AUS DEM NICHTS

„Das waren Nazis.“

Aus dem Nichts ~ D/F/I 2017
Directed By: Fatih Akin

Für die Hamburgerin Katja Sekerci (Diane Kruger) sind ihr kurdischstämmiger Mann Nuri (Numan Acar) und ihr kleiner Sohn Rocco (Rafael Santana) die ganze Welt. Nach einer kurzen Zeit in Haft, die er wegen Marihuanadealens absitzen musste, hat Nuri sich eine ansehnliche Existenz als Steuerberater für des Deutschen weniger kundige Migranten aufbauen können. Eines nachmittags explodiert unmittelbar vor seinem Büro eine Nagelbombe. Nuri und Rocco fallen dem Anschlag zum Opfer. Die am Boden zerstörte Katja ist rasch davon überzeugt, dass die Tat nur politisch motiviert sein kann und Neonazis dahinter stecken, zumal sie kurz vor der Explosion eine junge Frau (Hanna Hilsdorf) vor Nuris Büro gesehen hat. Die Polizei glaubt indes fest an eine milieubedingte Racheaktion und wiegelt Katjas Geschichte ab. Nachdem sie nach Jahren wieder zu Drogen greift und bereits fast jeden Lebenswillen verloren hat, keimt doch noch ein Hoffnungsschimmer für Gerechtigkeit: die von Katja beobachtete Frau Edda Möller ist nebst ihrem Mann, dem Neonazi André (Ulrich Brandhoff), festgenommen worden. Beide sind des Mordes verdächtig. Als Nebenklägerin lässt sich Katja von ihrem alten Freund Danilo Fava (Denis Moschitto) vor Gericht vertreten. Der Gegenanwalt Haberbeck (Johannes Krisch) erweist sich jedoch als fintenreich genug, einen Freispruch für das Ehepaar Möller zu erwirken. Katja folgt den beiden nach Griechenland und baut dort eine Bombe, die der des Anschlags nachempfunden ist…

„Aus dem Nichts“ lässt sich durchaus als ein ergänzender Nachklapp zu Fatih Akins „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie betrachten, zumal alle drei genannten Motivspender sich mühelos in der Geschichte von Katja Sekerci und ihrem selbstzerstörerischen Rachefeldzug ausfindig machen lassen. Wo Akin in den Jahren seiner bisherigen Tätigkeit als türkischstämmiger, politischen Abhandlungen durchaus nicht abgeneigter Filmemacher die Topoi Rechtsextremismus und Rassismus stets ausgespart hatte, ging er vor zwei Jahren mit „Aus dem Nichts“ unmittelbar in medias res. Bewegt und beeindruckt vom langwierigen NSU-Prozess, den er teilweise selbst vor Ort mitverfolgt hatte und gewiss auch vom bedrohlichen Wiedererstarken rechtspopulistischer Kräfte im Land entwarf er gemeinsam mit NDF-Urgestein Hark Bohm diese sich zunehmend intimer gestaltende Geschichte um die Folgen eines neonazistischen Bombenanschlags mitten in Hamburg. Wie im authentischen Fall miterlebt verzichtet Akin dann auch keinesfalls auf das offenkundige Versagen des Justizapparats, der sich beharrlich weigert, deutschen Rechtsterrorismus als eine reale Bedrohung nicht nur des Individuums, sondern auch der demokratischen Grundordnung anzuerkennen, geschweige denn wahrzunehmen. Laufen bereits die ersten Ermittlungen auf einen sogenannten „milieuintern“ motivierten Anschlag hinaus, spielt später noch die im Zweifelsfall und insgeheim unakzeptable Tatsache der deutsch-kurdischen Familie in Kombination mit einem beruflich erfolgreichen, im besten Wortsinne „sauberen“ Ehemann und Vater eine tragende Rolle im gesamten Prozess. Diese Erfahrung muss Katja auch aufs Neue im Zusammenhang mit ihren Eltern (Karin Neuhäuser, Uwe Rohde) und Schwiegereltern (Asim Demirel, Aysel Iscan) machen, die sich angesichts der Tragödie wechselseitig ungebrochen voreingenommen und unversöhnlich zeigen.
Immer wieder rekurriert man auf die Dealer-Vergangenheit des Ermordeten, immer wieder auf das Faktum, dass Katja ihren akuten Verlustschmerz mit Drogen zu betäuben versuchte. Die im Prinzip unwiderlegbaren Indizien gegen die Täter, zu denen selbst eine belastungsschwere Aussage des Vaters (Ulrich Tukur) von André Möller zählt, werden schließlich ignoriert und die Schuldigen ihrer Strafe vorenthalten. Mit dem Freispruch endet auch Katjas Glauben an die Gerechtigkeit und an den Lebenswert an sich, wodurch sich ihr finaler Gegenschlag veranlasst. Diesen belässt der wiederum in drei Akte unterteilte Film wohlweislich vollkommen wertfrei; nach der zweiten Explosion, die die Leben des Ehepaars Möller und auch Katjas eigenes fordert, herrscht, wie so oft am Ende von Akins Filmen, nurmehr das erlösende Rauschen der Meeresbrandung.

