WHAT KEEPS YOU ALIVE

„Nature, not nurture!“

What Keeps You Alive ~ CAN 2018
Directed By: Colin Minihan

Die frisch miteinander verheirateten Ehefrauen Jules (Brittany Allen) und Jackie (Hannah Emily Anderson) begeben sich für ein entspanntes Wochenende in das alte, abgelegen im Wald befindliche Haus von Jackies Eltern. Kaum dass Jules die regionale Wohlfühlatmosphäre zu genießen beginnt, warten ein paar unerfreuliche Überraschungen auf sie: Von der zufällig auftauchenden Nachbarin Sarah (Martha MacIsaac) erfährt Jules, dass Jackie tatsächlich Megan heißt. Bald darauf beginnt die wohlvertraut Geglaubte, noch ganz andere Schattenseiten zu offenbaren, die für Jules in einen tödlichen Spießrutenlauf münden.

Dafür, dass ein vielversprechender Formalist nicht zwangsläufig auch einen vollendeten Geschichtenerzähler abgibt, nimmt sich „What Keeps You Alive“, die jüngste Soloarbeit des jungen Kanadiers Colin Minihan, einer Hälfte der „Vicious Brothers“, aus. Nicht genug damit, dass er ein im Grunde sattsam bekanntes Szenario nebst nicht minder sattsam bekannten Exterieur als Ausgangspunkt für seine crashed-marriage-story wählt, lässt er die sich vormalig sorgsam und sukzessiv aufgebaute Spannung in einem Showdown voller Faux-pas‘ entladen, die man sich mit Mühe und Not gerade noch schönreden kann. Die stützende Musikauswahl zwischen Beethoven und Silverchair, sorgfältig geordnet nach den personae der beiden Antagonistinnen, wirkt zudem immer wieder überreizt. Das einzige wirkliche „Novum“ dieser Spätvariation des erst kürzlich noch geschauten „A Kiss Before Dying“ von Gerd Oswald besteht darin, anstelle eines heterosexuellen ein lesbisches Ehepaar ins Zentrum der eskalierenden Ereignisse zu rücken und sich beharken zu lassen, wobei der haltlos pathologische Gestus der sich bald als Serientäterin entpuppenden, irren Megan/Jackie sich auf eine recht liderlich vorgetragene Psychoanalysis stützen muss. Hier wäre mancherlei Nachholbedarf vonnöten gewesen, ebenso wie darin, die fragwürdigen Entscheidungen Jules‘ gegen Ende, die, obwohl eigentlich bereits in Sicherheit, ein aussichtsloses Duell gegen ihre Neunemesis bevorzugt. Todessehnsucht aus enttäuschter Liebe womöglich? Das wäre angesichts ihrer sonstigen toughness dann doch etwas weit hergeholt. Auch an Coralie Forgeats „Revenge“ hat mich „What Keeps You Alive“ erinnert, wobei dessen Mut zum grellen Hyperrealismus Minihans Film ebenso entbehrt wie seine feministische Aggressivität. Nun, bei allem Geunke soll nicht verhehlt werden, dass „What Keeps You Alive“ als Zwei-Personen-Thriller vor ruraler Waldkulisse (mit See) zumindest die meisten dramaturgischen Erfordernisse mitbringt und sein Süppchen oberflächlich abgeschmeckt ordentlich kocht. Ein etwas intensiveres Eintauchen könnte jedoch das eine oder andere lose Ende zu Tage fördern…

6/10

Werbeanzeigen

BOHEMIAN RHAPSODY

„We’re all legends.“

Bohemian Rhapsody ~ UK/USA 2018
Directed By: Bryan Singer

London, 1970. Als Farrokh Bulsara (Rami Malek), 23-jähriger Sohn parsischer Einwanderer, das Rocktrio Smile in einem Club sieht, ist sein illustres Schicksal besiegelt: Gitarrist Brian May (Gwilym Lee) und Drummer Roger Taylor (Ben Hardy) nehmen kurz darauf Farrokhs Bewerbung zum neuen Sänger an. Komplettiert durch Bassman John Deacon (Joseph Mazzello) nennt sich die Combo fortan Queen, ergattert einen Plattenvertrag bei EMI und erlebt eine beispiellose Erfolgskarriere, wobei das exzessive Privatleben des homosexuellen, sich mittlerweile Freddie Mercury nennenden Frontmanns deutlich von den vergleichsweise biederen, aber eben auch vom kreativen Wahnsinn gemiedenen Lebensentwürfen der verbleibenden drei Bandviertel unterscheidet. Nach einer kleinen Krise nebst Arbei an einem Soloalbum versöhnt sich Freddie wieder mit Brian, Roger und John und akzeptiert Bob Geldofs Einladung, im Juli 85 beim Live Aid in Wembley aufzutreten. Ihr kleiner 20-Minuten-Gig wird legendär.

