VENOM: LET THERE BE CARNAGE

„Something wicked this way comes…“

Venom: Let There Be Carnage ~ USA 2021
Directed By: Andy Serkis

Eddie Brock (Tom Hardy) und der mit ihm verbundene Alien-Symbiont Venom leben ihre fusionierte Existenz mittlerweile wie ein altes Ehepaar. Als sich Brock die Chance eröffnet, durch ein Interview mit dem im Todestrakt von San Quentin einsitzenden Serienmörder Cletus Kasady (Woody Harrelson) seiner Reporterkarriere neuen Schub zu verleihen, nutzt er diese – zunächst erfolgreich. Ein weiteres Treffen mit Kasady kurz vor dessen Hinrichtung endet jedoch katastrophal: es gelingt dem Killer, sich ein Stück von Venom einzuverleiben, womit eine neue, todbringende Kreatur namens Carnage geboren ist. Kasady/Carnage entkommt, um sich mit seiner in der Anstalt Ravencroft einsitzenden Jugendliebe, einer mörderischen Mutantin namens Frances Barrison (Naomie Harris) alias Shriek, wiederzuvereinen und gemeinsam ihr früheres Kinderheim „St. Estes“ dem Erdboden gleichzumachen. Derweil trennen sich Brock und Venom nach einem heftigen Streit vorübergehend voneinander, müssen sich aber schließlich doch wieder zusammenraufen, um gemeinsam Carnages und Shrieks Amoklauf Einhalt zu gebieten.

Zu den eklatanten, aber noch langmütig aushaltbaren Problemen des Vorgängers gesellen sich im nunmehr von Andy Serkis inszenierten Sequel noch ein paar weitere hinzu. „Let There Be Carnage“ begreift sich primär als fröhlicher monster mash mit Partyallüren und leidet wiederum nachhaltig unter seiner erklärten Jugendfreundlichkeit, die selbst einem blutrünstigen Massenmörder wie Cletus Kasady noch den sinistren Nimbus nimmt. Mit seiner allenthalben überhasteten Dramaturgie und dem seine selten geistreichen Dialoge unter Dauerfeuer ausspeienden Script erinnert der zweite „Venom“ eher an die beiden sträflich missglückten „Batman“-Filme, die Joel Schumacher in den Neunzigern inszenierte und die den Dunklen Ritter nebst seiner finsteren Genesis zu einer bunten Zirkusattraktion aufweichten. Als hätte es sie letzten zwei Jahrzehnte Genrebildung im Superhelden-Adaptionsfach nicht gegeben, pfeift „Let There Be Carnage“ zu obigen Vorbildern passend auf jedwede Ernsthaftigkeit und tritt sowohl die existenzialistische Schwere der Snyder-Filme fürs DCEU als auch die zunehmende inhaltliche Komplexität des MCU so dreist wie lustvoll mit Füßen – es braucht dann auch nicht mehr die gewohnte Überlänge, um flaue Gags, Computerspielästhetik und entseelte CGI-Superwesen-Kloppereien in solch konzentrierter, dabei jedoch völlig unsubstanzieller Form aufzubieten. Ob man diesen buchstäblichen Affront gegen so ziemlich alles, was dem Superheldenfilmfan mittlerweile lieb und teuer ist, als notwendige Stilprovokation zu goutieren bereit ist oder eher genervt mit den Augen rollt, mag zu einem Teil reiner Rezeptionsdialektik geschuldet sein – offenkundige Schwächen wie die, kein konzises Gesamtbild hinterlassen zu können, lassen sich jedoch so oder so nicht fortleugnen. Der vermeintlich größte Clou findet sich dann erwartungsgemäß während der end credits, die, ermöglicht durch die Einführung des Multiverse-Konzepts drüben bei Disney, eine Brücke zum dort installierten „Spider-Man“ schlagen, was Sony in Kürze selbst unter nochmaliger Befleißigung dieses albernen Titelhelden neue Zuschauerrekorde bescheren wird.

