THE DEFENDERS: SEASON 1

„Am I the only one in New York who doesn’t know Karate?“

The Defenders ~ USA 2017
Directed By: S.J. Clarkson/Phil Abraham/Farren Blackburn/Uta Briesewitz/Félix Enríquez Alcalá/Peter Hoar/Stephen Surijk

Höchst unfreiwillig schließen sich die vier New Yorker Superhelden Matt Murdock (Charlie Cox), Jessica Jones (Krysten Ritter), Luke Cage (Mike Colter) und Danny Rand (Finn Jones) zu einem Team zusammen, um die undurchsichtigen Pläne der uralten Verbrechensorganisation „Die Hand“ und ihrer geheimen Chefin Alexandra Reid (Sigourney Weaver) zu durchkreuzen, die wegen eines tief unter Manhattan verborgenen Geheimnisses die Zerstörung der gesamten Metropole in Kauf nimmt.

In direkter Folge zu der „The Defenders“ gewissermaßen vorbereitenden Reihe „Iron Fist“ habe ich mir in zwei Abschnitten das bislang jüngste Netflix-Serial angeschaut. Das beflügelnde Potenzial der besten Momente aus „Daredevil“ oder „Luke Cage“ erreichen die „Defenders“ nicht, soviel gleich einmal vorweg. Nach der bereits recht früh erfolgten Ankündigung seitens des emsigen Anbieters, die vier separat vorgestellten Superhelden nach ihren Soloeinsätzen zusammenzubringen und ihnen den Namen eines ursprünglich komplett anders besetzten Marvel-Teams aus den frühen Siebzigern (das zunächst aus den wesentlich kampfkräftigeren Doctor Strange, Hulk, Submariner und Silver Surfer bestand) zu verabreichen, durfte man sich einiger berechtigter Vorfreude unterlegen, die das finale Resultat jedoch bestenfalls im Ansatz zu erfüllen weiß. Der Höhepunkt von „The Defenders“ liegt zugleich in ihrer Prämisse, nämlich vier der besten street fighting heroes aus dem Marvel-Universum vereint im Kampf genießen zu können. Leider erweisen sie alle sich nach wie vor, mit Ausnahme des weniger abgeklärten Danny Rand, als genau die Individualisten, als die sie onscreen bereits vorgestellt wurden: Keiner will eigentlich etwas mit den forcierten Partnern zu tun haben, der Aufbau von wechselseitigem Vertrauen fällt alles andere als leicht und man macht sich den zügigen Erfolg durch überaus dysfunktionale Kratzbürstigkeiten nur sehr viel schwerer. Die Comics hatten es da stets wesentlich einfacher, oder es sich, so man will, erholsam einfach gemacht: Hier gab und gibt es über Jahre hinweg gepflegte Freundschaften (Cage und Rand), Allianzen (alle helfen sich oft – auch privat – gegenseitig aus) und Romanzen (Jones und Cage) und hier wäre ein Gegner wie Alexandra Reid für die geballte Teampower des Quartetts eher einem zweiten Frühstückshappen gleichgekommen. Darin liegt zugleich der aus meiner Sicht augenfälligste Störfaktor: in dem unbedingten Bestreben, liebgewonnene und gewiss berechtigte Traditionen bereits als obsolet abzukanzeln, ohne dass sie überhaubt die Möglichkeit bekommen, sich erstmal zu etablieren. Matt Murdock pflegt seine Geheimidentität mit Fug und Recht, dennoch kassiert er von der diesmal ohnehin allzu viele blöde Sprüche kloppenden Jessica Jones dumme Kommentare angesichts seiner Kostümierung. Derlei redundantes Beziehungsgebremse zieht sich durch geraume Phasen von „The Defenders“, während man immerhin Elodie Young, die als Elektra aus dem Grabe zurückkehrt, hinterherschmachten darf. Eigentlich gehört die Serie über nicht unwesentliche Strecken ihr, die zwischenzeitlich zur „Hand“ überläuft, bis ihr zum Ende hin ein ungewisses Schicksal bevorsteht. Dennoch wird man wohl damit rechnen dürfen, dass man sie dereinst, wie auch im Print, wiedersieht. Alles andere wäre auch viel zu schade. Die groß angekündigte Sigourney Weaver bleibt mir allzu blass und zumindest ich hätte die viel beeindruckendere Wai Ching Ho als Madame Gao völlig als Kopf der „Hand“ weiterhin bevorzugt. Der neuerlich als mysteriöser Stick auftretende Scott Glenn, der mittlerweile endgültig aussieht wie seine eigene Mumie, erhält einen wenig rühmlichen Serienausstieg und die vielen, lieb gewonnenen Nebencharaktere sind eigentlich bloß physisch präsent. Ich hätte mir den Fuß sehr viel häufiger am Gaspedal gewünscht, aber wenn man eben vornehmlich damit befasst ist, seine Hauptfiguren urplötzlich und über weite Strecken als selbsträsonistische Arschlöcher zu denunzieren, dann sind gewisse Umwege eben unumgänglich.