Etwas verwunderlich ist der meinerseits unerwartet gigantische Erfolg dieser recht biederen, vorhersehbaren Rockstar-Bio dann ja doch. Oder vielleicht auch wieder nicht, denn wahrscheinlich ist es genau das: Durch seine Kantenlosigkeit und garantiert unanstrengende Konsumierbarkeit macht Bryan Singers „Bohemian Rhapsody“ es seinem Pulikum stets leicht und hübsch. Nun, im Grunde passt der oberflächlichenglänzende, vor allzu unwägbaren Untiefen sichere Film genau zu dem Image, das Queen zeit ihrer Bandhistorie in der Öffentlichkeit pflegten – mit ebenso radio- wie stadiontauglichem Powerpop/Hardrock-Mix wussten sie als Single- wie als Albumband zu überzeugen, mal hymnisch, mal Prog, mal Disco, zwischen genialisch und albern, von allem ein bisschen und doch nichts ganz durchgängig, kann man ihnen eins nicht absprechen: Eine in dieser Form rare, charakteristische Unverkennbarkeit, die zu bestimmt 75 Prozent Freddie Mercurys Persona zu verdanken ist. Ohne den gockelhaften Geck nebst seiner gewaltigen Stimme und der unvergleichlichen Bühnenpräsenz hätten Queen ihren nunmehr bekleideten Status gewiss niemals erreicht. Da Bulsara/Mercury zugleich ein immens komplexer Mensch mit diversen, tragischen Schattenseiten war, verwundert demnach die lange Wartezeit bis zu einem biographischen Spielfilm. Nun also ist er da, und vielfach optimierungsbedürftig dazu. „Bohemian Rhapsody“ hetzt relativ atemlos durch 15 Jahre Queen- und Mercury-Geschichte, schneidet an, wirft Häppchen ins Publikum und bleibt dabei betont kommensurabel. Er ist durchaus elegant inszeniert, bemüht sich, Denunzationen auszusparen und dabei einen Status als unterhaltsames Anschauungsmaterial für den Musikunterricht in der Sekundarstufe ja nicht aufs Spiel zu setzen. Kurzum: Er geht auf Nummer Sicher. Die erfolgreichsten Singles inklusive kurzer Entstehungsgeschichte (im Falle des Titelstücks freilich etwas ausführlicher) werden hastig angespielt; auf authentische Chronologie indes pfeift man mehr denn einmal. Das bestes Beispiel dafür dürfte Freddies Kenntnis um seine HIV-Erkrankung sein und der Zeitpunkt, wann er seine Bandgenossen darüber informierte. Wichtige Bezugspersonen und Lebensstationen werden (bewusst?) umgangen, darunter vor allem seine Münchener Jahre, Barbara Valentin oder Winnie Kirchberger. Das wohl überzeugendste Häkchen des Films auf der Habenseite, nämlich die ja ohnehin überall groß gefeaturte, tatsächlich ungeheure physiognomische Ähnlichkeit der Queen-Darsteller mit ihren realen Vorbildern, wetzt diese Scharten nur unzureichend aus. Gegen wesentlich tiefschürfendere, atmosphärischere Band-/Musiker-Biopics wie Oliver Stones „The Doors“, Anton Corbijns „Control“ oder aus jüngerer Zeit „Love & Mercy“ von Bill Pohlad und F. Gary Grays „Straight Outta Compton“ kann „Bohemian Rhapsody“ jedenfalls nicht anstinken.
Insbesondere für einen Queen-Liebhaber markiert insbesondere diese Tatsache ein nicht immer glücklich umrahmtes Ereignis verpasster Möglichkeiten. Was bleibt, ist die Musik. Die ist glücklicherweise unzerstörbar.

