SICARIO: DAY OF THE SOLDADO

„What do you need?“ – „Everything.“

Sicario: Day Of The Soldado (Sicario 2) ~ USA/I 2018
Directed By: Stefano Sollima

Als sich infolge eines Bombenattentats in Kansas City bei den US-Behörden der Eindruck einstellt, die mexikanischen Drogenkartelle schmuggelten gegen kräftiges Entgelt neuerdings auch ISIS-Terroristen über die Grenze, erhält CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) den Auftrag, sämtliche, auch unautorisierte, Mittel gegen die Kokain-Mafia zum Einsatz zu bringen. Gravers rasch entwickelte Strategie sieht vor, zwischen dem mächtigen Unterweltboss Carlos Reyes und seiner schärfsten Konkurrenz, dem Matamoros-Kartell, einen Krieg zu entfesseln. Dafür benötigt Graver den früheren Anwalt und jetzigen Profikiller Alejandro Gillick (Bencio Del Toro), der wie gewohnt gnadenlos vorgeht. Als sich jedoch herausstellt, dass der Verdacht der CIA hinsichtlich des Terroristen-Traffickings als unzutreffend erweist, soll Graver sämtliche Verbindungen zu der bereits laufenden Aktion kappen. Dazu gehört auch, Gillick, der just versucht, gemeinsam mit Reyes‘ gekidnappter Tochter Isabel (Isabela Moner) über die US-Grenze zu gelangen, fallen zu lassen…

In seiner Funktion als Fortsetzung des meisterhaften Originals, das mir einer der liebsten Filme des Jahrzehnts ist, enttäuscht „Sicario: Day Of The Saldo“ auf ganzer Linie, was die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Denis Villeneuve und Autor Taylor Sheridan im Nachhinein ein wenig wie einen eher zufällig okkurierenden Glücksfall erscheinen lässt – denn weder Villeneuve noch Sheridan haben sich mit annähernd ähnlichem Ruhm bekleckert, was ihre jüngeren kreativen Ergüsse anbelangt. „Sicario“ bezog seine Faszination einerseits aus der Komplexität seiner Erzählung; der Zuschauer befand sich stets auf demselben Informationslevel wie seine Stellvertreterin Kate Macer (Emily Blunt), eine eher unbedarfte Regierungsangestellte, die nach und nach die zutiefst unmoralische, nur selten legale Vorgehensweise „eingeweihterer“ Kollegen im Krieg gegen die Grenzkartelle kennenlernen muss. Graves und Gillick sind darin in ihrer kalten Abgeklärtheit noch beinahe enigmatische Figuren, wobei besonders der sich der Rache für seine Familie verschriebene „Sicario“, der selbst nicht davor zurückschreckt, Kinder zu ermorden, einen nahezu dämonischen Eindruck hinterließ. In Kombination mit Villeneuves nahezu analytischer und zugleich hochästhetischer Bildsprache ergab dies das bekannte Meisterwerk. Auf das Sequel, wiederum von Sheridan gescriptet und von dem überaus vielversprechenden Sergio-Filius Stefano Sollima inszeniert, hatte ich mich dementsprechend überschwänglich gefreut. Am Ende wartete jedoch nicht wesentlich mehr auf mich denn ein gehobener, in Tom-Clancy-Manier entwickelter Grenzthriller, der die zwei Hauptcharaktere eher ausbremst, als ihre zuvor gegossenen Rohlinge weiter mit Blut zu befüllen. Gut, Graver ist immer noch ein zutiefst dedizierter Regierungswachhund in allen Gassen der Welt, der vor keinem Übel zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung von US-Interessen geht und auch Gillick bleibt (zunächst) der Knüppel-aus-dem-Sack. Warum es ihm allerdings plötzlich so wichtig ist, Isabel Reyes zu beschützen, muss einer beinahe hilflosen Formelhaftigkeit zugeschrieben werden, der Story über die Runden zu helfen. Das Ende des Films, das eindeutig auf weitere Forsetzungen abzielt und auf ein kommendes Duell zwischen Graves und Gillick hindeutet, verstärkte den sich zuvor einstellenden, geflissentlich unbefriedigenden Eindruck nochmals.
„Sicario: Day Of The Soldado“ lässt es – dafür verantwortlich ist vor allem die Ermangelung eines Charakters wie Kate Macer – merklich an Involvierung und Emotionalität mangeln und schiebt seinen Betrachter sukzessive aus dem Zentrum des Geschehens zurück an den Rand. Am Ende steht ein solitär betrachtet gewiss ordentlicher Genrefilm, dem es durch äußere Härte und treffliches pacing stets gelingt, das Interesse für sich lebendig zu halten. Als spezifische Fortschreibung seines Vorgängers indes lässt er einen eher gedämpft zurück.

