BATTLE OF BRITAIN

„We are not asking for anything. Europe is ours, we can walk into Britain whenever we like.“

Battle Of Britain (Luftschlacht über England) ~ UK 1969
Directed By: Guy Hamilton

Spätsommer 1940: Nach dem Einmarsch in Belgien und Frankreich hat Hitler die Einnahme der britischen Insel im Auge. Mit Reichsmarschall Göring (Hein Riess), Chef der deutschen Luftwaffe, schickt er einen überaus siegesgewissen Adjutanten an die französische Atlantikküste, um von dort aus die aus der Luft geplante Eroberung Großbritanniens zu überwachen. Doch bei der hiesigen Bevölkerung Churchills „No Appeasement“-Politik  ist seit der Evakuierung von Dünkirchen überaus populär: Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit und etlicher anfänglicher Verluste schlägt die Royal Air Force die Attacken der Deutschen vehement und immer erfolgreicher zurück. Nachdem die Wehrmacht ihre Luftangriffe im Zuge des „Blitz“ auf London konzentriert, können sich die verbleibenden Kräfte auf den nunmehr von den Attacken vernachlässigten Luftwaffenstützpunkten sammeln und Großbritanniens drohende Okkupation endgültig und erfolgreich verhindern.

Vor allem das psychologische Moment der britischen Gegenwehr, an der auch kanadische, tschechoslowakische und polnische Piloten beteiligt waren, stellte sich im Nachhinein als eminent kriegsentscheidend heraus: Nach dem mit dem Dritten Reich geschlossenen Waffenstillstand Frankreichs und Hitlers weiterem unermüdlichen Vordringen Richtung Süden und Osten war man angstvoll geneigt, dem Diktator selbst noch die Eroberung des gesamten Globus zuzutrauen. Die internationale Erkenntnis, derzufolge man sich dem Reich nicht nur im Hinblick auf einen drohenden Einmarsch entgegenzustellen, sondern es zudem noch an empfindlichen Stellen zu treffen vermochte, ist der Entschlossenheit Churchills und der geschlossenen Gegenwehr der R.A.F. zu verdanken. Fraglos musste auch zu diesem Thema ein prestigeträchtiges, nunmehr als klassisch zu bezeichnendes Kinomonument entstehen, das, wie eine Menge nicht minder qualitätsbewusster, aber doch weit weniger teurer Vorgänger unter britischer Produktionsägide entstand. Nun haben Kriegsfilme, die sich mit Luftkämpfen befassen, es aus rein dramaturgischer Perspektive nicht eben leicht. Technik, Logistik und auf die Fliegerei begrenzte Schauwerte stehen im Vordergrund; für die Kunst des Schauspielens, und handele es sich um noch eine so beeindruckende Ansammlung allerbester Akteure wie hier, bleibt nur allzuwenig Platz. Mit diesem Problem hat „Battle Of Britain“ zu kämpfen wie kein anderer mir bekannter Gattungsvertreter. Wie üblich strotzt die Besetzungsliste vor großen Namen und Stars, doch welchen Wert haben selbst noch die familiärsten Gesichtszüge, wenn nurmehr die Augenpartie sichtbar ist? Hinzu kommt die Notwendigkeit der Ereignisraffung, denn die Luftscharmützel zogen sich über mehrere Monate hinweg. Das Interesse an den – fraglos grandios inszenierten – Fliegerszenen muss da zwangsläufig erlahmen. Immerhin bewahrt der Film einen hübschen, unaufdringlichen Humor und passgenaues understatement. Jene wunderbare, unübertreffliche Szene etwa, in der Edward Fox nach einem erzwungenen Ausstieg mit dem Fallschirm mitten ins Treibhaus einer Vorstadtvilla rauscht und ihm der umtriebige Junge des Hauses daraufhin eine von Papas Zigaretten kredenzt, beweist als eine von mehreren und bei aller ansonsten rechtzufertigenden Mäkelei, dass Hamiltons Film grundsätzlich das Herz am rechten Fleck hat.

