/KING

„I’m done with running and I’m sick of hiding.“

Outlaw/King ~ UK/USA 2018
Directed By: David Mackenzie

England im Jahre 1302. Nachdem die schottischen Edelleute König Edward (Stephen Dillane) im Gegenzug für die Garantie, ihre Lehen behalten zu dürfen ihre Waffen zu Füßen gelegt und ihm Treue geschworen haben, soll der Frieden durch eine Heirat des Adligen Robert Bruce (Chris Pine) mit Edwards Patentochter Elizabeth Burgh (Florence Pugh) besiegelt werden. Doch die Waffenstille bleibt trügerisch: Als der Aufrührer William Wallace getötet und seine Leiche vöffentlich zur Schau gestellt wird, sieht sich Bruce gezwungen, eine neuerliche Revolte gegen die Engländer anzuzetteln. Nachdem er einige Vertraute von seinem Vorhaben überzeugen kann, wird er zum schottischen König gekrönt. Der mittlerweile todkranke Edward veranlasst seinen Sohn (Billy Howle), gegen die Rebellion vorzugehen, doch dieser wird Bruces nicht habhaft und kann stattdessen bloß Elizabeth und Marjorie (Josie O’Brien), Bruces Tochter aus erster Ehe in Geiselhaft nehmen. Derweil schart Bruce – mittlerweile als Guerillero unterwegs – immer mehr Gefolgsleute um sich und kann trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die Armee Edwards II in der Schlacht von Loudoun Hill vernichtend schlagen.

Man muss kein ausgesprochen historisch bewanderter Filmfreund sein, um sich den Namen „Robert Bruce“ oder auch „Robert The Bruce“ flugs ins Gedächtnis zu rufen: Der Figur des späteren schottischen Königs wurde bereits in Mel Gibsons (bekanntermaßen eine sehr unpopuläre Meinung in cinephilen Kreisen, aber ich bleibe, excusez-moi, tapferen Herzens dabei:) wunderbarem „Braveheart“ ein kleines Kinodenkmal gesetzt. Darin spielte Angus Mcfayden den schottischen Earl, dessen von seinem leprösen Vater gelenkte, staatsräsonistische Flatterhaftigkeit und verräterische Haltung schließlich das Ende des Titelhelden bedeuteten, nicht allerdings, um danach doch noch eine kleine Ehrenrettung für The Bruce bereitzuhalten, der dann wiederum gegen die Engländer ins Feld zieht. In seinem jüngsten, von Netflix produzierten Film nimmt sich nunmehr der schottische Filmemacher David Mackenzie der Figur des Robert Bruce an; freilich nicht mit der grobkantigen Wucht, Fabulierfreude und Flamboyanz eines Mel Gibson, aber doch auch zumindest ein wenig geschichtsklitternd. Dass sich historisch eingebundenes Genrekino jedoch Freiheiten erlaubt und unbedingt erlauben darf, gehört seit der Geburtsstunde des Films zu seinem basalen Wesen; dies ist allein auf die Unvereinbarkeit von Erzählzeit und erzählter Zeit zurückzuführen.
William Wallace nun bekommt man in „Outlaw/King“ nicht zu Gesicht und auch die Beziehung zwischen ihm und Robert Bruce bleibt weithin nebulös. Zudem hat letzterer hier auch indirekt nichts mit Wallaces Festsetzung und Hinrichtung zu tun; im Gegenteil ist die Rache für dessen unrühmlichen Tod eine Hauptantriebsfeder für Bruces finalen Entschluss, sich doch gegen König Edward zu stellen (das reale Vorbild unterwarf sich tatsächlich mehrmals, nur, um sich dann doch immer wieder aufs Neue seiner patriotischen Wurzeln zu besinnen). Mackenzie umgreift den Stoff in einer Mischung aus klassischem Mittelalter-Abenteuer und Gegenwartsstil. Sein von Chris Pine wohltuend gediegen interpretierter, jedoch durchweg edler Held passte charakterlich ebensogut in einen Ritterfilm der fünfziger Jahre, während die Abbildung der Ära des frühen 14. Jahrhunderts klar naturalistisch erfolgt. Diese Kombination funktioniert überraschend gut, wie auch die schöne Romanze zwischen Pine und Pugh sowie die Darstellung des ebenso schurkischen wie unfähigen Edward II, den Gibson durch Peter Hanly noch  höhnisch als tuckigen Firlefanz porträtiert hatte.
Als potenzielles aftermath zu „Braveheart“ (ein Wiedersehen mit James Cosmo gibt’s außerdem) für alle, die danach noch Luft und Lust haben, also eine schöne Ergänzung und ein durchaus ansehnlicher Film, wenngleich wie erwähnt ohne den lustvollen steinerweichenden Irrwitz eines Mel Gibson.

