EUROVISION SONG CONTEST: THE STORY OF FIRE SAGA

„Play ‚Jaja Ding Dong‘!“

Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga ~ USA 2020
Directed By: David Dobkin

Seit frühester Kindheit träumen die in einem isländischen Küstenstädtchen beheimateten Freunde Lars Erickssong (Will Ferrell) und Sigrit Ericksdottir (Rachel McAdams), als Duo „Fire Saga“ einmal am Eurovision Song Contest teilnehmen zu können und – natürlich – zu gewinnen. Während Sigrit seit eh und je in Lars verliebt ist, steht für diesen jedoch die Musik mit Abstand an erster Stelle. Eines Tages eröffnet sich ihnen dann tatsächlich die Chance, zunächst auf Landesebene in die Endsausscheidung zu kommen. Da sämtliche Mitbewerber einer Schiffsexplosion zum Opfer fallen, dürfen Lars und Sigrit trotz eines katastrophal verlaufenden ersten Auftritts Island als letzte verbliebene Musiker in Edinburgh repräsentieren. Hier warten jedoch nicht nur die oftmals professionelleren übrigen Finalisten, sondern auch die bösen Irrungen und Wirrungen des internationalen Showgeschäfts – ebenso wie Lars‘ letzte Möglichkeit, sich zu seinen wahren Gefühlen zu bekennen…

Irgendwann landen sie alle bei Netflix – nun auch Will Ferrell, der bei seinen Anhängern (zu denen auch ich mich ohne Umschweife zähle), nie ganz in der Versenkung verschwand, dessen wirklich ikonische, in der Regel von Adam McKay inszenierte Komödien-Highlights, und da beißt die Maus keinen Faden ab, nunmehr jedoch bereits Jahre zurückliegen. Filme wie „The House“ oder „Holmes & Watson“ luden zwar nach wie vor zum Schmunzeln ein, der brachiale anarchistische Witz früherer Comedy-Großtaten mochte sich jedoch nicht mehr einstellen. Auch „Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga“ bildet diesbezüglich keine zäsurische Ausnahme. Einmal mehr präsentiert sich darin die Story des ewigen Kindmannes, dessen kosmopolitischer Horizont sich auf ein höchst überschaubares, nerdiges Mikrouniversum beschränkt, dessen emotionale Entwicklung seit dem Alter von sieben oder acht Jahren stagniert und der sich ganz seinem Lebenstraum als Sieger eines albernen Wetbewerbs verschrieben hat. Vor allem „Blades Of Glory“ kommt einem in den Sinn, wenn Ferrell mit Langhaarperücke und albernen Kostümen seine Trashpop-Songs performt. Überhaupt dieser den Film überschattende Eurovision Song Contest: in meiner Welt kommt dieses musikalische Großevent eigentlich gar nicht vor, weder auf ernstem noch ironischem Wege konnte ich dem Ganzen je etwas abgewinnen noch habe ich, mit Ausnahme weniger historischer Marksteine überhaupt etwas davon mitbekommen. Erst Wikipedia lehrte mich, dass die diesjährige Gastgeberstadt Rotterdam wegen Covid-19 leer ausgehen und sich ein Jahr Aufschub gefallen lassen muss – wie schön, dass Dobkins Film nun Ersatz bietet. Inwieweit parodistische Bestrebungen und semiernst gemeinte Hommage an den ESC sich darin letzten Endes die Waagschale halten, vermag ich in Ermangelung eigener Erfahrungen nicht zu beurteilen. Die hier dargebotene Musik, witzig gemeint oder auch nicht, finde ich ausnahmslos und durch die Bank grauenhaft und das ganze sie umwabernde, tuckige It-Getue, das sich selbst Albtraumgestalten wie Conchita Wurst auszusparen versagt, nicht minder. But that’s just the way it is, I guess.
Will Ferrell liefert (s)eine gewohnt professionelle Standard-Performance und macht sich auf seine ihm unnachahmliche Art zum Affen, obschon man als Kenner nicht umhin kommt, zu registrieren, dass er durch feine, fast unmerklich in sein Spiel eingewobene Nuancen doch immer wieder probiert, nicht mehr ganz der formvollendete Vollidiot zu sein, den seine ikonischen Rollen als Ron Burgundy, Ricky Bobby oder Brennan Huff ihm abverlangten. Ich schiebe das auf eine gewisse, sich möglicherweise analog zur Altersmüdigkeit einstellende „Räson“. Was wiederum tadellos funktioniert und en Film letzten Endes schön und sehenswert macht, ist die Chemie zwischen ihm und Rachel McAdams, die tatsächlich bezaubernd ist als elfengläubige Islandfee und, sorry Will, trotz nachvertonter Gesangsstimme das eigentliche Highlight von „Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga“ darstellt. Tolle Frau.

7/10

DA 5 BLOODS

„We fought in an immoral war that wasn’t ours for rights we didn’t have.“

Da 5 Bloods ~ USA 2020
Directed By: Spike Lee

Einst waren sie Fünf: Squadleader Norman (Chadwick Boseman), Paul (Delroy Lindo), David (Jonathan Majors) Otis (Clarke Peters) und Eddie (Norm Lewis), die im Vietnamkrieg als „Bloods“ eine verschworene Gemeinschaft bildeten. Zum Quartett dezimiert kamen sie nach Haus; „Stormin'“ Norman, die moralische und intellektuelle Stütze der fünf Freunde, musste „im Krieg bleiben“. Rund fünf Jahrzehnte später kehren die vier verbliebenen Freunde zurück in den vietnamesischen Dschungel; vorgeblich, um die damals provisorisch beedrigten Gebeine ihres toten Freundes zu finden, tatsächlich jedoch, weil ebendort seit damals auch ein aus Goldbarren bestehender Schatz lagert, der einst den Lahu als Entgelt für deren Unterstützung gegen den Vietcong bestimmt war. Paul, David, Otis und Eddie wollen sich das Gold unter den Nagel reißen und zu Dollars machen, wofür sie sich mit dem Schmuggler Desroche (Jean Reno) einlassen. Doch die Rückkehr nach Südostasien reißt unerwartet viele alte Wunden auf und offenbart bittere Wahrheiten – vor allem für Paul, der seit damals an einem PTBS-Syndrom leidet und dessen Sohn Melvin (Isiah Whitlock Jr.) sich den Bloods unerwartet anschließt, bedeutet die Begegnung mit der Vergangenheit zugleich die Konfrontation mit seinen ureigenen Dämonen.

