THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP

„In Germany, the gangsters finally succeeded in putting the honest citizens in jail.“

The Life And Death Of Colonel Blimp (Leben und Sterben des Colonel Blimp) ~ UK 1943
Directed By: Michael Powell/Emeric Pressburger

England, in der Zeit nach dem „Blitz“: Anstatt sich an die Verabredung zu halten, das geplante Manöver betreffs eines deutschen Überfalls zeitlich planmäßig stattfinden zu lassen, setzt der junge Lieutenant Spud Wilson (James McKechnie) die Übung einfach um sechs Stunden früher an – die Wehrmacht, so meint er, würde ihre Attacken schließlich auch nicht minutiös ankündigen. Wilson und seine Männer geraten daraufhin in einem türkischen Bad an eine Gruppe älterer Offiziere, darunter den Major General Clive Wynne-Candy (Roger Livesey), der überhaupt nichts von der Eigenmächtigkeit Wilsons hält. Im Zuge eines folgenden, spontanen Zweikampfs Alt gegen Jung lernen wir Wynne-Candys Lebensgeschichte kennen.

Der Titel um „Colonel Blimp“, der zweiten, gemeinsamen Regiearbeit der beiden Freunde Michael Powell und Emeric Pressburger für ihre selbstgegründete Gesellschaft „The Archers“ und zugleich der erste Film ihres berühmten Technicolor-Zyklus, bezieht sich auf einen zu jener Zeit in England populären, satirisch geprägten Cartoon-Offizier, der als Klischeebündel die Steifheit und den unbeugsamen Selbsträsonismus britischer Militärvertreter karikierte. Obschon jener Colonel Blimp nicht nominell bei Powell/Pressburger auftritt, stellt deren Protagonist Clive Wynne-Candy – zumindest dessen zu Beginn des Films eingeführtes, altes Ich, eine eindeutige Entsprechung der Figur dar. Die Rahmenhandlung prononciert vor allem die Wehmut, mit der betagte englische Soldaten im Angesicht der „modernen Kriegsführung“ des Zweiten Weltkriegs auf ihre aussterbende Militärhistorie zurückblicken: In Indien, im Burenkrieg und selbst im Ersten Weltkrieg wurde noch fair gekämpft und gestorben; man verabredete sich quasi zum gegenseitigen Abschlachten und unkorrekte Übervorteilungen in Form unseliger Überfälle wie heuer durch die Nazis oder die Japaner gab es nicht. Männlicher Schneid und Galanterie prägten das Bild wahren Soldatentums – und nicht nur des englischen: Nach einem diplomatisch vergeigten Ausflug ins Berlin des Jahres 1902 und infolge eines schmerzhaften Fechtduells lernt Clive (seinerzeit noch) Candy den preußischen Offizier Theo Kretschmar-Schuldorff (Adolf Wohlbrück) kennen, – quasi seine deutsche Entsprechung. Die beiden Männer werden Freunde und auch, wenn Theo die ebenfalls von Clive begehrte Lehrerin Edith Hunter (Deborah Kerr) abbekommt, hat dies keinen Groll zur Folge. Sechzehn Jahre später ist das Kaiserreich just im Begriff, den Ersten Weltkrieg zu verlieren, als Clive in Frankreich die Krankenschwester Barbara Wynne (Deborah Kerr) – Ediths Ebenbild – kennenlernt und zur Frau nimmt. Dort begegnet er auch den in Gefangenschaft befindlichen Theo wieder, der ihn zunächst geflissentlich ignoriert, ihm dann aber seine Besorgnis hinsichtlich der Siegerdiktatur des Versailler Vertrags erläutert. Erst zu Beginn des nächsten großen Krieges begegnen sich die beiden alten Freunde wieder. Beide sind mittlerweile Witwer, finden in der jungen Chauffeurin Angela (Deborah Kerr) jedoch neuerlich die physiognomische Entsprechung ihrer verstorbenen Frauen. Theo beobachtet die Entwicklung in Deutschland mit großer Sorge, seine Kinder sind beide zu überzeugten Nazis geworden. Clive muss auf unerfreuliche Weise lernen, dass Krieg mit solchen Gegnern wie Hitler nicht mehr das Gentleman-Geschäft darstellt, dass er selbst von der Pike auf gelernt hat. Er wird in den Ruhestand versetzt und tritt der British Home Guard bei. Sein Haus wird bei einem Bombenangriff zerstört und es entsteht an dessen Stelle eine Zisterne. Endlich begreift Clive, dass und wie die Zeiten sich geändert haben.
