BLACK ’47

„Beauty would be held in much higher regard, Sir, if it could be eaten.“

Black ’47 ~ IE/LU 2018
Directed By: Lance Daly

Irland, 1847. Während der großen Hungersnot kehrt der Militärveteran und Deserteur Martin Feeney (James Frecheville) nach Hause zurück und findet Mutter und Bruder tot vor. Nur seine Schwägerin Ellie (Sarah Greene) trotzt mit ihren Kindern noch verzweifelt dem Hungertod. Feeney, der plant, mit dem Rest seiner Familie nach Amerika zu emigrieren, bringt Ellie und deren Sprösslinge in eine der noch stehenden Hausbaracken unter, doch einige Lakaien des hiesigen Großgrundbesitzers Kilmichael (Jim Broadbent) verweigern ihnen unter Berufung auf die geltende Rechtslage den dortigen Aufenthalt. Beim anschließenden Scharmützel gerät die Ruine in Brand, Feeney wird gefangen genommen und weggebracht und sein Neffe getötet. Nachdem es ihm gelingt, sich zu befreien, hat Feeney auch Ellie und seine kleine Nichte zu beklagen, die unterdessen vor Kälte und Erschöpfung gestorben sind. Feeney begibt sich auf einen beispiellosen Rachefeldzug gegen sämtliche Verantwortlichen, derweil die Polizei ihm nachstellt: Eine kleine Abordnung um den arroganten Karrieristen Pope (Freddie Fox), den jungen Hobson (Barry Keoghan), Feeneys früheren Soldatenfreund Hannah (Hugo Weaving), der durch seine Bezeiligung an der Jagd der Aussetzung der eigenen Todesstrafe entgegensieht sowie dem gewitzten Tagedieb Conneely (Stephen Rea) begibt sich auf Feeneys blutige Spur, bekommt ihn jedoch nicht zu fassen, bis dieser schließlich Kilmichaels persönlich habhaft werden kann.

Es gibt australische, japanische, sogar einen österreichischen Western. Warum also nicht auch einmal einen irischen? Just einen solchen legt der landeseigene Filmemacher Lance Daly mit „Black ’47“ vor, dessen Titel sich auf das schlimmste Jahr der infolge von Kartoffel-Missernten grassierenden Hungersnot bezieht. Inmitten dieses historischen Katastrophen-Zustands versetzen Daly und sein Coautor P.J. Dillon ihre gleichermaßen reduzierte wie verschärfte „Michael- Kohlhaas“-Variation: Am persönlichen Verderben des Titelhelden, den den gesamten Film über ein nahezu gespenstisch-mystischer Hauch des biblischen Racheengels umweht, tragen einmal mehr der fette Geldadel und seine übervorteilende Gier Schuld, die das kleine Gemeinvolk unter ihren hochglänzenden Stiefeln zertreten. Dass es sich dabei in diesem Falle zudem um die verhassten Besatzer von der englischen Nachbarinsel und deren einheimische Abschöpfer handelt, überträgt dem wütenden Martin Feeney noch eine weitere Dimension des gerechtfertigten Hasses, die ihn als eine Art frühen IRA-Partisanen agieren lässt. Daly verleiht dem grausamen Zustand der Hungersnot mitsamt all ihren fürchterlichen humanitären Folgen die gräuliche Visualisierung postapokalyptischer Desolation: Das spätherbstliche Wetter ist grau und dürr und lässt die zerklüftete, karge und zeitweise unfruchtbare Landschaft nur noch lebensfeindlicher erscheinen. In diesen Zeiten heißt es nurmehr „Flucht oder Tod“, vermutlich auch der Grund, warum Feeney, über den wir später erfahren werden, dass er ein brillanter Soldat ist, der Hannah sogar einst das Leben gerettet hatte, seinen Einsatz für die Krone im fernen Afghanistan aufgegeben hat und zu seiner darbenden Familie zurückgekehrt ist. Doch in der Heimat begegnen ihm nurmehr Tod und noch mehr Verzweiflung, denen er mit dem Zorn des Guerillakämpfers begegnet.
„Black ’47“ hat dabei etwas Mühe, sich eindeutig zu einem Genre zu bekennen und setzt sich geflissentlich unsicher zwischen die Stühle. Für einen harten Veteranen- und Selbstjustiz-Actionfilm mit Vergeltungsthematik vor historischem Setting, der charakterliche Züge der „Rambo“-Filme oder der diversen „Punisher“-Inkarnationen trägt, ist er allzu gemächlich und zurückhaltend inszeniert; für ein intimes Ensemble-Drama indes sind seine Grundstimmung zu ruppig und seine Aggressionsfurchen zu tief.
Dennoch lohnt der Blick, schon allein im Hinblick auf die interessante, ungewöhnliche Melange des Films aus zeit- und kinohistorischem Abriss.