7/10

Advertisements

THE EQUALIZER 2

„Today, you get to choose.“

The Equalizer 2 ~ USA 2018
Directed By: Antoine Fuqua

Der retirierte Superagent Robert McCall (Denzel Washington) hat es sich mittlerweile endgültig zur Lebensaufgabe gemacht, hilfsbedürftigen Menschen auf höchst inofdfiziellen Wegen aus der Patsche zu helfen. Dabei ist ihm die Arbeit in seinem kleinen Privatchauffeursunternehmen behilflich, bei der er allerlei Leute kennenlernt. Als jedoch seine beste Freundin, die CIA-Beamte Susan Plummer (Melissa Leo), bei einem Einsatz in Brüssel verraten und getötet wird, muss McCall ausnahmsweise einer ganz privaten Agenda nachgehen.

Wenngleich nicht ganz so kraftvoll wie sein Vorgänger, kann das „Equalizer“-Sequel, das für seinen Hauptdarsteller insofern eine karrieristische Premiere darstellt, als dass er zum ersten Mal überhaupt einen bereits gespielten Charakter auf der Leinwand rekapituliert, wiederum mit den bereits bekannten Attributen überzeugen. Über den leicht mutistisch angehauchten McCall wissen wir seit 2014 bereits eine Menge; dass er ein unbeirrbares Helfersyndrom pflegt etwa, dass er Weltliteratur en gros verschlingt; vor allem aber, dass er unaufhaltsam ist, wenn er sich einmal in die Wade eines Unholds verbissen hat. Umso bedauernswerter seine Gegner, die ihn regelmäßig grob unterschätzen und so die furiose Gewalt von McCalls Privatfeldzügen zu schmecken bekommen. Diesmal handelt es sich dabei um McCalls früheren Schützling und Auszubildenden Dave York (Pedro Pascal), hinter dem der unaufhaltsame professional recht bald den Auslöser für Susan Plummers Ermordung ausfindig macht. York, selbst nach wie vor bei der CIA, hat sich gemeinsam mit seinem Team an die Gegenseite verkauft und über seinen Verrat hinaus Susans Liquidierung erst ermöglicht. Aus einem rasch eingefädelten Verdacht wird, nachdem der allseits totgeglaubte McCall sich York zu erkennen gibt, bald tödliche Gewissheit. Der an den klassischen Western angelehnte Showdown führt die Widersacher schließlich in McCalls früheres Heimatstädtchen am Meer, das wegen eines aufziehenden Sturms evakuiert wurde und somit auch in metaphorischer Hinsicht die ideale Kulisse für eine großräumig inszenierte Abrechnung bildet. Dass diese wie üblich gnadenlos und buchstäblich ohne Gefangene zu machen abläuft, muss kaum gesondert erwähnt werden.
Fuqua ist es somit gelungen, einem seiner bislang besten Filme einen auf qualitativer Ebene zumindest annähernd ebenbürtigen Nachfolger nachzusetzen, der wiederum das Versprechen einer ganzen Film-Serie um die Figur McCalls schürt. Besonders Washingtons gewohnt charismatische Form der Darstellung dieses ebenso herzlichen wie eiskalten Killermoralisten lässt darauf hoffen, ihm noch mehrere Male begegnen zu dürfen.

