THE PROFESSIONALS

„You bastard.“ – „Yes, Sir. In my case an accident of birth. But you, Sir, you’re a self-made man.“

The Professionals (Die gefürchteten Vier) ~ USA 1966
Directed By: Richard Brooks

Der reiche Rancher Grant (Ralph Bellamy) heuert vier Söldner unter dem Vorsitz des Strategen, ehemaligen Revolutionskämpfers und Villa-Sympathisanten Rico (Lee Marvin) an, seine gekidnappte Frau Maria (Claudia Cardinale) aus den Händen des mexikanischen Rebellen Jesus Raza (Jack Palance) zu befreien. Auch Ricos drei mit angeheuerte Kollegen sind jeweils Experten auf ihrem Gebiet: Für das Dynamit und seinen möglichst effektiven Gebrauch ist der charmante Lebemann und Womanizer Dolworth (Burt Lancaster) zuständig, der melancholische Ehrengart (Robert Ryan) ist Pferde-Profi und der wortkarge Sharp (Woody Strode) eine Koryphäeim Gebrauch von Waffen aller Art. Bis zu Razas Versteck, einer verfallen Hazienda jenseits der Grenze, dringen die Vier relativ problemlos vor – im Versteck des vermeintlichen Kidnappers angekommen, erleben sie jedoch eine unvorhersehbare Überraschung, die sie alle nach und nach die moralische Rechtmäßigkeit ihrer Mission überdenken lässt.

Für Richard Brooks‘ besten, zweiten (und somit mittleren von insgesamt drei) Western „The Professionals“ gilt: nomen est omen. Durchweg exzellent in der Ausführung ist Brooks ein handwerlich perfekter Genrebeitrag vor dem in den späten Sechzigern auch infolge der italienischen Ableger beliebten Hintergrund der mexikanischen Revolution gelungen, der mit Fug und Recht zu seinen besten Regiearbeiten gezählt werden muss. Die Prämisse, vier absolute, nicht mehr ganz junge, einsame Profis, Söldner natürlich, denen mittlerweile nurmehr Geld das abgeklärte Leben verschönern kann, auf eine Reise zu schicken, an deren Ziel sie mit ihren vormaligen (falschen) Idealen gebrochen haben werden, ist motivgeschichtlich gewiss betagt, was aber nichts am herben, zuweilen rustikalen Charme dieses ausgesprochenen Männerfilms ändert. Speziell das Protagonisten-Quartett bürgt für höchste Einsatzfreude: Lancaster bleckt, trotz zwischenzeitlicher Visconti-Erfahrung und inmitten allerlei sehr existenschwer beladener Rollen, nochmal die Kauleisten wie zu seligen „Crimson Pirate“-Zeiten (freilich mit pausenlosem Rauchwerksgenuss), Marvin, der als Leiter und Anführer des Kommandounternehmens wie stets cool as cool can ist, der imposante, einmal mehr eine unglaubliche Dignität an den Tag legende Strode und schließlich der – gemessen an manch lauter und böser Schurkenrolle von einst („The Naked Spur“, „Bad Day At Black Rock“) – geradezu betreten leise Ryan bilden ein vorzügliches Action-Kleeblatt. Dazu die sepiafarbene Prärie in feinster Breitwand und Technicolor (Conrad Hall) voller magic hours, dusks und dawns und Maurice Jarres Klänge, die dem von den umliegenden Lean-Epen akustisch verwöhnten Betrachtergehör einige Déjà-écoutaits bescheren – alles von vorn bis hinten von einer traumwandlerischen Perfektion und cineastischem Hochgefühl, von Luxus und Erhabenheit gesäumt, wie man sie heute in solch altehrwürdiger Form nicht mehr antrifft.