7/10

Werbeanzeigen

DIE JÄGER

„Ein herzliches Waidmanns Dank.“

Die Jäger ~ BRD 1982
Directed By: Károly Makk

Der wohlhabende Diplomat Stephan Mathiesen (Mel Ferrer) reist mit seiner jungen Frau Daniela (Barbara Sukowa) auf ein kleines Jagdschloss jenseits des Eisernen Vorhangs in der herbstlichen Tatra, um dort ein paar Tage lang der waidmännischen Passion osteuropäischer Jagdtradition zu frönen. Besonders Bären haben es dem arrivierten Mathiesen als nervenkitzelnde Beute angetan. Erst nach und nach bemerkt Mathiesen, dass Daniela und der Jagdführer Boris (Helmut Berger) sich offensichtlich von früher kennen und ein unheiliges Geheimnis teilen, das auch den Verwaltern des Chalais (Karin Baal, Jozef Kroner) nachhaltiges Kopfzerbrechen bereitet…

Produziert von Dieter Geissler und inszeniert und geschrieben von dem ungarischen Filmemacher Károly Makk kam 1982 dieses behäbige Äquivalent zu einem Kitschroman in die bundesdeutschen Kinos. Zu bieder für ein ausgesprochenes Stück Kolportage reizt nunmehr lediglich die illustre Besetzung zu einer revisionistischen Beschau des zwischen Wildromanze und konsalikscher Dramaturgie eingerichteten Stücks, in dem, offensichtlich im Zuge einer echten Jagdsaison vor Ort, etliche kleine und größere Tiere abgeknallt werden in Bildern, die dem passionierten westdeutschen Nimrod anno dunnemals vermutlich die Freudentränen kullern ließen – und nicht nur diese.
Die zur Aufpeppung der gleichförmig-trägen Narration immer wieder bemühte On/Off-Affäre zwischen Berger und Sukowa, zu der standesgemäß auch ein lauwarmes  Techtelmechtel inmitten weißer Felle in einer abgelegenen Hütte gehört, lockt da wenig, zumal dem Zuschauer recht bald egal ist, wie das Dreieck der unseligen Lüste nun enden mag. Um meinen Beitrag auf Länge zu bringen, verrate ich’s trotzdem: Die Sukowa dreht durch, nachdem Berger sie mit ihrem gemeinsamen, alten Geheimnis (er hat sie einst per Meineid vor Gericht gedeckt, nachdem sie ihren grobschlächtigen, ersten Ehemann im Zuge eines angeblichen „Jagdunfalls“ erschossen hatte) erpresst, damit sie wieder zu ihm zurückkehrt und knallt nunmehr auch ihn ab. Danach ist sie reif für die Klappse und der sich über den gesamten Film ignorant gebende Ferrer steht mit einem Nervenwrack da. Hätte er nur zuvor auf sie gehört und wäre flugs wieder mit ihr abgereist – die ganze Unbill wäre ihm und ihr erspart geblieben. Gisela Hahn ist noch toll als versoffene, Ketten rauchende und um koitale Gefälligkeiten bettelnde Establishment-Schlampe und eigentlich das Beste am ganzen Film. Roland Baumgartners Musik wäre derweil dazu angetan, eine zeitgenössische „Traumschiff“-Folge zu veredeln, sonst gibt’s wie gesagt nicht viel zu holen. Für Komplettisten und Masochisten.

4/10

HIGH SCHOOL CONFIDENTIAL!

