JOHN WICK: CHAPTER 2

„You stabbed the devil in the back.“

John Wick: Chapter 2 (John Wick: Kapitel 2) ~ USA/HK/I/CAN 2017
Directed By: Chad Stahelski

Nachdem sich John Wick (Keanu Reeves) endlich seinen gestohlenen Ford Mustang zurückholen konnte – wenngleich unter mancherlei Blechblessuren – erhält er daheim Besuch von einem alten Bekannten: dem Mafiaboss Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio), dem John noch eine alte Gefälligkeit schuldet: Er soll D’Antonios Schwester Gianna (Claudia Gerini) in Rom ausschalten, damit der Syndikatschef zum Alleinherrscher aufsteigen kann. Als John sich zunächst weigert, jagt D’Antonio sein Haus in die Luft. John sieht ein, dass er seine Schuld abtragen muss und erledigt seine Mission gewohnt professionell. Um sich öffentlich reinzuwaschen, lässt D’Antonio daraufhin einen Mordauftrag gegen John ergehen, der sich das natürlich nicht gefallen lässt…

Das Sequel zu Chad Stahelskis bereits ziemlich spektakulär ausgefallenem Erstling nimmt sich in Bezug auf seine bombastische Gestaltung nochmals etwas großspuriger aus und lässt die Saga um den unbesiegbar scheinenden John Wick beinahe überproportional zu einer Art „James Bond des Auftragskillerfilms“ anwachsen. Wir tauchen noch tiefer ein in jene geheimnisvolle, global operierende Killer- und Gangsterloge, die überall auf der Welt Hotels bewirtschaftet und ihre ganz eigenen Symbole, Kodexe und Gesetze pflegt, von der die regulären Gewalten wahlweise keinen Schimmer haben oder sie respektvoll akzeptieren (dies wird in der Folge noch zu klären sein). Jene beinahe schon fantasyangebundene Koloratur relativiert wiederum das unglaublich hohe Gewaltlevel – die Leichenberge, die John Wick auf seinem Pfad durch diese zweite Geschichte auftürmt, scheinen im Vergleich zum Vorgänger nochmals anzuwachsen und sind wiederum von einer geradezu irrwitzigen Quantität. Eine Riege gestandener Gaststars – darunter Franco Nero – gibt sich die Ehre und durch das Klassentreffen von Reeves und Laurence Fishburne als patriarchalischer Gangsterkopf „Bowery King“ entsteht zugleich eine gewisse, kaum subtile Reverenz an die „Matrix“-Filme. Dass „John Wick: Chapter 2“ sich darüberhinaus als Mittelglied einer vorkonzipierten Serie versteht, verdeutlicht wiederum der offene Schluss: John Wick ist durch die Ermordung D’Antonios auf neutralem Boden nunmehr vogelfrei und damit offene Beute für jeden der Loge angeschlossenen Profikiller der ganzen Welt. Dies bedeutet einerseits, dass er sich demnächst nirgendwo mehr wird sicher wähnen können und andererseits, dass er im zweifellos nachfolgenden Film wiederum ordentlich zu tun bekommen wird.

8/10

LÉON

„I need time to grow up.“

Léon (Léon – Der Profi) ~ F 1994
Directed By: Luc Besson

Als einsamer Auftragskiller fristet der italienische Emigrant Léon (Jean Reno) ein anonymes Leben in New York. Mit der existenziellen Unverbindlichkeit ist es allerdings vorbei als der korrupte Bulle Stansfield (Gary Oldman) infolge eines verpatzten Drogendeals mit seinen Leuten beinahe Léons komplette Nachbarsfamilie auslöscht. Deren zwölfjährige Tochter Mathilda (Natalie Portman) sucht als einzige Überlebende bei Léon Unterschlupf und bietet ihm an, sich um seinen Haushalt zu kümmern, wenn er der Rachsüchtigen im Gegenzug beibringt, wie man effektiv Menschen tötet. Es entsteht eine merkwürdige Beziehung irgendwo zwischen Romanze und väterlicher Freundschaft, die blutig endet.

