TRICK `R TREAT

„Happy Halloween!“

Trick `r Treat ~ USA 2007
Directed By: Michael Dougherty

In der Kleinstadt Warren Valley, Ohio geschieht zum diesjährigen Halloween-Umzug allerlei wahrhaft Grausiges: Der hiesige High-School-Direktor Wilkins (Dylan Baker) entpuppt sich als Serienkiller, der es sowohl auf adipöse Süßigkeiten-Junkies wie auch auf hübsche Backfische abgesehen hat; ein Quartett von Teenagern (Britt McKillip, Isabelle Deluce, Jean-Luc Bilodeau, Alberto Ghisi) spielt einer Außenseiterin (Samm Todd) einen bösen Streich, der schwer nach hinten losgeht; eine Gruppe weiblicher Werwölfe veranstaltet eine Party mit jungen Männern als Hauptgang; der ein schlimmes Geheimnis hütende Säufer Kreeg (Brian Cox) bekommt nicht nur eine alte Rechnung präsentiert, sondern muss sich zudem noch des überaus regelgestrengen Sam (Quinn Lord), des inkarnierten Geists der Halloweennacht, erwehren.

Thematisch um Halloween kreisende Horrorfilme oder zumindest solche, die im Kontext des besonders in den USA ausgelassen gefeierten, den All Saint’s Day und den Day of the Dead antitipierenden Maskenfests spielen, sind zahlreich. Man kann durchaus von einem eigenen, kleinen Subgenre sprechen, dem der phantastikaffine Michael Dougherty nach einigen Scripts für Superheldenfilme von Bryan Singer und unter dessen produzierender Ägide 2007 sein Regiedebüt zusetzte. Gestaltet als ein Quasi-Episodenfilm, dessen einzelne Segmente sich jedoch inhaltlich wechselseitig beeinflussen und teilweise kausal bedingen, gibt es im Wesentlichen vier narrative Hauptstränge und einen sie alle mehr oder weniger verbindenden Überbau in Form eines kleines Dämons, der darauf achtet, dass die spirituelle Tradition von Samhain stets gewahrt bleibt. Wer diese in jedweder Form missachtet oder gar ignoriert, bekommt seinen Frevel auf dem Fuße hart entgolten. Seine hübschen Storys, in denen die allermeisten, die sich auf die eine oder andere Weise moralisch verschulden, einer bitteren Strafe entgegensehen, für die nicht immer zwangsläufig der Halloween-Dämon verantwortlich zeichnet, inszeniert Dougherty als grelles fright fest im Sinne klassischer Horrorcomics und wahrt dabei stets einen zumeist sehr galligen Humor, der gern auch mit der einen oder anderen augenzwinkernden, den Connaisseur reizenden Avance hausiert. Dadurch, dass Dougherty seine Geschichten zudem parallel montiert, sie also nicht losgelöst voneinander erzählt, entsteht eine Art von Homogenität, die eine nette Alternative zum klassischen Korsett des üblichen episodisch erzählten Horrorfilms darstellt. Einen instant classic erhält man dadurch zwar noch nicht, sehr wohl aber eine hübsche Alternative für den jährlichen, effektiv zu gestaltende Themenabend am 31. Oktober.

7/10

SEIZED

„I never get my hands dirty.“

Seized ~ USA 2020
Directed By: Isaac Florentine

Nachdem Nero (Scott Adkins), der einst für den britischen Nachrichtendienst gearbeitet hat, verraten wurde, lebt er verwitwet, unter neuer Identität und als alleinerziehender Vater seines pubertierenden Sohnes Taylor (Matthew Garbacz) in Mexiko. Eines Tages wird Taylor von dem Kartellchef Mzamo (Mario Van Peebles) entführt und nur unter der Bedingung wieder frei gelassen, dass Nero als Mzamos Erfüllungsgehilfe sämtliche konkurrierenden Bosse mittels einer konzentrierten Großreinemachaktion aus dem Weg räumt. Nero lässt sich auf das Spiel ein, jedoch nicht ohne die Ankündigung, die Kidnapper am Ende selbst zur Rechenschaft zu ziehen…

Zu einem ziemlich langweiligen und zudem recht uninspirierten Resultat ist diese mittlerweile achte Zusammenarbeit von Regisseur Florentine und Scott Adkins gelangt: Letzterer schlägt sich als ehemaliger, nunmehr retirierter Superagent im Zuge der x-ten „Commando“-Variante durch eine unfreiwillige Terminierungsmission, die man gut und gern als verlockende Utopie aller mexikanischen Drogenkartellbosse bezeichnen möchte. Mario Van Peebles spielt diesen keinesfalls unsympathischen und neben einem breitkrempigen Cowboyhut auch mit einem hehren Ehrenkodex ausgestatteten Bösewicht als überaus menschlichen Ganoven mit karitativem Ansinnen – Erziehung, Bildung und Forschung wolle er subventionieren und könne dies eben am ungestörtesten leisten, wenn die lästige und sehr viel boshaftere Konkurrenz unter der Erde läge. Immerhin scheint Van Peebles die latente Ironie des Ganzen bewusst gewesen zu sein. Mit seiner Tongue-in-cheek-Performance bildet er den einzigen veritablen Lichtblick von „Seized“. Adkins als Nero mag derweil zwar nicht gern den erpressten Handlanger spielen, erledigt seine Tötungsaufträge jedoch trotzdem mit aller gebotenen Präzision und türmt hinter sich die Leichen zahlreicher böser Mexikaner auf. Am Ende trennen sich die beiden Widersacher schließlich gütlich – immerhin hatten sie gewissermaßen ja beide was von der ganzen Aktion, nicht zu unterschlagen, wie hoffnungslos albern die Vater-Sohn-Beziehung sich konturiert findet. Nun – Florentines und Adkins‘ B-Action-Biz ist gewiss nicht immer ganz einfach. Mit Kleinstbudgets für ein nicht allzu umfangreiches Zielpublikum arbeiten zu müssen, bedingt ja vermutlich diverse Zugeständnisse; wenn diese jedoch auf Kosten von Kreativität, Stil und Pacing gemacht werden, dann muss entsprechende Kritik erlaubt sein. „Seized“, mindestens so dümmlich wie oben teilweise eruiert, schleppt sich, unterbrochen von etlichen albernen Füllszenen und von hässlicher Digitalphotographie getragen durch seine kurze Spielzeit und kann nichtmal in punkto exzessiver Action punkten, denn auch diese bleibt stets verhalten und löst nichts von dem ein, was man sowohl von Florentine als auch von Adkins in der Vergangenheit schon sehr viel intensiver und druckvoller gesehen hat.
Neudeutsch nennt man das: lame.

