THE WALKING DEAD

„You can’t kill me for something I didn’t do! You can’t!“

The Walking Dead (Die Rache des Toten) ~ USA 1936
Directed By: Michael Curtiz

Der gutmütige, arbeitslose Pianist John Ellman (Boris Karloff) gerät in die Fänge einer Gangsterclique, die ihn als Täter für den Mord an einem Richter (Joseph King) vorschiebt. Der tatsächlich unschuldige Ellman wird gefasst und trotz aller Beteuerungen, gelinkt worden zu sein verurteilt. Ellman landet auf dem elektrischen Stuhl, bevor man seine Hinrichtung wegen begründeter Zweifel aufschieben kann. Dem übereifrigen Dr. Beaumont (Edmund Gwenn) gelingt es jedoch, Ellman ins Leben zurückzuholen, doch er ist nicht mehr derselbe. Immer wieder zieht es ihn, einem Racheengel gleich, zu den an seinem Tode schuldigen Verbrechern, die einer nach dem Anderen in Todesangst das Zeitliche segnen. Als Ellmans Vergeltungsmission vollendet ist, findet auch er endlich den verdienten und ersehnten Frieden.

Als einer der raren Beiträge zu ihrem eigenen, kleinen Horrorzyklus, der nicht zuletzt als Konkurrenz zu den Monsterfilmen und -Serials der Universal entstand, sicherte man sich aufs Neue die Beteiligung des genreerprobten Darstellers Boris Karloff, der in „The Walking Dead“ eine wiederum sehr tragische Rolle als Quasi-Zombie einzunehmen hatte. Sein John Ellman ist zu Lebzeiten ein eigentlich feinsinniger, bemitleidenswerter Ex-Knacki, dem das Leben ohnehin schon übel mitgespielt hat und der dann zu allem Überfluss noch in schlechte Gesellschaft gerät. Sein Leidensweg endet jedoch nicht mit dem unverdienten Tod, da der allzu neugierige Wissenschaftler Beaumont Ellman eilends aus dem Jenseits zurückholt, um von ihm zu erfahren, wie es wohl auf der anderen Seite aussehe.
Der wiedergekehrte, nicht recht bei Form befindliche Ellman wird als wissenschaftliche Sensation gefeiert und darf neugierigen Besuchern aus der besseren Gesellschaft sein Klavierspiel demonstrieren – eine horrible Kuriosität, der erst jetzt (ein pervertiertes, sensationalistisches) Interesse zuteil wird. Den Gangstern, die die Schuld an Ellmans Tod tragen, geht jedoch verdientermaßen rasch die Muffe – offenbar ist der vormalige Tote mit einem überirdischen Gerechtigkeitsauftrag zurückgekehrt, der ihrer aller Ableben vorsieht.
Karloff hatte zunächst Bedenken, die Rolle anzunehmen, da sie der des Frankenstein-Monsters allzu sehr ähnelte und er sich typologisch nicht festlegen lassen wollte. Am Ende ist sein John Ellman jedoch wohl zu einer seiner schönsten Darstellungen überhaupt gereift, so wie „The Walking Dead“ eigentlich auch bloß teilweise dem Bild klassischen Horrors entspricht. Curtiz‘ Film ließe sich möglicherweise wesentlich treffender als „phantastisches Drama“ umschreiben, das niemals den Fehler begeht, allzu viele seiner immanent dräuenden Geheimnisse auszuplaudern. Dies symbolisiert sich besonders zum Ende, als der nicht locker lassende Dr. Beaumont Ellman ein letztes Mal etwas über das Jenseits entlocken will, jedoch wiederum leer ausgehen muss.

8/10

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THE LAST HARD MEN

„I’m not dead. I’m retired.“

The Last Hard Men (Der Letzte der harten Männer) ~ USA 1976
Directed By: Andrew V. McLaglen

Der in Yuma einsitzende Mestize Zach Provo (James Coburn) sinnt auf Rache – et macht den retirierten Ranger Sam Burgade (Charlton Heston) für den Tod seiner Frau verantwortlich. Gemeinsam mit fünf Mitinsassen gelingt Provo eines Tages die Flucht aus dem Strafvollzug und er beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem zwar älter gewordenen, aber keinesfalls zum alten Eisen gehörenden Burgade. Als Provo dessen Tochter Susan (Barbara Hershey) entführt und sie ins Indianerreservat verschleppt, setzt Burgade alles daran, ihm und seiner Gang endgültig den Garaus zu machen.

