FREQUENCY

„I’m still here, Chief.“

Frequency ~ USA 2000
Directed By: Gregory Hoblit

Für den Polizisten John Sullivan (Jim Caviezel) ist das Leben nicht immer leicht. Just als seine Beziehung in eine heftige Krise gerät, entdeckt er gemeinsam mit seinem Kumpel Gordo (Noah Emmerich) das alte Funkgerät seines vor drei Jahrzehnten verstorbenen Vaters Frank (Dennis Quaid) wieder. Als er eher gelangweilt daran herumspielt, geschieht das Unglaubliche: John gerät auf die selbe Radiofrequenz, auf der exakt auf die Sekunde dreißig Jahre zuvor sein Vater funkt. Verantwortlich für diesen physikalischen Gesetzesbruch ist ein besonders starkes Aufkommen der Aurora Borealis, der Nordlichter, die zu beiden Zeitpunkten intensiv über Brooklyn flimmern. Nachdem sich Vater und Sohn über das Unmögliche klar geworden sind, wittert John die Chance, seinen Vater zu retten: Dieser, ehedem ein heroischer Feuerwehrmann, starb damals bei der Rettung eines Mädchens (Nicole Brier) aus einem brennenden Lagerhaus. Es gelingt John, Frank rechtzeitig zu warnen. Dieser überlebt, doch wird dadurch unbewusst eine Kette noch sehr viel schrecklicherer Ereignisse in Gang gesetzt, deren Verlauf Sullivan Senior und Junior nun wieder ändern müssen, solange ihnen noch die Zeit dazu bleibt…

So grundalbern die Prämisse von Gregory Hoblits drittem Film „Frequency“ sich auch ausnehmen mag – die Umsetzung lässt sich, aller Wahrscheinlichkeiten und Annahmen zum Trotze, umso gelungener an. Dafür verantwortlich sind vor allem die diversen Volten, die der Plot im Laufe der prall gefüllten Erzählzeit schlägt – mit jeder weiteren Kommunikation, die der Sohn der Gegenwart und der Vater der Vergangenheit miteinander begehen, bahnen sich weitere, unvorhersehbare Katastrophen an, die es wiederum auszuwetzen gilt. Dieses Schema des sich unbeabsichtigt auftürmenden Chaos, das aus dem ursprünglich überaus nachvollziehbaren Wunsch ersteht, unfair scheinende Lebensfügungen gewissermaßen geradezurücken, ist üblicherweise ein typischer Topos von Zeitreisefilmen wie Zemeckis‘ „Back To The Future“-Trilogie, in der das ewige Umherreisen des Protagonisten auf drei jeweils exakt dreißig Jahre (wie nebenbei auch in „Frequency“) auseinanderliegenden Zeitebenen einen raumzeitlichen Schmetterlingseffekt nach dem anderen auslösen und immer wieder für neue, empfindliche Störungen innerhalb der Biographie des Helden und seiner Familie sorgen. Jene gilt es wiederum zu tilgen, bis am Ende der (ursprünglich niemals so vom Schicksal intendierten) „Idealzustand“ erreicht wird, der sich durch materielle, physische und vor allem die psychische Gesundheit aller Beteiligten manifestiert. Im Gegensatz zum großen Vorbild aus den Achtzigern verzichtet „Frequency“ jedoch nahezu gänzlich auf (allzu offensichtliche) komödiantische Elemente, sondern webt einen handfesten Frauen- und Serienkillerplot mit in sein bei Licht besehen höchst wackliges Fundament ein. Dadurch, dass nämlich Frank Sullivan im Jahre 1969 dem Heldentod entgeht, überlebt in mittelbarer Folge auch der gesuchte „Nightingale-Killer“ Jack Shepard (Shawn Doyle), seines Zeichens zudem Polizist, der somit noch weitere dreißig Jahre lang sein Unwesen treiben kann und wiederum Franks Frau und Johns Mutter (Elizabeth Mitchell) töten wird. Es folgt eine fabulierfreudige Welle von weiteren Schicksalseingriffen, die John immer wieder aufs Neue vermittels seiner sich infolgedessen permanent veränderenden Gegenwart zu spüren bekommt. Am Ende sind sich Zemeckis und Hoblit dann [anders als der wiederum stark von beiden beeinflusste „The Butterfy Effect“, in dem sich nichts (mehr) retten lässt] wieder vollkommen traut und einig: Alles ist so gut, wie es nur sein kann.
Dass „Frequency“ dabei stets geradzu unwahrscheinlich fest an sich selbst glaubt und seine jedweder Logik sträubenden Episoden mit viel Verve, Spannung und gekonnter Publikumsinvolvierung zu berichten weiß, präserviert ihm seine ungebrochene Qualität. Schön!

