A QUIET PLACE

„It’s a boy.“

A Quiet Place ~ USA 2018
Directed By: John Krasinski

In naher Zukunft wird die Erde zum Opfer einer Invasion von Aliens. Die ausschließlich auf ihren Gehörsinn angewiesenen, wegen ihrer Reflexe scheinbar kaum zu tötenden Kreaturen bewegen sich blitzschnell und schlagen beim kleinsten vernehmbaren Laut zu. Für die auf einer Farm im ländlichen Teil New Yorks lebende Familie Abbott, Vater Lee (John Krasinski), die schwangere Mutter Evelyn (Emily Blunt), Söhnchen Marcus (Noah Jupe) und die ältere, fast gehörlose Tochter Regan (Millicent Simmons) wird in dieser bereits fast menschenleere Welt jede Sekunde zu einem Spießrutenlauf. Ihren Jüngsten Beau (Cade Woodward) haben die Abbotts aufgrund von Unvorsichtigkeit bereits verloren. Die bald bevorstehende Geburt des Babys veranlasst die Familie zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen, so wird eigens ein schalldichter Keller unter dem Hauptgebäude ausgebaut. Eines Tages kommt es dann doch zur befürchteten Konfrontation mit den Monstern, als Lee und Marcus die Gegend erkunden und die kurz vor der Niederkunft stehende Evelyn daheim auf einen Nagel tritt…

Wie ich erst seit „A Quiet Place“, also recht aktuell, weiß, ist John Krasinski nicht nur der Ehemann von Emily Blunt, sondern auch ein im Filmfach ziemlich umtriebiger Herr, der selbst häufig als Schauspieler arbeitet, produziert, schreibt und hiermit bereits seinen dritte Inszenierungsarbeit vorgelegt hat. Zumindest im (phantastischen) Genrefach ist Krasinski allerdings noch ein unbeschriebenes Blatt, beweist mit „A Quiet Place“ jedoch, dass er die erforderliche Klaviatur ordnungsgemäß studiert hat und beherrscht.
Zwar hatte ich (bei der eben allseits abgeackerten Motivlage um Alieninvasions-, Endzeit- und Belagerungsfilme kein Wunder) auch bei diesem Werk nie das Gefühl, etwas wirklich Neues oder gründlich Innovatives zu sehen; von dieser Erwartungshaltung, so sie denn überhaupt noch vorkommt, sollte man sich jedoch ohnehin verabschieden.
Dann bleibt ein rund um das einfallsreiche Gimmick der erzwungenen Geräuschlosigkeit entsponnenes Familiendrama, in dem es an deren vier Mitgliedern ist, das Beste aus der höchst konzentrationsabhängigen Zeit herauszuholen, in der sie leben muss. Das unabdingbare Trauma kredenzt Krasinski uns gleich als Exposition; mit dem kleinen Beau, der, unbedarft wie er ist, eine batteriebetriebene Spielzeugrakete aufheulen lässt, führt der Film auch gleich die tödliche Bedrohung ein – Beau wird auf affektiv und emotional höchst nachhallende Weise Opfer der Aliens; die Abbotts sind fortan zur stillen Trauer verdammt. Ein Zeitsprung von ein paar Monaten führt den Zuschauer zur nächsten lauernden Tragödie – ein Baby kommt. Neues Leben bedeutet in einer zur Lautlosigkeit verdammten Welt allerdings zugleich den Tod. Die insofern eingeschränkt enthusiastischen Eltern sind sich dessen sehr wohl bewusst und tun verzweifelt alles, um dem Unabwendbaren gerüstet zu begegegnen. Erwartungsgemäß spielen die bloßen Schwächen verletzlicher Menschlichkeit und die daraus resultierende Beziehungsdynamik ihnen gegen das Blatt und es gilt, einen letzten Kampf zu schlagen, der, auch das eine bewusste Konstellation, auf den traditionsträchtigen Showdown Mutter vs. Monster hinausläuft. Dass ausgerechnet die pubertierende, hörbehinderte Tochter ein probates Mittel zur Schwächung der übermächtigen Monster findet, lässt sich als hübsch zeitgemäße Volte an. Die Tatsache schließlich, dass dazwischen einige wirklich saumäßig fesselnde, bravourös arrangierte Spannungsmomente liegen, von deren Akzentuierungsgrad andere Regisseure träumen können, rundet diesen ziemlich sehenswerten Film nach oben ab.