„The Life And Death Of Colonel Blimp“ kann filmhistorisch betrachtet durchaus dem Segment des antideutschen Propagandafilms zuaddiert werden, das in diesen Jahren vielfach von Hollywood und England aus bedient wurde. Powell und Pressburger geben sich allerdings im Gegensatz diverser sehr viel rüder agierender Kollegen keineswegs damit zufrieden, plumpe Ressentiments zu bedienen oder gar zu schüren, sondern wählen einen sehr viel differenzierteren Ansatz als Narrativ ihrer vierzig Jahre umfassenden Biographie. Besonders hervorstechend und bemerkenswert ist die latente Ironie, mit der sich der unbeirrbare Glaube an soldatische Tugenden und die (insbesondere England als vormals bedeutender Kolonialmacht zueigene) militärische Arroganz der Briten sanft persifliert finden – ; Entsprechung und Bedeutung des gewählten Titels. Ferner markiert Clive Wynne-Candy eine keinesfalls eindimensional gezeichnete Figur. Schon die Trümmer der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs rufen Zweifel in ihm hervor über den bedauernswerten, selbstzerstörerischen Weg, den die Menschheit im beginnenden Centennium eingeschlagen hat. Dann wäre da die Freundschaft zu seinem deutschen Berufspendant Theo, der vor allem in späteren Lebensjahren, den Zerfall des Kaiserreichs, das Chaos der Republik und schließlich die NS-Machtergreifung und den ideellen Verlust der Kinder, noch wesentlich herbere persönliche Verluste als Clive hinzunehmen hat. Hier sind sich die beiden klugen auteurs nicht zu schade, Hitler und seine Mörderbande keinesfalls zur (selbst-)erwählten Führerriege ausnahmslos aller Deutschen jener Tage zu deklarieren. Schließlich beeindruckt die ungewohnte Entscheidung, Deborah Kerr in einer Dreifachrolle zu besetzen, was dem Script gestattet, ihren Charakter über vier Dekaden quasi nicht altern zu lassen. Obschon sie drei unterschiedliche, englische Damen spielt, versinnbildlicht im Rahmen dieses figuralen Triptychons gewissermaßen das trotz ihres doppelten Verbleichens ewig jung bleibende frauliche Ideal des Protagonisten, dem sie durch ihr moralisches Engagement in drei kritischen Lebenslagen Kraft und Halt spendet.
Die Tatsache, dass „The Life And Death Of Colonel Blimp“ zudem ein frühes Musterbeispiel für die reichhaltige Effektivität des damals noch nicht alltäglichen, wunderschöne Bilder gestattenden Drei-Streifen-Technicolor ist, einer technischen Errungenschaft, für die in den folgenden Jahren vor allem Powell und Pressburger in der Kinogeschichte reüssieren konnten, perfektioniert diesen wunderbaren Film nochmals auf der formalen Ebene.

10/10

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DEN 12. MANN

„Mir geht niemand durch die Lappen.“

Den 12. Mann (The 12th Man – Kampf ums Überleben) ~ NO 2017
Directed By: Harald Zwart

Norwegen, März 1943. Im Zuge der „Operation Martin Red“, die die gezielten Sprengungen mehrerer militärisch bedeutsamer Ziele der deutschen Besatzer umfasst, landen zwölf in England zu Saboteuren ausgebildete, einheimische Widerstandskämpfer der „Company Linge“ in der Nähe von Tromsø, wo sie bereits von Gestapo und SS in Empfang und in Haft genommen werden. Nur einem von ihnen, Jan Baalsrud (Thomas Gullestad), gelingt die Flucht in den vereisten Fjord. Die übrigen werden gefoltert und exekutiert. Baalsruds einzige Chance besteht darin, die Grenze zum neutralen Schweden zu erreichen. Eine zweimonatige Odyssee, die ihn an die äußersten Grenzen der psychischen und physischen Belastbarkeit treiben wird, liegt vor ihm.

