AFTERMATH

„I would like for someone to say that they’re sorry.“

Aftermath (Vendetta – Alles was ihm blieb war Rache) ~ USA/UK 2017
Directed By: Elliott Lester

Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verursacht der Fluglotse Jake Bonanos (Scoot McNairy) einen Crash zweier Verkehrsmaschinen in der Luft, dem 271 Menschen zum Opfer fallen, darunter auch die Frau und die schwangere Tochter des Bauarbeiters Roman Melnyk (Arnold Schwarzenegger). Sowohl Bonanos als auch Melnyk erwartet eine Zeit tiefster Desolation: Der Eine wird nicht mit seiner drückenden Schuld fertig und entfremdet sich von seiner Familie, der andere findet weder eine befriedigende Form von Gerechtigkeit noch inneren Frieden.

Dies ist tatsächlich der erste Film, der Arnold Schwarzenegger weder als Superhelden oder Übermenschen zeigt, noch seine Filmfigur in ein realitätsfernes Szenario einbindet. Tatsächlich bekommt der Mann hier mit seinen nunmehr stolzen siebzig Lenzen, Bi- und Trizeps nach wie vor imposant, ansonsten jedoch bei altersentsprechender Form (wie Arnie sich nicht nehmen lässt, zu Beginn zu demonstrieren) die Gelegenheit zur Darstellung einer bis ins tiefste Innere gebrochenen Figur und akzeptierte ferner eine Rolle, die einen weiteren Hauptcharakter (McNairy) absolut gleichberechtigt neben ihm agieren lässt, und das in einer völlig effektbefreiten, tieftristen Kleinproduktion, deren Budget vermutlich gerade mal ein Zwanzigstel jedes neuen „Terminator“-Films ausmacht. Wenn überhaupt. Lesters an tatsächlichen Ereignissen orientierter Film geriert sich als stilles, äußerst intimes und gemächliches Drama um urplötzlichen Verlust und die entsetzliche Unmöglichkeit, sich seiner zu erwehren oder gar, seiner Herr zu werden. Von einem auf den anderen Tag wartet das Nichts auf zwei zuvor im Leben stehende Männer; dem einen wird die Familie genommen, dem anderen seine grundlegende Stabilität. Beide versuchen fortan verzeifelt, sich mit der grundlegend veränderten Situation zu arrangieren, doch nur einer wird nach langen Monaten genug Kraft aufwänden, um ganz vallmählich dem tiefen Loch zu entsagen, dass ihn zwischenzeitlich völlig aufgesogen hat. Das Schicksal – in Person des anderen Mannes – versagt ihm jedoch eine endgültige Rückkehr in die ansätzliche Normalität, indem es den Antagonisten wiederum den letzten und einzigen Weg gehen lässt, der für ihn noch eine Option darstellt. Dass am Ende auch die Hoffnungslosigkeit in eine Kausalitätskette mündet, ist die finale, ernüchternde Botschaft, die „Aftermath“, ein Film, der unvorbereitet nachdenklich und bleischwer zurücklässt, bereithält. Vor allem für seine beiden glänzenden Hauptdarsteller eine bedeutsame (und bedeutende) künstlerische Errungenschaft, die auch beim Rezipienten tiefe Narben schlägt. Den „deutschen“ Titel mag man getrost vergessen.

8/10

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SKYJACKED

„What is it?“ – „Some kind of a detonator.“

Skyjacked (Endstation Hölle) ~ USA 1972
Directed By: John Guillermin

Während eines Routine-Linienflugs nach Minneapolis muss Captain Hank O’Hara (Charlton Heston) feststellen, dass einer der Passagiere seiner Boeing 707 ein Luftpirat ist, der offenbar eine Bombe an Bord versteckt hat und seine bedrohlichen Botschaften zunächst mit Lippenstift hinterlässt. Die Maschine soll nach Anchorage umgeleitet werden. Die Identität des Hijackers ist jedoch bald herausgefunden: Es handelt sich um den hochdekorierten, aber schwersttraumatisierten Veteran Jerome K. Weber (James Brolin), der sich von seinem Land verraten fühlt und zu den Sowjets überlaufen will. Von Anchorage soll die Reise daher nach Moskau weitergehen…