8/10

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CLASS OF 1984

„You can’t stop me, teacher. I am the future.“

Class Of 1984 (Die Klasse von 1984) ~ CA 1982
Directed By: Mark Lester

Der aus dem ruhigen Nebraska an die in einem urbanen Slum liegende Lincoln High School versetzte Lehrer Andy Norris (Perry King) hält es mit seinem pädagogischen Berufsethos eine ganz lange Zeit gut durch. Und das, obwohl ihm eine Vielzahl renitenter Schüler, allen voran der bösartige Rotzlöffel Stegman (Timothy Van Patten), den Alltag zur Hölle machen. Irgendwann kocht das Kesselchen dann aber doch über und Rache ist Blutwurst.

Lesters berüchtigter Schulexploiter gefällt mir trotz mittlerweile geschätzter zehn, zwölf Betrachtungen gleichbleibend gut. Das fängt schon bei Alice Coopers vielsagendem Titelsong an. Absolut mitreißend und spannend entwirft Lester in seinem mit dickem Schwarz getünchtem Quasi-Remake von Richard Brooks‘ wegweisendem Klassiker „Blackboard Jungle“ das (damalige) Zerrbild einer amerikanische High School mit böswilligen Jugendlichen, die um ’82 eben wohl zwangsläufig der auffälligen Subkultur der Punks zugerechnet werden mussten. Im Prinzip ist das Weltbild, das der Film transportiert natürlich überreaktionär, darf aber andererseits auch nicht bierernst ernst genommen, sondern will als überspitzt-zynische Karikierung soziologischer Bestandsaufnahmen begriffen werden. Wenn man „Class“ genregenealogisch gewichtet als Exploitation-Thriller sieht, funktioniert er sogar erstaunlich gut als etwas abgewandelte „Death Wish“-Variante. Darstellerisch solide (King) bis brillant (McDowall) kann man einem perfiden, bis auf die Spitze getriebenen Hassvehikel beiwohnen, das unangenehmere Emotionen in einem auslöst, als man wahrhaben möchte und gerade deswegen so interessant ist. Insbesondere in meinem Berufsstand.
Ein schätzenswertes, bitterböses Werk.

8/10

DOGMAN

Zitat entfällt.

