VALLEY OF THE DOLLS

„I’ll plant my own tree. My own tree! And I will make it grow!“

Valley Of The Dolls (Das Tal der Puppen) ~ USA 1967
Directed By: Mark Robson

Die drei jungen Damen Anne (Barbara Parkins), Neely (Patty Duke) und Jennifer (Sharon Tate) lernen sich in New York kennen und werden Freundinnen. Ihre Schicksale, die sie allesamt zur Westküste und nach Hollywood führen, werden in den kommenden Jahren von immer größeren Krisen und Sturmtiefs durchgeschüttelt, bis zumindest Anne begreift, dass wahres Glück nichts mit Glanz und Glamour zu tun hat.

Jacqueline Susanns ein Jahr zuvor entstandener, gleichnamiger Roman wurde ein solch gewaltiger Bestseller, dass eine Filmadaption flugs zur beschlossenen Sache wurde. In ihrem Buch zeichnet die selbst showbiz-erfahrene Susann den zerstörerischen Einfluss insbesondere der Filmmetropole Hollywood auf junge, naive Damen nach, wobei sie auf diverse, inoffiziell zu Bewusstsein kommende Vorbilder von Frances Farmer über Betty Hutton, Judy Garland, Marilyn Monroe, Carole Landis und Ethel Merman, zurückgreift deren Personae und Biographien allesamt zumindest teilverwurstet wurden. Das Script veränderte allerdings das zeitliche Setting der Vorlage und versetzte es um zwei Dekaden in die Zukunft, um eine dichtere, realitätsnähere Anbindung zu schaffen.
Mit Ausnahme der als Erzählerin fungierenden Anne Welles, die als Provinzblümchen von Neuengland über New York nach Hollywood und wieder zurück tingelt und deren private Medienkarriere sich auf eine kurze Karriere als Werbemodel beschränkt, erleben die Protagonistinnen reichlich Schaden an Leib und Seele; die stimmgewaltige Neely O’Hara avanciert nach ihrer „Veredelung“ zum Superstar zu einer herrischen, selbstsüchtigen und medikamentenabhängigen Trinkerin, die sich von ihrem Jugendfreund (Martin Milner) trennt und schließlich in einer Entzugsklinik landet; Jennifer Norths einziges Kapital besteht derweil in ihrer physischen Schönheit und speziell ihren wohlgeformten Brüsten. Zunächst erkrankt ihr Mann, der Starsänger Tony Polar (Tony Scotti), an einer geisteszersetzenden Krankheit, dann erhält sie selbst die Diagnose Brustkrebs und nimmt sich das Leben.
Es geht also höchst turbulent zu in „Valley Of The Dolls“, der sein autoritäres Ausrufezeichen permanent über den gar so schrecklichen Ereignissen aufleuchten lässt und dabei mit zunehmender Erzählzeit immer mehr wie eine schulmeisterliche Warnung für potenzielle Starlets daherkommt. Formvollendete, naive Kolportage ist das und nicht selten fühlt man sich an ministerial subventionierte „Aufklärungsfilme“ für Schulen erinnert. Camp ist das, nicht ganz freiwillig vielleicht, dafür reinkulturell in Form und Finish, von einem Regisseur, der zum Entstehungszeitpunkt von „Valley Of The Dolls“ seine originären künstlerischen Wurzeln, die zu Orson Welles und Val Lewton zurückreichen, bereits weit hinter sich gelassen hatte und insbesondere in Anbetracht seiner einstmaligen Meriten eher bizarres Kinogut inszenierte. Was nicht bedeutet, dass es deshalb weniger sehenswert wäre – es ist bloß… anders.