4/10

ROB ROY

„Honor is a man’s gift to himself.“

Rob Roy ~ UK/USA 1995
Directed By: Michael Caton-Jones

Schottland, 1713. Während das altehrwürdige Clansystem allmählich zerfällt, spielt der als Rob Roy bekannte Hochland-Patriarch Robert Roy MacGregor (Liam Neeson) den Privatpolizisten für den Edelmann Marquess of Montrose (John Hurt). Nachdem er eiune gestohlene Rinderherde zurückbringen kann, erbittet MacGregor einen stolzen Kredit beim Marquess, um sich selbst einen Viehbestand zulegen und diesen hinterher wieder gewinnbringend veräußern zu können. Doch Montroses gieriger Verwalter Killearn (Brian Cox) und die exzentrische Hofschranze Archibald Cunningham (Tim Roth) durchkreuzen MacGregors Pläne, töten den Geldboten (Eric Stoltz) und kassieren die geliehene Summe selbst. Der über den Verlust ungehaltene Marquess nötigt MacGregor, den Herzog von Argyll (Andrew Keir) als Jakobiten zu verleumden, was dieser jedoch ablehnt und sich somit Montrose zum Intimfeind macht. MacGregor flüchtet in die Berge, derweil Cunningham dessen Frau Mary (Jessica Lange) vergewaltigt und seinen Besitz niederbrennt. Später kommt noch MacGregors aufsässiger, jüngerer Bruder (Brian McCardie) zu Tode. Erst die Intervenierung des Herzogs sorgt für MacGregors Freispruch und gibt ihm die Chance zur Rache an Cunningham.

Im unabdingbaren Vergleich mit Mel Gibsons oscarprämiertem, im selben Jahr entstandenem Mittelalter-Epos „Braveheart“ erwies sich die Publikumsaufmerksamkeit um die gut 4 Jahrhunderte später angesiedelte, ebenso prominent besetzte Mär um einen weiteren schottischen Geschichtshelden und Aufständischen als eher instabil. Tatsächlich geht Caton-Jones wesentlich weniger grell und flamboyant zu Werke; die von Gibson präservierte, in vielerlei Hinsicht mediävistische Heldenverehrung seines in Schlachtfeldblut watenden Titelhelden William Wallace weicht einem eher traditionell erzählten Abenteuerstoff, der in ähnlicher Auprägung auch zwanzig oder dreißig Jahre früher seinen Weg auf die Leinwand hätte finden mögen. Das Konzept „Musketen statt Breitschwertern“ geht in diesem Zusammenhang nur bedingt auf: mit Ausnahme des von Tim Roth vorzüglich-überkandidelt gespielten Adelsgünstlings und Bösewichts Cunningham, der mit seiner sadistischen, fiesen Charakteristik im Grundsatz ebenso vortrefflich in das Figurenensemble von „Braveheart“ gepasst hätte, bewegt sich alles in einem wohlbewährten Rahmen, der im Irgendwo zwischen cleaner Highland-Romantik und Robin-Hood-Varianz changiert. Freilich geriert das finale Klingenduell der beiden Antagonisten nicht von ungefähr zur unangefochtenen Klimax. Neeson war in dieser Karrierephase beinahe schon darauf abonniert, markige historische Persönlichkeiten dazubieten, seien es Oskar Schindler, Michael Collins oder Jean Valjean. Entsprechend routiniert fällt auch seine vorliegende Leistung aus, die im Großen und Ganzen ironischerweise als farbloseste von den für „Rob Roy“ wesentlichen bezeichnet werden kann. Carter Burwells Dudelsäcke dröhnen sich derweil mit Volldampf durch die knapp 140 zumindest bildgewaltigen Minuten, die alles in allem jedoch den kraftvollen Narzissmus sowie das brachial-verkitschte Selbstverständnis eines entfesselten Mel Gibson ermangeln.

7/10

CAPTAIN FROM CASTILE

„God’s love is a heavy burden.“

Captain From Castile (Der Hauptmann von Kastilien) ~ USA 1947
Directed By: Henry King

Kastilien im Jahre 1518. Der Edelmann Pedro De Vargas (Tyrone Power) gerät in einen Konflikt mit seinem Nachbarn Diego De Silva (John Sutton), einem ruchlosen Emporkömmling. Um einem Duell aus dem Wege zu gehen, nutzt De Silva seine Verbindungen zur Inquisition und lässt Pedros gesamte Familie wegen Ketzerei einkerkern. Seine kleine Schwester Mercedes (Dolly Arriaga) stirbt den Foltertod und er selbst schwört blutige Rache. Mithilfe eines neuen Freundes, des Schurken Juan Garcia (Lee J. Cobb) können Pedro und seine Eltern (Antonio Morena, Virginia Brissac) dem Gefängnis entfliehen. Pedro, Juan und das arme Waisenmädchen Catana (Jean Peters) gelingt es, sich nach Kuba abzusetzen, wo sie sich dem Eroberer Hernán Cortés (Cesar Romero) anschließen, der just einen Eroberungszug in Mexiko plant. Nur sehr zögerlich gewinnt Pedro das Vertrauen Cortés‘, das auf eine neuerlich harte Probe gestellt wird, als der totgeglaubte De Silva in Mexiko auftaucht, um auch dort die Santa Hermandad voranzutreiben…