8/10

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SCARLET STREET

„I never knew paint could grow.“

Scarlet Street (Straße der Versuchung) ~ USA 1945
Directed By: Fritz Lang

Für den treuherzigen, kleinen New Yorker Kassierer Christopher Cross (Edward G. Robinson) könnte das Leben rosiger sein: Seine garstige Frau Adele (Rosalind Ivan) hat ihn völlig unter der Knute und seine Gemälde, die er als Ausgleichshobby im stillen Kämmerlein malt, versteht niemand, dem er sie zeigt. Als er eines Nachts per Zufall die wesentlich jüngere Kitty (Joan Bennett) kennenlernt, ist es um Christopher geschehen. Hals über Kopf verliebt er sich in die Unbekannte, ohne zu wissen, was für ein verderbter Mensch sie wirklich ist: Kitty lebt von Tag zu Tag, ist dem losen Herumtreiber Johnny Prince (Dan Duryea) gewissermaßen hörig und beginnt auf dessen Geheiß, Christopher gnadenlos auszunehmen. Dieser weiß sich derweil nicht anders zu helfen, als Gattin und Boss (Russell Hicks) zu bestehlen. Als Prince versucht, Christophers Bilder abzustoßen, schlagen sie in der Kunstkennerszene ein wie eine Bombe. Allerdings gibt Kitty sich als Urheberin aus…

Als Komplementärstück zu dem kurz zuvor entstandenen „The Woman In The Window“ inszenierte Fritz Lang dieses Remake des französischen Dramas „La Chienne“ von Jean Renoir. Teile von Stab und Besetzung, darunter seine drei Stars Edward G. Robinson, Joan Bennett und Dan Duryea nahm Lang der Einfachheit halber gleich mit von der RKO zur Universal und besetzte sie alle in nahezu analogen Rollen: Robinson ist abermals als eigentlich liebenswerter, moralisch strauchelnder Herr in mittleren Jahren zu sehen, dem die von ihm begehrte Joan Bennett das Leben verkompliziert. Duryea schließlich kommt wiederum als öliger Hundsfott daher, dessen Aktionismen das unweigerliche große Verderben heraufbeschwören. Auch „Scarlett Street“ lässt sich relativ umweglos dem klassischen film noir zurechnen, wenngleich Polizisten, Gangster oder Detektive völlig absent sind. Die Geschichte repräsentiert sehr viel mehr das klassische Literaturmotiv des lächerlichen, alten Mannes, der über Lust und Verliebtheit, Gefühle, die ihm jahrzehntelang, wenn nicht gar zeitlebens fremd waren, jedwede Vernunft sausen und sich infolge dessen benutzen und instrumentalisieren lässt. Als er dann erkennt, wie ihm mitgespielt wurde, wird er zum affektbedingten Gewaltverbrecher und zerbricht schließlich an seiner Schuld. Eigentlich eine tieftraurige Moralreflexion, denn Helden kennt „Scarlet Street“ nicht. Man könnte beinahe behaupten, dass Cross in einer von grundauf lebensfeindlichen Umwelt, repräsentiert durch die ewig zwielichtige Großstadt und ihre Auswüchse, zu leben hat. Seine Gattin, eine schreckliche, alte Chimäre, ist die Boshaftigkeit in Person. Immerhin hat Cross später im Film die Chance, sie wieder mit ihrem vormaligen, totgeglaubten, in Wahrheit jedoch untergetauchten, ersten Mann (Charles Kemper) zusammenzuführen – der einzige Moment des Films, der für den Protagonisten einen wirklichen Triumph bereithält. Doch selbst Adele kann dem verruchten Pärchen Kitty/Johnny in punkto Verworfenheit nicht das Wasser reichen. Dass Johnny Kittys Zuhälter ist, formuliert der Film zumindest implizit. Wenn sie ihm dumm kommt, setzt es prompt ein paar Ohrfeigen, was sie dennoch nicht veranlasst, ihn deswegen geringer zu schätzen; eher im Gegenteil. Dass ausgerechnet dieses seltsam sadomasochistisch veranlagte Konglomerat den armen Christopher in die Finger bekommt, schmerzt den Betrachter gleich doppelt. Und obwohl dessen doppelte Rache zum Ende hin zumindest kurzzeitige Befriedigung verschafft, hätte man ihm den Verstand und die Geduld gewünscht, auf legale Weise zu seinem Recht zu kommen, was ja beinahe problemlos möglich gewesen wäre. So kann und darf der Film, gebunden an seine moralischen Statuten, Cross keinen seligen Abschluss verschaffen, vielmehr muss er im ganz privaten Höllenfeuer schmoren.

