DOM ZA VEŠANJE

Zitat entfällt.

Dom Za Vešanje (Die Zeit der Zigeuner) ~ YU/I/UK 1988
Directed By: Emir Kusturica

Eine Roma-Siedlung über der Stadt Skopje: Der sanftmütige Perhan (Davor Dujmovic) lebt zusammen mit seiner jüngeren, gehbehinderten Schwester Danira (Elvira Sali) und ihrem Onkel Merdžan (Husnija Hasimović) in der Baracke der Perhan über alles liebenden Großmutter (Ljubica Adzović). Dieser wiederum, mit leichten, telekinetischen Kräften ausgestattet, macht Nachbarin Azra (Sinolička Trpkova) den Hof, bei der er wegen ihrer herrischen Mutter (Bedrije Halim), die Azra ausschließlich an einen liquiden Schwiegersohn herzugeben gedenkt, jedoch keine Chance hat. Daher nimmt Perhan die Offerte des sich gönnerhaft gebenden Ahmed (Bora Todorović) an, ihn und seinen Tross nach Mailand zu begleiten, wo angeblich das große Geld wartet. Danira soll unterwegs in einem Krankenhaus in Ljubljana abgesetzt werden, wo Ahmed ihr großmütig eine Behandlung zu finanzieren verspricht. In Mailand angekommen registriert Perhan rasch, dass Ahmed ein gemeiner Krimineller ist, der sein Geld mit Prostitution und kleinen Räubereien macht und Kinder zum Betteln auf die Straße schickt. Dennoch avanciert Perhan nach einem Schlaganfall Ahmeds zu dessen rechter Hand. Als der Junge schließlich – ohne Erlaubnis Ahmeds – nach Skopje zurückkehrt, muss er erfahren, dass Azra hochschwanger ist – gerüchtehalber von Merdžan, was Perhan in tiefe Verzweiflung stürzt. Dennoch nimmt er Azra, die beteuert, es handle sich um Perhans eigenes Kind, eilends zur Frau und kehrt mit ihr nach Mailand zurück, wo Azra unter dem Druck, den vermeintlichen „Bastard“ verkaufen zu müssen, bei der Niederkunft stirbt. Perhan erkennt nun endgültig, welchen schlechten Einfluss Ahmed auf ihn hatte. Dieser verschwindet jedoch spurlos mit Perhans Sohn. Auch Danira ist nicht mehr aufzufinden. Perhan wird nunmehr einzig von dem Gedanken an Rache getrieben.

Im ersten Teil seiner „Zigeuner-Trilogie“ verfeinert der serbische Regisseur Emir Kusturica seine ihm ohnedies in der Filmkunst so spezifiziert zugeschriebene Methode des realismo mágico und führt diese zur Perfektion: Einer sehr beherzt und emotional erzählten, moralträchtigen und zugleich relativ einfachen Geschichte steht ein sehr viel komplexerer, oft traumnaher Erzählstil gegenüber, in dem im Grunde alles möglich ist. Kusturica meinte, dass die Parallelkultur der Roma und ihre sehr unterschiedlichen, regionalen Ausprägungen ihn seit frühester Kindheit faszinierten und er dort, wo sich ihre Ansiedlungen konzentrierten, das Leben stets um sehr Vieles vitaler wahrnahm als andernorts. Diese Faszination überträgt sich nahtlos schwebend auf „Dom Za Vešanje“, der, besetzt mit einer Kombination aus Laiendarstellern und Profis, einen tiefen Einblick in das Roma-Leben gewährt und dabei jedweden Voyeurismus oder Denunziantentum ausspart. Selbst die Originaldialoge sind in romanes belassen, einer Sprache, die der in den letzten Jahren immer wieder wegen nationalistischer Zugeständnisse aufgefallene Kusturica kaum zureichnend beherrscht. Dabei dividiert sich „Dom Za Vešanje“ im Groben in zwei Teile: Die Zeit, die Perhan im bettelarmen, aber lebensfrohen Heimatdorf verlebt und später dann jene, die ihn unter seinem neuen Paten gen Westen führt, moralisch zutiefst korrumpiert und einen garstigen Misanthropen aus ihm formt, dessen blutiger Rachefeldzug ihm am Schluss selbst den gewaltsamen Tod bringen und aus seinem kleinen Sohn eine Vollwaise machen wird. Schnittstelle bildet eine zutiefst poetische Aufbereitung der von den Roma ausgiebig gefeierten St.-Georgs-Nacht, die als eher heidnisches denn religiöses Frühlingsfest begangen wird und in der Perhan seine Unschuld verliert (und Azra schwängert). Symbolisch wird sein „Erwachsenwerden“ ihn nicht nur körperlich einer entzärtlichten Form der Männlichkeit zuführen, sondern den einstigen Tagträumer darüberhinaus auch brutalisieren. Nach seinem traurigen, vorhersehbaren Ende bleibt nurmehr ein letzter Trost – Hatidža, die tapfere, stets lebenbejahende Großmutter, ewige Fackel- und Hoffnungsträgerin der Sippe, wird sich des Jungen annehmen so wie sich einst schon Perhan angenommen hat. Das Leben – es geht weiter.

