THE BALLAD OF LEFTY BROWN

„It’s the money. It makes whores of men.“

The Ballad Of Lefty Brown ~ USA 2017
Directed By: Jared Moshe

Montana, 1889. Der Rancher Edward Johnson (Peter Fonda) ist zwar noch einer vom alten Schlag, hat aber dennoch einen Senatorenposten in Washington ergattern können. Als kurz vor seinem Amtsantritt ein paar Viehdiebe auf seinem Land aufkreuzen, macht er sich mit seinem alten Kumpel und Vorarbeiter Lefty Brown (Bill Pullman) an deren Verfolgung – und wird hinterrücks erschossen. Johnsons bald auftauchende Bekannte, Gouverneur Bierce (Jim Caviezel) und Sheriff Harrah (Tommy Flanagan) kondolieren Johnsons trauernder Witwe Laura (Kathy Baker), derweil sich Lefty an die Verfolgung der Mörder macht. Unterwegs trifft er auf den Jungspund Noah DeBow (Stephen Alan Seder), der sich im anschließt, ebenso wie der bald hinzustoßende Harrah. Als Lefty schließlich die Übeltäter ausfindig macht, muss er erkennen, dass Johnson zum Opfer einer politischen Intrige wurde, die auch vor seiner Person nicht Halt macht.

Wie es sich für einen zünftigen Spätwestern gehört, verfügt auch „The Ballad Of Lefty Brown“ über ein Figureninventar, das damit zu kämpfen hat, aus der Zeit gefallen zu sein. Sowohl der designierte Senator Johnson als auch sein treuer Adlatus Lefty Brown sind Männer von gestern, die, wenn auch mitunter heimlich und ohne großes Aufsehen, noch die Law-&-Order-Mentalität praktizieren, mit der sie selbst groß geworden sind. Ihnen gegenüber steht der Fortschritt in der Person des aalglatten Bierce. Dieser ist daran interessiert, Stadt und Staat an die Zivilisation anzubinden. Investoren sollen her, die Eisenbahn und mehr Siedler. Doch die Zivilisation beherbergt auch Schattenseiten. Korruption, Übervorteilung, Intriganz, Hinterhältigkeit. Attribute, mit denen einer wie Lefty Brown zeitlebens nichts zu schaffen hatte. Umso überrumpelter wähnt sich der einfach gestrickte, alternde Kauz, als auf einmal er selbst als Hauptverdächtiger des Mordes an Johnson dasteht. Doch mit Leftys unverwüstlicher Zähigkeit rechnet niemand und so kann am Ende wenigstens der Moral des Atavismus Genüge getan werden.
„The Ballad Of Lefty Brown“ hätte vor knapp fünfzig Jahren auch einen hervorragenden New-Hollywood-Western abgegeben, dafür bürgt gewissermaßen bereits die wehnütig konnotierte Mitwirkung Peter Fondas. In den frühen Siebzigern wäre die Figur vielleicht von Slim Pickens oder Dub Taylor interpretiert worden und die inhärente Zivilisationskritik wesentlich deutlicher und schärfer ausgefallen. Die Bildsprache hätte vermutlich nicht den ästhetischen Hochglanz vermittelt, den ein Genrevertreter anno 2017 als beinahe standardisierten Ästhetikfaktor vor sich herträgt. Was Jared Moshe jedoch nahezu verlustfrei und in kongenialer Weise zu transponieren weiß, das sind Grundierung und Atmosphäre seiner selbsternannten Ballade. Die Elegie, die die Abenddämmerung jener schrecklich-schönen Ära mit sich bringt, lässt einen, so man sich ihr auf die eine oder andere Weise verbunden fühlt, auch heute noch schwerer atmen. Nein, der Western ist nicht tot. Mitnichten.

