SWEET VIRGINIA

„Do I need to tell you what’s gonna happen if I don’t get the money?“

Sweet Virginia ~  CA/USA 2017
Directed By: Jamie M. Dagg

Der frühere Rodeo-Champ Sam Rossi (Jon Bernthal) hat sich nach einer bewegten Vergangenheit in Alaska niedergelassen und dort ein Motel mit dem wehmütigen Namen „Sweet Virginia“ eröffnet. Die ganzen Sympathien des stillen, zurückhaltenden Mannes gelten der bei ihm jobbenden Schülerin Maggie (Odessa Young) und der verheirateten Lila (Imogen Poots), mit der Sam eine heimliche Affäre pflegt. Als der etwas aufdringliche Motelgast Elwood (Christopher Abbott) sich als Auftragsmörder erweist, der zunehmend nervös auf seine Bezahlung wartet, begeben sich die Dinge Richtung Eskalation…

Etwas sarkastischer, etwas weniger melancholisch vielleicht und dies hier wäre ein typischer Coen-Film geworden, wie sie ihn vor zwanzig, dreißig Jahren hätten inszenieren mögen. Dagg lässt sich für ein Minimum an Plot ein gerütteltes Maß an kontemplativer Zeit und erwartet von seinem Publikum, dass es sich in den von ihm so gemächlich vorangetriebenen, personellen und lokalen Mikrokosmos fallen lässt.
Das Kleinstädtchen, in dem sich „Sweet Virginia“ entblättert, liegt nicht nur regional betrachtet ziemlich weitab vom Schuss; es scheint durch die umliegenden Berge symbolisch getrennt vom Rest des Landes. Ein Gewaltakt zu Beginn des Films, dem drei Männer in einem Diner zum Opfer fallen, wird fortan wuchtig als „Massaker“ bezeichnet – so etwas erlebt man hier nicht alle Tage. Fraglos wird sich bald erweisen, dass zwei trauernde Witwen (Poots, Rosemarie DeWitt) mit dem Dreifachmord unmittel- und mittelbar in Verbindung stehen; eine von ihnen ist gar die Auftraggeberin des Killers mit der viel zu kurzen Zundschnür. Interessant wird es, wenn ebenjener und der stille, zum morgendlichen Aufwachen erstmal ein Graspfeifchen rauchende Held sich kennenlernen und sich ein merkwürdiges, symbiotisches Verhältnis zwischen ihnen entspinnt. Projektionsflächen eröffnen sich, Reziprozitäten, die sich in jeweils krisengeschüttelten Biographien widerspiegeln. Wo der eine versucht, seiner Vergangenheit zu entfliehen, ist der andere nicht in der Lage, gänzlich mit ihr abzuschließen. Es braucht ihrer beider Konfrontation, um sich wechselseitige Erlösung zu verschaffen. Den Weg dorthin bereitet Dagg allerdings als recht spröde Chronik, deren Explosivität bis zur finalen Entladung ganz tief unten vor sich hin brodelt.
Jon Bernthal gefällt mir mit jedem Mal, da ich ihn sehe, etwas besser. Mit seinem kantigen Charakterkopf und der Boxernase scheint er für gebrochene Heldenfiguren geradezu prädestiniert, was ja nunmehr auch großflächig erkannt und genutzt wird. Wie seine traurigen Augen unter den von Vollbart und Krauskopf zugewuchertem Gesicht nur ganz selten mal hervorblitzen, das ist nichts Geringeres denn minimalistische Schauspielkunst auf dem Höhepunkt.