„Tomorrow is a king-sized drag.“

High School Confidential! (Mit Siebzehn am Abgrund) ~ USA 1958
Directed By: Jack Arnold

Tony Baker (Russ Tamblyn) ist der Neue an der städtischen High School und er macht sogleich keinen Hehl daraus, was für ein Zahn er ist: Der Obermotz will er werden, der heißeste Typ der Schule und vor allem neuer Chef der hiesigen Gang „Wheelers & Dealers“, die mit allerlei krummen Aktionen wie etwa Drogenhandel ihr Taschengeld aufbessert. Tony kennt sich aus in der Szene. Wenn von „Gesundheitstee“, „Mary Jane“, einer „Fahrt ins Grüne“ oder „Erfischungsstäbchen“ die Rede ist, dann weiß er als Insider genau, wovon er spricht. Tatsächlich gelingt es Tony, der bei seiner ebenso üppig ausgestatteten wie nymphomanen Cousine Gwen (Mamie Van Doren) eingezogen ist, bald, Fuß in der Szene zu fassen. Er macht sich bei den Lehrern der Schule unmöglich und gewinnt damit den Respekt der anderen Kids, arrangiert sich mit seinem „Vorgänger“ J.I. (John Drew Barrymore), bendelt mit der marihuanasüchtigen Joan (Diane Jergens) an und knüpft bald Kontakt zum heimlichen Oberdealer Mr. A (Jackie Coogan) und dessen florierendem Heroingeschäft. Dass Tony in Wahrheit der Undercover-Cop Mike Wilson ist, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand…

Beware the Reckless Youth! Noch vor seinem letzten phantastischen Universal-Film „Monster On The Campus“ inszenierte Akkordfilmer Jack Arnold dieses weniger bekannte Kleinod für Albert Zugsmith und die MGM. Darin greift er mit Unterstützung einer exemplarischen Besetzung den in jenen Tagen vor allem dem B-Film vorbehaltenen Themenkomplex der lotterlebigen juvenile delinquents auf, der zuvor vor allem von den notorischen Klassikern des Subgenres wie „Rebel Without A Cause“ oder „The Blackboard Jungle“ aus der Kinotaufe gehoben und bravourös kultiviert worden war. Jenes Filmsegment, zu dem entsprechend seiner Topoi unweigerlich auch der Schau- bzw. Kampfplatz „High School“ obligatorisch zählte, bot sich an, um einerseits die Kids in den Drive-In-Kinos jubeln und knutschen zu lassen und andererseits die Elterngeneration darüber aufzuklären, wie weit es mit ihren suf das Furchtbarste gefährdeten Sprösslingen bereits gekommen war. Dieser Zielpublikums-Maxime entsprechend bedient „High Schoolm Confidential!“ jeden einzelnen erforderlichen Stereotypen mit laut kolportierender Grandezza. Wir erleben sie alle: das noch nicht zur Gänze verlorene, Marihuana-Zigaretten rauchende Mädchen (Sterling) aus bourgeoisem Hause nebst ihrem verblendeten, gleichgültigen Vater (James Todd), den greisen, überforderten Schulrektor, die erziehungsberechtigte Sexbombe ohne Übersicht (Van Doren), den Schuldealer (Barrymore), den Möchtegern-Mitläufer (Michael Landon), den diffusen Boss (Coogan) und sogar die Vertreter der existenzialistischen Gegenkultur (u.a. Philippa Fallon), die moralisch entrückten Vorboten von sozialer Zersetzung und Gammlertum! Jerry Lee Lewis kommt persönlich mitsamt Piano vorbei, um das Titelstück zu schmettern und Russ Tamblyn überrascht im weiteren Verlauf als unvermuteter verdeckter Ermittler, der das ganze Wespennest von innen aushebt.
Es muss kaum extra erwähnt werden, dass ein schmissiges Camp-Spektakel das wohlschmeckende Resultat aus all dieser biederen Kleingeistigkeit ist, die die porträtierten Rauschmittel kaum besser denn vom Hörensagen kennt und in all den Klischees badet, denen man sechzig Jahre später nurmehr mit herzhaftem Gelächter zu begegnen angetan ist. Unbedingt hörenswert auch die (authentische) deutsche Kino-Synchronisation, die mit den Starsprechern der damaligen Zeit aufwartet und verkrampft versucht, alles Mögliche zu teutonisieren, um das Dargestellte mit bundesdeutschen Verhältnissen zu analogisieren. Da wird aus Tony Baker ein „Tony Becker“ und aus „Mr. A“ – natürlich – ein „Herr X“. Wirklich formidabelst, das alles.