Heute vor genau 36 Tagen wurde der Afroamerikaner George Floyd von dem weißen Polizeibeamten Derek Chauvin in Minneapolis ermordet, indem dieser ihn ersticken ließ. Zu dem Zeitpunkt war Spike Lees jüngster Film bereits lange fertig und wartete auf seine Netflix-Premiere. Dennoch heißt es an dessen Ende laut und wohlvernehmlich „Black Lives Matter!“. Koinzidenz oder doch bloß der traurige Beweis dafür, dass Lees nunmehr seit fast vier Jahrzehnten beständig vorgetragene Botschaft sich nicht abnutzt, sondern im Gegenteil niemals an akuter Aktualität einbüßt? Mit dem gewaltsamen Tod seiner Filmfigur Radio Raheem in „Do The Right Thing“, so proklamiert manch einer nicht zu Unrecht, habe Lee vor 31 Jahren das Schicksal Floyds annähernd prophetisch vorausgesagt. Damit schließt sich ein grauenhafter Kreis. Abermals. Der Diskurs um rassistisch bedingte Polizeigewalt, die besonders in den Staaten immer wieder Todesopfer fordert, schwappt mittlerweile auch zu uns Mitteleuropäern hinüber und legt offen, dass es auch hier ein offenkundiges strukturelles Problem in den Kreisen der uniformierten Staatsmachtbediensteten gibt.
Damit hat Lees zweiter Kriegsfilm nach dem im 1944er Italien angesiedelten „Miracle At St. Anna“ und nach „Dead Presidents“ von Allen und Albert Hughes gleichfalls der zweite Vietnamkriegsfilm, der sich der Problematik der von der US-Regierung im damaligen Konflikt verheizten Afroamerikaner (bei einer Bevölkerungsquote von rund 10 Prozent bestand die Zahl der in Südostasien eingesetzten und gefallenen Soldaten zu einem wesentlich höheren Anteil aus Schwarzen) annimmt, auf den ersten Blick vielleicht nur sekundär oder tertiär etwas zu tun; was jedoch nichts an der schlussendlichen Parallele zwischen Fiktion und Realität ändert: „Black Lives Matter!“
Viele Topoi, ausgehend von jenem zentriertem Protestruf, geleiten ergänzend Lees Neuesten: „Da 5 Bloods“ ist auch ein Abenteuer- und Action- und somit ein Genrestück; er zollt diversen Kriegsfilmklassikern durch kleine und große Reverenzen Tribut und versteht sich nicht zuletzt als Liebeserklärung an die zeitgenössische Motown-Szene: Marvin Gaye, insbesondere sein Stück und das dazugehörige Jahrhundertalbum „What’s Going On“ ziehen sich wie ein roter, kommentatorischer Faden (oder, wenn man so will, Geleitchor) durch das Geschehen, die Bloods tragen die Vornamen der Temptations respektive ihres Produzenten. Die bis heute für Konflikte sorgenden, interethnischen Verstrickungen und die kulturellen Veränderungen in Vietnam lässt Lee ebenso wenig unberührt wie eine durchaus metapigmentäre Reflexion über das Wesen des Krieges, die auf die eine oder andere Weise zu jedem respektablen Genrestück a priori gehören sollte. Nach oftmals nervenaufreibenden zweieinhalb Stunden war mir jedenfalls klar, dass mit demauteur und Künstler Lee, der mit „Da 5 Bloods“ nach dem diesbezüglich eher überraschungsfreien bis langweiligen „BlacKkKlansman“ auch ein formal wieder immens einfalls- und facettenreiches Pasticcio vorlegt, glücklicherweise noch zu rechnen sein darf.

8/10

SILVER LININGS PLAYBOOK

„You have poor social skills. You have a problem.“

Silver Linings Playbook ~ USA 2012
Directed By: David O. Russell

Pat Solitano Jr. (Bradley Cooper) leidet unter einer bipolaren Persönlichkeitsstörung, die ihm, nachdem er seiner Frau Nikki (Brea Bee) in flagranti erwischt und deren Liebhaber krankenhausreifg geprügelt hat, acht Monate in der geschlossenen Psychiatrie eingebracht haben. Auf Insistieren seiner Mutter (Jacki Weaver) hin darf Pat nun entlassen werden und unter Aufsicht seiner Eltern leben. Das erweist sich als nicht eben einfach, denn auch Pats Dad (Robert De Niro) ist ein Vollblutneurotiker, der seinen jüngeren Sohn Jake (Shea Whigham) stets bevorzugte. Zudem ist Pat in pathologischer Weise darauf fixiert, Nikki, die bereits ein Kontaktverbot erwirkt hat, zurückzugewinnen. Durch Zufall lernt er die ebenfalls psychisch angestoßene Tiffany (Jennifer Lawrence) kennen, die sich prompt in Pat verliebt und alles Mögliche versucht, ihn, der ebenfalls uneingestandenes Interesse zeigt, für sich zu gewinnen. Zu diesem Zweck überredet Tiffany Pat, mit ihr an einem Tanzwettbewerb teilzunehmen.

