SLAUGHTER HIGH

„We’ll take my car. It starts every time.“

Slaughter High (Die Todesparty) ~ UK/USA 1986
Directed By: George Dugdale/Mark Ezra/Peter Mackenzie Litten

Ein böse endender „Aprilscherz“ der üblichen Bullies sorgt dafür, dass der belächelte High-School-Nerd und Naturwissenschaftsgenius Marty Rantzen (Simon Scuddamore) durch Säure schwer entstellt wird. Jahre später erhalten die mittlerweile im Berufsleben stehenden Täterinnen und Täter von einst eine anonyme Einladung zu einem Jahrestreffen im mittlerweile leerstehenden Schulgebäude. Hinter dem Event steckt jedoch niemand Geringerer als der rachedurstige Marty, der, mit einer Narrenmaske verkleidet und mithilfe seiner technischen Kenntnisse, den damaligen Übeltätern das volle Pfund zurückzahlt.

Dieser ziemlich ruppige und nicht minder witzige Slasher der zweiten Generation lebt neben seinen exzessiv (und deutlich übertrieben) ausgespielten Morsequenzen und seinem ungewöhnlich hohen bodycount vor allem von den vielen, kleinen Anekdötchen, die seine Entstehungsgeschichte umwabern – so starb der den genazten Marty spielende Simon Scuddamore unmittelbar nach dem Shooting an einer Drogen-Überdosis, spielte Genrekönigin Caroline Munro mit 36 Jahren einen Schülerin und heiratete später einen der drei Regisseure (George Dugdale), eine ausnahmsweise sehr stabile Businessehe, die noch immer anhält. Gedreht wurde vornehmlich in England, wo sich damals, zur Zeit der berüchtigten Video Nasties, eine kleine Slasher-Parallelkultur entwickelte, sich jedoch ebenso rasch wieder in Wohlgefallen auflöste. Der motivspendende „April Fool’s Day“ entsprach der damals beliebten Praxis, Genrebeiträge nach Feiertagen zu benennen und an selbigen spielen zu lassen. Tatsächlich sollte der Titel entsprechend lauten, musste jedoch zugunsten einer fast zeitgleich von Fred Walton inszenierten Konkurrenzproduktion der Paramount abgegeben werden. Viel an gattungsinternen Referenzbekundungen und an Hommage steckt besonders im ersten Viertel von „Slaughter High“, das in Weichzeichneroptik ausführlich die origin story um Marty Rantzens späteren, ausgeklügelten Vergeltungsfeldzug erzählt. Besonders De Palmas „Carrie“, Maylams „The Burning“ und Eric Westons „Evilspeak“ scheinen intensive Eindrücke hinterlassen zu haben, deren Nachhall sich hier teils überdeutlich widerspiegelt. Richtig zur Sache geht es dann im Zuge der eigentlichen, vom vergrätzten Marty inszenierten „Todesparty“: Unter anderem sorgen ein mit auflösenden Zusätzen versetztes Dosenbier, ein unfreiwilliges Säurevollbad, ein unter Strom gesetztes Bett, auf dem just koitale Ekstasen stattfinden oder ein herabfallendes Auto für all jene spektakulären Augenblicke, die die geneigten Rezipientenschaft frohlocken lassen. Der Schlussgag, in dessen Zuge sich das zuvor Bezeugte quasi als erst noch stattzufindende Traumvision des tatsächlich noch immer in chirurgischer Behandlung befindlichen Marty herausstellt, ist genau von jener redundanten, hinlänglich bekannten Tonart, die viele Horrorfilmer als etwas hilflosen, wenngleich lauten Abschluss ihrer doch längst auserzählten Story wählten und somit verzichtbar bis überflüssig. Den zuvor erlebten Spaß schmälert dieses Vorgehen glücklicherweise überhaupt nicht.

6/10

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LA POLIZIA HA LE MANI LEGATE

Zitat entfällt.

