MANDY

„I’m your God now.“

Mandy ~ USA/UK/B 2018
Directed By: Panos Cosmatos

1983, irgendwo abgeschlagen in einem parallelen Amerika. Eine Gruppe satanistischer LSD-Hippies unter dem Vorsitz des größenwahnsinnigen Jeremiah Sand (Linus Roache) entführt mithilfe einer Gruppe durch Drogenexperimente derangierter Motorradfreaks den Waldarbeiter Red Miller (Nicolas Cage) und seine Freundin Mandy (Andrea Riseborough). Letztere soll sich Sand sexuell gefügig machen, was jedoch völlig in die Hose geht. Aus verletzter Eitelkeit heraus lässt Sand Mandy bei lebendigem Leibe verbrennen und den vermeintlich tödlich verletzten Red dabei zusehen. Dieser kann sich jedoch befreien und begibt sich auf einen blutigen Rachefeldzug gegen die esoterische Brut.

In den letzten Monaten führte in den Reihen der Online-Cinephilie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Wahrnehmungsweg an „Mandy“ vorbei. Die zweite Regiearbeit von Panos Cosmatos, Sohn des 2005 verblichenen Filmemachers George Pan Cosmatos, wird von etlichen Filmfreunden allenthalben gralsartig vergöttert und verklärt. Dies sei Nicolas Cages großes Comeback nach einem langsam aber sicher besorgniserregenden Loch der DTV-Unebenheiten heißt es da, oder dass „Mandy“s wabernde Audiovisualität, die sich mit Nachdruck vor allem in seiner blutrotgefilterten Photographie und dem typisch dröhnenden Score des just verstorbenen, isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson expediert, bahnbrechend frisch und unverbraucht wirke.
Am Ende, das ist ja meistens so, kann die finale Begegnung der zuvor befeuerten, unbändigen Euphorie natürlich nicht das Wasser reichen. Das Meisterwerk, das manche in ihm sehen, dürfte „Mandy“ keineswegs sein, vielmehr eine in ihren tieferen Seelenebenen überaus schlichte Grindhouse-, Exploitation- und Zeithommage, ein (sehr vorsätzliches) trip movie, das Acidrausch und Wahnwitz kalkuliert verbindet und mich vornehmlich an Jason Eiseners ganz ähnlich getrimmten und gestimmten „Hobo With A Shotgun“ erinnerte. Cosmatos verquirlt alles Mögliche, was ihm in an Verquerem und Verrücktheiten in den Sinn kommt aus Comic, Musik, Film, Literatur und lässt seinen wild irrlichternden Metzger-Orpheus Nicolas Cage ins LSD-getränkte Schneekugel-Inferno abtauchen, ohne dass dieser je die Chance zu erlösender Glückseligkeit in Aussicht gestellt bekäme. Das ist natürlich alles von vergnüglicher Abseitigkeit, oftmals von grotesker Komik und entfaltet seine vermutlich größtmögliche Wirkung vor allem beim selbst intoxinierten Rezipienten. Dieser findet dann auch erstmal recht erschlagen von dem Frontalangriff auf Sinne und Impression, vermag die Quelle der Überwältigung tags darauf jedoch unter Umständen wie jede Art von Droge als dem Glück des Moments geschuldet einordnen.
„Mandy“ ist ein guter, ambitionierter, kleiner Schweinehund von einem Film, einer jedoch, dessen Bärbeißigkeit man nicht etwa den Fehler begehen sollte, als uneingeschränkt meisterlich einzuordnen. Einer solchen Qualitätsmaßgabe wird er auf lange Sicht nämlich nicht standhalten.

7/10

Werbeanzeigen

SICARIO: DAY OF THE SOLDADO

„What do you need?“ – „Everything.“

Sicario: Day Of The Soldado (Sicario 2) ~ USA/I 2018
Directed By: Stefano Sollima

