UNDER THE SILVER LAKE

„Welcome to Purgatory.“

Under The Silver Lake ~ USA 2018
Directed By: David Robert Mitchell

Der in einem Appartmenthaus in East L.A. wohnende Sam (Andrew Garfield) gammelt vor sich hin und ist seit Ewigkeiten mit der Miete im Rückstand. Ansonsten nutzt er die Vorzüge, die die hedonistische Seite der Metropole einem libidinös aufgeladenen, gutaussehendem jungen Mann wie ihm zu bieten hat: Er schließt kurzlebige Damen-Bekanntschaften, geht auf Hipster-Partys und besucht Events der Kunstnachwuchsszene. Nachdem seine attraktive Nachbarin Sarah (Riley Keough) nebst ihren Mitbewohnerinnen (Stephanie Moore, Sibongile Mlambo) spurlos verschwindet, begibt Sam sich auf die Suche nach ihr. Ihn erwartet eine Odyssee, die ihn buchstäblich geradewegs in die Innereien der Stadt der Engel führt und ihn seine bisherige Realität als artifizielles Konstrukt erkennen lässt.

Meine erste Wahrnehmung von „Under The Silver Lake“ war die einer umfassenden „Best Of“-Reminszenz, in der David Robert Mitchell seinen Legionen von Vorbildern und praktisch dem gesamten populären historischen Kino-Segment, dass sich mit Los Angeles und/oder Hollywood befasst, seine ganz persönliche Ehrerbietung erweist. Entsprechend zahlreich sind die Verweise an Regisseure, Filme, Personen, allzu zahlreich, um sie an dieser Stelle gleichberechtigt aufzuzählen. Diese Mühe obliegt dann schon jedem, der sich diesem durchaus interessanten Werk zu widmen gedenkt.
Erst an zweiter Stelle folgte dann die erweiterte Perspektive auf die Gegenwart der Metropole und einen ironischen, oftmals ins Groteske, Surreale und Allegorische ab- oder auch entgleitenden Fokus darauf, was ihre lange Kulturhistorie als „Traumfabrik“ seit über einem Jahrhundert aus der Stadt hat werden lassen. Im Grunde entpuppt sie sich selbst infolge ihrer demokratisch geprägten Tradition und gesellschaftlichen Lichtblitzen wie der Diversität- und der MeToo-Bewegung als in Wahrheit keinen Deut gereift gegenüber der Frühzeit der Filmmogule und Studioregimes; noch immer laufen hier Äonen junger TräumerInnen dem Traum von Ruhm und Reichtum nach und dabei Gefahr, in die Fänge rücksichtsloser Raubtiere zu geraten, deren Geld, Macht und Einfluss sie zu willfährigen Werkzeugen ihrer pervertierten Bedürfnisse macht. Im Zuge seiner eher von Intuition und Assoziation geprägten Reise lernt Sam, dass alles hier auf unheilige Weise miteinander verworben ist und sich wechselseitig bedingt und bedient: diverse Formen bildender wie darstellender Kunst und die kommerziell orientierten Kulturen Film und Musik, Werbeindustrie und Literatur, Fast Food und Prostitution, selbst Hochfinanz und Prekariat, Mysterien und Paranoia. Sex entpuppt sich dabei als der primäre, alles miteinander verbindende Faktor, der sich seit eh und je durch mehr oder weniger sublime Botschaften überall eingefordert findet und entsprechend hinreichend bedient wird. Sonderbare, nicht eindeutig entschlüsselbare Personen und Ereignisse kreuzen (wiederholt) Sams investigativen Weg; tote und lebende Nagetiere, ein anonymer, sein Unwesen treibender Hundemörder, dem große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, der (vermeintliche) Tod des Superreichen Jefferson Severence (Chris Gann), dessen Tochter Millicent (Callie Hernandez), ein Comics (mit dem Titel des Films) entwerfender Verschwörungstheoretiker (Patrick Fischler), der „König der Landstreicher“ (David Yow), freiwillige und unfreiwillige Drogentrips, der androgyne Popstar Jesus (Luke Baines), der geheimnisvolle Songwriter (Jeremy Bobb), dem Sam, erbost ob dessen Entzauberungen seiner musikalischen Idole, den Schädel einschlägt, Kojoten sowie eine geheimnisvolle, nackte Eulenfrau, die ihre Opfer, darunter den „Comic-Mann“, im nächtlichen Schlaf meuchelt. Und immer wieder Trios von seltsamen It-Girls, wie sich zeigen wird, als jeweiliger, privater Mini-Harem je einem bestimmten Gönner zugehörig, die wiederum allesamt einer obskuren Erlösungssekte angehören.
Eine Menge von (zumindest auf den ersten Blick) nicht zwingend kausalitätsbezogen schlüssigem Stoff also, den Mitchell da in einer zugegebenermaßen exquitisten Inszenierung zusammenpfercht und der in jedem Falle die Beschäftigung mit ihm lohnt. Wirklich richtig mögen, zumindest so, wie ich’s vielleicht gern würde, kann ich „Under The Silver Lake“ allerdings zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht. Mag sein, dass sich das irgendwann ändert.