Dieses ausufernde, kostbare Epos, eine der vielen Kollaborationen des dream team King/Power für die Fox, zählt zugleich zu den schönsten Arbeiten des Regisseur-Hauptdarsteller-Gespanns. Unter Befleißigung crispen Technicolors und überlanger Fabulierkunst erzählt „Captain From Castile“ die erste Hälfte des gleichnamigen Erfolgsromans von Samuel Shellabarger nach, das den Eroberungszug des Konquistadoren Cortés gegen den Aztekenkönig Moctezuma aus der Sicht eines unfreiwilligen religiösen Flüchtlings schildert. In der seinen Filmen nicht selten üblichen Mischung aus wildromantischem Abenteuer und pathetischem Schicksalsbericht entwirft King ein erlesen photographiertes, glänzend ausgestattetes Imperialismuspanorama, das einerseits gegen die Willkür der Inquisition wettert und auf der anderen Seite den Eroberungsdurst der Conquista romantisiert. Cesar Romero spielt den goldgierigen Cortés als breit grinsenden, flamboyanten Abenteurerburschen, dessen unbeugsamer Siegeswille auf dem Terrain der Neuen Welt, so in etwa die Metathese, langfristig mit dazu führte, dass Kings Film runde vierhundert Jahre später überhaupt entstehen konnte. Power als Protagonist und strahlender Titelheld trägt das Ganze souverän über die volle Erzähldistanz, doch erst schillernde Nebencharaktere wie der von Cobb glänzend dargebotene Garcia, der eherne Padre Romero (Thomas Gomez) oder der bucklige Glücksritter Professor Botello (Alan Mowbray) reichern den Film um seinen wahren Charme an.
Ein Bravourstück alter Schule, das den verblassten Glanz goldener Hollywoodtage auf das Formidabelste präserviert.

9/10

PIG

„I’d like to speak to the chef.“

Pig ~ USA 2021
Directed By: Michael Sarnoski

Robin Feld (Nicolas Cage) lebt fast völlig autark als Eremit in einer Waldhütte in Oregon. Seine einzige Lebensgefährtin ist sein Trüffelschwein, das ihm lieb und teuer ist und dessen feine Nase ihm hilft, den Delikatessenhändler Amir (Alex Wolff) regelmäßig mit den kostbaren Pilzen zu beliefern. Eines Nachts wird Robin überfallen und das Schwein ihm gestohlen. Er macht sich auf die Suche nach dem Urheber der Aktion und muss sich in diesem Zuge zugleich diversen Facetten seiner Vergangenheit stellen.

Filme, respektive Rollen wie diese sind es, die Nicolas Cages Stern vorm Sinken bewahren. Und nicht nur das – sie sichern seinen Status als einer der sehenswertesten seiner Zunft. „Pig“ erweist sich als kluges, höchst eigenwilliges Drama um die bleierne Schwere existenziellen Verlusts auf der einen und den schmalen Grat zwischen wahrer Genialität und ambitionierter Mittelmäßigkeit auf der anderen Seite. Um einen etwas mühseligen (und eigentlich müßigen) Vergleich zu bemühen: „Pig“ erscheint ein wenig wie die distinguierte, intellektuelle Variante eines „John Wick“ – die grundierende Prämisse zumindest findet sich beinahe frappant analogisiert: Ein verwitweter Aussteiger und Profi seines Metiers lebt von den Erinnerungen an idyllische Zeiten und idealisiert sein Haustier als letzten Lebensanker. Als dieses ihm genommen wird, geht er auf einen einsamen Kreuzzug gegen den Verantwortlichen. So weit die Parallele. Während Wick jedoch seine Fertigkeiten als Superkiller reaktiviert, entpuppt sich Robin Feld als einstiger Starkoch der Haute-Cuisine-Szene des amerikanischen Nordwestens. Auch er hat einst seine Frau verloren, was ihn in seinem Falle dazu gebracht hat, seine unerbittliche Brillanz als Chefkoch ad acta zu legen und der Zivilisation schließlich als Waldschrat vorsätzlich den Rücken zu kehren. Erst ein gewalttätiger Weckruf bringt Feld dazu, sein ruhiges, materiell entbehrungsreiches, aber doch zufriedenes Leben als social outcast zu unterbrechen und sich um ausgleichende Gerechtigkeit zu bemühen. Allerdings ist es das „Wie“, das Robin Felds Rache den allermeisten anderen Vendetten überlegen macht: Er kocht dem Entführer seines Schweins ein Gericht, dessen Perfektion jenen zurückführt an die Klippen einer eigenen, schweren Lebensschuld und ihn gebrochen zurücklässt. Der Weg zu dieser feinsten aller Vergeltungen offeriert uns einen verlotterten, dreckigen, blutverkrusteten Protagonisten, dessen herben Körpergeruch man jenseits der Bilder wahrzunehmen glaubt, dessen Gaumengespür jedoch das denkbar unbestechlichste ist und bleibt. Ein trauriger und auf seine ganz spezielle Weise doch strahlender Held.

