BLOODY MAMA

„We’re gonna take what’s ours!“

Bloody Mama ~ USA 1970
Directed By: Roger Corman

Während der Depressionszeit entwickelt sich die „Barker-Gang“, bestehend aus Kate „Ma“ Barker (Shelley Winters), ihren vier Söhnen Herman (Don Stroud), Lloyd (Robert De Niro), Fred (Robert Walden), Arthur (Clint Kimbrough) und Freds Freund Kevin Dirkman (Bruce Dern), zu den berüchtigsten Gangstern im Südwesten des Landes. Nach Jahren der Flucht mitsamt etlichen Raubüberfällen und einer spektakulären Kidnapping-Aktion um den millionenschweren Unternehmer Pendlebury (Pat Hingle), gelingt es dem FBI, die Bande in Florida zu stellen und unschädlich zu machen.

Roger Cormans in den Spätsechzigern und Frühsiebzigern entstandene Regiearbeiten werden vermutlich nur deshalb beständig von New-Hollywood-Kanonisten übergangen, weil Corman bis heute mit dem stets augenzwinkernd konnotierten Image des unermüdlich umtriebigen Billigproduzenten, der sich für kein noch so albernes Projekt zu schade ist, anhaftet. Dabei sollte Cormans künstlerische Integrität bei etwas eingehenderer Beleuchtung vor allem seines späteren Werks als Regisseur außer Frage stehen. Zudem bilden Filme über Gangster in der Depressions- und Prohibitionsära ein eminentes Segment New Hollywoods und eines der wenigen letzten, von der Strömung weiterhin regelmäßig bedienten, klassischen Genres, das nicht zuletzt durch Arthur Penns „Bonnie & Clyde“ zugleich einen bedeutsamen Initiationsschuss der bis heuer stilistisch nicht eindeutig umreißbaren „Bewegung“ beinhaltet. Entsprechende Beiträge folgten unter anderem von Aldrich, Altman, Milius und eben Corman sowie seinem Schüler Steve Carver.
Die authentische Kate „Ma“ Barker bildet neben den vielen anderen schillernden Kriminellen ihrer Zeit eine besondere Projektionsfläche für hauseigene Mythen und deren blumige Ausgestaltung; sie gilt als personifiziertes Matriarchat, als Albtraum selbstbestimmter, sexuell libertiner Weiblichkeit in einem ansonsten ausschließlich von Männern dominierten Milieu. Corman trägt dieser Legendenbildung willfährig Rechnung und macht sie sich zunutze, indem er trotz eingangs formulierter Ähnlichkeitsbeteuerung wenig Notiz von den historischen Fakten nimmt und sein eigenes Süppchen um Kate Barker und ihre Söhne anrührt. „Bloody Mama“ entwickelt sich gleich von der ersten Einstellung an zu einem Festival der Abseitigkeiten, des anti-bourgeoisen, akzeptanznegierten Lebensstils. Zu Beginn wird die junge Kate Barker (Lisa Linsky) einmal mehr zum Opfer einer Vergewaltigung durch Vater und Brüder, offenbar eine nicht unwichtige Motivationsgrundlage für ihre spätere Karriere. Nachdem sie und die vier Jungs ihren Ehemann und Vater (Alex Nicol), einen weinerlichen, affirmativen Schwächling, verlassen haben, beginnt ihre Tobestrecke quer durch den Mittel- und Südwesten des Landes. Zu ihren Söhnen plegt Kate ein ebenso autoritatives wie inniges Verhältnis, das auch regelmäßige inzestuöse Zuwendungen nicht ausspart. Jeder der Vier wiederum trägt derweil nochmals (s)ein ganz spezifisches „Problem“ spazieren: Herman ist ein sadistischer Soziopath und Mörder, Lloyd bindungsunfähig und heroinsüchtig, Fred ein homosexueller Masochist und Arthur das bloße Anhängsel. Corman porträtiert diese komplexen Charaktere so weit als möglich wertfrei und nüchtern; selbst für Ma findet er bei aller Gewaltaffinität immer wieder Momente sehnsuchtsvoller Zärtlichkeit und Träumerei. Die Kamera entfesselt sich immer wieder und vollführt radikale Schwenks nebst dazu passender Montage; auch hier macht sich eine Emanzipation von der Konvention bemerkbar.
„Bloody Mama“ lädt zu einer unbedingt lohnenswerten Reise ein; als Mosaikstück einer auch nur halbwegs vollständigen Chronologie des amerikanischen Gangsterfilms scheint er mir darüber hinaus unverzichtbar.