8/10

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LORDS OF CHAOS

„Fuck.“

Lords Of Chaos ~ UK/SE/NO 2018
Directed By: Jonas Åkerlund

Øystein Aarseth (Rory Culkin) ist ein norwegischer Jungtwen, der der spießig-puritanischen Attitüde seines Elternhauses im Oslo der späten achtziger Jahre mit harter Metalmusik begegnet. „Black Metal“, basierend auf dem gleichnamigen Album der Band Venom, nennt er den von seiner eigenen Combo Mayhem gespielten Stil, „Euronymous“ ist sein Kampfname als Gitarrist und Kopf der Band. Aarseth liebt es, mit satanistischen Symbolen zu spielen und gibt sich gern den Anstrich als am kommerziellen Establishment desinteressierter Rebell. Mit dem emotional und psychisch hochgradig gestörten Pelle Ohlin (Jack Kilmer) alias „Dead“ aus dem benachbarten Schweden erhält Mayhem einen Sänger, der die Popularität der Combo rasch nach oben schnellen lässt. Dennoch wählt Ohlin bald den Freitod. Eines Tages taucht dann in Aarseths In-Plattenladen „Helvete“ der aus Bergen stammende Kristian „Varg“ Vikernes (Emory Cohen) auf und hinterlässt ein Demo-Tape seines Solo-Projejts Burzum. Als „Count Grishnackh“ spielt Vikernes, von dessen Talent Aarseth schwer begeistert ist, bald kurzzeitig Bass bei Mayhem. Mit Vikernes‘ Erscheinen ändert sich jedoch zugleich das gesamte Wesen der Szene. Der junge, aus wohlhabendem Hause stammende Charismatiker verehrt ein seltsames Konglomerat aus Diktaturen, Paganismus und Satanismus und sieht in der Kirche die Wurzel allen Übels. Die Helvete-Szene ist von ihm und seinen Hasstiraden begeistert. Bald brennen überall in der Region altehrwürdige Gotteshäuser nieder, ein homosexueller Mann (Jon Øigarden) wird grausam ermordet und Vikernes sucht den selbstherrlichen Kontakt zu den Medien. Ein Streit zwischen ihm und Aarseth endet schließlich in der Katastrophe.