3/10

TITUS

„Rome is but a wilderness of tigers.“

Titus ~ UK/I/USA 1999
Directed By: Julie Taymor

Der Feldherr Titus Andronicus (Anthony Hopkins) kehrt siegreich nach Rom zurück, die gefangene Gotenkönigin Tamora (Jessica Lange), ihre Söhne und ihren heimlichen Galan Aaron (Harry Lennix), Tamoras Liebhaber, im triumphalen Schlepptau. Den Gebräuchen gemäß lässt Titus Tamoras Ältesten Alarbus (Raz Degan) im Gegenzug für den Verlust vieler seiner eigenen, auf dem Schlechtfeld gefallenen Söhne opfern und beschwört damit den grenzenlosen Zorn Tamoras herauf. Dadurch, dass Titus selbst auf den just freigewordenen Thron des Kaisers verzichtet und für dessen Sohn Saturninus (Alan Cumming) wirbt, beeinflusst er zugleich nachhaltig sein eigenes Schicksal: Saturninus ehelicht Tamora, die mithilfe Aarons und ihrer anderen zwei Söhne Demetrius (Matthew Rhys) und Chiron (Jonathan Rhys Meyers) Titus das meiste von alldem nimmt, was ihm lieb und teuer ist. Schließlich ist es an Titus und den Seinen, sich grausam für die erlittene Schmach zu rächen.

Die Shakespeare-Expertin Julie Taymor inszenierte dieses als besonders blutrünstig geltende Stück des Meisters als ihre erste reguläre Spielfilmarbeit (ihr eigentliche Debüt „The Lion King“ bildete zwei Jahre zuvor eine abgefilmte Bühnenadaption des gleichnamigen Stoffs). Während „Titus Andronicus“ zeitgenössisch erfolgreich gespielt wurde, wandte das Theater sich in den folgenden Jahrhunderten von ihm ab – allzu geschmacklos erschienen die befleißigten Topoi und Motive, die Shakespeare hier in farbigster Exploitation auszuformulieren pflegte.
Taymor indes kombinierte kurz vor der Millenienwende Bühne und Film in durchaus aufregender Weise – an „Originalschauplätzen“ entstanden, wählte sie für das Setting eine alternierende Phantasierealität, die sich als eine Art Kaleidoskop aus spätem Römischen Reich, der Mussolini-Ära und einer verqueren, postapokalyptischen Ästhetik präsentiert, die Originaldialoge stets akribisch berücksichtigend. Aus der entsprechenden Gemengelage resultiert zugleich ein tiefschwarzer Humor, der sich immer wieder Bahn bricht und die Artifizialität seiner Wurzeln lustvoll prononciert. Schließlich werden selbst aktuelle popkulturelle Referenzen eklatant, wenn Anthony Hopkins als seine Rache vollendender Titus Andronicus im Finale eine eindeutige Brücke zu seiner Lebensrolle des Hannibal Lecter schlägt. Indes bildet der erzählerische Rahmen bei Taymor, die ihren „Titus“ primär aus der Perspektive von dessen Enkelsohn Lucius (Osgeen Jones) schildern lässt, ein versöhnliches Element, das das düstere Originalstück seinem Publikum stets vorenthielt: Während darin auch das in Unehre geborene Bastardkind von Tamora und Aaron sterben muss, offeriert im der Film eine mögliche, bessere Zukunft, indem es von Lucius dem Sonnenaufgang eines neuen Tages entgegengetragen wird – hier, im Zuge dieses hoffnungsvollen Schlussbildes, darf die friedvolle Zukunftsvision unverdorbener Jugend über den Defätismus von Usurpation und Faschismus obsiegen.

8/10

SPIRAL: FROM THE BOOK OF SAW

„Wait, I thought the Jigsaw Killer was dead.“ – „He is.“

Spiral: From The Book Of Saw (Saw: Spiral) ~ USA/CA 2021
Directed By: Darren Lynn Bousman

Jahre nachdem John Kramer und seine Vasallen das Zeitlich gesegnet haben, beginnt ein weiterer Nachahmer, das grausame Werk des Serienmörders mit der moralisch verqueren Agenda wiederaufzunehmen. Die Opferschaft rekrutiert sich diesmal ausnahmslos aus der Abteilung des Polizisten Ezekiel „Zeke“ Banks (Chris Rock), der es als „ehrlicher“ Detective mit seinen korrupten und karrieregeilen Kolleginnen und Kollegen selbst nie einfach hatte. Als schließlich auch Banks‘ neuer Partner William Schenk (Max Minghella) tot aufgefunden wird und sein Vater (Samuel L. Jackson), ein renommierter Ex-Cop, verschwindet, nimmt der Fall zunehmend persönliche Züge für den Ermittler an.