Als sich infolge eines Bombenattentats in Kansas City bei den US-Behörden der Eindruck einstellt, die mexikanischen Drogenkartelle schmuggelten gegen kräftiges Entgelt neuerdings auch ISIS-Terroristen über die Grenze, erhält CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) den Auftrag, sämtliche, auch unautorisierten Mittel gegen die Kokain-Mafia zum Einsatz zu bringen. Gravers rasch entwickelte Strategie sieht vor, zwischen dem mächtigen Unterweltboss Carlos Reyes und seiner schärfsten Konkurrenz, dem Matamoros-Kartell, einen Krieg zu entfesseln. Dafür benötigt Graver den früheren Anwalt und jetzigen Profikiller Alejandro Gillick (Bencio Del Toro), der wie gewohnt gnadenlos vorgeht. Als sich jedoch herausstellt, dass der Verdacht der CIA hinsichtlich des Terroristen-Traffickings als unzutreffend erweist, soll Graver sämtliche Verbindungen zu der bereits laufenden Aktion kappen. Dazu gehört auch, Gillick, der just versucht, gemeinsam mit Reyes‘ gekidnappter Tochter Isabel (Isabela Moner) über die US-Grenze zu gelangen, fallen zu lassen…

In seiner Funktion als Fortsetzung des meisterhaften Originals, das mir einer der liebsten Filme des Jahrzehnts ist, enttäuscht „Sicario: Day Of The Saldo“ auf ganzer Linie, was die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Denis Villeneuve und Autor Taylor Sheridan im Nachhinein ein wenig wie einen eher zufällig okkurierenden Glücksfall erscheinen lässt – denn weder Villeneuve noch Sheridan haben sich mit annähernd ähnlichem Ruhm bekleckert, was ihre jüngeren solitären kreativen Ergüsse anbelangt. „Sicario“ bezog seine Faszination einerseits aus der Komplexität seiner Erzählung; der Zuschauer befand sich stets auf demselben Informationslevel wie seine Stellvertreterin Kate Macer (Emily Blunt), einer noch eher unbedarften Regierungsangestellten, die nach und nach die zutiefst unmoralische, nur selten legale Vorgehensweise „eingeweihterer“ Kollegen im Krieg gegen die Grenzkartelle kennenlernen muss. Graves und Gillick sind darin in ihrer kalten Abgeklärtheit noch beinahe enigmatische Figuren, wobei besonders der sich der Rache für seine Familie verschriebene „Sicario“, der selbst nicht davor zurückschreckt, Kinder zu ermorden, einen nahezu dämonischen Eindruck hinterließ. In Kombination mit Villeneuves nahezu analytischer und zugleich hochästhetischer Bildsprache ergab dies das bekannte Meisterwerk. Auf das Sequel, wiederum von Sheridan gescriptet und von dem überaus vielversprechenden Sergio-Filius Stefano Sollima inszeniert, hatte ich mich dementsprechend überschwänglich gefreut. Am Ende wartete jedoch nicht wesentlich mehr auf mich denn ein gehobener, in Tom-Clancy-Manier entwickelter Grenzthriller, der die zwei Hauptcharaktere eher ausbremst, als ihre zuvor gegossenen Rohlinge weiter mit Blut zu befüllen. Gut, Graver ist immer noch ein zutiefst dedizierter Regierungswachhund in allen Gassen der Welt, der vor keinem Übel zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung von US-Interessen geht und auch Gillick bleibt (zunächst) der Knüppel-aus-dem-Sack. Warum es ihm allerdings plötzlich so wichtig ist, Isabel Reyes zu beschützen, muss einer beinahe hilflosen Formelhaftigkeit zugeschrieben werden, der Story über die Runden zu helfen. Das Ende des Films, das eindeutig auf weitere Forsetzungen abzielt und auf ein kommendes Duell zwischen Graves und Gillick hindeutet, verstärkte den sich zuvor einstellenden, geflissentlich unbefriedigenden Eindruck nochmals.
„Sicario: Day Of The Soldado“ lässt es – dafür verantwortlich ist vor allem die Ermangelung eines Charakters wie Kate Macer – merklich an Involvierung und Emotionalität mangeln und schiebt seinen Betrachter sukzessive aus dem Zentrum des Geschehens zurück an den Rand. Am Ende steht ein singulär betrachtet gewiss ordentlicher Genrefilm, dem es durch äußere Härte und treffliches pacing stets gelingt, das Interesse für sich lebendig zu halten. Als spezifische Fortschreibung seines Vorgängers indes lässt er einen eher gedämpft zurück.

