SNOW FALLING ON CEDARS

„Stay away from white boys. Marry one of your own kind, whose heart is strong and gentle.“

Snow Falling On Cedars (Schnee, der auf Zedern fällt) ~ USA 1999
Directed By: Scott Hicks

San Piedro, eine der Küste von Washington State vorgelagerte Insel, im Jahre 1950. Der allseits beliebte Jungfamilienvater und Fischer Carl Heine (Eric Thal) wird zum allgemeinen Entsetzen der Bewohner des kleinen Eilands tot aus dem eiskalten Pazifikwasser geborgen. Eine Kopfwunde lässt den Schluss zu, dass Heine möglicherweise einem Gewaltakt zum Opfer gefallen ist, wofür dann auch der potenzielle Täter und sein Motiv rasch bei der Hand sind: Der japanischstämmige Kazuo Miyamoto (Rick Yune) ist der letzte, der Heine lebend an Bord seines Schiffes gesehen hat; zudem hat Heine Miyamoto ein Stück Ackerland vorenthalten, das von Rechts wegen längst seiner Familie gehörte. Natürlich erweist sich der gesamte nachfolgende Gerichtsprozess als heimlicher Symbolakt des seit 1941 grassierenden Rassismus gegen alle in den USA lebenden Japaner, deren Leidesweg bereits mit der Einpferchung in die Internierungslager begann und weiterhin unterschwellig grassiert. Den jungen, liberale Lokaljournalist Ishmael Chambers (Ethan Hawke), dessen verstorbener Vater (Sam Shepard) sich zeitlebens leidenschaftlich gegen Vorurteile und Hass eingesetzt hatte, hat ferner eine ganz persönliche Beziehung zu der Verhandlung: Miyamotos Frau Hatsue (Yûki Kudô) ist die große Liebe seines Lebens…

Diese Bestseller-Verfilmung von Scott Hicks nach David Gutersons fünf Jahre zuvor erschienenem Bestseller befasst sich mit einem der vielen unschönen Historienaspekte, die die USA unauslöschlich am dreckigen Stecken kleben haben, nämlich die Behandlung der im Lande lebenden japanischen Migranten und ihrer Nachfolgegenerationen nach dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941. Bekanntermaßen markierte dieses Ereignis zugleich den Kriegseintritt Amerikas und ihre anschließende Truppenkonzentration auf Europa und den Westpazifikraum. Doch fand der Krieg auch innerstaatlich seinen Niederschlag: Um die 120.000 japanischstämmige US-Amerikaner wurden unter konspirativen Generalverdacht gestellt, teilenteignet und ein Großteil von ihnen in Internierungslager verbracht; die öffentliche Stimmung gegen sie, die von Politik und Medien gezielt lanciert wurde, ähnelte bald frappierend dem offen gelebten Antisemitismus in Europa.
Im Kino erfuhr das unrühmliche Thema ein bis dato nur sehr verhaltenes Echo, anders als diverse andere außen- und innenpolitischen Schweinereien der US-Regierung seit ihrem Bestehen. Tatsächlich sind mir lediglich drei Exempel bekannt: Das erste, John Sturges‘ meisterlicher „Bad Day At Black Rock“ von 1955, befasst sich mit einem Fall japanophob motivierter Lynchjustiz und wirkt vielleicht gerade deshalb so nach, weil es strikt darauf verzichtet, Opfer, Tathergang oder überhaupt nur einen Japaner zu zeigen. In der Wüstenei von Black Rock ist mit dem einsam Farmer Komoko auch der letzte Japaner einer Art idealisiertem Genozid zum Opfer gefallen. Dann gibt es noch Alan Parkers „Come See The Paradise“, den ich mir Kürze nochmal anschauen werde und eben „Snow Falling On Cedars“.
Das offenkundig schwierige Thema wird in Hicks‘ formidabel besetztem Film aufrüttelnd, umfassend und integer verhandelt. Er zeigt diverse Aspekte der schwierigen, durchaus von reziproken Ressentiments geprägte Koexistenz zweier grundverschiedener Kulturen auf einer in der Juan-de-Fuca-Straße liegenden (fiktiven) Insel auf. Im Nukleus findet sich die an „Romeo und Julia“ gemahnende Geschichte einer unmöglichen, weil verbotenen Romanze zwischen dem jungen Zeitungsmacherfilius Ishmael (Reeve Carney) und der Farmerstochter Hatsue Imada (Anne Suzuki), die sich bis ins junge Erwachsenenälter der beiden hält, dann jedoch von Hatsue abgebrochen wird, weil sie dem innerfamiliären, vor allem von ihrer Mutter (Ako) ausgeübten Druck nicht länger standzuhalten vermag. Parallel dazu wird in Rückblenden die Geschichte der heraufziehenden antijapanischen Aggressionen geschildert: Das ohnehin auf sehr fragilen Beinen stehende Zusammenleben kippt nach Pearl Harbor endgültig und wird sich bis in die Gegenwart der filmischen Erzählzeit auch alles andere als wieder erholen. Stattdessen muss ausgerechnet der nach seinem Kriegseinatz in Europa hochdekorierte Veteran Kazuo Miyamoto, dem sich während der Internierungszeit ausgerechnet Hatsue zugewandt und ihn geheiratet hat, als Sündenbock für eine recht diffuse Anklage herhalten. Dass dieser wiederum keine konkreten Beweise zugrunde liegen, spielt eine untergeordnete Rolle; einmal mehr ist es blanker Rassismus, der allem und allen als Motivationsmotor dient. Hicks erzählt die Geschichte ein einem umfangreichen, schön arrangierten Mosaik aus Rückblenden, das insbesondere von der ausnehmend prächtigen Scope-Photographie (Robert Richardson) des Nordwest-Pazifik-Territoriums zehrt und die visuelle Entsprechung seiner melancholischen Grundstimmung in der von Nebelschwaden gesäumten und schließlich tiefverschneiten, winterlichen Inselwelt findet. Traditionesbewusste courtroom clichés scheut Hicks zudem keineswegs. Max von Sydow als liebenswerter, betagter Anwalt des angeklagten Miyamoto erinnert unumwunden an Spencer Tracy in Stanley Kramers Filmen, derweil die japanische Community am Ende so vor Ethan Hawke aufsteht und ihm ihre Ehrerbietung erweist, wie es einst die Afroamerikaner für Gregory Peck in „To Kill A Mockingbird“ taten.
Natürlich geht am Ende alles gut aus; Ishmael kann berechtigte Zweifel an der staatsanwaltlichen Mordthese säen, was dazu führt, dass der (glücklicherweise objektive) Richter (James Cromwell) dafür sorgt, dass die Anklage fallengelassen wird. Zudem kann der unglückliche, seit dem Krieg einarmige Liebesgeprellte endlich mit der persönlichen Vergangenheit abschließen, denn eines, das lehrt uns hollywood’sches Qualitätskino seit eh und je, ist doch sonnenklar: Wenn es keine Hoffnung für Amerika gibt, dann gibt es auch keine für die Menschheit.