9/10

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LEATHERFACE

„You messed with the wrong family.“

Leatherface ~ USA 2017
Directed By: Alexandre Bustillo/Julien Maury

Texas, 1955. Als die durchweg aus Psychopathen bestehende Familie Sawyer unter dem Vorsitz von Matriarchin Verna (Lili Taylor) ausgerechnet Betty (Lorina Kamburova), die Tochter des hiesigen Sheriffs Hal Hartman (Stephen Dorff), auf ihre Speisekarte setzt, sieht der bereits seit Langem nach Gerechtigkeit strebende Gesetzeshüter rot und sorgt dafür, dass Vernas Jüngster, der kleine Jedidiah (Boris Kabakchiev), in der geschlossenen Nervenheilanstalt landet. Zum jungen Mann (Sam Strike) herangereift, gelingt Jed, der sich nun Jackson nennt, gemeinsam mit drei anderen Insassen (Sam Coleman, James Bloor, Jessica Madsen) und einer gekidnappten Krankenschwester (Vanessa Grasse) die Flucht aus jener Institution, derweil Sheriff Hartman bereits darauf lauert, den Sawyers endgültig den Garaus zu machen…

Die Auslöschung von Identitäten zugunsten unguter Substitute schwebt allgegenwärtig dräuend über „Leatherface“. Um es gleich vorwegzunehmen ist dieser jüngste Beitrag zum langlebigen Chainsaw-Franchise nach Kim Henkels drittem 94er-Sequel zugleich der bis dato schwächste, was sich besonders in Anbetracht einiger dem Projekt zur Verfügung stehender, personeller Ressourcen sehr bedauerlich ausnimmt. Mit Bustillo und Maury gewann man immerhin zwei mehr denn vielversprechende Repräsentanten der harten Horror-Nouvelle-Vague und mit Lili Taylor und Stephen Dorff darüber hinaus auch recht ungewohnte darstellerische Prominenz. Was die so durchaus vielversprechend gestartete Chose dann aber so überaus unelegant durchkreuzt, ist das magere Script des Newcomers Seth M. Sherwood, der seinen Ansatz, dem ikonischen Character Leatherface einen psychologisch fundierten Unterbau zu verabreichen, völlig vergeigt.
Zu Beginn nutzt der Film nahezu exakt dieselbe Startbahn wie Rob Zombies „Halloween“-Remake; ein durch sein dysfunktionales Familienumfeld nachhaltig gestörter Junge kommt in ein infolge inkompetenter Belegschaft extrem kontraproduktiv geführtes Sanatorium für psychisch kranke, juvenile Gewaltverbrecher und bricht als junger Erwachsener dort aus. Doch damit ist der Werdegang hin zum späteren, verstummten Sägenschwinger Leatherface noch längst nicht vollendet – der gewaltsame Tod des besten Freundes, die Verbissenheit des ihn jagenden Sheriffs, schließlich eine unfällige Verunstaltung seines hübschen Antlitzes und ein schwelender Mutterkomplex ergeben schlussendlich jene ungute Mixtur, die den als Kind noch in „errettbarer Verfassung“ befindlichen Jed Sawyer zu unser aller liebstem Hautmaskenträger avancieren lässt. Das alles wird so forciert, hanebüchen und demystifizierend aufgetragen, so ohne Gespür für die die Chainsaw-Filme üblicherweise kennzeichnende, pathologische Atmosphäre oder für das ursprünglich so maßgeblichg apostrophierte Zeitkolorit (dem ja selbst herbeibeschworenen Umstand, dass die ganze Geschichte sich 1965 ereignen soll, wird letzten Endes zu keiner Sekunde Rechnung getragen), dass selbst die gewohnt gediegene und eigentlich treffliche Inszenierung der beiden „Exil-Franzosen“ das immens eklektische Konglomerat zu keiner befriedigenden Gesamtbilanz zu führen vermag. Es hat indes fast den Anschein, als wäre die (häufig dem DTV-Segment zuzurechnende) Wahl kostensparender Produktionsmittel, die Bulgarien als Drehort nebst vornehmlich einheimischem Stab, symptomatisch für das beinahe allseitige Misslingen.
Vor allem um Bustillo und Maury, deren stilistische Signatur trotz allem noch immer präsent scheint, muss es einem leid tun – man kann nur hoffen, dass die beiden sich nicht wie so viele immigrierte Filmkreative vor ihnen vom Moloch Hollywood aufzehren lassen und sich stattdessen in Zukunft wieder ihren sehr viel fruchtbareren Wurzeln als auteurs besinnen.

