T2 TRAINSPOTTING

„World changes. Even if we don’t.“

T2 Trainspotting ~ UK 2017
Directed By: Danny Boyle

Über zwanzig Jahre, nachdem er einst seine Freunde über den Tisch gezogen hatte, kommt Mark Renton (Ewan McGregor) zurück nach Edinburgh. Zwischenzeitlich hat er in Amsterdam gelebt, eine Ehe in den Sand gesetzt und kürzlich einen Herzinfarkt überlebt. Immerhin den Drogen hat er seit Langem entsagt. Nun sind erwartungsgemäß weder Spud (Ewen Bremner), noch „Sick Boy“ Simon (Johnny Lee Miller) und schon gar nicht der just aus dem Knast geflohene Begbie (Robert Carlyle) gut auf Renton zu sprechen, ganz im Gegenteil. Zumindest Spud, noch immer Junkie und mittlerweile Vater, kann Renton vor dem Suizid retten. Simon hält es mittlerweile mit dem Kokain und sich selbst mit allerlei krummen, aber wenig erfolgreichen Geschäften über Wasser. Seine wesentlich jüngere Freundin Veronika (Anjela Neldyakova) indes gefällt auch Renton ganz gut. Begbie muss zu seinem Leidwesen erkennen, dass sein erwachsener Sohn (Scot Greenan) leider so gar nichts von der kriminellen Energie seines alten Herrn geerbt hat und hat schwer daran zu knabbern. Als dieser mitbekommt, dass Renton zurück in Leith ist, sinnt er auf tödliche Rache für die einstige Schmach.

Ein Film der gepflegten Resignation. So wie sich seit dem abrissbirnenartig-rasanten Original von 1995 die Außenwelt gewandelt hat, ist mit seinen Erfindern auch der Figurenkosmos von Irvine Welsh und Danny Boyle gealtert. Der relativ beliebige Effekt ist eine im Vergleich zur literarischen Fortschreibung leicht verjährte Fortsetzung, die eben so aussieht, wie sie jetzt aussieht, ebenso gut aber auch völlig anders hätte arten können – was man ihr, und darin liegt ein gewisser Knackpunkt, permanent anmerkt. Die einstige Wildheit, der Lebens- und Todeshunger, der ständige Tanz auf der Rasiermesserklinge mitsamt allerlei mehr oder weniger appetitlichen Fügungen, den schlimmen Verlusten und dem stampfenden Sound ist, analog zum fortgeschrittenen Alter der Protagonisten einer sehr viel gemächlicheren Gangart gewichen. So wie Renton nach seinem Herzinfarkt kürzer tritt, entschleunigt sich auch die „Trainspotting“-Realität, mit dem etwas leidigen Effekt der offensiv praktizierten Demystifizierung der „neuen Helden“. Der Nebenplot um einen von Simon geplanten Saunaclub, sprich, ein Bordell, der ihn und Renton mit der hiesigen Mafia konfrontiert, begleitet von einem allseitigen Dahinplätschern, wirkt da wie ein recht erzwungenes Füllsel. Die einstige, in ihrer Destruktivität immerhin konsequent gelebte Subkultur ist großen Fragezeichen des Wohins gewichen, einer etwas ziellosen Reise durch den biographischen Spätsommer gewissermaßen. Diese versöhnt eigentlich nur insofern, als dass man jetzt eben weiß wo es seit damals hingegangen ist mit Renton, Spud, Sick Boy und Begbie, deren Schicksale jetzt, auch das ein Nebeneffekt des Älterwerdens, nurmehr lose miteinander verbunden sind und dementsprechend sehr viel episodischer berichtet werden. Immerhin die Geschichte um Begbie, der als einziger der damaligen Clique seinen delinquenten, gewalttätigen Weg unbeirrt weiter gegangen ist, birgt noch emotionale Ankerhaken. Wie er sich völlig unfähig zeigt, zu akzeptieren, dass nicht nur er (zumindest körperlich), sondern auch die Zeiten sich geändert haben und dass sich selbst mit seinen hilflos-brachialen Lösungsversuchen diese Tatsachen nicht umstoßen lassen, das hat etwas zutiefst Rührendes, ebenso wie die als recht schöner Kreisschluss angelegte conclusio.