7/10

THE BANISHING

„Amen.“

The Banishing ~ UK 2020
Directed By: Christopher Smith

Essex, 1938. Der immens gottesfürchtige Vikar Linus Forster (John Heffernan) zieht mit seiner Gattin Marianne (Jessica Brown Findlay) und deren unehelicher Tochter Adelaide (Anya McKenna-Bruce) in das berüchtigte Landhaus Morley Hall, in dem sich drei Jahre zuvor Schreckliches ereignet hat, was der ortsansässige Bischof Malachi (John Lynch) jedoch wohlfeil unter den Teppich gekehrt hat. Einzig der als Scharlatan verschrieene, in Morley wohnhafte Okkultismusforscher Harry Reed (Sean Harris) ahnt um die dämonische Gefahr, in der vor allem Marianne und die kleine Addie schweben. Morley Hall wurde nämlich auf den Ruinen eines Klosters bigotter Mönche erbaut, die dort einst grausige Taten verantworteten und einen besonders unruhigen Geist in den Katakomben hinterließen…

Im Horrorfilm und besonders im Haunted-House- und Exorzismus-Subgenre bieten vermeintlich authentische Lokalitäten oder Begebenheiten sowie entsprechende, paranormale Phänomene mit angeblich realen Wurzeln seit jeher eine immens dankbare Projektionsfläche für mannigfaltige Revision und eifrige Fabulierung. „The Banishing“, originär veröffentlicht beim einschlägigen VOD-Service Shudder, greift jenes Element wiederum auf, um einen einserseits stark traditionsverhafteten und andererseits doch recht postmodernistisch gefärbten Gattungsbeitrag zu liefern. Handlungsort und Personen wurzeln durchweg auf historischen Vorbildern, jeweils unter geringfügigen, für Faktenvertraute jedoch offensichtlichen Namensänderungen, wobei erwartungsgemäß auch der Fall des realen Borley Rectory, dem berühmtesten Spukhaus Englands, nebst den Berichten des damals dort unnachgiebig um Aufmerksamkeit heischenden Spiritualisten Harry Price im Nachhinein als barer Humbug entlarvt wurde. Ihre Funktionalität als Inspirationstableau für kleine Schauergeschichten haben die alten Geschichten jedoch nie wirklich eingebüßt, wie „The Banishing“ nunmehr demonstriert.
Smiths Film erfuhr bis dato vornehmlich Widerwillen und Ablehnung; er wolle allzuviel und offeriere dabei doch vornehmlich Albernheiten, misslungene Details und campigen Versatz. So einfach finde ich es nicht. Gewiss, es lässt sich nicht leugnen, dass „The Banishing“ recht unverfroren auf die sich ihm darbietende Kolportageklaviatur eindrischt. Zur Orientierung ~ all dies kommt im Film vor: ein verfluchtes Haus mit noch verfluchteren Kellergewölben, eine Familie mit unheilvoller, an ihrer Stabilität nagender Vorgeschichte, ein spirituell begabtes Kind, das sich zusehends merkwürdig verhält, ein in seinen Glaubensgrundsätzen extrem geprüfter Gottesmann, ein sinistrer Bischof, welcher mit den Nazis kooperiert, die sich wiederum okkulte Mächte anzueignen trachten, ein unerlöster weiblicher Geist mitsamt totem Baby, böse Mönchsdämonen in Kapuzenkutten, Zeit- und Dimensionsverschiebungen, beidseitig aktive Spiegel, albtraumhafte Visionen, ein exzentrischer Bohèmien, der schließlich den Tag rettet und natürlich der heraufdämmernde Zweite Weltkrieg mitsamt der Frage der moralisch korrekten britischen Reaktion auf den kontinentalen Faschismus. Keine schlechte Agenda für knappe 100 Minuten Erzählzeit und dabei erstaunlicherweise doch unter steter Bemühung der traditionell ehrwürdigen, sepiafarbenen Kontemplation englischer Genreerzählungen dargeboten. Obschon das Ganze durchaus etwas von einem eklektischen Gemüseeintopf besitzt, habe ich mich gut darin zurechtgefunden; ich mochte die Darsteller, allen voran den unglaublich an einen jungen Derek Jacobi erinnernden Sean Harris, wie er ungezwungen tanzt, säuft, sich lachend zusammenschlagen lässt und scheinheiliger Frömmelei trotzt.
„The Banishing“ ist tatsächlich ein recht erhabener Film, an dem mir besonders gefällt, der er sich allem Konsensuellem ganz bewusst fernhält und es weiten Publikumsteilen bewusst schwer macht, andererseits aber recht genau zu wissen scheint, was er wie tut.

7/10

GHOSTS OF WAR

„This war will not end.“

Ghosts Of War ~ USA 2020
Directed By: Eric Bress

Frankreich, 1944. Eine kleiner, fünfköpfiger G.I.-Stoßtrupp zieht durch die Provinz mit dem Auftrag, eine Villa aufzusuchen, die vormals der wohlhabenden Helwig-Familie (Shaun Toub, Laila Banki, Yanitsa Mihailova, Kaloyan Hristov) gehört hat und diese bis zum Eintreffen der Admiralität zu halten. Die Helwigs hatten offenbar Juden versteckt und sind dann von einer SS-Einheit grausam hingerichtet worden. Als das Soldaten-Quintett eintrifft, ist die abzulösende Vorhut froh, eilends verschwinden zu können. Schnell erfährt man auch, warum: In der Villa spuken die Geister der ermordeten Helwigs. Das vergessene Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten gibt scheinbar Aufschluss über die Ereignisse, die abermals kulminieren, als eine weitere SS-Einheit eintrifft und es zu einem Feuergefecht kommt. Die nunmehr um ein Mitglied (Alan Ritchson) dezimierten G.I.s beschließen, das unheimliche Gebäude zurückzulassen und sich in den Wäldern zu verschanzen, doch es gibt kein Entkommen vor ihrem Schicksal…