4/10

K-19: THE WIDOWMAKER

„We deliver – or we drown.“

K-19: The Widowmaker (K-19 – Showdown in der Tiefe) ~ USA/CAN/UK/D 2002
Directed By: Kathryn Bigelow

Im Sommer 1961 wird der Marineoffizier Kapitän Vostrikov (Harrison Ford) mit dem Kommando über das Atom-U-Boot K-19 betraut, dem ganzen militärischen Stolz der sowjetischen Führungsclique. Vostrikov übernimmt von dem kurz zuvor degradierten Polenin (Liam Neeson), der als Erster Offizier an Boot des K-19 verbleibt. Die Mission des Schiffs sieht vor, bis zur Arktis vorzudringen und testweise eine der an Bord befindlichen Raketen zu starten. Natürlich dient die ganze Aktion vornehmlich als kriegerisches Muskelspiel gegenüber dem großen Feind USA. Bereits vor dem Stapellauf kommt es auf K-19 zu zahlreichen Pannen, die die Mannschaft um den Erfolg ihrer Fahrt bangen lassen. Und tatsächlich setzt sich die Unglücksserie auch auf See fort: Vostrikov erweist sich als linientreuer Kommisskopf, dem die Kreml-Anordnungen über jede Vernunft gehen und steht damit in direktem Konflikt zu Polenin, dem vor allem das Wohl seiner Mannschaft am Herzen liegt. Zwar gelingt der Raketenabschuss wie vorgesehen, doch das Glück bleibt den Männern abhold. Als in einem der Reaktoren ein Leck entsteht, droht der gesamten Besatzung der Strahlungstod, wenn nicht binnen kürzester Zeit eine Lösung gefunden wird…