10/10

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THE FLY II

„You can’t walk… and you’re getting worse…“ – „I’m getting… better!“

The Fly II (Die Fliege II – Die Geburt einer neuen Generation) ~ USA 1989
Directed By: Chris Walas

Als die Journalistin Veronica Quaife (Saffran Henderson) schließlich doch noch das Kind des auf fürchterliche Weise getöteten, mutierten Wissenschaftlers Seth Brundle zur Welt bringt, stirbt sie gleich nach der Geburt. Doch die scheinbare Monsterbrut entpuppt sich als sehr menschliches Kind, dass binnen fünf Jahren, abgeschottet von der Außenwelt und unter Laborbedingungen zu einem höchst intelligenten, jungen Mann namens Martin (Eric Stoltz) heranwächst. Doch Martin Brundles vermeintlich fürsorglicher Pflegevater, der Konzernchef Anton Bartok (Lee Richardson), hat nur den schnöden Profit im Sinn, den er sich von dem ungewöhnlichen Jungen und vor allem von dessen Weiterarbeit an den Teleportationsexperimenten seines Erzeugers verspricht. Als Martin sich in seine Mitarbeiterin Beth (Daphne Zuniga) verliebt und ihm bald der weitere Kontakt mit ihr verwehrt wird, deckt er endgültig Bartoks wahre Intentionen auf und eine wohlbekannte Verwandlung beginnt sich seiner zu bemächtigen.

Nach dem mittlerweile zum ungezählten Male wiederholten Hochgenuss von David Cronenbergs „The Fly“-Remake überkam mich die spontane Lust, mir nach bestimmt 25 Jahren einmal wieder Chris Walas‘ Sequel, die erste von zwei Regiearbeiten des brillanten S-F/X-Wiz, anzuschauen.
Zunächst lässt sich wohl festhalten, dass die Fortsetzung von der bloßen inhaltlichen Weiterspinnung in keiner Art und Weise an dem Vorbild und seiner hinlänglich bekannten, metaphilosophischen Meditationsebene messen lässt. Walas schwenkt vielmehr gleich zu Beginn radikal hinüber in Richtung hausbackenes Achtziger-Genrekino, das, von einigen Schrecksekunden zu Beginn abgesehen, im ersten Drittel wie ein zeitgemäßer SciFi-Film für ein eher junges Publikum wirkt und in di8esem Zusammenhang vornehmlich an Selbstfindungsgeschichten wie Simon Wincers „D.A.R.Y.L.“ erinnert. Dann folgt die bittere Zäsur, jener grausige Moment mit dem infolge eines missglückten Teleortationsversuchs furchtbar entstellten Laborhund, den Martin erst zwei Jahre später noch immer lebend vorfindet und von seinen Qualen erlösen muss. Diese eine Szenenklammer hatte schon damals und hat noch immer eine höchst transgressive, kaum erträgliche Wirkung auf mich und steht (befremdlicherweise) in keinem emotionalen Verhältnis zum Rest des Films. Vielleicht ist es gerade deshalb gut, dass es sie gibt – ich bin mir da nach wie vor nicht ganz schlüssig.
Gegen Ende jedenfalls dann, als Martins seit eh und je prognostizierte Mutation einsetzt und ihn nurmehr der Gedanke an Rache umtreibt, lässt Walas alle zuvor greifende Zurückhaltung fallen und holzt make-up-mäßig drauf los als gäbe es kein Morgen. Anders als ehedem bei Vater Seth, den mit dem Fliegengenom auch der animalische Wahnsinn befällt, ist Martins Agenda jedoch eine bestens nachvollziehbare und verständliche, wie auch sein trotz des monströsen Äußeren sehr gerissenes Kalkül beweist, das ihm selbst ein humanes Happy End und Hundsfott Bartok ein übles Schicksal als schleimiges Etwas (wie einst dem von ihm am Leben gehaltenen Hund) verheißt. Zuvor darf Brundlefliege junior jedoch noch einige von Bartoks Mitarbeitern aufs Übelste verunstalten, was Walas dann zu seinem wahren Leisten verhilft, obgleich auch die detailliert vorgeführten Splattersequenzen den Wirkungsgrad von jenen des „Originals“ völlig verfehlen.