7/10

SUBURRA

Zitat entfällt.

Suburra ~ I/F 2015
Directed By: Stefano Sollima

Der multimillionenschwere Plan des alternden Mafiachefs Samurai (Claudio Amendola), die unterschiedlichen römischen Clans in ruhiger Gelassenheit zu vereinen und mit deren allseitiger Unterstützung, respektive der korrupter Lokalpolitiker ein gigantisches Spielerparadies bei Ostia zu errichten, erlebt sein großes Scheitern. Allzu viele Ungelegenheiten und hitzköpfige Nachwuchsgangster sorgen stattdessen für ein großes Blutbad, an dessen Ende nichts mehr wartet denn die Hölle selbst.

Vin „Sieben Tage(n) bis zur Apokalypse“ kündet „Suburra“ vom Sohnemann des dritten großen Sergio des italienischen Kinos, Sollima nämlich. Sieben Tage, die der ausufernden Geschichte zudem einen formschönen Rahmen verabreichen, in dem er sich fast zweieinhalb Stunden bequemer Erzählzeit nimmt für die sorgfältige Charakterisierung diverser inhaltlich Beteiligter, was wiederum ein umfassendes Ensemble-Fresko ermöglicht. In jenem finden von dem versauten, drogenkonsumierenden Parlamentarier (Filippo Malgradi), über die angsterfüllte Hure (Giulia Gorietti), den erschütterten Kardinal (Jean-Hugues Anglade), den unschuldig hineingezogenen Schuldnersohn (Elio Germano) und den asozialen, cholerischen Patriarchen einer Zigeunerfamilie (Adamo Dionisi) bis hin zu dem von Drogen und neuem Gangsterchic korrumpierten Mafioso-Erben (Alessandro Borghi) eine Vielzahl von Protagonisten Raum, deren Schicksale durch ein komplex entworfenes Beziehungsgeflecht allesamt miteinander verwoben sind. Allianzen und Konfrontationen, vor allem jedoch das sich bis zum großen, finalen Rundumschlag zuspitzende Spannungsfeld der unterschiedlichen aufeinander prallenden Motivlagen ergibt ein drahtiges Gangsterepos, das seinen klassischen Vorbildern mühelos das Wasser reichen kann. Ganz schön auch, dass Sollima sich mit der dramaturgisch eigentlich naheliegenden, rein moralisch betrachtet jedoch ungerechten Vergabe von Sympathieboni für die eine oder andere Figur zurückhält – irgendwann stellt jede/r der Involvierten im Kampf ums persönliche Überleben oder aus schierer Angst heraus höchst unangenehme Eigenschaften vor. Es wird allerseits gelogen, bestochen, verraten, erpresst, hintergangen, gekidnappt, gefoltert, gemordet, was das Zeug hält. Keine Spur mehr von den altehrwürdigen Ehrenkodexen von Camorra und Cosa Nostra. Heuer regieren nur mehr die Stärke des Kokains und der zuckende Finger am Abzug. Dass Stefano Sollima justament damit beschäftigt ist, „Soldado“, die Fortsetzung zu „Sicario“, fertigzustellen, erscheint angesichts der Qualitäten von „Suburra“ als ebenso folgerichtige wie hocherfreuliche Fügung.

8/10

BREAKING BAD

„Let’s cook.“

Breaking Bad ~ USA 2008-2013
Directed By: Michelle MacLaren/Adam Bernstein/Vince Gilligan/Colin Bucksey/Michael Slovis/Bryan Cranston/Terry McDonough/Johan Renck/Rian Johnson/Scott Winant/Peter Gould/Tricia Brock/Bronwen Hughes/Tim Hunter/Jim McKay/Phil Abraham/John Dahl/Félix Enríquez Alcalá/Charles Haid/Peter Medak/John Shiban/David Slade/George Mastras/Thomas Schnauz/Sam Catlin