La Polizia Ha Le Mani Legate (Killer Cop) ~ I 1975
Directed By: Luciano Ercoli

Mitten in Rom explodiert im Zuge einer Vernissage für naive Kunst eine Bombe in einer Hotellobby. Commissario Matteo Rolandi (Claudio Cassinelli) vom Rauschgiftdezernat, rein zufällig vor Ort um einen Großdealer zu beschatten, wird Zeuge des viele, vor allem internationale Todesopfer fordernden Massakers. Während die Öffentlichkeit darüber streitet, ob nun die Faschisten oder die Roten Brigaden hinter dem Anschlag stecken, identifiziert Rolandis Freund und Kollege Balsamo (Franco Fabrizi) rein zufällig den nervösen Bombenleger, einen heroinsüchtigen Studenten namens Franco Ludovisi (Bruno Zanin), mitten auf der Straße, muss ihn jedoch laufen lassen, weil dieser eine Waffe zieht. Der ermittelnde Generalstaatsanwalt Di Federico (Arthur Kennedy) gewährt Balsamo als wichtigem, belastenden Zeugen Privatunterschlupf, kann aber trotzdem nicht verhindern, dass er von den Drahtziehern des Attentats ermordet wird. Für Rolandi bekommt die Angelegenheit nun noch eine zusätzliche private Dimension und er beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei stößt er auf ein Leck ausgerechnet im Büro der Staatsanwaltschaft…

„La Polizia Ha Le Mani Legate“ steht weniger im Kurs der damals soeben frisch installierten, reaktionären Ruppigkeit im Poliziottesco, sondern liebäugelt sehr viel akuter mit Damiani oder Rosi, indem er unter anderem die Verflechtung von organisiertem Verbrechen, radikalen Politaktivisten und Staatsapparat untersucht. Anders also als die vielen Genrevertreter um Maurizio Merli, Luc Merenda et al. schert sich Ercolis vorletzter Film (und einziger Poliziotto) nicht um exploitative Elemente, sondern um einen gemächlichen Spannungsaufbau, der dem Betrachter allenthalben diverse Verdachtsmomente beschert, die dann regelmäßig einer unerwarteten Auflösung zu weichen haben. Auch ein Grund, warum man den italienischen Polizeifilm dieser Ära lieben darf, kann oder gar muss: Man vermag nur überaus selten mit Gewissheit zu erahnen, was als Nächstes geschieht, auf Antizipation und Vermutungen ist kein Verlass! Selbst den Helden konnte es abschließend noch überraschend treffen, was bekanntermaßen noch nicht einmal eine Seltenheit darstellte, da er oftmals als letzte Bastion gegen die gewaltigen Windmühlen alles verschlingender Korruption anzutreten hatte.
Doch selbst diesbezüglich verwurzelt sich Ercoli, der sich einzig in Form ein paar geschickt eingeflochtener, dramaturgischer Achronismen ein wenig inszenatorische Spielerei gestattet, eher im bodenständigen Realismus; die geheimnisvollen, scheinbar allmächtigen Hintermänner seiner „Organisation“ haben es erst gar nicht nötig, ihr persönliches Antlitz in die öffentliche Waagschale zu werfen; sie sind und bleiben als graue Eminenz der Amoral wohlweislich im Hintergrund.
Mit Claudio Cassinelli, wie ich finde, ja immer ein wenig Stacy-Keach-Lookalike (umso kurioser ihr späterer gemeinsamer Auftritt in Martinos wüstem „La Montagna Del Dio Cannibale“) gibt es einen wie zumeist rundum sympathischen Protagonisten, der eine seiner zwei „Moby Dick“-Ausgaben permanent zur inspirierenden Pausenlektüre mit sich herumträgt, und auch Arthur Kennedy, zu jener Zeit wie viele seiner ebenfalls alternden Kollegen verlässliches Stammmitglied der römischen Hollywood-Enklave ist gewohnt sehenswert. Und dann wäre da noch Stelvio Ciprianis schmissiger Score, eine Zierde seiner Provenienz.
Eine rundum anständige, schnörkellose Arbeit somit.