8/10

NO TIME TO DIE

„When her secret finds its way out – and it will – it’ll be the death of you.“

No Time To Die (Keine Zeit zu sterben) ~ UK/USA 2021
Directed By: Cary Joji Fukunaga

Nachdem er dem MI6 den Rücken gekehrt hat, um mit seiner Madeleine Swann (Léa Seydoux) glücklich zu werden, gilt es für den emotional gebeutelten James Bond (Daniel Craig), letzte offene Fäden zu vernähen. Dazu gehört auch der endgültige Abschied von seiner einstigen großen Liebe Vesper Lynd an deren Grabstätte. Doch dort fällt Bond beinahe einem Sprengstoffattentat zum Opfer, mit dem Madeleine zumindest in indirekter Verbindung zu stehen scheint. Kurzerhand setzt Bond sie in den Zug und verabschiedet sich endgültig von ihr, um danach auf Jamaika ins Exil zu gehen. Fünf Jahre später kommt es in London zu einem ernsten Zwischenfall: Der biologische Kampfstoff „Herakles“, der, aus Nanobots bestehend, gezielt mit der DNA seiner potenziellen Opfer programmiert werden kann, wird gestohlen und mit ihm dessen Entwickler Valdo Obruchev (David Dencik). Während M (Ralph Fiennes) längst eine neue 007 (Lashana Lynch) beschäftigt, lässt sich Bond von seinem alten CIA-Freund Felix Leiter (Jeffrey Wright) überreden, den Kopf hinter dem brisanten Diebstahl ausfindig zu machen. Dahinter steckt keinesfalls wie zunächst vermutet SPECTRE [dessen Kopf Blofeld (Christoph Waltz) selbst vom Sicherheitsgefängnis aus noch die Strippen zieht], sondern ein der Organisation ebenbürtiger Konkurrent, der größenwahnsinnige Lyutsifer Safin (Rami Malek)…

Nachdem Daniel Craig eigentlich beschlossen hatte, mit „Spectre“ seinen Bond-Schwanengesang zu begehen, ließ er sich gegen ein beträchtliches Entgelt doch noch zu einem weiteren, letzten Einsatz überreden; diesmal jedoch gewissermaßen mit eingeschriebener Anti-Rückkehr-Versicherung. Runde 58 Jahre nach dem ersten 007-Kino-Abenteuer „Dr. No“ wurden die Karten für den 25. offiziellen Film des Franchise abermals neu gemischt, bewusste Produktionsquerelen inbegriffen: Dass Craigs fünfteiliger Bond-Zyklus im Gegensatz zum vorherigen Konzept der Serie inhaltlich dicht zusammenhängen, was eine bis 2005 noch ungewohnte, dezidiertere (Film-)Typisierung des Superagenten gestattete, wäre hinlänglich bekannt, nunmehr geht es um eine noch privatere (und somit gleichermaßen noch intimere) Involvierung des Protagonisten in die ihn umtosenden Ereignisse. Eigentlich eklatantes Bond-Fremdvokabular wie „Wokeness“, „Familie“, „Vulnerabilität“ ploppt geradezu inflationär auf und findet sich verquirlt mit einer Vielzahl von Reminiszenzen an klassische Beiträge zur Reihe, die sich zu einem nicht immer allzu originellen Suchspiel für Aficionados und solche, die es werden wollen, verflechten. Viel Altes und viel Neues also, samt und sonders allerdings im probaten Rahmen und hinreichend dualistisch entgegenkommend, um weder eherne Kalte Krieger noch potenziellen Agentennachwuchs zu vergrätzen. Bond – oder wie auch immer sich sein zukünftiger Epigone nennen mag – findet sich auf sanfte Weise neuarrangiert und fitgemacht für die kommenden Dekaden. Dazu bedarf es andererseits freilich mancher Zäsur: M, distinguierter Gentleman hochenglischer Formvollendung, benutzt Vierbuchstaben-Wörter; Q (Ben Whishaw) entpuppt sich als homosexuell; 007s Nachfolgerin ist eine afrobritische Superfrau und der neue Endboss eher ein bemitleidenswerter, therapiebedürftiger Wirrkopf denn die bedrohliche, globale Nemesis von dereinst. Bond selbst wird, wenn schon nicht als Influencer, so doch in seiner bejahrten Maskulinität nachhaltig geschwächt – er bleibt weiterhin stockverliebt, demzufolge monogam und bekommt zu allem Überfluss eine bezaubernde, kleine Tochter (Lisa-Dorah Sonnet) – welcher erklärte Junggesellenmacho soll da einen klaren Kopf bewahren? Nicht zuletzt wird mit Felix Leiter, der einst selbst den heftigsten Anschlag auf seine Person überlebte, ein elementarer Charakter aus dem Spiel genommen, vom abschließenden Heldentod der Titelfigur einmal ganz abgesehen. Nichtsdestotrotz heißt es zum Abspannende wie eh und je „James Bond will return“, nicht jedoch die Figur, denn das ist diesmal wirklich unmöglich, sondern vielmehr das Konzept. Die Welt scheint noch nicht bereit, einer ihrer hartnäckigsten, vor allem aber gewinnträchtigsten Kino-Marken endgültig Adieu zu sagen.