8/10

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AMERICAN HISTORY X

„Has anything you’ve done made your life better?“

American History X ~ USA 1998
Directed By: Tony Kaye

Nazi-Skin Derek Vinyard (Edward Norton) genießt eine massive Reputation in der „Szene“. Diese wächst nochmals tüchtig an, als er einen farbigen Einbrecher auf offener Straße erschießt und noch einen weiteren per Bordsteinbiss hinrichtet, um daraufhin drei Jahre wegen Totschlags in Chino abzusitzen. Besonders sein heimlicher Mentor Cameron Alexander (Stacy Keach), ein Vertreiber von Nazi-Musik und -Memorabilia schätzt ihn ebenso als intelligenten, eloquenten Vertreter rassistischer Ideologien und Hassbotschaften wie als gewaltbereite rechte Hand. Doch die drei Jahre Gefängnis machen aus Derek einen anderen Menschen: Das große Swastika-Tattoo auf der linken Brust ist zwar noch da, doch die Haare sind länger, das Auftreten deutlich milder, gefasster und ruhiger. Derek musste am eigenen Leibe erfahren, wie weit her es ist mit der Aufrichtigkeit der weißen Rasse; wie diese sich im Knast willfährig weiter kriminalisiert, dealt, vergewaltigt. Dereks dringendstens Ziel ist es nun, seinen zu ihm aufsehenden, jüngeren Bruder Danny (Edward Furlong) aus Alexanders Fängen zu befreien. Doch Danny hat sich andernorts bereits Todfeinde gemacht…

Unter all den jüngeren, sich (nicht nur) mit der Parallelkultur der (amerikanischen) Neonazis und rechtsextremen Skinheads befassenden Filmen genießt „American History X“ fraglos die größtflächige Beliebtheit. Die Userschaft der imdb sorgt dafür, dass er konstant unter den fünfzig renommiertesten Filmen verweilt und immer wieder ist er in Kanonisierungen zu finden, die sich mit Coming-of-Age-, Subkultur- oder ganz allgemein transgressivem Kino befassen. Dabei hatte Regisseur Tony Kaye schon während der Postproduktion die Schnauze gestrichen voll von „seinem“ Film und pausierte hernach erstmal neun Jahre, bevor er ein neues Kinoprojekt in Angriff nahm. Woher der Groll? Nachdem die Produktionsfirma New Line Kayes ursprüngliche Schnittfassung ablehnte, erstellte er eine extrem verkürzte Version, die wiederum schließlich von Hauptdarsteller Norton in ihre nunmehr bekannte Form gebracht wurde. Kaye lehnte und lehnt diese vehement ab, durfte nach Auflagen der DGA seinen Namen jedoch weder zurückzuziehen noch unkenntlich machen. Ob der von Kaye im Nachhinein veranstaltete Affenzirkus das ganze Drama um den Film in irgendeine positivere Richtung lenkte, darf bezweifelt werden. Dass er persönlich mit dem Thema noch nicht abgeschlossen hat, lässt sich einsichtsvoll an der Existenz der von ihm selbst erstellten, bisher jedoch noch nicht veröffentlichten Dokumentation „Humpty Dumpty“ festmachen.