7/10

HAGAZUSSA

„Um den Glauben einer aufrechten Gemeinde zu stärken, braucht es der strengen Bereinigung aller frevelhaften Dinge.“

Hagazussa ~ AT/D 2017
Directed By: Lukas Feigelfeld

Die österreichen Alpen im Spätmittelalter: Die kleine Albrun (Celina Peter) lebt allein mit ihrer Mutter (Claudia Martini) ein einsames, ereignisloses Leben in einer kärglichen Berghütte. Als die Mutter infolge einer seuchenartigen Krankheit verstirbt, steht Albrun schließlich ganz allein da. Jahre später hat sie, als mittlerweile erwachsene, schweigsame Frau (Aleksandra Cwen) eine eigene kleine Tochter, von der sie selbst nicht recht zu wissen scheint, wer der Vater ist. Albruns Tagesgeschäft besteht im Hüten und Melken ihrer paar Ziegen. Bei der verstreuten Nachbarschaft ist sie als Heidin und Hexe verschrieen und selbst das, was sich in Person der sich sympathisch gebenden Swinda (Tanja Pertovsky) als mögliche Freundschaft offenbart, findet sich bald brutal entwertet. Für die nun noch frustriertere Albrun bedeutet dies den letzten Schritt in die psychische Isolation.

Lukas Feigelfelds Abschlussfilm an der DFFB fügt dem deutschsprachigen Genrekino nichts Geringeres denn eines seiner schönsten, jüngeren Kleinode hinzu.
Die notorische Tatsache, dass die Alpen und ihre wortwörtliche topographische Undurchsichtigkeit Geheimnisse bergen, die genau solche besser bleiben, zählt seit jeher zu den Weisen des finsterer angehauchten Heimatfilms und wurde später von Regisseuren wie Argento, Ralf Huettner oder Georg Tressler für ihre oftmals mysteriös erscheinenden Arbeiten wohlfeil genutzt. Auch genreträchtige Coming-of-Age-Storys wie „Carrie“ oder jüngst „The VVitch“ erleben ihre von viel filmemacherischer Zuwendung geprägte Reverenz.
Feigelfelds Film sieht sich bewusst jener durchaus klassizistischen, gotischen Genealogie zugehörig. Er stößt tief in die von Irrationalität und Urangst geprägte Vergangenheit zurück, als just hier, fernab von der Bildung und Beurkundung von Stadtgemeinschaften, Hexenwahn und Aberglaube, aber auch Paganismus und Heidentum im übermächtigen Schatten der Kirche für fatale Schicksalswendungen sorgen konnten. Die Biographie der armen Albrun entspricht einem lebenslangen Albtraum. Zu ihrer ohnehin von lokaler Abgeschiedenheit geprägten Existenz, die keinerlei Abwechslung oder intellektuelle Herausforderung beinhaltet, gesellt sich noch die soziale Ausgrenzung durch die umliegend lebende Nachbarschaft. Ihr Baby könnte, wie möglicherweise sie selbst, das Kind des hiesigen Geistlichen (Haymon Maria Buttinger) sein; jedenfalls gibt es entsprechende Hinweise. Da das Unaussprechliche unaussprechlich zu bleiben hat, wachsen Tratsch, Verachtung und Ausgrenzung sogar noch weiter an. Eine gezielt geplante und herbeigeführte Vergewaltigung führt Albrun schließlich über die letzte Klippe der geistigen Gesundheit: Sie vergiftet mittels einer toten Ratte die örtliche Wasserzufuhr und riskiert somit eine Pestepidimie, schließlich nimmt sie halluzinogene Pilze zu sich, etränkt ihr Baby und verbrennt sich im finalen Wahn – das ehedem legitime Schicksal einer Hexe, zu der sie sich, forciert durch die inneren und äußeren Umstände, am Ende selbst gemacht hat.
Diese gleichermaßen traurige wie schwarzromantische Geschichte erzählt Feigelfeld in kontemplativen, hypnotischen und symbolbeladenen Bildern der urwüchsigen Landschaft, in der sie spielt. Es gibt lediglich kargste Dialogpassagen, die zwangsläufige Inwendigkeit der Geschehnisse gipfelt, getragen von der hypnotischen Begleitmusik (Mmmd) mehr und mehr in Ellipsen und Surrealismus, die in dieser Kombination an Werner Herzogs beste Zeiten erinnern.
Gewiss kein Film für den schnellen Verzehr, aber im Gegenzug einer, der sich eingräbt und bleibt und der hoffentlich noch viele dedizierte Liebhaber finden wird. Junges, frisches und nachhaltiges Kino zum Angewöhnen.