Walter White (Bryan Cranston) ist Ende vierzig, Lehrer an einer örtlichen High School in Albuquerque, New Mexico, ein Chemie-Ass, Vater eines Sohnes (RJ Mitte) im Teenager-Alter, der unter einer zerebralen Störung leidet, verheiratet mit seiner erneut schwangeren Frau Skyler (Anna Gunn), deren jüngere Schwester Marie (Betsy Brandt) mit dem geradlinigen DEA-Beamten Hank Schrader (Dean Norris) verheiratet ist. Um etwas nebenher zu verdienen, jobbt er nachmittags zudem als Aushilfe in einer Autowaschanlage. Walters Leben verläuft in überaus biederen, unspektakulären Bahnen, bis er eines Tages die Diagnose „Lungenkrebs“ erhält. Da Walter weder die nötige Therapie löhnen kann, noch weiß, wie er seine Familie nach seinem möglichen Ableben versorgt zurücklassen soll, wächst in ihm ein wahnwitziger Plan heran: Während er Schwager Hank auf dessen Einladung hin bei einer Drogenrazzia begleitet, wird er auf seinen Ex-Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul) aufmerksam, der den Cops gerade eben entkommen kann. Walter beschließt, sein chemisches know-how mit Pinkmans krimineller Energie zu kreuzen, Methamphetamin zu kochen und – zunächst im kleinen Stil – zu verkaufen. Der Beginn einer irrsinnigen, sich immer weiter zuspitzenden Odyssee durch Wirrnisse aus Lügen, Versteckspielereien, Gier, Fanatismus, Verrat und Gewalt.