Einer der weniger gut erinnerten Katastrophenfilme der Siebziger ist dieser campige Luftfahrtthriller des englischen Regisseurs John Guillermin, der mit all seinen Attributen von der prominenten Besetzung über das Thema und den unverhohlen klischeeüberladenen Aufzug auch ebensogut in die „Airport“-Serie gepasst hätte, jedoch von der Konkurrenz (hier: dem Produzenten Walter Seltzer und der MGM) in die Kinos gebracht wurde. Seltzer, der um diese Zeit häufig mit Charlton Heston zusammenarbeitete, konnte den alternden Star auch für dieses Projekt gewinnen, in dem Heston nicht allzu viel zu tun hat, außer hier und da eine Pfeife zu rauchen und sich klamme Dialogduelle mit seinem Widersacher James Brolin zu liefern. Der wiederum spielt seinen Part als zunehmend wirrer werdender Flugzeugentführer hübsch kitschig aufbrausend und mit rollenden Augen, als ganz traditionsverrückte, tickende Zeitbombe nebst Handgranaten und MP im Handgepäck. Dass Weber, wie sein Part getauft wurde, PTBS-geschädigter Vietnamveteran ist, lässt das Script zwar unerwähnt, es dürfen jedoch wenige Zweifel bestehen, woher zu damaliger Zeit ein so junger Mann dermaßen viele Orden an der Brust hat. Sein Motiv, hinter den Eisernen Vorhang abzutauchen, bleibt leider ziemlich schwammig. Offenbar leidet Weber, darauf weisen Rückblicke und Wahnvorstellungen hin, neben anderen psychischen Sollbruchstellen auch an einer tief gestörten Beziehung zu seinem Vater (Dan White).
Richtig schön albern wird’s gegen Ende, wenn der Flieger in den sowjetischen Luftraum eindringt und tatsächlich in Moskau landet, wo es zwar ungemütlich aussieht, die russischen Polizisten den verrückten Weber jedoch genau so „willkommen“ heißen, wie es zuvor das FBI in Anchorage tat.
Dass die ZAZ-Verballhornung „Airplane!“ auch „Skyjacked“ eine Menge an Inspiration verdankt, lässt sich ganz nebenbei vortrefflich nachzeichnen und lädt auch bei der Betrachtung dieses Quellmaterials das ein ums andere Mal zum Schmunzeln ein.
Hübsche Angelegenheit, durchaus.

7/10

ANGEL

„Give a man something to suck on and he’s happy.“

Angel ~ USA 1984
Directed By: Robert Vincent O’Neill

Tagsüber die gewissenhafte Schülerin, bei Nacht auf dem Strich unterwegs als „Angel“ – seit die fünfzehnjährige Molly Stewart (Donna Wilkes) bereits vor Jahren von ihren Eltern im Stich gelassen wurde, ist sie gezwungen, ihren Lebensunterhalt auf dem nächtlichen Hollywood Boulevard zu verdienen. Oder vielmehr, sie geht ihrem horizontalen Job recht freiwillig nach, denn Waisenhaus und Sozialunterstützung kommen für sie nicht in Frage. Mittlerweile sind all die durchgedrehten Kiez-Gestalten zu ihrer neuen Familie avanciert, allen voran Transe Mae (Dick Shawn) und der alte Filmcowboy Kit (Rory Calhoun). Als jedoch ein durchgedrehter Serienkiller (John Diehl) sein Unwesen auf dem Kiez zu treiben beginnt, wird es für Molly brenzlig. Gut, dass ihre Freunde und auch Cop Andrews (Cliff Gorman) sie nach Kräften schützen.