7/10

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HOSTILES

„If I did not have faith, what would I have?“

Hostiles (Feinde – Hostiles) ~ USA 2017
Directed By: Scott Cooper

New Mexico, 1892. Kurz vor seiner Retirierung erhält der Indianerhasser Captain Joseph Blocker (Christian Bale) den Auftrag, den sterbenden Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi) und seine Familie zu den heiligen Stammesgründen in Montana zu eskortieren. Höchst widerwillig nimmt Blocker die Mission an. In der Prärie stößt man auf die verstörte Rosalee Quaid (Rosamund Pike), die just ihre gesamte Familie durch einen Überfall von Komantschen verloren hat. Blocker nimmt sie mit sich. Die folgende Reise konfrontiert die ungleiche, zunehmend dezimierte Gruppe nicht nur mit den rachedürstigen Indianern, sondern zudem mit gesetzlosen Trappern, dem Familienschlächter Wills (Ben Foster), den Blocker überführen soll, und rassistischen Ranchern. Dennoch gelangt man gemeinsam ans Ziel und, gewissermaßen, sogar darüber hinaus.

Ganz abgesehen davon, dass „Hostiles“ ein wunderschöner Genrefilm geworden ist, verlangt er hinsichtlich der Glaubwürdigkeit seiner Figurenentwicklung vielleicht das eine oder andere Zugeständnis – im Kern geht es schließlich um die, vielleicht gezwungenermaßen etwas einfältige, Menschwerdung eines unverbesserlich scheinenden Veteranen und Rassisten; darum, dass sich manchmal auch nach noch so prägenden und furchtbaren Ereignissen ein Schritt in die sehr viel humanistischere Gegenrichtung lohnt, den süßen Taumel der Erlösung von Geist und Seele inbegriffen. Wie Captain Joseph Blocker in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mit seinen erklärten Widersachern, den amerikanischen Ureinwohnern, umgesprungen ist, lässt sich nur mutmaßen. Andeutungen und angerissene Anekdoten lassen jedoch darauf schließen, dass er seinem späteren Gefangenen Mills wenn überhaupt nur wenig nachstand. Dass Gewalt und Hass ihn zu allem anderen denn zu einem zufriedenen Menschen gemacht haben, lässt sich jedenfalls an seinem verhärmten Gesicht und seiner Reaktion auf den unliebsamen Geleitsauftrag ablesen. Doch selbst einer wie Blocker lernt noch dazu. Vergebung ist möglich, blindwütige Generalisierung kontraproduktiv, Integrität keine Frage von Herkunft oder Hautfarbe. Auch dass es moralische Konflikte geben kann und muss, wird der einstige, grantelnde Kommisskopf schließlich begreifen, wenn er ein letztes Mal die Waffe erhebt – diesmal gegen weiße Siedler und zum Schutze von Yellow Hawks Familie. Über den (trotz allem wahrscheinlich sehr viel ehrlicheren/authentischeren) Fatalismus eines „Ulzana’s Raid“ sind wir hier hinfort.
Mit „Hostiles“ wagt Scott Cooper neben der Ausleuchtung vieler anderer Gattungsexemplare auch eine Ehrerbietung an und für Ford, im Speziellen seinen „The Searchers“ und die Figur des Suchenden Ethan Edwards, der schließlich, am Ende seiner Suche und vor seiner Auflösung im Mythenpool des Westens, wenn vielleicht auch nur für einen kurzen Moment, das Licht findet. Kann auch einer wie Blocker, verblendet und verbohrt, über seinen Schatten springen? Wenn sich am Ende die letzte Tür schließt, weiß man diese Frage zu beantworten. Nur dass Joseph Blocker hineingeht und nicht, wie einst Ethan Edwards, heraus.