Mit diesem erstmals seit dem dritten Sequel wieder von Darren Lynn Bousman inszenierten, mittlerweile neunten Zugang des „Saw“-Franchise, erhält selbiges seinen bislang zugleich schwächsten Beitrag. Die von James Wans Original einst quasi mitbegründete Welle des seinerzeit als so abschätzig wie hilflos bezeichneten „torture porn“ ist zumindest in ihrer originäen Ausprägung bereits seit längerer Zeit wieder abgeebbt, was zugleich auch die ausgeklügelten Folterfallen des Jigsaw-Killers gewissermßen zu einem Anachronismus macht. Dennoch bleiben diese in ihrer vergleichsweise raren Aussäung das interessanteste Element von „Spiral“, während die weiteren Versuche, der Reihe ein kleines Maß an Innovation zu verschaffen, ziemlich kläglich im Kielwasser der Bemühtheit verkluckern. Chris Rock als Heldenfigur und Antagonist des jüngsten Kramer-Schülers soll gleichfalls kecken Humor und innere Zerrissenheit vermitteln, ein Ansatz, der infolge der nunmehr jahrzehntelang kultivierten Selbsttypologie Rocks als Stand-up-Comedian frontal vor die Wand rauscht. Flotte Sprüche in Kombination mit einer inflationär mit Vier-Buchstaben-Wörtern gesäumten Sprache und Autorferenzen mögen Rocks gewünschter Signatur entsprechen, bremsen den ursprünglichen Charakter der Serie jedoch bloß in beschädigender Weise aus. Bousman müht sich zudem nach Kräften, dem gewohnt modrigen Industrial-Ambiente einen konträren Stil aus lichtdurchfluteter, grellgelber Urbanität entgegenzustellen, was am Ende als auch kaum mehr denn angestrengt im Gedächtnis bleibt. Schließlich entpuppt sich der sich clever wähnende twist, der natürlich um die wahre Identität des neuen Trittbrettfahrers kreist, als allzu offensichtlich bis nachlässig arrangiert. Ich war geradezu erleichtert, als der omnipräsente, personell scheinbar unverzichtbare Samuel L. Jackson im Finale von Kugeln durchsiebt wird – zumindest bleibt dieser somit einer eh kaum vermeidbaren, weiteren Fortsetzung erspart.
Wobei bei „Saw“ ja andererseits wiederum doch mit allem zu rechnen sein muss. Erstmals in den nunmehr siebzehn Jahren, in denen es nun heißt „I want to play a game“ spüre ich allmählich reelle Ermüdungserscheinungen. Kein gutes Zeichen…

5/10

THE DARE

„I could’ve had what you had…“

The Dare ~ USA/UK/BG 2019
Directed By: Giles Alderson

Eines Abends wird Jay Jackson (Bart Edwards), Ehemann und Vater zweier kleiner Töchter, aus seinem Vorstadthäuschen entführt und erwacht später angekettet in der Ecke eines maroden Raumes. Mit ihm gefangen sind noch drei andere Personen etwa gleichen Alters, die jeweils in den anderen Ecken der Kammer kauern: Der Wachmann Adam (Richard Short), die abgeklärt wirkende Kat (Alexandra Davis) und der übel zugerichtete Paul (Daniel Schutzmann). Wie der verstörte Jay erfährt, sind alle vier Opfer eines mysteriösen Kidnappers (Robert Maaser), der seine Gefangenen rohes Fleisch essen lässt und sie immer wieder mittels perverser Aktionen quält, die sie sich gegenseitig zufügen müssen. Es dauert eine Weile, bis man auf ein Ereignis in der Vergangenheit stößt, das die vier miteinander verbindet: Einst als Kinder haben sie während eines Sommerurlaubs einen kleinen Jungen namens Dominic (Mitchell Norman) gemeinsam gequält und einer „Mutprobe“ unterzogen: Dominic sollte in das Haus eines lokal berüchtigten Farmers (Richard Brake), dem man nachsagte, seinen eigenen Sohn ermordet zu haben, eindringen und dort zwanzig Minuten ausharren. Der Junge wurde danach nie mehr gesehen und die Vier haben niemandem je davon erzählt. Wie sich herausstellt, ist ihr muskelbepackter, maskierter Entführer und Marterer der mittlerweile erwachsene Dominic, dessen bisherige Biographie mit Grauen und Blut angefüllt ist und der nun Rache will für alles ihm Widerfahrene…