Was nach wilder Exploitation klingt, ist vergleichsweise harmloses, extrem zeitverhaftetes Schillerkino – Robert Vincent O’Neill umgeht jedes sich noch so weit auftuende Fettnäpfchen von Schlüpfrigkeit und inszeniert seine Coming-of-Age-Geschichte mit verhaltenem Bahnhofskino-Flair als liebenswertes Kiezmärchen, das auch in punkto Moralinsäure angenehm zurückhaltend bleibt. Der sich erst nach und nach Bahn brechende Killerplot wirkt diesbezüglich eher aufgesetzt und wurde offensichtlich vor allem deshalb eingeflochten, um der Blitzidee mit der doppellebigen Babyhure und ihrer episodisch angelegten Geschichte einen konkreten Genrekurs zu verleihen. Nicht von ungefähr erinnert dieser Teil der Story an Friedkins sehr viel angründigeren „Cruising“. Sehr viel mehr Wert legt O’Neill infolge dessen auf sein illustres Rotlicht-Ensemble, das in Kombination eine funktionale Familie von liebenswerten Außenseitern ergibt, die sich im Notfalle bestens zu helfen weiß. Neben Mae und Kit Carson sind das vor allem die kernige Susan Tyrell als exzentrische Künstlerin Solly Mosler oder der Jojo-Artist Charlie (Steven M.Porter), allesamt Gestrandete, die das Beste aus der Endstation Milieu und ihr Viertel zu einem quirligen Zuhause des respektablen sozialen Scheiterns machen. Natürlich sind Angel und ihre Kolleginnen (Donna McDaniel, Graem McGavin) nebenbei gewieft und wählerisch genug, sich die Rosinchen aus dem fetten Freierkuchen herauszupicken und die große Restmenge – etwa ein paar aufdringliche Schulkameraden von Molly – ganz cool abblitzen zu lassen. Der verbleibende, minimale „Skandalfaktor“ des Ganzen, so man überhaupt einen solchen herauszufiltern geneigt ist, liegt somit am Ehesten darin, das Prostitutionsgewerbe in einem verharmlosenden bis romantisierenden Licht erscheinen zu lassen – O’Neills märchenhaft verbrämte Kieznacht ist voll von lustigen Anarcho-Vögeln und existenzieller Autonomie und macht suggestiv sogar Spaß, wenn man sich in ihr bloß halbwegs zurecht findet. Außerdem sei ja eh alles bloß halb so schlimm, so lange man auf eigene Faust und ohne Freier arbeite und auf gute Freunde zählen könne. Ich glaube trotzdem nicht, dass „Angel“ in den 34 Jahren seit seiner Premiere irgendein Teenager-Mädchen auch nur implizit dazu angestiftet hat, auf den Strich zu gehen.

6/10

ANNIHILATION

„You really have no idea what it was.“

Annihilation (Auslöschung) ~ UK/USA 2018
Directed By: Alex Garland

Eher infolge einer zufälligen Fügung – ihr lange vermisster Ehemann (Oscar Isaac) kehrte urplötzlich sehr verändert zu ihr zurück und kollabierte dann – nimmt die Biologin Lena (Natalie Portman) als letzte von fünf Frauen an einer streng geheimen Expedition teil. Ein ganzer Sumpflandstrich an der südlichen Atlantikküste der USA unterliegt einer seltsamen, sich ausbreitenden Anomalie, die die ratlosen Wissenschaftler und Militärs als „Schimmer“ bezeichnen. Umgeben von der streng abgeschotteten Zone „Area X“ ist das gesamte Gebiet, aus dem bisher noch niemand der zu Erforschungszwecken entsandten Soldaten zurückgekehrt ist, mittlerweile menschenleer. Lena, die Psychologin Ventress (Jennifer Jason Leigh), die Physikerin Radeck (Tessa Thompson), die Anthropologin Shepard (Tuva Novotny) und die Medizinerin Thorensen (Gina Rodriguez) betreten den Schimmer und stellen darin höchst Seltsames fest: Eine unbekannte Kraft, die die Atmosphäre in flimmernden Farben erleuchtet, hat begonnen, die Genpoole von Menschen, Tieren und Pflanzen zu vermischen und daraus chaotische, neue Spezies zu formen. Auch das Zeitempfinden und die Psyche der Frauen beginnt bald durcheinanderzugeraten. Ausgangspunkt der bizarren Vorkommnisse ist ein Leuchtturm an der Küste…