Hmja. Sonderlich Innovatives kredenzt diese von den Weinsteins produzierte Allerwelts-RomCom mit ein paar dramatischen Einschlägen, die ja in Anbetracht dessen, was die handelsüblichen Netzseiten so hergeben, doch sehr beliebt zu sein scheint, nicht auf. Allein aufgrund dessen will ich gewiss kein vorschnelles Qualitätsurteil fällen, nur scheint mir diese doch sehr derrivierte Mixtur aus zwei psychisch „angeknacksten“ Versehrten, die auf Umwegen zueinander finden (ähm) über einen Hauch Rostand (uff) bis hin zum unvermeidlichen Tanzfinale Marke „Dirty Dancing“ (ächz) doch etwas sehr faul vorzugehen mit ihrer ausgestellten Konstruiertheit. An „Silver Linings Playbook“, der sich schlussendlich überhaupt nicht unterscheiden will oder kann von all diesen typischen Dramödien für den Modell-Kinogänger um Therapie-Patienten, die ein bisschen sonder- weil unberechenbar sind, aber eigentlich doch ganz lieb, zumindest, so lange sie einen Vogel mit ähnlich gefärbtem Gefieder finden, ist somit aber auch gar nichts Besonderes. Man könnte Russells Film mit einem weinenden Auge auch als grundrepräsentativ für das Gros von Robert De Niros Rollenauswahl seit kurz vor der Jahrtausendwende erachten. In diesem Zeitraum spielte der einstige Vorzeige-method-actor, sofern nicht gerade Marty Scorsese seinen Weg kreuzte, den analog zu seinem Faltenwurf kauziger werdenden alten Stiesel mit Diamantschale und Herz aus Gold gefühlte dreitausend Male. Man (ich!) begne(t) ihm zwar immer noch stets gern, weil man traditionell so viel Gutes mit ihm assoziiert, aber die Wiedersehensfreude scheint doch mit jeder neuerlichen Begegnung abzuflauen, weil, ähnlich wie bei jährlich wiederkehrenden Familienfestivitäten die Geschichten, die Onkel Robert zum Besten gibt, irgendwann stets dieselben bleiben und sich daher nicht mehr ganz so spannend ausnehmen wie früher mal. So geht es im Ganzen auch „Silver Linings Playbook“, der mir allzuviel uninspirierte und dazu noch anderswo zigmal so ähnlich oder besser gesehene Reißbrettelemente vorweist, um wirklich sympathisch oder gar schön zu sein; einem Film, der sich ebenso rasch aus Herz und Hirn verflüchtigt wie ein Tröpfchen Ethanol aus einer versehentlich offen stehen gelassenen Phiole.

4/10

MÄDCHEN MÄDCHEN

„Warum sagt’n ihr gar nichts?“

Mädchen Mädchen ~ BRD 1967
Directed By: Roger Fritz

Andrea (Helga Anders) wird aus einer Erziehungsanstalt für Mädchen entlassen, in der sie die letzten 17 Monate verbracht hat. Der Grund für ihren Aufenthalt dort war, dass sie mit ihrem wesentlich älteren Chef Ernst (Hellmut Lange), Besitzer einer Kiesfirma und Aristokrat, angebandelt hatte, der seinerseits aufgrund dieser Affäre wegen Unzucht mit Schutzbefohlenen ins Gefängnis musste. Der bloße Zufall führt Andrea statt wie geplant nach Hause zurück zu Ernsts wegen dessen Abwesenheit von seinem Sohn Junior (Jürgen Jung) geleiteten Firma. Junior ist ebenso alt wie Andrea. Die beiden jungen Leute lernen sich kennen (Ernst hatte Junior zuvor immer den Kontakt zu Andrea untersagt), finden schnell Gefallen aneinander und verlieben sich. Erste Pläne für eine gemeinsame Zukunft werden geschmiedet, da taucht Ernst, der just ebenfalls wieder freigekommen ist, zu Hause auf. Weder Andrea noch Junior finden den Mut, ihm die Wahrheit über sich zu sagen.