7/10

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IRON FIST: SEASON 1

„I am Danny Rand, the immortal Iron Fist, protector of K’un-Lun, sworn enemy of the Hand!“

Iron Fist: Season 1 ~ USA 2017
Directed By: John Dahl/Farren Blackburn/Uta Briesewitz/Deborah Chow/Andy Goddard/Peter Hoar/RZA/Miguel Sapochnik/Tom Shankland/Stephen Surijk/Kevin Tancharoen/Jet Wilkinson

Nachdem Danny (Toby Nichols), der Sohn des New Yorker Firmengründers und Unternehmers Wendell Rand (David Furr), als einziger den Absturz dessen Privatjets im Himalaya überlebt, wird er von Mönchen der mystischen Klosterstadt K’un Lun gefunden und fünfzehn Jahre lang in deren Lehren unterwiesen, die unter anderem die Zerschlagung der kriminellen Geheimsekte „Die Hand“ vorsehen. Zudem erlangt Danny die Kraft, sein Chi zu konzentrieren und sich dadurch die gewaltige Kraft der „Iron Fist“ zunutze zu machen. Nach dieser Zeit verschwindet Danny (Finn Jones) unerlaubt aus K’un Lun und kehrt, mittlerweile erwachsen, zurück nach New York, wo er mit seinen Kindheitsfreunden Joy (Jesica Stroup) und Ward Meachum (Tom Pelphrey) konfrontiert wird, die mittlerweile die Firmengeschäfte von „Rand Enterprises“ leiten und Danny nach wie vor für tot und den bei ihnen Auftauchenden für einen Lügner halten. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie kann Danny zunächst zu der Kung-Fu-Lehrerin Colleen Wing (Jessica Henwick) fliehen und sich seinen Platz als rechtmäßiger Firmenerbe zurückerobern. Doch im Hintergrund zieht noch der ebenfalls totgeglaubte Kompagnon von Dannys Vater, Harold Meachum (David Wenham), die Fäden, der unselige Verbindungen zur „Hand“ pflegt, und auch Colleen ist nicht die, die zu sein sie vorgibt…

