MORTELLE RANDONNÉE

Zitat entfällt.

Mortelle Randonnée (Das Auge) ~ F 1983
Directed By: Claude Miller

Der einsam lebende belgische Privatdetektiv Beauvoir (Michel Serrault), genannt „Das Auge“, soll im Auftrag seiner Chefin (Geneviève Page) die junge Braut (Isabelle Adjani) eines Millionärssohnes beschatten, die von ihren Schwiegereltern für eine Heiratsschwindlerin gehalten wird. Tatsächlich beobachtet Beauvoir die Dame bei der Ermordung des Bedauernswerten. Anstatt sie zu verraten, heftet sich Beauvoir an die Fersen der Mörderin, in deren Person er mit zunehmender Obsession seine ihm stets unbekannt gebliebene Tochter projiziert, beginnt sogar, sie bei ihren verbrecherischen Reisen quer durch Europa heimlich zu unterstützen und ihr Schicksal maßgeblich zu beeinflussen.

Ich empfinde Millers „Mortelle Randonnée“ als eine durchaus elegante, rein formalästhetisch betrachtet sogar ziemlich exzellente Versuchsanordnung einer psychologischen Fallstudie, die mir auf emotionaler Ebene allerdings keinerlei Zugang bieten mag und mich auf eine begfremdliche Weise kaltgelassen hat wie schon lange kein Film mehr. Ich mache das retrospektiv an der bedingungslosen, allumfassenden Distanziertheit fest, mit der Miller sein Personal und seine Geschichte inszeniert: Man wird Zeuge der sich im Laufe der Jahre, die die erzählte Zeit des Films umfasst, zunehmend pathologisierenden, psychischen Verdrehung und Verkantung eines Mannes, dessen Ehe dereinst in die Brüche gegangen ist, der seine Tochter nie kennenlernen durfte und das aus mutmaßlich signifikanten Gründen. „Auge“ Beauvoir, der sich im Fortgang der Geschichte als eine Art französische, kriminalistisch angelegte Melange aus der Nabokov-Figur Humbert Humbert und dessen ewigem Widersacher und Verfolger Clare Quilty erweist, wird durch seine manipulatives und zugleich devotes Wesen recht früh als armseliger Verlorener charakterisiert, dem es auf seinen Irrwegen durch Südwesteuropa und denen in die eigene Psyche zu begleiten eben dezidiert wenig Vergnügen bereitet. Serrault spielt diesen Sklaven seiner Schuldkomplexe und Hirngespinste, die sich nach und nach in einer tief verwurzelten, inzestuös gefärbten Obsession kanalisieren, in zugegebenermaßen brillanter Weise zwischen Ironie und Bedauerungswürdigkeit. Isabelle Adjani, die in diesen Jahren bekanntermaßen ja beinahe ausschließlich auf die eine oder andere Weise entrückte, enigmatische Frauenfiguren gab, entwickelt sich unter Beauvoirs Observation (und parallel dazu natürlich auch der des Publikums) von der mörderischen femme fatale zu einem Opfer ihrer tatsächlich berechtigten Paranoia, die sie, sehr viel mehr noch als jede offene Attacke oder mögliche Denunziation Beauvoirs, angreifbar macht, zermürbt und schließlich in den Tod treibt. Damit verliert auch „Das Auge“ seinen letzten Existenzzweck.

7/10

UNDERVERDEN

Zitat entfällt.

Underverden (Darkland) ~ DK 2017
Directed By: Fenar Ahmad

Zaid (Dar Salim) ist das, was der hellhäutige Westeuropäer gemeinhin gern als „erfolgreich angekommen“ bezeichnet: Er ist erfolgreicher Chirurg in einem Kopenhagener Krankenhaus, hat die einheimische Stine (Stine Fischer Christensen) geheiratet und sich von seinen nahöstlichen Flüchtlingswurzeln beinahe krampfhaft losgelöst. Doch die Vergangenheit ruht nicht: Während er und die schwangere Stine mit Freunden bei gutem Rotwein und gepflegter Konversation erlesen dinnieren, taucht Zaids jüngerer Bruder Yasin (Anis Alobaidi) auf und bittet ihn verzweifelt um Hilfe; es ginge um sein Leben. Zaid wiegelt entnervt ab und verweist Yasin der Tür – mit tatsächlich tödlichen Folgen für den Jungen, der am nächsten Tag mit irreparablen Hirnschäden auf der Intensivstation landet. Zwischen Selbstvorwürfen und Familienehre macht sich Zaid auf ins alte Viertel, erfährt rasch von Gangstergröße Semion (Ali Sivandi) nebst dessen Miniregime und hat damit auch gleich den an Yasins Tod Schuldigen. Körperlich ertüchtigt setzt sich Zaid einen schwarzen Motorradhelm auf und pflügt sich durch die Kopenhagener Unterwelt…