7/10

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THE NAKED CITY

„Another day, another ball of fire rising in the summer sky.“

The Naked City (Stadt ohne Maske) ~ USA 1948
Directed By: Jules Dassin

Mitten im hochsommerlichen Manhatten wird eine junge Frau namens Jean Dexter des Nachts brutal ermordet. Der mit den Ermittlungen betraute Lieutenant Muldoon (Barry Fitzgerald), ein alter Hase in der Mordkommission, benötigt neben einem treuen Mitarbeiterteam und seiner feinen Nase nur wenige Tage, um die nicht unkomplizierten Zusammenhänge aufzuschlüsseln, die zum gewaltsamen Tode des Opfers geführt haben.

Mit keinesfalls unverhohlenem Stolz verkündet Mark Hellinger, der kurz nach seiner Betrachtung der endgültigen Schnittfassung verstorbene Produzent von „The Naked City“, gleich zu Beginn aus dem Off, dass der Film keineswegs wie üblich im Studio-Atelier, sondern vor Ort in New York City entstanden sei und die Stadt und ihre Menschen völlig ungeschminkt zeige. Hellinger (in der deutsch vertonten Fassung Paul Klinger) ließ es sich nicht nehmen, auch den weiteren Verlauf der Geschehnisse mit flotten Kommentaren zu flankieren und schlägt dabei als auktorialer Naseweis leider hier und da über die Stränge. Es hätte gut und gern bei Pro- und Epilog bleiben dürfen, obschon diese relativ umweglos zu vernachlässigende Schwäche Dassins ansonsten makellosen Film gewiss keinen Strick dreht. Und es stimmt tatsächlich: Die vor Ort arrangierten Dreharbeiten geben Zeugnis einer filmischen Pionierleistung. Als durchaus sozialkritisch intendiertes Kunstartefakt politisch vornehmlich links positionierter Filmemacher ist „The Naked City“ mit seinen vielen cameos indes nurmehr ansatzweise identifizierbar. Nur wenige Szenen zeugen noch von einer Porträtierung des ökonomischen Gefälle innerhalb der schwitzenden Urbanität, die ursprünglich ein fester Bestandteil der Narration hätten sein sollen – Autor Albert Maltz, Mitglied der Kommunistischen Partei, hatte vor dem HUAC die Aussage verweigert und konnte zum Zeitpunkt der Filmpremiere bereits nicht mehr arbeiten, Dassin, der kurz darauf von Kazan und Dmytryk denunziert wurde, musste sich alsbald ins europäische Exil flüchten. Als direkte Folge jener „Umtriebe“ (um in der Terminologie McCarthys zu bleiben) wurden sämtliche Stellen, die „The Naked City“ als Produkt linken Filmemachens hätten ausweisen mögen, entfernt. Immerhin langte es dann für eine elf Jahre später lancierte TV-Serie mit John McIntire in Barry Fitzgeralds Rolle, die sogar vier Staffeln durchhielt.
So oder so bleiben ein eminentes Zeitzeignis sowie ein durchweg sehenswerter Film, dessen Visualität Einflüsse des berühmten Stadtphotographen Weegee ebenso in sich vereint wie die Ästhetik des Neorealismus. Für einen film noir ist „The Naked City“ folglich geradezu ungewöhnlich hell und offen, was seinen stolzen Sonderstatus innerhalb der Gattung präserviert.

8/10

I WALK ALONE

„Every man has a girl who sings someplace in his life.“

I Walk Alone (14 Jahre Sing-Sing) ~ USA 1947
Directed By: Byron Haskin

Nachdem er eine Gefängnisstrafe von vierzehn Jahren für Alkoholschmuggel während der Prohibition verbüßt hat, kehrt Frankie Madison (Burt Lancaster) nach Manhattan zurück, um den seinerzeit mit seinem besten Freund und Kompagnon Dink Turner (Kirk Douglas) vereinbarten Anteil an dessen seither eingefahrenen Gewinnen zu fordern. Doch Dink, der mittlerweile einen neuen, immens erfolgreichen Nachtclub besitzt, weigert sich, Frankie mehr als ein allerhöchstens repräsentatives Pflichtteil auszubezahlen und tut alles dafür, den zunehmend ungehaltenen Ex-Sträfling loszuwerden. Als sich jedoch Dinks Geliebte Kay (Lizabeth Scott) auf Frankies Seite schlägt, wendet sich das von Dink sorgsam gezinkte Blatt allmählich…