Daraus, dass Eric Bress, der Autor und Regisseur von „Ghosts Of War“, Ambrose Bierces berühmte Kurzgeschichte „Incident At Owl Creek“ gelesen hat und auch sonst mit dem Autor vertraut ist, macht er keinen Hehl, wird auf den Klassiker doch direkt im Film Bezug genommen, als die Männer eine Ahnung beschleicht, dass doch wesentlich mehr an Illusion um sie herum konstruiert ist als es zunächst den Anschein hat. Auch Lynes „Jacob’s Ladder“ dürfte Bress insofern keinesfalls fremd sein. Der in Bulgarien gefilmte „Ghosts Of War“, immerhin Bress‘ erste Regiearbeit seit dem sechzehn Jahre zurückliegenden „The Butterfly Effect“, weist ebenso zu jenem gewisse Parallelen auf, indem er Zeitfluss, Kausalität und subjektive Wahrnehmungserfahrungen wiederum als Topoi für ein das Publikum sukzessive verunsicherndes Vexierspiel nutzt.
Glücklicherweise habe ich mich mit dem Inhalt zuvor nicht weiter auseinandergesetzt und den Film vorrangig deshalb geschaut, weil mir die lancierte Kombination aus WWII- und Spukhaus-Elementen durchaus attraktiv erschien.
So einfach ist es aber dann bei Weitem doch nicht, wie ein überraschender twist im letzten Erzählviertel beweist. Hier begibt sich „Ghosts Of War“ urplötzlich in zuvor kaum erahnbare, aber doch recht schlüssig implizierte Science-Fiction-Gefilde, indem er alles bis dato Gezeigte kurzerhand auf den Kopf stellt und zu einer Meditation über das Wesen des Krieges selbst gerinnt. Bress ist gewiss ein zu geschickter Autor als dass er diese doch eine gerüttelte Menge an Zuschauer-Akzeptanz einfordernde Wendung vollendes der Unplausibilität überlässt, dennoch konnte ich mich des diffusen Gefühls, behende überrumpelt worden zu sein und einen doch recht feisten Bären aufgebunden bekommen zu haben, nicht gänzlich erwehren. Was Bress zudem nicht sonderlich liegt ist die Handhabung der unspektakulären Elemente, so etwa die involvierende Ausarbeitung seiner Charaktere und deren Beziehungsgeflechte. Die fünf von Brenton Thwaites, Kyle Gallner, Theo Rossi, Skylar Astin und Alan Ritchson gespielten G.I.s bleiben eigentlich durchweg bloße Skizzen oder Silhouetten, zu denen sich keine Beziehung einstellen mag. Insofern bleibt ihr Schicksal dann auch weitgehend akademischer Natur und lediglich ein kleines Zahnrädchen im dramaturgischen Getriebe. Dass dem Film, der ja vor allem die Passionsgeschichte(n) seiner Figuren widerzuspiegeln trachtet, dies nicht eben gut bekommt, bleibt leider nicht aus.
Schlussendlich trägt „Ghosts Of War“ seine nicht ungeschickt entrollte Rahmenprämisse und ein paar schöne Ideen, die wie Blitzlichter aus dem ansonsten wenig tragfähigen Ganzen herausstechen, dann jedoch immer wieder durch ärgerliche Stolpersteine trüber Einfallslosigkeit neutralisiert werden. Recht schade ist das.

5/10

LEBENSBORN

„Führerbefehl: Verschüttetes germanisches Erbe ist zu retten.“

Lebensborn ~ BRD 1961
Directed By: Werner Klingler

Der systemkritische Luftwaffenoffizier und Ritterkreuzträger Klaus Steinbach (Joachim Hansen) kommt wegen Hochverrats vor Gericht. Auf dem Weg jedoch kann er die Gunst der Stunde in Form eines Partisanenüberfalls nutzen und die Identität eines weitaus linientreueren Kameraden, des Oberleutnants Adameit (Horst Keitel), annehmen. Adameit war zu einem der „Lebensborn“-Heime abberufen worden. Was sich dahinter verbirgt, erfährt Steinbach vor Ort schließlich höchstselbst: Auf Geheiß der SS werden Kinder angeblich „arischer“ Herkunft dorthin wahlweise aus Frontgebieten verschleppt oder gar unter „fachmännischer“ Selektion der zukünftigen Eltern, gezielt gezüchtet. Steinbach verliebt sich in Doris Korff (Maria Perschy), die Privatsekretärin des größenwahnsinnigen Hauptsturmführers Dr. Hagen (Harry Meyen), und wagt schließlich gemeinsam mit ihr die Flucht…

Naziploitation, made in Germany. Atze Brauner produzierte diese frühe „Aufarbeitung“ der Lebensborn-Umtriebe gemeinsam mit seinem Bruder Wolf für die Alfa-Film als kleines Kolportage-Drama, wie es gerade sechzehn Jahre nach Kriegsende unangehme Wahrheiten zu formulieren wusste, ohne die nach wie vor nach Absolution lechzende deutsche Volksseele allzu sehr zu belasten. Wie das geht? Ebenso, wie seinerzeit stets in derlei Fällen verfahren wurde: Indem man kurzerhand einen dissidierenden Wehrmachtssoldaten, ein Fliegerass zudem, zum Helden deklarierte. Überhaupt gibt das Script von Will Berthold sich auffallend Mühe, zwischen SS-Schergen und Wehrmachts-Helden sorgsam zu differenzieren, so wie der gemeine deutsche Wirtschaftswunderbürger nur allzu gern sah und hörte: Auf der einen Seite Himmlers dekadente, stets etwas aristokratisch auftretende Totenkopf-Clique, auf der anderen Seite die mittels leicht proletarischer Erdanbindung gezeichneten Frontschweine, die ja eh längst erkannt haben, dass „die da oben“ wahnsinnig sein müssen. Der Mythos von „Des Teufels General“ lebt fort. Auf dieser extradick mit Volksseelenbalsam eingefetteten Präambel fußend nun also ein mit allen Klischeewassern gewaschenes Ensemblestück, in dem allerlei beliebte wie später noch international auftretende Darsteller sich die Ehre geben, so etwa auch Marisa Mell oder Hellmut Lange.
Abseits seiner peinlich simplifizierenden Schwarzweiß-Zeichnung ist Klinglers Film natürlich ein treffendes Beispiel spekulativer deutscher Filmkunst. Zu seinen stärksten Momenten zählen die immer wieder rekurrierenden Schnittgewitter, etwa, wenn die von Dr. Hagen nach ihren Schädelvermessungs-Attributen zusammengeführten Eltern-Paare ein ekstatisches Sommersonnenwende-Ringelreihen begehen, oder in dem postapokalyptischen Finale, in dem die eigentlich zum Tode verurteilte, jedoch geflüchtete Doris sich eines verwaisten Mädchens an Kindesstatt annimmt. In diesen wenigen Augenblicken findet „Lebensborn“ zu einer ansonsten leider kaum spürbaren Kraft, die ihn dann doch noch zu einer sehenswerten Arbeit gedeihen lässt.

