HOBSON’S CHOICE

„Young man, don’t abuse a noble word!“

Hobson’s Choice (Der Herr im Haus bin ich) ~ UK 1954
Directed By: David Lean

Der dem Alkohol zugetane Witwer Henry Hobson (Charles Laughton) besitzt ein angesehenes Schuhmachergeschäft im viktorianischen Salford. Um seinen Laden muss er sich nicht kümmern, dafür sorgen neben den beiden jüngeren Töchtern (Daphne Anderson, Prunella Scales) vor allem die älteste, Maggie (Brenda De Banzie), und sein Angestellter William Mossop (John Mills). Während Hobson sich in geselliger Gasthausrunde gern über Maggies Altjüngferlichkeit mokiert, hat diese ganz eigene Pläne: Sie überredet den konfusen Mossop, sie zur Frau zu nehmen und eine eigenes Geschäft zu eröffnen. Der keifende Hobson merkt bald, dass er ohne die Unterstützung von Tochter und Schwiegersohn aufgeschmissen ist und macht sie zähneknirschend zu gleichberechtigten Partnern.

Ein ganz offensichtlich speziell für seinen Hauptdarsteller transponiertes Zeitporträt, das Laughton als alternden Säufer in einer seiner schönsten Rollen überhaupt zeigt. Als grantelnder, arroganter und höchst uneinsichtiger Patriarch, der in ein Fettnäpfchen nach dem anderen tritt, hat er etliche Gelegenheiten, die volle Bandbreite seines großen Könnens zu demonstrieren, während Lean, noch in der Vorphase seiner fünf großen historischen Epen ab 1957, einen intimen Einblick in die Ära um 1880 gewährt, in der die englischen Kleinpatrizier sich einer spezifischen Sozialkaste ähnlich wähnen; die älteren Herren nutzen jede freie Minute für ein Stammtischtreffen im benachbarten Inn – und freie Minuten gibt es reichlich. Berauscht von Schnaps und Bier schwadroniert man in trauter Privatsphäre über das Alltagsgeschehen im Viertel, wobei Hobson, der als Witwer glücklich ist, ohne Konsequenzen saufen zu können und sich auf das Glück seiner treuen Belegschaft stützt, die größte Klappe von allen an den Tag legt. Ebensowenig wie der Zuschauer rechnet auch er mit der Entschlossenheit seiner Ältesten, die nach offensichtlich reiflicher Planung die Reißleine zieht und ihr Leben, ein wenig vielleicht im Sinne der Suffragetten-Bewegung, selbst in die Hand nimmt. Dazu gehören einige durchaus anstrengende Maßnahmen: Der unkultivierte, tropfhafte Geselle Mossop will eingenordet und geehelicht, das Grundkapital für ein eigenes Geschäft aufgetrieben, das Ladenlokal ausgestattet werden. Der Titel von Stück und Film, „Hobson’s Choice“ bezieht sich also mitnichten auf eine Entscheidung des versoffenen Haustyrannen, sondern auf die seiner Tochter Maggie zum Auf- und Ausbruch.

9/10

MILES AHEAD

„Convince me.“

Miles Ahead ~ USA 2015
Directed By: Don Cheadle

New York, 1979. Gesundheitlich stark angeschlagen, nahezu völlig ausgebrannt und noch immer unter der Trennung von seiner Ex-Frau Frances (Emayatzy Corinealdi) leidend vegetiert der legendäre Jazz-Trompeter Miles Davis (Don Cheadle) in seinem Haus in der Upper West Side dahin; nahezu völlig zurückgezogen von der Außenwelt, Tantiemen von seiner Hausplattenfirma Columbia und Vorschüsse auf neues Material kassierend, das sich aber nicht recht zuwege bringen lassen mag. Sein täglicher Kokain- und Alkoholbedarf erreicht beträchtliche Höhen, als der freie Journalist Dave Braden (Ewan McGregor) sich aufmacht, Davis‘ Elfenbeinturm zu knacken. Durch Bradens nicht uneigennützige, aber doch freundlich intendierte Einmischung in des Genies Privatleben gelangt ein von Davis sorgsam verwahrtes session tape mit neuen Aufnahmen in die Hände des schmierigen Agenten Hamilton (Michael Stuhlbarg), der damit die Karriere seines jungen, heroinsüchtigen Schützlings Junior (Lakeith Lee Stansfield) pushen möchte. Braden und Davis haben alle Hände voll zu tun, das Tape zurückzubekommen.