5/10

COLDBLOODED

„I’ve tried everything. Glug, glug, glug – that’s what works for me.“

Coldblooded ~ USA 1995
Directed By: Wallace Wolodarsky

Der einsame, etwas einfältige Cosmo Reif (Jason Priestley) arbeitet als treuer, kleiner Buchmacher für ein Gangstersyndikat. Als sein früherer Boss das Zeitliche segnet und mit dem arrivierten Gordon (Robert Loggia) eine neue Nummer 1 die Befehle gibt, wird Cosmo unversehens und zunächst wider Willen zum Auftragskiller „befördert“. Der erfahrene Steve (Peter Riegert) soll ihn anlernen, ist schon bald äußerst beeindruckt von Cosmos naturgegebenen Schießkünsten und wird von seinem Mündel im Gegenzug zu einer Art Ersatzvater gekürt. Da Steve seine wachsende Verzweiflung mehr und mehr in Alkohol ertränkt und somit unzuverlässig wird, steht auch er bald auf Gordons Abschussliste, derweil Cosmo den Auftrag durchführen soll und gleichsam Steves designierter Nachfolger ist. Doch der schüchterne Junge ist gleichsam frisch verliebt – in die Yogalehrerin Jasmine (Kimberly Williams)…

Eine der wenigen wirklich ordentlichen, im Tarantino-Fahrwasser entstandenen Killergrotesken der Mitt- und Spät-Neunziger ist dieses Kinodebüt des vormaligen und hauptberuflichen TV-Show-Produzenten Wallace Wolodarsky geworden. Mit leisem Humor, statischer Kamera und auf wenige Handlungsorte beschränkt, präserviert „Coldblooded“ einen verschrobenen Humor, der als gezielt eingesetztes Gegengewicht zu dem ansonsten recht gewalttätigen Gestus der Killerstory halbwegs elegant aushebelt.
Zentriert findet man den mit der Tennie-Soap „Beverly Hills, 90210“ zu Erfolg gekommenen Mädchenschwarm Jason Priestley in einer unerwartet nunancierten Darstellung als eine Art Simplicissimus des Profikiller-Subgenres. Cosmo Reif ist ein vermutlich unter dem Asperger Syndrom leidender Midtwen, dessen einziger körperlicher Kontakt zu einer in derselben „Firma“ wie er selbst beschäftigten Prostituierten (Janeane Garofalo) besteht, die wiederum zufällig in jenem Seniorenheim diverse Klienten bedient, in dessen kargem Keller Cosmo haust. Sein Alltag besteht aus leeren, öden Ritualen, bis er dann von jetzt auf gleich Leute erledigen soll. Damit erhält Fosmos Existenz eine Wende, der der durchaus sensible junge Mann emotional langfristig natürlich nicht gewachsen ist. Bis seine Erlösung wartet und seine eigentlich vorab zum Scheitern verurteilte Romanze durch eine ebenso unerwartete wie bizarre Wendung erblühen kann, gilt es zunächst jedoch, einen kleinen Leichenberg aufzutürmen – immerhin müssen sämtliche Spuren in diese merkwürdige biographische Episode Cosmos restlos verwischt werden.
Glücklicherweise sind die (von Wolodarsky selbst ersonnenen) Dialoge des Films ähnlich wortkarg und pointiert wie der langsame Habitus seines Protagonisten und erliegen nicht der Versuchung, die bekokste Geschwätzigkeit des hyperaktiven Vorbilds zu plagiieren. Dieser kluge Weg verhindert zwar nicht gänzlich die eindeutige Identifizierbarkeit der hauptsächlichen Einflussquelle von „Coldblooded“, lässt ihn jedoch eigenständig genug erscheinen, um innerhalb seiner eingeengten Laufbahn zu überzeugen.