Was bleibt unterm Strich? Der größte Verdienst von „American History X“ besteht darin, bei all dem Aufwerfen seiner komplexen Fragen keine billigen, moralinsauren Antworten zu liefern. Damit steht er am Ehesten in der Tradition von Spike Lees „Do The Right Thing“, der sich, obschon aus diametraler Perspektive heraus, zumindest ein wesentliches, finales Statement mit „American History X“ teilt: Gewalt ist keine Lösung.
„American History X“ ist kein pädagogischer und kein didaktischer Film. Er dürfte kaum dazu angetan sein, überzeugte Neonazis ad hoc zu leidenschaftlichen Aussteigern umzuerziehen, er erzählt lediglich eine – sehr tragisch und traurig verlaufende – Milieugeschichte mit einem konsequent offenen Ende. Eigentlich wäre zu erwarten, dass Derek Alexanders tumben Schlägern zum Opfer fällt und für seine Verfehlungen aus den eigenen Reihen heraus bestraft wird; stattdessen jedoch steht ein denkbar unschuldiges Opfer am Schluss – Danny, der sich bislang noch nicht offen kriminalisiert hat, wird ausgerechnet von einem afroamerikanischen Gangmitglied erschossen. Die Spirale findet kein Ende, sie dreht sich weiter, einem Perpetuum Mobile gleich, und wird dies vermutlich auch bis ans Ende aller Zeiten, weil Hass, Vorurteile und rassistisch motivierte Gewalt einer multikulturellen Gesellschaft wesentlich inhärent sind. Dieses doch sehr finstere conclusio gilt es zu schlucken, und sie erfüllt ihren Auftrag. Sie macht betroffen und schmerzt. Leider schafft es der Film bei all dieser unweigerlich ausgestellten streetwiseness nicht, gängige Klischees zu ignorieren. Nebenfiguren wie der gebildete, farbige Lehrer Bob Sweeney (Avery Brooks), der sich nebenbei als leidenschaftlicher Sozialarbeiter und bei allem Engagement zur Machtlosigkeit verdammter, sisyphosische Weltenretter hervortut, muss man ebenso in Kauf nehmen wie Elliot Gould als verprellten, jüdischstämmigen Freund der tuberkulösen und überforderten Familienmutter (Beverly D’Angelo) und wie, ganz besonders ärgerlich, Ethan Suplee als tumben, fetten Klischee-Skinhead Seth Ryan, der offenbar demonstrieren soll, in welchen sozialen Gewässern Nazi-Rattenfänger am Erfolgreichsten fischen können. Einem Typen wie Seth wäre ein Szeneausstieg nach dem Vorbild Derek Vinyards, zumindest suggeriert das der Film unweigerlich, erst gar nicht möglich. Dafür ist er letztlich zu hässlich, zu unsportlich, zu dick, zu dumm und infolge dessen zu stark fanatisiert. Aufgrund dieser Eigenschaften taugt Seth nicht zum Helden und damit auch nicht zur Identifikationsfigur und schon gar nicht zum Freidenker, anders als eben Vineyard, der im Gegenzug hinreichend „positive“ Qualitäten besitzt. An diesen Stellen erscheint „American History X“ mir nach wie vor verlogen und inkonsequent, weil er als Film, der sich genau dessen enthalten müsste, einen mehr oder weniger subtilen Persönlichkeits-, ja, Führerkult betreibt. Damit zerstört er sich nicht gleich, beschädigt sich jedoch irreparabel. Und das kann nicht im Sinne des Erfinders sein – abschließendes Lincoln-Zitat hin oder her.