7/10

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DARKEST HOUR

„Those who never change their mind never change anything.“

Darkest Hour ~ UK/USA 2017
Directed By: Joe Wright

Am 10. Mai 1940 wird Winston Churchill (Gary Oldman) im Alter von 65 Jahren infolge des Rücktritts von Neville Chamberlain (Ronald Pickup) zum britischen Premierminister ernannt, nachdem sein Parteigenosse Lord Halifax (Stephen Dillane) den Posten abgelehnt hat. Während Hitlers Armeen das westeuropäische Festland überrennen und zur Atlantikküste vordringen, stellen sich Churchills Vorgänger und Halifax auf diplomatische Verhandlungen mit Hitler und Mussolini ein, während Churchill der festen Überzeugung ist, dass es mit faschistischen Diktatoren keine sinnvollen Gespräche geben könne. Kurz bevor er einknickt, versichert sich Churchill der Unterstützung König George VI (Ben Mendelsohn) und der vox populi. Die am 26. Mai beginnende „Operation Dynamo“, die Evakuierung der eingekesselten britischen Soldaten vom Strand von Dünkirchen mithilfe der zivilen Schifffahrt, erbringt schließlich eine erste, entscheidende Kriegswende.

Was sich eigentlich und recht eindeutig als sinnvolles Präludium zu Christopher Nolans „Dunkirk“ erweist, kam leider erst einige Wochen nach diesem in die Kinos. Schlechte Absprachen werden dafür weniger die Ursache gewesen sein denn bloßer Zufall, dennoch bietet sich „Darkest Hour“ im Rahmen einer kleinen, filmischen Geschichtsstunde als das vorzusichtende Werk geradezu perfekt an. Der Film selbst ist ein durchweg sympathisches Porträt der kriegsentscheidenden Persona Winston Churchills, die Gary Oldmans darstellischer Krone ein weiteres Juwel hinzufügt. Selbst im fatsuit und unter der dicken Maskierung, die ein klein wenig an Oldmans nunmehr auch schon ein Vierteljahrhundert zurückliegende Darstellung des Grafen Dracula in seiner ausgedörrten Seniorengestalt erinnert, lässt sich das nuancierte Spiel und die teils verblüffende Studie des elder statesman, der durch waghalsige Aktionen wie die Gallipoli-Schlacht und seine persönliche Exzentrik seiner Partei nicht selten ein Dorn im Auge war, noch immer hervorragend genießen.
„Darkest Hour“ bildet überaus spürbar dediziertes Traditionskino ab, das nicht eben mit Klischees wie der Rückhalt spendenden Ehegattin (Kristin Scott Thomas) im Hintergrund oder der hübschen, jungen Privatsekretärin (Lily James) als Repräsentantin des „gemeinen Volks“ geizt und auch den berühmt-berüchtigten Eigenheiten des Vorbilds, das den Legenden zufolge tagtäglich Whiskey (Johnnie Walker), Rotwein (Claret), alten Brandy und natürlich Champagner (Pol Roger) und üppige Mahlzeiten im Wechsel mit dicken Zigarren konsumierte und damit nicht selten den Haushaltsetat überstrapazierte, geizt. Churchills überstützt anberaumte, zentralistisch dramaturgisierte Fahrt mit der U-Bahn, die er dazu nutzt, den Widerstandsgeist der Menschen von der Straße abzuklopfen und seine nachfolgende, umjubelte Rede vor dem Parlament, bei der er nachdrücklich klarstellt, das das Empire nicht vor Hitler kriechen werde, stellen erwartungsgemäß die emotionale Klimax von Wrights Film, und das mit allem gebührenden Erfolg.
Eine ehrwürdig-gesetzte, schöne und rundum feine Arbeit, sich unbedingt zur baldigen Wiederholung empfehlend.

8/10

FATHER GOOSE

„How in English do you say „parachute“?“

Father Goose (Der große Wolf ruft) ~ USA 1964
Directed By: Ralph Nelson

Papua-Neuguinea, 1942: Der emeritierte Professor und Aussteiger Walter Eckland (Cary Grant) tuckert mit seinem Boot durch den Südpazifik, trinkt Scotch lässt den Krieg einen guten Mann sein und lebt so in den Tag. Sein alter Bekannter Frank Houghton (Trevor Howard) entscheidet sich, Walter kurzerhand als Inselwächter und Funker auf einem verlassenen Eiland zu verdingen und bedient sich dazu recht unfairer „Überredungskünste“.
Eines Tages evakuiert Walter mehr durch Zufall die Französischlehrin Catherine Freneau (Leslie Caron) und sieben ihrer Schülerinnen, die unfällig auf einer der Nachbarinseln gestrandet sind, und nimmt sie zähneknirschend bei sich auf. Nach einigen Reibereien verlieben sich die beiden ungleichen Zwangsgefährten ineinander.

