THE LIMEHOUSE GOLEM

„Here we are again!“

The Limehouse Golem ~ UK 2016
Directed By: Juan Carlos Medina

In der Ära der Viktorianischen Jahre geht im Londoner Viertel Limehouse ein Mörder um, den die zu Geschwätz und Aberglauben neigenden Einwohner bald als „Limehouse Golem“ bezeichnen. Die Spur führt den ermittelnden, stillen Inspector Kildare (Bill Nighy) zu der beliebten Sängerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), die des Mordes an ihrem Mann John verdächtig ist. Kildares Ermittlungen ergeben, dass etliche Indizien die Identität des Golem betreffend zur Person John Crees führen, allein der finale Beweis steht noch aus…

Ein Film wie „The Limehouse Golem“ hat ganz einfaches Spiel mit mir: Kostümkino, dazu noch angesiedelt im Viktorianischen London und, gewissermaßen als vollmundiges parfait, eine Mördergeschichte obendrauf – da bin ich stets gern dabei. Peter Ackroyds zugrunde liegender Roman spielt, ähnlich wie Alan Moores gewaltiges „From Hell“, abseits von seinem Kernplot um die Mordserie und deren Aufklärung, mit den Mythen, den multiplen kulturellen und ethnischen Facetten jener Periode, die weite Teile Londons zu einem multikulturellen Schmelztiegel machten. Insbesondere jedoch das Hafenviertel Limehouse im East End der Stadt, berüchtigt für seine Ansammlungen exotischer Halbweltler und deren hierher transferierte Lebensart, gilt als Inspiration für eine Vielzahl von Geschichten und Trivialabenteuern von Thomas Burke bis hin zu Sax Rohmer. Entsprechend reichhaltig der Inspirationsfundus. Dass sich bei Ackroyd, respektive der Adaption, noch Platz für historische Zeitgenossen findet, nominell den Schauspieler Dan Leno (Douglas Booth), den Autor George Gissing (Morgan Watkins) und Karl Marx (Henry Goodman), verleiht „The Limehouse Golem“ eine von mehreren interessanten Zusatznoten, zu denen ebenso die Einblicke in die frühe Musical-Theatre-Szene gehören. Als Genrestück hingegen nimmt sich Medinas zweiter Langfilm wohl weniger erwähnenswert aus; zwar spielt ihm eine gewisse, mit dem Stoff einhergehende Abgründigkeit in die Karten, wer jedoch explizit nach einem historisch aufgeladenem Spannungsstück sucht, könnte sich möglicher- und berechtigterweise enttäuscht finden.
Für mich ist „The Limehouse Golem“ insofern sehenswert, als dass es ihm vorzüglich gelingt, in die porträtierte Ära einzutauchen und mit seinen Querverweisen ein paar inspirierende und stimulierende Einblicke zu leisten.

7/10

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LAURIN

Zitat entfällt.

Laurin ~ D/HU 1989
Directed By: Robert Sigl

Irgendwo in Deutschland, kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende, in einem kleinen Städtchen mit Meerzugang: Die Mutter (Kati Sir) der kleinen Laurin (Dóra Szinetár) muss sterben, weil sie Zeugin des Mordes an einem Jungen wurde. Für das Mädchen, dessen Vater (Barnabás Tóth) wie viele der Männer hier zur See fährt, beginnt eine Zeit der Unsicherheit und Einsamkeit. Mit der Rückkehr des Pfarrersohns Van Rees (Károly Eperjes) vom Militär mehren sich seltsame Zeichen, die nur Laurin wahrzunehmen im Stande ist.