Dogman ~ I/F 2018
Directed By: Matteo Garrone

Marcello (Marcello Fonte), ein unscheinbarer, schmalschultriger Geselle, führt einen Hundesalon in dem Küstenort Magliana, nahe Roms. Jeder kennt hier jeden, man vertraut und schätzt sich. Krumme Geschäfte unter der Hand gehören zum Alltag wie alles andere. Dummerweise hat Marcello jedoch das Pech, mit dem brutalen, cholerischen Gangster Simone, genannt Simoncino (Edoardo Pesce), „befreundet“ zu sein, vor dem alle in der Gegend Angst haben und der den kleinen Hundefrisör immer wieder für seine kriminellen Aktionen missbraucht. Zudem bezieht Simone über Marcello sein Koks, das ersterer in hohen Mengen konsumiert. Eines Tages nötigt Simone Marcello, ihm sein Ladenlokal für einen nächtlichen Bruch bei einem direkt angrenzenden Juwelier zur Verfügung zu stellen. Gezwungenermaßen willigt der Simone hoffnungslos unterlegene Marcello ein und nimmt im Nachhinein die Schuld und die damit zusammenhängende Gefängnisstrafe für Simone auf sich. Damit wird Marcello in seiner ansonsten von existenzwichtiger Solidarität geprägten Nachbarschaft zur persona non grata, alle meiden ihn nach seiner Entlassung. Nur seine heißgeliebte Tochter Alida (Alida Baldali Calabria) hält ihm unverdrossen die Treue. Als sich Simone schließlich weigert, Marcello an der Beute zu beteiligen und ihn noch öffentlich zusammenschlägt, gibt es für den Gebeutelten nur noch einen letzten Ausweg, sein Gesicht wiederzuerlangen.

Genau zehn Jahre nach „Gomorra“ handelt Matteo Garrones jüngstes, involvierendes Gangsterdrama wiederum vom schwächsten Kettenglied, von Angst, von Omerta, von falscher Solidarität und damit auch auf symbolischer Ebene von all dem, was das organisierte Verbrechen und die darin zwangsinvolvierten Kleinbüger in Italien nunmehr seit Jahrhunderten prägt. Daran, dass Marcello, ein kleiner, kriecherischer, aber herzlicher Typ, der vor vierzig, fünfzig Jahren als Spottapfel in jeder commedia all’italiana zu Haus gewesen wäre, eigentlich höchste humane Integrität besitzt, lässt der Film von Beginn an keinerlei Zweifel. Der alleinstehende Marcello vergöttert seine bei ihrer Mutter (Laura Pizzirani) lebende Tochter, investiert sein sauer gespartes Geld für Kurzurlaube und Tauchtrips mit ihr. Und er liebt „seine“ Hunde über alles; einmal rettet er einem kleinen Chihuahua das Leben, den der sadistische Simone zuvor bei einem Wohnungseinbruch in ein Tiefkühlfach gesperrt hat. Eine geradezu sinnbildliche für das einseitig überhängende Verhältnis der so beiden unterschiedlichen Männer; der eine pflügt, einer Dampfwalze gleich, rücksichtslos alles nieder, der andere, der das Leben noch anerkennt, schaut empathisch nach links und rechts und betreibt Schadensbegrenzung. Es ist eine bittere existenzielle Spielart, dass niemals (oder selten) die Dampfwalze die Konsequenzen zu tragen hat. So ist es auch bei Marcello und Simone. Doch: wie jedem unter Druck stehenden Kesselchen platzt auch Marcello irgendwann der Deckel ab, da ist es aber schon längst zu spät; der an Körper und Seele Geschundene und Ausgrenzte zeigt seine brutale Entschlossenheit (die ihn keinesfalls zu einem ausgeglicheneren Menschen machen wird) erst, als die Sackgasse, in der längst steckt, sich nach beiden Seiten geschlossen hat. Am Ende, als er, nachdem er Simone zunächst brutal gefangengesetzt und dann ermordet hat, buhlt Marcello lautstark um den früheren Respekt und die alte Anerkennung seiner Nachbarn. Doch niemand mag ihm, dem kleinen Straßenköter jetzt mehr zuhören. Es bleiben nurmehr Einsankeit, Eiseskälte, Fatalismus und der Verlust auch des letzten Rests von Menschlichkeit, den Simone mit ins Jenseits genommen hat.

8/10

MANDY

„I’m your God now.“

Mandy ~ USA/UK/B 2018
Directed By: Panos Cosmatos

1983, irgendwo abgeschlagen in einem parallelen Amerika. Eine Gruppe satanistischer LSD-Hippies unter dem Vorsitz des größenwahnsinnigen Jeremiah Sand (Linus Roache) entführt mithilfe einer Gruppe durch Drogenexperimente derangierter Motorradfreaks den Waldarbeiter Red Miller (Nicolas Cage) und seine Freundin Mandy (Andrea Riseborough). Letztere soll sich Sand sexuell gefügig machen, was jedoch völlig in die Hose geht. Aus verletzter Eitelkeit heraus lässt Sand Mandy bei lebendigem Leibe verbrennen und den vermeintlich tödlich verletzten Red dabei zusehen. Dieser kann sich jedoch befreien und begibt sich auf einen blutigen Rachefeldzug gegen die esoterische Brut.