6/10

MANDY

„I’m your God now.“

Mandy ~ USA/UK/B 2018
Directed By: Panos Cosmatos

1983, irgendwo abgeschlagen in einem parallelen Amerika. Eine Gruppe satanistischer LSD-Hippies unter dem Vorsitz des größenwahnsinnigen Jeremiah Sand (Linus Roache) entführt mithilfe einer Gruppe durch Drogenexperimente derangierter Motorradfreaks den Waldarbeiter Red Miller (Nicolas Cage) und seine Freundin Mandy (Andrea Riseborough). Letztere soll sich Sand sexuell gefügig machen, was jedoch völlig in die Hose geht. Aus verletzter Eitelkeit heraus lässt Sand Mandy bei lebendigem Leibe verbrennen und den vermeintlich tödlich verletzten Red dabei zusehen. Dieser kann sich jedoch befreien und begibt sich auf einen blutigen Rachefeldzug gegen die esoterische Brut.

In den letzten Monaten führte in den Reihen der Online-Cinephilie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Wahrnehmungsweg an „Mandy“ vorbei. Die zweite Regiearbeit von Panos Cosmatos, Sohn des 2005 verblichenen Filmemachers George Pan Cosmatos, wird von etlichen Filmfreunden allenthalben gralsartig vergöttert und verklärt. Dies sei Nicolas Cages großes Comeback nach einem langsam aber sicher besorgniserregenden Loch der DTV-Unebenheiten heißt es da, oder dass „Mandy“s wabernde Audiovisualität, die sich mit Nachdruck vor allem in seiner blutrotgefilterten Photographie und dem typisch dröhnenden Score des just verstorbenen, isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson expediert, bahnbrechend frisch und unverbraucht wirke.
Am Ende, das ist ja meistens so, kann die finale Begegnung der zuvor befeuerten, unbändigen Euphorie natürlich nicht das Wasser reichen. Das Meisterwerk, das manche in ihm sehen, dürfte „Mandy“ keineswegs sein, vielmehr eine in ihren tieferen Seelenebenen überaus schlichte Grindhouse-, Exploitation- und Zeithommage, ein (sehr vorsätzliches) trip movie, das Acidrausch und Wahnwitz kalkuliert verbindet und mich vornehmlich an Jason Eiseners ganz ähnlich getrimmten und gestimmten „Hobo With A Shotgun“ erinnerte. Cosmatos verquirlt alles Mögliche, was ihm in an Verquerem und Verrücktheiten in den Sinn kommt aus Comic, Musik, Film, Literatur und lässt seinen wild irrlichternden Metzger-Orpheus Nicolas Cage ins LSD-getränkte Schneekugel-Inferno abtauchen, ohne dass dieser je die Chance zu erlösender Glückseligkeit in Aussicht gestellt bekäme. Das ist natürlich alles von vergnüglicher Abseitigkeit, oftmals von grotesker Komik und entfaltet seine vermutlich größtmögliche Wirkung vor allem beim selbst intoxinierten Rezipienten. Dieser findet dann auch erstmal recht erschlagen von dem Frontalangriff auf Sinne und Impression, vermag die Quelle der Überwältigung tags darauf jedoch unter Umständen wie jede Art von Droge als dem Glück des Moments geschuldet einordnen.
„Mandy“ ist ein guter, ambitionierter, kleiner Schweinehund von einem Film, einer jedoch, dessen Bärbeißigkeit man nicht etwa den Fehler begehen sollte, als uneingeschränkt meisterlich einzuordnen. Einer solchen Qualitätsmaßgabe wird er auf lange Sicht nämlich nicht standhalten.