Bessons unübertroffenes Meisterwerk ist „Léon“, den der Regisseur eigens für seinen Lieblingsschauspieler Jean Reno geschrieben hat und der gleichsam eine spielfilmlange Hommage an den Kurzauftritt des Cleaners in „La Femme Nikita“ darstellt.
Es ist ja so, dass jede Dekade ihren eines bis zwei große Profikiller-Stücke vorweist, wobei die Franzosen oftmals darin involviert waren und sind. In Le Samouraï“ legte Jean-Pierre Melville einst die Eckpfeiler für das Subgenre fest: Der für Geld tötende Killer ist auf Anonymität, Einsamkeit und streng ritualisierte Tagesabläufe angewiesen, um sein Handwerk tadellos erledigen zu können. Emotionale Öffnung ist zwangsläufig gleichzusetzen mit Verwundbarkeit und bedeutet somit die einzige wirkliche Achillesferse für den professional. Jener ist zugleich auch stets ein höchst bemitleidenswerter, melancholischer Charakter. Mit Ausnahme seines destruktiven Könnens gibt es nicht, das seiner Existenz Wertigkeit oder gar Berechtigung verleiht, niemanden, dem er sich anvertrauen könnte oder dem er etwas abseits seines Marktwerts bedeutet. Daher sind beinahe sämtliche Profikiller-Geschichten zugleich und zwangsläufig auch Geschichten des Niedergangs, der Flucht, des Verlustes oder der Katastrophe. „Léon“ nimmt sich jenes Topos auf besonders bittersüße Weise an. Mit Ausnahme seiner albernen Zimmerpflanze ist die kleine Mathilda nach vielen Jahren der Isolation erst das zweite organische Wesen, das der Titelheld an sich heran lässt. Ein unmögliches Verhältnis entsteht zusehends: Während sie, durch ihr bislang geführtes Leben in einem höchst asozialen, dysfunktionalen Familienumfeld viel zu frühreif, glaubt, sich in ihn verliebt zu haben und ihm sogar erotische Avancen macht, ist er nicht zuletzt infolge seiner intellektuellen und emotionalen Rückständigkeit mit der Situation völlig überfordert und läuft daher auch erst gar nicht Gefahr, etwas Falsches zu tun. Dass Killer und Mädchen bereits aufgrund jener chaotischen Ausgangslage ein aussichtsreiches, gemeinsames Leben verwehrt ist, löst sich am Ende durch die Tatsache, dass Léon bereit ist zur Sühne und dazu, sich dem Tode zu stellen. Trotz seiner augenscheinlichen Desensiblisierung (die in Wahrheit natürlich dem hundertprozentigen Gegenteil entspricht) weiß er, dass Mathilda nur dann in Frieden wird aufwachsen können, wenn er selbst sich dem Tode stellt, was seinen bereitwillig kalkulierten, finalen Abgang erklärt. Im Gegenzug jedoch findet seine Seele Frieden: Mathilda gräbt, bevor sie bereit ist, ein adäquates Leben zu beginnen, als symbolischen Akt der Niederlassung Léons schmucklos erscheinendes Pflänzchen in einem Park ein, auf dass es dort Wurzeln schlage. Dazu läuft, wunderbar eingesetzt, Stings todtrauriges „Shape Of My Heart“, das von der Unfähigkeit zur Nähe berichtet.   

10/10

NIGHT OF THE JUGGLER

„You’ve picked the wrong kid!“

Night Of The Juggler (Die Ratte) ~ USA 1980
Directed By: Robert Butler

Irrtümlicherweise entführt der geistesgestörte Gus Soltic (Cliff Gorman), ein sich im Stich gelassen fühlendes Opfer der desolaten New Yorker Wohnungsbaupolitik, Kathy (Abby Bluestone) die Tochter des Ex-Polizisten Sean Boyd (James Brolin). Soltic hatte es eigentlich auf das Kind des Immobilienhais Clayton (Marco St. John) abgesehen, dem Kathy dummerweise immens ähnlich sieht. Wie ein Berserker setzt Boyd umgehend alles daran, Kathy zu befreien und stellt dabei halb Manhattan auf den Kopf. Ein zusätzliches Hindernis findet sich in der Person von Sergeant Barnes (Dan Hedaya), den Boyd einst der Korruption bezichtigte und der sich für seinen Karriereknick an Boyd rächen will…