7/10

PRIMAL FEAR

„If you want justice, go to a whorehouse. If you wanna get fucked, go to court.“

Primal Fear (Zwielicht) ~ USA 1996
Directed By: Gregory Hoblit

Der Chicagoer Strafverteidiger Martin Vail (Richard Gere) liebt vor allem zwei Faktoren, die sein Beruf mit sich bringt: Prominenz und Geld. Um seinen öffentlichen Putz etwas aufzumöbeln, bemüht er sich daher um eine besonders aufsehenerregendes Mandat – er will pro bono den des Mordes am lokalen Erzbischof (Stanley Anderson) verdächtigen Kirchenchorknaben Aaron Stampler (Edward Norton) vor Gericht verteidigen. Nicht nur, dass Vail bei seinen folgenden Ermittlungen bald auf einige unliebsame Nebenaktivitäten des toten Klerikers stößt, findet er heraus, dass sein Klient offenbar einer multiplen Persönlichkeitsstörung unterliegt, die zwar seine Schuld an der Bluttat beweist, ihn jedoch de facto als unverantwortlich für sein situatives Handeln dastehen lässt. Mit großem juristischen Geschick manövriert sich Vail fortan durch die Verhandlung, doch die größte Überraschung wartet noch auf ihn…

Ganz ordentliches Neunziger-Hochglanzkino, das erfolgreich mit den üblichen Ingredienzien des courtroom drama zu hantieren versteht – ein narzisstischer Anwalt, der weniger clever ist als er glaubt und sich selbst, ebenso wie sein bisheriges Berufsethos, am Ende selbst in Frage stellen muss, ein Klient, der ein doppeltes Spiel spielt und schließlich über Moral und Justiz triumphiert, gewürzt mit einem mäßig intelligenten MacGuffin, hier: einer brisanten Immobilienaffäre, die die Integrität von katholischer Kirche und Staatsanwaltschaft als höchst etablierte Stadt- und Staatsträger bis in ihre Grundfesten erschüttert. Schließlich darf noch der eingangs verteidigte Gangsterboss (Steven Bauer), der sich im Nachhinein als nützlicher Stichwortlieferant zur Offenlegung der obligatorischen Korruptionsaffäre erweist, nicht fehlen. Hoblit kann sich beruhigt auf das Engagement einer ziemlich makellosen Besetzung stützen: Richard Gere in einer buchstäblich maßgeschneiderten Rolle, der beeindruckende Debütant Edward Norton, der sich hiermit sogleich bedingungslos für kommende Großtaten empfiehlt, die stets erfreuliche Frances McDormand als gelackmeierte Psychologin und dazu zuverlässiges, wenngleich mäßig farbenfrohes Personal Marke Laura Linney, Alfre Woodward, John Mahoney.
Das ergibt in der Summe ein schniekes, kantenloses Unterhaltungsprodukt von einiger Professionalität und ohne allzu großen Nachhall, das sich auf seinen modischen twist stützt, als erfinde dieser das geschnittene Brot neu.
Nun bewegen sich allerdings weder Hoblit noch seine Autoren auf derselben erlauchten Ebene wie, sagen wir, Hitchcock, Wilder, Preminger oder Lumet, was „Primal Fear“ am Ende zwar vollkommen okay dastehen lässt, aber eben auch nicht besser als das.

6/10

DEMONS OF THE MIND

„I have been led here, I have work to do. But what?“

Demons Of The Mind (Dämonen der Seele) ~ UK 1972
Directed By: Peter Sykes

Tiefste, deutschsprachige Provinz, irgendwann im frühen 18. Jahrhundert: Baron Zorn (Robert Hardy) fürchtet um die geistige Gesundheit seiner beiden Kinder Emil (Shane Briant) und Elisabeth (Gillian Hills), die er als Erbträger der schweren, psychischen Erkrankung seiner Frau (Sidonie Bond) wähnt, die sich einst, unter Bezeugung der Kinder, das Leben nahm. Eine Mordserie rüttelt bereits die Gegend wach; die angrenzend lebenden Dorfbewohner sprechen hinter vorgehaltener Hand bereits von Dämonen, die ihr Unwesen treiben sollen. Als alle Aderlässe und Hausarreste keine Besserung versprechen, ruft der Baron die Therapeuten Falkenberg (Patrick Magee) und Richter (Paul Jones) herbei. Können sie den Geschwistern helfen?

Das Jahr 1970 bildete gewissermaßen ein Schallmauer betreffs des Ausstoßes der englischen Produktionsfirma Hammer. Die bunten, stark kontrastierten Bilder der um allerlei Monster und Vampire kreisenden Werke der fünfziger und sechziger Jahre, wichen ebenso wie die schwarzweißen Scope-Kadragen um in den Wahnsinn getriebene Verschwörungsopfer jener typisch blassen, ausgeblichenen wirkenden Fotografie, die man gemeinhin mit dem britischen Filmschaffen der folgenden Dekade assoziiert. Reeves‘ bitterböser „The Witchfinder General“ hat auch hier seine Spuren hinterlassen. Mit dem formalen Wandel folgte auch eine mentale Umorientierung, für die „Demons Of The Mind“ ein rechtes Paradeexempel abgibt: Inhalt und Narration ordnen sich einer oftmals delirierenden, fiebrigen Atmosphäre unter, in der dekadente Blaublütige dem ihren Stande inhärenten Irrsinn anheim fallen, irrational agieren und zu Mördern werden.
Die Geschichte des Geschlechts derer von Zorn ist zugleich die Geschichte des Zerfallens der Aristokratie und ihrer Privilegien – Inzestuöse Gelüste und Blutrunst greifen um sich, derweil das einfache Volk sich zur Revolte aufschwingt, um dem seit Generationen zunehmend kritisch beäugten Treiben der Feudalherrscher ein gewaltsames Ende zu bereiten. Die Psychoanalyse beginnt zwar, unter nicht minder hilflosem Zweifel erste Hilfestellungen feilzubieten; diese müssen sich ihre Akzeptanz jedoch erst noch erobern.
„Demons Of The Mind“ mit der Erwartung eines logisch konzipierten, kausalen Ablaufs zu begegnen, erweist sich als wenig erfüllender Ansatz. Man findet sich rasch verloren in den Wirrungen der von Sykes recht expressiv Dargebotenen. Vielmehr bebildert der Regisseur die verdrehten Hirnwindungen seiner geistig angegriffenen Protagonisten, spielt mit allerlei Symbolen und ungewöhnlichen Einstellungen und lässt inmitten dieser Hardy und Magee in wie üblich der Verzweiflung naher Hilflosigkeit in ihr Verderben rennen.