„Iron Fist“, die mittlerweile vierte Netflix-Installation eines Marvel-Serials, hatte und hat es immens schwer, sich selbst unter Fans und Geeks einen Leumund zu erstreiten, der seinen Vorgängern auch nur ansatzweise an die Kante reicht. De facto scheint die Reihe nur wenige echte Befürworter zu haben. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Der weltfremde, manchmal hinterwäldlerische Habitus Danny Rands, seine Unerfahrenheit und relative Jugend, liefern häufig Anlass zu mal mehr, mal weniger freiwilliger Komik; die street credibility von Matt Murdock, Jessica Jones und Luke Cage geht ihm, dem urplötzlichen Reichen mit dem goldenen Herzen und der goldenen Faust vollends ab, stattdessen pflegt er eine weltverbesserische, manchmal geradezu infantil anmutende Naivität, die zwar zu seiner Figur passt, ihn dabei jedoch nicht selten auf eher rührende Art und Weise an die Martial-Arts-Version eines Capra-Protagonisten erinnert. Hinzu kommt, dass „Iron Fist“ noch sehr viel mehr und direkter als die bisherigen Netflix-Marvels eindeutige Soap-Elemente integriert – die Intrigen und Hasslieben innerhalb der höchst dysfunktional agierenden Meachum-Familie, die gar Erinnerungen an „Dallas“ oder „Dynasty“ aufkommen lassen, tragen Sorge dafür. Anders als bis dato gepflegt, verfolgt „Iron Fist“ zudem keinen klar fixierten Inhaltsstrang; stattdessen finden sich gleich drei(einhalb) Bösewichte mit unterschiedlich geschickt umrissenen Zielsetzungen eingebaut, was relativ rasch offenbar werden lässt, dass nicht nur hier und da erzählerische Ratlosigkeit vorherrscht, sondern zudem eine Komprimierung der Story auf zehn statt dreizehn Episoden vermutlich nicht ganz ungeschickt gewesen wäre.
Ferner wirkt die Figur der von Rosario Dawson gespielten „Night Nurse“ Claire Temple, die als eine Art dramaturgischer Kleister unter den einzelnen Serien fungiert und die ich eigentlich immer sehr schätze, hier erstmals sehr willkürlich eingepasst.
Resümierend gefielen mir die ungezwungene Leichtigkeit, die die Comicwurzeln der Figur „Iron Fist“ – wenn auch ohne das schicke Kostüm – prononciert und sie von dem manchmal beschwerlichen Existenzialismus einer Jessica Jones abgrenzt, dann doch recht gut. Die Kämpfe sind ordentlich choreographiert und Dannys Romanze mit Colleen Wing findet sich recht hübsch in das Gesamtgeschehen eingeflochten. Zudem bekommt man mit David Wenham als immer wahnsinniger werdenden Harold Meachum wieder einen schönen villain vorgelegt. Gelangweilt habe ich mich jedenfalls nicht, auch wenn gewisse Entschlackungsmaßnahmen dem Ganzen wie bereits erwähnt gewiss zu größerem Erfolg gereicht hätten.

7/10

JOHN WICK: CHAPTER 2

„You stabbed the devil in the back.“

John Wick: Chapter 2 (John Wick: Kapitel 2) ~ USA/HK/I/CAN 2017
Directed By: Chad Stahelski

Nachdem sich John Wick (Keanu Reeves) endlich seinen gestohlenen Ford Mustang zurückholen konnte – wenngleich unter mancherlei Blechblessuren – erhält er daheim Besuch von einem alten Bekannten: dem Mafiaboss Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio), dem John noch eine alte Gefälligkeit schuldet: Er soll D’Antonios Schwester Gianna (Claudia Gerini) in Rom ausschalten, damit der Syndikatschef zum Alleinherrscher aufsteigen kann. Als John sich zunächst weigert, jagt D’Antonio sein Haus in die Luft. John sieht ein, dass er seine Schuld abtragen muss und erledigt seine Mission gewohnt professionell. Um sich öffentlich reinzuwaschen, lässt D’Antonio daraufhin einen Mordauftrag gegen John ergehen, der sich das natürlich nicht gefallen lässt…