7/10

SCHLAF

„Kennst du das, wenn du wach bist und der Traum ist noch da?“

Schlaf ~ D 2020
Directed By: Michael Venus

Marlene (Sandra Hüller), Stewardess und alleinerziehende Mutter der Teenagerin Mona (Gro Swantje Kohlhof), leidet unter schweren Albträumen, derer sie mittels akribischer Aufzeichnungen in einer mittlerweile umfangreichen Sammlung von Traumtagebüchern Herrin zu werden versucht. Eines Tages entdeckt sie eine Anzeige des Hotels „Sonnenhügel“ in dem Mittelgebirgsörtchen Stainbach. Marlene reist kurzentschlossen dort hin und verbringt eine Nacht in dem Gasthaus. Kurz darauf erfährt Mona, dass ihre Mutter mit einem katatonischen Stupor in ein nahegelegenes Krankenhaus eingeliefert wurde. Mona will den Grund für Marlenes Zustand in Erfahrung bringen und checkt ebenfalls im Sonnenhügel ein – wegen der nebensaisonalen Flaute und diverser Renovierungsarbeiten als einziger Gast. Schon bald suchen auch sie bizarre Albträume ein, deren höchst reale Wurzeln offenbar in der unrühmlichen Vergangenheit Stainbachs liegen..

Immerhin ist das deutsche Genrekino bemüht, sein Lager um interessante, national und auch international relevante Beiträge zu bereichern; bemühter jedenfalls als noch vor zehn, zwanzig oder gar dreißig Jahren. Dennoch empfand ich „Schlaf“, das Regiedebüt von Michael Venus, keineswegs als durchgängig überzeugend. Venus und sein Coautor Thomas Friedrich wollen allzu viel auf einmal; auf der bloßen Gattungsebene soll ihr Film Unbehagen und Spannung auslösen und zugleich als Vergangenheitsaufbereitung – es geht im Kern um die tiefen Spuren, die polnische Zwangsarbeiterinnen während der NS-Zeit hinterlassen haben und deren Niederschlag im Verhältnis zu gegenwärtigen Reichsbürgergruppierungen – fungieren. Wie ihre einst als Findelkind angenommene Mutter und ihre Großmutter Trude (Agata Buzek) zuvor verfügt auch Mona über eine Art „zweites Gesicht“, das sich via an die Bewusstseinsoberfläche tretenden Träumen manifestiert. Mona findet heraus, dass in Stainbach einst eine Sprengstofffabrik befand, in der Zwangsarbeiterinnen aus Polen beschäftigt wurden. Ihre Mutter Marlene erweist sich als das Resultat einer späteren, außerehelichen Liaison zwischen der ebenfalls abseits des Dorfes hausenden Trude und dem Ortspatriarchen Otto (August Schmölzer), zugleich Bewirtschafter des Sonnenhügel-Hotels. Nachdem Otto Trude ermordet hat, sucht ihr rachsüchtiger Geist nicht nur ihn und seine Mitwisser heim, sondern auch die Traumwelten ihrer überlebenden Leibesfrucht in erster und zweiter Generation. Der Sühnetribut ist jedoch erst zur Gänze gezollt, wenn auch Otto das Zeitliche gesegnet haben wird. Der Weg dorthin ist jedoch gepflastert mit allerlei Mysteriösem, dass Venus/ Friedrich in vorsätzlicher Unübersichtlichkeit verquirlen: Träume werden zu Trips und ein Ortstreffen unter Führer Otto und seinen willfährigen Vasallen verwandelt sich durch einen anarchischen K.O.-Tropfen-Streich seines Sohnes (Max Hubacher) in eine ekstatische, ein wenig an Noés „Climax“ erinnernde Chaosorgie. Überhaupt schimmern Venus‘ Vorbilder nicht selten überdeutlich durch die gekonnt arrangierte Oberfläche seines zwischen Traumhorror und Aufarbeitungsthriller oszillierenden Films, seien es Steiners „Sennentuntschi“ oder AKIZ‘ „Der Nachtmahr“. Für kommende Projekte wünscht man dem zum jetzigen Zeitpunkt gewiss noch vielversprechenden Filmemacher insofern mehr thematische Innovation sowie den Mut zu luziderer Konsequenz, gepaart mit der Absage an die etwas irrational scheinende Verpflichtung, der Historie wie auch immer geartete Rechnung tragen zu müssen.