In den letzten Monaten führte in den Reihen der Online-Cinephilie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Wahrnehmungsweg an „Mandy“ vorbei. Die zweite Regiearbeit von Panos Cosmatos, Sohn des 2005 verblichenen Filmemachers George Pan Cosmatos, wird von etlichen Filmfreunden allenthalben gralsartig vergöttert und verklärt. Dies sei Nicolas Cages großes Comeback nach einem langsam aber sicher besorgniserregenden Loch der DTV-Unebenheiten heißt es da, oder dass „Mandy“s wabernde Audiovisualität, die sich mit Nachdruck vor allem in seiner blutrotgefilterten Photographie und dem typisch dröhnenden Score des just verstorbenen, isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson expediert, bahnbrechend frisch und unverbraucht wirke.
Am Ende, das ist ja meistens so, kann die finale Begegnung der zuvor befeuerten, unbändigen Euphorie natürlich nicht das Wasser reichen. Das Meisterwerk, das manche in ihm sehen, dürfte „Mandy“ keineswegs sein, vielmehr eine in ihren tieferen Seelenebenen überaus schlichte Grindhouse-, Exploitation- und Zeithommage, ein (sehr vorsätzliches) trip movie, das Acidrausch und Wahnwitz kalkuliert verbindet und mich vornehmlich an Jason Eiseners ganz ähnlich getrimmten und gestimmten „Hobo With A Shotgun“ erinnerte. Cosmatos verquirlt alles Mögliche, was ihm in an Verquerem und Verrücktheiten in den Sinn kommt aus Comic, Musik, Film, Literatur und lässt seinen wild irrlichternden Metzger-Orpheus Nicolas Cage ins LSD-getränkte Schneekugel-Inferno abtauchen, ohne dass dieser je die Chance zu erlösender Glückseligkeit in Aussicht gestellt bekäme. Das ist natürlich alles von vergnüglicher Abseitigkeit, oftmals von grotesker Komik und entfaltet seine vermutlich größtmögliche Wirkung vor allem beim selbst intoxinierten Rezipienten. Dieser findet dann auch erstmal recht erschlagen von dem Frontalangriff auf Sinne und Impression, vermag die Quelle der Überwältigung tags darauf jedoch unter Umständen wie jede Art von Droge als dem Glück des Moments geschuldet einordnen.
„Mandy“ ist ein guter, ambitionierter, kleiner Schweinehund von einem Film, einer jedoch, dessen Bärbeißigkeit man nicht etwa den Fehler begehen sollte, als uneingeschränkt meisterlich einzuordnen. Einer solchen Qualitätsmaßgabe wird er auf lange Sicht nämlich nicht standhalten.

7/10

SICARIO: DAY OF THE SOLDADO

„What do you need?“ – „Everything.“

Sicario: Day Of The Soldado (Sicario 2) ~ USA/I 2018
Directed By: Stefano Sollima

Als sich infolge eines Bombenattentats in Kansas City bei den US-Behörden der Eindruck einstellt, die mexikanischen Drogenkartelle schmuggelten gegen kräftiges Entgelt neuerdings auch ISIS-Terroristen über die Grenze, erhält CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) den Auftrag, sämtliche, auch unautorisierten Mittel gegen die Kokain-Mafia zum Einsatz zu bringen. Gravers rasch entwickelte Strategie sieht vor, zwischen dem mächtigen Unterweltboss Carlos Reyes und seiner schärfsten Konkurrenz, dem Matamoros-Kartell, einen Krieg zu entfesseln. Dafür benötigt Graver den früheren Anwalt und jetzigen Profikiller Alejandro Gillick (Bencio Del Toro), der wie gewohnt gnadenlos vorgeht. Als sich jedoch herausstellt, dass der Verdacht der CIA hinsichtlich des Terroristen-Traffickings als unzutreffend erweist, soll Graver sämtliche Verbindungen zu der bereits laufenden Aktion kappen. Dazu gehört auch, Gillick, der just versucht, gemeinsam mit Reyes‘ gekidnappter Tochter Isabel (Isabela Moner) über die US-Grenze zu gelangen, fallen zu lassen…