Spürbar nachhaltig beeinflusst von Michael Winners „Death Wish“ transponiert Fenar Ahmad das Sujet des sich von jedweder Vernunft loslösenden und damit zerreißenden Vigilanten in die Gegenwart und die dänische Hauptstadt. Dass diese eine hervorragende Kulisse für an die Nieren gehende Thriller- und Gangsterdramen bereithält, ist nun schon seit längerem kein Geheimnis mehr. Auch bei Ahmad gerät die 600.000-Einwohner-Metropole zu einem finsteren Schmelztiegel der Klassen und Kulturen, in dem nicht nur Migranten und Biodänen, sondern auch upper class und Prekariat mögliche soziale Berührungspunkte um jeden Preis vermeiden. Zaid repräsentiert da denkbar generisch den berühmten Wanderer zwischen den Welten – als Kind aus dem Irak hierhergelangt, gelang es ihm, sich von seinen Ghettowurzeln zu lösen und einen mehr denn respektablen gesellschaftlichen Status zu erlangen, was ihn wiederum zwangsläufig von seiner Herkunft wegtreibt. Job, Ehe und ein sündhaft teures Hochhaus-Appartement symbolisieren jene bewusste Abkehr auf das Deutlichste. Erst mit Yasins Tod wird ihm bewusst, dass Herz und Blut sich jedoch nicht so einfach verleugnen lassen und seine mäandernde Biographie treibt ihn zurück in dunkle, lange ignorierte Sphären. Die sich nun überaus gewalttätig und unter gezielter Zuhilfenahme von Steroiden entladenden Aggressionen, bezeichnenderweise praktiziert hinter der Tarnung einer Art selbstanonymisierenden „Superhelden-Kostüms“, entfremden ihm wiederum von allem, was er sich so mühselig vor Ort aufgebaut hat. Dennoch führt er seinen einmal eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende.
Dass Ahmads ebenso schöner wie dunkler, durchaus vielschichtiger Film sich längst nicht allein als reines Genrewerk begreift, sondern zudem als eine soziokulturelle Bestandsaufnahme, die ebensogut auch in den meisten anderen mittelwesteuropäischen Großstädten Platz fände, verleiht ihm eine besondere Zusatznote.

8/10

SMILLA’S SENSE OF SNOW

„The Devil assumes many forms.“

Smilla’s Sense Of Snow (Fräulein Smillas Gespür für Schnee) ~ D/DK/SW 1997
Directed By: Bille August

Die in Kopenhagen lebende Smilla Jaspersen (Julia Ormond) ist das, was man einen unbequemen Menschen nennen könnte: Als Tochter einer bereits vor längerer Zeit verstorbenen Inuit und eines renommierten dänischen Arztes (Robert Loggia) steckt sie nicht nur zwischen den Kulturen fest – sie schottet sich auch systematisch von ihren Mitmenschen ab, lässt keinerlei Gefühle, Nähe oder Wärme an sich heran und betrachtet die Welt durch beinahe autistisch-angewandte, zutiefst verhärtete Augen. Als ihr einziger Freund, der Nachbarsjunge Isaiah (Clipper Mirano), vom Hausdach in den Tod stürzt, glaubt Smilla nicht an einen Unfall. Sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln und stößt mithilfe ihres eigenbrötlerischen Nachbarn und den gesellschaftlichen Verbindungen ihres alten Herrn schließlich auf den Multi „Greenland Mining“ und dessen Chef Tork (Richard Harris), der im Begriff ist, eine mysteriöse Expedition in die Arktis durchzuführen…

„Smilla’s Sense Of Snow“, also der dem Film zugrunde liegende, gleichnamige Roman des Dänen Peter Høeg, zählte in den Früh- und Mittneunzigern zu jener Art Buch, die man in mutmaßlich jedem anderthalbsten europäischen Buchregal vorfinden konnte. Es lässt sich weiterhin annehmen, dass dessen Kriminalgeschichte mit leichtem SciFi-Einschlag nicht unwesentlich mitverantworlich zeichnet für den bis heute andauernden, skandinavischen Thriller-Boom sowohl auf dem Belletristik-, als auch dem Film- und TV-Sektor. Die eigenwillige Story um die gleichsam selbstbewusste und doch bindungsunfähige Privatdetektivin wider Willen bewegte und begeisterte jedenfalls ein literarisches Massenpublikum und wurde somit ganz schnell zu einem Fall für den umtriebigen Constantin-Chef Bernd Eichinger, der es wohl als eine seiner karrieristischen Hauptmissionen ansah, sich die Rechte für massive Bucherfolge zu sichern und diese dann mit internationalen Stäben und Besetzungen für das Kino aufbereiten zu lassen. Insofern lag der Fall betreffs „Fräulein Smilla“ relativ schnell klar und der Film, unglaublich toll gecastet und von Bille August zu einer schicken Augenweide mit nur allen denkbaren Weißabstufungen für die zig Sorten Eis und Schnee geformt, entspricht dann auch recht exakt jenem „Qualitätskino“-Schema, das Business und Kunst überdeutlich kombiniert und für etliche Filmliebhaber zum Ssynonym für Filme zum Abgewöhnen avancierte. Tatsächlich entdeckt man hinter Eichinger-Produktionen stets Eichinger, respektive spürt seine Gegenwart oder glaubt zumindest, sie zu spüren, während „seine“ Regisseure von Petersen, Edel und Annaud bis hin zu August eher wirken, als erfüllten sie vornehmlich repräsentatorische Statthalter-Funktionen. Ich muss zugeben, dass ich dennoch die meisten der entsprechenden Filme trotz breiter Vorwurfsbasis aus unterschiedlichen Gründen gern bis sehr gern mag; sie bildeten über zwei Jahrzehnte hinweg den kleinsten Nenner von Glamour und Megalomanie im deutschen Kino, schämten sich nicht für das, was sie repräsentierten und lieferten vor allem regelmäßig augenbezuckerndes Entertainment. Dass sie die literarischen Vorlagen häufig begradigten oder im schlimmsten Falle verwursteten und nicht selten Zeugnisse der multilpen Eitelkeiten ihres Produzenten wurden, gehörte zum Spiel.
Ich mag Smilla, auch und sogar besonders mit dem Gesicht von Julia Ormond, und würde gern mal mit ihr einen trinken. Wahrscheinlich söff sie mich unter’n Tisch.

