CERTAIN FURY

„I want you away from me!“

Certain Fury (In der Hitze von New York) ~ USA 1985
Directed By: Stephen Gyllenhaal

Scarlet McGinnis (Tatum O’Neal) und Tracy Freeman (Irene Cara), zwei komplett gegensätzlichen Milieus entstammende junge Frauen, landen wegen unterschiedlicher Delikte vor dem Haftrichter. Als im Gerichtssal eine weitere Delinquente (Dawnlea Tait) plötzlich Amok läuft und diverse Beamte erschießt, bleibt Scarlet und Tracy nurmehr die Flucht nach vorn. Nachdem sie zunächst in der Kanalisation landen, kommt ein weiterer Polizist (Gene Hartline) unfällig zu Tode. Nur sehr zögerlich entwickelt das nunmehr unfreiwillig aufeinander angewiesene Paar eine aus der Not geborene Freundschaft, die sie auf der Flucht vor der Polizei durch diverse Institutionen der urbanen Unterwelt führt.

Dieser kleine, in Vancouver gedrehte (und demzufolge gut sichtbar mitnichten, wie der deutsche Titel es zu suggerieren versuchte, in New York spielende) Indie-Exploiter kombiniert Motive des schwarzweißen buddy movie von Stanley Kramers „The Defiant Ones“ bis zu Walter Hills „48 Hrs.“ mit dem zeitgenössisch angesagten Subgenre des nächtlich angesiedelten Großstadt-Odysse-Films und feminisiert diese kurzerhand.
Soweit, so gut: Atmosphärisch und auch formal geht Gyllenhaals durch allerlei Stationen urbaner Halbwelten mäanderndes Krimidrama durchaus in Ordnung und auch die Darstellerriege kann sich von den Haupt- bis in die Nebenrollen hinein sehen lassen. Gleich zu Beginn gibt es einen prall choreographierten Shootout, der die Zuschauererwartungen nochmals immens schürt und die Berliner Synchro versucht mit teils kecken Sprüchen, das Beste aus dem ihr Überlassenen zu machen. Dennoch war es „Certain Fury“ nie vergönnt, auch nur ansatzweise den Status selbst eines Kleinstklassikers zu erobern. Zurecht. Denn der Grund dafür ist flugs eingekreist und liegt evident auf der Hand: Das von (dem anschließend nurmehr zweimal in Erscheinung getretenen) Michael Jacobs entwickelte Script erweist sich von vorn bis hinten eine einzige Katastrophe. Abgesehen von einem bestenfalls auf Minimalebene erkennbaren groben roten Faden, der sich auch nur per ganz viel good will mit Mühe und Not identifizieren lässt, wirken sowohl Narration als auch Dramaturgie mit zunehmendem Verlauf hoffnungslos zerfahren. Vor allem die beiden Protagonistinnen ändern ihre Pläne und wechselseitigen Sympathien praktisch ohne nachvollziehbare Kausalitätsschemata im Sekundentakt, wobei insbesondere die Motivlage von Tatum O’Neals Figur trotz all ihrer darstellerischen Bemühungen völlig nebulös bleibt. Potenziell interessante Nebenfiguren wie der Pornofilmer Sniffer (Nicholas Campbell) oder der Zuhälter Rodney (Peter Fonda) werden erbarmungslos verschenkt und verheizt; die regelmäßig zwischengeschalteten Szenen mit George Murdock als die beiden Mädels verfolgender Cop und Moses Gunn als Tracys Vater (peinlich klischiert als erfolgreicher Chirurg, dessen Sorge um seine Tochter sich mit reichlicher Verspätung einstellt) folgen ebenfalls keinem plausiblen Fortgang. Die gleich mehrere mit heißer Nadel dahergestrickte Macguffins bemühende Episodenhaftigkeit gleitet bald in die Beliebigkeit ab. Diese fatale Inkonsistenz schmerzt besonders, weil „Certain Fury“ eben auch über die eingangs erwähnten Qualitäten verfügt und somit grundsätzlich ein schöner Film hätte werden mögen. So taugt er nurmehr als revisionistisches Beispiel dafür, dass auch im schillernden Genrekino der Achtziger nicht alles Gold ist, was scheinbar attraktiv durch die Annalen hindurchschimmert.

4/10

GOOD TIME

„You’re cold? Let’s get to Virginia, man!“

Good Time ~ USA 2017
Directed By: Benny Safdie/Josh Safdie

Der ewig klamme Herumtreiber Connie Nikas (Robert Pattinson) will seinem geistig behinderten Bruder Nick (Benny Safdie) ein Leben abseits von Heimen und Therapeuten ermöglichen. Also entwickelt Connie kurzerhand den Plan, gemeinsam mit Nick eine Bank zu überfallen. Der mit heißer Nadel gestrickte Coup geht schief; Nick landet im Gefängnis, während Connie entkommen kann. Nun gilt es für ihn, die nötige Kaution aufzutreiben oder seinen Bruder notfalls selbst zu befreien. Die folgende, bizarre Odyssee durch die New Yorker Nacht bringt Connie mehr oder weniger zufällig mit allerlei seltsamen Zeitgenossen zusammen, darunter mit dem Kleinpusher Ray (Buddy Duress), der um ein LSD-Versteck im Freizeitpark „Adventureland“ weiß…