Nach einer ganzen Reihe von Western mit den Altstars John Wayne und James Stewart, die man wohl gemeinhin als eher beschaulich und „old fashioned“ bezeichnen kann, stellte sich auch Ford-Eleve Andrew V. McLaglen den Zeichen der Zeit, holte den Knüppel aus dem Sack und begab sich auf die Spuren Peckinpahs, indem er mit Unterstützung des entsprechenden Schauspielpersonals einen harten Spätwestern inszenierte, in dem sich die Einschüsse blutig und das Sterben unschön gestalten. McLaglens vormaliges Faible für charmante, alte Raubeine, die vor romantischem Ambiente ihre letzten großen Einsätze vollziehen, weicht nunmehr einer höchst pessimistisch geprägten Endzeitstimmung, die sich weniger in einer tristen Bildsprache (Duke Callaghans Kamera weist vielmehr einen klaren, wohlbeleuchteten Strich auf), denn in einem recht zynisch eingefassten, omnipräsenten Nihilismus äußert – es geht um aus ihrer Zeit gefallene, grau gewordene gunslinger, die die Zeichen der Moderne, Automobile und Telefonleitungen, mit dem Blei und der mittlerweile zum Atavismus gewordenen Brutalität ihrer Tage kommentieren. Das Duell zwischen dem Analphabeten Provo und dem von seinen Nachfolgern geflissentlich belächelten Burgade ist nicht nur ein persönliches Geschäft, sondern zugleich ein Abgesang auf ihre eigene Generation, der am Ende keinen Sieger kennt. McLaglen hatte unterdessen gewiss ein paar italienische Genrevertreter gesehen und  auch die dazugehörigen Repliken seiner hauseigenen Berufsgenossen – jedenfalls lässt es sich als einigermaßen bezeichnend erachten, dass „The Last Hard Men“ sein letzter von insgesamt fünfzehn Kinowestern sein sollte, dem lediglich noch ein paar TV-Produktionen nachfolgten. Auch für einen relativen Spätzünder wie Andrew V. McLaglen war die Zeit gekommen, sich „zivilisierten“ Dingen zuzuwenden, die sich in seinem Falle vor allem als Abenteuer- und Kriegsfilme äußerten – vorenehmlich natürlich mit alten Raubeinen auf ihren letzten Missionen.

8/10

LIVE BY NIGHT

„We’re all going to hell.“

Live By Night ~ USA 2016
Directed By: Ben Affleck

Boston, 1926. Seine blauäugige Affäre mit dem Gangsterliebchen Emma Gould (Sienna Miller) wird dem Ganoven Joe Coughlin (Ben Affleck) zum Verhängnis: Mafiaboss White (Robert Glenister) kommt hinter den Seitensprung seiner Mätresse und rächt sich, was Joe zwar nicht wie geplant das Leben, aber doch die Freiheit kostet – er landet nämlich im Gefängnis. Um sich an White zu rächen, läuft Joe zur italienischen Mafia über, deren Boss Pescatore (Remo Girone) ihn nach Tampa schickt, um dort die regionalen Geschäfte zu verwalten. Joe verliebt sich dort in die schöne Exilkubanerin Graciela Corrales (Zoe Saldana) und heiratet sie, derweil er zur lokalen Unterweltgröße aufsteigt und eigene Pläne für ein Casino entwickelt. Schwierigkeiten mit dem Ku-Klux-Klan und dem hiesigen Polizeichef Figgis (Chris Cooper) bringen Joe mehr und mehr in Bedrängnis, bis Boss Pescatore schließlich höchstselbst in Tampa erscheint und Joe mit einer unangenehmen Neuigkeit konfrontiert…

Ein wenig eitel geraten ist er wiederum schon, der aktuelle Affleck (damit meine ich ausdrücklich seine Regiearbeit), den er abermals kräftig um die eigene Person herum inszeniert. Dennoch darf man ihm durchaus bescheinigen, als Filmemacher mittlerweile ein wesentlich höheres  Niveau erreicht zu haben denn in seiner ursprünglichen Tätigkeit als Schauspieler. Damit wandelt er ein wenig auf den Spuren von Vorbildern wie Eastwood, Beatty oder Redford, die einst und bis heute ja höchst erfolgreich durchaus analoge Wege beschritten. Angesichts seiner bisherigen Ausbeute wünscht man Affleck durchaus, dass er in zwei Dekaden mal auf ganz ähnliche Meriten wird zurückblicken können.
„Live By Night“ liefert formelhaftes Gangsterkino der gehobenen Klasse, was sich bereits auf seine Darbietung als period piece zurückführen lässt: Die Prohibition bietet stets ein dankbares Zeitkolorit, die damit einhergehende Periode der Zwanziger entsprechend viele Möglichkeiten, Chic in der Wahl von Garderobe, Musik und Interieurs auszustellen. Audiovisuell geschmackvoll kommt Afflecks Film also ohne Frage daher, und die bislang eher selten geschilderte Konfrontation „Mafia vs. KKK“ gibt ihm gleichfalls inhaltlichen Auftrieb. Etwas blass dagegen bleibt – offensichtlich anderer Pläne zum Trotze – die Hauptfigur des Joe Coughlin. Seine phasenweise immer wieder hervortretenden Skrupel, die sich insbesondere in seiner Verbindung zu Figgis‘ gebeutelter Tochter Loretta (Elle Fanning) und den entsprechenden Szenen manifestieren, lenken ein klein wenig vom Wesen des Verbrechertums ab, das eben, um erfolgreich zu funktionieren, echte Schweinehunde benötigt. Vielleicht braucht Affleck noch ein paar Jahre, um sich selbst einmal als wirklich fiesen Patron ins Bild zu rücken. Auch das gehört gewissermaßen zur ganzheitlichen Emanzipation des veritablen actordirector.