Die entbehrungsreiche Flucht Jan Baalsruds, den die Geschichtsschreibung längst zu einem der skandinavischen Helden der Résistance erklärt hat, basiert auf authentischen Geschehnissen, die Harald Zwarts Film unter der Prämisse, dass „die folgenden Ereignisse, so unglaublich sie auch scheinen mögen, sich so zugetragen haben“ nachzeichnet. Wenngleich Baalsrud immer wieder die unterstützende Hilfe der Einheimischen in Anspruch nehmen kann, hängt der Löwenanteil seines Überlebens dennoch von der eigenen Willenskraft und Zähigkeit ab, die ihn diverse Leiden überstehen lassen. Immer wieder entkommt Baalsrud der SS, in vorderster Front seinem (ebenfalls norwegischen) verbissenen Hauptverfolger Kurt Stage (Jonathan Rhys Meyers) nur ganz knapp oder infolge oftmals obskurer Zufälle, die manchmal auch aus dem bloßen Hochmut des stolzen Nazis heraus erwachsen. Dennoch gleicht Baalsruds Pfad einer Passionsgeschichte: Er gerät in eine (von seiner Verfolgern ausgelöste) Lawine, muss Knochenbrüche, Erfrierungen, Schneeblindheit, Fieber und Wundbrand ertragen und ist schließlich gezwungen, sich selbst die Zehen zu amputieren um nicht seine Beine zu verlieren. Nicht nur die den Okkupanten fast durchweg feindlich gesinnte Zivilbevölkerung unterstützt ihn, sondern, kurz vor dem Ziel noch eine Gruppe Samen und sogar ein kluges Rentier.
Zwart zieht, was ihm wohl auch mehrfach zur Kritik gereichte, diese spektakuläre Geschichte als Überlebensabenteuer auf, vor dem der historische Hintergrund oftmals sich zur im Prinzip austauschbaren Beliebigkeit degradiert findet. Die Nazis werden durchweg als jene unmenschlichen Klischeebestien gezeichnet, die ja in der (genre-)spielfilmischen Parallel-Geschichtsschreibung seit eh und je greift und sind vor allem als größenteils diffuse, äußere Bedrohung im Hintergrund präsent, so dass „Den 12. Mann“ häufig mehr als Actionfilm denn als akkurate historische Aufarbeitungslektion zu rezipieren ist.
Auch wenn nun Zwarts Film gewiss nicht frei von Schwächen unds Unebenheiten ist, gibt es doch an mancherlei Tatsachen, so meine ich, wenig zu rütteln: „Den 12. Mann“ besorgt den Abriss des zunehmend persönlich gefärbten Hergangs einer ganz individuellen Widerstandsaktion und hat trotz seiner ausgedehnten Spielzeit überhaupt nicht die Aufgabe, fanatischen SS-Offizieren ein differenziertes Persönlichkeitsbild zu verschaffen – warum auch? Es geht nicht um verschissene Nazis, sondern um den Widerständler Jan Baalsrud und um die ohnehin im Falle jedes einzelnen kleinen oder großen Rebellen gegen das Deutsche Reich unabdingbar wichtige Tatsache, seine spezifische Geschichte populärer zu machen und ihm, obschon mit den evidenten Mitteln des Unterhaltungsmediums, ein verdientes Denkmal zu setzen. Diese Mission erfüllt „Den 12. Mann“ hinreichend zuverlässig.