Roger Fritz‘ erstes Langwerk als Regisseur, nachdem er bereits einige Erfolge als Photograph und Erfahrungen beim Film mit Luchino Visconti in Italien sammeln konnte. An der Oberfläche zunächst einmal einer jener typisch wilden Aufbrauchsfilme, wie sie insbesondere die Schwabinger Clique als emotional basierten, antithetischen Entwurf zum Oberhausener Manifest mehrfach inszenierte, erweist die oben zu lesende, sich eher spekulativ ausnehmende Synopse bald als nachgerade unzureichend.
Vielmehr geht es um tieferliegende, dabei durchaus zeitgenössisch-immanente und -eminente Topoi; den schwelenden Generationenkonflikt im Widerstreit mit bourgeoiser Bequemlichkeit etwa oder die am Ende ziemlich frustrierende Erkenntnis, dass selbst die scheinbar entschlossenst wirkende Aufbruchsstimmung im Angesicht von Standesdünkel und der alten Weise vom Blut, das dann doch dicker ist als Wasser, mit Pauken und Trompeten scheitern mag.
Die im Mittelpunkt des Geschehens stehende, aus kleinbürgerlichem Hause stammende Andrea hat der zwischen Selbstverständnis und Bange oszillierenden, jeweiligen Willkür von Vater und Sohn nichts entgegenzusetzen. Während „Mädchen Mädchen“ uns, dem Publikum, im Zuge seiner nur von wenigen, eher von narzisstischen Kränkungen bestimmten Grübeleien Juniors durchbrochenen Verbalattacken gegen Andrea immer stärker des Eindrucks versichert, das junge Paar sei doch stark genug, sich passierbare Weichen für sein künftiges Zusammensein zu stellen, straft Ernsts Rückkehr diese schöne Utopie auf durchaus schmerzliche Weise Lügen. Mit der Rückkehr des Patriarchen, des „Barons“, nebst seinem freundlichen, aber bestimmten Wesen der Unantastbarkeit, verstummt Juniors verlässlich erscheinende Aufsässigkeit ebenso rasch wie sie zuvor noch aufgebrandet war. Analog dazu ebbt auch der romantische Sturm im Wasserglas wieder ab. Andrea, die jetzt weder den alten Filou mehr will, noch „seinen“ Junior, der enttäuschenderweise nicht die Chuzpe besitzt, offen zu ihr zu stehen, verschwindet sang- und klanglos aus beider Leben und stattdessen – vielleicht, die Möglichkeit besteht – zu dem virilen LKW-Fahrer Schorsch (Klaus Löwitsch). Eine optionale, befreiende Tragödie (man rechnet bereits, einer Spur Suspense hält Fritz hier bereit, damit, dass Junior seinem Vater einen tödlichen Unfall bescheren könnte) bleibt aus, gerade wie im richtigen Leben. Stattdessen fügt sich alles regressiv, zum überraschungsfreien Vorher. Papa und Sohnemann werden wieder abends gemeinsam Schach spielen, den Sekretärinnen hinterhergeifern, abwechselnd mit der desillusionierten, aber auf seltsame Weise zufriedenen Haushälterin Anna (Renate Grosser) in die Kiste hüpfen und weitere Geweihe toter Waldtiere an die Wände ihrer biederen Villa nageln.
Der Titel des Four-Tops-Song „Reach Out I’ll Be There“, dessen Rechte sich Fritz zuvor sichern konnte und der in zig, oftmals jazzig-entfesselten Variationen über den gesamten Film hinweg gespielt wird, erweist sich indes als denkbar bitter konnotiert in Anbetracht ehedem noch immer okulierter bundesdeutscher Realitäten.

8/10

MONSTER’S BALL

„I need to be taken care of.“

Monster’s Ball ~ USA 2001
Directed by: Marc Forster

Hank Grotowski (Billy Bob Thornton), Strafvollzugsbeamter in Louisiana, bildet den mittleren Teil einer nurmehr ausschließlich aus Männern bestehenden, Drei-Generationen-Familie. Schon Hanks Vater Buck (Peter Boyle), mittlerweile zwar ein pflegebedürftiger, alter Mann, jedoch noch immer eherner Rassist und Misanthrop, sorgte dafür, dass der elektrische Stuhl summen konnte. Hanks Sohn Sonny (Heath Ledger) soll die Tradition fortführen. Dessen erste offizielle Hinrichtung, im Zuge derer der kriminelle Lawrence Musgrove (Sean Combs) exekutiert werden soll, entwickelt sich jedoch für den höchst sensiblen Sonny zu einer nicht zu bewältigenden Belastungsprobe. Die daraus resultierende Verachtung seines Vaters quittiert Sonny mit seinem spontanen Suizid.
Derweil steht Musgroves Witwe Leticia (Halle Berry) vor den Trümmern ihrer Existenz, die sich nochmals auftürmen, als ihr Sohn Tyrell (Coronji Calhoun) einem Autounfall zum Opfer fällt. Hank wird zufällig Zeuge des Ganzen und begleitet Leticia in den folgenden Stunden. Aus der tragikumwitterten Begegnung erwächst eine zarte Liebesgeschichte, die Hank dazu bewegt, seine bisherige Existenz zu überdenken und schließlich komplett umzukrempeln. Doch nach wie vor stehen ein paar unausgesprochene Wahrheiten zwischen ihm und Leticia.

Als hätte Paul Schrader sich eines typischen Sirk-Stoffes angenommen: „Monster’s Ball“ führt den sich im Hollywood-Kino der Vordekade ausbreitenden Zynismus an einen harten, vor Schicksalsschlägen pulsierenden Endpunkt und lässt am Ende Vergebung, Erneuerung und Erlösung walten.
Die Umstände, die Hank und Leticia zusammenführen, wären für die meisten Menschen Grund genug, in lebenslange, tiefe Depressionen zu verfallen. Beide sehen sich jeweils mit einer radikalen, existenziellen Zäsur konfrontiert, die sich jeweils aus ihren spezifischen Schicksalen kausal speisen. Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse ist die Hinrichtung Lawrence Musgroves, dessen seiner Buße zugrunde liegendes Verbrechen als solches zwar evident ist, dem Zuschauer jedoch konkret verborgen bleibt. Man lernt nur den Musgrove kurz vor seinem Tode kennen (Sean „Puff Daddy“ Combs in einer bemerkenswert unglamourösen Performance), einen reumütigen Mann, reduziert auf seine letzten Bedürfnisse, der sich mit dem Bevorstehenden abgefunden hat. Musgroves Hinrichtung, die Hank als Scharfrichter aktiv verantwortet, führt letzteren schließlich zu Leticia, ebenfalls eine Frau mit Problemen. Offenbar keine sonderlich kompetente Mutter, kommt sie mit der pathologischen Adipositas ihres Sohnes nicht zurecht und neigt darüberhinaus zum Suff. Der Tod ihres Mannes potenziert diese Probleme noch. Der zwar meist stille, aber dennoch vom brodelnden Hass seiner Ahnen infizierte Hank Grotowski derweil muss auf die denkbar radikalste Weise erfahren, dass sein freudloses Leben ihn in eine Sackgasse geführt hat, aus der er sich nur mit nicht minder extremen Maßnahmen befreien kann. Sie und er sind wie zwei offene Wunden, die sich ganz zärtlich gegenseitig schließen. Zunächst heißt es noch fuck for freedom – ein explosiv-befreiender, einem Donnerschlag der stattgegebenen Sucht nach Liebe entsprechender Sexualakt, von Thornton und Berry ebenso mutig gespielt wie von Forster kongenial inszeniert, steht im Zentrum des Films und markiert für beide verlorenen Seelen den endlich durchtrennten Stacheldraht ihrer bisherigen Lebenswege. Daran schließt sich freilich nicht nur ihrer beider Liberalisierung an, sondern möglicherweise die einer kompletten, seit Jahrhunderten verfilzten Sozialstruktur.
Vieles ließe sich an und rund um „Monster’s Ball“ diskutieren, ob er es vielleicht nicht allzu einfach macht mit seinen zwei makellos schönen Protagonisten, die gemeinsam ihren Höllenlöchern entkommen und in diesem Zuge alle alten, verfilzten Zöpfe abschneiden, ob er sich möglicherweise Stereotypen befleißigt, die im realen Leben zu soviel Reflexivität und Bereitschaft zur Vergebung niemals fähig wären; schließlich auch, ob der doch recht religiös konnotierte Akt um Musgroves Exekution sich nicht allzu offensichtlich als christlicher Erlösungsakt und Sündenablöse lesen lässt. Doch wäre diese Kritik an all diesen Facetten des Films nicht auch eine Kritik am Kino per se, eine Negierung gar seiner mannigfaltigen dramatischen Klaviatur? Douglas Sirk hatte einst keinerlei Probleme mit vorgeblichem „Kitsch“, er war stets bereit, seinen Figuren nach Bewältigung ihrer steinigen Pfade romantischen Frieden zuzugestehen. „Monster’s Ball“ tut im Prinzip nichts anderes.