5/10

SEANCE

„That must be the ghost again.“

Seance ~ USA 2021
Directed By: Simon Barrett

Am exklusiven Edelvine-Internat für Mädchen treibt eine Clique unter der Führung von Oberbiest Alice (Inanna Sarkis) allerlei Schabernack. Eine Geisterbeschwörung mit inszenierter Pointe führt schließlich dazu, dass Kerrie (Megan Best), eine der Schülerinnen aus der Gruppe, aus ihrem Zimmerfenster in den Tod stürzt. Ihren nunmehr frei gewordenen Platz nimmt die resolute Camille (Suki Waterhouse) ein, die auf die Provokationen von Alice und ihrem Tross mit Gegenwehr reagiert und zumindest in der Schülersprecherin Helina (Ella-Rae Smith) eine aufrichtige Freundin erhält. Die Todesfälle reißen jedoch nicht ab; es verschwinden und sterben dabei ausschließlich Mädchen aus Alices Umfeld. Ist dafür gar der sagenumwobene Edelvine-Geist verantwortlich, der rachsüchtige Wiedergänger einer ehemaligen Schülerin (Alexis Erickson-Sliboda), oder doch ein höchst irdischer Verursacher?

Seine erste eigenen Regiearbeit, nachdem er einige Scripts für den mittlerweile in Hollywoods Blockbuster-Liga angekommenen Adam Wingard verfasst hatte, ist zugleich Hommage an und Reaktivierung des klassischen slasher movie, freilich nicht, ohne auf mancherlei, vielleicht ein wenig bemüht wirkende Wokeness-Ingredienzien zu verzichten. Setting und Sujet jedoch könnten, auf das Subgenre bezogen, traditionsverbundener kaum sein, was gleichfalls für die schlussendliche Entlarvung der Täter gilt, deren Motiv einmal mehr so albern wie üblich hanebüchen daherkommt. Der Titel „Seance“ stellt sich in diesem Zuge vielleicht als etwas hilflos gewählter Platzhalter heraus – es gibt zwar ein paar (Pseudo-)Beschwörungssequenzen und sogar ein übersinnliches Element in Form eines Geistes, das jedoch in recht unerwarteter und subtiler Form auftritt. Insgesamt und mit rückblickendem Abstand empfinde ich „Seance“ aber doch als ganz schönen und brauchbaren Film. Ein wenig erscheint er mir, zumal im Epilog, wie eine komplexitätsreduzierte Genrevariation von Emerald Fennells „Promising Young Woman“, freilich ohne dessen ganz große, sozialkritische Ambitionen zu verfolgen, geschweige denn, zu erreichen. Aber das vorliegende Sujet ist auch nur ein – wenn überhaupt – mittelbar feministisches.
Barrett beweist als Regisseur in jedem Falle Gespür für Ambiente und Atmosphäre. Das winterliche Internat in altehrwürdigen Mauern bildet einen trefflichen Schauplatz für sein murder mystery, das am Anfang recht harmlos zu Werke geht, im finalen, von selbstjustiziabler Rache motorisierten Duell dann aber noch gehörigst die Splatterkeule kreisen lässt. Und mir hat Suki Waterhouse als vergeltende leading lady außerordentlich gut gefallen.

7/10

TRICK `R TREAT

„Happy Halloween!“

Trick `r Treat ~ USA 2007
Directed By: Michael Dougherty

In der Kleinstadt Warren Valley, Ohio geschieht zum diesjährigen Halloween-Umzug allerlei wahrhaft Grausiges: Der hiesige High-School-Direktor Wilkins (Dylan Baker) entpuppt sich als Serienkiller, der es sowohl auf adipöse Süßigkeiten-Junkies wie auch auf hübsche Backfische abgesehen hat; ein Quartett von Teenagern (Britt McKillip, Isabelle Deluce, Jean-Luc Bilodeau, Alberto Ghisi) spielt einer Außenseiterin (Samm Todd) einen bösen Streich, der schwer nach hinten losgeht; eine Gruppe weiblicher Werwölfe veranstaltet eine Party mit jungen Männern als Hauptgang; der ein schlimmes Geheimnis hütende Säufer Kreeg (Brian Cox) bekommt nicht nur eine alte Rechnung präsentiert, sondern muss sich zudem noch des überaus regelgestrengen Sam (Quinn Lord), des inkarnierten Geists der Halloweennacht, erwehren.