Infolge der jüngst stattgefundenen Restaurierung, Neuveröffentlichung und kleinen Kino-Tournee von Robert Sigls fast schon dreißig Jahre altem Film ist „Laurin“ urplötzlich wieder in aller Munde zumindest der deutschen Cinephilie. Fast unmöglich, dem Ausnahmewerk momentan nicht allenthalben zu begegnen, dabei war es doch eigentlich nie ganz weg. Gern wird angeführt, dass „Laurin“ vor allem deshalb eine wesentliche Position in der jüngeren hiesigen Filmgeschichte einnimmt, weil er sich als Genrestück zumindest im zeitgenössischen Kino einen höchst spezifischen Ausnahmestatus sichert.
Auch für den Regisseur Robert Sigl, der „Laurin“ mit 26 Jahren fertigstellte und der in der Folge bislang ausschließlich fürs Fernsehen arbeitete, bleibt das vielschichtige, düsterromantische Kleinod ein Ausnahmetriumph. Mir selbst fiele aus dem zeitlichen Kontext nur noch Ralf Huettners „Der Fluch“ (bezeichnenderweise eine TV-Produktion) ein, wenn ich eine sich annähernd ähnlich beklemmend ausnehmende, emotional involvierende Arbeit nennen müsste.
„Laurin“ zeigt sich von vielerlei Einflüssen geprägt; die Geschichte eines Mädchens an der Grenze zur Pubertät (oder kurz darüber hinaus), dass auf eine phantastische, unter Umständen morbide Entdeckungssuche geschickt wird, hat etliche literarische und auch filmische Wurzeln. Lewis Carrolls „Alice“-Romane wären da zu nennen, „The Wizard Of Oz“ und, später im Film, „Valerie A Týden Divu“, „Lemora – A Child’s Tale Of The Supernatural“ und später noch „The Company Of Wolves“ und „Phenomena“. Aus all diesen Quellstoffen bezieht Sigls Film – ob bewusst oder unbewusst – seinen exquisiten Treibstoff. Ein wenig Herzog scheint noch drinzustecken, an dessen im historischen Ambiente angesiedelte Werke man sich hier und da erinnert fühlt. Trotzdem ist „Laurin“ immer noch eigenwillig genug, um als etwas Neues und Besonderes gewertet werden zu können und seinen besagten Exklusivstatus zu sichern. Mit ungarischen DarstellerInnen gedreht und in deutscher Sprache nachsynchronisiert, ergibt sich bei der Betrachtung zunächst der nicht zu unterschätzende Vorteil, sich nicht nur zeitlich, sondern auch demoskopisch entrückt zu wähnen. Wo genau das Städtchen liegt, in dem „Laurin“ spielt, lässt sich ferner kaum bestimmen; Ostsee und Donauufer schießen einem durch die assoziativen Verschaltungen. Das „Zweite Gesicht“ des Mädchens bringt dann ein dezidiert phantastisches Element mit in das sich bald entspinnende Mördermysterium, das sich später um brodelnde, seit langem schwelende Abgründe ergänzt findet: Der alternde Pastor (Endre Kátay) erweist sich als weitaus weniger enthaltsam als sein Stand ihm gestattet; er hat wenigstens ein uneheliches Kind und scheint, nicht zuletzt in Anbetracht der tiefen Verstörtheit seines Sohnes, der sich schließlich als Kindsmörder entpuppt, noch ganz andere, sehr viel dunklere Obsessionen zu hegen. Symbolische Vorboten – ein Flugdrachen, der wie ein schwarzes Herz durch die Luft flattert und ein nicht minder schwarzer Schäferhund – leiten Laurin bis hin zur Entlarvung und Unschädlichmachung der finsteren Wolken über dem ohnehin bereits dämmernden k.u.k.-Schmuck der sich neigenden Epoche.

9/10

SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA

Zitat entfällt.

Salò O Le 120 Giornate Di Sodoma (Die 120 Tage von Sodom) ~ I/F 1975
Directed By: Pier Paolo Pasolini

Zusammen mit den Übrigbleibseln seiner systemtreuen Herolde und Handlanger gründet Mussolini unter breiter Unterstützung des Deutschen Reichs in der norditalienischen Stadt Salò eine Marionettenrepublik, die von September 1943 an noch rund eineinhalb Jahre bestehen bleiben wird. Während über Brescia bereits die Motoren der alliierten Aufklärungsflugzeuge und Bomber röhren, beschließen vier im Faschismus gediehene Herren, ein Adliger (Paolo Bonacelli), ein Richter (Umberto Paolo Quintavalle), ein Kleriker (Giorgio Cataldi) und ein Politiker (Aldo Valletti) den nahenden Untergang ihres Systems im Zuge einer beispiellosen Orgie zu zelebrieren. Dabei wird zuvor explizit vertraglich festgehalten, dass jedwedes moralische und ästhetische Dogma bewusst gebrochen werden soll. Neben vier alternden Huren, die als Geschichtenerzählerinnen jeweils die minutiös geplanten Akte der Perversion einzuleiten haben, lässt das distinguierte Quartett von Wehrmachtssoldaten siebzehn Jugendliche einfangen und auf ein feudales Palazzo am Gardasee verschleppen. Die Qualen und Folter, die die jungen Leute in den kommenden Tagen bis zu ihren Ermordungen zu erleiden haben, sind furchtbar.