Das Sequel zu Chad Stahelskis bereits ziemlich spektakulär ausgefallenem Erstling nimmt sich in Bezug auf seine bombastische Gestaltung nochmals etwas großspuriger aus und lässt die Saga um den unbesiegbar scheinenden John Wick beinahe überproportional zu einer Art „James Bond des Auftragskillerfilms“ anwachsen. Wir tauchen noch tiefer ein in jene geheimnisvolle, global operierende Killer- und Gangsterloge, die überall auf der Welt Hotels bewirtschaftet und ihre ganz eigenen Symbole, Kodexe und Gesetze pflegt, von der die regulären Gewalten wahlweise keinen Schimmer haben oder sie respektvoll akzeptieren (dies wird in der Folge noch zu klären sein). Jene beinahe schon fantasyangebundene Koloratur relativiert wiederum das unglaublich hohe Gewaltlevel – die Leichenberge, die John Wick auf seinem Pfad durch diese zweite Geschichte auftürmt, scheinen im Vergleich zum Vorgänger nochmals anzuwachsen und sind wiederum von einer geradezu irrwitzigen Quantität. Eine Riege gestandener Gaststars – darunter Franco Nero – gibt sich die Ehre und durch das Klassentreffen von Reeves und Laurence Fishburne als patriarchalischer Gangsterkopf „Bowery King“ entsteht zugleich eine gewisse, kaum subtile Reverenz an die „Matrix“-Filme. Dass „John Wick: Chapter 2“ sich darüberhinaus als Mittelglied einer vorkonzipierten Serie versteht, verdeutlicht wiederum der offene Schluss: John Wick ist durch die Ermordung D’Antonios auf neutralem Boden nunmehr vogelfrei und damit offene Beute für jeden der Loge angeschlossenen Profikiller der ganzen Welt. Dies bedeutet einerseits, dass er sich demnächst nirgendwo mehr wird sicher wähnen können und andererseits, dass er im zweifellos nachfolgenden Film wiederum ordentlich zu tun bekommen wird.

8/10

LÉON

„I need time to grow up.“

Léon (Léon – Der Profi) ~ F 1994
Directed By: Luc Besson

Als einsamer Auftragskiller fristet der italienische Emigrant Léon (Jean Reno) ein anonymes Leben in New York. Mit der existenziellen Unverbindlichkeit ist es allerdings vorbei als der korrupte Bulle Stansfield (Gary Oldman) infolge eines verpatzten Drogendeals mit seinen Leuten beinahe Léons komplette Nachbarsfamilie auslöscht. Deren zwölfjährige Tochter Mathilda (Natalie Portman) sucht als einzige Überlebende bei Léon Unterschlupf und bietet ihm an, sich um seinen Haushalt zu kümmern, wenn er der Rachsüchtigen im Gegenzug beibringt, wie man effektiv Menschen tötet. Es entsteht eine merkwürdige Beziehung irgendwo zwischen Romanze und väterlicher Freundschaft, die blutig endet.