Keinesfalls von auch nur annähernd ähnlicher philosophischer oder formaler Grandezza wie das mutmaßliche Vorbild „2001: A Space Odyssey“ scheint mir „Annihilation“ dennoch seit längerem endlich mal wieder ein vorbehaltlos sehenswerter SciFi-Film zu sein. Nachdem mir auf jenem Sektor zuletzt nur noch mäßig einfallsreicher bis pathetischer Weltraumkrempel untergekommen ist (jedenfalls wirkt das gesammelte Konglomerat im oberflächlichen Rückblick genau so auf mich), finde ich es recht erfreulich, mal wieder eine rundum erwachsene, Story präsentiert zu bekommen, die noch einen gewissen Mystizismus zu präservieren weiß und nicht alles in Form eines ohnehin völlig willkürlich gewählten, pseudowissenschaftlichen Terminismus erläutern muss, die sich andererseits auch nicht allzu elliptischer Schwurbelei hingibt. „Annihilation“ erzählt alles Notwendige, behält jedoch manche Geheimnisse für sich. Die ihm inhärenten Horrorelemente sind gut austariert und gerade sorgfältig genug eingeflochten, um den Film weder zur einen noch zur anderen Seite kippen zu lassen, die Rückblenden, die der psychologischen Untermauerung der Protagonistin dienen, wirken halbwegs sinnstiftend, wie auch ihre Handlungsmotivation eine ordentlich Erläuterung erfährt. Die vielen Fallstricke, die ein Plot wie der in „Annihilation“ verhandelte a priori bereithält, umgeht Garland geschickt – man hätte auch eine gewaltige Monster- und Mutantenparade daraus machen können, was den Film ganz fix zu billigem Sideshow-Kino hätte verkommen lassen. So bleibt ein meditatives, fast kontemplatives Genrestück nebst offenkundig spürbarer Affinität zu bewusstseinserweiterndem Unterstützungsmaterial, das sich nicht scheut, die Intelligenz des Rezipienten auf unprätentiöse Weise zu beanspruchen. Sehr gut!

8/10

MORTELLE RANDONNÉE

Zitat entfällt.

Mortelle Randonnée (Das Auge) ~ F 1983
Directed By: Claude Miller

Der einsam lebende belgische Privatdetektiv Beauvoir (Michel Serrault), genannt „Das Auge“, soll im Auftrag seiner Chefin (Geneviève Page) die junge Braut (Isabelle Adjani) eines Millionärssohnes beschatten, die von ihren Schwiegereltern für eine Heiratsschwindlerin gehalten wird. Tatsächlich beobachtet Beauvoir die Dame bei der Ermordung des Bedauernswerten. Anstatt sie zu verraten, heftet sich Beauvoir an die Fersen der Mörderin, in deren Person er mit zunehmender Obsession seine ihm stets unbekannt gebliebene Tochter projiziert, beginnt sogar, sie bei ihren verbrecherischen Reisen quer durch Europa heimlich zu unterstützen und ihr Schicksal maßgeblich zu beeinflussen.

Ich empfinde Millers „Mortelle Randonnée“ als eine durchaus elegante, rein formalästhetisch betrachtet sogar ziemlich exzellente Versuchsanordnung einer psychologischen Fallstudie, die mir auf emotionaler Ebene allerdings keinerlei Zugang bieten mag und mich auf eine begfremdliche Weise kaltgelassen hat wie schon lange kein Film mehr. Ich mache das retrospektiv an der bedingungslosen, allumfassenden Distanziertheit fest, mit der Miller sein Personal und seine Geschichte inszeniert: Man wird Zeuge der sich im Laufe der Jahre, die die erzählte Zeit des Films umfasst, zunehmend pathologisierenden, psychischen Verdrehung und Verkantung eines Mannes, dessen Ehe dereinst in die Brüche gegangen ist, der seine Tochter nie kennenlernen durfte und das aus mutmaßlich signifikanten Gründen. „Auge“ Beauvoir, der sich im Fortgang der Geschichte als eine Art französische, kriminalistisch angelegte Melange aus der Nabokov-Figur Humbert Humbert und dessen ewigem Widersacher und Verfolger Clare Quilty erweist, wird durch seine manipulatives und zugleich devotes Wesen recht früh als armseliger Verlorener charakterisiert, dem es auf seinen Irrwegen durch Südwesteuropa und denen in die eigene Psyche zu begleiten eben dezidiert wenig Vergnügen bereitet. Serrault spielt diesen Sklaven seiner Schuldkomplexe und Hirngespinste, die sich nach und nach in einer tief verwurzelten, inzestuös gefärbten Obsession kanalisieren, in zugegebenermaßen brillanter Weise zwischen Ironie und Bedauerungswürdigkeit. Isabelle Adjani, die in diesen Jahren bekanntermaßen ja beinahe ausschließlich auf die eine oder andere Weise entrückte, enigmatische Frauenfiguren gab, entwickelt sich unter Beauvoirs Observation (und parallel dazu natürlich auch der des Publikums) von der mörderischen femme fatale zu einem Opfer ihrer tatsächlich berechtigten Paranoia, die sie, sehr viel mehr noch als jede offene Attacke oder mögliche Denunziation Beauvoirs, angreifbar macht, zermürbt und schließlich in den Tod treibt. Damit verliert auch „Das Auge“ seinen letzten Existenzzweck.