8/10

VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

HIT LIST

„Where’s my kid?“

Hit List (Mörderischer Irrtum) ~ USA 1989
Directed By: William Lustig

Nachdem Frank DeSalvo (Leo Rossi), einer der vielen Handlanger des Mafiabosses Vic Luca (Rip Torn), nebst seinem Filius Joey (Felice Orlandi) dem FBI in die Hände gefallen ist, versteckt Agent Tom Mitchum (Charles Napier) Vater und Sohn in einem Vorstadt-Bungalow. Mitchums Ziel ist es, DeSalvo als Kronzeugen im just laufenden Prozess gegen Luca zu gewinnen, doch dieser weigert sich beharrlich zu „plaudern“. Luca ist derweil nicht untätig und lässt alle potenziellen Gefährder von seinem brutalen Hitman Caleek (Lance Henriksen) beseitigen. Auch Frank und Joey stehen auf Lucas Liste, doch Caleek sucht infolge eines dummen Zufalls die falsche Adresse auf: Er attackiert die Familie des gerade abwesenden Jack Collins (Jan-Michael Vincent), tötet dabei dessen besten Freund (Harold Sylvester) und entführt Collins‘ Sohn Kenny (Junior Richard). Mitchum bekommt Wind von der misslungenen Aktion und will Collins vorsorglich in Haft nehmen, doch dieser greift sich DeSalvo und spürt Kenny mit dessen Hilfe auf eigene Faust nach.

Leider ist William Lustigs (von zwei Pornos in den Siebzigern abgesehen) vierte Regiearbeit im Laufe der Jahre überaus unberechtigterweise zur Fußnote im Gesamtschaffen des sympathischen Filmemachers geworden. Bis heute gibt es kein offizielles digitales Home-Release von „Hit List“, dabei ist ja gerade Lustig bekannt dafür, auf diesem Sektor weit über sein eigenes Œuvre hinaus Pionierarbeit geleistet zu haben.
Die Gründe dafür mögen vielfältig sein – möglicherweise verfügt Lustig nicht über die Rechte an dem Film (er wurde weltweit von großen Majors verliehen), möglicherweise verbindet er auch einfach unerfreuliche Erinnerungen mit ihm. Im exzellenten Interview-Band „Dark Stars“ etwa lässt sich, zumal im Vergleich zu „Maniac“, merklich wenig von ihm über „Hit List“ entlocken, mit Ausnahme des Faktums, dass der ja unlängst verstorbene Jan-Michael Vincent zu jener Zeit höchst unzuverlässig gewesen und permanent sturzbetrunken gewesen sei. Zudem war der Film der erste, für den Lustig das vertraute Umfeld seiner vormaligen, geliebten Spielwiese New York verließ und an die Westküste tingelte und dort, unter Beschwerden über die Wetterlage, häufig von einer Limousine aus Regie führte. So oder so – alles Mutmaßungen.
Man muss jedenfalls ein wenig Aufwand betreiben, um eine ansehbare Version des Films zu erhalten, doch dieser zahlt sich umgehend aus: „Hit List“ ist ein rundum sympathischer filmischer Repräsentant seiner Entstehungszeit, dem man, auch wenn es diverse Animositäten gab (und zu geben scheint), selbige nicht anmerkt und der Lustig als auch in kommerzieller Hinsicht grundsätzlich durchaus tragfähigen Regisseur ausweist, dem der verdiente Erfolg leider nicht hold genug war. Gut, der einen nicht unbedingt einfallsreichen Hybriden aus Gangster- und Actionfilm präservierende Plot mag keine Originalitätsmedaille ergattern, aber dafür ist die Ausführung umso sauberer. Die vorzüglich besetzten Darsteller legen durchweg großen Enthusiasmus und Spielfreude an den Tag (gut, Vincent wirkt stellenweise tatsächlich etwas langsam, aber wer wirklich besoffene On-Screen-Auftritte sehen möchte, der sollte eher zu manchen Performances von Dino Martin oder Richard Burton tendieren), es gibt ein paar kernige Actionsequenzen (insbesondere natürlich die im Parkhaus, bei der Vincent und Rossi sich in mühevoller Kleinarbeit des unverwüstlich scheinenden Henriksen entledigen) und die offenkundige Sympathie des Scripts für den zu Beginn des Films als kriecherischen villain eingeführten, von Lustigs künftigem standard actor gespielten Kleingangster DeSalvo nimmt sich unerwartbar, dafür aber umso liebenswerter aus. Zudem überrascht das Finale, mit dem sich zuvor nicht unbedingt rechnen lässt.
Ein wirklich schöner Film, dem ich unbedingt noch eine gerechtere Zukunft wünschen möchte.