8/10

THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10

LOMMBOCK

„Wir können auch ganz anders!“

Lommbock ~ D 2017
Directed By: Christian Zübert

Stefan (Lucas Gregorowicz), der, unterdessen doch noch Anwalt geworden, im internationalen Jetset verkehrt und kurz vor seiner Hochzeit mit der hübschen Yasemin (Melanie Winiger) in Dubai steht, muss zurück nach Würzburg, um seine Geburtsurkunde zu beschaffen. Sein alter Kumpel Kai (Moritz Bleibtreu) hat sich über die Jahre nur wenig verändert. Er hat aus der alten Pizzeria „Lammbock“ einen Asia-Imbiss namens „Lommbock“ gemacht, kifft noch immer wie ein Schlot, verheimlicht dies jedoch mehr oder weniger erfolgreich vor Gattin Sabine (Mavie Hörbiger) und Stiefsohn Jonathan (Louis Hoffmann). Ein schwadengeschwängerter Abend und eine unbedachte Aktion am Flughafen sorgen schließlich dafür, dass Stefan erstmal zwangsentgiften muss, bevor die Hochzeit stattfinden kann. Außerdem wollen noch Jonathans Probleme mit einer Gruppe arabischer Grasdealer geklärt und der dauerbedröhnte Frank (Wotan Wilke Möhring) aus der geschlossenen Psychiatrie befreit werden. Alles Ereignisse, die Stefan abermals über seinen Stand im Leben sinnieren lassen.

Mit „Lommbock“ gelang Christian Zübert und seiner bewährten Truppe das Kunststück, einen dem mittlerweile sechzehn Jahre alten Original ebenbürtigen Nachfolger hinterherzuschicken. Formaltechnisch sichtlich aufwändiger und edler (Scope statt Letterbox) konnte die Produktion offenbar auf ein höheres Budget zurückgreifen.
Den Hauptcharakteren Stefan und Kai wird zugestanden, dass sie glaubwürdig gealtert sind und sich ihrer jeweiligen. vormaligen Typologie gemäß (weiter-)entwickelt haben. Die – natürlich allesamt im Zusammenhang mit THC-Ge- und/oder Missbrauch stehenden – wiederum in episodischer Kapiteleinteilung vorgelegten Anekdötchen sind witzig, aber nicht albern, sieht man von der etwas übers Ziel hinaus schießenden Kiste mit der urplötzlichen Fähigkeit der Bedröhnten ab, in Fremdsprachen zu parlieren. Das fand ich dann doch eher mäßig komisch. Für Elmar Wepper gab’s leider nur einen kleinen, dafür umso lustigeren Cameo-Auftritt, Marie Zielcke fehlt leider und Alexandra Neldels Part wurde, ebenso wie der von Möhring, deutlich mehr Entfaltungsplatz eingeräumt. Ziemlich witzig noch Dar Salim als asozialer Gangstarapper Drei Jahre Bau, der eine astreine Parodie des entsprechenden szenischen Unwesens zum Besten gibt.
Wirklich positiv ist noch anzumerken, dass Stefans Lebensbilanzierung unerwartet ausfällt. Obwohl er sich alle Mühe gibt, sich Yasemin (und vor allem ihrer stinkreichen Familie) zu Gefallen zu verdrehen und anzupassen, hängt er, kaum ein paar tausend Kilometer von ihr entfernt, prompt wieder im alten Fahrwasser; kifft, geht fremd und stellt überhaupt allerlei illegalen Murks an. Vor der goldenen Erkenntnis, dass es mehr gibt als finanzielle Breitbeinigkeit, materielle Sicherheit und die oberflächlichen Verlockungen des Establishment, und sei es nur der beste Freund an der Seite und ein gepflegter Joint zum rechten Zeitpunkt, scheut sich „Lommbock“ jedenfalls nicht, nachdem sein Vorgänger genau dies dereinst befürchten ließ.