Bessons unübertroffenes Meisterwerk ist „Léon“, den der Regisseur eigens für seinen Lieblingsschauspieler Jean Reno geschrieben hat und der gleichsam eine spielfilmlange Hommage an den Kurzauftritt des Cleaners in „La Femme Nikita“ darstellt.
Es ist ja so, dass jede Dekade ihren eines bis zwei große Profikiller-Stücke vorweist, wobei die Franzosen oftmals darin involviert waren und sind. In Le Samouraï“ legte Jean-Pierre Melville einst die Eckpfeiler für das Subgenre fest: Der für Geld tötende Killer ist auf Anonymität, Einsamkeit und streng ritualisierte Tagesabläufe angewiesen, um sein Handwerk tadellos erledigen zu können. Emotionale Öffnung ist zwangsläufig gleichzusetzen mit Verwundbarkeit und bedeutet somit die einzige wirkliche Achillesferse für den professional. Jener ist zugleich auch stets ein höchst bemitleidenswerter, melancholischer Charakter. Mit Ausnahme seines destruktiven Könnens gibt es nicht, das seiner Existenz Wertigkeit oder gar Berechtigung verleiht, niemanden, dem er sich anvertrauen könnte oder dem er etwas abseits seines Marktwerts bedeutet. Daher sind beinahe sämtliche Profikiller-Geschichten zugleich und zwangsläufig auch Geschichten des Niedergangs, der Flucht, des Verlustes oder der Katastrophe. „Léon“ nimmt sich jenes Topos auf besonders bittersüße Weise an. Mit Ausnahme seiner albernen Zimmerpflanze ist die kleine Mathilda nach vielen Jahren der Isolation erst das zweite organische Wesen, das der Titelheld an sich heran lässt. Ein unmögliches Verhältnis entsteht zusehends: Während sie, durch ihr bislang geführtes Leben in einem höchst asozialen, dysfunktionalen Familienumfeld viel zu frühreif, glaubt, sich in ihn verliebt zu haben und ihm sogar erotische Avancen macht, ist er nicht zuletzt infolge seiner intellektuellen und emotionalen Rückständigkeit mit der Situation völlig überfordert und läuft daher auch erst gar nicht Gefahr, etwas Falsches zu tun. Dass Killer und Mädchen bereits aufgrund jener chaotischen Ausgangslage ein aussichtsreiches, gemeinsames Leben verwehrt ist, löst sich am Ende durch die Tatsache, dass Léon bereit ist zur Sühne und dazu, sich dem Tode zu stellen. Trotz seiner augenscheinlichen Desensiblisierung (die in Wahrheit natürlich dem hundertprozentigen Gegenteil entspricht) weiß er, dass Mathilda nur dann in Frieden wird aufwachsen können, wenn er selbst sich dem Tode stellt, was seinen bereitwillig kalkulierten, finalen Abgang erklärt. Im Gegenzug jedoch findet seine Seele Frieden: Mathilda gräbt, bevor sie bereit ist, ein adäquates Leben zu beginnen, als symbolischen Akt der Niederlassung Léons schmucklos erscheinendes Pflänzchen in einem Park ein, auf dass es dort Wurzeln schlage. Dazu läuft, wunderbar eingesetzt, Stings todtrauriges „Shape Of My Heart“, das von der Unfähigkeit zur Nähe berichtet.   

10/10

NIGHT OF THE JUGGLER

„You’ve picked the wrong kid!“

Night Of The Juggler (Die Ratte) ~ USA 1980
Directed By: Robert Butler

Irrtümlicherweise entführt der geistesgestörte Gus Soltic (Cliff Gorman), ein sich im Stich gelassen fühlendes Opfer der desolaten New Yorker Wohnungsbaupolitik, Kathy (Abby Bluestone) die Tochter des Ex-Polizisten Sean Boyd (James Brolin). Soltic hatte es eigentlich auf das Kind des Immobilienhais Clayton (Marco St. John) abgesehen, dem Kathy dummerweise immens ähnlich sieht. Wie ein Berserker setzt Boyd umgehend alles daran, Kathy zu befreien und stellt dabei halb Manhattan auf den Kopf. Ein zusätzliches Hindernis findet sich in der Person von Sergeant Barnes (Dan Hedaya), den Boyd einst der Korruption bezichtigte und der sich für seinen Karriereknick an Boyd rächen will…