6/10

NABARVENÉ PTÁČE

Zitat entfällt.

Nabarvené Ptáče (The Painted Bird) ~ CZ/SK/UA 2019
Directed By: Václav Marhoul

Osteuropa, im Zweiten Weltkrieg. Aus ihm selbst unverständlichen Gründen zunächst von seinen Eltern bei einer Tante (Nina Suvenic) in der tiefsten Provinz versteckt, wartet auf den kleinen Joska (Petr Kotlár) nach deren Tod eine Odyssee durch die Kriegswirren, die ihn einer umfassenden Palette menschlicher Abgründe und Perversionen aussetzt. Am Ende seiner zermürbenden Reise hat Joska das Kindsein längst verlernt.

Der bereits 1965 in englischer Sprache erstveröffentlichte Roman „The Painted Bird“ von Jerzy Kosiński (eigentlich Józef Lewinkopf), einem im selben Jahr in die USA emigrierten polnischen Juden, verursachte, analog zur Vita seines Autors, im Laufe der Jahre stetig neue Kontroversen. Zunächst weitflächig euphorisch gefeiert für seinen involvierenden, nach Kosińskis Bekunden autobiograpisch geprägten Abriss einer Kindheit im Krieg, erwiesen sich die im Buch geschilderten Ereignisse schließlich als pure Fiktion und somit der Urheber im Hinblick auf seine Selbstauskunft, ebenjene persönlich bezeugt zu haben, als Hochstapler. Tatsächlich, so die investigativen Recherchen, habe Kosiński die Holocaust-Jahre nicht als umherwandernder Vagabund erlebt, sondern sei von einer katholischen polnischen Familie bis Kriegsende versteckt gehalten worden. Anhaltende Diskussionen um eine mögliche, polenfeindliche Grundhaltung sowie sein eklatanter Antikommunismus rückten Kosiński und seinen Roman wiederum in kein positiveres Licht. In den frühen achtziger Jahren unterstellte ihm die US-Presse zudem fortwährenden Plagiarismus, gemeinschaftlich mit der stets in Augenschein belassenen Spekulation, für keines seiner bis dahin entstandenen Werke komplett selbstverantwortlich zu sein.
Die Frage, inwieweit jene doch schwerwiegenden Punkte das betreffende Kunstwerk herabstufen müssen, können oder dürfen, obliegt schlussendlich der individuellen Perspektivierung. Ich selbst kenne den Roman noch nicht und kann den Film daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur losgelöst von ihm bewerten.
Die Adaption von Václav Marhoul, wohlweislich unter Verwendung der Kunst- bzw. Plansprache Interslawisch gefertigt, um dem möglichen Vorwurf völkischer Schuldzuweisungen vorzubeugen, vermeidet gleich a priori den Weg akuten, konsequent beschrittenen Realismus‘. Gewiss, die Geschichte erinnert in ihrem transgressiven Impetus an Elem Klimovs „Idi I Smotri“ (dessen Hauptdarsteller Aleksey Kravchenko sich hier sogar in einer kleinen Rolle als Rotarmist zurückmeldet) findet ihre Umsetzung in formalästhetischer Hinsicht jedoch an einem ganz anderen Ende des Spektrums. Photographiert in sanften, bewegungsarmen Einstellungen, in Scope und kristallinem Schwarzweiß, kontrastiert die unentwegt bewahrte Poesie der Bilder die grauenhaften Erlebnisse Joskas nur umso diametraler. In neun Episoden gliedert Marhoul die Höllenfahrt (oder wahlweise Passion) seines kindlichen Protagonisten; neun Geschichten, die jeweils mit den Namen der sie bestimmenden Figuren eingeleitet werden. Einiges an internationaler Schauspielprominenz stand ihm dafür zur Seite; oftmals in wenig schmeichelhaften Parts. Denn was Joska ohne zu suchen findet, ist ein beeindruckend infernalisches Panoptikum menschlicher Schlechtigkeit: Herzlosigkeit, Kälte, Aberglaube, Opportunismus, Bigotterie, Betrug, Gewalttätigkeit, Verrat, Sadismus, Eigennutz, Korruption, Inzucht, Tierquälerei, Kindesmissbrauch, Mord, Hybris – all das erlebt der Junge im Laufe seiner Reise; Güte und Verständnis blitzen derweil immer nur für Sekundenbruchteile auf. Nicht nur seine körperliche und sittliche Unschuld kosten ihn diese amoralischen Lehrjahre, sie lassen ihn auch (Menschen gegenüber) zeitweilig verstummen, schließlich zum Plünderer, Dieb, Totschläger aus Notwehr und Mörder aus Rache werden. Am Ende findet Joskas Vater (Petr Vanek), der unterdessen selbst in KZ-Haft war, seinen Sohn in einem Waisenhaus wieder. Ob und wann der Junge, der sich immerhin seines Namens erinnert, ihm „vergeben“ kann, ob die Option dieser Art des Überlebens die Nazi-Gefangenschaft aufwiegt; auch diese unwillkürlich aufpoppenden Denkbläschen lässt Marhoul glücklicherweise unbeantwortet.
Dass seinem Film künftig noch größere internationale Popularität zuteil wird, wäre jedoch noch uneingeschränkt wünschenswert.