7/10

OVERLORD

„Welcome to France, boys.“

Overlord (Operation: Overlord) ~ USA 2018
Directed By: Julius Avery

Am 5. Juni 1944, dem Vorabend des D-Day respektive der „Operation Overlord“, soll eine kleine Schar alliierter Fallschirmjäger den Sonderauftrag ausführen, einen deutschen Störsender auszuschalten, der sich in der Kirche eines kleinen Provinzdorfs in der Normandie befindet. Nachdem bereits die nächtliche Landung einige Opfer gekostet hat, gelingt es vier überlebenden Soldaten, Corporal Ford (Wyatt Russell) und den Privates Boyce (Jovan Adepo), Tibbet (John Magaro), Chase (Iain De Castecker) und Dawson (Jacob Anderson), Kontakt zu der jungen Französin Chloe (Mathilde Ollivier) aufzunehmen, die die Männer in ihrem Haus versteckt. Doch in dem Dörfchen und insbesondere der Kirche geht es nicht mit rechten Dingen zu, wie Boyce, dem es gelingt, in das Tunnelsystem unterhalb des Gotteshauses zu gelangen, bald herausfindet: Der Nazi-Wissenschaftler Schmidt (Erich Redman) ist dort auf eine teerartige Substanz im Erdreich gestoßen, die, mittlerweile diversen unfreiwilligen Versuchspersonen injiziert, Schmidts Probanden zu ebenso wahnsinnigen wie superstarken Zombies mutieren lässt. Boyce und die anderen haben bald alle Hände voll zu tun, die SS und ihre Nazimonster aufzuhalten…

Aus J.J. Abrams‘ „Bad Robot“-Manufaktur stammt dieser gelungene Ansatz, dem Naziploitation-Genre abermals neues Leben einzuhauchen. Hitler, dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich wurde in der Trivialkultur im Grunde bereits seit den Tagen ihrer kläglichen Existenz (man denke nur an das ikonische Cover der ersten „Captain America“- Ausgabe von Timely Comics im März 1941, das den patriotisch gewandeten Superhelden zeigt, wie er dem Führer persönlich einen kräftigen Kinnhaken verabreicht und dessen lustvolle Realitätsverzerrung auch „Overlord“ präserviert)  immer wieder versucht, durch popkulturelle Überhöhungen beizukommen. Dies geschah in mal mehr, mal weniger akzeptabler Form, wobei häufig mad scientists und Okkultismus eine bedeutsame Rolle bei den phantastischer geprägten Exkursen der Gattung spielten. So erinnert „Overlord“ nicht von ungefähr an den erst sechs Jahre alten „Frankenstein’s Army“, in dem niemand Geringerer als der Enkel Dr. Frankensteins Monstersoldaten für die darbende Wehrmacht der letzten Kriegstage erschafft. Ganz so inhaltlich grotesk nimmt sich Julius Averys Film zwar nicht aus, seine Fabulierfreude entpuppt sich aber als dennoch ansteckend, zumal es im Zusammenhang mit den entseelten Kreaturen auch zu mancherlei deftigen Aufzügen kommt.
Das Ganze ist bei allem geschmäcklerischen Wagemut (der freilich wiederum gar nichts ist im Vergleich zu den italienischen Kloppern aus den Siebzigern von Sergio Garrone, Bruno Mattei oder Mario Caiano) zudem überaus sauber und enthusiastisch gefertigt, so dass es bei einer gekonnt aufgerichteten Spannungskurve allenthalben für diverse kinetische, actionreiche Sequenzen reicht. Wenn Nazis plattgemacht werden, dann ist das ja sowieso immer was Schönes und Avery hat seine diesbezüglichen Lektionen ausgiebig gelernt.

8/10

DER HAUPTMANN

„Wir sind auf Sonderseinsatz. Vollmacht von ganz oben.“

Der Hauptmann ~ D/F/PL 2017
Directed By: Robert Schwentke

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs schlägt sich der desertierte Landser Willi Herold (Max Hubacher) durch das nordwestliche Westfalen. Durch Zufall gelangt er an die aufgegebene Habe eines Luftwaffenhauptmanns, verkleidet sich entsprechend und behauptet fortan allerorts, er sei ein vom Führer persönlich eingesetzter Inspektor zur Überwachung und Kontrolle der Truppenmoral. Sein Weg führt ihn und einige, die sich ihm willfährig anschließen, bis in ein Gefangenenlager im Emsland, über das er sich widerstandslos die Kontrolle aneignet. In den nächsten Tagen lässt Herold im Lager und in der Umgebung zahlreiche Menschen hinrichten.