Ein wildes Stück Film, ein wenig passend zu seiner eigenen Entstehungsgeschichte. Ursprünglich hatte Sidney J. Furie das gute Stück inszenieren sollen, verzichtete jedoch, nachdem James Brolin sich bereits in einer frühen Drehphase den Fuß brach und einen Gips tragen musste, verließ Furie das Projekt und wurde nach einer Drehpause von Robert Butler ersetzt. Brolins Verletzung merkt man dem fertigen Werk nicht an. Der Gute jagt und hetzt unermüdlich durch beinahe den gesamten Film, oft nur ein paar Meter von Soltic und seiner Tochter entfernt. Das währenddessen präsentierte New York gleicht einer entmilitarisierten Zone. Schmutzige Häuserschluchten, die 42nd Street nebst einem ziemlich widerlichen Peepshow-Club und vor allem die blöckeweise in Trümmern liegende West Side geben einen geradezu vorzüglichen Eindruck der Ära Mayor Ed Koch wieder, während dessen elfjähriger Amtszeit die Metropole sich ihren Ruf als riesiges Rattenloch zwischen Yuppie- und Junkietum ganz wunderbar auspolsterte. Perfekte companion pieces zu „Night Of The Juggler“ wären somit „The Warriors“, „Wolfen“ oder „Fort Apache, The Bronx“, die ebenfalls ebenso spannende wie desolate Bilder Manhattans um die Dekadenwende präsentierten, von den großen Undergroundfilmen von Ferrara über Hennenlotter, Lustig und Glickenhaus einmal ganz zu schweigen. Das hier war und ist der wahre Jakob! Ein Wiedersehen mit Richard „Clemenza“ S. Castellano als etwas phlegmatischem, aber gutherzigem Polizei-Lieutenant macht da ebensolche Freude wie der Auftritt von Mandy Patinkin als durchgedrehtem Taxifahrer und natürich der des berserkernden Dan Hedaya, der sich noch verrückter gebärdet als der main villain, Gus „The Mole“ Soltic. Dass dieser nebenbei tatsächlich nicht ganz auf der Fährte sein kann, merkt man übrigens bereits ziemlich früh, da sein Entführungsopfer ja permanent nach „Daddy“ James Brolin ruft und somit gar nicht die Richtige sein kann. Aber am Ende wird ja Liebe draus, was so Manches erklärt und „Night Of The Juggler“ zusätzlich um ein gutes Pfund Abgründigkeit anreichert. Wann kommt nochmal die Blu-ray?

8/10

LEPKE

„Everybody in town is gonna pay!“

Lepke (Der Gangsterboss von New York) ~ USA 1975
Directed By: Menahem Golan

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahre 1922 schließt sich Louis Buchalter (Tony Curtis), genannt „Lepke“, seinem alten Freund Jacob „Gurrah“ Shapiro (Warren Berlinger) an und zieht mit ihm eine Organisation zur Unterwanderung der New Yorker Geschaften durch Gangster und Streikbrecher auf. Durch seine Verbindungen zur Mafia und die Gründung des multiethnisch operierenden Exekutivorgans „Murder Inc.“ steigt Lepke zu einem der führenden Verbrecher Manhattans auf. Nach einem Zwist mit Dutch Schultz (John Durren) betreffs des Staatsanwalts Thomas Dewey (Richard C. Adams) sorgt Lepke für Schultz‘ Beseitigung. Nun hat Lepke selbst Dewey an den Hacken und ist bald gezwungen, unterzutauchen und seinen vormals großzügigen Lebensstil gegen die Existenz eines Flüchtlings einzutauschen. Als er schließlich die Sympathie seines alten Freundes Lucky Luciano (Vic Tayback) einbüßt, lässt die Verhaftung und Verurteilung Lepkes nicht mehr lang auf sich warten.

