GLASS

„This was an origin story the whole time.“

Glass ~ USA 2019
Directed By: M. Night Shyamalan

Als der mittlerweile jahrelang incognito als „Overseer“ im Vigilantengeschäft tätige, mittlerweile verwitwete David Dunn (Bruce Willis), unterstützt von seinem Sohn Joseph (Spencer Treat Clark), auf den multipel gestörten Serienmörder Kevin Wendell Crumb (James MacAvoy) alias „The Horde“ aufmerksam wird und ihn kurz vor dessen nächster Schreckenstat stellt, werden beide gefasst, in in psychiatrische Sicherheitsverwahrung und dort unter die Obhut von Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) verfrachtet. Dort begegnet David auch seinem alten Widersacher Elijah „Mr.“ Glass (Samuel L. Jackson) wieder, der hier stark sediert und depressiv seine Tage fristet. Dr. Staple ist Expertin für scheinbar Größenwahnsinnige mit dem Hang, sich selbst als Superwesen oder Metamenschen zu betrachten und setzt sich zum Ziel, das Trio mithilfe gruppentherapeutischer Sitzungen vom Gegenteil zu überzeugen. Doch im brillanten Hirn hinter seinem nur vorgespielt lethargischen Blick gärt er bereits wieder bei Mr. Glass…

Nachdem M. Night Shyamalan mittels einem das Publikum aufjuchzen lassenden Epilog zuletzt bereits den Protagonisten seines nach wie vor schönsten Films „Unbreakable“ mit der Story von „Split“ koppelte, ließ sich bereits erahnen, was da kommen mochte. Nicht zuletzt die Tatsache, dass der im Jahr 2000 gestartete „Unbreakable“ die in den letzten zwei Dekaden zum maßgeblichen Blockbustersegment avancierte Superheldencomic-Adaption durch seine geschliffene Mythologiedialektik entscheidend vor- und mitbereitet hat, erschien ein Wiederaufgreifen des darin vorgestellten Ansatzes sinnvoll. In Kombination mit dem gegen Ende selbst phantastische Züge annehmenden „Split“ eine umso vielversprechendere Angelegenheit. Shyamalan feilt dann auch eifrig weiter an seinem ganz eigenen Superhelden-Universum und gibt Mittel und Wege für ein weiteres potenzielles Franchise vor, dessen serieller Charakter sich nach dem Ende von „Glass“ jedoch etwas fragwürdig gestaltet. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Geschichte abermals weitergehen kann und/oder wird. Der vorliegende Film begnügt sich indes (noch) damit, auf die gewaltigen CGI- und Materialschlachten aus MCU und DCEU zu verzichten. Kündigt sich durch Mr. Glass‘ massenmörderische Planungen bereits ein urbaner Showdown mit allerlei Kollateralschäden an, bleibt es dann doch bei einem einzigen aktionsbetonten Widerstreit der naturgewaltigen Übermenschen vor den Toren der psychiatrischen Klinik, an dem die jeweils wichtigsten Bezugspersonen der drei Antagonisten, also Dunns Sohn Joseph, die Crumb zuvor notgedrungen entkommene und nunmehr in bizarrer Beziehung zu ihm stehende Casey Cooke (Anna Taylor-Joy) und schließlich Elijahs Mutter (Charlayne Woodward), ebenso wie eine sich erst gegen Ende herausschälende, vierte Partei maßgeblich beteiligt sind. Zuvor nimmt sich Shyamalan abermals Muße und Gelegenheit, der kulturellen und literarischen Genealogie des Superheldencomics, seiner Wurzeln, Anfänge und Ausprägungen durch Glass‘ Analysen Raum zu geben und sich mit der (nur kurze Zweifel aufwerfenden) Frage nach dem Geisteszustand von Dunn, Crumb und Glass zu befassen. Ansonsten gehört dieser Film schon durch seine figuralen Erfordernisse eindeutig den „Bösen“, Bruce Willis/David Dunn ist eher Stichwortgeber und Nebenfigur, während MacAvoy abermals ausgiebig Gelegenheit erhält, seine multiplen Persönlichkeiten in oftmals rasanter Abfolge aufblitzen zu lassen und Jackson eben weiterhin den ebenso fragilen wie sinistren Strippenzieher zu geben hat.
Der Gesamteindruck ist durchaus gut, aber – leider? – nicht epochal.