7/10

TREASURE OF THE GOLDEN CONDOR

„This time I’ll stay!“

Treasure Of The Golden Condor (Im Reiche des goldenen Condor) ~ USA 1953
Directed By: Delmer Daves

Frankreich im 18. Jahrhundert: Nachdem ihm sein Geburtsrecht als unehelicher Sproß eines Adligen aberkannt wurde, verlebt Jean-Paul von St. Malo (Jerry Hunter) die ersten Jahre seines Lebens bei seinem Großvater mütterlicherseits, einem armen Büchsenmacher (Walter Hampden), bis ihn sein raffgieriger Onkel Edouard (George Macready) auf das Familiengut holt und Jean-Paul dort als Stallknecht arbeiten lässt. Dennoch wächst er zu einem kräftigen Klassenfeind (Cornel Wilde) heran, der sich nichts gefallen lässt. Die Liebe zu seiner Cousine Marie (Anne Bancroft) wird von Edouard schließlich entdeckt und Jean-Paul fürchterlich verprügelt und nebst seinem Großvater an die Justiz verraten. Auf Rache sinnend, erhält Jean-Paul seine Chance, als er den alten Schatzsucher MacDougal (Finlay Currie) kennenlernt, der hinter einem alten Maya-Schatz in Tikal her ist. Jean-Paul schließt sich MacDougal und seiner Tochter (Constance Smith) an, um gemeinsam mit ihnen in Guatemala nach dem Schatz zu suchen. Nach einer abenteuerlichen Odyssee kehrt Jean-Paul in cognito in die alte Heimat zurück, versichert sich der Sympathien des Advokaten Dondel (Leo G. Carroll) und bereitet sich darauf vor, sich sein Eigentum zurückzuholen.

Als hauseigene Remake eines elf Jahre älteren Fox-Abenteuerklassikers mit Tyrone Power, nebst allerdings historisch und regional verändertem Setting begeistert „Treasure Of The Golden Condor“ das jung gebliebene Technicolorherz, dass es eine Art hat. In diesem von Delmer Daves ausladend und ausnehmend schön gefertigten Meisterstück gibt es tatsächlich nichts, was nicht stimmte, bis hin zum letzten i-Tüpfelchen. Seien es die erwartungsgemäß herrlichen Kostüme und Kulissen, die zur damaligen Zeit seltene, aber umso lohnenswertere Entscheidung, Außenszenen vor Ort zu drehen, die Fabulierlust der im Grunde hausbackenen, stark von Dumas beeinflussten Rache-Story oder schlicht Daves‘ verlässliches Erzähltalent: Es passt einfach. Von den Darstellern ganz zu schweigen; Cornel Wilde als Held ging immer, George Macready als Bösewicht nicht minder; Finlay Currie als alter Zausel bürgte stets für hohe darstellerische Qualität bis in die Nebenrollen, Leo G. Carroll als verschrobener, zunächst recht undurchsichtiger Rechtsgelehrter; Constance Smith als ebenso schöne wie intelligente Heroine ist toll, Anne Bancroft als intrigante Aristokratenschlampe noch toller. Der Plot schlägt viele Wendungen, so, dass es sich als immens vorteilhaft erweist, wenn man möglichst wenig über den Inhalt weiß und der Geschichte somit umso gebannter folgt.
Richtig, richtig schön. Ernsthaft.

9/10

IL GATTO DAGLI OCCHI DI GIADA

Zitat entfällt.