10/10

THE LODGE

„Confess your sins! Repent!“

The Lodge ~ UK/CA/USA 2019
Directed By: Veronika Franz/Severin Fiala

Als Richard Hall (Richard Armitage), Erfolgsjournalist, Ehemann und Vater der zwei Kinder Aidan (Jaden Martell) und Mia (Lia McHugh), seiner Noch-Gattin Laura (Alicia Silverstone) unmissverständlich bedeutet, dass er endgültig die Scheidung wünscht, nimmt die ohnehin depressive Frau sich das Leben. Schon seit Längerem pflegt Richard derweil eine Beziehung zu der jüngeren Grace (Riley Keough), die durch eine grauenhafte Vergangenheit als Kind in den Fängen einer Sekte von Christenfanatikern traumatisiert ist. Um erste Kontakte zwischen Grace und den Kindern anzubahnen, plant Richard ein gemeinsames Weihnachtsfest in einer abgelegen Winterlodge, wo er die Drei zunächst aus geschäftlichen Gründen ein paar Tage allein lassen und später dazustoßen will. Aidan und Mia jedoch machen nicht nur ihren Vater und Grace mittelbar für Lauras Suizid verantwortlich, sie sind auch in keiner Weise daran interessiert, eine „Ersatzmutter“ zu akzeptieren. Also hecken sie einen gemeinen Streich aus, der ungeahnte Folgen hat…

Für das österreichische Regieduo Franz/Fiala, das mit dem eindrucksvollen „Ich seh ich seh“ bereits eine sehr spannende psychologische Studie über die Entfremdung zwischen Kindern und ihren erwachsenen Bezugspersonen sowie gemeinhin über verhängnisvolle infantile emotionale Störungen vorlegen konnte, dürfte allein die Aussicht, mit seinem Zweitprojekt unter dem renommierten Genredach der britischen Hammer Films arbeiten zu können, von vielversprechender Anmutung gewesen sein. So entpuppt sich „The Lodge“ dann auch zumindest inhaltlich als nachgerade klassischer Thrillerstoff, wie die Hammer ihn auch problemlos innerhalb ihres von Jimmy Sangster gescripteten Sechzigerjahre-Kleinverschwörungszyklus hätten veröffentlichen können. Die Motive darin ähnelten sich in der Regel ja doch recht eklatant – zumeist ging es um ein psychisch bereits stark angegriffenes und/oder traumatisiertes Individuum, das von ränkeschmiedenden, bösen Verwandten, Erbschleichern oder sonstigem Kroppzeug in die völlige Unzurechnungsfähigkeit getrieben und so von Haus und Grund gejagt werden sollte. Üblicherweise gingen die Pläne des oder der Intriganten am Ende dann aber ab einer gewissen „Sollbruchstelle“ nach hinten los und drehten ihnen auf die eine oder andere Art selbst den Strick. Wer anderen eine Grube gräbt… etc.pp., man kennt das. Auch Gimmick-Filmer William Castle nahm sich gern dieses immer wieder ergiebigen Sujets an.
Nun sind Franz und Fiala nicht bloß sorglose Geschichtenerzähler und Suspenseverbreiter, sondern bemühen sich, das lässt sich spätestens jetzt, nach ihrem zweiten Film sagen, um eine spezifische inszenatorische Handschrift. „The Lodge“ ist voll von Symbolen, Bildern und Zeichen, die Anlass zu diversen Spekulationen liefern und das bevorstehende Unheil bereits erahnen lassen. Ob übernatürliche Elemente im Spiel sind, das Jugendtrauma der Protagonistin oder die Handlungsmotivation der unzufriedenen Kinder den maßgeblichen Ereignismotor bilden, lässt sich über weite Strecken nur mutmaßen. Das eindringliche Finale schließlich, dem, soviel darf man an dieser Stelle wohl festhalten, ohne allzuviel auszuplaudern, ein buchstäblich animalischer Trigger vorgeschaltet ist, weckt schließlich warme Erinnerungen an das Traditionshandwerk des oben genannten Studios. Nicht ganz so vereinnahmend wie „Ich seh ich seh“ gelang Franz und Fiala mit „The Lodge“ doch ein ihren bisher eingeschlagenen Weg weiterbeschreitender Film, der sich, zumal für Hammer-Kenner und -Liebhaber, absolut lohnen dürfte.