9/10

TRIPLE CROSS

„I’d rather live for Germany than die for England.“

Triple Cross (Spion zwischen 2 Fronten) ~ UK/F/D 1966
Directed By: Terence Young

London, 1939. Der Safeknacker Eddie Chapman (Christopher Plummer) treibt mit seinen dreisten Coups die Polizei zur Verzweiflung. Als ihm die Lage vor Ort eines Tages doch zu heiß wird, setzt sich der Gentleman-Ganove und Filou auf der sonnigen Kanalinsel Jersey ab, wird dort jedoch entdeckt, verhaftet und vor Ort ins Gefängnis gesteckt. Bald darauf besetzen die Deutschen das Eiland, während Chapman noch immer in seiner Zelle darbt. Er entschließt sich, seine Fähigkeiten gewinnbringend zu nutzen und sich der Abwehr als Spion anzubieten. Unter dem in Nantes stationierten Offizier Baron von Grunen (Yul Brynner) erlernt Chapman im Folgenden diverse Fertigkeiten, um bald in Aktion treten zu können, stets wachsam beäugt von dem misstrauischen Oberst Steinhäger (Gert Fröbe) nebst dessen Schatten Leutnant Keller (Harry Meyen) und in eine Affäre mit der schönen Gräfin Lindström (Romy Schneider) verbandelt. Nachdem Chapman sich das weitgehende Vertrauen der Deutschen erschlichen hat, sieht sein erster Auftrag vor, die De-Havilland-Flugzeugwerke zu sabotieren. Kaum über England abgeworfen, sucht Chapman jedoch den Kontakt zum Geheimdienst und arbeitet fortan als Doppelagent.

Die Geschichte von Eddie Chapman, der sich Terence Young in seinem international renommiert besetzten Agentenfilm annahm, fußt auf tatsächlichen Ereignissen, obgleich sowohl diverse Ereignisse, wie es bei Biopics üblich ist, in stark gekürzten, vereinfachten, oder schlicht falschen Zusammenhängen wiedegegeben werden, als auch die Namen sämtlicher weiterer Beteiligter geändert wurden. Young lässt sich von dieser Historienklitterung wenig beeindrucken. Vielmehr verleiht er seinem Protagonisten den von ihm ja unlängst zuvor mitkreierten Nimbus eines James Bond, dem Christopher Plummer ein kongeniales Auftreten beschert. Sein Eddie Chapman wahrt in jeder noch so brenzligen Situation stets seine große Klappe, ist ein Hedonist und Opportunist par excellence und holt sich auch in prekärster Lage noch die attraktivsten Damen ins Bett. Man könnte ihn mit Fug und Recht als Kriegsgewinnler bezeichnen, denn Chapman verstand es, die katastrophale kosmopolitische Lage zu seinem Vorteil zu nutzen, indem er auf beiden Seiten Protektorat und Gönnerschaft erlangte, den Nazis dabei in Wahrheit stets eine lange Nase drehte und nach dem Krieg sogar eine komplette Löschung seines Vorstrafenregisters erwirkte. Der echte Eddie Chapman starb, nachdem er weiterhin so abenteuerlustig und luxuriös gelebt hatte, wie es seinem Wesen entsprach, 1997 im Alter von 83 Jahren.
„Triple Cross“ stellt ihn passend dazu als eine Art frechen Quasi-Eulenspiegel dar, der so gut wie nie die Contenance einbüßt, bis auf einen Moment, in dem er glaubt, der Gestapo in die Falle gegangen zu sein und in Kürze scharf verhört zu werden. Die Zyankalikapsel bereits im Mund, besinnt er sich in letzter Sekunde doch noch eines Besseren und wird dann als erster Nichtdeutscher mit dem Eisernen Kreuz geehrt.
Noch sehr viel interessanter nimmt sich allerdings das weitere Figuren- (und DarstellerInnen-) Inventar aus. Als für einen nicht-deutschsprachigen Film ungewohnt mehrdimensional, ja sogar sympathisch werden etwa die Offiziere Von Grunen und Steinhäger gezeichnet. Beide sind natürlich insgeheim scharfe Regimekritiker, die Nationalsozialismus und Führerkult gänzlich ablehnen. Von Grunen ist dabei der typisch-urpreußische Aristokrat mitsamt Monokel, der ein Hitler gänzlich abgehendes Bild des distinguierten Militariers präserviert, während Steinhäger als vormaliger Polizist zwar oberflächlich systemtreu, dabei aber doch relativ handzahm bleibt. Witzigerweise ist in zwei kurzen Szenen ausgerechnet Howard Vernon nebst Sonnenbrille als eherner Nazi zu sehen.
Romy Schneider und die als Résistance-Kämpferin auftretende Claudine Auger befinden sich hier beide auf dem Höhepunkt ihrer mirakulösen Schönheit und verleihen jedem Aufzug, in dem eine von ihnen zu sehen ist, einen höchst aparten Glanz.
Trotz seiner manchmal ausartenden Erzählzeit und einer selten konzisen Inszenierung, wo die Befleißigung derselben eigentlich notwendig gewesen wäre, habe ich „Triple Cross“ somit als eine weitgehend liebenswerte Veranstaltung wahrgenommen.

7/10

PARIS, BRÛLE-T-IL?

„What’s going on with that Paris?“

Paris, Brûle-T-Il? (Brennt Paris?) ~ USA/F 1966
Directed By: René Clement

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 schmilzt Hitlers (Billy Frick) Vertrauen in seine führenden Wehrmachtsoffiziere rapide dahin. Er ernennt daher den linientreuen Dietrich von Choltitz (Gert Fröbe) zum Kommandierenden General des besetzten Groß-Paris mit der ausrücklichen Order, die Stadt im Zweifelsfalle besser zu zerstören, als sie dem Feind in die Hände fallen zu lassen. Vor Ort ist die Situation bereits extrem gespannt; Gestapo und SS agieren typisch kopflos und schüren den Hass der Zivilbevölerung immer mehr. Als trotz Insistierung durch den schwedischen Botschafter Nordling (Orson Welles) ein führendes Résistance-Mitglied (Tony Taffin) erschossen wird und kurz darauf eine größere Gruppe junger Widerständler von der Gestapo in die Falle gelockt und erschossen wird, bündeln die vormals zerstrittenen Lager der Kommunisten und Gaullisten ihre Kräfte und gehen entschieden gegen die Nazis vor. Dem linken Major Gallois (Pierre Vaneck) obliegt schließlich die schwierige Mission, zu den Alliierten durchzudringen und sie zum Einmarsch in Paris und zur Unterstützung der Résistance zu bewegen, bevor die Stadt dem Erdboden gleichgemacht werden kann…