Der Titel des Films „Lords Of Chaos“ stammt von einem gleichnamigen, 1998 veröffentlich Buch über die Black-Metal-Szene Norwegens. Deren skandalöse Kerngeschehnisse, Ohlins Selbstmord, die diversen Kirchenverbrennungen, der Mord an Magne Andreassen durch Bård Guldvik „Faust“ Eithun (Valter Skarsgård) und schließlich die Ermordung Øystein Aarseths durch Varg Vikernes wurden mittlerweile recht häufig zum Thema dokumentarischer Abhandlungen in Schrift und Bild. Erwähnenswert insbesondere der um Gylve „Fenriz“ Nagell kreisende „Until The Light Takes Us“, der einen ernüchternden Einblick in die nach und nach verwehenden Spuren des einstigen norwegischen Kulturexports Black Metal und seiner katstrophalen Auswüchse gewährt. Ein Wunder insofern, dass die Ereignisse um Øystein Aarseth bislang nie in dramaturgisierter Form aufgearbeitet wurden. Dem schafft der schwedische Filmemacher Jonas Åkerlund, in den frühen Achtzigern selbst kurzzeitig Mitglied der Band Bathory und populär vor allem als Regisseur etlicher Musikvideoclips, letztjährig Abhilfe. Erste Kreise zog „Lords Of Chaos“ durch seine betont naturalistische Gewaltdarstellung, die sich, soviel sei gleich vorweggenommen, jedoch keinesfalls als voyeuristisch, sondern als im Gegensatz dazu dem Film als eminenter auhentischer Bestandteil überaus zuträglich erweist. Weder Ohlins Selbstverstümmelungen oder sein Kopfschusssuizid noch die beiden geradezu ausgiebig zelebrierten Messermorde an Andreassen und später Aarseth hätten in beschönigter Weise dargestellt werden sollen, sondern eben gerade so ekelhaft und widerwärtig, wie sie die damalige Realität hat miterleben müssen. Es ist gut, dass Åkerlund keinerlei Scheu hatte, sie, weniger als spekulative Zäsur, sondern eben als traurige Bestandteile des Geschehens in seinen Erzählduktus unumwunden einzupflegen. Doch auch als grundsätzliches, beschämend endendes Coming-of-Age-Piece im Genre des Musikfilms überzeugt „Lords Of Chaos“ auf ganzer Linie. Euronymous wird gleich zu Beginn als launiger Off-Erzähler etabliert, der das bedauernswerte Fatum seiner letzten Lebensjahre (und somit im Prinzip als Toter) unter Verwendung eines verdient sarkastischen Untertons kommentiert. So wurde über Åkerlunds bitter-schwarzhumorigen Aufbereitungsansatz verständlicherweise ebenfalls nicht wenig diskutiert; der Film schildert seine Protagonisten als fehlgeleitete, unreife Kinder, deren zuweilen entgleisende Motivation, Gewaltverbrechen zu verüben, zumeist eher auf tragische Koinzidenzverkettungen denn auf den rückhaltlosen Willen zum Bösen zurückzuführen ist – für die einen (Aarseth) sind das Schwingen großer Reden und ihre Corpsepainting-Masche reines Mittel zum Zweck der sozialen Rebellion, für die anderen, psychisch instabileren Teilhaber desselben Schicksals, avanciert jener Gestus zum ernsten Aktionismus und somit zur (inneren) Legitimation extremer Ausbrüche von Gewalt. Am Ende, kurz bevor Øystein von Vikernes hingeschlachtet wird (er ist zu jenem Zeitpunkt 25 Jahre alt), zeigt Åkerlund ihn just auf dem Weg zum bourgeoisen Erwachsenwerden. Die Beziehung zu seiner Freundin Ann-Marit (Sky Ferreira) ist stabil und zukunftsträchtig, er lässt sich die Haare abschneiden, hat schon seit längerem eine bürgerliche Wohnung und will sich vor allem von Vikernes lösen, den er mittlerweile als negativen Einfluss auf seine eigene Existenz wertet. Doch es ist zu spät, der Dämon ist enfesselt und es verlagt ihn nach Blut.
Aarseth ist nunmehr seit knapp 26 Jahren tot. Vikernes hat eine Frau und sieben Kinder, gibt sich weiterhin öffentlich als ideologietreuer Antisemit und Rassist zu erkennen und lebt unter den Namen Louis Cachet im Limousin in Frankreich.

9/10

AQUAMAN

„Trust me, I am no king.“

Aquaman ~ USA/AU 2018
Directed By: James Wan

Ein Jahr nachdem „Aquaman“ Arthur Curry (Jason Momoa) als Teil des von Batman gegründeten Superheldenteams „Justice League“ den dunklen Gott Steppenwolf besiegen konnte, muss er sich der eigenen Vergangenheit als atlantischer Thronfolger stellen: Die standesgemäß mit Arthurs intrigantem Halbbruder Orm (Patrick Wilson), dem „Ocean Master“, verlobte Mera (Amber Heard) bittet Arthur, den Magischen Dreizack von Atlan ausfindig zu machen, die wesentliche Insignie, um die Königswürde als Herr von Atlantis zu garantieren. Jener befindet sich im schützenden Besitz der unterseeischen Entität Karathen. Aquaman und der ihm behilflichen Mera gegenüber steht in erster Instanz Orm, der plant, einen Krieg gegen das Oberflächenvolk zu führen, unerstützt von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias „Black Manta“, der Arthur für den Tod seines Vaters (Michael Beach) verantwortlich macht und einer Schar amphibischer Monsterwesen, den Trench.