7/10

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MOTHER NIGHT

„All the best writers are dead.“

Mother Night (Schatten der Schuld) ~ USA 1996
Directed By: Keith Gordon

Howard W. Campbell Jr. (Nick Nolte) sitzt in einem Jerusalemer Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, gleich in der Zelle über ihm den in derselben Situation befindlichen Adolf Eichmann. Campbell war während des Zweiten Weltkriegs als Schriftsteller und Dramatiker in Deutschland und dort für eine vielbeachtete Radiopropaganda-Reihe der NSDAP zuständig als Autor und Verleser antiamerikanischer und antisemitischer Essays. Was weder die Nazis noch irgendjemand sonst ahnen konnte: Campbell arbeitete, rekrutiert von dem geheimnisvollen Frank Wirtanen (John Goodman), im Auftrag des US-Geheimdienstes und brachte im Zuge seiner Radioauftritte verschlüsselte Geheimbotschaften in den Äther, die ihm jeweils vorab heimlich zugeschoben wurden. Campbells Spionagestatus wurde jedoch nie öffentlich gemacht und so gilt er auch nach Kriegsende und zurück in New York weiterhin als „Stimme der Nazis“. Seine geliebte Frau Helga (Sheryl Lee) kam noch während der Kriegswirren zu Tode und mit ihr der größte Teil von Campbells eigenem Lebenswillen. In Greenwich Village lernt er dann seinen Nachbarn George Kraft (Alan Arkin), einen nicht minder verzweifelten Maler, der zu Campbells bestem Freund wird. Später taucht Helgas kleine Schwester Resi (Sheryl Lee) auf, die, mittlerweile erwachsen, Helga wie aus dem Gesicht geschnitten ist und sich zunächst als die Verstorbene ausgibt. Auch ein verquerer, rassistischer Geheimbund tritt an ihn heran, der angeblich den entdeckungsgefährdeten Campbell, Kraft und Resi die Flucht nach Mexiko ermöglichen will. Was Campbell nicht ahnen kann: All diese merkwürdigen Fügungen geschehen keineswegs zufällig…

Keith Gordons (antizipierbar) kommerziell bös gefloppte Vonnegut-Adaption ergreift und transponiert den stets etwas mysteriösen Duktus des bedienten Autors auf brillante Art und Weise und macht daraus eine der vorrangigsten Literatur-Verfilmungen mindestens der neunziger Jahre. An „Mother Night“, dem Film, gibt es nichts, was nicht passgenau wäre; das gesamte Geschehen schwebt, es sich stets bequem machend auf einer leicht federnden Wolke aus Surrealismus und leiser Ironie, mit aller gebotenen Entschleunigung vor sich her. Nicht nur George Roy Hills brillanter „Slaughterhouse-Five“ blitzt durch seine nebulösen Astlöcher, auch den bitter-transzendenten, jüdischen Humor großer Comic-Autoren wie Will Eisner oder Art Spiegelman ist man versucht, nahezu pausenlos herauszuspüren. Als Soldat, Kriegsteilnehmer und Überlebender der Bombardierung von Dresden hatte Vonnegut es kaum nötig, über das Wesen des Krieges zu schreiben. In „Mother Night“ ging es ihm vielmehr um das nicht minder eigenartige Echo jener Weltzäsur und ebenso um das komplexe Verhältnis von Schuld, Geständigkeit, Reue und die nahezu aussichtslose Möglichkeit der Weiterexistenz mit alldem. Howard Campbell Jr. mag ein Spion sein; seiner Faszination für das nazifierte Deutschland, für Führerkult und Drittes Reich, das ihn als „Überläufer“ hofiert und ihm Zugang zur höchsten Systemspitze ermöglicht, tut dies keinen Abbruch. Möglicherweise ist sein geheimer Einsatz für die Alliierten auch bloß eine reine Kopfgeburt; eine dem intellektuellen Rest an Vernunft entstammende Rechtfertigung für die Gewissheit, als Adlatus des Grauens zu fungieren. Mit Glanz und Glamour ist es nach dem Krieg vorbei. Depressiv und sich nutzlos wähnend vegetiert Campbell einsam und verlassen in New York dahin. Seine Nachbarn sind neben Kraft zwei Auschwitz-Überlebende, Mutter (Anna Berger)  und Sohn (Arye Gross). Während die ältere Dame Campbell, der seinen Namen trotz seiner zweifelhaften Popularität nicht geändert hat, zu erkennen glaubt und ihm die Pest an den Hals wünscht, will ihr als Mediziner tätiger Sohn von dem Kapitel „Holocaust“ am liebsten gar nichts mehr wissen. Eine weitere der vielen Ambivalenzen, die sich durch „Mother Night“ ziehen und die ihren satirischen Höhepunkt gewissermaßen in einem verrückten, farbigen Nazi (Frankie Faison) finden, der die Gruppe von „white supremacists“ lauthals unterstützt. Schein und Sein bleiben in Vonneguts Welt nie ganz  säuberlich getrennt, einer permanenten Wellenbewegung gleich nähern sie sich immer wieder tangential an und stoßen sich dann mit umso kräftigerer Vehemenz wieder voneinander ab. Am Ende dann, als das Schicksal im Begriff ist, Campbell erneut einen Ausweg zu offerieren, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den der Selbstrichtung. Auch hier bleibt Gordons Regie noch meisterhaft und lässt und, gemeinsam mit der Kamera, wegsehen. Wie Campbell selbst bis zu diesem finalen Schuldeingeständnis Wegsehen und Ignoranz kultiviert hat, jahrzehntelang.

