TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

Werbeanzeigen

THE BEACH BUM

„You know what I like the most about being rich? You can just be horrible to people and they just have to take it.“

The Beach Bum ~ USA/F/UK/F/CH 2019
Directed By: Harmony Korine

Moondog (Matthew McConaughey) hat seine große Zeit als anerkannter Lyriker längst hinter sich. Nunmehr zitiert er gern eigene Werke oder die seiner literarischen Vorbilder. Ansonsten verbringt er seine Tage vornehmlich damit, das angenehme Klima der Florida Keys zu genießen, sich den lieben langen Tag dem Vollrausch infolge seiner ausgiebigen Multitoxikomanie hinzugeben und seiner reichen Frau Minnie (Isla Fisher), die Moondogs libertinen Lebensstil nicht nur toleriert, sondern in luxuriösem Umfang gewissermaßen selbst praktiziert, auf der Tasche zu liegen. Auch der dauerbekiffte Musiker Lingerie (Snoop Dogg) zählt zu Moondogs „Förderern“.
In der Nacht nach dem von Lingerie betreuten Hochzeitstag ihrer gemeinsamen Tochter Heather (Stefanie LaVie Owen) endet eine bedröhnte Autofahrt in Minnies Unfalltod. Für Moondog, der dieses Ereignis in seiner ihm ungetrübten Art überaus gefasst aufnimmt, bedeutet selbiges, dass er vorläufig von seiner Geldquelle abgeschnitten ist. Minnies Testament sieht nämlich vor, dass er zunächst seinen seit langem in Arbeit befindlichen Roman fertigstellen muss, bevor er über die Hälfte ihres beträchtlichen Vermögens verfügen darf. Dummerweise muss er sich zugleich der gerichtlichen Auflage stellen, ein Jahr in einer Entziehungsklinik zu verbringen. Den dortigen Aufenthalt bricht Moondog gemeinsam mit dem vor Ort kennengelernten Pothead Flicker (Zac Efron) jedoch umgehend wieder ab und entschließt sich, halbherzig als Frau getarnt, seine Ergüsse lieber wieder im altvertrauten Sozialumfeld zu Papier zu bringen.