7/10

SEVEN THIEVES

„So you’re American, aren’t you?“

Seven Thieves (Sieben Diebe) ~ USA 1960
Directed By: Henry Hathaway

Auf Einladung seines alten Freundes Theo Wilkins (Edward G. Robinson) hin kommt Ex-Con Paul Mason (Rod Steiger) nach Monte Carlo. Wilkins, genannt „Der Professor“, konfrontiert Mason ziemlich unmittelbar mit einem von ihm minutiös ausgetüftelten Plan – gemeinsam mit fünf Helfern (Joan Collins, Eli Wallach, Alexander Scourby, Michael Dante, Berry Kroeger) will er den Tresor eines mondänen Küstencasinos plündern. Nach einigem anfänglichen Zaudern erklärt sich Mason bereit, bei der Sache mitzumachen.

Ein formal eher routiniertes Werk von dem allrounder Henry Hathaway, der eine Art Bindeglied zwischen den oftmals fatalistisch endenden urban heist movies der orginären Noir-Welle wie „The Asphalt Jungle“ oder „The Killing“ und den flockigeren, oftmals mit komödiantischer Verve und exotischen Schauplätzen versetzten Vertretern der Sechziger Marke „Topkapi“ und „Ad Ogni Costo“ (in dem Robinson seine Rolle aus „Seven Thieves“ faktisch gleich noch einmal interpretiert). Hathaways Film trägt Merkmale beider Flügelspitzen in sich; er handelt einerseits mit tragischen, nicht per se durchsichtigen Charakteren, entwirft komplexe Beziehungsgeflechte zwischen ihnen, gefällt sich aber andererseits in seiner sonnigen, mediterranen Scope-Szenerie, die bereits immanent lebensbejahende Assoziationen zu evozieren scheint. So entlässt „Seven Thieves“ seinem aus den Turbulenzen gestärkt herausgehenden Liebespaar trotz aller vorausgehenden Dramatik in ein schönes, verdientes happy end, das nur zehn Jahre zuvor im Genre noch unmöglich hätte erscheinen müssen.
Beim Ensemble muss man ein paar Zugeständnisse machen; mit Ausnahme des wie immer göttlichen Edward G. Robinsons wirkt jeder der besetzten Darsteller, allen voran die üblicherweise höchst zuverlässigen Steiger und Wallach, wie Zweitgarnitur, was mir mancherlei Kopfzerbrechen hinsichtlich der alten Formel des „type casting“ bereitete. Über kurz oder lang gewöhnt man sich an die vormals unpassend scheinende Besetzung, allerdings erst, nachdem es bereits beginnt, einem sowohl um die Figuren wie auch um die Akteure ein wenig leidzutun. Ob jener unweigerliche Reibungsfaktor „Seven Thieves“ letzten Endes schadete oder nicht, darüber bin ich mir selbst noch nicht recht im Klaren.