Ein wildes Stück Film, ein wenig passend zu seiner eigenen Entstehungsgeschichte. Ursprünglich hatte Sidney J. Furie das gute Stück inszenieren sollen, verzichtete jedoch, nachdem James Brolin sich bereits in einer frühen Drehphase den Fuß brach und einen Gips tragen musste, verließ Furie das Projekt und wurde nach einer Drehpause von Robert Butler ersetzt. Brolins Verletzung merkt man dem fertigen Werk nicht an. Der Gute jagt und hetzt unermüdlich durch beinahe den gesamten Film, oft nur ein paar Meter von Soltic und seiner Tochter entfernt. Das währenddessen präsentierte New York gleicht einer entmilitarisierten Zone. Schmutzige Häuserschluchten, die 42nd Street nebst einem ziemlich widerlichen Peepshow-Club und vor allem die blöckeweise in Trümmern liegende West Side geben einen geradezu vorzüglichen Eindruck der Ära Mayor Ed Koch wieder, während dessen elfjähriger Amtszeit die Metropole sich ihren Ruf als riesiges Rattenloch zwischen Yuppie- und Junkietum ganz wunderbar auspolsterte. Perfekte companion pieces zu „Night Of The Juggler“ wären somit „The Warriors“, „Wolfen“ oder „Fort Apache, The Bronx“, die ebenfalls ebenso spannende wie desolate Bilder Manhattans um die Dekadenwende präsentierten, von den großen Undergroundfilmen von Ferrara über Hennenlotter, Lustig und Glickenhaus einmal ganz zu schweigen. Das hier war und ist der wahre Jakob! Ein Wiedersehen mit Richard „Clemenza“ S. Castellano als etwas phlegmatischem, aber gutherzigem Polizei-Lieutenant macht da ebensolche Freude wie der Auftritt von Mandy Patinkin als durchgedrehtem Taxifahrer und natürich der des berserkernden Dan Hedaya, der sich noch verrückter gebärdet als der main villain, Gus „The Mole“ Soltic. Dass dieser nebenbei tatsächlich nicht ganz auf der Fährte sein kann, merkt man übrigens bereits ziemlich früh, da sein Entführungsopfer ja permanent nach „Daddy“ James Brolin ruft und somit gar nicht die Richtige sein kann. Aber am Ende wird ja Liebe draus, was so Manches erklärt und „Night Of The Juggler“ zusätzlich um ein gutes Pfund Abgründigkeit anreichert. Wann kommt nochmal die Blu-ray?

8/10

LEPKE

„Everybody in town is gonna pay!“

Lepke (Der Gangsterboss von New York) ~ USA 1975
Directed By: Menahem Golan

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahre 1922 schließt sich Louis Buchalter (Tony Curtis), genannt „Lepke“, seinem alten Freund Jacob „Gurrah“ Shapiro (Warren Berlinger) an und zieht mit ihm eine Organisation zur Unterwanderung der New Yorker Geschaften durch Gangster und Streikbrecher auf. Durch seine Verbindungen zur Mafia und die Gründung des multiethnisch operierenden Exekutivorgans „Murder Inc.“ steigt Lepke zu einem der führenden Verbrecher Manhattans auf. Nach einem Zwist mit Dutch Schultz (John Durren) betreffs des Staatsanwalts Thomas Dewey (Richard C. Adams) sorgt Lepke für Schultz‘ Beseitigung. Nun hat Lepke selbst Dewey an den Hacken und ist bald gezwungen, unterzutauchen und seinen vormals großzügigen Lebensstil gegen die Existenz eines Flüchtlings einzutauschen. Als er schließlich die Sympathie seines alten Freundes Lucky Luciano (Vic Tayback) einbüßt, lässt die Verhaftung und Verurteilung Lepkes nicht mehr lang auf sich warten.