Ein farbenfrohes, bisweilen in halluzinogene Sphären abdriftendes DCEU-Superheldenspektakel tischt James Wan dem geneigten Freund entsprechender Zerstreuung mit diesem ersten Post-„Justice League“-Werk auf. Wie schon ansätzlich jenes Teamwerk und auch Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“ folgt der nächste Soloauftritt eines DC-Helden einem bunteren, atmosphärisch aufgelockerten Kurs, der der existenzialistisch-dramatischen Schwermut der ersten beiden Zack-Snyder-Epen weitgehend einen Riegel vorschiebt und zu den Golden-, Silver- und Bronze-Age- Wurzeln der Gattung zurückgreift: Mit einem Hochmaß an Fabulierfreude, lustvoll-campigen Ausfällen, leuchtender Neongrelle und guter Laune kredenzt „Aquaman“ ein zumindest in Bezug auf seine Narration sehr traditionelles Fantasy-Abenteuer, das mit Bruderzwist, Romantik, Rache und güldenem MacGuffin die so ziemlich obilgatorischsten Elemente klassischer Genreunterhaltung beinhaltet. Jason Momoa als moderne „King Arthur“-Variante ist dabei trotz seiner phantastischen Herkunft und Fähigkeiten ein so kerniger, bodenständiger Superheld, wie es schon lange keinen mehr gab; ein erfrischend menschlicher, beinahe proletarischer Hauch umweht ihn, die (verbotene) Liebesfrucht eines Leuchtturmwärters (Temuera Morrison) und einer atlantischen Adelsdame (Nicole Kidman). Arthur Curry säuft gern mal einen in verlotterten Hafenkneipen, liebt seine fischigen Kumpels und kommt, anders als ein gesellschaftsentfremdetes Individuum wie Bruce Wayne, auch bei lautstarken Rockergangs gut an. Es gibt tolle Monster in Legionenquantität und ein spaciges Untersee-Orakel, eine Herausforderung zum Duell, zerstörungsintensive Unter- und Oberwasserfights und, zu guter Letzt, die Wiedervereinigung eines ganz süßen Liebespaars, dargeboten von einer Spitzenbesetzung. Gewiss, „Aquaman“ darf auf keinen Originalitätspreis hoffen und er ist so ziemlich das filmgewordene Gegenteil von allem, was man landläufig als sophisticated bezeichnen möchte, aber er hat mir an Ort und Stelle ein verdammt großes Kontingent an realem, infantilen Spaß eingebracht. Mehr verlange ich nicht von ihm.

8/10

SUSPIRIA

„Are you this pale all the time?“

Suspiria ~ I/USA 2018
Directed By: Luca Guadagnino

Berlin, Herbst 1977. Während die junge Amerikanerin Patricia Hingle (Chloë Grace Moretz), Elevin der international renommierten Helena-Markos-Tanzakademie für Mädchen, spurlos verschwunden ist, kommt mit ihrer Landsmännin Susie Bannion (Dakota Johnson) just eine neue Schülerin dort an. Als Tochter einer mennonitischen Farmersfamilie aus Ohio hat sich Susie, die sich seit frühester Kindheit magisch von der Mauerstadt angezogen fühlt, ihren Weg hierher auf eigene Faust bewältigt. Madame Blanc (Tilda Swinton), die Leiterin der Akademie, ist von Susies Fähigkeiten begeistert und setzt sie schon bald für die Hauptrolle der geplanten Aufführung des Stücks „Volk“ ein. Susies Mitschülerin Sara (Mia Goth), die sich mit ihr rasch angefreundet hat, bemerkt derweil bald schon seltsame Wesensveränderungen bei der Neuen. Zudem nimmt der alte Psychiater Dr. Klemperer (Tilda Swinton), bei dem zuvor Patricia in Behandlung war und der sich um den Verbleib seiner Patientin sorgt, Kontakt zu Sara auf. Offenbar war Patricia der Meinung, die Belegschaft der Akademie bestünde aus einem Hexenzirkel, der einer uralten, dämonischen Entität, Mater Suspiriorum, oder auch der „Mutter der Seufzer“, huldigte. Unter den Lehrerinnen schwelt darüberhinaus bald ein Konflikt darum, wer künftig ihren Vorstand innehaben soll: Weiterhin die uralte Helena Markos (Tilda Swinton), die noch irgendwo in den Eingeweiden des labyrinthischen Gebäudes (dem „Mütterhaus“) verborgen lebt, oder doch die vitale Madame Blanc…