7/10

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L’HORLOGER DE SAINT-PAUL

Zitat entfällt.

L’Horloger De Saint-Paul (Der Uhrmacher von St. Paul) ~ F 1974
Directed By: Bertrand Tavernier

Michel Descombes (Philippe Noiret), ein gesetzter, respektierter Uhrmacher in Lyon, wird eines Tages von der polizeilichen Nachricht überrumpelt, dass sein von ihm allein aufgezogener Sohn Bernard (Sylvain Rougerie) gemeinsam mit seiner Geliebten (Christine Pascal) einen Werkschutzleiter ermordet hat. Während das Paar von der Polizei gesucht wird, lässt der desorientierte Michel die Jahre mit Bernard Revue passieren, hinterfragt dessen mögliche Motivation für die Tat und solidarisiert sich schließlich vorbehaltlos mit seinem Sohn, als dieser gefasst und vor Gericht gestellt wird.

Bertrand Taverniers „Solo“-Debut hat eine ehrgeizige Produktionsgeschichte. Nachdem Tavernier Georges Simenon, den Autor der Romanvorlage, mühevoll davon überzeugen konnte, ihm die Verfilmungsrechte zu gewähren, musste der Filmemacher sich in mühevoller Klaubarbeit die Finanzierung zusammenkratzen. Das Resultat bildet einen stillen, betont ungeschwätzigen Film ab, dem es ausschließlich um ein psychologisch stimmiges Charakterporträt der Titelfigur geht, eines ehrbaren, unauffälligen Arbeiters in einer französischen Großstadt. Michel Descombes wird als zuverlässiger, solider Typ berechtigterweise von seinen Mitmenschen geschätzt: Nachdem seine Frau sich einst von ihm hatte scheiden lassen und dann gestorben war, übernahm Michel gemeinsam mit dem Kindermädchen Madeleine (Andrée Tainsy) die Erziehung seines Sohnes Bernard, der bis dato bei ihm wohnte, der sich jedoch, das muss Michel bald zur Kenntnis nehmen, schon seit längerem von ihm entfremdet hat. Von Bernards Freundin Liliane etwa weiß Michel nichts und auch seine sonstige Gedanken- und Gefühlswelt entziehen sich, freilich eher unbewusst, des Vaters Zugriff. Stattdessen lebt Michel sein für sich betrachtet ausgefülltes Leben als Uhrmacher, er arbeitet, trifft sich mit guten Bekannten zum Stammtisch und lauscht den klassenkämpferischen Ansagen seines linken Freundes Antoine (Jacques Denis). Ein gesteigertes Interesse an Michel entwickelt der in der Mordsache ermittelnde Commissaire Guilboud (Jean Rochefort): er mag und schätzt den in sich gekehrten, ruhigen Zeitgenossen und versucht, zu verstehen, warum jener seinen über die Stränge geschlagenen Sohn weiterhin protegiert und zu begreifen versucht.
An der auslösenden Kriminalgeschichte, dem Mordfall, hat Tavernier wenig bis gar kein Interesse. Von den polizeilichen Ermittlungen, der Verfolgung Bernards und Lilianes und schließlich deren Ergreifung und Prozess zeigt der Film nur das, was aus der Distanz auch der in jeder Szene präsente Michel mitbekommt. Stattdessen zeigt er, wie Michel eine vor allem gesellschaftlich unerwartbare Wandlung vollzieht: Er gewinnt das verloren gegangene Interesse an und die die Liebe zu seinem Sohn zurück, lernt, allem Geschehenen trotzend, zu ihm zu stehen und endlich der Vater zu sein, der er zuletzt nicht (mehr) war. Die letzte Szene zeigt Michel, wie er an heißem Tag das Gefängnis nach einem der ersten seiner (fortan offenbar sehr regelmäßig stattfindenden) Besuche bei Bernard verlässt: Er entledigt sich Krawatte und Jacket, atmet durch und lächelt.

8/10

DOM ZA VEŠANJE

Zitat entfällt.