Ob es für meine persönliche Bewertung von „Good Time“ förderlich ist, dass ich zuvor dessen Nachfolger „Uncut Gems“ gesehen habe und im Prinzip eigentlich erst über diesen überhaupt auf die Safdies aufmerksam geworden bin, wage ich zu bezweifeln, denn jenes absolut formvollendete Thrillerdrama mit Adam Sandler variiert seinen Vorgänger nicht nur motivisch. Beide Filme zentrieren sich um einen rücksichtslos agierenden Protagonisten, der um die Durchsetzung eigener Träume und Wünsche Willen Kausalitätsketten in Gang setzt, die seine Mitmenschen, respektive zumindest die, die naiv genug sind, ihn zu unterstützen, ins kleine oder große Verderberben stürzt. Das Ganze vollzieht sich jeweils in einem sehr hohen Erzähltempo, unter Verwendung halsbrecherischer Script-Volten, vermittels einer wilden Photographie und Montage, sowie unter Einbeziehung eines ganzen Kaleidoskops schräger Nebencharaktere. (Das nächtliche) New York avanciert dabei zum urbanen, planen Stellvertrer der Reise durch das psychische und geistigen Labyrinth der Leitfigur. Auch „Good Time“ greift somit bereits vorhandene Erzählmuster auf; so erinnert er zumindest streckenweise etwa zwangsläufig an Scorseses „After Hours“ und infolge dessen an den klassischen film noir. Anders als später Sandler als semilegaler Traumverkäufer Howard Ratner vermag es der (nichtsdestotrotz hervorragend spielende) Robert Pattinson jedoch nicht, die Em- und Sympathie des Rezipienten zu evozieren. Während Ratner ja seine gesamte Existenz in die Waagschale wirft und sich damit den Status eines tragikomischen Antihelden erarbeitet, lassen einen die von vornherein irrationalen Motive Connie Nikas‘ relativ gleichgültig zurück. Man sieht seinem irrlichternden Trip durch die Eingeweide der Stadt und ihrer Institutionen zwar interessiert zu, mag sich aber nie wirklich auf seine Seite schlagen und insofern auch nicht nachhaltig mit seinem Schicksal zu hadern. Am Ende kommt es für die meisten Beteiligten so, wie es kommen muss; nichts existenziell wirklich Gravierendes geschieht. Während „Uncut Gems“ eine konsequente Fallgeschichte erzählt, nimmt „Good Time“ somit eher den Status einer wilden Momentaufnahme ein. Wie oben suggeriert, kann „Good Time“ unter dem massiven Eindruck von „Uncut Gems“ im Zuge einer achronologischen Betrachtung allso nur verlieren. Das macht ihn keinesfalls zu einem künstlerischen Fehlschlag, andererseits wird die rückwärts gewandte Ordinalbetrachtung ihm vermutlich nicht gerecht.

7/10

COLOUR OUT OF SPACE

„It’s just a color. But it burns.“

Colour Out Of Space (Die Farbe aus dem All) ~ USA/MY/PT 2019
Directed By: Richard Stanley

Der junge Hydrologe Ward (Elliot Knight) untersucht im Auftrag einer Dammbaufirma die Wasservorkommen im ländlichen Neuengland. Dabei trifft er auf die fünfköpfige Familie Gardner, die sich aus mehreren Gründen in die Abgeschiedenheit zurückgezogen hat und ganz unterschiedlich damit umgeht. Während Vater Nathan (Nicolas Cage) vollkommen in der Haltung von Alpakas aufgeht, erholt sich seine Gattin Theresa (Joely Richardson) von ihrer Brustkrebs-Erkrankung, derweil Tochter Lavinia (Madeleine Arthur) mit paganistischen Ritualen herumexperimentiert und Sohn Benny (Brendan Meyer) es vorzieht, die meiste Zeit Gras zu rauchen, das er von dem kauzigen Eremiten Ezra (Tommy Chong) bezieht. Der kleine Jack (Julian Hilliard) arrangiert sich tapfer mit der Situation. Als ein Asteroid auf dem Gelände der Gardners niedergeht, ist es mit der Semiidylle rapide vorbei. Auf allem liegt binnen kurzer Zeit ein unwirklich schimmerndes Licht, fremde Pflanzen wachsen. Vor allem das Wasser aus dem heimischen Brunnen scheint eine verheerende Wirkung auf all seine Konsumenten auszuüben: Tiere und Menschen verwandeln sich und verhalten sich zusehends merkwürdig. Derweil die Katastrophe sich ihren Weg bahnt, kann Ward nur hilflos zusehen.

Richard Stanleys „Colour Out Of Space“ bildet bereits die fünfte Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft und ist zugleich die erste, die den korrekten Titel der Vorlage verwendet. Anders als zuvor etwa Daniel Haller in „Die, Monster, Die!“ oder David Keith in seinem nichtsdestotrotz sehr gelungenen „The Curse“ hält sich Stanley mit wenigen Ausnahmen recht eng an Lovecrafts Vorlage und vollbringt das Kunststück, die wie üblich erschreckende Vision des großen Phantasten mit seiner eigenen zu koppeln und daraus ein bravouröses Stück Film zu destillieren. Der Südfafrikaner Stanley, der sich ja aus ebenso bekannten wie berechtigten Gründen selbst nach nur zwei vollendeten Werken eine rund 24 Jahre währende Auszeit vom abendfüllenden Spielfilm auferlegte, feiert mit „Colour Out Of Space“ somit eine ihm unbedingt zu gönnende, triumphale Rückkehr. Nicolas Cage, der ja mittlerweile häufiger DTV-Filme dreht als die Unterwäsche zu wechseln, läuft immer noch zur Hochform auf, wenn ihm bloß ein hinreichend ambitioniertes Projekt vorgelegt wird. Auch „Colour Out Of Space“ fügt sich in diese Annahme. Dass Cage immer dann besonders herausragend ist, wenn er Typen spielen muss, die wahlweise ihre Existenzgrundlage, den Verstand oder gleich beides verlieren, demonstriert er als Alpakafarmer Nathan Gardner mit dem ihm eigenen Profi-Wahnsinn. Doch dürfte Cage noch nicht einmal der primäre Grund dafür sein, warum „Colour Out Of Space“ dermaßen nonchalant reüssiert; vielmehr liegt das Hauptverdienst des Films darin, dem üblicherweise größten Kritikpunkt betreffs Lovecraft-Adaptionen, nämlich jenem, das universelle Grauen seines literarischen Kosmos‘ auf konve tionellem audiovisuellen Wege nicht transportieren zu können, ein Schnippchen zu schlagen. Dafür bedarf es keiner außerweltlicher Urmonster aus maritimer Tiefen; Stanley gelingt es vielmehr, die durch das extraterrestrische Artefakt hervorgerufenen Zersetzungen allen in seinem Einflussbereich befindlichen Lebens und Seins durch einen Bruch mit den physikalischen Gewohnheiten seiner Protagonisten und analog dazu denen des Zuschauers spürbar zu machen. Zeit und Raum verlieren jedwede Verlässlichkeit, die Wahrnehmungen verschwimmen und mit ihnen auch Richtig und Falsch, das Vertrauen in die eigenen ethischen Maximen, alles wird böser Rausch und Schmerz. Die Folge sind die unausweichlichen Auflösungen des Geistes, des Körpers und schließlich der Seele.
Wie stets benötigte Lovecraft und mit ihm auch Stanley einen überlebenden Erzähler, gewissermaßen einen „agent de la preuve“, der angesichts des bezeugten Horrors mit Mühe und Not seine Sinne beisammenhalten und Bericht ablegen kann. In seinen Geschichten gelangen die dazugehörigen Beschreibungen oftmals an ihre idiomatischen Grenzen. „Colour Out Of Space“ sorgt dafür, dass der arme Hydrologe Ward seine ungeheuerlichen Erfahrungen vollumfänglich teilen kann. Mit uns.