Einige Jahre nach seinem vielgeliebten „Spring Breakers“ zelebriert Harmony Korine aufs Neue die Farbenvielfalt und Sonnenverwöhntheit Floridas, reduziert allerdings um die Crime-Elemente des Quasi-Vorgängers und damit auch um das letzte Quäntchen dort noch praktizierter, existentieller Beschwernis. „The Beach Bum“ um den fiktiven – ich nenne ihn mal sunshine poet – slackenden Autor Moondog transponiert gewissermaßen vielmehr den Habitus von Barbet Schroeders epochalem Bukowski-Film „Barfly“ weg von der West- an die Ostküste und heraus aus dem schummrigen Kneipenmilieu geradewegs an die gleißende Helle des Golfstroms. Auch, wenn Bukowski gewiss Vieles war, bloß kein hippieesker Dauergrinser, verbinden seine ehedem von Mickey Rourke interpretierte Filmpersona Henry Chinaski und McConaugheys Moondog doch eine Menge. Da wäre zum einen die grenzenlose Zufriedenheit mit sich selbst und natürlich dem gewählten Lebensweg, der sich aus unentwegtem Rausch, Sex, Hedonismus, schmutziger Poesie und einer tief verwurzelten Abneigung gegen das Establishment rekrutiert. Zudem gestattet ihr jeweiliger literarischer Bekanntheitsgrad ihnen eine durchaus zugewandte Öffentlichkeit.
Trotz der permanenten Zuführung vermeintlich ungesunder Rauschmittel ist der Neo-Bohèmien Moondog darüber hinaus so psychisch gesund, wie es sich viele einen angepassten Lebenswandel anheim gefallene Zeitgenossen bestenfalls wünschen würden; im höhnischen Wissen um die Tristesse der buckelnden Leistungsgesellschaft, aber ebenso auch darum, dass sie gewissermaßen erst seinen eigenen Müßiggang möglich macht, genießt der niemals auch nur in einen Anflug von Deprimiertheit verfallende Moondog lachend jede ihm vergönnte Minute zwischen Drogen, Drinks, Frauen und leicht von der Spur abgekommenen Gesinnungsgenossen.
Korine wählt zur Schilderung seiner „Abenteuer“ somit ein naheliegendes, vornehmlich episodisches Narrativ, das sich vor allem an Moondogs Freunden und Bekannten abarbeitet; eben seiner Frau Minnie, dem R’n’B- und Gras-König Lingerie, dem Nachwuchsslacker Flicker und später dem kriegsversehrten Delfinfreak Captain Wack (Martin Lawrence), der seine geliebten Meeressäuger allerdings nicht von Haien unterscheiden kann, oder einem von Lingeries Seniorpartnern (Domovan Williams), der ausschließlich Joints in Ofenrohrformat raucht und dabei Wasserflugzeuge fliegt.
Der Humor des Films ist dabei angenehm unbrachial und eher grotesken Situationen oder Moondogs oftmals unerhörten Frechheiten geschuldet. Zudem macht Korine aus Scriptwendungen, die erst dazu geschaffen sind, moralisierende Werke komplett zu tragen (wie eben Minnies Tod nebst testamentarischer Verfügung oder Moondogs Einweisung in den Drogenentzug), reine erzählerische Fußnoten, die bestenfalls als Stichwortgeber für den nächsten Exzess fungieren. Dieses dicke, fette, feist adressierte „Fuck it!“ an jedwede Moralinsäure, das wiederum den Kreis zu „Barfly“ schließt und zu Chinaskis damaliger, strikter Weigerung, Tresen und Hinterhof gegen den Goldenen Käfig einzutauschen, macht „The Beach Bum“ zu einer wohltuenden Ausnahmeerscheinung abseits der üblichen, pubertären stoner comedies.

8/10

DER GOLDENE HANDSCHUH

„Stinke bei dir bis nix mehr geht!“

Der Goldene Handschuh ~ D/F 2019
Directed By: Fatih Akin

Hamburg, die frühen siebziger Jahre. Der Junggeselle und Schwerstalkoholiker Fritz Honka (Jonas Dassler), genannt „Fiete“, führt ein armseliges Leben in der Elbstadt. Seine Existenz pendelt zwischen seiner miefigen Mansardenwohnung in Altona, kärglichen Aushilfsjobs und der Absturzkneipe „Der Goldene Handschuh“ auf St. Pauli. Honkas seit Kindheitstagen entstelltes Gesicht ist nicht der einzige Grund, warum die meisten Damen sich nicht mit ihm abgeben mögen. Lediglich die ganz unten Gestrandeten kann er mit einer Flasche Korn zu sich nach Hause locken. Nicht jede seiner Bekanntschaften überlebt diese Stelldicheins.