8/10

THE POST

„My decision stands and I’m going to bed.“

The Post (Die Verlegerin) ~ USA/UK 2017
Directed By: Steven Spielberg

Washington D.C., 1971. Während Kay Graham (Meryl Streep) nach dem Tod ihres Mannes den Vorstandsvorsitz der „Washington Post“ übernimmt und sie über den Gang des Blattes an die Börse zu entscheiden hat, bekommt Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) Wind von den so genannten Pentagon-Papieren, einer streng geheimen, umfangreichen Studie über die aus US-Sicht militärische Unwägbarkeit des Vietnamkriegs, die Verteidigungsminister Robert McNamara (Bruce Greenwood) basierend auf Informationen des Analytikers Daniel Ellsberg (Matthew Rhys) erstellt hat. Während die Nixon-Administration die Tradition ihrer Vorgänger fortsetzt und weiter öffentliche Lügengespinste um den angeblich erfolgreichen Verlauf des Militäreinsatzes in Südostasien forciert, packt Ellsberg das schlechte Gewissen und er gibt erste Auszüge des von ihm emsig kopierten Berichts an die „New York Times“ weiter, womit der Enthüllungsinstinkt Bradlees geweckt ist. Unter großen Widerständen aus Politik, Justiz und auch dem eigenen Hause entschließen sich Kay Graham und Bradlee schließlich über eine umfassende Reportage zu den Papieren und brinen damit den ersten Stein zum Sturz der Regierung ins Rollen.

Die Vierte Macht im Staate, die Presse, ist seit zum jeher Gegenstand vieler sehenswerter bis meisterhafter Filme auserkoren worden. Der sich ja ebenso stets für historische Sujets begeisternde Steven Spielberg kann mit „The Post“ also ein wohlfeil beackertes Feld abernten; wobei er erwartungsgemäß vorrangig zu Alan J. Pakulas „All The President’s Men“ hinüberschielt, dem er in mehr als einer Szene seine Reverenz erweist. Dessen makellose Perfektion, die gewiss auch und vor allem etwas mit der zeitlichen Angebundenheit an die porträtierten Ereignisse zu tun hat, erreicht Spielberg mit „The Post“, der sich zugleich ein wenig als Prequel zu Pakulas Film lesen lässt (selbstverständlich konnte der Regisseur nicht davon lassen, im Epilog den Watergate-Einbruch zu zeigen), nicht. Wo Paula seine Stärken aus seiner bald dokumentarischen Akribie, einer betont schmucklosen Erscheinung und natürlich einem Ensemble in Höchstform bezog, wird man bei Spielberg eher Zeuge eines gepflegt-biederen period piece, dessen Thema und Aufbereitung zwar aller Ehren wert sind, der jedoch zugleich Pakulas packenden Ansatz mit einer leicht schleppenden Altersmüdigkeit verwechselt.
Dass die Streep mal mit Spielberg zusammenarbeiten würde, war im Prinzip so sicher wie das Amen in der Kirche und gewissermaßen haben sich hier dann auch zwei Ikonen des überraschungsfreien Qualitätskinos gesucht und gefunden. Für Hanks bedeutet „The Post“ derweil bereits die fünfte Kollaboration mit dem Regiemagnaten und zugleich nebenbei auch die bis dato gemächlichste. Der wohl größte Lapsus des Films, einer, den man von einem Spielberg eigentlich nicht erwarten würde, liegt in seiner durchweg registrierbaren Unentschlossenheit, welchen der drei angeschnittenen Kuchen er aufessen soll – geht es nun um ein Porträt der privat und ethisch gebeutelten Kay Graham, um eines des widerständischen Salonrevoluzzers Ben Bradlee oder doch um die McNamara-Studie und ihren gesellschaftspolitischen impact? Eine rechte Antwort dazu hält „The Post“ nicht parat.