Byron Haskins Bilderbuch-Noir lieferte die erste Gemeinschaftsarbeit von Burt Lancaster und Kirk Douglas, die im Laufe der kommenden vierzig Jahre noch in sechs weiteren Filmen gemeinsam auftreten sollten. 1947 standen beide mit Anfang bzw. Mitte 30 noch ganz am Beginn ihrer Karrieren und hatten jeweils bereits zwei mehr als respektable Auftritte in anderen films noirs vorgelegt, die sie für ein gemeinsames Engagement unbedingt empfahlen. Dabei wurde bereits geringfügig in beiden Fällen die für die damalige Studiopolitik obligatorische Typographie betrieben: Lancaster wurde mit Wuschelkopf, athletischem Raubritterkreuz und Pferdegebiss zum leicht einfältigen, aber irgendwo weit drinnen herzensguten Gerechtigkeitsliebhaber stilisiert, dem man lieber nicht übel mitspielen sollte, wenn einem die Gesundheit lieb war und Douglas, erlesen befrackt, hämisch grinsend und mit perfekt liegender Frisur zum öligen, aalglatten Lump, dessen schicke Bösewichte jedoch zugleich stets etwas tiefennunancierter auftraten als von anderen gewohnt. Perfekte Antipoden also gewissermaßen, von denen in dieser Adaption eines Stücks von Theodore Reeves die bloße Behauptung langen muss, dass sie dereinst beste Freunde waren. Lediglich einen Schlüsselrüblick gestattet uns Haskin, indem er nämlich zeigt, wie Frankie einst der Justiz ins Netz ging. Möglich, dass Dink ihn damals bereits gelinkt hatte, denn die Umstände um Frankies Verhaftung wirken doch etwas sehr zufällig und arrangiert. Diese letzte Wahrheit jedoch hält „I Walk Alone“ uns vor; wir werden stattdessen Zeuge der vollendeten Entwicklung jener beiden so ungleichen Männer, von denen der Eine ein eifrig scheffelnder Erfolgsmensch geworden ist und der andere ein zurecht frustrierter, beinahe ausgebrannter Zyniker. Dass letzterer am Ende nicht nur das moralische Recht, sondern angesichts Dinks panischem, sogar tödlichen Aktionismus auch jedes andere auf seiner Seite hat, ist Bestandteil der schlussendlich dringend notwendigen Luftreinigung. Fast ein wenig schade. Eine „What if…“-Variante, in der Dink Turner triumphiert, hätte dann eigentlich doch eine wesentlich realistischere conclusio geboten.

8/10

LIFE

„40 years… that’s a long time for any crime, even murder.“

Life (Lebenslänglich) ~ USA 1999
Directed By: Ted Demme

1932: Die beiden New Yorker Kleinganoven Ray Gibson (Eddie Murphy) und Claude Banks (Martin Lawrence) begeben sich mehr oder weniger freiwillig für eine Whiskey-Schmuggelaktion nach Mississippi, wo sie infolge einer Verkettung unglücklicher Umstände unschuldig wegen Mordes im Gefängnis landen. Dort verleben sie die nächsten Jahrzehnte in Streit und Freundschaft wie in einer Zeitkapsel, freilich nicht ohne dabei gemeinsam alt zu werden.