10/10

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BOHEMIAN RHAPSODY

„We’re all legends.“

Bohemian Rhapsody ~ UK/USA 2018
Directed By: Bryan Singer

London, 1970. Als Farrokh Bulsara (Rami Malek), 23-jähriger Sohn parsischer Einwanderer, das Rocktrio Smile in einem Club sieht, ist sein illustres Schicksal besiegelt: Gitarrist Brian May (Gwilym Lee) und Drummer Roger Taylor (Ben Hardy) nehmen kurz darauf Farrokhs Bewerbung zum neuen Sänger an. Komplettiert durch Bassman John Deacon (Joseph Mazzello) nennt sich die Combo fortan Queen, ergattert einen Plattenvertrag bei EMI und erlebt eine beispiellose Erfolgskarriere, wobei das exzessive Privatleben des homosexuellen, sich mittlerweile Freddie Mercury nennenden Frontmanns deutlich von den vergleichsweise biederen, aber eben auch vom kreativen Wahnsinn gemiedenen Lebensentwürfen der verbleibenden drei Bandviertel unterscheidet. Nach einer kleinen Krise nebst Arbei an einem Soloalbum versöhnt sich Freddie wieder mit Brian, Roger und John und akzeptiert Bob Geldofs Einladung, im Juli 85 beim Live Aid in Wembley aufzutreten. Ihr kleiner 20-Minuten-Gig wird legendär.

Etwas verwunderlich erschien mir der meinerseits unerwartet gigantische Erfolg dieser sehr bieder gehaltenenen, erahnbar routinierten Rockstar-Bio dann zunächst ja doch. Bereits kurz darauf jedoch auch wieder nicht, denn wahrscheinlich ist es eben genau das: Durch seine Kantenlosigkeit und garantiert unanstrengende Konsumierbarkeit macht Bryan Singers „Bohemian Rhapsody“ es seinem Pulikum stets leicht und hübsch und amorph. Nun, im Grunde passt der oberflächlichenglänzende, vor allzu unwägbaren Untiefen sichere Film genau zu dem Image, das Queen zeit ihrer Bandhistorie in der Öffentlichkeit pflegten – mit ebenso radio- wie stadiontauglichem Powerpop/Hardrock-Mix wussten sie als Single- wie als Albumband zu überzeugen, mal hymnisch, mal Prog, mal Disco, zwischen genialisch und albern, von allem ein bisschen und doch nichts ganz durchgängig, kann man ihnen eins nicht absprechen: Eine in dieser Form rare, charakteristische Unverkennbarkeit, die zu bestimmt 75 Prozent Freddie Mercurys Persona zu verdanken ist. Ohne den gockelhaften Geck nebst seinem gewaltigen Timbre und seiner unvergleichlichen Bühnenpräsenz hätten Queen ihren nunmehr bekleideten Status gewiss niemals erreicht. Da Bulsara/Mercury zugleich ein immens komplexer Mensch mit diversen, tragischen Schattenseiten und Unwägbarkeiten war, verwundert demnach die lange Wartezeit bis zu einem biographischen Spielfilm. Nun also ist er da, und vielfach optimierungsbedürftig dazu. „Bohemian Rhapsody“ hetzt relativ atemlos durch 15 Jahre Queen- und Mercury-Geschichte, schneidet an, wirft Häppchen ins Publikum und bleibt dabei betont kommensurabel. Er ist durchaus elegant inszeniert, bemüht sich, Denunzationen auszusparen und dabei einen Status als unterhaltsames Anschauungsmaterial für den Musikunterricht in der Sekundarstufe ja nicht aufs Spiel zu setzen. Kurzum: Er geht vollkommen auf Nummer Sicher. Die erfolgreichsten Singles inklusive kurzer Entstehungsgeschichte (im Falle des Titelstücks freilich etwas ausführlicher) werden hastig angespielt; auf authentische Chronologie indes pfeift man mehr denn einmal. Das bestes Beispiel dafür dürfte Freddies Kenntnis um seine HIV-Erkrankung sein und der Zeitpunkt, wann er seine Bandgenossen darüber informierte. Wichtige Bezugspersonen und Lebensstationen werden (bewusst?) umgangen, darunter vor allem seine Münchener Jahre, Barbara Valentin oder Winnie Kirchberger. Das wohl überzeugendste Häkchen des Films auf der Habenseite, nämlich die ja ohnehin überall groß gefeaturte, tatsächlich ungeheure physiognomische Ähnlichkeit der Queen-Darsteller mit ihren realen Vorbildern, wetzt diese Scharten nur unzureichend aus. Gegen wesentlich tiefschürfendere, atmosphärischere Band-/Musiker-Biopics wie Oliver Stones „The Doors“, Anton Corbijns „Control“ oder aus jüngerer Zeit „Love & Mercy“ von Bill Pohlad und F. Gary Grays „Straight Outta Compton“, die, jede für sich, das Allermeiste im Griff haben, kann „Bohemian Rhapsody“ jedenfalls nicht anstinken.
Für den Queen-Liebhaber markiert insbesondere diese Tatsache ein nicht immer glücklich umrahmtes Ereignis verpasster Möglichkeiten. Was bleibt, ist die Musik. Die ist glücklicherweise unzerstörbar.