6/10

BATTLE OF BRITAIN

„We are not asking for anything. Europe is ours, we can walk into Britain whenever we like.“

Battle Of Britain (Luftschlacht über England) ~ UK 1969
Directed By: Guy Hamilton

Spätsommer 1940: Nach dem Einmarsch in Belgien und Frankreich hat Hitler die Einnahme der britischen Insel im Auge. Mit Reichsmarschall Göring (Hein Riess), Chef der deutschen Luftwaffe, schickt er einen überaus siegesgewissen Adjutanten an die französische Atlantikküste, um von dort aus die aus der Luft geplante Eroberung Großbritanniens zu überwachen. Doch bei der hiesigen Bevölkerung Churchills „No Appeasement“-Politik  ist seit der Evakuierung von Dünkirchen überaus populär: Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit und etlicher anfänglicher Verluste schlägt die Royal Air Force die Attacken der Deutschen vehement und immer erfolgreicher zurück. Nachdem die Wehrmacht ihre Luftangriffe im Zuge des „Blitz“ auf London konzentriert, können sich die verbleibenden Kräfte auf den nunmehr von den Attacken vernachlässigten Luftwaffenstützpunkten sammeln und Großbritanniens drohende Okkupation endgültig und erfolgreich verhindern.

Vor allem das psychologische Moment der britischen Gegenwehr, an der auch kanadische, tschechoslowakische und polnische Piloten beteiligt waren, stellte sich im Nachhinein als eminent kriegsentscheidend heraus: Nach dem mit dem Dritten Reich geschlossenen Waffenstillstand Frankreichs und Hitlers weiterem unermüdlichen Vordringen Richtung Süden und Osten war man angstvoll geneigt, dem Diktator selbst noch die Eroberung des gesamten Globus zuzutrauen. Die internationale Erkenntnis, derzufolge man sich dem Reich nicht nur im Hinblick auf einen drohenden Einmarsch entgegenzustellen, sondern es zudem noch an empfindlichen Stellen zu treffen vermochte, ist der Entschlossenheit Churchills und der geschlossenen Gegenwehr der R.A.F. zu verdanken. Fraglos musste auch zu diesem Thema ein prestigeträchtiges, nunmehr als klassisch zu bezeichnendes Kinomonument entstehen, das, wie eine Menge nicht minder qualitätsbewusster, aber doch weit weniger teurer Vorgänger unter britischer Produktionsägide entstand. Nun haben Kriegsfilme, die sich mit Luftkämpfen befassen, es aus rein dramaturgischer Perspektive nicht eben leicht. Technik, Logistik und auf die Fliegerei begrenzte Schauwerte stehen im Vordergrund; für die Kunst des Schauspielens, und handele es sich um noch eine so beeindruckende Ansammlung allerbester Akteure wie hier, bleibt nur allzuwenig Platz. Mit diesem Problem hat „Battle Of Britain“ zu kämpfen wie kein anderer mir bekannter Gattungsvertreter. Wie üblich strotzt die Besetzungsliste vor großen Namen und Stars, doch welchen Wert haben selbst noch die familiärsten Gesichtszüge, wenn nurmehr die Augenpartie sichtbar ist? Hinzu kommt die Notwendigkeit der Ereignisraffung, denn die Luftscharmützel zogen sich über mehrere Monate hinweg. Das Interesse an den – fraglos grandios inszenierten – Fliegerszenen muss da zwangsläufig erlahmen. Immerhin bewahrt der Film einen hübschen, unaufdringlichen Humor und passgenaues understatement. Jene wunderbare, unübertreffliche Szene etwa, in der Edward Fox nach einem erzwungenen Ausstieg mit dem Fallschirm mitten ins Treibhaus einer Vorstadtvilla rauscht und ihm der umtriebige Junge des Hauses daraufhin eine von Papas Zigaretten kredenzt, beweist als eine von mehreren und bei aller ansonsten rechtzufertigenden Mäkelei, dass Hamiltons Film grundsätzlich das Herz am rechten Fleck hat.