7/10

THE MEYEROWITZ STORIES (NEW AND SELECTED)

„It’s called flirting when you’re young. I’m not sure what it’s called when you’re over 70.“

The Meyerowitz Stories (New And Selected) ~ USA 2017
Directed By: Noah Baumbach

Nach der Trennung von seiner Frau entschließt sich der arbeitslose Musiker Danny Meyerowitz (Adam Sandler), übergangsweise bei seinem Vater Harold (Dustin Hoffman) und dessen dritter Frau Maureen (Emma Thompson), einem alternden Manhatter Bohemien-Pärchen, unterzukommen. Harold hat seine besten Tage als anerkannter Skulpteur längst hinter sich und hängt vergangenen Ruhmestagen nach, während er außer Stande ist, seine nach wie vor andauernden Versäumnisse als Familienvater einzugestehen. Stattdessen lässt er sowohl Danny als auch seinen jüngeren Sohn Matthew (Ben Stiller), einen erfolgreichen Finanzberater und seine Tochter Jean (Elizabeth Marvel) weiterhin spüren, dass er für ihre selbstgewählten Lebenswege eigentlich nur Hohn und Spott übrig hat. Als sich bei Harold eine latente Hirnschädigung bemerkbar macht, wird es Zeit, einige unausgesprochene Wahrheiten aufs Tapet zu bringen…

Das erste Stück von Noah Baumbach, das ich gesehen habe, zugleich (finaler?) Bestandteil von Adam Sandlers Vier-Filme-Deal mit Netflix, ist unübersehbar eine gegenwarts- und realitätsverortetere Variation von Wes Andersons „The Royal Tenenbaums“ – ein voller Fehler und vor Selbsträsonismus strotzender Patriarch sieht sich am Lebensabend mit den selbstverursachten Scherben seiner familiären Biographie konfrontiert, derweil seine überaus neurotischen Kinder sich zu entscheiden haben, ob sie ihrem nunmehr hilflosen Dad ihren lange aufgestauten Hass spüren lassen, oder sich zur sanfteren Variante milden Vergebens entschließen. „The Meyerowitz Stories“ sieht sich dabei auch ganz in der Tradition des intellektuell-jüdischen New-Yorker-Bildungsbürgerhumors und zieht sämtliche entsprechenden Register bis hin zum beschließenden Randy-Newman-Song. Dabei zeigt sich auch Woody Allen und dessen stets sanftironische Observierung der Manhattaner-Künstler-Grandezza als unerlässliche Ingredienz für Baumbachs Vorgehensweise – die „Szene“ wird nicht direkt der Lächerlichkeit preisgegeben, erscheint aufgrund ihrer subtil-arroganten Hochnäsigkeit, selbstgewählten Abschottung von allem, was nicht ausreichend hip, angesagt, wohlhabend oder zumindest renommiert ist, wie eine abgehobene Konklave der Selbstgerechtigkeit. Dafür sprechen auch Harold Meyerowitz‘ Skulpturen – wie er selbst betont, seine „besten Arbeiten“, „intuitiv“ und „vielschichtig“, die er im Arm hält und pflegt wie Säuglinge, dabei jedoch grandiose Manifeste nichtssagender Symboltracht. Ob darin obsolete Vorurteile bestätigt werden, oder nicht, ist nebensächlich – komisch ist es allemal.
Neben der authentischen, blassfarbigen Achtziger-Jahre-Optik, die wohl nicht von ungefähr stark an die Arbeit von Allens damaligen Leib-dp Carlo Di Palma erinnert, trägt vor allem die ausgezeichnet aufspielende Besetzung Baumbachs Film. Dass er derweil eben von so vielerlei „Einflüssen“ zehrt, sei ihm angesichts des gelungenen Resultats nachgesehen.

8/10

K-19: THE WIDOWMAKER

„We deliver – or we drown.“

K-19: The Widowmaker (K-19 – Showdown in der Tiefe) ~ USA/CAN/UK/D 2002
Directed By: Kathryn Bigelow