„Der Goldene Handschuh“ ist ein neuerlicher Beweis dafür, dass der Filmemacher und auteur Fatih Akin das deutsche Kino lebendig hält wie gegenwärtig nur wenige außer ihm. Der Romanvorlage von Heinz Strunk, mit der man Akins Adaption, ebenso wie jede andere Literaturverfilmung mit ihrem Ursprung, in Kenntnis beider zwangsläufig vergleicht, erweist das Werk nicht nur alle Ehre, gekonnt ergänzt, entschlackt, transponiert er sie. Die im Buch parallelisierte Geschichte des Patrizierenkels Wilhelm Heinrich von Dohren (Tristan Göbel) und dessen im Derangieren begriffene Familiendynastie reduziert das Script auf wenige Sequenzen, die, und darin liegt die einzige, kleine Schwäche des Films, letzten Endes ein reines Zugeständnis an die Kenner der Vorlage darstellen. Vielleicht hätte man Willi (oder WH3, wie Strunk ihn lakonisch abkürzt), schlichtweg komplett streichen sollen. Immerhin fungiert Willis Angebete Petra (Greta Sophie Schmidt) für den Rezipienten gewissermaßen als „Agentin der Normalität“ sowie gewissermaßen als personifizierte narrative Klammer, die auch für den Film-Honka zu einer Art Leitfigur wird.
Doch das sind Marginalitäten. In zweierlei weiterer Hinsicht entwickelt „Der goldene Handschuh“ jeweils außerordentliche Meisterschaft. Da wäre zum einen die kongeniale, bald dokumentarisch anmutende Porträtierung der bundesdeutschen Alkoholiker- und Kneipenszene der Ära Honka, für die der titelgebende „Goldene Handschuh“ letzten Endes einen Repräsentativstatus einnimmt. Heruntergekommene und in all ihrer Widerborstigkeit irgendwie doch stolze Spelunken wie diese gab und gibt es in jeder Stadt; Horte der Einsamen, Gestrandeten, Desillusionierten, Rentner, Verarmten, Gestörten, die hier ihren schalen und ironischerweise immens kontraproduktiven Ersatz für fehlende Zwischenmenschlichkeit suchen. Doch auch den filzigen Charme dieser Zeit macht Akin greifbar; die Jukebox spielt Bata Illic, Freddy Quinn und Michael Holm; Honkas auf Dauerrotation gedudeltes Lieblingsstück ist von Adamo. Die besoffenen, verbrauchten Huren heulen, wenn Heintje seine Mama bekniet, sie solle nicht weinen. Inmitten dieser seelischen Massenkarambolagen wirken selbst Honkas Bluttaten kaum mehr sonderlich exotisch. Womit der andere, große, natürlich offensichtlichste Komplex des Films bei der Hand wäre – das Psychogramm eines Serienmörders. Dieses erschließt sich im Falle Honka selbst für den Laien sehr rasch. Zeitlebens erfahrene Ablehnung und Gewalt sowie die ewige Vorenthaltung von Liebe und Zärtlichkeit entladen sich schließlich in akuter Misogynie sowie in einer grotesk gestörten Sexualität, die in Kombination mit Alkoholmissbrauch zuweilen in tödliche Raserei umschlägt. Die spätere Entsorgung der Leichen geschieht ebenso mechanisch wie unsinnig; Honka versteckt die Körperteile in einem unzureichend getarnten Hohlraum hinter der Wand. Aus dem Blick, aus dem Sinn. Wie in den meisten großen Serienkiller-Filmen scheint sich jedoch auch für Honka irgendwann kurzzeitig so etwas wie ein erlösendes Moment einzustellen. Nach einem Unfall und daran anschließender, erfolgreicher Selbstentgiftung erlangt er einen halbwegs stabilen Job als Nachtwächter und findet in dem Ehepaar Denningsen (Katja Studt, n.n.) so etwas wie oberflächliche Freunde. Doch der Schnaps kommt ihm wieder in die Quere und damit auch die Entgleisungen.
„Der goldene Handschuh“ hält insbesondere durch seine absolut zwingende, gradlinige Perspektivierung beinahe mühelos mit den großen amerikanischen Serienkiller-Klassikern von „The Boston Strangler“ bis „Henry: Portrait Of A Serial Killer“ Schritt und versetzt sie immer wieder mit dem lakonischen Säufergestus eines „Barfly“, wenn auch freilich ohne dessen liebenswerten Anarchoexistenzialismus. Damit wird er zu einem ungeheuer intensiven und auf heimischem Kinoacker einzigartigen Gewächs, einem instant classic gar, der neben „Gegen die Wand“ Fatih Akins bisheriges Werk krönt.