„Salò“ sehen heißt, sich ihm stellen. Über Pasolinis Skandalfilm ist bereits so viel geschrieben und gesagt worden, dass mir weitere historische Erläuterungen an dieser Stelle redundant erscheinen. Die Frage, die ich mir auch selbst gestellt habe und noch stelle, ist vielmehr die, was den Zuschauer zur wiederholten Rezeption des Werkes bewegt, respektive, warum man sich ihm unter Kenntnis des zu Erwartenden bewusst und freiwillig aussetzt. Die plausibelste Antwort scheint mir: weil der Film es verdient. Pasolini war ja ein Getriebener, der nie ganz zu sich selbst gefunden hat; voll von Dämonen und Ekel, über die Welt, ihre Auswüchse und sich selbst. Insofern hat sein Tod, seine Ermordung, die noch vor der Premiere seines Finalwerkes stattfand, beinahe etwas Romantisches – so unbequem „Salò“ ist, so unbequem war der Mensch und Künstler Pasolini für etliche Zeitgenossen. Der Mord an ihm ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Der zunächst verurteilte Strichjunge Pino Pelosi, zum Tatzeitpunkt 17 Jahre jung, widerrief später das ursprüngliche Geständnis und gab Dekaden später zu, Pasolini im Auftrag von Hintermännern von Rom nach Ostia gelockt zu haben. Auf dem Weg sei das Opfer dann von einem Schlägertrupp zu Tode geprügelt worden, der vielerseits dem rechtsextremen Lager zugeordnet wird. Es würde wohl zu weit gehen, zu konstatieren, Pasolini sei schlussendlich für die Realisierung dieses Films gestorben, doch der Gedanke ist grundsätzlich nicht ganz von der Hand zu weisen.
Sich titulär auf die gleichnamige Novelle des Marquis De Sade sowie die von Dante Alighierhi im Eingangssegment „Inferno“ der „Divina Comedia“ beschriebenen, vier Höllenkreise berufend, zergliedert Pasolini die Ausschweifungen seiner bourgeoisen Faschisten und das Martyrium ihrer Opfer in einer sich steigernden, systematischen Deprivatisierung aller Körperlichkeit. Auf eine radikale Form verzichtet der Regisseur dabei völlig und wohl ganz bewusst, ebenso wie auf jede mögliche Gefahr audiovisueller, erotischer Stimulanz des Publikums. Die Bilder sind von starrer, schmuckloser Klarheit und karger Farbgebung; sperrig und verrweigern sich offen pornographischer Darstellungen. Die besonders berüchtigten Szenen um die hier genussvoll, da angewidert praktizierte Koprophagie sind mithin am schwersten zu ertragen, derweil ich die finalen, vergleichsweise knapp selektierten und wenig exzessiv festgehaltenen Torturen beinahe gleichgültig wahrnahm – Pasolini hatte mich da ohnehin längst am Boden. Als Symbolbild für Faschismus, den Pasolini hier deutet als die Option der Machthaber, sich selbst konsequenzenlos und im Gegenzuge umso endgültiger zu entmenschlichen und selbst noch den alleruntersten Instinkten stattzugeben, gibt es wohl kaum verstörenderes stilisiertes Anschauungsmaterial. Natürlich entstammen die Protagonisten den gesellschaftlichen Säulen des klassisch-zivilisierten Staates, repräsentieren Politik und Justiz, Kirche, Adel und Hochfinanz in all ihrem gräulichen Korruptionspotenzial. Umso konsequenter demontiert der Film sie, schürt den Hass des Publikums und gleichermaßen die Ohnmacht, im Zuge derer ihre Opfer ihnen und ihren entfesselten Gelüsten ausgesetzt sind.
Ob ich bis zur nächsten Betrachtung von „Salò“ wieder 27 Jahre verstreichen lasse, weiß ich noch nicht. Für den Moment habe ich genug.