„The African Queen“ und „Heaven Knows, Mr. Allison“, beide von John Huston, hatten es hinlänglich vorgemacht: Weltkriegskulisse, ein exotischer Schauplatz, ein versoffenes Raubein und eine zierliche Dame von gesteigerter Intelligenz ergeben stets eine fruchtbare Mischung, wenn es um die Ausarbeitung  einer Romanze vor Extremsituationen geht. „Father Goose“ erhöht den Comedy-Faktor der beiden, eher im tragikomischen Sektor anzusiedelnden Huston-Epen, indem er den Pazifikkrieg weitgehend zum Nebenschauplatz deklariert und sich ganz auf die obskure Konstellation Eckland/Freneau und natürlich die sieben Schulmädchen konzentriert. Die acht Damen bringen Cary Grant in seiner vorletzten Filmrolle schwer ins Schwitzen, da sie sich ebenso störrisch wie reizvoll in das vormals ob seiner Unordnung sorgsam durchdeklinierte Leben des versoffenen Aussteigers drängen. Nach anfänglicher Ablehnung der höchst eigensinnigen weiblichen Gesellschaft muss Eckland einsehen, dass er die Mädchen sehr gern hat und ihre Lehrerin sogar noch etwas lieber. Der bewschwerliche Weg der neun gestrandeten Menschlein beinhaltet einige Renitenzen durch die mit ihrer Situation verständlicherweise höchst unzufriedenen Schülerinnen, etliche, spritzige Wortgefechte zwischen Grant und Caron ganz nach klassischer Screwball-Manier, ein falscher Schlangenbiss, ein derbes Besäufnis und schließlich die entgegen aller Wahrscheinlichkeiten vollzogene Eheschließung des sich findenden Paars. Dass noch ein japanisches Aufklärungsschiff torpediert und versenkt wird, erinnert schlussendlich nochmal explosiv an den gewählten, historische Zeitrahmen.
Ein schöner, runder Sonntagnachmittagsspaß und ein exquisites Geschenk an seine beiden bezaubernden Hauptdarsteller.

8/10

SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA

Zitat entfällt.

Salò O Le 120 Giornate Di Sodoma (Die 120 Tage von Sodom) ~ I/F 1975
Directed By: Pier Paolo Pasolini

Zusammen mit den Übrigbleibseln seiner systemtreuen Herolde und Handlanger gründet Mussolini unter breiter Unterstützung des Deutschen Reichs in der norditalienischen Stadt Salò eine Marionettenrepublik, die von September 1943 an noch rund eineinhalb Jahre bestehen bleiben wird. Während über Brescia bereits die Motoren der alliierten Aufklärungsflugzeuge und Bomber röhren, beschließen vier im Faschismus gediehene Herren, ein Adliger (Paolo Bonacelli), ein Richter (Umberto Paolo Quintavalle), ein Kleriker (Giorgio Cataldi) und ein Politiker (Aldo Valletti) den nahenden Untergang ihres Systems im Zuge einer beispiellosen Orgie zu zelebrieren. Dabei wird zuvor explizit vertraglich festgehalten, dass jedwedes moralische und ästhetische Dogma bewusst gebrochen werden soll. Neben vier alternden Huren, die als Geschichtenerzählerinnen jeweils die minutiös geplanten Akte der Perversion einzuleiten haben, lässt das distinguierte Quartett von Wehrmachtssoldaten siebzehn Jugendliche einfangen und auf ein feudales Palazzo am Gardasee verschleppen. Die Qualen und Folter, die die jungen Leute in den kommenden Tagen bis zu ihren Ermordungen zu erleiden haben, sind furchtbar.