Knastfilme können alles Mögliche sein: Spannend, brutal, fesselnd, bewegend, erschütternd, traurig, melancholisch. Ted Demmes „Life“ setzt auf die in diesem Zusammenhang eher ungewöhnliche Apostrophierung der Tragikomödie, indem er sich um Murphy und Lawrence wie um ein zunehmend aneinander geschweißtes, altes Freundesehepaar anordnet. Sonderlich innovativ ist das nicht – Darabonts beliebte King-Verfilmung „The Shawshank Redemption“ ist, bereits die Kurzsynopse lässt darauf schließen, gewissermaßen allgegenwärtiger Inspirationspool. Beide Filme ähneln sich in vielerlei Hinsicht und weisen etliche Analogien auf, wobei Demme eben bei aller seiner Story inhärenten Dramatik deutlich mehr auf das Komödiantische setzt und, soviel lässt sich klar umreißen, in ballen Belangen deutlich hinter dem Vorbild zurückbleibt.
Ray und Claude bei ihren ewigen Streitereien zu beobachten und wie sie über die Zeit hinweg tatsächlich eine stets grantelnde, aber doch innige Freundschaftsliebe zueinander entwickeln, findet sich im Gegenzug von einem sanften, selten lauten Humor flankiert, auch, wenn immer wieder einzelne bewegende oer gar harte Momente durchscheinen. Die Botschaft mag lauten, dass jede noch so widrige Situation im Leben sich durchstehen lässt, wenn man nur auf die unbeugsame Treue eines wie auch immer gearteten Partners zählen kann. Lawrence und vor allem Murphy, der ja diesbezüglich bereits hinreichend Erfahrung hatte, werden dabei, unterstützt durch die sagenhaften Makeup-Künste Rick Bakers, zu zwei am Ende knapp hundertjährigen Lebenskünstlern, die nie aufhören, sich anzubellen, obwohl sie stets zusammen sind. Ein happy end gönnt Demme seinen Helden und uns trotz anfänglich anderslautender Disposition dann natürlich doch noch.

6/10

PREDESTINATION

„You’re beautiful. Someone should have told you that.“ – „Well, you just did.“

Predestination ~ AUS 2014
Directed By: Michael Spierig/Peter Spierig

Das letzte große Ziel eines zeitreisenden Agenten (Ethan Hawke) besteht darin, den „Fizzle Bomber“ dingfest zu machen, einen Terroristen, der im New York des Jahres 1975 einen viele Opfer fordernden Anschlag verübt hat. Seine jüngste Spur führt den Agenten zu einem Autoren (Sarah Snook), von dem er sich, selbst als Barkeeper getarnt, nach und nach in einer Kneipe die Lebensgeschichte erzählen lässt. Jener mysteriöse Literat offenbart dem Agenten schließlich, dass er einst als Mädchen geboren wurde und später als junge Frau eine Tochter geboren hat, die dann spurlos aus dem Kinderbett verschwand und sie daraufhin eine Geschlechtsumwandlung zum Mann habe durchleiden müssen. Der Agent heuert daraufhin den Autoren an, um gemeinsam mit ihm den Fizzle Bomber, möglicherweise der Vater des verschwundenen Babys, zu verfolgen…

Das nennt man dann hilfloserweise und in Ermangelung treffenderer Attribuierungen ein „mindfuck movie“: Im Wesentlichen der Kurzgeschichte „All You Zombies“ von Robert A Heinlein folgend, berichtet „Predestination“ die hübsch komplex aufbereitete Story eines Zeitreisenden, der nicht nur irgendwann feststellen muss, dass er selbst sein eigener Widersacher ist, sondern zudem eine schweren Psychose erleidet und schließlich gewahr wird, dass er selbst zugleich seine Eltern und eines Tages sein eigener Mörder ist – ein in perfekter Autarkie beschriebener Lebenskreislauf entblättert sich. Dieses qua definitive Realitätsparadoxon, dass als Kniffe für seinen zuweilen schwindeln machenden Plot zum einen das SciFi-Motiv der Zeitreise und zum anderen das der Transsexualität inklusive sich langsam in Wohlgefallen auflösender Identitätssicherheit nutzt, wurde von den australischsstämmigen Spierig-Zwillingen in zweiter Kooperation mit Ethan Hawke (nach „Daybreakers“) inszeniert.
Die allseits berüchtigte Weise von der Problematik, die Adaption einer short story auf Spielfilmlänge zu bringen, greift auch im Falle „Predestination“ – die anfängliche Rückblendenverkettung, in der der ganz literarisch passend als „unmarried mother“ kreditierte Autor seine Biographie feilbietet, nimmt allzu viel Raum der ohnehin nicht allzu ausgedehnten Erzählzeit ein. Was man dem Film jedoch wiederum zu Gute halten kann, wäre die Tatsache, dass die Spierigs nicht versuchen, die dem der Vorlage möglicherweise unkundigen Zuschauer die finale Conclusio mit twistender Brachialgewalt um die Ohren zu hauen, sondern ihre ebenso intime wie monströse Auflösung geradezu behutsam Schicht für Schicht freilegen, bis hin zur unausweichlichen Gewissheit, dass sämtliche wesentlichen Handlungsträger (mit wenigen Ausnahmen) durchweg ein und denselben Menschen verkörpern. Ein sehenswerter, kluger Genrebeitrag somit.