7/10

REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10

THE CROW

„What are you supposed to be? A clown or something?“

The Crow ~ USA 1994
Directed By: Alex Proyas

Der Rockmusiker Eric Draven (Brandon Lee) und seine Braut Shelly (Sofia Shinas) werden am Vorabend von Halloween nach einem Beschwerdebrief Shellys betreffs ihrer desolaten Wohnsituation infolge eines Auftrags des Eigentümers und Gangsterbosses Top Dollar (Michael Wincott) brutal ermordet. Auf den Tag ein Jahr später kehrt Eric als übernatürlicher Superheld aus dem Grab zurück, um seinen und Shellys gewaltsame Tode zu rächen.

Die Comicvorlage von James O’Barr fand ich schon als Teenager ziemlich schwülstig. Was dann jedoch als Filmadaption derselben das Licht der Welt erblickte, lässt mich bis heute kaum ruhig schlafen. Seit 1994 habe ich „The Crow“ in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen vier Male angeschaut. Die letzten drei und somit auch die jüngste Betrachtung erfolgten in zunehmendem Maße mehr oder weniger aus Gründen, mich der Zuverlässigkeit meiner Wahrnehmung zu vergewissern. Schon das erste Anschauen im Kino fiel damals höchst ernüchternd aus. Proyas‘ Debüt, dessen war ich mich zuvor sicher, besaß doch eigentlich alle Voraussetzungen, um ihm hohe Wertschätzung zu garantieren: Comic- und insbesondere Superheldenverfilmungen waren damals trotz erster kommerziell erfolgreicher Gehversuche und vor allem im Vergleich zu heute noch immer eine unsichere Randerscheinung im Kino, der bereits zuvor erhältliche Soundtrack ließ hochpotentes Gras aus den Ohren wachsen, die  weitgehend erlesene Besetzung lässt auch heute noch aufhorchen und das spektakuläre Drama um Brandon Lees Tod bei den Dreharbeiten gab dem posthumen Personenkult um seinen Vater nochmals einen zusätzlichen Schub der Legendenbildung. „The Crow“ firmiert auf der imdb gegenwärtig mit einer Durchschnittswertung von 7,6 und verbucht stolze 81% auf dem Tomatometer. Vor allem die Gothic-Fraktion kürte den Film seinerzeit zum Instant-Kultobjekt.
Diese allumfassende, konsensuelle Zuneigung habe ich nie begriffen. Vielmehr lässt sie mich sogar verzweifeln. Das aus all den oben angeführten, vielversprechenden Faktoren destillierte, resultierende Objekt gehört für mich nämlich zu den größten aller schlechten Witze der Kinogeschichte. Alles an „The Crow“, nahezu ohne Ausnahme, stinkt wie verdorbene Fischabfälle. Am Schlimmsten ist das Script, das O’Barrs bereits naive Graphic Novel zu einer Posse der vorsätzlichen Idiotie macht, zu einer ausgewachsenen, antithetischen Action-Travestie. Sämtliche der auftretenden Figuren, von Draven selbst über die tolldreiten, koksenden, alle denkbaren Lehrbuchklischees in sich vereinenden Gangster, den etwas dummen Polizisten (Ernie Hudson) bis hin zum Straßenmädchen (Rochelle Davis) mitsamt radikal heroinentwöhnter Mutti (Arla Davis) verharren in furchtbarster Stereotypenlage, bekommen keinerlei Raum zur Entfaltung und haben sich mit imbezilen Dialogen zu plagen, die die an sich doch so lyrische Qualität des Szenarios – immerhin geht es um nichts Geringeres denn die Unsterblichkeit wahrer Liebe – mit groben Stiefeln zertreten. Hatte Tim Burton bereits hinreichend gezeigt, wie ein überhöhtes, gotisches Comicszenario ausschauen kann, versagen Proyas, der immerhin mit seinem zweiten Film „Dark City“ all diese Versäumnisse wieder gutmachen konnte, und seine Setdesigner nebst ihren theatralischen Papkulissen und nachlässig gestalteten Interieurs damit hier auf ganzer Linie.
Ich habe mich jetzt vermutlich wirklich zum letzten Mal durch dieses entsetzlich stupide Machwerk gequält und trotz aller antizipatorischen Offenheit wirklich schlimm dabei gelitten. Für mich ist „The Crow“ ein grotesk missratener und, ich wiederhole mich bewusst, vor allem ungeheuer dämlicher Film, der mir wie kaum ein anderer dazu angetan ist, mich an ihm abzureagieren. Immerhin ein Gutes hatte dieses jüngste, passionsträchtige Durchleiden: Mir wurde neuerlich eindrucksvoll vor Augen geführt, wie ein wirklich schlechter und misslungener Film aussehen kann. Allenthalben hat eine solche Erfahrung einen durchaus katalysatorischen und kathartischen Effekt.