Unter all den mehr oder weniger stark mythisierten Gangstern der zwanziger und dreißiger Jahre wird Louis Buchalter alias Lepke manchmal gern unterschlagen, vermutlich zur Gänze unbewusst. An seiner jüdischen Herkunft kann es kaum liegen, da ja auch ein Dutch Schultz oder Meyer Lansky, Zeit- und Weggefährten Lepkes, sich ihr historisches Schärflein zu sichern vermochten. Womöglich lag es an der vergleichsweise unrühmlichen Spätkarriere Lepkes, die sich durch Flucht vor den Gesetzeshütern und einem damit verbundenen, eher erbarmungswürdiges Tingeln durch irgendwelche Rattenlöcher von Wohnungen kennzeichnete. Seine Ehefrau (Anjanette Comer) bekam er aus Gründen bloßer Vorsicht faktisch nicht mehr zu Gesicht und war auch sonst zur Einsamkeit in seinen Verstecken verdammt. Ein von Lucky Luciano angekündigtes Arrangement mit der Staatsanwalt platzte schließlich und Lepke wurde J. Edgar Hoover (Erwin Fuller) überstellt, was letzten Endes zu seiner Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl führte.
Anders als bei Coppola oder Scorsese findet Menhem Golan kaum glamouröse Zwischentöne für seine hervorragend inszenierte Mobster-Bio. Sein Lepke, von Tony Curtis durchaus beachtenswert dargeboten, ist kaum mehr als ein gewalttätiger Asozialer in der Tradition der Warner-Gangster aus den Dreißigern, der nie auch nur den leisesten Versuch macht, seiner Unterwelt-Karriere durch legale Gegengewichte auszubalancieren und sich stattdessen in seine Nische als Mörder und Gewalttäter fügt und sein zum Abschluss des Films recht gnadenlos dargestelltes Ende auf dem Stuhl auch in den Augen des Publikums durchaus verdient. Selbiges gilt für seinen ihm treu ergebenen Handlanger Tannenbaum (Simmy Bow), den Golan zuvor als den ewigen, stummen Todesengel auftreten lässt.
Bemerkenswert wäre noch, dass „Lepke“ mit Ausnahme des zu dieser Zeit zudem eher unterbeschäftigten Tony Curtis kaum bekannte Namen auf seiner Besetzungsliste aufwendet und einen Großteil des Budgets offenbar in die authentische Darstellung des Zeitkolorits investierte. Eine sich bezahlt machende Gleichung, denn gerade in Bezug darauf vermag Golans sehenswertes Miniepos zu punkten.

8/10

PARDNERS

„There’s no „we!“ There’s „me“ and there’s „you,“ and „you“ I don’t want to see anymore!“

Pardners (Wo Männer noch Männer sind) ~ USA 1956
Directed By: Norman Taurog

Muttersöhnchen Wade Kingsley (Jerry Lewis) möchte nicht nur unbedingt in die Fußstapfen seines Vaters (Jerry Lewis) treten und in den Westen gehen, sondern wie weiland sein Dad mit dessen besten Freund Slim Mosely (Dean Martin) auch mit Slims Sohn (Dean Martin) eine echte Männerfreundschaft aufbauen. Slim jedoch ist bei einem Besuch in New York alles Andere als angetan von dem linkischen Tolpatsch. Dennoch gelingt es Wade, sich bei Slim einzuschmeicheln und diesen zu belatschern, ihn unter seine Fittiche zu nehmen. Zurück in Texas müssen die beiden sich gegen den bösen Bankier Dan Hollis (John Baragrey) und dessen Outlaw-Bande zur Wehr setzen.

„Pardners“, der vorletzte gemeinsame Film von Martin & Lewis, lässt im Nachhinein bereits erahnen, dass es zu jenem Zeitpunkt mit der einstmals gefeierten Bühnen- und Filmfreundschaft der beiden nicht mehr allzu weit her sein konnte, auch wenn das wie üblich versöhnliche Ende dem Publikum noch etwas ganz Anderes zu suggerieren versucht. Die praktisch unentwegt genervte Attitüde von Martins Filmcharakter spricht Bände und kostete den notorischen Whiskey-Liebhaber vermutlich kein allzu intensiv vorbereitetes Spiel: Wade versucht mit allen Mitteln, Slims Freundschaft und Respekt zu erlangen, während dieser den depperten Trottel am Liebsten ganz weit weg wünschte. Die Gags sind über alle Maßen infantil und erreichen somit bestenfalls Kindergeburtstagsstandards,; das Western-Setting steht dem Team und seinen obligatorischen Musiknummern nicht sonderlich gut zu Gesicht. Selbst dem Profi Norman Taurog merkt man an, dass er sich vor dieser Kulisse nicht zu Hause fühlte. Einzig die wie gewohnt strahlend schönen VistaVision-Bilder katapultieren den Zuschauer zumindest in die Reichweite dessen, was er bei einem Martin-/Lewis-Film sucht. In der Rangliste der gnadenlos ihrem Sonnenuntergang entgenreitenden „Pardners“ jedoch markiert dieses Stück allerdings eher ein Schlusslicht vor dem letztmaligen Aufbäumen „Hollywood Or Bust“.

6/10