7/10

LAURIN

Zitat entfällt.

Laurin ~ D/HU 1989
Directed By: Robert Sigl

Irgendwo in Deutschland, kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende, in einem kleinen Städtchen mit Meerzugang: Die Mutter (Brigitte Karner) der kleinen Laurin (Dóra Szinetár) muss sterben, weil sie Zeugin des Mordes an einem Jungen wurde. Für das Mädchen, dessen Vater (Barnabás Tóth) wie viele der Männer hier zur See fährt, beginnt eine Zeit der Unsicherheit und Einsamkeit. Mit der Rückkehr des Pfarrersohns Van Rees (Károly Eperjes) vom Militär mehren sich seltsame Zeichen, die nur Laurin wahrzunehmen im Stande ist.

Infolge der jüngst stattgefundenen Restaurierung, Neuveröffentlichung und kleinen Kino-Tournee von Robert Sigls fast schon dreißig Jahre altem Film ist „Laurin“ urplötzlich wieder in aller Munde zumindest der deutschen Cinephilie. Nahezu unmöglich, dem Ausnahmewerk momentan nicht allenthalben zu begegnen, dabei war es doch eigentlich nie ganz weg. Gern wird angeführt, dass „Laurin“ vor allem deshalb eine wesentliche Position in der jüngeren hiesigen Filmgeschichte einnimmt, weil er sich als Genrestück zumindest im zeitgenössischen Kino einen höchst spezifischen Ausnahmestatus sichert.
Auch für den Regisseur Robert Sigl, der „Laurin“ mit 26 Jahren fertigstellte und der in der Folge bislang ausschließlich fürs Fernsehen arbeitete, bleibt das vielschichtige, düsterromantische Kleinod ein Ausnahmetriumph. Mir selbst fiele aus dem zeitlichen Kontext nur noch Ralf Huettners „Der Fluch“ (bezeichnenderweise eine TV-Produktion) ein, wenn ich eine sich annähernd ähnlich beklemmend ausnehmende, emotional involvierende Arbeit nennen müsste.
„Laurin“ zeigt sich von vielerlei Einflüssen geprägt; die Geschichte eines Mädchens an der Grenze zur Pubertät (oder kurz darüber hinaus), das auf eine phantastische, unter Umständen morbide Entdeckungssuche geschickt wird, hat etliche literarische und auch filmische Wurzeln. Lewis Carrolls „Alice“-Romane wären da gewiss zu nennen, „The Wizard Of Oz“ und später, im Film, „Valerie A Týden Divu“, „Lemora – A Child’s Tale Of The Supernatural“ sowie schließlich „The Company Of Wolves“ und „Phenomena“. Aus all diesen Quellstoffen bezieht Sigls Film – ob bewusst oder unbewusst – seinen exquisiten Treibstoff. Ein wenig Herzog scheint noch drinzustecken, an dessen im historischen Ambiente angesiedelte Werke man sich hier und da erinnert fühlt. Trotzdem ist „Laurin“ immer noch eigenwillig genug, um als etwas Neues und Besonderes gewertet werden zu können und seinen besagten Exklusivstatus zu sichern. Mit ungarischen DarstellerInnen gedreht und in deutscher Sprache nachsynchronisiert, ergibt sich bei der Betrachtung zunächst der nicht zu unterschätzende Vorteil, sich nicht nur zeitlich, sondern auch demoskopisch entrückt zu wähnen. Wo genau das Städtchen liegt, in dem „Laurin“ spielt, lässt sich ferner kaum bestimmen; Ostsee und Donauufer schießen einem durch die assoziativen Verschaltungen. Das „Zweite Gesicht“ des Mädchens bringt dann ein dezidiert phantastisches Element mit in das sich bald entspinnende Mördermysterium, das sich später um brodelnde, seit langem schwelende Abgründe ergänzt findet: Der alternde Pastor (Endre Kátay) erweist sich als weitaus weniger enthaltsam als sein Stand ihm gestattet; er hat wenigstens ein uneheliches Kind und scheint, nicht zuletzt in Anbetracht der tiefen Verstörtheit seines Sohnes, der sich schließlich als Kindsmörder entpuppt, noch ganz andere, sehr viel dunklere Obsessionen zu hegen. Symbolische Vorboten – ein Flugdrachen, der wie ein schwarzes Herz durch die Luft flattert und ein nicht minder schwarzer Schäferhund – leiten Laurin bis hin zur Entlarvung und Unschädlichmachung der finsteren Wolken über dem ohnehin bereits dämmernden k.u.k.-Schmuck der sich neigenden Epoche.