8/10

UNTAMED

„Why not Australia or America? Why South Africa?“

Untamed (Die Unzähmbaren) ~ USA 1955
Directed By: Henry King

Kapstadt, 1847: Im Zuge der großen Hungersnot in Irland migriert die Jungfamilie Kildare, Katie (Susan Hayward), Shawn (John Justin) und Söhnchen Terence, nach Südafrika, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Dabei hat Katie eine geheime, zusätzliche Motivation für die Einreise: Sie hofft, den Afrikaaner Paul Van Riebeck (Tyrone Power) wiederzusehen, mit dem sie einst bei dessen Besuch in Irland ein heftiges Techtelmechtel hatte. Die Kildares schließen sich einem Siedlertreck ins Landesinnere an und geraten mitten in einen Zulu-Aufstand. Shawn wird dabei getötet, während Paul und seine Rebellenmiliz den Eingeschlossenen zur Hilfe eilen. Die Liebe zwischen Katie und Paul entflammt aufs Neue, ganz zum Leidwesen des Treckvorreiters Kurt Hout (Richard Egan), eines Freundes von Paul, der selbst ein Auge auf Katie geworfen hat. Ein Peitschenduell entscheidet Paul für sich und gründet mit Katie eine Farm, nur um sie, in Unkenntnis ihrer zweiten Schwangerschaft, einige Wochen später wieder zu verlassen und zu seiner Truppe zurückzukehren. Auf die enttäuschte Katie warten Jahre der Entbehrung und des Glücksritterinnentums, das sie kurzweilig sogar zu einer reichen Frau werden lässt. Schließlich doch wieder verarmt, trifft Katie ein letztes Mal auf den nach wie vor gekränkten Kurt, der mittlerweile zum kriminellen Despoten geworden ist und wird von dem herbeieilenden Paul gerettet. Diesmal bleibt er bei seiner Familie.

Neben Gregory Peck war Tyrone Power der bevorzugte leading man des über 47 Jahre in Hollywood tätigen Regieprofis Henry King. Diverse Abenteuerfilme und Dramen realisierte das Duo zusammen, einer davon der eher auf dem Abstellgleis des cineastischen Kollektivgedächtnisses befindliche „Untamed“. Dieser bildete nach der Hemingway-Adaption „The Snows Of Kilimanjaro“ einen weiteren inszenatorischen Ausflug Kings auf den Schwarzen Kontinent und nach „King Of The Khyber Rifles“ seine zweite Arbeit im von seinem Hausstudio Fox frisch lancierten CinemaScope-Format. Entsprechend ausladend gestalten sich die Bildkompositionen, denen die jüngste Restauration nochmals sichtbar Ehre macht. Doch hat „Untamed“, abgesehen von seiner geringfügig betagt wirkenden Romantikerzählung, deren ausladende und überaus wendungsreiche Gestaltung ein wenig an die ebenfalls von historischen Schicksalsschlägen heimgesuchte On/Off-Beziehung von Scarlett O’Hara und Rhett Butler erinnert, seine kleinen Schwächen. Sei es der zwar aufwändig, aber wenig glaubhaft oder gar packend choreographierte Kampf gegen die Zulu (King war, das veranschaulicht er hier nur zu deutlich, alles, bloß kein Actionregisseur), sei es das zickige Kleinmädchengehabe von Haywards (an diverse Maureen O’Hara-Rollen erinnernde) Figur, die sich eine Menge Unbill durch einen kühleren Kopf ersparen könnte und daher nicht eben sympathisch anmutet oder einflach bloß das große Hauptproblem des gesamten Films: Der Schauplatz Südafrika trägt darin lediglich der Romanvorlage Rechnung, ansonsten ist „Untamed“ ein luprenreiner frontier western, der in etlichen kleinen und großen Details an diverse Beiträge zu jenem Genre gemahnt. Man könnte die meisten Einstellungen, ja, ganze Sequenzen, in denen nicht gerade typisch afrikanische Klischeerequisiten oder afrikanische Ureinwohner zu sehen sind, unverändert aus dem Kontext ziehen und sie als Fragmente eines x-beliebigen Siedlerwestern veräußern. Damit zählt „Untamed“ wohl zu den „unafrikanischsten“ Filmen aller Filme über Afrika, die ich kenne. Als etwas überteuertes, vergessenes Camp-Kleinod indes, etwas, was man mit diesem Regisseur a priori keinesfalls zu assoziieren geneigt wäre, lässt sich „Untamed“ aber noch recht unkompliziert goutieren.