Nachdem das „Suspiria“-Remake, nebenbei die erste Neuinterpretation eines Films von Dario Argento, bereits jahrelang in der Präproduktionsphase steckte, wurde es letzthin schlussendlich doch noch realisiert. Der Regisseur Luca Guadagnino schien dabei nicht unbedingt die offensichtlichste Wahl für einen Genrefilm zu sein, dessen Original sich allerorten nicht nur höchster Beliebtheit erfreut, sondern zudem einer vergleichsweise extrem ergebenen Liebhaberschaft zu versichern weiß, deren Mitgliederschaft sich über die Jahrzehnte immer tiefer und bis hinein in die sogenannte „anerkannte“ Filmkritik und unter renommierten Filmhistorikern und – Analytikern zu verwurzeln wusste.
Dass Argentos „Suspiria“ weit über das übliche horrornerd-fandom einen Status als immens einflussreiches Gesamtkunstwerk genießt, beweist auch Guadagninos Ansatz, den Stoff auf- und umzubereiten. Anders als ehedem Argento und seine Gattin Daria Nicolodi, deren Grundwerk sich als erster Teil einer (mittlerweile vollendeten) Trilogie um die „Drei Mütter“ begriff und das vor allem im Hinblick auf seine formale Ausgestaltung (saftige Primärfarbkompositionen, Architektur und Raumkonstruktion) sowie die Schaffung einer eher diffusen, kaum greifbaren Atmosphäre des Unheils und Schreckens reüssierte, setzt Guadagnino andere Schwerpunkte, die das Vorbild einerseits ergänzen, es andererseits aber auch bewusst diametralisieren. Dem trägt insbesondere die Entscheidung Rechnung, den neuen „Suspiria“ zur gleichen Zeit spielen zu lassen wie den alten, 1977 also, allerdings nicht im württembergischen Freiburg, sondern im geteilten Berlin, rückblickend die ultimative (gegen-)kulturelle Keimzelle der gesamten Republik. 1977, das war auch das Jahr des „Heißen Herbsts“, in dem die RAF implodierte, nachdem die zweite Generation Schleyer entführt, die sympathisierende PFLP die Landshut gehijackt und die in Stammheim einsitzende Führungsspitze Kollektivsuizid verübt hatte. Alle diese Ereignisse finden, mal am Rande, mal zentralisierter und gezeichnet in bleiernen Pastell- und Sepiatönen auch bei Guadagnino Platz (die verschwundene Patricia wird mehrfach als RAF-Sympathisantin exponiert). Nicht von ungefähr tauchen mit Angela Winkler und Ingrid Caven zwei wichtige Protagonistinnen des Neuen Deutschen Films als Hexen auf. Die Hexen, das sind in „Suspiria“ 2018 zugleich dedizierte Feministinnen; Frauen, die für Selbstbestimmung, die Abschottung vor dem Patriarchat und seinen politischen Auswüchsen stehen und die vor allem die Autonomie ihres Geschlechts zu stärken trachten. Doch gibt es freilich wie überall so auch hier den schwelenden Generationskonflikt, der sich schlussendlich im Duell entscheiden soll. Im Gegenzug findet sich ergänzend dazu die Schuldfrage der (maskulinen) Kriegsgeneration inhaltlich eingewoben in der Person des zwischen West- und Ost-Berlin umherpendelnden Dr. Klemperer, dessen Frau Anke (Jessica Harper) 1943 auf der Flucht von den Nazis gefasst und in Theresienstadt ermordet wurde und der am Ende, nach einem finalen Martyrium, endlich Freiheit und Erlösung vom lebenslangen Gram finden darf.
Der neue „Suspiria“ ist somit weniger Horrorfilm denn phantastisch konnotiertes Zeit- und Landes- (bzw- Stadt-) Porträt mit einigen gattungsgerechten Einsprengseln. Nicht jede inszenatorische Entscheidung wirkte dabei auf mich auf Anhieb zuträglich, so etwa die, Tilda Swinton in gleich drei Rollen auftreten zu lassen (wobei besonders die Maskerade als Dr. Klemperer, die ich ohne Vorwissen unmittelbar durchschaut habe und über deren vormaliges Verschleierungsgewese ich erst im Nachhinein las, mir missglückt erscheint). Dennoch scheint mir das Experiment als künstlerisch potente Versuchsanordnung in seiner Gesamtheit durchaus gelungen und honorabel. Vor allem, zumal hier wirklich kreative Fruchtbarkeit zu spüren ist und nicht der bloße, öde Ansatz, einen populären Traditionstitel einer nachwachsenden Generation von leicht affizierbaren Popcornfressern konsumierbar zu machen.