9/10

LOOKER

„The average American spends more than one and a half years of his life just watching television commercials. Now, that’s power.“

Looker (Kein Mord von der Stange) ~ USA 1981
Directed By: Michael Crichton

Eine Gruppe weiblicher Werbemodels lässt von dem renommierten Schönheitschirurgen Larry Roberts (Albert Finney) minimale Korrekturen an Gesicht und Körper vornehmen. Als kurz darauf zwei von ihnen in rascher Folge – angeblich durch Unfälle oder Suizid – zu Tode kommen, wird Roberts hellhörig und bei seinen nachfolgenden Untersuchungen sogar Zeuge der Ermordung eines dritten Mädchens. Roberts findet heraus, dass alle Opfer in Verbindung mit der Werbeagentur „Digital Matrix“ standen, die von dem öffentlichkeitsliebenden John Reston (James Coburn) geleitet wird. Um Cindy (Susan Dey), die vierte und letzte der von ihm behandelten Damen, zu beschützen, macht sich Roberts daran, gemeinsam mit ihr hinter die Kulissen von Digital Matrix zu blicken und fördert dabei Ungeheuerliches zu Tage…

Nachdem Michael Chrichton in seinen dystopischen Kino-Meditationen bereits die Zukunft der Freizeitunterhaltung („Westworld“) und der Organspende („Coma“) eruiert hatte, wandte er sich mit „Looker“ dem wachsenden Einfluss der Massenmedien auf unser alltägliches Sozial- und Konsumverhalten zu. Zunächst einmal nimmt es sich geflissentlich verblüffend aus, dass die Realität das, was vor rund 37 Jahren noch als zugespitzte Satire, Social Fiction und Zukunftsmusik veräußert wurde, längst überholt und in den Schatten gestellt hat. Noch vor „Tron“ entwarf „Looker“ dazu die filmische Einbindung völlig digitalisierter Umgebungen und Personen, die nach realem Abbild geformt, beliebig manipuliert, modifiziert und eingesetzt werden können. Heimlicher Star des Films und für Techniknerds besonders erquicklich ist dabei die so genannte „Looker Gun“, die die von Coburns Filmunternehmen geschaffene Erfindung in ein handliches Waffenformat bringt: Digital Matrix hat nämlich einen Weg gefunden, Menschen durch ein winziges optisches Signal für einen beliebig langen Zeitraum zu hypnotisieren und suggestionsempfänglich zu machen. Wie es sich für jeden sinistren High-Tech-Firmenchef gehört, beschäftigt natürlich auch Coburn/Weston einen stummen, folgsamen henchman (Tim Rossovich, von den credits geheimnisvoll, aber treffend als „Moustache Man“ ausgewiesen), der vor allem ein echtes Ass im Umgang mit der Looker Gun ist und hinreichend Anlässe für die notwendigerweise eingeflochtenen Actionsequenzen bietet, in denen der im Grunde wenig sympathisch gezeichnete Held Finney teils ordentlich Dresche bezieht. Fast zeitgleich mit Michael Radleighs meisterlichem „Wolfen“ entstanden, ergeben sich darüber hinaus hier und da augenfällige formale Analogien, die sich eben besonders durch Finneys Mitwirkung in beiden Filmen als verzahnend erweisen. Crichton allerdings lässt frühere Stärken hier und da etwas vermissen – wirklich bedrohlich oder auch erschreckend wirkt seine Vision, schon infolge der oftmals augenzwinkernden Ausreißer und Seitenhiebe, im Direktvergleich zu seinen früheren Phantasmagorien nicht, wenngleich die markant vorgetragene Botschaft ihren besonderen Stellenwert erhält.

6/10

SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA

Zitat entfällt.

Salò O Le 120 Giornate Di Sodoma (Die 120 Tage von Sodom) ~ I/F 1975
Directed By: Pier Paolo Pasolini

Zusammen mit den Übrigbleibseln seiner systemtreuen Herolde und Handlanger gründet Mussolini unter breiter Unterstützung des Deutschen Reichs in der norditalienischen Stadt Salò eine Marionettenrepublik, die von September 1943 an noch rund eineinhalb Jahre bestehen bleiben wird. Während über Brescia bereits die Motoren der alliierten Aufklärungsflugzeuge und Bomber röhren, beschließen vier im Faschismus gediehene Herren, ein Adliger (Paolo Bonacelli), ein Richter (Umberto Paolo Quintavalle), ein Kleriker (Giorgio Cataldi) und ein Politiker (Aldo Valletti) den nahenden Untergang ihres Systems im Zuge einer beispiellosen Orgie zu zelebrieren. Dabei wird zuvor explizit vertraglich festgehalten, dass jedwedes moralische und ästhetische Dogma bewusst gebrochen werden soll. Neben vier alternden Huren, die als Geschichtenerzählerinnen jeweils die minutiös geplanten Akte der Perversion einzuleiten haben, lässt das distinguierte Quartett von Wehrmachtssoldaten siebzehn Jugendliche einfangen und auf ein feudales Palazzo am Gardasee verschleppen. Die Qualen und Folter, die die jungen Leute in den kommenden Tagen bis zu ihren Ermordungen zu erleiden haben, sind furchtbar.