Die authentische Geschichte des Hochstaplers Willi Herold zeigt symbolhaft auf, wie obrigkeitshörig und gleichermaßen verblendungsaffin die Deutschen selbst in der defätistischen Endphase des Krieges noch waren. Für seine ebenso faszinierende wie gräuliche Zusammenfassung jener Ereignisse, die einen zumindest augenscheinlich künstlerisch versierteren Regisseur zeigt als sich aus seinem bisherigen Œuvre schließen lässt, wählt Robert Schwentke die Evokation einer apokalyptischen, dehumanisierten Atmosphäre des dräuenden Untergangs. Das extrem kontrastscharfe Schwarzweiß seiner Bilder (Florian Ballhaus) verstärkt dieses offensichtliche Ansinnen nochmals und lässt keinerlei Zweifel daran, dass der allgemeine Werteverlust sich bis tief in die Innereien des hier auftretenden Personals vorgegraben hat. Die Psychologisierung Herolds mag dabei die eines typischen Faschisten abgeben; Schwentke meinte ja, dass es ihm dezidiert darum ging, aus Täterperspektive zu berichten – etwas, was der Deutsche Film bislang, wenn überhaupt einmal gegenständlich gemacht, kläglich vernachlässigt habe. Anders aber als Theodor Kotullas „Aus einem deutschen Leben“, der seine Hauptfigur Rudolf Höß/Franz Lang als spießiges, obrigkeitshöriges, kritikloses und funktionales Rädchen im Mahlwerk der bestialischen Vernichtungsbürokratie porträtiert, lässt sich Willi Herold vielleicht gar als noch diabolischer bezeichnen; als fliehender Feigling nutzt er die ungeheure Gunst des Zufalls, sich in jenes System zurückzuarbeiten, das er just zuvor noch in panischer Angst um sein kärgliches Leben verraten hat. Wie seine historischen und literarischen Vorfahren, von Wenzel Strapinski bis Friedrich Wilhelm Vogt, nutzt Herold die Attribute des Blenders, für die stets vor allem die nach uniformierter Autorität gierende, deutschtümelnde Seele empfänglich zu sein scheint, pervertiert jedoch anders als diese die naive Anfälligkeit seiner Mitmenschen den Selbstzweck bis hin zur Miniatur-Tyrannei und legt somit den beständigen Blutdurst des bereits im Sterben liegenden Faschismus in all seiner breiten Menschenverachtung bloß. Ganz vortrefflich insofern der Epilog, der das Ensemble in seinen Wehrmachtsuniformen im urbanen Jetzt paradieren lässt und damit den innerhalb eines neuen Films zu diesem Thema unerlässlichen Gegenwartsbezug herstellt.

8/10

HART’S WAR

„Strange thing about war wounds – the older you get, the less proud of them you become.“

Hart’s War (Das Tribunal) ~ USA 2002
Directed By: Gregory Hoblit

Augsburg, im Winter 1944. Der junge und unerfahrene, aber aus „gutem Hause“ stammende Lt. Thomas Hart (Colin Farrell) kommt, nachdem er in den Ardennen in feindliche Hände geraten ist, in das Kriegsgefangenenlager Stalag VI-A. Hier hat Colonel William McNamara (Bruce Willis) die Oberaufsicht über die US-Insassen, ein gefestigter, ruhig erscheinender und eher wortkarger Offizier, der deutlich mehr zu wissen scheint als er preisgibt. McNamara sorgt dafür, dass Hart, von dem er ahnt, dass er einem möglichen Verhör durch die Deutschen nicht standhalten kann, nicht in der Offiziersbaracke landet, sondern bei einfachen Gefreiten. Dorthin schickt der Colonel kurze Zeit später wiederum auch die beiden abgeschossenen, farbigen USAF-Offiziere Lt. Lincoln Scott (Terrence Howard)  und Lt. Lamar Archer (Vicellous Shannon). Der rassistische Barackeninsasse und Rädelsführer Bedford (Cole Hauser) sorgt schließlich dafür, dass Archer widerrechtlich von den Deutschen erschossen wird. Als man Bedford selbst bald darauf mit gebrochenem Genick findet, gerät Scott in unmittelbaren Verdacht. Hart, der vor dem Krieg ein Jura-Studium aufgenommen hat, soll Scotts Verteidigung übernehmen, während McNamara sich selbst mit dem richterlichen Vorsitz betraut. Lagerkommandant Visser (Marcel Iures), selbst studierter Advokat, versucht dem hin- und hergerissenen, jedoch fest von Scotts Unschuld überzeugtem Hart während des Prozesses Vorteile zu verschaffen. McNamara nutzt den Prozess derweil ganz bewusst zur Ablenkung, denn ein Fluchttunnel befindet sich just in der Fertigstellung…