7/10

UNDERVERDEN

Zitat entfällt.

Underverden (Darkland) ~ DK 2017
Directed By: Fenar Ahmad

Zaid (Dar Salim) ist das, was der hellhäutige Westeuropäer gemeinhin gern als „erfolgreich angekommen“ bezeichnet: Er ist erfolgreicher Chirurg in einem Kopenhagener Krankenhaus, hat die einheimische Stine (Stine Fischer Christensen) geheiratet und sich von seinen nahöstlichen Flüchtlingswurzeln beinahe krampfhaft losgelöst. Doch die Vergangenheit ruht nicht: Während er und die schwangere Stine mit Freunden bei gutem Rotwein und gepflegter Konversation erlesen dinnieren, taucht Zaids jüngerer Bruder Yasin (Anis Alobaidi) auf und bittet ihn verzweifelt um Hilfe; es ginge um sein Leben. Zaid wiegelt entnervt ab und verweist Yasin der Tür – mit tatsächlich tödlichen Folgen für den Jungen, der am nächsten Tag mit irreparablen Hirnschäden auf der Intensivstation landet. Zwischen Selbstvorwürfen und Familienehre macht sich Zaid auf ins alte Viertel, erfährt rasch von Gangstergröße Semion (Ali Sivandi) nebst dessen Miniregime und hat damit auch gleich den an Yasins Tod Schuldigen. Körperlich ertüchtigt setzt sich Zaid einen schwarzen Motorradhelm auf und pflügt sich durch die Kopenhagener Unterwelt…

Spürbar nachhaltig beeinflusst von Michael Winners „Death Wish“ transponiert Fenar Ahmad das Sujet des sich von jedweder Vernunft loslösenden und damit zerreißenden Vigilanten in die Gegenwart und die dänische Hauptstadt. Dass diese eine hervorragende Kulisse für an die Nieren gehende Thriller- und Gangsterdramen bereithält, ist nun schon seit längerem kein Geheimnis mehr. Auch bei Ahmad gerät die 600.000-Einwohner-Metropole zu einem finsteren Schmelztiegel der Klassen und Kulturen, in dem nicht nur Migranten und Biodänen, sondern auch upper class und Prekariat mögliche soziale Berührungspunkte um jeden Preis vermeiden. Zaid repräsentiert da denkbar generisch den berühmten Wanderer zwischen den Welten – als Kind aus dem Irak hierhergelangt, gelang es ihm, sich von seinen Ghettowurzeln zu lösen und einen mehr denn respektablen gesellschaftlichen Status zu erlangen, was ihn wiederum zwangsläufig von seiner Herkunft wegtreibt. Job, Ehe und ein sündhaft teures Hochhaus-Appartement symbolisieren jene bewusste Abkehr auf das Deutlichste. Erst mit Yasins Tod wird ihm bewusst, dass Herz und Blut sich jedoch nicht so einfach verleugnen lassen und seine mäandernde Biographie treibt ihn zurück in dunkle, lange ignorierte Sphären. Die sich nun überaus gewalttätig und unter gezielter Zuhilfenahme von Steroiden entladenden Aggressionen, bezeichnenderweise praktiziert hinter der Tarnung einer Art selbstanonymisierenden „Superhelden-Kostüms“, entfremden ihm wiederum von allem, was er sich so mühselig vor Ort aufgebaut hat. Dennoch führt er seinen einmal eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende.
Dass Ahmads ebenso schöner wie dunkler, durchaus vielschichtiger Film sich längst nicht allein als reines Genrewerk begreift, sondern zudem als eine soziokulturelle Bestandsaufnahme, die ebensogut auch in den meisten anderen mittelwesteuropäischen Großstädten Platz fände, verleiht ihm eine besondere Zusatznote.

8/10

LAURIN

Zitat entfällt.