9/10

SPIDER-MAN: HOMECOMING

„If you’re nothing without the suit, then you shouldn’t have it.“

Spider-Man: Homecoming ~ USA 2017
Directed By: Jon Watts

Nach seinem von Tony Stark (Robert Downey Jr.) initiierten Europa-Einsatz gegen Captain America (Chris Evans) und seine Verbündeten träumt der New Yorker Teenager Peter Parker (Tom Holland) allenthalben von weiteren weltrelevanten Missionen als Spider-Man. Doch sowohl Tony Stark als auch dessen Adlatus Happy Hogan (Jon Favreau) reagieren eher genervt auf die fortwährenden, lästigen Anfragen Peters. Da erscheint mit dem früheren Unternehmer und Familienvater Adrian Toomes (Michael Keaton), der seit dem Kampf der Avengers gegen die Chitauri in Manhattan vor dem wirtschatlichen Ruin steht und daher mithilfe etwas von ihm entwendeter Alien-Technologie zum Superverbrecher geworden ist, ein lokaler Schurke auf der Bildfläche, den es zu stoppen gilt. Dumm nur, dass sich ausgerechnet Peters großer High-School-Schwarm Liz (Laura Harrier) als Toomes‘ Tochter entpuppt…

„Homecoming“, das bedeutet in diesem Falle natürlich: heim unter Dach und Fach, unter die Ägide des MCU und hinein in das „richtige“ filmische Marvel-Kontinuum. Es bedarf keines Abakus‘ um sicherzugehen, dass der von Disney und dem vormaligen Rechteinhaber Sony bezüglich der Figur Spider-Man und der entsprechenden Nebencharaktere ausgehandelte Multideal zu einem allseitig befriedigenden, wirtschaftlichen Konsens geführt haben dürfte. Trotz dieser nunmehr bereits dritten Neuinterpretation des beliebten Superhelden binnen nur 15 Jahren sollte ihr Gewinnpotential noch immer beträchtlich genug sein, um einen kapitalen Reibach nicht nur an den Kinokassen einzufahren. Die globalen Vermarktungsrechte für die Heimeditionen teilen Disney und Sony sich sorgsam und der Fan freut sich, dass Spidey nun endlich auf kostümierte Freunde und Bekannte treffen darf, wie er es etwa Monat für Monat in den allermeisten Ausgaben der in den Siebzigern und Achtzigern veröffentlichten Serie „Marvel Team-Up“ zu tun pflegte. Lediglich vermeintlicher Einzelgänger gehörte es im Prinzip stets zur guten Tradition Spider-Mans, dass er regelmäßig auf die Unterstützung anderer New Yorker Superhelden zurückgriff – oftmals etwa die von Human Torch, der ja mit seinen drei FamiliengenossInnen noch immer bei Fox herumdümpelt und dort bereits seines nächsten, gewiss wiederum kläglich versagenden Auftrittes harrt. In „Captain America: Civil War“ deutete es sich dann bereits auch im Film an: Strippenzieher Tony Stark versorgte Peter Parker mit einem von ihm selbst entworfenen High-Tech-Anzug, der seine Spinnenkräfte nochmals hervorragend ergänzte, respektive zur Geltung brachte. Nunmehr hat man sich nicht allein daran zu gewöhnen, dass just diese technische Innovation einen nicht unwesentlichen Teil von Spider-Mans Können mitbestimmt. „Homecoming“ greift auch weit zurück in der Charakterhistorie und macht aus Peter wieder einen fünfzehnjährigen Schüler, der sich von dem ewigen Bully Flash Thompson (Tony Revolori) nerven lassen muss und etwas nerdig daherkommt. Tante May (Teresa Parker), bei der Peter aufwächst, ist, aber auch dies war ja bereits bekannt, nunmehr kein schrumpeliges Mütterlein, sondern eine (noch) überaus gut bei Figur befindliche, knackige Frühfünfzigerin. Selbige bewohnt zudem kein Vorstadthäuschen, sondern ein zeitgemäßeres Hochhaus-Appartement.
Ein Latexkostüm und selbsterfundene Netzflüssigkeit für den Titelhelden sind angesichts solcherlei Modifikation ohnedies kaum mehr up to date; insofern passt die Renovierung und heimliche Mentorisierung durch Stark durchaus und bettet sich ordentlich in die erneuerte Kontinuität ein. Besonders wusste mich allerdings Michael Keaton als Vulture zu begeistern, der zwar auch nicht allzu viel mit seinem Comic-Vorbild gemein hat, dafür jedoch infolge seiner kantigen, zwischen sympathisch und diabolisch pendelnden Interpretation eine sehr schöne Filmpräsenz entwickelt und nach Alfred Molina als bis dato bester Leinwandgegner durchgeht. Was den ja unweigerlich zu begutachtenden Aktions- und Kinetikfaktor anbelangt, so verbleibt dieser an einer Hand abzählbaren Höhepunkten vorbehalten, somit angenehm moderat und weniger übersteigert denn in anderen jüngeren MCU-Produktionen; man möchte meinen, dass hier ein adäquates Maß gefunden wurde.