Diese mit gepflegten Klischees angereicherte Mischung aus P.O.W.-, Rassismus- und Courtroom-Drama ist zwar grundsätzlich anschaubar, verhebt sich insgesamt allerdings etwas an sich selbst. Offenbar bekommt das Script die inhaltliche Komplexität der Vorlage des Vielschreibers John Katzenbach nicht ganz in den Griff, denn der oftmals auf den Überraschungs- und Späterkenntniseffekt hin ausgerichtete Plot mäandert häufig etwas ziellos über die Minuten, derweil der (wie in meinem Falle) ahnungslose Zuschauer sich selbst in der Ziellosigkeit gefangen wähnt.
Ich musste bereits während der Betrachtung und ganz besonders im Nachhinein wiederholt an zwei offensichtliche, große Klassiker des P.O.W.-Films denken und ganz besonders daran, was sie sehr viel besser und richtiger gemacht haben als „Hart’s War“: Zum Einen Billy Wilders „Stalag 17“, der sich ganz bewusst einer episodischen Erzählweise vertreibt und in dem sich die von berechtigter Paranoia geprägten Misstrauens-Emotionen der Gefangenen als hauptsächlicher, roter Faden erweisen. Zum anderen freilich „The Great Escape“ von John Sturges, der die Situation der P.O.W.s und ihre beständigen Ausbruchsversuche kurzerhand zur Seele eines großangelegten, perfekt inszenierten Actiondramas deklariert und der sich mühelos über seine keineswegs spärlich ausgefallene Laufzeit trägt. Man könnte auch, wenngleich vor differenter Kulisse spielend, noch „The Bridge On The River Kwai“ hinzuziehen, der seine gewaltige innere Spannung aus dem Mentalitäts- und Stolzduell zweier feindlicher Offiziere bezieht. Genau an diesen sowohl physisch wie auch psychisch unbedingt wertvollen Ingredienzien mangelt es „Hart’s War“, oder besser: er verfügt zwar über sie, nur behält er sie viel zu lange für und bei sich. Vielleicht ist das diesem im Gegenwartskino überall und unbedingt gehandhabten Mechanismus geschuldet, dass große Überraschungen und inhaltliche Aufklärung unbedingte Schlusspointen zu bilden haben. Twists nennt man das im neocineastischen Fachjargon. Man darf und soll in Gesprächen über Film nicht „spoilern“, sprich, narrative Überraschungen „verderben“, weil dies a priori mit einem unhaltbaren Interessenverlust einhergeht. Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich furchtbar. Da werden die Siebente Kunst und ihr Genuss mit Geisterbahnfahrten und Fast-Food-Konsum verwechselt. Einmal gesehen, Knalleffekt erhalten und verraucht, nächster Film bitte. Das kann es doch nicht sein. Wo ist der Nachhaltigkeitsgedanke, wo das Interesse der Kunstschaffenden daran, ihr Werk nicht nur bei der dritten Betrachtung noch fruchtbar dastehen, oder gar noch wachsen zu lassen?
Immerhin schälte sich mir nunmehr ein wiederkehrendes Leitmotiv im hoblit’schen Schaffen heraus: Dass der sich attrahierenden Rivalen. Zwei klar voneinander getrennte Fronten – vor und hinter Gittern, dies- und jenseitig, durch Raum und Zeit, oder, wie hier in „Hart’s War“, durch Wissen und Nichtwissen. Einer der beiden Duellanten benutzt das Nichtwissen bzw. den Mangel an Fähigkeiten und somit den klaren Nachteil des Gegenübers, um sich am Ende den ganz persönlichen Sieg zu verschaffen, nicht, ohne sich dabei des ungeteilten Respekts des Übervorteilten (auf dessen Seite immer auch das Publikum steht) zu versichern.
In Hoblits nächstem Film wird diese Konstellation sogar nochmals eminenter…