Aufstieg und Fall des Walter White: das Phänomen „Serie“, das sich ja seit den „Sopranos“, also im Prinzip seit rund zwanzig Jahren ganz neuen Beliebtheitsgraden und Qualitätssteigerungen erfreut, habe ich aus höchst persönlichen Gründen nur sehr zögerlich bis zu mir vordringen lassen. Freunde und Bekannte, die mir seit Jahr und Tag von allem Möglichen aus jenem Sektor vorschwärmen, wissen ein Lied davon zu singen. Die erste und eigentlich gleich vordringlichste Crux liegt darin, keine Bereitschaft für ellenlange Pausen zwischen den einzelnen seasons aufzubringen. Wichtige Details geraten so möglicherweise in Vergessenheit, neuerlicher Zugang muss gefunden werden. Zumindest dieses Problem lässt sich lösen durch stoisches Abwarten. Ist die ganze Reihe erst durch und auf einem Heimmedium verfügbar, steht dem kontinuierlichen Genuss nichts mehr im Wege. Bis auf ein paar winzige Unwägbarkeiten, versteht sich. Nehmen wir „Breaking Bad“. 5 Staffeln, 62 Episoden, jede davon mit einer Durschnittslänge von rund 48 Minuten versehen. Das sind summarum knapp 3000 Minuten, sprich 50 Stunden an Erzählzeit. Kein Pappenstiel und in Anbetracht des unbedingten Bedürfnisses, am Ball und in der Geschichte zu bleiben, ein zudem immens bindender Zeitraum. Das Sehen wird zur Verpflichtung, die Kontinuität zur Zwanghaftigkeit das Dranbleiben zur Aufgabe. Höchst persönliche Gründe, wie erwähnt. Ich habe für „Breaking Bad“, weil ich den Löwenanteil infolge einer netten, kleinen Influenza in eine zur Häuslichkeit und Bettruhe verdammten Woche legen konnte, etwa 18 Tage gebraucht. 18 ziemlich obsessive Tage ohne jede andere audiovisuelle Ablenkung, Mußezeit oder Aufmerksamkeitsverlagerung. 18 Tage Walter White und Jesse Pinkman mit knapp drei Stunden pro Tag. Eine solche Ochsentour kann und will ich mir gar nicht öfter als einmal pro Jahr gestatten, man möge also nicht erwarten, auf diesen Seiten künftig ein deutliches Mehr an Serienhermeneutik anzutreffen. Zudem gestaltet die klare Trennung der beiden Medien „Film“ und „Serie“ für mich jetzt noch wesentlich fassbarer als bislang. Die konzentrierte Betrachtung „Breaking Bad“ war also vor allem fordernd, zuweilen sogar zehrend, wenngleich immerhin so lohnenswert, dass sich am Ende und mit gebotenem Abstand recht sicher von Bereicherung sprechen lässt.
Über die von Vince Gilligan konzipierte, sich ja einer unglaublichen globalen Beliebtheit erfreuenden Reihe ist mittlerweile  sowiel an Analytischem und Deutungshoheitlichem verfasst worden, dass sich nahezu alles weitere Diesbezügliche als obsoletherausstellen muss. Dennoch sei mir zumindest gestattet, nachhaltigste Eindrücke festzuhalten. Am Großartigsten gefiel mir die bei allen Querverweisen und Genreliebäugeleien unbeirrbar durchgehaltene Darstellung des westlichen Mittelständlers in der Existenzkrise. Walter White, der im Laufe der Geschichte nicht nur immer wieder auf sein selbstgewähltes Szene-Pseudonym des Quantenphysikers Heisenberg, sondern auch auf seine wunderbar beliebig gewählten Initialen (nicht ganz zufällig dieselben wie die des Dichters Walt Whitman) „reduziert“ wird, entpuppt sich gleich zu Beginn als symbolischer  WASP-Anonymous in Nöten. Aus einem ehemals vielversprechenden Forscherkopf ist wegen privater Übervorteilung einstmals ein biederer Schullehrer geworden, der sein Fachgebiet nach wie vor abgöttisch liebt, sich parallel dazu jedoch tagtäglich mit dem diesbezüglichen Desinteresse seiner Schülerschaft konfrontiert sieht. Seine schwangere Frau ist zu Beginn noch eine eher rechthaberische Person, die zu Haus den explizit liberalen Ton angibt, sein in der Pubertät befindlicher Sohn leidet zugleich an seiner ihn von den meisten peer groups zwangsexkludierenden Behinderung. Die Krebsdiagnose schließlich bringt das Fass zum Überlaufen: der Beginn einer Entwicklung hin zur Verzweiflung und zum Ausbruch, der nach rund zwei Jahren erzählter Zeit zu einer verheerenden conclusio führt. Anders als die meisten legendären Mafia-, Gangster- und Drogenbosse der Pop-Historie erfährt Walter White trotz diverser strategischer Erfolge und Coups nicht einen einzigen Moment des wirklich kostbaren, privaten Triumphs. Das Damoklesschwert der Entdeckung, personifiziert durch seinen immer weiter von ihm fortrückenden Schwager, senkt sich beinahe unmerklich. Walters steter Kampf gegen konkurrierende Kriminelle wird zunehmend von Leichen gesäumt; bald gibt es die ersten Kollateralschäden durch unschuldige Opfer, an deren Tod White durchweg die, wenngleich hier und da mittelbare, Schuld trägt. Seine „Karriere“ gestaltet sich zwar immer wieder als von Pyrrhus-Siegen gekrönt, fordern zugleich jedoch stets und immer wieder den Preis eines wesentlichen Stücks persönlicher Integrität.
Daher erscheint mir „Breaking Bad“ trotz etlicher, dramaturgisch einfallsreich komischer bis grotesker Momente vor allem als intime Tragödie. So schwärzt sich die Grundierung der Story sukzessive, bis der Rezipient mit den letzten Folgen keine Möglichkeit mehr erhält, den immer tiefer fallenden Walter White auch nurmehr als Antihelden wahrzunehmen. Als ihm schließlich auch noch sein letzter menschlicher Halt, nämlich Filius Walter jr., am Telefon entgegenbellt, was er heuer von seinem Dad hält, bleibt kein Zweifel mehr bestehen: Der Mann hat, bei allem Verständnis hinsichtlich seiner vormals schweren multiplen Krise, gründlich verschissen. Was aus dem vormals eher ironisch als deppenhaften Pothead gezeichneten Jesse Pinkman, dessen komplexe Beziehung zu Walter wohl am ehesten der eines funktionalisierten Ziehsohnes entspricht und der infolge seines verhängnisvollen Kontakts zu ebenjenem Mentor gleich mehrfach quer durch die siebente Hölle gescheucht wird, erfahren wir nicht. Vielleicht ist es zumindest ihm vergönnt, einen Neuanfang zu wagen. Weg von Albuquerque, weg von der Grenze, weg vom Meth und vor allem: weg von Walter White.