Kinder, frohlocket, der Folterporno lebt!
Die filmhistorischen Vorbilder zu Giles Aldersons durchaus ordentlich inszeniertem Regiedebüt sind evident: „The Dare“ orientiert sich formal an der entsprechenden Genrewelle der nuller Jahre und explizit dem von James Wan inszenierten Startschuss des „Saw“-Franchise, verquickt dessen Szenario mit dem Slasher-Klassikern wie Maylams „The Burning“ oder Hiltziks „Sleepaway Camp“ und setzt noch eine gehörige Prise „Sonny Boy“ hinzu. Es gibt, um das Ganze nochmal kurz abzureißen, also einen wahnsinnigen Maskenmann, der als Kind von Gleichaltrigen misshandelt, dann durch deren Schuld von einem geisteskranken Hillbilly-Widerling (Richard Brake in einer denkwürdigen Performance) gekidnappt und großgezogen wurde und sich nun für alles Erlittene – und selbiges ist nicht von Pappe – rächen will. Man darf Alderson bescheinigen, dass er sich zumindest redlich müht, bei allen, im Laufe seines Films wohldosiert aufgebotenen, ostentativen Widerwärtigkeiten die einem solchen Plot inhärente Kaspar-Hauser-Tragik nie ganz aus dem Blick zu verlieren und seinem Film damit auch ein psychologisch fundiertes Profil zu verabreichen. Dies soll durch einen steten Wechsel aus Gegenwartsgeschehen und Rückblenden erfolgen, gelingt allerdings nur in wenig überzeugendem Maße – allzu augenfällige Klischees, holzschnittartige Charakterisierungen und nicht zuletzt die teils immens unglaubwürdige Konstruktion der immerhin zwei Erzähljahrzehnte umspannenden Story löchern „The Dare“ beständig und höhlen ihn letztlich soweit aus, dass man letzten Endes nie gänzlich in ihn hineinzufinden vermag. Dass es durchaus auch kleine, augenzwinkernde Reminiszenzen an massenkulturelle Phänomene wie den Superhelden-Film gibt (Dominics Geschichte hat etwas von einer auf den Kopf gestellten comic origin, die dann ja am Ende sogar ein entsprechendes Endprodukt hinterlässt; zudem stellt der ausnahmsweise ausschließlich psychisch entstellte, physiognomisch jedoch gutaussehende Killer einen bewusst arrangierten Gegenentwurf zur Genretradition dar) verhindert nicht, dass Aldersons Film sich letztlich dann doch primär auf seine sorgfältig arrangierten, natürlich an Ekelintensität zunehmenden Foltereien reduziert, einen ziemlich dämlichen Epilog inbegriffen.
Ich finde „The Dare“ fazitär nicht gänzlich misslungen, aber er bleibt doch weit hinter seinen selbstgesteckten, hohen Ansprüchen zurück. Dennoch, vielleicht geht bald auch der gute Dominic dereinst in Serie. Das haben ja vor ihm schon ganz andere geschafft.

5/10

EYE OF THE DEVIL

„Am I seeking, or am I being sought?“

Eye Of The Devil (Die schwarze 13) ~ UK 1966
Directed By: J. Lee Thompson

Eines Abends erhält der glücklich mit Frau Catherine (Deborah Kerr) und den beiden Kindern Jacques (Robert Duncan) und Antoinette (Suky Appleby) in Paris lebende Weinberg-Besitzer Philippe de Montfaucon (David Niven) eine Nachricht, auf die er bereits seit längerem vorbereitet scheint: Er muss unverzüglich auf sein Familiengut Bellenac zurückkehren, da es dort bereits drei Missernten in Folge gab. Obwohl Philippe auf die Begleitung seiner Familie verzichten möchte, reisen Catherine und die Kinder ihm wenig später hinterher. Auf dem feudalen Schloss Bellenac, das findet Catherine rasch heraus, geht jedoch einiges nicht mit rechten Dingen zu: Das scheinbar allgegenwärtige, blonde Bruder-(David Hemmings) Schwester-(Sharon Tate) Paar de Caray benimmt sich mehr als sonderbar, nachts treffen sich Männer in schwarzen Kutten zu seltsamen Ritualen, der Geistliche Vater Dominic (Donald Pleasence) hat offenkundig ein Schräubchen locker, ein verwitterter, älter Herr (Emlyn Williams) rät Catherine, schnellstmöglich mit den Kindern zu verschwinden und Philippes ewig bedrückte Tante Estelle (Flora Robson) will ihr Wissen nicht mit der zusehends verzweifelnden Ehegattin teilen. Die Wahrheit entpuppt sich schließlich als ebenso grauenhaft wie unvermeidlich.

Menschenopfer und Sektenkult sind ja spätestens seit Ari Asters „Midsommar“ wieder ein gern aufgegriffenes Sujet im Horrorkino; ein recht früher Vertreter des Subgenres, noch vor Robin Hardys „The Wicker Man“, ist diese von J. Lee Thompson inszenierte Romanadaption nach Robin Estridge. Darin muss sich Deborah Kerr nach Jack Claytons „The Innocents“ abermals als auf sich ganz allein gestellte Frau mittlerer Jahre mit (zunächst) unerklärlichen Geschehnissen auf einem abgelegenen, adligen Landsitz auseinandersetzen, wobei sich deren Entschlüsselung im vorliegenden Fall jedoch mitnichten als die möglichen Phantastereien einer überspannten, sexuell unausgeglichenen Altjungfer entpuppen. Vielmehr steckt eine von den Provinzlern vor Ort bereits seit Jahrhunderten praktizierte, unaussprechliche Tradition zwischen Paganismus und Satanismus dahinter, die im Falle ausbleibender ökologischer Fruchtbarkeit die Selbstopferung des amtierenden Feudalherrn fordert. Dem jeweiligen Marquis de Bellenac ist diese eherne Verpflichtung bereits von Kindesbeinen an vertraut und anerzogen und wird von dem gesamten „Quasi-Hofstaat“ inklusive Gendarm (Ernest Clark) und Hausarzt (John Le Mesurier) mitgetragen. Analog zu der zwischenzeitlich in schwebende Belladonna-Rauschzustände versetzten Catherine wird diese Ungeheuerlichkeit auch für den Zuschauer nur allmählich zur dräuenden Gewissheit und damit auch zu einem gesetzten Umstand, der durch nichts und niemanden aufzuhalten ist. Den ganz großen Schocker bildet „Eye Of The Devil“, der, passend zum Opferungsritual zunächst „13“ geheißen hat, dabei nicht. Seiner teils bereits arrivierten britischen Besetzung gemäß gibt es eher ein gotisch ausgeprägtes Schauerdrama, in dem ein subtiler Diabolismus zwar omnipräsent ist, sich jedoch weniger in offen praktizierter Aktion denn im verschwiegenen Fanatismus nahezu aller Beteiligten äußert. Die stets formidable Kerr kann man wie gehabt nie genug loben und auch David Niven, den zumindest ich noch immer eher mit spitzfindigen Komödien assoziiere, ist überraschend gut als sich seiner unweigerlichen Determinierung fügender Adliger, der ob der Gewissheit seines näherrückenden Schicksals langsam in den Wahnsinn abdriftet. Sharon Tate, schon damals eine unglaublich auratische Frau, die auch super als hypnotisierende Teufelsgespielin durchgeht, lässt sich in ihrer ersten kreditierten Rolle zu bewundern und auch sonst passt besetzungsmäßig alles. Thompson genehmigt sich manch inszenatorisches Kabinettstückchen und wilde Montageaktion, wie sie 1966, als Englands Kultur bereits gehörig swingte, schon durchaus akzeptiert werden konnte. Dank seiner Könnerschaft sorgt der zwischenzeitlich allzu behäbige Charakter der ganzen Veranstaltung auch nie für ein etwaiges Abgleiten in die Langeweile.