7/10

RIOT IN CELL BLOCK 11

„We’ll figure out what we want and if they don’t give it us, we’ll make ‚em a present of one dead guard!“ – „Or maybe four!“

Riot In Cell Block 11 (Terror in Block 11) ~ USA 1954
Directed By: Don Siegel

Die Insassen des Hochsicherheitstrakts 11 in einem der vielen, hoffnungslos überlaufenen US-Gefängnisse entschließen sich eines Tages, dem Beispiel vieler ihrer Leidensgenossen zu folgen und eine Revolte anzuzetteln, die klar umrissene Reformen zum Ziel haben soll. Unter der Führung der beiden Schwerverbrecher Dunn (Neville Brand) und Carnie (Leo Gordon) nehmen die Männer vier Wachen als Geiseln und kapern den gesamten Block. Während der sozialbewusste Gefängnischef Reynolds (Emile Meyer) sich verhandlungsoffen zeigt, beißen die Männer bei dem vom Gouverneur (Thomas Browne Henry) abgestellten Commissioner Haskell (Frank Faylen) auf Granit: Dieser soll die Unerpressbarkeit des Staates garantieren und nimmt notfalls auch den gewaltsamen Tod sämtlicher Beteiligter in Kauf. Nicht zuletzt infolge der von Dunn erwirkten Einbeziehung der Medien gelingt es Reynolds schließlich, dass der Aufstand glimpflich endet, doch der herbeigepresste Reformvertrag erweist sich als rein strategische Finte; mittelfristig wird sich nichts für die Gefangenen ändern.

Don Siegels ersten Gefängnisfilm umweht der Hauch des Dokumentarischen; tatsächlich waren zu dessen Entstehungszeit Knastrevolten infolge des überforderten Justizvollzugs in den Staaten alles andere als eine Seltenheit und somit der zu Beginn von „Riot In Cell Block 11“ umrissene, authentische Hintergrund somit keineswegs bloße Behauptung.
Siegel, der hier für das günstig arbeitende Studio Allied Artists arbeitete, lässt dabei diverse der zu seinen späteren Markenzeichen avancierten, inszenatorischen Signaturen zu ihrem Recht kommen. Über dem gesamten Werk schwebt vor allem die für Siegel typische, ungeheure Präzision und Konzentration, die kein überflüssiges Gramm Fett gestattet und eine beinahe atemlos-unentwegte Dichte am Geschehen gewährleistet. Für Melancholie oder dramaturgische Kompromisse gibt es keinerlei Raum; die aufsässigen Männer werden gerade soweit charakterisiert und psychologisiert wie es gerade eben notwendig erscheint. Siegel gestattet weder sich noch dem Publikum jedwede romantische Illusion: Jeder der Insassen büßt seine Strafe zu Recht ab. Dennoch gebührt ebenso jedem von ihnen die rechtstaatliche Garantie auf eine humane Behandlung, die, und darauf fokussiert sich der Film recht regelmäßig, vor allem die Trennung (und adäquate Behandlung) von psychisch kranken und diesbezüglich gesunden Kriminellen vorsehen und den Gefangenen gezielte Resozialisierungsmaßnahmen anstelle der sich häufig gewalttätig äußernden Willkür ihrer Aufseher zuteil werden lassen sollte. Dem hinter dem Aufstand stehenden Dunn geht es insbesondere um eine Änderung der Verhältnisse und es langt daher für ihn zumindest gegen Ende hin zum „tragischen Helden“, derweil sein cholerischer Adlatus Carnie nie die Aura des gewalttätigen Psychotikers einbüßt. Den Konflikt zwischen den revoltierenden Knackis und der Staatsgewalt gestaltet Siegel wie ein an Schlagabtäuschen reiches Tennisspiel, an dessen Ende der Verlierer von vornherein feststehen muss. Dennoch bietet „Riot In Cell Block 11“, wie es sich ohnehin für die besten Knastfilme gehört, ausreichend Diskursivität, um exploitative Elemente nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Ein ausgezeichnetes companion piece nebenbei zu Jules Dassins brillantem, sieben Jahre älteren „Brute Force“.