Wenn es darum geht, Männer und den sie unter seine Knute zwängenden Druck im Kontext kombattanter und/oder militärischer Ausnahmesituationen zu zeigen, ist die großartige Kathryn Bigelow gegenwärtig vielleicht die beste Filmemacherin am Platze. Mit „K-19: The Widowmaker“, dem ersten ihrer Filme, der Testosteron und Uniform in parallelisiertem Zustand zeigt, erprobte sie diese von äonenlanger Historie geprägte Verhältnismäßigkeit erstmals. Dazu griff das Script einen authentischen Fall der sowjetischen Marinegeschichte auf, änderte jedoch diverse Details zu mehr oder weniger offensichtlichen Dramaturgisierungszwecken, was, wie zumeist in solchen Fällen, insofern völlig legitim erscheint, als dass ihr Film keinerlei Anspruch auf dokumentarische Genauigkeit legt. Bigelow fabriziert vielmehr seit jeher psychologisch traktiertes Genrekino und hat es darin längst zur Meisterschaft gebracht. Die Szenen um die notdürftige Flickung des lecken Kernreaktors zählen dabei zum Intensivsten, was man von der Regisseurin bis heuer zu sehen bekam.
„K-19“ begibt sich in die Hochphase des Kalten Krieges, in eine Ära, in der die gesamte Menschheit behende am Abgrund entlangtänzelte. Die im amerikanischen Film üblicherweise gewohnte US-Perspektive wird dabei (zumindest an der Oberfläche) um 180 Grad gedreht. Es geht in die tiefsten Niederungen jenseits des Eisernen Vorhangs, in eine Atmosphäre unbedingter Systemtreue, die zugleich auch stets einen Hauch von Verlogenheit, Betriebsblindheit und Sanktionsangst beinhaltete. Ein wenig fühlt man sich zunächst an McTiernans Clancy-Adaption „The Hunt For Red October“ erinnert, bekanntermaßen ja auch ein „U-Boot-Film“ mit einem russischen Helden, der allerdings ein von langer Hand geplantes Überlaufen zur Gegenseite realisiert. Von solch hasardierenden Aktivitäten sind die Männer in „K-19“ jedoch denkbar weit entfernt; hier geht es ums nackte Überleben vor der dräuenden Entscheidung, dem allmächtigen Mütterlein Staat als tote Helden zu dienen oder ihm im finalen Augenblick den blanken Hintern zu zeigen. Jenen bekommen am Ende aber dann doch die auf hoher See zur optionalen Rettung bereit stehenden Yankees zu sehen; K-19 kann, in letzter Sekunde sozusagen, vor der Versenkung geborgen werden. 28 Jahre später begegnen sich die Offiziere dann im Gedenken der heldenhaft gestorbenen Kameraden wieder; ihre körperliche Zähigkeit hat letztlich das System, dem sie einst bedingungslose Treue geschworen haben, überlebt – um einen allzu hohen Preis. Doch Kathryn Bigelow liegt es fern, rechtem Gedankengut Vorschub zu leisten oder Obrigkeitsgehorsam als maskuline Tugend zu verkaufen. Sie zeigt, was Krieg, und sei er auch noch so kalt, seinen Beteiligten am unteren Ende der Befehlskette antut.

8/10

PILGRIMAGE

„Do what you can.“

Pilgrimage (Gottes Wege sind blutig) ~ IE/BE/USA 2017
Directed By: Brendan Muldowney

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts kommt der Zisterzienser Geraldus (Stanley Weber) in ein entlegenes Kloster ganz im Westen der irischen Insel, um eine dort lagernde Reliquie, jenen Stein, der einst den Apostel Matthias (Nikos Karathanos) erschlug, zum Vatikan zu bringen, wo just ein neuer Kreuzzug erwogen wird. Mit einer kleinen Eskorte, darunter der junge Novize Diarmuid (Tom Holland) und ein stumme Hüne (Jon Bernthal), reist Geraldus quer über die Insel, stets bedroht von kriegerischen Kelten und dem verräterischen Normannenprinz Raymond De Merville (Richard Armitage), der das Artefakt für sich beansprucht.

Gut, dass mir bis dato ausnehmend positiv aufgefallene Ire Brendan Muldowney Nicolas Winding Refns „Valhalla Rising“ gesehen und sich zumindest für die Zeichnung des von Jon Bernthal mit einigem Körpereinsatz gegebenen, stummen Mönchs von diesem hat inspirieren lassen, sei einmal außer Frage gestellt. Das macht aber in Anbetracht des rundum gelungenen Resultats auch überhaupt nichts.
Wie Muldowney respektive sein Autor Jamie Hannigan den Wert der Kirche und ihrer Vorgehensweise in mittelalterlichen Tagen einschätzen, bleibt ferner angesichts des blutigen Verlaufs der Ereignisse kaum offen: Um einen großen Kreuzzug zu stützen wird gewissermaßen ein kleiner [oder eine „Pilgerfahrt“, um im (anti-)sakralen Duktus des Films zu bleiben] vorangestellt, der in Gewalt, Leid und Chaos endet. Besonders reizvoll erscheint innerhalb dieses von einer ausgezeichneten Bildsprache unterstützen, gräulichen Abenteuers die Konstellation der Heldenfiguren, die einen sich welterfahren wähnenden französischen Geistlichen sowie die aus beinahe atavistischem Lebensumfeld stammenden irischen Mönche miteinander koppelt. Der just als neuer „Punisher“ von sich reden machende Bernthal ist dabei als beinahe mythologisch konnotierter „Superheld“ von mysteriöser Herkunft zu sehen, dessen rohe, gewaltige Wehrhaftigkeit sich, einmal entfesselt, mit gewaltiger Wucht wider seine Gegner entlädt. Marvel ist zum Leidwesen vieler Zeitgenossen ja momentan ohnedies überall, insofern gibt es mit dem Nachwuchs-„Spider-Man“ Tom Holland gleich noch ein Mitglied aus dessen wachsender Filmfamilie zu beklatschen.
Für entpuppte sich der in zielsicher Ambivalenz ebenso kontemplative wie wuchtige Film über die dark ages als spätes Jahreshighlight und unbedingt sehenswertes Genrestück ganz nach meinem Gusto. Blut, Stahl und Barbarei, die haben es mir schon immer irgendwie angetan und „Pilgrimage“ bewies mir aufs Neuerliche eindrucksvoll, warum.