8/10

ELIZABETH HARVEST

„We are, each of us, an eventual tragedy.“

Elizabeth Harvest ~ USA 2018
Directed By: Sebastian Guttierez

Henry (Ciarán Hinds) bringt seine junge, frisch geheiratete Ehefrau Elizabeth (Abbey Lee) zu seiner entlegenen, luxuriösen Villa. Die scheinbar recht simpel gestrickte Elizabeth fühlt sich von Henrys Intellekt, dem unübersichtlichen Haus und dem zweiköpfigen Personal, Haushälterin Claire (Carla Gugino) und dem blinden Oliver (Matthew Beard) gegenüber höchst befremdlich. Zudem erregt ein Kellerraum, dass sie nach Henrys Anweisungen keinesfalls betreten darf, ihr Misstrauen ebenso wie ihre Neugier. Als sie die Tür dann doch öffnet, beginnt ein alter Kreislauf aufs Neue…

Die mittlerweile siebente Regiearbeit des venezolanischen Filmemachers Sebastian Guttierez arbeitet mit kräftigen Primärfarben und sieht insofern besonders gut aus. Das Haus des geheimnisvollen Wissenschaftlers Henry, ein modernistisches, architektonisches Wunderwerk, das zudem als einziger Spielort fungiert, wird zudem als zusätzlicher Star inszeniert. Daraus lässt sich bereits schließen, dass „Elizabeth Harvest“ primär ein Film der Oberflächenreize ist, Zucker fürs Auge, im Gegenzug jedoch kaum emotional affizierend und den Zuschauer relativ gleichgültig auf Distanz haltend. Dabei glaube ich kaum, dass Gutierrez dies originär beabsichtigte; hinter dem ausgesprochenen, ästhetischen Chic seiner Regie probierte er als Autor ganz offensichtlich, eine mehrschichtige, symbolbeladene, existenzialistisch aufgefächerte Charakterstudie. Das eigentliche Wesen des Films jedoch, das im Kern eine wilde Melange darstellt aus Motiven des perraultschen „Blaubart“-Märchens, Shelleys „Frankenstein“, Redons „Les Yeux Sans Visage“ und so ziemlich allen Genrewerken, die um die verzweifelte Suche von Kunstmenschen nach ihrer Individualität kreisen, erscheint dafür allzu unverhältnismäßig campy und ausgefranst. Dieses doch sehr prägnante Ungleichgewicht verhindert, dass „Elizabeth Harvest“ ganzflächig überzeugt, obschon man ihm und seiner schönen Hauptdarstellerin durchaus gern zuschaut.

6/10

DOGMAN

Zitat entfällt.

Dogman ~ I/F 2018
Directed By: Matteo Garrone

Marcello (Marcello Fonte), ein unscheinbarer, schmalschultriger Geselle, führt einen Hundesalon in dem Küstenort Magliana, nahe Roms. Jeder kennt hier jeden, man vertraut und schätzt sich. Krumme Geschäfte unter der Hand gehören zum Alltag wie alles andere. Dummerweise hat Marcello jedoch das Pech, mit dem brutalen, cholerischen Gangster Simone, genannt Simoncino (Edoardo Pesce), „befreundet“ zu sein, vor dem alle in der Gegend Angst haben und der den kleinen Hundefrisör immer wieder für seine kriminellen Aktionen missbraucht. Zudem bezieht Simone über Marcello sein Koks, das ersterer in hohen Mengen konsumiert. Eines Tages nötigt Simone Marcello, ihm sein Ladenlokal für einen nächtlichen Bruch bei einem direkt angrenzenden Juwelier zur Verfügung zu stellen. Gezwungenermaßen willigt der Simone hoffnungslos unterlegene Marcello ein und nimmt im Nachhinein die Schuld und die damit zusammenhängende Gefängnisstrafe für Simone auf sich. Damit wird Marcello in seiner ansonsten von existenzwichtiger Solidarität geprägten Nachbarschaft zur persona non grata, alle meiden ihn nach seiner Entlassung. Nur seine heißgeliebte Tochter Alida (Alida Baldali Calabria) hält ihm unverdrossen die Treue. Als sich Simone schließlich weigert, Marcello an der Beute zu beteiligen und ihn noch öffentlich zusammenschlägt, gibt es für den Gebeutelten nur noch einen letzten Ausweg, sein Gesicht wiederzuerlangen.