„Salò“ sehen heißt, sich ihm stellen. Über Pasolinis Skandalfilm ist bereits so viel geschrieben und gesagt worden, dass mir weitere historische Erläuterungen an dieser Stelle redundant erscheinen. Die Frage, die ich mir auch selbst gestellt habe und noch stelle, ist vielmehr die, was den Zuschauer zur wiederholten Rezeption des Werkes bewegt, respektive, warum man sich ihm unter Kenntnis des zu Erwartenden bewusst und freiwillig aussetzt. Die plausibelste Antwort scheint mir: weil der Film es verdient. Pasolini war ja ein Getriebener, der nie ganz zu sich selbst gefunden hat; voll von Dämonen und Ekel, über die Welt, ihre Auswüchse und sich selbst. Insofern hat sein Tod, seine Ermordung, die noch vor der Premiere seines Finalwerkes stattfand, beinahe etwas Romantisches – so unbequem „Salò“ ist, so unbequem war der Mensch und Künstler Pasolini für etliche Zeitgenossen. Der Mord an ihm ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Der zunächst verurteilte Strichjunge Pino Pelosi, zum Tatzeitpunkt 17 Jahre jung, widerrief später das ursprüngliche Geständnis und gab Dekaden später zu, Pasolini im Auftrag von Hintermännern von Rom nach Ostia gelockt zu haben. Auf dem Weg sei das Opfer dann von einem Schlägertrupp zu Tode geprügelt worden, der vielerseits dem rechtsextremen Lager zugeordnet wird. Es würde wohl zu weit gehen, zu konstatieren, Pasolini sei schlussendlich für die Realisierung dieses Films gestorben, doch der Gedanke ist grundsätzlich nicht ganz von der Hand zu weisen.
Sich titulär auf die gleichnamige Novelle des Marquis De Sade sowie die von Dante Alighierhi im Eingangssegment „Inferno“ der „Divina Comedia“ beschriebenen, vier Höllenkreise berufend, zergliedert Pasolini die Ausschweifungen seiner bourgeoisen Faschisten und das Martyrium ihrer Opfer in einer sich steigernden, systematischen Deprivatisierung aller Körperlichkeit. Auf eine radikale Form verzichtet der Regisseur dabei völlig und wohl ganz bewusst, ebenso wie auf jede mögliche Gefahr audiovisueller, erotischer Stimulanz des Publikums. Die Bilder sind von starrer, schmuckloser Klarheit und karger Farbgebung; sperrig und verrweigern sich offen pornographischer Darstellungen. Die besonders berüchtigten Szenen um die hier genussvoll, da angewidert praktizierte Koprophagie sind mithin am schwersten zu ertragen, derweil ich die finalen, vergleichsweise knapp selektierten und wenig exzessiv festgehaltenen Torturen beinahe gleichgültig wahrnahm – Pasolini hatte mich da ohnehin längst am Boden. Als Symbolbild für Faschismus, den Pasolini hier deutet als die Option der Machthaber, sich selbst konsequenzenlos und im Gegenzuge umso endgültiger zu entmenschlichen und selbst noch den alleruntersten Instinkten stattzugeben, gibt es wohl kaum verstörenderes stilisiertes Anschauungsmaterial. Natürlich entstammen die Protagonisten den gesellschaftlichen Säulen des klassisch-zivilisierten Staates, repräsentieren Politik und Justiz, Kirche, Adel und Hochfinanz in all ihrem gräulichen Korruptionspotenzial. Umso konsequenter demontiert der Film sie, schürt den Hass des Publikums und gleichermaßen die Ohnmacht, im Zuge derer ihre Opfer ihnen und ihren entfesselten Gelüsten ausgesetzt sind.
Ob ich bis zur nächsten Betrachtung von „Salò“ wieder 27 Jahre verstreichen lasse, weiß ich noch nicht. Für den Moment habe ich genug.

9/10

ST. ELMO’S FIRE

„We’re all going through this. It’s our time at the edge.“

St. Elmo’s Fire ~ USA 1985
Directed By: Joel Schumacher

Seit ihrem Studium nebst den noch nicht lang zurückliegenden, hochqualifizierten College-Abschlüssen sind die sieben Freundinnen und Freunde Wendy (Mare Winningham), Billy (Rob Lowe), Leslie (Ally Sheedy), Alec (Judd Nelson), Kevin (Andrew McCarthy), Jules (Demi Moore), und Kirby (Emilio Estevez) unzertrennlich. In ihrer Lieblings-Studentenkneipe, der „St. Elmo’s Bar“, finden sie sich nach und zu jedem Leid und jeder Freud zum Feiern ein. Bis irgendwann dann doch das gefürchtete Erwachsenwerden etwas verspätet und mit der gebührenden Vehemenz an ihre adoleszenten Türen klopft: Obschon Leslie und Alec als ewiges Traumpaar kurz vor ihrer Hochzeit stehen, ist der eher stille Kevin, den die anderen schon für schul halten, seit eh und je heimlich in Leslie verliebt, Wendy, noch Jungfrau und aus konservativ-jüdischem Hause, liebt derweil Billy, der als Rock-Saxofonist ein haltloses Lotterleben zwischen Suff, Promiskuität und versehentlich gezeugtem Baby führt. Jules liebt die Rolle des glamour girl und steuert zwischen Koks und Champagner auf die finanzielle Pleite zu und Kirby verrennt sich in eine Liebelei zu seiner etwas älteren Ex-Kommilitonin Dale (Andie MacDowell), bei der er überhaupt keine Chance hat.