9/10

VERÓNICA

Zitat entfällt.

Verónica ~ E 2017
Directed By: Paco Plaza

Madrid, 1991. Die fünfzehnjährige Schülerin Verónica (Sandra Escacena) übernimmt für ihre drei jüngeren Geschwister, die Zwillinge Lucía (Bruna González) und Irene (Claudia Placer) sowie den kleinen Antoñito (Iván Chavero) häufig die Rolle der Ersatzpflegerin, da ihre verwitwete Mama Ana (Ana Torrent) den ganzen Tag über in einer Kneipe arbeitet. Veró, wie sie von allen genannt wird, vermisst ihren Vater und beraumt daher mit zwei Freundinnen (Ángela Fabián, Carla Campra) während einer Sonnenfinsternis auf dem Schuldachboden eine Séance mit dem Ouija-Brett an. An deren Ende kollabiert Veró und beobachtet in den nächsten Tagen zunehmend Seltsames. Offenbar hat sich im Zuge des übersinnlichen Happenings eine dämonische Entität aus dem Jenseits herübergeschlichen, die es auf die Veró und ihre drei Geschwister abgesehen hat. Eine alte, blinde Nonne (Consuelo Trujillo) weiß mehr…

„[Rec]“-Regisseur Paco Plaza hat dem Geister- und Besessenheitsgenre mit seinem jüngsten Werk auf den ersten Blick zwar wenig Innovatives hinzuzufügen, kann sich jedoch gleich zu Beginn bereits aufs Fähnchen schreiben, auch abseits des unruhigen Found-Footage-Segments einen überaus ordentlichen und gepflegten Inszenierungsstil vorweisen zu können. Seine Hauptdarstellerin Sandra Escacena, von der man hoffentlich noch viel sehen und hören wird, erweist sich zudem hervorragend als verunsichertes Mädchen, die zwischen strengkatholischem Schulsystem und ihrer Gefangenschaft in der mehr oder weniger unfreiwilligen Rolle der Ersatzmutter keinerlei Möglichkeit zur altersgerechten Entfaltung erhält, deren Adoleszenz durch die äußeren Umstände ins Stocken gerät und die daher zum willkommenen Opfer für paranormale Einflussnahme avanciert. So fällt der Coming-of-Age-Anteil der dramatisch aufgezogenen Geschichte der handelsüblichen Poltergeistiade rund um herabfallende Kruzifixe und sich verrückende Möbel mindestens ebenbürtig aus. Ganz bei sich ist Verónica nur dann, wenn sie auf dem Bett liegend ihren Héroes del Silencio auf dem Walkman lauschen (denen Plaza ganz nebenbei ein spätes Denkmal setzt) und wenigstens einmal am Tag für kurze Zeit in ihrer eigenen, geheimen Welt der Träume und Wünsche versinken kann.
Gegen Ende, als die dramatischen Ereignisse ihren bereits angekündigten Verlauf vollzogen haben, entpuppt sich „Verónica“ dann endgültig keineswegs als der möglicherweise antizipierte, breitärschige Schocker, sondern ganz im Gegenteil still und traurig als psychologisches, höchst intim konnotiertes Drama um Aufopferung, vielleicht Verschwendung und um ungehört verhallte, erstickte Lebensenergie. Gerade dieser unerwarteten Doppelbödigkeit wegen am Ende doch ein überdurchschnittlicher Gattungsbeitrag.