In seiner Funktion als Fortsetzung des meisterhaften Originals, das mir einer der liebsten Filme des Jahrzehnts ist, enttäuscht „Sicario: Day Of The Saldo“ auf ganzer Linie, was die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Denis Villeneuve und Autor Taylor Sheridan im Nachhinein ein wenig wie einen eher zufällig okkurierenden Glücksfall erscheinen lässt – denn weder Villeneuve noch Sheridan haben sich mit annähernd ähnlichem Ruhm bekleckert, was ihre jüngeren solitären kreativen Ergüsse anbelangt. „Sicario“ bezog seine Faszination einerseits aus der Komplexität seiner Erzählung; der Zuschauer befand sich stets auf demselben Informationslevel wie seine Stellvertreterin Kate Macer (Emily Blunt), einer noch eher unbedarften Regierungsangestellten, die nach und nach die zutiefst unmoralische, nur selten legale Vorgehensweise „eingeweihterer“ Kollegen im Krieg gegen die Grenzkartelle kennenlernen muss. Graves und Gillick sind darin in ihrer kalten Abgeklärtheit noch beinahe enigmatische Figuren, wobei besonders der sich der Rache für seine Familie verschriebene „Sicario“, der selbst nicht davor zurückschreckt, Kinder zu ermorden, einen nahezu dämonischen Eindruck hinterließ. In Kombination mit Villeneuves nahezu analytischer und zugleich hochästhetischer Bildsprache ergab dies das bekannte Meisterwerk. Auf das Sequel, wiederum von Sheridan gescriptet und von dem überaus vielversprechenden Sergio-Filius Stefano Sollima inszeniert, hatte ich mich dementsprechend überschwänglich gefreut. Am Ende wartete jedoch nicht wesentlich mehr auf mich denn ein gehobener, in Tom-Clancy-Manier entwickelter Grenzthriller, der die zwei Hauptcharaktere eher ausbremst, als ihre zuvor gegossenen Rohlinge weiter mit Blut zu befüllen. Gut, Graver ist immer noch ein zutiefst dedizierter Regierungswachhund in allen Gassen der Welt, der vor keinem Übel zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung von US-Interessen geht und auch Gillick bleibt (zunächst) der Knüppel-aus-dem-Sack. Warum es ihm allerdings plötzlich so wichtig ist, Isabel Reyes zu beschützen, muss einer beinahe hilflosen Formelhaftigkeit zugeschrieben werden, der Story über die Runden zu helfen. Das Ende des Films, das eindeutig auf weitere Forsetzungen abzielt und auf ein kommendes Duell zwischen Graves und Gillick hindeutet, verstärkte den sich zuvor einstellenden, geflissentlich unbefriedigenden Eindruck nochmals.
„Sicario: Day Of The Soldado“ lässt es – dafür verantwortlich ist vor allem die Ermangelung eines Charakters wie Kate Macer – merklich an Involvierung und Emotionalität mangeln und schiebt seinen Betrachter sukzessive aus dem Zentrum des Geschehens zurück an den Rand. Am Ende steht ein singulär betrachtet gewiss ordentlicher Genrefilm, dem es durch äußere Härte und treffliches pacing stets gelingt, das Interesse für sich lebendig zu halten. Als spezifische Fortschreibung seines Vorgängers indes lässt er einen eher gedämpft zurück.