7/10

LAMMBOCK

„Du checkst es nicht.“

Lammbock ~ D 2001
Directed By: Christian Zübert

Die beiden ungleichen Freunde Kai (Moritz Bleibtreu) und Stefan (Lucas Gregorowicz) betreiben im beschaulichen Würzburg gemeinsam einen Pizza-Lieferservice nebst florierendem Marihuana-Handel. Den in Kenner- und Bekanntenkreisen überaus beliebten Stoff züchten und ernten sie selbst auf einer Plantage im Wald. Während Kai mit dieser einfachen, aber einträglichen Existenz höchst zufrieden ist, strebt Stefan, in einer biederen Beziehung steckend, Sohn eines wohlhabenden Amtsrichters (Elmar Wepper) und selbst kurz vorm Juraexamen stehend, insgeheim nach Höherem. Als der selbst dem Dope nicht abgeneigte Undercover-Polizist Achim (Julian Weigend) auf sie aufmerksam wird, beginnt die Lage allmählich ungemütlich zu werden…

Als „Lammbock“ vor ziemlich genau 17 Jahren im Kino lief, entwickelte er sich zumindest im rauschmittelaffinen Teil des Freundeskreises ziemlich flugs zum Liebhaberstück, das sogar das Zeug hatte, mit dem seinerzeit dauerrotierenden „Bang Boom Bang“ zu konkurrieren. Klar, warum: Der sehr intensiv mit Improvisation arbeitende Film ist primär für die juvenile Kiffergemeinde gemacht und die versteht sich untereinander bestens (zumindest war das zu jener Zeit so). Der gewohnheitsmäßige Kiffer an und für sich pflegt, unabhängig von der Subkultur, in der er sich sonst bewegen mag, eine universell verstehbare Sprache, die sich im spezifisch gepflegten und ausgebauten Vokabular und Phrasen sowie im sehr leicht identifizierbaren Gestus äußert. Man muss kein ausgemachter Soziologe sein, um zu wissen und zu erkennen, wie ähnlich sich Kiffer aus allen Teilen der Republik sind. „Lammbock“ verstand das und gab den Leuten einen Film, der, anders als die aus den USA stammende „Cheech & Chong“-Reihe oder der im Slapstick verwurzelte „Half Baked“ die Szene nicht als Satirefall benutzte oder grell überzeichnete, sondern ihr eine echte, kleine Liebeserklärung angedeihen ließ. Die Leute im Film rauchen wirklich Gras und sind (zumindest stellenweise) wirklich bekifft. Das spürt man als Bruder im Mentalen und dafür mag man den Film. Man mag ihn auch für Gregorowicz‘ todwitzige Schwarzweißabfahrten, für Elmar Weppers hochsympathische Mitwirkung, ganz besonders für die wunderbar sympathische Marie Zielcke und vielleicht sogar für die geschmacklose Dreistigkeit, mit der ein eigentlich ungeheuerlicher, im (filmischen) Vollrausch absolvierter Inzestgag quasi im Vorbeigehen abgeliefert wird. Das hat schon was gehörig Subversives. So ganz makellos ist „Lammbock“ aber dann doch nicht. Wenn nämlich Bleibtreu und Gregorowicz von der Dramaturgie dazu angehalten sind, sich über eindeutig als solche intendierte, „tarantinoeske“ Nonsens-Themen wie die Flugsicherheit von Erika Eleniaks Silikonbrüsten oder das heimliche Bedürfnis, mit Mehmet Scholl eine Fellatio-Nummer durchzuziehen, auszutauschen, dann erhält der Film eine unangenehme Subnote. Hier nämlich begnügte sich Zübert nicht mehr damit, eine schöne Schmunzelgroteske um zwei Kumpels, die high on their on supply sind und ihre komischen Abenteuerchen zu stricken – hier wollte er eine Form von coolness, die dem Gesamtresultat einfach nicht gut zu Gesicht steht. Früher hat mich das weniger gestört, jetzt jedoch, da ich den Film nach bestimmt 15 Jahren zum ersten Mal wieder in voller Länge geschaut habe, fand ich diese Szenen ziemlich schlimm penetrant und keineswegs förderlich. Wie ich mich überhaupt im Nachhinein ziemlich alt und stark zielgruppenvernachlässigt fühlte, was nun wiederum mein ganz persönliches Problem ist. Immerhin bleibt eins, wofür man „Lammbock“ auf ewig liebhaben muss – er spendierte Wotan Wilke Möhring die bis dato einzige Rolle, in der er wirklich reüssieren kann.