Don Cheadles ehrgeiziges Projekt über den bis dato wahrscheinlich größten Jazz-Trompeter überhaupt konnte nur durch jahrelange Vorbereitung und teilweise Crowdfunding-Finanzierung entstehen. Auch die Beteiligung McGregors als neben Cheadle einzigem wirklich prominenten Star floss etwas Patte in die Budgetkasse. Dabei ist „Miles Ahead“ kein Musiker-Biopic im klassischen Sinne oder nach etablierter Form. Für seinen Abriss über die Legende wählte Cheadle vielmehr eine völlig fiktive Geschichte nebst einer fiktiven zweiten Hauptfigur in Person des ebenso aufdringlichen wie ehrgeizigen, britischstämmigen und weißen Journalisten als idealisiertem Konterpart des zu diesem Zeitpunkt längst gottgewordenen Genies. Eine etwas alberne – vom Script allerdings genau als solche verstandene – Episode über ein als klassischer MacGuffin eingesetztes Band mit „geheimen“ Aufnahmen, das in unberechtigte Hände fällt und zurückerobert werden will, dient dabei als Aufhänger für ein betont subjektiv gefärbtes Porträt Davis‘, das sich ans Ende einer seiner schwierigsten, persönlichen Phasen stellt. Nach einer letzten Live-Performance im September 1975 verschwand er für annähernd sechs Jahre vollständig von der öffentlichen Bühne; seine permanenten Auftritte, der zunehmend extremer und anstrengender werdende Freistil seines Sounds und die körperlichen Folgen des Ganzen forderten ihren Tribut. Schwere Suff- und Drogenexzesse folgten, die bereits darvon hindeuteten, dass Davis in Kürze nur noch im Jazzhimmel würde aufspielen können. 1979 jedoch trat er er dank der reaktivierten Beziehung zu der Aktrice Cicely Tyson aus seiner Höhle zurück ans Tageslicht und schaffte immerhin noch weitere zwölf Jahre. Im Film ist der von Cheadle ziemlich leidenschaftlich interpretierte Davis ein formvollendeter Misanthrop und Polytoxikomane, der über all seinen Selbstekel hinaus immerhin den Zynismus noch nicht eingebüßt hat. McGregors Figur zerrt ihn zumindest in Teilen aus der selbstgewählten Lethargie, obschon der gesamte Nebenplot wie erwähnt etwas flachsig daherkommt. Das schadet „Miles Ahead“ aber, wenn überhaupt nur wenig. Man wird dafür mit geraum viel entlohnt, mit einem Gespür für die zugrunde liegende Zeit, mit traumhafter Musik, einem grandiosen Hauptdarsteller und zugleich Regisseur, von dem hoffentlich künftig noch ähnlich Schönes zu sehen sein wird.

8/10

SMOKEY AND THE BANDIT

„For the good old American life. For the money, for the glory, for the fun and… mostly for the money.“

Smokey And The Bandit (Ein ausgekochtes Schlitzohr) ~ USA 1977
Directed By: Hal Needham

Die beiden Kumpel Cledus (Jerry Reed) und Bandit (Burt Reynolds), absolute Spitzenleute am Steuer und legendäre Profis, wenn es darum geht, verblödete Highway-Polizisten an der Nase herumzuführen, lassen sich anheuern, um eine illegale LKW-Ladung Bier von Texas nach Georgia zu transportieren. Auf dem Weg sackt Bandit die Beinahe-Braut Carrie (Sally Field) ein, was deren designierten Schwiegervater Sheriff Buford T. Justice (Jackie Gleason) auf die Palme bringt. Gemeinsam mit seinem lieben, aber hoffnungslos verblödeten Sohn Junior (Mike Henry) jagt er dem rasenden Trio nach…