Dom Za Vešanje (Die Zeit der Zigeuner) ~ YU/I/UK 1988
Directed By: Emir Kusturica

Eine Roma-Siedlung über der Stadt Skopje: Der sanftmütige Perhan (Davor Dujmovic) lebt zusammen mit seiner jüngeren, gehbehinderten Schwester Danira (Elvira Sali) und ihrem Onkel Merdžan (Husnija Hasimović) in der Baracke der Perhan über alles liebenden Großmutter (Ljubica Adzović). Dieser wiederum, mit leichten, telekinetischen Kräften ausgestattet, macht Nachbarin Azra (Sinolička Trpkova) den Hof, bei der er wegen ihrer herrischen Mutter (Bedrije Halim), die Azra ausschließlich an einen liquiden Schwiegersohn herzugeben gedenkt, jedoch keine Chance hat. Daher nimmt Perhan die Offerte des sich gönnerhaft gebenden Ahmed (Bora Todorović) an, ihn und seinen Tross nach Mailand zu begleiten, wo angeblich das große Geld wartet. Danira soll unterwegs in einem Krankenhaus in Ljubljana abgesetzt werden, wo Ahmed ihr großmütig eine Behandlung zu finanzieren verspricht. In Mailand angekommen registriert Perhan rasch, dass Ahmed ein gemeiner Krimineller ist, der sein Geld mit Prostitution und kleinen Räubereien macht und Kinder zum Betteln auf die Straße schickt. Dennoch avanciert Perhan nach einem Schlaganfall Ahmeds zu dessen rechter Hand. Als der Junge schließlich – ohne Erlaubnis Ahmeds – nach Skopje zurückkehrt, muss er erfahren, dass Azra hochschwanger ist – gerüchtehalber von Merdžan, was Perhan in tiefe Verzweiflung stürzt. Dennoch nimmt er Azra, die beteuert, es handle sich um Perhans eigenes Kind, eilends zur Frau und kehrt mit ihr nach Mailand zurück, wo Azra unter dem Druck, den vermeintlichen „Bastard“ verkaufen zu müssen, bei der Niederkunft stirbt. Perhan erkennt nun endgültig, welchen schlechten Einfluss Ahmed auf ihn hatte. Dieser verschwindet jedoch spurlos mit Perhans Sohn. Auch Danira ist nicht mehr aufzufinden. Perhan wird nunmehr einzig von dem Gedanken an Rache getrieben.

Im ersten Teil seiner „Zigeuner-Trilogie“ verfeinert der serbische Regisseur Emir Kusturica seine ihm ohnedies in der Filmkunst so spezifiziert zugeschriebene Methode des realismo mágico und führt diese zur Perfektion: Einer sehr beherzt und emotional erzählten, moralträchtigen und zugleich relativ einfachen Geschichte steht ein sehr viel komplexerer, oft traumnaher Erzählstil gegenüber, in dem im Grunde alles möglich ist. Kusturica meinte, dass die Parallelkultur der Roma und ihre sehr unterschiedlichen, regionalen Ausprägungen ihn seit frühester Kindheit faszinierten und er dort, wo sich ihre Ansiedlungen konzentrierten, das Leben stets um sehr Vieles vitaler wahrnahm als andernorts. Diese Faszination überträgt sich nahtlos schwebend auf „Dom Za Vešanje“, der, besetzt mit einer Kombination aus Laiendarstellern und Profis, einen tiefen Einblick in das Roma-Leben gewährt und dabei jedweden Voyeurismus oder Denunziantentum ausspart. Selbst die Originaldialoge sind in romanes belassen, einer Sprache, die der in den letzten Jahren immer wieder wegen nationalistischer Zugeständnisse aufgefallene Kusturica kaum zureichnend beherrscht. Dabei dividiert sich „Dom Za Vešanje“ im Groben in zwei Teile: Die Zeit, die Perhan im bettelarmen, aber lebensfrohen Heimatdorf verlebt und später dann jene, die ihn unter seinem neuen Paten gen Westen führt, moralisch zutiefst korrumpiert und einen garstigen Misanthropen aus ihm formt, dessen blutiger Rachefeldzug ihm am Schluss selbst den gewaltsamen Tod bringen und aus seinem kleinen Sohn eine Vollwaise machen wird. Schnittstelle bildet eine zutiefst poetische Aufbereitung der von den Roma ausgiebig gefeierten St.-Georgs-Nacht, die als eher heidnisches denn religiöses Frühlingsfest begangen wird und in der Perhan seine Unschuld verliert (und Azra schwängert). Symbolisch wird sein „Erwachsenwerden“ ihn nicht nur körperlich einer entzärtlichten Form der Männlichkeit zuführen, sondern den einstigen Tagträumer darüberhinaus auch brutalisieren. Nach seinem traurigen, vorhersehbaren Ende bleibt nurmehr ein letzter Trost – Hatidža, die tapfere, stets lebenbejahende Großmutter, ewige Fackel- und Hoffnungsträgerin der Sippe, wird sich des Jungen annehmen so wie sich einst schon Perhan angenommen hat. Das Leben – es geht weiter.