9/10

VFW

„When you come, boy, you come sharp.“

VFW ~ USA 2019
Directed By: Joe Begos

Irgendwo in einem trostlosen Vorstadtslum steht das „VFW“, Freds (Stephen Lang) kleine, gemütliche Kneipe. „VFW“ steht für „Veterans of Foreign Wars“ und genau aus selbigen rekrutiert sich Freds Stammpublikum. Heute hat Fred Geburtstag und sämtliche seiner noch lebenden, alten Freunde sind gekommen, um mit ihm zu feiern: Mit Walter (William Sadler), Lou (Martin Kove), Doug (David Patrick Kelly) und Zee (George Wendt) war Fred einst in Vietnam, der etwas ältere Abe (Fred Williamson) hat in Korea gedient. Mit dem Jungspund Shawn (Tom Williamson) sitzt sogar ein Premierengast am Tresen, der „frisch aus der Wüste“ heimgekehrt ist. Der Abend könnte wunderbar harmonisch verlaufen, gäbe es im leerstehenden Lagerhaus gegenüber nicht gewaltigen Ärger. Dort hat sich nämlich die junge Elizabeth (Sierra McCormick), genannt „Lizard“, sämtliche Vorräte des lokalen „Hype“-Zars Boz (Travis Hammer) unter den Nagel gerissen, um diesen damit für den Tod ihrer Schwester (Linnea Wilson) zu bestrafen. Bei „Hype“ handelt es sich um eine neue Superdroge, die ihre Konsumenten extrem süchtig macht und parallel dazu in willenlose Hirnwracks, so genannte „Hypers“, verwandelt. Als sich Lizard vor Boz und seinen Leuten ausgerechnet ins VFW flüchtet, fühlen sich die alten Herren verpflichtet, der jungen Dame aus der Patsche zu helfen. Eine blutige Nacht steht bevor.

Das Belagerungsmotiv im Kino schützt eine lange Tradition vor. Ein paar auf engem Raum zusammengepferchte Helden verfügen über irgendjemanden oder irgendetwas, das eine auf der Außenseite befindliche, gewaltige Übermacht haben möchte und müssen dies mit ihrem Leben verteidigen. Klassische, respektive besonders berühmte Vertreter dieser Sub-Gattung wären Howard Hawks‘ inoffizielle Wayne-/Western-Trilogie „Rio Bravo“, „El Dorado“ und „Rio Lobo“, George A. Romeros Zombie-Startschuss „Night Of The Living Dead“ oder John Carpenters spätere diverse Variationen des Themas, allen voran natürlich „Assault On Precinct 13“. Heuer einen „Belagerungsfilm“ zu machen, muss (oder sollte zumindest) als ehrerbietende Hommage an die großen Vorbilder begriffen werden. Dass dem nachweislich rüpelhaft zu Werke gehenden Joe Begos mit „VFW“ just solcherlei vorschwebte, dafür spricht außerdem das wiederum stark an „The Expendables“ angelehnte Ensembleprinzip. Gewiss, hier sind vielleicht nicht die ganz großen Namen vertreten, die gesammelten Filmographien der Akteure präservieren, obgleich viele von ihnen selbst zu Zeiten ihrer Karrierehochs oftmals in Nebenrollen auftraten, ein strahlendes Sammelsurium vielgeliebter kleiner und großer Lieblingspreziosen von Myriaden von film buffs weltweit. Umso mehr Spaß bereitet es, den mehr oder weniger fitten roundabout-seventies (Fred „The Hammer“ Williamson bringt es sogar bereits of stolze 81, wirkt aber keinen Deut älter als seine Kollegen) bei ihrem buchstäblichen Veteranentreffen beizuwohnen. Was den Film selbst und seine Umsetzung anbelangt, so darf man keine großen Sprünge erwarten. Das gesamte Konzept bewegt sich wie anzunehmen auf sehr altersmorschen Stelzen und verlässt sich primär auf seine Besetzung, das entsprechende fan knowledge und seine herben Splattereffekte. Einzig dem Umstand, dass diese vorwiegend im blau-roten Notstromlicht von Freds Kneipe zum Einsatz kommen, dürfte die Tatsache geschuldet sein, dass „VFW“ unbeanstandet die Zensur passieren konnte, denn wie die Senioren mit den allenthalben ihr Sanktuarium flutenden Hypers verfahren, das erinnert in seiner kruden Handarbeit vielfach an die blutgetränkten Höhepunkte der Ära der video nasties.
Ebenso wie nun allerdings der Originalitätsfaktor des Ganzen zu vernachlässigen ist, sollte a priori die mögliche Antizipation einer auch nur ansatzweise ernstzunehmenden Plotstruktur aufgegeben werden; Begos inszeniert stets nach dem Gusto „tongue in cheek“ und bettet das metzlige Geschehen kurzum in irreale Saturnalien ein, die jedwede dramaturgische Logik ignorieren. Ist man bereit, diese Bedigungen in Kauf zu nehmen, mag man sich durchaus zufrieden der mußevollen Kurzweil von „VFW“ hingeben.