„Salò“ sehen heißt, sich ihm stellen. Über Pasolinis Skandalfilm ist bereits so viel geschrieben und gesagt worden, dass mir weitere historische Erläuterungen an dieser Stelle redundant erscheinen. Die Frage, die ich mir auch selbst gestellt habe und noch stelle, ist vielmehr die, was den Zuschauer zur wiederholten Rezeption des Werkes bewegt, respektive, warum man sich ihm unter Kenntnis des zu Erwartenden bewusst und freiwillig aussetzt. Die plausibelste Antwort scheint mir: weil der Film es verdient. Pasolini war ja ein Getriebener, der nie ganz zu sich selbst gefunden hat; voll von Dämonen und Ekel, über die Welt, ihre Auswüchse und sich selbst. Insofern hat sein Tod, seine Ermordung, die noch vor der Premiere seines Finalwerkes stattfand, beinahe etwas Romantisches – so unbequem „Salò“ ist, so unbequem war der Mensch und Künstler Pasolini für etliche Zeitgenossen. Der Mord an ihm ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Der zunächst verurteilte Strichjunge Pino Pelosi, zum Tatzeitpunkt 17 Jahre jung, widerrief später das ursprüngliche Geständnis und gab Dekaden später zu, Pasolini im Auftrag von Hintermännern von Rom nach Ostia gelockt zu haben. Auf dem Weg sei das Opfer dann von einem Schlägertrupp zu Tode geprügelt worden, der vielerseits dem rechtsextremen Lager zugeordnet wird. Es würde wohl zu weit gehen, zu konstatieren, Pasolini sei schlussendlich für die Realisierung dieses Films gestorben, doch der Gedanke ist grundsätzlich nicht ganz von der Hand zu weisen.
Sich titulär auf die gleichnamige Novelle des Marquis De Sade sowie die von Dante Alighierhi im Eingangssegment „Inferno“ der „Divina Comedia“ beschriebenen, vier Höllenkreise berufend, zergliedert Pasolini die Ausschweifungen seiner bourgeoisen Faschisten und das Martyrium ihrer Opfer in einer sich steigernden, systematischen Deprivatisierung aller Körperlichkeit. Auf eine radikale Form verzichtet der Regisseur dabei völlig und wohl ganz bewusst, ebenso wie auf jede mögliche Gefahr audiovisueller, erotischer Stimulanz des Publikums. Die Bilder sind von starrer, schmuckloser Klarheit und karger Farbgebung; sperrig und verrweigern sich offen pornographischer Darstellungen. Die besonders berüchtigten Szenen um die hier genussvoll, da angewidert praktizierte Koprophagie sind mithin am schwersten zu ertragen, derweil ich die finalen, vergleichsweise knapp selektierten und wenig exzessiv festgehaltenen Torturen beinahe gleichgültig wahrnahm – Pasolini hatte mich da ohnehin längst am Boden. Als Symbolbild für Faschismus, den Pasolini hier deutet als die Option der Machthaber, sich selbst konsequenzenlos und im Gegenzuge umso endgültiger zu entmenschlichen und selbst noch den alleruntersten Instinkten stattzugeben, gibt es wohl kaum verstörenderes stilisiertes Anschauungsmaterial. Natürlich entstammen die Protagonisten den gesellschaftlichen Säulen des klassisch-zivilisierten Staates, repräsentieren Politik und Justiz, Kirche, Adel und Hochfinanz in all ihrem gräulichen Korruptionspotenzial. Umso konsequenter demontiert der Film sie, schürt den Hass des Publikums und gleichermaßen die Ohnmacht, im Zuge derer ihre Opfer ihnen und ihren entfesselten Gelüsten ausgesetzt sind.
Ob ich bis zur nächsten Betrachtung von „Salò“ wieder 27 Jahre verstreichen lasse, weiß ich noch nicht. Für den Moment habe ich genug.