8/10

 

 

SOMETHING WILD

„Charlie, attempt to be cool.“

Something Wild (Gefährliche Freundin) ~ USA 1986
Directed By: Jonathan Demme

Das kommende Wochenende wird für den biederen, geschiedenen Firmenangestellten Charlie Driggs (Jeff Daniels) zu einer Achterbahnfahrt, die sich gewaschen hat. Es beginnt damit, dass eine quirlige Dame namens „Lulu“ (Melanie Griffith) in sein geordnetes Leben okkupiert. Lulu macht, was sie will. Sie klaut, betrügt und prellt Zechen, vor allem aber zeigt sie Charlie, wo im Bett der Hammer hängt. Der arme, überrumpelte, gleichsam aber nicht minder überwältigte Mann findet sich unvermittels auf einer Fahrt nach Pennsylvania wieder, wo Lulu, die in Wahrheit Audrey Hankel heißt, Charlie nicht nur ihrer Mutter (Dana Preu) als ihren neuen Ehemann vorstellt, sondern ihn gleich noch mit zum Jahrestreffen der Highschool-Abgänger schleift. Trotz einigen, berechtigten Protests hat sich Charlie längst in Audrey verliebt, als ihr Noch-Ehemann, der just aus dem Knast entlassene Ray Sinclair (Ray Liotta) auftaucht. Dieser erweist sich nach anfänglich freundlicher Bergrüßung als veritabler Soziopath, der keinerlei Interesse daran hat, Audrey aufzugeben. Doch Charlie ist seinerseits ebenfalls nicht gewillt, mit eingekniffenem Schwanz das Feld zu räumen…