8/10

A KISS BEFORE DYING

„It’s not right…“

A Kiss Before Dying (Kuss vor dem Tode) ~ USA 1956
Directed By: Gerd Oswald

Der noch bei seiner Mutter (Mary Astor) lebende Student Bud Corliss (Robert Wagner) schwängert unfällig seine Freundin Dorothy Kingship (Joanne Woodward). Diese versucht Bud zu nötigen, mit ihr durchzubrennen, sie eilends zu heiraten und das zu erwartende Kind aus eigener Kraft großzuziehen – Pläne, die denen von Bud leider völlig konträr gegenüberstehen. Dieser ist in Wahrheit nämlich nur auf eines scharf: Auf das Familienerbe von Dorothys Dad Leo (George Macready), eines Kupfermagnaten, das er nun vergessen müsste. Kurzerhand entscheidet sich Bud, Dorothy aus dem Weg zu schaffen und es wie einen Suizid aus Verzweiflung aussehen zu lassen. Der erste Mordversuch misslingt,  der zweite nicht. Doch Bud gibt nicht einfach auf und bendelt einige Monate später mit Dorothys älterer Schwester Ellen (Virginia Leith) an, die ebenso wie ihr Vater keine Ahnung hat, wer Bud wirklich ist. Doch Ellen glaubt trotz rosaroter Brille nach wie vor nicht an einen Selbstmord Dorothys und bohrt mithilfe des Tutors Gordon Grant (Jeffrey Hunter) weiter in der Vergangenheit – ganz zum Unbehagen Buds, dem bald neue Gewaltverbrechen bevorstehen…

Das Regiedebüt des 1938 nach Hollywood emigrierten (und 1959 vorübergehend zurückgekehrten) Berliner Filmschaffenden Gerd Oswald, dem für seinen Erstling große Namen wie Lionel Newman als Komponist oder Lucien Ballard als dp zur Seite standen, nimmt sich in vielerlei Hinsicht bemerkenswert aus: Trotz Scope-Formats und minutiös ausgearbeiteter Farbgestaltung ist der auf einer Vorlage von Ira Levin basierende „A Kiss Before Dying“ rein motivisch betrachtet ein waschechter film noir, dessen Figurenkonstellation rund um einen prototypischen Gestörten nicht erst beim zweiten Hinschauen gänzlich der Gattung entspricht. Vor allem Robert Wagner, mit damals gerade 26 Jahren und sorgsam frisiertem Seitenscheitel ein Stiefmutterliebling par excellence, bildet einen veritablen Besetzungscoup – als nahezu klinisch-exemplarisch silhouettierter Psychopath hat er es gar nicht nötig, sich schauspielerisch besonders zu exponieren. Sein süffisantes Lächeln und die vom Film immer wieder höchst geschickt aufgegriffene und dramaturgisch verplante „Gabe“ Bud Corliss‘, sich entgegen seines asozialen, mörderischen Naturells als respektables Gesellschaftsmitglied zu verkaufen, wirkt da sehr viel authentischer. Gut, auch Kitsch und Klischees verweigert sich Oswald nicht – zumindest nicht vordergründig. Den Showdown bildwirksam in einen Steinbruch mit tödlichen Höhenunterschieden zu verlegen, ist natürlich reinsten Kolportage-Bestrebungen geschuldet, dem Film in seiner Gesamtheit schadet dies jedoch keineswegs. Eine in ihrer eisigen Kaltblütigkeit erschreckender und scheinbar unbeteiligter inszenierte Sequenz als jene um die arme, von ihrem Mörder schwangere, vom Rathausdach gestoßene Joanne Woodward wird man im gesamten Kino der fünfziger Jahre nur schwerlich ausmachen…

8/10

THE COBWEB

„Artist are better off dead.“

The Cobweb (Die Verlorenen) ~ USA 1955
Directed By: Vincente Minnelli

Dr. Stewart MacIver (Richard Widmark) ist der engagierte Chefarzt einer psychiatrischen Heilanstalt mit weithin gut betuchter Klientel. Schon seit Längerem hat er inoffiziell den Leitungsposten seines labilen, dem Alkohol zugetanen Vorgängers Dr. Devanal (Charles Boyer) übernommen, freilich ohne dass die PatientInnen oder die altjüngferliche Verwalterin Victoria Inch (Lillian Gish) davon Wind bekommen hätten. Unter MacIvers mehr als aufopferungsvollem Engagement leiden derweil seine vernachlässigte Gattin Karen (Gloria Grahame) und auch die beiden Kinder (Tommy Rettig, Sandy Descher), während sich MacIvers Beziehung zu der Kunsttherapeutin Meg Rinehart (Lauren Bacall) heftig romantisiert. Ausgerechnet an der Frage der neuen Fenstervorhänge für die Bibliothek kulminieren und entzünden sich schließlich die diversen hausinternen Konflikte, eine Situation, unter denen besonders der persönlichkeitsgestörte, sensible junge Maler Steven Holte (John Kerr) zu leiden hat…