7/10

BLACKKKLANSMAN

„All power to all the people.“

BlacKkKlansman ~ USA 2018
Directed By: Spike Lee

Colorado Springs, 1972. Der afroamerikanische Police Detective Ron Stallworth (John David Washington) leidet zunehmend unter den repressiven und rassisistischen Bedingungen, die auch sein exekutives Berufsfeld keineswegs ausspart. Als er sich eigeninitiativ entschließt, undercover statt der regionalen „Black Power“-Bewegung den Ku-Klux-Klan zu infiltrieren, geben seine Vorgesetzten ihm und zwei Kollegen (Frederick Weller, Adam Driver) eher widerwillig grünes Licht. Tatsächlich gelingt es Stallworth, sich beim Klan und insbesondere bei dessen Grand Wizard David Duke (Topher Grace) über Telefongespräche einzuschmeicheln. Rons vorgebliches „Gesicht“ bei den bald folgenden Treffen übernimmt sein Partner Flip Zimmerman (Driver). Dass es letztlich ihrem Engagement zu verdanken ist, dass ein Sprengstoffattentat fehlschlägt, wird klammheimlich unter den Teppich gekehrt…

Auch wenn ich Spike Lee, früher mal einer meiner vordersten Lieblingsregisseure, diesen jüngsten Publikumstriumph absolut gönne und das (auhentische) Sujet seines period piece aller politischen Ehren wert ist – seinen kreativen Zenit hat der Filmemacher längst hinter sich. Weder den fiebrigen, aggressiven bis wütenden Duktus seiner frühen Filme, noch sein nicht minder florierendes Talent als formvollendeter Geschichtenerzähler und New-York- bzw. Brooklyn-Chronist, die ihn in einer exemplarischen, fast ununterbrochenen Linie diverse Meisterwerke inszenieren ließen, sind bei dem scheinbar etwas müde gewordenen Lee noch in der wünschenswerten Weise spürbar. Vielmehr wirkt „BlacKkKlansman“ oftmals wie ein Schattenriss diverser Vorzüge des einstigen Genius, etwa, wenn er den neunzigjährigen Harry Belafonte in Gegenmontage zu einem Klan-Kongress über einen Lynchjustizfall vor dem Hintergrund der Uraufführung von Griffiths „The Birth Of A Nation“ (zu dem Lee eine ewige, flirrende Hassbeziehung pflegt) berichten lässt. Solche Szenen hinterlassen bedauernswerterweise eher die Impression kantenloses Tagewerks, dessen mit Ausnahme der hinreißenden Laura Harrier von einer mäßig überraschenden Darstellerriege (darunter erstaunlicherweise diverse Verwandte berühmterer Familienmitglieder) getragene Pflichtbemühtheit wehmütig an die schwitzige, emotionsaufgeladene Unmittelbarkeit einstiger Großtaten wie „Do The Right Thing“ denken lässt.
Was demnach bleibt, ist für Lees Verhältnisse ungewohnt abgesichertes, mit wenigen wirklich nachhaltigen Momenten versetztes, in Anbetracht der tragikomischen, zugleich aber recht antiklimaktischen Story gefertigtes Routinement, das durchweg in Ordnung geht, an einstige Großtaten jedoch nicht mehr heranzureichen vermag.