Die im Süden beheimateten US-Amerikaner lieben ihre Regionen teilweise noch immer dermaßen unbeeinträchtigt, als habe es die letzten 160 Jahre nicht gegeben. Hin und wieder schafft es die Popkultur dann sogar, jener verqueren Heimatromantik ein gemeinhin akzeptiertes Denkmal zu setzen – wenn es besonders gut läuft, sogar eines, das auch abseits der primären Zielgruppe Liebhaber findet. Die „Smokey And The Bandit“-Filme, zumindest die ersten, von Hal Needham inszenierten beiden, zählen zu diesen exotischen Ausnahmeerscheinungen. Die Kunst liegt darin, heimliche Bögen zu spannen und fast unmerklich feine Verbindungsstricke zu den Yankees zu knüpfen. Burt Reynolds und Jerry Reed sind zwar durch und durch Rebellen der alten Schule, die das Hemd in der Jeans tragen, große Gürtelschnallen, Cowboystiefel und ihren Stetson nur in Ausnahmefällen ablegen und ausschließlich Country’n Western hören, sie leisten sich jedoch auch recht moderne Extravaganzen. Zum Beispiel sind sie weder Rassisten, noch durch inzestuöse Hillbilly-Gene allzu intelligenzgetrübt. Zu Hal Needhams Überzeugungsarbeit gehört, dass er solche Dinge wenn schon nicht allzu deutlich überbetont, so doch zweifelsfrei in sein im Prinzip völlig inhaltsloses road movie einfließen lässt. Ein anderes Kaliber ist da schon Jackie Gleason als vollgefressener Redneck-Cop mit Schweinevisage: Dass der Texaner ist, nimmt man ihm umgehend ab, er repräsentiert Berufsstand und Herkunft qua mustergültig. Er reiht sich nahtlos ein in seine schikanierende Ahngalerie von J.W. Pepper bis hin zu Lyle Wallace. Umso schelmischer erfreut man sich daran, wie er unentwegt reingelegt wird und den Kürzeren zieht, ohne jemals zu einer veritablen Bedrohung für die Helden zu werden. Tatsächlich entpuppen sich Sheriff Justice und sein Sohn, der seine stoisch dämliche Freundlichkeit selbst im Angesicht der unablässigen Beleidigungskanonaden seines Dads wahrt, sogar als wesentlichster Motor für den Humor des Films, ähnlich wie später Kirk Douglas in „The Villain“, der dasselbe Konzept unter umgekehrten Voraussetzungen verfolgt.
Dennoch bleibt meine unumstößliche, innige Verbundenheit mit Needhams beiden „Cannonball Run“-Filmen von dem ach so tollen Hecht Bandit völlig unbedroht. Da gibt’s mal nix.

7/10

A HORRIBLE WAY TO DIE

„How come you weren’t in the media?“

A Horrible Way To Die ~ USA 2010
Directed By: Adam Wingard

Nachdem Sarah (Amy Seimetz) herausfindet, dass ihr Freund Garrick (AJ Bowen) ein umtriebiger Serienmörder ist, verrät sie ihn an die Polizei und sagt später vor Gericht gegen ihn aus. Sie zieht unter neuem Namen in eine weit entfernte Kleinstadt, wo sie endlich auch ihre Alkoholsucht in den Griff bekommt. In der sacht knospenden Beziehung zu ihrem Therapiegenossen Kevin (Joe Swanberg) scheint sich eine neue Chance für Sarah zu offenbaren. Da jedoch bricht Garrick im Zuge eines Verlegungstransports aus und bahnt sich eine blutige Spur geradewegs zu Sarah…

Straight into the heart of a killer: Adam Wingard und sein Hausautor Simon Barrett begehen in „A Horrible Way To Die“, einer offenkundigen Hommage an John McNaughtons Meisterwerk „Henry: Portrait Of A Serial Killer“ nicht den verlockenden Fehler, ihren gewalttätigen Protagonisten zu heroisieren oder seine Untaten zu ästhetisieren. Gerade durch sein unscheinbares, fast sympathisches Äußeres und seine durchaus freundliche Art baut sich um Garrick Turrell eine Form von Unberechenbarkeit und Bedrohlichkeit auf, die man sonst in eher wenigen Filmen dieses Sujets ausmachen kann. Turrell ist weder ein Sadist, noch versieht er sein blutiges Werk mit Leidenschaft; er ist auch keineswegs stolz auf sein Tun. Vielmehr steht er unter permanentem innerem Zwang, der ihn, gerade wie die parallelisierte Sarah in Bezug auf den Alkohol, zu einem sich selbst ausgelieferten Süchtigen macht. Seine Opfer tötet er zumeist beiläufig und mittels kurzer Handbewegung und doch überleben die Wenigsten, vor allem Frauen, eine kommunikationsintensive Begegnung mit ihm. Um Sarah (brillant gespielt von Amy Seimetz) macht man sich derweil Sorgen, Turrell scheint sich an ihr rächen zu wollen oder zumindest ein anderweitiges, verqueres Motiv zu haben, sie aufzusuchen und zu töten. Doch clevererweise gehen Barrett und Wingard ganz anders vor als sich zunächst erwarten lässt und entspinnen eine Geschichte um tiefschwarze, abseitige Romantik.
Das Narrativ des Films nimmt sich dabei keineswegs simpel aus; Rückblenden und Gegenwartsmomente fließen nahtlos ineinander über und die recht fordernde Kombination aus jump cuts, Zooms und Wackelbildern verhindern ebenfalls eine allzu beiläufige Rezeption. Dass die Form allerdings nie zum Selbstzweck gerät, im Gegenteil stets im Zeichen der inneren Spannung der Story steht, macht sie am Ende zu einem Stück aufrichtiger Kunstfertigkeit.