Il Gatto Dagli Occhi Di Giada (Die Stimme des Todes) ~ I 1977
Directed By: Antonio Bido

Eigentlich nur marginal wird die Tänzerin Mara (Paola Tedesco) Zeugin des Mordes an einem Apotheker. Dabei vernimmt sie lediglich die verstellte Stimme des Killers, der ihr von nun an nachstellt und sie fortwährend bedroht. Mara sucht Schutzasyl in der Wohnung ihres Freundes, des Toningenieurs Lukas (Corrado Pani), der sich mit dem Verlauf der Ereignisse nicht zufrieden geben mag und persönliche Ermittlungen in der Sache anstellt. Etliche heiße und weniger heiße Spuren, Drohanrufe und weitere Bluttaten, die in einem seltsamen Zusammenhang zu stehen scheinen, führen ihn und Mara schließlich in die Provinz außerhalb Roms und zum Hause eines ehrenwerten Richters (Giuseppe Addobbati)…

Antonio Bidos Regieeinstand „Il Gatto Dagli Occhi Di Giada“ präsentiert sich nach den Jahren als ein noch immer ganz ordentlicher Giallo rund um eine etwas verworrene und nicht immer ganz aufschlussreich verlaufende Mörderjagd, die zu guter Letzt in einem Finale mündet, dessen dramatischen Nachhall man so nicht unbedingt erwartet hätte und dessen historische Tragweite weit über der der genreüblichen Entlarvungen und Auflösungen angesiedelt ist. Es geht nämlich um nichts Geringeres denn um eine über dreißig Jahre zurückliegende Schuld – eine jüdische Familie wurde dereinst Opfer antisemitischer und denunziatorischer Umtriebe einer Dörfler-Gemeinschaft, die schließlich zur Deportation und Ermordung großer Teile ebenjener Familie durch die Nazis führte. Die Überlebenden konnten und können mit den damaligen Erlebnissen nie abschließen und verschaffen sich daher nachträgliche Gerechtigkeit. Eine solch nachvollziehbare Motivlage ist für den 08/15-Giallo-Killer eigentlich undenkbar und umso exklusiver geriert sich der Status von Bidos Film. Bis zu jener Entwirrung liegen allerdings runde eineinhalb Stunden Aufs und Abs, die es für den in erwartungsvoller Haltung verharrenden Betrachter ebenso durchzustehen gilt wie für Mara und Lukas, die mit Tedesco und Pani nebenbei von zwei nicht allzu charismatischen Darstellern gespielt werden. Die Ambitionen der beteiligten Kreativen lassen sich also schwerlich auf einen Nenner bringen – Bido zumindest hätte man in diesem Falle dann doch deutlich engagierter zu Werke gehende Akteure gewünscht. Der Mann nämlich versteht sein Handwerk durchaus.

7/10

THE NIGHT VISITOR

„Salem! Is it you?!“

The Night Visitor (Der unheimliche Besucher) ~ USA/S 1971
Directed By: Laslo Benedek

Salem (Max von Sydow), der seinen beträchtlichen Intellekt einst bewusst zur Seite schob, um ein karges Leben als versoffener Landwirt zu führen, sitzt in der geschlossenen Irrenanstalt. Seine Schwester Ester (Liv Ullmann) und deren Gatte, der Hausarzt Anton Jenks (Per Oscarsson), hatten ihn vor einiger Zeit durch gezielte Falschaussagen, denen zufolge Salem einen Mord begangen haben soll, dorthin gebracht. Als nun plötzlich brutale Gewaltverbrechen in der Gegend geschehen, fällt Salem scheinbar aus dem Verdächtigenraster, er sitzt ja nach wie vor ein. Doch der ermittelnde Inspektor (Trevor Howard) lässt sich nicht hinters Licht führen – er ahnt, dass Salem einen geheimen Fluchtweg aus der Anstalt gefunden hat und nun auf nächtliche Rachezüge geht…