7/10

POINT BLANK

„You done everything you could for him.“

Point Blank ~ USA 1998
Directed By: Matt Earl Beesley

Um sich der drohenden Todesstrafe zu entziehen, arrangiert eine Gruppe Schwerverbrecher unter der Leitung des Waffenhändlers Howard (Paul Ben-Victor) eine groß angelegten Flucht aus einem Hochsicherheitsbus mitsamt anschließender Geiselnahme eines Einkaufszentrums in Fort Worth. Auch Joe (Kevin Gage), der jüngere Bruder des mittlerweile auf der Farm seines Das (James Gammon) arbeitenden, ehemaligen Soldaten und Texas Rangers Rudy Ray (Mickey Rourke), gehört zu der Gang. Rudy beschließt, vor Ort nach dem Rechten zu sehen und seinen Bruder gegebenenfalls auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.

Aus der meritenreichen Kategorie „muss man gesehen haben, um es zu glauben“ stammt Matt Earl Beesleys einzige Langregiearbeit, in keinster Weise zu verwechseln mit John Boormans gleichnamigem Meisterwerk von 1967.
Das vornehmliche, mir seit der Betrachtung von „Point Blank“ im Kopf herumwabernde Attribut ist „kaputt“. Herrschaftszeiten, welch ein kaputter Film. Möglicherweise geplant als eine Art Rip-off-Konglomerat der Blockbuster „Die Hard“ und „Con Air“, mag das sich in den ästhetischen Bahnen typischer 90er-B-Film-Genreware, wie sie etwa die PM Entertainment Group zu kultivieren pflegte, bewegende Timbre des Projekts auf dem Planungspapier noch durchaus sinnstiftend gewirkt haben, das, was dann, konserviert für die staunende Nachwelt, in seine so abjekte wie amorphe Form gegossen wurde, lässt sich mit Worten jedoch tatsächlich kaum beschreiben. Die im Grunde gar nicht zu verachtende Besetzung – neben Stars der zweiten Reihe wie Michael Wright als wegen Selbstjustiz verurteilter Veteran Sonny oder dem unvermeidlichen Danny Trejo als psychotischem Indianer Wallace gibt es den Coppola-Veteranen Frederic Forrest als Rudys Mentor und Ausbilder zu (im wahrsten Wortsinne) bestaunen – ist natürlich Mickey Rourke die vorrangige, personelle Attraktion des Ganzen. Neben seinen bereits damals ungut aussehenden Gesichtschirurgie-Narben hatten Anabolika Bi- und Trizeps des vormals hochgelobten method actors auf schwarzeneggersche Maße anschwellen lassen und er durfte Roundhouse Kicks wie der selige Chuck Norris verteilen. Überhaupt ist Rourkes wortkarge Rolle kaum greifbar; er wirkt als Rudy Ray eher wie ein wandelnder Stereotyp, ein vorübergehend in Fleischgestalt gefangenes Schemen, das in kurzen, von jaulenden E-Gitarren unterlegten Zwischenschnitten Gangster abserviert. Darin verdeutlicht sich zugleich auch die verkorkste Mise-en-scène Beesleys. Er gefällt sich nachhaltig darin, die Kamera immer wieder in 45-Grad-Schieflage zu bringen und seinen Film damit auch visuell wortwörtlich schräg dastehen zu lassen; die wirre, elliptische Schnittkonzeption von „Point Blank“ könnte avantgardistisch gemeint sein, wirkt aber am Ende doch bloß auf inkompetente Art eklektisch. Beesley tritt Dramaturgie und Filmschulweisheit auf aggressive Weise mit Füßen, schneidet vollkommen willkürlich aus einem melancholischen Dialog mitten in eine Actionsequenz und wieder zurück, pfeift kurzerhand auf althergebrachte Schuss-Gegensuchuss-Schemata und macht jede Halbtotale und jeden Close-up zu einem lodernden Fanal der Hässlichkeit. Ähnliches gilt für das von nicht weniger als vier Autoren zusammengeklöppelte Script, das vermutlich mit mindestens so viel Koks gepudert wurde wie Trejo (dessen Figur Herz und Seele von „Point Blank“ vermutlich am Treffendsten subsummieren) es sich im Laufe des Films durch die Nase zieht. Überhaupt scheint Kokain mir für die Entstehung dieser zelluloidgewordenen Abseitigkeit ein nicht zu unterschätzender Motor zu sein. „Point Blank“ gefällt sich zudem in seiner überschwänglich dargebotenen Brutalität, die primär auf das Konto von Trejos sadistischer Wallace-Figur geht. Dass Beesley auch wohlplatzierten Hommages nicht abgeneigt ist [„Cobra“ und „The Wild Bunch“ (letzter in Sonnys mit „Silent Night, Holy Night“ unterlegter Sterbeszene nebst Gatling Gun) etwa finden sich genuin zitiert], gehört allerdings zum damals längst von Tarantino und seinen Jüngern eingeläutetem, postmodernen Genrefilm.
Dass dieser „Point Blank“, dessen deutscher Untertitel „Over And Out“ sich geradezu prophetisch ausnimmt, in all seiner ostenativen Misslungenheit natürlich trotz oder gerade wegen seiner irrlichternden Gestaltung einen wunderlichen, in der Summe seines gewaltigen Scherbenhaufens dann doch wieder flirrend glitzernden „baddie“ abgibt, möchte ich zu schlechter Letzt aber bitte nicht unerwähnt wissen.