10/10

GEGEN DIE WAND

„Keinen Stress machen drinne, ja?“

Gegen die Wand ~ D/TR 2004
Directed By: Fatih Akin

Cahit (Birol Ünel) ist Deutschtürke, 40 und Alkoholiker. Mit seiner türkischen Identität hat er gebrochen und verkehrt stattdessen lieber in der autonomen Szene Altonas. Als er mit dem Wagen frontal und ungebremst gegen eine Wand rauscht, landet er in der Psychiatrie. Dort lernt er die ebenfalls suizidale Sibel (Sibel Kekilli) kennen, die unbedingt der Zwingburg ihrer Familie entkommen will und Cahit bittet, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Nach erstem Unverständnis geht Cahit schließlich auf den Vorschlag ein, ohne realisieren zu können, dass er sich tatsächlich in Sibel verliebt hat. Unfähig, sie zu halten, geschweige denn eine funktionale Beziehungsbasis mit ihr errichten zu können, erschlägt Cahit eines Abends im eifersüchtigen Affekt einen von Sibels Liebhabern und geht dafür ins Gefängnis. Sibel reist in die Türkei, arbeitet dort und verfällt in Depressionen und alte Verhaltensmuster. Nachdem Cahit entlassen wird und Sibel, die mittlerweile Mutter einer kleinen Tochter ist, in Istanbul besucht, scheitert ein letzter Versuch, sich nochmal mit ihr zusammzuraufen. Beide gehen endgültig getrennte Wege.

„I Feel You“: Ein schmerzhaftes, tieftrauriges, packendes und abgründiges Meisterwerk ist Fatih Akin da geglückt, bewundernswert vor allem seines hellsichtigen, übergreifenden Facettenreichtums und seiner strengen, an der griechischen Tragödie orientierten Form wegen.
„Gegen die Wand“ ist durchzogen von etlichen Themenkomplexen, die den Filmemacher als Deutschtürken und „Wanderer zwischen den Kulturen“, der von beiden reichlich gekostet hat, bewegen: Zum Ersten wäre da die Divergenz und Unvereinbarkeit des türkischen Konservativismus, der in Deutschland, in Hamburg, auf pralle westliche Urbanität trifft und die, die in die entsprechenden Felsspalten rutschen, gnadenlos zermalmt. Für Cahit ist „das Türkische“ in ihm gerade noch durch die Beherrschung der Sprache existent. Ansonsten ist er das, was man landläufig als alternden Punk bezeichnen möchte: Zynisch, verlottert, versoffen, immer kurz vorm Boden und psychisch schwer gezeichnet von den schmerzlichen Erfahrungen einer ersten, tief in ihm vergrabenen Ehe. Sibel hingegen besitzt eine prototypische Borderline-Persönlichkeit: Sie verwechselt Freiheit und Glück mit Promiskuität und durchfeierten Nächten und wenn ihr etwas gegen den Strich geht, schneidet sie sich gewohnheitsmäßig die Pulsadern auf. Den einzigen Weg, sich die ersehnte Unabhängigkeit zu verschaffen, wähnt sie ausgerechnet in der Scheinehe mit dem überrumpelten Cahit. Diese beiden schwer fragilen und im Prinzip bereits zertrümmerten Seelen finden und fangen sich in einer hochtoxischen Beziehung, die sich wegen des Unverständnisses und der Verblendung von Sibels Familie dann auch umgehend legalisieren lässt, freilich, ohne dass einer der beiden Teilnehmer auch nur im Mindesten der auf sie wartenden Aufgabe gewachsen ist. Wechselseitig fügen sie sich immer tiefere psychische Wunden zu, bis jede/r von ihnen seinen ganz persönlichen Supergau erlebt – Cahit landet wegen seiner ungebremsten Wut im Knast, Sibel führt bewusst eine Vergewaltigung mit beinahe erfolgreichem Totschlag herbei. Gewissermaßen erfahren die Zwei dadurch eine lang ersehnte Form der Läuterung und zumindest Sibel auch das nötige Maß an Mündigkeit und Vernunft, Cahit endgültig zu ent- und einer tradierten, für sie jedoch einzig möglichen Form der Existenz zuzusagen, auch, um künftig für ihr Kind da sein zu können. Ob es auch für ihn noch eine Art von Erlösung geben kann, lässt der Film offen.