9/10

THE DEVIL’S ADVOCATE

„I’m a humanist. Maybe the last humanist.“

The Devil’s Advocate (Im Auftrag des Teufels) ~ USA/D 1997
Directed By: Taylor Hackford

Mit der Moral hält der in Florida tätige Anwalt Kevin Lomax (Keanu Reeves) es nicht allzu genau, was dazu führt, dass er auch schonmal einen eindeutig schuldigen Schweinehund wie den des sexuellen Missbrauchs angeklagten Lehrer Gettys (Chris Bauer) erfolgreich raushaut. Besonders verlockend erscheint Lomax da das Angebot einer großen New Yorker Kanzlei, das ihn zunächst als Berater für die Geschworenenauswahl engagiert. John Milton (Al Pacino), der Kopf des Justiz-Konsortiums, ist von Lomax begeistert und offeriert ihm eine Festeinstellung nebst schickem Appartment und anderen exklusiven Zuwendungen. Lomax‘ zunächst noch von all dem Luxus begeisterte Gattin Mary Ann (Charlize Theron) entwickelt bald eine Depression und hat unangenehme Visionen von dämonischen Kreaturen, derweil Lomax sich in die Verteidigung des wegen Doppelmordes angeklagten Immobilien-Milliardärs Cullen (Craig T. Nelson) stürzt. Mary Ann landet schließlich in der Psychiatrie, nachdem sie sich von Milton vergewaltigt wähnt, und nimmt sich dort das Leben. Als Lomax herausfindet, dass Milton nicht nur sein leiblicher Vater ist, sondern zudem noch Satan persönlich, sieht er nurmehr einen Ausweg, dessen weitere Pläne zu durchkreuzen.