9/10

THE BOUNTY

„It’s not a threat, it’s a warning.“

The Bounty ~ UK/USA/NZ 1984
Directed By: Roger Donaldson

London im Oktober 1790: Lieutenant Captain William Bligh (Anthony Hopkins) von der Royal Navy soll vor Gericht die Umstände um die Meuterei auf dem zuvor von ihm befehligten Kreuzers Bounty darlegen und infolgedessen die Frage seiner persönlichen Schuld an den Verkommnissen geklärt werden.
Drei Jahre zuvor bricht die Bounty von Portsmouth nach Tahiti auf, um von dort Brotfruchtschößlinge als billige Nahrungsmittelquelle für jamaikanische Sklaven mitzunehmen. Mit Ausnahme einer misslungen Umsegelung von Kap Hoorn und einigen wenigen Konflikten innerhalb der Besatzung und unter den Offizieren verläuft die Hinreise weitgehend unkompliziert. Vor Ort jedoch ändern sich bald die Verhältnisse. Diverse Mitglieder der Mannschaft gewöhnen sich rasch an das müßige Südseeleben und verfallen dem Charme der paradiesischen Insel und ihrer überaus freundlich gesonnenen Einwohner. Einige, darunter der von Bligh zum Ersten Offizier beförderte Fletcher Christian (Mel Gibson), heiraten sogar und träumen von einer Familiengründung. Der erste Versuch einer Desertation dreier Männer scheitert kläglich und das Trio wird hart bestraft. Bligh zieht schließlich die disziplinäre Reißleine und lässt Segel für die Rückkehr setzen. Die Fronten an Bord beginnen sich nunmehr rasch zu verhärten: Blighs Versuche, die Besatzung mit straffer, manchmal überharter Autorität auf andere Gedanken zu bringen, beantwortet diese nur mit noch mehr Aggression. Als Bligh eine erneute Umsegelung der südamerikanischen Spitze plant, lässt sich Christian zur Meuterei überreden. Er übernimmt das Kommando, setzt Bligh und seine verbliebenen Gefolgsleute auf hoher See aus und segelt zurück nach Tahiti, um die Frauen der Männer und einige freiwillige Begleiter an Bord zu nehmen. Gemeinsam erreicht man die Pitcairn-Inseln, versenkt die Bounty und versteckt sich dort vor möglichen Verfolgern.