Der im Laufe der Jahre, spätestens jedoch seit seinen beiden beispiellos zielstrebig vor die Wand gefahrenen „Batman“-Filmen in den Neunzigern zunehmend streitbare Regisseur Joel Schumacher hat zumindest in meiner Wahrnehmung mit einigen früheren Arbeiten noch echte Marksteine setzen können. Sein dritter Regiefilm „St. Elmo’s Fire“ etwa ist schon deshalb von bleibendem kulturhistorischen Wert, weil er einen der wenigen echten Ensemble-Filme der Achtziger-Brat-Pack-Generation markiert. Neben Coppolas schwelgerischer Hinton-Adaption „The Outsiders“, gewissermaßen der Initialschuss für jene von hübschen Teenagern dominierte Hollywood-Nachwuchs-Clique, bildeten Milius‘ „Red Dawn“ und schließlich John Hughes „The Breakfast Club“ die weiteren „Kernwerke“ dieser sich über die gesamte Dekade hinziehenden, genreunabhängigen und rein via ihres darstellerischen Personals umreißbaren Strömung, da in ihnen jeweils eine größere Schnittmenge des vielleicht zwölf, dreizehn Darstellerinnen umfassenden Brat Pack auftrat. „St. Elmo’s Fire“ ist gewissermaßen der leicht verfüht gesetzte Schlusspunkt; ein generationsbezogen kontemporär angelegter „Big Chill“ und letzter Seufzer der Adoleszenz, bevor das Leben in mehr oder weniger begradigte, bourgeoise Yuppie-Bahnen übergeht. Gleich drei Teilnehmer des fast zeitgleich entstandenen „Breakfast Club“ (Estevez, Sheedy, Nelson) werden da urplötzlich von Schülern zu Ex-Studierenden deklariert und man nimmt es ihnen umweglos ab. Der etwas aufgesetzte Symbolismus des Elmsfeuers, dessen sich der Film ja bereits titulär befleißigt, steht im Zusammenhang mit dem finalen Schritt hin zum Erwachsenwerden für zweierlei: das verzweifelte Festhalten an der wenig verantwortungsvollen Existenz als Jugendlicher einerseits und die uneinlösbaren Versprechungen der idealisierten Bürgerlichkeit zum Anderen. Die „Probleme“, mit denen das Septett sich herumzuschlagen hat, entsprechen gewissermaßen den subsummierten, relativ luxuriösen Begleiterscheinungen und psychosozialen Redundanzien ebenjener Schwellenwanderung, inmitten der die Yuppie-Generation heraufbeschwörenden reagonomics. Als Zeitporträt mit einem zudem gloriosen Titelstück somit unbedingt konservierungs- und auch sehenswert.

8/10

PRETTY IN PINK

„I’m off like a dirty shirt.“

Pretty In Pink ~ USA 1986
Directed By: Howard Deutch

Die ebenso aparte wie kluge Teenagerin Andie Walsh (Molly Ringwald) macht das beste aus ihrem Leben als Tochter eines grenzdepressiven, alleinerziehenden Arbeitslosen (Harry Dean Stanton): In der High School gehört sie zu den Überfliegerinnen, ihre Klamotten schneidert sie selbst und verdient sich ein paar Kröten nebenher im kleinen, alternativ angehauchten Plattenladen der leicht durchgedrehten Iona. Dass sie ausgerechnet in den Bourgeoisie-Filius Blane McDonough (Andrew McCarthy) unsterblich verknallt ist, geht vor allem zu Lasten von Andies Sandkastenfreund Phil Dale, genannt Duckie (Jon Cryer), der sie besser kennt als jeder andere und seine aufrichtige Liebe zu ihr hinter albernem Gehabe versteckt. Als Duckie schließlich einsieht, dass Blane gar kein so übler Typ ist, macht er den Weg für das künftige Paar frei.