9/10

MILES AHEAD

„Convince me.“

Miles Ahead ~ USA 2015
Directed By: Don Cheadle

New York, 1979. Gesundheitlich stark angeschlagen, nahezu völlig ausgebrannt und noch immer unter der Trennung von seiner Ex-Frau Frances (Emayatzy Corinealdi) leidend vegetiert der legendäre Jazz-Trompeter Miles Davis (Don Cheadle) in seinem Haus in der Upper West Side dahin; nahezu völlig zurückgezogen von der Außenwelt, Tantiemen von seiner Hausplattenfirma Columbia und Vorschüsse auf neues Material kassierend, das sich aber nicht recht zuwege bringen lassen mag. Sein täglicher Kokain- und Alkoholbedarf erreicht beträchtliche Höhen, als der freie Journalist Dave Braden (Ewan McGregor) sich aufmacht, Davis‘ Elfenbeinturm zu knacken. Durch Bradens nicht uneigennützige, aber doch freundlich intendierte Einmischung in des Genies Privatleben gelangt ein von Davis sorgsam verwahrtes session tape mit neuen Aufnahmen in die Hände des schmierigen Agenten Hamilton (Michael Stuhlbarg), der damit die Karriere seines jungen, heroinsüchtigen Schützlings Junior (Lakeith Lee Stansfield) pushen möchte. Braden und Davis haben alle Hände voll zu tun, das Tape zurückzubekommen.

Don Cheadles ehrgeiziges Projekt über den bis dato wahrscheinlich größten Jazz-Trompeter überhaupt konnte nur durch jahrelange Vorbereitung und teilweise Crowdfunding-Finanzierung entstehen. Auch die Beteiligung McGregors als neben Cheadle einzigem wirklich prominenten Star floss etwas Patte in die Budgetkasse. Dabei ist „Miles Ahead“ kein Musiker-Biopic im klassischen Sinne oder nach etablierter Form. Für seinen Abriss über die Legende wählte Cheadle vielmehr eine völlig fiktive Geschichte nebst einer fiktiven zweiten Hauptfigur in Person des ebenso aufdringlichen wie ehrgeizigen, britischstämmigen und weißen Journalisten als idealisiertem Konterpart des zu diesem Zeitpunkt längst gottgewordenen Genies. Eine etwas alberne – vom Script allerdings genau als solche verstandene – Episode über ein als klassischer MacGuffin eingesetztes Band mit „geheimen“ Aufnahmen, das in unberechtigte Hände fällt und zurückerobert werden will, dient dabei als Aufhänger für ein betont subjektiv gefärbtes Porträt Davis‘, das sich ans Ende einer seiner schwierigsten, persönlichen Phasen stellt. Nach einer letzten Live-Performance im September 1975 verschwand er für annähernd sechs Jahre vollständig von der öffentlichen Bühne; seine permanenten Auftritte, der zunehmend extremer und anstrengender werdende Freistil seines Sounds und die körperlichen Folgen des Ganzen forderten ihren Tribut. Schwere Suff- und Drogenexzesse folgten, die bereits darvon hindeuteten, dass Davis in Kürze nur noch im Jazzhimmel würde aufspielen können. 1979 jedoch trat er er dank der reaktivierten Beziehung zu der Aktrice Cicely Tyson aus seiner Höhle zurück ans Tageslicht und schaffte immerhin noch weitere zwölf Jahre. Im Film ist der von Cheadle ziemlich leidenschaftlich interpretierte Davis ein formvollendeter Misanthrop und Polytoxikomane, der über all seinen Selbstekel hinaus immerhin den Zynismus noch nicht eingebüßt hat. McGregors Figur zerrt ihn zumindest in Teilen aus der selbstgewählten Lethargie, obschon der gesamte Nebenplot wie erwähnt etwas flachsig daherkommt. Das schadet „Miles Ahead“ aber, wenn überhaupt nur wenig. Man wird dafür mit geraum viel entlohnt, mit einem Gespür für die zugrunde liegende Zeit, mit traumhafter Musik, einem grandiosen Hauptdarsteller und zugleich Regisseur, von dem hoffentlich künftig noch ähnlich Schönes zu sehen sein wird.