Auch „The Devil’s Advocate“ ist eine jener schicken Studioproduktionen, die kurz vom Jahrtausendwechsel mit apokalyptischem Teufels- und Höllenpalaver hausieren gingen, wo sonst als am Schauplatz New York, der im Fallen begriffenen Hure Babylon. Den Leibhaftigen zu spielen gilt nebenbei seit jeher als besondere Krönung einer veritablen Schauspieler-Karriere; Emil Jannings, Gustaf Gründgens, Walter Huston, Donald Pleasance, Ralph Richardson, Bill Cosby, Jack Nicholson, Robert De Niro, Max von Sydow, Viggo Mortensen und so fort – eine überaus illustre Tradition, von der es ohnehin nur eine Frage war, bis sie auch Pacino einmal angetragen werden würde. Hackfords Werk offerierte ihm schließlich die überfällige Chance und Pacino erweist sich erwartungsgemäß als das mit gewaltigem Abstand leuchtendste Fanal dieses ansonsten doch sehr geistesschlichten und wohl eher unbewusst campigen Films, der mit ein paar leidlich aufregenden Morphing-Effekten Dämonenfratzen aus hübschen Damengesichtern macht und dessen mentaler Überbau sich so erzbieder und bibelfest gibt, dass es in den Weichteilen schmerzt. Man verzeihe mir, aber für mich ist Pacino als John Milton (nebenbei ein überaus mäßig einfallsreiches Alias) als kleingewachsener Antichrist weniger aparter Verführer oder mephistophelischer Lenker des ultimativ Bösen, denn ein durchaus nettes und charmantes Arschloch, dessen eingeborener Sohn und materieller Nutznießer ich durchaus gern wäre, aber mich erhört ja sowieso niemand. Keanu Reeves weiß mit derlei auf dem Silbertablett angebotenen Privilegien natürlich nichts anzufangen, der arme Tropf. Spielt stattdessen noch den Märtyrer und tut als wäre er der Rächer aller Enterbten.
Doch Script und Film sind übergebührlich gut zu ihm und uns – am Ende, kurz, bevor rechtzeitig zum feurigen Abstand die Stones (wer sonst?) eingespielt werden, erweist sich alles bloß als eine immens realistische Vision im Zuge eines Toilettengangs vom Anfang des Films, als Lomax gerade den wohl widerwärtigsten Kinderschänder verteidigt, den das Kino der neunziger Jahre aufzutischen im Stande war. Es kommt, wie es schon von Anfang an hätte kommen müssen (um uns diesen Film zu ersparen), Lomax überlegt es sich anders und legt das Mandat im Zeichen des guten Geschmacks nieder, was ihm eine erkenntnisreiche Zukunft wie die zuvor ausführlich ausgebreitete ersparen wird. Oder auch nicht, denn der Todsünden gibt es noch sechs weitere neben der Gier.
Doch im Ernst: „The Devil’s Advocate“ ist wegen seiner ehrlichen formalen Handwerksqualität sowie wegen Pacinos diebisch überzogenen Spiels grundsätzlich anschaubar. Nur ernstnehmen sollte man diesen ausgemachten Unfug in keiner Weise.

5/10

A QUIET PLACE

„It’s a boy.“

A Quiet Place ~ USA 2018
Directed By: John Krasinski

In naher Zukunft wird die Erde zum Opfer einer Invasion von Aliens. Die ausschließlich auf ihren Gehörsinn angewiesenen, wegen ihrer Reflexe scheinbar kaum zu tötenden Kreaturen bewegen sich blitzschnell und schlagen beim kleinsten vernehmbaren Laut zu. Für die auf einer Farm im ländlichen Teil New Yorks lebende Familie Abbott, Vater Lee (John Krasinski), die schwangere Mutter Evelyn (Emily Blunt), Söhnchen Marcus (Noah Jupe) und die ältere, fast gehörlose Tochter Regan (Millicent Simmons) wird in dieser bereits fast menschenleere Welt jede Sekunde zu einem Spießrutenlauf. Ihren Jüngsten Beau (Cade Woodward) haben die Abbotts aufgrund von Unvorsichtigkeit bereits verloren. Die bald bevorstehende Geburt des Babys veranlasst die Familie zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen, so wird eigens ein schalldichter Keller unter dem Hauptgebäude ausgebaut. Eines Tages kommt es dann doch zur befürchteten Konfrontation mit den Monstern, als Lee und Marcus die Gegend erkunden und die kurz vor der Niederkunft stehende Evelyn daheim auf einen Nagel tritt…