Broken hearts for you and me: „Pretty In Pink“, das Regiedebüt des künftigen John-Hughes-Faktotums Howard Deutch, ist im tiefsten Herzen ein Arschloch-Film, wie bereits „Sixteen Candles“ zuvor, der hier mit leicht veränderter Agenda, weniger Humor und stattdessen mehr pubertärem Pathos neu aufgelegt wurde. Gut, man kann im Hinblick auf das gewiss nicht völlig unromantische Ende dergestalt argumentieren, dass es Andie und ihrem Traumprinzen Blane vergönnt ist, sich über die (nicht eben diffizil umrissenen) sozialen Schranken von Standesdünkel und Vorurteilen hinwegzusetzen. Dass dabei jedoch der arme Duckie, der die g’scheite Andie eigentlich doch sehr viel mehr verdient hätte, im Regen stehen bleibt, ist ein deftiger Tritt in die ohnehin gebeutelten Familienjuwelen aller unglücklich Verliebten, denen offenbar selbst in einer amerikanischen High-School-Version von Grimms Märchen noch die Türen vor der Nase zugeschlagen werden. Okay – die eine oder der andere wird dagegenhalten: „Aber Duckie geht doch gar nicht leer aus, im Gegenteil, er bekommt Kristy Swanson (von den Credits schelmisch als „Duckette“ bezeichnet), die am Ende qua urplötzlich vom Himmel fällt und ihn siegesgewiss anlächelt. Duckie hat sich von seinen irrealen Träumen emanzipiert und ist nun bereit, eine echte, erwachsene Beziehung einzugehen.“ „Blödsinn!“, sage ich dazu. Duckie hätte die Heldin verdient gehabt, die er sich Zeit seines Lebens erträumt, von der eigentlich nur er wirklich weiß, wie sie tickt und die ihm – in vorgeblich naiver Arroganz – das Herz auf die schlimmste Art und Weise herausreißt, die dem Ungeliebten beschert werden kann: Sie zeigt ihm ihr erotisches Desinteresse auf und erwartet von ihm die selbstverständliche Annahme ihrer Perspektive, die ihn als bruderhaften Kumpel ausweist. Insofern hat sie auch überhaupt nicht das Recht dazu, beleidigt zu reagieren, als er vor ihr ein einziges Mal die Fassung verliert und ihr in drei, vier, todaufrichtigen Sätzen sein in Wallung gebrachtes Gefühlsleben ausschüttet. Doch sie ist erst gar nicht bereit, das auch nur im Mindesten anzuerkennen. Insofern wird niemand, der je unglücklich verliebt war, in „Pretty In Pink“ sein Seelenheil finden, zumal garantiert keiner von uns je eine Kristy Swanson zum Trösten vobeigeschickt bekam.
Als Zeit- und Generationsportrait taugt das „Brat-Pack“-Werk natürlich wiederum; James Spader nimmt sich, wenngleich völlig offensichtlich typegecastet, ganz wunderbar aus als intriganter Fatzke und die Songauswahl mit nicht weniger als drei (!) New-Order-Nummern und natürlich dem luxuriösen Titelstück wäre sowieso über jeden Zweifel erhaben. Allein das wehmütig schlagende Herz des in trübe Vergangenheitsidentifikationen verfallenen Chronisten mag sich in ihm so ganz und gar nicht behaglich fühlen.

7/10

THOR: RAGNAROK

„I have to get off this planet!“

Thor: Ragnarok (Thor – Tag der Entscheidung) ~ USA 2017
Directed By: Taika Waititi

Nach den Ereignissen um den mordenden Roboter Ultron und einer längeren, erfolglosen Suche nach den Infinity-Steinen kann der Donnergott Thor (Chris Hemsworth) den Feuerdämon Surtur besiegen. Derweil hat der altersmüde Odin (Anthony Hopkins) Asgard verlassen und Thors intriganter Halbbruder Loki (Tom Hiddleston) unerkannt die Identität des Göttervaters angenommen. Nach der Klärung der Situation verabschiedet sich Odin von seinen Söhnen gen Walhalla, derweil sein ältestes Kind, die aus ihrer Gefangenschaft entkommene Todesgöttin Hela (Cate Blanchett), nachdrücklich ankündigt, dass künftig sie über Asgard herrschen wird. Zuvor entledigt sie sich ihrer beiden Brüder, die auf Sakaar landen, dem derzeitigen Aufenthaltsort des „Grandmaster“ (Jeff Goldblum), einer der kosmischen Entitäten, der nichts mehr liebt als Schaukämpfe. Als sein derzeitiger Champion entpuppt sich der mittlerweile seit zwei Jahren pausenlos im monströsen Körper des Hulk gefangene Bruce Banner (Mark Ruffalo). Nach einem für Thor desaströs endenden Kampf in der Arena gelingt es dem Donnergott, Banners menschliches Ich zurückzuholen und gemeinsam mit ihm und der zwischenzeitlich abtrünnigen Walküre (Tessa Thompson) nach Asgard zu entkommen, um Hela ein für allemal zu stellen.