Genau zehn Jahre nach „Gomorra“ handelt Matteo Garrones jüngstes, involvierendes Gangsterdrama wiederum vom schwächsten Kettenglied, von Angst, von Omerta, von falscher Solidarität und damit auch auf symbolischer Ebene von all dem, was das organisierte Verbrechen und die darin zwangsinvolvierten Kleinbüger in Italien nunmehr seit Jahrhunderten prägt. Daran, dass Marcello, ein kleiner, kriecherischer, aber herzlicher Typ, der vor vierzig, fünfzig Jahren als Spottapfel in jeder commedia all’italiana zu Haus gewesen wäre, eigentlich höchste humane Integrität besitzt, lässt der Film von Beginn an keinerlei Zweifel. Der alleinstehende Marcello vergöttert seine bei ihrer Mutter (Laura Pizzirani) lebende Tochter, investiert sein sauer gespartes Geld für Kurzurlaube und Tauchtrips mit ihr. Und er liebt „seine“ Hunde über alles; einmal rettet er einem kleinen Chihuahua das Leben, den der sadistische Simone zuvor bei einem Wohnungseinbruch in ein Tiefkühlfach gesperrt hat. Eine geradezu sinnbildliche für das einseitig überhängende Verhältnis der so beiden unterschiedlichen Männer; der eine pflügt, einer Dampfwalze gleich, rücksichtslos alles nieder, der andere, der das Leben noch anerkennt, schaut empathisch nach links und rechts und betreibt Schadensbegrenzung. Es ist eine bittere existenzielle Spielart, dass niemals (oder selten) die Dampfwalze die Konsequenzen zu tragen hat. So ist es auch bei Marcello und Simone. Doch: wie jedem unter Druck stehenden Kesselchen platzt auch Marcello irgendwann der Deckel ab, da ist es aber schon längst zu spät; der an Körper und Seele Geschundene und Ausgrenzte zeigt seine brutale Entschlossenheit (die ihn keinesfalls zu einem ausgeglicheneren Menschen machen wird) erst, als die Sackgasse, in der längst steckt, sich nach beiden Seiten geschlossen hat. Am Ende, als er, nachdem er Simone zunächst brutal gefangengesetzt und dann ermordet hat, buhlt Marcello lautstark um den früheren Respekt und die alte Anerkennung seiner Nachbarn. Doch niemand mag ihm, dem kleinen Straßenköter jetzt mehr zuhören. Es bleiben nurmehr Einsankeit, Eiseskälte, Fatalismus und der Verlust auch des letzten Rests von Menschlichkeit, den Simone mit ins Jenseits genommen hat.

8/10

THE HATE U GIVE

„How many more of us do you have to kill before you get it?“

The Hate U Give ~ USA 2018
Directed By: George Tillman Jr.

Starr Carter (Amandla Sternberg), eine sechzehnjährige, afroamerikanische Schülerin, lebt im von dunkelhäutigen Bürgern bevölkerten Vorort Garden Heights, geht wie ihr älterer Bruder (Lamar Johnson) jedoch auf die vornehmlich von Weißen frequentierte Privatschule Williamson Prep. im benachbarten Stadtteil. Seit früher Jugend ist Starr gewohnt, zwei Identitäten zu leben – die im Rahmen ihres „ethnischen Vorlebens“ mit ihren ebenfalls farbigen Freundinnen und ihrer Familie und die als gesellschaftlich etablierte Musterschülerin mitsamt weißem boyfriend (K.J. Apa) und bester weißer Freundin (Sabrina Carpenter), die im Rahmen ihrer behüteten bourgeoisen Verhältnisse schwarzes Kulturgut von Hip-Hop-Musik über teure Nikes zu adaptieren pflegen. Als eines Abends nach einer Party Starrs Sandkastenfreund Khalil (Algee Smith) im Zuge einer vermeintlich routinemäßigen Verkehrskontrolle von einem sich bedroht fühlenden, weißen Officer (Drew Starkey) erschossen wird, ändern sich Starrs Sicht der Dinge und ihr ganzes Leben Schlag auf Schlag: Erstmals begreift sie zur Gänze, dass der Kampf um die Gleichberechtigung aller Hautfarben noch längst nicht ausgefochten ist, dass impliziter Alltagsrassismus vor niemanden Halt macht und dass das Selbstbild vieler Afroamerikaner durch die unaufhörliche Bevormundung der WASP-Klasse bewusst beklagenswert gehalten wird.