10/10

SAVING MR. BANKS

„I can’t abide cartoons!“

Saving Mr. Banks ~ USA/UK/AUS 2013
Directed By: John Lee Hancock

London, 1961. P.L. Travers (Emma Thompson), die Autorin und Schöpferin der legendären Kinderbuch-Nanny Mary Poppins wird bereits seit zwei Jahrzehnten von dem Studiomogul Walt Disney (Tom Hanks) um die Verfilmungsrechte an ihrer Figur angefleht. Nun, da die persönlichen Finanzen trüber werden, steht P.L. überaus widerwillig vorm Einknicken – allerdings lediglich unter für Disneys Produktionsstil nahezu untragbaren Bedingungen. Weder ein Musical solle „Mary Poppins“ werden, noch dürfe er Trickfilmsequenzen enthalten, insistiert die widerborstige Travers gleich bei ihrer Ankunft in Kalifornien. Die Reise in den staubigen Golden State bildet für sie indes zugleich eine Reise in ihre frühe Kindheit und somit in jene Tage, als sie (Annie Rose Buckley), damals noch in Australien lebend, ihren über alles geliebten Vater (Colin Farrell) an dessen zerstörerische Alkoholsucht verlieren musste. Derweil müht sich Disney, seine Interessen, die natürlich völlig konträr zu denen von Travers stehen, sukzessive durchzusetzen – um am Ende vermeintlich zu scheitern. Erst als er um P.L. Travers‘ wahre Biographie erfährt und somit auch die psychologischen Aufarbeitungstendenzen ihrer Poppins-Geschichten durchschaut, verfügt er über das nötige Rüstzeug, um sie doch noch umzustimmen.

„Saving Mr. Banks“ – natürlich, wie könnte es auch anders sein – eine Disney-Produktion, hat mich zu bitterlichem Weinen gebracht. Am Ende habe ich mich gemeinsam mit Emma Thompson durch die gesamte Film-im-Film-„Mary Poppins“-Premiere im Grauman’s Chinese Theatre geheult. Der Grund dafür ist einfach: Wie P.L. Travers als kleines Mädchen habe ich, allerdings als Jugendlicher, bei lebensunweiser Naivität völlig zwecklos gegen die übermächtige Abhängigkeit und den zermürbend langsamen, psychischen und körperlichen Zerfall meines Vaters angekämpft, nur, um wie sie am Ende kläglich zu verlieren. Travers Motivlage, so, wie der Film sie darstellt, ist somit ein offenes Buch für mich und noch viel darüber hinaus. Vor allem die als lichtdurchflutete und doch so dramatische Rückblenden eingestreuten Kindheitssequenzen mit der sensationellen Nachwuchsdarstellerin Annie Rose Buckley gingen mir immens zu Herzen und holten mich selbst zurück in Zeiten, die mich viel Unsicherheit und Schmerz gekostet haben. Dass sich in dem Film sehr viel offensiver noch die Geschichte einer Kreativprostitution verbirgt, macht ihn dann doch noch etwas zwiespältig, wobei ich mir erlaube, der Erzählung durchaus Ironie zu unterstellen. „Poor A.A. Milne“ sagt P.L. Travers einmal, als sie einen überlebensgroße Stofffigur von Disneys Bären Pu erblickt und subsummiert damit das ganze Disney-Dilemma des Weichspülens und der Klebrigkeit. Die geschäftliche Verhandlung mit Disney bedeutet, umgeben zu sein von aufdringlichem Kitsch – von Mickymäusen und Donaldducks, von Wackelpudding in lustigen Formen und Unmengen von Süßigkeiten mit extra Zuckerguss; er bedeutet einen Zwangsbesuch in Disneyland, etliches an Indoktrination, Überredungskunst und schließlich die erschöpfte Kapitulation, als Disney mit seinem letzten Überzeugungsschachzug ein Waffenstrecken forciert. Freilich lässt „Saving Mr. Banks“ P.L. Travers am Ende nicht als Verliererin dastehen – im Gegenteil versichert er selbstsicher, dass sie letztlich die richtige Entscheidung getroffen habe, indem sie Disney habe machen lassen. Dennoch versäumt er es bei aller erwartungsgemäß positiven Charakterisierung des alternden Tycoons nicht, regelmäßig zumindest sanftironisch konnotierte Zweifel zu säen. Darin liegt dann doch wieder ein schöner Verdienst dieses auch sonst wirklich schönen Films.