Im Sommer 1961 wird der Marineoffizier Kapitän Vostrikov (Harrison Ford) mit dem Kommando über das Atom-U-Boot K-19 betraut, dem ganzen militärischen Stolz der sowjetischen Führungsclique. Vostrikov übernimmt von dem kurz zuvor degradierten Polenin (Liam Neeson), der als Erster Offizier an Boot des K-19 verbleibt. Die Mission des Schiffs sieht vor, bis zur Arktis vorzudringen und testweise eine der an Bord befindlichen Raketen zu starten. Natürlich dient die ganze Aktion vornehmlich als kriegerisches Muskelspiel gegenüber dem großen Feind USA. Bereits vor dem Stapellauf kommt es auf K-19 zu zahlreichen Pannen, die die Mannschaft um den Erfolg ihrer Fahrt bangen lassen. Und tatsächlich setzt sich die Unglücksserie auch auf See fort: Vostrikov erweist sich als linientreuer Kommisskopf, dem die Kreml-Anordnungen über jede Vernunft gehen und steht damit in direktem Konflikt zu Polenin, dem vor allem das Wohl seiner Mannschaft am Herzen liegt. Zwar gelingt der Raketenabschuss wie vorgesehen, doch das Glück bleibt den Männern abhold. Als in einem der Reaktoren ein Leck entsteht, droht der gesamten Besatzung der Strahlungstod, wenn nicht binnen kürzester Zeit eine Lösung gefunden wird…

Wenn es darum geht, Männer und den sie unter seine Knute zwängenden Druck im Kontext kombattanter und/oder militärischer Ausnahmesituationen zu zeigen, ist die großartige Kathryn Bigelow gegenwärtig vielleicht die beste Filmemacherin am Platze. Mit „K-19: The Widowmaker“, dem ersten ihrer Filme, der Testosteron und Uniform in parallelisiertem Zustand zeigt, erprobte sie diese von äonenlanger Historie geprägte Verhältnismäßigkeit erstmals. Dazu griff das Script einen authentischen Fall der sowjetischen Marinegeschichte auf, änderte jedoch diverse Details zu mehr oder weniger offensichtlichen Dramaturgisierungszwecken, was, wie zumeist in solchen Fällen, insofern völlig legitim erscheint, als dass ihr Film keinerlei Anspruch auf dokumentarische Genauigkeit legt. Bigelow fabriziert vielmehr seit jeher psychologisch traktiertes Genrekino und hat es darin längst zur Meisterschaft gebracht. Die Szenen um die notdürftige Flickung des lecken Kernreaktors zählen dabei zum Intensivsten, was man von der Regisseurin bis heuer zu sehen bekam.
„K-19“ begibt sich in die Hochphase des Kalten Krieges, in eine Ära, in der die gesamte Menschheit behende am Abgrund entlangtänzelte. Die im amerikanischen Film üblicherweise gewohnte US-Perspektive wird dabei (zumindest an der Oberfläche) um 180 Grad gedreht. Es geht in die tiefsten Niederungen jenseits des Eisernen Vorhangs, in eine Atmosphäre unbedingter Systemtreue, die zugleich auch stets einen Hauch von Verlogenheit, Betriebsblindheit und Sanktionsangst beinhaltete. Ein wenig fühlt man sich zunächst an McTiernans Clancy-Adaption „The Hunt For Red October“ erinnert, bekanntermaßen ja auch ein „U-Boot-Film“ mit einem russischen Helden, der allerdings ein von langer Hand geplantes Überlaufen zur Gegenseite realisiert. Von solch hasardierenden Aktivitäten sind die Männer in „K-19“ jedoch denkbar weit entfernt; hier geht es ums nackte Überleben vor der dräuenden Entscheidung, dem allmächtigen Mütterlein Staat als tote Helden zu dienen oder ihm im finalen Augenblick den blanken Hintern zu zeigen. Jenen bekommen am Ende aber dann doch die auf hoher See zur optionalen Rettung bereit stehenden Yankees zu sehen; K-19 kann, in letzter Sekunde sozusagen, vor der Versenkung geborgen werden. 28 Jahre später begegnen sich die Offiziere dann im Gedenken der heldenhaft gestorbenen Kameraden wieder; ihre körperliche Zähigkeit hat letztlich das System, dem sie einst bedingungslose Treue geschworen haben, überlebt – um einen allzu hohen Preis. Doch Kathryn Bigelow liegt es fern, rechtem Gedankengut Vorschub zu leisten oder Obrigkeitsgehorsam als maskuline Tugend zu verkaufen. Sie zeigt, was Krieg, und sei er auch noch so kalt, seinen Beteiligten am unteren Ende der Befehlskette antut.

8/10