5/10

OUTLAW/KING

„I’m done with running and I’m sick of hiding.“

Outlaw/King ~ UK/USA 2018
Directed By: David Mackenzie

England im Jahre 1302. Nachdem die schottischen Edelleute König Edward (Stephen Dillane) im Gegenzug für die Garantie, ihre Lehen behalten zu dürfen ihre Waffen zu Füßen gelegt und ihm Treue geschworen haben, soll der Frieden durch eine Heirat des Adligen Robert Bruce (Chris Pine) mit Edwards Patentochter Elizabeth Burgh (Florence Pugh) besiegelt werden. Doch die Waffenstille bleibt trügerisch: Als der Aufrührer William Wallace getötet und seine Leiche vöffentlich zur Schau gestellt wird, sieht sich Bruce gezwungen, eine neuerliche Revolte gegen die Engländer anzuzetteln. Nachdem er einige Vertraute von seinem Vorhaben überzeugen kann, wird er zum schottischen König gekrönt. Der mittlerweile todkranke Edward veranlasst seinen Sohn (Billy Howle), gegen die Rebellion vorzugehen, doch dieser wird Bruces nicht habhaft und kann stattdessen bloß Elizabeth und Marjorie (Josie O’Brien), Bruces Tochter aus erster Ehe in Geiselhaft nehmen. Derweil schart Bruce – mittlerweile als Guerillero unterwegs – immer mehr Gefolgsleute um sich und kann trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die Armee Edwards II in der Schlacht von Loudoun Hill vernichtend schlagen.

Man muss kein ausgesprochen historisch bewanderter Filmfreund sein, um sich den Namen „Robert Bruce“ oder auch „Robert The Bruce“ flugs ins Gedächtnis zu rufen: Der Figur des späteren schottischen Königs wurde bereits in Mel Gibsons (bekanntermaßen eine sehr unpopuläre Meinung in cinephilen Kreisen, aber ich bleibe, excusez-moi, tapferen Herzens dabei:) wunderbarem „Braveheart“ ein kleines Kinodenkmal gesetzt. Darin spielte Angus Mcfayden den schottischen Earl, dessen von seinem leprösen Vater gelenkte, staatsräsonistische Flatterhaftigkeit und verräterische Haltung schließlich das Ende des Titelhelden bedeuteten, nicht allerdings, um danach doch noch eine kleine Ehrenrettung für The Bruce bereitzuhalten, der dann wiederum gegen die Engländer ins Feld zieht. In seinem jüngsten, von Netflix produzierten Film nimmt sich nunmehr der schottische Filmemacher David Mackenzie der Figur des Robert Bruce an; freilich nicht mit der grobkantigen Wucht, Fabulierfreude und Flamboyanz eines Mel Gibson, aber doch auch zumindest ein wenig geschichtsklitternd. Dass sich historisch eingebundenes Genrekino jedoch Freiheiten erlaubt und unbedingt erlauben darf, gehört seit der Geburtsstunde des Films zu seinem basalen Wesen; dies ist allein auf die Unvereinbarkeit von Erzählzeit und erzählter Zeit zurückzuführen.
William Wallace nun bekommt man in „Outlaw/King“ nicht zu Gesicht und auch die Beziehung zwischen ihm und Robert Bruce bleibt weithin nebulös. Zudem hat letzterer hier auch indirekt nichts mit Wallaces Festsetzung und Hinrichtung zu tun; im Gegenteil ist die Rache für dessen unrühmlichen Tod eine Hauptantriebsfeder für Bruces finalen Entschluss, sich doch gegen König Edward zu stellen (das reale Vorbild unterwarf sich tatsächlich mehrmals, nur, um sich dann doch immer wieder aufs Neue seiner patriotischen Wurzeln zu besinnen). Mackenzie umgreift den Stoff in einer Mischung aus klassischem Mittelalter-Abenteuer und Gegenwartsstil. Sein von Chris Pine wohltuend gediegen interpretierter, jedoch durchweg edler Held passte charakterlich ebensogut in einen Ritterfilm der fünfziger Jahre, während die Abbildung der Ära des frühen 14. Jahrhunderts klar naturalistisch erfolgt. Diese Kombination funktioniert überraschend gut, wie auch die schöne Romanze zwischen Pine und Pugh sowie die Darstellung des ebenso schurkischen wie unfähigen Edward II, den Gibson durch Peter Hanly noch  höhnisch als tuckigen Firlefanz porträtiert hatte.
Als potenzielles aftermath zu „Braveheart“ (ein Wiedersehen mit James Cosmo gibt’s außerdem) für alle, die danach noch Luft und Lust haben, also eine schöne Ergänzung und ein durchaus ansehnlicher Film, wenngleich wie erwähnt ohne den lustvollen steinerweichenden Irrwitz eines Mel Gibson.