Wie ich erst seit „A Quiet Place“, also recht aktuell, weiß, ist John Krasinski nicht nur der Ehemann von Emily Blunt, sondern auch ein im Filmfach ziemlich umtriebiger Herr, der selbst häufig als Schauspieler arbeitet, produziert, schreibt und hiermit bereits seinen dritte Inszenierungsarbeit vorgelegt hat. Zumindest im (phantastischen) Genrefach ist Krasinski allerdings noch ein unbeschriebenes Blatt, beweist mit „A Quiet Place“ jedoch, dass er die erforderliche Klaviatur ordnungsgemäß studiert hat und beherrscht.
Zwar hatte ich (bei der eben allseits abgeackerten Motivlage um Alieninvasions-, Endzeit- und Belagerungsfilme kein Wunder) auch bei diesem Werk nie das Gefühl, etwas wirklich Neues oder gründlich Innovatives zu sehen; von dieser Erwartungshaltung, so sie denn überhaupt noch vorkommt, sollte man sich jedoch ohnehin verabschieden.
Dann bleibt ein rund um das einfallsreiche Gimmick der erzwungenen Geräuschlosigkeit entsponnenes Familiendrama, in dem es an deren vier Mitgliedern ist, das Beste aus der höchst konzentrationsabhängigen Zeit herauszuholen, in der sie leben muss. Das unabdingbare Trauma kredenzt Krasinski uns gleich als Exposition; mit dem kleinen Beau, der, unbedarft wie er ist, eine batteriebetriebene Spielzeugrakete aufheulen lässt, führt der Film auch gleich die tödliche Bedrohung ein – Beau wird auf affektiv und emotional höchst nachhallende Weise Opfer der Aliens; die Abbotts sind fortan zur stillen Trauer verdammt. Ein Zeitsprung von ein paar Monaten führt den Zuschauer zur nächsten lauernden Tragödie – ein Baby kommt. Neues Leben bedeutet in einer zur Lautlosigkeit verdammten Welt allerdings zugleich den Tod. Die insofern eingeschränkt enthusiastischen Eltern sind sich dessen sehr wohl bewusst und tun verzweifelt alles, um dem Unabwendbaren gerüstet zu begegegnen. Erwartungsgemäß spielen die bloßen Schwächen verletzlicher Menschlichkeit und die daraus resultierende Beziehungsdynamik ihnen gegen das Blatt und es gilt, einen letzten Kampf zu schlagen, der, auch das eine bewusste Konstellation, auf den traditionsträchtigen Showdown Mutter vs. Monster hinausläuft. Dass ausgerechnet die pubertierende, hörbehinderte Tochter ein probates Mittel zur Schwächung der übermächtigen Monster findet, lässt sich als hübsch zeitgemäße Volte an. Die Tatsache schließlich, dass dazwischen einige wirklich saumäßig fesselnde, bravourös arrangierte Spannungsmomente liegen, von deren Akzentuierungsgrad andere Regisseure träumen können, rundet diesen ziemlich sehenswerten Film nach oben ab.

7/10

THE NAKED CITY

„Another day, another ball of fire rising in the summer sky.“

The Naked City (Stadt ohne Maske) ~ USA 1948
Directed By: Jules Dassin

Mitten im hochsommerlichen Manhatten wird eine junge Frau namens Jean Dexter des Nachts brutal ermordet. Der mit den Ermittlungen betraute Lieutenant Muldoon (Barry Fitzgerald), ein alter Hase in der Mordkommission, benötigt neben einem treuen Mitarbeiterteam und seiner feinen Nase nur wenige Tage, um die nicht unkomplizierten Zusammenhänge aufzuschlüsseln, die zum gewaltsamen Tode des Opfers geführt haben.