4/10

NOBODY

„I’m nobody.“

Nobody ~ USA/J 2021
Directed By: Ilya Naishuller

Hutch Mansell (Bob Odenkirk) lebt ein biederes, gleichförmiges und nahtlos durchgetaktetes Vorstadtleben als Ehemann und Vater zweier Kinder. Als Zweitverdiener arbeitet er in einem Bürojob der Metallwarenfabrik seines Schwiegervaters (Michael Ironside). Als eines Nachts ein Räuberpärchen (Humberly González, Edsson Morales) bei ihm einbricht, handelt er die Situation besonnen und gewaltfrei, ganz zur Enttäuschung seines Sohnes (Gage Munroe).
Dennoch scheint ein Schalter bei Hutch umgelegt. Am folgenden Abend macht er sich, nachdem er über seinen mysteriösen Halbbruder Harry (RZA) die Identitäten der beiden Ganoven und die alte FBI-Marke seines Vaters (Christopher Lloyd) ausgeborgt hat, auf den Weg sie zu stellen – vorgeblich, um die verschwundene Kitty-Spange seiner kleinen Tochter (Paisley Cadorath) wiederzubeschaffen. Das Pärchen entpuppt sich als arme Sozialempfänger mit krankem Baby, woraufhin Hutch zähnkenirschend wieder verschwindet. Doch er hat im Folgenden noch ausgiebig Gelegenheit, sich Satisfaktion zu verschaffen: Eine Gruppe betrunkener, aggressiver russischer Gangster steigt just in in den Bus, der Hutch nach Hause befördert. Der folgende Konflikt befördert die Russen durchweg ins Krankenhaus – Hutch ist offenbar etwas wesentlich anderes denn der ordinäre Spießbürger, der er zu sein vorgibt. Einer der Gangster (Aleksandr Pal) stellt sich hernach als jüngerer Bruder von Yulian Kuznetsov (Aleksey Serebryakov) heraus, ein soziopathischer Krimineller, der darüberhinaus die Aufsichtsgewalt über den Obtshak, das Barvermögen weiter Teile der Russenmafia innehat. Kuznetsov will Rache für die Schmach und entfesselt damit eine unabsehbare Gewaltspirale…

Eines der wesentlichsten Kreativelemente im (post-)modernen Genrefilm besteht darin, längst etablierte Storyprämissen zu variieren, zu restrukturieren und gegebenenfalls auch zu ironisieren, um sie so sukzessiv einer immer feineren Zuspitzung zuzuführen – so lang vermutlich, bis sich die zugrundeliegende Konzeption allmählich zurückbildet, um dann irgendwann abzunutzen und wieder stumpf zu werden; gewissermaßen also der immerwährende Vitalzirkel.
Der überraschend funktionale „Nobody“ bildet dafür ein recht herausragendes Exempel. Das von Derek Kolstad gescriptete Buch des Films ist eine unschwer identifizierbare Paraphrase seiner eigenen Arbeit zu „John Wick“: Ein ehemaliger Superkiller, der eigentlich seit Jahren aus dem „Spiel“ ist, um in cognito ein adrenalin- und gewaltfreies Leben als liebender Normbürger zu führen, wird durch ein unverschuldetes Ereignis zurück in alte Fahrwasser gelotst, um darin dann die noch immer schlummernden, tödlichen Fertigkeiten zu reaktivieren und unter seinen Gegnern ein wahres Inferno zu entfesseln. Von jenem Vorbild unterscheidet sich „Nobody“ letzten Endes nur durch Nuancen; Bob Odenkirk als Hutch Mansell liefert ein etwas geerdeteres, psychologisch leicht ausgefeilteres Alias von John Wick. Mansell bekleidet keinen dem Zirkel einer global operierenden Geheimloge angehörigen Superkiller, sondern einen von der US-Regierung herangezüchteten und ausgebildeten „auditor“, der sich zwar ebenfalls als überaus harter und skrupelloser Knochen ausweist, im direkten Duell gegen Super-Wick jedoch mutmaßlich keine Chance hätte. Als frustrierter Familienvater erinnert Mansell eher an eine Vorstufe des seligen Lester Burnham nebst dessen entseelte, suburbane Biedermännlichkeit. Mansell tauscht schon lange keine Zärtlichkeiten mehr mit seiner Frau Becca (Connie Nielsen) aus; sein heranwachsender Sohn Blake sieht in ihm keinerlei Vorbildfunktion mehr. Einzig Töchterchen Abby ist noch jung genug, um den merkwürdig passiv wirkenden Papa noch wirklich gernzuhaben. Hinzu kommt eine existenzielle Unzufriedenheit, die Mansell bereits in die ersten Ausläufer einer handfesten Mittlebensdepression treibt. Der Trigger in Form des nächtlichen Einbruchs und der daraus erwachsende Konflikt mit der Russenmafia bietet für Mansell also eine im Endeffekt durchaus positiv konnotierte Zäsur, die schlafende Lebensgeister zurückbeschwört und somit ironischerweise zugleich sein Familienleben bewahrt. Anders als der vornehmlich solitär operierende Wick ist Mansell im leichengesäumten Finale zudem auf die Hilfe seiner wiederum höchst wehrhaften, früheren Familie angewiesen: Halbbruder Harry und Vater David mischen gehörig mit bei der wohlfeil vorbereiteten, von (möglicherweise von „Rambo: Last Blood“ inspirierten?) booby traps gesäumten Privatschlacht gegen die osteuropäische Übermacht. Die videospielhafte Leichtigkeit, mit der ganze Armeen von Gegnern wie beiläufig ins Jenseits befördert werden, behält letztlich auch „Nobody“ einem entsprechend freigiebigem (oder derart geschulten) Publikum vor; ansonsten transportiert er eine liebenswerte, luftig schwebende Metagravitas, die im Subgenre der neuen Superkiller so bisher nicht vorkam, fortan aber gewiss ein weiteres Vorbild bekleiden wird.