Roger Donaldsons fünfte und bis dato letzte Verfilmung der Ereignisse um die berühmteste Meuterei der Seefahrtsgeschichte rühmt sich des nicht unbeträchtlichen Vorteils, die historisch vermutlich akkurateste Adaption der Geschehnisse zu liefern. Anders als in beiden, filmgeschichtlich wiederum wesentlich anerkannteren und berühmteren Versionen von 1935 und 1962 werden hier vor allem die Beziehung der beiden Antagonisten Bligh und Christian zueinander, sowie deren jeweilige psychologische Disposition und Handlungsmotivation wesentlich nachvollziehbarer und unaufgeregter dargelegt. Vor allem die Person Blighs, die hier zum narrativen Dreh- und Angelpunkt erhoben wird, erfährt eine im Vergleich zu den früheren Interpretationen deutliche Erdung. Stellten Trevor Howard und vor allem Charles Laughton ihren Bligh noch als einen zum Diabolischen tendierenden, unerbittlichen Despoten dar, dessen permanter Hang zur Ahndung und Bestrafung oftmals nicht auf genuines Seerecht, sondern lediglich seinen Hang zum Sadismus und/oder seinen profilneurotisches Wesen zurückzuführen ist, liefert Hopkins ein differenzierteres Bild. Sein Bligh, ein pflichtbewusster Offizier, macht gar keinen Hehl daraus, mit dem Ruhm und der gesellöschaftlichen Anziehungskraft zu liebäöugeln, den sein Freund, der aus aristokratischen Verhältnissen stammende Dandy und Salonlöwe Fletcher Christian längst genießt. Bligh räumt ein, dass gleich sein erster versuchter nautischer Heldenakt, die Umrundung Kap Hoorns, zu einem selbstgerechten Fehlschlag wird und besitzt später sogar noch soviel personellen Weitblick, seinen ursprünglichen Ersten Offizier Fryer (Daniel Day-Lewis), einen kriecherischen Schinder, zu Christians Gunsten zu degradieren. Später sind es dann weniger Blighs verzweifelte Versuche, seine dem der Krone so diametral gegenüberstehenden Südeseeflair verfallenen Männer zur Räson zu bringen, denn deren persönliche Gelüste, die das Fass zum Überlaufen bringen – das Resultat eines sich beidseitig gleichermaßen hochschaukelnden und schließlich dramatisch eskalierenden Gesinnungskonflikts. Obgleich Mel Gibson den romantischen Helden eine sehr passable und authentische Gestalt verleiht, ist er vermutlich der im rein figuralen Sinne blasseste Fletcher Christian von allen. Ohne den moralisch gerechten, rebellischen Gestus Clark Gables und ohne die hochmütige Arroganz Marlon Brandos, die dieser ja bekanntlich am (historisch verfälschten) Ende mit dem Flammentod zu bezahlen hat, ist sein Heros ein allzu emotionaler, verliebter Mann, dessen innerer Widerstreit um berufliche Pflichterfüllung und persönliches Gut schließlich zu letzterem him ausschlägt. Eine eindeutigen Trennung in „Gut und Böse“ enthält sich „The Bounty“ somit ganz bewusst bezieht daraus seine klare Zielsetzung.
Andererseits mangelt es ihm im Gegenzug an der filmischen Flamboyanz seiner Vorgänger, dem aufgeheizten Abenteuerduktus Frank Lloyds und der epischen, bunten Breite Lewis Milestones. Donaldsons Fassung ist daher sehr viel weniger ein klassischer Hollywood-Film denn ein primär um realistische Akkuratesse bemühter Abriss, wie er eben auch sehr viel treffender seiner Entstehungszeit reflektiert; ein nichtsdestotrotz schöner, reicher Film, der das Können aller an ihm Beteiligten erschöpfend präserviert.

8/10

CLIMAX

Zitat entfällt.

Climax ~ F/BE 2018
Directed By: Gaspar Noé

Um die Mitte der neunziger Jahre bereitet sich ein rund zwanzigköpfiges, vornehmlich aus jungen Französinnen und Franzosen bestehendes Tanzensemble unter der Choreographin Selva (Sofia Boutella) und dem auf Elektronisches spezialisierten DJ Daddy (Kiddy Smile) auf eine erfolgversprechende Tournee in den Staaten vor. Eine finale Probe findet in einem winterlichen, entlegenen Schullandheim statt, gefolgt von einer kleinen After-Party. Während die TänzerInnen noch im Bewegungsrausch sind, bemerken einige von ihnen, dass etwas nicht stimmt und ihre psychischen Aktionen und Reaktionen kollektiv beeinträchtigt. Die Ursache dafür ist bald gefunden: Jemand hat die Sangria mit LSD versetzt. Da nahezu jede/r der Anwesenden mehr oder weniger davon getrunken hat, verfallen bald alle in sich auf unterschiedlichste Arten kanalisierende Trips. Irrationalität, Paranoia, Aggressionen, Hemmungslosigkeiten brechen sich Bahn, bloße Instinktbedürfnisse übernehmen die Handlungsmotivation und es kommt inmitten des zusehends unübersichtlichen Chaos bald zu katastrophalen Ereignissen.