1/10

SEQUESTRO DI PERSONA

Zitat entfällt.

Sequestro Di Persona (Die Mafia-Story) ~ I 1968
Directed By: Gianfranco Mingozzi

Francesco Marras (Pierluigi Aprà), dessen Vater (Ennio Balbo) auf seiner Heimatinsel Sardinien große Ländereien besitzt, wird eines Tages im Beisein seiner Freundin Christina (Charlotte Rampling) von einer Gruppe Briganten entführt. Während Christina, die von außerhalb kommt und mit den Verhältnissen auf Sardinien nicht vertraut ist, sich an die Polizei wenden will, halten der alte Marras und Francescos bester Freund Gavino Surgiu (Franco Nero), ebenfalls Sohn eines Großgrundbesitzers, sie an, die Füße stillzuhalten. Dennoch reagiert sie überstürzt, natürlich, ohne ein entscheidendes Ergebnis zu erzielen. Bevor Marras das geforderte Lösegeld zahlen kann, stirbt Francesco schließlich bei einem Unfall. Für Gavino, der längst an einen mächtigen Drahtzieher im Hintergrund glaubt, gibt es nurmehr einen Weg, diesen zu entlarven – er muss sich selbst kidnappen lassen…

Ausnahmsweise nicht in Neapel oder Sizilien angesiedelt, wird in „Sequestro Di Persona“, einem recht früh entstandenen Vertreter des italienischen Politthrillers auch keine der gängigen Bezeichnung für die diversen Mafia-Clans erwähnt. Deren Arbeitsweise und das Machtgefüge mitsamt seiner wohlfeil orchestrierten Hierarchie jedoch verdeutlicht Mingozzis Film von der Pike auf. Als Marionettenspieler gibt sich relativ rasch der saubere Bankier Osilo (Frank Wolff) zu erkennen; ein ehrenwerter Herr, der sich weder durch seinen Habitus noch durch undurchdachte Bemerkungen verrät, obwohl jeder um seine Praktiken weiß. Osilo arbeitet mit den Briganten zusammen, die sich naiverweise wiederum selbst als Klassenkämpfer und moderen Robin Hoods wähnen: Während diese für ihren Auftraggeber, organisierte Verbrecher, die Drecksarbeit übernehmen, die Kidnapping-Aktionen durchführen, als Sündenböcke fungieren und anschließend einen Bruchteil der eigentlich überantworteten Werte erhalten (die eben wesentlich in den für Dumpingpreise an Osilo verschleuderten Ländereien bestehen), macht der feine Geschäftsmann, der das große Geschäft in der Tourismusbranche wittert, den wesentlichen Reibach. Allerdings geht „Sequestro Di Persona“, der noch ein wenig dem Duktus des Italowestern huldigt, die realistischere, resignante Perspektive der späteren, linken Systemkritiker von Damiano bis Rosi ab: Hier holen sich die Betrogenen und Geschändeten am Ende ihr Recht zurück, verbünden sich gegen den Feind und servieren diesen im Zuge einer ganz puristisch geplanten Lynchjustizaktion ab. Dass oder ob Osilo Teil einer weiterreichenden Befehlskette war, der Krieg also weitergehen wird, erfahren wir nicht mehr.
Charlotte Rampling, damals gerade süße 22 und schön wie der junge Morgen, hat derweil als unbedarfte Christina den Auftrag, gemeinsam mit uns, dem Publikum, als Außenstehende die regionalen Strukturen zu erforschen und zu begreifen, nebst der ernüchternden Erkenntnis, dass diese in ihrer archaischen Kausalität bereits seit Jahrhunderten Bestand und Wirksamkeit haben. Dass sie damit nicht besonders gut zurechtkommt, sei ihr zugestanden.