7/10

LADY MACBETH

„Are you skirts in danger of falling down?“

Lady Macbeth ~ UK 2016
Directed By: William Oldroyd

England, 1865. Die freisinnige Katherine (Florence Pugh) geht eine arrangierte Hochzeit mit dem Neureichen-Spross Alexander (Paul Hilton) ein, dessen knorriger Vater Boris (Christopher Fairbank) vor allem den überfälligen Familienerben von ihr „erwartet“. Alexander jedoch, der weder zu zwischenmenschlicher noch zu körperlicher Liebe fähig ist, lässt ihr nur Verachtung und Widerwillen zuteil werden. In Alexanders Abwesenheit vernarrt sich Katherine in den virilen Stallknecht Sebastian (Cosmo Jarvis), mit dem sie eine innige Affäre beginnt. Als der alte Boris von dem Verhältnis Wind bekommt, lässt Katherine sich nicht beugen – sie tritt die Flucht nach vorn an und entfesselt einen Strudel der Gewalt.

Was auf inhaltlicher Ebene nach viktorianischem Schicksalskitsch auf Groschenroman-Niveau duften mag, entpuppt sich bei der Betrachtung als kraftvolles, konzentriertes Drama um die (historische) Unmöglichkeit für eine junge, selbstbewusste Frau, ein erfülltes Leben zu führen und ihren anschließenden, versuchten Ausbruch aus der biographischen Fremdbestimmung. Katherine, wunderbar gespielt von Florence Pugh, ist zeitlebens ein Opfer von buchstäblichem Freiheitsentzug und charakterlicher Eingrenzung. Über ihr bisheriges Leben erfährt man wenig; obschon sich vermuten lässt, dass sie hinlänglich in gesellschaftlicher Etikette sowie in standesgemäßem Geschlechterverhalten geschult ist. „Lady Macbeth“ beginnt mit ihrem Einzug in das Anwesen des gräulichen Vater-Sohn-Gespanns, das auch sich selbst gegenüber ausschließlich Feindesligkeit, Hass und Argwohn pflegt. Gleich mit ihrer Ankunft findet sich Katherine als unverhohlene Gefangene im eigenen, neuen Hause wieder. Ihre Tage sollen fortan daraus bestehen, sich morgens ihr engkorsettiertes Kleid anzuziehen und die Stunden schweigend und andächtig im kargen Salon des Hauses zu verbringen. Vom Verlassen des Grundstücks rät ihr selbst das Hauspersonal vehement ab – sie könne sich verkühlen und krank werden. Dennoch dauert es nicht lang, bis Katherine die Bekanntschaft Sebastians macht, der alles an Männlichkeit personifiziert, was Katherine sich wünscht. Doch der Tribut, den sie zu entrichten hat, um mit ihrem Liebhaber zusammen zu sein, wird zunehmend blutiger. Am Ende verrät Katherine alles, wofür sie zuvor gekämpft hat, um dem Galgen zu entgehen. Von nun an ist sie wirklich eine Gefangene auf Lebenszeit, in ihrer (nun immerhin selbstherbeigeführten) Einsamkeit.
Aus der besonders im 19. Jahrhundert zu einigem Renommee gelangten literarischen Kategorie „Missratene Töchter“ stammt diese, einer Novelle des russischen Schriftstellers Nikolai Leskov zugrunde liegende und bereits mehrfach adaptierte Geschichte. Wo beispielsweise etwas später bei Fontane jedoch soziale Ächtung und der Kummertod stehen, ist die Katherine in Oldroyds Film weitaus unbeugsamer. Bei ihr manifestieren sich Ablehnung und Geschlechterdünkel zunächst im Widerstand gegen die Konventionen, um sich dann in mehrfachen Mordakten zu entladen, denen keinesfalls mit Gewissenbissen begegnet wird, sondern mit der genüsslichen Gewissheit, das Richtige getan zu haben.
Dass Oldroyd ein etwas eingeschränktes Budget zur Verfügung stand, kommt dem Endresultat nebenbei sehr zupass; so fokussieren sich sowohl die Inszenierung wie auch das Geschehen umso eindringlicher auf den moralischen Verfall seiner Protagonistin.