7/10

STAR WARS: THE RISE OF SKYWALKER

„These are you final steps, Rey. Rise and take them.“

Star Wars: The Rise Of Skywalker (Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers) ~ USA 2019
Directed By: J.J. Abrams

Wider allen Annahmen ist Imperator Palpatine (Ian McDiarmid) nach wie vor am Leben und versteckt sich mit seinen Sith-Untergebenen und einer gewaltigen Flotte von Sternenzerstörern auf dem entlegenen Planeten Exegol. Nachdem Kylo Ren (Adam Driver) ihn mithilfe eines so genannten „Sith-Wegfinders“ dort ausfindig gemacht hat, erfahren auch die Rebellen von einem jener Module, das ihnen ebenfalls den Weg zum möglichen Aufenthaltsort des Imperators weisen konnte. Die abenteuerliche Suche nach dem Artefakt führt Rey (Daisy Ridley), Finn (John Boyega), Poe Dameron (Oscar Isaac), Chewbacca (Joonas Suotamo) und den sich als unerwartet nützlich erweisenden C-3PO (Anthony Daniels) quer durch die Galaxis, derweil Kylo Ren immer wieder den geistigen Kontakt zu Rey sucht und so die Fährte der Widerständler zu halten vermag. Der diabolische Imperator reibt sich unterdessen die modrigen Klauen, denn er weiß um ein Geheimnis Reys, das sie, dessen ist er sich sicher, schlussendlich auf die Dunkle Seite ziehen und zur Leitfigur eines neuen Imperiums machen wird…

Ob es das jetzt wirklich war? Ich nehme keinerlei Wetten entgegen, bin ja nicht doof. Dass das „Star Wars“-Franchise in absehbarer Zeit keineswegs von der Bildfläche verschwinden wird, dafür bürgen, trotz des nunmehr nominellen Endes der dritten (und, so hat Mastermind George Lucas es seinerzeit ja zumindest angekündigt) letzten Trilogie um die Skywalker-Dynastie. Zwei Film-Spin-offs und die erste Disney+-Staffel einer neuen Serie bürgen derweil für das nichtabebben wollende Interesse der profitorientierten Produktionsgewaltigen, aber auch für das des Publikums, das seinen Helden tapfer auf allen noch so ausgetrampelten Pfaden weiterfolgen wird. Ich selbst kann mich da nicht ausnehmen, was wie bei vielen Menschen meiner Generation darauf zurückzuführen ist, dass der nostalgische Nachhall der ersten „Star Wars“-Filme (in Bezug auf deren chronologische Entstehung natürlich) mit wenig anderem denn „magisch“ umschrieben werden kann. Wer „Star Wars“, oder „Krieg der Sterne“, wie man es damals überwiegend noch (west)teutonisch bezeichnete, als Kind geliebt hat und mit der ehedem noch so wunderbar unübersättigten Beschränkung der drei Filme von Lucas, Kershner und Marquand aufgewachsen ist, der kann das begreifen, die meisten anderen nicht – und das völlig zu Recht. Der aktuellste Eintrag in den Kino-Bestand der Reihe bestätigt einmal mehr überdeutlich die Ambivalenz, die „Star Wars“ als Gesamtkonzept innewohnt: Eine tragfähige Geschichte, das also, was eigentlich im Kern eines ohnehin höchst trivialen Phantastikzyklus wie diesem stehen sollte, kann darin längst nicht mehr erzählt werden. Wie alle Filme beginnend mit Lucas“ eigener Reaktivierung „The Phantom Menace“ besteht auch Abrams‘ jüngstes Produkt aus einem audiovisuell lähmenden Gewirr aus Selbstreferenzen, Repetitierungen, getürkter Kinetik, MacGuffins, technischen Artifizialitäten und generationsübergreifender Fan-Anbiederung, deren letztes bisschen „Charme“ (wobei dieser Terminus mir bereits gewagt erscheint), wenn man ehrlich ist, sich nurmehr aus den Variationen von John Williams‘ nach wie vor majestätischer Musik evozieren lässt, die uns operant konditionierte Star-Wars-Kinder aus den Siebzigern nach wie vor unkontrolliert lossabbern lässt. So funktioniert auch „Episode IX“: Alle alten Helden geben sich nochmal die Ehre: Leia (Carrie Fisher), der nunmehr auch im Film das Zeitliche zu segnen vergönnt ist, Luke (Mark Hamill) als Jedi-Geist und Han Solo (Harrison Ford) als Traumbild, das seinen konvertierten Sohnemann zurück auf die gute Seite lotst, um wie weiland Anakin Skywalker am Ende und als Sühne für seine bösen Massenmörder-Aktivitäten den Helden- und Märtyrertod zu sterben. Auch Billy Dee Williams als Lando Calrissian gibt sich nochmal die Ehre – es wird den alten Herrn gefreut haben, ein bisschen Rentenzuschlag zu erhalten. Alles CGI, alles Papp, alles Plastik. Und gottverdammt, ich armer Tor, fand’s doch wieder so schön als wie zuvor.