8/10

BELOVED INFIDEL

„This time it’s different. I never promised myself.“

Beloved Infidel (Die Krone des Lebens) ~ USA 1959
Directed By: Henry King

Hollywood, 1939: Die britischstämmige Klatschreporterin Sheilah Graham (Deborah Kerr) wird von ihrem Schirmherrn John Wheeler (Philip Ober) in die Filmmetropole geschickt, um dort mit Kolumnen über die Glitzerwelt groß heraus zu kommen. Bald lernt sie den Schriftsteller F. Scott Fitzgerald (Gregory Peck) kennen, der sich seit seinem letzten Roman „Tender Is The Night“ eher schlecht denn recht als Drehbuchautor verdingt. Man verliebt sich heftig ineinander, als der Literat jedoch aus seinem aktuellen Engagement herausgekündigt wird,erlebt Sheilah erstmals die dunkle Seite des Genies: Fitzgerald neigt nämlich zu heftiger Trunksucht, die ihn dann oft tagelang in delirösen Zuständen gefangenhält und ihn zu einem nervenstrapazierenden Misanthropen mutieren lässt. Nachdem jener Zwischenfall durchgestanden ist, rauft man sich wieder zusammen und zieht in ein Strandhaus in Malibu, wo Fitzgerald seinen Schlüsselroman „The Last Tycoon“ in Angriff nimmt. Schon die ersten Kapitel werden von seinem Verlag als „unlesbar“ abgekanzelt, was erneut eine tiefe Krise bei dem Autoren auslöst. Die zutiefst verletzte Sheilah trennt sich von ihm und ignoriert zunächst als sein Flehen, bis sie doch zu ihm zurückgeht. Da hat Fitzgerald jedoch nur noch wenige Wochen zu leben.

Henry Kings vorletzter Film – der letzte ist eine Adaption von Fitzgeralds „Tender Is The Night“ -, zugleich das Finale mit „seinem“ Sechsfachstar Gregory Peck, gibt ein wundervolles Kitsch-Melodram ab, das in geradezu exemplarischer Weise zeigt, wie routiniert die Hollywoodstudios zur Zeit der Fünfziger und Frühsechziger Herzschmerz mit Edelschimmel, Goldstaub und Sahnehäubchen zu produzieren pflegten: Zwei der größten (Vertrags-)Darsteller ihrer Ära, Kalifornien nebst seinen sozialen Eigenheiten und malerischen Küstenstreifen; Trunksucht als Beziehungskiller und Hochemotionen; dazu noch die authentische Biographie eines amerikanischen Helden im Zwielicht – das zerschnitt die Herzen des willfährigen Publikums gleich reihenweise. Peck und Kerr sind erwartungsgemäß traumhaft; er hat eine der wenigen Gelegenheiten seiner langen Schauspielkarriere, zumindest zeitweise (sprich in den zwei Sequenzen, in denen er stockbesoffen ist) ein mieses Arschloch zu proklamieren, das zwischen Fremdscham, Bedrohlichkeit und Mitleidsevozierung umhertaumelt, sie tut das was, sie stets am Besten konnte – eine gleichermaßen selbstbewusst-feministische, wie verletztliche Frau mitsamt enigmatischer Psyche zu interpretieren, für die der große, arme F. Scott Fitzgerald zu egalten Teilen Pygmalion und Sorgenkind darstellt. Einige wildromantische, dramatische Szenen am wellenumtosten Strand erinnern in ihrer bombastischen Inszenierung wohl nicht ganz von ungefähr an die analogen, legendären Momente aus „From Here To Eternity“, in denen sich die Kerr nur fünf Jahre zuvor mit Burt Lancaster in der Brandung wälzte; dazu spielt eine gewaltig orchestrierte „Ave Maria“-Variation von Franz Waxman. Bildliche und tonale Repräsentation eines im Ganzen repräsentativen Films, mit dem Hollywood sich und seine Arbeistsweise auf merkwürdig-perplexe Art gleichfalls selbst feiert und als Kreativdrossler denunziert.