7/10

FUNNY MAN

„Sorted.“

Funny Man ~ UK 1994
Directed By: Simon Sprackling

Der Plattenproduzent Max Taylor (Benny Young) gewinnt beim Pokern von dem geheinisvollen Callum Chance (Chtristopher Lee) ein altehrwürdiges englisches Anwesen, dem er sogleich mitsamt seiner Gattin (Ingrid Lacey) und den zwei Kindern (Jamie Heard, Harry Heard) einen schicksalsträchtigen Besuch abstattet. Das Haus erweist sich nämlich als infernalischer Spielplatz eines teuflischen Harlekins, des Funny Man (Tim James), der in einem bitterbösen Reigen nicht nur umgehend die Taylors zur Hölle schickt, sondern auch Johnny (Matthew Devitt), Max‘ verspätet anreisenden Hippie-Bruder und einige von ihm mitgenommene Anhalter.

Simon Spracklings kleine, billig, aber visuell einfallsreich hergestellte Splatter-Comedy bewegt sich nur subliminal über dem Niveau von Amateurkunst und erweist sich vor allem als ein Film von Fans für Fans. Im Geiste der frechen Horrorhelden der Spätachtziger und Frühneunziger, die zu diesem Zeitpunkt längst die Grenzen zur Groteske überschritten hatten, zu den eigentlichen Helden ihres dedizierten Publikums avanciert waren und ihre Erfolge mit Kombinationen aus besonders illustren Mordvarianten und mehr oder weniger subversivem Humor feierten, geriert sich auch der Funny Man, ein realitätsbeugender Dämonenharlekin, dessen äußerlich opulentes Domizil eine reine Spielwiese für seine sadistischen Spielereien darstellt und der sein nach Blut lechzende Zuschauerschaft mittels permanenter Durchbrüche der vierten Wand und Direktansprachen bei Laune hält. Die diversen Drogenreferenzen und -Witzchen, die das Bild mehr oder weniger begleitend mitbestimmen, bildeten dabei offenbar keine rein plotinterne Extravaganz – auch Stab und Besetzung delektierten sich dem Vernehmen nach relativ konstant an BTM-Räuschen. Dies sorgte unter anderem dafür, dass im Zuge zuvor different geplanter, sehr viel ernster konnotierten Szenenabläufe mehrfach improvisiert wurde und der zirzensische Mummenschanz, den „Funny Man“ in seiner nunmehr endgültigen Form abgibt, überhauot erst entstehen konnte. Nicht jeder Gag erweist sich da als echter Volltreffer und ich möchte meinen, dass es auch der gezielt vorbereiteten Kognition des Rezipienten eher zuträglich sein sollte, während der Betrachtung selbst auf bleierne Nüchternheit zu verzichten. Dennoch trägt sich Spracklings Kifferkomik lediglich bis zu einem gewissen Maße, bevor dann doch wieder die offenkundigen Limitationen des Unterfangens zu Tage treten. Charmant ist und bleibt der Film in seiner zur Travestie überspannten Art, die nicht selten an den frühen Peter Jackson erinnert, gewiss. Ein Genrewerk für jedermann dürfte er indes nicht sein.

6/10

BLISS

„Feels like I was possessed…“

Bliss ~ USA 2019
Directed By: Joe Begos

Los Angeles, die unauslotbaren Tiefen der Subkulturen…
Die Underground-Künstlerin Dezzy (Dora Madison) soll ein Gemälde für eine Klientin (Rachel Avery) fertigstellen, hängt aber in einer tiefen Schaffenspause fest. Auf der Suche nach Inspiration und Trips erhält sie von ihrem Dealer Hadrian (Graham Skipper) eine neue Droge, die wie versprochen tief einschlägt. „Diablo“ oder „Bliss“, wie der zu schnupfende Stoff genannt wird, hat ein immens hohes Aktivierungs- und Suchtpotenzial, setzt bei Dezzy jedoch auch ungeahnte kreative und physische Kräfte frei. Ihr Gemälde „wächst“, ohne dass die junge Frau sich überhaupt darin erinnern könnte, an ihm gearbeitet zu haben. Und noch unheimlichere Begebenheiten geschehen. Dezzys Freundin Courtney (Tru Collins) entpuppt sich als Vampirin, die auch Dezzy mit dem süßen Geschmack von Menschenblut vertraut macht, woraufhin diese noch eine weitere Abhängigkeit entwickelt – nämlich auf das frische, körpereigene Nass – und bei der Auswahl und Präparierung ihrer wachsenden Opferzahl alles andere als zimperlich zu Werke geht…