8/10

AD ASTRA

„I will live and I will love.“

Ad Astra ~ USA/CN 2019
Directed By: James Gray

In der Zukunft. Die Raumfahrt zählt mittlerweile zum alltäglichen Usus der Menschen, auch interplanetares Reisen ist kaum mehr etwas Besonderes. Der eigenbrötlerische, für die US-Raumbehörde SpaceCom tätige Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) wird eines Tages für eine Geheimmission herangezogen. Er soll sich auf die Suche nach seinem vor zwanzig Jahren verschwundenen Vater Clifford (Tommy Lee Jones) begeben, der einst, auf der Suche nach außerirdischer Intelligenz, zum Neptun vordrang und sich dann nicht mehr zurückmeldete. Jetzt sorgen Energiewellen, die aus der Richtung Neptuns kommen, für ein empfindliches Ungleichgewicht im All und könnten gemäß den zuständigen Wissenschaftlern sogar eine fatale Wirkung auf das gesamte Sonnensystem nach sich ziehen. Der Roy begleitende Colonel Pruitt (Donald Sutherland), ein alter Bekannter seines Vaters, schweigt sich zunächst über Roys eigentliches Missionsziel aus. Die sich im Laufe seiner Reise herauskristallisierende Wahrheit erweist sich schließlich als zutiefst unbequem.

Wie zuletzt in „The Lost City Of Z“, mit dem „Ad Astra“ in mehrerlei Hinsicht motivisch eng verwandt ist, lotet der von mir hochgeschätzte James Gray ein höchst komplexes und kompliziertes Vater-Sohn-Verhältnis aus, das von dem rigorosen Entdeckerdrang und Forschungsdrang des Seniors dominiert und gezeichnet ist. War die Geschichte um Perry Fawcett und seinen Sohn Jack, die in den zwanziger Jahren im Zuge einer wahnwitzigen Amazonas-Expedition verschwanden, noch authentischen Ursprungs, setzt Gray sein jüngstes, in weiten Teilen analoges Sujet in den futuristischen Kontext der Waltraumerforschung. Auch hier ist das Verhältnis zwischen dem abwesenden Vater und seinem zurückgelassenen Sohn höchst problematisch: Während Clifford McBride von den Behörden (völlig zu Unrecht, wie sich erweisen wird), zum Helden unbeugsamer menschlichen Expeditionsgeistes stilisiert wurde – ein übermächtiger Schatten, in dem der teilautistisch wirkende Roy trotz seiner eigenen professionellen Qualitäten immer wieder versackt – musste sein Filius über entscheidende Jahre seiner eigenen Vita hinweg ohne ihn auskommen. Die Reise zu seinem Vater kommt für ihn im Zuge dessen einer Reise zu den eigenen Wurzeln gleich.
Wiederum zeigt sich Gray ebenfalls stark beeinflusst von Joseph Conrads „Heart Of Darkness“, während sich sein Film formal betrachtet zu den oftmals eher kontemplativ orientierten SciFi-Genre-Beiträgen der letzten Jahre gesellt, die sich, auch diesbezüglich überragt sie „Ad Astra“ hinsichtlich seines hermeneutischen Vorsprungs, ja mehr oder weniger deutlich durchweg an Kubricks „2001: A Space Odyssey“ orientierten. Anders als der darin reinkarnierende Dave Bowman findet Roy am Ende seiner ebenfalls von sonderbaren Ereignissen gesäumten Reise allerdings keine von spirituellen Entitäten dargebotene, neue Evolutionsstufe, sondern vielmehr deren Gegenteil – er kehrt zurück zu sich selbst.
James Gray steht, selbst, wenn seine Geschichten sich dramaturgisch zuspitzen, für ein mental ausgeglichenes, besonnenes, jedoch nie über Gebühr elegisches Kino und ist damit stets ganz bei sich, egal ob er sich auf Gangsterfilmterrain, romantischem oder historischem bzw. abenteuerlichem Terrain bewegt. „Ad Astra“, sein erster Science-Fiction-Film, bildet da keine Ausnahme und zeugt somit abermals vom konstant hohen Niveau, auf dem dieser wunderbare Regisseur zu arbeiten pflegt.

8/10

KNIVES OUT

„It’s a weird case from the start.“

Knives Out ~ USA 2019
Directed By: Rian Johnson

Harlan Thrombey (Christopher Plummer), superfolgreicher Schriftsteller und wohlhabender Familienpatriarch, wird am Morgen nach seinem 85. Geburtstag tot aufgefunden. Was offenkundig und allen verfügbaren Indizien nach ein Suizid zu schein scheint, interpretiert der neben den ermittelnden Polizisten herbeigerufene Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) flugs als wohlfeil getarnten Mord. Obschon Blanc seinen Auftraggeber noch nicht kennt, ist ihm bereits nach den Kurzverhören von Thrombeys herumdrucksenden Sprösslingen und deren EhepartnerInnen klar, dass beinahe jede/r von ihnen ein hinreichendes Motiv hatte, den Alten um die Ecke zu bringen. Thrombeys junge Privatpflegerin und persönliche Vertraute Marta Cabrera (Ana de Armas) scheint der Schlüssel zur Lösung des Rätsels zu sein…