Ein MGM-Prestigestück, geradezu typisch für diese Ära und von einigen der besten Kreativkräfte gesäumt, die Hollywood zu jener Zeit aufzubieten hatte. Auch für Regisseur Vincente Minnelli bot das Projekt um jene Zeit ebenfalls ein willkommenes Heimspiel in jedweder Hinsicht – gewohnt (melo-)dramatisch, mit einem bis in kleinste Nebenrollen renommierten Ensemble (darunter viele Stars des Golden Age), von dem andere höchstens hätten träumen mögen und unter Dreingabe eines stark psychologisch konnotierten Plots konnte der Filmemacher sich hier an Etlichem abarbeiten, was seinen künstlerischen Ambitionen die allseits beweihräucherte Stahlkraft verlieh. So lebt „The Cobweb“, ganz seinem Titel entsprechend, zuallererst von der Vielzahl der unterschiedlich geschalteten, reziproken Beziehungen der Figuren unter- und zueinander, die ein geballtes Konstrukt aus teils sehr widersprüchlichen Erwartungen und Ansprüchen verknüpfen, in deren Zentrum der sich unverwundbar  wähnende, in Wahrheit jedoch zusehends überforderte Dr. MacIver hockt.
Sein vom praxisfernen Aufsichtsrat kritisch beäugter Behandlungsansatz besteht darin, der Patientenschaft durch die Bildung eines zwar ärztlich moderierten, jedoch weitgehend autark gepflegten Kommitees das Gefühl zu vermitteln, selbst entscheidenden Anteil an der Therapierung zu nehmen, menschlich ernstgenommen zu werden, ohne sich bevormunden zu lassen; letzten Endes auch unter hospitalisierten Bedingungen ein Gefühl uneingeschränkter Demokratie zu erhalten. Was heute gängige psychiatrische Praxis ist, war seinerzeit revolutionär; als erprobender MacGuffin für die Stabilität von MacIvers Thesen nutzt das Script die scheinbar völlig banale, alltäglich anmutende Auswahl neuer Vorhänge für das Bibliothekszimmer. Während die Patienten sich dafür entscheiden, die Gestaltung der Vorhänge den künstlerisch begabten Steven übernehmen zu lassen, überwerfen sich MacIvers geltungssüchtige Frau Karen und die rechthaberische Miss Inch über jeweils eigenmächtig ausgewählte Stoffe. Die höchst divers gelagerten Interessen aller Beteiligten finden somit ihren symbolischen Ausbruch im Streit um ein paar Vorhänge – eine ebenso merkwürdige wie auf den zweiten Blick umso brillantere Metaphorik, deren explosives Potential immerhin dazu ausreicht, einen versuchten Suizid nach sich zu ziehen.
Von besonderem formalen Interesse ist die zu jener Zeit noch relativ ungebräuchliche Verwendung des von Minnelli bevorzugten Farbkameraverfahrens Eastmancolor, das aufgrund des „single strip process“ eine einfachere technische Handhabung ebenso ermöglichte wie eine im Vergleich zu Technicolor wesentlich exaltierter wirkende Farbdramaturgie. Die Kolorierung wirkt leuchtender, erdiger und auf eine durchaus schöne Weise „unnatürlicher“. Minnelli trieb deren Einsatz ein Jahr später in der Van Gogh-Bio „Lust For Life“ (hier allerdings unter dem gebräuchlicheren, studiosignierten Begriff „Metrocolor“) zur endgültigen Perfektion.

8/10

OUTLAW/KING

„I’m done with running and I’m sick of hiding.“

Outlaw/King ~ UK/USA 2018
Directed By: David Mackenzie

England im Jahre 1302. Nachdem die schottischen Edelleute König Edward (Stephen Dillane) im Gegenzug für die Garantie, ihre Lehen behalten zu dürfen ihre Waffen zu Füßen gelegt und ihm Treue geschworen haben, soll der Frieden durch eine Heirat des Adligen Robert Bruce (Chris Pine) mit Edwards Patentochter Elizabeth Burgh (Florence Pugh) besiegelt werden. Doch die Waffenstille bleibt trügerisch: Als der Aufrührer William Wallace getötet und seine Leiche vöffentlich zur Schau gestellt wird, sieht sich Bruce gezwungen, eine neuerliche Revolte gegen die Engländer anzuzetteln. Nachdem er einige Vertraute von seinem Vorhaben überzeugen kann, wird er zum schottischen König gekrönt. Der mittlerweile todkranke Edward veranlasst seinen Sohn (Billy Howle), gegen die Rebellion vorzugehen, doch dieser wird Bruces nicht habhaft und kann stattdessen bloß Elizabeth und Marjorie (Josie O’Brien), Bruces Tochter aus erster Ehe in Geiselhaft nehmen. Derweil schart Bruce – mittlerweile als Guerillero unterwegs – immer mehr Gefolgsleute um sich und kann trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die Armee Edwards II in der Schlacht von Loudoun Hill vernichtend schlagen.