Mit keinesfalls unverhohlenem Stolz verkündet Mark Hellinger, der kurz nach seiner Betrachtung der endgültigen Schnittfassung verstorbene Produzent von „The Naked City“, gleich zu Beginn aus dem Off, dass der Film keineswegs wie üblich im Studio-Atelier, sondern vor Ort in New York City entstanden sei und die Stadt und ihre Menschen völlig ungeschminkt zeige. Hellinger (in der deutsch vertonten Fassung Paul Klinger) ließ es sich nicht nehmen, auch den weiteren Verlauf der Geschehnisse mit flotten Kommentaren zu flankieren und schlägt dabei als auktorialer Naseweis leider hier und da über die Stränge. Es hätte gut und gern bei Pro- und Epilog bleiben dürfen, obschon diese relativ umweglos zu vernachlässigende Schwäche Dassins ansonsten makellosen Film gewiss keinen Strick dreht. Und es stimmt tatsächlich: Die vor Ort arrangierten Dreharbeiten geben Zeugnis einer filmischen Pionierleistung. Als durchaus sozialkritisch intendiertes Kunstartefakt politisch vornehmlich links positionierter Filmemacher ist „The Naked City“ mit seinen vielen cameos indes nurmehr ansatzweise identifizierbar. Nur wenige Szenen zeugen noch von einer Porträtierung des ökonomischen Gefälle innerhalb der schwitzenden Urbanität, die ursprünglich ein fester Bestandteil der Narration hätten sein sollen – Autor Albert Maltz, Mitglied der Kommunistischen Partei, hatte vor dem HUAC die Aussage verweigert und konnte zum Zeitpunkt der Filmpremiere bereits nicht mehr arbeiten, Dassin, der kurz darauf von Kazan und Dmytryk denunziert wurde, musste sich alsbald ins europäische Exil flüchten. Als direkte Folge jener „Umtriebe“ (um in der Terminologie McCarthys zu bleiben) wurden sämtliche Stellen, die „The Naked City“ als Produkt linken Filmemachens hätten ausweisen mögen, entfernt. Immerhin langte es dann für eine elf Jahre später lancierte TV-Serie mit John McIntire in Barry Fitzgeralds Rolle, die sogar vier Staffeln durchhielt.
So oder so bleiben ein eminentes Zeitzeignis sowie ein durchweg sehenswerter Film, dessen Visualität Einflüsse des berühmten Stadtphotographen Weegee ebenso in sich vereint wie die Ästhetik des Neorealismus. Für einen film noir ist „The Naked City“ folglich geradezu ungewöhnlich hell und offen, was seinen stolzen Sonderstatus innerhalb der Gattung präserviert.

8/10

I WALK ALONE

„Every man has a girl who sings someplace in his life.“

I Walk Alone (14 Jahre Sing-Sing) ~ USA 1947
Directed By: Byron Haskin

Nachdem er eine Gefängnisstrafe von vierzehn Jahren für Alkoholschmuggel während der Prohibition verbüßt hat, kehrt Frankie Madison (Burt Lancaster) nach Manhattan zurück, um den seinerzeit mit seinem besten Freund und Kompagnon Dink Turner (Kirk Douglas) vereinbarten Anteil an dessen seither eingefahrenen Gewinnen zu fordern. Doch Dink, der mittlerweile einen neuen, immens erfolgreichen Nachtclub besitzt, weigert sich, Frankie mehr als ein allerhöchstens repräsentatives Pflichtteil auszubezahlen und tut alles dafür, den zunehmend ungehaltenen Ex-Sträfling loszuwerden. Als sich jedoch Dinks Geliebte Kay (Lizabeth Scott) auf Frankies Seite schlägt, wendet sich das von Dink sorgsam gezinkte Blatt allmählich…