8/10

THE WEEK OF

„Why the giggling?“

The Week Of ~ USA 2018
Directed By: Robert Smigel

Für den Familien- und Brautvater Kenny Lustig (Adam Sandler) wird’s eng: In einer knappen Woche steht die Hochzeit seiner Ältesten (Allison Strong) auf dem Plan. Bei dem Schwiegerpapa in spe handelt es sich um Kirby Cordice (Chris Rock), Promi-Chirurg und Societylöwe aus L.A. mit etwa dem hundertfachen Vermögen von Kenny, der dennoch darauf besteht, die Heirat, wie es die Tradition nunmal gebietet, selbst auszurichten. Bereits deren Prolog artet zum Riesendebakel aus: Weil das von Kenny ausgewählte Hotel alles andere als luxuriösen Ansprüchen genügt und dort zudem eine Panne nach der anderen um sich greift, muss Kenny sämtliche der von auswärts anreisenden Hochzeitsgäste in seinem doch recht beengten Haus unterbringen. Turbulenzen und Konflikte sind vorprogrammiert, zumal Kenny und Kirby sich ganz allmählich einen latenten Konkurrenzkampf zu liefern beginnen…

Des Sandmans neuester Netflix-Streich, der seine alten Eidgenossen Chris Rock und Steve Buscemi wieder ins Boot holt, fügt sich nicht nur völlig organisch und nahtlos in das mittlerweile wohl tatsächlich beispiellose Œuvre des Hauptdarstellers ein, sondern ist auch sonst eine formvollendete Komödie, die zu den besten Werken Sandlers zählt und ein veritables Geschenk für jeden erklärten Freund des Künstlers darstellt. Gut, als innovativ darf sich der Aufzug nicht eben bezeichnen, dafür sind die großen Vorbilder von Minnellis „Father Of The Bride“ bis hin zu Altmans „A Wedding“ dann doch zu präsent, und das nicht allein in ihrer inhaltlichen Grundierung. Man darf sich „A Week Of“ vielmehr so vorstellen, dass der entsprechende Inspirationsfundus kreativ genutzt wird, um sich in Sandlers seit eh und je etabliertes, amerikanisch-jüdisches Mittelklasse-Parallel-Universum zu assimilieren und gänzlich darin aufzugehen. Ein gewaltiges, liebenswertes Chaos mit etlichen, noch liebenswerteren Fremdschämmomenten entspinnt sich daraus, das zwar recht keck, aber niemals über Gebühr unappetitlich oder auch nur im Entferntesten misanthropisch daherkommt. Für jede einzelne Figur dieses an Charakteren alles andere als armen Kaleidoskops ist viel Liebe und/oder aufrichtige Sympathie vorhanden, die am Ende der Geschichte selbst noch die vermeintlichen Verlierer als Gewinner dastehen lässt. Die Gagdichte ist enorm und, was noch schöner ist, die allermeisten sitzen auch, und zwar am rechten Fleck.
Das Finale ist dann wie es sich ja letzten Endes ziemt, ein klein wenig weinerlich geraten – die zwei Antagonisten respektive (Schwieger-)Väter raufen sich zusammen und erkennen jeweils an, was der Konterpart dem Gegenüber voraus hat und dürfen die gewaltige Erkenntnis für sich in Anspruch nehmen, dass der materiell Unvermögendere keinesfalls der Ärmere der beiden ist. Diese kleine, nicht unbedingt weise umrahmte Sozialfabel gehört jedoch zwingend zum Gesamtbild, ebenso wie das in gegenwärtigen Zeiten scheinbar wieder nötige Versprechen von der interethnischen Verständigung. Dass ein weißes, jüdisches Mädchen den Spross eines reichen Afroamerikaners heiratet, sollte eigentlich längst eine Selbstverständlichkeit sein. Dass „The Week Of“ diese Kernprämisse als ebendies wahrnimmt, macht ihn nur noch schöner.