7/10

RESOLUTION

„There really are a lot of weird people out here.“

Resolution ~ USA 2012
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

Michael (Peter Cilella) fährt in das kalifornische Hinterland, nachdem er ein bizarres Video seines besten Freundes Chris (Vinny Curran) erhalten hat. Chris ist seit langer Zeit schwer drogenabhängig, weshalb der sozial gesettlete Michael eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun hat. Um der alten Zeiten Willen entschließt sich Michael jedoch, Chris aus dem Gröbsten herauszuhelfen. Er findet den imnens verwirrten Junky in einer baufälligen Hütte, fesselt er ihn mit Handschellen an die Wand und setzt ihn kurzerhand auf kalten Entzug. Bald jedoch registriert Michael, dass nicht nur mit Chris etwas ganz und gar nicht stimmt. In der Gegend, die sich als Teil eines Indianerreservats erweist, halten sich überall komische Typen auf. Kleinkriminelle Hillbillys, Mitglieder einer UFO-Sekte, Indianer, die von Michael Miete für die Hütte verlangen, ein kiffender Franzose in einem Wohnwagen. Am Merkwürdigsten jedoch ist, dass ihm und Chris andauernd Aufzeichnungsmedien auf unterschiedlichste Weise zugespielt werden: Mails, Bücher, Fotos, Dias, CDs, Bänder, Super-8-Filme, sogar Holzzeichnungen an der Wand tauchen urpöltzlich auf und zeigen wahllos Fremde in Stresssituationen oder manchmal auch Michael und Chris. Die Botschaften kommen buchstäblich aus heiterem Himmel und scheinen keinen rechten Sinn zu ergeben…

Das Jungregisseurs- und Autorenduo Benson/Moorhead erarbeitet sich nach und nach einen wachsenden Leumund in der Genreszene. Zeit, einmal einen Blick zu riskieren. Nun, die hier und da bereits vollmundig als solche gepriesene, große Mindfuck-Revolution, die manch einer in ihren Werken zu erkennen glaubt, liegt hier ganz gewiss nicht vor. Die Jungs sind ganz offensichtlich vor allem selbst eifrige Filmegucker, die sich erfreulicherweise entschlossen haben, ihr gewiss vorhandenes Talent zu nutzen und ihre Erfahrungen mit kleinen Budgets zu eigener Kunst zu formen. Eine Menge Spuren (und natürlich Reminiszenzen) schimmern in „Resolution“ durch: „The Evil Dead“, „The Blair Witch Project“, „Donnie Darko“, „Triangle“, die beiden „Reeker“-Filme von Dave Payne und vermutlich noch etliche weitere, deren Fährten mir nicht ganz so unmittelbar in Aug und Nase gesprungen sind. Ein bisschen Von-Trier-Dogma, ein wenig cinéma vérité, dass es sich auch künstlerisch hübsch tolerabel ausnimmt. Die Kamera wackelt in blassem DTV, Musik gibt’s freilich keine und wir, die Zuschauer, sollen umso dichter dran sein an Michael, dessen schwangere Frau (Emily Montague) daheim auf ihn wartet, der seines kleinen Grafikdesignerlebens eigentlich überdrüssig ist und dessen bester Kumpel nunmehr sein Crack-Pfeifchen entbehren muss und für einen Kaltentzügler erstaunlich gut klarkommt. Was da nun wirklich alles passiert, lässt sich, mysterious, mysterious, nicht eindeutig analysieren und gibt vermutlich vielmehr inflationären Anlass für seitenlange, nerdige Interpretationsspinnereien. Audiovisuelle Schnitzel legen Benson und Moorehead (klingt wie eine Tabaksmarke, merke ich eben) jedenfalls zu Dutzenden, nur zu einer schlüssigen Einheit zusammenfügen lassen sie sich garantiert nicht. Das ist aber auch, zumindest ein Stück weit, schuldige Nebensache. „Resolution“ geht es um Stimmung, Atmosphäre und den wachen Blick des Publikums, nicht um biedere Kausalitäten. Vielleicht könnte man „Resolution“ am Ehesten als filmisches Äquivalent zu einem etwas braver gearteten Stoner-Rock-Album bezeichnen.
Immerhin ein paar Erläuterungsspitzen hält dann zumindest der Nachfolger „The Endless“ bereit, den ich mich in der glücklichen Lage befand, gleich im Anschluss schauen zu können.

6/10