„The Hate U Give“, das hat mich George Tillman jr.s Film gelehrt, ist Teil eines Akronyms, das auf eine kurzlebige Hip-Hop-Band um Tupac Shakur namens Thug Life zurückgeht. Deren Buchstaben ausformuliert bedeuten nämlich „The Hate U Give Little Infanfts Fucks Everybody“, was sich als allgemeingültiges Statement nicht über das wechselseitige Verhältnis von Schwarz und Weiß in den USA, sondern auch hinsichtlich der oftmals prekären Verhältnisse, unter denen junge Afroamerikaner in den Ghettos aufzuwachsen haben, lesen lässt. Für einen sich aufgeklärt wähnenden, ausdrücklich links vom Teller befindlichen Zentraleuropäer ist oftmals nicht nachvollziehbar, was sich da Tag für Tag im Land der Freiheit abspielt. Von (tödlicher) Polizeigewalt gegen Farbige, also just jener weiterhin autoritätsflankierte Missstand, an deren mit jedem weiteren diesbezüglichen Ereignis unfassbarer werdenden Unfassbarkeit sich die Story des auf einem Roman von Angie Thomas basierenden „The Hate U Give“ entzündet, bekommt man ja hier und da immer wieder etwas mit, und schiebt es dann kopfschüttelnd, in Anbetracht der regionalen Entfernung vielleicht doch allzu achselzuckend beiseite. Die Rechtfertigungen der Exekutive sind dann im Regelfall ebenso kleinlaut wie abwiegelnd und, letzten Endes, wohl auch bar jeder wirklich nachhaltigen Konsequenz.
„The Hate U Give“ zeigt das an seinem dramatischen Höhepunkt ganz vortrefflich: Ein nächtens fahrender Wagen mit zwei jungen, schwarzen Menschen wird von einem überforderten Schichtpolizisten angehalten, der insgeheim hinter jedem Gesicht dunkelhäutiger Personen einen potentiell verdächtigen Kriminellen vermutet. Der scheinbar willkürlich um Identifikation gebetene, junge Fahrer fühlt sich zurecht schikaniert und reagiert flapsig, womit er, ohne darüber nachzudenken, sein Leben gefährdet. Den weißen Bullen nämlich macht das respektlose Verhalten seiner uniformierten Person gegenüber noch aggressiver und, umso verhängnisvoller, noch nervöser. Was dann aus der Distanz für eine Schusswaffe gehalten wird, entpuppt sich im Nachhinein als Haarbürste. Doch da liegt der Fahrer bereits tot auf der Straße, erschossen von dem inkompetenten, übereifrigen, vielleicht rassistischen Polizisten, der, eine verhängnisvolle Schrecksekunde lang, Angst, Allmacht und Pflichtbewusstsein durcheinandergeworfen hat. Für das fassungslose Mädchen auf dem Beifahrersitz beginnt ein mittelschwerer Albtraum, der fortgesetzte Rekapitulationen des Ereignisses, den Verlust der vermeintlich besten Freundin, die Bedrohung der Familie und der eigenen Person und die Wut angesichts der sich aus der Verantwortung windenden Staatsmacht beinhaltet. Immerhin, am Ende steht eine am Schrecklichen gewachsene, starke junge, mündige und vor allem: selbstbewusste Frau, die ihre Lebenslektionen leider auf eine denkbar böse Weise zu erlernen hatte. So weit die inhaltliche Ebene.
Dann ist da noch der Film selbst, der seine eminente Botschaft leider auf vergleichsweise biederem Oberstufenniveau, quasi im abgesicherten Modus, verhandelt. Natürlich ist „The Hate U Give“ thematisch aller Ehren wert und richtig und wichtig, aber er ist zugleich auch sehr routiniert und unkomplex inszeniert, vermutlich, um vor allem eine juvenile Zielgruppe anzusprechen. Er wird dann vermutlich auch ganz gewiss irgendwann seinen Weg in die Bibliotheken aller Sozialkundelehrer dieser Welt finden und in den nächsten Jahren auf diversen Schulcurricula der Sekundarstufe I einen festen Platz bekleiden. Das ist auch ganz gewiss in Ordnung so, doch: aufregend im Sinne eines nachhaltigen Filmerlebnisses – das ist was anderes.

7/10