9/10

BLOODY MAMA

„We’re gonna take what’s ours!“

Bloody Mama ~ USA 1970
Directed By: Roger Corman

Während der Depressionszeit entwickelt sich die „Barker-Gang“, bestehend aus Kate „Ma“ Barker (Shelley Winters), ihren vier Söhnen Herman (Don Stroud), Lloyd (Robert De Niro), Fred (Robert Walden), Arthur (Clint Kimbrough) und Freds Freund Kevin Dirkman (Bruce Dern), zu den berüchtigsten Gangstern im Südwesten des Landes. Nach Jahren der Flucht mitsamt etlichen Raubüberfällen und einer spektakulären Kidnapping-Aktion um den millionenschweren Unternehmer Pendlebury (Pat Hingle), gelingt es dem FBI, die Bande in Florida zu stellen und unschädlich zu machen.

Roger Cormans in den Spätsechzigern und Frühsiebzigern entstandene Regiearbeiten werden vermutlich nur deshalb beständig von New-Hollywood-Kanonisten übergangen, weil Corman bis heute mit dem stets augenzwinkernd konnotierten Image des unermüdlich umtriebigen Billigproduzenten, der sich für kein noch so albernes Projekt zu schade ist, anhaftet. Dabei sollte Cormans künstlerische Integrität bei etwas eingehenderer Beleuchtung vor allem seines späteren Werks als Regisseur außer Frage stehen. Zudem bilden Filme über Gangster in der Depressions- und Prohibitionsära ein eminentes Segment New Hollywoods und eines der wenigen letzten, von der Strömung weiterhin regelmäßig bedienten, klassischen Genres, das nicht zuletzt durch Arthur Penns „Bonnie & Clyde“ zugleich einen bedeutsamen Initiationsschuss der bis heuer stilistisch nicht eindeutig umreißbaren „Bewegung“ beinhaltet. Entsprechende Beiträge folgten unter anderem von Aldrich, Altman, Milius und eben Corman sowie seinem Schüler Steve Carver.
Die authentische Kate „Ma“ Barker bildet neben den vielen anderen schillernden Kriminellen ihrer Zeit eine besondere Projektionsfläche für hauseigene Mythen und deren blumige Ausgestaltung; sie gilt als personifiziertes Matriarchat, als Albtraum selbstbestimmter, sexuell libertiner Weiblichkeit in einem ansonsten ausschließlich von Männern dominierten Milieu. Corman trägt dieser Legendenbildung willfährig Rechnung und macht sie sich zunutze, indem er trotz eingangs formulierter Ähnlichkeitsbeteuerung wenig Notiz von den historischen Fakten nimmt und sein eigenes Süppchen um Kate Barker und ihre Söhne anrührt. „Bloody Mama“ entwickelt sich gleich von der ersten Einstellung an zu einem Festival der Abseitigkeiten, des anti-bourgeoisen, akzeptanznegierten Lebensstils. Zu Beginn wird die junge Kate Barker (Lisa Linsky) einmal mehr zum Opfer einer Vergewaltigung durch Vater und Brüder, offenbar eine nicht unwichtige Motivationsgrundlage für ihre spätere Karriere. Nachdem sie und die vier Jungs ihren Ehemann und Vater (Alex Nicol), einen weinerlichen, affirmativen Schwächling, verlassen haben, beginnt ihre Tobestrecke quer durch den Mittel- und Südwesten des Landes. Zu ihren Söhnen plegt Kate ein ebenso autoritatives wie inniges Verhältnis, das auch regelmäßige inzestuöse Zuwendungen nicht ausspart. Jeder der Vier wiederum trägt derweil nochmals (s)ein ganz spezifisches „Problem“ spazieren: Herman ist ein sadistischer Soziopath und Mörder, Lloyd bindungsunfähig und heroinsüchtig, Fred ein homosexueller Masochist und Arthur das bloße Anhängsel. Corman porträtiert diese komplexen Charaktere so weit als möglich wertfrei und nüchtern; selbst für Ma findet er bei aller Gewaltaffinität immer wieder Momente sehnsuchtsvoller Zärtlichkeit und Träumerei. Die Kamera entfesselt sich immer wieder und vollführt radikale Schwenks nebst dazu passender Montage; auch hier macht sich eine Emanzipation von der Konvention bemerkbar.
„Bloody Mama“ lädt zu einer unbedingt lohnenswerten Reise ein; als Mosaikstück einer auch nur halbwegs vollständigen Chronologie des amerikanischen Gangsterfilms scheint er mir darüber hinaus unverzichtbar.