10/10

NUR GOTT KANN MICH RICHTEN

„Das is Business, Dicker.“

Nur Gott kann mich richten ~ D 2017
Directed By: Özgür Yildirim

Nach fünf Jahren im Knast wegen eines vergeigten Bruchs kommt der Kriminelle Ricky (Moritz Bleibtreu) raus. Für seinen Traum, seinen dementen Vater (Peter Simonischek) aus Frankfurt rauszuholen und ein Café auf Cabrera zu eröffnen, braucht er allerdings Startkapital. Dies erhofft er sich durch einen von seinem alten Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) vermittelten Coup für den Albaner Branko (Cem Öztabakci) zusammenklauben zu können. Rickys jüngerer Bruder Rafael (Edin Hasanovic), selbst auf Bewährung und von eigenen Problemen gebeutelt, steigt widerwillig als dritter Mann ein. Natürlich geht alles schief; Ricky und Rafael werden von der Polizistin Diana (Birgit Minichmayr) gestellt und verlieren das gestohlene Heroin, das wiederum Diana, die dringend Geld für eine Herzoperation ihrer kleinen Tochter benötigt, an sich bringt, um es auf dem Schwarzmarkt abzustoßen. Dabei gerät sie über Umwege an Latif…

Bevor Özgür Yildirim zwei Episoden für die zweite Staffel der sehr einnehmenden Serie „4 Blocks“ inszenierte, ließ er diesen von ihm selbst gescripteten, nachtschwarzen Gangsterfilm vom Stapel, der der nunmehr ergiebigen Tradition des ins ethnische Milieu abtauchenden, deutschen Genrestücks folgt und ihr ein neues, matt schimmerndes Juwel hinzufügt. Dass die hierin vorkommenden Araber, Albaner und auch deutschstämmigen Szenegestalten keinesfalls über den eleganten Habitus ihrer globaler operierenden Berufskollegen verfügen, sondern viel eher dem kulturmuslimisch konnotierten Asisprech und Choleriker-, Bedrohungs- und Beleidigungsmachsismo Marke deutsches Großstadtghetto frönen, gilt es wie stets in diesen Fällen zu schlucken, auch, wenn es sich als nicht immer einfach erweist. Jedwede alternative Darstellung wäre aber vermutlich auch gestelzt bis unrealistisch. Ohne „Wallah!“ und Gangsterrap geht’s nicht.
Um einen pädagogischen Zeigefinger ist Yildirim kaum (weiter) bemüht. Seine Figuren stehen da, wo sie stehen, nämlich an der Wand. Sie können nichts anderes und sind durch ihren sozialen Mikrokosmos und die unweigerliche, permanente Konfrontation mit dem Rechtsstaat bereits einschlägig geprägt und können nur auf ihre Eins-zu-Einer-Million-Chance hoffen, die ihnen, das wissen wir schon seit Cagney und Robinson, am Ende sowieso verwehrt bleiben wird. Doch ist „Nur Gott kann mich richten“ nicht bloß eine weitere Rise-and-Fall-Studie. Er geht tiefer, entspinnt ein komplexes Geflecht aus Koninzidenzen, Schuld, Sühne und Gewaltkausalität, dass in seinen besten Momenten an den klassischen französischen Gangsterfilm gemahnt.
Jeder getane Schritt, zumal vom Protagonisten Ricky, führt eine Sprosse weiter abwärts, zum Privatschafott. So sehr er sich auch bemühen mag; Unbeherrschtheit, Gewaltbereitschaft und Boshaftigkeit zählen unweigerlich zu seinem Naturell. Im Gegensatz zu seinem Bruder Rafael, dessen Abwärtsspirale eher seiner postpubertären Unbeholfenheit zuzurechnen, der jedoch kein wirklich schlechter Kerl ist und selbst zu seinem Kumpel Latif und dessen mangelndem Durchblick, bleibt Ricky ein auch moralisch perspektiviert hoffnungsloser Kapitalverbrecher, der einen Fehler begeht, um den nächsten zu machen. Als interessantester Charakter erweist sich allerdings die Polizistin Diana. Selbst von teilweisen migrantischen Wurzeln geprägt, ist ihr gegenwärtiges Leben eine Müllhalde: Verlassen vom hochverschuldeten Mann und Vater des Kindes, das wiederum herzkrank ist und dringend ein Spenderorgan benötigt, vollzieht auch sie den Schritt auf die dunkle Seite, ein Changieren, das sie kaum minder als Ricky am Ende beinahe alles kosten wird.
Stark.