Die sechziger Jahre, das Jahrzehnt der monumentalen Kriegsfilme. Auch „Paris, Brûle-T-Il?“, international verliehen und co-produziertt von der Paramount und entstanden unter französischer Produktionsägide, zählt zu der umfangreichen Gruppe überlanger, stargespickter Historienaufbereitungen, deren logistischer Aufwand noch heute repräsentativ dasteht für die Ausstellung des damals technisch Machbaren.
Besonders in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts kamen auch europäische Financiers auf den Geschmack und kollaborierten mit den großen Hollywood-Studios, um gewaltige Spektakel rund um die Invasion aus dem Boden zu stampfen. Clements Film bildet dafür ein vorzügliches Exempel. Nach dem strukturellen Beispiel des fünf Jahre zuvor entstandene D-Day-Prestigefilm „The Longest Day“, den immerhin noch drei Regisseure gemeinsam stemmen durften, widmet sich „Paris, Brûle-T-Il?“ der Befreiung und Rettung der vier Jahre lang besetzten Metropole, die zugleich ein markiges Symbol für die dräuende deutsche Niederlage und den zusehends schwindenden Einfluss Hitlers auf seinen vormaligen Machtradius bildete. Wie bei Wicki, Annakin und Marton setzt sich auch das Narrativ dieses Films aus vielen episodisch gehaltenen Momentaufnahmen zusammen, deren Vorteile auf der Hand lagen – zum einen gestattete diese Erzählsweise einen multiperspektivische, auch historisch umfassendere Einblicke in die vielen beteiligten Gruppen, Lager und Einzelschicksale, zum anderen ermöglichte sie den gorreichen Einsatz des gewaltigen, internationalen Staraufgebots, ohne die geballte (und vor allem teuere) Prominenz für allzu viele Drehtage an das Projekt zu ketten. Gewissermaßen bildet General von Choltitz, dessen Rolle im Rahmen der Befreiung stark umnstritten ist, den charakterlichen Roten Faden des Films. Vor allem für den gewohnt wundervoll aufspielenden Gert Fröbe dürfte diese Tatsache ein besonderes Geschenk gewesen sein – er spielt jenen zwischen Pflichterfüllung und Menschlichkeit changierenden Wehrmachtsoffizier, wie er seit eh und je vor allem im (internationalen) Gattungsfilm immer wieder anzutreffen ist; jenen Typus Soldaten, der in späteren Kriegstagen längst darüber im Bilde befindlich war, dass der Führer verrückter war als eine Scheißhausratte, darüber hinaus jedoch mit dem militärischen Treueeid zu hadern hatte. „Schadensbegrenzung“ lautete die obliegende Devise, die Choltitz/Fröbe zum ausgesprochenen Gegner der SS macht und ihn sogar insgeheim mit der Résistance verhandeln lässt.
Obschon es 1966 noch nicht ungewöhnlich war, selbst von großem Publikumserfolg abhängige Großproduktionen wie diese in Schwarzweiß ins Kino zu bringen, hatte auch jene technische Entscheidung sehr konkrete Gründe: Clément nutzte etliche authentische Archivaufnahmen von relativ lädierter Qualität, deren zäsurischer Gebrauch sonst allzu stark ins Auge gefallen wäre. Zudem wurde nur der Einsatz farbverfremdeter Hakenkreuzflaggen am Drehort Paris gestattet, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen.
„Paris, Brûle T-Il?“ gliedert sich relativ nahtlos ein in die Formation seiner zeitgenössischen Kriegsfilme und teilt deren Habitus ebenso behende. Wer also eine Vorliebe für martialischen Kinomilitarismus pflegt, gern viele Stars an und zwischen Panzern, Waffen und Explosionen betrachtet und es zudem mag, zu sehen, wie Nazis verlieren, der ist mit der Wahl von Clements prallem Werk bestens aufgehoben.

8/10

THE MAN WHO KILLED HITLER AND THEN THE BIGFOOT

„I feel… old. And I know, I am.“

The Man Who Killed Hitler And Then The Bigfoot ~ USA 2018
Directed By: Robert D. Krzykowski

Calvin Barr (Sam Elliott) ist ein unscheinbarer, älterer Herr, dessen einziger wirklicher Freund sein Hund ist und der seine einsamen Tage zwischen Medikation und Bar fristet. Niemand weiß, wer Calvin wirklich ist bzw. war: Eine Art Superspion des Zweiten Weltkriegs, der einst die geheime Sondermission, Adolf Hitler zu ermorden, erfolgreich ausgeführt hatte – eine Aktion, die nie publik werden durfte und Calvin in der Folge zu einem Leben in strenger Anonymität verdammte. Einzig zu seinem Bruder Ed (Larry Miller) pflegt er noch Kontakt. Nun kommt Calvin, betagt wie er ist, als einziger Proband in Frage, einen weiteren Spezialauftrag zu erfüllen: Ausgerechnet der Bigfoot überträgt in den Wäldern an der kanadischen Grenze ein hochansteckendes und tödliches Virus, das die gesamte US-Bevölkerung gefährdet. Calvin, dessen Organismus gegen das Virus immun ist, soll die geheimnsivolle Kreatur aufspüren und töten. Nach anfänglicher Weigerung entschließt er sich dann doch, der Staatsräson ein letztes Mal Genüge zu tun…

Ein schönes Altersgeschenk an den ohnehin viel zu unbesungen Sam Elliott ist dieses charmante, sich vor allem im Hinblick auf seine absurde Prämisse glücklicherweise erstaunlich ernst nehmendes Fantasydrama, das sich vielleicht am Ehesten als fabulierfreudige Transponierung bzw. Interpretation des uramerikanischen Mythos des „unknown soldier“ umschreiben lässt. Ein wenig erinnerte mich Calvin Barrs Geschichte auch an den Marvel-Helden „Captain America“ Steve Rogers, minus die origin um das Supersoldatenserum, die bunte Uniform und natürlich den Eisblock. Ansonsten scheint Barr jedoch eine ganze Menge mit Rogers zu verbinden – er tauscht das private, zivile Glück gegen den wichtigsten Attentatsauftrag des Zwanzigsten Jahrhunderts und somit auch gegen die forciert aufzuerlegende Selbstisolation. Dass selbige dereinst nicht nur Calvins Beziehung zu der hübschen Lehrerin Maxine (Caitlin Fitzgerald) zwangsbeendete, sondern ihn darüberhinaus zu einem müden, depressiven Mann werden ließ, ist der Preis des heimlichen Heldentums, zumal die Geschichtsschreibung von Calvins einstiger Heldentat nichts mitbekam (oder mitbekommen durfte). Die von ihm überaus wehmütig angegangene Jagd auf den Bigfoot, ein sich selbst behütendes Naturgeheimnis, das das schicksalhafte Pech hat, zum Virusüberträger geworden zu sein, wird ihm ebensowenige Meriten bescheren.
Was ich zu Beginn und ohne Informationen als ironische bis pulpige Kinokrudität antizipierte, erwies sich zu meiner positiven Überraschung als stilles, tatsächlich sehr unaufgeregt arrangiertes Drama um einen halben Helden ohne Triumphmarsch und Siegesfeier, einen, der zur Stelle war und ist, einfach, weil er es sein muss. Der binnen seiner nunmehr rund fünfzig Jahre umfassenden Karriere mit nur sehr wenigen nachhallenden Hauptrollen gesegnete, wunderbare Elliott füllt jene Rolle aus, wie man es von ihm kennt und erwartet: stets körperpräsent und dabei von der altbekannten, stoischen Coolness beseelt, die ihm nunmehr, im gehobenen Alter, zugleich eine wohlnuancierte Wehmut verleiht. Der Langfilmdebütant Krykowski weiß daraus eine würdevolle Hommage zu weben, die mit ihrer widerborstigen Tempodrosselung und ihrem recht ungewöhnlichen Dualismus aus comicesker Fabulierfreude und Melancholie eine Empfehlung für diesen Film und auch für künftige Projekte abgibt.