6/10

BAD TIMES AT THE EL ROYALE

„I think, it’s some kind of a pervert hotel.“

Bad Times At The El Royale ~ USA 2018
Directed By: Drew Goddard

Das „El Royale“, ein altehrwürdiges Motel mit architektonisch reizvoller Inneneinrichtung, liegt genau an der Grenze von Kalifornien zu Nevada und hat seine besten Tage bereits hinter sich. Einst stiegen hier berühmte Vegas-Stars und Politiker ab, um ihre geheimen Schäferstündchen in einem der gleichsam auf beide Staaten verteilten Zimmer zu verbringen. An einem Sommertag im Jahre 1969 kommen dort jedoch lediglich vier Gäste an – und das nahezu gleichzeitig: Der redselige Klinkenputzer Sullivan (Jon Hamm), die betrogene Soulsängerin Darlene Sweet (Cynthia Efro), der Geistliche Father Flynn (Jeff Bridges) und das rotzige Hippiemädchen Emily (Dakota Johnson). Bald wird sich herausstellen, dass weder das Hotel, noch seine Gäste wirklich das sind, was sie vorzugeben scheinen.

Nach dem brillanten, ein ganzes Kinosegment transzendierenden „Cabin In The Woods“ ließ sich Drew Goddard ganze fünf Jahre Zeit, um seine nächste Regiearbeit zu präsentieren. Diese ließ nach dem selbstgesetzten, hohen Qualitätsmaßstab des phantastischen Vorgängers die Erwartungshaltungen recht wohlgenährt dastehen. Das Resultat jedoch ernüchtert: Eine vertraut erscheinende Grundkonstellation, ganz ähnlich der von James Mangolds „Identity“ und filmhisorisch fußend auf Archie Mayos „The Petrifies Forest“ gibt den Ton an. Eine Schar zwielichtiger, sich wechselseitig unbekannter Gestalten muss eine sturmumtoste Nacht in einem entlegenen Gasthaus verbringen. Bald gibt es den ersten Toten, bei dem es freilich nicht bleibt, und dazu eine Enthüllung nach der anderen: Der Staubsaugervertreter erweist sich als direkt J. Edgar Hoover unterstehender FBI-Agent mit brisantem Auftrag, der liebenswerte, Pfarrer als demenzkranker Ex-Knacki auf der Suche nach hier versteckter Beute und die Hippie-Hippe als Flüchtige, die ihre jüngere Schwester (Cailee Spaney) vor dem Einfluss eines ebenso charismatischen wie gewalttätigen Sektengurus namens Billy Lee (Chris Hemsworth) zu schützen sucht. Selbst der schüchterne Concierge (Lewis Pullman) hat ein deutlich schlechteres Gewissen als man ihm anfangs zutraut und weiß wesentlich mehr, als er vorgibt zu wissen. Einzig die stimmgewaltige Vokalistin entpuppt sich als moralisch einwandfrei. Leider sind all die kleinen, via Rückblenden ausgeschmückten Geschichtchen weder sonderlich sensationell noch sonstwie aufregend. Man meint, einen zigmal heruntergespulten Song als mediokren, überlangen 12″-Remix aufgetischt zu bekommen. Störend wirkt abei, dass Goddard offenbar glaubt, er habe abermals einen ganz dicken erzählerischen Fisch an der Angel, was sich natürlich keinesfalls bestätigt findet. Zwischenzeitlich hatte ich noch die Hoffnung, dass sich die Andeutungen um ein mysteriöses „Management“, das offenbar eine ganze Menge an Rückhaltlosem im El Royale angestellt hat, im diffusen Hintergrund zu einer überraschend platzenden Bombe herangezüchtet wird, doch Pustekuchen: Dieser Strang wird ersatzlos fallengelassen. Stattdessen viel Rauch um Nichts, tarantinoeske Geschwätzigkeit und eine unsägliche Überdosis Hemsworth-Sixpack-Porn. Letztlich symbolisiert die zurückbleibende Enttäuschung über jenes verpuffende Scheitern zugleich die ganze Geschichte dieses vormals so vielversprechend antizipierten Films.