7/10

ANNA KARENINA

„We’ll be punished because we’re happy.“

Anna Karenina ~ USA 1935
Directed By: Clarence Brown

Moskau, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die gesellschaftlich geachtete Beamtengattin Anna Karenina (Greta Garbo) kommt aus St. Petersburg, um die Ehe und Familie ihres Bruders, des spitzbübischen Stiva Oblonskij (Reginald Owen), zu retten, der einmal mehr seine Gattin Dolly (Phoebe Foster) betrogen hat. Dabei lernt sie Stivas Freund, den adligen Offizier Wronskij (Fredric March) kennen, der sich Hals über Kopf in Anna verliebt und im Gegenzug die wiederum ihn anhimmelnde Kitty (Maureen O’Sullivan), die jüngere Schwester Dollys, links liegen lässt. Wronskij folgt Anna nach St. Petersburg und macht ihr trotz allseitiger Warnrufe solange den Hof, bis auch sie ihm verfällt. Als Annas steifer Ehemann Karenin (Basil Rathbone) von der Affäre Wind bekommt, verlangt er von seiner Frau Contenance, ausschließlich um sein persönliches Renommee in Sorge. Eine Reise von Wronskij und Anna nach Venedig hat zur Folge, dass Karenin den Kontakt zwischen Anna und ihrem heißgeliebten Sohn Sergei (Freddie Bartholomew) einen endgültigen Riegel vorschiebt. Das Leben als öffentlich geächtete, untreue Ehefrau, die Schuld auf sich geladen hat, wird für Anna mehr und mehr zur Qual. Im Gegenzug wendet sich Wronskij langsam von ihr ab und meldet sich schließlich für einen Balkan-Feldzug. Anna sieht den letzten ihr verbleibenden Ausweg im Selbstmord.

Tolstois „Anna Karenina“, ein berühmtes Sittenbild des spätzaristischen Russland und zudem ein exemplarisches Stück zum allseits bemühten Epochensujet der nach einem erotischen Fehltritt in sozialen Zugzwang geratenden Heldin dürfte vermutlich einer der am häufigsten adaptierten Romane der Weltliteratur sein. Diese Hollywood-Verfilmung der MGM, damals Greta Garbos Vertragsgesellschaft, entstand zum Einen infolge von David O. Selznicks durch die Inaussichtstellung, mit der Garbo produzieren zu können, forcierten Wechsel von der RKO zum Löwenstudio und zum anderen durch Garbos persönliche Insistierung, in ihrem nächsten Film eine historische Rolle übernehmen zu dürfen. Die Wahl fiel auf „Anna Karenina“, eine Figur, die die Garbo bereits acht Jahre zuvor schon einmal unter der Regie von Edmund Goulding gespielt hatte. Erwartungsgemäß hatte das Projekt mit mehrerlei Unwägbarkeiten zu kämpfen: Als kurz nach dem Greifen des Hays Code angesetzte Produktion musste sich das Script allzu offensiver Schlüpfrigkeiten enthalten; zudem gebot das maßgebende 95-Minuten-Korsett noch eine relativ rücksichtlose Komplexitätsreduktion der Vorlage, die ja mehrere, parallel erzählte Handlungsstränge aufweist. So spart der Film etwa mit Annas zweiter Schwangerschaft nebst der Geburt ihrer und Wronskijs Tochter Annie sowie der anschließenden Wirrungen ein wichtiges inhaltliches Element komplett aus, ebenso wie die Beschreibung der krisengebeutelten Beziehung von Kitty und ihrem wankelmütigen Gatten Ljewin (Gyles Isham), dem im Film die Funktion eines eher unwesentlichen Nebencharakters zufällt. Wie so oft bei Literaturadaptionen sollte man demnach sein Hauptaugenmerk auf die rein filmischen Qualitäten richten, die selbiges in diesem Fall dann auch absolut rechtfertigen. Mit der Garbo und Fredric March gibt es zwei glamouröse Stars ihrer Tage zu bewundern, wobei besonders die inbrünstige Darastellung der Diva eigentlich den gesamten Film an sich reißt. „Anna Karenina“ bietet sich geradezu hervorragend an, um die ikonographische, bald ätherische Faszination, die die lediglich bis zu ihrem 36. Lebensjahr aktive Aktrice bis heute umweht, begreifen und nachvollziehen zu können. Mitreißend, wenn auch routiniert inszeniert, dürfte Ihre Interpretation der sich in ständischen Verfänglichkeiten verheddernden, tragischen Frauengestalt, die ihre Fehltritte mit tiefer Verzweiflung, seelischer Gesundheit und schließlich dem Freitod bezahlt und deren Leidensweg sie von einer lebensbejahenden Persönlichkeit zu einem traurigen Häuflein Elend degradiert, trotz aller Distanz zum prosaischen Vorbild die Essenz jener großen Figur beispielhaft einfangen. Dass eine solche Leistung nicht allein von Leinwandcharisma getragen werden kann, sondern ihr vor allem große Schauspielkunst vorausgeht, mag in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.