Laurin ~ D/HU 1989
Directed By: Robert Sigl

Irgendwo in Deutschland, kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende, in einem kleinen Städtchen mit Meerzugang: Die Mutter (Kati Sir) der kleinen Laurin (Dóra Szinetár) muss sterben, weil sie Zeugin des Mordes an einem Jungen wurde. Für das Mädchen, dessen Vater (Barnabás Tóth) wie viele der Männer hier zur See fährt, beginnt eine Zeit der Unsicherheit und Einsamkeit. Mit der Rückkehr des Pfarrersohns Van Rees (Károly Eperjes) vom Militär mehren sich seltsame Zeichen, die nur Laurin wahrzunehmen im Stande ist.

Infolge der jüngst stattgefundenen Restaurierung, Neuveröffentlichung und kleinen Kino-Tournee von Robert Sigls fast schon dreißig Jahre altem Film ist „Laurin“ urplötzlich wieder in aller Munde zumindest der deutschen Cinephilie. Fast unmöglich, dem Ausnahmewerk momentan nicht allenthalben zu begegnen, dabei war es doch eigentlich nie ganz weg. Gern wird angeführt, dass „Laurin“ vor allem deshalb eine wesentliche Position in der jüngeren hiesigen Filmgeschichte einnimmt, weil er sich als Genrestück zumindest im zeitgenössischen Kino einen höchst spezifischen Ausnahmestatus sichert.
Auch für den Regisseur Robert Sigl, der „Laurin“ mit 26 Jahren fertigstellte und der in der Folge bislang ausschließlich fürs Fernsehen arbeitete, bleibt das vielschichtige, düsterromantische Kleinod ein Ausnahmetriumph. Mir selbst fiele aus dem zeitlichen Kontext nur noch Ralf Huettners „Der Fluch“ (bezeichnenderweise eine TV-Produktion) ein, wenn ich eine sich annähernd ähnlich beklemmend ausnehmende, emotional involvierende Arbeit nennen müsste.
„Laurin“ zeigt sich von vielerlei Einflüssen geprägt; die Geschichte eines Mädchens an der Grenze zur Pubertät (oder kurz darüber hinaus), dass auf eine phantastische, unter Umständen morbide Entdeckungssuche geschickt wird, hat etliche literarische und auch filmische Wurzeln. Lewis Carrolls „Alice“-Romane wären da zu nennen, „The Wizard Of Oz“ und, später im Film, „Valerie A Týden Divu“, „Lemora – A Child’s Tale Of The Supernatural“ und später noch „The Company Of Wolves“ und „Phenomena“. Aus all diesen Quellstoffen bezieht Sigls Film – ob bewusst oder unbewusst – seinen exquisiten Treibstoff. Ein wenig Herzog scheint noch drinzustecken, an dessen im historischen Ambiente angesiedelte Werke man sich hier und da erinnert fühlt. Trotzdem ist „Laurin“ immer noch eigenwillig genug, um als etwas Neues und Besonderes gewertet werden zu können und seinen besagten Exklusivstatus zu sichern. Mit ungarischen DarstellerInnen gedreht und in deutscher Sprache nachsynchronisiert, ergibt sich bei der Betrachtung zunächst der nicht zu unterschätzende Vorteil, sich nicht nur zeitlich, sondern auch demoskopisch entrückt zu wähnen. Wo genau das Städtchen liegt, in dem „Laurin“ spielt, lässt sich ferner kaum bestimmen; Ostsee und Donauufer schießen einem durch die assoziativen Verschaltungen. Das „Zweite Gesicht“ des Mädchens bringt dann ein dezidiert phantastisches Element mit in das sich bald entspinnende Mördermysterium, das sich später um brodelnde, seit langem schwelende Abgründe ergänzt findet: Der alternde Pastor (Endre Kátay) erweist sich als weitaus weniger enthaltsam als sein Stand ihm gestattet; er hat wenigstens ein uneheliches Kind und scheint, nicht zuletzt in Anbetracht der tiefen Verstörtheit seines Sohnes, der sich schließlich als Kindsmörder entpuppt, noch ganz andere, sehr viel dunklere Obsessionen zu hegen. Symbolische Vorboten – ein Flugdrachen, der wie ein schwarzes Herz durch die Luft flattert und ein nicht minder schwarzer Schäferhund – leiten Laurin bis hin zur Entlarvung und Unschädlichmachung der finsteren Wolken über dem ohnehin bereits dämmernden k.u.k.-Schmuck der sich neigenden Epoche.

9/10