7/10

ÉG MAN ÞIG

Zitat entfällt.

Ég Man Þig (I Remember You) ~ IS 2017
Directed By: Óskar Thór Axelsson

Der isländische Mediziner Freyr (Jóhannes Haukur Jóhannesson) vermisst schon seit längerem seinen kleinen, spurlos verschwundenen Sohn Benni (Gudni Geir Jóhanneson), dessen ungeklärter Verbleib Freyr schwer zusetzt. Aktuell unterstützt er die lokale Polizei bei der Untersuchung einer weiblichen Leiche. Die alte, in einer Kirche erhängte Frau weist kreuzförmige Narben mysteriösen Ursprungs auf dem Rücken auf. Weitere Recherchen ergeben, dass es in den Jahren zuvor noch fünf weitere Tote gab, die unter ähnlich seltsamen Umständen und mit ebensolchen Wundmalen aufgefunden wurden. Und noch etwas haben die Opfer gemeinsam: Sie alle besuchten als Kinder dieselbe Schule und haben offenbar mit Vorliebe einen Klassenkameraden namens Bernódus (Arnar Páll Harðarson) gequält, der zudem unter einem fundamentalistischen Vater zu leiden hatte. Während Freyr im Zuge seiner nunmehr parallel laufenden Recherchen selbst von geisterhaften Visionen heimgesucht wird, ist das Ehepaar Katrin (Anna Gunndís Guðmundsdóttir) und Garðar (Thor Kristjansson) nebst Freundin Líf (Ágústa Eva Erlendsdóttir) damit beschäftigt, in einem kleinen, verlassenen Küstenort einen Altbau in ein Hotel umzubauen. Seltsame Erscheinungen überzeugen Katrin bald, dass hier ein Geist umgehen muss…

Von erlösten und unerlösten Gespenstern: Die Regel, dass nicht nur aus dem Kontinentalskandinavischen, sondern vor allem auch aus dem kleinen Island in regelmäßigen Abständen überaus sehenswertes Genrekino kommt, bestätigt „Ég Man Þig“ aktuell wieder eindrucksvoll. Im Groben eine relativ ordinäre Geisterstory um ein ebenso vergeltungs- wie gerechtigkeitsbedürftiges Wesen aus dem Zwischenreich, ist das inhaltliche Grundgerüst dabei wenig innovativ. Was Axelssons Film indes schön und interessant gestaltet, sind zum Einen ein beeindruckend sicheres Regiehändchen und zum anderen die bewusst komplex aufbereitete Dramaturgie, die den Rezipienten mittels verschachtelter Narration unweigerlich zu hoher Aufmerksamkeit sowie zu angeregtem Mitentschlüsseln herausfordert. Tatsächlich verweben sich sukzessive nicht weniger als drei eigentlich voneinander unabhängige Subplots, deren Zusammenhang sich erst spät erschließt, zu einem homogenen Ganzen.
Die urwüchsig-karge Topographie des nordatlantischen Inselstaats liefert darüberhinaus bereits ein solch geballtes Kontingent an atmosphärischer Unterstützung, dass das übrige Zutun sich beinahe spielerisch-ungezwungen ausnimmt. Nichtsdestotrotz fesselt der für einen Horrorfilm regelrecht kontemplativ gehaltene „Ég Man Þig“ mit unablässig forcierter Intensität, nimmt für seine Figuren ein und überzeugt besonders in den emotional straff gespanten Szenen um die drei Möchtergern-Gastronomen, die jede(r) für sich in der Abgeschiedenheit seine/ihre ganz private, kleine Höllenfahrten erlebt. Die ganz große Katharsis bleibt dann am Ende auch aus. Für traurige Gespenster ist nur die Unendlichkeit.