9/10

LEATHERFACE

„You messed with the wrong family.“

Leatherface ~ USA 2017
Directed By: Alexandre Bustillo/Julien Maury

Texas, 1955. Als die durchweg aus Psychopathen bestehende Familie Sawyer unter dem Vorsitz von Matriarchin Verna (Lili Taylor) ausgerechnet Betty (Lorina Kamburova), die Tochter des hiesigen Sheriffs Hal Hartman (Stephen Dorff), auf ihre Speisekarte setzt, sieht der bereits seit Langem nach Gerechtigkeit strebende Gesetzeshüter rot und sorgt dafür, dass Vernas Jüngster, der kleine Jedidiah (Boris Kabakchiev), in der geschlossenen Nervenheilanstalt landet. Zum jungen Mann (Sam Strike) herangereift, gelingt Jed, der sich nun Jackson nennt, gemeinsam mit drei anderen Insassen (Sam Coleman, James Bloor, Jessica Madsen) und einer gekidnappten Krankenschwester (Vanessa Grasse) die Flucht aus jener Institution, derweil Sheriff Hartman bereits darauf lauert, den Sawyers endgültig den Garaus zu machen…

Die Auslöschung von Identitäten zugunsten unguter Substitute schwebt allgegenwärtig dräuend über „Leatherface“. Um es gleich vorwegzunehmen ist dieser jüngste Beitrag zum langlebigen Chainsaw-Franchise nach Kim Henkels drittem 94er-Sequel zugleich der bis dato schwächste, was sich besonders in Anbetracht einiger dem Projekt zur Verfügung stehender, personeller Ressourcen sehr bedauerlich ausnimmt. Mit Bustillo und Maury gewann man immerhin zwei mehr denn vielversprechende Repräsentanten der harten Horror-Nouvelle-Vague und mit Lili Taylor und Stephen Dorff darüber hinaus auch recht ungewohnte darstellerische Prominenz. Was die so durchaus vielversprechend gestartete Chose dann aber so überaus unelegant durchkreuzt, ist das magere Script des Newcomers Seth M. Sherwood, der seinen Ansatz, dem ikonischen Character Leatherface einen psychologisch fundierten Unterbau zu verabreichen, völlig vergeigt.
Zu Beginn nutzt der Film nahezu exakt dieselbe Startbahn wie Rob Zombies „Halloween“-Remake; ein durch sein dysfunktionales Familienumfeld nachhaltig gestörter Junge kommt in ein infolge inkompetenter Belegschaft extrem kontraproduktiv geführtes Sanatorium für psychisch kranke, juvenile Gewaltverbrecher und bricht als junger Erwachsener dort aus. Doch damit ist der Werdegang hin zum späteren, verstummten Sägenschwinger Leatherface noch längst nicht vollendet – der gewaltsame Tod des besten Freundes, die Verbissenheit des ihn jagenden Sheriffs, schließlich eine unfällige Verunstaltung seines hübschen Antlitzes und ein schwelender Mutterkomplex ergeben schlussendlich jene ungute Mixtur, die den als Kind noch in „errettbarer Verfassung“ befindlichen Jed Sawyer zu unser aller liebstem Hautmaskenträger avancieren lässt. Das alles wird so forciert, hanebüchen und demystifizierend aufgetragen, so ohne Gespür für die die Chainsaw-Filme üblicherweise kennzeichnende, pathologische Atmosphäre oder für das ursprünglich so maßgeblichg apostrophierte Zeitkolorit (dem ja selbst herbeibeschworenen Umstand, dass die ganze Geschichte sich 1965 ereignen soll, wird letzten Endes zu keiner Sekunde Rechnung getragen), dass selbst die gewohnt gediegene und eigentlich treffliche Inszenierung der beiden „Exil-Franzosen“ das immens eklektische Konglomerat zu keiner befriedigenden Gesamtbilanz zu führen vermag. Es hat indes fast den Anschein, als wäre die (häufig dem DTV-Segment zuzurechnende) Wahl kostensparender Produktionsmittel, die Bulgarien als Drehort nebst vornehmlich einheimischem Stab, symptomatisch für das beinahe allseitige Misslingen.
Vor allem um Bustillo und Maury, deren stilistische Signatur trotz allem noch immer präsent scheint, muss es einem leid tun – man kann nur hoffen, dass die beiden sich nicht wie so viele immigrierte Filmkreative vor ihnen vom Moloch Hollywood aufzehren lassen und sich stattdessen in Zukunft wieder ihren sehr viel fruchtbareren Wurzeln als auteurs besinnen.