9/10

MOTHER NIGHT

„All the best writers are dead.“

Mother Night (Schatten der Schuld) ~ USA 1996
Directed By: Keith Gordon

Howard W. Campbell Jr. (Nick Nolte) sitzt in einem Jerusalemer Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, gleich in der Zelle über ihm den in derselben Situation befindlichen Adolf Eichmann. Campbell war während des Zweiten Weltkriegs als Schriftsteller und Dramatiker in Deutschland und dort für eine vielbeachtete Radiopropaganda-Reihe der NSDAP zuständig als Autor und Verleser antiamerikanischer und antisemitischer Essays. Was weder die Nazis noch irgendjemand sonst ahnen konnte: Campbell arbeitete, rekrutiert von dem geheimnisvollen Frank Wirtanen (John Goodman), im Auftrag des US-Geheimdienstes und brachte im Zuge seiner Radioauftritte verschlüsselte Geheimbotschaften in den Äther, die ihm jeweils vorab heimlich zugeschoben wurden. Campbells Spionagestatus wurde jedoch nie öffentlich gemacht und so gilt er auch nach Kriegsende und zurück in New York weiterhin als „Stimme der Nazis“. Seine geliebte Frau Helga (Sheryl Lee) kam noch während der Kriegswirren zu Tode und mit ihr der größte Teil von Campbells eigenem Lebenswillen. In Greenwich Village lernt er dann seinen Nachbarn George Kraft (Alan Arkin), einen nicht minder verzweifelten Maler, der zu Campbells bestem Freund wird. Später taucht Helgas kleine Schwester Resi (Sheryl Lee) auf, die, mittlerweile erwachsen, Helga wie aus dem Gesicht geschnitten ist und sich zunächst als die Verstorbene ausgibt. Auch ein verquerer, rassistischer Geheimbund tritt an ihn heran, der angeblich den entdeckungsgefährdeten Campbell, Kraft und Resi die Flucht nach Mexiko ermöglichen will. Was Campbell nicht ahnen kann: All diese merkwürdigen Fügungen geschehen keineswegs zufällig…

Keith Gordons (antizipierbar) kommerziell bös gefloppte Vonnegut-Adaption ergreift und transponiert den stets etwas mysteriösen Duktus des bedienten Autors auf brillante Art und Weise und macht daraus eine der vorrangigsten Literatur-Verfilmungen mindestens der neunziger Jahre. An „Mother Night“, dem Film, gibt es nichts, was nicht passgenau wäre; das gesamte Geschehen schwebt, es sich stets bequem machend auf einer leicht federnden Wolke aus Surrealismus und leiser Ironie, mit aller gebotenen Entschleunigung vor sich her. Nicht nur George Roy Hills brillanter „Slaughterhouse-Five“ blitzt durch seine nebulösen Astlöcher, auch den bitter-transzendenten, jüdischen Humor großer Comic-Autoren wie Will Eisner oder Art Spiegelman ist man versucht, nahezu pausenlos herauszuspüren. Als Soldat, Kriegsteilnehmer und Überlebender der Bombardierung von Dresden hatte Vonnegut es kaum nötig, über das Wesen des Krieges zu schreiben. In „Mother Night“ ging es ihm vielmehr um das nicht minder eigenartige Echo jener Weltzäsur und ebenso um das komplexe Verhältnis von Schuld, Geständigkeit, Reue und die nahezu aussichtslose Möglichkeit der Weiterexistenz mit alldem. Howard Campbell Jr. mag ein Spion sein; seiner Faszination für das nazifierte Deutschland, für Führerkult und Drittes Reich, das ihn als „Überläufer“ hofiert und ihm Zugang zur höchsten Systemspitze ermöglicht, tut dies keinen Abbruch. Möglicherweise ist sein geheimer Einsatz für die Alliierten auch bloß eine reine Kopfgeburt; eine dem intellektuellen Rest an Vernunft entstammende Rechtfertigung für die Gewissheit, als Adlatus des Grauens zu fungieren. Mit Glanz und Glamour ist es nach dem Krieg vorbei. Depressiv und sich nutzlos wähnend vegetiert Campbell einsam und verlassen in New York dahin. Seine Nachbarn sind neben Kraft zwei Auschwitz-Überlebende, Mutter (Anna Berger)  und Sohn (Arye Gross). Während die ältere Dame Campbell, der seinen Namen trotz seiner zweifelhaften Popularität nicht geändert hat, zu erkennen glaubt und ihm die Pest an den Hals wünscht, will ihr als Mediziner tätiger Sohn von dem Kapitel „Holocaust“ am liebsten gar nichts mehr wissen. Eine weitere der vielen Ambivalenzen, die sich durch „Mother Night“ ziehen und die ihren satirischen Höhepunkt gewissermaßen in einem verrückten, farbigen Nazi (Frankie Faison) finden, der die Gruppe von „white supremacists“ lauthals unterstützt. Schein und Sein bleiben in Vonneguts Welt nie ganz  säuberlich getrennt, einer permanenten Wellenbewegung gleich nähern sie sich immer wieder tangential an und stoßen sich dann mit umso kräftigerer Vehemenz wieder voneinander ab. Am Ende dann, als das Schicksal im Begriff ist, Campbell erneut einen Ausweg zu offerieren, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den der Selbstrichtung. Auch hier bleibt Gordons Regie noch meisterhaft und lässt und, gemeinsam mit der Kamera, wegsehen. Wie Campbell selbst bis zu diesem finalen Schuldeingeständnis Wegsehen und Ignoranz kultiviert hat, jahrzehntelang.