8/10

SICARIO: DAY OF THE SOLDADO

„What do you need?“ – „Everything.“

Sicario: Day Of The Soldado (Sicario 2) ~ USA/I 2018
Directed By: Stefano Sollima

Als sich infolge eines Bombenattentats in Kansas City bei den US-Behörden der Eindruck einstellt, die mexikanischen Drogenkartelle schmuggelten gegen kräftiges Entgelt neuerdings auch ISIS-Terroristen über die Grenze, erhält CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) den Auftrag, sämtliche, auch unautorisierten Mittel gegen die Kokain-Mafia zum Einsatz zu bringen. Gravers rasch entwickelte Strategie sieht vor, zwischen dem mächtigen Unterweltboss Carlos Reyes und seiner schärfsten Konkurrenz, dem Matamoros-Kartell, einen Krieg zu entfesseln. Dafür benötigt Graver den früheren Anwalt und jetzigen Profikiller Alejandro Gillick (Bencio Del Toro), der wie gewohnt gnadenlos vorgeht. Als sich jedoch herausstellt, dass der Verdacht der CIA hinsichtlich des Terroristen-Traffickings als unzutreffend erweist, soll Graver sämtliche Verbindungen zu der bereits laufenden Aktion kappen. Dazu gehört auch, Gillick, der just versucht, gemeinsam mit Reyes‘ gekidnappter Tochter Isabel (Isabela Moner) über die US-Grenze zu gelangen, fallen zu lassen…

In seiner Funktion als Fortsetzung des meisterhaften Originals, das mir einer der liebsten Filme des Jahrzehnts ist, enttäuscht „Sicario: Day Of The Saldo“ auf ganzer Linie, was die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Denis Villeneuve und Autor Taylor Sheridan im Nachhinein ein wenig wie einen eher zufällig okkurierenden Glücksfall erscheinen lässt – denn weder Villeneuve noch Sheridan haben sich mit annähernd ähnlichem Ruhm bekleckert, was ihre jüngeren solitären kreativen Ergüsse anbelangt. „Sicario“ bezog seine Faszination einerseits aus der Komplexität seiner Erzählung; der Zuschauer befand sich stets auf demselben Informationslevel wie seine Stellvertreterin Kate Macer (Emily Blunt), einer noch eher unbedarften Regierungsangestellten, die nach und nach die zutiefst unmoralische, nur selten legale Vorgehensweise „eingeweihterer“ Kollegen im Krieg gegen die Grenzkartelle kennenlernen muss. Graves und Gillick sind darin in ihrer kalten Abgeklärtheit noch beinahe enigmatische Figuren, wobei besonders der sich der Rache für seine Familie verschriebene „Sicario“, der selbst nicht davor zurückschreckt, Kinder zu ermorden, einen nahezu dämonischen Eindruck hinterließ. In Kombination mit Villeneuves nahezu analytischer und zugleich hochästhetischer Bildsprache ergab dies das bekannte Meisterwerk. Auf das Sequel, wiederum von Sheridan gescriptet und von dem überaus vielversprechenden Sergio-Filius Stefano Sollima inszeniert, hatte ich mich dementsprechend überschwänglich gefreut. Am Ende wartete jedoch nicht wesentlich mehr auf mich denn ein gehobener, in Tom-Clancy-Manier entwickelter Grenzthriller, der die zwei Hauptcharaktere eher ausbremst, als ihre zuvor gegossenen Rohlinge weiter mit Blut zu befüllen. Gut, Graver ist immer noch ein zutiefst dedizierter Regierungswachhund in allen Gassen der Welt, der vor keinem Übel zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung von US-Interessen geht und auch Gillick bleibt (zunächst) der Knüppel-aus-dem-Sack. Warum es ihm allerdings plötzlich so wichtig ist, Isabel Reyes zu beschützen, muss einer beinahe hilflosen Formelhaftigkeit zugeschrieben werden, der Story über die Runden zu helfen. Das Ende des Films, das eindeutig auf weitere Forsetzungen abzielt und auf ein kommendes Duell zwischen Graves und Gillick hindeutet, verstärkte den sich zuvor einstellenden, geflissentlich unbefriedigenden Eindruck nochmals.
„Sicario: Day Of The Soldado“ lässt es – dafür verantwortlich ist vor allem die Ermangelung eines Charakters wie Kate Macer – merklich an Involvierung und Emotionalität mangeln und schiebt seinen Betrachter sukzessive aus dem Zentrum des Geschehens zurück an den Rand. Am Ende steht ein singulär betrachtet gewiss ordentlicher Genrefilm, dem es durch äußere Härte und treffliches pacing stets gelingt, das Interesse für sich lebendig zu halten. Als spezifische Fortschreibung seines Vorgängers indes lässt er einen eher gedämpft zurück.