Man muss kein ausgesprochen historisch bewanderter Filmfreund sein, um sich den Namen „Robert Bruce“ oder auch „Robert The Bruce“ flugs ins Gedächtnis zu rufen: Der Figur des späteren schottischen Königs wurde bereits in Mel Gibsons (bekanntermaßen eine sehr unpopuläre Meinung in cinephilen Kreisen, aber ich bleibe, excusez-moi, tapferen Herzens dabei:) wunderbarem „Braveheart“ ein kleines Kinodenkmal gesetzt. Darin spielte Angus Mcfayden den schottischen Earl, dessen von seinem leprösen Vater gelenkte, staatsräsonistische Flatterhaftigkeit und verräterische Haltung schließlich das Ende des Titelhelden bedeuteten, nicht allerdings, um danach doch noch eine kleine Ehrenrettung für The Bruce bereitzuhalten, der dann wiederum gegen die Engländer ins Feld zieht. In seinem jüngsten, von Netflix produzierten Film nimmt sich nunmehr der schottische Filmemacher David Mackenzie der Figur des Robert Bruce an; freilich nicht mit der grobkantigen Wucht, Fabulierfreude und Flamboyanz eines Mel Gibson, aber doch auch zumindest ein wenig geschichtsklitternd. Dass sich historisch eingebundenes Genrekino jedoch Freiheiten erlaubt und unbedingt erlauben darf, gehört seit der Geburtsstunde des Films zu seinem basalen Wesen; dies ist allein auf die Unvereinbarkeit von Erzählzeit und erzählter Zeit zurückzuführen.
William Wallace nun bekommt man in „Outlaw/King“ nicht zu Gesicht und auch die Beziehung zwischen ihm und Robert Bruce bleibt weithin nebulös. Zudem hat letzterer hier auch indirekt nichts mit Wallaces Festsetzung und Hinrichtung zu tun; im Gegenteil ist die Rache für dessen unrühmlichen Tod eine Hauptantriebsfeder für Bruces finalen Entschluss, sich doch gegen König Edward zu stellen (das reale Vorbild unterwarf sich tatsächlich mehrmals, nur, um sich dann doch immer wieder aufs Neue seiner patriotischen Wurzeln zu besinnen). Mackenzie umgreift den Stoff in einer Mischung aus klassischem Mittelalter-Abenteuer und Gegenwartsstil. Sein von Chris Pine wohltuend gediegen interpretierter, jedoch durchweg edler Held passte charakterlich ebensogut in einen Ritterfilm der fünfziger Jahre, während die Abbildung der Ära des frühen 14. Jahrhunderts klar naturalistisch erfolgt. Diese Kombination funktioniert überraschend gut, wie auch die schöne Romanze zwischen Pine und Pugh sowie die Darstellung des ebenso schurkischen wie unfähigen Edward II, den Gibson durch Peter Hanly noch  höhnisch als tuckigen Firlefanz porträtiert hatte.
Als potenzielles aftermath zu „Braveheart“ (ein Wiedersehen mit James Cosmo gibt’s außerdem) für alle, die danach noch Luft und Lust haben, also eine schöne Ergänzung und ein durchaus ansehnlicher Film, wenngleich wie erwähnt ohne den lustvollen steinerweichenden Irrwitz eines Mel Gibson.