8/10

QUE DIOS NOS PERDONE

Zitat entfällt.

Que Dios Nos Perdone (Die Morde von Madrid) ~ E 2016
Directed By: Rodrigo Sorogoyen

Im heißen Sommer 2011 erwartet ganz Madrid den Besuch von Papst Benedikt XVI., derweil ein geisteskranker Serienmörder, der es auf ältere Damen abgesehen hat, die Stadt unsicher macht. Für die beiden ungleichen Ermittler Velarde (Antonio de la Torre) und Alfaro (Roberto Álamo) ein Fall, der sie beide auf jeweils ganz furchtbare Weise ihren ureigenen inneren Dämonen zuführen wird…

Zwar bilden die Mörderhatz, das Profiling, die allmählich fortschreitende Identifizierung und die haarscharfen Habhaftwerdungen rund um den von einem sich auf tödliche Weise sublimierenden Mutterkomplex gebeutelten Killer (Javier Pereira) und dessen Untaten das narrative Rückgrat dieses hervorragenden Films, entpuppen sich im weiteren Verlauf der Ereignisse jedoch als Reflexionsfläche für die sich ebenfalls zunehmend abgründig präsentierenden Polizei-Kommissare. Velarde stottert, hat stark autistische Züge und lebt nahezu völlig isoliert, unfähig, eine zwischenmenschliche Beziehung, sei sie freundschaftlicher oder romantischer Natur, zu pflegen. Der zwischenzeitliche, zarte und vor allem aufrichtige Annäherungsversuch einer Hausangestellten (María Ballesteros) endet zunächst entsprechend katastrophal. Alfaro hat derweil ein gewaltiges Problem mit seiner latenten Aggressivität und seiner oftmals ins Cholerische abgleitenden Unbeherrschtheit, die nicht bloß ein vorlauter Kollege (Luis Zahera) unmittelbar zu spüren bekommt. Als er herausbekommt, dass seine Frau ihn betrügt, beginnt er haltlos zu saufen und verliert jedweden Boden unter den Füßen.
Es ist dieser Mut, seine vermeintlichen Helden als im Fallen begriffen zu zeigen, die „Que Dios Nos Perdone“ zu etwas Besonderem innerhalb des jüngeren Polizeifilms macht. Freilich, zur Genreapodiktik gehört seit jeher, den oder die Protagonistin als in einer oder mehrerlei Hinsicht fragil, rissig, angreifbar darzustellen, sei es durch allzuviel Diensteifer, Drogen- oder Trunksucht, Einsamkeit, eine entfleuchte Partnerin oder ähnliche psychische Fallstricke. Selten jedoch ließ sich das menschliche Versagen der eigentlich doch als Helden genutzten Polizisten derart schmerzhaft und involvierend an, wofür primär wohl Sorogoyens höchst empathischer, dichter Inszenierungsstil verantwortlich zu machen ist.
Man sollte insofern nicht den Fehler begehen, einen straighten, traditionsaffinen Polizeikrimi zu erwarten; etwas, was ich einigen Kurzberichten zu „Que Dios Nos Perdonne“ entnehmen konnte, die häufig „unnötige Längen“ monierten oder sich darüber enttäuscht zeigten, dass es dem Film an Spannung oder Suspense (gemeint ist wohl eher: Zugkraft) fehle. Eine meines Erachtens stark ins Leere laufende Einschätzung, da Sorogoyen einen solchen (ordinär gestalteten) Film gewiss gerade nicht im Sinne gehabt haben wird.

8/10

THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10