9/10

THE DAM BUSTERS

„Tonight, you’re going to have a chance to hit the enemy harder, and more destructively, than any small force has ever done before!“

The Dam Busters (Mai ’43 – Die Zerstörung der Talsperren) ~ UK 1955
Directed By: Michael Anderson

England in den frühen Jahren des Zweiten Weltkriegs. Der brillante Ingenieur Wallis (Michael Redgrave) entwickelt einen grandiosen Einfall, um die Waffenproduktion der Nazis an ihrem empfindlichsten Punkt zu treffen: Im Ruhrgebiet, von wo aus unter anderem die Krupp-Werke der Wehrmacht ihren unerschöpflichen, stählernen Nachschub liefern. Nachdem Wallis unter unermüdlicher Überzeugungsarbeit seinen Plan in der britischen Admiralität unter Dach und Fach gebracht hat, harrt dieser der Realisierung. Eine eigens geformte Spezialstaffel von Spitzenpiloten der R.A.F., darunter der Teufelsflieger Guy Gibson (Richard Todd), erhält den Auftrag, die ihnen anvertrauten Spezialbomben in einem zuvor exakt berechneten Winkel und bei extrem niedriger Anflugshöheauf drei Staudämme abzuwerfen, die das für die Schwerindustrie so wichtige Wasser präservieren.

Bei beinahe dokumentarischer Genauigkeit berichtet Michael Anderson von dieser heroischen Episode des britischen Militärs, das im Mai 1943 den Deutschen eine empfindliche Schlappe zufügen konnte. Michael Redgrave spielt das etwas kauzige Genie Dr. Wallis mit der ihm eigenen Spezifik des sympathischen Träumers, dessen beinahe kindliche Begeisterung für seine Idee letztlich genau die Überzeugungskraft entwickelt, um eine Wahnsinnsmission wie die der authentischen „Operation Chastise“ erst zu ermöglichen. Gerade mit so viel wissenschaftlicher Fachanleitung wie eben nötig schildert „The Dam Busters“ dann die Erfindung von Wallis‘ hüpfenden Super-Torpedos, die nach ihrem Abwurf aus geringer Höhe zunächst ein paar Male wie flache Steine übers Wasser springen, um dann an ihrem Ziel präzise zu detonieren. Erst nach einem guten Drittel Spielzeit lernen wir dann die mindestens ebenso wichtige Exekutivkraft des Kommandos kennen: Fliegerass Guy Gibson, einen wahren Tausendsassa hinterm Steuerknüppel, der, familiär alleinstehend und von höchstem militärischem Schliff, für den Kriegseinsatz geboren scheint. An Gibson, einem der wenigen Eingeweihten betreffs des geplanten Unternehmens, ist es dann auch, seine Mitstreiter im extremen Tiefflug zu schulen, um die ohnehin geringen Erfolgsaussichten zumindest geringfügig aufzuwerten. Als kurz vor dem Einsatz ausgerechnet Gibsons bester Freund, sein Hund (dessen etwas eigenartiger Name „Nigger“ lautet), überfahren wird, lässt der Profi sich nicht von der Trauer überwältigen und fliegt seinen Einsatz als einer der wenigen späteren Überlebenden, mit der gebührlichen Präzision.
Wie die meisten britischen und amerikanischen Kriegsfilme dieser Ära singt auch „The Dam Busters“ eine – immerhin gebührliche – Eloge über alliierte Heldentaten im Zweiten Weltkrieg, die, Mosaik für Mosaik, zum finalen Zusammenbruch des Dritten Reichs geführt haben. Was Andersons Film allerdings über viele andere Vertreter seiner Gattung erhebt, ist nicht allein die überaus akribische Arbeitsweise seines Regisseurs, sondern auch das nie in Vergessenheit geratende humanistische Element. Bei den Helden, die hier verzweifelt gegen die Aggressoren vorgehen, handelt es sich um prinzipiell völlig normale Typen, die eher gezwungenermaßen ihr Möglichstes und Bestes geben, um ihr Land zu verteidigen und weder um unfehlbare Halbgötter noch um Zigarren fressende Panzerknacker oder prätraumatisierte Eigenbrötler.
Der wohl schönste und intimste Moment des Films ist dann wohl auch der, in dem Ingenieur und Pilot, zwei eigentlich völlig diametrale Menschenschläge, sich erstmals begegnen und sogleich aufrichtige Sympathien, fast Freundschaft füreinander entwickeln, obschon allein dieOption der Realisierung ihres gemeinsamen Projekts zu diesem Zeitpunkt noch mehr denn fragwürdig erscheint. Diese eigentlich so unscheinbare, liebenswerte Szene sprengt wie beiläufig mal eben so ein komplettes Genrekorsett.