5/10

VENOM

„The way I see it… we can do whatever we want. Do we have a deal?“

Venom ~ USA/RC 2018
Directed By: Ruben Fleischer

Nachdem der in San Francisco tätige Enthüllungsjournalist Eddie Brock (Tom Hardy) es wagt, den Pharma-Magnat Carlton Drake (Riz Ahmed) auf dessen möglicherweise stattfindenden Versuche an unfreiwilligen menschlichen Probanden anzusprechen, ist er prompt Job, Wohnung und Freundin los. Brock ahnt nicht, dass Drake, der auch ein Weltraumprogramm finanziert, sogar außerirdische Parasiten in seinen Labors beherbergt, von denen einer bereits flüchten konnte. Nachdem Carltons Mitarbeiterin Dr. Skirth (Jenny Slate) das schlechte Gewissen umtreibt, wendet sie sich an Brock, der nachts in Carltons Firma eindringt und sich mit einem der Symbionten namens „Venom“ infiziert. Das aggressive und überaus hungrige Wesen verbindet sich mit Brocks Körper und verleiht ihm neben irrationalen Verhaltensweisen auch Superkräfte. „Riot“, der entflohene und noch sehr viel bösartigere und mächtigere Symbiont, kehrt derweil zu Carlton zurück und verbindet sich mit diesem. Es kommt zum Duell der Superwesen um keinen geringeren Preis als die Erde selbst.

Der abseits der MCU-Continuity bei Sony entstandene „Venom“ greift eine vor über dreißig Jahren einfgeführte Figur aus der „Spider-Man“-Serie auf, die ihr eigentliches Leinwanddebüt bereits im letzten Teil der Raimi-Trilogie erlebt hatte. Der mittlerweile wieder in Marvels Filmschoß zurückgekehrte Peter Parker kommt im neuen Film erwartungsgemäß nicht mehr vor, was zugleich auch eine modifizierte origin für Venom verlangt: Hier trifft der außerirdische Symbiont ohne Umwege auf seinen künftigen Wirt Eddie Brock. Es gilt, sich zunächst einander anzunähern, was freilich nicht ohne diverse Gewöhnungsturbulenzen von Statten geht. Der mit einigem Appetit auf menschliche Köpfe gesegnete Venom entpuppt sich nämlich nicht nur als ein ziemlich instinktgesteuerter Rüpel mit diversen unschönen Manieren, sondern zudem noch als ziemlich schlagfertig. Nach den üblichen Startschwierigkeiten ergeben Brock und sein innerer Partner wider Willen jedoch ein tatkräftiges Team, das auch mit unwägbarsten Schwierigkeiten fertig wird.
Dass eine Figur aus der dritten Reihe wie „Venom“, zudem eher ein Antiheld und eigentlich nicht auf Anhieb das, was dem unbedarften Superheldencomicapologeten als verfilmungstauglich in den Sinn käme, den großbudgetierten Sprung auf die Leinwand schaffte, ist ein Indiz für die Möglichkeiten, die die kommerziellen Erfolge des MCU mittlerweile eröffnen. Entsprechend der in der Regel grobschlächtigen Storys um das gezeichnete Vorbild ist Fleischers Film dann auch von eher schlichtem Gemüt; er begreift sich ganz als launiges Spaßprodukt ohne den Ballast ambitionierter Kontinuitätspflege und steht damit mental besehen eher in der preisgünstigen Sense-of-Wonder-Tradition der frühen bzw. kleineren Superheldenfilme im „Batman“-Nachhall der Frühneunziger, wie etwa Albert Pyuns „Captain America“.
Dass und ob Venom ein Marvel-Charakter ist, spielt im Grunde ferner keine eminente Rolle für den Film. Er begnügt sich mit seiner bewusst naiven Agenda, die eben vorsieht, dass gierige außerirdische Parasiten sich mit Menschen verbünden und ihre brachialen Streitigkeiten danach CGI-gespickt in und um San Francisco austragen. Das Ganze kostet entsprechend Holz und sieht in seiner rechnergenerierten Kinetik mal besser, mal weniger gut aus. Leider verdirbt das PG-13-Rating die schönen, durchaus blutigen Versprechungen, die der Plot immer mal wieder macht, aber dann nicht einlösen darf. Da waren die Jungs von der Fox schon mutiger.

7/10