Joe Begos‘ dunkelrotgetünchtes, hartes Drogen- und Rock-Märchen nimmt sich ein wenig zwiespältig aus. Zum einen präserviert es ganz erfolgreich die Auswüchse des wilden Genre- und Undergroundkinos der frühen Achtziger rund um Ferrara, Henenlotter oder Cronenberg, zum anderen verwechselt es – leider – allzuoft Stil mit Vulgarität. Mit der derb gezeichneten Künstlerin Dezzy im Zentrum versichert sich Begos einer toughen Feministin als figuraler Zentrale, bei der „Bliss“ dann auch seine gesamte, kurze Spielzeit über eng verweilt. Wie alle Drogen verschafft auch jener neue Stoff, auf dessen Beutel Dealer Hadrian verführerisch „Diablo“ geschrieben hat, gleichermaßen Segen und Fluch. Die audiovisuellen Eindrücke intensivieren sich, der Sex ist unvergleichlich, die Kreativität fließt wieder ungehindert. Doch nach Abebben der Wirkung kommt das große Loch, der Dopaminspiegel sinkt, der Blutdruck steigt analog zur Nervosität. Neues Zeug muss ran, die Party muss weitergehen. Dass hinter Diablo offenbar noch mehr steckt, ein übernatürliches Element gar, das seine KonsumentInnen zu blutrünstigen Nachtgeschöpfen macht, erfährt Dezzie bereits binnen der nächsten Stunden. Sämtliche Personen ihres näheren sozialen Umfelds, die das Pech haben, ihr über den Weg zu laufen, werden zu umgehend zerfetzten Opfern ihrer neuen Sucht, derweil das Gemälde sich fortwährend weiterentwickelt – mit einem ungeahnten Hauptmotiv im Zentrum…
Dass ihre Mitmenschen und die ihnen Beziehungen anhänglichen Beziehungsgeflechte lediglich toxische Bremsklötze für Dezzy und ihren künstlerischen Werdegang darstellen, wird recht schnell eklatantes Leitmotiv. Seien es Dezzys gönnerhafter Lebensgefährte (Jeremy Gardner), ihr gieriger Agent (Chris McKenna), ihr Dealer oder Courtney nebst Anhängsel Ronnie (Rhys Wakefield) – sie alle scheinen Dezzy permanent unter ihrer jeweiligen Fuchtel zu halten und übervorteilen zu wollen. Dezzys Blutrausch hat gewissermaßen also auch psychosanitäre Gründe als großer Befreiungsschlag. Dass derweil Dora Madisons zuweilen gezwungen aufgetragene Dia- und Monologe, in denen jedes zweite ein Vier-Buchstaben-Wort ist, auf Dauer eine enervierende Wirkung ausüben, kann man angesichts des sich in der zweiten Hälfte potenzierenden Splatterfaktors aushalten lernen können. Immerhin vereinfacht die gute Songkompilation auf der Tonspur dieses Unterfangen in teils wirklich brauchbarer Varianz.

6/10

ONCE UPON A TIME… IN HOLLYWOOD

„You are real, right?“

Once Upon A Time… In Hollywood ~ USA/UK/CN 2019
Directed By: Quentin Tarantino

Hollywood, 1969. Während das Studiosystem langsam vor sich hin zerbricht, steht es auch für den darbenden Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), Nachbar von Roman Polanski (Rafal Zawierucha) und Sharon Tate (Margot Robbie), sowie seinen Kumpel, Stuntman und Faktotum Cliff Booth (Brad Pitt), nicht eben zum Besten: Klassische Rollen in Genrefilmen und -Serien, wie Dalton sie zu spielen gewohnt ist, werden zusehends rarer, analog dazu steigt sein Alkoholkonsum. In der Ferne winkt bereits Cinecittà mit seinen Discounter-Angeboten für abgehalfterte US-Stars. Während Dalton sich vor allem mit sich selbst und seinem sinkenden Stern herumschlägt, lernt Booth durch einen bloßen Zufall die auf der Spahn-Ranch hausende Hippieclique um Charles Manson (Damon Herriman) kennen. Nachdem Dalton für ein halbes Jahr und vier Filme nach Rom verschwunden ist, teilt er, mittlerweile verheiratet, Booth bei seiner Rückkehr mit, dass er ihrer beider Geschäftsbeziehung aus finanziellen Gründen beenden müsse. Ihre letzte gemeinsame Sause fällt just auf die Nacht der geplanten Tate-LaBianca-Morde. Die marodierenden Manson-Jünger erleben ihr bluttriefendes Wunder.