Byron Haskins Bilderbuch-Noir lieferte die erste Gemeinschaftsarbeit von Burt Lancaster und Kirk Douglas, die im Laufe der kommenden vierzig Jahre noch in sechs weiteren Filmen gemeinsam auftreten sollten. 1947 standen beide mit Anfang bzw. Mitte 30 noch ganz am Beginn ihrer Karrieren und hatten jeweils bereits zwei mehr als respektable Auftritte in anderen films noirs vorgelegt, die sie für ein gemeinsames Engagement unbedingt empfahlen. Dabei wurde bereits geringfügig in beiden Fällen die für die damalige Studiopolitik obligatorische Typographie betrieben: Lancaster wurde mit Wuschelkopf, athletischem Raubritterkreuz und Pferdegebiss zum leicht einfältigen, aber irgendwo weit drinnen herzensguten Gerechtigkeitsliebhaber stilisiert, dem man lieber nicht übel mitspielen sollte, wenn einem die Gesundheit lieb war und Douglas, erlesen befrackt, hämisch grinsend und mit perfekt liegender Frisur zum öligen, aalglatten Lump, dessen schicke Bösewichte jedoch zugleich stets etwas tiefennunancierter auftraten als von anderen gewohnt. Perfekte Antipoden also gewissermaßen, von denen in dieser Adaption eines Stücks von Theodore Reeves die bloße Behauptung langen muss, dass sie dereinst beste Freunde waren. Lediglich einen Schlüsselrüblick gestattet uns Haskin, indem er nämlich zeigt, wie Frankie einst der Justiz ins Netz ging. Möglich, dass Dink ihn damals bereits gelinkt hatte, denn die Umstände um Frankies Verhaftung wirken doch etwas sehr zufällig und arrangiert. Diese letzte Wahrheit jedoch hält „I Walk Alone“ uns vor; wir werden stattdessen Zeuge der vollendeten Entwicklung jener beiden so ungleichen Männer, von denen der Eine ein eifrig scheffelnder Erfolgsmensch geworden ist und der andere ein zurecht frustrierter, beinahe ausgebrannter Zyniker. Dass letzterer am Ende nicht nur das moralische Recht, sondern angesichts Dinks panischem, sogar tödlichen Aktionismus auch jedes andere auf seiner Seite hat, ist Bestandteil der schlussendlich dringend notwendigen Luftreinigung. Fast ein wenig schade. Eine „What if…“-Variante, in der Dink Turner triumphiert, hätte dann eigentlich doch eine wesentlich realistischere conclusio geboten.

8/10

LIFE

„40 years… that’s a long time for any crime, even murder.“

Life (Lebenslänglich) ~ USA 1999
Directed By: Ted Demme

1932: Die beiden New Yorker Kleinganoven Ray Gibson (Eddie Murphy) und Claude Banks (Martin Lawrence) begeben sich mehr oder weniger freiwillig für eine Whiskey-Schmuggelaktion nach Mississippi, wo sie infolge einer Verkettung unglücklicher Umstände unschuldig wegen Mordes im Gefängnis landen. Dort verleben sie die nächsten Jahrzehnte in Streit und Freundschaft wie in einer Zeitkapsel, freilich nicht ohne dabei gemeinsam alt zu werden.

Knastfilme können alles Mögliche sein: Spannend, brutal, fesselnd, bewegend, erschütternd, traurig, melancholisch. Ted Demmes „Life“ setzt auf die in diesem Zusammenhang eher ungewöhnliche Apostrophierung der Tragikomödie, indem er sich um Murphy und Lawrence wie um ein zunehmend aneinander geschweißtes, altes Freundesehepaar anordnet. Sonderlich innovativ ist das nicht – Darabonts beliebte King-Verfilmung „The Shawshank Redemption“ ist, bereits die Kurzsynopse lässt darauf schließen, gewissermaßen allgegenwärtiger Inspirationspool. Beide Filme ähneln sich in vielerlei Hinsicht und weisen etliche Analogien auf, wobei Demme eben bei aller seiner Story inhärenten Dramatik deutlich mehr auf das Komödiantische setzt und, soviel lässt sich klar umreißen, in ballen Belangen deutlich hinter dem Vorbild zurückbleibt.
Ray und Claude bei ihren ewigen Streitereien zu beobachten und wie sie über die Zeit hinweg tatsächlich eine stets grantelnde, aber doch innige Freundschaftsliebe zueinander entwickeln, findet sich im Gegenzug von einem sanften, selten lauten Humor flankiert, auch, wenn immer wieder einzelne bewegende oer gar harte Momente durchscheinen. Die Botschaft mag lauten, dass jede noch so widrige Situation im Leben sich durchstehen lässt, wenn man nur auf die unbeugsame Treue eines wie auch immer gearteten Partners zählen kann. Lawrence und vor allem Murphy, der ja diesbezüglich bereits hinreichend Erfahrung hatte, werden dabei, unterstützt durch die sagenhaften Makeup-Künste Rick Bakers, zu zwei am Ende knapp hundertjährigen Lebenskünstlern, die nie aufhören, sich anzubellen, obwohl sie stets zusammen sind. Ein happy end gönnt Demme seinen Helden und uns trotz anfänglich anderslautender Disposition dann natürlich doch noch.

6/10