8/10

BLACKKKLANSMAN

„All power to all the people.“

BlacKkKlansman ~ USA 2018
Directed By: Spike Lee

Colorado Springs, 1972. Der afroamerikanische Police Detective Ron Stallworth (John David Washington) leidet zunehmend unter den repressiven und rassisistischen Bedingungen, die auch sein exekutives Berufsfeld keineswegs ausspart. Als er sich eigeninitiativ entschließt, undercover statt der regionalen „Black Power“-Bewegung den Ku-Klux-Klan zu infiltrieren, geben seine Vorgesetzten ihm und zwei Kollegen (Frederick Weller, Adam Driver) eher widerwillig grünes Licht. Tatsächlich gelingt es Stallworth, sich beim Klan und insbesondere bei dessen Grand Wizard David Duke (Topher Grace) über Telefongespräche einzuschmeicheln. Rons vorgebliches „Gesicht“ bei den bald folgenden Treffen übernimmt sein Partner Flip Zimmerman (Driver). Dass es letztlich ihrem Engagement zu verdanken ist, dass ein Sprengstoffattentat fehlschlägt, wird klammheimlich unter den Teppich gekehrt…

Auch wenn ich Spike Lee, früher mal einer meiner vordersten Lieblingsregisseure, diesen jüngsten Publikumstriumph absolut gönne und das (auhentische) Sujet seines period piece aller politischen Ehren wert ist – seinen kreativen Zenit hat der Filmemacher längst hinter sich. Weder den fiebrigen, aggressiven bis wütenden Duktus seiner frühen Filme, noch sein nicht minder florierendes Talent als formvollendeter Geschichtenerzähler und New-York- bzw. Brooklyn-Chronist, die ihn in einer exemplarischen, fast ununterbrochenen Linie diverse Meisterwerke inszenieren ließen, sind bei dem scheinbar etwas müde gewordenen Lee noch in der wünschenswerten Weise spürbar. Vielmehr wirkt „BlacKkKlansman“ oftmals wie ein Schattenriss diverser Vorzüge des einstigen Genius, etwa, wenn er den neunzigjährigen Harry Belafonte in Gegenmontage zu einem Klan-Kongress über einen Lynchjustizfall vor dem Hintergrund der Uraufführung von Griffiths „The Birth Of A Nation“ (zu dem Lee eine ewige, flirrende Hassbeziehung pflegt) berichten lässt. Solche Szenen hinterlassen bedauernswerterweise eher die Impression kantenloses Tagewerks, dessen mit Ausnahme der hinreißenden Laura Harrier von einer mäßig überraschenden Darstellerriege (darunter erstaunlicherweise diverse Verwandte berühmterer Familienmitglieder) getragene Pflichtbemühtheit wehmütig an die schwitzige, emotionsaufgeladene Unmittelbarkeit einstiger Großtaten wie „Do The Right Thing“ denken lässt.
Was demnach bleibt, ist für Lees Verhältnisse ungewohnt abgesichertes, mit wenigen wirklich nachhaltigen Momenten versetztes, in Anbetracht der tragikomischen, zugleich aber recht antiklimaktischen Story gefertigtes Routinement, das durchweg in Ordnung geht, an einstige Großtaten jedoch nicht mehr heranzureichen vermag.