Q.T.s jüngste Leinwandscharade versteht sich gleichermaßen als Hommage und Reminiszenz an die Götterdämmerung des alten Studiosystems, bevor New Hollywood mit seinen jungen, vollbärtigen Wilden, Studenten und Intellektuellen die noch verbliebenen Mogule und executives endgültig das kreative Fürchten lehrt. Während sich bereits die letzten beiden Sommer der Liebe durch schwelende Infektionen infolge von Drogenpsychosen, Vietnam und Rassenunruhen nach und nach in ihre gesellschaftspolitischen Antipoden wandeln, plant die Manson Family ihren willkürlich ausgeführten Mordzüge in der Nacht zum 9. August 1969, die insgesamt sieben Menschen das Leben kosten werden, darunter die hochschwangere Sharon Tate.
Tarantino inszeniert vor dieser Kulisse ein episodisch angelegtes Kaleidoskop von dem, was war und hätte sein können, wäre nur das Leben selbst ein raubeiniger Exploitationfilm. Wie er bereits in „Inglourious Basterds“ den Verlauf der Geschichte umschrieb, um Hitler von einer jüdischen Partisanin in einem Pariser Kino zum Teufel jagen zu lassen, formuliert er hier eine Liebeserklärung an eine von Margot Robbie als grenzätherisches Himmelswesen mit schmutzigen Füßen  interpretierte Tate, die im Rahmen dieser Phantasie dann auch von den Manson-Jüngern unbehelligt bleiben und weiterleben darf – dank Rick Dalton und Cliff Booth, die, beseelt von Acid und Booze und unter der unschätzbaren Mithilfe von Pitbull Brandy, den Manson-Jüngern ihre höchstpersönlichen Höllentickets verehren. Jener lose Plot legt sich einer dünnen Transparentfolie gleich auf eine Kette amüsanter Anekdoten aus Tarantinos fabulierfreudigem Hinterkopf, flankiert von teils verblüffenden Doppelgänger-Appearances tatsächlicher Ikonen wie Steve McQueen (Damian Lewis) oder Bruce Lee (Mike Moh), dessen großmäulig-affige Porträtierung dem Regisseur ja bekanntermaßen einige Kritik eintrug. Doch damit längst nicht genug der Ideenvielfalt; im Zuge eines herrlich arrangierten Tagtraums findet sich Rick Dalton anstelle von McQueen in Sturges‘ „The Great Escape“ wieder, es versichert sich Cliff Booth, dass sein alter Kumpel George Spahn (Bruce Dern) sein Domizil den Hippies auch wirklich aus freien Stücken zur Verfügung stellt und die vor Glück strahlende Sharon Tate bewundert sich selbst in Phil Karlsons finalem Matt-Helm-Abenteuer „The Wrecking Crew“ auf der Großleinwand. Seine Liebe und Kenntnis von und zu jener Ära gießt der persönlich gewiss nicht immer unanstrengende Märchenonkel Tarantino binnen schöner, lichtdurchfluteter Bilder in sein essayistisches Werk und macht daraus seinen konziliantesten Film mindestens seit „Inglourious Basterds“, vielleicht sogar seit „Jackie Brown“. Ich persönlich muss sagen, dass der Mann sich, und sei es bloß hinsichtlich seines Könnens, mit „Once Upon A Time… In Hollywood“ eine ganze Masse Sympathiepunkte meinerseits zurückerobern konnte. Nach dem teils unangenehm selbstberauschten „The Hateful Eight“ waren meine Erwartungen an Kommendes entsprechend mäßig, umso erfreulicher, dass Tarantino sich nicht weiter in Richtung schöpferischer Nulllinie bewegt.
Schön!

9/10

CHARLIE SAYS

„But what do you think?“

Charlie Says ~ USA 2018
Directed By: Mary Harron

Drei verurteilte, junge Frauen aus der Manson-Family, Leslie Van Houten (Hannah Murray), Patricia Krenwinkel (Sosie Bacon) und Susan Atkins (Marianne Rendón), verbleiben nach der Abschaffung der Todesstrafe im Staat Kalifornien zunächst weiter im entsprechenden Trakt ihres Gefängnisses. Die bodenständige Feministin und Sozialarbeiterin Karlene Faith (Merritt Wever) nimmt sich des Trios in ehrgeiziger Weise an und versucht zunächst, die fragilen Persönlichkeiten und Beweggründe ihrer Studienobjekte nachvollziehen zu lernen. Als Faith jedoch mit wachsender Bestürzung feststellt, dass Mansons Indoktrination weiterhin stabil bleibt, entschließt sie sich ststtdessen, die psychischen Schutzmechanismen der drei Frauen zu durchbrechen und sie mit der tatsächlichen tragweite ihrer Verbrechen zu konfrontieren.

Mary Harron interessiert sich seit jeher für schillernde Persönlichkeiten aus den vergangenen Dekaden und die zeitlichen Kontexte, in denen sie erblühten. Sie befasste sich mit Valerie Solanas und Andy Warhol, mit Bettie Page und jüngst, zum fünfzigsten Jahrestag der „Helter-Skelter“-Morde, mit Charles Manson, respektive seiner kleinen Kommune aus Untergebenen. Im Fokus von Harrons Observation steht die naive Leslie Van Houten. Aus einem gestörten Verhältnis zu ihrer Mutter (infolge einer illegalen Abtreibung in Leslies frühester Jugend) und massivem Drogenkonsum landete sie über Umwege bei Manson und seiner „Familie“ und ließ sich, wie die meisten seiner Untergebenen, von dessen gehirnwäscheartigen Oktroyierungen bis zum Verlust ihrer Individualität hin einlullen. Der beinahe permanente, begleitende Einsatz psychoaktiver Drogen macht sie schließlich zu einer willenlosen, völlig devoten Sklavin von Mansons verquerem Weltbild, seinen irrwitzigen Thesen und schließlich seinem Plan zur Forcierung des ohnehin zu erwartenden Rassenkrieges. In dessen Zuge gab Manson schließlich die Aufträge zu den berüchtigten sieben Morden, die in zwei Zügen durchgeführt wurden und denen auch Roman Polanskis schwangere Frau Sharon Tate zum Opfer fiel. Aktiv und in umso bestialischerer Weise beteiligte sich Van Houten, die von Manson das Kommunen-Alias „Lulu“ verpasst bekommen hatte, an der Ermordung von Rosemary LaBianca, mehr oder weniger ein rein zufällig ausgewähltes Opfer.
Harrons Porträt nun dieser verlorenen jungen Frau (die heute, mit 70 Jahren und nach etlichen Bewährungsgesuchen nach wie vor im Gefängnis sitzt) bezieht eine eindeutig sympathisierende Position für Van Houten, die tendenziell kontrovers in Augenschein genommen werden muss. In Harrons Perspektivierung, die auf zwei Monographien zum Fall (von Ed Sanders und Karlene Faith) rekurriert, erlebt man Lesie van Houten höchstselbst als Opfer – als Opfer nämlich ihrer Lebensumstände, ihrer Zeit und ihrer fragilen, psychischen Determination. Sie kommt zu Manson, jenem von Matt Smith mit beeindruckender physiognomischer Ähnlichkeit dargestellten Wolf im Schafspelz, als willfähriges Lämmchen, als Knetklumpen, dem Manson bloß noch sein misogynes Brandzeichen verpassen muss, um sie zum treuen Gefolgsmädchen umzuerziehen. Auch im weiteren Verlauf von „Charlie Says“ wird Van Houtens vermeintlich brave Persönlichkeit nie in Frage gestellt, sie wird zum sprichwörtlichen Fähnchen im Wind, das lernt, keine autarken Entscheidungen mehr zu treffen und sich vollends dem oberflächlichen Charisma Mansons hinzugeben, ihm vollends hörig zu sein.
Hier schält sich nah und nach eine tiefere, gemeingültigere Motivebene Harrons heraus – die Kraft des Patriarchats. Ihr Charles Manson ist ein dummer, eitler und narzisstischer Spinner, der sich selbst zum musikalischen Genie verklärt, darüber hinaus klägliche Misserfolge erlebt (etwa, als Byrds-Produzent Terry Melcher ihm eine Abfuhr verpasst) und diese mittels nurmehr noch harscherer Machtspielchen sublimiert. In der (hypothetischen) Analyse, wie und warum eine doch recht beträchtliche Anzahl junger Frauen und Männer diesem doch sehr unreflektiert und beinahe tumb gezeichneten Geck in die Fänge geraten konnten; worin mit Ausnahme seines guten Aussehens ferner das ja doch unleugbare, einstige Charisma Mansons gelegen haben mag, versagt „Charlie Says“ leider, dabei bot sich doch hier gerade eine willkommene Chance zu einer ebensolchen, reflektierten Untersuchung. Auch auf schauspielerischer Ebene verharrt der Film zumeist im mediokren Sektor, lediglich das Kolorit der dargestellten Ära vermag er durch zahlreiche visuelle Details wie eine an zeitgenössische Plattencover angelehnte, leicht vergilbte Optik, wiederum atmosphärisch adäquat wiederzuerwecken.
Insgesamt doch deutlich weniger spendabel als erhofft.