Als eine auf den ersten Blick etwas eigenartig anmutende Randerscheinung des internationalen Siebzigerjahre-Kinos nimmt sich „The Night Visitor“ aus; als US-schwedische Coproduktion mit zwei berühmten Bergman-Standards in den Hauptrollen, den Brit-Veteranen Trevor Howard und Andrew Keir und inszeniert von dem Exil-Ungarn Laslo Benedek ist „The Night Visitor“ ein recht finster gearteter Thriller, der rein inhaltsbezogen an die schwarzweiße „Madness“-Trilogie der Hammer oder teilweise auch an William Castles Attraktionskino denken lässt. In jenen Filmen ging es jeweils auch um vereinsamte und/oder labile Individuen, die, übervorteilt oder in den Wahnsinn getrieben, irgendwann blutig zurückschlugen.
„The Night Visitor“ greift diese kleine Tradition auf und verlegt sie kurzerhand an den winterlichen Kattegat, wo die Sonne nicht durch die dicke, graue Wolkendecke dringt und die direkt an der Küste gelegene, forensische Verwahranstalt aufragt wie ein karger Albtraum-Monolith. Darin sitzt Salem in seiner kalten Zelle, wenn er nicht gerade mit Gefängnisarbeiten beschäftigt ist, und hat über die Zeit seines bisherigen Aufenthalts tatsächlich den Verstand verloren. Nicht jedoch seine strategische Cleverness und Brillanz, die ihn einen Weg heraus aus dem Gemäuer hat finden lassen. Wie ein nackter Werwolf sprintet und huscht er durch die nächtliche, westschwedische Eiseskälte, um zielstrebig seine Rachepläne auszuführen: Sein Schwager Anton soll wie Salem selbst ungerecht verurteilt werden und in der Isolation schmoren. Dass zwischen Anspruch und Ausführung einige mehr oder weniger der Vegeltung dienende Morde liegen, ist dem längst gesplitterten Moralempfinden Salems nicht weiter von Belang.
Die Besonderheiten von „The Night Visitor“ mitsamt seinem eher konventionellen Script und der beinahe komisch geratenen Auflösung ganz zum Schluss liegen in Setting und Besetzung: Das alles hat man in dieser Form zuvor und auch danach (noch) nicht (mehr) gesehen. Ein Serienmörder, der auf bergman’schem Terrainb wildert – diese Idee ist so zwingend wie clever und findet sich ebenso extravagant in ihre Filmsprache übersetzt.

8/10

WE ARE STILL HERE

„We’ll fix it.“

We Are Still Here ~ USA 2015
Directed By: Ted Geoghegan

Massachusetts, Winter 1979: Um den Unfalltod ihres Sohnes Bobby zu verwinden, zieht das Ehepaar Sacchetti, Anne (Barbara Crampton) und Paul (Andrew Sensenig), aufs Land. Gleich beim Einzug meint die sensible Anne, Signale von Bobby aus dem Jenseits zu erhalten. Ein Besuch der Nachbarn McCabe (Monte Markham, Connie Neer), im Zuge dessen die Sacchettis von der eher beunruhigenden Historie ihres neuen Eigenheims erfahren, wirkt sich indes ebenso verwirrend auf sie aus wie der trotz der niedrigen Temperaturen stark aufgeheizte Keller, in dem sich ein nach dem Rechten sehender Elektriker (Marvin Patterson) schwer verbrennt. Als mit den Lewis‘ (Lisa Marie, Larry Fessenden) ein befreundetes Ehepaar mit spirituellen Fähigkeiten zu Besuch kommt, bricht die Hölle los…

Ted Geoghans Debütfilm erweist sich als stark nostalgisch gefärbtes Genreschmankerl mit Geistern, Fluch und Splatter, an dem das Meiste stimmt. Geoghan hat seine Arbeit insbesondere als Reminiszenz an die Spätsiebziger- und Frühachtziger-Ära angelegt. Für die Fotografie wählte er eine sehr authentisch stimmende, blasse Farbgebung und sanfte Weichzeichneroptik, der Kernplot um eine einst von argwöhnischen Kleinstadtbewohnern gelynchte Familie, die seither im Drei-Dekaden-Rhythmus nach dem Blut einer Familie verlangt, um dann wieder besänftigt ins Zwischenreich zurückzukehren, erinnert ebenfalls an viele der Grusel- und Haunted-House-Filme jener Tage. Das Fluch-, Schuld- und Rachethema verfehlt gerade weil es so gut abgehangen ist und nicht in jedem zweiten der mittlerweile ja wieder zunehmend invasiv auftretenden Dämonenstücke bemüht wird, nicht an vertrauter Wirkung. Allerdings äußern sich die Attacken der Dagmars, so der Familienname der einstmals verbrannten Unglückseligen, nicht durch Spuk und Besessenheit – sie manifestieren sich vielmehr als verkohlte, funkensprühende Zombies, die ihre Opfer mittels gewaltiger Körperkraft auseinanderreißen, zerquetschen oder zerfetzen, was den Effektmeistern hinreichend Anlässe für kernige Sauereien verschafft und den alten gorehound in unsereinem juchzen lässt. Mit Barbara Crampton, Lisa Marie und der gegenwärtig trotz seines Alters wieder viel beschäftigte Monte Markham stand Geoghan dazu noch sympathische Traditionsprominenz zur Seite, mit denen das Wiedersehen einfach Freude bereitet.
Prima!

8/10