Nachdem ich von vertrauenswürdigen Zeitgenossen und Freunden in sozialen Netzwerken und andernorts einige überschwängliche Lobeshymnen zu Jonathan Demmes Film mitverfolgt hatte, fand ich es an der Zeit, die offenbar doch allzu tiefe Scharte der ihn bezüglichen Unkenntnis endlich auszuwetzen. Nun, wie das häufig so ist, sind oftmals großzügig verteilte „Vorschusslorbeeren“, zumal in solch pompösem Umfang, nicht die beste Voraussetzung, um eine zumindest halbwegs neutrale Perspektive auf ein unbekanntes Werk zu wahren. Bezüglich „Something Wild“ fand ich diese alte Weise neuerlich bestätigt. Zunächst einmal fiel mir wieder ein, warum ich wohl vornehmlich so lange auf den Film verzichtet hatte – ich befürchtete, in ihm nicht wesentlich mehr denn eine unterlegene Variation des von Scorseses „After Hours“ und John Landis‘ „Into The Night“ im Grunde erschöpfend durchgespielten Motivs des überrumpelten Motivs des sich unversehens im von einer attraktiven Frau herbeigeführten, heillosen Existenzchaos wiederfindenden, einsamen Großstädters wiederzufinden. Filmhistorisch etwas weiter zurückgedacht ist jener Topos ohnehin ein klassischer Screwball-Stoff, den Howard Hawks mit „Bringing Up Baby“ bereits einige Jahrzehnte zuvor aus der Taufe gehoben hatte. Blake Edwards‘ „Blind Date“, den ich einmal vor ewigen Zeiten gesehen hatte, deklinierte das Thema seinerseits dann wiederum in den Achtzigern nochmals durch. „Something Wild“ bietet also zumindest im Hinblick auf seine Geschichte relativ sattsam Bekanntes. Natürlich erweist er sich als dennoch hinreichend eigenständig, um einen interessanten, witzigen, intelligenten und dementsprechend guten Film abzugeben, wenn auch in meiner Wahrnehmung nicht als das große, bislang unentdeckte Meisterwerk, das dekadenlang von mir stoisch ignoriert im Schatzkästchen schlummerte.
Es ist weniger das, was Demme hier anpackt, denn vielmehr die Art, wie er dies tut: „Something Wild“ reüssiert vor allem hinsichtlich des Einsatzes seiner vielen, für das Aug‘ und Ohr eines eher unbedarften Massenpublikums vielleicht nicht eben registrierbaren Details und popkulturellen Reverenzen. Da sind die diversen Cameos der den Regisseur seit Corman-Zeiten begleitenden Mitstreiter wie Tracey Walter, Kenneth Utt oder Charles Napier, die in jeweils höchst komisch angelegten Miniparts aufkreuzen; da ist die fantastische Songkompilierung auf der Tonspur, die einen umfangreichen Fundus großartiger, zeitgenössischer Popmusik präserviert, da ist auch die grandiose New-Jersey-Combo „The Feelies“, die auf der Ehemaligen-Fete aufspielt als „The Willies“ und unter anderem ein punkiges Monkees-Cover zum Besten gibt. Diese Dinge waren es, die mich überrascht haben und weniger der sich von einer RomCom hin zum Thriller vorarbeitende Plot, der auf sein happy end natürlich trotzdem nicht verzichten mag.

8/10

I AM LEGEND

„I can fix. I can fix this.“

I Am Legend ~ USA 2007
Directed By: Francis Lawrence

Manhattan, nach einer weltweit grassierenden Seuche. Ein ursprünglich als Heilmittel für Krebs geschaffenes Serum hat nahezu die gesamte Menscheit hinweggerafft. Auf der Suche nach Überlebenden und einem möglichen Heilmittel durchstreift der Virologe Robert Neville (Will Smith) gemeinsam mit seiner Schäferhündin Sam als letzter Überlebender die leergefegten Straßen der Metropole. Nicht so jedoch des Nachts, denn da kommen die „Darkseekers“, mutierte Vampire, aus ihren Löchern und suchen nach Opfern. Immer wieder kommt es zu Beinahe-Konfrontationen, denen Neville stets knapp entgehen kann. Schließlich gelingt es ihm, einen weiblichen Vampir (Joanna Numata) gefangenzunehmen und zu Studienzwecken einzusperren. Als Sam nach einer Attacke durch vampirisierte Hunde infiziert wird und Neville sie töten muss, verliert er jeden weiteren Lebenswillen. Die mit dem kleinen Ethan (Charlie Tahan) Umherreisende Anna (Alice Braga) rettet ihn in letzter Sekunde vor den Darkseekers und versucht ihn zu überzeugen, dass es in Vermont ein Überlebendencamp gibt. Die Darkseekers sammeln sich derweil, um Nevilles Haus zu attackieren…