8/10

THE CARPETBAGGERS

„I like men. Maybe I hate them. I’m not always sure.“

The Carpetbaggers (Die Unersättlichen) ~ USA 1964
Directed By: Edward Dmytryk

Nachdem sein Vater (Leif Erickson), ein Sprengstoffhersteller, gestorben ist, schwingt sich Jonas Cord Jr. (George Peppard) während den zwanziger Jahren beinahe ungerührt zu einem Supermulti auf, der bald in nahezu jedem florierenden Wirtschaftszweig von der Fluggesellschaft bis zum Hollywood-Studio seine kühl kalkulierenden Finger hat. Ungeachtet seines gigantischen finanziellen Erfolges entwickelt sich Cord, der ein schweres Kindheitstrauma nie recht verarbeiten konnte, in den kommenden Jahren privat zu einem selbsträsonistischen Misanthropen, der Partner, Freunde und Frauen fallen lässt, wie es ihm gerade beliebt.

Dmytryks Harold-Robbins-Adaption ist allerbester Camp, ein für das damalige Studiokino vor Schlüpfrigkeiten berstendes, überlanges Spektakel um Intrigen, wohlbehütete Familiengeheimnisse und Egomanie, der sich mithin als vielleicht wichtigste Blaupause für die in den achtziger Jahren Erfolge feiernden Familiensoaps wie „Dallas“ und „Dynasty“ betrachten lässt. Die von Robbins in seinem aufgrund seiner beschreibungsfreudigen Erotikpassagen von den Konservativen nervös beäugten Roman gezeichneten Charaktere speisen sich dabei fast durchweg aus authentischen Vorbildern; Pate für Cord Jr. war unschwer erkennbar Howard Hughes (obgleich Robbins diese Analogie tapfer bestritt), die von Carroll Baker interpretierte Schauspielerin Rina Marlowe basierte auf der Skandalaktrice Jean Harlow, während der väterliche Freund und Berater Cords Nevada Smith (Alan Ladd) eine Mischung aus Tom Mix und William Boyd repräsentierte.
Während „The Carpetbaggers“ ungeachtet seiner exaltierten Wuchtigkeiten für Dmytryks Verhältnisse eher ein künstlerisch beiläufiges Werk darstellt, lässt George Peppard, um den herum der gesamte Film wie ein einziges, großes Geschenk aufgebaut ist, sich bei seiner wohl formidabelsten Leistung bewundern. Episodisch zieht sich das Geschehen über mehrere Dekaden hinweg, wobei der besondere Kniff der Narration darin liegt, ein extrem ambivalentes Verhältnis zwischen Zuschauer und Protagonist herauszuarbeiten; Jonas Cords für die Mär vom Amerikanischen Traum exemplarisch zu betrachtende, unbeirrbare Zielstrebigkeit gibt einigen Anlass zur Bewunderung, während sein Mangel an Empathie und sein rücksichtsloser Umgang mit Menschen ihn wiederum extrem hassenswert erscheinen lassen. Man jubiliert still, als es einem von Cord unter Druck gesetzten Filmmogul (Martin Balsam) gelingt, ihm zumindest einmal eine kleine Schlappe zuzufügen, was den großen Geldpatriarchen sogleich in eine emotionale Krise stürzt. Andererseits fühlt und hofft man mit Cord, als er schlussendlich erkennt, dass kein Mensch ohne Liebe leben kann und er reumütig zu Frau (Elizabeth Ashley) und Kind (Victoria Jean) zurückkehrt und um Verzeihung bittet. Auch dieser bewusst widersprüchlich arrangierte Gefühlszirkus erweckt Assoziationen zu den genannten TV-Formaten, denen „The Carpetbaggers“ jedoch ein entscheidendes Element voraushat: Er ist Kino, und in seiner vielleicht pursten, reinsten und schönsten Form.