8/10

THE PREDATOR

„They’re large, they’re fast, and fucking you up is their idea of tourism.“

The Predator (Predator – Upgrade) ~ USA/CA 2018
Directed By: Shane Black

Während eines Einsatzes in Mexiko gerät Army-Sniper Quinn McKenna (Boyd Holbrook) an einen ebenfalls vor Ort befindlichen Predator. Mit mehr Glück als Verstand gelingt es McKenna, das Alien außer Gefecht zu setzen und ihm einige Ausrüstungsgegenstände abzunehmen. Diese verschickt McKenna in weiser Voraussicht an seine in einer US-Kleinstadt lebende Familie, Frau Emily (Yvonne Strahovski) und Sohnemann Rory (Jacob Tremblay), der gleichsam hochintelligent ist und unter dem Asperger Syndrom leidet. Derweil wird der eigens zur Predator-Beobachtung abgestellte Agent Will Traeger (Sterling K. Brown) auf McKenna und den von ihm kaltgestellten Fremden aufmerksam. Die eilends hinzugezogene Casey Brackett (Olivia Munn) kann ihr Glück, eine außerirdische Spezies untersuchen zu dürfen, kaum fassen. Während der flüchtige McKenna gefasst und mit einigen anderen Militärhäftlingen verlegt wird, kann der gefangene Predator fliehen. Es findet sich jedoch noch ein weiterer, durch Genmanipulation mutierter Außerirdischer ein, der seinen Artgenossen tötet und Jagd auf McKenna und Sohn Rory macht. Offenbar sind die beiden im Besitz von etwas, dessen sie nicht habhaft sein sollten…