8/10

THE LIFE AND DEATH OF COLONEL BLIMP

„In Germany, the gangsters finally succeeded in putting the honest citizens in jail.“

The Life And Death Of Colonel Blimp (Leben und Sterben des Colonel Blimp) ~ UK 1943
Directed By: Michael Powell/Emeric Pressburger

England, in der Zeit nach dem „Blitz“: Anstatt sich an die Verabredung zu halten, das geplante Manöver in Vorbereitung eines deutschen Überfalls zeitlich planmäßig stattfinden zu lassen, setzt der junge Lieutenant Spud Wilson (James McKechnie) die Übung einfach um sechs Stunden früher an – die Wehrmacht, so meint er, würde ihre Attacken schließlich auch nicht minutiös ankündigen. Wilson und seine Männer geraten daraufhin in einem türkischen Bad an eine Gruppe älterer Offiziere, darunter den Major General Clive Wynne-Candy (Roger Livesey), der überhaupt nichts von der Eigenmächtigkeit Wilsons hält. Im Zuge eines folgenden, spontanen Zweikampfs Alt gegen Jung lernen wir Wynne-Candys Lebensgeschichte kennen.

Der Titel um „Colonel Blimp“, der zweiten, gemeinsamen Regiearbeit der beiden Freunde Michael Powell und Emeric Pressburger für ihre selbstgegründete Gesellschaft „The Archers“ und zugleich der erste Film ihres berühmten Technicolor-Zyklus, bezieht sich auf einen zu jener Zeit in England populären, satirisch geprägten Cartoon-Offizier, der als Klischeebündel die Steifheit und den unbeugsamen Selbsträsonismus britischer Militärvertreter karikierte. Obschon jener Colonel Blimp nicht nominell bei Powell/Pressburger auftritt, stellt deren Protagonist Clive Wynne-Candy – zumindest dessen zu Beginn des Films eingeführtes, altes Ich, eine eindeutige Entsprechung der Figur dar. Die Rahmenhandlung prononciert vor allem die Wehmut, mit der betagte englische Soldaten im Angesicht der „modernen Kriegsführung“ des Zweiten Weltkriegs auf ihre aussterbende Militärhistorie zurückblicken: In Indien, im Burenkrieg und selbst im Ersten Weltkrieg wurde noch fair gekämpft und gestorben; man verabredete sich quasi zum gegenseitigen Abschlachten und unkorrekte Übervorteilungen in Form unseliger Überfälle wie heuer durch die Nazis oder die Japaner gab es nicht. Männlicher Schneid und Galanterie prägten das Bild wahren Soldatentums – und nicht nur des englischen: Nach einem diplomatisch vergeigten Ausflug ins Berlin des Jahres 1902 und infolge eines schmerzhaften Fechtduells lernt Clive (seinerzeit noch) Candy den preußischen Offizier Theo Kretschmar-Schuldorff (Adolf Wohlbrück) kennen, – quasi seine deutsche Entsprechung. Die beiden Männer werden Freunde und auch, wenn Theo die ebenfalls von Clive begehrte Lehrerin Edith Hunter (Deborah Kerr) abbekommt, hat dies keinen Groll zur Folge. Sechzehn Jahre später ist das Kaiserreich just im Begriff, den Ersten Weltkrieg zu verlieren, als Clive in Frankreich die Krankenschwester Barbara Wynne (Deborah Kerr) – Ediths Ebenbild – kennenlernt und zur Frau nimmt. Dort begegnet er auch den in Gefangenschaft befindlichen Theo wieder, der ihn zunächst geflissentlich ignoriert, ihm dann aber seine Besorgnis hinsichtlich der Siegerdiktatur des Versailler Vertrags erläutert. Erst zu Beginn des nächsten großen Krieges begegnen sich die beiden alten Freunde wieder. Beide sind mittlerweile Witwer, finden in der jungen Chauffeurin Angela (Deborah Kerr) jedoch neuerlich die physiognomische Entsprechung ihrer verstorbenen Frauen. Theo beobachtet die Entwicklung in Deutschland mit großer Sorge, seine Kinder sind beide zu überzeugten Nazis geworden. Clive muss auf unerfreuliche Weise lernen, dass Krieg mit solchen Gegnern wie Hitler nicht mehr das Gentleman-Geschäft darstellt, dass er selbst von der Pike auf gelernt hat. Er wird in den Ruhestand versetzt und tritt der British Home Guard bei. Sein Haus wird bei einem Bombenangriff zerstört und es entsteht an dessen Stelle eine Zisterne. Endlich begreift Clive, dass und wie die Zeiten sich geändert haben.
„The Life And Death Of Colonel Blimp“ kann filmhistorisch betrachtet durchaus dem Segment des antideutschen Propagandafilms zuaddiert werden, das in diesen Jahren vielfach von Hollywood und England aus bedient wurde. Powell und Pressburger geben sich allerdings im Gegensatz diverser sehr viel rüder agierender Kollegen keineswegs damit zufrieden, plumpe Ressentiments zu bedienen oder gar zu schüren, sondern wählen einen sehr viel differenzierteren Ansatz als Narrativ ihrer vierzig Jahre umfassenden Biographie. Besonders hervorstechend und bemerkenswert ist die latente Ironie, mit der sich der unbeirrbare Glaube an soldatische Tugenden und die (insbesondere England als vormals bedeutender Kolonialmacht zueigene) militärische Arroganz der Briten sanft persifliert finden – ; Entsprechung und Bedeutung des gewählten Titels. Ferner markiert Clive Wynne-Candy eine keinesfalls eindimensional gezeichnete Figur. Schon die Trümmer der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs rufen Zweifel in ihm hervor über den bedauernswerten, selbstzerstörerischen Weg, den die Menschheit im beginnenden Centennium eingeschlagen hat. Dann wäre da die Freundschaft zu seinem deutschen Berufspendant Theo, der vor allem in späteren Lebensjahren, den Zerfall des Kaiserreichs, das Chaos der Republik und schließlich die NS-Machtergreifung und den ideellen Verlust der Kinder, noch wesentlich herbere persönliche Verluste als Clive hinzunehmen hat. Hier sind sich die beiden klugen auteurs nicht zu schade, Hitler und seine Mörderbande keinesfalls zur (selbst-)erwählten Führerriege ausnahmslos aller Deutschen jener Tage zu deklarieren. Schließlich beeindruckt die ungewohnte Entscheidung, Deborah Kerr in einer Dreifachrolle zu besetzen, was dem Script gestattet, ihren Charakter über vier Dekaden quasi nicht altern zu lassen. Obschon sie drei unterschiedliche, englische Damen spielt, versinnbildlicht im Rahmen dieses figuralen Triptychons gewissermaßen das trotz ihres doppelten Verbleichens ewig jung bleibende frauliche Ideal des Protagonisten, dem sie durch ihr moralisches Engagement in drei kritischen Lebenslagen Kraft und Halt spendet.
Die Tatsache, dass „The Life And Death Of Colonel Blimp“ zudem ein frühes Musterbeispiel für die reichhaltige Effektivität des damals noch nicht alltäglichen, wunderschöne Bilder gestattenden Drei-Streifen-Technicolor ist, einer technischen Errungenschaft, für die in den folgenden Jahren vor allem Powell und Pressburger in der Kinogeschichte reüssieren konnten, perfektioniert diesen wunderbaren Film nochmals auf der formalen Ebene.