9/10

HOUNDS OF LOVE

„Don’t let him go down on you.“

Hounds Of Love ~ AUS 2016
Directed By: Ben Young

Perth, 1987. Das in recht desolaten Zuständen lebende Ehepaar Evelyn (Emma Booth) und John White (Stephen Curry) entführt junge Mädchen im Teenageralter, quält und missbraucht sie sexuell, um sie schließlich zu ermorden und irgendwo in der Weite des Outback zu verscharren. Aktuell gerät die von daheim ausgebüchste Vicki Maloney (Ashley Cummings) in ihre Fänge. Vicki, deren Eltern (Susie Porter, Damian de Montamas) sich haben scheiden lassen, und die vornehmlich bei ihrem wohlhabenden, sie verwöhnenden Vater lebt, durchschaut bald das Abhängigkeitsgefälle zwischen Evelyn und John: Sie lebt als völlig devote Erfüllungsgehilfin unter der perversen, psychopathischen Fuchtel des gewalttätigen Ehemanns und findet nicht die Kraft, sich gegen seine übermächtige Persönlichkeit zur Wehr zu setzen. Stattdessen spielt sie seine mittlerweile zum Serienmord avancierten Riten kritiklos mit. Vickis einzige Überlebenschance besteht somit darin, die psychisch höchst vulnerable Evelyn auf ihre Seite zu ziehen…

Was oberflächlich anmutet wie ein weiterer Kidnapping- und Folterfilm offenbart bereits im frühen Verlauf eine deutlich differenziertere, höchst dramatische Intensität. Geschickt umschifft der vielversprechende Debütregisseur Ben Young die meisten Verlockungen handelsüblicher Klischees und entwickelt eine gleichsam bedrückende und schwebende Grundstimmung, die ihre monströse Immanenz mit Ausnahme gezielter Gewalttupfer unter der brodelnden Oberfläche behält.
„Hounds Of Love“ erzählt im Grunde zwei parallel ablaufende Geschichten. Einerseits berichtet er von Vickis furchtbarem Leidensweg als zur Hilflosigkeit verdammtes Spielzeug ihrer Entführer, andererseits, und hier bringt Young die eigentliche Tragfähigkeit seines Films zur Geltung, obduziert er die vollkommen dysfunktionale, pathologische Beziehung des Kidnapperpärchens, zweier bildungsferner, zum Subproletariat zählender Menschen, die sich immer weiter weg von den gängigen sozialen Wertmaßstäben bewegen, „white suburban trash“, wie man sie zu bezeichnen geneigt ist. Evelyns Kinder leben bei einer Pflegefamilie, wobei die Gründe dafür nie zur Gänze offengelegt werden. Mutmaßlich tragen jedoch auch hieran John und sein obsessiver Hang zur Gewaltausübung an Wehrlosen die Schuld. Nichtsdestotrotz hat die verzweifelt nach Nähe und Zärtlichkeit strebende Evelyn längst den Überblick und vor allem die Fähigkeit zur Rechtsgewichtung verloren; stattdessen hilft sie John, seine Entführungsopfer auszuwählen, gefangenzuhalten, sexuell auszubeuten und schließlich verschwinden zu lassen. Insbesondere im Zuge der Zeichnung dieses Abhängigkeitsverhältnisses entwickelt „Hounds Of Love“ seinen oftmals nur schwer erträglichen Sog. Dabei erweist sich Youngs Gespür für dramaturgische Komposition als beachtlich: Er gliedert die Ereignisse in drei Hauptakte, die jeweils von einem passenden, höchst prägnanten (und komplett ausgespielten) Musikstück klimaktisch gekrönt und geschlossen werden: „Nights In White Satin“ von The Moody Blues, Cat Stevens‘ „Lady D’Arbanville“ und zum kathartischen Abschluss „Atmosphere“ von Joy Division, ohnehin einem der schönsten Popsongs aller Zeiten, der hier einen ganz wunderbar prominenten Einsatz erfährt.
Auf Youngs nächstes (Lang-)Werk, einen SciFi-Film, zu dem er leider nicht selbst das Script beisteuert, darf man bereits sehr gespannt sein.

8/10