8/10

DARKEST HOUR

„Those who never change their mind never change anything.“

Darkest Hour ~ UK/USA 2017
Directed By: Joe Wright

Am 10. Mai 1940 wird Winston Churchill (Gary Oldman) im Alter von 65 Jahren infolge des Rücktritts von Neville Chamberlain (Ronald Pickup) zum britischen Premierminister ernannt, nachdem sein Parteigenosse Lord Halifax (Stephen Dillane) den Posten abgelehnt hat. Während Hitlers Armeen das westeuropäische Festland überrennen und zur Atlantikküste vordringen, stellen sich Churchills Vorgänger und Halifax auf diplomatische Verhandlungen mit Hitler und Mussolini ein, während Churchill der festen Überzeugung ist, dass es mit faschistischen Diktatoren keine sinnvollen Gespräche geben könne. Kurz bevor er einknickt, versichert sich Churchill der Unterstützung König George VI (Ben Mendelsohn) und der vox populi. Die am 26. Mai beginnende „Operation Dynamo“, die Evakuierung der eingekesselten britischen Soldaten vom Strand von Dünkirchen mithilfe der zivilen Schifffahrt, erbringt schließlich eine erste, entscheidende Kriegswende.

Was sich eigentlich und recht eindeutig als sinnvolles Präludium zu Christopher Nolans „Dunkirk“ erweist, kam leider erst einige Wochen nach diesem in die Kinos. Schlechte Absprachen werden dafür weniger die Ursache gewesen sein denn bloßer Zufall, dennoch bietet sich „Darkest Hour“ im Rahmen einer kleinen, filmischen Geschichtsstunde als das vorzusichtende Werk geradezu perfekt an. Der Film selbst ist ein durchweg sympathisches Porträt der kriegsentscheidenden Persona Winston Churchills, die Gary Oldmans darstellischer Krone ein weiteres Juwel hinzufügt. Selbst im fatsuit und unter der dicken Maskierung, die ein klein wenig an Oldmans nunmehr auch schon ein Vierteljahrhundert zurückliegende Darstellung des Grafen Dracula in seiner ausgedörrten Seniorengestalt erinnert, lässt sich das nuancierte Spiel und die teils verblüffende Studie des elder statesman, der durch waghalsige Aktionen wie die Gallipoli-Schlacht und seine persönliche Exzentrik seiner Partei nicht selten ein Dorn im Auge war, noch immer hervorragend genießen.
„Darkest Hour“ bildet überaus spürbar dediziertes Traditionskino ab, das nicht eben mit Klischees wie der Rückhalt spendenden Ehegattin (Kristin Scott Thomas) im Hintergrund oder der hübschen, jungen Privatsekretärin (Lily James) als Repräsentantin des „gemeinen Volks“ geizt und auch den berühmt-berüchtigten Eigenheiten des Vorbilds, das den Legenden zufolge tagtäglich Whiskey (Johnnie Walker), Rotwein (Claret), alten Brandy und natürlich Champagner (Pol Roger) und üppige Mahlzeiten im Wechsel mit dicken Zigarren konsumierte und damit nicht selten den Haushaltsetat überstrapazierte, geizt. Churchills überstützt anberaumte, zentralistisch dramaturgisierte Fahrt mit der U-Bahn, die er dazu nutzt, den Widerstandsgeist der Menschen von der Straße abzuklopfen und seine nachfolgende, umjubelte Rede vor dem Parlament, bei der er nachdrücklich klarstellt, das das Empire nicht vor Hitler kriechen werde, stellen erwartungsgemäß die emotionale Klimax von Wrights Film, und das mit allem gebührenden Erfolg.
Eine ehrwürdig-gesetzte, schöne und rundum feine Arbeit, sich unbedingt zur baldigen Wiederholung empfehlend.