6/10

BATTLE OF BRITAIN

„We are not asking for anything. Europe is ours, we can walk into Britain whenever we like.“

Battle Of Britain (Luftschlacht über England) ~ UK 1969
Directed By: Guy Hamilton

Spätsommer 1940: Nach dem Einmarsch in Belgien und Frankreich hat Hitler die Einnahme der britischen Insel im Auge. Mit Reichsmarschall Göring (Hein Riess), Chef der deutschen Luftwaffe, schickt er einen überaus siegesgewissen Adjutanten an die französische Atlantikküste, um von dort aus die aus der Luft geplante Eroberung Großbritanniens zu überwachen. Doch bei der hiesigen Bevölkerung Churchills „No Appeasement“-Politik  ist seit der Evakuierung von Dünkirchen überaus populär: Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit und etlicher anfänglicher Verluste schlägt die Royal Air Force die Attacken der Deutschen vehement und immer erfolgreicher zurück. Nachdem die Wehrmacht ihre Luftangriffe im Zuge des „Blitz“ auf London konzentriert, können sich die verbleibenden Kräfte auf den nunmehr von den Attacken vernachlässigten Luftwaffenstützpunkten sammeln und Großbritanniens drohende Okkupation endgültig und erfolgreich verhindern.

Vor allem das psychologische Moment der britischen Gegenwehr, an der auch kanadische, tschechoslowakische und polnische Piloten beteiligt waren, stellte sich im Nachhinein als eminent kriegsentscheidend heraus: Nach dem mit dem Dritten Reich geschlossenen Waffenstillstand Frankreichs und Hitlers weiterem unermüdlichen Vordringen Richtung Süden und Osten war man angstvoll geneigt, dem Diktator selbst noch die Eroberung des gesamten Globus zuzutrauen. Die internationale Erkenntnis, derzufolge man sich dem Reich nicht nur im Hinblick auf einen drohenden Einmarsch entgegenzustellen, sondern es zudem noch an empfindlichen Stellen zu treffen vermochte, ist der Entschlossenheit Churchills und der geschlossenen Gegenwehr der R.A.F. zu verdanken. Fraglos musste auch zu diesem Thema ein prestigeträchtiges, nunmehr als klassisch zu bezeichnendes Kinomonument entstehen, das, wie eine Menge nicht minder qualitätsbewusster, aber doch weit weniger teurer Vorgänger unter britischer Produktionsägide entstand. Nun haben Kriegsfilme, die sich mit Luftkämpfen befassen, es aus rein dramaturgischer Perspektive nicht eben leicht. Technik, Logistik und auf die Fliegerei begrenzte Schauwerte stehen im Vordergrund; für die Kunst des Schauspielens, und handele es sich um noch eine so beeindruckende Ansammlung allerbester Akteure wie hier, bleibt nur allzuwenig Platz. Mit diesem Problem hat „Battle Of Britain“ zu kämpfen wie kein anderer mir bekannter Gattungsvertreter. Wie üblich strotzt die Besetzungsliste vor großen Namen und Stars, doch welchen Wert haben selbst noch die familiärsten Gesichtszüge, wenn nurmehr die Augenpartie sichtbar ist? Hinzu kommt die Notwendigkeit der Ereignisraffung, denn die Luftscharmützel zogen sich über mehrere Monate hinweg. Das Interesse an den – fraglos grandios inszenierten – Fliegerszenen muss da zwangsläufig erlahmen. Immerhin bewahrt der Film einen hübschen, unaufdringlichen Humor und passgenaues understatement. Jene wunderbare, unübertreffliche Szene etwa, in der Edward Fox nach einem erzwungenen Ausstieg mit dem Fallschirm mitten ins Treibhaus einer Vorstadtvilla rauscht und ihm der umtriebige Junge des Hauses daraufhin eine von Papas Zigaretten kredenzt, beweist als eine von mehreren und bei aller ansonsten rechtzufertigenden Mäkelei, dass Hamiltons Film grundsätzlich das Herz am rechten Fleck hat.