7/10

EVERYBODY WANTS SOME!!

„We came for a good time, not for a long time.“

Everybody Wants Some!! ~ USA 2016
Directed By: Richard Linklater

Texas, 1980. Der junge Jake (Blake Jenner), ein Baseball-Talent, bezieht eine von Sportsgenossen bewohnte WG, um sich binnen weniger Tage als Erstemester-Student am College einzuschreiben, wo er zudem als Pitcher das hiesige Team unterstützen wird. Gemeinsam mit seinen neuen Freunden erlebt er ein ereigniseiches Party-Wochenende und lernt sogleich seine neue Liebe Beverly (Zoey Deutch) kennen.

Ich habe fürs Erste für mich beschlossen, Richard Linklater weder zu den verpflichtenden, noch zu den vordringlichen amerikanischen Gegenwartsregisseuren zu zählen. Verantwortlich dafür ist „Everybody Wants Some!!“. Der Filmtitel mitsamt seinen beiden Aurufezeichen rekurriert auf einen gleichnamigen Song vom 1980er-Van-Halen-Album „Women And Children First“. Nicht nur dadurch ergibt sich ein Bezugspunkt zu dem 23 Jahre zuvor entstandenen „Dazed And Confused“, der mir allerdings zumindest ein wenig besser gefällt. Dafür, dass Linklater unter anderem von großen Zeiträumen und dem Wechsel von Lebensphasen und/oder Beziehungsgefügen sowie der Porträtierung und nostalgischen Verklärung von bestimmten Phasen bewegt wird, künden ergänzend bereits diverse andere seiner Arbeiten. Hier bleibt er abermals bei jenem für sich bewährten Leisten.
Sein aktuelles Baby, „Everybody Wants Some!!“, besetzt mit ausgesucht schöngesichtigem Film- und Fernseh-Nachwuchs, präsentiert sich als spektakulär unspektakuläres Kino, das seine unbedingte Realitätsanbindung mit einiger Überzeugung vor sich her trägt. Der Film begreift sich als beinahe semidokumentarische Bestandsaufnahme seines Spieljahres, zehrt offenbar stark von autobiografischen Elementen und gibt sich so betont unaufregend und antiklimaktisch, dass mich bald vehement das unbestimmte Gefühl beschlich, eine Vermisstenmeldung machen zu müssen: Diese paar uramerikanischen Jungs taumeln so vorhersehbar durch ihre dreieinhalb Tage Vor-Semester-Zeit, wie es jeder typischen Coming-Of-Age-Geschichte im Collegemilieu ziemt. Dazu zählen diverse Obligatoria wie der Disco-Besuch mit dazugehöriger Musik, eine Trainingsstunde auf dem Baseball-Feld, eine ausufernde Hausparty, ein gemeinsames Bad im nahen Tümpel, eine von Pink Floyd untermalte Kifferrunde und so fort. Der offenbar nach wie vor als für p.c.-Gründe notwendig erachtete Quoten-Afro-Amerikaner (J. Quinton Johnson) ist dabei, die liebenswerte Liebesromanze mit dem noch liebenswerteren Mädel darf ebensowenig fehlen. Alles wie gehabt und gefühlte tausendmal anderswo und mit weitaus kernigeren Figuren augestattet bereits gesehen. Was alles gewiss nicht bedeutet, dass „Everybody Wants Some!!“ ein schlechter oder über Gebühr durchkalkulierter Film wäre. Ich glaube im Gegenteil, dass Linklater sehr viel an Herzblut in seinen Jüngsten gesteckt hat. Die Songsammlung ist prima, das Zeitkolorit passt. Allein mir fehlt der passende Adapter, fazitär mehr denn ein gepflegtes „Nett“ für mich herauszuquintessenzieren. Stattdessen möchte ich viel lieber auf authentisch Zeitgenössisches wie Yates‘ „Breaking Away“ oder Kaplans „Over The Edge“ verweisen.