8/10

FLIGHT

„I know how to lie about my drinking. I’ve been lying about my drinking my whole life.“

Flight ~ USA 2012
Directed By: Robert Zemeckis

Nach einer durchzechten, durchvögelten Nacht und ein paar Lines Koks zum Runterkommen geht Flugkapitän Whip Whitaker (Denzel Washington) wie gewohnt zur Arbeit, um ein Passagierflugzeug von Orlando nach Atlanta zu fliegen. Ein Schlechtwettertief zu Beginn des Fluges meistert der erfahrene Pilot noch behende, kurz vor der Landung versagt dann das Höhenleitwerk und die Maschine gerät in den Sturzflug. Mittels eines waghalsigen Manövers, bei dem Whitaker den Flieger kurzerhand auf den Kopf und dann wieder zurück dreht, gelingt ihm eine leichte Stabilisierung und es können trotz des nachfolgenden Crashs bis auf sechs Menschen alle Passagiere gerettet werden. Der nur leicht verletzte Whitaker wird zunächst als Held des Tages gefeiert, dann kommt heraus, dass seine Blutwerte stark belastet waren und er noch selbst während des Fluges am Wodka genippt hat. Die öffentliche Meinung macht eine Kehrtwende und Whitaker muss sich schließlich wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Die Bekanntschaft mit der vormals drogensüchtigen Nicole (Kelly Reilly) gibt ihm vorübergehenden Halt, sein pathologisches und selbstzerstörerisches Suchtverhalten jedoch mag er sich nicht eingestehen, was wiederum zum Bruch mit Nicole führt. Schließlich steht die maßgebliche Anhörung bevor, die Whitaker dank seines pfiffigen Anwalts Hugh Lang (Don Cheadle) die Chance gibt, alles zum Positiven zu wenden…

Anders als in Clint Eastwoods vier Jahre später entstandenem „Sully“ geht es dem eine ganz ähnlichen Storyprämisse verhandelnden „Flight“ nicht um die Klarstellung von prekären Luftfahrt-Ereignissen oder die Ehrenrettung eines in akuter Stresssituation korrekt handelnden Piloten. Zemeckis‘ Film ist trotz jener spektakulären Ausgangslage das nüchtern erzählte Porträt eines multitoxikomanen Süchtigen und eine Erzählung darüber, wie Abhängigkeit als allmächtiger Existenzfaktor das Lebens eines Individuums beeinflusst und prägt. Die klug gewählte conclusio besteht darin, dass Whip Whitaker die meisten Menschen im beschädigten Flugzeug weder wegen noch trotz seines inflationären Alkohol- und Drogenkonsums retten konnte, sondern ganz schlicht mit ihm.
Jahrelang süchtige Personen, denen es gelingt, ihr öffentliches Image auf akzeptablem Niveau zu halten, entwickeln sowohl im Bezug auf ihre Abhängigkeit als eben auch mit ihr hochkomplexe Persönlichkeitsstrukturen. Diese beinhalten vor allem die wohlfeil erlernte Fertigkeit professioneller Selbsttäuschung, die von der Leugnung der Sucht bis hin zu der nicht minder irrigen Autosuggestion reicht, sie wahlweise kontrollieren oder behende mit ihr umgehen zu können. Abhängige durchlaufen je nach der Intensität ihres individuellen Suchtstadiums und dessen Wechselwirkung mit ihrem sozialen Umfeld sämtliche jener Stadien in sich unwillkürlich repetierender Reihenfolge, wobei sich die Abwärtsspirale ungeachtet aller Anstrengungen sukzessive fortsetzt. Ein endgültiges Entkommen daraus ist mäßig wahrscheinlich und im Falle des Erfolges letztlich ausschließlich einer glücklichen Kombination begünstigender Faktoren zuzuschreiben. Ohne ausnahmslose Abstinenz ist ein langfristiger Weg aus dem Teufelskreis faktisch unmöglich.
Die Geschichte von Whip Whitaker greift auf dem Weg zu seinem forcierten Suchtausstieg diverse Stationen einer Abhängigkeit auf, freilich nicht, ohne am Ende eine sehr kinogemäße Selbstrettung hintenanzustellen, die wohl vor allem dazu taugt, das Publikum zu beschwichtigen und mit einem positiven Gefühl zu entlassen. Ganz so konsequent wie er es im Verlauf seiner Erzählung verspricht, nimmt sich „Flight“ dann schlussendlich doch nicht aus. Als es in der finalen Befragung darum geht, die Integrität der beim Absturz heldenhaft verstorbenen Stewardess Katerina (Nadine Velazquez), die mit Whitaker die letzte, verhängnisvolle Nacht verbracht hat, in eigener Rettung zu vernichten oder wahlweise zu retten, entscheidet sich der wiederum im Vollrausch befindliche Held für letzteres; um den Preis der eigenen öffentlichen Ehre zwar, aber im Gegenzug zur persönlichen Rettung der Seele. Mit der schonungslosen Ehrlichkeit gehen Gefängnis, aber auch Abstinenz einher; verloren geglaubte Beziehungen können gekittet werden, Whitaker nimmt die gesetzlich oktroyierte Strafe gewissermaßen als unverhofftes Geschenk entgegen. Damit pflegt der als Beschreibung einer Suchtcharakteristik wie eingangs erwähnt ansonsten annähernd brillante „Flight“ mit seinem on top befindlichen Hauptdarsteller einen ähnlichen magischen Realismus wie etwa Mike Figgis‘ „Leaving Las Vegas“: Der ganz ordinäre Alkoholiker zelebriert weder seinen Todessuff in Vegas, noch entwickelt er sich in einer kurzen, starken Minute zum altruistischen Heiligen. Einen gänzlich ungeschönten, unromantischen Realismus in dieser Angelegenheit bleibt Hollywood mit seinen vielen Trinkergeschichten uns bis heute schuldig.