8/10

LA FIGLIA DI FRANKENSTEIN

„Here on Earth, man is God!“

La Figlia Di Frankenstein (Lady Frankenstein) ~ I 1971
Directed By: Mel Welles

Kurz bevor Baron Frankenstein (Joseph Cotten) und sein Helfer Dr. Marshall (Paul Muller) ihr glorreiches Experiment zur Erschaffung künstlichen Lebens aus rekomponierten Leichenteilen fertigstellen können, kehrt des Burgherrn schöne, frisch medizinexaminierte Tochter Tania (Rosalba Neri) nach Hause zurück, die insgeheim schon seit langem um die Bestrebungen ihres alten Herrn weiß und nun daran teilhaben möchte. Die bald darauf tatsächlich zum Leben erweckte Kreatur (Peter Whiteman) ist jedoch gar nicht mit ihrer unfreiwilligen Neugeburt einverstanden und geht sogleich auf Mordzug, dem Baron als erstes Opfer das Leben aus der Brust quetschend. Während der übereifrige Polizist Harris (Mickey Hargitay) dem Monster auf der Spur ist, gibt es für die langsam aus dem psychischen Ruder laufende Tania nur einen Weg, das Ungeheuer zu stoppen – eine zweite Kreatur muss her, mit dem Gehirn Marshalls im Körper des imbezilen Stallknechts Thomas (Joshua Sinclair)…

Prächtiger Camp aus den letzten Tagen des golden age of gothic horror, als Schnellschuss finanziert und von Regisseur Welles doch höchst ambitioniert hergestellt. Der Gute machte das Beste aus den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, hatte schöne Kulissen (ein umbrisches Schloss nebst Interieur, ein schickesa Monsterlabor mit allerlei eingelegten Leichenteilen und brodelnden, rot lumineszierenden Reagenzien) zur Verfügung und ein knackiges Ensemble, wie es für jene Ära und diese Art Produktion nebst Standort geradezu repräsentativ ist. Vor allem Rosalba Neri glänzt in der Titelrolle als selbstbestimmte Frau: In einer patriarchalisch dominierten Zeit besitzt sie die Chuzpe, nicht nur einen akademischen Abschluss vorweisen zu können, sondern dazu noch völlige sexuelle Autarkie. Weil das an sich gut gewachsene Faktotum Thomas ihr einserseits zu flachgeistig ist, der sie begehrende Dr. Marshall andererseits aber zu hässlich und altersschwasch, kommt sie kurzerhand auf die blitzgescheite Idee, ihres Vaters Errungenschaften für eine Kombination des Besten beider Welten zu missbrauchen – ein schönes Gehirn in einem leistungsstarken Körper, das wär’s doch überhaupt! Dass Tania F. nebenbei ziemlich paraphile Gelüste ihr Eigen nennt, wird in der Szene deutlich, als sie lustvoll orgasmierend den erstickenden Thomas buchstäblich ins Jenseits reitet. Dem wasserköpfigen Monster mit Triefauge wird leider etwas wenig screentime zugedacht, wie auch schade ist, dass Joseph Cotten bereits nach knapp der Hälfte aus der Geschichte scheidet. Aber sei’s drum, „La Figlia Di Frankenstein“ ist alles in allem ein schöner Film und eine Zierde seiner Gattung sowieso.
Was die Herrschaften von Buio Omega für ihre just erschienene Liebhaberedition des Films, ein absolutes Referenzobjekt für Liebhaber und Sammler psychotronischer, apokrypher Kinofrüchte, auf die Beine gestellt haben, ist nebenbei die absolute Obersahne: Der Film erstrahlt komplett restauriert und wieder vervollständigt in leuchtenden Farben und knackscharf, von den witzigen Extras einmal ganz abgesehen. So, und eigentlich nur so sollte optimalerweise das Heimstudium von schillernden Werken wie diesem erfolgen.

7/10