Unter all den mehr oder weniger stark mythisierten Gangstern der zwanziger und dreißiger Jahre wird Louis Buchalter alias Lepke manchmal gern unterschlagen, vermutlich zur Gänze unbewusst. An seiner jüdischen Herkunft kann es kaum liegen, da ja auch ein Dutch Schultz oder Meyer Lansky, Zeit- und Weggefährten Lepkes, sich ihr historisches Schärflein zu sichern vermochten. Womöglich lag es an der vergleichsweise unrühmlichen Spätkarriere Lepkes, die sich durch Flucht vor den Gesetzeshütern und einem damit verbundenen, eher erbarmungswürdiges Tingeln durch irgendwelche Rattenlöcher von Wohnungen kennzeichnete. Seine Ehefrau (Anjanette Comer) bekam er aus Gründen bloßer Vorsicht faktisch nicht mehr zu Gesicht und war auch sonst zur Einsamkeit in seinen Verstecken verdammt. Ein von Lucky Luciano angekündigtes Arrangement mit der Staatsanwalt platzte schließlich und Lepke wurde J. Edgar Hoover (Erwin Fuller) überstellt, was letzten Endes zu seiner Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl führte.
Anders als bei Coppola oder Scorsese findet Menhem Golan kaum glamouröse Zwischentöne für seine hervorragend inszenierte Mobster-Bio. Sein Lepke, von Tony Curtis durchaus beachtenswert dargeboten, ist kaum mehr als ein gewalttätiger Asozialer in der Tradition der Warner-Gangster aus den Dreißigern, der nie auch nur den leisesten Versuch macht, seiner Unterwelt-Karriere durch legale Gegengewichte auszubalancieren und sich stattdessen in seine Nische als Mörder und Gewalttäter fügt und sein zum Abschluss des Films recht gnadenlos dargestelltes Ende auf dem Stuhl auch in den Augen des Publikums durchaus verdient. Selbiges gilt für seinen ihm treu ergebenen Handlanger Tannenbaum (Simmy Bow), den Golan zuvor als den ewigen, stummen Todesengel auftreten lässt.
Bemerkenswert wäre noch, dass „Lepke“ mit Ausnahme des zu dieser Zeit zudem eher unterbeschäftigten Tony Curtis kaum bekannte Namen auf seiner Besetzungsliste aufwendet und einen Großteil des Budgets offenbar in die authentische Darstellung des Zeitkolorits investierte. Eine sich bezahlt machende Gleichung, denn gerade in Bezug darauf vermag Golans sehenswertes Miniepos zu punkten.

8/10

PARDNERS

„There’s no „we!“ There’s „me“ and there’s „you,“ and „you“ I don’t want to see anymore!“

Pardners (Wo Männer noch Männer sind) ~ USA 1956
Directed By: Norman Taurog

Muttersöhnchen Wade Kingsley (Jerry Lewis) möchte nicht nur unbedingt in die Fußstapfen seines Vaters (Jerry Lewis) treten und in den Westen gehen, sondern wie weiland sein Dad mit dessen besten Freund Slim Mosely (Dean Martin) auch mit Slims Sohn (Dean Martin) eine echte Männerfreundschaft aufbauen. Slim jedoch ist bei einem Besuch in New York alles Andere als angetan von dem linkischen Tolpatsch. Dennoch gelingt es Wade, sich bei Slim einzuschmeicheln und diesen zu belatschern, ihn unter seine Fittiche zu nehmen. Zurück in Texas müssen die beiden sich gegen den bösen Bankier Dan Hollis (John Baragrey) und dessen Outlaw-Bande zur Wehr setzen.