4/10

K-19: THE WIDOWMAKER

„We deliver – or we drown.“

K-19: The Widowmaker (K-19 – Showdown in der Tiefe) ~ USA/CAN/UK/D 2002
Directed By: Kathryn Bigelow

Im Sommer 1961 wird der Marineoffizier Kapitän Vostrikov (Harrison Ford) mit dem Kommando über das Atom-U-Boot K-19 betraut, dem ganzen militärischen Stolz der sowjetischen Führungsclique. Vostrikov übernimmt von dem kurz zuvor degradierten Polenin (Liam Neeson), der als Erster Offizier an Boot des K-19 verbleibt. Die Mission des Schiffs sieht vor, bis zur Arktis vorzudringen und testweise eine der an Bord befindlichen Raketen zu starten. Natürlich dient die ganze Aktion vornehmlich als kriegerisches Muskelspiel gegenüber dem großen Feind USA. Bereits vor dem Stapellauf kommt es auf K-19 zu zahlreichen Pannen, die die Mannschaft um den Erfolg ihrer Fahrt bangen lassen. Und tatsächlich setzt sich die Unglücksserie auch auf See fort: Vostrikov erweist sich als linientreuer Kommisskopf, dem die Kreml-Anordnungen über jede Vernunft gehen und steht damit in direktem Konflikt zu Polenin, dem vor allem das Wohl seiner Mannschaft am Herzen liegt. Zwar gelingt der Raketenabschuss wie vorgesehen, doch das Glück bleibt den Männern abhold. Als in einem der Reaktoren ein Leck entsteht, droht der gesamten Besatzung der Strahlungstod, wenn nicht binnen kürzester Zeit eine Lösung gefunden wird…

Wenn es darum geht, Männer und den sie unter seine Knute zwängenden Druck im Kontext kombattanter und/oder militärischer Ausnahmesituationen zu zeigen, ist die großartige Kathryn Bigelow gegenwärtig vielleicht die beste Filmemacherin am Platze. Mit „K-19: The Widowmaker“, dem ersten ihrer Filme, der Testosteron und Uniform in parallelisiertem Zustand zeigt, erprobte sie diese von äonenlanger Historie geprägte Verhältnismäßigkeit erstmals. Dazu griff das Script einen authentischen Fall der sowjetischen Marinegeschichte auf, änderte jedoch diverse Details zu mehr oder weniger offensichtlichen Dramaturgisierungszwecken, was, wie zumeist in solchen Fällen, insofern völlig legitim erscheint, als dass ihr Film keinerlei Anspruch auf dokumentarische Genauigkeit legt. Bigelow fabriziert vielmehr seit jeher psychologisch traktiertes Genrekino und hat es darin längst zur Meisterschaft gebracht. Die Szenen um die notdürftige Flickung des lecken Kernreaktors zählen dabei zum Intensivsten, was man von der Regisseurin bis heuer zu sehen bekam.
„K-19“ begibt sich in die Hochphase des Kalten Krieges, in eine Ära, in der die gesamte Menschheit behende am Abgrund entlangtänzelte. Die im amerikanischen Film üblicherweise gewohnte US-Perspektive wird dabei (zumindest an der Oberfläche) um 180 Grad gedreht. Es geht in die tiefsten Niederungen jenseits des Eisernen Vorhangs, in eine Atmosphäre unbedingter Systemtreue, die zugleich auch stets einen Hauch von Verlogenheit, Betriebsblindheit und Sanktionsangst beinhaltete. Ein wenig fühlt man sich zunächst an McTiernans Clancy-Adaption „The Hunt For Red October“ erinnert, bekanntermaßen ja auch ein „U-Boot-Film“ mit einem russischen Helden, der allerdings ein von langer Hand geplantes Überlaufen zur Gegenseite realisiert. Von solch hasardierenden Aktivitäten sind die Männer in „K-19“ jedoch denkbar weit entfernt; hier geht es ums nackte Überleben vor der dräuenden Entscheidung, dem allmächtigen Mütterlein Staat als tote Helden zu dienen oder ihm im finalen Augenblick den blanken Hintern zu zeigen. Jenen bekommen am Ende aber dann doch die auf hoher See zur optionalen Rettung bereit stehenden Yankees zu sehen; K-19 kann, in letzter Sekunde sozusagen, vor der Versenkung geborgen werden. 28 Jahre später begegnen sich die Offiziere dann im Gedenken der heldenhaft gestorbenen Kameraden wieder; ihre körperliche Zähigkeit hat letztlich das System, dem sie einst bedingungslose Treue geschworen haben, überlebt – um einen allzu hohen Preis. Doch Kathryn Bigelow liegt es fern, rechtem Gedankengut Vorschub zu leisten oder Obrigkeitsgehorsam als maskuline Tugend zu verkaufen. Sie zeigt, was Krieg, und sei er auch noch so kalt, seinen Beteiligten am unteren Ende der Befehlskette antut.