6/10

MOONFLEET

„Jeremy! Why do you keep lying to the boy?“

Moonfleet (Das Schloss im Schatten) ~ USA 1955
Directed By: Fritz Lang

Dorset, 1757. Der kleine Waisenjunge John Mohune (Jon Whiteley) wird nach dem Tode seiner Mutter zu ihrem Verflossenen, dem Edelmann Jeremy Fox (Stewart Granger) auf das von ihm bewohnte, halbverfallene Anwesen Moonfleet geschickt. Fox, der sich äußerlich standesgemäß gibt, in Wahrheit jedoch ein schurkischer Schmuggler ist, findet zwar Gefallen an dem jungen John, mag sich aber keine Verantwortung auferlegen. Als John durch Zufall den Hinweis zum Versteck eines verschollen geglaubten Diamanten entdeckt, wähnt Fox darin seine letzte Chance, aus England und somit seinen ihn mittlerweile auch steckbrieflich verfolgenden Häschern zu entkommen. Dafür müsste er sich jedoch zugleich endgültig des Kindes entledigen…

„Cinemascope – it’s only good for snakes and funerals!“ ließ Godard in seinem „Le Mépris“ Fritz Lang zum Besten geben. Inwieweit darin tatsächlich persönliche Erfahrungen des legendären Regisseurs einflossen, lässt sich lediglich mutmaßen – die MGM-Produktion „Moonfleet“ bildet jedenfalls Langs einziges Projekt, in dem er sich des superbreiten Formats (Robert H. Planck) bediente. Der Film stand während seiner Entstehung und auch bei seiner Veröffentlichung unter keinem besonders guten Stern – die Hauptfigur des Jeremy Fox kommt in der literarischen Vorlage, J. Meade Falkners gleichnamigem Jugend- und Abenteuerroman, überhaupt nicht vor und war lediglich als swashbuckelndes Vehikel für Vertragsschauspieler Stewart Granger angelegt; der Junge – im Film vielleicht acht Jahre alt, ist im Buch bereits fünfzehn. Granger und Lang kamen nicht sonderlich gut miteinander aus und überhaupt passen Ambiente und Sujet des Films nicht allein infolge ihrer bedürftigen Formalia und selbst bei oberflächlicher Betrachtung kaum zum restlichen Œuvre Langs, dessen lange Hollywood-Phase langsam ihrem Ende entgegenging. „Moonfleet“ floppte dann auch unverdient herb an den Kinokassen.
Dennoch hat Langs eigenwilliges Werk über die Jahre hinweg viele treue Liebhaber und Wertschätzer gefunden. Und tatsächlich gefällt die nunmehr stark an Stevensons „Treasure Island“ angelehnte Falkner-Adaption vor allem als märchenhaftes, dunkles gothic drama, das sich weitaus weniger für Pomp und Flamboyanz interessiert als die üblichen Vertreter des Mantel- und Degenfilms und stattdessen sehr viel mehr an der Schaffung einer überaus unikalen Atmosphäre interessiert ist. Der unschuldige, gutgläubige und sehr liebenswerte Junge John Mohune gerät in eine ihm fremde Halbwelt der Schmuggler und des amoralischen Ruch, in der ausgerechnet sein durch Johns Erscheinen überrumpelter Mentor der schlimmste aller Ganoven ist. Düstere, wunderhübsch-schaurig gestaltete Atelierkulissen, darunter ein mit leuchtenden Augen augestatteter, steinerner Todesengel auf dem Moonfleet-Friedhof und dämmrige matte paintings, setzen den kleinen John einer vor allem für Kinder kaum verdaulichen Albtraumstimmung aus. Dass der Knabe im weiteren Verlauf oftmals um sein Leben fürchten muss und von Fox vorübergehend für dessen Zwecke eingespannt und ausgenutzt wird, macht sein von ihm mit aller gebührenden Tapferkeit empfangenes, trauriges Los kaum erträglicher. Natürlich besinnt sich der vormalige outlaw Fox, nunmehr bereits tödlich verwundet, am Ende seiner früheren, stolzen Werte und seines im Grunde edlen Charakters und überantwortet John einer sehr viel lichteren Zukunft.
Dass dies einen von Langs seltsamsten, zugleich jedoch tatsächlich bezauberndsten Filmen ergibt, muss im Nachhinein als kaum minder schicksalhafte Fügung betrachtet werden.