7/10

HAGAZUSSA

„Um den Glauben einer aufrechten Gemeinde zu stärken, braucht es der strengen Bereinigung aller frevelhaften Dinge.“

Hagazussa ~ AT/D 2017
Directed By: Lukas Feigelfeld

Die österreichen Alpen im Spätmittelalter: Die kleine Albrun (Celina Peter) lebt allein mit ihrer Mutter (Claudia Martini) ein einsames, ereignisloses Leben in einer kärglichen Berghütte. Als die Mutter infolge einer seuchenartigen Krankheit verstirbt, steht Albrun schließlich ganz allein da. Jahre später hat sie, als mittlerweile erwachsene, schweigsame Frau (Aleksandra Cwen) eine eigene kleine Tochter, von der sie selbst nicht recht zu wissen scheint, wer der Vater ist. Albruns Tagesgeschäft besteht im Hüten und Melken ihrer paar Ziegen. Bei der verstreuten Nachbarschaft ist sie als Heidin und Hexe verschrieen und selbst das, was sich in Person der sich sympathisch gebenden Swinda (Tanja Pertovsky) als mögliche Freundschaft offenbart, findet sich bald brutal entwertet. Für die nun noch frustriertere Albrun bedeutet dies den letzten Schritt in die psychische Isolation.

Lukas Feigelfelds Abschlussfilm an der DFFB fügt dem deutschsprachigen Genrekino nichts Geringeres denn eines seiner schönsten, jüngeren Kleinode hinzu.
Die notorische Tatsache, dass die Alpen und ihre wortwörtliche topographische Undurchsichtigkeit Geheimnisse bergen, die genau solche besser bleiben, zählt seit jeher zu den Weisen des finsterer angehauchten Heimatfilms und wurde später von Regisseuren wie Argento, Ralf Huettner oder Georg Tressler für ihre oftmals mysteriös erscheinenden Arbeiten wohlfeil genutzt. Auch genreträchtige Coming-of-Age-Storys wie „Carrie“ oder jüngst „The VVitch“ erleben ihre von viel filmemacherischer Zuwendung geprägte Reverenz.
Feigelfelds Film sieht sich bewusst jener durchaus klassizistischen, gotischen Genealogie zugehörig. Er stößt tief in die von Irrationalität und Urangst geprägte Vergangenheit zurück, als just hier, fernab von der Bildung und Beurkundung von Stadtgemeinschaften, Hexenwahn und Aberglaube, aber auch Paganismus und Heidentum im übermächtigen Schatten der Kirche für fatale Schicksalswendungen sorgen konnten. Die Biographie der armen Albrun entspricht einem lebenslangen Albtraum. Zu ihrer ohnehin von lokaler Abgeschiedenheit geprägten Existenz, die keinerlei Abwechslung oder intellektuelle Herausforderung beinhaltet, gesellt sich noch die soziale Ausgrenzung durch die umliegend lebende Nachbarschaft. Ihr Baby könnte, wie möglicherweise sie selbst, das Kind des hiesigen Geistlichen (Haymon Maria Buttinger) sein; jedenfalls gibt es entsprechende Hinweise. Da das Unaussprechliche unaussprechlich zu bleiben hat, wachsen Tratsch, Verachtung und Ausgrenzung sogar noch weiter an. Eine gezielt geplante und herbeigeführte Vergewaltigung führt Albrun schließlich über die letzte Klippe der geistigen Gesundheit: Sie vergiftet mittels einer toten Ratte die örtliche Wasserzufuhr und riskiert somit eine Pestepidimie, schließlich nimmt sie halluzinogene Pilze zu sich, etränkt ihr Baby und verbrennt sich im finalen Wahn – das ehedem legitime Schicksal einer Hexe, zu der sie sich, forciert durch die inneren und äußeren Umstände, am Ende selbst gemacht hat.
Diese gleichermaßen traurige wie schwarzromantische Geschichte erzählt Feigelfeld in kontemplativen, hypnotischen und symbolbeladenen Bildern der urwüchsigen Landschaft, in der sie spielt. Es gibt lediglich kargste Dialogpassagen, die zwangsläufige Inwendigkeit der Geschehnisse gipfelt, getragen von der hypnotischen Begleitmusik (Mmmd) mehr und mehr in Ellipsen und Surrealismus, die in dieser Kombination an Werner Herzogs beste Zeiten erinnern.
Gewiss kein Film für den schnellen Verzehr, aber im Gegenzug einer, der sich eingräbt und bleibt und der hoffentlich noch viele dedizierte Liebhaber finden wird. Junges, frisches und nachhaltiges Kino zum Angewöhnen.

8/10

THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10