8/10

ICE COLD IN ALEX

„Dames and mines. Lovely party.“

Ice Cold In Alex (Eiskalt in Alexandrien – Feuersturm über Afrika) ~ UK 1958
Directed By: J. Lee Thompson

Ägypten, 1940. Kurz vor dem Fall von Tobruk wird der versoffene RASC-Commander Captain Anson (John Mills) gemeinsam mit MSM Tom Pugh und den beiden Krankenschwestern Diana (Sylvia Sims) und Denise (Diane Clare) nach Alexandrien geschickt, um dort weitere Befehle abzuwarten. Die Reise durch die vom Krieg aufgeriebene Wüste in einem abgetakelten Kleinlaster erweist sich als zermürbend; ein unterwegs aufgenommener, südafrikanischer Soldat namens van der Poel (Anthony Quayle) kann zumindest immer wieder verhindern, dass es zu heftigeren Scharmützeln mit der Wehrmacht kommt. Bald jedoch wird der Verdacht immer lauter: Ist van der Poel womöglich ein deutscher Spion?

Bereits ein Jahr vor dem in Indien angesiedelteln „North West Frontier“ fertigte J. Lee Thompson diesen dem bunten, aufwändigen Abenteuer sozusagen als Ideengeber dienenden Kriegsfilm. Etwas bescheidener in der Ausführung erzählt „Ice Cold In Alex“, dessen zunächst merkwürdig anmutender Titel sich auf nichts Geringeres bezieht als eine Flasche Bier, eine in Grundzügen sehr ähnliche Geschichte: Die lebensgefährliche Fluchtfahrt auf einen maroden Vehikel durch eine von Feinden und anderen Gefahren geprägte Ödnis. Dabei werden ganz unterschiedliche Figuren zur Zusammenarbeit gezwungen; Held und Heldin werfen ein Auge aufeinander und es gibt einen gegnerischen Agenten, der sich in „North West Frontier“ jedoch anders entwickeln wird.
Beide Filme weisen hervorragende Qualitäten in jeder Beziehung auf und sind Musterbeispiele für hingebungsvolles, kompetentes Filmemachen, wie es Profis wie Thompson früher eben noch wie selbstverständlich zu eigen war. Freilich dient der historische Hintergrund des Nordafrika-Feldzugs hier abermals als nicht mehr denn als Stichwortlieferant für einen feisten Abenteuerfilm; dieser wird dafür jedoch so jovial und kernig erzählt, dass es einfach Freude macht. Es gilt immer wieder abwechselnd, der lebensfeindlichen Natur oder den Deutschen ein Schnippchen zu schlagen; man gerät in eine bleihaltige Verfolgungsjagd oder in tödliches Sumpfgelände. Auch das gute, alte Minenfeld darf nicht fehlen. Den famosen Spannungshöhepunkt bildet die buchstäblich schweißtreibende Aufgabe, den Kleinlaster einen riesigen Sandhügel emporzuschieben, dem das Getriebe des alten Schätzchens nicht gewachsen ist. Man leidet und fiebert regelrecht mit den Gebeutelten. Allein hierin verdeutlicht sich Thompsons Meisterschaft bei der Inszenierung von Spannungssequenzen bis vor den Bildschirm. Ganzt wunderbar gefallen hat mir auch das britische Ensemble: John Mills als schmächtig scheinender, aber drahtiger Gintrinker, der knautschgesichtige Harry Andrews, der bärige Anthony Quayle (den ich bislang eigentlich, warum weiß ich selbst nicht, immer für ziemlich mickrig gehalten habe( und die besonders in der Gegenwart dieses gegerbten Trios anmutige Sylvia Sims sind vortrefflich.

9/10