9/10

SAVING MR. BANKS

„I can’t abide cartoons!“

Saving Mr. Banks ~ USA/UK/AUS 2013
Directed By: John Lee Hancock

London, 1961. P.L. Travers (Emma Thompson), die Autorin und Schöpferin der legendären Kinderbuch-Nanny Mary Poppins wird bereits seit zwei Jahrzehnten von dem Studiomogul Walt Disney (Tom Hanks) um die Verfilmungsrechte an ihrer Figur angefleht. Nun, da die persönlichen Finanzen trüber werden, steht P.L. überaus widerwillig vorm Einknicken – allerdings lediglich unter für Disneys Produktionsstil nahezu untragbaren Bedingungen. Weder ein Musical solle „Mary Poppins“ werden, noch dürfe er Trickfilmsequenzen enthalten, insistiert die widerborstige Travers gleich bei ihrer Ankunft in Kalifornien. Die Reise in den staubigen Golden State bildet für sie indes zugleich eine Reise in ihre frühe Kindheit und somit in jene Tage, als sie (Annie Rose Buckley), damals noch in Australien lebend, ihren über alles geliebten Vater (Colin Farrell) an dessen zerstörerische Alkoholsucht verlieren musste. Derweil müht sich Disney, seine Interessen, die natürlich völlig konträr zu denen von Travers stehen, sukzessive durchzusetzen – um am Ende vermeintlich zu scheitern. Erst als er um P.L. Travers‘ wahre Biographie erfährt und somit auch die psychologischen Aufarbeitungstendenzen ihrer Poppins-Geschichten durchschaut, verfügt er über das nötige Rüstzeug, um sie doch noch umzustimmen.

„Saving Mr. Banks“ – natürlich, wie könnte es auch anders sein – eine Disney-Produktion, hat mich zu bitterlichem Weinen gebracht. Am Ende habe ich mich gemeinsam mit Emma Thompson durch die gesamte Film-im-Film-„Mary Poppins“-Premiere im Grauman’s Chinese Theatre geheult. Der Grund dafür ist einfach: Wie P.L. Travers als kleines Mädchen habe ich, allerdings als Jugendlicher, bei lebensunweiser Naivität völlig zwecklos gegen die übermächtige Abhängigkeit und den zermürbend langsamen, psychischen und körperlichen Zerfall meines Vaters angekämpft, nur, um wie sie am Ende kläglich zu verlieren. Ihre Motivlage so, wie der Film sie darstellt, ist somit ein offenes Buch für mich und noch viel darüber hinaus. Vor allem die als lichtdurchflutete und doch so dramatische Rückblenden eingestreuten Kindheitssequenzen mit der sensationellen Nachwuchsdarstellerin Annie Rose Buckley gingen mir immens zu Herzen und holten mich selbst zurück in Zeiten, die mich viel Unsicherheit und Schmerz gekostet haben. Dass sich in dem Film sehr viel offensiver noch die Geschichte einer Kreativprostitution verbirgt, macht ihn dann doch noch etwas zwiespältig, wobei ich mir erlaube, der Erzählung durchaus Ironie zu unterstellen. „Poor A.A. Milne“ sagt P.L. Travers einmal, als sie einen überlebensgroße Stofffigur von Disneys Bären Pu erblickt und subsummiert damit das ganze Disney-Dilemma des Weichspülens und der Klebrigkeit. Die geschäftliche Verhandlung mit Disney bedeutet, umgeben zu sein von aufdringlichem Kitsch – von Mickymäusen und Donaldducks, von Wackelpudding in lustigen Formen und Unmengen von Süßigkeiten mit extra Zuckerguss; er bedeutet einen Zwangsbesuch in Disneyland, etliches an Indoktrination, Überredungskunst und schließlich die erschöpfte Kapitulation, als Disney mit seinem letzten Überzeugungsschachzug ein Waffenstrecken forciert. Freilich lässt „Saving Mr. Banks“ P.L. Travers am Ende nicht als Verliererin dastehen – im Gegenteil versichert er selbstsicher, dass sie letztlich die richtige Entscheidung getroffen habe, indem sie Disney habe machen lassen. Dennoch versäumt er es bei aller erwartungsgemäß positiven Charakterisierung des alternden Tycoons nicht, regelmäßig zumindest sanftironisch konnotierte Zweifel zu säen. Darin liegt dann doch wieder ein schöner Verdienst dieses auch sonst wirklich schönen Films.

8/10