7/10

THE EQUALIZER 2

„Today, you get to choose.“

The Equalizer 2 ~ USA 2018
Directed By: Antoine Fuqua

Der retirierte Superagent Robert McCall (Denzel Washington) hat es sich mittlerweile endgültig zur Lebensaufgabe gemacht, hilfsbedürftigen Menschen auf höchst inofdfiziellen Wegen aus der Patsche zu helfen. Dabei ist ihm die Arbeit in seinem kleinen Privatchauffeursunternehmen behilflich, bei der er allerlei Leute kennenlernt. Als jedoch seine beste Freundin, die CIA-Beamte Susan Plummer (Melissa Leo), bei einem Einsatz in Brüssel verraten und getötet wird, muss McCall ausnahmsweise einer ganz privaten Agenda nachgehen.

Wenngleich nicht ganz so kraftvoll wie sein Vorgänger, kann das „Equalizer“-Sequel, das für seinen Hauptdarsteller insofern eine karrieristische Premiere darstellt, als dass er zum ersten Mal überhaupt einen bereits gespielten Charakter auf der Leinwand rekapituliert, wiederum mit den bereits bekannten Attributen überzeugen. Über den leicht mutistisch angehauchten McCall wissen wir seit 2014 bereits eine Menge; dass er ein unbeirrbares Helfersyndrom pflegt etwa, dass er Weltliteratur en gros verschlingt; vor allem aber, dass er unaufhaltsam ist, wenn er sich einmal in die Wade eines Unholds verbissen hat. Umso bedauernswerter seine Gegner, die ihn regelmäßig grob unterschätzen und so die furiose Gewalt von McCalls Privatfeldzügen zu schmecken bekommen. Diesmal handelt es sich dabei um McCalls früheren Schützling und Auszubildenden Dave York (Pedro Pascal), hinter dem der unaufhaltsame professional recht bald den Auslöser für Susan Plummers Ermordung ausfindig macht. York, selbst nach wie vor bei der CIA, hat sich gemeinsam mit seinem Team an die Gegenseite verkauft und über seinen Verrat hinaus Susans Liquidierung erst ermöglicht. Aus einem rasch eingefädelten Verdacht wird, nachdem der allseits totgeglaubte McCall sich York zu erkennen gibt, bald tödliche Gewissheit. Der an den klassischen Western angelehnte Showdown führt die Widersacher schließlich in McCalls früheres Heimatstädtchen am Meer, das wegen eines aufziehenden Sturms evakuiert wurde und somit auch in metaphorischer Hinsicht die ideale Kulisse für eine großräumig inszenierte Abrechnung bildet. Dass diese wie üblich gnadenlos und buchstäblich ohne Gefangene zu machen abläuft, muss kaum gesondert erwähnt werden.
Fuqua ist es somit gelungen, einem seiner bislang besten Filme einen auf qualitativer Ebene zumindest annähernd ebenbürtigen Nachfolger nachzusetzen, der wiederum das Versprechen einer ganzen Film-Serie um die Figur McCalls schürt. Besonders Washingtons gewohnt charismatische Form der Darstellung dieses ebenso herzlichen wie eiskalten Killermoralisten lässt darauf hoffen, ihm noch mehrere Male begegnen zu dürfen.

7/10

REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10