6/10

AUS DEM NICHTS

„Das waren Nazis.“

Aus dem Nichts ~ D/F/I 2017
Directed By: Fatih Akin

Für die Hamburgerin Katja Sekerci (Diane Kruger) sind ihr kurdischstämmiger Mann Nuri (Numan Acar) und ihr kleiner Sohn Rocco (Rafael Santana) die ganze Welt. Nach einer kurzen Zeit in Haft, die er wegen Marihuanadealens absitzen musste, hat Nuri sich eine ansehnliche Existenz als Steuerberater für des Deutschen weniger kundige Migranten aufbauen können. Eines nachmittags explodiert unmittelbar vor seinem Büro eine Nagelbombe. Nuri und Rocco fallen dem Anschlag zum Opfer. Die am Boden zerstörte Katja ist rasch davon überzeugt, dass die Tat nur politisch motiviert sein kann und Neonazis dahinter stecken, zumal sie kurz vor der Explosion eine junge Frau (Hanna Hilsdorf) vor Nuris Büro gesehen hat. Die Polizei glaubt indes fest an eine milieubedingte Racheaktion und wiegelt Katjas Geschichte ab. Nachdem sie nach Jahren wieder zu Drogen greift und bereits fast jeden Lebenswillen verloren hat, keimt doch noch ein Hoffnungsschimmer für Gerechtigkeit: die von Katja beobachtete Frau Edda Möller ist nebst ihrem Mann, dem Neonazi André (Ulrich Brandhoff), festgenommen worden. Beide sind des Mordes verdächtig. Als Nebenklägerin lässt sich Katja von ihrem alten Freund Danilo Fava (Denis Moschitto) vor Gericht vertreten. Der Gegenanwalt Haberbeck (Johannes Krisch) erweist sich jedoch als fintenreich genug, einen Freispruch für das Ehepaar Möller zu erwirken. Katja folgt den beiden nach Griechenland und baut dort eine Bombe, die der des Anschlags nachempfunden ist…