Für seinen jüngsten Film nahm Gaspar Noé sich ein über zwanzig Jahre zurückliegendes, authentisches Ereignis zur inhaltlichen Prämisse, bei dem sich tatsächlich eine Tanzgruppe unversehens unter LSD gesetzt fand, ohne dass die prekäre Situation der Anwesenden jedoch zu einem derart klaustrophobischen Schreckensszenario eskalierte, wie Noé es darstellt. Wie man es von dem Filmemacher erwarten darf, interessieren ihn stattdessen sehr viel mehr die (hypothetisch denkbaren) Auswirkungen einer entsprechenden „Versuchsanordnung“. Die Beteiligten mitsamt ihrer psychischen Grundkonstellationen, ihr soziales Netzwerk, die lokalen Bedingungen sowie der Raum selbst nebst seiner audiovisuellen Konstruktion, der spärlichen Beleuchtung und der unablässigen,  treibenden Musik werden zu unwägbaren Bestandteilen einer soziopsychologischen Experiments unter teils markerschütternden individuellen Auswirkungen. Diffuse Antipathien bis hin zu offenem Hass brechen sich Bahn, Verdachtsmomente, wer von den Beteiligten für den üblen Drogenscherz verantwortlich sein könnte, führen zu massenhysterischen, jedweder Logik entbehrenden Schlussfolgerungen. Einer der Tänzer (Adrien Sissoko) wird kurzerhand in die nächtliche Kälte ausgesperrt und dort vergessen; eine Mutter (Claude Gajan Maull) schließt ihren kleinen Sohn (Vince Galliot Cuman) zu dessen „Sicherheit“ in den Stromverteilerraum ein, verliert jedoch den Schlüssel und dreht vollends durch, als der zunächst panische Junge kein Lebenszeichen mehr von sich gibt; eine sich als schwanger outende Frau (Souheila Yacoub) wird misshandelt und verstümmelt sich dann selbst; die Haare einer anderen (Sarah Belala) fangen Feuer; ein eifersüchtiger Entfesselter (Taylor Kastle) vergewaltigt die eigene Schwester (Giselle Palmer).
Im Interview gab Noé zu Protokoll, er habe sich ein paar der megalomanischen Katastrophenfilme der siebziger Jahre angesehen, um sich von der atavistischen Anarchie der den Extremsituationen ausgesetzten Charaktere inspirieren zu lassen. Die Wahl seiner Form gestaltet sich wie üblich kongenial zum transgressiven Geschehen; zu Beginn etwa rollen die Endcredits in umgekehrter Folge durchs Bild, lange, durch ein Mindestmaß an Schnitten durchbrochene Einstellungen zeigen zunächst die ekstatische Tanzchoreographie und später dann die zunehmend infernalischen, immer irrealer anmutenden Wendungen innerhalb der bizarren Hermetik des Gebäudes als einen unablässigen Strom befremdlicher Eindrücke und Momentaufnahmen. Hier und da leistet sich Noé sogar (offenbar ironisierte) Godardismen, wenn er etwa urplötzliche, seltsame Titeleinblendungen liefert wie „un film français et fier de l’être“.
Als kultisch verehrtes und bemühtes trip movie etwa im Sinne von „Fear And Loathing In Las Vegas“ wird „Climax“ vermutlich nicht in die Annalen halluzinogener Kinokultur einziehen, dafür ist er schlicht zu unbequem und vermutlich auch allzu inkommensurabel; es gibt – im Sinne drogenaffiner Filmrezeption zumindest – gewiss zu wenig her, sich dem durchaus als „Horrortrip“ empfindbaren Werk zu widmen. Andererseits nimmt sich „Climax“ in seiner Gesamtgestaltung glücklicherweise als allzu komplex aus, um als stiefmütterliche Warnung vor freiwilligem und unfreiwilligem Rauschmittelmissbrauch durchzugehen – wenngleich niemand im direkten Anschluss an ihn den Drang verspüren wird, sich auf hofmannsche Reisen zu begeben.

8/10

STRATEGIC AIR COMMAND

„I have to do my duty.“

Strategic Air Command (In geheimer Kommandosache) ~ USA 1955
Directed By: Anthony Mann

Trotz frischer Heirat, gemeinsamem Hausbezug mit Gattin Sally (June Allyson) und einer vielversprechenden Zukunft im Profi-Baseball lässt sich der Air-Force-Veteran Colonel Robert „Dutch“ Holland (James Stewart) mit insgeheimem Stolz nochmals für 21 Monate im aktiven Dienst verpflichten. Es gilt unter anderem, die soeben in Konstruktion befindliche, brandneue B-47-Stratojet-Staffel von verdienten Piloten testen zu lassen. Sally erträgt diesen Umstand mehr oder weniger zähneknirschend, mitsamt begleitendem Umzug von Florida nach Fort Worth. Dutch findet rasch seine Liebe zu Fliegerei zurück und auch sein militärisches Pflichtbewusstsein, das sich weder von einer gefährlichen Bruchlandung in Grönland noch von Sallys baldiger Schwangerschaft bremsen lässt. Bald steht wegen Dutchs dauernder Abwesenheit die Ehe der beiden auf dem Spiel, doch das Schicksal spielt ihnen schließlich in die Hände.