6/10

BLOOD FATHER

„I was running the fucking Coachella Valley before you were an itch in your daddy’s sack!“

Blood Father ~ F 2016
Directed By: Jean-François Richet

John Link (Mel Gibson), einst ein schwerer Junge, lebt als trockener Alkoholiker auf Bewährung in einem kleinen Trailer-Park am Rande der Wüste von New Mexico und verdient seine paar Kröten mit dem Stechen von Tattoos. Eines Tages meldet sich seine Tochter Lydia (Erin Moriarty) bei ihm, die er schon seit Längerem sucht. Das Mädchen hat Stress mit der mexikanischen Drogenmafia, weil sie im Koksrausch ihren Gönner und Liebhaber Jonah (Diego Luna) erschossen hat. Da Link noch aus Knastzeiten bestens mit den Gangstrukturen vertraut ist, weiß er, dass die Flucht nach vorn momentan das einzige Mittel zur Abhilfe darstellt. Allerdings kann er weder seinem alten Kumpel Preacher (Michael Parks) vertrauen, noch ahnt er, wer Lydia und ihm wirklich ans Leder will.

Ein erstaunlich gelungener Film, der einen sogar noch erstaunlicher dezidiert auftretenden Mel Gibson als Flaggschiff präsentiert. Der Franzose Richet verabreicht der ansonsten ziemlich banalen Geschichte eine formale Frischeinjektion, die zwar auch auf photographische (dramaturgisch immerhin sinnstiftend eingeflochtene) Wackeleskapaden nicht ganz verzichten mag, insgesamt jedoch von der unverbrauchten Genreperspektive des Mitteleuropäers zu profitieren scheint. Von den oftmals eher weichgespülten Charakteren der letzten Jahre steuert Gibsons Figurenzeichnung jetzt wieder mehr Richtung Max Rockatansky und frühem Martin Riggs – einem abgefuckten Solospieler, der besser nicht entfesselt werden sollte, weil man ihm nicht bei schlechter Laune begegnen mag. Es gibt schön erdige Wüstenbilder, wobei Richet mit einiger Bestimmtheit die alte Rocker- und Biker-Romantik frontal zu demystifizieren. Für jenes Unterfangen sucht er sich Michael Parks aus, der momentan tatsächlich wie kein anderer den alten, verrückten und widerlichen Knochen im Kino personifiziert und es schafft, dass man nicht müde wird, ihm dabei genussvoll zuzuschauen. Der von seiner „Gemeinde“ noch immer als Guru angehimmelte Preacher ist in Wahrheit nichts weiter als ein ausgebranntes Ekel, dass einen schnellen Dollar mit Waffenschiebereien und Nazi-Memorabilia macht und nicht zögert, frühere Freunde und einstige Ideale zu verraten. Nix mehr übrig von Freiheit und Weite. Durch diese zum amerikanischen Albtraum mutierte Welt muss John Link also seine Tochter in Sicherheit bringen – keine Frage, dass er das hinbekommt, wobei er offenbar eine Menge seiner eigenen, bekanntlich stark in Verruf geratenen Persönlichkeit in die schauspielerische Waagschale wirft und diverse Dialogzeilen in den Mund gelegt bekommt, die einer reumütigen Entschuldigung für begangene Fehler gleichen. Ich musste zwischendurch immer wieder daran denken, wie toll es doch gewesen wäre, Gibson auch in „Mad Max: Fury Road“ nochmal in Aktion in Aktion erleben zu dürfen – dass er nach wie vor das physsche Rüstzeug dafür besitzt, glaubt man nach „Blood Father“ nur allzu gern. Ich mag den alten Rumpler tatsächlich nach wie vor total gern, wie ich jetzt wieder festgestellt habe, und hoffe, dass er noch ein bisschen was wie dies hier auf den Weg bringt, so lange er kann.
Es sei mir noch gestattet, festzuhalten, dass ich als Synchronenthusiast es als sehr schade und sogar ein wenig schmerzlich empfand, nach langen Jahren nicht (mehr) Gibsons Stammsprecher Elmar Wepper genießen zu dürfen. Immerhin steht mit Martin Umbach ein hervorragender Ersatz parat, der zeigt, dass man sich hinsichtlich der deutschen Vertonung zumindest ein paar fruchtbare Gedanken gemacht hat.

8/10