7/10

SUNDAY IN THE COUNTRY

„Nice of you fellas to drop by. Nothin‘ like good as a Sunday in the country.“

Sunday In The Country (Killing Machine) ~ CAN 1974
Directed By: John Trent

Ackerman (Cec Linder), Dinelli (Louis Zorich) und Leroy (Michael J. Pollard), drei flüchtige, überaus gefährliche Bankräuber, von denen besonders der soziopathische Leroy das Schießeisen locker sitzen hat, wollen sich auf der abgelegenen Farm des alten Adam Smith (Ernest Borgnine) eine Ruhepause gönnen. Smith, der hier allein mit seiner Enkelin Lucy (Hollis McLaren) und seinem Gehilfen Luke (Vladimír Valenta) lebt, weiß jedoch um die Gangster und dass sie bereits vier Menschen auf dem Gewissen haben. Entsprechend vorbereitet ist Smith, als das Trio bei ihm aufläuft: Dinelli wird ohne Vorwarnung erschossen und Ackerman und Leroy angekettet. Auf die verzweifelten Vernunftsplädoyers Lucys, die die Ganoven, wie es sich gehört, der Polizei übergeben will, hört Adam nicht – für ihn gilt auf seinem Land nur sein persönliches Recht.

Im „Death Wish“-Jahr 1974 und in bester Tradition zu Peckinpahs „Straw Dogs“ entstand dieses bärbeißige, sorgfältig inszenierte Selbstjustiz-Drama, das den Teufel tut, eine vorgefertigte Moralposition einzunehmen. Stattdessen gibt er dem möglicherweise unvorbereiteten oder gar etwas unbarfterem Zuschauer allerhand zu knabbern. Der aufgrund der wie immer beklagenswerten, prekären ökonomischen Situation der einfachen Farmer ohnehin stark frustrierte Witwer Adam Smith hat im Alltag nur wenig zu lachen. Smith ist überhaupt noch einer vom alten Schlag, der sich 130, 140 Jahre zuvor auch als Pionier und frontierman gut gemacht hätte. Ob er Kriegsveteran ist, erfahren wir nicht eindeutig, aber es liegt nahe. Seine Tochter hat ihn aus ebensowenig luziden Gründen einst sitzen lassen, geblieben ist ihm nur noch seine Enkelin, die zur High School geht und ihm im Haushalt aushilft. Von der liberalen Haltung der jungen Generation hält Smith ebensowenig wie von Studium und Bildung; körperliche Betätigung sei Gotteswerk, sagt er einmal. Dass Smith die biblische Devise „Aug‘ um Aug‘ und Zahn um Zahn“ nicht minder ernst nimmt, erfahren die drei Bankräuber bald an Leib und Leben: könnte man zunächst annehmen, es stünde ein gewohnheitsmäßiger Home-Invasion-Plot ins Haus, an dessen Ende erzwungene Befreiung und Rache stehen, findet man sich bald eines Besseren belehrt. Das kriminelle Trio bekommt gar nicht erst die Möglichkeit zur Haustyrannei, so schnell liegt der erste von ihnen mit einem biertablettgroßen Einschuss im Leib vor der Veranda. In der Folge entspinnt sich dann ein ganz unerwarteter Konflikt, der zwischen Großvater und Enkelin, zwischen Alt und Jung, zwischen Hart und Weich, zwischen Frustration und Naivität, zwischen reaktionärem Konservativismus und liberaler Philanthropie. Wer am Ende den Streit nach Punkten für sich entscheidet, bleibt dem Zuschauer überlassen. Recht behalten beide. Wobei sich zumindest eine Partei zumindest nach sozialbasalen Maßstäben auch dem Unrecht überantwortet.
Leider ist „Sunday In The Country“ nicht bekannter. Ernest Borgnine gibt eine bravouröse Performance ab als irgendwo zwischen bravem Landbürger und sadistischem Totschläger befindliches, menschliches Fragezeichen, Michael J. Pollard genießt es wie gehabt, als fieser, bösartiger Gnom aufzutrumpfen und wenngleich die Kanadierin Hollis McLaren keine zweite Sissy Spacek ist, so macht sie doch einen mehr denn soliden Job. Von John Trent gibt es leider nur noch sechs weitere Filme, von denen ich noch keinen kenne. Das sollte sich ändern.