Acht Filme drehte Anthony Mann mit James Stewart zwischen 1950 und 1955. Eine der berühmtesten und fruchtbarsten Darsteller-/Regisseur-Liaisons nicht nur dieser Dekade bildete das Resultat. Darunter waren fünf große Western und drei Dramen. „Strategic Air Command“ bildete die letzte Kollaboration der beiden und zugleich auch ihre schwächste und kritikwürdigste. Vor allem vorangetrieben durch Stewart und dessen Leidenschaft als Air-Force-Pilot für die (nicht nur, aber doch hauptsächlich) militärische Luftfahrt und das SAC (Strategic Air Command) folgt Manns Werk keiner konzisen Story, sondern schildert in episodischer Abfolge gute zwei Jahre im Leben des Ehepaars Holland, primär natürlich die zivilen Einsätze und Testflüge Roberts, die freilich nicht immer ungefährlich verlaufen. Dabei ist der Film von mindestens einer solchen Faszination für die Fliegerei beseelt wie Jimmy Stewart und sein Protagonist: Akribisch werden die Konstruktion der B-36- und B-47-Bomber für den Laien erläutert, spekltakuläre und majestätische Aufnahmen zeigen die in der Sonne glänzenden Maschinen im Flug und schildern zu der schmissigen Musik von Victor Young damals Aufsehen erregende Manöver wie eine Auftankung im freien Flug. Das Ende des Korea-Kriegs lag gerade zwei Jahre zurück und das Script wird nicht müde, die Bestückung der Bomber mit Atomwaffen als unbedingt notwendige Defensivmaßnahme (!) und als Obligatorium zur Verhinderung (!!) militärischer Konflikte zu betonen, auch und besonders nachdrücklich durch die natürlich ausnehmend sympathisch gezeichnete Hauptfigur selbst. Auch die Tatsache, dass die Air Force Männer braucht, deren Pflichtverständnis grenzenlos ist und die ohne zu zögern bereit sind, ihr privates Wohl und Wehe ihren beruflichen Pflichten stets hintenanzustellen, kehrt „Strategic Air Command“ mit zunehmender Vehemenz heraus. Die Zeichnung June Allysons (in ihrer dritten Partnerarbeit mit Stewart) als zumeist affirmatives Frauchen, das dem aufrechten Helden vor allem als moralische Stütze am Boden zu dienen hat, verläuft mit wenigen Ausnahmen extrem konservativ und eindimensional. Der Annahme, dass die Kommandatur, im Film repräsentiert durch Frank Lovejoy und James Millican als leitende Offiziere,  möglicherweise primär aus betonköpfigen war mongers bestehen könnte, denen Individualität nichts gilt, wird zwar immer wieder latent geäußert, aber dann doch ebenso häufig entkräftet – das SAC, soviel versichert uns der Film mit Nachdruck, ist eine Instititution, die von unbedingt zuverlässigen, bei bester psychischer Gesundheit befindlichen Herren geführt wird und auch in den niederen Rängen mit ebensolchen bestückt ist.
„Strategic Air Command“ entstand für die Paramount im damals frisch auf den Markt gebrachten und vom Studio stolz lancierten VistaVision-Verfahren, das besonders knackige, hochauflösende 35-mm-Bilder ermöglichte und bildete somit selbst in dieser Hinsicht ein vom Publikum gern angenommenes Prestigeobjekt und eben auch eine unverhohlene Werbemaßnahme für die amerikanische Luftwaffe.
Dem Film Kriegstreiberei zu unterstellen, ginge nun zu weit, dass er indes eine unkritische, oftmals schlicht dumme Verherrlichung von Militarismus und Heldentum betreibt, jedoch nicht. Immerhin: Mit seinem zwei Jahre später folgenden „Men In War“, einem erwachsenen, bewegenden Kriegsfilm und einer formal bewusst reduzierten, unabhängig entstandenen Produktion nebenbei, relativierte Mann wiederum eindrucksvoll infolge von „Strategic Air Command“ entstehende, etwaige Verdachtsmomente betreffs seiner künstlerischen und mentalen Integrität.

6/10