6/10

THE MULE

„I could buy everything, but I couldn’t buy time.“

The Mule ~ USA 2018
Directed By: Clint Eastwood

Eher durch ganz alltägliche Koinzidenz gerät der alte Blumenzüchter Earl Stone (Clint Eastwood) an die mexikanische Drogenmafia. Ein lukrativer Job, in dessen Zuge Earl nichts anderes zu tun hat, als mit seinem rostigen Pick-up eine Ladung Kokain von Texas nach Illinois zu transportieren und dort abzuliefern, lässt den rüstigen Rentner Blut lecken. Er wird zu einem „mule“, einem interstaatlichen Drogenkurier der mexikanischen Kartelle, der sich durch seine ruhige und unaufgeregte Art schon bald die Sympathie seiner Mittelsmänner sichern kann und immer mehr Geld verdient. Derweil kriselt es an allen sonstigen Fronten: Die DEA in Form des umtriebigen Agent Bates (Bradley Cooper) wird auf Earl aufmerksam und heftet sich an seine Fährte; die Beziehung Earls zu seiner Familie kriselt heftigst. Als ein Emporkömmling (Clifton Collins Jr.) aus der eigenen Organisation Earls obersten Boss, den Kartellchef Laton (Andy Garcia), aus dem Weg räumt, fangen Earls Schwierigkeiten jedoch erst richtig an.

Und erneut liefert der große alte Mann des amerikanischen Kinos ab, folgt seinem Stil als lakonischer auteur, der um sich selbst als Protagonisten immer noch die wahrscheinlich schönsten Storys inszeniert und vermag selbst als greiser 88-jähriger noch seine Anhängerschaft zu rühren, ohne sich Weinerlichkeiten hinzugeben. Den Vorschutz von lauter Aggressivität, wie ihn der oftmals wütende Eastwood der siebziger und achtziger Jahre noch befleißigte, ist längst passé und selbst ein paar unumgängliche Gewaltmomente, wie die Ermordung des druglord Laton oder eine Tracht Prügel, die Earl Stone von zwei mexikanischen Gorillas bezieht, spielen sich entweder in beinahe humoristisch geprägtem Kontext ab bzw. werden erst gar nicht onscreen dargestellt. Stattdessen frönt Eastwood ganz lässig jenem Topos, der ihn bereits seit rund drei Dekaden und mit zunehmender Vehemenz vornehmlich umtreibt – der Melancholie des würdevollen Alterns. Auch das damit eng verbundene Motiv der entfremdeten Familie, die über die Jahre hinweg zum Opfer des autobiographisch in der Hauptsache mit sich selbst und seinen Angelegenheiten befassten, alternden Eigenbrötlers wird, geriert erneut zum wesentlichen Stoff von Eastwoods nach wie vor uramerikanischer Geschichtsschreiberei. Earl Stone ist alles andere als ein Mensch mit kriminellem Potenzial. Vielmehr möchte man ihn als typischen Südstaatensenior vom alten Schlag – Korea-Veteran, Charmeur, leidenschaftlicher Blumenfreund und eben lausiger Familienvater, der er ist – bezeichnen, einen, der Afroamerikaner noch so unbedarft wie freundlich als „negroes“ anspricht und den die vergessene Hochzeit seiner Tochter (Alison Eastwood) zugunsten des Besuchs einer Blumenmesse auch deren letzte Sympathien kostet. Der Einsatz seiner realen Tochter in dieser Rolle spricht Bände. Zwölf Jahre später hat der Online-Handel den hoffnungslos technikfremden Ewiggestrigen, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Internet und Mobiltelefone schimpft, in den Ruin getrieben. Hier setzt dann der Kernplot ein, der Earl Stone als zumindest geistig noch wendigen Lebenskünstler zeigt, der sich von dem Geld für seine Koksfahrten noch ein paar schöne Dinge gönnt. Wie zuletzt stets befleißigt sich Eastwood aufs Neue der treuen Weise „the best stories are written by life itself“ und erzählt die wahre Geschichte des Horikulturisten und Drogenkuriers Leo Sharp nach, der über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg quer durch die USA Kokain für das Sinaloa-Kartell transportierte und mit 87 Jahren verhaftet wurde. Nach einem Jahr der abzusitzenden Strafe wurde der nette, alte Herr wieder entlassen und starb dann wiederum zwei Jahre später. Seinen Film lässt Eastwood nicht mit dem Tod des Protagonisten enden. Er zeigt seinen Earl Stone vielmehr da, wo er glücklicher nicht sein könnte – bei der Blumenhege. Dass dieser sich dabei im Knast befindet, trübt seine sympathische Geschichte keinesfalls ein, im Gegenteil. Der Mythos darf vielmehr noch ein paar Jahre weiterleben.