„Pardners“, der vorletzte gemeinsame Film von Martin & Lewis, lässt im Nachhinein bereits erahnen, dass es zu jenem Zeitpunkt mit der einstmals gefeierten Bühnen- und Filmfreundschaft der beiden nicht mehr allzu weit her sein konnte, auch wenn das wie üblich versöhnliche Ende dem Publikum noch etwas ganz Anderes zu suggerieren versucht. Die praktisch unentwegt genervte Attitüde von Martins Filmcharakter spricht Bände und kostete den notorischen Whiskey-Liebhaber vermutlich kein allzu intensiv vorbereitetes Spiel: Wade versucht mit allen Mitteln, Slims Freundschaft und Respekt zu erlangen, während dieser den depperten Trottel am Liebsten ganz weit weg wünschte. Die Gags sind über alle Maßen infantil und erreichen somit bestenfalls Kindergeburtstagsstandards,; das Western-Setting steht dem Team und seinen obligatorischen Musiknummern nicht sonderlich gut zu Gesicht. Selbst dem Profi Norman Taurog merkt man an, dass er sich vor dieser Kulisse nicht zu Hause fühlte. Einzig die wie gewohnt strahlend schönen VistaVision-Bilder katapultieren den Zuschauer zumindest in die Reichweite dessen, was er bei einem Martin-/Lewis-Film sucht. In der Rangliste der gnadenlos ihrem Sonnenuntergang entgenreitenden „Pardners“ jedoch markiert dieses Stück allerdings eher ein Schlusslicht vor dem letztmaligen Aufbäumen „Hollywood Or Bust“.

6/10

THE LAST HORROR FILM

„Oh Vinny, you’re such a dreamer!“

The Last Horror Film (Love To Kill) ~ USA 1982
Directed By: David Winters

Vinny Durand (Joe Spinell) ist Taxifahrer in New York, leidenschaftlicher Filmfan und lebt bei seiner treusorgenden Mama (Filomena Spagnuolo). Außerdem ist er besessen davon, mit dem berühmten Horror-Starlet Jana Bates (Caroline Munro) einen eigenen Film zu inszenieren. Die große Chance, Jana für seine Idee zu begeistern, wittert er beim Filmfestival in Cannes, wo auch die schöne Scream Queen erwartet wird. Vinny reist kurzerhand an die Côte d’Azur und mischt sich unters Volk, Jana stets auf den Fersen. Doch zeitgleich mit Vinnys Ankunft beginnt ein irrer Serienkiller sein Tagwerk – steckt vielleicht doch mehr hinter Vinnys allseits belächelter Manie?

Mehr denn grundsymathischer Indie mit dem Herzen am goldrechten Fleck, der nachträglich ins Troma-Portfolio aufgenommen wurde, dort jedoch eigentlich nicht besonders gut hineinpasst. Der wie immer göttliche Joe Spinell und Caroline Munro, Biest und Schöne, begegneten sich hier abermals zu einem Stelldichein, wobei ihr ohnehin augenzwinkernd wirkender Status als Szene-Albtraumpaar sich hier noch zusätzlich durch die saftige Ironie des Scripts untermauert findet. Als Meta-Horrorfilm, der zudem mit dem Status des von der Kunst- undSzenewelt als drittklassig und schundig abgetanen Genres spielt, überzeugt „The Last Horror Film“ auch nach all den Jahren noch. Etliche guerillaartig entstandene Einblicke in und um die Cannes-Schickeria erweisen sich als kostbares Dokumentarmaterial; überall wird man etwa diverser Plakate und Aushänge zeitgenössischer Groß- („Mephisto“, „For Your Eyes Only“, „Chariots Of Fire“ etc. pp.) und Kleinproduktionen („Cannibal Holocaust“, „Possession“, „Horror Safari“ et. al.) oder sogar Stars (Isabelle Adjani, Marcello Mastroianni, Kris Kristofferson) gewahr. Spinell gibt sich ein paar Takte nach „Maniac“ wiederum redlich Mühe, den Publikumsverdacht hinsichtlich des Psychopathen auf seine Figur zu lenken, was infolge einschlägiger Vorerfahrung natürlich auch recht umweglos gelingt. Dass am Ende jedoch nicht seine Figur, sondern Janas Ex-Ehemann (Glenn Jacobson) sich als Bösewicht entpuppt und darüber hinaus das Ganze zuvor Gesehene als bereits fertiggestellter Film Vinnys vorgestellt wird, was Spinell und seine (auch tatsächliche) Mutter mit dem entspannten Konsum eines Joints „kommentieren“, entbietet einen grandiosen Kommentar aller am Film Beteiligten, den man auch als liebevoll gereckten Mittelfinger verstehen kann: „Wir beißen nicht. Wir wollen auch bloß ein bisschen Spaß haben.“
Toll!