Und gleich noch die bis dato jüngste Adaption des gleichnamigen Matheson-Romans hinterher. Gute zwölf Jahre schlummerte Francis Lawrences „I Am Legend“ zunächst in der development hell, bis er dann doch schließlich doch noch realisiert werden konnte. Wie auch seine beiden Vorgänger von 1964 bzw. 1971 macht diese dritte Verfilmung der zugrunde liegenden Geschichte Richard Mathesons keine Schande, wenngleich auch sie vermutlich nicht das mögliche Optimum darstellt. Von der West- zur Ostküste verlagert, tingelt der einsame Robert Neville nun durch Manhattan statt durch Downtown L.A., was noch höhere Hochhausschluchten und vermutlich eine noh anoymere Urbanität gewährleistet. Den Hund aus Mathesons Vorlage verehrte man dem tragischen Helden diesmal zurück, wobei Nevilles Beziehung zu ihm diesmal eine noch sehr viel intimere ist: Sam ist nämlich das letzte Bindeglied zwischen dem Protagonisten und seiner bei einem Helikopterunfall im Zuge der ersten Evakuierungen verstorbenen Familie, wobei die Hündin – damals noch ein Welpe – einst Nevilles kleiner Tochter (Willow Smith) gehörte. Insofern geht mit ihrem (überaus traurig inszenierten) Ableben verständlicherweise auch Nevilles letzter Überlebenswille dahin – ein zum Scheitern verurteilter Amoklauf gegen die Darkseekers ist die letzte Konsequenz. Doch glimmt wie in der 1971er-Version von Boris Sagal auch hier am Ende nochmals neue Hoffnung auf; die Menschheit ist noch nicht ganz am Ende und Neville ist, zumindest in der Filmfassung mit dem alternativen Ende, noch nicht so sehr Legende, dass er zum Mythos werden muss (in der Kinoversion sprengt er sich heldenhaft selbst in die Luft, um Anna und Ethan die Flucht mitsamt einem kurz zuvor von ihm entdeckten Heilmittel zu ermöglichen). Stattdessen atmet dieses sehr viel gelungenere, weniger pathetische Ende einen geradezu humanistischen Hauch. Neville erkennt, wie sein literarisches Gegenstück, dass er selbst für seine Gegenseite längst zum gefürchteten, mörderischen Wolf avanciert ist. Er hat dem Anführer (Dash Mihok) der Darkseekers seine Gefährtin entführt und an ihr zu Forschungszwecken herumexperimentiert. Das Einzige, was sein Gegenspieler möchte, als er in Nevilles Haus eindringt, ist mitnichten Tod und Rache, sondern schlicht die Übergabe seiner Geliebten. Die nachfolgende Erkenntnis, dass auch er ein Monster ist – zumindest in den Augen der Monster – erweist sich als ebenso niederschmetternd wie augenöffnend für Neville. Er kann einem neuen Lebensabschnitt entgegensehen, vielleicht in Vermont.

7/10

THE DEFENDERS: SEASON 1

„Am I the only one in New York who doesn’t know Karate?“

The Defenders ~ USA 2017
Directed By: S.J. Clarkson/Phil Abraham/Farren Blackburn/Uta Briesewitz/Félix Enríquez Alcalá/Peter Hoar/Stephen Surijk

Höchst unfreiwillig schließen sich die vier New Yorker Superhelden Matt Murdock (Charlie Cox), Jessica Jones (Krysten Ritter), Luke Cage (Mike Colter) und Danny Rand (Finn Jones) zu einem Team zusammen, um die undurchsichtigen Pläne der uralten Verbrechensorganisation „Die Hand“ und ihrer geheimen Chefin Alexandra Reid (Sigourney Weaver) zu durchkreuzen, die wegen eines tief unter Manhattan verborgenen Geheimnisses die Zerstörung der gesamten Metropole in Kauf nimmt.