Die sich nur anscheinend etwas kompliziert ausnehmende Synopsis von Shane Blacks jüngster Regiearbeit sollte keinen falschen Eindruck vermitteln: „The Predator“ dürfte einserseits zwar den bis dato blutigsten, andererseits allerdings zugleich den humorigsten Eintrag in dem bisher (zählt man die beiden Crossover mit) sechs Filme umfassenden Zyklus um die illustren außerirdischen Jäger abgeben. Wie es so des Regisseurs Art ist, besteht das von ihm selbst und Fred Dekker dem Film zugrunde gelegte Script gleichsam aus explosiven Actionsequenzen und einer selbst für Blacks zunehmend anarchische Verhältnisse rückhaltlosen Kaskade aus Sprüchen und Gags, von denen sich aber diverse leider auf halbgarer Ebene verflüchtigen. So nimmt sich „The Predator“ primär als ein weiterer Beitrag zur gegenwärtig angesagten Achtziger-Retro-Welle aus: Black, der ja bekanntlich einst selbst in John McTiernans maßgeblichem Original als Hawkins – Söldner, Lieferant schmutzig-misogyner Witzchen und erstes Opfer des Predator – auf der Seite der „Guten“ angetreten war und sich hernach vor allem als Drehbuchautor einen Namen machen konnte, arbeitete hier erstmals seit „The Monster Squad“ wieder mit seinem alten Kumpel Dekker zusammen. Offenbar haben die beiden Jungs noch einen ganz ähnlichen Schalk wie vor rund dreißig Jahren im Nacken, denn „The Predator“ dürfte vor allem Kids viel Freude bereiten oder noch viel mehr Solchen, die auch nach drei Dekaden noch umweglos ihre einstige Jungpersona zu reaktivieren vermögen. Als ernsthaftes Genrestück in der Tradition der ersten beiden „Predator“-Filme von McTiernan und Hopkins sollte man Blacks Schwank jedenfalls nicht in Empfang nehmen, sondern vielmehr als herzhaft-kurzweiligen Spaß, dessen R-Rating-Effekte abseits seines kindlichen (Mit-)Protagonisten, dem im späteren Plotverlauf eine unerwartete Zentralfunktion zukommt, recht genüsslich und in übertriebenem Maße zelebriert werden. Den Dreieinhalb-Meter-Super-Riesen-Predator und seine (in abgewandelter Form aus dem ’10er-Film von Nimród Antal bekannten) Schoßhunde als eminente Bedrohung ernstzunehmen, entbietet sich jedenfalls als nahezu unmöglich und auch die multipel eingestreuten, komisch konnotierten Reminiszenen an die bisherige Filmhistorie der Monster verhindern recht zielsicher, dass „The Predator“ sich jemals dem Verdacht etwaiger Ernsthaftigkeit aussetzen könnte. Er ist dann doch vielmehr ein grobschlächtiges Spaßprodukt, dem man aufgrund seiner deftigen, mit entwaffnendem Selbstverständnis zelebrierten Infantilität kaum ernsthaft böse sein mag.

6/10

THE CANAL

„Horrible things happen in every old house.“

The Canal ~ IE/UK 2014
Directed By: Ivan Kavanagh

Filmarchivar David Williams (Rupert Evans), seine Frau Alice (Hannah Hoekstra) und ihr kleiner Sohn Billy (Calum Heath) ziehen in ein altes Einfamilienhaus in der Nähe eines Kanals. Nach einiger Zeit fällt David Bildmaterial in die Hände, das darauf hindeutet, dass vor über 100 Jahren in seinem Haus ein durchgedrehter Gewaltverbrecher seine Familie hingemordet hat. Zu dieser ungemütlichen Entdeckung kommt, dass David Verdachtsmomente hinsichtlich einer Affäre, der Alice mit ihrem Arbeitskollegen Alex (Carl Shabaan) nachgeht, hegt. Kurz nachdem sich jene Vermutung zur Gewissheit wandelt, erleidet David einen Blackout, während Alice verschwindet und bald darauf tot aus dem Kanal geborgen wird. David ist sich sicher, dass der böse Geist des damaligen Killers aus dem Jenseits zurückgekehrt ist, um weiter zu morden. Mysteriöse Erscheinungen und weiteres Filmmaterial erhärten diese Annahme, doch niemand glaubt David. Es gilt nun, Billy vor dem Bösen zu schützen…

Ein sehr schöner, leider wohl sehr übersehener und im positiven Sinne „kleiner“ Horrorthriller aus Irland, an dem eigentlich beinahe alles passt und der vor allem dadurch zu überzeugen weiß, dass er sich jedwede Verlockung, sich der schnöden Eindeutigkeit hinzugeben, bis über das Ende hinaus verkneift. Zudem besticht „The Canal“ durch eine sehr gemächlich angezogene, dabei stets involvierende Spannungskurve, die das Publikum praktisch permanent an die zunehmend vom Realitätsbeugung heimgesuchte Seite seines vom Schicksal übel gebeutelten Protagonisten David stellt und seine Wirklichkeit mit unserer parallelisiert. So entblättert sich nach und nach eine auf allen Ebenen betont filmisch konnotierte Reflexion über Objektivität und Subjektivität, Interpretationsbestrebungen und eben Wahrnehmungskanäle, respektive darüber, inwieweit man jenen zu trauen bereit sein sollte.
Was sich demnach zunächst wie eine eher typische Geister- und/oder Dämonengeschichte in der Tradition von wohlgelittenen Vorläufern wie „Echoes“ oder „Sinister“ ausnimmt, entblättert sich sukzessiv zu einem sehr viel mehrschichtigeren, packenden Genrestück, das auch auf formaler und dramaturgischer Ebene durchweg überzeugt. Lohnt.