9/10

DOCTOR STRANGE

„Dormammu, I’ve come to bargain!“

Doctor Strange ~ USA 2016
Directed By: Scott Derrickson

Der New Yorker Chirurg Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) gilt nicht nur als Bester seines Fachs, sondern zudem als extrem narzisstischer Egomane. Nach einem selbstverursachten Autounfall besitzen seine Hände keine Feinmotorik mehr. Durch Zufall erfährt der daraufhin am Boden zerstörte Strange von einer angeblichen Sekte von Wunderheilern in Nepal, die er auf eigene Faust ausfindig macht. Er schließt Bekanntschaft mit der „Ältesten“ (Tilda Swinton), einer mächtigen Magierin, die die Fähigkeit zu interdimensionalen Reisen hat. So hat sie auch Zugang zur „Spiegeldimension“, einer der unseren ähnlichen Parallelwelt, in der sich die physikalischen Gesetze begen lassen. Der Skeptiker Strange lernt nach anfänglichem Misstrauen selbst den Umgang mit der Magie und lernt bald auch jene kennen, die nach Dunkelheit und Eroberung streben: Die böse Entität Dormammu und seinen irdischen Agenten Kaecilius (Mads Mikkelsen), einen Ex-Schüler der Ältesten, der Dormammus Ankunft auf Erden vorzubereiten trachtet.

Positiv überraschend nicht nur, dass Scott Derrickson nach seinem in jeder Hinsicht enttäuschenden, letzten Film „Deliver Us From Evil“ wieder zu vormaliger Stärke zurückgefunden hat, sondern auch die psychedelische Qualität von „Doctor Strange“, die der Vorlage trefflichen Tribut erweist. Nun mag der Dr. Strange des Films von seiner sonstigen Passgenauigkeit abgesehen etwas frecher und flapsiger frohlocken als sein einst von Steve Ditko gezeichnetes Vorbild (das berüchtigt ist für sorgenvoll-kryptische Anrufungen wie „Bei den modrigen Nebeln Mandrabulias!“), aber ein bisschen Spaß ist ja ausdrücklich erlaubt im MCU. Auch sonst „trickste“ man in personeller Hinsicht ein bisschen zu Zwecken der Modernisierung. Aus dem Ältesten wurde eine von Tilda Swinton (amtlich!) gespielte Dame, aus Stranges unterwürfigem Diener Wong (Benedict Wong) ein selbstbewusstes Individuum und aus seinem altem Erzfeind, dem Rumänen Baron Mordo, ein dunkelhäutiger, zwischenzeitlicher Verbündeter (Ejiofor), von dem man nach seinem bedeutungsvollen Abtritt gegen Ende jedoch annehmen darf, dass er demnächst als Widersacher zurückkehren wird.
Kern und Herz von „Doctor Strange“ bildet die ausufernde Visualisierung, die nicht nur die Beugung und Brechung physikalischer Regeln beinhaltet, sondern auch interdimensionale Reisen durch farb- und formprächtige Anderwelten. Sturz und Flug wechseln ebenso willkürlich die Bedeutung wie die Beschaffenheiten der Naturgesetze, möglich gemacht durch den Eintritt in die Spiegeldimension oder die Nutzung des „Astralleibs“. Rauschmittelfreie Bewusstseinserweiterung frei Haus quasi und dazu sehr viel ästhetischer, spielerischer und weniger verkopft gestaltet als in Nolans „Inception“. Die Anbindung ans MCU spielt natürlich eine Rolle, bleibt allerdings mit Ausnahme der Identifikation des Auges von Agamotto als „Ewigkeitsstein“ sowie des wie immer hübsch appetitanregenden Teasers in der Abspannmitte noch recht verhalten.
Als kritikwürdig indes verbleibt wie so oft in den MCU-Filmen (hier liegen besonders die Netflix-Serials deutlich vorn) die Vernachlässigung des (menschlichen) Gegenspielers und seiner Genossen, die eher eine Alibifunktion einnehmen, um das Kino-Vehikel nicht zur reinen origin werden zu lassen. Bleibt zu hoffen, dass der gute Thanos diesbezüglich bald eine Wende einläutet.

8/10