8/10

JESSICA JONES: SEASON 1

„I really hate mental illnesses.“

Jessica Jones: Season 1 ~ USA 2015
Directed By: SJ Clarkson/Simon Cellan Jones/David Petrarca/Stephen Surijk/Uta Briesewitz/John Dahl/Billy Gierhart/Rosemary Rodriguez/Michael Rymer

Die seit einem Unfall in ihrer Jugend mit Superkräften ausgestattete Privatdetektivin Jessica Jones (Krysten Ritter) leidet unter einem schweren Schuldkomplex: Einst war sie eines der Opfer des verrückten, kriminellen Gedankenkontrolleurs Kilgrave (David Tennant), der Jessica neben vielen anderen Dingen auch dazu zwang, eine unschuldige Frau namens Reva Connors (Parisa Fitz-Henley) zu ermorden. Revas Mann Luke Cage (Mike Colter), ebenfalls ein Meta-Mensch, kam mit dem Tode seiner Frau, die er aufgrund eines Busunfalls verstorben glaubt, nie zurecht. Heimlich stellt Jessica Luke ohne dessen Wissen nach – als sie sich eines Tages kennenlernen, entbrennt eine heftige Liebesaffäre, ohne dass Luke weiß, mit wem er da tatsächlich ins Bett steigt. Doch auch der totgeglaubte Kilgrave ist längst wieder umtriebig. Wie sich herausstellt, hat er bezüglich Jessica eine krankhafte Obsession entwickelt, die diverse Todesopfer fordert. Bald werden auch enge Vertraute Jessicas zu wehrlosen Opfern Kilgraves…

Nach „Daredevil“ ist „Jessica Jones“ der zweite von Netflix produzierte MCU-Serien-Ableger und man darf erfreulicherweise vermelden, dass selbiger qualitativ zumindest en gros an die erste Staffel um den rotgewandeten, blinden Superkollegen heranreicht. Anknüpfungspunkte gibt es bislang nur wenige; „Night Nurse“ Claire Temple (Rosario Dawson) macht ihre Aufwartung ebenso wie die bärbeißige Staatsanwältin Reyes (Michelle Hurd). Ansonsten bleiben Jones und Cage trotz der relativ dichten Nachbarschaft zu Matt Murdock und dessen Einsatzgebiet (noch) ihrem eigenen Gehege verbunden, was schon ein wenig merkwürdig anmutet – wenigstens voneinander gehört haben könnte man ja. Nun gut. Die filmischen, respektive realbildlichen Entsprechungen der Comicfiguren sind erneut bestens geglückt und wiederum kommen viele klassische Marvel-Charaktere vor, die allerdings durchweg ihrer bunten, schillernden Outfits ebenso entbehren müssen wie ihrer Codenamen. Der von David Tennant vorzüglich interpretierte Zeb „Purple Man“ Kilgrave etwa muss im Serial seine typisch-violettene Pigmentierung gegen eher schnöde lila Sakkos eintauschen, zudem wird seine vergleichsweise unspektaluäre comic origin komplettrenoviert. „Hellcat“ Patricia Walker (Rachael Taylor), hier the heroine’s best friend, kommt erwartungsgemäß ohne hautengen gelben Dress oder gar extraordinäre Fähigkeiten und Frank (bzw. Will) „Nuke“ Simpson (Wil Traval) fehlt das coole US-Flaggen-Tattoo auf dem Gesicht. Aus funnies werden heuer eben Leute. Passt aber alles irgendwo.
Unter den üblichen Serienymptomen leidet jedenfalls auch „Jessica Jones“. Den Hauptplot hätte man ebensogut auch destillieren und raffinieren und einen wesentlich konzentrierteren Spielfilm aus ihm machen können. Vieles wird teils unnötig zerdehnt, unschwer erkennbar, um Erzählzeit zu schinden. Subplots wie jener um den Rosenkrieg der Anwältin Hogarth (Carrie-Anne Moss) und ihrer Noch-Frau (Robin Weigert) oder der um die Kilgrave-Opfer-Selbsthilfegruppe wirken häufig entschleunigend; die Umwege und Ausweichstraßen, die Jessica Jones nimmt, um an Kilgrave heranzukommen erweisen sich fast durchweg ebenfalls als reine cliffhanger um ihrer Selbst Willen. Darin sehe ich schlicht schreiberische Fehlleistungen, die es in „DD: Episode 2“ in solch eklatanter Form nicht gab und die möglicherweise von der einen oder anderen narrativen Redundanz ablenken sollen. Kurzum hätten es zehn bis elf Episoden anstatt der nun vorliegenden dreizehn auch – und vermutlich besser – getan. Insgesamt überwiegen glücklicherweise die immer noch zahlreichen positiveren Aspekte des Projekts. Die psychologischen Untiefen vor allem der Titelfigur werden recht sorgfältig ausgearbeitet und ihre chaotische Liebesbeziehung zu Luke Cage (die im Comic zu späterer Ehe, gemeinsamem Kind und einer Mitgliedschaft bei den „Avengers“ führt), sichert sich einige der schönsten Szenen. Das Interesse am Ball zu bleiben wird somit aufrecht erhalten und die Vorfreude auf die kulminativen „Defenders“ zumindest ein wenig weiter geschürt. Resümee: Ordentlich.