Thematisch um Halloween kreisende Horrorfilme oder zumindest solche, die im Kontext des besonders in den USA ausgelassen gefeierten, den All Saint’s Day und den Day of the Dead antitipierenden Maskenfests spielen, sind zahlreich. Man kann durchaus von einem eigenen, kleinen Subgenre sprechen, dem der phantastikaffine Michael Dougherty nach einigen Scripts für Superheldenfilme von Bryan Singer und unter dessen produzierender Ägide 2007 sein Regiedebüt zusetzte. Gestaltet als ein Quasi-Episodenfilm, dessen einzelne Segmente sich jedoch inhaltlich wechselseitig beeinflussen und teilweise kausal bedingen, gibt es im Wesentlichen vier narrative Hauptstränge und einen sie alle mehr oder weniger verbindenden Überbau in Form eines kleines Dämons, der darauf achtet, dass die spirituelle Tradition von Samhain stets gewahrt bleibt. Wer diese in jedweder Form missachtet oder gar ignoriert, bekommt seinen Frevel auf dem Fuße hart entgolten. Seine hübschen Storys, in denen die allermeisten, die sich auf die eine oder andere Weise moralisch verschulden, einer bitteren Strafe entgegensehen, für die nicht immer zwangsläufig der Halloween-Dämon verantwortlich zeichnet, inszeniert Dougherty als grelles fright fest im Sinne klassischer Horrorcomics und wahrt dabei stets einen zumeist sehr galligen Humor, der gern auch mit der einen oder anderen augenzwinkernden, den Connaisseur reizenden Avance hausiert. Dadurch, dass Dougherty seine Geschichten zudem parallel montiert, sie also nicht losgelöst voneinander erzählt, entsteht eine Art von Homogenität, die eine nette Alternative zum klassischen Korsett des üblichen episodisch erzählten Horrorfilms darstellt. Einen instant classic erhält man dadurch zwar noch nicht, sehr wohl aber eine hübsche Alternative für den jährlichen, effektvoll zu gestaltenden Themenabend am 31. Oktober.

7/10

CANDYMAN

„Black people don’t need to be summoning shit.“

Candyman ~ USA/CA/AU 2021
Directed By: Nia DaCosta

Der Chicagoer Maler Anthony McCoy (Yahya Abdul-Mateen II) steckt in einer mittelschweren Krise: Seine Freundin und Mäzenin Brianna (Teyonah Parris) hält ihn mehr oder weniger aus und von allen möglichen Seiten hagelt es Geringschätzigkeiten und bittere Kritik. Um sich Inspiration für ein neues Werk zu verschaffen, macht Anthony sich mit der Geschichte des nunmehr gentrifizierten, ehemaligen Minislums Cabrini Green vertraut und stößt dabei auch auf die Geschichte des mysteriösen „Candyman“, eines mit einer Hakenhand ausgestatteten, untoten Killers, der erscheint, sobald man seinen Namen fünfmal vor dem Spiegel ausspricht. Natürlich wagt Anthony das „Experiment“ und schon bald sterben in seinem Umfeld diverse Menschen eines blutigen Todes. Damit nicht genug, beginnt Anthony selbst sich in unappetitlicher Weise zu verändern…

Schade, Chance fahrlässig verschenkt. Da ich Clive Barkers short story sehr mag und Bernard Roses Adaption für einen der schönsten und wichtigsten Horrorfilme der neunziger Jahre halte, freute ich mich sehr auf die Neuinstallation, zumal das letzte Sequel ja nun bereits zweiundzwanzig Jahre zurückliegt. Nia DaCosta erweist sich als formidable, äußerst stilbewusste Regisseurin und auch die zugrundeliegende Idee, den urbanen Mythos des nach ewiger Gerechtigkeit suchenden Candyman als eine Art „konzeptionelle Antwort“ auf rassistisches Ungemach zu spezifizieren gefällt mir recht gut. Das dröge Script durchkreuzt diese von Grundauf positiven Ansätze und Impulse jedoch nachhaltig. Der 1992er „Candyman“ besaß Poesie und Herz, erzählte eine zutiefst morbide Romanze und von Feminismus und Identitätsverlust, ohne die genuinen Horrorwurzeln seiner Fabel je zu verraten. DaCostas Film wirkt im Direktvergleich oftmals wie eine mit dem fehlgeleiteten Mut der Verzweiflung arrangierte und somit erzwungene Revision des Stoffs. Virgina Madsen als die hierin vielzitierte Helen Lyle (die Darstellerin stellte für ein eingespieltes Tape sogar nochmal ihre Stimme zur Verfügung) gab dereinst eine wunderbar melancholische Heldin, Anthony McCoy ist im Vergleich dazu leider bloß ein unsympathisch gezeichnetes Substitut, was nicht minder für seine forcierte Verwandlung in die jüngste Inkarnation des Candyman gilt. Der gesamte Plot mit seinem fanatischen Adlatus (Colman Domingo) wirkt, obschon die inhaltliche Klammer zum Original sich immerhin recht geschickt vollzogen findet, ermüdend und wie mit der heißen Nadel gestrickt; schließlich vermisst man besonders Daniel Robitaille/Tony Todd, der dann leider nur ganz kurz in den letzten Sekunden in einem winzigen Gänsehaut-Auftritt zu sehen ist. Die im weiteren Verlaufe des Films vom Candyman umgebrachte Kunstkritikerin Finley Stephens (Rebecca Spence) bringt es recht früh auf den Punkt, als sie Anthony McCoy das Künstlerherz während einer Ausstellung kurzerhand bildhaft aus der Seele reißt: Die Gentrifizierung sei schuld daran, dass der rauen Urbanität ihre ursprüngliche, wilde Seele geraubt werde; der wohnflächesuchende Zustrom von Künstlern wie Anthony selbst, die die spottbilligen Appartments als ihre Ateliers mieten und die baufälligen Viertel damit um den Preis des Strukturwandels ihres maroden Charmes entledigten. Ein Schelm, wer diese Metapher auf DaCostas Film projiziert – doch genau das ist der Punkt. „Candyman“ 21 ist gewiss superschick, aber Barker hat er nicht verstanden.