7/10

DARKEST HOUR

„Those who never change their mind never change anything.“

Darkest Hour ~ UK/USA 2017
Directed By: Joe Wright

Am 10. Mai 1940 wird Winston Churchill (Gary Oldman) im Alter von 65 Jahren infolge des Rücktritts von Neville Chamberlain (Ronald Pickup) zum britischen Premierminister ernannt, nachdem sein Parteigenosse Lord Halifax (Stephen Dillane) den Posten abgelehnt hat. Während Hitlers Armeen das westeuropäische Festland überrennen und zur Atlantikküste vordringen, stellen sich Churchills Vorgänger und Halifax auf diplomatische Verhandlungen mit Hitler und Mussolini ein, während Churchill der festen Überzeugung ist, dass es mit faschistischen Diktatoren keine sinnvollen Gespräche geben könne. Kurz bevor er einknickt, versichert sich Churchill der Unterstützung König George VI (Ben Mendelsohn) und der vox populi. Die am 26. Mai beginnende „Operation Dynamo“, die Evakuierung der eingekesselten britischen Soldaten vom Strand von Dünkirchen mithilfe der zivilen Schifffahrt, erbringt schließlich eine erste, entscheidende Kriegswende.

Was sich eigentlich und recht eindeutig als sinnvolles Präludium zu Christopher Nolans „Dunkirk“ erweist, kam leider erst einige Wochen nach diesem in die Kinos. Schlechte Absprachen werden dafür weniger die Ursache gewesen sein denn bloßer Zufall, dennoch bietet sich „Darkest Hour“ im Rahmen einer kleinen, filmischen Geschichtsstunde als das vorzusichtende Werk geradezu perfekt an. Der Film selbst ist ein durchweg sympathisches Porträt der kriegsentscheidenden Persona Winston Churchills, die Gary Oldmans darstellischer Krone ein weiteres Juwel hinzufügt. Selbst im fatsuit und unter der dicken Maskierung, die ein klein wenig an Oldmans nunmehr auch schon ein Vierteljahrhundert zurückliegende Darstellung des Grafen Dracula in seiner ausgedörrten Seniorengestalt erinnert, lässt sich das nuancierte Spiel und die teils verblüffende Studie des elder statesman, der durch waghalsige Aktionen wie die Gallipoli-Schlacht und seine persönliche Exzentrik seiner Partei nicht selten ein Dorn im Auge war, noch immer hervorragend genießen.
„Darkest Hour“ bildet überaus spürbar dediziertes Traditionskino ab, das nicht eben mit Klischees wie der Rückhalt spendenden Ehegattin (Kristin Scott Thomas) im Hintergrund oder der hübschen, jungen Privatsekretärin (Lily James) als Repräsentantin des „gemeinen Volks“ geizt und auch den berühmt-berüchtigten Eigenheiten des Vorbilds, das den Legenden zufolge tagtäglich Whiskey (Johnnie Walker), Rotwein (Claret), alten Brandy und natürlich Champagner (Pol Roger) und üppige Mahlzeiten im Wechsel mit dicken Zigarren konsumierte und damit nicht selten den Haushaltsetat überstrapazierte, geizt. Churchills überstützt anberaumte, zentralistisch dramaturgisierte Fahrt mit der U-Bahn, die er dazu nutzt, den Widerstandsgeist der Menschen von der Straße abzuklopfen und seine nachfolgende, umjubelte Rede vor dem Parlament, bei der er nachdrücklich klarstellt, das das Empire nicht vor Hitler kriechen werde, stellen erwartungsgemäß die emotionale Klimax von Wrights Film, und das mit allem gebührenden Erfolg.
Eine ehrwürdig-gesetzte, schöne und rundum feine Arbeit, sich unbedingt zur baldigen Wiederholung empfehlend.

8/10