7/10

THE NEIGHBOR

„I won’t let you be left down here.“

The Neighbor ~ USA 2016
Directed By: Marcus Dunstan

Cutter, Mississippi ist ein widerliches, kleines Kaff, in dem Kriminelle jedweder Kuleur sich „Guten Tag“ sagen. Für den Golfkriegsveteranen John (Josh Stewart), der unter der scheinbar allmächtigen Knute seines Onkels Neil (Skipp Sudduth) steht und diesen bei seinen Aktionen als Drogenspediteur unterstützt, gibt es nurmehr ein Ziel, nämlich möglichst umgehend sein heimlich Gespartes zu packen und mit seiner Freundin Rosie (Alex Essoe) nach Mexiko durchzubrennen. Was John jedoch nicht weiß: Sein Nachbar Troy (Bill Engvall) betreibt mit seinen zwei Söhnen (Luke Edwards, Ronnie Gene Blevins) ein heimliches Kidnapping-Unternehmen. Als Rosie Troy während Johns Abwesenheit bei seinem Treiben beobachtet, gerät sie selbst in die Gefangenschaft der Unholde…

Nach seinen beiden „Collector“-Filmen tritt Marcus Dunstan wieder ein wenig auf die Bremse und liefert einen kleinen, bösen neo noir, der sich wohltuend bescheiden innerhalb seiner selbst gesteckten Grenzen bewegt, bewusst darauf verzichtet, mehr vorzustellen, als er ist und gerade dadurch erfolgreich ist.
Dass die Südstaaten, oder zumindest deren Bild als medial kultiviertes Klischee als flächenmäßig erheblicher Teil von Amerikas Provinz keine Gegend repräsentieren, in der man als gebildeter Mitteleuropäer allzu gern seine Zelte aufschlagen würde, bestätigt auch „The Neighbor“ ein weiteres Mal. Hier leben sie in dichter Konzentration, die Meth-Köche, die Dealer, die schmierigen Burgerbrater, Halbgebildete, Kriminelle, Trump-Wähler. Unter den wenigen Individuen, die man in „The Neighbor“ kennenlernt, findet sich keines, mit dem man sich gern am Tresen einer Bar im Dialog wiederfände; selbst Protagonist/Held John ist seit seinem Kriegseinsatz offenbar stark enthemmt, was den Einsatz brachialer Gewalt angeht. Immerhin kommt ihm diese „Qualität“ im Gefecht gegen seinen Nachbarn zugute und darin liegt zugleich ein weiterer Bonus des Films: Ausnahmsweise sind sich nämlich die sadistischen Psychopathen und die von ihnen attackierten Kontrahenten sowohl in ihrer Vorgehensweise als auch in der Wahl ihrer Mittel vollkommen ebenbürtig; hier sind es keine großstädtischen College-Kids, die an zivilisationsmüde Rednecks geraten, sondern Typen, die sich ihrer Haut bestens zu wehren wissen und sich in der erzwungen kombattanten Situation halbwegs intelligent anstellen. Weder überreizt und Dunstan mit „Nein, tu’s nicht“-, noch mit „Meine Güte, ist der blöd“-Momenten und, soviel darf verraten werden: Der Unhold steht am Ende nicht wieder auf. Damit hält „The Neighbor“ seine Erzählzeit kurz und konzentriert, beschränkt sich jedoch auf das absolut Wesentliche. Dunstan erzeugt hier und da amtliche Suspense-Momente und zeigt, dass er ein formal versierter Regisseur ist, der sich zwar an einschlägigen Vorbildern orientiert, dabei jedoch hinreichend Eigenständigkeit aufweist, um seinen Film durchweg in Form zu halten.