8/10

MIDSOMMAR

„Every Midsummer we have this dance competition and the winner gets crowned.“

Midsommar ~ USA/S/HU 2019
Directed By: Ari Aster

Infolge einer Familientragödie schwer traumatisiert, erscheint der Studentin Dani Ardor (Florence Pugh) der geplante Schweden-Trip ihres Freundes Christian (Jack Reynor) als eine zweckmäßige Ablenkung. Christians Kommilitone Pelle (Vilhelm Blomgren) lädt das Paar sowie die zwei Mitstudierenden Josh (William Jackson Harper) und Mark (Will Poulter) ein, mit ihm das Mittsommerfest im idyllischen Hälsingland zu feiern, wo Pelle in einer streng naturvebundenen Kommune namens Hårga aufgewachsen ist. Während Mark vor allem Kontakte zu hübschen Europäerinnen aufbauen möchte, interessiert sich der Anthropologe Josh im Zuge seiner geplanten Diplomarbeit vielmehr für alte, paganistische Glaubensgemeinschaften. Mit der Ankunft in Hårga erlebt das um die beiden Engländer Connie (Ellora Torchia) und Simon (Archie Madekwe) angewachsene Septett sogleich den Übergang in eine sonderbar entrückt scheinende Parallelwelt, unterstützt von halluzinogenen Pilzen, die nicht jedem von ihnen einen angenehmen Trip verschaffen. Besonders Dani erlebt den Rausch als psychische Belastungsprobe. Die durch die Mitternachtssonne hervorgerufene andauernde Helligkeit macht den BesucherInnen von außerhalb  noch zusätzlich zu schaffen. Als die quirligen Verschrobenheiten der Hårga-Bewohner dann mehr und mehr albtraumhafte Züge annehmen und zunächst Simon und Connie spurlos verschwinden, zeichnet sich ab, dass die Kultisten längst handfeste Pläne mit ihren Besuchern haben…

Ari Asters zweiter Langfilm „Midsommar“ übertrifft seinen bereits sehr sehenswerten Erstling „Hereditary“ nochmals. Mit seinem paradoxerweise zugleich lichtdurchfluteten und dabei von einer latenten, umfassenden Finsternis eskortierten Trip in die Alte Welt findet der Nachwuchs-Auteur nochmals tiefer in jene Topoi hinein, die bereits sein Debüt umtrieben, allem voran die (dezidiert psychologisch skizzierte) Dysfunktionalität zivilisierter sozialer Mikrokosmen im harten Kontrast zur diabolischen Funktionalität von im Abseits agierenden Parallelgruppierungen, die sich wiederum die psychische Fragilität dezentrierter Gesellschaftsmitglieder zunutze machen. In visueller Hinsicht bewusst konträr im Vergleich zu „Hereditary“ gestaltet (dessen düsterer Okkulthorror geradezu aufgeräumten Szenarien weicht, in denen gewiss trotzdem allerhand zu entdecken ist), bleibt beiden Filmen dennoch die finale Konsequenz einer unausweichlichen Determinierung ihrer jeweiligen ProtagonistInnen gemein.
In diesem Zusammenhang muss sich „Midsommar“ gleichfalls allerdings die (sanfte) Kritik gefallen lassen, auf inhaltlicher Ebene eine Variation von Robin Hardys „The Wicker Man“ vorzuschießen und somit doch Einiges an vermeintlicher Originalität zu verspielen. Hardys Film wurde 2006 ja bereits ein nominelles Remake von Neil LaBute beschert (das ich bisher noch nicht gesehen habe), fairerweise hätte man nun von Aster zumindest eine „inspired by…“ – Erwähnung oder Ähnliches erwarten dürfen. Denn dass die Plots beider Filme teils gar detaillierte Analogien aufweisen, das lässt sich nunmal nicht ignorieren. Dem gegenüber steht allerdings Asters bierernster Ansatz, dem scheinbar abjekten Auftreten seines paganistischen Kults zu begegnen – war bei Hardy noch ein bissig-ironischer Ansatz eklatanter Begleiter des Geschehens, ist derlei schelmisches Augenzwinkern in „Midsommar“ garantiert absent. So lässt sich auch dessen Genrezugehörigkeit eindeutiger umreißen, nicht zuletzt durch den Gebrauch zusätzlich irrealisierender Elemente (wie die immer wieder evozierten Rauschzustände oder das inzestuöse Orakel), heftiger Gewaltspitzen und sanft eingeflochtener Slasher-Elemente.
In jedem Fall liefert „Midsommar“ ungeachtet der oben umrissenen Dämpfer bezüglich seines aufgewärmten Narrativs einen neuerlichen, hervorragenden Beweis für die ungemein kreative Vitalität und Vielfalt, die der Horrorfilm derzeit genießt und zudem ein brauchbares Antidot für all jene, die durch die Flut an Franchises und seriellem Erzählen etwas die Lust an Kino verloren haben.

9/10