In direkter Folge zu der „The Defenders“ gewissermaßen vorbereitenden Reihe „Iron Fist“ habe ich mir in zwei Abschnitten das bislang jüngste Netflix-Serial angeschaut. Das beflügelnde Potenzial der besten Momente aus „Daredevil“ oder „Luke Cage“ erreichen die „Defenders“ nicht, soviel gleich einmal vorweg. Nach der bereits recht früh erfolgten Ankündigung seitens des emsigen Anbieters, die vier separat vorgestellten Superhelden nach ihren Soloeinsätzen zusammenzubringen und ihnen den Namen eines ursprünglich komplett anders besetzten Marvel-Teams aus den frühen Siebzigern (das zunächst aus den wesentlich kampfkräftigeren Doctor Strange, Hulk, Submariner und Silver Surfer bestand) zu verabreichen, durfte man sich einiger berechtigter Vorfreude unterlegen, die das finale Resultat jedoch bestenfalls im Ansatz zu erfüllen weiß. Der Höhepunkt von „The Defenders“ liegt zugleich in ihrer Prämisse, nämlich vier der besten street fighting heroes aus dem Marvel-Universum vereint im Kampf genießen zu können. Leider erweisen sie alle sich nach wie vor, mit Ausnahme des weniger abgeklärten Danny Rand, als genau die Individualisten, als die sie onscreen bereits vorgestellt wurden: Keiner will eigentlich etwas mit den forcierten Partnern zu tun haben, der Aufbau von wechselseitigem Vertrauen fällt alles andere als leicht und man macht sich den zügigen Erfolg durch überaus dysfunktionale Kratzbürstigkeiten nur sehr viel schwerer. Die Comics hatten es da stets wesentlich einfacher, oder es sich, so man will, erholsam einfach gemacht: Hier gab und gibt es über Jahre hinweg gepflegte Freundschaften (Cage und Rand), Allianzen (alle helfen sich oft – auch privat – gegenseitig aus) und Romanzen (Jones und Cage) und hier wäre ein Gegner wie Alexandra Reid für die geballte Teampower des Quartetts eher einem zweiten Frühstückshappen gleichgekommen. Darin liegt zugleich der aus meiner Sicht augenfälligste Störfaktor: in dem unbedingten Bestreben, liebgewonnene und gewiss berechtigte Traditionen bereits als obsolet abzukanzeln, ohne dass sie überhaubt die Möglichkeit bekommen, sich erstmal zu etablieren. Matt Murdock pflegt seine Geheimidentität mit Fug und Recht, dennoch kassiert er von der diesmal ohnehin allzu viele blöde Sprüche kloppenden Jessica Jones dumme Kommentare angesichts seiner Kostümierung. Derlei redundantes Beziehungsgebremse zieht sich durch geraume Phasen von „The Defenders“, während man immerhin Elodie Young, die als Elektra aus dem Grabe zurückkehrt, hinterherschmachten darf. Eigentlich gehört die Serie über nicht unwesentliche Strecken ihr, die zwischenzeitlich zur „Hand“ überläuft, bis ihr zum Ende hin ein ungewisses Schicksal bevorsteht. Dennoch wird man wohl damit rechnen dürfen, dass man sie dereinst, wie auch im Print, wiedersieht. Alles andere wäre auch viel zu schade. Die groß angekündigte Sigourney Weaver bleibt mir allzu blass und zumindest ich hätte die viel beeindruckendere Wai Ching Ho als Madame Gao völlig als Kopf der „Hand“ weiterhin bevorzugt. Der neuerlich als mysteriöser Stick auftretende Scott Glenn, der mittlerweile endgültig aussieht wie seine eigene Mumie, erhält einen wenig rühmlichen Serienausstieg und die vielen, lieb gewonnenen Nebencharaktere sind eigentlich bloß physisch präsent. Ich hätte mir den Fuß sehr viel häufiger am Gaspedal gewünscht, aber wenn man eben vornehmlich damit befasst ist, seine Hauptfiguren urplötzlich und über weite Strecken als selbsträsonistische Arschlöcher zu denunzieren, dann sind gewisse Umwege eben unumgänglich.

7/10

IRON FIST: SEASON 1

„I am Danny Rand, the immortal Iron Fist, protector of K’un-Lun, sworn enemy of the Hand!“

Iron Fist: Season 1 ~ USA 2017
Directed By: John Dahl/Farren Blackburn/Uta Briesewitz/Deborah Chow/Andy Goddard/Peter Hoar/RZA/Miguel Sapochnik/Tom Shankland/Stephen Surijk/Kevin Tancharoen/Jet Wilkinson