7/10

TWO WEEKS IN ANOTHER TOWN

„I don’t lie to the press! I never have.“ – „You lie to yourself, Mr. Kruger. That’s worse.“

Two Weeks In Another Town (Zwei Wochen in einer anderen Stadt) ~ USA 1962
Directed By: Vincente Minnelli

Nach mehreren Jahren Aufenthalt in einem Sanatorium, in dem er sich wegen eines während einer Mischung aus Depressionen und Alkoholsucht verübten Suizidversuchs befindet, erhält der Hollywoodstar Jack Andrus (Kirk Douglas) eine postalische Offerte eines alten Freundes, des egozentrischen Regisseurs Maurice Kruger (Edward G. Robinson). Dieser dreht zur Zeit in Cinecittá einen europäischen Film mit dem Nachwuchsschauspieler Davie Drew (George Hamilton). Andrus soll gegen kleines Entgelt eine Nebenrolle übernehmen – ein möglicher Neuanfang. Zögerlich wagt Andrus den Ausflug nach Rom und wird prompt mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Seine Exfrau, die promiske Carlotta (Cyd Charisse), der Anlass für Andrus‘ miserables Los, ist ebenfalls in der Stadt. Kruger steht indes unter dem Druck des Produzenten (Mino Doro), keine Zeit für die Postsynchronisation aufwenden zu dürfen und überredet Andrus, die Arbeit daran für ihn zu übernehmen. Dieser findet derweil in der jungen Römerin Veronica (Daliah Lavi), eigentlich Drews Freundin, neuen Halt. Als Kruger einen fast tödlichen Herzinfarkt erleidet, bitter er Andrus, den Film für ihn zu übernehmen, doch der eigentlich im Aufwind befindliche Jack dreht eigenmächtig einige von Krugers Szenen nach, woraufhin dieser die Fassung verliert und Andrus feuern lässt. Abermals verzweifelt, trifft Andrus auf Carlotta…

Genau zehn Jahre nach ihrem gemeinsamen Hollywood-Drama „The Bad And The Beautiful“ fanden Vincente Minnelli und Kirk Douglas abermals zusammen, um sich neuerlich der zerstörerischen Seite des Filmbiz anzunehmen, diesmal natürlich in Scope und Farbe. Gab Douglas vormals mit dem schmierigen Jonathan Shields noch den opportunistischen Verführer, der seine Vasallen – sprich Darsteller – wie Schachfiguren nach Belieben zu manipulieren wusste, steht er nun auf der anderen Seite. Als psychisch schwer angegriffener, aber weitgehend austherapierter Ex-Star unterzieht er sich einer harten Konfrontationstherapie, die ihn nach einer abermaligen, schweren Krise aufrecht aus dem Ring steigen lässt. Interessant ist „Two Weeks In Another Town“ vor allem in seiner Funktion als Porträt der Ära „Hollywood On The Tiber“ der fünfziger und sechziger Jahre, die zahlreiche Filmschaffende aus den USA nach Cinecittá lotste, um dort unter europäischer Produktinsägide und mit internationalen Stäben und Besetzungen Kino zu machen. Den arrivierten Regisseur, der, freilich ohne es sich selbst eingestehen zu wollen, seinen kreativen Zenit hinter sich hat und daher mehr oder weniger gezwungen ist, in Rom zu arbeiten gibt Edward G. Robinson in einer makellosen Darbietung, die im Prinzip Douglas‘ Figur aus „The Bad And The Beautiful“ (der sogar einmal im Film vorgeführt wird) transzendiert. Als großer Betrüger und Egomane ist Kruger es gewohnt, nach eigenen Maßgaben zu arbeiten, beißt bei seinem italienischen Produzenten Tucino, der stattdessen die einheimische, launische Diva Barzelli (Rosanna Schiaffino) hofiert, jedoch auf Granit. Ausgerechnet Jack Andrus, in der Vergangenheit von Kruger stets ausgenutzt und im Gegenzug oftmals in den Staub getreten gestoßen, soll für ihn den Karren aus dem Dreck ziehen, ein Plan, der beinahe aufgeht, schließlich jedoch mit Krugers ungebrochener Selbstüberhöhung und der Unnachgiebigkeit seiner tief frustrierten Gattin Clara (Claire Trevor) kollidiert. Nichtsdestotrotz überlebt Andrus auch diese Krise und geht am Ende gestärkt und mit juveniler Unterstützung (in Veronica und dem nicht minder krisengeschüttelten Davie Drew findet er zwei neue Freunde und Unterstützer) zurück nach Hollywood, um dort eine zweite Karriere als Regisseur zu begehen. Minnelli frönt hier einem für seinen Dramen ungewöhnlichen Positivismus, der für seinen gebrochenen Helden am Ende Heilung und Salbung bereithält. Neben der liebevollen Photographie Roms und seiner prominenten Zentren ein weiterer, guter Grund, sich diesen manchmal geflissentlich blasiert wirkenden, insgesamt aber doch schönen Film anzusehen.

7/10