Ganz offensichtlich als Franchise-Starter angelegt, wird von Daniel Craig als Edelschnüffler Benoit Blanc in Kürze noch mehrfach zu sehen sein. Ein Sequel ist bereits jetzt in der Planungsphase und auf nicht eben unclevere Weise dazu angetan, Craigs dräuende Abkehr von James Bond abzufedern. Regisseur und Autor Rian Johnson jedenfalls hat die Figur als Hommage an klassische Privatdetektive, wie man sie vor allem von Agatha Christie her kennt, angelegt und ihr in diesem Zuge sogleich einen wohlklingenden französischen Namen Marke Hercule Poirot verehrt. Tatsächlich weckt das Konzept des Films recht unumwundene Assoziationen an die Poirot-Adaptionen mit Peter Ustinov, in denen der Ermittler und Bonvivant sich stets mit einem (initiierenden) Mordfall und einer Schar von prominenter Besetzung interpretierter Verdächtiger vor schickem Ambiente konfrontiert sah, von denen alle als potenzielle/r TäterIn in Frage kamen. „Whodunit“ nannte und nennt man bekanntermaßen derlei kriminalistische Verwirrspiele, in denen das Publikum auf Gedeih und Verderb die deduktiven Fähigkeiten des ihn leitenden Rätselknackers und die durch dessen inneres Auge zu sehenden Rückblenden angewiesen ist.
Nachdem Rian Johnson das vorletzte „Star Wars“-Epos inszeniert hatte und mit Sicherheit unter denkbar höchstem Liefer- und Erwartungsdruck gestanden haben wird, dürfte er sich mit dem vergleichsweise intimen „Knives Out“ ein hübsches, kleines Geschenk in eigener Sache verehrt haben. Sein mit einem überaus namhaften Ensemble ausgepolstertes, leichtfüßiges Genrestück steckt voller kleiner Drehbuchfinten, humoristischer Tangentiale und verwehrt sich ganz (selbst-)bewusst der in den letzten Jahren und Jahrzehnten florierenden, düsteren Serienkillerepen, indem er auf einen verschmitzten Detektiv (dessen genialisches Emittlerhirn allerdings weitgehend Behauptung bleibt und sich künftig noch erweisen muss) und eine sympathische Heldin setzt, deren reziprok-reaktionsaffines Bälle-Zuspiel ganz nebenbei als Empfehlung für den kommenden Bond-Film „No Time To Die“ fungieren darf. Die übrigen Stars spielen ihre Parts mit Lust und Verve. Vor allem dem ja schon seit längerem reaktivierten Don Johnson gönnt man seinen zweiten Frühling. Ansonsten ist Thrombeys New-England-Villa der heimliche Star des Films: Das Gebäude mit all seinem kosmopolitischen, überschwänglichem Ausstattungsfirlefanz und eklektischen Interieurs nebst Geheimfenster und Innenbüro ist ein das Auge zuckerndes Meisterstück architektonischer Designkunst.

7/10

THE LIGHTSHIP

„Freedom is the greatest prize of all. Why shouldn’t the cost be high?“

The Lightship (Das Feuerschiff) ~ USA 1985
Directed By: Jerzy Skolimowski

Der Weltkriegsveteran Miller (Klaus Maria Brandauer) ist ein paar Jahre später Captain eines vor der Küste Virginias vor Anker liegenden Feuerschiffs, einer Art „mobilen Leuchtturms“, das die Verkehrsseefahrt im Nebel vor Riffen warnt. Miller befehligt eine kleine Besatzung von fünf Männern. Eines Tages muss er seinen delinquenten Sohn Alex (Michal Skolimowski) unter seine Fittiche nehmen. Nur kurz nach dessen Ankunft landen zudem drei Gangster, die nach einem Banküberfall auf See geflüchtet sind, auf dem Feuerschiff: Der exaltierte Caspary (Robert Duvall) und die beiden soziopathischen Brüder Gene (William Forsythe) und Eddie (Arliss Howard). Das ziellose Trio setzt die Mannschaft unter Druck und spielt zusehends genüsslich mit den ungleich verteilten Machtverhältnissen. Vor allem Caspary versucht unentwegt, den durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Utilitaristen Miller aus der Reserve zu locken. Die übrige Besatzung, darunter auch Alex, fasst derweil den Plan, gewaltsam gegen die drei Kriminellen vorzugehen…

„The Lightship“ ist die zweite Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Siegfried Lenz nach Ladislao Vajdas Erstadaption von 1963. Auch „Das Feuerschiff“ zählt, wie „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“, bereits seit Jahrzehnten zum Kanon nationaler Schulliteratur. Skolimowskis Ansatz, respektive der des vom Script gezielt modifizierten Scripts, konzentriert sich allerdings nahezu gänzlich auf das psychologische Duell zwischen Miller (im Buch Freytag) und dem zu dessen Nemesis avancierenden Caspary. Zwei höchst unterschiedliche Männer von ganz ähnlicher Intelligenz, die sonst jedoch nichts verbindet, finden sich dabei antagonisiert: Dem durch seine Kriegserlebnisse geläuterten, Ruhe und Frieden im Pflichtbewusstsein suchenden Miller, einem stets abwägenden, in sich ruhenden Menschen, setzt die Geschichte den zutiefst amoralischen, sozial entkernten Caspary entgegen, dessen Hauptbestreben bald darin liegt, Miller zu blindem Aktionismus anzustacheln. Freilich forciert sich jener Widerstreit der beiden Patriarchen zugleich auch zum unweigerlichen Schaulaufen der zwei Hauptdarsteller und ihrer jeweils gewiss genialischen Talente. Brandauer und Duvall stacheln sich wechselseitig zu spezifischer Höchstform an und bilden – natürlich – den Hauptgrund für den Genuss dieses sich oftmals zwischen Stühle setzenden Werkes. Den symbolischen, um nicht zu sagen, literarischen Charakter der Vorlage kann „The Lightship“ allerdings nie ganz abschütteln; die sich hauptsächlich durch die Vertiefung von Miller und Caspary via Dialog schürende Spannung wird allenthalben unterbrochen durch Szenen, die wiederum dem klassischen Terror- und Thrillerkino abgeschaut sind; so etwa eine Sequenz, in der der psychotische Gene die geliebte Krähe des Smutjes Nate (Badja Djola) massakriert und im Anschluss auch noch eine verbale rassistische Attacke gegen diesen fährt – hier wirkt der gezielte, zäsurische Einsatz urplötzlich stattfindender Affektion unpassend und sogar ein enig vulgär.
Nichtsdestotrotz bleibt „The Lightship“ ein spannendes, wohltuend unzeitgemäß wirkendes Werk seiner sonst doch so bereitwillig auf Oberflächen setzenden Ära.

8/10