8/10

THE NORSEMAN

„Row!“

The Norseman ~ USA 1978
Directed By: Charles B. Pierce

Im 11. Jahrhundert segelt der Wikinger Thorvald (Lee Majors) mit einigen tapferen Mannen über den Atlantik, um die Spur seines bereits vor längerer Zeit übergesetzten Vaters, des Königs Eurich (Mel Ferrer), zu verfolgen. Die Reise wird schriftlich dokumentiert von Thorvalds jungem Bruder Erik (Chuck Pierce Jr.). An der fremden Küste angelangt, tauft Thorvald die unbekannten Gestade „Vinland“. Flugs werden die rauen Nordmänner von den feindlich gesinnten Ureinwohnern mit Pfeil und Bogen attackiert. Trotz des ungemütlichen Empfangs beschließt Thorvald, eine nahe Flussmündung hinaufzusegeln. Wie sich herausstellt, hat der fremde Stamm König Eurich und einige seiner Expeditionsteilnehmer gefangen genommen und geblendet. Winetta (Susie Coelho), ein bei dem eifersüchtigen Häuptling Kiwonga (Jerry Daniels) in Ungnade gefallenes Mädchen, hilft Thorvald, die Arretierten zu befreien.

„The Norseman“, für Sam Arkoffs A.I.P. und von Hauptdarsteller Lee Majors co-produziert, bildet gewissermaßen das bucklige Stiefkind in Charles B. Pierces Œuvre als Regisseur. Inmitten seiner ausgesprochen schönen (Indianer-)Western-Tetralogie quasi als deren verstoßener Bastardsohn entstanden, frönt Pierce darin scheinbar reuelos einer recht käsig anmutenden Camp-Attitüde, die man aus seinen sonstigen Arbeiten dieser Schaffensphase in dieser Form nicht kennt. Zwar sind auch etliche von Pierces üblichen standards enthalten – zu nennen wären da einige seiner gewohnten Ensemble-Mitglieder wie Jack Elam und Jimmy Clem, die für jene Hollywood-Phase eher den großen Studiofilmen vorbehaltene Panavision-Breitwand-Photographie, der Einsatz eines Kindes (wie gehabt gespielt von Pierces Filius Chuck Jr.) in einer elementaren Rolle und die an Peckinpah angelehnten SloMo-Montagen – was jedoch überaus unüblich daherkommt, sind oftmals unfreiwillig komisch bis albern gestaltete Scriptpassagen und insbesondere die mangelnde Sorgfalt und Oberflächlichkeit im Zuge der Figurenzeichnungen, die unwillkürlich den Eindruck hinterlassen, als habe Pierce sich das Ganze mal eben zwischen zwei Gläsern Bourbon aus den Fingern gesogen. Die natives, sonst ja durchaus Pierces Sympathieträger, fungieren in „The Norseman“ mit einer Ausnahme einzig als Stichwortlieferanten für wechselseitig aufgebauschte Aggressionen und sehen alle erschreckend uniform aus mit ihren gelben Lendenschürzchen. Ähnliches gilt für die Wikinger; insbesondere über Majors mit feinrasierten Schnurbärtchen in der Titelrolle wurde sich zurecht schon mannigfaltig mockiert. Einen weiteren Gipfel der fimemacherischen Letharfgie erreicht Pierce schließlich, indem er seinem Publikum das sonnenverwöhnte Florida als raues Neufundland anzudrehen trachtet.
Es empfiehlt sich in Anbetracht all dessen, „The Norseman“ (wie in meinem Falle auch) mit gebührlichem Abstand zu seinem ansonsten weitaus beseelteren Werk jener Ära, nominell des kleinen Meisterwerks „The Winds Of Autumn“, anzusehen, um nicht ziemlich rüde aus der ansonsten durchaus obligatorisch zu nennenden Qualitätsarbeit dieses Ausnahme-Auteurs herausrupfen zu lassen.

4/10