8/10

SKELETONS

„You better leave us be.“

Skeletons ~ USA 1997
Directed By: David DeCoteau

Um dem Großtstadtstress zumindest zeitweilig zu entfliehen, zieht der emsige New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Peter Crane (Ron Silver) mit Gattin Heather (Dee Wallace) und Sohnemann Zach (Kyle Howard) in das beschauliche Städtchen Saugatuck in Maine. Rasch fällt Peter auf, dass hier alles ein wenig zu glattgebügelt erscheint: Ethnischen Minderheiten zugehörige Mitbürger gibt es in Saugatuck ebensowenig wie ansonsten im geringsten Maße auffällige Personen. Heimlicher Führer der Gemeinde ist der Geistliche Carlyle, der selbst Bürgermeister (Paul Bartel) und Sheriff (D. Paul Thomas) als Stichwortgeber dient. Einzig der hiesige Redakteur Frank Jove (James Coburn), selbst ein „Zugezogener“, hat Verständnis für Peters wachsendes Unwohlsein, das sich noch verstärkt, als ein offensichtlich unschuldiger, homosexueller Gefängnisinsasse Jim Norton (Dennis Christopher) angeblich Selbstmord begeht. Peter, der offen Partei für Norton ergreift, und sein Familie werden fortan von den Ortsansässigen traktiert. Statt jedoch einfach das Weite zu suchen, bohrt Peter weiter und begibt sich damit in tödliche Gefahr…

Reaktionäre Kleinstädter und Provinzler, die sich ihre kleine, faschistischen Mikrokosmen nach Maß gestalten, sind beinahe schon ein fester Bestandteil des postmodernen amerikanischen Mythenpools. Entsprechende Literatur, deren Adaptionen und auch jüngere Kinowerke wie  „The Stepford Wives“ oder zuletzt der vielbeachtete „Get Out“ arbeiten mit diesem oftmals satirisch zugespitzten Ansatz, indem sie ihn in ein häufig phantastisch überhöhtes Szenario einbinden. Zu just dieser Genrespezies zählt auch „Skeletons“, eine TV-Produktion des einstmaligen (Schwulen-)Porno-Regisseurs und unermüdlichen Billgheimer-Fabrikanten David DeCoteau, der bis in die letzten Jahre hinein einen Durchschnittsaustoß von vier bis sechs Filmen pro Zwölfmonatsturnus vorweist – darunter das halbseidene Vampir-Franchise „Brotherhood“. Ich bin nicht sehr bewandert, was DeCoteaus Gesamtœuvre betrifft, möchte aber mutmaßen, dass „Skeletons“ darin eine spezifische Ausnahmestellung bekleidet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass DeCoteau gewissermaßen als Notnagel für den zuvor gefeuerten Ken Russell herzuhalten hatte, der das abgründige Thema vermutlich noch um Einiges tiefschürfender angegangen wäre. Überhaupt gleicht es einem Wunder, dass man „Skeletons“ überhaupt noch zu sehen bekommt, denn der von Jordan Belfort (dem Wall-Street-Wolf) co-finanzierte und -produzierte Film wurde 2004 von der SAG als einer von ingesamt siebenen zur Auktion freigegeben, um vormals nicht ausbezahlte Darsteller-Gagen zu vergüten. Leider ist der ursprünglich trotz seiner TV-Herkunft für die 2,35:1-Kadrage ausgelegte Film für den Heimmarkt lediglich in verhunzten Pan/Scan-formatierten Fassungen erhältlich. Eine Schande schon aus Prinzip, denn obschon „Skeketons“ insbesondere für den genreerfahrenen Rezipienten keine große Offenbarung darstellen mag, macht er das, was er macht, goldrichtig und verfügt neben seinem unablässig aktuellen Sujet um pseudoelitäre Selbsteinschätzung und soziale Ausgerenzung als traditionellee, weiße amerikanische „Tugenden“ über eine großartige Besetzung bei bester Spiellaune. Von jener bleiben besonders Christopher Plummer, der den bigotten Inzucht-Pfaffen mit dem der Rolle gebührenden, latenten Wahnsinn interpretiert, hängen und auch der wie üblich grandiose James Coburn, der im Alter sowieso immer noch besser wurde, als Angepasster unter Angepassten.
Mein Wunsch, „Skeletons“ dereinst nochmal in einer ihm gebührenden Version ansichtig zu werden, dürfte sich bis auf Weiteres indes leider nicht erfüllen…

8/10