10/10

DEN 12. MANN

„Mir geht niemand durch die Lappen.“

Den 12. Mann (The 12th Man – Kampf ums Überleben) ~ NO 2017
Directed By: Harald Zwart

Norwegen, März 1943. Im Zuge der „Operation Martin Red“, die die gezielten Sprengungen mehrerer militärisch bedeutsamer Ziele der deutschen Besatzer umfasst, landen zwölf in England zu Saboteuren ausgebildete, einheimische Widerstandskämpfer der „Company Linge“ in der Nähe von Tromsø, wo sie bereits von Gestapo und SS in Empfang und in Haft genommen werden. Nur einem von ihnen, Jan Baalsrud (Thomas Gullestad), gelingt die Flucht in den vereisten Fjord. Die übrigen werden gefoltert und exekutiert. Baalsruds einzige Chance besteht darin, die Grenze zum neutralen Schweden zu erreichen. Eine zweimonatige Odyssee, die ihn an die äußersten Grenzen der psychischen und physischen Belastbarkeit treiben wird, liegt vor ihm.

Die entbehrungsreiche Flucht Jan Baalsruds, den die Geschichtsschreibung längst zu einem der skandinavischen Helden der Résistance erklärt hat, basiert auf authentischen Geschehnissen, die Harald Zwarts Film unter der Prämisse, dass „die folgenden Ereignisse, so unglaublich sie auch scheinen mögen, sich so zugetragen haben“ nachzeichnet. Wenngleich Baalsrud immer wieder die unterstützende Hilfe der Einheimischen in Anspruch nehmen kann, hängt der Löwenanteil seines Überlebens dennoch von der eigenen Willenskraft und Zähigkeit ab, die ihn diverse Leiden überstehen lassen. Immer wieder entkommt Baalsrud der SS, in vorderster Front seinem (ebenfalls norwegischen) verbissenen Hauptverfolger Kurt Stage (Jonathan Rhys Meyers) nur ganz knapp oder infolge oftmals obskurer Zufälle, die manchmal auch aus dem bloßen Hochmut des stolzen Nazis heraus erwachsen. Dennoch gleicht Baalsruds Pfad einer Passionsgeschichte: Er gerät in eine (von seiner Verfolgern ausgelöste) Lawine, muss Knochenbrüche, Erfrierungen, Schneeblindheit, Fieber und Wundbrand ertragen und ist schließlich gezwungen, sich selbst die Zehen zu amputieren um nicht seine Beine zu verlieren. Nicht nur die den Okkupanten fast durchweg feindlich gesinnte Zivilbevölkerung unterstützt ihn, sondern, kurz vor dem Ziel noch eine Gruppe Samen und sogar ein kluges Rentier.
Zwart zieht, was ihm wohl auch mehrfach zur Kritik gereichte, diese spektakuläre Geschichte als Überlebensabenteuer auf, vor dem der historische Hintergrund oftmals sich zur im Prinzip austauschbaren Beliebigkeit degradiert findet. Die Nazis werden durchweg als jene unmenschlichen Klischeebestien gezeichnet, die ja in der (genre-)spielfilmischen Parallel-Geschichtsschreibung seit eh und je greift und sind vor allem als größenteils diffuse, äußere Bedrohung im Hintergrund präsent, so dass „Den 12. Mann“ häufig mehr als Actionfilm denn als akkurate historische Aufarbeitungslektion zu rezipieren ist.
Auch wenn nun Zwarts Film gewiss nicht frei von Schwächen unds Unebenheiten ist, gibt es doch an mancherlei Tatsachen, so meine ich, wenig zu rütteln: „Den 12. Mann“ besorgt den Abriss des zunehmend persönlich gefärbten Hergangs einer ganz individuellen Widerstandsaktion und hat trotz seiner ausgedehnten Spielzeit überhaupt nicht die Aufgabe, fanatischen SS-Offizieren ein differenziertes Persönlichkeitsbild zu verschaffen – warum auch? Es geht nicht um verschissene Nazis, sondern um den Widerständler Jan Baalsrud und um die ohnehin im Falle jedes einzelnen kleinen oder großen Rebellen gegen das Deutsche Reich unabdingbar wichtige Tatsache, seine spezifische Geschichte populärer zu machen und ihm, obschon mit den evidenten Mitteln des Unterhaltungsmediums, ein verdientes Denkmal zu setzen. Diese Mission erfüllt „Den 12. Mann“ hinreichend zuverlässig.

7/10