8/10

PILGRIMAGE

„Do what you can.“

Pilgrimage (Gottes Wege sind blutig) ~ IE/BE/USA 2017
Directed By: Brendan Muldowney

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts kommt der Zisterzienser Geraldus (Stanley Weber) in ein entlegenes Kloster ganz im Westen der irischen Insel, um eine dort lagernde Reliquie, jenen Stein, der einst den Apostel Matthias (Nikos Karathanos) erschlug, zum Vatikan zu bringen, wo just ein neuer Kreuzzug erwogen wird. Mit einer kleinen Eskorte, darunter der junge Novize Diarmuid (Tom Holland) und ein stumme Hüne (Jon Bernthal), reist Geraldus quer über die Insel, stets bedroht von kriegerischen Kelten und dem verräterischen Normannenprinz Raymond De Merville (Richard Armitage), der das Artefakt für sich beansprucht.

Gut, dass mir bis dato ausnehmend positiv aufgefallene Ire Brendan Muldowney Nicolas Winding Refns „Valhalla Rising“ gesehen und sich zumindest für die Zeichnung des von Jon Bernthal mit einigem Körpereinsatz gegebenen, stummen Mönchs von diesem hat inspirieren lassen, sei einmal außer Frage gestellt. Das macht aber in Anbetracht des rundum gelungenen Resultats auch überhaupt nichts.
Wie Muldowney respektive sein Autor Jamie Hannigan den Wert der Kirche und ihrer Vorgehensweise in mittelalterlichen Tagen einschätzen, bleibt ferner angesichts des blutigen Verlaufs der Ereignisse kaum offen: Um einen großen Kreuzzug zu stützen wird gewissermaßen ein kleiner [oder eine „Pilgerfahrt“, um im (anti-)sakralen Duktus des Films zu bleiben] vorangestellt, der in Gewalt, Leid und Chaos endet. Besonders reizvoll erscheint innerhalb dieses von einer ausgezeichneten Bildsprache unterstützen, gräulichen Abenteuers die Konstellation der Heldenfiguren, die einen sich welterfahren wähnenden französischen Geistlichen sowie die aus beinahe atavistischem Lebensumfeld stammenden irischen Mönche miteinander koppelt. Der just als neuer „Punisher“ von sich reden machende Bernthal ist dabei als beinahe mythologisch konnotierter „Superheld“ von mysteriöser Herkunft zu sehen, dessen rohe, gewaltige Wehrhaftigkeit sich, einmal entfesselt, mit gewaltiger Wucht wider seine Gegner entlädt. Marvel ist zum Leidwesen vieler Zeitgenossen ja momentan ohnedies überall, insofern gibt es mit dem Nachwuchs-„Spider-Man“ Tom Holland gleich noch ein Mitglied aus dessen wachsender Filmfamilie zu beklatschen.
Für entpuppte sich der in zielsicher Ambivalenz ebenso kontemplative wie wuchtige Film über die dark ages als spätes Jahreshighlight und unbedingt sehenswertes Genrestück ganz nach meinem Gusto. Blut, Stahl und Barbarei, die haben es mir schon immer irgendwie angetan und „Pilgrimage“ bewies mir aufs Neuerliche eindrucksvoll, warum.

9/10