Nachdem Danny (Toby Nichols), der Sohn des New Yorker Firmengründers und Unternehmers Wendell Rand (David Furr), als einziger den Absturz dessen Privatjets im Himalaya überlebt, wird er von Mönchen der mystischen Klosterstadt K’un Lun gefunden und fünfzehn Jahre lang in deren Lehren unterwiesen, die unter anderem die Zerschlagung der kriminellen Geheimsekte „Die Hand“ vorsehen. Zudem erlangt Danny die Kraft, sein Chi zu konzentrieren und sich dadurch die gewaltige Kraft der „Iron Fist“ zunutze zu machen. Nach dieser Zeit verschwindet Danny (Finn Jones) unerlaubt aus K’un Lun und kehrt, mittlerweile erwachsen, zurück nach New York, wo er mit seinen Kindheitsfreunden Joy (Jesica Stroup) und Ward Meachum (Tom Pelphrey) konfrontiert wird, die mittlerweile die Firmengeschäfte von „Rand Enterprises“ leiten und Danny nach wie vor für tot und den bei ihnen Auftauchenden für einen Lügner halten. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie kann Danny zunächst zu der Kung-Fu-Lehrerin Colleen Wing (Jessica Henwick) fliehen und sich seinen Platz als rechtmäßiger Firmenerbe zurückerobern. Doch im Hintergrund zieht noch der ebenfalls totgeglaubte Kompagnon von Dannys Vater, Harold Meachum (David Wenham), die Fäden, der unselige Verbindungen zur „Hand“ pflegt, und auch Colleen ist nicht die, die zu sein sie vorgibt…

„Iron Fist“, die mittlerweile vierte Netflix-Installation eines Marvel-Serials, hatte und hat es immens schwer, sich selbst unter Fans und Geeks einen Leumund zu erstreiten, der seinen Vorgängern auch nur ansatzweise an die Kante reicht. De facto scheint die Reihe nur wenige echte Befürworter zu haben. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Der weltfremde, manchmal hinterwäldlerische Habitus Danny Rands, seine Unerfahrenheit und relative Jugend, liefern häufig Anlass zu mal mehr, mal weniger freiwilliger Komik; die street credibility von Matt Murdock, Jessica Jones und Luke Cage geht ihm, dem urplötzlichen Reichen mit dem goldenen Herzen und der goldenen Faust vollends ab, stattdessen pflegt er eine weltverbesserische, manchmal geradezu infantil anmutende Naivität, die zwar zu seiner Figur passt, ihn dabei jedoch nicht selten auf eher rührende Art und Weise an die Martial-Arts-Version eines Capra-Protagonisten erinnert. Hinzu kommt, dass „Iron Fist“ noch sehr viel mehr und direkter als die bisherigen Netflix-Marvels eindeutige Soap-Elemente integriert – die Intrigen und Hasslieben innerhalb der höchst dysfunktional agierenden Meachum-Familie, die gar Erinnerungen an „Dallas“ oder „Dynasty“ aufkommen lassen, tragen Sorge dafür. Anders als bis dato gepflegt, verfolgt „Iron Fist“ zudem keinen klar fixierten Inhaltsstrang; stattdessen finden sich gleich drei(einhalb) Bösewichte mit unterschiedlich geschickt umrissenen Zielsetzungen eingebaut, was relativ rasch offenbar werden lässt, dass nicht nur hier und da erzählerische Ratlosigkeit vorherrscht, sondern zudem eine Komprimierung der Story auf zehn statt dreizehn Episoden vermutlich nicht ganz ungeschickt gewesen wäre.
Ferner wirkt die Figur der von Rosario Dawson gespielten „Night Nurse“ Claire Temple, die als eine Art dramaturgischer Kleister unter den einzelnen Serien fungiert und die ich eigentlich immer sehr schätze, hier erstmals sehr willkürlich eingepasst.
Resümierend gefielen mir die ungezwungene Leichtigkeit, die die Comicwurzeln der Figur „Iron Fist“ – wenn auch ohne das schicke Kostüm – prononciert und sie von dem manchmal beschwerlichen Existenzialismus einer Jessica Jones abgrenzt, dann doch recht gut. Die Kämpfe sind ordentlich choreographiert und Dannys Romanze mit Colleen Wing findet sich recht hübsch in das Gesamtgeschehen eingeflochten. Zudem bekommt man mit David Wenham als immer wahnsinniger werdenden Harold Meachum wieder einen schönen villain vorgelegt. Gelangweilt habe ich mich jedenfalls nicht, auch wenn gewisse Entschlackungsmaßnahmen dem Ganzen wie bereits erwähnt gewiss zu größerem Erfolg gereicht hätten.

7/10