„Thor: Ragnarok“ nimmt denselben Weg wie James Gunns „Guardians Of The Galaxy“-Filme und wählt zur Dargabe seiner epischen Geschichte den Weg selbstironischer Comedy, gepaart mit gewaltigen, knallbunten, bewusst effektüberladenen Bildern und nostalgischen Pulp-/Camp-Elementen, die im Golden und Silver Age der Comics fußen und diesen liebevoll-komische Reminiszenz erweisen. Wie zuvor bereits „Captain America: Civil War“ fokussiert sich der Film trotz eindeutiger Namensgebung keinesfalls mehr allein auf die Titelfigur, sondern versteht sich, ganz im Sinne des event movies, das er eben ist, als Mash-Up – Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) liefert sich einen gepflegt redundanten Auftritt als Suchshelfer auf der Spur des verschollenen Göttervaters und auch das bislang offene, weitere Schicksal des Hulk klärt sich. Der grüne Goliath ist nun endlich seiner aus den klassischen Comics berüchtigten, artikel- und präpositionslosen Rudimentärsprache mächtig, was allerlei komische Anlässe zu Konflikten mit dem unterdessen seiner Zauselmähne entledigten Donnergotts bietet. Neue Charaktere wie die Walküre (im verjährten Print noch der Inbegriff arisch-nordischer Wagnerismen, jetzt Hollywoods neuer Farbenfreude gemäß eine afro-asische, saufende Rotzamazone), der verräterische Ase Skurge (Karl Urban) oder der superliebe, steinerne Gladiator Korg (mit der Stimme des Regisseurs „angereichert“ ein klarer Rekrutierungsfall für die Guardians) sorgen für frische Impulse. Led Zeppelins Wikingerstück „Immigrant Song“ erklingen zu lassen, ist ein etwas offensichtlicher, aber immer noch toller Einfall, der es jedoch als einmalig bemühtes Bonmot getan hätte.
Waititi kennt man nunmehr als einen sympathische Filmemacher mit wohlfeilem Humor, dessen Engagement ausgerechnet für einen „Thor“-Film man allerdings gut und gern zwischen den Kreativpolen „eklektisch“ und „widersinnig“ anordnen möchte. Göttliche Grandezza, pompöses Superheldenspektakel und fiebriges Pathos gehen bei erwartungsgemäß ihm auf Nulllinie. Nicht jedem Anhänger meternster, nordischer Sagen wird das munden. Wenn dann noch Jeff Goldblum den dereinst blauhäutigen, stets respekteinflößenden, kosmischen Schachspieler Grandmaster (der eigentlich in einer Liga mit Giganten wie dem Beobachter oder Galactus spielt) zu einem seiner ihm eigenen Exalthiert gemäß interpretierten, wirren, etwas tuckig angehauchtenen Flitter-Alien ummodelt, dann gilt es abermals, umzudenken.
Vom „alten“ Thor und seinem ihn geleitenden, umfangreichen Mythologiepool heißt es ferner radikal Abschied nehmen. Die drei Freunde Hogun (Tadanobu Asano), Fandral (Zachary Levy) und Volstagg (Ray Stevenson) werden flugs und ohne großes Aufheben aus den neun Welten getilgt, für Anthony Hopkins gibt es einen kaum minder überhasteten Abschied um am Ende geht auch Asgard selbst infolge der lang gefürchtete, göttliche Apokalypse verlustig, seine letzten überlebenden Exilanten auf großer Sternentour in großem Raumschiff. Ragnarök findet zu böser Letzt also tatsächlich noch statt, ein weiterer heroischer Verlust auf dem Weg zum in Kürze stattfindenden, alles involvierenden Infinty War. Ob und inwieweit die neue MCU-Spaßigkeit diesem noch adäquat zu Gesicht stehen wird, bleibt fürs Erste abzuwarten.

7/10

THE CLOVERFIELD PARADOX

„Logic doesn’t apply to any of this.“

The Cloverfield Paradox ~ USA 2018
Directed By: Julius Onah

In nicht allzu ferner Zukunft: Versorgungsengpässe und eine neuerliche gobale Energiekrise führen die Menschheit abermals an den Abgrund. Im All soll die Aktivierung eines neu entwickelten Teichenbeschleunigers namens „Shepard“ künftige Energieversorgung sichern, wobei einige Theoretiker diesbezüglich vor Folgen unabsehbaren Ausmaßes für die Erde warnen. Nach diversen Fehlversuchen gelingt der Besatzung der zuständigen  Raumstation die Zündung, jedoch mit höchst unerwarteten Folgen: Man landet jenseits der Sonne und in einer alternativen Realität, die etliche Parallelen, aber auch gravierende Unterschiede zu der der Astronauten aufweist, so steht die „andere Welt“ bereits kurz vor dem endgültigen Aus. Derweil fällt die zurückgelassene Erde tatsächlich in das antizipierte Chaos durch das Auftauchen fremdweltlicher Monster. Schließlich gelingt den Raumfahrern nach der Bewältigung einiger Unwägbarkeiten der Rücksprung in die eigene, monströs veränderte Dimension.

Wenn ich erst keinerlei Motivation habe, zu einem gesehenen Film etwas zu schreiben, ist das kein besonders gutes Zeichen. Nachdem „The Cloverfield Paradox“, der nunmehr dritte filmische Eintrag in das von J.J. Abrams‘ Produktionsfirma „Bad Robot“ flankierte, bis dato sehr lose dargebrachte „Cloverfield“-Franchise erst gar keinen Kinostart erlebte, sondern unangekündigt auf Netflix landete, ließ sich bereits der eine oder andere Dämpfer in punkto Fruchtbarkeit erahnen. Und tatsächlich – mit der Verlegung der Geschichte in den Weltraum, die als eine Art Prequel wohl davon berichten soll, wie das Riesenmonster in „Cloverfield“ respektive die Aliens in „10 Cloverfield Lane“ ihre Wege zur Erde fanden, machen sich Bequemlich- und Beliebigkeit breit. Ein Raumschiff bzw. eine Raumstation, auf der infolge naiver Spielchen mit gottgleicher Technologie nicht mehr alles in Butter ist und die Besatzung durch eine unerwartete Ausnahmesituation dezimiert wird, das ist gewissermaßen schon lange ziemlich kalter Kaffee. Auf monsters on a rampage muss man weitgehend verzichten und dennoch sind die auf der Erde spielenden Szenen, die von dem flüchtenden Neben-Protagonisten (Roger Davies) nebst dem von ihm in Obhut genommenen Mädchen (Clover Nee) berichten, die deutlich involvierenderen und interessanteren. Der Rest bleibt solides Sci-Fi-Entertainment zum alleinigen Zwecke kurzgegarten Entertainments, garantiert ohne Innovationen oder gar besondere Prägnanz.

5/10