8/10

EXQUISITE TENDERNESS

„I think you’re nuts.“

Exquisite Tenderness ~ USA/UK/D 1995
Directed By: Carl Schenkel

Bevor die eifrige Chirurgin Theresa McCann (Isabel Glasser) ihrem mit unlauteren Heilmethoden experimentierendem Kollegen Dr. Stein (Malcom McDowell) ans Bein pinkeln kann, wird dieser auch schon brutal ermordet. Und es bleibt nicht bei diesem einen Opfer – der einst von McCann und Stein geschasste Dr. Julian Matar (Sean Haberle) dämmert mitnichten, wie allgemein vermutet, querschnittsgelähmt in einem Sanatorium in Colorado vor sich hin, sondern ist, mittlerweile körperlich wieder quietschfidel, aber geistig sogar noch zerrütteter als zuvor, an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt, um nicht nur blutige Rache zu üben, sondern zudem seine Zellerneuerungsversuche zu perfektionieren. Er benötigt zudem permanent ein frisch entnommenes Sekret aus der menschlichen Hypophyse, um fit bleiben zu können…

Was sich mit dem drei Jahre zuvor entstandenen „Knight Moves“ bereits andeutete, fand mit dem auch als „The Surgeon“ bekannten „Exquisite Tenderness“ (jener Begriff steht, wie uns der Film erläutert, im Ärztesprech für einen Zustand ganz besonders extremer Schmerzen beim Patienten) Carl Schenkels endgültige Hinwendung zu dem statt, was man landläufig als Kino der Kategorie B bezeichnen könnte. Vollzog der Plot des bereits stets eng an der Phantastik befindlichen und spätestens im Finale mit dem Horrorgenre liebäugelnden Vorgängers bereits einige höchst unglaubwürdige Volten, so wurde „Exquisite Tenderness“ schließlich ein lupenreiner Gattungsvertreter der zuletzt in den Achtzigern wohlfeil bedienten Subkategorie „Krankenhaus-Slasher“. Als mit einem völlig verrückten Weißkittel auf Metzeltour befindlichen Superbösewicht arbeitendes Werk erinnerte mich Schenkels ruppiger Film sogar ein wenig an Manny Cotos hübsch durchgemangelten „Dr. Giggles“, zu dem er wiederum einige mentale Parallelen aufweist. Interessanterweise strukturiert und komponiert Schenkel diese Arbeit ganz ähnlich wie seine letzte; es gibt zu Beginn beider Filme eine schwarzweiß bebilderte Rückblickssequenz, die jeweils die psychologische Disposition bzw. die Motivation des hier und dort aktiven Serienkillers erläutert, später wird aus der Identität des Mörders zunächst ein Geheimnis gemacht, derweil der Held bzw. die Heldin in Misskredit geraten. In beiden Filmen verbindet Killer und HeldIn eine gemeinsame Vergangenheit, in beiden Filmen ist Rache ein wesentlicher Antriebsfaktor für den Übeltäter. In beiden Filmen bildet sich ein Pärchen nach visuell anregend gestaltetem, koitalem Zwischenspiel und steht gemeinsam gegen den Bösewicht und beide Finalsequenzen kommen nicht ohne ein abermaliges, spektakuläres Wiederaufbäumen des Verbrechers aus, bevor dieser dann nochmal doppelt so blutig das Zeitliche zu segnen hat. Kurzum: „Exquisite Tenderness“ bildet gewissermaßen eine bucklige Alternativversion zu „Knight Moves“, mit Medizinern anstelle von Schachspielern, ohne die schöne Kameraarbeit eines Dietrich Lohmann, dafür deutlich deftiger, räudiger, zerlumpter und eigentlich auch ehrlicher zu allen Beteiligten als der Vorläufer. Der Spaßfaktor allerdings, der bleibt gleich hoch.

5/10