5/10

A DARK SONG

„Do you know what you’re fuckin‘ doin‘?“ – „No.“ – „Well shut up then!“

A Dark Song ~ IE/UK 2016
Directed By: Liam Gavin

Um mittels paranormaler Beschwörungen Kontakt zu ihrem ermordeten Sohn Jack (Nathan Vos) aufzunehmen, mietet die trauernde Sophia (Catherine Walker) ein weit abgeschlagen stehendes Haus in Wales und rekrutiert den ebenso erfahrenen wie zynischen Okkultisten Joseph Solomon (Steve Oram). Dieser warnt die zunächst unaufrichtige Sophia mehrfach, ihm die Wahrheit über ihr Ansinnen zu unterbreiten und auch vor dem kräftezehrenden Effekt des über viele Monate andauernden Rituals. Dennoch bleibt Sophia bei ihrem Plan. Die beiden nunmehr völlig auf sich gestellten und von der Außenwelt isolierten Menschen durchringen unter Josephs strikter Anleitung die Sphären zu den jenseitigen Dimensionen und entwickeln dabei zugleich eine destruktive Beziehung zueinander.

Mit „A Dark Song“ legte der Ire Liam Gavin ein ebenso atmosphärisch dichtes wie involvierendes Langfilmdebüt vor, das einmal mehr demonstriert, welch farbenfrohe Auswüchse besonders das auf der Schattenseite des Mainstream stehende Genrekino in den letzten Jahren vermehrt treibt. Gavins spezifischer Begriff von Horror zeigt sich dabei von intimen psychologischen und parapsychologischen Triebfedern gesteuert. Diese Agenda veräußert sich primär in der formal wie inhaltlich strengen kammerspielartigen Gestaltung von „A Dark Song“, der sich als Zwei-Personen-Stück mit wenigen Ausnahmen auf ein abgegrenztes Setting beschränkt und konzentriert. Die Reise der beiden ProtagonistInnen in die Gefilde abseits von Zeit und irdischer Physik avanciert dabei gleichermaßen zu einem Parforceritt in ihre eigenen seelischen Unwägbarkeiten; die unter Josephs vehementer Anleitung akribisch durchgeführten Praktiken beinhalten gleichfalls psychische und physische Grenzzustände, die sich durch „Reinigungsprozesse“ wie Entgiftung, Fasten, Schlafentzug, die (daraus resultierende) gezielte Evozierung halluzinogener Erfahrungen, sexuelle Askese und schließlich eine erzwungene Nahtoderfahrung einstellen. Der jeweils geforderte Tribut ist von immenser Tragweite, mündet jedoch in eine geradezu sphärische Erlösung Catherines, die am Ende gewissermaßen ihre eigenen Dämonen exorzieren kann.
Ihr Entwicklungsprozess wird dabei mit weitgehend konventionellen Versatzstücken der Gattung untermalt, geriert sich durch deren intelligenten und kompetenten Einsatz jedoch oftmals auf zufriedenstellende Weise unheimlich. Die mit stark religiösen Implikationen arbeitende conclusio nimmt sich indes streitbar aus und konnte mich nicht zur Gänze überzeugen, obgleich sie in ihrer ausnahmsweise positiven Konsequenz durchaus folgerichtig erscheint. Trotzdem hätte ich für einen etwas nachhaltigeren Impact einen fatalistischen Abgang bevorzugt – meine eigene dunkle Seite scheint da doch allzu fordernd.

8/10