8/10

ÉG MAN ÞIG

Zitat entfällt.

Ég Man Þig (I Remember You) ~ IS 2017
Directed By: Óskar Thór Axelsson

Der isländische Mediziner Freyr (Jóhannes Haukur Jóhannesson) vermisst schon seit längerem seinen kleinen, spurlos verschwundenen Sohn Benni (Gudni Geir Jóhanneson), dessen ungeklärter Verbleib Freyr schwer zusetzt. Aktuell unterstützt er die lokale Polizei bei der Untersuchung einer weiblichen Leiche. Die alte, in einer Kirche erhängte Frau weist kreuzförmige Narben mysteriösen Ursprungs auf dem Rücken auf. Weitere Recherchen ergeben, dass es in den Jahren zuvor noch fünf weitere Tote gab, die unter ähnlich seltsamen Umständen und mit ebensolchen Wundmalen aufgefunden wurden. Und noch etwas haben die Opfer gemeinsam: Sie alle besuchten als Kinder dieselbe Schule und haben offenbar mit Vorliebe einen Klassenkameraden namens Bernódus (Arnar Páll Harðarson) gequält, der zudem unter einem fundamentalistischen Vater zu leiden hatte. Während Freyr im Zuge seiner nunmehr parallel laufenden Recherchen selbst von geisterhaften Visionen heimgesucht wird, ist das Ehepaar Katrin (Anna Gunndís Guðmundsdóttir) und Garðar (Thor Kristjansson) nebst Freundin Líf (Ágústa Eva Erlendsdóttir) damit beschäftigt, in einem kleinen, verlassenen Küstenort einen Altbau in ein Hotel umzubauen. Seltsame Erscheinungen überzeugen Katrin bald, dass hier ein Geist umgehen muss…

Von erlösten und unerlösten Gespenstern: Die Regel, dass nicht nur aus dem Kontinentalskandinavischen, sondern vor allem auch aus dem kleinen Island in regelmäßigen Abständen überaus sehenswertes Genrekino kommt, bestätigt „Ég Man Þig“ aktuell wieder eindrucksvoll. Im Groben eine relativ ordinäre Geisterstory um ein ebenso vergeltungs- wie gerechtigkeitsbedürftiges Wesen aus dem Zwischenreich, ist das inhaltliche Grundgerüst dabei wenig innovativ. Was Axelssons Film indes schön und interessant gestaltet, sind zum Einen ein beeindruckend sicheres Regiehändchen und zum anderen die bewusst komplex aufbereitete Dramaturgie, die den Rezipienten mittels verschachtelter Narration unweigerlich zu hoher Aufmerksamkeit sowie zu angeregtem Mitentschlüsseln herausfordert. Tatsächlich verweben sich sukzessive nicht weniger als drei eigentlich voneinander unabhängige Subplots, deren Zusammenhang sich erst spät erschließt, zu einem homogenen Ganzen.
Die urwüchsig-karge Topographie des nordatlantischen Inselstaats liefert darüberhinaus bereits ein solch geballtes Kontingent an atmosphärischer Unterstützung, dass das übrige Zutun sich beinahe spielerisch-ungezwungen ausnimmt. Nichtsdestotrotz fesselt der für einen Horrorfilm regelrecht kontemplativ gehaltene „Ég Man Þig“ mit unablässig forcierter Intensität, nimmt für seine Figuren ein und überzeugt besonders in den emotional straff gespanten Szenen um die drei Möchtergern-Gastronomen, die jede(r) für sich in der Abgeschiedenheit seine/ihre ganz private, kleine Höllenfahrten erlebt. Die ganz große Katharsis bleibt dann am Ende auch aus. Für traurige Gespenster ist nur die Unendlichkeit.

8/10