„Aus dem Nichts“ lässt sich durchaus als ein ergänzender Nachklapp zu Fatih Akins „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie betrachten, zumal alle drei genannten Motivspender sich mühelos in der Geschichte von Katja Sekerci und ihrem selbstzerstörerischen Rachefeldzug ausfindig machen lassen. Wo Akin in den Jahren seiner bisherigen Tätigkeit als türkischstämmiger, politischen Abhandlungen durchaus nicht abgeneigter Filmemacher die Topoi Rechtsextremismus und Rassismus stets ausgespart hatte, ging er vor zwei Jahren mit „Aus dem Nichts“ unmittelbar in medias res. Bewegt und beeindruckt vom langwierigen NSU-Prozess, den er teilweise selbst vor Ort mitverfolgt hatte und gewiss auch vom bedrohlichen Wiedererstarken rechtspopulistischer Kräfte im Land entwarf er gemeinsam mit NDF-Urgestein Hark Bohm diese sich zunehmend intimer gestaltende Geschichte um die Folgen eines neonazistischen Bombenanschlags mitten in Hamburg. Wie im authentischen Fall miterlebt verzichtet Akin dann auch keinesfalls auf das offenkundige Versagen des Justizapparats, der sich beharrlich weigert, deutschen Rechtsterrorismus als eine reale Bedrohung nicht nur des Individuums, sondern auch der demokratischen Grundordnung anzuerkennen, geschweige denn wahrzunehmen. Laufen bereits die ersten Ermittlungen auf einen sogenannten „milieuintern“ motivierten Anschlag hinaus, spielt später noch die im Zweifelsfall und insgeheim unakzeptable Tatsache der deutsch-kurdischen Familie in Kombination mit einem beruflich erfolgreichen, im besten Wortsinne „sauberen“ Ehemann und Vater eine tragende Rolle im gesamten Prozess. Diese Erfahrung muss Katja auch aufs Neue im Zusammenhang mit ihren Eltern (Karin Neuhäuser, Uwe Rohde) und Schwiegereltern (Asim Demirel, Aysel Iscan) machen, die sich angesichts der Tragödie wechselseitig ungebrochen voreingenommen und unversöhnlich zeigen.
Immer wieder rekurriert man auf die Dealer-Vergangenheit des Ermordeten, immer wieder auf das Faktum, dass Katja ihren akuten Verlustschmerz mit Drogen zu betäuben versuchte. Die im Prinzip unwiderlegbaren Indizien gegen die Täter, zu denen selbst eine belastungsschwere Aussage des Vaters (Ulrich Tukur) von André Möller zählt, werden schließlich ignoriert und die Schuldigen ihrer Strafe vorenthalten. Mit dem Freispruch endet auch Katjas Glauben an die Gerechtigkeit und an den Lebenswert an sich, wodurch sich ihr finaler Gegenschlag veranlasst. Diesen belässt der wiederum in drei Akte unterteilte Film wohlweislich vollkommen wertfrei; nach der zweiten Explosion, die die Leben des Ehepaars Möller und auch Katjas eigenes fordert, herrscht, wie so oft am Ende von Akins Filmen, nurmehr das erlösende Rauschen der Meeresbrandung.

8/10

CLASS OF 1984

„You can’t stop me, teacher. I am the future.“

Class Of 1984 (Die Klasse von 1984) ~ CA 1982
Directed By: Mark Lester

Der aus dem ruhigen Nebraska an die in einem urbanen Slum liegende Lincoln High School versetzte Lehrer Andy Norris (Perry King) hält es mit seinem pädagogischen Berufsethos eine ganz lange Zeit gut durch. Und das, obwohl ihm eine Vielzahl renitenter Schüler, allen voran der bösartige Rotzlöffel Stegman (Timothy Van Patten), den Alltag zur Hölle machen. Irgendwann kocht das Kesselchen dann aber doch über und Rache ist Blutwurst.

Lesters berüchtigter Schulexploiter gefällt mir trotz mittlerweile geschätzter zehn, zwölf Betrachtungen gleichbleibend gut. Das fängt schon bei Alice Coopers vielsagendem Titelsong an. Absolut mitreißend und spannend entwirft Lester in seinem mit dickem Schwarz getünchtem Quasi-Remake von Richard Brooks‘ wegweisendem Klassiker „Blackboard Jungle“ das (damalige) Zerrbild einer amerikanische High School mit böswilligen Jugendlichen, die um ’82 eben wohl zwangsläufig der auffälligen Subkultur der Punks zugerechnet werden mussten. Im Prinzip ist das Weltbild, das der Film transportiert natürlich überreaktionär, darf aber andererseits auch nicht bierernst ernst genommen, sondern will als überspitzt-zynische Karikierung soziologischer Bestandsaufnahmen begriffen werden. Wenn man „Class“ genregenealogisch gewichtet als Exploitation-Thriller sieht, funktioniert er sogar erstaunlich gut als etwas abgewandelte „Death Wish“-Variante. Darstellerisch solide (King) bis brillant (McDowall) kann man einem perfiden, bis auf die Spitze getriebenen Hassvehikel beiwohnen, das unangenehmere Emotionen in einem auslöst, als man wahrhaben möchte und gerade deswegen so interessant ist. Insbesondere in meinem Berufsstand.
Ein schätzenswertes, bitterböses Werk.

8/10