7/10

FRITZ LANG

„Es ist sehr schwer, in diesen Zeiten anständig zu bleiben.“

Fritz Lang ~ D 2016
Directed By: Gordian Maugg

1930 steckt der erfolgreiche Filmregisseur Fritz Lang (Heino Ferch) in einer mittleren Schaffenskrise: Sein jüngstes Werk „Frau im Mond“ lässt ihn der Megalomanie müde zurück und treibt den Wunsch in ihm an, mit seiner nächsten Arbeit, seinem ersten Tonfilm, „zurück zum Menschen“ zu kehren. Als er in der Zeitung von dem Serienmörder liest, den man gemeinhin „Vampir von Düsseldorf“ nennt, reist er prompt ins Rheinland, um die Atmosphäre vor Ort zu atmen. Auch Kriminalrat Gennat (Thomas Thieme), den Lang aus seiner früheren Biografie noch persönlich kennt, kommt nach Düsseldorf, um sich hochoffiziell des Falles anzunehmen. Als man schließlich den als Kleinkriminellen bekannten Peter Kürten (Samuel Finzi) verhaftet und dieser die Morde gesteht, erhält Lang exklusives Interviewrecht und ist gleichsam fasziniert wie abgestoßen von der offenen, bald sanftmütigen Art des Schwerverbrechers. Drei Wochen nach der Verkündung von Kürtens Todesurteil erlebt Langs „M“ seine Uraufführung im Kino.

Man darf nicht den Fehler begehen, Gordian Mauggs „Fritz Lang“ ähnlich wie Sacha Gervasis überaus mittelmäßigen „Hitchcock“ als der geradlinigen Authentizität oder gar der historischen Akkuratesse verpflichtetes Biopic zu begegnen. Vielmehr handelt es sich um die teilallegorische Aufarbeitung des Kreativkosmos eines Künstlers von Weltrang, ein wenig vielleicht wie Soderberghs „Kafka“, dem es ja auch vornehmlich darum ging, seine Titelfigur teilzufiktionalisieren und sie in ein ihrer Persönlichkeit angemessenes, atmosphärisch stimmiges Zeit- und Lokalkolorit einzubetten. Ganz ähnlich verhält es sich mit „Fritz Lang“: Wie bei früheren seiner Arbeiten kombiniert Maugg authentisches Filmmaterial aus dem Archiv mit Selbstgedrehtem, bettet Heino Ferch auf digitalem Wege in die Originalbilder ein und kontrastiert Sequenzen seines Films mit welchen aus „M“, in denen ebenfalls der Hauptdarsteller zu sehen ist. Das grandios eingefangene Flair der bereits dämmernden Weimarer Republik, die sich über das Rabaukengebahren der stupiden SA-Gröhler amüsierenden Szenen, vor allem jedoch Langs wiederum als stark überzeichnet gelten dürfende Charakterisierung, die via Rücklicke seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg [nebst Augenverletzung, die später zum Gebrauch seines typischen Monokels führte, Lazarettaufenthalt und Bekanntmachung mit seiner ersten Frau Lisa (Lisa Friedrich)], den ungeklärten Tod Lisa Langs, die Beziehung zu Thea von Harbou (Johanna Gastdorf) und auch die zu seinem Vater (Michael Mendl) nachzieht, ihn als stark exzentrischen Prostituiertenaufleser und Koksschniefer mit gelegentlichen Halluzinationen und hochnäsigen Aristokraten ausweist, stärken Mauggs unbedingt sehensertes Werk ganz besonders. Ich selbst hatte mir nur wenig von „Fritz Lang“ erwartet und im Vorhinein sogar länger hin- und herüberlegt, ob ich ihn überhaupt anschauen soll. Jetzt bin ich umso glücklicher mit ihm. Ein eindruchsvoller Beleg dessen, was der deutsche Film aktuell zu leisten vermag, wenn man ihn bloß lässt.

8/10